Übergebäck

Friede, Freude, Weihnachtszeit,

Lichterglanz, Besinnlichkeit.

Ruhe, Muße –

Doch stattdessen:

Keine Zeit, wir müssen essen.

.

Gebrannte Mandel oder Nuss,

Nougat, Spekulatius,

Dazu Punsch, geglühter Wein,

Bratwurst und Dominostein.

Schokolade als Figürchen

Hinter dem Kalendertürchen.

.

Gänsekeule, Rotkohl, Obstbrand,

Bis zum akuten Magenstillstand.

Kartoffeln, Brot aus Marzipan

Ich langsam nicht mehr sehen kann.

Kekse, Plätzchen allerorten,

Danke, Nein! – Mit andren Worten:

.

Tochter Zion, freue dich –

Mir reichts, drum bitte ohne mich.

Der bunte Teller wird nicht leer.

Sei es drum: Ich kann nicht mehr!

Aufgewärmt: Von einem anderen Stern

Aus gegebenem Anlass erlaube ich mir, einen älteren Aufsatz behutsam aufzuwärmen und ihn Ihnen erneut zur Lektüre zu geben. Ich bitte um Verständnis.

***

KW49 - 1 (2)

Bald feiern wir wieder das Fest des Kindes. Der Legende nach wurde es vor etwa zweitausend Jahren in Bethlehem geboren, nachdem es auf rätselhafte Weise in den Bauch einer gewissen Maria geraten war. Mit Vaterschaftstests und Unterhaltsklagen waren sie damals noch nicht so weit, daher kam Josef mit seiner War-ich-nicht-Nummer nicht durch, stattdessen musste er die Dame auf ihrem Weg durch Nacht und Kälte begleiten. In Bethlehem hatten sie Pech: Wegen einer Verbrauchermesse waren alle Hotels und Pensionen belegt oder überteuert, daher rasteten sie in einem zugigen Stall, wo das Kind schließlich unter den desinteressierten Blicken eines Ochsen und eines Esels zur Welt kam.

Drei Messeteilnehmer aus dem Morgenland waren spät dran, weil sie sich uneins waren über den Weg nach Bethlehem, bis einer von ihnen das Laserlicht entdeckte, das seit Tagen von der Messehalle aus in die Wolken strahlte. Als sie endlich ankamen, entdeckten sie den Stall, irrtümlich hielten sie das ganze für die sehr gelungene Warenpräsentation eines innovativen Leuchtmittelherstellers, dessen Produkte offenbar ganz ohne Flamme auskamen, die Kopfbeleuchtung des Babys strahlte besonders hell. Daher überreichten sie ihre Karten und einigen Kram von geringem Gebrauchswert, den sie in ihren Jackentaschen gefunden hatten. Josefs Frage nach einem wärmenden Schluck beschieden sie hingegen abschlägig, da ihre Cognacvorräte auf der langen Anreise schon draufgegangen waren.

Aus dieser mündlich überlieferten Begebenheit sind schließlich Weihnachten, Lichterketten und Glühweinbuden entstanden. Seitdem hat sich viel getan. Heute glauben die Kinder nicht mehr an drei nette Herren aus dem Osten, sondern an einen dicken Mann in rotem Gewand mit weißem Rauschebart und das Christkind, die unter Absingen von ‚“Last Christmas“‘ die Geschenke bringen, bevor sie wieder durch den Schornstein verschwinden – im Zeitalter der feinstauboptimierten Zentralheizung schon schwer vorstellbar, selbst für das gutgläubigste Kind. Apropos kindlicher Glaube: Früher, so mit vier oder fünf, glaubte ich, es hieße ‚Kristkind‘, weil es, während es die Geschenke verteilt, sagt: „Du krist (= ostwestfälisch für ‚kriegst‘) dieses Geschenk, du krist das und du das.“

Längst vorbei sind auch die Zeiten, da Neugeborene in Windeln gewickelt in einer Futterstelle für Nutztiere aufbewahrt werden, außer vielleicht in besonders ökoideologisch-traditionellen Haushalten. Dafür gibt es heute technologisch hochentwickelte Tragegefäße, welche sich mit wenigen Handgriffen in eine Babybox für Brust-, Auto- oder Fahrradbefestigung verwandeln lassen, um den Nachwuchs zum Geschenkeempfang oder zur Niedlichfindeaufforderung in die Verwandtschaft oder die Firma zu verbringen. Vielleicht wissen Sie, was ich meine: Des Kollegen Frau liegt in freudiger Erwartung. Wenige Tage später hört man auf dem Büroflur das hochfrequente Juchzen der Kolleginnen, mindestens eine Oktave über ihrer üblichen Sprechstimme. Ein vorsichtiger Blick aus der Bürotür verrät den Grund: Der junge Vater steht mit dem Tragekörbchen auf dem Flur, umringt von vor Entzückung entrückten Menschen.

Ein paar Minuten später steht der vaterstolze Kollege dann mit seinem Ableger in meiner Bürotür und sagt so etwas wie „“Sieh mal, Paul-Luca, und das ist Carsten,… sag mal hallo zu Carsten!““ Während ich mich mit gequältem Lächeln von meinem Platz erhebe und mir ein „Ganz der Papa““ abringe, sagt Paul-Luca weder Hallo, noch nimmt er überhaupt Notiz von mir. Das Desinteresse ist beiderseitiger Natur, mit Hunden und neu erworbenen Autos geht mir das übrigens genau so.

Ich gebe zu: meine Begeisterung für Neugeborene, Kinder generell, ist begrenzt, für mich sind sie so etwas wie Wesen von einem anderen Stern, mit denen ich nicht so recht etwas anzufangen weiß. Das war schon immer so, auch als ich selbst noch ein Kind war. Wenn in der Verwandt- oder Nachbarschaft ein neuer Mensch die Bühne betrat, hielt ich mich stets in sicherer Entfernung, und das Gewese, welches um diesen Neuankömmling gemacht wurde, fand ich unangemessen, schließlich hatte er bislang noch nichts geleistet außer schreien und kacken. Na ja, viel mehr konnte ich auch nicht vorweisen.

Meine Kinderlosigkeit empfand und empfinde ich eher als Segen denn als Mangel, ich vermisse diesbezüglich absolut nichts. Warum das so ist, kann ich nicht sagen. Vielleicht habe ich Angst, meine Kinder könnten so werden wie ich. Wobei, die Geschichte mit dem Töpfchen, der A-A und der mit der Zahnbürste braun angemalten Tapete haben sich meine Eltern bestimmt nur ausgedacht, um mich gelegentlich in schlechtes Licht zu rücken. Oder um von der Nichtexistenz des Weihnachtsmannes abzulenken.

Trotzdem, oder gerade deshalb: Liebe Kinder, ich wünsche euch ein schönes Weihnachtsfest mit vielen pädagogisch wertvollen Geschenken! Und wie das Kind in Marias Bauch kam, fragt euren Papa.

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(Ursprünglich veröffentlicht hier.)

Woche 51: Austern sind genieß-, jedoch auch verzichtbar.

Montag: Nun also Berlin. Man solle sich durch solche Ereignisse nicht in seinem Ausgehverhalten beeinflussen lassen, heißt es. Wie leicht ist das gesagt und geschrieben.

Dienstag: „Für Bonn besteht keine konkrete Gefahr“, sagt ein Behördenmensch. Dann ist es ja gut.

Mittwoch: Ein beherzter Sprung über den Schatten meines Pflichtgefühles bescherte mir heute einen freien Abend. Dennoch: Die Feuerzangenbowle auf dem Weihnachtsmarkt hatte einen leichten Beigeschmack des Bangens.

Donnerstag: Heute zum ersten Mal in dieser Saison auf WDR 2 Last Christmas gehört. Damit ist meine Hoffnung, sie hätten es endlich aus ihrem Programm gestrichen, zerborsten.

Freitag: Ich öffnete die Schatulle meines Wortschatzes, um das Wort saumselig hineinzulegen, dessen ich bei der morgendlichen Stadtbahnlektüre habhaft wurde. – Können Bahnen und Büroflure nicht immer so menschenleer sein wie heute?

Samstag: Nun singet und seid froh. – Wenn es stimmt, dass Liebe durch den Magen geht, dann steht unsere Zuneigung auch in den kommenden mindestens zwölf Monaten auf sicherem Sockel. Erkenntnis: Austern sind genieß-, jedoch auch verzichtbar.

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Sonntag: Die Weihnachtsgeschenkausbeute war sehr erfreulich, ohne Sie mit Einzelheiten langweilen zu wollen. Ein Geschenk indes verdient besondere Erwähnung: Die Ruhe, da es uns in diesem Jahr durch eine Verkettung glücklicher Umstände erspart bleibt, familiären Pflichten gehorchend durch die Gegend zu reisen.

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Wissen die, dass Weihnachten ist?

Ende 1984 sang die Band Aid, von Bob Geldorf als Hilfsprojekt für Afrika initiiert, das großartige Lied „Do they Know it’s Christmas“. Sie setzte sich aus damaligen Größen der Popmusik zusammen, wobei der besondere Reiz zum einen darin lag, dass jede Liedzeile von einem anderen Star gesungen wurde, zum anderen in den ebenfalls großartigen, von den Künstlern repräsentierten Frisuren der mittleren Achtzigerjahre. Unter anderem sangen Paul Young, Boy George, George Michael, Simon Le Bon (von Duran Duran), Sting (The Police), Bono (U2); Phil Collins, ebenfalls noch mit einer Frisur, wenn auch nicht so wallend wie die der Vorgenannten, trommelte dazu.

Das Lied wurde fortan wochenlang in allen Radiosendern rauf- und runtergespielt, und völlig zu recht hört man es noch heute zur Weihnachtszeit in der Originalversion von 1984 im Radio, ebenso wie „Last Christmas“ von George Michael und „The Power of Love“ von Frankie Goes To Hollywood, die ungefährt zur gleichen Zeit erschienen.

Mehrfach wurde „Do they Know it’s Christmas“ neu aufgelegt, wiederum mit aktuellen Stars des jeweiligen Erscheinungsjahres. Aber wie das meistens so ist mit Kopien – sie bleiben um Längen hinter dem Original zurück, erscheinen gegenüber der 1984er-Version wie seichtes Geplätscher. Auch die Frisuren vermögen nicht mehr zu beeindrucken. Daher meine Bitte an alle, die sich dazu berufen fühlen, eine weitere Version zu produzieren: lasst es, es kann nur schief gehen! (Eine diese These belegende despektierliche Bemerkung zum Weihnachtsalbum von Helene Fischer verkneife ich mir hier aus Gründen des Familienfriedens.)

Vorstehende Zeilen geben natürlich nur meinen persönlichen Geschmack wieder. Aber dies ist mein Blog, hier darf ich meinen und schmecken, was ich will. Wem das nicht passt, der kann sich ja gerne bei Facebook ausheulen.

Frohe Weihnachten!

Fröhliche Weihnachten geht anders

Je älter ich werde – und mittlerweile lasten einige der Jahre auf dem krummen Buckel -, desto weniger Lust habe ich auf Weihnachten. Das beginnt schon mit dem Ursprung dieses Festes. Wenngleich ich vor einer Vielzahl von Jahren getauft und einige später konfirmiert wurde, so gelingt es mir heute beim besten Willen nicht mehr, an die Geschichte mit der schwangeren Jungfrau zu glauben. Deshalb, und nicht nur deshalb kündigte ich vor ein paar Jahren der Institution, die uns Jahr für Jahr diese Geschichte glaubhaft machen will, die Mitgliedschaft.

Doch ginge es nur darum, wäre es mir ziemlich egal, sollen die Christen doch ihr Fest feiern, wenn sie möchten. Gegen Karnevalisten und Fußballfans habe ich ja auch nichts. Gut: gegen Fußballfans manchmal schon. Auch möchte ich Sie nicht mit dem bekannten Klagelied über den weihnachtlichen Konsumterror langweilen. Nur so viel: Wenn ich mir  e i n s  zu Weihnachten wünsche, dann ein Ende der Wünsch- und Schenkpflicht. Jedenfalls für mich selbst, nicht etwa generell, schon gar nicht für Kinder. Große Teile der Weltwirtschaft brächen weg, ginge mein Wunsch in Erfüllung, einschließlich meines eigenen Arbeitsplatzes. Indes: Es bereitet mir jedes Jahr erhebliche Mühe, für meine Lieben ein passendes Geschenk zu finden. Und auf die Frage „Was wünschst du dir?“ fällt mir schon lange keine Antwort mehr ein, außer der vorstehenden, aber das versteht leider niemand in meinem Umfeld.

Was ich auch nicht beklage, sind Begleiterscheinungen wie Lichterketten, Weihnachtsmärkte und -sterne sowie Marzipan, Lebkuchen und Dominosteine ab August. Niemand wird gezwungen, dort hinzugehen beziehungsweise das Zeugs zu kaufen. Als Marzipanmöger bin ich stets einer der ersten, die weihnachtliches Naschwerk in ihr Einkaufskörbchen legen, und ein bis maximal drei alkoholischen Warmgetränken im Kreise lieber Menschen bin ich nicht abgeneigt.

Es gibt jedoch eins, das mich alljährlich so richtig stresst, und jetzt wird es ernst; hasste ich die Redewendung „Spaß beiseite“ nicht aus tiefstem Herzen, platzierte ich sie jetzt und hier: die Familie. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch – Ich liebe meine Eltern und mag die Verwandten, komme bestens mit ihnen aus, nie gab es ernste Konflikte und Krisen; das gilt in gleicher Weise für die Schwiegerfamilie, die ich sehr schätze. Wäre da nicht die Verpflichtung, Weihnachten mit ihnen zu verbringen. Weil es Tradition ist. Weil es erwartet wird. Immerhin: den Heiligabend verbringen wir schon seit Jahren in aller Gemütlichkeit hier zu Hause, ohne dass die familiären Bande ernsten Schaden genommen hätten – nachmittags „Drei Nüsse für Aschenbrödel“, abends gut essen mit gutem Wein, ganz in Ruhe zu zweit oder dritt, danach zum Nachbarn hoch auf ein, zwei Glas, dann ins Bett.

Doch am ersten Weihnachtstag geht es dann los: Noch leicht bekatert mit Millionen anderen auf die Autobahn, erst zur Schwiegerfamilie, essen, trinken, Bescherung; dann, am zweiten Weihnachtstag, zu meinen Eltern, wieder essen, anschließend zurück auf die Autobahn, erst am Abend zurück, völlig erschöpft. Fröhliche Weihnachten geht anders.

Und jetzt wird es heikel, denn mich plagt mein Gewissen. Denn wir haben beschlossen, dieses Jahr hier zu bleiben, die Tage in Ruhe zu dritt mit dem lieben Freund zu verbringen. Es fühlt sich noch falsch an. Aber dieses Jahr versuchen wir es einfach mal. Und plötzlich freue ich mich wieder auf Weihnachten, jedenfalls ein bisschen. Zum ersten Mal seit Jahren.

Driving home for christmas

Nein, dies soll kein Jammertext sein über den alljährlichen Weihnachtswahnsinn: Geschenkebeschaffungsstress, Familienpflichtbesuche, unendliches Weihnachtsradiogedudel mit Pferdeschlittenschellen, Glockenklangimitationen, rot(z)näsigen Rentieren und „Christmas“ in jeder zweiten Zeile, zu viel Essen und Trinken, Niedlichfindeverpflichtung gegenüber anwesenden Kleinkindern oder jungen Hunden, die immergleichen Geschichten am Esstisch mit der Verwandtschaft. Weil hierzu schon genug geschrieben wurde, in Blogs und „augenzwinkernden“ Kolumnen. Und weil es nichts nützt, darüber zu jammern – im nächsten Jahr machen wir alles wieder genau so, weil wir es immer so gemacht haben, weil es von uns so erwartet wird.

Und doch: Als ich heute nach der Rückkehr aus der ostwestfälischen Heimat alleine durch schäbiges, nasskaltes Schneegestöber am Rhein entlang spazierte, die Ohren, Hände und Füße langsam kalt wurden, da fühlte ich mich glücklich wie seit Tagen nicht mehr.

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Vielleicht im nächsten Jahr doch mal Weihnachten anders verbringen? Oder noch besser: ignorieren?

Über das Kristkind

stern

Nun feiern wir wieder das Fest des Kindes. Der Legende nach wurde es vor etwa zweitausend Jahren in Bethlehem geboren, nachdem es auf rätselhafte Weise in den Bauch einer gewissen Maria geraten war. Mit Vaterschaftstests und Unterhaltsklagen waren sie damals noch nicht so weit, daher kam Josef mit seiner War-ich-nicht-Nummer irgendwie durch, genützt hat ihm das wenig, er musste die Dame auf ihrem Weg durch Nacht und Kälte begleiten. In Bethlehem hatten sie Pech: Wegen einer Verbrauchermesse waren alle Hotels und Pensionen belegt oder überteuert, daher rasteten sie in einem zugigen Stall, wo das Kind schließlich unter den desinteressierten Blicken eines Ochsen und eines Esels zur Welt kam.

Drei Messeteilnehmer aus dem Morgenland waren spät dran, weil sie sich uneins waren über den Weg nach Bethlehem, bis einer von ihnen das Laserlicht entdeckte, das seit Tagen von der Messehalle aus in die Wolken strahlte. Als sie endlich ankamen, entdeckten sie den Stall, irrtümlich hielten sie das ganze für die sehr gelungene Warenpräsentation eines innovativen Leuchtmittelherstellers, dessen Produkte offenbar ganz ohne Flamme auskamen, die Kopfbeleuchtung des Babys strahlte besonders hell. Daher überreichten sie ihre Karten und einigen Kram von geringem Gebrauchswert, den sie in ihren Jackentaschen gefunden hatten. Josefs Frage nach einem wärmenden Schluck beschieden sie hingegen abschlägig, da ihre Cognacvorräte auf der langen Anreise schon draufgegangen waren.

Aus dieser mündlich überlieferten Begebenheit sind schließlich Weihnachten, Lichterketten und Glühweinbuden entstanden. Seitdem hat sich viel getan. Heute glauben die Kinder nicht mehr an drei nette Herren aus dem Osten, sondern an einen dicken Mann in rotem Gewand mit weißem Rauschebart und das Christkind, die unter Absingen von ‚Last Christmas‘ die Geschenke bringen, bevor sie wieder durch den Schornstein verschwinden, im Zeitalter der feinstauboptimierten Zentralheizung schon schwer vorstellbar, selbst für das gutgläubigste Kind. Apropos kindlicher Glaube: Früher, so mit vier oder fünf, glaubte ich, es hieße ‚Kristkind‘, weil es, während es die Geschenke verteilt, sagt: „Du krist (= ostwestfälisch für ‚kriegst‘) dieses Geschenk, du krist das und du das.“

Längst vorbei sind auch die Zeiten, da Neugeborene in Windeln gewickelt in einer Futterstelle für Nutztiere aufbewahrt werden, außer vielleicht in besonders ökoideologisch-traditionellen Haushalten. Dafür gibt es heute technologisch hochentwickelte Tragegefäße, welche sich mit wenigen Handgriffen in eine Babybox für Brust-, Auto- oder Fahrradbefestigung verwandeln lassen, um den Nachwuchs zum Geschenkeempfang oder zur Niedlichfindeaufforderung in die Verwandtschaft oder die Firma zu verbringen. Wer kennt das nicht: Der Kollege, dessen Frau in freudiger Erwartung liegt, verabschiedet sich für die nächsten Monate in den Vaterschaftsurlaub. Wenige Tage später hört man auf dem Büroflur das hochfrequente Juchzen der Kolleginnen, mindestens eine Oktave über ihrer üblichen Sprechstimme. Ein vorsichtiger Blick aus der Bürotür verrät den Grund: der junge Vater steht mit dem Tragekörbchen auf dem Flur, umringt von vor Entzückung entrückten Menschen.

Ein paar Minuten später steht der vaterstolze Kollege dann mit seinem Ableger in meiner Bürotür und sagt so etwas wie „Sieh mal, Paul-Luca, und das ist Carsten… sag mal hallo zu Carsten!“ Während ich mich mit gequältem Lächeln von meinem Platz erhebe und mir ein „ganz der Papa“ abringe, nimmt Paul-Luca keine Notiz von mir, das Desinteresse ist beiderseitiger Natur, mit Hunden geht mir das übrigens genau so.

Ich gebe zu: meine Begeisterung für Neugeborene, Kinder generell, ist begrenzt, für mich sind sie so etwas wie Wesen von einem anderen Stern, mit denen ich nicht so recht etwas anzufangen weiß. Das war schon immer so, auch als ich selbst noch ein Kind war. Wenn in der Verwandt- oder Nachbarschaft ein neuer Mensch die Bühne betrat, hielt ich mich stets in sicherer Entfernung, und das Gewese, welches um diesen Neuankömmling gemacht wurde, fand ich unangemessen, schließlich hatte er bislang noch nichts geleistet außer schreien und kacken. Na ja, viel mehr konnte ich auch nicht aufweisen zu der Zeit.

Meine Kinderlosigkeit empfand und empfinde ich eher als Segen denn als Mangel, ich vermisse diesbezüglich absolut nichts. Warum das so ist, kann ich nicht sagen. Vielleicht habe ich Angst, meine Kinder könnten so werden wie ich. Wobei, die Geschichte mit dem Töpfchen, der A-A und der mit der Zahnbürste braun angemalten Tapete haben sich meine Eltern bestimmt nur ausgedacht um mich zu ärgern. Oder um von der Nichtexistenz des Weihnachtsmannes abzulenken.

Trotzdem, oder gerade deshalb: Liebe Kinder, ich wünsche euch ein schönes Weihnachtsfest mit vielen pädagogisch wertvollen Geschenken! Und wie das Kind in Marias Bauch kam, fragt euren Papa.