Woche 49: Mir doch egal

Montag: In Kattowitz beginnt der Klimagipfel und ich recherchiere den Begriff „Fatalismus“.

„Ist die Erde noch zu retten?“, lese ich irgendwo. Die Frage erscheint mir reichlich vermessen. Auch wenn wir uns seit einigen Jahrtausenden die größte Mühe geben, wird es uns nicht gelingen, die Erde auszulöschen, höchstens verändern wir sie vorübergehend ein wenig, für einen aus erdgeschichtlicher Sicht winzigen Zeitraum. So wie ein Schnupfen uns für gewöhnlich nicht umbringt, jedoch eine Zeit lang sehr lästig sein kann. Die Frage muss daher lauten: „Sind die Menschen noch zu retten?“ Da habe ich indes wenig Hoffnung.

Es ist wohl eine Ironie der Weltgeschichte, dass sich ausgerechnet diese hochgradig bescheuerte Spezies selbst als „Homo sapiens“ bezeichnet.

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(Quelle: PONS)

Dienstag: Über menschlichen Irrsinn, Macht und Manipulation hier ein lesenswerter Aufsatz von Paul Kaufmann.

„Besinnlichkeitsbooster“ nennt Herr Buddenbohm die jetzt wieder allgegenwärtigen Weihnachtsfeiern. Trotz Englisch-Anteil ein schönes Wort.

Mittwoch: Bleiben wir noch etwas beim Thema „menschlicher Irrsinn“. Bei Yuval Noah Harari lese ich dazu: „In den kommenden anderthalb Jahrtausenden schlachteten sich die Christen gegenseitig zu Millionen ab, weil sie die Lehre der Nächstenliebe in einigen Detailfragen unterschiedlich interpretierten.“ Na dann schöne Adventszeit.

Donnerstag: Widmen wir uns schönen Dingen. Augenscheinlich tritt die bei jungen Männern beliebte Knöchelfrei-Mode zurzeit – vielleicht jahreszeitlich bedingt – etwas zurück zugunsten besonders bunter Socken.

Freitag: In der Zeitung lese ich einen interessanten Artikel über JOMO – Joy of missing out – zu deutsch: mir doch egal. Es geht darum, sich nicht zum Sklaven der (digitalen) Medien machen zu lassen, nicht jeden Quatsch in den einschlägigen Hetzwerken zu verfolgen. Zitat: „Vieles, was wir am Smartphone tun, frisst Lebenszeit. Die sich nicht gut verbraucht anfühlt.“ Demnach bin ich, ohne es zu wissen, schon lange ein Vorreiter dieses Trends. Auf Whatsapp zugesandte Filmchen und Sprüche-Bildchen ignoriere ich konsequent, mein Facebook-Konto löschte ich bereits vor Jahren, und das Lesen der Twitter-Timeline bereitet mir schon seit geraumer Zeit keine Freude mehr. Die Tage meines Twitter-Kontos sind ohnehin gezählt.

„Das Äußerste ist da, wo nichts mehr kommt“, sagt der Geliebte. Da hat er wohl recht.

Samstag: Auf der Jagd nach Besinnlichkeit fahren die Homo sapiens heute zu tausenden mit ihren Autos in die Stadt, um sich gegenseitig anzuhupen, zu beschimpfen und unfreundlich zu Verkaufspersonal zu sein. Es fällt manchmal schwer, Menschen zu mögen.

Nicht so am Abend auf der Adventsfeier des Karnevalsvereins, wo unter anderem ehemännliche Unarten der Badbenutzung erörtert wurden wie Zähneputzen abseits des Waschbeckens, was zu folgendem Dialog führte: „Putzt du dir auch beim Kacken die Zähne?“ – „Nein, ich mache das umgekehrt. Aber ich mache es hinterher weg!“ Das wäre einen Tusch wert gewesen, diese Menschen mag ich sehr.

Sonntag: Schöner Regenspaziergang am Nachmittag. Danach Lektüre der Sonntagszeitung bei einer Tasse Tee. Dort lese ich vom App-gesteuerten Hochtechnologie-Teekocher eines bekannten Wuppertaler Haushaltsgeräteherstellers für sechshundert Euro, welcher wegen „Auffälligkeiten an der Software vereinzelter Geräte“ zurzeit nicht lieferbar ist. Meinen Tee bereitete ich hingegen mit einem klappbaren, rein mechanischen Teesieb für 3,95 Euro und einem herkömmlichen Wasserkocher mit simplem Einschaltknopf zu. Geht notfalls auch.

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Am Abend treibt uns Bratwurst-Appetit noch einmal raus auf den Weihnachtsmarkt. An einer Glühweinbude „singen“ zwei elektrisch bewegte Hirschköpfe „Last Christmas“, davor eine Anzahl Menschen, die das mit dem Telefon filmen. Ich bin unschlüssig, welches von beiden ich bekloppter finde.

Aufgewärmt: Von einem anderen Stern

Aus gegebenem Anlass erlaube ich mir, einen älteren Aufsatz behutsam aufzuwärmen und ihn Ihnen erneut zur Lektüre zu geben. Ich bitte um Verständnis.

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Bald feiern wir wieder das Fest des Kindes. Der Legende nach wurde es vor etwa zweitausend Jahren in Bethlehem geboren, nachdem es auf rätselhafte Weise in den Bauch einer gewissen Maria geraten war. Mit Vaterschaftstests und Unterhaltsklagen waren sie damals noch nicht so weit, daher kam Josef mit seiner War-ich-nicht-Nummer nicht durch, stattdessen musste er die Dame auf ihrem Weg durch Nacht und Kälte begleiten. In Bethlehem hatten sie Pech: Wegen einer Verbrauchermesse waren alle Hotels und Pensionen belegt oder überteuert, daher rasteten sie in einem zugigen Stall, wo das Kind schließlich unter den desinteressierten Blicken eines Ochsen und eines Esels zur Welt kam.

Drei Messeteilnehmer aus dem Morgenland waren spät dran, weil sie sich uneins waren über den Weg nach Bethlehem, bis einer von ihnen das Laserlicht entdeckte, das seit Tagen von der Messehalle aus in die Wolken strahlte. Als sie endlich ankamen, entdeckten sie den Stall, irrtümlich hielten sie das ganze für die sehr gelungene Warenpräsentation eines innovativen Leuchtmittelherstellers, dessen Produkte offenbar ganz ohne Flamme auskamen, die Kopfbeleuchtung des Babys strahlte besonders hell. Daher überreichten sie ihre Karten und einigen Kram von geringem Gebrauchswert, den sie in ihren Jackentaschen gefunden hatten. Josefs Frage nach einem wärmenden Schluck beschieden sie hingegen abschlägig, da ihre Cognacvorräte auf der langen Anreise schon draufgegangen waren.

Aus dieser mündlich überlieferten Begebenheit sind schließlich Weihnachten, Lichterketten und Glühweinbuden entstanden. Seitdem hat sich viel getan. Heute glauben die Kinder nicht mehr an drei nette Herren aus dem Osten, sondern an einen dicken Mann in rotem Gewand mit weißem Rauschebart und das Christkind, die unter Absingen von ‚“Last Christmas“‘ die Geschenke bringen, bevor sie wieder durch den Schornstein verschwinden – im Zeitalter der feinstauboptimierten Zentralheizung schon schwer vorstellbar, selbst für das gutgläubigste Kind. Apropos kindlicher Glaube: Früher, so mit vier oder fünf, glaubte ich, es hieße ‚Kristkind‘, weil es, während es die Geschenke verteilt, sagt: „Du krist (= ostwestfälisch für ‚kriegst‘) dieses Geschenk, du krist das und du das.“

Längst vorbei sind auch die Zeiten, da Neugeborene in Windeln gewickelt in einer Futterstelle für Nutztiere aufbewahrt werden, außer vielleicht in besonders ökoideologisch-traditionellen Haushalten. Dafür gibt es heute technologisch hochentwickelte Tragegefäße, welche sich mit wenigen Handgriffen in eine Babybox für Brust-, Auto- oder Fahrradbefestigung verwandeln lassen, um den Nachwuchs zum Geschenkeempfang oder zur Niedlichfindeaufforderung in die Verwandtschaft oder die Firma zu verbringen. Vielleicht wissen Sie, was ich meine: Des Kollegen Frau liegt in freudiger Erwartung. Wenige Tage später hört man auf dem Büroflur das hochfrequente Juchzen der Kolleginnen, mindestens eine Oktave über ihrer üblichen Sprechstimme. Ein vorsichtiger Blick aus der Bürotür verrät den Grund: Der junge Vater steht mit dem Tragekörbchen auf dem Flur, umringt von vor Entzückung entrückten Menschen.

Ein paar Minuten später steht der vaterstolze Kollege dann mit seinem Ableger in meiner Bürotür und sagt so etwas wie „“Sieh mal, Paul-Luca, und das ist Carsten,… sag mal hallo zu Carsten!““ Während ich mich mit gequältem Lächeln von meinem Platz erhebe und mir ein „Ganz der Papa““ abringe, sagt Paul-Luca weder Hallo, noch nimmt er überhaupt Notiz von mir. Das Desinteresse ist beiderseitiger Natur, mit Hunden und neu erworbenen Autos geht mir das übrigens genau so.

Ich gebe zu: meine Begeisterung für Neugeborene, Kinder generell, ist begrenzt, für mich sind sie so etwas wie Wesen von einem anderen Stern, mit denen ich nicht so recht etwas anzufangen weiß. Das war schon immer so, auch als ich selbst noch ein Kind war. Wenn in der Verwandt- oder Nachbarschaft ein neuer Mensch die Bühne betrat, hielt ich mich stets in sicherer Entfernung, und das Gewese, welches um diesen Neuankömmling gemacht wurde, fand ich unangemessen, schließlich hatte er bislang noch nichts geleistet außer schreien und kacken. Na ja, viel mehr konnte ich auch nicht vorweisen.

Meine Kinderlosigkeit empfand und empfinde ich eher als Segen denn als Mangel, ich vermisse diesbezüglich absolut nichts. Warum das so ist, kann ich nicht sagen. Vielleicht habe ich Angst, meine Kinder könnten so werden wie ich. Wobei, die Geschichte mit dem Töpfchen, der A-A und der mit der Zahnbürste braun angemalten Tapete haben sich meine Eltern bestimmt nur ausgedacht, um mich gelegentlich in schlechtes Licht zu rücken. Oder um von der Nichtexistenz des Weihnachtsmannes abzulenken.

Trotzdem, oder gerade deshalb: Liebe Kinder, ich wünsche euch ein schönes Weihnachtsfest mit vielen pädagogisch wertvollen Geschenken! Und wie das Kind in Marias Bauch kam, fragt euren Papa.

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(Ursprünglich veröffentlicht hier.)

Woche 48: Über Merkel und Ferkel

Montag: „Besonders feierte die Garde seine Artillerie, die in diesem Jahr seit 60 Jahren besteht“, schreibt die Zeitung zum Sessionsauftakt der Bonner Ehrengarde. Wessen Artillerie genau, bleibt dabei offen. Oder: Eine spontane Geschlechtsumwandlung als missglücktes Stilmittel.

Apropos Geschlechtsgedöns: Während ich abends weiter an meinem Bestseller arbeite, höre ich alte Kassetten mit Radio-Aufnahmen. Für die Jüngeren unter Ihnen muss ich hierzu etwas ausholen: Liebe Kinder, es gab mal Zeiten ohne Internet, Streaming und Spotify. Wenn uns ein Lied gefiel, so mussten wir unser Taschengeld in einen Laden tragen und eine Schallplatte oder, später, CD erwerben. Die waren teuer. Daher kauften wir für unser knappes Geld lieber Kassetten, das waren vorzeitliche, etwa smartphonegroße Ton-Speichermedien, welche vermittels eines aufgespulten Magnetbandes die Konservierung von in der Regel neunzig Minuten Musik ermöglichten, fragt mal eure Eltern, die kennen die vielleicht noch. (Dann könnt ihr auch gleich fragen, was „vermittels“ heißt.) Die legten wir in unseren Radiorekorder, hörten mit Aufnahmetaste im Anschlag die Schlagerralley oder Mal Sandocks Hitparade und hofften, dass unser Lied kam. Und wehe, der Moderator quatschte am Anfang oder Ende des Liedes hinein (was er vermutlich musste, weil die Schallplattenindustrie das verlangte), oder mitten im Lied kam ein Verkehrshinweis – dann wurden wir ziemlich sauer.

Ich habe das recht lange gemacht, auch als ich mir CD’s problemlos leisten konnte (Schallplatten waren zwischendurch mal fast ausgestorben), die letzte Radio-Kassette ist von 1998. Die meisten Kassetten habe ich noch, auch beim letzten Umzug brachte ich es nicht übers Herz, mich von ihnen zu trennen. So schlummerten sie jahrelang vor sich hin, bis ich kürzlich auf die Idee kam, mal wieder eine einzulegen, zumal ich noch eine Stereoanlage besitze, die über diese antiquierte Technik verfügt. Und siehe (beziehungsweise höre) da: Die funktionieren noch. Man entdeckt sogar das eine oder andere vergessene Lied wieder und denkt: Gar nicht so schlecht. Zum Beispiel dieses:

Dienstag: Morgens Shakira im Radio. Fragte man mich, was ich von Shakira halte – man wird ja andauernd nach seiner Meinung zu irgendwas gefragt, etwa achtzig Prozent aller Anrufe auf unser Festnetztelefon sind von Leuten, die meine Meinung wissen wollen zu Fernsehen, Politik, Musikgeschmack, Glück, Suchtverhalten, Funktionsunterwäsche, lauter solche Sachen, die ich nie beantworte, weil ich vorher den Anrufer beschimpfe und dann auflege – fragte man mich also nach meiner Meinung zu Shakira, antwortete ich mit dieser Gegenfrage: Kennen Sie diese angenehme Stille, welche nach Ausschalten des Radios eintritt, vergleichbar mit dem Gefühl, wenn sich ein Wadenkrampf langsam löst?

Am Mittagstisch erzählt die Kollegin, sie sein im Film Bohemien Rapsody gewesen, Sie wissen schon, über Freddy Mercury. Seitdem singt mein Ohrwurm „Radio Gaga“. Etwas anstrengend, aber wesentlich besser als Shakira.

Mittwoch: Manchmal, ganz selten, überrascht die Bahn positiv: Der Regionalexpress von Köln nach Bonn fuhr am Abend auf die Minute pünktlich, während die Anzeige am Bahnsteig (sowie die Bahn-App) eine Verspätung von fünf Minuten in Aussicht stellten. Der Pessimist würde sagen: Auf nichts ist mehr Verlass.

Donnerstag: „Dringend“ schreibt der Kollege im Betreff einer Mail. Durch einen unerklärlichen Reflex rutschen derartige Nachrichten bei mir in der Priorität der Bearbeitung stets ziemlich weit nach unten.

Alles ist nur noch von Zahlen getrieben. Gibt es etwas langweiligeres als Zahlen? Zahlen mögende Menschen, die klug klingen möchten, sagen gerne „Delta“, wenn sie Differenz meinen. Heute sagte jemand: „Ich sehe da erhebliche Delten“. Das klang nicht besonders klug.

„Keine Schnecke macht für die globale Schneckengemeinschaft auch nur ein Hörnchen krumm“, schreibt Yuval Noah Harari in seinem lesenswerten Buch „Eine kurze Geschichte der Menschheit“, meiner derzeitigen Stadtbahn- und Bettlektüre.

Freitag: Die Radio-Nachrichten am Morgen berichten erst über Merkel (defektes Flugzeug), direkt danach über Ferkel (beteubungslose Kastration). Das ist zwar nicht besonders lustig, dennoch ließ es mich bereits vor Verlassen des Betts kurz lächeln, was kein schlechter Start in den Tag ist.

Aus einem Zeitungsbericht über Bram Schot, den neuen Audi- Chef: „Bei einem Audi-internen Innovationsgipfel schlug er vor wenigen Tagen vor, dass das Personal nur noch vier Fünftel der Zeit arbeiten und ein Fünftel darauf verwenden soll, zu träumen, nachzudenken und nachzufragen.“ Während der Arbeit mal Zeit zum Nachdenken haben. Das wäre schön.

Auf der Rückfahrt mit dem Zug von Köln nach Bonn kann ich es nicht vermeiden, den Gesprächen einer Mädchengruppe zu lauschen. Jeder zweite Satz in einem gespielt weinerlichen Ton mit extrem langgezogener letzter Silbe. Einmal mehr frage ich mich: Warum sprechen so viele junge Menschen, unabhängig vom Geschlecht, wie debile Idioten?

Samstag: Wegen der Flugzeugpanne der Bundeskanzlerin vom Donnerstag sieht sich die Zeitung heute genötigt, ihre Leser mit einer Chronik „Die größten Pannen deutscher Regierungsflieger“ zu beglücken. Es ist allerhöchste Zeit für eine Chronik „Die überflüssigsten Chroniken in Tageszeitungen“.

Sonntag: Ein gutes Beispiel für „typisch deutsch“ lässt sich hundertfach im Bonner Stadtgebiet besichtigen:

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Aufgrund der Änderung irgendeiner Rechtsvorschrift mussten vor mehreren Jahren Anwohner- in Bewohnerparkplätze umbenannt werden, warum auch immer. Vermutlich um Kosten zu sparen, wurden keine neuen Schilder beschafft, sondern – im Sinne des Steuerzahlers zu loben – alle „An“s mit „Be“s überklebt. Warum dafür, entgegen deutscher Gründlichkeit, Aufkleber mit einer kleineren Schriftgröße beschafft wurden, bleibt offen. Vielleicht waren die noch etwas günstiger, oder der zuständige Städtling hat sich vermessen. Lange dürfte es indes nicht dauern, bis die Schilder erneut überklebt oder ausgetauscht werden müssen durch eine gendergerechte Aufschrift „BewohnerInnen“, „Bewohner*innen“, „Bewohner_innen“, „Bewohnende“ oder „Bewohnx“.