Woche 37: Reisen, schnarchen, schreiben und etwas Porno

Montag: Es mag meinem Alter geschuldet sein, dass mich unter Menschen mit zahlreichen bunten, verplombten Bändchen am Unterarm, die vom Alter her meine Kinder sein könnten, die Anrede „Alter“ irritiert, insbesondere unter Mädchen. – Dienstreise nach Leipzig. Die zuverlässige elektronische Anzeige von Platzreservierungen scheint die Bahn auch im September 2017 noch vor größere Herausforderungen zu stellen. Nun könnte ich etwas schreiben von bedruckten Pappschildchen, die zu Bundesbahnzeiten in Halterungen oberhalb des Fensters gesteckt wurden, aber das möchte bestimmt niemand lesen.

Dienstag: In der Frühe mehrfach vom eigenen Schnarchen geweckt worden. „Das Spielen eines Blasinstruments kann beim Schnarchproblem helfen“, so steht es in einem Magazin, welches ich auf dem Nachttisch im Hotel vorfand. So logisch das auch erscheinen mag, so bin ich mir doch ziemlich sicher, dass meinen Schlafbegleitern das Schnarchen gegenüber einem nächtlichen Trompetensolo das kleinere Übel ist.

Mittwoch: Die schwedische Gruppe A-ha geht laut einem Zeitungsbericht nächstes Jahr auf Akustik-Tour. Aha. Durch was war der Erfolg der drei Herren denn bislang sonst begründet? Durch ihre Optik?

Donnerstag: „Das Leben ist kein Ponyhof“, wird Güter H. aus B. im Radio zitiert, der auf der Facebook-Seite von WDR 2 gepostet hat. Für derartige Information zahlt man gerne Rundfunkgebühr. – Unterdessen wird die Renovierung der Beethovenhalle noch ein Milliönchen teurer, steht in der Zeitung.

Freitag: Freitagnachmittag, Büroschluss. Während ich mich mit Gedanken ans bevorstehende Wochenende trage, tragen andere ihr Laptop nach Hause. Übrigens: Alles hat Grenzen, auch meine tiefe Abneigung gegen die unnötige Verenglischung diverser Begriffe. So ist ein Laptop ein Laptop, niemals fände das Wort „Klapprechner“ den Weg über meine Lippen. Doch es geht noch dämlicher: „Schleppi“ als Verniedlichung der von Zeitgenossen mit speziellem Humor gerne verwendeten Bezeichnung „Schlepptop“. Okidoki.

Samstag: „Nach der Re­gel Schrei­ben nach Hö­ren kann man üb­ri­gens ei­nem Schul­kind schnell er­klä­ren, dass der Satz „wia woln spiln gen“ wie folgt ge­schrie­ben wer­den muss „wir wo­len spi­len ge­hen“, schreibt Bernd L. aus Sankt Augustin in einem Leserbrief. Damit ist eindrucksvoll belegt, zu was diese zweifelhafte Methode führt.

Sonntag: „Gesellschaftsfähig wird Pornographie aber niemals werden. Auch ihr Vorläufer, die Modelleisenbahn, war nie wirklich gesellschaftsfähig.“ (Max Goldt, Wenn man einen weißen Anzug hat)

Woche 12: Irgendwas ist ja immer

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Montag: Vergangene Nacht träumte ich von einem Skorpion auf fleckigem Betttuch, welchem ich verständlicherweise mit einer gewissen Furcht begegnete. Als ich heute in ruhiger Minute nach der darauf zutreffenden Angst (vielleicht Cnidophobie – Angst vor Stacheln) recherchierte, stieß ich auf Anatidaephobie: die Angst, von Enten beobachtet zu werden. Gibt es eigentlich einen Begriff für die Angst davor beziehungsweise Abneigung dagegen, am Montagmorgen zum Sprechen genötigt zu werden?

Dienstag: Nachdem die Erkältung halbwegs abgeklungen ist, hindert mich nun leichter Schmerz im rechten Oberschenkel am Laufen. Irgendwas ist ja immer. Vielleicht das Alter? Immerhin: Das schont die neuen Laufschuhe. – Unterdessen ist heute die neue Waschmaschine eingetroffen. Vorläufig hört sie auf den Namen Bärbel.

Mittwoch: Trotz eher mäßigem Lesegenusses heute die aktuelle Stadtbahnlektüre „Ich hasse dieses Internet“ von Jaret Kobeck ausgelesen. Es gelingt mir fast nie, ein Buch vorzeitig zu beenden, weil es sich anfühlt wie eine persönliche Beleidigung des Autors, was meinem krankhaften Harmoniestreben zuwider läuft. Außerdem könnte ja am Ende doch noch was Lesenswertes kommen. Kam aber nicht.

Donnerstag: Ein herrlicher Frühlingstag mit Fußmarsch zur Arbeit am Morgen. An anderen, seltenen Tagen, an denen Widerwille mein Wegbegleiter ins Büro ist, motiviert mich die Erkenntnis, es gibt viel schlimmere Jobs als meinen. Zum Beispiel Sprecher der Deutschen Bahn. Überhaupt Sprecher. Es sei denn, man heißt Andrea Titz und ist Sprecherin des Oberlandesgerichtes München. Äußerlich Evelyn Hamann nicht unähnlich, tritt sie regelmäßig vor die Fernsehkameras und berichtet mit sonorer, von bayrischem Akzent verzierter Stimme über den Sachstand der ganz großen Verfahren, in dieser Woche etwa des Prozesses gegen Georg Funke, den ehemaligen Chef der Hypo Real Estate. Bekannt geworden ist sie durch regelmäßige Auftritte anlässlich des NSU-Prozesses, mittlerweile gewissermaßen der Hauptstadtflughafen unter den Strafverfahren. Sie sehen in mir einen großen Bewunderer von Andrea Titz.

Laut einer Zeitungsmeldung würde fast ein Drittel aller Menschen zwischen neunzehn und achtunddreißig eher auf Sex verzichten als auf ihr Smartphone, so weit ist es schon gekommen. Ich wäre immerhin zum Verzicht bereit auf Sex mit dem Smartphone.

Freitag: Iktsuarpok kommt aus dem Inuit und bezeichnet die Vorfreude, wenn man auf jemanden wartet. Ich kenne Iktsuarpok gut. Jeden Freitag aufs Neue.

Samstag: Reisen bildet. Auf der Rückfahrt aus Köln wurde ich in der Mittelrheinbahn Zeuge eines Gespräches, in dessen Verlauf eine Dame ihrem Sitznachbarn und allen anderen Mitreisenden drumherum mitteilte, sie nehme nie das Mobiltelefon mit auf die Toilette.

Das Ende des Internets finden Sie übrigens hier: http://endedesinternets.de/

Sonntag: Die Zeitumstellung auf Sommerzeit ist in etwa so notwendig wie ein Porsche.

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Woche 5: Der Lack ist ab

Montag: Vielleicht drückten Gott ja Gram und Sorgen, als er schuf den Montagmorgen.

Dienstag: Trotz des spektakulären Rücktritts von Rüdiger B. Grube verlief die Bahnfahrt nach Neu-Ulm erfreulich angenehm, pünktlich und in korrekter Wagenreihung. Hierzu erschien mir ein Begleitgetränk angemessen.

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Neu-Ulm liegt übrigens in Bayern, im Gegensatz zum benachbarten Ulm, welches in Baden-Württemberg liegt. Nun können Sie wieder mit Wissen glänzen. Gerngeschehen.

Mittwoch: Auf der Liste der ewigen Ärgernisse stehen nach wie vor die stets lächerlich winzigen Saftgläser bei Hotelfrühstücksbuffets ziemlich weit oben.

Donnerstag: Warum stehen ältere Menschen im Zug immer schon eine Viertelstunde vor Erreichen ihres Zielbahnhofs von den Sitzplätzen auf? Aber vielleicht mache ich das ja auch bald. Ab übermorgen.

Freitag: Manchmal, wirklich nur manchmal, wäre ich gerne ein paar Tage lang alleine in einem kleinen Haus auf einer Hallig.

Samstag: Letztlich ist 50 auch nur eine Zahl. Trotzdem klingt 39k weniger dramatisch.

Sonntag: Das neue Lebensjahrzehnt startet mit Husten und Schnupfen. Kein Zweifel, der Lack ist ab.

Abgeschrieben: Älter werden

„Wer nicht älter werden will, muss früher sterben“, diesen Satz las ich kürzlich, leider versäumte ich zu notieren, wo. Die Menschen sind schon komisch: Jeder will möglichst alt werden, wofür so mancher dem Genuss von Tabak, Alkohol, Fleisch und Wackelpudding entsagt; älter werden will indes niemand. Im Zeitalter allgegenwärtigen Jugendwahnes gilt es vielmehr als unerfreulich, wenn die Haare ergrauen oder gar ausfallen, Hör- und Sehvermögen nachlassen und auch manch andere Körperfunktion dezent den Fortgang der Lebensjahre erahnen lässt. 

Thomas, einer meiner absoluten Lieblingsblogger, hat zu diesem Thema einen schönen Aufsatz verfasst, den ich hier mit seiner freundlichen Erlaubnis wiedergeben darf.

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Älter werden

Auweia! Ich bin zwar keine „sweet sixteen“ mehr (wenngleich ich mich immerhin noch als Millennial bezeichnen darf, was immerhin irgendwie jung klingt), aber als alt würde ich mich nicht bezeichnen.

Wobei Alter ja relativ ist. Es gibt da diese schöne Geschichte, die ich jedem aufdränge, wenn es um das Thema geht: Ich war achtzehn und arbeitete in einem Seniorenheim als Zivi. Eines Abends brachte ich eine Seniorin ins Bett, sie war um die achtzig, und erzählte währenddessen ein bisschen von meinem Wochenende: Wir hatten einen fünfzigsten Geburtstag gefeiert, eine große Party mit viel Tamtam. Da bekam die ältere Dame glasige Augen und sagte mit vollem Ernst: „Fünfzig, so jung wär ich auch gern nochmal.“

Diesen Moment habe ich deshalb nie vergessen, weil er mir klar machte, dass in solch einem Zusammenhang die Definition von „Alter“ ausschließlich vom Blickwinkel abhängt. Dennoch: Langsam, aber sicher gerate ich an den Punkt, die Leute zu verstehen, die Probleme mit ihrem Alter hatten, als ich noch das war, was man landläufig wohl als „jung“ bezeichnet.

Neulich klingelten zum Beispiel die Nachbarskinder und fragten nach etwas Zucker. Das allein wäre ja kein Problem gewesen. Aber sie siezten mich! Mich, der ich doch fast ihr Bruder sein könnte… oder eben ihr Vater. An der Supermarktkasse werde ich beim Kauf von Alkoholika auch längst nicht mehr nach meinem Ausweis gefragt. Grund dafür sind sicherlich die grauen Haare, sie sich seit einigen Jahren stur vermehren. Mittlerweile denke ich ernsthaft darüber nach, ob mir gefärbte Haare wohl stünden.

Und dann wären da noch all die Kleinigkeiten, die sich ändern: Die Planung einer langen Autofahrt entlang der Pinkelpausen. Das frühere Zubettgehen, weil ich „ohne ausreichend Schlaf einfach nicht richtig wach werde“. Auch wird die Uhrzeit im Satz „kein Koffein nach 18 Uhr, sonst kann ich nicht schlafen“ immer weiter nach vorne verschoben. Verabredungen sollten gegen 22 Uhr enden, weil ich dann müde werde, und sollten nicht nach 19 Uhr beginnen, weil es sich dann ja gar nicht lohnt. Einen Abend auf der Couch ziehe ich außerdem immer einem Abend vor, der nicht auf der Couch stattfindet.

Am eindrucksvollsten aber war das Gespräch mit einem Bekannten. Er ist gerade achtzehn geworden und hat kürzlich den ersten Nebenjob seines Lebens angefangen, steigt also gerade erst in eine neue Phase des Lebens ein. Während wir uns neulich unterhielten, erwähnte er nebenbei, dass er das Verhalten einiger seiner Freunde für kindlich halte und manchmal das Gefühl habe, er sei ja doch schon ziemlich alt. Mir fiel bei der Aussage fast der Kaffee aus der Hand: „Ich bin doppelt so alt wie du!“ Das hatte natürlich nur den Effekt, dass ich teilnahmsvolle Blicke erntete und ernstes Schweigen angesichts meines geradezu urgroßvaterhaften Lebensalters.

Es bleibt die Frage, wie sich das Wort „Alter“ in zehn, fünfzehn, zwanzig Jahren anfühlen wird. Sicher ganz anders als jetzt. Und ganz bestimmt fange ich bald an mit „diese Jugend heute“-Sätzen…

Quelle: http://www.schreiblehrling.de/aelter-werden/