Buben, Dame, König Jazz – ein persönliches Stimmungsbild

Trioalle-rotweiß

Samstagmorgen, acht Uhr. Obwohl ich ausschlafen könnte, wovon ich für gewöhnlich ausgiebig Gebrauch mache, so man mich lässt, bin ich hellwach, von innerer Unruhe getrieben, in Gedanken schon einige Stunden weiter. Habe ich genug geübt in den zurückliegenden Monaten? Sitzen die Texte? Oder wird es sich rächen, dass ich kurz vorher an so vielen Proben nicht teilnehmen konnte wegen Urlaub? Ach wird schon – bei der Probe am Mittwoch und der Generalprobe gestern ging es gut. Aber nachher, vor Publikum…?

Nach dem Frühstück kurz in die Stadt, die Sonne scheint, es ist warm, Stadtfest in Bonn. Genau richtig, um sich ein Bier oder ein Glas Wein gönnen. Geht aber nicht, wegen nachher. Immer wieder der Blick auf die Uhr – noch gut drei Stunden, dann muss ich los. Zurück nach Hause, ich bin müde, könnte mich noch ein Stündchen hinlegen. Mache ich aber nicht, würde nichts bringen, die innere Unruhe… Versuche stattdessen was zu lesen, immer wieder die Uhr im Blick.

Kurz nach drei. Ich schnappe die gepackte Tasche mit den Bühnenklamotten und mache mich auf zum Bahnhof. Die Bahn kommt pünktlich. Kabel entwirren, Ohrstöpsel rein, Musik vom iPhone, keine Chormusik, Entspannung. Mit etwas Verspätung komme ich im Belgischen Haus zu Köln an, unserem Auftrittsort. Ich hasse es, unpünktlich zu sein, ist aber nicht schlimm, alle anderen wirken entspannt, laufen herum, schwatzen, scherzen. Dann heißt es: sammeln zum Einsingen, die üblichen Übungen: So ho ho ho ja so ho soo; Mannmannmannmannmannmann, mahahahahahann, Ma ha ha ha ha ha haaan… erst tief, dann immer höher, und so weiter. Kein Problem, meine Stimme ist fit. Dann noch mal jedes Lied kurz ansingen, Stellprobe auf der Bühne und – ganz wichtig – Auf- und Abgang proben. Ein paar mal runter von der Bühne und wieder rauf, einreihige Aufstellung, Wechsel zur zweireihigen, klappt auch einigermaßen. Nachher, wenn es ernst wird, auch? Wir werden sehen. Hauptsache wir singen gut.

Noch zwei Stunden bis zum Einlass. Schnell was essen, die letzte Zigarette vor dem Konzert, dann umziehen, schwarz-weiß in der ersten Hälfte. Ich fühle mich nun erstaunlich ruhig und sicher. Andere schauen noch mal in ihre Noten, vielleicht um letzte Textunsicherheiten zu beseitigen, vielleicht um sich selbst zu beruhigen. Fühle mich an die Schulzeit erinnert; unmittelbar vor einer Klausur schafften es manche, durch intensives Blättern in ihren Büchern und Unterlagen Panik und Hektik zu verbreiten. Ich lasse mich davon nicht anstecken.

Dann ist es so weit – Einlass des Publikums, Gemurmel aus dem Saal, wir Sänger stehen bereit in der richtigen Reihenfolge für den Auftritt, wie eine schwarz-weiße Perlenkette. Was war noch mal das erste Lied, wie ging die erste Textzeile? Verdammt, scheinbar alles weg. Das Licht im Saal geht aus, das Geraune verstummt, unsere dreiköpfige Begleitcombo betritt die Bühne, erster Applaus. Dann los, wir gehen raus, stellen uns wie zuvor eingeübt im Halbrund auf, Applaus, grelles Licht strahlt uns an, es ist warm, der Saal halbdunkel, die hinteren Reihen von der Bühne aus nicht zu sehen. Wo sitzen die Freunde und Bekannten? Kann sie nur teilweise erkennen. Ach sieh an, der ist auch gekommen! Wo sitzt der Liebste? Sehe ihn nicht, ist vielleicht besser so… Unsere Chorleiterin betritt die Bühne, tosender Applaus, Verbeugung ins Publikum, dann dreht sie sich um zu uns, gemahnt uns wortlos in ihrer unvergleichlichen Art, zu lächeln, wir gehorchen und lächeln im Rahmen unserer Möglichkeiten, leises Kichern aus dem Publikum, dem die freundliche Aufforderung unserer Chefin nicht entgangen ist.

Nun wird es ernst – sie hebt ihre Arme, gibt das Tempo an für das erste Lied. Verdammt, wie ging das nochmal?? Die Combo beginnt, kurzes Vorspiel, dann legen wir los, Text und Melodie sind plötzlich wie selbstverständlich wieder da. Die ersten Takte eines Konzertes sind immer die schlimmsten, Schweiß bricht mir aus, jetzt bloß nicht schwindelig werden, es ist jedes Mal dasselbe. – Der erste Teil des Liedes lief schon mal gut, jetzt käme ein Zwischenspiel der Combo, dann wieder wir. Käme – kommt aber nicht, unsere Dirigentin hebt die Arme und lässt weiter singen. Kurzfristige Irritation bei Band und Sängern, aber wir singen und spielen weiter, nach wenigen Takten hat es sich wieder eingespielt, mit etwas Glück hat das Publikum nichts gemerkt oder gedacht, das müsste so sein. Schlussakkord, Chefin senkt die Arme, Applaus, erste anerkennende Pfiffe. Das Lied lief trotz der spontanen Umdisposition gut, ich spüre eine gewisse Erleichterung in mir aufkommen, jedoch keine Entspannung, die wäre auf der Bühne fehl am Platz. Lächele weiter.

Dann Begrüßung des Publikums durch unsere zwei bewährten Moderatoren aus den eigenen Reihen, der Funke springt sofort über in den Saal, das merkt man. Auch die weiteren Lieder laufen gut, die Moderationen treffen auf den Punkt, zwischendurch verlassen wir immer wieder die Bühne für instrumentale Zwischenspiele der Combo sowie Trios und Quartette. Auch das Trio, bei dem mitzuwirken ich das Vergnügen habe, läuft gut. Ja, es läuft, die Zeit bis zur Pause verfliegt nur so.

Zwanzig Minuten Pause – umziehen in schwarz-rot-weiß, was trinken, scherzen, wieder schauen einige in ihre Noten, sollen sie.

Teil zwei beginnt mit einem mitreißenden A Capella-Stück, die Chefin höchstselbst singt das Solo darin. Dann folgt das Lied, vor dem ich schon den ganzen Abend, ach was die ganze Woche innerlich zittere, weil ich zum ersten Mal in meiner Chor-„Karriere“ das Solo habe, wovon ich freundlicherweise erst eine knappe Woche zuvor in Kenntnis gesetzt wurde, wohl um meine Nervosität in zeitlichen Grenzen zu halten. Aber es klappt, ich vergesse weder Text noch die Einsätze, beim Improvisationsteil („Ba dubada blee … diridiri dudljö“) lasse ich es einfach laufen und springe dabei über meinen eigenen Schatten, bewege mich sogar dazu*. Es läuft.

Beim letzten Lied (New York, New York; Experten streiten, ob es „Nju Jork“ oder „Nu Jork“ heißt) ein allgemeiner Patzer, egal, wir haben es geschafft, der Saal tobt; Klatschen, Pfeifen und Johlen umtosen uns, ein wunderbares Gefühl. Verbeugungen, das Klatschen wird rhytmisch, wir deuten es als Wunsch nach einer Zugabe, dem wir selbstverständlich gerne nachkommen.

Zwei Zugaben, dann ist Schluss, wir gehen ab mit der Gewissheit, ein gutes Konzert gegeben zu haben. Das Lob unserer Chefin tut gut, den Rest besorgen die Endorphine, die noch lange in mir brodeln. Umziehen, dann raus, ein Bier, eine Zigarette und viele anerkennende Worte von Besuchern, die noch da sind. Aber jetzt nicht innerlich zurücklehnen – morgen das gleiche noch mal. Und ja, auch das Konzert am Sonntag lief sehr gut, besser noch als am Tag zuvor. Ein wirklich schönes Gefühl, wenn sich die Probenarbeit der zurückliegenden Monate gelohnt hat.

Leider kein Licht ohne Schatten: Noch am Sonntagabend gab ein sehr lieber Mitsänger bekannt, dass er uns aus beruflichen Gründen verlassen wird. Er wird – nicht nur mir – sehr fehlen.

Mein persönliches Fazit der beiden Tage: Ja, Singen, Teil eines Akkordes zu sein, macht glücklich. Und ich bin stolz darauf, ein Kölner SPITZbube sein zu dürfen!
Während ich diese Zeilen schreibe, spielt mein Hirnradio die 257. Strophe von April in Paris, heute Morgen war es Moonlight Serenade. Das wird wohl noch einige Tage lang so gehen.
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* Markenzeichen fast aller schwulen Chöre** ist es, ihre Auftritte mit einer mehr oder weniger aufwändigen Choreografie zu unterlegen. Nicht so wir – wir bewegen uns nur selten zum Gesang, was meinem ostwestfälischen Natuerell sehr entgegen kommt, ich finde dieses ständige Gehampel zumeist als störend, wobei ich zugebe, dass es, in geringen Dosen angewendet, durchaus Spaß machen kann. Leider vergesse ich beim Hampeln meistens den Text, was im oben genannten Fall jedoch keine Rolle spielte.

** Natürlich sind nicht die Chöre schwul, sondern nur ihre Mitglieder. Bei uns jedoch nicht alle.

Parasiten

„Toxoplasma gondii ist ein einzelliger Parasit, dem Katzen als Wirtstiere dienen. Springt er auf Mäuse über, zeigen diese ein seltsames Verhalten, das sie zur leichten Katzenbeute macht. Jetzt gibt es alarmierende Hinweise, dass er auch beim Menschen in das Verhalten eingreift.“

So die Zeitschrift PSYCHOLOGIE HEUTE, Ausgabe September 2014.

Im weiteren Verlauf des Artikels erfährt der Leser, dass Ratten und Mäuse, welche den Katzen aus Gründen der Art- und Gesunderhaltung normalerweise eher reserviert gegenüberstehen, plötzlich Gefallen an deren Ausscheidungen finden, sobald der Parasit Besitz von ihnen ergriffen hat. Die Maus kriecht also, vom Verlangen nach Katzenpisse getrieben, aus dem Loch, und – zack – bekommt sie die bekrallte Pfote zu schmecken. Seien wir dankbar, dass diese Zusammenhänge bei der Schaffung der beliebten Zeichentrickserie Tom & Jerry offenbar noch unbekannt waren.

Man schätzt, jeder dritte Mensch sei mit dem Einzeller infiziert, so die Zeitschrift. Die meisten merken nichts davon, nach bisherigen Erkenntnis stellte die Taxoplamose allenfalls eine echte Gefahr für immungeschwächte oder schwangere Menschen sowie Transplationspatienten dar. Inzwischen wird jedoch vermutet, der Parasit beeinflusse auch das menschliche Gehirn, ähnlich wie bei Ratten und Mäusen, nur dass der infizierte Mensch nicht plötzlich über neue Verwendungsmöglichkeiten des Katzenkloinhaltes nachdenkt. Stattdessen lassen sich wohl Fälle von Schizophrenie, Zwangsneurosen, bipolare Störungen bis hin zu Suizid auf Taxoplamose zurück führen, besonders der Zusammenhang zur Schizophrenie sei gut belegt. *

Dabei erscheint der Zusammenhang mit Zwangsneurosen viel offensichtlicher, diesen Aspekt vernachlässigt der Artikel meines Erachtens in unzulässiger Weise: So ist doch endlich die Ursache gefunden, warum so viele Menschen ihre Hauskatze mit einem Kind verwechseln und sie entsprechend behandeln, warum man als unbeteiligter ständig ein Smartphone mit einem Katzenbild vor die Nase gehalten bekommt und warum das Internet verseucht ist mit Katzenbabyfilmchen.

Eine Impfung gegen Taxoplamose gibt es bislang nicht. Zur Vermeidung einer Infektion empfiehlt das Robert-Koch-Institut, Katzenfleisch vor dem Verzehr gut durchzubraten, den Kontakt zu infizierten Tieren zu meiden und die Nähe zu einschlägig auffälligen Menschen auf das unvermeidlich notwendige Maß zu beschränken.

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* Es liegt mir fern, mich hier am Schicksal Betroffener zu belustigen.

Vom Zauber der seitlichen Dranvorbeischreibens – Herzlichen Glückwunsch, Max Goldt!

Lieber Max Goldt,

am Montagabend erfuhr ich aus der Tageszeitung, dass Sie an ebendiesem Tage Geburtstag hatten. Leider lähmten Müdigkeit und Zeitmangel meine Schreiblust, daher stelle ich mich erst heute in die Reihe der ungehörten Gratulanten an uns rufe „Herzlichen Glückwunsch“!

Für mich gehören Sie zu den ganz großen Schreibern, wobei ich nicht weiß, ob Sie diese Bezeichnung nicht als Beleidigung empfänden, so Sie diese Zeilen lesen würden, was so wahrscheinlich ist wie die Landung einer A 380 in Kassel-Calden. Wie Max Goldt schreibt, schreibt nur Max Goldt, dabei ist es zumeist schwierig, das zentrale Thema eines Textes zu benennen, vielmehr sind Sie ein Meister des Abschweifens, kommen „von Hölzken auf Stöcksken“, wie man so sagt, wo ich wech… – Verzeihung: herkomme.

Ich gestehe: gerne könnte ich so schreiben wie Sie, sehe in Ihnen so etwas wie ein Vorbild. Bevor man mich nun zu recht der lächerlichen Vermessenheit bezichtigt – eine Diesellok von Märklin oder Fleischmann in Baugröße HO *1 hat auch eine entsprechende Lokomotive der Deutschen Bundesbahn zum Vorbild, welche sie, so sie sich zufällig auf demselben Gleis begegneten, mit einem Geräusch zermalmen würde, das maximal an das Knacksen einer versehentlich zertretenen Schnecke erinnerte. Daher bin ich mir meiner eigenen Minitrixhaftigkeit *2 sehr wohl bewusst und finde das auch gar nicht schlimm.

„Wieder so ein untalentiertes Fröschchen, das glaubt, durch ungelenke Wortverschraubungen etwas in die Welt setzen zu müssen, was es für Kunst hält“, mögen Sie vielleicht denken, vielleicht gar einen unfreundlichen – und 220mal *3 treffender formulierten Text dazu verfassen. Das tun Sie natürlich nicht, denn Sie haben weitaus besseres zu tun, zudem, wie oben bereits ausgeführt, landen in Kassel-Calden kaum Flugzeuge. Und doch wäre das mein schönster Lohn.

Lieber Max Goldt, bitte machen Sie weiter, schreiben Sie noch viele Texte, die mir morgens die Stadtbahnfahrt zum Büro wesentlich erträglicher machen!

In ergebener Bewunderung
Ihr Stancer

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*1 HO = Maßstab 1:87 gemäß Norm Europäischer Modelleisenbahnen (NEM), die gibt es wirklich
*2 Minitrix = Spur N = Maßstab 1:160 gemäß NEM
*3 Spur Z = Maßstab 1:220, bekannt als Märklin Miniclub

Abschreckung

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Die staatlich verordnete Madigmachung des Tabakgenusses in Form aufrüttelnder Bilder ist in Frankreich noch nicht so konsequent durchgesetzt wie beispielsweise in Australien, wo der Raucher mit jeder Packung Zigaretten statt der Tabakmarke gleichsam einen tiefen Einblick in die dunkle Welt möglicher Körperschädigungen erwirbt.

Christophe (links) und Marie bereitete die Erstellung des Fotos viel Freude. Der Fotograf benötigte mehrere Stunden, bis ein Bild gelang, bei dem nicht wenigstens bei einem der beiden die Andeutung eines Grinsens im Mundwinkel aufzuckte. Nur nach aufwändiger Bildbearbeitung fand dieses Foto schließlich den Weg in das Arsenal visueller Abschreckung.

Hinterher verblieben die beiden noch längere Zeit in dem andeutungsweise abgebildeten Bett. Die anschließende Zigarette einer namhaften französischen Marke genossen sie sehr.

Einmalig II – Nahverkehr im ICE

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Die nachfolgende Geschichte gehört in die Reihe „Einmalige Erlebnisse“, zu der Tom in seinem Blog aufgerufen hat und beendet die Serie hier gleichzeitig, so fern bei zwei Folgen von einer Serie die Rede sein kann. Außerdem fällt sie etwas aus dem Rahmen dieses Blogs, da sie weder alltäglich ist – vermute ich jedenfalls – noch ausgedacht. Liebe Kinder, die nachfolgenden Zeilen sind für eure noch zarten Seelen nicht geeignet, bitte klickt weiter zu Youporn oder geht meinetwegen eure Eltern nerven. Liebe Moralmahner jedes Alters, bitte ersparen Sie sich und mir jegliche Kommentare im Sinne von „wie kann man nur“ und ähnlichen Fingerzeigen. Danke.

Es ist schon einige Jahre her. Auf dem Rückweg von einer Dienstreise saß ich im ICE von Berlin nach Köln, als in Hannover ein junger Mann auf dem freien Sitz neben mir Platz nahm. Ich musterte ihn kurz aus den Augenwinkeln, so wie ich es immer mache, wenn sich jemand neben mich setzt, eine dumme Angewohnheit, ordnete ihn in die Kategorie ‚optisch ganz nett‘ ein und widmete mich weiter der Lektüre meiner Psycho-Zeitschrift. Nach einigen Minuten glaubte ich in ebendiesen Augenwinkeln etwas zu vernehmen, was in einschlägigen Kölner Spelunken als Aufforderung zur Abgabe eines Angebotes zu interpretieren gewesen wäre: der Kerl rieb sich durch die Hose seine innere Lendengegend und schaute immer wieder zu mir herüber, was ich so gut es ging zu ignorieren versuchte. Dennoch weckte sein Tun mein Interesse. Nicht, dass ich vorgehabt hätte, es ihm gleich zu tun, zumal wir alles andere als alleine im Zug waren, aber ich wollte doch wissen, wie weit er geht.

Kurz vor Bielefeld sprach er mich an; was er genau sagte, ist mir nicht mehr erinnerlich. Klar war indes, er war sehr interessiert an mir, und so kamen wir ins Gespräch, wobei er immer wieder versuchte, das Spiel seiner Hände auf meine Hose auszuweiten, was ich angesichts der nebenan sitzenden Fahrgäste abzuwehren versuchte, doch er gab nicht auf. Auch entbehrte es nicht eines gewissen Reizes, was zu leugnen eine infame Lüge wäre. Mein reizender Sitznachbar erzählte mir, er bestreite seinen Lebensunterhalt mit der Erbringung unterleibserfreuender Dienstleistungen (so drückte er es natürlich nicht aus, aber ich weiß nicht, ob bei blog.de das Wort ‚Stricher‘ gegen die Allgemeinen Geschäftsbedingungen verstößt) und nun sei er auf der Suche nach neuen Jagdgründen.

„Lass uns auf die Toilette gehen“, flüsterte er mir zwischen Bielefeld und Hamm zu und versenkte seine Hand in meiner Hose. „Du spinnst wohl“, entgegnete ich und zog seine Hand mit einer Mischung aus Empörung und Erbauung wieder heraus, mit bangem Blick zum Sitznachbarn jenseits des Ganges, der jedoch so tat, als bekäme er nichts mit, was kaum vorstellbar ist, sicher hatte er abends seinen Lieben daheim eine lustige Geschichte zu erzählen. Dieses Spielchen zog sich bis Wuppertal hin, „Los, komm!“ – „Nein! Lass das!! (Mach weiter…)

Ich weiß nicht mehr, ob die Triebhaftigkeit irgendwann die Vernunft besiegte oder ob der in Aussicht gestellte Entgeltverzicht den Ausschlag gab, wahrscheinlich die Kombination aus beiden, in Hagen hatte er mich jedenfalls so weit und wir verschwanden aufs Klo. Hier muss ich den Leser aus Gründen des Anstandes leider vor der Tür stehen lassen und ihm das rote Besetzt-Schildchen weisen; was jenseits der Tür geschah, überlasse ich seiner Phantasie, so ganz falsch wird er damit nicht liegen.

In Köln angekommen, rauchten wir auf dem Bahnsteig noch die Zigarette danach, dann trennten sich unsere Wege – ich nahm den Zug nach Bonn, er wurde wohl Teil der Subkultur einschlägiger Etablissements. Wiedergesehen habe ich ihn nicht mehr, zumal ich bislang kein zahlungsbereiter Kunde seines Gewerbes bin. Aber was nicht ist, kann ja noch werden, auch ich werde nicht jünger; auch kann ich nichts verwerfliches daran erkennen. Die Erkenntnis aus dieser Begegnung: Manchmal überrascht das Leben mit Geschichten, die man eher der Phantasie eines mittelmäßig begabten Pornodrehbuchausdenkers zurechnen würde.

Schlusswort für heute: Lieber W., wo immer du auch bist, was immer du tust, ich hoffe, es geht dir gut! Und sollte dem Satz „Man begegnet sich im Leben immer zweimal“ Wahrhaftigkeit innewohnen, so wäre das nicht das schlechteste.

Brief an Lorie Meier

Betrifft: Inkasso

Liebe Frau Lorie Meier,

Sie schrieben mir heute diese Mail:

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Hierfür danke ich Ihnen sehr, besonders freut es mich, dass ausgerechnet ich von Ihnen auserwählt wurde, eines der noch freien 119 Systeme nutzen zu dürfen. Bevor ich mich nun dazu anmelde, habe ich noch eine Frage: Wie ist das mit der Geld-zurück-Garantie zu verstehen, wenn die Anwendung absolut kostenlos ist? Oder bezieht sich das auf die Verdienstgarantie von 102,59 Euro täglich, kann ich mich darauf verlassen, diesen Gewinn innerhalb der hundert Tage garantiert zurückzahlen zu müssen? Sie werden sicher verstehen, dass ich unter diesen Voraussetzungen noch eine Nacht darüber schlafen möchte.

Und N24? Ist das nicht diese Fernsehanstalt, die widerrechtlich das Postillon24-Logo für sich in Anspruch nimmt? Ich bin mir nicht sicher, ob ich deren Seriosität ausreichend Vertrauen schenken kann.

Liebe Frau Meier, in Anbetracht der oben stehenden offenen Fragen und nach reiflicher Abwägung aller Aspekte komme ich zu dem Schluss, dieses sicher einmalige Angebot doch zu verschmähen. Die armen Banken sind in der heutigen Zeit wirtschaftlicher Kälte schon genug gebeutelt, eine Mitschuld meinerseits an weiter sinkenden Bankerträgen ließe mein Gewissen fortan nicht ruhen. Sicher haben Sie noch weitere private Anwender wie mich auf Ihrer Liste, die sich eine solche Chance nicht entgehen lassen werden.

Sollten Sie in Zukunft weitere interessante Informationen für mich haben, gerne auch zu Penisvergrößerungen, potenzsteigernden Substanzen oder günstigen Krankenversicherungen, scheuen Sie sich nicht, mich zu benachrichtigen, meine Adresse haben Sie ja.

Einmalig I – mit der Zweihundertelf durchs Lipperland

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Lieber Tom, hier nun wie angekündigt meine Schilderung eines einmaligen Erlebnisses. Es begab sich um 1983, genau weiß ich es nicht mehr, ist auch egal, in der ersten Hälfte der Achtzigerjahre halt. Jede freie Stunde widmete ich der Eisenbahn: ich bastelte stundenlang an meiner Modelleisenbahn, so ziemlich jedes Wochenende verbrachte ich bei der Dampfkleinbahn und viele Nachmittage zusammen mit meinem ebenfalls bahnbegeisterten Freund Uwe am Bahnhof Hillegossen, wo wir uns mit dem örtlichen Bahnbeamten angefreundet hatten. Der Hillegosser Bahnhof liegt unweit meines Elternhauses an der Nebenbahn von Bielefeld nach Lemgo, für den unwahrscheinlichen Fall, dass es jemanden interessiert.

Zu der Zeit, von der ich singen und sagen will, war fast jeder Bahnhof an dieser Strecke mit einem Bahnbeamten besetzt, der über große Hebel Weichen und Signale stellte, außerdem verkaufte er an einem Schalter Fahrkarten, damals noch so kleine braune Pappdinger, nicht viel größer als zwei Briefmarken. Die Züge, meistens von einer Diesellok der Baureihe 211 gezogene grüne Umbauwagen aus den Fünfzigerjahren mit rotbraunen Kunstledersitzen, bei denen sich selbstverständlich noch die Fenster öffnen ließen, zuckelten mit 60 km/h durch die Landschaft, von Samstagnachmittag bis Montag früh war Betriebsruhe.

Ab und zu gelüstete es uns, Uwe und mich, mal wieder mit „unserer“ Bahn nach Lemgo zu fahren, den Kopf aus dem Fenster zu halten und uns die Dieselschwaden der Lok um die Nase wehen zu lassen, die Fahrkarte dafür war auch für Schüler erschwinglich. Meist gingen wir vor Abfahrt nach vorne zur Lok und fragten, ob wir auf dieser mitfahren durften, was natürlich streng verboten war, dementsprechend beschieden die meisten Lokführer unser Anliegen abschlägig, was wir keinem übel nahmen. Die meisten, aber nicht alle – manche fragten, ob wir eine Fahrkarte hätten und ließen uns rauf.

So auch an diesem Sommertag. Wir warteten schon am vorderen Bahnsteigende in Hillegossen auf den Zug, dort, wo die Lok halten würde. Pünktlich fuhr der Zug ein, und wir hatten Glück, ein freundlicher älterer Lokführer erlaubte uns, die Lok zu besteigen, nach der Fahrkarte fragte er nicht („Der dahinten [gemeint war der Zugführer] hat hier vorne nichts zu sagen“), und los ging’s. Nach etwa halbstündiger Fahrt mit Halten in Ubbedissen, Oerlinghausen, Helpup, Ehlenbruch, Lage und Hörstmar kamen wir planmäßig in Lemgo an, wo wir kurz in die Stadt und mit einem späteren Zug zurück fahren wollten. Daraus wurde nichts.

„Wenn ihr wollt, könnt ihr drauf bleiben, ich fahre gleich leer zurück nach Bielefeld.“ Leer hieß, nur die Lok, die Wagen blieben in Lemgo, wo sie später mit einem anderen Zug vereinigt wurden. Das ließen wir uns natürlich nicht entgehen! Kurz vor Abfahrt, das Ausfahrtsignal in Richtung Lage zeigte bereits „Fahrt frei“, erhob sich der Lokführer von seinem Sitz und fragte: „Wer fährt denn jetzt? Ich jedenfalls nicht.“ Wir sollten die Lok fahren? Hammer! Nun gehörte die Bedienung einer 211 nicht zu dem, was man uns bis dahin in der Schule beigebracht hatte, eine durch nichts zu entschuldigende Lücke im Lehrplan, daher erklärte er es uns, im Grunde war es nicht schwierig: Es gibt kein Gas-, Brems- und Kupplungspedal, stattdessen wähl man die Fahrstufe über ein Handrad und die Bremse wird über einen Handhebel auf der rechten Seite bedient; da es keines Lenkrades bedarf, hat man ja die Hände frei. Gleichwohl kommt auch das Lokführen nicht ganz ohne Fußarbeit aus: während der Fahrt ruht der Fuß auf einer Taste, in regelmäßigen Abständen hebt man ihn kurz an und signalisiert der Maschine damit, dass man nicht eingeschlafen oder gestorben ist, auf dass der Zug nicht führerlos durch die lippischen Weiten rase. Vergisst man das mal, leuchtet erst eine Lampe, dann kommt ein Warnton, und sollte man tatsächlich das zeitliche gesegnet haben, erfolgt eine Zwangsbremsung.

Sehen Sie, nun haben Sie wieder was dazugelernt. Wenn Sie das nächste Mal im Hauptbahnhof von einem in Eile befindlichen Lokführer gefragt werden, ob Sie wohl so freundlich sein könnten, seine Diesellok ins Betriebswerk zu fahren, er sei spät dran und müsse noch Kakteendünger kaufen, ehe die Läden schließen, so müssen Sie die vorgetragene Bitte nicht länger mit einem bedauernden Schulterzucken abschlagen, sondern erinnern sich kurz dieses Textes und schreiten zur Tat. Sollten Ihr Wissen weitere bahnspezifische Lücken aufweisen, etwa wie man in Bahnhöfen an eingleisigen Strecken eine Zugkreuzung durchführt, scheuen Sie sich nicht, zu fragen. Die Frage, was ‚Verzögerungen im Betriebsablauf‘ sind, welche die Deutsche Bahn so gerne der Verspätungen bezichtigt, erübrigt sich allerdings, das ist bloß eine inhaltsfreie Bahnbegriffsblase des einundzwanzigsten Jahrhunderts.

Doch zurück nach Lemgo: Etwas unsicher nahm ich auf dem Führersitz Platz, löste die Bremse und schaltete auf die mir geheißene Fahrstufe; der Dieselmotor brummte auf und die Lok setze sich in Bewegung, ein unbeschreibliches Gefühl für einen etwa sechzehnjährigen Bahnbekloppten! Die Leer-Rückfahrt ging nicht über die Nebenbahn via Hillegossen, sondern in Lage wechselten wir auf die Strecke nach Herford. Hinter Lage, vielleicht in Bad Salzuflen, ich weiß es nicht mehr, übernahm Uwe das Steuer beziehungsweise Fahrstufenhandrad bis Herford. Dort dann Fahrtrichtungswechsel, das letzte Stück über die Hauptbahn bis Bielefeld übernahm der „Meister“.

Als wir schließlich in Bielefeld von der Lok stiegen, konnte ich noch gar nicht fassen, was uns widerfahren war, andererseits nichts, womit ich bei den Mitschülern Eindruck schinden konnte, für die war mein Hobby immer etwas wunderlich, womit sie wohl nicht ganz unrecht hatten. Später hatte ich noch oft Gelegenheit, eine Lok zu fahren, vor allem bei der Dampfkleinbahn. Aber diese Fahrt einer Bundesbahn-211 durch das Lipperland blieb etwas ganz besonderes.

Heute fährt die Nordwestbahn mit modernen klimatisierten Triebzügen im Stundentakt zwischen Bielefeld und Lemgo, auch spätabends und Sonntags, in Hillegossen halten schon lange keine Züge mehr. Nach einer Mitfahrt vorne beim Fahrer würde ich heute wohl nicht mehr fragen. Statt örtlicher Bahnbeamter nur noch Fahrkartenautomaten. Immerhin, es fahren noch Züge, mehr als je zuvor, das ist erfreulich und allemal besser als ein Radweg auf stillgelegter Bahntrasse. So gesehen will ich nicht zu sehr den alten Zeiten hinterherschwelgen. Aber schön war es doch.