Woche 43: Wenn etwas schön ist

Montag: „Ich bin gerne unterwegs und ich möchte mich nicht einschränken lassen“, zitiert die Zeitung den 24-jährigen Björn B. zum Thema Sperrstunden in Kneipen. Junger Freund, möchte ich zu ihm sprechen, damit triffst du genau den Punkt. Nun liegt es mir fern, zu behaupten, ihr, die feiersüchtige Jugend, hättet uns das alles eingebrockt. Völlig unschuldig seid ihr indes wohl nicht. Zu eurer Verteidigung sei geschrieben: Immunität gegen Regeln ist weit verbreitet, nicht nur unter euch, und der Dumme ist oft der, der sich an die Regeln hält. Eine meiner größten Leistungen sehe ich darin, mich nicht ständig darüber zu ärgern.

Wessen Schuld es auch immer ist, siehe dazu auch die Anmerkungen aus vergangener Woche: Seit heute gibt es in der Kantine bis auf Weiteres wieder nur Essen zum Mitnehmen. Immerhin gibt es noch was, seien wir also dankbar.

Was Anderes, Schönes: Wenn Sie am Freitag, dem 13. November noch nichts vorhaben, wovon ich fest ausgehe, schauen Sie doch hier rein.

Dienstag: Manche Ideen und Erkenntnisse kommen mir oft morgens während der Rasur. Heute diese: Hätte ich einen eigenen Radiosender, gäbe es dort weder Fußballmeldungen noch Einspielungen von Hörermeinungen noch Max Giesinger.

Hunderte Werktätige kamen heute später zur Arbeit. Nicht nur wegen der Streiks im öffentlichen Nahverkehr, sondern auch, weil sie auf dem Weg dorthin innehielten, um das Morgenrot am Rhein zu fotografieren.

„Wen interessiert das eigentlich, was ich hier erzähle?“, fragte der Projektleiter in einer Skype-Besprechung. Zu seinem Glück haben sich Videokonferenzen bei uns immer noch nicht durchgesetzt; es wäre (wohl nicht nur) mir äußerst schwer gefallen, einen neutralen Gesichtsausdruck zu wahren.

Mittwoch: „Die Initiative ist well on track„, las ich in einer siebenundvierzigseitigen Präsentation, die augenscheinlich direkt aus der Hölle kam.

Übrigens: Wenn jemand behauptet, für etwas keine Zeit zu haben, so meint er in über neunzig Prozent der Fälle: keine Lust dazu.

Donnerstag: Heute war ich hochgradig well on track. Es gibt mehrere ungeschriebene Listen in diesem Kopf, eine davon trägt den Titel „Endlich mal machen“. Ziemlich weit oben darauf steht eine Wanderung durch die Wahner Heide. Das ist ein Naturschutzgebiet östlich von Köln; wenn es Sie interessiert, schauen Sie gerne mal hier. Heute war es endlich so weit, nachdem ich Anfang der Woche recht spontan einen Tag Urlaub angemeldet hatte. Bei leichtem Regen startete ich morgens ab Bonn mit dem Bus nach Troisdorf, wo ich gegen neun ankam. Wie das so ist wenn Engel reisen – der Regen hatte sich bei Ankunft verzogen, später kam sogar die Sonne durch und es wurde richtig warm.

Die Wahner Heide ist durchzogen von zahlreichen Wanderwegen, von denen abzuweichen man tunlichst unterlassen sollte, da Teile davon militärisches Sperrgebiet sind, wo noch immer aktiv Krieg gespielt wird. Aufgrund örtlicher Unkenntnis nutzte ich eine App, die mir eine gut neun Kilometer lange Rundwanderung vorschlug und durch Wald und Heide navigierte.

Nachdem die Runde sich bereits nach weniger als zwei Stunden dem Ende entgegen neigte, entschied ich, unnavigiert noch etwas weiter zu gehen, was nicht schwierig ist, man muss nur den Holzpfählen mit den roten Köpfen folgen. So wurden es am Ende über einundzwanzig Kilometer, von denen ich in Folge meiner planlosen Eigenmächtigkeit einige zweimal ging, aber das macht nichts – Wenn etwas schön ist, dann ist es das auch noch in der Wiederholung.

Hier nun einige optische Eindrücke der heutigen Tour. Während der Heideblüte ist es vermutlich noch eindrucksvoller, aber der Herbst ist auch hier ein verlässlicher Farbenspender.

Somit kann ich heute einen Listeneintrag abhaken. Ich bin mir sicher, in der Wahner Heide war ich nicht zum letzten Mal, es gibt dort noch viele Wege von mir zu erwandern.

Freitag: Apropos Liste: Die sich einer gewissen Beliebtheit erfreuende Liste des Grauens wurde weiter fortgeschrieben. Auf Anregung von Frau Kraulquappe finden Sie sie nun als separate Seite hier. Vielen Dank für den Hinweis, manchmal wundert man sich ja, warum man nicht längst selbst darauf gekommen ist.

Bleiben wir noch etwas bei den Listen: Aussterbende Arten werden üblicherweise auf der Roten Liste vermerkt. Manchmal jedoch werden auch neue Arten entdeckt. Wie heute in einer Besprechung, als die Kollegin anregte, eine „Versuchsente“ zu Wasser zu lassen. Eine neue Spezies im Ententeich der komischen Vögel?

Samstag: „Verschoben auf den 28.5.2021“, steht auf einem großen Zettel, der schräg über ein Plakat zur Ankündigung eines Konzerts geklebt wurde, wie ich während meiner samstäglichen Besorgungen sah. Was wäre die Welt in diesen Zeiten ohne Optimismus?

Nicht überall ist Optimismus angebracht. Die Besorgungen führten mich in den weiterhin geöffneten Drogeriemarkt im Untergeschoss des kürzlich geschlossenen Karstadt-Kaufhauses, vorbei an den mit Flatterband abgesperrten leergeräumten Warenregalen, die nun auf ihren Abbau und Abtransport warten, vermutlich landen sie bald auf dem Müll. Wenngleich ich kein glühender Konsumjünger bin – dieser Anblick stimmt traurig, vor allem wegen der Mitarbeiter, die vor kurzem noch dahinter standen.

Ein wenig Optimismus sei verbreitet: Der Drogeriemarkt verfügt noch über ein reichhaltiges Angebot an Toilettenpapier.

„Sie müssen nicht an den Amazonas reisen, wenn es Bücher auch bei Ihnen um die Ecke gibt“, steht im Schaufenster einer Buchhandlung in der Innenstadt.

Hier noch was Schönes zum Thema Konsum.

Sonntag: Alles Gute zum Geburtstag dem Geliebten! Mit dem Geschenk fremdelt er noch etwas, doch bin ich mir sicher, das wird schon mit der Zeit. Die ewige Frage: Was ist das passende Geschenk für den, der alles hat und noch mehr, und was er sonst noch gerne hätte, im Netz bestellt, auf dass der Paketbote es am nächsten Tag bringe? Gerade in diesen Zeiten, da nicht-materielle Geschenke, die ein Verlassen des Hauses erfordern, nicht ratsam erscheinen? Und wieder wächst in mir die Überzeugung, erwachsene Menschen mit regelmäßigem Einkommen sollten sich nichts zum Geburtstag und zu Weihnachten schenken müssen. Leider hört da wieder mal keiner auf mich.

Bi­schof Ge­org Bät­zing im SPIEGEL: „Es gibt si­cher auch Chris­ten, die sich ihr ei­ge­nes Welt­bild zu­recht­zim­mern. Wo­bei ich klar sage, wir ha­ben ei­nen Gott, der uns Ver­nunft, Ver­stand und Geist ge­schenkt hat, da ist für Ver­schwö­rungs­theo­ri­en kein Platz.“ Wenn der Vertreter einer Idee, die von der Sache her einer Verschwörungstheorie nicht ganz fern ist, von „Vernunft“ und „Verstand“ spricht, dann klingt schon eine gewisse Komik an, weiß Gott.

Foto der Woche: Am Wegesrand

Die Aktion „Foto der Woche“ von Aequitas et Veritas läuft bis zum 31. Dezember. Jede Woche zeigt man ein Foto und schreibt was dazu, etwa wann und wo man es gemacht hat, warum man es zeigt oder welche Gedanken man damit verknüpft.

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Am Donnerstag dieser Woche hatte ich mir einen Tag Urlaub genommen, den ich entgegen der Ankündigung bei schönstem Wetter für eine Wanderung durch die Wahner Heide nutzte; mehr dazu im Wochenrückblick am kommenden Montag. Dabei machte ich viele Fotos, unter anderem dieses:

Ein sehr schönes Exemplar, finden Sie nicht auch? Schon als Kind freute ich mich riesig, wenn ich beim Pilze sammeln mit meinen Eltern in der Senne Fliegenpilze sah. Natürlich rührte ich sie nicht an, weil ich schon in jungen Jahren um deren Giftigkeit wusste, die in erheblichem Widerspruch zu ihrem sympathischen Äußeren steht. An dieser Freude hat sich bis heute nichts geändert.

Woche 42: Mit emissionsfreien Panzern dem Weltfrieden ein Stück näher

Montag: Vergangene Nacht träumte ich die Feier meines achtzigsten Geburtstages. Bemerkenswert war, noch immer erfreute ich mich eines äußerlich recht guten Erhaltungszustandes. Das Erschreckende: Noch immer verzichteten wir aus dem bekannten Grund weitgehend auf näheren Körperkontakt. Nur meine Eltern umarmte ich kurz.

Man solle „positiv bleiben“, las ich in einer werksinternen Mitteilung als Empfehlung im Umgang mit der Seuche. Ich weiß ja nicht.

In der Kantine wird nun per Plakaten dazu aufgefordert, keine Stühle an andere Tische zu rücken und auf die gebotenen Abstände zu achten (was man ohnehin immer tun sollte, auch wenn gerade keine Seuche dräut). So weit so gut. Dessen ungeachtet scheinen viele Kollegen weiterhin nur dann in der Lage zu sein, eine warme Mahlzeit zu sich zu nehmen, wenn der Gesprächspartner gegenüber sitzt. Wenn wegen dieser Trottel die Kantine demnächst wieder schließen muss, dann ist aber was los!

Trotz äußerst geringem Interesse an, um nicht zu schreiben: tiefer Abneigung gegen Autos fiel mir mittags auf dem Weg von der Kantine ein Golf II auf. Die sieht man ja auch nicht mehr so oft; ob das gut oder schlecht ist, mag ein jeder für sich entscheiden. Sieh an, ein Golf II, so einen hatte ich auch mal, dachte ich so vor mich hin. Was man halt so denkt, wenn man irgendwas sieht, womit man gerade nicht gerechnet hat, wie „Kuck mal, ein Eichhörnchen“ und so. Der Gedanke war noch nicht zu Ende gedacht, da kam von der anderen Seite ein weiteres Exemplar angerollt, und auf dem Rückweg vom Werk sah ich den dritten des Tages an mir vorbeibrausen. Manchmal ist das Leben eine Ansammlung seltsamer Zufälle. Oder war heute Welt-Golf II-Tag? So etwas bekomme ich ja selten mit.

Dienstag: Morgens auf dem Fahrrad spürte ich erstmals in diesem Herbst heftiges Handschuhvermissen.

Laut einem Zeitungsbericht präsentierten mehrere Industrieunternehmen Konzepte zum Klimaschutz durch Wasserstoffnutzung, unter anderem der Rüstungskonzern Rheinmetall. Das ist zu loben: Mit emissionsfreien Panzern dem Weltfrieden ein Stück näher.

Etwas weiter auseinander rücken unterdessen wieder die lieben Kollegen in der Kantine. Seit heute überwachen Sicherheitsleute die Abstandseinhaltung und sprechen die Auge-in-Auge-Esser bei Bedarf an. Na geht doch.

Ansonsten zeigte sich der Herbst mittags von einer überaus schönen Seite.

Mittwoch: „Die deutsche Luftwaffe trainiert mit Nato-Partnern die Verteidigung des Bündnisgebiets mit Atomwaffen“, las ich beim ersten Kaffee des Tages in der Zeitung, woraufhin die linke Augenbraue hochfuhr. „Bei Übungsflügen wird dann allerdings ohne Bomben geflogen“, hieß es weiter, woraus ich schließe, man verzichtet auch auf deren Abwurf, jedenfalls vorerst.

Sie kennen vielleicht noch Alf, der eigentlich Gordon Shumway hieß, jenen fellflauschigen kleinen Kerl mit der großen Nase vom Planeten Melmac, der in den Achtzigern (ist das wirklich schon so lange her?) die amerikanische Familie Tanner terrorisierte und immer wieder ein kulinarisches Auge auf den Kater des Hauses warf. Von ihm stammt der wunderbare Satz „Es ist nie zu früh und selten zu spät“, bitte fragen Sie mich nicht, in welcher Folge er das warum sagte; kurz darauf explodierte der Backofen der Tanners, soweit ich mich erinnere. Egal. Dieser Satz fiel mir heute Morgen auf dem Weg ins Werk wieder ein, als ich in einem Schaufenster den ersten Weihnachtsbaum im Lichterglanz erstrahlen sah. Warum auch nicht, Dominosteine und Marzipanbrote gibt es ja auch schon seit einigen Wochen zu kaufen, und wer weiß, was bis Weihnachten noch geschieht.

Apropos Weihnachten – wie ist das eigentlich: Wenn der Geschäftsbereichsleiter, der mir auf der letzten Weihnachtsfeier (damals, als es so etwas noch gab) in augenscheinlich zurechnungsfähigem Zustand das Du anbot, mich jetzt wieder siezt, darf ich ihn dann trotzdem weiter duzen? So rein kniggetechnisch?

Donnerstag: Der Tag verlief in angenehmer Gleichförmigkeit ähnlicher Arbeitstage, mit leichter Vorfreude auf das nahende Wochenende, ohne bloggenswerte Ereignisse, Erkenntnisse oder Beobachtungen. Nur der Staubsauger heulte abends mein sein tägliches Leid Lied. Genau.

Vielleicht noch dieses: Vor der Nachtruhe beendete ich die Lektüre des Buches „Das Gewicht der Worte“ von Pascal Mercier. Ein lesenswertes Buch über Schreiben, Sterben und ein wenig Südfrankreich, das ich irgendwann nochmals lesen möchte, daher kommt es nicht in den öffentlichen Bücherschrank. Als nächstes vom Stapel der Ungelesenen dann „Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen?“ von Jonathan Franzen. Die Länge des Titels verhält sich umgekehrt proportional zum Umfang des Buches – es hat mal gerade 59 äußerst großzügig bedruckte Seiten -, von daher eher eine literarische Zwischenmahlzeit.

Freitag: „Hi P., please find my feedback below“, las ich im Mailverkehr zwischen zwei deutschsprachigen Kollegen, auch im Cc-Verteiler befand sich kein Fremdsprachler. Was für ein Monkey.

Dazu passend das Jugendwort des Jahres: „lost“. Ach was, würde Loriot sein Knollennasenmännchen sagen lassen, denn: „Da bin ich lost“ sagte mein damaliger Chef schon vor ziemlich genau zehn Jahren. Der war auch sonst etwas seltsam, nicht nur wegen seiner Vorliebe für scheinkluge Anglizismen.

Etwas seltsam fand ich auch die Dame, die ich mittags dabei beobachtete, wie sie mit dem Fuß bzw. Schuh das grüne Ampelmännchen anforderte. Somit hat man nicht nur vermeintliche Viren, sondern auch Hundekot und sonstigen Straßenunrat an den Fingern, wenn man regelkonform und den Kindern zum Vorbild eine Straße überqueren möchte. Daher immer schön die Hände waschen, aber das wissen Sie ja.

Aus dem bekannten Grund sollte man ohnehin bis auf weiteres unnötige Ortswechsel meiden. Dem Leserbrief von Mario C aus A im heutigen General-Anzeiger zum umstrittenen Beherbergungsverbot stimme ich daher zu:

„Das ist nun einmal der jetzigen Zeit geschuldet, aber nicht der Absicht der Zielorte, mögliche Infizierte nicht aufnehmen zu wollen. Die Absicht, sich zu schützen, kann wohl jeder verstehen, oder? Also sind es die Reisewilligen, die, wenn sie sich nicht von ihrem Willen abhalten lassen wollen, sich flexibel einzustellen haben.“

Samstag: „Termin: 22.12.1994“, hat jemand an eine Hauswand in der Innenstadt geschrieben. Die Anschrift muss neu sein; da ich an dieser Hauswand einigermaßen regelmäßig vorbei gehe, wäre mir das ansonsten längst aufgefallen. Abgesehen von der grundsätzlichen Frage, warum man anderer Leute Häuser bemalt und beschriftet: Warum schreibt man einen seit fast sechsundzwanzig Jahren überfälligen Termin an eine Wand?

An einen Lampenmast hat einer einen Aufkleber angebracht: „Arbeit ist Mist.“ Gewiss, mag sein, aber nur, wenn man eine hat, klebe ich gedanklich darunter.

Sonntag: Kennen Sie das, wenn Sie gerne etwas tun würden, ohne die konkrete Umsetzung auch nur ansatzweise in Erwägung zu ziehen? Dieser Gedanke kam mir am Vormittag, als wieder der weiße Porsche mit bullerndem Motor vor dem Haus stand, um die junge Dame aus dem Nebenhaus abzuholen. Da dachte ich: Jetzt ein Blumentopf oder ein anderer schwerer Gegenstand, ein Amboss vielleicht, zufällig genau auf die Motorhaube … Wirklich, das würde ich niemals tun, zumal wir keinen Amboss im Haus haben, wozu auch. Aber der Gedanke bereitete mir eine gewisse Freude, deshalb sei er mir erlaubt.

Freude bereitete mir auch ein langer Spaziergang, den ich nutzte, um Stadt, Land und Fluss bei der Herbstwerdung zuzuschauen.

Sonstige Erkenntnis des Tages: Frechheit lohnt sich. Bei geschicktem Vorgehen wird sie sogar mit Kuchen belohnt.

Foto der Woche: hier

Die Aktion „Foto der Woche“ von Aequitas et Veritas läuft bis zum 31. Dezember. Jede Woche zeigt man ein Foto und schreibt was dazu, etwa wann und wo man es gemacht hat, warum man es zeigt oder welche Gedanken man damit verknüpft.

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Während der Mittagsrunde durch den Rheinauenpark fiel mir die Rückenlehnenbeschriftung einer Bank auf:

Was mag es bedeuten? Vielleicht: Hier haben wir uns zum ersten/letzten Mal geküsst. (Mit etwas Phantasie ist das ein Herzchen über dem i, wenn auch aus Platzmangel ein sehr flaches.) Hier kam mir die Idee, die mein Leben veränderte. Hier ist mir der heilige Geist erschienen. Hier könnte Ihre Werbung stehen. Sie befinden sich hier. Hier können Sie sich setzen und noch mal über alles nachdenken. Hier, gleich hinter dieser Bank, ist ein Schatz vergraben.

Vielleicht ist es eine verdeckte Botschaft, die nur der Eingeweihte deuten kann, unter Einbeziehung der Form des i-Kringels und der Anzahl der Farbtränen.

Wir werden es nicht erfahren.

Woche 41: Vielleicht nicht mehr lange

Montag: Da fährt man mal eine Woche lang nicht ins Werk, schon ist es morgens finster.

Während der frühmorgendlichen Zeitungslektüre las ich einen Satz, der Christian Lindner aus der zotig-forschen Feder geflossen sein könnte: „Bei der herbstlichen Leistungsschau zeigen die Cucurbitaceae-Züchter ihre prallsten Exemplare und wetteifern darum,“ (theatralische Pause, zwinker zwinker, nicht was Sie schon wieder denken, hö hö) „wer den schwersten Kürbis des Jahres gezogen hat.“

Wenig Erbauliches las ich dagegen in den Mails, die nach einwöchiger Abwesenheit in größerer Anzahl meiner Kenntnisnahme harrten: „… gezielter Input für die Visualisierung eines Drafts“ – „Wir haben die Agenda für den Call finalisiert.“ Merken die es wirklich nicht?

Dienstag: Donald Trump ist aus dem Krankenhaus entlassen. Vielleicht ertrugen sie dort einfach sein Gelaber nicht mehr, nachdem sie sich nicht getraut hatten, ihm das kürzlich noch von ihm selbst empfohlene Desinfektionsmittel zu spritzen. Wie zu erwarten behauptet er, man müsse vor Corona keine Angst haben. Unterdessen denkt die ganze Welt: Ich weiß, man soll niemandem wünschen … – trotzdem … Immer diese blöde Moral.

„Vielleicht ist Moral nichts anderes als der Versuch einer Entschuldigung für diejenigen, die es nicht wagen, ihre Träume und Wünsche und Wahrheiten auszuleben?“, schreibt Herr Emil, und bekommt dafür ein Sternchen von mir.

Wohl eher keine Moralschwäche, eher Gedankenlosigkeit mittags in der Kantine. Scheinbar Trumps absurder Empfehlung folgend, rücken die lieben Kolleginnen und Kollegen mit ihren Stühle zu viert und mehr an Tische, wo nur zwei sitzen dürfen. Warum wird das nicht kontrolliert und unterbunden? Ich schwanke zwischen Ratlosigkeit und Wut.

Mittwoch: „Ich habe die Kollegen mal cc‘ed“, schreibt einer in einer Mail, die ich Cc erhalten habe. Noch so einer, der es offenbar nicht merkt.

Meinen oben geschilderten Unmut bezüglich des Abstandhaltens in der Kantine habe ich schriftlich gegenüber der Werksleitung geäußert. Mal sehen, ob es eine Reaktion gibt.

Donnerstag: Wenn jemand aus einer WhatsApp-Gruppe Geburtstag hat (oder sich krank meldet) ist die einzig richtige Aktion, ihm die Gratulation (oder Genesungswünsche) als persönliche Nachricht zu übermitteln und dann die Gruppe für acht Stunden stummzuschalten.

Aufsitzrasenmäher gelten gemeinhin als beliebtes Männerspielzeug. Das gilt vermutlich auch und erst recht für den Monster-Laubbläser, den ich mittags im Rheinauenpark zunächst schon von weitem hörte, dann sah – allein schon wegen der immensen Geräuschentwicklung. Aus Gründen, die mir verschlossen bleiben, mögen es ja viele Männer laut.

Ansonsten gerierte ich mich heute leicht trottelig. Merke: Wenn man ein Paket aus der Packstation abholen und ein weiteres darin einlegen will, beachte man unbedingt die Reihenfolge – erst das eine einlegen, dann das andere entnehmen. Im umgekehrten Fall kann es sonst passieren, dass man die Packstation mit derselben Sendung verlässt, mit der man ankam.

Freitag: „Ein ruhend Beschäftigter ist nicht aktiv beschäftigt“, sagte einer. Ein schöner Satz zum Wochenende. Ein anderer sprach von „Beschäftigtinnen und Beschäftigten“. Auch schön.

Das Wetter war mir in dieser Woche gnädig: Es regnete häufig, nur nie, wenn ich ins Werk oder zurück radelte. Vielleicht habe ich einen Regenschutzengel. – Mal unter uns Radfahrern: Das Missachten einer roten Ampel wird nicht akzeptabler, wenn man dazu auf den Gehweg nebenan ausweicht.

Abends begaben wir uns zum Essen ins Wirtshaus. Auf dem Weg dorthin und zurück sah ich viele Menschen in den Straßen und vor den Gaststätten, unbekümmert, unmaskiert, eng beieinander, und dachte: Vielleicht nicht mehr lange.

Das schlimmste an diesem Abend aber war die Melodie aus der Reklame für ein neuartiges Trimmrad, auf dem man sich über einen Bildschirm anschreien lassen kann, die vorübergehend als Ohrwurm den Sender meines Hirnradios beherrschte. Gut gemacht, Paloton.

Samstag: Nach dem Frühstück schickte mich der Liebste zum Metzger unseres Vertrauens. Auf dem Türschild mit den Öffnungszeiten ist auch eine Notfall-Telefonnummer angegeben. Falls außerhalb der Geschäftszeiten die Leberwurst ausgeht?

„Die Schönheit des Alters wird oft unterschätzt. Hier kommt sie zur Geltung“, las ich in der Zeitung über einen Rotwein von der Côte-du-Rhône. Vielleicht ist dieser Satz auch zur Hebung der Frühlaune geeignet, wenn ich ihn an den Spiegel im Bad hefte.

Sonntag: „Das neue Zuhause für Querdenker“, las ich während des Spaziergangs auf dem Werbeplakat eines Büromöbelhauses in der Innenstadt. Vielleicht sollte die Marketingabteilung darüber aus aktuellem Anlass nochmal in sich gehen.

Kurze Zeit später kam ich an einem Hutgeschäft vorbei mit dem schönen Namen „Hutgeflüster“. Leider hat es offenbar den Geschäftsbetrieb eingestellt, jedenfalls deuten die zugeklebten Scheiben darauf hin. Der Hut als alltägliche Kopfbedeckung ist einfach außer Mode, wie ich schon mehrfach beklagte.

Des Weiteren sah ich eine wegen Bauarbeiten verkehrsbefreite Autobahn …

… einen Radweg (hier war vielleicht im Rahmen des Vorhabens „Fahrradhauptstadt Bonn“ etwas Geld übrig) …

… und ein herbstliches Stilleben mit dem unsterblichen Designklassiker Monobloc-Stuhl:

Ansonsten in dieser Woche erfreulich waren ein nicht zu langer erster Arbeitstag, Queen, Rheinischer Sauerbraten und ein Haarschnitt.

Foto der Woche: Anton

Die Aktion „Foto der Woche“ von Aequitas et Veritas läuft bis zum 31. Dezember. Jede Woche zeigt man ein Foto und schreibt was dazu, etwa wann und wo man es gemacht hat, warum man es zeigt oder welche Gedanken man damit verknüpft.

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Das Foto dieser Woche zeigt Anton:

Falls Sie jetzt denken: Wer? Wo? Ich sehe niemanden, nur einen Schreibtisch in einem ansonsten zweifelhaft eingerichteten Zimmer, dann haben sie völlig recht. Anton ist der Schreibtisch. Den Namen habe nicht ich ihm gegeben, sondern sein Hersteller, die bekannte schwedische Möbelmanufaktur, die sämtliche Artikel, vom Teelicht bis zur Einbauküche, mit mehr oder weniger phantasievollen Namen ausstattet.

Anton trat vor zwanzig Jahren in mein Leben, kurz nach dem Umzug nach Bonn. Seitdem verbrachten wir viel Zeit gemeinsam, an ihm lernte ich das Internet kennen, damals noch mit fiependem und rasselndem Modem; hier entstanden zahlreiche Aufsätze für das Blog, Notizen, Tagebucheinträge, ein paar Romanversuche, auch mehrere Basteleien für die Modelleisenbahn. Zwei Umzüge überstanden wir zusammen ohne größere Schäden.

In dieser Woche haben wir uns getrennt, Anton und ich, obwohl er noch recht gut erhalten ist, was ich, bei aller Bescheidenheit, auch seinem Besitzer bescheinigen würde. Manchmal ist die Zeit einfach reif für etwas Neues. Auf Vorschlag des Liebsten, der seit März aus dem bekannten Grund an Anton seine Heimarbeit verrichtet, haben wir ihn (also Anton, nicht den Liebsten) gegen Bekant aus demselben Haus ersetzt, an dem sich auch recht angenehm bloggen lässt, was hiermit belegt sei.

Woche 40: Reifende Reben und fahles Verglimmen

Montag: Der frühere NRW-Ministerpräsident Wolfgang Clement ist am Wochenende laut Medien „friedlich“ gestorben. Die Bundeskanzlerin ließ über ihren Regierungssprecher eine Würdigung per Twitter seibern, also das Medium, über das auch der amerikanische Präsident üblicherweise seinen Unfug absondert. Das hat Clement nun wirklich nicht verdient.

Was wir uns zweifellos verdient hatten, war eine Woche Urlaub. Da die aktuelle Risikolage weitere Reisen nicht zulässt, blieben wir zunächst in Sichtweite von Bonn. Ziel der ersten Etappe war der Petersberg, wo wir uns im ehemaligen Gästehaus des Bundes ein wenig Luxus um die Nase wehen ließen, das erlaubt man sich ja sonst auch nicht so oft, vielmehr käme man zu normalen Zeiten wohl gar nicht auf die Idee. Für mich war es die erste Begegnung mit einer Toilette, deren Deckel sich bei Annäherung automatisch öffnet und nach Verrichtung wieder schließt. Weitere technische Raffinessen und Wasserspiele des Beckens wagte ich mich nicht auszuprobieren. Der Geliebte war da mutiger, auch wenn er einen jähen Schrei nicht unterdrücken konnte, nachdem er das Knöpfchen mit dem Fontainensymbol gedrückt hatte.

Dienstag: Bei Regen verließen wir am Vormittag den Petersberg und fuhren weiter an die Mosel, um dort ein paar Tage zu bleiben; von der Lokalität her auch nicht wirklich schlecht:

Hotel Schloss Lieser in Lieser

„Sängerin Rihanna macht ja auch in Unterwäsche“, sagte auf der Fahrt dorthin der Mann im Autoradio. Wahrscheinlich bin ich mal wieder der einzige, der das lustig findet.

Mittwoch: Nach dem Frühstück machten wir einen Ausflug nach Traben-Trarbach, wo dem Moseltouristen auf der Suche nach regionaltypischen Geschenken für seine Lieben alles Erforderliche in großer Auswahl angeboten wird.

Donnerstag: Während ich im Frühstückssaal mein Müsli löffelte, sah ich jemandem dabei zu, wie er bei leichtem Niesel auf der Außenterrasse die schweren Metallstühle und -tische stapelte und anschließend mithilfe eines Gabelstaplers einsammelte und wegfuhr. Als wäre der Sommer mit diesem Tag offiziell für beendet erklärt worden und nun bis zum nächsten Jahr einzulagern.

Heute entfernten wir uns nicht weit vom Ort. Bei einem Rundgang durchs Dorf und die örtlichen Weinberge schauten wir den Reben beim Reifen und den Weinbauern beim Ernten zu, entweder traditionell mit Schere und Eimer oder mit einer riesigen Erntemaschine, die innerhalb von Minuten Reihe um Reihe von Weinstöcken entbeert, ein wahres Wunder der Ingenieurskunst. Wobei, was mag so eine Maschine neben Weinbeeren noch so alles, wenig vergärenswertes, abzupfen, wie Blätter, Käfer, Schnecken, Vogelkot, Feldmäuse? Weiß der Winzer.

Von Wein zu Bier: Nebenbei erhielten wir auch einen Einblick in den ortstypischen Humor. Ob die Beschriftung der Tafel nach Verabreichung größerer Mengen des angepriesenen Produkts entstanden ist, erscheint nicht völlig abwegig.

Freitag: Donald Trump und Gemahlin wurden positiv auf Corona getestet. Wünschen wir Frau Melania einen möglichst milden Verlauf. Wegen des Gatten möge das Universum die richtige Entscheidung treffen, vielleicht geht da ja mal ein bisschen mehr als bei Johnson, Lukaschenko und Bolsonaro. Aber Trump kann anscheinend ohnehin nichts und niemand etwas anhaben. Insofern erscheint diesbezüglicher Hoffnungsschimmer eher als fahles Verglimmen.

Gegen Mittag verließen wir Lieser in Richtung Bonn. Es gibt Menschen, die sich nach einem Gran-Canaria-Urlaub freuen, wenn der Rückflug erst am Abend geht, weil sie dadurch noch mehrere Stunden am Strand oder Schwimmbecken herumlungern können. Ich bin da etwas eigen: Wenn ein Urlaub vorüber ist, möchte ich so schnell wie möglich nach Hause, nicht stundenlang mit gepackten Taschen auf den Transfer zum Flughafen warten oder eine zehnstündige Autofahrt aus der Provence erdulden. Insofern ist die Mosel das perfekte Reiseziel – bereits nach weniger als zwei Stunden Fahrt saß ich wieder auf heimischer Brille.

Samstag: Laut Zeitung gilt im Kölner Hauptbahnhof an diesem Wochenende ein Waffenverbot. Heißt das, an allen anderen Tagen nicht?

Dreißig Jahre Deutsche Einheit. Kleines Detail am Rande: Wie ich neulich irgendwo las, antwortet man auf die Frage „Wie macht die Ente?“ im Westen „quak quak“, im Osten hingegen „nak nak“. Der Franzose sagt übrigens, ich habe das mal recherchiert, „coin coin“ (sprich: „koan koan“), wobei er vermutlich „miam miam“ denkt, weil er sich die Ente bereits an Rotwein- oder Orangensoße vorstellt.

Bleiben wir beim Essen: Abends suchten wir den Italiener unseres Vertrauens auf. Am Nebentisch saßen vier Personen, drei Männer und eine Frau, wobei einer der Männer mit ungefähr achtzig Prozent Sprechanteil beachtliches Redefleisch bewies in einer Lautstärke, die das ganze Lokal zu beschallen vermochte. Dabei sagte er Sätze wie „Danach zünde ich den Karriere-Turbo“. In solchen Momenten erscheint mir eine Hörschwäche nicht ausschließlich nachteilig, weil man dann einfach sein Hörgerät ausschalten kann.

Sonntag: Laut sind bekanntlich im Allgemeinen auch die Amerikaner, dazu nach meiner Überzeugung bekloppt, auch schon vor und ohne Trump. Einen weiteren Beleg dazu finden Sie hier, wo sich eine hysterische junge Digital-Naive über deutsche Fenster freut, als gäbe es Gratis-Wochen bei Starbucks. Der Anblick der Weinerntemaschine vom Donnerstag würde ihr womöglich vor Begeisterung multiple Höhepunkte bescheren.

Ansonsten in dieser Woche erfreulich: Sonne und Regen, gutes Essen mit gutem Wein, sehr freundliche Menschen, Ausschlafen dank moderater Frühstückszeit.

Foto der Woche: Original und Fälschung

Die Aktion „Foto der Woche“ von Aequitas et Veritas läuft bis zum 31. Dezember. Jede Woche zeigt man ein Foto und schreibt was dazu, etwa wann und wo man es gemacht hat, warum man es zeigt oder welche Gedanken man damit verknüpft. In dieser Woche verstoße ich ein wenig gegen die Regel, indem ich zwei Fotos hochlade, die in gewisser Weise ein Bild zeigen. Oder auch nicht. Es ist etwas verwirrend.

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Die Woche verbrachten wir von Dienstag bis Freitag an der Mosel in einem ausgezeichneten Hotel. (Mehr dazu am Montag im Wochenrückblick.) Ein Ärgernis in Hotels sind ja häufig zu viele Menschen in Frühstückssälen; neben den winzigen Saftgläsern beklagte ich es des öfteren.

Nicht so hier. Zur Vermeidung menschlicher Anhäufungen erfolgt das Frühstück in Schichten. Wer vor Schichtbeginn eintrifft, wartet in einem Vorraum, bis der Tisch hergerichtet ist. Zur Überbrückung der Wartezeit sind zwei sehr ähnliche Gemälde an einer Wand angebracht, Sie kennen das vielleicht aus der „Hörzu“, wo früher am Ende immer ein Bilderrätsel mit dem Namen „Original und Fälschung“ zu lösen war. Aus zwei auf den ersten Blick identischen Bildern musste man eine Anzahl winziger Unterschiede finden. Ob man dabei was gewinnen konnte, erinnere ich mich nicht mehr, auch weiß ich nicht, ob es das Rätsel oder überhaupt die „Hörzu“ noch gibt; Fernsehprogrammzeitungen braucht man ja eigentlich nicht mehr heute, wo ein jeder nur noch streamt.

Hier im Hotelfrühstückswartevorraum die verschärfte Rätselvariante: Beide Bilder hängen in Überkopfhöhe, zudem mit mehreren Metern Abstand dazwischen. Um das Rätsel zu lösen, benötigt man also gute Augen und man bleibt in Bewegung. Da die ersten Gäste ob meines Hin- und Her-Laufens bereits komisch kuckten, gab ich es bald auf. Falls Sie es versuchen möchten, bitte sehr:

Im Übrigen war die Größe der Saftgläser, wie alles andere hier, nicht zu beanstanden.