Woche 47: Dazuhin

Montag: „Alexander Zverev hat den Gegner vom Platz gefickt“, höre ich am Morgen den Mann im Radio sagen. Vielleicht habe ich mich in meiner Morgenmüdigkeit aber auch verhört.

Natürlich sagt man nicht „gefickt“, schon gar nicht als öffentlich-rechtlicher Radiomoderator. Man sagt im Übrigen auch nicht mehr „Ich bin müde“, sondern man hat jetzt ein „Biotief“.

Dienstag: In meinem Rückblick der vergangenen Woche machte Frau Jule per Kommentar zu recht ein gewisses Hadern meinerseits mit dem Alter aus. Dabei ist es gar nicht so schlimm, ich fühle mich keineswegs alt, höchstens … also maximal … ach, was sagt schon so eine Zahl aus. Vor diesem Hintergrund hat es wirklich gar nichts zu bedeuten, dass ich mir heute früh statt Bodylotion beinahe Zahncreme ins Gesicht geschmiert hätte.

Mittwoch: „Die Tendenz, sich lieber mit irgendetwas zu beschäftigen (und sei es trivial), als sich mal in Ruhe hinzusetzen, scheint weit verbreitet“, lese ich in der Psychologie Heute.

„Ein Wagen fehlt“, verkündet die Anzeige im Kölner Hauptbahnhof für den Regionalexpress, der mich am Abend nach Hause bringen wird. Was will die Bahn uns damit sagen? Sollen wir suchen helfen?

Donnerstag: Während einer zähen Projektbesprechung mit zahlreichen, auch gleichzeitigen Wortbeiträgen, sagt der Projektleiter: „Wir wollen nicht unsere wertvolle Zeit verschwenden“. Ein schrilles Auflachen zu unterdrücken gelingt mir nur knapp.

„Da sind wir stationär unterwegs“, sagt ein anderer Kollege in einer anderen Besprechung. „Drinnen saßen stehend Leute“, ergänze ich in Gedanken.

Hier eine interessante Nachricht zum Thema „Generation Knöchelfrei“.

Freitag: Die heute vom Handel als „Black Friday“ titulierte Konsumanimationskampagne geht mir völlig an unteren Körperregionen vorbei. Für die Weigerung, Zeit oder Geld für eine Sache zu investieren, auch wenn man sie sich leisten könnte, haben die Isländer übrigens das Wort „Tima“, wie dem Buch „Einzigartige Wörter“ von David Tripolina zu entnehmen ist.

Der vor geraumer Zeit beschaffte Staubsauge-Roboter erweist sich unterdessen immer mehr als unverzichtbarer Helfer im Haushalt.

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„In Veränderungen sehen wir stets eine Chance zur Weiterentwicklung“, schreibt mir die PSD-Bank in einer Mitteilung darüber, dass ein bestimmter Geldautomat bald nicht mehr zur Verfügung steht. Obschon ich den betreffenden Automaten nie nutzte, fühle ich mich ein ganz kleines bisschen verschaukelt.

Am Abend eröffnet der Bonner Weihnachtsmarkt. Verrückt: Wurde der nicht erst kürzlich abgebaut?, denke ich, während der Geliebte bei Eierpunsch mit Sahne über Analdrüsen referiert.

Samstag: Wenn der Arbeitgeber einen Brief per Einschreiben schickt, löst das zunächst eine Schrecksekunde aus. Während ich ihn mit schwitzender Hand öffne, singen die Chöre des schlechten Gewissens: Was habe ich angestellt? Zuviel gelästert? Den Vorstand im Aufzug nicht gegrüßt? Was Unangemessenes ins Blog geschrieben? Es ist dann aber nur das neue Jobticket.

„Von Bohlen empfohlen“, sagt die Radioreklame. Darin kann ich nun wirklich kein konsumanreizendes Element erkennenden.

„kdf-Frauen laden zum Basar ein“, lese ich in der Zeitung und stutze kurz, glaubte ich diese Einrichtung doch in düsterer Vergangenheit versunken. Sehe dann aber, dass dort „kfd-Frauen“ steht.

Sonntag: Auch die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung kommt nicht umhin, sich mit Friedrich Merz zu beschäftigen. Ich habe keine Meinung zu diesem Mann im Allgemeinen und seiner Eignung als CDU-Vorsitzender im Besonderen. Lebte meine Großmutter väterlicherseits noch, hätte sie über ihn gesagt: „Der kuckt immer so von unten.“ Darin glaubte sie bei ihren Mitmenschen eine gewisse Falschheit zu erkennen.

In derselben Zeitung lese ich das wunderbare, mir (und dem aktuellen Duden) bis heute unbekannte Wort „dazuhin“, welches wohl in etwa „hinzu kommt, dass“ bedeutet, und beschließe, es umgehend in meinen Wortschatz zu integrieren.

Woche 9: Kaum macht man es richtig, schon klappt es

Montag: Dienstreise mit der Bahn nach Ulm. Warum die Plätze in Vierergruppen mit Tisch so begehrt sind, erscheint mir ebenso rätselhaft wie die Systematik der Sitzplatznummerierung. Angeblich kann man dort besonders gut arbeiten. Ich war indessen vor allem damit beschäftigt, mit einem fremden Menschen um den Fußraum zu kämpfen.

Sollte es einen Aufruf zur Nennung von Kandidaten für die Hitliste der verbraucherunfreundlichsten Verpackungen geben, schlüge ich die Zahncreme Meridol vor. Die jungfräuliche Tube ist mit einem Stopfen versehen, dem ohne technische Hilfsmittel nicht beizukommen ist, jedenfalls nicht mit denen, die einem am späten Abend in einem Hotelzimmer zur Verfügung stehen. Wenig hilfreich ist der winzig kleine Hinweis „Sicherung mit Verschlusskappe abdrehen“ am Tubenfuß, da er es immer noch der Phantasie und Kreativität des Anwenders überlässt, wie genau er dabei vorgehen muss.

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Dienstag: Eher zufällig fand ich am Morgen die Lösung des Meridol-Rätsels. Auf der Außenseite der Verschlusskappe befindet sich eine Einbuchtung, die genau auf den gezahnten Sicherheitsstopfen der Tube passt, so dass er sich mühelos abdrehen lässt. Es sei denn, man hat zuvor im Zuge der Öffnungsversuche mit der Nagelschere die Zähne zerstört. Mike Krüger lässt grüßen.

Mittwoch: „Was glaubst du, wie du einst sterben wirst?“ Diese Frage las ich neulich irgendwo in des Netzes Weiten. Das ist natürlich schwer zu beantworten, da es tausende Möglichkeiten dafür gibt. Zudem gehe ich keiner besonders gefahrgeneigter Tätigkeit nach, auch mein Tabakkonsum geht stark zurück. Vielleicht lache ich mich ja irgendwann tot, etwa über Hinweise im ICE wie den, der die Reisenden wissen lässt, Bahncard-Inhaber seien in allen IC und ICE CO2-frei unterwegs. Also nur Vollbezahler dürfen ungehemmt ausatmen, oder wie? Das wäre jedenfalls nicht die schlechteste Todesursache.

Donnerstag: Ich bin mir der politischen Unkorrektheit und der Gefahr eines Fäkaliensturmes durchaus bewusst, aber ich kann es nicht ändern: Sobald ein sehr dicker Mensch vor mir hergeht, ertönen in meinem Kopf Kesselpauken wie in der Einleitung von „Also sprach Zaratustra“.

Freitag: Laut PSYCHOLOGIE HEUTE kann jedes beliebige Geräusch als Musik empfunden werden, wenn man es nur oft und lange genug hört. Das kann ich bestätigen. Das Schnarchen des Liebsten erscheint mir wie der zweite Satz von Bruckners neunter Sinfonie: nicht besonders schön, aber es gehört dazu. — Warum wird Silvio Berlusconi von den Medien eigentlich ständig als »Cavaliere« bezeichnet, also Ritter? Das ist so, als schmückten sie Alfred Gauland mit dem Titel »Schöngeist«.

Samstag: Laut einer Radiomeldung ist im Netz möglicherweise weniger Hass unterwegs als befürchtet. — Jedenfalls muss man Menschen schon sehr mögen, wenn man an einem Samstag bei IKEA unterwegs ist und von Gewaltphantasien verschont bleibt.

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(Finde den Fehler)

Sonntag: Für die Montage von IKEA-Möbeln gilt wir für IT-Anwendungen und Zahnpastatuben: Kaum macht man es richtig, schon klappt es.

Woche 7: Fisch muss schwimmen

Montag: „Der Flughafen ist sehr gut unterwegs, was den freiwilligen Lärmschutz angeht“, wird NRW-Verkehrsminister Wüst in einem Zeitungsinterview zitiert. Ich persönlich finde die Vorstellung eines von Haus zu Haus ziehenden, Prospektmaterial für Schallschutzfenster austeilenden Flughafens auch am Rosenmontag recht verstörend.

Dienstag: Ist es nicht, also nur mal rein sprachlich betrachtet, Unsinn, jemandem gute Besserung zu wünschen? Was wäre das Gegenteil: schlechte Besserung? schlechte Verschlimmerung? Vor allem soll es doch schnell gehen. Schnelle Besserung sagt indes niemand. Schön- und Korrektheit gehen eben nicht immer Hand in Hand. Hauptsache, die Genesung tritt irgendwann ein, egal ob gut, schnell oder wie auch immer.

Mittwoch: Politischer Aschermittwoch = Kasperletheater für Große

Donnerstag: Die nach herrschender Meinung unerfindlichen Wege des Herrn führten mich heute zunächst in eine Zahnarztpraxis, danach in eine Besprechung. Der Zahnarzttermin war ohne Frage das kleinere Übel. – Unterdessen Entsetzen in Bonn: Nach neuesten Erkenntnissen wird die Beethoven-Halle auf keinen Fall bis zum Jubiläumsjahr 2020 fertig, und teurer wird es (natürlich) auch mal wieder.

Freitag: Es gab Fisch. Wie bestimmte, humorbegabte Kreise nicht müde werden zu betonen, muss Fisch schwimmen.

Samstag: Rückblickend auf den vorangegangenen Abend befürworte ich eine gesetzliche Regelung zum maximalen Füllstand von Weingläsern, verbunden mit strengen Kontrollen und empfindlich Sanktionen bei Überschreitung.

Sonntag: Der Begriff Muzak war mir bis heute unbekannt. Er bezeichnet dieses entfernt an Musik erinnernde Geräusch, welches unter anderem in Supermärkten, Aufzügen, Telefonwarteschleifen und Pornofilmen zu hören ist mit dem Ziel, uns einzulullen, zu animieren oder unsere Körpergeräusche zu übertönen. Zitat FAS: »Überall wird man bedudelt, so dass es kaum wundert, wenn die Generation der „Digital Natives“ ihre bekloppten Kopfhörer gar nicht mehr abnimmt.«

Mitgehört: Aufzuggespräch

Wie sehr ich Aufzuggespräche am Morgen mag, besonders, wenn ich ihnen als unbeteiligter Mitfahrer nicht entgehen kann, erwähnte ich schon gelegentlich. Heute Morgen reiste ich auf dem Weg in mein Büro mit zwei schwarzbeanzugten Laptoptaschenträgern (LTT), die folgendes von sich gaben:

LTT 1: „Was macht die Front?“
LTT 2: „Sie ist ganz schön unterwegs und sorgt für Umsatz.“

So so, die Front ist also unterwegs, interessant. Bevor ich gezwungen war, einen von beiden zu beißen, war ich zum Glück in meinem Stockwerk angekommen und schrieb das vorstehende sogleich auf, noch bevor ich meinen Rechner startete.