Woche 9: Kaum macht man es richtig, schon klappt es

Montag: Dienstreise mit der Bahn nach Ulm. Warum die Plätze in Vierergruppen mit Tisch so begehrt sind, erscheint mir ebenso rätselhaft wie die Systematik der Sitzplatznummerierung. Angeblich kann man dort besonders gut arbeiten. Ich war indessen vor allem damit beschäftigt, mit einem fremden Menschen um den Fußraum zu kämpfen.

Sollte es einen Aufruf zur Nennung von Kandidaten für die Hitliste der verbraucherunfreundlichsten Verpackungen geben, schlüge ich die Zahncreme Meridol vor. Die jungfräuliche Tube ist mit einem Stopfen versehen, dem ohne technische Hilfsmittel nicht beizukommen ist, jedenfalls nicht mit denen, die einem am späten Abend in einem Hotelzimmer zur Verfügung stehen. Wenig hilfreich ist der winzig kleine Hinweis „Sicherung mit Verschlusskappe abdrehen“ am Tubenfuß, da er es immer noch der Phantasie und Kreativität des Anwenders überlässt, wie genau er dabei vorgehen muss.

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Dienstag: Eher zufällig fand ich am Morgen die Lösung des Meridol-Rätsels. Auf der Außenseite der Verschlusskappe befindet sich eine Einbuchtung, die genau auf den gezahnten Sicherheitsstopfen der Tube passt, so dass er sich mühelos abdrehen lässt. Es sei denn, man hat zuvor im Zuge der Öffnungsversuche mit der Nagelschere die Zähne zerstört. Mike Krüger lässt grüßen.

Mittwoch: „Was glaubst du, wie du einst sterben wirst?“ Diese Frage las ich neulich irgendwo in des Netzes Weiten. Das ist natürlich schwer zu beantworten, da es tausende Möglichkeiten dafür gibt. Zudem gehe ich keiner besonders gefahrgeneigter Tätigkeit nach, auch mein Tabakkonsum geht stark zurück. Vielleicht lache ich mich ja irgendwann tot, etwa über Hinweise im ICE wie den, der die Reisenden wissen lässt, Bahncard-Inhaber seien in allen IC und ICE CO2-frei unterwegs. Also nur Vollbezahler dürfen ungehemmt ausatmen, oder wie? Das wäre jedenfalls nicht die schlechteste Todesursache.

Donnerstag: Ich bin mir der politischen Unkorrektheit und der Gefahr eines Fäkaliensturmes durchaus bewusst, aber ich kann es nicht ändern: Sobald ein sehr dicker Mensch vor mir hergeht, ertönen in meinem Kopf Kesselpauken wie in der Einleitung von „Also sprach Zaratustra“.

Freitag: Laut PSYCHOLOGIE HEUTE kann jedes beliebige Geräusch als Musik empfunden werden, wenn man es nur oft und lange genug hört. Das kann ich bestätigen. Das Schnarchen des Liebsten erscheint mir wie der zweite Satz von Bruckners neunter Sinfonie: nicht besonders schön, aber es gehört dazu. — Warum wird Silvio Berlusconi von den Medien eigentlich ständig als »Cavaliere« bezeichnet, also Ritter? Das ist so, als schmückten sie Alfred Gauland mit dem Titel »Schöngeist«.

Samstag: Laut einer Radiomeldung ist im Netz möglicherweise weniger Hass unterwegs als befürchtet. — Jedenfalls muss man Menschen schon sehr mögen, wenn man an einem Samstag bei IKEA unterwegs ist und von Gewaltphantasien verschont bleibt.

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(Finde den Fehler)

Sonntag: Für die Montage von IKEA-Möbeln gilt wir für IT-Anwendungen und Zahnpastatuben: Kaum macht man es richtig, schon klappt es.

Woche 7: Fisch muss schwimmen

Montag: „Der Flughafen ist sehr gut unterwegs, was den freiwilligen Lärmschutz angeht“, wird NRW-Verkehrsminister Wüst in einem Zeitungsinterview zitiert. Ich persönlich finde die Vorstellung eines von Haus zu Haus ziehenden, Prospektmaterial für Schallschutzfenster austeilenden Flughafens auch am Rosenmontag recht verstörend.

Dienstag: Ist es nicht, also nur mal rein sprachlich betrachtet, Unsinn, jemandem gute Besserung zu wünschen? Was wäre das Gegenteil: schlechte Besserung? schlechte Verschlimmerung? Vor allem soll es doch schnell gehen. Schnelle Besserung sagt indes niemand. Schön- und Korrektheit gehen eben nicht immer Hand in Hand. Hauptsache, die Genesung tritt irgendwann ein, egal ob gut, schnell oder wie auch immer.

Mittwoch: Politischer Aschermittwoch = Kasperletheater für Große

Donnerstag: Die nach herrschender Meinung unerfindlichen Wege des Herrn führten mich heute zunächst in eine Zahnarztpraxis, danach in eine Besprechung. Der Zahnarzttermin war ohne Frage das kleinere Übel. – Unterdessen Entsetzen in Bonn: Nach neuesten Erkenntnissen wird die Beethoven-Halle auf keinen Fall bis zum Jubiläumsjahr 2020 fertig, und teurer wird es (natürlich) auch mal wieder.

Freitag: Es gab Fisch. Wie bestimmte, humorbegabte Kreise nicht müde werden zu betonen, muss Fisch schwimmen.

Samstag: Rückblickend auf den vorangegangenen Abend befürworte ich eine gesetzliche Regelung zum maximalen Füllstand von Weingläsern, verbunden mit strengen Kontrollen und empfindlich Sanktionen bei Überschreitung.

Sonntag: Der Begriff Muzak war mir bis heute unbekannt. Er bezeichnet dieses entfernt an Musik erinnernde Geräusch, welches unter anderem in Supermärkten, Aufzügen, Telefonwarteschleifen und Pornofilmen zu hören ist mit dem Ziel, uns einzulullen, zu animieren oder unsere Körpergeräusche zu übertönen. Zitat FAS: »Überall wird man bedudelt, so dass es kaum wundert, wenn die Generation der „Digital Natives“ ihre bekloppten Kopfhörer gar nicht mehr abnimmt.«

Mitgehört: Aufzuggespräch

Wie sehr ich Aufzuggespräche am Morgen mag, besonders, wenn ich ihnen als unbeteiligter Mitfahrer nicht entgehen kann, erwähnte ich schon gelegentlich. Heute Morgen reiste ich auf dem Weg in mein Büro mit zwei schwarzbeanzugten Laptoptaschenträgern (LTT), die folgendes von sich gaben:

LTT 1: „Was macht die Front?“
LTT 2: „Sie ist ganz schön unterwegs und sorgt für Umsatz.“

So so, die Front ist also unterwegs, interessant. Bevor ich gezwungen war, einen von beiden zu beißen, war ich zum Glück in meinem Stockwerk angekommen und schrieb das vorstehende sogleich auf, noch bevor ich meinen Rechner startete.