Woche 37/2026: Man muss es sich schön machen

Montag: Zurück in der rauhen* Wirklichkeit des Erwerbslebens, wobei der erste Nachurlaubstag erträglich war. Im Maileingang eine gemeinsame Nachricht einer Kollegin und eines Kollegen aus Herford, mit Bild der beiden. Darin gratulieren sie mir (und sich selbst) zum vierzigjährigen Dienstjubiläum, wir fingen zusammen am 1. September 1986 an und sind die letzten Verbliebenen unseres Jahrgangs, die noch diesem Unternehmen angehören.

*Ich weiß, nach gültiger Rechtschreibung schreibt man „rauen“. Wie schon früher dargelegt, erscheint es mir unvollständig ohne h. Aus ähnlichen Gründen schreibe ich weiterhin „Phantasie“.

Ansonsten fand ich manche Gewerke, die ich vor dem Urlaub zurückließ, weiterhin unerledigt vor, wobei in den zwei Wochen nichts angebrannt ist, wie manche es auszudrücken pflegen. Vielmehr haben sich andere Kollegen der Themen angenommen, was die nicht neue und beruhigende Erkenntnis bestätigt: Jeder ist ersetzbar. Aus Zeitgründen schaffte ich es nach dem Mittagessen nicht, in den Pressespiegel zu schauen, wie mir erst jetzt anlässlich der Tagesnotiz auffällt. Ich werde wohl nichts verpasst haben.

Am frühen Abend zog ein kleines Gewitter westlich vorüber. Die häusliche Stimmung ist unterdessen unbewölkt.

Dienstag: Ebenfalls nicht neu die Erkenntnis am Morgen im Bad, nur bislang (mutmaßlich, ich habe diesbezüglich keinen genauen Überblick mehr, manchmal staune ich beim Lesen älterer Beiträge, was schon alles notiert ist ) noch nicht aufgeschrieben: Die Radiosender Nostagi in Frankreich und WDR 4 haben eine größere musikalische Schnittmenge.

Man muss sich auch den Alltag möglichst schön machen. Dazu gehört für mich, zweimal die Woche zu Fuß zum Büro und zurück zu gehen, was in Zeiten der gesperrten bzw. im Abbruch befindlichen Nordbrücke und weiterhin stillstehender Stadtbahnwagen in Bonn ohnehin die derzeit sinnvollste Art der Fortbewegung ist.

Auch das schrieb ich vermutlich schon – Nach dem Urlaub ist vor dem Urlaub: Unser Haus für den nächsten Aufenthalt in Malaucène ist reserviert. Es ist immer schön, wenn man sich auf etwas hinfreuen kann, und wenn es erst in einem Jahr ist.

Auf dem Rückweg hielt ich Einkehr am Rheinpavillon. Man muss es sich schön machen. Bei Bedarf mit etwas Alkohol.

Morgens – bitte nehmen Sie die leuchtenden Fenster des Hotels rechts mit demselben Entzücken zur Kenntnis wie ich
Nachmittags

Mittwoch: Bekanntlich wird eine Behauptung durch ständige Wiederholung nicht wahrer, auch wenn mancher Präsident das glaubt. Ebenso verliert so manche Tatsache dadurch nicht an Wahrheit, wie heute wieder ein während der Rückfahrt vom Werk entgegenkommender Radfahrer bestätigte: Die einfachste und effizienteste Methode, einen gutaussehenden Mann zu entstellen, ist ein Schnauzbart.

Spontaner Gedanke, woher auch immer er kam; manchmal kommen sie einfach und verschwinden schnell wieder, wenn sie nicht sofort notiert werden wie dieser: Ehrgeiz ist ein seltsames Wort, jedenfalls in Bezug auf seine Bedeutung. Gleiches gilt für Eifersucht.

Donnerstag: Ein neues Lokal am Friedenplatz bietet Loaded Kaiserschmarrn an. Ich werde es wohl in absehbarer Zeit nicht aufsuchen.

Gehört in einer Besprechung: „Du musst aufpassen, dass du sie nicht lost lässt.“

Nachmittags sah ich im Empfangsbereich einer Arztpraxis ein kleines Plakat, darauf Snoopy und Charly Brown von hinten. Es schien dort schon etwas länger zu hängen, denn das darauf besprochene Thema ist längst nicht mehr Gegenstand allgemeinen Interesses, gleichwohl ließe sich der kleine Dialog auf zahlreiche andere Themen übertragen. Sprechblase über Snoopy: „Die beste Waffe gegen Corona ist gesunder Menschenverstand.“ Antwort Charly: „Oh je, wir sind verloren. Die meisten sind unbewaffnet.“

Freitag: Dann war die erste Arbeitswoche nach dem Urlaub schon wieder vorbei, sie zog sich nicht mehr als eine Urlaubswoche. Was wiederum verdeutlicht, wie schnell die Zeit vergeht.

Erkennbar wird das auch daran: Heute ist der elfte Neunte, oder Neinilewen, wie modern wirken wollende Menschen sagen. Vor fünfundzwanzig Jahren ereigneten sich die spektakulären Anschläge in Amerika mit den Einstürzen der beiden Bürotürme als grausiges Finale; vielfach wieder der Satz zu hören und lesen, wohl jeder könne sich noch erinnern, wo er gerade war, als er die Nachricht vernahm. Trotz allem Grauen und Leid, das diesem Tag innewohnte, bin ich auch heute noch fasziniert von der organisatorischen Meisterleistung der Täter: von der Idee über die Planung bis hin zur Ausführung. Missverstehen Sie mich bitte nicht, selbstverständlich war und bin ich darüber genauso entsetzt wie Sie. Man kann auch missbilligend fasziniert sein. Im Übrigen weiß auch ich, was ich an diesem Tag gemacht habe: Ich besichtigte nachmittags eine Wohnung in der Weststadt, in die wir wenig später einzogen.

Zurück im profanen Alltag: Ein Kollege bescheinigte den Mitarbeitern eines Dienstleisters „junioriges Denken“, was ich mir merken muss; das lässt sich bestimmt hier und da anbringen.

Ansonsten gehört: „Das ist so semi-geil“. Muss ich mir nicht unbedingt merken.

Nachmittags sah ich erstmals wieder zwei Stadbahnwagen des zurzeit stillstehenden Bautyps über die Kennedybrücke fahren. Das lässt hoffen, dass bald weitere folgen.

Samstag: Nach einem insgesamt angenehmen Tag, an dem mir nichts ein- oder aufgefallen war, das hier zu notieren wäre, fuhren wir abends auf Pützchens Markt, der Großkirmes auf der anderen Rheinseite. Nicht, weil wir uns nach Lärm und Menschenmassen sehnten, sondern weil wir Bier-Freimarken von der Bonner Ehrengarde hatten, die wir nicht verfallen lassen wollten, weil das womöglich Unglück bringt, und das will keiner.

Wo wir schon mal dort waren, kämpften wir uns durch bis zum Riesenrad und fuhren damit. Von oben erhielten wir einen guten Überblick über das bunte Markttreiben und die teils irrsinnigen Fahrgeschäfte, wo man in hoher Geschwindigkeit in alle vertikalen wie horizontalen Richtungen geschleudert wird und hinterher womöglich nicht mehr seine eigene Geschlechtszugehörigkeit weiß. Da lobe ich mir die gemächlichen Rotationen des Riesenrades, auf und nieder immer wieder, bis man wieder wohlbehalten aussteigt.

Anschließend, vielleicht noch im Höhenrausch, gelüstete es mich nach einer Fahrt im Aeronaut, eine Art großes Kettenkarussell, bei dem die rotierenden Sitze bis zur Spitze eines hohen Mastes gefahren werden. Wie hoch, weiß ich nicht in Metern, jedenfalls höher als das Riesenrad. Da meine Lieben es bevorzugten, stattdessen Bier zu trinken, stellte ich mich allein in die Warteschlange, nachdem ich das Ticket erworben hatte. Hierfür machte ich eine Ausnahme vom Grundsatz, nichts ohne Notwendigkeit zu tun, für das ich längere Zeit in einer Schlange stehen muss; in der Tat war das Verhältnis zwischen Warten und Fahren ungünstig. Jedenfalls hat es sich gelohnt und mit beglücktem Grinsen kehrte ich anschließend auf den Boden und zu den Lieben zurück.

Äußerst beglückend auch die Ruhe, als wir wieder zu Hause waren und den Abend mit Rosé auf dem Balkon abschlossen.

..

Sonntag: Seit dem Vormittag regnete es, deshalb erfolgten Frühstück und anschließende Lektüre der Sonntagszeitung auf dem Balkon unter der Markise, das war sehr gemütlich. Weniger gemütlich und noch weniger erheiternd die Themen in der Zeitung: Erstarken der AfD, Gefährdung der Stromversorgung durch Anschläge, Klimawandel sowieso, Warnung der KI-Produzenten vor ihrem eigenen Produkt, das schon sehr bald die Weltherrschaft übernehmen könnte.

Regen war kein hinreichender Grund, auf einen Spaziergang zu verzichten. In der Südstadt lächelten mir zwei Flaneurinnen zu, in wortlosem Einvernehmen bestätigten wir uns gegenseitig die Richtigkeit und Notwendigkeit unseres Tuns. Dass ich trotz großem Regenschirm anschließend mit nassen Hosenbeinen heimkehrte, nahm ich gerne in Kauf.

Balkonblick
Südstadt

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche.

18:00

Woche 36/2026: Auch für Schuppenflügler werden die Zeiten nicht besser

Montag: Die zweite und letzte Urlaubswoche begann mit einer Wanderung. Zwar war es dafür bei knapp dreißig Grad zu warm, doch da ich diese Wanderung unbedingt machen wollte und die Wettervorhersage für die verbleibende Zeit, die wir noch hier sind, keine kühleren Tage in Aussicht stellte, entschied ich, heute sollte Wandertag sein. Und also wanderte ich ab unserem Haus in östliche Richtung über den Berg bis Sainte-Marguerite, ab da den nächsten Berg hoch, den Hang entlang oberhalb von Les Valettes, durch eine landschaftlich beeindruckende Hochebene, schließlich der Abstieg bis Saint-Sébastien, zurück durch die Felder.

Erstaunlich die Komoot-Klassifizierung der Tour als „Moderat“. Sie weist erhebliche, lange Steigungen auf und auf der zweiten Hälfte ab Sainte-Marguerite grobsteinige Kraxel-Abschnitte mit Abrutsch- und Stolpergefahr, man muss vor allem bergab sehr aufpassen, der Gebrauch von Wanderstöcken ist dringend zu empfehlen. Es gibt nur wenige bequem zu gehende, halbwegs neigungsarme Strecken. Dafür bietet die Tour wunderbare Fernblicke unter anderem auf die Dentelles de Montmirail und den Mont Ventoux. Fazit: In dieser Form werde ich die Wanderung wohl nicht wiederholen, jedenfalls nicht die zweite Hälfte, die bis zum letzten Meter des Abstiegs anstrengend war; ständig aufpassen zu müssen, keinen falschen Schritt zu tun, trübte die Wanderlust ein wenig.

Erschwerend hinzu kamen Wärme und Sonnenglut, zum einen beim ersten Aufstieg, wo schattige Abschnitte die Ausnahme waren, zum anderen auf dem Rückweg durch die Felder. Aber das war meine eigene Schuld, ich musste ja heute unbedingt wandern. Nach einem Brausebad und dem ersten kühlen Getränk im Schatten vor dem Haus war ich wieder mit der Welt und der Sonne versöhnt.

Praktisch – neben den Wanderstöcken, ohne die ich nicht unversehrt zurückgekehrt wäre – war die Kopplung der Komoot-App mit den Hörgeräten. So wurde mir die Navigation direkt ins Ohr gesprochen. Nur einmal zeigte sich Frau K. unaufmerksam und ließ mich zunächst an einer Abzweigung vorbeigehen, um mir etwa hundert Meter später mitzuteilen, ich befände mich nicht mehr auf der Route. Beim zweiten Verläufer war es meine Schuld, weil ich in den vor mir liegenden Felsen zunächst den Pfad nicht erkannt hatte und eigenmächtig abgebogen war.

Während ich an der Chapelle Sainte-Marguerite vorbeiging, formulierte ich gedanklich eine Religionskritik, um sie später zu notieren. Wie mir der WordPress-Rückblick später zeigte, habe ich die längst aufgeschrieben, bereits vor sechs Jahren: „Die Menschheit ist in der Lage, Raumsonden auf Asteroiden zu landen, Atome zu spalten und Gene zu manipulieren; irgendwann wird vielleicht gar das Sitzplatznumerierungssystem der Bahn entschlüsselt sein. Gleichzeitig streiten sich erwachsene, gebildete Menschen darüber, ob sich ein kleines Plättchen trockenen Mehlgebäcks in den Leib Christi verwandelt, und durch wen.“

Statt zu wandern zog der Liebste es vor, währenddessen in Carpentras einen Supermarkt zu besichtigen. Eine bewährte Zutat aus dem Rezeptbuch für gelingende Partnerschaften: Jeder darf auch seins machen.

Fernblick auf die Dentelles de Montmirail und über Malaucène
Moderate Wegführung
Gruß nach Augsburg – hier wesentlich kleinblättriger als in rheinischen Gefilden
Hochebene
Suchbild mit Mont-Ventoux-Gipfel

Dienstag: Erster September, meteorologisch beginnt meine mittlerweile liebste Jahreszeit, auch wenn hier in der Provence davon noch nicht viel zu spüren ist, die Sonne wärmt weiterhin vom wolkenlosen Himmel, die Bäume sind grün.

Heute vor vierzig Jahren Jahren war mein erster Arbeitstag. Der war nicht sehr lang, im Wesentlichen bestand er darin, in der Personalstelle bei verschiedenen Sachbearbeitern zahlreiche Formulare und Erklärungen zu unterschreiben. Höhepunkt des Tages war der zu leistende Amtseid, ich weiß nicht mehr genau, ob ihn der Stellenvorsteher der Personalstelle oder der Amtsvorsteher persönlich abnahm. Auch an den genauen Wortlaut erinnere ich mich nicht mehr, „in guten wie in schlechten Zeiten“ kam wohl nicht darin vor. Wohl aber optional die Schlussformel „so wahr mir Gott helfe“, worauf ich schon damals aus den gestern dargelegten Gründen verzichtete. Schließlich fuhr ich stolz mit einer Urkunde in der Tasche nach Hause, die mich als Beamtenanwärter des mittleren nichttechnischen Dienstes auswies.

Diesem Arbeitgeber, zwischenzeitlich von der Behörde zur Aktiengesellschaft gewandelt, verkaufe ich noch heute einen Teil meiner Zeit, und das überwiegend ganz gerne, stets im Bewusstsein, dass uns ein Arbeitsverhältnis verbindet und keine Liebesbeziehung. Karrieremäßig habe ich alles erreicht, was ich erreichen wollte und was vielleicht mehr ist, als ich vor vierzig Jahren erwartet und angestrebt hätte. Wenn sich an den Rahmenbedingungen nichts ändert, sehe ich den verbleibenden Jahren bis zum Ruhestand optimistisch entgegen.

Aus einem Artikel bei Spiegel Online über die Nosferatu-Spinne – es wird immer bekloppter:

Vorher
Nachher

Ansonsten verbrachten wir den Tag mit etwas Liegestuhlzeit und einer Fahrt nach Nyons, um bestellte Oliven für der Bonner Lieblingsrestaurant zu kaufen. Abends folgten wir einer Einladung zum Grillen mit der Bonner Nachbarin und Freundinnen, die derzeit unten im Ort weilen.

Mittwoch: Geträumt: Ich befand mich irgendwo zusammen mit vielen anderen Menschen, vielleicht auf einer Party, einem Konzert oder in einer Großgastronomie. Als ein bekanntes Lied gespielt wurde (das mir inzwischen entfallen ist) fingen alle um mich herum an, im Takt der Musik die rechte Handkante gegen den linken Handteller zu schlagen und ich dachte: Aus welchem Film, den ich als mutmaßlich einziger nicht gesehen habe, ist das nun wieder?

Im übrigen übe ich mich heute nach zwei wortreichen Vortagen in vornehmer Kurzfassung. Nach einem kurzen Besuch des Wochenmarktes, wo es viel zu warm war zum längeren Verweilen, verbrachten wir nach mühsamem Rückweg durch sengende Sonne den Tag aufs Angenehmste am Haus in überwiegend sitzender Position. Nachmittags begab ich mich zur Abkühlung in die Piscine, wo ich einen Schmetterling insgesamt dreimal aus dem Wasser rettete, weil er, sobald die Flugfähigkeit wieder hergestellt war, immer wieder hineinflog. Vielleicht war er lebensmüde, auch für Schuppenflügler werden die Zeiten nicht besser. Vielleicht war ihm auch nur warm.

Dann war auch schon die Blaue Stunde.

..

Donnerstag: An diesem vorletzten Urlaubstag brachten wir die Fahrräder zurück nach Vaison-la-Romaine. Das verbanden wir mit einer letzten Radtour über Le Barroux, Beaumes-de-Venise, Vacqueyras, Gigondas, Sablet und Séguret. Für letzteres gilt ebenfalls, was ich vergangene Woche schon über Brantes und Montbrun-les-Baines schrieb: Es ist sehr postkartenmotivtauglich an einen Berghang gebaut.

Dentelles de Montmirail
Séguret

Bonetti schrieb:

Meine Großeltern erlebten die Weltwirtschaftskrise und den Zweiten Weltkrieg. Aber auch die heutige Jugend steht vor großen Herausforderungen: Laktoseintoleranz und Nussallergie.

Freitag: Über dem letzten Urlaubstag liegt stets eine gewisse Melancholie, so auch heute. Zum letzten Mal Frühstück vor dem Haus, morgen früh werden wir ungefrühstückt abreisen. Alles, was heute nicht aufgebraucht ist oder mitgenommen werden soll, landet im Müll statt im Kühlschrank. Zum letzten Mal Liegestuhllesen im Garten mit Ausblick auf die Berge im Norden und das Dorf Crestet am Hang, während alle halbe Stunde der Glockenschlag des Uhrenturms unten in Malaucène leise zu vernehmen ist.

Der letzte Spaziergang zur Müll- und Glassammelstelle war nicht sehr vergnüglich, weil es nochmal sehr heiß geworden ist und in den nächsten Tagen bleiben soll, was den Abschiedsschmerz ein wenig lindert. Die letzte Schwimmrunde in der Piscine, der lebensmüde Falter von Mittwoch, ein Magerrasen-Perlmuttfalter, wie das Netz weiß, badete auch schon wieder; ab morgen muss er sehen, wer ihn rettet. Nachmittags wurden die Koffer gepackt und die meisten Sachen ins Auto verstaut, auf dass wir morgen zeitig aufbrechen können. Dieser schwebende Zustand zwischen nicht mehr richtig hier und noch nicht weg. Abends zum letzten Mal runter in den Ort zum Pizzaessen.

Letztmals Liegestuhlperspektive

Samstag: Gegen halb neun fuhren wir mit dem üblichen Bedauern ab und kamen nach stau- und ereignisarmer Fahrt zehn Stunden später in Bonn an. Die Temperaturen sind hier deutlich gemäßigter: Erstmals nach zwei Wochen trug ich wieder lange Hosen, in der Stadt waren abends zahlreiche Menschen in Jacken zu sehen, für das Abendessen beim spanischen Restaurant bevorzugten wir einen Tisch drinnen.

Wäre ich noch Schüler und der Lehrer diktierte mir ins Aufgabenheft, mein schönstes Ferienerlebnis aufzuschreiben (ich weiß nicht, ob Schüler heute überhaupt noch Aufsätze schreiben oder ob sich das durch die sogenannte künstliche Intelligenz erledigt hat), so fiele mir das schwer. Es gab viele schöne Momente: die Stunden im Liegestuhl, die Radtouren, der erste Kaffee nach Decken des Frühstückstisches, ehe der Liebste mit frischem Baguette aus dem Ort zurück kam, die Abende vor dem Haus, nachdem die Hitze mit der Sonne hinter dem Berg gegenüber verschwunden war und wir der Welt bei Rosé und Kerzenschein beim Dunkelwerden zuschauten, während über uns in niedriger Höhe die Fledermäuse hinweg sausten. Manchen mag diese Art von Urlaub fad erscheinen, für mich ist sie nahezu perfekt. Ich benötige keine spektakulären Abenteuer, mit denen ich mittags in der Kantine die Kollegen beeindrucken kann. In einem Jahr sind wir voraussichtlich wieder dort, wenn nichts dazwischen kommt. Menschen mit Talent zum Pessimismus mag da einiges einfallen.

Gedanke: Wenn sich dieser Urlaub ohne Rücksicht auf berufliche und sonstige Pflichten beliebig verlängern ließe oder aufgrund eines Defekts im Raum-Zeit-Gefüge nicht enden würde, wie lange würde es dauern, bis es langweilig wird und ich zurück nach Bonn möchte? Oder würde dieser Wunsch nie eintreten?

Sonntag: Nach womöglich etwas zu ausführlichem Begießen der Wiedersehensfreude mit dem Geliebten erwachte ich mit einem gewissen Todeswunsch. Überhaupt finde ich, der Sonntagmorgen nach einem Urlaub ist der ideale Zeitpunkt zum sterben. Da das Universum oder die für derlei zuständige Instanz diese Meinung offenbar nicht teilt, frühstückten wir recht spät beim Restaurant in der Innenstadt, wo ich mich freiwillig in die Sonne setzte, weil es im Schatten ungewohnt kühl war.

Anschließend las ich auf dem Balkon, weiterhin an der Gänsehautgrenze, die Sonntagszeitung. Darin ein interessantes Interview mit einer Psychologin, die empfiehlt, man möge sich eine „innere Oma“ (bzw. als männliche Person einen inneren Opa) zulegen, die man bei anstehenden Entscheidungen befragen kann. Also nicht: Was würde meine Oma dazu sagen?, sondern was mein Ich im hohen Alter raten würde. Ein interessanter Gedanke. Zur Verbildlichung möge man sich ein Foto von sich selbst im entsprechenden Alter erstellen lassen. Ich habe ChatGBT dazu beauftragt, das Ergebnis finde ich schmeichelhaft:

Mein innerer Opa

Zu einem Sonntag gehört ein Spaziergang am Nachmittag. Dieser führte durch die Nordstadt an den Rhein mit Visite des Biergartens. Ein Vorteil, wieder hier zu sein ist, ich kann wieder vollumfänglich ohne Sprachbarriere kommunizieren. Nachteil: Auch das Geschwätz vom Nebentisch verstehe ich wieder.

Ebenfalls der Sonntagszeitung war zu entnehmen, der Rheinpegel sei wieder gestiegen. Davon war nichts zu sehen, immer noch ragen steinige Landzungen großflächig weit ins Flussbett, teilweise mittlerweile begrünt. Auffallend grün auch wieder die Rasenflächen, nicht mehr so gelbverdörrt wie vor dem Urlaub. Für die Bäume lohnt es sich aus Herbstgründen indessen nicht mehr, nochmal zu ergrünen.

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Dieser Wochenrückblick schließt im Futur zwei: Nach Redaktionsschluss werden wir mit der Nachbarin unter uns und Freundinnen von ihr gegessen haben, dieselbe Nachbarin, die wir vergangenen Dienstag noch in Malaucène antrafen.

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Falls Sie ebenfalls Urlaub hatten und noch berufstätig sind, wünsche ich einen guten Start.

17:30

Woche 34/2026: Ein kollektives „Endlich“

Montag: Was sich als Thema für Smoltok bewährt hat, gilt für Blogs gleichermaßen: Wetter geht immer. Die große Hitze scheint vorläufig vorüber zu sein, der Tag begann mit Regen, ein allgemeines Aufatmen, ein kollektives „Endlich“ war zu vernehmen.

Da ich ungern mit nassen Hosenbeinen im Büro sitze, fuhr ich nach längerer Zeit mit der Bahn zum Werk, die trotz weiterhin halber Zuglänge und dank Sommerferien nicht sehr voll war. Es bleibt zu hoffen, dass die Stadtwerke es bis zum Ende der Ferien schaffen, wenigstens einen Teil der sechzig immer noch außer Betrieb befindlichen Wagen wieder einzusetzen, auch hier wäre ein „Endlich“ dringend erforderlich.

Bei Ankunft im Turm waren die Jalousien am gesamten Gebäude weiterhin herabgelassen und sie ließen sich nicht hochfahren. Mein Anruf bei der Haustechnik wurde freundlich aufgenommen, man gebe es weiter. Nach dem Mittagessen ein weiterer Endlich-Moment: Sie fuhren hoch und erlaubten nach einer Woche im abgedunkelten Büro wieder den ungehinderten Blick nach draußen, was der Arbeitslust zuträglich war.

Mittags drang durch die geöffneten Fenster leichter Brandgeruch ein. Der große Waldbrand im Hohen Venn ist auch in Bonn präsent.

Da es nachmittags wieder trocken war, endete der Arbeitstag außerplanmäßig mit einem Fußmarsch nach Hause, heute ohne Weggetränk.

Dienstag: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Schirme. Da ich einen guten, recht großen habe, konnte mich der leichte Regen am Morgen nicht vom Fußweg ins Werk abhalten. Das war sehr erbaulich.

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Während des Mittagessens in der Kantine saß in meinem Blickfeld ein junger Kollege in alterstypischer Speisehaltung: links die Gabel, rechts das Datengerät, von dem er auch nicht abließ, als er fertig gegessen hatte und das Tablet zum Rückgabeband trug; auch beim Verlassen der Kantine klebte sein Blick auf dem Display. „Jung und europäisch“ lautete der Schriftzug auf dem Rücken seines T-Shirts. „Und digital versklavt“ rief ich ihm nach, selbstverständlich nur gedanklich.

Mittwoch: Im Berliner S-Bahn-Verkehr kam es morgens wegen einer Signalstörung zu Verzögerungen, ist in der Bonner Zeitung zu lesen. Das mag interessant sein für Menschen innerhalb des hauptstädtischen S-Bahn-Netzes, das ziemlich groß ist, jedoch nicht bis ins Rheinland reicht. Wozu also diese Meldung, sogar mit Bild? Muss das Sommerloch gefüllt werden? Berichtete die Zeitung auch nur im halben Umfang über jede Signalstörung zwischen Lindholm und Lindau, bliebe kein Raum für weitere Nachrichten, was an manchen Tagen vielleicht gar nicht so schlecht wäre.

„Da bin ich wohl ziemlich biased“ sagte einer in einer Besprechung. Vielleicht sagt man das jetzt in sich für modern haltenden Kreisen.

Donnerstag: Der Fußweg ins Werk führt üblicherweise am Groß-Frisiersalon Hagemann vorbei, bei dem auch ich längere Zeit zufriedener Kunde war und vermutlich immer noch wäre, wenn sich nicht inzwischen eine kostengünstigere Alternative in Wohnungsnähe gefunden hätte. Erst heute fiel mir im Vorbeigehen ein: Es ist wohl ein Zeichen von Professionalität, dass sie sich noch nicht umbenannt haben in Haargemann.

Der letzte Arbeitstag vor dem Urlaub endete mit der diffusen Sorge, irgendetwas Wichtiges vergessen zu haben. Das hielt mich nicht davon ab, zu angemessener Zeit den Rechner auszuschalten und im Schreibtischrollcontainer zu verstauen; mit ihm ließ ich auch fast jedes Interesse an all den Dingen, mit denen ich mich sonst von Montag bis Freitag im Büro beschäftige, zurück.

Auf dem Rückweg ging ich in der Fußgängerzone an zwei Greenpeace-Aktivisten vorbei, die augenscheinlich darauf lauerten, arglose Passanten zu belästigen. Obwohl ich direkt auf einen zuging und mich ihm auf weniger als einen Meter näherte, freilich unter strikter Vermeidung von Augenkontakt, sonst hat man bei denen schon verloren, blieb ich unangesprochen. Vielleicht sieht man mir inzwischen an, dass ich in Fußgängerzonen auf keinen Fall von angesprochen werden möchte. Vielleicht stehe ich in Aktivistenkreisen inzwischen auch auf einer Schwarzen Liste, mit Bild und dem Vermerk: Stets freundlich, aber zwecklos.

Zur Feier des Vorurlaubsabends begaben wir uns abends zum Restaurant am Friedensplatz. Auf dem Weg dorthin wurden wir Zeuge, wie ein Straßenbahnwagen aus der Thomas-Mann-Straße mit hoher Geschwindigkeit in den Berliner Platz einfuhr, offensichtlich nachdem er zuvor das Haltesignal missachtet hatte: Wenige Meter vor Erreichen der Fußgängerampel wechselte diese auf grün und die Passanten gingen los, ohne auf die Straßenbahn zu achten, warum auch, sie hatten ja grün. Der Fahrer betätigte die Glocke, ohne die Geschwindigkeit zu drosseln, woraufhin die Fußgänger zurück wichen. Das hätte böse enden können, daher bin ich geneigt, das den Stadtwerken, vielleicht auch der Polizei zu melden. Wagennummer und Uhrzeit habe ich vorsorglich notiert.

Freitag: Erster Urlaubstag. Nach dem Frühstück verließen wir Bonn mit Zwischenziel Beaune im Burgund, von wo aus es morgen weitergeht nach Malaucène. Während der Fahrt las ich (als Beifahrer) unter anderem die im Reader angesammelten Blogbeiträge, die Mitblogger waren wieder fleißig. Gerade als ich zum Blog „es regnet“ kam, schlugen Tropfen auf die Windschutzscheibe und ich sagte zum Liebsten völlig überflüssiger Weise, er sah es als Fahrer ja selbst: Es regnet.

Ansonsten sind auch in Frankreich die Folgen der Hitzewelle und Dürre nicht zu übersehen. Die Wiesen in der Lorraine erstrecken sich trocken-vergilbt über die Kuppen, darauf Kühe, bei denen nicht klar ist, was sie dort tun; grasen kann man es nicht nennen. Bei Dijon fuhren wir an einer beeindruckenden Gewitterfront vorbei, die die Trockenheit auch nicht zu lindern vermochte.

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Nach sechs Stunden Fahrt erreichten wir unser Stammhotel in Beaune, wo wir wieder wie alte Freunde begrüßt wurden. Es ist überraschend warm hier, nachdem das Thermometer während der Fahrt durch einen Regenschauer zwischenzeitlich fünfzehneinhalb Grad angezeigt hatte.

Hotelfensterblick
Der Chronist im Zustand größerer Zufriedenheit beim ersten Urlaubswein (Foto: der Liebste)

Samstag: Ein weiteres „Endlich“ ergab sich am Nachmittag, als wir Malaucène erreichten. Seit nunmehr zwanzig Jahren fahren wir mindestens einmal im Jahr nach Südfrankreich, seit neunzehn nach Malaucène und immerhin vier in dieses Haus mit dem großen Garten etwas außerhalb des Ortes. Der Himmel ist wolkenlos blau, die Temperatur unter dreißig Grad, im Kühlschrank kühlt Rosé. Zudem ist es hier auffallend grüner als erwartet.

Unsere Herberge im Abendlicht

Ob es Ausdruck guter Urlaubslaune ist weiß ich nicht, jedenfalls, da das mögliche Schadensereignis im Konjunktiv blieb, habe ich mich entschieden, den am Donnerstag beschriebenen Straßenbahnvorfall nicht zur Anzeige zu bringen. Vielleicht war der Fahrer gestresst, weil seine Bahn wegen des bonnüblichen Verkehrsgewühls bereits erhebliche Verspätung hatte und er deshalb von der Leitstelle angemahnt wurde, vielleicht braucht auch er Urlaub.

Sonntag: Einer guten Tradition folgend verbrachte ich den ersten Tag in Malaucène ohne größere Aktivität im beschatteten Liegestuhl. Ein angenehm warmer Windhauch streicht unter weiterhin blauem Himmel durch die Bäume und lässt deren Blätter rauschen, aus der Küche kommt leise Radio Nostalgi, in Hörweite hinter mir geht ein nervöses Insekt seinem Tagesgeschäft nach, ohne mein Nichtstun zu stören. Während der Niederschrift dieser Tagesnotiz testet der Liebste die Wassertemperatur der Piscine, wahrscheinlich mache ich das später auch noch. Auf all das habe ich mich seit Wochen gefreut, was auch diesen Tag mit einem „Endlich“ versieht. Dennoch will die gewohnte Urlaubsstimmung noch nicht so recht eintreten. Das kommt bestimmt noch.

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche.

16:30

Woche 25/2026: Kontemplatives Salzschieben und maschinelles Flaschendrehen

Montag: Die Urlaubswoche begann mit einer kleinen Wanderung durch Le Croisic. Zunächst erkundete ich den Parc De Penn Avel nahe unserem Hotel, danach ging ich entlang der südlichen Küste. Kurz vor Ende der Landzunge bog ich nördlich ab, der Weg führte nun durch heideartige Landschaft mit Sand, Büschen und Hainen, nur ohne Heide, bis zur nördlichen Küste. Dort wollte ich über die lange Hafenmole bis zum Leuchtturm am Ende gehen, ging aber nicht, weil die Mole wegen irgendwelcher Arbeiten gesperrt war. Daher vollendete ich die Runde bis zum Park am Bahnhof, wo ich auf einer schattigen Bank rastete und die Blogs las.

Vor dem Park hielt ein Reisebus aus Saarbrücken mit der Anschrift: „Wir machen Urlaub – 365 Tage im Jahr“. Offenbar ist das Unternehmen auf reiche Rentner als Zielgruppe spezialisiert, wer sonst könnte ganzjährig Urlaub machen. Für diese Annahme sprach, dass die Personen, die dem Bus entstiegen, augenscheinlich das Erwerbsleben hinter sich hatten.

Es gibt hier im Ort schöne alte, teils villenartige Häuser. Viele von ihnen haben einen Namen, der an der Hausfront angeschrieben ist. Mehrere davon beginnen mit „Ker“, Bretonisch für Haus, Hof, wie eine kurze Recherche ergab. Das erinnert mich an meinen Vater, der gerne „Ker, Ker, Ker …“ sagte, wenn er sinngemäß „Das kann ja wohl nicht wahr sein“ meinte, das hatte ich fast vergessen. Nach ihm ist mir niemand mehr begegnet, der das Wort benutzt. Meine Vermutung: Das kommt aus dem Ruhrgebiet (mein Vater wurde in Gelsenkirchen geboren), vielleicht verkürzend für „Kerl“. Kann das jemand aus der Region bestätigen?

Im Park
Südküstenweg
Suchbild mit Bär
Durch die Hüchten
Mole, gesperrt
Kein Alkohol am Lenker!
Ker Meno

Dienstag: Heute unternahmen wir einen Ausflug auf die Île de Noirmoutier, unter anderem bekannt für den Anbau wohlschmeckender Kartoffeln. Der Hinweg führte durch La Baule, wo sich gegenüber dem langen Sandstrand über mehrere Kilometer Hotels und Appartementhäuser aneinanderreihen, dazwischen einzelne alte Villen. Beeindruckend anzuschauen, doch ob ich da Urlaub machen möchte – ich weiß es nicht.

Auf die Insel gelangt man über eine hohe Brücke, freilich nicht so hoch wie die über die Loire-Mündung, siehe vergangene Woche. Ansonsten ist die Insel völlig flach, ebenso die vorgelagerte Vendée; beim Durchfahren fühlte ich mich an Dithmarschen erinnert, mit Meersalzgewinnung statt Kohlanbau. Als Alternative zur Brücke gibt es die Passage du Gois, eine Straße durch das Wattenmeer (oder wie das hier heißt), die bei Beauvoir-sur-Mer auf das Festland trifft. Befahrbar nur bei Ebbe, sonst liegt sie unter Wasser, so leider auch heute, als wir zurück fuhren. Vorher kaufte der Liebste, wo wir schon mal da waren, ein Kistchen Kartoffeln. Die fallen nicht durch, wie der Geliebte zu sagen pflegt.

Es ist immer gut, wenn man in der Lage ist, seine Meinung zu ändern. Äußerte ich mich vergangene Woche noch zurückhaltend bis ablehnend über Austern, so muss ich mich korrigieren. Nachdem ich ihnen gestern und heute eine weitere Chance gab, empfinde ich inzwischen durchaus Genuss bei ihrem Verzehr. Vielleicht ist das auch nur der bekannte Urlaubseffekt wie bei dem einen Wein, der im Restaurant auf Mallorca so gut geschmeckt hatte, sich zu Hause indessen als schale Plörre erweist. (Ausgedachtes Beispiel, Sie wissen vermutlich, was ich meine.)

Ansonsten hat Onkel Michael wieder einen lesenswerten Aufsatz geschrieben über Toleranz, Demokratie und Empfindlichkeiten. Kostprobe:

Nicht mehr die Frage, ob etwas wahr ist, steht häufig im Mittelpunkt öffentlicher Debatten, sondern die Frage, ob sich jemand durch diese Wahrheit verletzt fühlen könnte. Das subjektive Empfinden wird zum Richter über objektive Aussagen. Die Kränkbarkeit erhebt Anspruch auf Vorrang vor der Erkenntnis.

Jemand hat vergangenen Monat das Buch gekauft, teilte mir epubli mit. Dafür herzlichen Dank.

Mittwoch: In früher Morgenstunde wurde die Nachtruhe gestört durch einen technischen Signalton, der mit „Piepton“ unzureichend beschrieben wäre, eher ähnlich einem Tropfen, der in ein mit Wasser gefülltes Gefäß fällt. Nicht laut, doch deutlich zu hören, jedenfalls wenn man wach ist, alle Paar Minuten, das Wiedereinschlafen verhindernd. Zunächst ließ es sich nicht zuordnen: Meine mitgeführten Datengeräte (iPhone, iPad, MacBook) machen nicht ein solches Geräusch, zudem waren sie stumm- bzw. ausgeschaltet. Daher verdächtigte ich zunächst die Ladevorrichtung der Hörgeräte und schaffte diese ins Nebenzimmer. Es tropfte weiterhin. Nun nahm sich der Liebste der Sache an und ermittelte als Übeltäter das Hoteltelefon, das anscheinend ein Akkuproblem hatte. Nach Entfernen aus der Ladeschale war Ruhe und wir schliefen wieder ein, wenn auch nicht lange, inzwischen war sieben Uhr durch.

Nach dem Frühstück unternahmen wir eine Ausfahrt durch die Salzfelder östlich von Le Croisic, wo in hunderten, vielleicht tausenden angelegten Becken Salz aus Meerwasser gewonnen wird. Dazu wird das Wasser bei Flut über ein ausgeklügeltes System aus Kanälen und Teichen in die flachen, rechteckigen Becken geleitet, wo das Salz nach Verdunstung des Wassers kristallisiert und sich absetzt, entweder an der Wasseroberfläche, wo es als kostbares Fleur de Sel vorsichtig abgeschöpft wird, oder am Boden, wo die Salzbauern es mit Rechen an langen Stielen zusammenschieben zu weißen Haufen, die nach dem Trocknen in Schubkarren abgefahren werden.

In meiner touristisch-naiven Vorstellung ein wunderbarer Beruf: Man ist draußen, hat seine Ruhe, von gaffenden und fotografierenden Touristen abgesehen, an die man sich vermutlich gewöhnt. Das Tempo wird nicht vorgegeben durch Termine und Detleins, sondern einzig durch die Verdunstung des Wassers; so lange wie es dauert, dauert es eben. Und, was ich bei meiner (vermutlich wesentlich besser bezahlten) Bürotätigkeit immer wieder vermisse, ich schrieb es mehrfach: Am Ende sieht man, was man geschafft hat, man kann es sogar anfassen.

Mit Sicherheit hat der Beruf seine Schattenseiten: Die Produktion funktioniert nur bei warmem, trockenem Wetter, dann allerdings rund um die Uhr oder „24/24“, wie das bei uns gebräuchliche „24/7“ in Frankreich heißt, nix mit Achtstundentag, Fünftage-Vierzigstundenwoche, Gleit- und Teilzeit; was am Monatsende finanziell dabei rauskommt, weiß ich auch nicht. Und vielleicht wollen die Leute irgendwann kein Salz mehr, weil es als ungesund gilt oder aus anderen Gründen in Verruf gerät, das geht ja manchmal schnell, siehe Zucker, des Salzes süßer Bruder. Daran denkt man nicht, wenn man als Tourist mit Strohhut und Kamera am Beckenrand steht und dem Bauern (oder wie das heißt) entzückt beim kontemplativen Salzschieben zuschaut.

Nach Navi-Darstellung führt man auf schmalen Pfaden durch das Wasser …
… in echt nicht ganz so dramatisch

Nachmittags saßen wir wieder auf dem Balkon des Hotelzimmers und genossen den letzten Tag in der Bretagne, ehe wir morgen zur letzten Urlaubsetappe in die Champagne aufbrechen. Spontaner Gedanke, als sich in der Ferne auf dem Meer zwei Boote begegneten: Gleich stoßen sie zusammen, mit Radöngel und Feuerball. Ging dann aber gut, sie fuhren mutmaßlich mit reichlich Abstand aneinander vorbei.

Donnerstag: Ein Gruß aus der Symbolbildhölle:

(Gereral-Anzeiger Bonn Online)

Nach dem Frühstück verließen wir Le Croisic bei angenehmen zweiundzwanzig Grad. Fünf Stunden später wurden wir bei um die vierzig Grad Außentemperatur in Paris Teil des Verkehrschaos, das ich bei unserem Besuch der Stadt vor einem Monat bestaunt hatte. Weitere zwei Stunden später erreichten wir unser Hotel bei Vinay, südwestlich von Épernay. Auch wenn der Liebste die ganze Zeit gefahren war, wofür ich ihm sehr dankbar bin, war mein Bedarf an Auto(mit)fahren gedeckt; die Unberechenbarkeit anderer Verkehrsteilnehmer wie plötzliche Fahrstreifenwechsel direkt vor oder gar neben uns ohne zu blinken macht mich zunehmend nervös. Während ich in anderen Verkehrsmitteln wie Schiff und Bahn problemlos stundenlang sitzen und kucken kann, siehe vergangene Woche, bin ich bei Autofahrten stets froh, wenn sie zu Ende sind, egal, ob als Beifahrer oder schlimmstenfalls als Fahrer.

Im Gegensatz zu unserem letzten Aufenthalt hier wurde zur Begrüßung kein Glas Champagner gereicht. Bei immer noch über dreißig Grad vermutlich besser so. Im Übrigen wäre es ungerecht, das zu kritisieren: Das Haus spendierte uns eine ganze Flasche, die wir bei Bezug des Zimmers vorfanden, indes ungeöffnet ließen für den späteren Gebrauch.

Abends brachte ein Gewitter Regen und etwas Abkühlung …

Freitag: … die nicht lange anhielt, morgens wurde es wieder warm. Da empfiehlt es sich, sich an kühle Orte zu begeben wie die Keller eines Champagnererzeugers. Einen solchen suchten wir vormittags in Pierry auf, wo der Liebste bereits letzte Woche einen Besuch organisiert hatte. Eine freundliche junge Dame führte uns durch die Stationen der Produktion und erklärte die Arbeitsschritte von der Traubenpresse über Fass-, dann Flaschengärung und maschinelles Flaschendrehen bis zum Degorgieren. Danach probierten wir Erzeugnisse des Hauses und, Sie ahnen es, erwarben einige Flaschen.

Nach Rückkehr am Hotel begaben wir uns auf schattige Liegen im Garten, wo ich vorstehende Zeilen niederschrieb. Zudem unternahm ich eine kleine Wanderung durch den nahen Wald, allerdings nur gedanklich auf der Karte; für weiteres war es viel zu warm.

Schon vor längerer Zeit entnahm ich in Bonn einem öffentlichen Bücherschrank das Buch „GLOSSEN II oder: Den Kern freilegen, ohne die Haut zu verletzen“ von Rochus Spiecker, erschienen bereits 1962. Darin las ich während des Liegens folgenden schönen Satz über Beziehungen:

Braucht nicht auch die ausgewachsene Liebe ab und zu ihr häusliches Scharmützel, um sich zu vergewissern, daß weder Temperament noch Charakter im Gehege gegenseitiger Gewöhnung abgeschliffen sind?

Dabei fällt mir ein Gedanke ein, der mir vor einigen Tagen während einer nächtlichen Wachphase kam, ebenfalls obiges Thema betreffend und, ich versichere, völlig ohne aktuell-persönlichen Bezug ist: Phasen der Beziehung: 1) Begehren, 2) Gewöhnen, 3) Ertragen

Samstag: Im Frühstücksraum wechselten wir den Tisch, weil sich nebenan mehrere Amerikanerinnen lautstark und tischübergreifend unterhielten, was ich zu früher Stunde noch nicht zu ertragen bereit war; später vermutlich auch nicht.

Nach stauloser Fahrt über erstaunlich freie Autobahnen und Straßen erreichten wir am späten Nachmittag Bonn, wo wie überall die derzeitige Sommerhitze beklagt wird. Die einzig nennenswerte Verzögerung ist nicht nennenswert wegen der Dauer, sondern des Grundes. Während uns Frau Navi in Belgien auf längeren Strecken über die Dörfer lotste, mussten wir anhalten wegen einer Kuhherde, die offenbar von ihrer Weide ausgebüxt war und sich mit nicht besonders großer Entschlossenheit anschickte, die Straße zu queren, wo der Schatten eines großen Baumes lockte. Bis der Bauer kam und das Vieh zurück trieb.

Belgische Autobahn

Abends besuchten wir das französische Restaurant unseres Vertrauens. Zum ersten Gang bestellte ich Austern. Sie schmecken immer noch.

Sie mögen es nicht, wenn andere Menschen versuchen, Sie von ihrer Religion zu überzeugen, möchten aber nicht unhöflich erscheinen? Darauf hat Frau Kaltmamsell die passende Antwort:

“Es freut mich für Sie, dass sie etwas erfunden haben, das Sie glücklich macht, weiterhin alles Gute.”

Sonntag: Mit diesem Sonntag endet der Urlaub endgültig, wie immer verging die Zeit schnell. Doch sind es nur neun Wochen bis zum nächsten, die erfahrungsgemäß auch schnell vergehen werden. Da es nicht gut wäre, wenn Zufriedenheit nur aus arbeitsfreien Wochen entsteht, erfreue ich mich bis dahin an den kleinen Freuden des Alltags wie Fußwege ins Werk (und zurück), freie Donnerstage mit und ohne Wanderung, Abende auf dem Balkon mit den Lieben. Und die meisten Arbeitstage sind auch nicht so schlecht, dass sich darin keine erfreulichen Momente finden ließen, manchmal, wenn auch selten sogar montags.

Zu den regelmäßigen kleinen Freuden zählt auch der Spaziergang am Sonntagnachmittag, an dem mich die Sommerhitze nicht hinderte. Heute durch die Nordstadt bis zur gesperrten Nordbrücke, wo das Geschrei aus dem gut besuchten Freibad nicht länger konkurrieren muss mit dem Brausen der Autobahn daneben. Daran wird sich auf absehbare Zeit nichts ändern, weil die Brücke in Teilen abgerissen und neu gebaut werden muss, bevor wieder Autos darüber fahren dürfen. Statt im Freibad kühlte ich mich auf andere Weise im Biergarten am Rhein, auch das immer wieder erfreulich.

***

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Falls Sie ebenfalls aus dem Urlaub zurückkehren, einen guten Start in die Werktätigkeit.

19:30

Woche 24/2026: Orte mit Wasserturm und Balkon mit Seeblick

Montag: Es ist ein beglückendes Gefühl, morgens zur gewohnten Zeit aufzuwachen und noch zwei Wochen Urlaub vor uns zu wissen. Weiterhin sind wir in Beaune im Burgund, morgen fahren wir weiter an die Loire. Zu einem Aufenthalt in Beaune gehört für mich ein Spaziergang über die Remparts, den zu etwa zwei Drittel erhaltenen Wall um die historische Innenstadt. Das erledigte ich vormittags, während der Liebste einige weitere Einkäufe tätigte; so tat ein jeder, woran er Freude hat.

Gegen Mittag trübte es sich ein und leichter Regen fiel. Das hinderte uns nicht an einem weiteren Spaziergang zum Cité des Climats et vins de Bourgogne, einem architektonisch interessanten Rundbau südlich außerhalb der Innenstadt, darin eine Art Museum, das sich thematisch der Weinerzeugung im Burgund widmet. Der Rückweg führte durch die ebenfalls überwiegend altbebaute, dabei wesentlich weniger pittoreske Vorstadt. Anschließend lockte leichter Bierappetit ins Bistrot. Es muss nicht immer Wein sein.

Rempart Saint-Jean
Cité des Climats et vins de Bourgogne
Rue du Faubourg Perpreuil, südliche Vorstadt

Dienstag: Vormittags verließen wir Beaune, fast fiel der Abschied von diesem mittlerweile vertrauten Ort schwer. Doch der Urlaub geht weiter. Zwischenziel war der Weltkulturerbe-Ort Vézelay, wo wir uns nach einem kurzen Anstieg die Kirche anschauten. Ich war wieder angemessen beeindruckt von dem Bauwerk, auch wenn ich bei solchen Gelegenheiten jedes Mal denke: Welch ein Aufwand wegen dieser Legende, die Menschen vor ein paar Tausend Jahren mal aufgeschrieben haben. Mehr zu Vézelay bei Bedarf hier.

Anschließend fuhren wir abseits der Autobahnen durch Wälder, Felder und Orte mit Wassertürmen, teils über Straßen, die sich über mehrere Kilometer lichtstrahlgerade durch die Landschaft ziehen. Unter anderem führte der Weg durch die Stadt Clamecy, deren Pracht schon seit geraumer Zeit vergangen zu sein scheint und die erstaunlich auto- und menschenleer war, was vielleicht auch an der Mittagszeit lag.

Weiter ging es über die Loire, mit kleinem pique-nique am Hafen von Châtillon-sur-Loire. Ziel der heutigen Reise war das Hotel Les Hayes en Sologne in der Nähe von Fontaines-en-Sologne, in einem idyllisch gelegenen Schlösschen mit großem Garten, umgeben von Wald. Nach Ankunft und Auspacken unternahmen wir einen kleinen Spaziergang durch den Park, der am Restaurant endete, wo ein Ankunftsgetränk angemessen und erforderlich erschien.

Chicane in Billy-sur-Oisy
D 957 zwischen Entrains-sur-Nohain und Bouhy
Bouhy
Vannes-sur-Cosson
Zufahrt zum Hotel
Das Hotelschlösschen
Ein gutes Haus

Mittwoch: Die Loire-Region ist bekannt für ihre zahlreichen Schlösser. Eines davon besuchten und besichtigten wir heute: Chambord. Als Kind baute ich Burgen aus Sand mit viel Wasser. Wenn man das Sand-Wasser-Gemisch aus der Faust träufeln ließ, türmten sich daraus kleine Säulen von ungleichmäßiger Struktur. Daran fühlte ich mich erinnert, als ich heute das Château mit seinen zahlreichen Türmchen und Schornsteinen sah, Neuschwanstein ist ein nüchterner Zweckbau dagegen. Architektonische Besonderheit ist die doppelte Wendeltreppe im Zentrum des Bauwerks, zwei umeinander verschlungene Wendeln innerhalb des Turmes. Im Übrigen gilt das gleiche wie gestern über Kathedralen geäußert: riesiger Aufwand für eine Legende, in diesem Fall die, dass bestimmte Menschen allein aufgrund ihrer Geburt über anderen stehen und sich deshalb zu rein repräsentativen Zwecken solche Schlösser bauen lassen konnten, während das Volk schuften und darben musste.

Château Chambord

Danach fuhren wir nach Blois, eine dem Anschein nach recht große, von der Einwohnerzahl unter fünfzigtausend indes erstaunlich kleine Stadt an der Loire, von der ich noch nie gehört hatte. Das ist selbstverständlich nicht von Bedeutung, die wenigsten Franzosen werden je von beispielsweise Rheda-Wiedenbrück oder Buxtehude gehört haben.

Nach Rückkehr im Hotel begaben wir uns in im Garten bereitstehende Liegestühle, wo vorstehende Zeilen notiert wurden. Zur Perfektion des Urlaubsglückes fehlte nur ein Glas Rosé. Man kann nicht alles haben.

Nachtrag: Kann man doch. Man muss nur seine Hemmungen überwinden, dem Personal womöglich Umstände zu bereiten, und danach fragen.

Donnerstag: Nach dem Frühstück verließen wir das Hotelschlösschen in Richtung Bretagne. Wieder mieden wir Autobahnen, über eine längere Strecke fuhren wir auf dem Damm neben der Loire. Etwa fünf Stunden später, nach Überquerung der Loire-Mündung über die Brücke bei Saint-Nazaire, erreichten wir unser nächstes Ziel Le Croisic direkt am Atlantik, wo wir eine Woche verweilen werden. Die Sonne scheint, noch weht kühler Wind über den Balkon des Hotelzimmers mit Meerblick, doch die weiteren Wetteraussichten sind vielversprechend.

La Chapelle-sur-Loire
Brücke über die Loire-Mündung
Hotelbalkonblick
Unser Balkon

Freitag: Die erste Nacht in Le Croisic schlief ich sehr gut und wachte bewusst erstmals nach sechs Uhr auf, vielleicht liegt es an der Seeluft. Das Hotel bietet kein Frühstücksbüffet an, stattdessen bestellt man das Gewünschte am Vortag mit einem Formular, auf Wunsch wird es dann morgens im Frühstücksraum serviert oder ins Zimmer gebracht. Wir entschieden uns heute für die zweite Variante und frühstückten windgeschützt auf der rückwärtigen Terrasse des Zimmers.

Nach dem Frühstück sogleich die erste Aktivität: eine kleine Wanderung um die Landzunge, auf der Le Croisic liegt. Mein Hirnradio spielte dazu „An der Nordseeküste“ von Klaus & Klaus, man kann es sich nicht immer aussuchen. Am Hafen stärkten wir uns in einer Crêperie mit – Überraschung: Crêpes, dazu eine Flasche Cidre; wie bereits am Montag geschrieben: Es muss nicht immer Wein sein. Mein Crêpe war gefüllt mit Frangipane, einer mir bis dahin unbekannten, mit Rum angereicherten Mandelcreme. Köstlich. Zurück zum Hotel ging es dann wesentlich schneller, durch den Ort gleichsam quer über die Zungenwurzel. Das Wetter war heute noch unentschieden, nicht sehr warm und nicht kalt, ab und zu leichter Niesel, zwischendurch lugte kurzzeitig die Sonne durch die Wolkendecke und ließ es augenblicklich warm erscheinen.

Bitte denken Sie sich links den Atlantik
Hafen von Le Croisic

Wir sind nicht die einzigen Deutschen hier. Während der Notiz vorstehender Zeilen auf dem Balkon radelten zwei jüngere Männer vorüber, leicht bergan und gegen den Wind. „Wir können heute Abend doch mit den Fahrrädern fahren“, schlug der hintere vor. „Auf gar keinen Fall“ lautete die Antwort des vorderen.

Das Abendessen fand heute auf dem Balkon mit Seeblick statt, der Liebste hatte dafür etwas eingekauft, dazu gab es den Champagner, den uns die Hotelleitung in Beaune geschenkt hatte. Nach den zahlreichen Restaurantbesuchen der letzten Tage war so ein kleines Abendessen eine willkommene Abwechslung. Während wir also saßen und aßen, stand ein paar hundert Meter entfernt auf einem der vorgelagerten Felsen ein hell gekleideter Mann mit dem Rücken zum Meer, den Arm vor sich ausgestreckt, offenbar machte er Selfies oder ein Video. Dabei zeigte er beeindruckende Ausdauer, schätzungsweise eine Stunde verharrte er so, wechselte ab und zu den Arm, bewegte sich jedenfalls nicht von der Stelle. Vielleicht ein YouTube-Prominenter oder Influencer, was weiß ich; er wird seine Gründe gehabt haben. Erst als aus Westen Nebel aufzog, verließ er seinen Standort, drehte sich am Ufer eine Zigarette und verschwand schließlich in Richtung Stadt.

Suchbild mit Nebel und Influencer

Mit dem Nebel kam auch deutliche Kühle auf, die uns vom Balkon nach drinnen vertrieb, wo wir in behaglicher Zimmerwärme und weiterhin mit vernebeltem Seeblick den Champagner leerten. Morgen soll es bis zu siebenundzwanzig Grad warm werden. So recht glauben kann ich es nicht, wir werden sehen beziehungsweise fühlen.

Samstag: Die Wettervorhersage hat nicht zu viel versprochen, seit dem Mittag ist es warm. Morgens zog noch etwas Dunst über das Meer und auf dem Weg vormittags in die Markthalle war ein Jäckchen angebracht, das änderte sich dann rasch. Den Nachmittag verbrachte ich in leichter Sommerkleidung auf dem Balkon und widmete mich der Schreiberei, während in meinem Blickfeld Menschen in den Fluten planschten und Menschen in Deutschland eine unsommerliche Kühle beklagen.

Auch hier gibt es Ebbe und Flut, mit einem Tidehub von vier Metern und darüber hinaus wesentlich ausgeprägter als in Büsum und anderswo an der Nordsee. Und doch fällt es dort mehr auf. Während sich da das Wasser bei Ebbe um hunderte Meter zurückzieht und großflächig das Watt freilegt, sind es hier nur einige -zig Meter und die Felsen ragen etwas mehr aus dem Wasser.

Apropos Meer: Abends ließen wir uns im Bistrot gegenüber eine Meeresfrüchteplatte kommen. Dazu wurden Werkzeuge gereicht, deren Anblick sonst auf Esstischen zumindest für einen Kulinarikbanausen wie mich ungewohnt ist. Nun denn: Die Austern ließen sich auch vom Ungeübten mit der Gabel aus ihrer Halbschale heben, wobei ich mich nach wie vor frage, was die Menschheit oder wenigstens ein Teil davon so toll an diesem salzigen Schleim findet. Auch die Schnecken in zwei Größen – klein und ganz klein – ließen sich mit dem beiliegenden Stechwerkzeug recht einfach aus den Häuschen zerren. Schwieriger wurde es bei den Riesengarnelen (oder wie die hier heißen), bei denen ich alles vergessen konnte, was ich einst in Büsum über das Krabbenpulen gelernt habe. Erst bei der vierten (von fünf) hatte ich es einigermaßen raus, wobei der Aufwand, die paar Fleischfasern aus den Ärmchen zu lösen, in keinem vertretbaren Verhältnis zum Ertrag steht. Schließlich der halbierte Riesen-Taschenkrebs (auch hier fehlt mir gerade die korrekte regionale Bezeichnung) im Zentrum der Platte: Aus dem Körper quoll eine unappetitliche graue Masse, die ich unangerührt ließ, dem Rest war unter Zuhilfenahme der Nussknackerzange und dem Stecheisen einigermaßen beizukommen. Immerhin war ich am Ende zwar nicht übersättigt, indes auch nicht mehr hungrig. Fazit: Kann man mal machen, gerne aber nicht oft.

Essbesteck

Während wir uns durch das Meeresgetier kämpften, planschte nebenan eine Gruppe aus jungen Leuten und einem riesigen aufblasbaren Schwan im zurück gehenden Wasser, dazu legten einige der Jungs das altersübliche Balzgehabe an den Tag. Ein anderes junges Paar erregte meine Aufmerksamkeit: Sie gingen langsam in Richtung Wasser, das Mädchen trug einen Badeanzug, der Junge war bekleidet mit Schuhen und hochgezogenen Socken, Shorts, die zumindest aus der Ferne nicht nach Badehose aussahen und einem langärmeligen Pullover. So gingen sie, bis ihnen das Wasser ungefähr bis zum Bauch reichte, verharrten dort einige Minuten, dann gingen sie zurück bis zum Strand unterhalb der Promenade, legten sich dort noch einige Zeit in den Sand und verschwanden schließlich. Womöglich war er etwas schamhaft, in jungen Jahren ist das ja nicht ungewöhnlich, man kennt es vielleicht aus eigener Erfahrung.

Gruppenbild mit Schwan

Apropos Meeresfrüchte: Laut einem Zeitungsbericht droht Deutschland wegen der EU-Sanktionen gegen Russland bald eine Fischstäbchenkrise. Auch das noch, möchte man entsetzt ausrufen. Unterstützung der Ukraine schön und gut, aber doch nicht unter Gefährdung der Fischstäbchenversorgung!

Apropos Konsequenz: Dem Vernehmen nach hat die Fußballweltmeisterschaft begonnen. In den Blogs zahlreiche Artikel, die aus nachvollziehbaren Gründen – Geldgier des einen, Geltungssucht des anderen – fordern, die Spiele zu ignorieren. Auch ich werde mir kein Spiel anschauen, auch nicht, wenn Wir spielt, wie bei jedem Turnier. Nicht in erster Linie aus oben genannten Gründen, vielmehr weil es mich von Natur aus nicht interessiert. Andere werden es tun, viele auch bereit sein, die horrenden Preise für Anreise, Hotel und Tickets zu zahlen, um leif dabei zu sein, einfach weil sie sich für Fußball begeistern. Es liegt mir fern, sie dafür zu tadeln; ich wäre der letzte, der sich dafür rühmt, stets konsequent zu handeln.

Sonntag: Zu den Situationen, in denen ich stundenlang sitzen und untätig schauen kann, ohne mich auch nur eine Sekunde zu langweilen, gehört neben Bahnfahren und Kaminfeuer eine Schifffahrt. Die unternahmen wir heute, und zwar ab Vannes etwa drei Stunden lang durch den Golf von Morbihan. Dazu mussten wir eine Stunde früher aufstehen als üblich, es hat sich gelohnt. Manchmal muss man Opfer bringen.

Balkonblick, morgens. Am Horizont leuchten die Hochsee-Windkraftanlagen, nach meiner Zählung 71 an der Zahl
Golf von Morbihan
Darinnen zahlreiche Inseln, hier die Île de Berder
Geradeaus der Atlantik

Zum Abendessen waren wir in einer im besten Sinne „einfachen“ Brasserie am Hafen von Le Croisic. Nach dem gestrigen Meeresfrüchtegemetzel habe ich die Bratwurst mit Pommes sehr genossen.

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Für uns bricht die letzte Urlaubswoche an, bis Mittwoch weiterhin hier in Le Croisic, danach weiter in die Champagne.

23:30