Foto der Woche: Dampf und Glück

Die Aktion „Foto der Woche“ von Aequitas et Veritas läuft bis zum 31. Dezember. Jede Woche zeigt man ein Foto und schreibt was dazu, etwa wann und wo man es gemacht hat, warum man es zeigt oder welche Gedanken man damit verknüpft. Da ich in dieser Woche nichts zeigenswertes fotografiert habe, zeige ich ein 37 Jahre altes.

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Meine Begeisterung für Eisenbahnen und Dampfloks entstand irgendwann in früher Kindheit und führte in die übliche Laufbahn – von Schiebezügen, deren Streckennetz das Muster der Teppichs im Wohnzimmer war, über die Lego-Eisenbahn, dann kam die erste Modellbahnplatte in HO, schließlich die LGB-Eisenbahn im elternhäuslichen Garten. Der größte schienengebundene Wunsch meiner Kindheit und Jugend war es, mal auf einer richtigen Dampflok zu stehen, als Heizer oder gar Lokführer. 

Der Verein Dampf-Kleinbahn Mühlenstroth machte es möglich. Er betreibt bei Gütersloh, also nicht weit entfernt von Bielefeld, wo wir wohnten, eine Art Modelleisenbahn im Maßstab 1:1. Das heißt, es sind schon richtige Lokomotiven und Wagen, die in ihren früheren Leben mal dem Transport von Gütern und Personen dienten, nur lagen dort, wo sie heute fahren, früher keine Gleise, vielmehr wurden sie erst in den frühen Siebzigerjahren von Eisenbahnfreunden dort verlegt, um die alten Loks – teilweise von Schrottplätzen gerettet und anschließend aufgearbeitet – als Hobby weiter zu betreiben. Eine Art Gnadenhof für ausgemusterte Loks und Wagen, kann man so sagen.

Nach dem ersten Besuch der Dampfkleinbahn mit meinen Eltern, es muss so 1976 gewesen sein, wusste ich: Das ist es, das will ich auch, da will ich mitmachen! In einem Alter, da andere Jungs schon den Mädchen nachstellten, zum Fußball und in die Disko gingen, trat ich dem Verein bei. Bereits im Sommer 1983 stand ich zum ersten Mal als Heizer auf einer Lok, für mich ein wahnsinniges Gefühl von Glück und Stolz, das für Außenstehende, denen bei Eisenbahn vor allem Unpünktlichkeit, Verzögerungen im Betriebsablauf und umgekehrte Wagenreihung einfallen, vielleicht schwer nachzuvollziehen ist.

Hier nun das Foto von September 1983, es zeigt mich mit damals zeitgemäßer Frisur als Heizer der Lok Nr. 12 „Mecklenburg“, Baujahr 1934. Vielleicht ist mein Glücksgefühl nicht unmittelbar zu erkennen, aber seien Sie versichert: Ich war durch und durch erfüllt davon.

Aktives Mitglied bei einer Museumseisenbahn zu sein bedeutet indessen nicht nur, im Sommer auf dem Führerstand einer Lok zu stehen oder in Bahn-Uniform Löcher in Fahrkarten zu knipsen, sondern viel harte Arbeit und Dreck, auch im Winter, wenn es zu Hause bei der Modellbahn in der warmen Stube viel schöner ist. Der Eisenbahnfreund an sich ist eine besondere Spezies, also schon der „normale“, der in beiger Jacke mit Fototasche und ohne erkennbare Frisur am Bahndamm steht, Züge fotografiert und unter seinesgleichen klug daherredet; erst recht aber der aktive Museumseisenbahner. Wie bei anderen Vereinen auch kommen hier die verschiedensten Menschen zusammen: Arbeiter, Techniker, Büromenschen, Akademiker, Schüler, Studenten, Rentner; jeder kann sich einbringen, nicht jeder muss Eisenbahner, Schweißer oder Schlosser sein. Ich habe während meiner aktiven Zeit bei der Dampfkleinbahn Bekanntschaft mit vielen netten und interessanten Leuten gemacht, auch mit schwierigen; keine dieser Bekanntschaften möchte ich missen. Ich habe viel gelernt, über Technik, über Metallbearbeitung, und über Menschen.

Seit meinem Umzug nach Bonn bin ich nur noch sehr selten dort, wenn es hoch kommt einmal im Jahr, in manchen Jahren gar nicht, so wie in diesem. Aber dieses Jahr ist ohnehin anders. Deshalb kann die Bahn zurzeit auch nicht fahren, aber es gibt sie immer noch.

Woche 38: Die Welt dreht sich trotzdem weiter

Montag: Nach dem Mittagessen verhinderte höllischer Lärm im Werksgarten einen gesunden Büroschlaf. Was wie ein besonders fieser Laubbläser klang, erwies sich als motorgetriebene Heckenschere, was es nicht besser machte. Bekommen diejenigen, die damit arbeiten, wohl Schmerzensgeld, oder wenigstens eine Erschwerniszulage?

Dennoch musste ich auf den Gesang des Laubbläsers nicht verzichten, das Heckengeschnetzelte musste ja anschließend zusammengepustet werden.

Dienstag: Bleiben wir im Büro, wo ich dieses las: »In Zukunft setzen wir für unsere Büromitarbeitenden auf eine noch bessere Balance zwischen mobilem Arbeiten und persönlichem Kontakt in einem innovativen Umfeld.« Als Büromitarbeitender mit tiefer Abneigung gegen Heimarbeit glaube ich in diesem Satz eine Bedrohung zu erkennen. Die Lebenserfahrung lehrt, wann immer in einer öffentlichen Verlautbarung oder Werbung die Worte „noch besser“ vorkommen, ist selten etwas Gutes zu erwarten.

Eine Bedrohung ganz anderer Art erfolgt zurzeit in einigen Regionen durch Orcas: Laut einem Zeitungsartikel greifen sie gezielt Ruder von Schiffen und Booten an, bis sie nicht mehr manövrierbar sind. So ähnlich fing das in „Der Schwarm“ von Schätzling auch an.

Als Radfahrer am meisten bedroht fühle ich mich übrigens durch andere Radfahrer, die unter Missachtung gängiger Anstands- und Verkehrsregeln und ohne zu kucken einfach drauflos fahren.

Mittwoch: Noch einmal das beliebte Thema gendergerechte Sprache. Die Ankündigung der Bundeswehr, diverse Dienstgrade künftig auch in weiblicher Form zu bezeichnen, wie „Generalin“, „Gefreitin“*, „Unteroffizierin“ oder „Oberstleutnantin“, inspirierte heute gleich fünf Leserbriefschreiber (darunter immerhin eine Frau) im General-Anzeiger zu ablehnenden Meinungsäußerungen. Ein wesentliches Argument: Die Bundeswehr habe ganz andere Probleme, die zuvörderst zu lösen wären. Das ist ein beliebter Einwand von Leuten, die gegen eine grundsätzlich gute Sache sind, meist beginnend „Die sollen doch erstmal …“ bzw. „Sollen die doch erstmal …“. Sehr beliebt auch bei Maßnahmen zu Klima- und Umweltschutz. Über das Wort „Vorständin“ zu weiblichen Vorstandsmitgliedern habe ich indes noch keine Empörungsäußerungen wahrgenommen, obwohl das mindestens genauso unsinnig ist.

* Müsste das nicht auch „die Gefreite“ heißen, oder bekommt das dann eine andere Bedeutung?

Donnerstag: Die Corona-App hat offenbar einen gewissen Unterhaltungswert, wie die Beobachtung eines Kollegen in Siegburg zeigt: Ein älteres Ehepaar wollte ein Restaurant aufsuchen. Während sie am Eingang wartete, ging er durch das Lokal, immer den Blick auf sein Datengerät gerichtet. Nachdem er seine Runde beendet hatte und wieder bei seiner Gattin war, sagte er: „Alles grün, kannst reinkommen.“

Die gute Nachricht zum Flüchtlingsdrama: 2015 wird sich ganz sicher nicht wiederholen.

Freitag: Manches nimmt man jahrelang als gegeben hin, ohne es zu hinterfragen. Wie die Altglascontainer in Werksnähe, an denen ich täglich vorbei komme. Erst heute früh, nach Jahren unbedachten Dranvorbeigehens, dämmerte mir: Warum stehen in einem reinen Büroviertel, fernab von Wohnbebauung, Altglascontainer, und das an gleich zwei Stellen mit wenigen hundert Metern Distanz dazwischen? Wer nutzt die? Oder gab es dort früher, als es noch Regierungsviertel und zudem üblich war, täglich ins Büro zu gehen, so viele Büro-Partys mit Schaumweinbegleitung?

Samstag: Mit dem Auto fuhren der Liebste und ich zu einem Kurzbesuch nach Bielefeld, wo meine Mutter westfälischen Pickert briet. Für Nichtwestfalen: Pickert ist eine Art Pfannkuchen aus geriebenen Kartoffeln, Mehl, Rosinen und Hefe, den man, möglichst warm aus der Pfanne, vor dem Verzehr mit Butter, Marmelade, Zuckerrübensirup oder grober Leberwurst bestreicht, möglich und (kein Scherz) ausgesprochen köstlich ist auch die Kombination von Leberwurst und Sirup. Abends fuhren wir wieder zurück, weil ich private Übernachtungen nach wie vor, unabhängig von irgendwelchen Seuchenlagen, als etwas erachte, das es unbedingt zu vermeiden gilt. „Samstagabend ist Kult“, sagte einer im Autoradio. Was Leute so daherreden, wenn man ihnen ein Mikrofon hinhält.

Sonntag: Die Unfruchtbarkeit von Männern scheint im Heterosexuellenmillieu ein großes Problem zu sein; letzte Woche war es Titelthema im SPIEGEL, heute berichtet die F.A.S. ausführlich dazu. Betroffene behaupten, die Feststellung habe sie getroffen wie der Tod eines nahen Angehörigen oder eine Krebsdiagnose, vor allem sehen sie ihre Männlichkeit arg ins Wanken geraten. Meine Herren, bitte sehen Sie mir meine antinatalistische Sichtweise nach, und es liegt mir wirklich fern, Sie vor den Kopf oder andere Körperregionen zu stoßen, aber angesichts von sieben Milliarden Menschen auf der Erde, mit weiterhin steigender Tendenz, fällt es mir schwer, die Dramatik darin zu erkennen. Auch wenn ausgerechnet Ihre wunderbaren Gene nicht weitergegeben werden, die Welt dreht sich trotzdem weiter.

Am Beueler Rheinufer stand nachmittags ein Doppeldeckerbus, auf dessen Oberdeck eine Kombo aufspielte. Wie ich einem verteilten Handzettel nach grobem Überfliegen entnahm, handelt es sich um eine Art Konzertreihe, die der Linderung derzeitiger kultureller Entbehrungen dient. Leider ist mir der Zettel auf dem Heimweg abhanden gekommen, daher kann ich nicht mit weiteren Informationen dazu dienen. Der geäußerten Bitte, Fotos oder Videos der Darbietung ins Netz zu stellen, komme ich selbstverständlich gerne nach.

Ansonsten waren in dieser Woche erfreulich: neue Schuhe, ein Spaziergang durch Bielefeld-Stieghorst, gedeckter Apfelkuchen, eine umfassende Einweisung in die neue Küchenordnung durch den Geliebten („Herd, heiß“ / „Heiß, Herd“).

Foto der Woche: Konsum

(c) Ethan Hoover

Die Aktion „Foto der Woche“ von Aequitas et Veritas läuft bis zum 31. Dezember. Jede Woche zeigt man ein Foto und schreibt was dazu, etwa wann und wo man es gemacht hat, warum man es zeigt oder welche Gedanken man damit verknüpft. Hier mein Foto für die Woche 38.

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Mich selbst als konsumorientiert zu bezeichnen, wäre übertrieben, wenn nicht glatt gelogen. Selten kaufe ich mir Dinge, die ich nicht unbedingt benötige. Unser Gesellschaftssystem, dessen wesentliche Säule das Kaufen von möglichst viel Zeug ist, wäre längst zusammengebrochen, gäbe es nur solche wie mich. Dabei ist das keine Frage des Geizes, ich hänge nicht sonderlich am Geld. Und doch widerstrebt es mir, etwas zu kaufen, nur weil es vielleicht gerade angesagt oder günstig zu erstehen ist.

Aber manchmal überkommt es auch mich. Dann sehe ich etwas und muss es sofort haben, ohne es wirklich zu brauchen. In diesem Fall war es das brennende Verlangen nach neuen, aufgrund der „neuen Normalität“ bürotauglichen Schuhen, das mich am Donnerstagabend noch ins Städtchen trieb:

Seitdem bewegt sich mein Konsumdrang wieder auf gewohnt niedrigem Niveau.

Woche 37: Hohle Phrasen und leere Versprechungen

Montag: „Wenn ich zum Traumdeuter gehe, muss der danach zum Psychologen“, sagte morgens der Geliebte, nachdem unsere Nachtruhe und die der näheren Nachbarschaft eine jähe Unterbrechung erfahren hatte durch seinen Aufschrei, weil er von wilden Bestien oder was auch immer gejagt wurde.

Aufschreigründe gibt es ja immer, wie solche Sätze, die ich heute hörte: „Es ist wichtig, die Kollegen onboarden zu können.“ – „Da sind wir gerade nicht satifikationsfähig.“

Dienstag: Es ist recht frisch geworden, jedenfalls morgens. Bekleidungstechnisch immer eine schwierige Phase: Auf dem Weg ins Werk kann ich schon Pullover und Jacke vertragen, zurück am liebsten Polohemd und kurze Hosen. Oder: „Ist kühl morgens Rad.“ Sie verstehen schon.

Von frisch zu frivol (bitte verzeihen Sie diesen nicht gerade durch Eleganz hervorstechenden Übergang) – ein gewisser Paul Di­vjak im SPIEGEL über ein Parfüm für Männer: „Das ist zart-süß und ani­ma­lisch-geil. Trop­fen für Trop­fen pure Lüs­tern­heit, mit Schweiß-, Urin- und Dar­kroom-As­so­zia­tio­nen.“ Urin. Und Darkroom. Wenn auch noch eine leichte Poppers-Note anklingt, muss ich es haben.

Mittwoch: Die Landwirtschaftsministerin will das Töten männlicher Küken verbieten. Stattdessen soll das Geschlecht bereits im angebrüteten Ei ermittelt werden. Ich habe keinen Zweifel an der Machbarkeit: Die Wissenschaft ist in der Lage, per Teleskop die Zusammensetzung der Atmosphäre Lichtjahre entfernter Planeten zu bestimmen, dagegen sollte die Geschlechtsbestimmung von Hühnereier*innen wohl ein Klacks sein. Wird es ein Mädchen, kommt das Ei in den Brutkasten, Jungs – knacks – in die Tonne, daraus kann man bestimmt noch Viehfutter für die Massentierhaltung machen. Mmh, lecker, denkt der kastrierte Eber. Wobei: Bringt das dann nicht Abtreibungsgegner in Rage?

Gelesen: Bereits die zweite Kollegin, die aus dem Urlaub heraus Mails beantwortet. Manchen ist nicht zu helfen.

Auch gelesen: „Leever ne Lappen im Jeseech als ne Zeddel am Fooß.“ – Für Nicht-Rheinländer: „Lieber einen Lappen im Gesicht als einen Zettel am Fuß.“ (Jörg P aus Bonn gegenüber dem General-Anzeiger, nachdem er eine schwere Covid-19-Erkrankung überlebt hat.)

Gehört: „Ich muss gerade nachdenken, worüber ich nachdenken wollte.“

Der Abend war es noch überraschend warm, daher verbrachten wir ihn auf dem Balkon. Versehentlich leerte ich dabei alleine eine Flasche Rosé. Darüber sollte ich gelegentlich nachdenken.

Donnerstag: „Wir wollen nach vorne schauen“ – eine sehr beliebte Formulierung für „Da haben wir wohl Mist gebaut“. Nach vorne schauten mittags im Rheinauenpark auch diese Herrschaften.

Was jenseits des Wassers ihr Interesse geweckt hatte, war nicht zu erkennen. Vielleicht hatten sie auch Mist gebaut.

“Ich habe dazu nachher noch einen Call“, sagt eine. Vieles täuscht den Anschein von Bedeutung vor, indem es eine englische Bezeichnung hat oder wenigstens so klingt. Und wenn es nur eitles Geplapper ist.

Eitles Geplapper auch auf Plakaten: Anscheinend gibt es Unternehmen, die allein von Wahlwerbung leben können. Was tun die, wenn gerade mal nicht gewählt wird?

Wahlkampf – viel Getöse, dabei indes nichts anderes als mit Millionenaufwand betriebene mediale und plakative Verbreitung zumeist hohler Phrasen und leerer Versprechungen. Wie die eine Partei, zu deren Markenzeichen in früheren Jahren drei Pünktchen gehörten, die jede Plakatphrase mit „Weil Bonn.“ enden lässt, was auch immer das bedeuten mag, ich zeigte es kürzlich bereits.

Dagegen sticht Die PARTEI mit Aussagen von bestechender Klarheit geradezu vorbildlich hervor:

Freitag: Eine Jour-Fixe-Teilnehmerin sagte „Ich habe heute nix für die Runde. Außer vielleicht …“ – Dann legte sie los.

Wir sollten nicht nur nach vorne schauen, sondern ab und zu auch nach oben. Kurz nach der Mittagspause hörte ich ein vertrautes, länger anhaltendes Motorbrummen, kurz darauf zeigte sich ein Zeppelin, zu meinem Erstaunen jedoch ein anderer als letzte Woche:

Haben die Dinger gerade Saison?

Samstag: Die Zeitung berichtet über den Bonner Unternehmer Ralf Z, der die morgen stattfindende Kommunalwahl anfechten möchte, weil es ihm „schwer gemacht wird“, die Briefwahl zu beantragen, konkret, weil das online nur bis Mittwochmittag möglich war; danach hätte er den Wahlschein persönlich beim Wahlamt abholen müssen, was nach menschlichem Ermessen und unter Berücksichtigung normaler Postlaufzeiten weder abwegig noch unzumutbar erscheint. Das sieht Herr Z nicht ein und beschwert sich: „Das ist zwar nur eine Kleinigkeit, für mich aber wieder ein Zeichen, was in dieser Verwaltung alles falsch läuft“, so Z; weiterhin: „Es herrschte völliges Desinteresse an meiner Lage.“ Welche Lage, lieber Herr Z? Ist Ihnen wirklich erst am Mittwochnachmittag eingefallen, per Brief wählen zu wollen? Zur Selbstabholung der Unterlagen: „Aber mir geht es ja eben in der Corona-Pandemie darum, dass ich nicht irgendwo hingehen muss.“ Nun wird er wohl gar nicht wählen, der arme Unternehmer, vielleicht ist das sogar besser so. Warum nur räumt man einem solchen Querulanten einen zweispaltigen Zeitungsartikel ein?

Der Geliebte beschimpft den Staubsauger. Offenbar geht es ihm gut.

Es ist mir übrigens völlig egal, ob andere sich darüber aufregen: Wenn Rewe im September Marzipanbrote anbietet, werden im September Marzipanbrote gekauft.

Sonntag: Es ist mittlerweile üblich geworden, Gegenstände, von denen man sich trennen möchte, sie allerdings als zu schade für die Mülltonne erachtet, vor die Haustür zu stellen mit einem Zettel „Zu verschenken“ daran. Zumeist finden sich Bücher, CDs und kleinerer Hausrat im kostenlosen Angebot. Ob die heute Nachmittag in Bonn-Castel gesichteten Kanister mit unbekanntem Inhalt ebenfalls einen Abnehmer finden, vermag ich nicht zu beurteilen.

Ansonsten in dieser Woche erfreulich waren: ein Donnerstag ohne Donner, zwei neue Bücher für den Stapel der ungelesen, eine Einladung zum Vorlesen, ein früher Feierabend.

Foto der Woche: Natürlich

(c) Ethan Hoover

Die Aktion „Foto der Woche“ von Aequitas et Veritas läuft bis zum 31. Dezember. Jede Woche zeigt man ein Foto und schreibt was dazu, etwa wann und wo man es gemacht hat, warum man es zeigt oder welche Gedanken man damit verknüpft. Hier mein Foto für die Woche 37.

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Nach dem Mittagessen in der Kantine gehe ich, wenn es die Termine zulassen, gerne ein paar Schritte durch den Rheinauenpark, ehe ich mich im Werk wieder mit voller Hingabe den Mühen der Geschäfte widme. Am vergangenen Mittwoch sah ich dort diese Ansammlung von Schwänen, Enten und Gänsen in harmonischem Nebeneinander.

Doch der Schein trügt. Es gibt in der Natur kein friedliches Miteinander. Natur bedeutet immer knallharte, rücksichtslose Arterhaltung, Fressen und gefressen werden. Das gilt natürlich auch für den Menschen, wobei mir zunehmend Zweifel kommen, ob er noch viel Wert auf eine langfristige Arterhaltung legt.

Woche 36: Das schöne Gefühl, wenn der Schmerz nachlässt

Montag: Nach dem Mittagsdessert hat so ein Montag zumeist große Teile seiner Beschwerlichkeit verloren, so auch heute.

Top-Themen auf der Leserbriefseite des General-Anzeigers: 1) Der berühmte Satz „Harry, fahr schon mal den Wagen vor“, den Oberinspektor (nicht Kommissar) Derrick so bekanntlich nie sagte, gleichwohl wurde er erst vor wenigen Tagen in dieser Zeitung derart zitiert, was gleich zwei Leser zur Richtigstellung bewog; und 2) Gendersternchen, die Leser Guido M aus B einigermaßen empört als „absurde Schreibweise“ entlarvt, als Belege führt er listig „Arzt“ und „Bauer“ an.

Dienstag: Letzte Nacht träumte ich, ein Kollege von mir, ein Jahr jünger als als ich und mit wesentlich kürzerer Werkszugehörigkeit, sei von der Personalabteilung für den Vorruhestand vorgeschlagen worden, was mich bis zum Erwachen mit neidvoller Empörung erfüllte.

Meine eigene Werkszugehörigkeit währt nunmehr vierunddreißig Jahre. Vieles nehme ich nicht mehr allzu ernst, manches nervt. Aber das ist das Salz in der Suppe, die auch nach so langer Zeit noch immer ganz gut schmeckt, wie ein Kollege es vor einiger Zeit ausdrückte.

Geträumt hat auch der Geliebte: von Jakobsmuscheln an Hummerschaum, wie er morgens verkündete und sogleich als Wunsch für das Abendessen anmeldete.

Vor der Kantine sah ich mittags zwei Herren, die sich Hände schüttelnd begrüßten. Idioten, war mein erster Gedanke. So weit ist es schon gekommen.

Unterdessen im General-Anzeiger weitere leserbriefliche Meinungsäußerungen zu Gendersternen. Bernd L aus Sankt A schlägt vor, die Pluralschreibweise mit n, wie es sie im Dativ Plural („den Lehrern“) schon gibt, auch im Nominativ anzuwenden: „die Eltern“ (gibts schon), „die Lesern“, „die Arbeitern“; inwieweit hierdurch die erwünschte Gendergerechtigkeit erreicht wird, vermag ich nicht zu erkennen.

Zum Abendessen gab es übrigens Frikadellen mit Nudelsalat, auch gut. Träume sind Schäume.

Mittwoch: Eigentlich wäre ich seit gestern bis morgen auf Dienstreise. Auch ein „Eigentlich“ von jener Sorte, wie sie in diesem seltsamen Jahr massenhaft auftreten. Wobei ich das Nichtreisen in diesem Fall nicht beklage.

Unsere nicht erfolgten Reisen nach Südfrankreich in diesem Jahr bedaure ich hingegen sehr. Über die Haltung der Franzosen zum Urlaub und „le Blues de la Rentrée“, die Urlaubsende-Depression, hier ein älterer, lesenswerter Artikel. Auszug:

Offensichtlich schlummert in jedem französischen Arbeitnehmer eine Art kleiner Anarchist, der im Grunde seines Herzens nicht nur Arbeitnehmer, sondern vor allem Mensch ist. Da sehen wir Deutschen, denen es wichtig ist, Kräfte fürs Arbeiten in der zweiten Jahreshälfte zu sammeln, irgendwie blöd aus.

Insofern fühle ich mich sehr französisch.

Donnerstag: „Das hätte stattgefunden haben müssen“, sagte einer. Ein Satz, den zu analysieren Mittelstufenschülern wohl größere Freude bereiten dürfte. Irgendwas mit Plusquamperfekt, Konjunktiv und einer winzigen Prise Futur II, behaupte ich; meine Grammatikkenntnisse sind leider im Laufe der Jahre etwas verkümmert. Ein anderer bemerkte: „Wir haben viele Kollegen, die wo mit Deutsch Probleme haben.“

Nach kargen Monaten voller Entbehrungen gab es in der Kantine endlich wieder grünen Wackelpudding mit Vanillesoße.

Darf man dazu eigentlich noch Götterspeise sagen oder fühlt sich dann irgendwer angepisst, weil seine religiösen Gefühle verletzt sind?

Abends erfuhr der Wortbestandteil „Donner“ des heutigen Wochentages eine besondere Unterstreichung, als durch eine vielleicht unbedachte, die Raumpflege betreffende Anmerkung meinerseits der Haussegen ins Wanken geriet. Das gehört wohl irgendwie dazu.

Freitag: Das war nicht ganz mein Tag. Morgens lag noch immer des Geliebten Grimm in der Luft, beim Verlassen des Hauses rammte ich mir ebenso ungeschickt wie schmerzhaft das Hoftor in die Ferse, und auf dem Weg ins Werk verließ den hinteren Fahrradreifen schlagartig die Luft. Nun bin ich ja ein großer Freund der Idee, alles ist für irgendwas gut. Sehe ich es also positiv: Der luftlose Reifen verschaffte mir einen längeren Fußmarsch, was immer gut ist, gehen macht glücklich. Praktischerweise liegt die Fahrradwerkstatt meines Vertrauens direkt gegenüber dem Friseursalon, wo ich abends ohnehin einen Termin hatte. Da zwischen Abgabe des Fahrrads und Haarkürzung etwas Zeit war, setzte ich mich an den Rhein, das macht man ja sonst auch viel zu selten. Auch die Wiederherstellung des häuslichen Friedens verlief am Abend in erfreulicher Weise. Das Hoftor schließlich verschaffte mir immerhin dieses schöne Gefühl, wenn der Schmerz nachlässt. Ähnliches empfinde ich an manchen Tagen, wenn der Staubsauger endlich schweigt. Vielmehr noch, wenn eine Disharmonie ausklingt. Insofern wurde es doch noch mein Tag.

„Make peace, not love … sagt man doch so, oder?“

Übrigens weiß ich nun, wo die Spatzen abgeblieben sind, deren Verschwinden ich vergangene Woche bemerkte. Wie mir Martina S. per Mail mitteilte, sind sie ein kleines Stück gen Süden geflogen, genauer auf die Grafschaft bei Bad Neuenahr:

Liebe Martina, vielen Dank für die gute Nachricht, ich hoffe, ich darf das Bild hier verwenden; wenn nicht, bitte ich um kurze Mitteilung.

Samstag: Die Gendersternchen-Diskussion im General-Anzeiger hat noch nicht ihren Abschluss gefunden. Ortwin B aus M äußert dazu: »Viele Hundert Jahre ist unsere Sprache ohne die von Neurotikern, Egomanen und anderen Modernisten geforderten „Gendersternchen“ ausgekommen.« Mit anderen Worten: Das haben wir schon immer so gemacht, daher muss das richtig sein. Als Beleg bemüht er ein Bibelzitat von 1485, wonach Eva aus einer Adam entnommenen Rippe geschaffen wurde: »dise wirt genennet eyn mennyn. wann sy ist genommen von dem man.« Gendergerecht demnach vielleicht „man*yn“. Warum auch nicht.

Sonntag: Vergangene Nacht träumte ich, der bekannte Investor Frank Thelen sei verschwunden. Zuletzt sah man ihn auf einer volkstümlichen Veranstaltung, seitdem ist er weg. Mindestens so rätselhaft wie sein Verschwinden ist die Ursache, solches zu träumen. Ich bin Herrn Thelen noch niemals begegnet, habe ihn mangels Interesse an seinem Fachgebiet noch nicht im Fernsehen gesehen und nicht sein Buch gelesen. Wenn er in der Zeitung zitiert wird, schenke ich dem selten Aufmerksamkeit. Auch wirkt er auf mich, ohne ihm zu nahe treten zu wollen, nicht sonderlich sympathisch, was an seiner Physiognomie mit der strengen Investorenbrille liegen mag; auf der Liste derjenigen, die ich gerne mal auf ein Bier treffen möchte, steht er ziemlich weit unten. Insofern würde ich sein Verschwinden wahrscheinlich gar nicht bemerken.

Ziemlich weit oben auf der Liste der Dinge, die ich sehr gerne mal wieder tun würde – der Gedanke kam mir, als ich während des Sonntagsspaziergangs einen Briefkasten sah: mal wieder einen Brief schreiben, so richtig mit der Hand auf Papier und mit Briefmarke. Wenn ich nur wüsste, wem.

Ansonsten erfreulich in dieser Woche waren: Reibekuchen mit Lachs, das Hören einer Bruckner-Sinfonie, ein spontanes Straßenbier, eine schnelle Reparatur, ein passabler Haarschnitt.

Foto der Woche: Zeppelin

(c) Ethan Hoover

Das Blog Aequitas et Veritas lädt zur Aktion „Foto der Woche“ ein. Dabei geht es darum, jede Woche ein beliebiges Foto zu zeigen und etwas dazu zu schreiben. Die Aktion läuft bis zum 31. Dezember. Da bin ich gerne dabei; ob regelmäßig jede Woche, wird man sehen.

Hier also mein Foto der Woche:

Dieser Zeppelin drehte heute seine Runden über der Stadt. Zeppeline mag ich, auch wenn ich noch nie in einem gefahren bin. (Oder „fliegen“ die? Bei Ballons heißt es ja „fahren“, bei Luftschiffen bin ich mir gerade nicht sicher; ich erinnere mich dunkel, irgendwann mal gelesen zu haben, bei ihnen nennt man es „fliegen“, weil sie durch Propeller zusätzlichen Auftrieb erhalten, andererseits bin ich zu bequem, es zu recherchieren. So wichtig ist es auch nicht.)

Zum ersten Mal sah ich einen Zeppelin im zarten Kindesalter. Damals flog einer mit Reklame für eine einst sehr bekannte, heute vergessene Wuppertaler Biermarke mehrere Tage lang über Bielefeld. Als ich mittags zusammen mit Anke, der Nachbarstochter, den Kindergarten verließ, erschrak Anke heftig, zeigte auf den Zeppelin, der in der Ferne über der Stadt flog/fuhr und rief: „Kuck mal, eine Bombe!“

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Nachtrag: Sie fliegen, s. Kommentar unten. Vielen Dank, Herr Phillips, für die Recherche!