Woche 45/2021: Nicht mehr blasfähig

Montag: „Da sind wir auf dem wachsenden Ast unterwegs“, hörte ich in einer Besprechung. Beinahe wäre mir daraufhin ebenfalls ein Ast … lassen wir das.

Gelesen und, da für sehr schön befunden, zum Nachlesen empfohlen: Am Anfang war das Wort.

Dienstag: Es ist des Alltagsbloggers höchstes Vergnügen, aus der Flut der täglichen Wahrnehmungen diejenigen herauszufiltern, die des Notierens würdig erscheinen. Eine solche war der Satz, den vor Jahren ein Kollege zum Ende eines Gesprächs aussprach: Statt der in Momenten des Scheidens üblichen Floskel „Einen schönen/angenehmen/erfolgreichen Tag noch“ wünschte er einen „hohen Wirkungsgrad“, was sogleich aufgeschrieben und später dem geneigten Leser zur Kenntnis gegeben wurde. Manches davon merkt man sich, um es womöglich selbst gelegentlich anzubringen, anderes, wie in vorstehendem Fall, vergisst man aus gutem Grund bald wieder. Bis heute Abend, als mir jemand per Mail mitteilte, bei der Recherche nach genau jener Phrase (warum recherchiert man sowas?) sei er auf dieses Blog gestoßen, und er kenne genau zwei Personen, die derlei sagen, auch deren Namen nannte er mir, ob auch ich einen der beiden kenne, wir somit gar einen gemeinsamen Bekannten hätten. Haben wir nicht, mein Kollege trägt einen anderen Namen, was ihn indes nicht vom Gebrauch dieser ungewöhnlichen Abschiedsformel abhält.

Wie vielleicht bereits erwähnt, laufe ich zur Erhaltung des persönlichen Wirkungsgrades wieder regelmäßig, zweimal in der Woche abends, seit der Zeitumstellung am vorletzten Wochenende im Dunkeln, was nicht ganz ungefährlich ist. Musste der späte Läufer in früheren Zeiten fürchten, von wilden Tieren oder Räuberbanden heimgesucht zu werden, geht die größte Gefahr heute von achtlos in den Weg gestellten oder gelegten Elektrotretrollern aus.

ABBA ist seit dem neuen Album wieder in aller Munde, so lief am Abend im Fernsehen eine mehrstündige Dokumentation, aus der ich unter anderem mir bis dahin Unbekanntes erfuhr, nämlich dass sie sich mit dem Lied „Ring Ring“ bereits im Jahre 1973 für den Grand Prix Eurovision de la Chanson (für die Jüngeren: heute Eurovision Song Contest bzw. ESC) beworben hatten und damit durchfielen, ehe ihnen ein Jahr später mit „Waterloo“ der große Durchbruch gelang. Auch im aktuellen SPIEGEL ist ein Gespräch mit Björn Ulvaeus zu lesen, in dem er sagte: »Und ich habe ein Vibrationsgerät, mit dem ich, Sie wissen schon, Sachen mache.« Bis das schöne Gefühl kommt, von der Erzeugung schöner Gefühle verstehen die vier bis heute was. Es ging übrigens um so ein Geräte, das angeblich in der Lage ist, per Vibration Muskeln aufzubauen. Manche Leute glauben ja die abwegigsten Dinge, denken Sie nur an eingeimpfte Mikrochips oder Homöopathie.

Mittwoch: „Das ist fein für mich“, schrieb jemand in einer Mail. Eine dieser sinnlosen Phrasen, die zu sagen/schreiben irgendwann mal einer angefangen hat, seitdem von zahlreichen Businesskasperjargonliebhabern in Wort und Schrift vielfach nachgeplappert.

Auch fein, gehört in einer größeren Besprechungsrunde, als es darum ging, ob ein Seitenthema nicht besser in kleinerer Runde diskutiert werden sollte: „Das ist für die meisten hier vielleicht nicht langweilig, aber an der Grenze zur Relevanz.“ Das wiederum möchte ich mir gerne für die spätere Verwendung merken, siehe gestern.

Donnerstag: Heute ist der Elfte im Elften, ein für den Rheinländer wichtiges Datum (wohingegen für den Ostwestfalen einfach Donnerstag ist), oder „Double Eleven“, wie ich erstmals in völlig anderem, kommerziellen Zusammenhang las. (Meine Irritation über die Fernsehbilder dicht gedrängter Jecken in Köln möchte ich nicht weiter ausführen. Möglicherweise sehen wir noch interessanten Wochen und Monaten entgegen.)

Außerdem ist heute Martinstag: Auf dem Rückweg vom Werk sah und hörte ich am anderen Rheinufer einen Martinsumzug mit Trompetenspiel, meines Wissens eine katholische Angelegenheit. In meiner ostwestfälisch-evangelisch geprägten Kindheit – auch ich war mal Christ – gingen wir stattdessen, soweit ich mich erinnere einen Tag vor den Katholiken, zum „Martin-Luther-Singen“: In kleineren Gruppen, anfangs in Elternbegleitung mit echtkerzenbeleuchteten Papierlaternen, später unbeaufsichtigt und unbeleuchtet, liefen wir, mit Plastiktüten ausgestattet, von Haus zu Haus, klingelten, sangen ein im Rückblick seltsames Lied, danach warfen uns die Besungenen Süßigkeiten in die damals noch gänzlich unbescholtenen Kunststoffbeutel; das reichte von extra für diesen Tag beschaffter Neuware eines namhaften Bonner Herstellers bis hin zu klebrigen Bonbons, die vermutlich schon seit Generationen jedes Jahr zu „Martin Luther“ weitergereicht wurden.

Das Lied ging ungefähr so, wobei meine Erinnerung Lücken aufweist: „Martin Luther, Martin singen wir / Wir treten hervor das goldene Tor / Wer uns was gibt, und nicht vergisst / der kriegt eine goldene Krone / Die Krone reicht so weit, so weit / bis über die ganze Christenheit / Guten Aaabend, guten Aaabend / Lasst uns nicht so lange steh’n / wir woll’n noch ein Häuschen weiter geh’n / von hier bis nach Kööölle / Kölle ist ne große Stadt / da geben uns alle Leute wat / [beim Folgenden bin ich mir sehr unsicher, so ähnlich ging es jedenfalls, und zwar gesprochen/gerufen:] Schnick-schnack-Hosenmatz / [ab hier wieder etwas sicherer:] Schöne Jungfrau (!) gib uns was / Gib uns einen Apfel, der liegt bei dir im Schapfel (?) / Gib uns eine Nuss, dann gehen wir wieder nach Huss.“ – Rückblickend unbegreiflich, dass die Leute sich das bis zum Ende anhörten und mit Süßigkeiten belohnten. Gibt es das heute noch? Dann vermutlich mit Stoffbeuteln, LED-Laternen, veganem Naschwerk und Obst und nichtsexistischem Text. Zudem werden die Kids selbstverständlich mit dem SUV von Haus zu Haus gefahren, alles andere wäre viel zu gefährlich. Die Ausbeute wird dann per Instagram geteilt, natürlich nur in der Bedeutung von neidheischend verbreitet, nicht im Sinne von Sankt Martin und seinem Mantel.

Wo ich gerade ins Martinsplaudern geraten bin, verzeihen Sie bitte, vielleicht haben Sie noch etwas Zeit, morgen fasse ich mich wieder kürzer, versprochen: Das letzte Martin-Luther-Singen absolvierte ich mit siebzehn oder achtzehn. Genau genommen war es ein Martin-Luther-Blasen, in keiner Weise anstößig, wie Sie sogleich lesen werden: Mit fünf Jungs, allesamt Mitglieder des örtlichen Posaunenchores, zogen wir mit unseren Instrumenten durch die Gemeinde, bauten uns mit Notenständern vor den Hauseingängen auf und spielten beziehungsweise bliesen statt des oben zitierten Lutherliedes „Nehmt Abschied, Brüder, ungewiss ist alle Wiederkehr“ (auch bekannt unter dem Titel „Should auld acqaintance be forgot“). Warum ausgerechnet dieses Lied, weiß ich nicht mehr, war aber auch egal: Die Leute waren begeistert, besonders wegen der riesigen Tuba von Matthias B, beschenkten uns statt mit Süßigkeiten mit Applaus, Münzen, Zugabewünschen und Spirituosen; ein Mietshaus in der Allensteiner Straße verließen wir erst nach ungefähr einer Stunde. Blasfähig waren wir danach nicht mehr.

Übrigens: Wenn es heißt, jemand sei „praktizierender Christ“, ist wohl Vorsicht geboten.

Freitag: „Am liebsten liest man ja Texte, die sich um einen selbst drehen“, schrieb gestern Der Tagesspiegel. Das stimmt, und noch viel lieber schreibe ich sie.

Eine Einladung zur „Employee Appreciation Week“ wurde umgehend gelöscht wegen akuter Unlust, die Bedeutung von „Appreciation“ nachzuschlagen.

Samstag: Karnevals-Sessionseröffnung in Bad Godesberg, wo auch unser Verein zugegen war. Nicht nur wegen des zeitweise niedergehenden Regens und kalter Füße, trotz großzügig bemessener Abstände und Bützverzicht fühlte es sich irgendwie unrichtig an. Ich fürchte, das wird sich so bald nicht ändern.

Seit heute gibt es wieder kostenlose Covid-Schnelltests. Dazu sei die Anmerkung gestattet: Nein, die sind mitnichten kostenlos. Bezahlt werden sie von uns allen, ungeimpft wie geimpft.

Ansonsten konnten wir in dieser Woche in Glasgow der Hoffnung beim Sterben zuschauen.

Sonntag: Während des Spaziergangs durch den Bonner Norden sah ich mindestens sieben an unterschiedlichen Orten wild entsorgte alte Kühlschränke, entweder an den Straßenrand gestellt oder in öffentliche Grünflächen gelegt. Was ist nur los mit diesen Menschen? Auch sonst will es mir heute nicht gelingen, Erfreuliches niederzuschreiben, mir fällt nichts ein, vielmehr bin ich von einem gewissen Grundpessimismus ergriffen, einer Art Endzeitahnung, bitte verzeihen Sie mir, das vergeht wieder.

Um den Rückblick nicht ganz so schlechtlaunig zu beenden, ein paar Bilder der Woche:

(Montag, Rheinauenpark)
(ebenfalls)
(auch noch)
(Donnerstagmorgen war es nebelig und ziemlich kalt)
(Abends nur noch kalt)

Ach ja, eins noch: In der Sonntagszeitung las ich einen Artikel über den zunehmenden Duz-Zwang, nicht nur in der Werbung, auch im beruflichen Umfeld. Tenor: Nicht immer ist das Du angebracht, das Sie hat durchaus hier und da noch seine Daseinsberechtigung. Dem stimme ich voll und ganz zu. Daher werde ich Sie hier weiterhin konsequent siezen, schließlich kennen wir uns kaum.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine angenehme neue Woche mit möglichst viel Optimismus.

3 Gedanken zu “Woche 45/2021: Nicht mehr blasfähig

  1. Wolfram November 15, 2021 / 07:47

    Der Unterschied zwischen interessant und relevant ist fein, aber wichtig – den Satz muß ich mir merken!

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  2. Martina Jesse November 15, 2021 / 18:52

    Zu dem „Das ist fein für mich“: Da hat sich jemand wörtlich übersetzt eine englische Phrase angeeignet. Es gibt den Ausdruck „I’m fine with this“. Heißt soviel wie „Ich bin damit einverstanden“ oder „Ich habe kein Problem damit“. Es hört sich halt doof an, wenn man es Wort für Wort übersetzt.

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