Woche 23/2026: In Zeiten zunehmender Infantilisierung

Montag: Nun also schon wieder Juni. Wenn es irgendetwas nützen würde, könnte ich darüber lamentieren, dass die Zeit immer schneller zu vergehen scheint. Nützt aber nichts, deshalb lasse ich es und wechsle lieber, wie an jedem Monatsersten, die Armbanduhr.

Morgens verspürte ich Anzuglaune, deshalb trug ich heute Anzug und fühlte mich wie stets sehr wohl darin. Mit den dazu getragenen weißen Sniekern fühlte ich mich wie so ein smarter, Latte Macchiato trinkender Startapper, nur in alt mit Hörgeräten.

Vormittags schickte ich einen Brief und eine Postkarte auf die Reise, mittags kaufte ich frische Briefmarken, weil der Bestand verbraucht war. An mir soll es nicht liegen, wenn das Briefpostgeschäft schwächelt.

Bei der ersten Teams-Besprechung der Test, ob sich Hörgeräte und Kopfhörer vertragen. Ergebnis: Tun sie. Warum sollten sie auch nicht. Erstmals über die Hörgeräte (oder -Systeme, wie das wohl heißt) telefoniert. Klingt etwas nuschelig, geht aber.

Ein Kollege verkündete per Rundmail seinen Wechsel in eine andere Abteilung, um „… eine neue Herausforderung zu beginnen“. Sei ihm viel Erfolg dabei gewünscht.

Dienstag: Eine Initiative fordert auf Plakaten die Wiederinbetriebnahme des Melbbades, ein Freibad im Bonner Südwesten, das seit der Coronazeit geschlossen ist und als Lost Place dahingammelt und zuwächst. In Zeiten zunehmender Infantilisierung muss man dankbar sein, dass nicht gefordert wird, „Melbi“ wieder zu öffnen.

„Das ist in grünen Tüchern“ hörte ich in einer Besprechung und notierte es sogleich, auf dass auch Sie es erfreue.

Wie berichtet habe ich mich vergangenen Samstag in einen Anzug in einem Schaufenster verliebt. Wie zudem angekündigt suchte ich heute das Geschäft auf, um ihn wenigstens mal anzuprobieren. Dabei kam es zu einem Zwischenfall: Direkt hinter dem Vorhang, wo ich die Anprobekabine vermutete, befindet sich eine Tür. Ohne weiter weiter darüber nachzudenken öffnete ich sie, woraufhin eine Alarmanlage in einer äußerst gemeinen Tonlage alle drei Stockwerke erfüllte; erst jetzt sah ich, dass sich die gesuchte Umkleidezelle links von dem Vorhang befindet, wohingegen die Tür in ein Treppenhaus führt. Den Angestellten gelang es zunächst nicht, den Alarm zu beenden, erst nach einem Anruf bei einem Kollegen, vielleicht dem Filialleiter, kam eine Mitarbeiterin mit einem Plastiknupsi, den sie über die Bedieneinheit der Alarmanlage strich und sie damit verstummen ließ. Da mir das angemessen peinlich war und der Anzug passt, kaufte ich ihn. „Jetzt wissen wir wenigstens, wie man das abschaltet“, so die versöhnlichen Worte an der Kasse, nachdem ich nochmals mein Bedauern zum Ausdruck gebracht hatte.

Mittwoch: Der neue Anzug wurde sogleich angezogen. Sehr bequem zu tragen, ein guter Spontankauf. Der letzte Arbeitstag vor dem Urlaub endete nicht allzu spät, die wesentlichen Gewerke waren bearbeitet und mit gutem Gewissen schaltete ich erst den Rechner, dann das dienstliche Telefon aus; zur Sicherheit nahm ich den Rechner entgegen sonstiger Gewohnheit mit nach Hause, man weiß nie. Selbstverständlich nehme ich ihn morgen nicht mit nach Frankreich.

Wie nachmittags gemeldet wurde, musste die Bonner Nordbrücke über den Rhein kurzfristig wegen zunehmender Risse für den gesamten Verkehr gesperrt werden, wie lange, weiß man nicht. Auch für Fußgänger, erst vergangenen Sonntag spazierte ich noch darüber. Die Folge ist ein umfangreiches Verkehrschaos in der Stadt und drumherum, in der Rathausgasse stauen sich die Linienbusse in langer Reihe.

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Wie gut, wenn man nicht auf das Auto angewiesen ist: Ich ging (außerplanmäßig, weil ich morgens wegen Regens mit der Bahn statt mit dem Fahrrad gefahren war) zu Fuß nach Hause und genehmigte mir beim Rheinpavillon ein Urlaubseinstiegsbier.

Horst Schulte schrieb über das Bloggen:

Bloggen war für mich nie eine Eintrittskarte in eine Szene. Es war immer ein eigenes Zimmer im Netz. Eine kleine, widerspenstige Parzelle. Kein Palast, eher Gartenlaube. Aber meine.

Und wenn dort nicht die große Blogprominenz vorbeikommt, dann ist das zu verschmerzen. Manchmal ist es sogar angenehm. Denn am Ende zählt nicht, ob man auf der richtigen Blogrolle steht. Am Ende zählt, ob man noch etwas zu sagen hat.

Und ob man es sagt.

Als Kleinblogger im Schatten der vermeintlichen Eliten fühle ich mich verstanden.

Donnerstag: Nach dem Frühstück im französischen Café fuhren wir los in Richtung Beaune, der ersten Urlaubsetappe. Mein Wohlwollen den Hörgeräten gegenüber erfuhr erste Risse, nachdem das linke mir immer wieder hochfrequente Töne ins Ohr blies. Daher nahm ich sie kurz nach Abfahrt raus. Ansonsten lief die Fahrt gut, kurz vor Langres nötigte uns heftiger Regen zu verminderter Geschwindigkeit. Regen können die hier in Frankreich. Gut sechs Stunden später erreichten wir unser vertrautes Hotel, wo wir mit ehrlicher oder wenigstens sehr gut gespielter Wiedersehensfreude und einer Flasche Champagner im Zimmer begrüßt wurden. Erstmals kommt der mobile Jackenhaken zum Einsatz.

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Nach Ankunft und wohnlicher Einrichtung gingen wir in die Stadt, die wir weitgehend so vorfanden, wie wir sie Ende letzten Jahres verlassen hatten. Das regnerisch-jackenkühle Wetter, mehrfach war die Kombination aus Daunenjacke mit kurzen Hosen zu beobachten, vermochte den Genuss des ersten Rosés nicht zu trüben.

Der Verfasser im Zustand großer Zufriedenheit (Foto: der Liebste)
Abendhimmel

Freitag: Die Wetteraufheiterung erlaubte es, das ersten Frühstück des Urlaubs auf der Hotelterrasse einzunehmen. Obwohl die Temperatur laut Wetter-App nur fünfzehn Grad betrug, war es auch für einen Fröstling wie mich gut im kurzärmeligen Polohemd auszuhalten.

Nach dem Frühstück fuhr der Liebste zum Einkaufen in den Supermarkt, ich spazierte in den nahen Parc de la Bouzaise, wo ich auf einer Bank die Bonner Zeitung und die Blogs las. Dabei erwies sich das übergezogene Jäckchen als sinnvoll, da die Sonne immer wieder hinter Wolken verschwand und sofort kühler Wind aufblies, als gäbe es zwischen ihnen eine meteorologische Absprache.

Es ist immer wieder erbaulich, von der herrschenden Meinung abweichende Gedankengänge anderer zu lesen, die meinem eigenen Empfinden vollständig entsprechen. Bald geraten wieder große Teile der Menschheit in kollektiven Wahnsinn wegen der als Fußballweltmeisterschaft bezeichneten kommerziellen Großveranstaltung. Zum Thema Sportkucken schrieb Frau Anje treffend:

Dass aber Leute von passivem Sport besessen sind, also selber nur zugucken, wie andere Sport machen und das dann toll finden, da fehlt mir nicht nur das Verständnis, sondern auch die Akzeptanz, zumindest wenn es sich um Menschen in meiner direkten, inneren Umgebung handelt.

Seit einiger Zeit meldet mir WordPress Blogbeiträge, die ich an diesem Tag in vergangenen Jahren schrieb. Demnach waren wir vor genau drei Jahren auch hier in Beaune, allerdings in einem anderen Hotel. Hier im Hotel scheint man uns inzwischen zu kennen. Das gilt auch für das angeschlossene Restaurant, das wir abends besuchten und wo wir begrüßt und behandelt wurden wie alte Bekannte. Der Digestif ging aufs Haus.

Das Hotel gehört der eher höherpreisigen Kategorie an. Das bitte ich nicht angeberisch aufzufassen, es ist keineswegs unser gewöhnlicher Standard, in solchen Häusern unterzukommen, im Urlaub gönnen wir uns das gerne mal. Auch neben den vorfahrenden Kraftfahrzeugen anderer Gäste wirkt unser Passat eher schäbig. Das hält manche von ihnen nicht davon ab, in Jogginghosen in der Bar zu erscheinen. Aber was weiß ich schon – vielleicht ist so eine Bollerbuxe teurer als der gesamte Inhalt meines Koffers.

Samstag: Nach dem Frühstück liehen wir uns die Fahrräder des Hotels und unternahmen eine Radtour durch die Weinberge in Richtung Süden über Pommard, Volnay, Meursault, Gamay bis Saint-Aubin. Kurz dahinter, in einer langen Steigung, entschieden wir uns, die geplante Tour abzukürzen, nicht weil uns die Lust oder Puste ausgegangen wäre, mit elektrischer Unterstützung sind solche Strecken gut zu bewältigen. Genau darin lag das Problem: Der Akku des Liebsten Fahrrades zeigte nur noch um die vierzig Prozent Ladung an, mutmaßlich zu wenig, um es nach weiterer Bergfahrt zurück nach Beaune zu schaffen oder die letzten Kilometer nur noch mit reiner Muskelkraft; man hat ja Urlaub und will sich nicht verausgaben. Zurück fuhren wir dann über Chassagne-Montrachet und Puligny-Montrachet, insgesamt immerhin dreiundvierzig Kilometer.

Wir waren an diesem sonnig-warmen Tag nicht die einzigen Radfahrer auf der gut ausgeschilderten Strecke. Es gibt eine Kreuzung, an der der Radweg Vorrang vor dem Straßenverkehr hat, die Autos halten sogar an. Im autoverliebten Deutschland wäre das undenkbar. Keine neue Erkenntnis, nur erneut bestätigt: Bei augenscheinlich gemischtgeschlechtlichen Paaren zu Rad fährt zu achtzig Prozent das Männchen vorweg und das Weibchen hinterher. Ich werte das nicht als Zeichen männlicher Überlegenheit, vielmehr weiblicher Klugheit. Soll der Alte doch schauen, wo wir langfahren. Er fühlt sich gut dabei, mir ist es egal. Das leitet über zu der lange nicht gehörten, gleichwohl dämlichsten Frage, die man einem männlich-gleichgeschlechtlichen Paar stellen kann, nämlich wer bei ihnen die Frau sei; hiermit ist sie für uns endlich beantwortet: Ich bin das wohl, jedenfalls beim gemeinsamen Radfahren.

Das Hörgerät piept nicht mehr und leistet recht gute Dienste, während des Radfahrens war ansatzweise eine Unterhaltung möglich.

Westlich von Beaune
Meursault

Aus der Zeitung:

(General-Anzeiger Bonn online)

Sonntag: Auch heute zeigte sich das Wetter sehr urlaubsfreundlich. Nach dem Frühstück fuhren wir mit dem Wagen nach Chagny, wo wir den Wochenmarkt besuchten und Gougères, Radieschen und Minisalamis für ein beabsichtigtes pique-nique kauften. Anschließend fuhren wir zum Canal du Centre, ein 112 Kilometer langer Kanal für kleine Schiffe zwischen Chalon-sur-Saône und Digoin, erbaut zwischen 1783 und 1793. (Wie lange würde man heute für ein ähnliches Vorhaben in Deutschland brauchen? Wobei sich die Planung des Kanals laut französischer Wikipedia auch etwas hinzog.) Entlang des Kanals spazierten wir rund drei Kilometer bis zur Schleuse von Rully, wo wir Frösche und blaue Libellen antrafen und auf einem Rastplatz die Markteinkäufe verzehrten. Auf dem Rückweg erhielten wir die Gelegenheit, einem von Touristen gelenkten Boot beim Schleusen zuzuschauen.

Markt
Canal du Centre mit Wasserlinsen, auch als Entengrütze bekannt
Eine der zahlreichen Schleuse zwischendrin
Schleuse bei Rully

Zum Schluss sei mir eine weitere, subjektive und somit völlig unmaßgebliche Textilanmerkung erlaubt: Als Mann über vierzig sollte man nicht das Hemd außerhalb der Hose tragen, jedenfalls nicht in Verbindung mit einem Sakko. Wenigstens nicht im Restaurant. Und bitte keine Slipper ohne Socken, das gilt auch für Untervierzigjährige außerhalb von Restaurants. Am besten überhaupt keine Slipper. Die Welt wäre etwas besser.

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Einen schönen Urlaub, falls Sie gerade ebenfalls welchen haben.

18:00

Woche 37/2025: Einige beeindruckende Aussichten und eine Stimmungsschwankung mit Außenwirkung

Montag: Vergangene Nacht träumte ich, meine Kollegin M. und ich seien zu einem Gespräch in der Personalabteilung geladen worden. Dort wurden wir informiert, dass unsere Arbeitsplätze demnächst wegfallen und wir im kommenden Jahr in den Vorruhestand gehen könnten. Als ich später, weiterhin träumend – nun wird es etwas unlogisch, das ist bei Träumen ja nicht ungewöhnlich – als ich also später M. von meinem Traum erzählte, berichtete sie, das gleiche geträumt zu haben. Als noch später Maybrit Illner Herrn Merz dazu befragte, zog er die Stirn kraus und sagte: „Das wird es mit mir nicht geben.“ (Gut, das mit Illner und Merz habe ich nicht geträumt sondern mir gerade ausgedacht, aber es hätte den Traum abgerundet.)

Ansonsten ein angenehm ruhiger Start der nächsten Urlaubswoche. Das Grundstück verließ ich nur für etwa eine halbe Stunde zur Müllentsorgung, die hier ja, wie bereits früher dargelegt, nicht in eigene Mülltonnen erfolgt, sondern in Müllcontainer an öffentlichen Sammelstellen in fußläufiger Nähe, also stets mit einem willkommenen Spaziergang verbunden. Bei der Gelegenheit entsorgte ich auch das Altglas, es hatte sich wieder einiges angesammelt in den letzten Tagen; es ist mir ein Rätsel.

Liegestuhlperspektive, nachmittags

Dienstag: Während das heimische Rheinland in Regenfluten versank (so schlimm war es dann zum Glück doch nicht), fuhren wir mit den Fahrrädern nach Vaison-la-Romaine, wo heute Markt war. Der ist riesig und war stark besucht, augenscheinlich größten Teils von Touristen wie uns, auch auffallend viele Hunde und eine Katze waren unter den Besuchern, von denen wiederum viele nicht selbst laufen mussten, vielmehr wurden sie von ihren Haltemenschen getragen oder in Wägelchen durch das Getümmel geschoben. Das Marktangebot schien überwiegend touristisch: Neben Ständen für Taschen, Hüte, Portemonnaies, Gürtel und Stoffe waren vergleichsweise wenige Händler mit Obst, Gemüse und anderen Lebensmitteln vertreten.

Hinfahrt, bei Entrechaux
Nach Ankunft in Vaison-la-Romaine

Nach Rückkehr am frühen Nachmittag waren Leserückstände in Blogs und der Zeitung aufzuholen. Die Stadtwerke Bonn haben neue Elektrobusse erhalten. Darüber berichtet der General-Anzeiger: „Außen klingt er wie eine Straßenbahn, die sich auf Samtpfoten bewegt. […] Ein Detail, das zeigt, dass die Busse nicht nur für Technikfans, sondern auch für den Alltag gebaut wurden.“ Bis heute wusste ich nicht, dass Busse auch für Technikfans gebaut werden. Eine Straßenbahn mit Samtpfoten wäre schon eine kleine Sensation, nicht nur für Technikfans.

Dann senkte sich schon wieder die Sonne über der Provence und der Apéro war vorzubereiten.

So kommet und schmecket, denn siehe, es ist angerichtet.

Abends fuhren wir zum Restaurant in Beaumont-de-Ventoux, von wo aus es ein beeindruckendes Abendrot zum Abendbrot zu betrachten gab. Fast alle Tische waren belegt, zu den Essgästen kamen später noch zahlreiche liebestolle geflügelte Miniameisen hinzu, die sich jedoch friedlich verhielten.

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Und Händewaschen nicht vergessen

Mittwoch: Für diesen Urlaub hatte ich mir vorgenommen, zu schreiben, nicht nur die tägliche Notiz hier und den Tagebucheintrag vor dem Schlafen, sondern auch ein paar längere Blogtexte vorzubereiten, an der Romandauerbaustelle zu arbeiten und Postkarten. Immerhin letzteres konnte ich heute, drei Tage vor Abreise, erledigen, somit treffe ich voraussichtlich vor den Kartengrüßen in Deutschland ein, was solls; den Empfängern wird es egal sein. Nach dem Besuch des Wochenmarktes mittags kaufte ich die Karten mit den erforderlichen Timbres, nachmittags verbanden wir den Einwurf in den örtlichen Briefkasten mit einem Getränk im Café, immer auch kleine Erfolge feiern, ganz wichtig.

Apropos Café – der Liebste weiß über die französische Gastronomie: „Biergarten kennen die hier nicht, durch Weingärten fährt man hier ständig. Im Café gibt es auch Kaffee, aber keinen Kuchen, denn ein Café ist eigentlich eine Kneipe. Und hier trinkt man auch Bier, aber traditionell eher Pastis. Also ist es eher ein Pastisserie. Nicht zu verwechseln mit einer Patisserie, da gibt es dann wiederum Kuchen.“

Gunkl schreibt:

Der Beruf der Person, die bei Kampfmittelräumungen, wenn die Bombe auf freies Gelände geschafft worden ist, den Countdown zur Sprengung einleitet, ist mit „Platzwart“ zutreffend beschrieben, aber unkorrekt benannt.

Donnerstag: Heute war Wandertag. Nach dem Frühstück fuhren wir mit dem Auto nach Beaumes-de-Venise, von dort wanderten wir um den Berg nördlich des Ortes. Mit gut sieben Kilometern eine kurze Strecke, üblicherweise sind meine sonntäglichen Spaziergänge zu Hause länger, doch die hatte es in sich. Vor allem der Abstieg von der Chapelle Saint-Hilaire hinunter zur Chapelle Notre-Dame d’Aubune war steil und steinig, jeder Schritt musste wohl überlegt und gut gesetzt sein, um nicht abzurutschen oder wenigstens umzuknicken. Zudem hatte ich morgens die Wetterlage falsch eingeschätzt, für lange Jeans war es zu warm. Jedenfalls bot die Strecke einige beeindruckende Aussichten, und das pique-nique nach dem Abstieg im Schatten der Chapelle Notre-Dame d’Aubune hatten wir uns verdient. Dabei wurden wir Zeuge, wie eine Hornisse eine Wespe erlegte und als Abendessen nach Hause trug. Offensichtlich wusste sie nicht, dass Wespen unter Naturschutz stehen, oder ignorierte es wissentlich; das passt in diese Zeiten abnehmender Bereitschaft, sich an Regeln zu halten.

Ausblick auf die Dentelles de Montmirail
Ausblick auf den Mont Ventoux
Chapelle Saint-Hilaire
Der Weg beim Abstieg
Pique-nique

Am frühen Abend brachten wir die Fahrräder zurück zum Verleih, das Urlaubsende rückt näher. Am Ende ist auch die Pastis-Flasche, einen Tag zu früh. Was soll man machen.

Freitag: Der faktisch letzte Urlaubstag ist stets von einer gewissen Urlaubsendemelancholie untermalt, dieses Mal wieder besonders ausgeprägt. Dessen ungeachtet fuhren wir vormittags nach Avignon, um die Markthalle leerzukaufen. Erstmals stellten wir den Wagen auf dem großen Parkplatz vor der Stadt ab, der wesentlich einfacher zu erreichen ist als die örtlichen Parkhäuser, zudem kostenlos. Von dort kann man entweder einen Spaziergang in die nahe Innenstadt machen, oder man nimmt einen der kleinen Elektrobusse, die in enger Taktung nach wenigen Minuten Fahrt intra muros ankommen, ebenfalls kostenlos. Wir entschieden uns für letztere Variante.

Mehr Bilder zum Tag finden Sie hier.

Abends gesehen: Das in Deutschland beliebte Busfahrtziel „Betriebshof“ heißt in Frankreich „Sans voyageur“.

Aus der Zeitung: „Ed Sheeran will die Vergangenheit hinter sich lassen“. Wo denn sonst?

Samstag: Nach urlaubsunangemessen frühem Wecker räumten wir die letzten Sachen, leerten den Kühlschrank und zogen die Betten ab. Nach kurzem Kaffee und ansonsten ungefrühstückt fuhren wir um kurz nach acht los, mit Halt an der nächsten Müllsammelstelle und der Boulangerie, um Reisegebäck zu kaufen.

Meine persönliche Stimmung am Abreisetag ist stets gemischt: einerseits Abschiedsschmerz von diesem wunderschönen Ort, andererseits der dringende Wunsch, nach Hause zu kommen; selbst die intensiven Farben der Provence erscheinen dann deutlich blasser, was heute auch am bewölkten Himmel gelegen haben mag. Deshalb verstehe ich die Freude mancher Pauschalurlauber nicht, wenn am Abreisetag der Bustransfer zum Flughafen erst nachmittags erfolgt und sie bis dahin noch einige Stunden am Pool rumlungern können.

Während der ersten Kilometer bis nach Bollène, durch Weinfelder und Dörfer der Drôme, überwog noch Wehmut, doch mit Auffahrt auf die Autobahn der Drang, wegzukommen. Das gelang mittelgut: Durch den üblichen Stau in Lyon waren wir bald durch, dafür hielt uns ein Bouchon vor einer Baustelle bei Toul längere Zeit auf, auch, weil wir den Vorschlag von Frau Navi ignoriert hatten. Zudem gerieten wir in eine gefährliche Situation, als unmittelbar vor uns ein Wohnmobil aus Erlangen auf die linke Spur wechselte und nur durch eine heftige Bremsung meinerseits schlimmeres verhindert werden konnte. Wenig später Ähnliches, als vor uns ein belgischer PKW auf die Autobahn auffuhr und Anstalten machte, wegen eines LKW direkt auf die mittlere Spur zu wechseln; nur durch mahnendes Hupen konnte er in der Spur gehalten werden. Derartige Rücksichtslosigkeit, im wörtlichen Sinne, beobachte ich zunehmend, auch bei Radfahrern. Der von hinten kommende sieht mich ja, er kann ja bremsen. Erwähnte ich schon, dass mir Autofahren zunehmend zuwider ist?

Nach Ankunft, Auspacken und Wiedersehensgetränk mit dem Geliebten gingen wir spanisch essen. Nach zwei Wochen Frankreich auch mal schön.

Sonntag: Aus nichtigen Gründen traf mich gegen Mittag eine Stimmungsschwankung mit Außenwirkung, vielleicht ein weiter Ausdruck von Urlaubsendeschmerz. Die davon betroffenen Lieben bitte ich um Entschuldigung. Nach dem Spaziergang durch sehr freundliches Wetter mit Besuch des Lieblingsbiergartens ging es wieder.

Innere Nordstadt zu Bonn – nicht ganz so malerisch wie Malaucène, aber auch schön
Am Rhein ist es auch schön. Nur das Farbenspiel aus Grüntönen der Pinien und Weinreben bekommen sie hier nicht so hin.

Ach ja, da war noch was:

Frage 10 lautet: „Kannst du gut vorlesen?“ Ja, ich glaube schon ganz passabel. Jedenfalls sind sie bei Lesungen bislang nicht weggerannt.

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Falls Sie ebenfalls Urlaub hatten, einen angenehmen Start, übertreiben Sie es nicht gleich am ersten Tag mit der Arbeit. Ich strebe es jedenfalls an.

Woche 38/2021: Le bonheur de congé sans bisou

Montag: Der Tag begann mit Appetitlosigkeit, eine direkte Auswirkung des von Urlaubseuphorie geprägten Vorabends. Nach Pre-Aperitif, Aperitif und vorzüglichem (weinbegleitetem) Essen im Lieblingsrestaurant hatte es einen Absacker gegeben, danach, weil der Wirt uns wohl mag, noch einen zweiten auf Kosten a) des Hauses und b) des heutigen Wohlbefindens. Und weil es so schön war, wurde nach Rückkehr noch ein Rosé entkorkt und auf der Dachterrasse unseres Hauses geleert, was sein muss, muss sein.

Nachmittags waren die Kräfte wieder hergestellt für einen ersten Ausflug in die Umgebung, die noch immer genauso schön ist wie ehedem, warum sollte sie auch nicht. Dabei besuchten wir zwei Weingüter in Beaumes de Venise und Vacqueyras, die augenscheinlich und erfreulicherweise gut durch Pandemie und Lese gekommen sind.

Auch ich habe gelesen: Das Militär soll klimafreundlicher werden, steht im SPIEGEL. Nachhaltiger töten also. Unterdessen sind die Franzosen angepisst, weil die Australier lieber amerikanische U-Boote kaufen, wodurch der französischen Rüstungsindustrie Milliarden entgehen. Der Umweltgedanke – amerikanische Atom- statt französischer Diesel-U-Boote – dürfte für die Entscheidung wohl ein eher untergeordnetes Kriterium gewesen sein. Ich hätte übrigens eine Idee, wie der durch Armeen verursachte Kohlendioxid-Ausstoß ganz auf Null zu reduzieren wäre.

Abends beim Essen kamen wir mit einem Ehepaar aus Bochum ins Gespräch, was, gemessen an meiner grundsätzlichen Abneigung, mit fremden Leuten zu sprechen, recht angenehm war.

Dienstag: Wie zu lesen ist, sieht der AfD-Chef Chrupalla in sich den „Schwiegermuttertypen“. Den will ja nun wirklich niemand zur Schwiegermutter haben.

Dazu passend gelesen hier: „Das Wort Arschloch ist genderneutral.“

Nachmittags besuchten wir eine befreundete Winzerfamilie in Vinsobres. Auch hier wirkt sich Covid-19 aus, wenn auch nicht nur zum Schlechten: Statt Bisou-Bisou zur Begrüßung gabs zum Abschied eine alte Flasche vom besten Produkt des Hauses.

Hier kann man Rosé beim Werden zusehen.
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Ein 1989er Cuve Charles Joseph der Domaine du Moulin in Vinsobres

Mittwoch: Heute durchwanderten wir die Region nördlich von Malaucène, wobei wir einem wesentlichen Element jeder Wanderung, dem pique-nique, einen angemessenen Zeitrahmen einräumten.

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Donnerstag: „Endlich Donnerstag“, denke ich in einer normalen Arbeitswoche, heute indessen „Was, schon wieder Donnerstag?“, mit Blick auf die schon baldige Rückreise. Tagsüber fuhren wir nach Avignon und Châteauneuf-du-Pape, wo mehrere Weinkisten und andere Lebensmittel Eingang in den Kofferraum fanden. Nach dem Besuch der Markthalle von Avignon überquerten wir einen kleinen Flohmarkt mit bemerkenswertem Angebot.

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In der Gaststätte, wo wir regelmäßig das Nachmittagsgetränk zu uns nehmen, saß am Nebentisch eine Frau mit einem Buch, das sie verkehrt herum hielt. Vielleicht eine Detektivin auf Observation? Man kennt das ja aus diversen Szenen, die Zeitung mit Loch in der Mitte oder eben das verkehrt herum gehaltene Buch. Vielleicht ist das auch ihr Lieblingsbuch, das sie, schon hunderte Male gelesen, in- und auswendig kennt, dennoch nicht davon lassen kann, in der Hoffnung, auf diese Weise eine neue Perspektive zu finden. Oder sie übt einfach Überkopflesen, eine Fähigkeit, die man immer mal gebrauchen kann, auch wenn mir gerade kein Verwendungszweck einfällt.

Freitag: Mit einer gewissen Urlaubsendmelancholie verfasse ich diese Zeilen, derweil der Liebste noch ein paar Besorgungen in der Umgebung macht. Morgen fahren wir zurück. Nicht zum ersten und bestimmt nicht zum letzten Mal stelle ich mir vor, wie es wäre, dauerhaft hier zu leben. Vielleicht in einem eigenen Haus etwas außerhalb, umgeben von Weinreben und Olivenbäumen, ein Lavendelfeld in Sichtweite, dazu Aussicht auf den Mont Ventoux und unser Schwimmbecken, in dem meine Lieben plantschen, während ich im Schatten der Terrasse belanglose Zeilen im Notizbuch vermerke. Im Winter knackt das Feuer im Kamin, während eisiger Mistral das Haus umtost. So schön das klingen mag – es spricht doch einiges dagegen. Allein schon fehlte mir der Mut, zu Hause alles abzubrechen und hier neu anzufangen, einschließlich Erlernen der Sprache, die ich auch nach Jahren nur rudimentär beherrsche anzuwenden im Stande bin. Und verliert das Schöne nicht irgendwann seinen Reiz, wenn man dauerhaft darin wohnt? Wer weiß, vielleicht werden durch den Kimawandel bald alle Sommer in der Provence unerträglich heiß, oder Marine Le Pen übernimmt die Macht, dann heißt es womöglich „Ausländer raus“ und „Schwule hängen“ mit unabsehbaren Folgen für ausländische Schwule. – Freuen wir uns also lieber auf das nächste Mal.

Samstag: Nach einer Woche Provence ist meine immer schon tiefe Verachtung gegen laute Motorräder wie ihre Fahrer noch um ein paar weitere Zentimeter gesunken. Fahrerinnen dürfen sich ausdrücklich mitgedacht fühlen.

Etwas gestiegen ist dagegen augenscheinlich wieder der Insektenbestand, jedenfalls lassen während der Rückfahrt zahlreiche Kerbtierleichen auf der Windschutzscheibe darauf schließen.

Ankunft in Bonn gegen zwanzig Uhr, wo uns der Geliebte mit der ihm eigenen Wiedersehensfreude empfing.

Sonntag: Statt Worten noch ein paar Bilder.

Der letzte Pastis am Vorabend der Abreise. Da die Flasche danach leer war, blieb uns nichts anderes übrig.
„Quincaillerie“ ist wirklich ein schönes Wort, jedenfalls noch schöner als „Haushaltswaren“.

Zu Hause ist es auch schön, das ist nur eine Frage des Blickwinkels.

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Altglastölpel gibt es in Deutschland wie in Frankreich. Kleines Rätsel: Welches Bild entstand wo?

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Es kann doch wirklich nicht so schwer sein, Weiß- von Braunglas zu unterscheiden.

Sie können sich vielleicht vorstellen, wie sehr ich mich nun auf die neue Arbeitswoche freue.