Woche 37/2021: Wenn man weiß, wie es geht

Montag: Abends gab es vom Geschäftsbereich eine Grillparty, richtig mit Menschen und „Dreigeh“. So sehr ich Händeschütteln schon immer ablehne – diese Faustbegrüßung muss sich stattdessen auch nicht unbedingt durchsetzen. (Für die völlig kontaktfreie Begrüßung ist die Menschheit leider noch nicht reif.) Den Vorsatz, um 21 Uhr zu gehen, hielt ich ein. Es wurde dann auch Zeit, da allgemeines Aufräumen die Gemütlichkeit zu trüben begann, da will man nicht im Wege stehen.

Dienstag: Heute gab es ein virtuelles Arbeitstreffen unter Nutzung des Kommunikationsmediums „Mural“. Da mindestens fünfzehn der neunzehn Teilnehmer wie ich damit nicht vertraut waren, gab es zuvor eine spielerische Einweisung. Dann wurden wir aufgeteilt in Gruppen, wobei jede Gruppe dasselbe Thema bearbeitete, danach wurden die Gruppenergebnisse zusammengeführt. (Habe ich schonmal erwähnt, dass ich Gruppenarbeit ablehne, virtuell wie präsent? Bestimmt.) Um elf, als wir längst noch nicht fertig waren, verließ ich die Veranstaltung wegen eines Anschlusstermins. Ich möchte nicht schon wieder den Digitalskeptiker geben, doch bin ich mir sicher, ohne dieses Mural und erst recht ohne Gruppenarbeit wäre ein besseres Ergebnis in wesentlich kürzerer Zeit zustande gekommen.

Zwischendurch hieß es: „Wir können uns alle duzen.“ Das ist auch so etwas, das mir mit zunehmendem Alter immer weniger notwendig erscheint. #gerneweiterpersie

„Erzeugerpreise rauf – Verbraucherpreise runter“, las ich abends auf dem Wahlplakat der MLDP. Die haben es offenbar verstanden.

Irgendwo gelesen: „Mit Fremden reden ist überhaupt das Allerbeste.“ Wie neulich schon geschrieben: Man sollte stets offen sein für abweichende Meinungen, und wenn sie noch so absurd erscheinen.

Mittwoch: „Das hat mit Rasen nix zu tun – biste halt schneller unterwegs.“ Der Geliebte hat jetzt ein Elektrofahrrad.

„Die Corona-Pandemie hat den Trend zum Urlaub im Kokon beflügelt: Viele Touristen haben nach einer Analyse des ADAC in den Sommerferien versucht, den Kontakt zur Mitmenschheit zu reduzieren […] Man will jetzt auch auf der Reise unter sich sein, vielleicht sogar allein sein“, steht in der Zeitung. Das können noch touristisch interessante Zeiten werden. Das Wort „Mitmenschheit“ gefällt mir übrigens ausgesprochen gut.

Kein schöner Rant: Heute sah auch ich erstmals die Wahlwerbung der Grünen. Da hierzu vermutlich bereits alles gesagt und geschrieben wurde, erspare ich mir und Ihnen weitere Schmähungen.

Alle Jahre wieder – Wie sie sich nun wieder in Wort und Schrift empören über vorzeitiges Angebot von Weihnachtsnaschwerk in den Supermärkten, als ob sie gezwungen würden, derlei zu kaufen und essen. Ich freue mich jedenfalls sehr auf den ersten Nougat-Marzipan-Baumstamm. Merke: Stollen und Kurzarm schließen sich nicht zwingend aus.

Donnerstag: Morgens teilte ich das Bad mit drei Wespen, die freundlicherweise wenig Interesse zeigten an einem gemeinsamen Brausebad.

Kurz nach Mittag steckte eine junge Kollegin den Kopf durch den Türspalt meines Büros, es kam zum kurzen Plausch über „lange nicht gesehen“ und „wie gehts dir“. Es lag nicht an der Maskenpflicht, dass ich nicht den Hauch einer Ahnung habe, wer die Dame war; vielleicht hat sie es ja nicht gemerkt.

Wie die Zeitung berichtet, fahren fast siebzig Prozent der Erwerbstätigen nach wie vor mit dem Auto ins Werk, auch auf kurzen Strecken. In Deutschland sind vierzehn Prozent mehr Autos angemeldet als vor zehn Jahren; der Trend zu Zweit- und Drittwagen in deutschen Haushalten steigt. Offenbar gibt es noch zu wenig Staus und zu günstigen Kraftstoff. So wird das jedenfalls nix mit dem Klimaschutz.

Freitag: Sollten Sie demnächst in der Inneren Nordstadt von einem Radio am Kopf getroffen werden, dann ist es womöglich unser netzfähiges (beziehungsweise -unfähiges) Bad-Radio auf dem Flug aus dem Fenster, nachdem es mal wieder minutenlang verbunden, geladen und zwischengespeichert hat.

Um kurz nach vierzehn Uhr gingen mir zuerst die dringend zu erledigenden Geschäfte, dann die Arbeitslust aus. Da mein Gleitzeitkonto gut gefüttert ist, zudem Wochenende, besser noch: eine Woche Urlaub, verließ ich das Werk zeitig. Daheim empfing mich der erwartete Was-willst-du-denn-schon-hier-Blick des Geliebten, das muss man dann aushalten.

Samstag: Als wir im Sommer 2019 den Urlaub in Malaucène wegen unerträglicher Hitze nach einer Woche abbrachen und nach Hause flüchteten, ahnte wir nicht, dass es danach länger als zwei Jahre und zwei Monate dauern würde, bis wir wieder herkommen. Nun sind wir da, und es ist wunderschön, endlich wieder hier zu sein. (Ja, mit dem Auto, ich weiß.)

Ein kurzer Kampf mit dem Türschloss unseres Hauses wurde nach vorübergehendem Ausbau desselben und Rückfrage bei der Vermieterin zu unseren Gunsten entschieden. (Wie fast immer im Leben: Wenn man weiß, wie es geht, ist es ganz einfach, aber eben nur dann.) Danach gingen wir zum traditionellen Ankunftstagesprogramm über, das im Wesentlichen aus Ankunftsgetränk, Pizza und Rosé besteht.

Sonntag: Nirgendwo und -wann schmeckt Baguette so gut wie beim ersten Frühstück in Frankreich, das ist bestimmt auch dieser Urlaubseffekt. Ob indes der beste Stollen wirklich aus Dresden kommt, vermag ich nicht zu beurteilen.

Ansonsten verbrachten wir den Tag überwiegend in erfreulicher Ereignislosigkeit aus der Liegestuhlperspektive, während im Hintergrund die Meteorologie tobte.

Falls auch Sie gerade Urlaub haben, wünsche ich Ihnen eine angenehme Zeit. Allen anderen auch.

Woche 36/2021: Eine gewisse Würze und ausgefüllte Kästchen

Montag: „Ganz kurz nur.“ Schon als der Kollege das Gespräch mit vorstehenden Worten eröffnete, war klar: Das dauert etwas länger.

Meiner Freude über die wiedereröffnete Kantine verlieh ich bereits Ausdruck. Dort darf aus bekannten Gründen bis auf weiteres nur jeder zweite Sitzplatz benutzt werden, auf den freizuhaltenden Stühlen sind einlaminierte Hinweisblätter ausgelegt. Das hielt zwei Hungrige in meiner unmittelbaren Nähe nicht davon ab, sich an einen Zweier-, somit zurzeit Einzeltisch setzen zu müssen, obwohl ausreichend Mehrpersonentische frei waren; den Hinweiszettel legten sie gut sichtbar und ohne Unrechtsbewusstsein auf den Nebentisch. Den Sicherheitsmann, der wenige Meter daneben stehend über die Einhaltung der Platzregeln zu wachen hatte, interessierte es nicht. Mich immerhin genug, dass ich es notierte.

„Ich liebe Stachelbeeren“, hörte ich im Gehen einen Entgegenkommenden zu seinem Nebenmann sagen. Ich mag sie auch, am liebsten direkt vom Strauch, vor allem die roten; auf Kuchen oder als Kompott hingegen nicht ganz so gerne. Liebe wäre für dieses Mögen daher ein zu starkes Wort.

Dienstag: Wie ich morgens beim ersten Kaffee des Tages in der Zeitung las, plant Helene Fischer im nächsten Jahr ein Deutschlandkonzert. Nicht, dass ich dorthin wollte, indes spielte seitdem mein Hirnradio mindestens bis in den frühen Nachmittag hinein „Die Hölle morgen früh ist mir egal“, mit erschreckend großer Textsicherheit.

Egal könnte und sollte mir sein, wie andere Leute ihre Kinder rufen, und vielleicht verstößt es gegen irgendeinen Bloggerkodex, wenn ich folgendes anzumerken mir nicht verkneifen kann: Es erscheint mir fragwürdig, wenn nicht unverantwortlich, als Mutter den zwölfjährigen Sohn, der einen eigentlich recht schönen anderen Namen hat, öffentlich „Ona“ zu nennen. An das falsche Mitschülerohr geraten könnte das zu unschönen Neckereien führen. Man stelle sich vor, das Kind hieße mit Zweitnamen auch noch Nils. Aber mir soll es egal sein. Zudem steht mir als Kinderlosem derartiges Urteil nicht zu.

Mittwoch: Wie die Zeitung in einer kurzen Meldung wissen lässt, erhalten sieben Länder, darunter ausgerechnet die Türkei, von der EU in den nächsten sechs Jahren wegen Aussicht auf einen Beitritt etwa 14,2 Milliarden Euro an sogenannter „Heranführungshilfe“. Ein wunderbares Wort für eine nach den aktuellen Erfahrungen mit Polen und Ungarn eher fragwürdige Ausgabe.

„Für Kinder ist dieser Virus absolut harmlos. Und die Gefahr von so einer Impfung, die man nicht erforscht hat, ist ungleich höher als der Virus selber.“ – Warum tut Til Schweiger nicht, was sein Nachname ihm nahelegt?

Apropos Name – Namenstag haben laut Zeitung heute diejenigen, die „Mariä Geburt“ in ihrem Ausweis oder vielleicht auf dem Grabstein stehen haben. Das mag ich nicht recht glauben, andererseits ist es dagegen vergleichsweise erträglich, Ona gerufen zu werden.

Donnerstag: Als ich morgens nach einem Fußmarsch mit angenehmer Müdigkeit ins Werk kam, fand ich im Maileingang einen von Inhalt und Umfang her völlig unklaren Arbeitsauftrag vor, der im wesentlichen das Ausfüllen von Kästchen beinhaltet, zu erledigen bis spätestens kommenden Dienstag. Warum ich?, fragte ich mich. Als kurz darauf die Mitteilung über den Eingang der nächsten Gehaltsabrechnung auf dem Datengerät eintraf, fiel es mir wieder ein.

Abends auf dem Rückweg sah ich am Rheinufer etwas, das morgens noch nicht da war und wahrscheinlich schon jetzt, da auch Sie es sehen, von irgendwelchen Vollidioten kaputt gemacht wurde.

Die Sichtung eines neuen Nachbarn im Nebenhaus durch den Geliebten verlieh der häuslichen Abendkonversation eine gewisse Würze. Ich war zu müde für einen Ausdruck der Missbilligung und sehe vielmehr mit großer Gelassenheit dem langen Gesicht entgegen, wenn erstmals die Freundin des Herrn Nachbarn in Erscheinung tritt.

Freitag: Es hat sich vielfach bewährt, erstmal nichts zu tun. Zu dem gestern beklagten Arbeitsauftrag stellte man sich heute auch an höherer Stelle die Frage nach dem Sinn, bezeichnete dessen Vollzug gar als „overdone“. Leider waren da schon die meisten Kästchen ausgefüllt. Doch wozu klagen – es geschah in gut bezahlter Arbeitszeit.

Samstag: Anscheinend ist es von Relevanz, zu wissen, wo man heute vor zwanzig Jahren war, an dem Tag, als in Amerika … Sie wissen schon. Ich weiß es auch, möchte Sie aber ungern damit belästigen. Eine beliebte Aussage aus jenen Tagen war, von nun an sei nichts mehr, wie es war. Das ist nicht eingetreten, ob zum Glück oder leider, mag jeder für sich bewerten.

Laut Aufschrift auf der Zahnpastatube ist ihr Inhalt für den täglichen Gebrauch bestimmt. Ja was denn sonst?

Gemessen an der Zahl der zerstörten und heruntergerissenen Wahlplakate muss die Politikverdrossenheit erheblich sein. Was würden politische Parteien und Werbetreibende wohl dafür zahlen, wenn es ihnen gelänge, direkt in unsere nächtlichen Träume eingreifen zu können?

Sonntag: Wandertag im Siebengebirge mit lieben, seit Monaten nicht gesehenen Menschen; dazu Wiedersehensfreude unterstreichende Begleitgetränke und eine abschließende Einkehr in Königswinter. Die Hölle morgen früh ist mir egal.

Woche 35/2021: Natürlich gealterte Originale

Montag: Mittags im Rheinauenpark war bei den Wildgänsen eine gewisse Aufgeregtheit auszumachen. Vielleicht stritten sie darüber, ob sie angesichts der aktuellen Wetterlage früher aufbrechen sollen in den Süden, wer wollte es ihnen verdenken. (Danach spielte mein Hirnradio stundenlang „Nils Holgerson“ in Dauerschleife. Sollte es Ihnen beim Lesen dieser Zeilen nun ähnlich ergehen, bitte ich dies zu entschuldigen.)

Ein nicht zu unterschätzendes Problem in südlichen Regionen ist der Diebstahl von Sand, wie die Zeitung heute berichtet. Demnach wurden auf Sardinien durch den Zoll kürzlich 4,1 Kilogramm Sand sicherstellt, was mit Strafen bis zu dreitausend Euro geahndet wurde. Wohlgemerkt: Sand, nicht Goldstaub.

Man muss nicht alles verstehen. Auch dieses nicht:

Ganz anderes Thema, dafür absolut verständlich im Sinne von nachvollziehbar, gelesen hier:

Denn wenn man auf Silberhochzeiten geht, dann sind das ja normalerweise die von alten Leuten, die von den Freunden der Eltern etwa. Also normalerweise ist das so. Es war diesmal aber die Silberhochzeit meiner Freunde, was zwingend bedeutet, dass wir das jetzt sind, die Zuständigen für derlei.

Dienstag: Von alt zu jung – üblicherweise übe ich mich in Zurückhaltung darin, andere Leute als dumm zu bezeichnen, wohnt dieser Bezeichnung doch stets eine gewisse, möglicherweise ungerechtfertigt-peinliche Selbsterhöhung inne. Doch scheint es mir hier zutreffend: Wie das Radio meldete, kletterte in Troisdorf mal wieder ein Jugendlicher auf einen Güterwaggon der Bahn, wo ihn umgehend und final der Schlag aus der Oberleitung traf; fünfzehntausend Volt leisten hier stets schnelle und gründliche Arbeit. Warum tun die das immer wieder? Werden die Digital-Naiven in ihren Ätzwerken, denen sie einen nicht unerheblichen Teil ihrer Zeit widmen, nicht davor gewarnt, Eisenbahnfahrzeuge zu besteigen, erst recht wenn sie unter einer Oberleitung stehen? Oder werden sie dort in zweifelhaften Challenges gar dazu ermutigt? – Und allen Vollkasko-Eltern, die nun bald wieder nach besseren Umzäunungen von Bahnanlagen verlangen, sei geschrieben: Das ist Unsinn, eure Nachzucht wird sie mühelos überwinden. So „schlau“ sind sie dann doch.

Mittwoch: Mit fünfunddreißig war ich ziemlich zufrieden – in Bonn die ersten Wurzeln geschlagen, frisch und glücklich verheiratet, auch sonst lief alles erfreulich. Heute diene ich seit fünfunddreißig Jahren demselben Arbeitgeber, auch das immer noch überwiegend zufrieden. Klar, manchmal sehnt man den Feierabend, das Wochenende, den nächsten Urlaub oder den Ruhestand etwas mehr herbei als sonst, aber insgesamt begebe ich mich immer noch ganz gerne ins Werk, auch wenn sich das hier vielleicht manchmal anders liest. So viele Jahre beim selben Arbeitgeber – wohl nur wenige heute Fünfunddreißigjährige können sich das noch vorstellen. Ach ja: Auch sonst bin ich immer noch ziemlich zufrieden, geradezu glücklich, vielleicht anders, aber keineswegs weniger als mit fünfunddreißig.

Donnerstag: Morgens auf dem Fußweg ins Werk sah ich das Rheintal in Nebel gehüllt, was die Motivklingel der Datengerätkamera anschlagen ließ.

Ab Mittag wurde es sonnig-warm. Nach langen, entbehrungsreichen Monaten gab es abends dienstlich veranlasste Alkoholzufuhr, so richtig mit Menschen. Die häufig gestellte Frage des Abends lautete daher „Wann haben wir uns das letzte Mal gesehen?“ Anlass war der erfolgreiche Abschluss eines großen Projekts bereits Anfang letzten Jahres, das dann aus bekanntem Grund nicht mehr angemessen begossen werden konnte. Es war sehr schön, man ist so etwas ja gar nicht mehr gewohnt, also das mit den Leuten, das mit dem Alkohol schon noch.

Nach vierzig entbehrungsreichen Jahren gibt es Erfreuliches für das Ohr, ich hätte nicht gedacht, das noch zu erleben, ABBA hallo. Öffentlich wollen die vier wohl nur noch in Form künstlicher Abbatare in Erscheinung treten, was ich einerseits verstehe, andererseits bedaure, da sie sich auch als natürlich gealterte Originale durchaus noch sehen lassen können.

Freitag: Ein nur kleiner Kater schnurrte in des ersten Stunden des Arbeitstags, das war es wert, siehe Eintrag von gestern. „Das ist ein getoggeltes Feature“ sagte einer während einer Präsentation und ließ meinen Sprachnerv leicht zucken.

Ich halte es für richtig, auch abweichenden Meinungen gegenüber offen zu sein, selbst wenn der Klimawandel mit seinen Auswirkungen als „fachpolitische Detailfrage“ bezeichnet wird. Daher mein ausdrücklicher Dank an Bundesstadt.com für dieses Gespräch.

Samstag: Wie morgens das Radio meldet, wird in Xanten heute die Schnick-Schnack-Schnuck-Meisterschaft ausgetragen, ohne Publikum, zudem nur mit Schere, Stein und Papier, aber ohne Brunnen, warum auch immer.

Als Mensch mit einer generellen, nicht rassistisch motivierten Fremdenreserviertheit lasse ich mich ungern von Unbekannten ansprechen. Daher ist es zurzeit anstrengend, durch die Fußgängerzone zu gehen: Überall stehen Leute an sonnenbeschirmten Tischchen, die einem etwas in die Hand drücken wollen und womöglich gar das Gespräch suchen.

Abends vernahm ich erstmals das schöne Wort „Pilzputzchampagner“ und übernahm es sogleich in die Schatulle meines aktiven Wortschatzes, auf dass es zur Verfügung steht, wenn mich der Liebste das nächste Mal zu Hilfstätigkeiten bei der Essenszubereitung heranzieht, selbstverständlich auch in analoger Anwendung beim Kartoffel- und Spargelschälen; „Schälchampagner“ dann eben. Es muss auch nicht zwingend Champagner sein, ein Cremant tut es auch.

Sonntag: Eimal mehr stellt sich die Frage, wie es diese Spezies so weit bringen konnte.

Ich habe das Buch „Das Glück des Gehens“ von Shane O’Mara ausgelesen. Das Glück des Lesens war dabei begrenzt, da stellenweise etwas langatmig-theoretisch die zum Gehen erforderlichen Körper- und Hirnfunktionen erläutert werden. Etwas zu kurz kam mir dagegen das, was den eigentlichen Gehnuss ausmacht, nämlich aufmerksam und unabgelenkt durch ein Datengerät die Details am Wegesrand wahrzunehmen. Siehe auch vorstehendes Bild.

Von der Theorie zur Praxis: Warmes Spätsommerwetter lockte zahlreiche Menschen nach draußen; während des Sonntagsspaziergangs erforderte es einiges an Aufmerksamkeit, auf den Rheinbrücken nicht von Fahrrädern und Elektrorollern angefahren zu werden, während ich notorischen Linksgehern auswich. Als ich während des Gehens mit Blick auf eine öffentliche Uhr bemerkte, dass meine Armbanduhr drei Minuten vorgeht, stellte ich mir vor, wie ich sie abnehme und korrigiere, und wie, während der große Zeiger zurückwandert, alles um mich herum rückwärts läuft wie in einem Film, der zurückgespult wird. Was man so denkt, wenn die Sonne auf die ungeschützte Hinterkopflichtung sticht. Vielleicht wäre das was für die Mainzelmännchen.

Ich wünsche Ihnen eine angenehme neue Woche mit möglichst vielen erfreulichen Details am Wegesrand.

Vielleicht kommt es ganz anders

Vorbemerkung: Dies ist meine persönliche Chronik der Corona-Pandemie, die ich Anfang April 2020 zu schreiben begonnen habe, so wie viele es bereits getan haben oder immer noch tun. Daher empfehle ich Ihnen nicht unbedingt, es zu lesen, Sie werden nicht sehr viel Neues darin finden, das sie nicht – vielleicht besser – schon in anderen Blogs und Artikeln gelesen oder selbst geschrieben haben, außerdem ist es sehr lang geraten, wer liest heutzutage schon gerne lange Texte. Weiterhin ist es nur ein Zwischenstand, die Seuche ist ja noch längst nicht vorüber. Aber auch eine Idee für einen Thriller, falls Sie sowas mögen. (Wenn nicht, sollten Sie ab dem Bild mit den blühenden Kastanien nicht weiterlesen.)

Im Laufe der Zeit wird der Text immer wieder an die aktuellen Entwicklungen angepasst, soweit es mir möglich ist; man weiß ja nie. Im Übrigen wäre dieses Blog, das ja dazu dient, den alltäglichen Wahnsinn zu dokumentieren, ohne eine Chronik dieser ungewöhnlichen Zeit unvollständig. Falls es in zehn oder zwanzig Jahren mal jemand lesen sollte, sofern es dann das Blog noch gibt, und jemanden, der es lesen will und kann.

(Letzte Aktualisierung: 1. September 2021)

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Als es um den Jahreswechsel 2019/2020 herum hieß, in China sei eine neuartige, rätselhafte Lungenkrankheit ausgebrochen, die zu Todesfällen führt und sich schnell ausbreitet, da war das ungefähr so weit weg wie der Sack Reis, der in China immer wieder mal umfällt. Millionenstädte wurden abgeriegelt, Reisen untersagt, was nur in einem totalitären Staat wie eben China denkbar schien. Die Fernsehbilder von zahlreichen Baggern, die sich scheinbar unkoordiniert auf einer durchwühlten Fläche drehten, angeblich, um innerhalb weniger Tage ein Notkrankenhaus zu errichten, tat ich zunächst als Propaganda der Regierung ab, um der Welt zu zeigen: Wir tun was, haben die Sache im Griff. Dann wurde klar: Die bauen wirklich ein Krankenhaus, nicht nur eins. Die Sache war offenbar ernst.

Kurz darauf wurde vor Reisen nach China, vor allem in die betroffenen Gebiete, offiziell gewarnt. Die menschliche Rationalität erfuhr erste Aussetzer, wie so oft, wenn Unheil droht, wenn auch zunächst diffus und unbestimmbar: Menschen aus China, egal aus welcher Region, Menschen mit asiatischer Physiognomie, egal woher, wurden plötzlich angefeindet und diskriminiert.

Bei uns, wie auch sonst überall außerhalb Chinas, ging das Leben unterdessen seinen gewohnten Gang: Wir fuhren zur Arbeit, auf den Autobahnen die täglichen Staus, wir konsumierten, reisten, machten Kreuzfahrten, feierten Karneval, Partys, spielten und schauten Fußball, machten Skiurlaub, natürlich mit Apres Ski. Die Kalender waren voll mit Terminen, privat wie beruflich: geplante Urlaube, Wochenendausflüge, Dienstreisen. Politiker beschimpften sich wie üblich, die Wirtschaft wuchs, weil Wachstum wichtig ist, Menschen wurden wegen ihres Glaubens, ihrer Hautfarbe oder aus anderen Gründen getötet oder in die Flucht getrieben; der ganz normale Wahnsinn.

Dann kam das Virus näher: Norditalien, Spanien, Österreich, Frankreich. Menschen erkrankten, manche schwer, einige starben. Man relativierte: Schließlich starben jährlich Tausende an der Grippe, im Straßenverkehr und an den Folgen des Rauchens und von Alkohol, da würde es schon nicht so schlimm sein. Dennoch waren Corona und Covid-19 nun jedermann ein Begriff. Es erinnerte an vergangene Epidemien wie Schweinegrippe, Sars, H1N1, EHEC, und wie sie alle hießen, längst vergessen, wann war das nochmal gewesen … Damals hatte es auch geheißen: Husten und Niesen nur in die Armbeuge, Hände möglichst gründlich waschen. Auf Toiletten hingen nun wieder bebilderte Anleitungen zum korrekten Händewaschen. Das ganze hatte etwas von einem Thriller, wie „Der Schwarm“ von Frank Schätzling: Man liest es mit einer Art angenehmem Schauder, ist aber selbst nicht betroffen, weil entweder Fiktion oder weit weg.

Aber so weit weg war es nicht mehr, die ersten Fälle nun auch in Deutschland. In Nordrhein-Westfalen, Kreis Heinsberg, das war nun wirklich nah! Jetzt wurden nicht nur Menschen mit asiatischem Aussehen angefeindet, sondern auch die mit „HS“ als Kfz-Kennzeichen, wenn sie sich über ihre Kreisgrenze wagten. Unterdessen die ersten Einschränkungen des öffentlichen und geschäftlichen Lebens in Italien, Spanien, Österreich und Frankreich, um die weitere Verbreitung des Virus aufzuhalten oder wenigstens zu verlangsamen. Menschen durften sich dort nicht mehr frei bewegen, Geschäfte, die nicht lebensnotwendig waren, mussten schließen, bald auch Kneipen und Restaurants. Krankenhäuser waren überfüllt, Ärzte und Personal an ihren Grenzen. Nicht mehr allen Erkrankten konnte geholfen werden, viele starben, vor allem Alte mit Vorerkrankungen, aber bei Weitem nicht nur die. Drohte uns das bald auch in Deutschland?

Bei uns wurden zunächst Veranstaltungen ab tausend Personen untersagt, kleinere blieben erlaubt; allenfalls wurde empfohlen, darauf zu verzichten. Auch wir fragten uns: Sollten wir wirklich noch zur Feier des sechzigsten Geburtstags des Schwagers nach Bünde fahren? Wir fuhren, es war vorläufig unsere letzte Reise und die letzte größere Ansammlung von Menschen, deren Teil wir waren. Es ging gut, und doch fühlte es sich falsch an, verboten. Das Hotel, in dem wir übernachtet hatten, musste kurz darauf für privat Reisende schließen, wie alle Hotels. In Bünde sah ich erstmals leergekaufte Supermarktregale. Der Thriller wurde realer.

Die menschliche Vernunft ging weiter zurück: Viele hielten sich nicht an die Kontaktbeschränkungen, manche feierten sogar „Corona-Partys“. Und sie kauften Unmengen Toilettenpapier, als hinge ihr Leben davon ab; wochenlang war es Glückssache, noch eine Packung zu erstehen. Außerdem Nudeln und Mehl, warum ausgerechnet Mehl, was machten sie damit? Dabei gab es keine Engpässe in der Versorgung, wie Handel und Politiker nicht müde wurden zu betonen, es war grundsätzlich genug von allem für alle da. Oder wäre gewesen, wenn jeder nur so viel gekauft hätte, wie er benötigte. Der Konjunktiv bekam Konjunktur in diesem Jahr. Das, was wir „zivilisiertes Verhalten“ nennen, erwies sich als ein dünner Faden, der schnell reißt, sobald wir glauben, die Kontrolle zu verlieren, uns übervorteilt oder bedroht fühlen oder schlicht Angst haben.

Ein wenig erinnerte mich die Situation an 1986, als aus Tschernobyl die radioaktive Wolke zu uns kam und wir sehr verunsichert waren wegen dieser unsichtbaren Gefahr, ängstlich unter das nächste Dach liefen, sobald ein paar Regentropfen fielen, kein Wild und keine Waldpilze mehr aßen. Und doch war ich jetzt guter Hoffnung, es würde mich und mir nahestehende Personen nicht treffen. Allein von den Fallzahlen her war die Wahrscheinlichkeit einer Infektion mit schwerem Krankheitsverlauf gering. Noch.

Die Woche darauf verkündete die Bundeskanzlerin erst in einer Pressekonferenz, dann in einer Ansprache ans Volk weitreichende Einschränkungen auch bei uns: Keine Veranstaltungen, keine unnötigen Reisen wie Urlaub, keine Restaurantbesuche, die Wohnung nur noch verlassen, wenn es unvermeidbar ist, wie zur Arbeit oder zum Einkaufen; grundsätzlich maximal zu zweit und mit mindestens eineinhalb Meter Abstand zueinander. Abstand wurde zu einem der meist gebrauchten Wörter des Jahres. Viele Geschäfte mussten nun auch in Deutschland schließen, zudem alle Kneipen, Bars, Theater, Museen, Friseure, Universitäten und Schulen. Keine Konzerte, Gottesdienste, Sportveranstaltungen, sogar die Fußball-Europameisterschaft und Bundesliga wurden abgesagt. Kurz: Alles, wo Menschen zusammenkamen aus nicht lebenswichtigen Gründen. Die meisten Grenzen zu den Nachbarländern wurden geschlossen und Mecklenburg-Vorpommern ließ niemanden aus anderen Bundesländern mehr rein. Der Stillstand bekam einen eigenen Namen, nein zwei: wahlweise „Lockdown“ oder „Shutdown“. Irgendwer fing damit an, bald plapperten es alle nach.

Viele Firmen ordneten, soweit möglich, Heimarbeit an, oder sie stellten den Geschäftsbetrieb ganz ein, wie die großen Autohersteller. Ich selbst wollte und durfte weiterhin ins Büro fahren, fuhr nur noch mit dem Fahrrad dorthin, auch bei Regen und Kälte. Die Stadtbahn mied ich, obwohl die Bahnen anfangs fast leer durch die Gegend fuhren, sicher ist sicher. Ich war froh, noch ins Büro zu dürfen, obwohl ich ebenfalls zu Hause hätte arbeiten können. Es gab meinen Tagen Struktur und die mir wichtige Trennung Arbeit – Privat blieb erhalten. Der Autoverkehr auf den Straßen ging drastisch zurück, die Staumeldungen im Radio fielen ungewohnt kurz aus.

Die Reise- und Tourismusbranche kam fast zum Erliegen, die meisten Flugzeuge blieben am Boden, Kreuzfahrtschiffe lagen fest. Die Natur konnte ein wenig aufatmen. Wie mochte es jetzt in Playa del Ingles auf Gran Canaria sein, wo wir früher so oft waren, einem Ort, der fast ausschließlich aus Hotels und Ferienappartements und einer rein auf den Tourismus ausgelegten Infrastruktur bestand? Gespenstisch leer vermutlich, vor allem nachts.

Ich fragte mich, wie lange die Bevölkerung noch ruhig und zu Hause blieb, den Empfehlungen der Regierung folgte, die beschlossenen und verkündeten Maßnahmen und Einschränkungen akzeptierte. Kam es irgendwann zu Unruhen, Gewalt, Plünderungen? Die Menschen bereiteten mir viel mehr Sorgen als das Virus. Wie lange war die Versorgung mit Lebensmitteln sichergestellt? Hielten die Menschen in den sogenannten „systemrelevanten“ Berufen – Ärzte, Polizisten, Verkäufer, Zusteller, Feuerwehr und andere – noch lange durch? Was passierte, wenn nicht?

Anfang April lebten wir seit drei Wochen im Ausnahmezustand, der mit großer Wahrscheinlichkeit noch einige Wochen anhalten würde, auch wenn die Stimmen nicht nur aus der Wirtschaft laut wurden, dass wir das nicht mehr lange durchhielten. Aber was war die Alternative? Die Zahl der Infektionen stieg weiter, fast 100.000 Fälle und 1.500 Tote, aber immerhin auch 26.000 Genesene in Deutschland; über letztere wurde in den Medien wenig berichtet.

Persönlich empfand ich mich nur wenig eingeschränkt, vielmehr konnte ich der Situation auch durchaus Gutes abgewinnen: In absehbarer Zeit gab es keine Dienstreisen, fast alle privaten Verpflichtungen waren ausgesetzt oder ganz gestrichen. Ich musste abends nicht mehr raus zu Vereinsaktivitäten, die mir schon vor der Pandemie zunehmend lästig geworden waren. Früher waren freie Wochenenden ohne Termine ein Geschenk, nun wurden sie zur Regel. Ich durfte weiterhin spazieren gehen und war gewissermaßen gezwungen, regelmäßig Fahrrad zu fahren. Und ich habe keine Kinder, die ich nun den ganzen Tag bespaßen und beschulen musste, weil sie nicht zur Schule gehen konnten. („Homeschooling“ ist auch eins dieser unsäglichen, nachgeplapperten Wörter, die dieses Jahr hervorgebracht hat.) Ich glaube, wenn ich Kinder hätte, käme ich nachts nicht in den Schlaf aus Sorge um deren Zukunft, auch wenn diese Seuche irgendwann vorüber sein sollte; andere Krisen, allen voran der Klimawandel, gehen weiter.

Natürlich gab es einiges, was ich vermisste: Die Woche Urlaub in Südfrankreich nach Ostern. Die gebuchte Schifffahrt zu „Rhein in Flammen“ Anfang Mai. Restaurantbesuche. Mit Freunden ins Ahrtal fahren, mit anschließender (W)Einkehr. Aber was waren das für Probleme, verglichen mit denen Anderer? Die infiziert oder erkrankt waren. Die bereits Angehörige verloren hatten. Die ihre Lieben im Krankenhaus oder Pflegeheim nicht besuchen durften. Die sich Sorgen um ihre berufliche Zukunft machen mussten. Die irgendwo in einem fernen Land oder auf einem Kreuzfahrtschiff festsaßen und nicht nach Hause konnten. Die in einem Flüchtlingslager lebten. Obdachlose. Nein, uns ging es gut, es fehlte an nichts.

Die Maßnahmen wirkten: Die Zahl der Neuinfektionen ging zurück, im Mai wurden die Einschränkungen teilweise aufgehoben. („Lockerungen“ wurde ein weiteres Wort des Jahres.) Läden, Restaurants, Friseure, Schulen und Kirchen öffneten wieder, unter strengen Auflagen: Sie durften nur mit Mund-Nasen-Schutzmaske betreten werden, deren Wirksamkeit noch wenige Wochen zuvor bei Politikern und Wissenschaftlern umstritten war, was vielleicht auch daran lag, dass es anfangs nicht genug Masken für alle gab. Nun gab es sie in rauen Mengen, von einfachen Einwegmasken bis hin zu modischen Designerstücken mit lustigen Motiven. Beim Betreten der Läden musste man sich die Hände desinfizieren, in Restaurants Namen und Kontaktdaten hinterlassen, zur „Kontaktpersonennachverfolgung“, eine weitere Wortgeburt dieses Jahres. Wir durften also wieder raus, Leute treffen, in die Büros, mit Einschränkungen reisen. Auch Fußballspiele vor reduziertem Publikum waren wieder möglich. Die „neue Normalität“ wurde ausgerufen. Man fuhr und flog wieder in den Urlaub, nach Mallorca, Italien, in die Türkei – die meisten jedoch blieben im Inland. Nord- und Ostseeküste erlebten einen Andrang wie lange nicht mehr.

In der Bevölkerung regte sich Widerstand gegen die angeordneten Maßnahmen, die weiterhin Bestand hatten, allen voran die Maskenpflicht. Das reichte von „ist doch nicht viel schlimmer als eine Erkältung“ bis hin zu absurden Verschwörungstheorien, wonach das Virus nur eine ausgedachte Gefahr war, um das Volk zu versklaven. In Berlin, Stuttgart und anderen Städten gingen die Leute deswegen auf die Straßen, Regenbogenfahnen marschierten neben Reichskriegsflaggen.

Der Sommer wurde heiß, viele junge Leute pfiffen weiterhin auf die Regelungen und Abstand, trafen sich, da Diskos und Clubs geschlossen waren, in Parks, auf Plätzen, am Rheinufer; tranken, feierten, sahen es überhaupt nicht ein, sich einschränken zu lassen. Mehrfach löste die Polizei Ansammlungen auf, was häufig auf Widerstand stieß und immer wieder Gewalt auslöste.

Einige Staatspräsidenten verharmlosten die Gefahr und weigerten sich, Masken zu tragen, gerade solche mit besonders hohen Infektionszahlen in ihrem Land, etwa Brasilien, Großbritannien, die USA oder Weißrussland. Folgerichtig fingen sie sich selbst das Virus ein, wobei nur Boris Johnson, der britische Premierminister, nennenswerte Symptome aufwies, während die anderen – Trump, Bolsonaro, Lukaschenko -, glimpflich davonkamen und hinterher umso überzeugter verkündeten, das Virus sei ungefährlich, obwohl bereits Tausende aus ihrer Bevölkerung daran gestorben waren.

Die meisten jedoch waren vernünftig und hielten sich an die Einschränkungen. Aber was nützte das alles, solange es keine Impfung und kein Medikament gab? Wahrscheinlich müssten wir bestimmte Vorsichtsmaßnahmen noch lange Zeit beibehalten: Hände häufig waschen, keine Umarmungen und Küsschen zur Begrüßung, keine Hände schütteln, Abstand halten. Immerhin: Wenn Händeschütteln durch diese Krise dauerhaft abgeschafft würde, hätte sie wenigstens etwas Gutes bewirkt.

Große Veranstaltungen wurden abgesagt: das Oktoberfest in München, die Karnevals-Session, Weihnachtsmärkte. Dennoch galt es, einen weiteren Stillstand um jeden Preis zu vermeiden, weil man befürchtete, große Teile der Wirtschaft würden den nicht überstehen.

Im Herbst, nach Rückkehr der Urlauber, stiegen die Infektionszahlen wieder an. Zunächst langsam, bald rasant. Fast alle angrenzenden Länder wurden zu Risikogebieten erklärt, wer dorthin reiste, musste hinterher einen negativen Corona-Test vorweisen oder sich in Quarantäne begeben. Einige Länder verschärften die Maßnahmen wieder drastisch, verhängten Ausgangssperren. Auch immer mehr Regionen in Deutschland waren betroffen. Die Bundeskanzlerin beriet sich mit den Ministerpräsidenten der Länder, was zu tun sei, doch es gelang zunächst nicht, sich auf einheitliche Regelungen zu einigen. Die Maskenpflicht wurde verschärft, auch draußen sind seitdem Mund und Nase zu bedecken überall dort, wo viele Menschen sind, vor allem in Fußgängerzonen. Als Brillenträger läuft man nun noch häufiger im Nebel herum. Für die Gastronomie wurde die Sperrstunde eingeführt. Immerhin gab es noch Gastronomie.

Zum November einigten sich Bund und Länder auf neue Beschränkungen, nicht ganz so drastisch wie im Frühjahr: Befristet für zunächst vier Wochen mussten Gaststätten wieder schließen, Veranstaltungen wurden untersagt, maximal fünf Personen aus unterschiedlichen Haushalten durften sich öffentlich treffen. Immerhin gab es keine Ausgangssperren wie in anderen Ländern, zum Beispiel Frankreich. Geschäfte und Schulen blieben geöffnet, der Profisport durfte ohne Zuschauer weiter betrieben werden, vermutlich ließ sich damit auch so noch genug Geld verdienen.

Es gab Hoffnung: Im November meldeten mehrere Unternehmen, einen wirksamen Impfstoff entwickelt zu haben. Doch der musste erstmal zugelassen, in erforderlicher Anzahl hergestellt und verteilt werden.

Die Neuinfektionen gingen unterdessen nicht zurück, täglich meldete das Robert-Koch-Institut eine fünfstellige Zahl an neu Infizierten, auch die Zahl der „an oder mit“ Corona Gestorbenen stieg an. Daher einigten sich Bundeskanzlerin und Ministerpräsidenten auf eine Verlängerung der Maßnahmen, erst bis Ende Dezember (das Weihnachtsgeschäft!), dann bis Anfang Januar; über Weihnachten und Silvester sollte es leichte Lockerungen geben, statt fünf sollten sich vorübergehend zehn Personen treffen dürfen. Einige Städte verhängten nächtliche Ausgangssperren. Die Verrückten demonstrierten unterdessen weiter und faselten von „Diktatur“.

Anfang Dezember mahnten führende Wissenschaftler dringend weitere Beschränkungen an. Gleichzeitig wurden in Großbritannien die ersten Menschen geimpft, was zu Diskussionen und Unverständnis führte, da die EU sich mit der Zulassung noch etwas Zeit ließ; erst nach Weihnachten sollten auch hier die ersten Spritzen gesetzt werden. Unterdessen wurden aufgrund der weiter steigenden Infektionszahlen die Maßnahmen weiter verschärft. Über die Weihnachtstage gab es nur noch geringfügige Lockerungen, die derart kompliziert formuliert waren, dass sie keiner verstand, zu Silvester wurden Ansammlungen in der Öffentlichkeit und der Verkauf von Feuerwerk untersagt.

Die früheren Impfungen nützten den Briten zunächst wenig: Eine Woche vor Weihnachten trat eine neue Variante des Virus auf, die bis zu siebzig Prozent ansteckender sein sollte, nach ersten Erkenntnissen jedoch weder zu schwereren Krankheitsverläufen noch einer erhöhten Sterblichkeit führte. Zur Sicherheit stellten zahlreiche europäische Länder vorübergehend den gesamten Reise- und Frachtverkehr mit Großbritannien ein; kurz darauf stauten sich tausende von LKWs vor Dover. Konsumfreude kollidierte mit Naturgewalt.

Kurz vor dem nächsten Jahreswechsel freuten sich viele, weil dieses schlimme Jahr vorüber ging, obwohl das Ende des vorläufigen Dauerzustandes noch lange nicht absehbar ist. Weiterhin meldet das Robert-Koch-Institut für Deutschland täglich Neuinfektionen in fünfstelliger Zahl. Weltweit hatten sich fast 83 Millionen Menschen mit dem Virus infiziert, über 1,8 Millionen davon sind gestorben. Deutschland stand mit rund 1,7 Millionen Infizierten und dreiunddreißigtausend Toten noch vergleichsweise gut da. Einige klagten vor Gericht, weil sie zu Silvester keine Raketen abfeuern durften und bekamen sogar Recht, weil die Richter keinen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Feuerwerk, Infektions- und erhöhter Knallkörperverletzungsgefahr sahen.

Immerhin: Der Stuttgarter Initiator der zweifelhaften Bewegung, die sich selbst als „Querdenker“ bezeichnet, hatte angekündigt, bis auf weiteres auf Demonstrationen zu verzichten. Die LKW, die sich vor Weihnachten in England stauten, durften ihre Fahrt fortsetzen. Und in Europa sind die Impfungen angelaufen, als erstes alte Menschen in Pflegeheimen und medizinisches Personal; in den Nachrichtensendungen wird ungefähr alle zwei Minuten eine Nadel in einen Oberarm getrieben.

Schon kurz nach Weihnachten wurden Zweifel laut, dass die Beschränkungen wie geplant nach dem 10. Januar teilweise zurückgenommen werden können. Anfang Januar trafen sich wieder Bundeskanzlerin und Ministerpräsidenten und sie beschlossen, die Maßnahmen bis Ende Januar zu verlängern, mehr noch: Nun durften wir uns nur noch mit einer haushaltsfremden Person treffen und man erwog, den Bewegungsradius von Menschen in besonders stark betroffenen Gebieten auf einen Umkreis von fünfzehn Kilometer um den Wohnort zu beschränken. Das wurde heftig kritisiert, da weder klar war, ob mit Wohnort die konkrete Adresse des Einzelnen oder die Gemeinde-/Stadtgrenzen gemeint waren, noch wie das durchzusetzen und zu kontrollieren sei. Heftig kritisiert wurde auch der Gesundheitsminister, weil die Impfungen wegen zu wenig Impfstoff nur schleppend anliefen. Unterdessen starben in Deutschland täglich mehr als tausend Menschen wegen Corona.

Da im Laufe des Februars die Zahlen sanken, wurden Lockerungen ab Anfang März beschlossen, die kaum einer richtig verstand, mit „Notbremse“ bei schlechter Entwicklung. Friseure durften wieder Haare schneiden (was für manche Menschen scheinbar wichtiger war als Lebensmittel und Klopapier), Einzelhändler durften wieder ihre Läden öffnen, allerdings nur nach Terminvereinbarung, wofür das nächste Wortungetüm „Click & Meet“ geschaffen wurde. Gegen jede Vernunft und ohne ausreichende Testmöglichkeiten wurden Schüler wieder zum Präsenzunterricht einberufen. Unterdessen lief das Impfen weiterhin sehr schleppend; während andere Länder wie Israel, sogar Amerika und England schon sehr weit waren und unter anderem Außengastronomie ermöglichten, stritt man in Deutschland darüber, wer wann wen wo und womit impfen durfte. Vor allem fehlte es nach wie vor an ausreichend Impfstoff. Hinzu kam ein Skandal, weil mehrere CDU-Abgeordnete im vergangenen Jahr in unlautere Geschäfte mit Schutzmasken verstrickt waren, die sie ihr Mandat und die Partei erhebliche Stimmen bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz kosteten.

Während Urlaubsreisen im Inland weiterhin nicht möglich waren, galt Mallorca nicht mehr als Risikogebiet, woraufhin sich Tausende auf den Weg dorthin machten, trotz Maskenpflicht und ab dem frühen Abend geschlossenen Kneipen und Restaurants. Hauptsache mal raus. Die Festland-Spanier durften ihre Städte und Regionen unterdessen weiterhin nicht verlassen.

Wenig überraschend stieg die Zahl der Neuinfektionen im März wieder stark an, vor allem auch wegen der neuen Virus-Varianten. Daher zogen Bundeskanzlerin und Ministerpräsidenten Mitte März die Notbremse, die sie nach heftiger Kritik aus der Wirtschaft bereits zwei Tage später wieder etwas lockern mussten. Erstmals in der Geschichte äußerten sie unverblümt Selbstkritik und baten für ihre Fehlentscheidung um Entschuldigung. Das Vertrauen der Bevölkerung in die Politiker war schwer beschädigt und niemand wusste mehr genau, was noch erlaubt war und was nicht.

Deshalb wurde Ende April das Bundesinfektionsschutzgesetz angepasst, wieder war ein neues Wort geboren: die „Bundesnotbremse“. Unter anderem galt nun einheitlich für Städte und Kreise mit einem Inzidenzwert über 100 Infizierte je 100.000 Einwohner (somit fast alle) eine nächtliche Ausgangssperre zwischen 22 und 5 Uhr, wobei spazieren und laufen auch noch bis 24 Uhr erlaubt war. Die meisten Geschäfte durften Waren nur noch zur Abholung anbieten, andere wie Friseure durften nur mit einem tagesaktuellen negativen Testergebnis betreten werden. Arbeitnehmer waren grundsätzlich zur Heimarbeit verpflichtet, wenn es die Tätigkeit zuließ.

Unterdessen breitete sich in Indien nach religiös-rituellen Massenbädern im Ganges eine neue Variante aus, die täglich zu tausenden Neuinfektionen und Toten führte. Das Gesundheitssystem kollabierte, man kam kaum noch hinterher, die Leichen zu verbrennen.

Bei uns hingegen zeigte die „Bundesnotbremse“ Wirkung – die Zahl der Neuinfektionen ging zurück, zunächst nur langsam, dann deutlich. Gleichzeitig stieg die Zahl der Geimpften, zumal neben den Impfzentren auch Haus- und Betriebsärzte endlich impfen durften. Läden und Außengastronomie öffneten wieder, vorläufig durften sie nur mit einem aktuellen negativen Testergebnis betreten werden. Deshalb öffnete an jeder zweiten Straßenecke eine Teststation, offenbar ein einträgliches Geschäft, was manche Betreiber motivierte, es mit der Zahl der gemeldeten Tests nicht allzu genau zu nehmen und großzügig aufzurunden.

Mit weiter sinkenden Zahlen entfiel die Testpflicht für Geschäfte und Gastronomie, im Freien mussten keine Schutzmasken mehr getragen werden – einige taten es erstaunlicherweise dennoch weiterhin. Arbeitnehmer durften wieder in die Büros zurückkehren, viele arbeiteten dennoch lieber weiterhin zu Hause, wenn ihre Chefs sie ließen. Und man fuhr und flog wieder in den Urlaub in andere Länder. Fast fühlte es sich wieder „normal“ an, was immer mehr Leute dazu brachte, ihren zweiten Impftermin nicht wahrzunehmen; an manchen Tagen war bei den Impfstellen mehr Impfstoff vorhanden als Impfwillige. Ein neuer Begriff war geboren: „Impfschwänzer“.

Anders entwickelten sich die Zahlen in anderen Ländern, etwa England und Portugal, wo sich die hochansteckende indische Variante, inzwischen umbenannt in „Delta“, um die Inder nicht zu diskreditieren, schnell ausbreitete. Das hielt die UEFA nicht davon ab, die im letzten Jahr verschobene Europameisterschaft nachzuholen, vor Publikum in teilweise voll besetzten Stadien. Fußballfans ohne Masken jubelten und fielen sich in die Arme, zogen später in Feierlaune durch die Städte. Immerhin, dank der Impfungen stieg die Zahl der schweren Erkrankungen und Todesfälle nicht stark an.

Für den Herbst rechnete man indessen fest mit einer vierten Welle. Zu recht: Dank Delta rollte sie bereits ab August über uns hinweg. So richtig schien das trotz stark ansteigender Neuinfektionen vor allem bei jüngeren Menschen niemanden mehr zu kratzen; von möglichen Einschränkungen sprach kurz vor der Bundestagswahl niemand, für die sogenannten „3G“ (Genesene, Geimpfte und Getestete) standen wieder alle Türen offen, was Unmut bei den Impfunwilligen erzeugte. Die Zahl der schweren Krankheitsverläufe und Todesfälle stieg weiterhin nur moderat.

Unterdessen wurde darüber gestritten, ob Arbeitgeber zur Planung von Präventionsmaßnahmen bei ihren Mitarbeitern den Impfstatus erfragen dürfen. Laut Gegnern verstieß diese Frage gegen die persönliche Selbstbestimmung und sie könnte die weit befürchtete „Impfpflicht durch die Hintertür“ fördern.

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Irgendwann könnte das Virus besiegt sein und wir gehen wieder über zum üblichen Irrsinn, machen weiter wie vorher, reisen, konsumieren, zerstören die Umwelt, wandeln das Klima, Hauptsache wir haben Wachstum. Reiche werden reicher, Arme ärmer, und wir Menschen werden immer mehr. Alles wie gehabt.

Aber vielleicht kommt es ganz anders. Hätte ich Talent und Lust, einen Thriller zu schreiben, dann etwa so:

Es gibt mehr als sieben Milliarden Menschen auf der Erde, mit den bekannten Auswirkungen auf Natur und Klima, und es werden immer mehr. Dabei vermehren sich augenscheinlich diejenigen besonders stark, die es sich am wenigsten leisten können: die Ärmsten in Afrika, RTL-Zielgruppenzugehörige, die sich durch absurde Frisuren und Haarfärbungen, Tätowierungen bis zum Hals und Metallteilen in verschiedensten Körperteilen selbst den Weg zu großen Teilen des Arbeitsmarktes verbauen; selbst in Flüchtlingslagern, wo Menschen teilweise seit Jahren festsitzen und vermutlich andere Sorgen als die Arterhaltung haben, werden neue Menschen geboren.

Vielleicht ist Corona nur ein Auftakt, ein Vorgeschmack auf etwas kommendes Großes. Durch Kontaktbeschränkung und Impfungen mag es gelingen, die weitere Ausbreitung erst zu verlangsamen, dann zu stoppen. Doch kaum, dass wir die Krise überwunden glauben und da weitermachen, wo wir vorher aufgehört haben, entsteht eine neue Mutation des Virus. Zunächst unbemerkt, da über Monate keine Symptome auftreten, breitet es sich rasend schnell aus. Als man begreift, dass wiederum ein Virus die Ursache für eine neue, rätselhafte Erkrankung ist, ist es zu spät. Man kann ihm nicht entgehen, nirgendwo, es ist nahezu auf der ganzen Welt. Reihenweise erkranken die Menschen weltweit schwer, anders als bei Covid-19, wo ein hoher Anteil nur leichte oder gar keine Symptome zeigte, trifft die neue Form alle, die sich infiziert haben. Innerhalb weniger Tage bricht das Gesundheitssystem zusammen, die Sterblichkeit liegt bei über fünfzig Prozent. Geschäftliche Aktivitäten werden in kürzester Zeit eingestellt, die Grundversorgung mit Strom, Internet, Wasser und Lebensmitteln kommt zum Erliegen. Das, was wir Zivilisation nennen, hört auf zu existieren, es herrscht einzig das Recht des Stärkeren. Staat und Politik lösen sich auf, auch auf die „Rechten“ und „Querdenker“, die anfangs noch Schuldige ausgemacht hatten und einfache Lösungen wussten, hört niemand mehr. Globalisierung und Gendersternchen sind nur noch Begriffe ohne irgendeine Bedeutung.

Während in den Parks die Kastanien in voller Blüte stehen, sterben innerhalb weniger Wochen mehrere Milliarden Menschen, vor allem in den hoch entwickelten, technikabhängigen Industrieländern. Ganze Städte sind menschenleer, stattdessen wühlen Wildschweine in den Vorgärten der Villenviertel.

Vielleicht erleben wir gerade das Ende der Menschheit, wir wissen es nur noch nicht. Nicht der Klimawandel oder ein Atomkrieg löscht uns aus, sondern ein Virus. Sieben Milliarden Menschen, die sich benehmen, als wären sie die einzige Spezies von Bedeutung, der sich alles andere unterzuordnen hat, die sich immer weiter vermehren und so tun, als gäbe es kein Morgen – vielleicht ist es damit bald vorbei, und die Weltherrschaft geht über an Ameisen oder Ratten. Vielleicht beherrschen die auch längst die Welt, wir haben es nur noch nicht bemerkt.