Fundsachen am Rande – Teil I

Wenn man mit halbwegs offenen Augen durch die Welt geht, entdeckt man manchmal Kleinigkeiten am Rande, die kurios, witzig oder einfach nur schön sind. Wenn man dann auch noch eine Kamera dabei hat, um so besser. Heute beginne ich eine kleine Serie von Beiträgen, die sich ohne große Worte und Beschreibungen diesen täglichen Randerscheinungen widmet. Viel Spaß!

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Abgeschrieben: Die Dinge singen hör ich so gern

Hier mal wieder ein wunderbarer und in meinen Augen sehr wahrer Text, den Tom in seinem Blog verfasst hat und den ich mit seiner freundlichen Erlaubnis übernehmen darf. Ich wünsche viel Vergnügen!

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Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn, und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

Rainer Maria Rilke, 1875 – 1926

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Neulich kamen mir einige dieser Zeilen in den Sinn und ich überlegte, ob Rilke wirklich das damit sagen wollte, was ich dachte. Ich bin nicht so gut im Interpretieren solcher Werke (gar keiner Werke, eigentlich), aber mit Unterstützung des Internets lernte ich, dass meine Vermutung zur Bedeutung stimmte. Der gute Rainer Maria war etwa 25 Jahre alt, als das Gedicht um 1900 erschien und hatte offenbar Sorge, dass die Sprache das „Schöne Leben” kaputt machen würde: Alles beschreiben und benennen wollen zu können, sei gar nicht nötig.

Auch wenn das Gedicht über hundert Jahre alt ist – meiner Meinung nach hat es nicht an Aktualität verloren. Im Gegenteil, es passt sogar zunehmend besser in die heutige Zeit, in der die Sprachvielfalt – zumindest subjektiv – Dank Anglizismen, Werbeneuschöpfungen und solcher Wörter, die gar keine sind, immer weiter zunimmt. Auch wenn einige Wörter im Dunkeln verschwinden (wer findet heutzutage denn etwas noch „pittoresk” oder „flaniert”?), so ist die Zahl der neuen wohl um einiges höher (ich wuchs in einer Zeit auf, in der das Wort „downloaden” noch nicht im Duden stand).

So passt Rilkes Sorge, der Mensch könnte zu viel beschreiben, erklären und verstehen wollen, ganz wunderbar auch in dieses Jahrtausend. Er plädiert für einen Kern an Nichtwissen. Und ist das nicht auch etwas Gutes? Nicht umsonst heißt es doch, Unwissenheit sei ein Segen. Jeder hat sich vermutlich schon in einer Situation wiedergefunden, in der er sich wünschte, etwas gar nicht erst gewusst zu haben.

Unwissenheit als durchaus zu akzeptierender Zustand lässt sich beliebig auf alle Lebensbereiche ausdehnen: Das Privatleben der Kollegen; das Sexleben der Eltern; eigene und Krankheiten anderer; Menschen, die man am liebsten nie getroffen hätte; den Zeitpunkt des eigenen Todes. Zumindest beim letzten Punkt ist uns wohliges Nichtwissen vergönnt.

Kürzlich wurde ich bei Twitter jedoch ganz passiv Zeuge einer Vorverschiebung dieses Moments: Jemand veröffentlichte eindeutige Fotos und Nachrichten seiner Suizidabsichten, allerdings mit Standortangabe. Dank einiger engagierter Twitterer war die Polizei schnell vor Ort. Wie sich am Tag darauf herausstellte, kamen die Helfer aber leider zu spät. Nun weiß ich von einem verwaisten Twitteraccount, dessen letzte Statusupdates eindeutig schrecklicher Natur sind. So schlimm diese Situation für alle Beteiligten (Familie, Twitterer, Polizei…) war und ist – ich wäre gern unbeteiligt gewesen und hätte es gar nicht erst gewusst, da bin ich ganz ehrlich. Und jeder, der sagt, ich solle mir die Seite dann eben nicht ansehen, der unterstreicht genau das, was Rilke sagt.

Aber es gibt auch weniger dramatische Situationen: Ich habe da zum Beispiel diese eine Verwandte, die ein Mal im Jahr zu einem unglaublich fürchterlichen Familientreffen einlädt. Sie ist extrem in allen Bereichen und jedes Jahr entstehen neue schlimme Erfahrungsberichte, die sich die Familie immer wieder erzählt – keine Soap kann das hervor bringen, was diese Frau uns zumutet. Nach ein paar solcher Erfahrungen habe ich mich nun bei ihr offiziell und absichtlich disqualifiziert, was mir bei zufälligen Treffen immer einen Seitenhieb von ihr einbringt. Aber: Ich werde nicht mehr eingeladen und bin sehr froh, nicht am eigenen Leib erfahren zu müssen, was sie dieses Jahr wieder für soziale Grausamkeiten geplant hat.

Also, lieber Rainer Maria Rilke, Sie haben recht. Und werden auch immer recht behalten.

Quelle: http://www.absoluttom.de/?p=573

 

Gut verpackt

Oft ist es die Verpackung, welche einer Ware den besonderen Wert verleiht. Ein hochwertiger Kugelschreiber etwa wäre nichts weiter als ein Kugelschreiber, käme er nicht in einer monströsen, mit Samt ausgeschlagenen Holzschatulle daher. Ein Fertiggericht, Roulade, Kartoffelpüree und Rotkohl sorgsam in drei Kammern getrennt, mutet an wie von einem Dreisternekoch gezaubert, betrachtet man die Abbildung auf der Schachtel, vorausgesetzt, man übersieht das Wörtchen „Serviervorschlag“ ganz unten, ganz klein. Bei manchen Produkten ist gar die Verpackung das eigentlich wertvolle, denken Sie nur an stilles Mineralwasser.

Was für Waren gilt, lässt sich mühelos auf Menschen übertragen: Vielen Zeitgenossen möchte man nur ungern unbekleidet begegnen, auch verdankt unsere Bundeskanzlerin einen Großteil ihrer Autorität ihren Hosenanzügen, und welchem Konzernlenker oder Bankvorstand vertraute man blind ohne dunklen Anzug und gedeckte Krawatte?

Und schließlich: die schlechte Nachricht verliert deutlich an Schrecken, so sie sorgsam in weiche Wortwatte gehüllt verkündet wird. Für die Bevölkerung besteht keine unmittelbare Gefahr, dennoch wird dringend geraten, Fenster und Türen geschlossen zu halten und kein Obst und Gemüse aus dem eigenen Garten zu essen, rein vorsorglich, versteht sich.

Doch hat Verpackung ihre Tücken.

Damals, als Musik noch von einer CD kam und nicht von iTunes oder aus den Weiten des Netzes, die älteren unter Ihnen werden sich vielleicht dunkel erinnern, stand dem Musikgenuss nach dem Kauf zunächst ein längerer Kampf mit der umschweißten Plastikfolie bevor. Mit bloßen Händen, hilfsweise Zähnen, ohne ein scharfes Werkzeug war da gar nichts zu machen. Und selbst wenn man ein spitzes Messer zur Hand hatte, war der Hörgenuss noch weit entfernt, weil jegliche Ansatzstelle in der Folie fehlte und man sich mit dem abrutschenden Messer eher den Handrücken aufriss als die Umhüllung. Besonders findige Verpackungshersteller woben einen kleinen roten Faden in die Folie ein, mit dessen Hilfe man sie zerteilen sollte. Leider befand sich der Anfang dieses Reißfadens ebenfalls unerreichbar unter der Folie, gute gemeint ist bekanntlich das Gegenteil von gut.

Beispiel Gummibärchen. Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten, um die kleinen süßen Racker aus ihrer Tüte zu befreien: entweder man zieht die Tüte oben an der Verschweißung auseinander, oder man folgt der Anweisung „Hier Aufreißen“ und zerrt an der dafür vorgesehenen Kerbe oben in der Ecke. Versucht man es mit Alternative 1, passiert dank der Fortschritte moderner Schweißtechnik gar nichts, auch Alternative 2 läuft zunächst ins Leere. Reißt man noch kräftiger an der Kerbe, gibt die Materie endlich nach, die Tüte teilt sich mit einem Ruck der Länge nach, die bunten Freunde kann man anschließend vom Teppich aufsammeln. Diesbezügliche Beschwerden bei Herrn Gottschalk blieben leider bisher unbeantwortet.

Ein besonders heikles Kapitel ist die Verpackung von Kondomen: Soeben hat man sich angenähert, sei es in heimischer Sitzgruppe oder im öffentlichen Personennahverkehr Kölner Darkrooms, alles steht bereit, fehlt nur noch das schützende Mäntellein. Leider befindet sich dieses, sorgsam aufgerollt, in einer nahezu unzerstörbaren quadratischen Kunststoffumhüllung. So sehr man auch zieht, zerrt und an den Ecken beißt, das blöde Ding gibt nicht nach. Und wer geht schon mit Taschenmesser zum Liebesspiel, ist ja auch nicht gerade der Erotik förderlich, lässt man einmal besondere Spielarten außer acht. Hat man dann doch endlich, nach vielen Versuchen und Diskussionen („Lass mich mal…“) die eine richtige von acht möglichen Ecken erwischt und gelangt endlich an das Ersehnte, so hat sich der Rest unten herum zumeist längst erledigt. Das Prinzip Safersex funktioniert.

Manchmal glaube ich, die machen das extra, haben einen Riesenspaß daran, wie ihre tollen, unzerstörbaren Verpackungen uns das Leben schwer machen, vielleicht sogar mit einem rauh gehöhnten „Vorfreude ist die schönste Freude“ auf den Lippen, während ihr neu kreiertes Packprodukt jeder Materialprüfung mühelos standhält. Ich wünsche wirklich niemandem etwas schlechtes, aber ihr, ihr Verpackungsdesigner, sollt ewig in der Hölle schmoren und dort gezwungen werden, von morgens bis abends nichts anderes zu tun als eure eigenen Scheißverpackungen zu öffnen!

Über Hören und Riechen

Neulich schrieb der von mir sehr geschätzte @sechsdreinuller auf Twitter:
„Nichts speichert Erinnerungen so zuverlässig, nachhaltig und unmittelbar wie Musik.“
Da ist was dran, jeder kennt wohl Lieder, Songs, Stücke, bei denen sich sofort bestimmte Erinnerungen einstellen, auch an Dinge und Ereignisse, die viele Jahre zurück liegen. Bei mir sind dies beispielsweise:

,Die Moldau‘ von Friedrich Smetana. Noch heute gehört der Zyklus ,Mein Vaterland‘, dessen zweites Stück ,Die Moldau‘ ist, zu meinen Favoriten bei klassischer Musik. Wir haben ,Die Moldau‘ in der Grundschule im Musikunterricht damals bis ins kleinste analysiert; höre ich sie heute, sitze ich wieder in unserem Klassenraum und habe die beiden Quellen, die Jagdszene und die Bauernhochzeit vor Augen.

Verschiedene Songs der Achtziger, zum Beispiel ,Shout‘ von Tears For Fears, ,I Want To Know What Love Is‘ von Foreighner, ,The Power Of Love‘ von Frankie Goes To Hollywood oder ,Freedom‘ von Wham! versetzen mich immer wieder zurück in die Zeit, als ich zum ersten Mal so richtig schrecklich und unglücklich verliebt war.

,Ninteen Forever‘ von Joe Jackson und ,Sewing The Seeds Of Love‘ von Tears For Fears waren Songs aus der Zeit meines Coming Out.

Das Album ,Whats The Story – Morning Glory‘ von Oasis (ich erwähnte es schon des öfteren: für mich die größte Band aller Zeiten) erinnert mich an die Zeit, als ich mit meinem ersten Freund zusammen war.

,Bittersweet Symphony‘ von The Verve war unser Lied, als ich den Liebsten kennen lernte.

,You Get What You Give‘ von den New Radicals lässt mich zurück denken an die Zeit, als ich nach Bonn zog.

Diverse Songs, die Radio Nostalgi in Frankreich regelmäßig spielt, lassen sofort Urlaubsstimmung aufkommen, auch an einem gewöhnlichen misslaunigen Montagmorgen im verregneten Bonn.

Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen, allein die Songs in meiner iTunes-Liste, die mich an diverse unglückliche Lieben erinnern, würden mehrere Seiten füllen. Wohl jeder könnte eine solche Liste seiner Songs anlegen, ob es nun um die Liebe geht (hier sind bei mir die Erinnerungen am intensivsten) oder andere mehr oder weniger erfreuliche Ereignisse. Ja, Herr @sechsdreinuller hat recht, Musik ist ein sehr stabiler Erinnerungsspeicher.

Und doch muss ich ihm widersprechen, jedenfalls für mich, aber da empfindet wohl jeder Mensch anders: Noch intensiver als Musik es vermag, bringen mir Gerüche alte Erinnerungen sofort wieder zurück, oft völlig überraschend und unvermittelt.

Ich rieche die Ausdünstungen von Bahnschwellen, schon spiele ich als Kind wieder am Bahndamm bei meinen Großeltern in der Nähe von Göttingen. (Gut, hier mischte sich noch Jauchegeruch vom nahen Bauernhof dazu, gleichwohl würde ich meine Kindheit als glücklich bezeichnen.) Ich rieche (und schmecke) Erbsen frisch vom Strauch, schon streife ich wieder durch Omas Gemüsegarten. Das Aroma von Kuhdung versetzt mich zurück in die Sommerferien, die ich mit meinen Eltern und meinem Bruder oft im Allgäu verbrachte. (Die Duftkombination von Kuhfladen und frischem Heu gehört zum Allgäu wie salzige Seeluft zur Nordsee und Lavendelduft zur Provence.) Der Geruch eines bestimmten Kunststoffs erinnert mich an glückliche Stunden, die ich spielend mit meiner LGB-Modelleisenbahn verbrachte; genau so rochen die Loks und Wagen, wenn ich sie neu aus der Packung nahm. Begegne ich jemandem, der ein bestimmtes Parfüm aufgelegt hat, rieche ich sofort meinen damaligen Freund. Tulpenduft versetzt mich in die Frühlinge meiner Kindheit im Garten des Elternhauses, frisch gemähter Rasen in die Sommer ebendort.

Auch diese Liste könnte ich weiter fortsetzen. Im Gegensatz zu Musik sind Gerüche nicht konservier- oder aus dem Netz herunterladbar (bei vielen Gerüchen ist das ohnehin eher ein Segen), deswegen kann ich Ihnen hier leider nicht mit Kostproben dienen. Allein das schon macht Gerüche zu etwas besonderem. Oder wie der Berliner sagt: Dufte, wa!

Wegweisend

Früher war Reisen ein Abenteuer, man wusste nie ganz genau, wann und wo man ankam. Das ist heute anders: dank moderner Navigationsgeräte setzen wir uns ohne die Mühen des vorherigen Kartenstudiums ins Auto, geben das Ziel ein, und schon weist uns eine freundliche Frauenstimme den Weg. Warum es fast ausschließlich Frauenstimmen sind, darüber lässt sich nur mutmaßen, vielleicht haben Damen etwas überzeugenderes an sich als Herren, ich weiß es nicht.

Dass es dennoch nicht von Nachteil ist, wenigstens ungefähr zu wissen, wo man sich befindet, zeigen immer wieder eindrucksvoll Berichte über Fahrer, die der Anweisung von Frau Navi „Bitte jetzt links abbiegen“ allzu hörig folgten und sich plötzlich in einem Schaufenster, einem U-Bahn-Schacht oder einem Hafenbecken wieder fanden. Wobei, als von Natur aus konfliktscheuer Mensch habe ich Verständnis für diese Vorfälle: Fahre ich einmal nicht so, wie Mutti es ansagt, weil ich glaube, es besser zu wissen, erscheint vor meinem geistigen Auge eine Dame, die irgendwo vor einem Bildschirm sitzt und laut flucht „Warum tut dieser Idiot jetzt nicht, was ich sage?“. Umso mehr erstaunt mich immer wieder ihre Geduld und gleichbleibende Freundlichkeit nach meinem eigenmächtigen Tun.

Manchmal wache ich nachts auf und kann nicht sofort wieder einschlafen. Dann kommen mir interessante bis absurde Ideen, etwa diese: Wie wäre es, wenn es ein Navigationsgerät für den eigenen Lebensweg gäbe? Antwort: schrecklich wäre das. Allein schon die Zieleingabe würde mich vor eine unlösbare Aufgabe stellen. Was sollte ich eingeben, vielleicht mein Berufsziel? Als Kind wäre das noch einfach gewesen: Lokführer, wenig später („Die Route wird neu berechnet“) Polizist, Müllwagenfahrer, Pastor oder Zauberer; noch später vielleicht Fabrikant oder Schriftsteller. Niemals jedoch hätte ich das eingegeben, was ich heute bin: Senior Specialist, man kann es ja kaum aussprechen! Nicht dass ich meinen Job nicht mag, ich mag ihn sogar sehr gerne, weiß auch meistens, was ich dort tue und wofür mir das Unternehmen monatlich einen beachtlichen Betrag überweist, aber verlangen Sie bitte nicht, dass ich Ihnen das erkläre, dann wird es nämlich schwierig!

So lange Frau Navi mir den Lebensweg weist mit Ansagen wie „Bitte der Straße sehr lange folgen“ oder „Bitte demnächst rechts abbiegen“, läuft alles gut, sofern sie das mit dem rechts abbiegen nicht politisch meint und die Kurve nicht zu scharf ist. Bedenklicher sind dann schon Weisungen wie „Wenn möglich, bitte wenden“ oder „Bitte den Kreisverkehr verlassen“. Auch „Aufgrund von Verkehrsstörungen wird die Route neu berechnet“ erscheint wenig ermutigend.

Was jedoch am meisten gegen das Lebens-Navi spricht, ist die Anzeige der voraussichtlichen Ankunftszeit. Wer möchte schon so genau wissen, wann er angekommen ist, für ihn das Licht ausgeht, die Grube gähnt? Nein, da lasse ich mich lieber überraschen und lebe noch etwas vor mich hin, bis es heißt: „Sie haben Ihr Ziel erreicht“.

Abgeschrieben: Unbegabt

Manchmal, oder eher: selten entdecke ich in einem Blog einen Text, bei dem ich denke: Genau, das bin ich! Dies trifft auf den Text „Unbegabt“ in dem von mir sehr geschätzten und wärmstens empfohlenen Blog Mind-Penetrator zu, vor allem die Stelle mit dem Sport. Mit freundlicher Erlaubnis darf ich ihn hier wiedergeben. Viel Vergnügen!

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„Das ist aber ein schönes Bild, so bunt. Soll das ein Herbstwald sein?“
„Nein, das ist eine Giraffe!“

So fing es an. Malen war nie meins. Unglücklicherweise malt man sehr viel in seiner Schullaufbahn. Eigentlich werden die Bilder immer anspruchsvoller… mit Fluchtpunkten und Aquarell. Und jeder meiner Klasse entwickelte sich weiter. Die Bilder wurden ausgehängt und die Eltern konnten stolz die Werke ihrer Kinder bestaunen. Meine Eltern nicht. Nie. Die Bilder verschwanden vor der Ausstellung auf mysteriöse Weise. Vielleicht auch Glück für meine Eltern, sonst hätten sie das Trauerspiel noch schön reden müssen.
Einmal sollten wir uns einen Arbeitspartner suchen und ein Portrait zeichnen. Mein Arbeitspartner hat danach nie wieder mit mir gesprochen.

Ton- und Holzfiguren waren da schon einfacher… die Arbeit mit nach Hause nehmen, das Häufchen Elend Mutter in die Hand drücken, die glücklicherweise ein besseres Händchen dafür hatte, und machen lassen. Sie hat eine glatte 2 dafür bekommen.

Es ist nicht so, als hätte ich nicht gewollt, aber ich konnte es einfach nicht. Das hält sich hartnäckig bis heute.

Man kann ja nicht alles können. Dafür könnte man ja sportlich sein. Nunja. Nein. Ich habe mir während des Sportunterrichts zwei Mal den Arm gebrochen. Nicht bei extravaganten Turnübungen, Stabhochsprung oder waghalsigen Figuren am Reck oder an den Ringen. Soweit wäre ich nie gegangen. Ich habe Geräteturnen ohnehin gehasst. Dieser blöde Bock wurde beim Daraufzulaufen immer höher… ein Wolkenkratzer und das vergleichsweise minimalitische Sprungbrett verschwindend klein. Grundsätzlich habe ich eine Sekunde vorher abgedreht und mich wieder hinten in die Schlange eingereiht.
Den Arm hatte ich mir beide Male beim Joggen gebrochen. Einmal bin ich ausgerutscht, das andere Mal gegen die Wand gelaufen. Ja, ich bin schon eine Sportskanone.
Ballspiele endeten in einer Katastrophe. Badminton hat sich mir bis heute nicht erschlossen: ein derart winziger Schläger für einen vergleichsweise großen Ball… Und das Netz… wieso muss da ein Netz hängen?
Brennball.. für mich ein winzig kleiner Ball, den man in der Unendlichkeit der Sporthalle aufheben – im schlimmsten Fall – fangen muss.
Bei Fußball endete der Spaß gänzlich, nachdem ich mit voller Wucht derart heftig angeschossen wurde, dass ich wie ein Pappmännchen zu Boden ging.

Sportfeste waren der Gipfel meiner Erniedrigung. Es gibt viele Fotos mit den Teilnehmern, die stolz ihre Ehren- und Siegerurkunden in den Händen halten. Von mir nicht. Ich war grundsätzlich froh, wenn ich es beim Weitsprung überhaupt in den Sand schaffte, beim Ballwurf niemandem den Ball vor den Kopf warf und beim Laufen die Endmarke erreichte. Mein ganzer Stolz war es, weder mich selbst, noch andere verletzt zu haben.

Aber es gab ja auch Musikunterricht. Angefangen beim Blockflötenspiel. Ich hasse Blockflöten. Dieses dissonante Gefiepe, bei dem man möglichst stolz drein blicken muss, während das Kind mit strahlenden Augen „Alle meine Entchen“ zum Besten gibt. Ich habe mich erfolgreich gegen Blockflöten gewehrt und habe mich an dem Keyboard versucht. Nach einigen Übungsstunden und blutenden Ohren meiner Zuhörer gab ich es auf. Zum Wohle meiner Mitmenschen.
Beim Singen im Musikunterricht konnte ich glänzen. Dachte ich. Nach der 3. Stunde nahm unser Musiklehrer mich beiseite. Mit der Bitte, ab sofort nur noch die Lippen zu bewegen, ohne einen Ton zu erzeugen.

Musikalisch bin ich also auch nicht.

All das liegt lange zurück und ich habe mich nie unterkriegen lassen. Grundsätzlich probiere ich neue Sachen aus, um zu sehen, wie talentfrei ich genau in diesem Bereich bin. So weiß ich wenigstens, was ich alles nicht kann. Oder was ich weniger nicht kann.
Bälle, Musikinstrumente und Malwerkzeuge sind aus meinem Leben verschwunden. Ebenso wie eine Werkzeugkiste. Möbel zusammenbauen ist auch eher ein Nicht-Talent von mir. Eigentlich war es nur ein Nachttischchen mit 4 Brettern und 3 Schrauben. Es kostete mich einen Tag, ca. 1 Liter Blut. Schließlich war es fertig, hatte allerdings linkerhand einen Riss von rechts unten nach links oben. Die Kunst ist, es so hinzustellen, dass die Macke nicht mehr auffällt.

Kochen ist ebenso eines meiner vielen Nicht-Talente. Bekannte und Familie nehmen vorher ein großes Mahl ein, denn bei mir gibt es meistens Kleinigkeiten, die zwar gut aussehen können, aber weder satt machen noch besonders schmackhaft sind. Dafür gibt es bei mir genug alkoholische Getränke – als Wiedergutmachung – und zum Nachspülen.

Wenn man nicht-talentiert ist, sollte das größte Talent sein, all sein Nicht-Können charmant zu vertuschen. Es bedarf viel Humor. Und genau das kann ich: über mich selber lachen. Mich davon nicht beeindrucken lassen. Und wenn mich jemand fragt, was ich besonders gut kann, antworte ich: „Nichts. Aber das kann ich richtig gut und mit voller Leidenschaft.“

Und dann schaue ich mit verträumten Blick aus dem Fenster und stelle mir vor, wie ich mit einer Gitarre in der Hand an den Ringen Kunststücke vollbringe und nebenher ein Nachttischchen zusammenbaue.

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Quelle: http://mindpenetrator.blogspot.de/2012/08/unbegabt.html