Woche 5: Der Lack ist ab

Montag: Vielleicht drückten Gott ja Gram und Sorgen, als er schuf den Montagmorgen.

Dienstag: Trotz des spektakulären Rücktritts von Rüdiger B. Grube verlief die Bahnfahrt nach Neu-Ulm erfreulich angenehm, pünktlich und in korrekter Wagenreihung. Hierzu erschien mir ein Begleitgetränk angemessen.

kw5-1

Neu-Ulm liegt übrigens in Bayern, im Gegensatz zum benachbarten Ulm, welches in Baden-Württemberg liegt. Nun können Sie wieder mit Wissen glänzen. Gerngeschehen.

Mittwoch: Auf der Liste der ewigen Ärgernisse stehen nach wie vor die stets lächerlich winzigen Saftgläser bei Hotelfrühstücksbuffets ziemlich weit oben.

Donnerstag: Warum stehen ältere Menschen im Zug immer schon eine Viertelstunde vor Erreichen ihres Zielbahnhofs von den Sitzplätzen auf? Aber vielleicht mache ich das ja auch bald. Ab übermorgen.

Freitag: Manchmal, wirklich nur manchmal, wäre ich gerne ein paar Tage lang alleine in einem kleinen Haus auf einer Hallig.

Samstag: Letztlich ist 50 auch nur eine Zahl. Trotzdem klingt 39k weniger dramatisch.

Sonntag: Das neue Lebensjahrzehnt startet mit Husten und Schnupfen. Kein Zweifel, der Lack ist ab.

Abgeschrieben: Älter werden

„Wer nicht älter werden will, muss früher sterben“, diesen Satz las ich kürzlich, leider versäumte ich zu notieren, wo. Die Menschen sind schon komisch: Jeder will möglichst alt werden, wofür so mancher dem Genuss von Tabak, Alkohol, Fleisch und Wackelpudding entsagt; älter werden will indes niemand. Im Zeitalter allgegenwärtigen Jugendwahnes gilt es vielmehr als unerfreulich, wenn die Haare ergrauen oder gar ausfallen, Hör- und Sehvermögen nachlassen und auch manch andere Körperfunktion dezent den Fortgang der Lebensjahre erahnen lässt. 

Thomas, einer meiner absoluten Lieblingsblogger, hat zu diesem Thema einen schönen Aufsatz verfasst, den ich hier mit seiner freundlichen Erlaubnis wiedergeben darf.

***

Älter werden

Auweia! Ich bin zwar keine „sweet sixteen“ mehr (wenngleich ich mich immerhin noch als Millennial bezeichnen darf, was immerhin irgendwie jung klingt), aber als alt würde ich mich nicht bezeichnen.

Wobei Alter ja relativ ist. Es gibt da diese schöne Geschichte, die ich jedem aufdränge, wenn es um das Thema geht: Ich war achtzehn und arbeitete in einem Seniorenheim als Zivi. Eines Abends brachte ich eine Seniorin ins Bett, sie war um die achtzig, und erzählte währenddessen ein bisschen von meinem Wochenende: Wir hatten einen fünfzigsten Geburtstag gefeiert, eine große Party mit viel Tamtam. Da bekam die ältere Dame glasige Augen und sagte mit vollem Ernst: „Fünfzig, so jung wär ich auch gern nochmal.“

Diesen Moment habe ich deshalb nie vergessen, weil er mir klar machte, dass in solch einem Zusammenhang die Definition von „Alter“ ausschließlich vom Blickwinkel abhängt. Dennoch: Langsam, aber sicher gerate ich an den Punkt, die Leute zu verstehen, die Probleme mit ihrem Alter hatten, als ich noch das war, was man landläufig wohl als „jung“ bezeichnet.

Neulich klingelten zum Beispiel die Nachbarskinder und fragten nach etwas Zucker. Das allein wäre ja kein Problem gewesen. Aber sie siezten mich! Mich, der ich doch fast ihr Bruder sein könnte… oder eben ihr Vater. An der Supermarktkasse werde ich beim Kauf von Alkoholika auch längst nicht mehr nach meinem Ausweis gefragt. Grund dafür sind sicherlich die grauen Haare, sie sich seit einigen Jahren stur vermehren. Mittlerweile denke ich ernsthaft darüber nach, ob mir gefärbte Haare wohl stünden.

Und dann wären da noch all die Kleinigkeiten, die sich ändern: Die Planung einer langen Autofahrt entlang der Pinkelpausen. Das frühere Zubettgehen, weil ich „ohne ausreichend Schlaf einfach nicht richtig wach werde“. Auch wird die Uhrzeit im Satz „kein Koffein nach 18 Uhr, sonst kann ich nicht schlafen“ immer weiter nach vorne verschoben. Verabredungen sollten gegen 22 Uhr enden, weil ich dann müde werde, und sollten nicht nach 19 Uhr beginnen, weil es sich dann ja gar nicht lohnt. Einen Abend auf der Couch ziehe ich außerdem immer einem Abend vor, der nicht auf der Couch stattfindet.

Am eindrucksvollsten aber war das Gespräch mit einem Bekannten. Er ist gerade achtzehn geworden und hat kürzlich den ersten Nebenjob seines Lebens angefangen, steigt also gerade erst in eine neue Phase des Lebens ein. Während wir uns neulich unterhielten, erwähnte er nebenbei, dass er das Verhalten einiger seiner Freunde für kindlich halte und manchmal das Gefühl habe, er sei ja doch schon ziemlich alt. Mir fiel bei der Aussage fast der Kaffee aus der Hand: „Ich bin doppelt so alt wie du!“ Das hatte natürlich nur den Effekt, dass ich teilnahmsvolle Blicke erntete und ernstes Schweigen angesichts meines geradezu urgroßvaterhaften Lebensalters.

Es bleibt die Frage, wie sich das Wort „Alter“ in zehn, fünfzehn, zwanzig Jahren anfühlen wird. Sicher ganz anders als jetzt. Und ganz bestimmt fange ich bald an mit „diese Jugend heute“-Sätzen…

Quelle: http://www.schreiblehrling.de/aelter-werden/