Montag: Die neue, kurze Arbeitswoche begann durchgehend sonnig und ohne nennenswerten Verdruss. Die Morgentemperaturen sind vier Tage vor Mai noch steigerungsfähig; das wird schon, wenn die Wetteraussichten zutreffen. Bis dahin gibt es Handschuhe. Mittags in der Kantine gab es Spargel, erstaunlicherweise ohne olfaktorische Auswirkungen hinterher, Sie wissen schon. Ob sich daraus etwas über die Qualität der Erdgemüsestangen folgern lässt, weiß ich nicht. Ansonsten endete der Arbeitstag wegen des letzten Physio-Termins für den weiterhin genesenden Ellenbogen zeitig, was sich ungefähr mit meiner Arbeitslust deckte.
Dienstag: In der Nacht, vielleicht war es schon früher Morgen, ich schaute nicht auf die Uhr, lärmte ein Hubschrauber über der Siedlung, was mich aus dem Tuche nötigte, um das Fenster zu schließen. Wie die Zeitung heute berichtete, suchte die Polizei eine vermisste Jugendliche. Für mich ist es immer wieder ein Rätsel, wie es mithilfe eines Hubschraubers gelingt, in einer Stadt eine Person zu finden, aber es gelang wohl. Übertitelt ist der kurze Artikel mit „Deshalb kreiste am frühen Dienstagmorgen ein Hubschrauber über Bonn“. Keine Artikelüberschrift in Onlinemedien kommt heute noch ohne dieses Deshalb aus oder Das (z.B. „sind die Gründe“), beliebt auch Warum (z.B. „die Spritpreise weiter steigen)“. Wie auch berichtet wird, kontaktierten wegen des Hubgeschraubes mehrere Personen die Zeitung. Warum tut man das? Ähnlich verwunderlich immer wieder, wenn irgendwo die Erde bebt und die Leute deswegen die Polizei anrufen. Was soll die tun?
Dienstagsüblich ging ich zu Fuß ins Werk. In Turmnähe sind seit Jahren rätselhafte Zeichen auf die Gehwege gemalt, ein C und ein R, dazwischen ein Pfeil. Diese Markierungen, die regelmäßig nachgepinselt werden wie eine auf Dauer angelegte Schnitzeljagd, reichen mindestens bis in den Rheinauenpark. Wer weiß, vielleicht wartet am Ziel ein Schatz für CR, also Carsten Rainer. Vielleicht sogar kann ich als einziger diese Zeichen sehen, wie Harry Potter das Gleis 9 3/4. Irgendwann nehme ich mir mal die Zeit, dieser Spur systematisch zu folgen. Wenn dann am Endpunkt statt einer Truhe Gold ein Biergarten liegt, wäre das auch nicht schlecht.

Dass gut gemeint und gut gemacht oft auseinanderliegen, lässt sich neben dem Turm besichtigen. Dort liegt neben einer flachstufigen Treppe eine ebenfalls ansteigende Rasenfläche, die in der Vergangenheit regelmäßig von Fahrrädern, manchmal augenscheinlich auch Kraftfahrzeugen befahren wurde. In einem entsprechenden Zustand befand sie sich, gerade nach Regenwetter. Um dem zu begegnen, wurden dort vor einiger Zeit Felssteine aufgereiht, allerdings in einem derart großzügigen Abstand, der Fahrrädern kein ernsthaftes Hindernis bietet. Das könnte sich die derzeit amtierende Bundesregierung ausgedacht haben: Hauptsache, irgendwas machen, egal, ob es wirkt. Immerhin müssen und dürfen Kraftfahrzeuge nun die Treppe befahren, worauf ein Schild ausdrücklich hinweist.

Morgens schaute kurz nach Ankunft im Büro eine länger nicht gesehene Kollegin, die auch schon lange dabei ist, bei mir rein mit den Worten „Wie lange noch?“, womit sie nicht wissen wollte, wann ich heute zu gehen beabsichtigte. Nachdem wir uns gegenseitig einstellige Zahlen genannt hatten, gingen wir zufrieden an die anstehenden Gewerke. Es gehört wohl zum guten Ton unter Kollegen über fünfzig, einander diese Frage zu stellen, ich merke es an mir selbst zunehmend.
Dazu passend und gleichwohl zufällig traf ich bei der Heimkehr den jungen Nachbarn, der seiner Freude über den beendeten Arbeitstag Ausdruck verlieh und diese mit dem Satz „Noch neunundzwanzig Jahre“ abrundete. Als ich mit meiner deutlich niedrigeren Zahl entgegnete, war ein gewisser Neid nicht zu übersehen; seine Antwort „Das hätte ich jetzt nicht gedacht“ werte ich als Kompliment betreffend mein gut erhaltenes Äußeres, danke dafür.
Auf dem Rückweg vorher gönnte ich mir einen Maibock vor dem bayrischen Wirtshaus in der Innenstadt und las dabei die Blogs. Obwohl ich nicht sehr schnell trank, reichte die Zeit eines halben Liters nicht, um alles zu lesen; die Mitblogger waren zu produktiv in den vorangegangenen zwölf Stunden oder ich lese zu langsam, weil ich mich immer wieder von vorbeigehenden Passanten ablenken lasse. Vielleicht sollte ich das Lesen beim Biertrinken überhaupt unterlassen und nur schauen. In Erinnerung geblieben ist mir nur ein älterer Herr im Anzug, der große Ähnlichkeit mit Opa Hoppenstedt aufwies und eine Pfeife im Mund trug, der allerdings kein erkennbarer Rauch entstieg. Pfeifenraucher sind selten geworden, stattdessen werden diese Elektrodinger gedampft, auch als Talahonflöten bezeichnet, wie ich vor längerer Zeit irgendwo las.
Mittwoch: Morgens fuhr ich an einem Plakat vorbei, das für eine Dinosaurier-Ausstellung wirbt. Wie das manchmal so ist, Sie kennen das vielleicht, sofort hatte ich dieses Lied im Kopf, den es in den nächsten Stunden nicht wieder verließ.
Um nicht selbst in den Ruf eines Dinosauriers zu geraten, zudem motiviert durch die Schulung vergangene Woche versuchte ich mich vormittags erstmals ernsthaft am Gebrauch künstlicher Intelligenz, namentlich dem bei uns zu verwendenden Copilot. Die Aufgabenstellung war nicht sehr kompliziert, er sollte ein vorhandenes Dokument in eine andere Form bringen, die ich ihm als Word-Vorlage hochlud. Inhaltlich war im Wesentlichen nichts zu ändern, auch die Kapitelüberschriften stimmten größtenteils überein, nur die Reihenfolge der Kapitel wich von der Ursprungsfassung ab. Ein Schülerpraktikant ohne fachliches Hintergrundwissen hätte es mühelos hinbekommen. Nicht so der Copilot: In der ersten Fassung war das Format ein anderes, die Inhalte der Kapitel waren nur rudimentär übertragen. Darauf hingewiesen, gab er mir recht, erging sich in Ausflüchte und versprach, nunmehr eine vollständige, korrekt formatierte Fassung zu erstellen. Und also befahl ich ihm. Die nächste Fassung hatte optisch gewisse Ähnlichkeit mit dem Gewünschten, inhaltlich blieb sie mager. Das ging noch einige Male so, bis ich immer trauriger wurde und von weiteren Versuchen absah. Anschließend kopierte ich die Inhalte selbst in das Zieldokument, was nur unwesentlich länger dauerte als die Zeit, die ich zuvor dem gepriesenen elektronischen Assistenten gewidmet hatte. Es dauert wohl noch etwas, bis wir Freunde werden. Wahrscheinlich lag es nur an meiner Unfähigkeit, richtig zu prompten.
Donnerstag: Für den heutigen Inseltag war die Bewanderung der sechsten Ahrsteig-Etappe von Walporzheim bis Bad Neuenahr geplant. Dem stand zunächst nichts im Wege, nach dem Frühstück im Bäckerei-Café am Bahnhof saß ich im Zug nach Ahrbrück, als die Durchsage kam: Wegen einer Störung im Stellwerk von Oberwinter (wozu gibt es dort immer noch ein Stellwerk?) verzögere sich die Abfahrt um unbestimmte Zeit. Wenig später die Durchsage: Aus vorgenanntem Grund fällt die Fahrt aus, man wisse nicht, wann der Oberwinterer Stellwerk wieder stellbereit ist, was auch immer es zu stellen hat. Nicht ausfallen musste deswegen mein Wandertag: Statt ins Ahrtal fuhr ich mit der Stadtbahn bis Alfter, um die Heimatblick-Runde durch das Vorgebirge und die Ville zu gehen; immer gut, wenn man ein paar Touren in Reserve gespeichert hat.
Kurz nach Start begann Komoot wieder zu phantasieren und die geplante Tour zu verstümmeln, schon vorletzte Woche beklagte ich das. Doch wie so oft ist der Anwender das Problem: Bei Neustart entdeckte ich den Schalter „Automatisch umplanen“, der sofort deaktiviert wurde, von da an lief die App zuverlässig; auf was man alles achten muss. Mein Vertrauen in die künstliche Intelligenz ist ein weiteres Mal erschüttert. In Alfter standen schon einige geschmückte Maibäume an den Fassaden, was mich wunderte, bislang nahm ich an, die würden erst in der Nacht zum 1. Mai aufgestellt. Vielleicht gelten diesbezüglich im Vorgebirge andere Regeln als in Bonn.
Die Wanderung bei Sonnenschein war wieder erbaulich. Ungefähr die erste Hälfte führt durch Wiesen und Felder mit Blick („Heimatblick“) über die Rheinebene, die zweite durch den Ville-Wald. Auch an einem Lavendelfeld kam ich vorbei; dass es in der Gegend eins geben soll, las ich vor längerer Zeit, seit heute weiß ich, wo. Kurz danach vernahm ich ein Geräusch, das Kuhglocken recht nahe kam, die Quelle konnte ich nicht ermitteln. Wozu also noch in die Provence oder ins Allgäu reisen, wenn es das alles vor der Haustür gibt? Ansonsten ist die Strecke wenig anspruchsvoll, ohne größere Steigungen und Unwegsamkeiten mit Stolperpotenzial. Das traf sich gut, die letzte Woche erstandenen Wanderstöcke hatte ich aus logistischen Gründen nicht dabei, weil der für deren Transport erforderliche Rucksack mit entsprechenden Halterungen noch nicht eingetroffen war. Auch Freunde schmaler Pfade könnten enttäuscht sein, meistens geht es über breite Wege, in der ersten Hälfte überwiegend asphaltiert.
Während des Gehens dachte ich über den Tod nach, was ich nicht schlimm finde; mit kurz vor sechzig darf man das. Er gehört dazu, ob wir das wollen oder nicht, irgendwann geht für jeden das Licht aus, für mich, für meine Lieben, für alle. Die Frage ist nur, wann und in welcher Reihenfolge die Sense mäht. Ich finde das ausgesprochen tröstlich, erwarte für danach nichts, kein Himmelreich, kein ewiges Leben, um Himmels Willen. Und wenn unser aller Atome schon lange woanders eingebunden sind, grünt der Wald der Ville Ende April aller Voraussicht nach immer noch frühlingfrisch, Vögel singen, Zitronenfalter flattern und Frösche sonnen sich in den Tümpeln, ist das nicht schön.
Nach knapp vier Stunden erreichte ich wieder Alfter, fuhr mit der Stadtbahn zurück nach Bonn und belohnte mich bei einer Gaststätte des Vertrauens mit Allgäuer Bier. Auf die übliche Currywurst verzichtete ich in Erwartung eines gemeinsamen Abendessens mit meinen Lieben.







Freitag: Der Mai ist gekommen und schenkt uns, obwohl er „Tag der Arbeit“ heißt, einen arbeitsfreien Tag; jedes Jahr erfreue ich mich erneut an diesem Paradoxon, auch dieses Jahr lasse ich Sie an meiner Freude teilhaben. Um den Tag nicht untätig verstreichen zu lassen, unternahmen der Liebste und ich eine Radtour durch die zu dieser Jahreszeit besonders schönen Siegauen. Wie man sich denken kann, waren wir nicht die einzigen mit dieser Idee, wobei sich die Anzahl der sonst üblichen Rennrad-Irren in Grenzen hielt. Das Wetter war sonnig-warm, selbst für einen Fröstling wie mich kurzärmelig und ohne Jacke gut auszuhalten. Umso mehr wunderte ich mich, wie viele Radfahrer in hochgeschlossener Daunenjacke entgegenkamen. Ziel war die „Sieglinde“, eine gar zauberhafte Gaststätte mit Biergarten direkt an der Sieg nahe Hennef, wo wir Glück hatten und zwei freie Plätze fanden.
Nach ausreichender Stärkung fuhren wir auf der rechten Siegseite zurück, freundlich angeschoben vom Wind, der uns auf dem Hinweg kräftig entgegen geblasen hatte. Auf halber Strecke verließen wir den vorgesehenen Radweg auf der Deichkrone und bewegten uns auf holprigen Pfaden, im wörtlichen Sinne über Stock und Stein. Eine wunderschöne Strecke, die dazu einlädt, ohne Fahrrad erwandert zu werden.



Bei Thomas las ich das Wort „Facepalm“, recherchierte dessen Bedeutung und vergrub augenblicklich das Gesicht entsetzt in der Handfläche.
Beim Wirtshausbesuch mit den Lieben am Abend gehört: „Fresse halten, fröhlich sein“. Das erscheint mir als Lebensmotto durchaus geeignet. Oder als Spruch für die Todesanzeige.
Samstag: Einer relativ spontanen Eingebung folgend kaufte ich mir eine leichte Jacke für die Sommermonate, um die Daunenjackensaison beenden zu können. Nicht, dass ich keine besäße, mehrere sogar, doch manchmal überkommt auch einen Konsummuffel wie mich das Verlangen nach etwas Neuem. Erst im dritten Geschäft fand ich eine, die bei ansprechendem Design und akzeptablem Preis die Anforderungen erfüllt: nicht zu kurz, damit sie bei Bedarf auch über einem Anzug bzw. Sakko getragen werden kann, und, ganz wichtig: zwei Innentaschen für Portemonnaie und Notizbuch. Die meisten zuvor gesehenen Jacken, die mir gefielen, hatten entweder nur eine oder gar keine.
Sonntag: In letzter Zeit bin ich davon abgekommen, einmal wöchentlich eine Frage von der Liste der 1000 Fragen zu beantworten. Das soll so nicht bleiben, deshalb heute die nächste.

Frage 674 lautet: „Wann hast du Mühe, dir selbst in die Augen zu schauen?“ Das gelingt mir bislang mühelos, selbst dann, wenn es am Vorabend etwas heftiger war, weil der Geliebte meinte, irgendeine Flasche müsste leer werden. Falls die Frage im übertragenen Sinne gemeint ist, also wenn ich etwas getan oder gesagt habe, das meiner Überzeugung widerspricht, auch dann kann ich mir in die Augen schauen, ein Spiegel vorausgesetzt. Wie sollte ich mich sonst mit einem tadelnden Blick strafen?
Apropos Fragen: Manche Menschen wissen auf alles sofort die Antwort, auch auf Fragen, die gar nicht gestellt wurden.

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Ich werde sie aus beruflichen Gründen größtenteils außerhalb von Bonn verbringen, erst in Dresden, dann in Ostbevern bei Münster.
18:00
