Woche 18: Erfreuliche Momente in Rückenlage

Montag: Frühmorgens gurrte mich eine Taube vor dem Schlafzimmerfenster aus den Träumen. Wäre es eine Stumme gewesen, hätte ich vermutlich etwas länger geschlafen. Zugegeben – das war jetzt montäglich-mäßig witzig.

Witziger dieses, wenn auch unbeabsichtigt, gehört und notiert in einer Besprechung, in der es um kurzfristig notwendige Umverteilung von Arbeit ging: „Brauchst du einen Joker, oder bist du da als One-Man-Show ausreichend?“ Ein anderer wies auf mögliches Ungemach hin: „Sonst kommen wir in Rückenlage.“ Das muss nicht unbedingt nachteilig sein, viele äußerst erfreuliche Momente erlebte ich schon in Rückenlage, ohne da jetzt allzu sehr ins Detail zu gehen. Die Besprechung endete übrigens mit einem für mich vorläufig annehmbaren Ergebnis. Einmal mehr gilt: Unwissenheit schafft Freizeit.

Dienstag: Nachmittags fragte der Chef, ob ich damit einverstanden wäre, wenn er statt meiner am Freitag an einer Videokonferenz teilnehme. Ebenso gut hätte er fragen können, ob ich einer Gehaltserhöhung abgeneigt sei.

Mittwoch: Laut Radio ist heute „Wie-gehts-dir-Tag“. Warum dieser Frage, gleichsam Mutter des Kleingesprächs, ein eigener Tag gewidmet ist, weiß ich nicht. Nach wie vor gilt: Nichts erwartet oder erhofft der Fragesteller darauf weniger als eine ehrliche Antwort; akzeptiert sind allenfalls „Muss ja“, „Soweit ganz gut“ oder, bei humoristisch Naturen, „Am liebsten gut“. Oder, die Tage gehört: „Wieviel Zeit haben Sie?“ – Jedenfalls vermag ein möglichst unironisch vorgetragenes „Ausgezeichnet“ erhebliche Irritationen auszulösen, nicht nur in Zeiten wie diesen.

Im Übrigen war ich heute zum Schnelltest und beim Friseur, beides fiel zufriedenstellend aus. Mir geht es also gut, Danke der Nachfrage.

Wie es dieser Dame geht, war nicht zu erfahren, nur, dass sie einer Aufhübschung bedarf, wozu wir Herrn Horn eine geschickte Hand wünschen:

(General-Anzeiger Bonn)

„Morgen ist schon wieder Donnerstag, ist das nicht herrlich?“, entfuhr es mir am Abend. Wie jeden Mittwoch.

Donnerstag: Gestern Abend vor der Nachtruhe beendete ich die Lektüre des Buchs „Qualityland 2.0“ von Marc-Uwe Kling. Wie sein Vorgänger ist es witzig geschrieben mit zahlreichen Anspielungen auf unsere digitale Welt. Und doch bin ich nicht traurig, damit durch zu sein. Grund: Für meinen Geschmack enthält es zu viele Figuren und Handlungssprünge. Wenn man es mehr oder weniger am Stück lesen kann, im Urlaub oder während einer Quarantäne, mag das funktionieren, idealerweise in direktem Anschluss an Teil I. Wenn man hingegen wie ich immer nur Abends ein paar Seiten schafft und den ersten Teil bereits vor zwei Jahren las, kann man bald den Faden verlieren, was das Lesevergnügen zu trüben vermag. Fazit: Es kommt nicht in den öffentlichen Bücherschrank, irgendwann nehme ich mir beide Bücher nochmal vor. (Ähnliches habe ich schon lange vor mit der Trilogie „Neue Vahr Süd“, „Der kleine Bruder“ und „Herr Lehmann“ von Sven Regener, aber man kommt ja zu nichts.)

Wo wir gerade bei Büchern sind, erlaube ich mir nochmals (und letztmalig, versprochen) Werbung für das Werk eines mir persönlich ganz gut bekannten Autors – eine Geschichte über Leben, Lieben, Leiden und Lust. Man muss nicht schwul sein, um es zu mögen, es ist indes auch nicht von Nachteil. (Das ist es ohnehin nicht, glauben Sie mir.) Bezüglich Qualität und Lesegenus verzichte ich auf eine Wertung, da Eigenlob einen in olfaktorischer Hinsicht eher negativen Ruf hat.

„Herbsterwachen“ von Christian Rebeck, epubli, ISBN 978-3-7541-1262-5, 178 Seiten, 11,50 €

Freitag: Wie jeden Freitag stand auch heute wieder die mobile Hamburger-Bräterei vor dem Werk. Für mich ist das nichts – zum einen wegen der immensen Wartezeiten, zum anderen bin ich aufgrund tragischer Ungeschicklichkeit nicht in der Lage, so ein mit Soße und Salat garniertes Brathackbrötchen zu verzehren, ohne mich hinterher komplett neu einkleiden zu müssen.

Samstag: Der neunzehnte Hochzeitstag heißt „Perlmutthochzeit“. Dazu fand ich in des Netzes Weiten: „Perlmutt wächst langsam, über einen langen Zeitraum, um sich dann in wundervollem Glanz zu zeigen. […] Perlmutt ist ein sehr hartes und widerstandsfähiges Material.“ In diesem Sinne: Alles Liebe, mein Liebster!

Sonntag: Der erste Sommertag zog zahlreiche Leute nach draußen, um ihre hässlichen Tätowierungen zu präsentieren, die sie sich über den Winter in Waden und Schenkel stechen ließen.

„Üben, üben, üben“ las ich auf einem Zettel, angebracht im Fenster eines kirchlichen Gebäudes. An wen er sich richtet und was es zu üben gilt, ging nicht daraus hervor. Vielleicht Glaube, Treue und Redlichkeit, das kann ja nie schaden. Ich hingegen übe mich in Zurückhaltung und beende hiermit diesen Rückblick. Kommen Sie gut in die neue Woche!

Woche 17: Womöglich noch ein paar Jahre

Montag: Nach einer Woche Werksabstinenz wird besonders deutlich, wie sehr ich Sätze wie „Wir müssen jetzt das Momentum nutzen“ und „Ich habe um zwölf einen harten Anschlag“ nicht vermisst habe.

Laut einem Zeitungsartikel heißt die Leiterin der Duden-Redaktion Kathrin Kunkel-Razum. Das klingt auch wie ein harter Anschlag, beziehungsweise Aufschlag, etwa wenn eine Blechtonne auf einer LKW-Ladefläche umfällt und auf den Asphalt knallt, schriftvertont durch die legendäre Entenhausen-Korrespondentin Erika Fuchs. Eigentliches Thema des Artikels war die geplante Umstellung der amtlichen Buchstabiertafel auf Städtenamen, statt „Cäsar“ vielleicht künftig „Castrop-Rauxel“, „Schloss Holte-Stukenbrock“ statt „Schule“, warum nicht, kann man machen. Aus demselben Artikel: „Ä wie Ärger ist eben typisch deutsch.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Gelesen bei Frau Anje: „Auch nach über einem Jahr Pandemie genieße ich es immer noch, dass es keinerlei gesellschaftliche Verpflichtungen gibt, ich fürchte, meine Abneigung gegen Menschenversammlungen lässt sich nicht mehr heilen.“ Genau so fühle ich auch.

Dienstag:Wir können mit einiger Sicherheit sagen, dass die Pandemie keinen signifikanten Einfluss auf die globalen Militärausgaben 2020 hatte“, wird jemand in der Zeitung zitiert. Welch Lichtblick in dieser trüben Zeit.

Auch ein Lichtblick: Unser bescheu gar großartiger Bundesverkehrsminister verkündet den „Nationalen Radverkehrsplan 3.0“. Aha. Was genau waren nochmal die Inhalte der Radverkehrspläne 1.0 und 2.0? Vielleicht solches:

(Schonmal gezeigt im vergangenen Jahr)

Mittwoch: Die Werbewirtschaft ist sauer auf Apple, weil es jetzt Nutzern ermöglicht, das sogenannte Tracking durch externen Apps zu unterbinden. Deswegen hat sie sich an das Bundeskartellamt gewandt: „Durch diese einseitig auferlegten Maßnahmen schließt Apple faktisch alle Wettbewerber von der Verarbeitung kommerziell relevanter Daten im Apple-Ökosystem aus“, so die Begründung. Das ist etwa so, als verklagte die Einbrecherinnung den Hersteller neuartiger Sicherheitsschlösser. Auf die Entscheidung bin ich gespannt.

Klage ist auch immer wieder zu hören über sogenannte „kulturelle Aneignung“, etwa wenn sich eine weiße Sängerin Rastalocken kleistern lässt. Wie viele der derart Empörten ohne Asienhintergrund mögen wohl dennoch ihr Sushi mit Stäbchen essen, nur um damit anzugeben, dass sie es können?

Es ist immer wieder schön, nach einem Werktag heimzukehren zu den Lieben. Gestern: „Was bis du spät.“ Heute: „Was willst du denn schon hier?“ Manchmal weiß ich auch nicht.

Donnerstag: Die Zeitung berichtet über eine Radfahrerin, die mit dem Fahrrad eine rote Ampel missachtete und deshalb hundert Euro zahlen musste. Das findet sie empörend, denn: „Meist fühle ich mich natürlich als ‚Klimaretter’ im Recht und lege bei mir nicht einsichtigen Verkehrsregeln das ein oder andere Mal diese zu meinen Gunsten aus.“ Damit verkörpert die Dame eine Haltung, die in unserer Gesellschaft zunehmend um sich greift, sei es bei der Einhaltung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit im Straßenverkehr oder Corona-Abstandsregeln. Viele legen ihnen nicht einsichtige Regeln zu ihren Gunsten aus, auch ich betrachte manche Fußgängerampel eher als unverbindlichen Vorschlag. Werte Frau W, wenn Sie der Meinung sind, sich nicht an Regeln halten zu müssen, dann akzeptieren Sie bitte mögliche Konsequenzen, anstatt Zeitungsleser mit ihrem Egoismus zu belästigen.

Nach sonnigem Fußmarsch am Morgen …

… tobte mittags Tief „Christian“ mit Sturm und Regen durch die Stadt, beruhigte sich im Laufe des Tages jedoch wieder. Erst am Abend brauste es wieder etwas auf, wenn auch nur im häuslichen Rahmen.

Ansonsten lernte ich heute das mir neue Wort „pejorativ“ kennen, laut Duden bedeutet es „abwertend, eine negative Bedeutung besitzend“. So wie für manche Menschen Verkehrs,- Ab- und Anstandsregeln.

Freitag: Stell dir vor, es ist Ende April und wir verlassen das Haus morgens immer noch mit Schal und Handschuhen. (Bitte dies ausdrücklich nicht als Zweifel an der Klimaerwärmung verstehen.)

Samstag: Der Mai ist gekommen. Erstmals steht auch bei uns im Hof ein Maibaum, sofern man dieses dürre, frühzeitig herzlos aus dem jungen Leben gesägte Birkenkind mit zwei farbigen Krepppapierbändern als „Baum“ bezeichnen möchte. Herzlos ist hier wörtlich zu nehmen – da das sonst bei Maibäumen übliche rote Sperrholzherz mit Namenszug fehlt, bleibt offen, wer die oder der Angebetete ist und wer den Baum aufstellte. Gleichsam das amouröse Pendant zum Grabstein des unbekannten Soldaten, der auf fast jedem Friedhof zu finden ist.

Sonntag: Der Spaziergang führte entlang eines größeren, bei Hundehaltern beliebten Areals im Bonner Norden, wo sie heute wieder in größerer Anzahl anzutreffen waren, Hunde wie Halter. Auch wenn mir das egal sein kann und ich in keiner Weise belästigt wurde – solange ich in dieser Welt wandele, also womöglich noch ein paar Jahre, wird sie und mich ein tiefer Graben gegenseitigen Unverständnisses trennen, da bin ich mir ziemlich sicher.