Woche 23/2026: In Zeiten zunehmender Infantilisierung

Montag: Nun also schon wieder Juni. Wenn es irgendetwas nützen würde, könnte ich darüber lamentieren, dass die Zeit immer schneller zu vergehen scheint. Nützt aber nichts, deshalb lasse ich es und wechsle lieber, wie an jedem Monatsersten, die Armbanduhr.

Morgens verspürte ich Anzuglaune, deshalb trug ich heute Anzug und fühlte mich wie stets sehr wohl darin. Mit den dazu getragenen weißen Sniekern fühlte ich mich wie so ein smarter, Latte Macchiato trinkender Startapper, nur in alt mit Hörgeräten.

Vormittags schickte ich einen Brief und eine Postkarte auf die Reise, mittags kaufte ich frische Briefmarken, weil der Bestand verbraucht war. An mir soll es nicht liegen, wenn das Briefpostgeschäft schwächelt.

Bei der ersten Teams-Besprechung der Test, ob sich Hörgeräte und Kopfhörer vertragen. Ergebnis: Tun sie. Warum sollten sie auch nicht. Erstmals über die Hörgeräte (oder -Systeme, wie das wohl heißt) telefoniert. Klingt etwas nuschelig, geht aber.

Ein Kollege verkündete per Rundmail seinen Wechsel in eine andere Abteilung, um „… eine neue Herausforderung zu beginnen“. Sei ihm viel Erfolg dabei gewünscht.

Dienstag: Eine Initiative fordert auf Plakaten die Wiederinbetriebnahme des Melbbades, ein Freibad im Bonner Südwesten, das seit der Coronazeit geschlossen ist und als Lost Place dahingammelt und zuwächst. In Zeiten zunehmender Infantilisierung muss man dankbar sein, dass nicht gefordert wird, „Melbi“ wieder zu öffnen.

„Das ist in grünen Tüchern“ hörte ich in einer Besprechung und notierte es sogleich, auf dass auch Sie es erfreue.

Wie berichtet habe ich mich vergangenen Samstag in einen Anzug in einem Schaufenster verliebt. Wie zudem angekündigt suchte ich heute das Geschäft auf, um ihn wenigstens mal anzuprobieren. Dabei kam es zu einem Zwischenfall: Direkt hinter dem Vorhang, wo ich die Anprobekabine vermutete, befindet sich eine Tür. Ohne weiter weiter darüber nachzudenken öffnete ich sie, woraufhin eine Alarmanlage in einer äußerst gemeinen Tonlage alle drei Stockwerke erfüllte; erst jetzt sah ich, dass sich die gesuchte Umkleidezelle links von dem Vorhang befindet, wohingegen die Tür in ein Treppenhaus führt. Den Angestellten gelang es zunächst nicht, den Alarm zu beenden, erst nach einem Anruf bei einem Kollegen, vielleicht dem Filialleiter, kam eine Mitarbeiterin mit einem Plastiknupsi, den sie über die Bedieneinheit der Alarmanlage strich und sie damit verstummen ließ. Da mir das angemessen peinlich war und der Anzug passt, kaufte ich ihn. „Jetzt wissen wir wenigstens, wie man das abschaltet“, so die versöhnlichen Worte an der Kasse, nachdem ich nochmals mein Bedauern zum Ausdruck gebracht hatte.

Mittwoch: Der neue Anzug wurde sogleich angezogen. Sehr bequem zu tragen, ein guter Spontankauf. Der letzte Arbeitstag vor dem Urlaub endete nicht allzu spät, die wesentlichen Gewerke waren bearbeitet und mit gutem Gewissen schaltete ich erst den Rechner, dann das dienstliche Telefon aus; zur Sicherheit nahm ich den Rechner entgegen sonstiger Gewohnheit mit nach Hause, man weiß nie. Selbstverständlich nehme ich ihn morgen nicht mit nach Frankreich.

Wie nachmittags gemeldet wurde, musste die Bonner Nordbrücke über den Rhein kurzfristig wegen zunehmender Risse für den gesamten Verkehr gesperrt werden, wie lange, weiß man nicht. Auch für Fußgänger, erst vergangenen Sonntag spazierte ich noch darüber. Die Folge ist ein umfangreiches Verkehrschaos in der Stadt und drumherum, in der Rathausgasse stauen sich die Linienbusse in langer Reihe.

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Wie gut, wenn man nicht auf das Auto angewiesen ist: Ich ging (außerplanmäßig, weil ich morgens wegen Regens mit der Bahn statt mit dem Fahrrad gefahren war) zu Fuß nach Hause und genehmigte mir beim Rheinpavillon ein Urlaubseinstiegsbier.

Horst Schulte schrieb über das Bloggen:

Bloggen war für mich nie eine Eintrittskarte in eine Szene. Es war immer ein eigenes Zimmer im Netz. Eine kleine, widerspenstige Parzelle. Kein Palast, eher Gartenlaube. Aber meine.

Und wenn dort nicht die große Blogprominenz vorbeikommt, dann ist das zu verschmerzen. Manchmal ist es sogar angenehm. Denn am Ende zählt nicht, ob man auf der richtigen Blogrolle steht. Am Ende zählt, ob man noch etwas zu sagen hat.

Und ob man es sagt.

Als Kleinblogger im Schatten der vermeintlichen Eliten fühle ich mich verstanden.

Donnerstag: Nach dem Frühstück im französischen Café fuhren wir los in Richtung Beaune, der ersten Urlaubsetappe. Mein Wohlwollen den Hörgeräten gegenüber erfuhr erste Risse, nachdem das linke mir immer wieder hochfrequente Töne ins Ohr blies. Daher nahm ich sie kurz nach Abfahrt raus. Ansonsten lief die Fahrt gut, kurz vor Langres nötigte uns heftiger Regen zu verminderter Geschwindigkeit. Regen können die hier in Frankreich. Gut sechs Stunden später erreichten wir unser vertrautes Hotel, wo wir mit ehrlicher oder wenigstens sehr gut gespielter Wiedersehensfreude und einer Flasche Champagner im Zimmer begrüßt wurden. Erstmals kommt der mobile Jackenhaken zum Einsatz.

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Nach Ankunft und wohnlicher Einrichtung gingen wir in die Stadt, die wir weitgehend so vorfanden, wie wir sie Ende letzten Jahres verlassen hatten. Das regnerisch-jackenkühle Wetter, mehrfach war die Kombination aus Daunenjacke mit kurzen Hosen zu beobachten, vermochte den Genuss des ersten Rosés nicht zu trüben.

Der Verfasser im Zustand großer Zufriedenheit (Foto: der Liebste)
Abendhimmel

Freitag: Die Wetteraufheiterung erlaubte es, das ersten Frühstück des Urlaubs auf der Hotelterrasse einzunehmen. Obwohl die Temperatur laut Wetter-App nur fünfzehn Grad betrug, war es auch für einen Fröstling wie mich gut im kurzärmeligen Polohemd auszuhalten.

Nach dem Frühstück fuhr der Liebste zum Einkaufen in den Supermarkt, ich spazierte in den nahen Parc de la Bouzaise, wo ich auf einer Bank die Bonner Zeitung und die Blogs las. Dabei erwies sich das übergezogene Jäckchen als sinnvoll, da die Sonne immer wieder hinter Wolken verschwand und sofort kühler Wind aufblies, als gäbe es zwischen ihnen eine meteorologische Absprache.

Es ist immer wieder erbaulich, von der herrschenden Meinung abweichende Gedankengänge anderer zu lesen, die meinem eigenen Empfinden vollständig entsprechen. Bald geraten wieder große Teile der Menschheit in kollektiven Wahnsinn wegen der als Fußballweltmeisterschaft bezeichneten kommerziellen Großveranstaltung. Zum Thema Sportkucken schrieb Frau Anje treffend:

Dass aber Leute von passivem Sport besessen sind, also selber nur zugucken, wie andere Sport machen und das dann toll finden, da fehlt mir nicht nur das Verständnis, sondern auch die Akzeptanz, zumindest wenn es sich um Menschen in meiner direkten, inneren Umgebung handelt.

Seit einiger Zeit meldet mir WordPress Blogbeiträge, die ich an diesem Tag in vergangenen Jahren schrieb. Demnach waren wir vor genau drei Jahren auch hier in Beaune, allerdings in einem anderen Hotel. Hier im Hotel scheint man uns inzwischen zu kennen. Das gilt auch für das angeschlossene Restaurant, das wir abends besuchten und wo wir begrüßt und behandelt wurden wie alte Bekannte. Der Digestif ging aufs Haus.

Das Hotel gehört der eher höherpreisigen Kategorie an. Das bitte ich nicht angeberisch aufzufassen, es ist keineswegs unser gewöhnlicher Standard, in solchen Häusern unterzukommen, im Urlaub gönnen wir uns das gerne mal. Auch neben den vorfahrenden Kraftfahrzeugen anderer Gäste wirkt unser Passat eher schäbig. Das hält manche von ihnen nicht davon ab, in Jogginghosen in der Bar zu erscheinen. Aber was weiß ich schon – vielleicht ist so eine Bollerbuxe teurer als der gesamte Inhalt meines Koffers.

Samstag: Nach dem Frühstück liehen wir uns die Fahrräder des Hotels und unternahmen eine Radtour durch die Weinberge in Richtung Süden über Pommard, Volnay, Meursault, Gamay bis Saint-Aubin. Kurz dahinter, in einer langen Steigung, entschieden wir uns, die geplante Tour abzukürzen, nicht weil uns die Lust oder Puste ausgegangen wäre, mit elektrischer Unterstützung sind solche Strecken gut zu bewältigen. Genau darin lag das Problem: Der Akku des Liebsten Fahrrades zeigte nur noch um die vierzig Prozent Ladung an, mutmaßlich zu wenig, um es nach weiterer Bergfahrt zurück nach Beaune zu schaffen oder die letzten Kilometer nur noch mit reiner Muskelkraft; man hat ja Urlaub und will sich nicht verausgaben. Zurück fuhren wir dann über Chassagne-Montrachet und Puligny-Montrachet, insgesamt immerhin dreiundvierzig Kilometer.

Wir waren an diesem sonnig-warmen Tag nicht die einzigen Radfahrer auf der gut ausgeschilderten Strecke. Es gibt eine Kreuzung, an der der Radweg Vorrang vor dem Straßenverkehr hat, die Autos halten sogar an. Im autoverliebten Deutschland wäre das undenkbar. Keine neue Erkenntnis, nur erneut bestätigt: Bei augenscheinlich gemischtgeschlechtlichen Paaren zu Rad fährt zu achtzig Prozent das Männchen vorweg und das Weibchen hinterher. Ich werte das nicht als Zeichen männlicher Überlegenheit, vielmehr weiblicher Klugheit. Soll der Alte doch schauen, wo wir langfahren. Er fühlt sich gut dabei, mir ist es egal. Das leitet über zu der lange nicht gehörten, gleichwohl dämlichsten Frage, die man einem männlich-gleichgeschlechtlichen Paar stellen kann, nämlich wer bei ihnen die Frau sei; hiermit ist sie für uns endlich beantwortet: Ich bin das wohl, jedenfalls beim gemeinsamen Radfahren.

Das Hörgerät piept nicht mehr und leistet recht gute Dienste, während des Radfahrens war ansatzweise eine Unterhaltung möglich.

Westlich von Beaune
Meursault

Aus der Zeitung:

(General-Anzeiger Bonn online)

Sonntag: Auch heute zeigte sich das Wetter sehr urlaubsfreundlich. Nach dem Frühstück fuhren wir mit dem Wagen nach Chagny, wo wir den Wochenmarkt besuchten und Gougères, Radieschen und Minisalamis für ein beabsichtigtes pique-nique kauften. Anschließend fuhren wir zum Canal du Centre, ein 112 Kilometer langer Kanal für kleine Schiffe zwischen Chalon-sur-Saône und Digoin, erbaut zwischen 1783 und 1793. (Wie lange würde man heute für ein ähnliches Vorhaben in Deutschland brauchen? Wobei sich die Planung des Kanals laut französischer Wikipedia auch etwas hinzog.) Entlang des Kanals spazierten wir rund drei Kilometer bis zur Schleuse von Rully, wo wir Frösche und blaue Libellen antrafen und auf einem Rastplatz die Markteinkäufe verzehrten. Auf dem Rückweg erhielten wir die Gelegenheit, einem von Touristen gelenkten Boot beim Schleusen zuzuschauen.

Markt
Canal du Centre mit Wasserlinsen, auch als Entengrütze bekannt
Eine der zahlreichen Schleuse zwischendrin
Schleuse bei Rully

Zum Schluss sei mir eine weitere, subjektive und somit völlig unmaßgebliche Textilanmerkung erlaubt: Als Mann über vierzig sollte man nicht das Hemd außerhalb der Hose tragen, jedenfalls nicht in Verbindung mit einem Sakko. Wenigstens nicht im Restaurant. Und bitte keine Slipper ohne Socken, das gilt auch für Untervierzigjährige außerhalb von Restaurants. Am besten überhaupt keine Slipper. Die Welt wäre etwas besser.

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Einen schönen Urlaub, falls Sie gerade ebenfalls welchen haben.

18:00

Woche 19/2024: Schmuck am Nachthemd und unnütze Kommata

Montag: Trotz trüber Regenkühle war ich in Anzuglaune. Das Problem: Erst beim Anziehen des Jacketts kurz vor Verlassen des Hauses bemerkte ich, dass es inzwischen merklich spannt, wenn ich die Knöpfe schließe. Daher blieben sie geöffnet und schweren Herzens beschloss ich, dass dies heute sein letzter Einsatz werden würde. Ich fürchte, vorstehendes gilt für die meisten Anzüge in meinem Schrank, die ich lange nicht trug. Ob ich in absehbarer Zeit einen neuen kaufen werde, ist fraglich, im Grunde genommen brauche ich keinen mehr, seit sich die Kleidungsgepflogenheiten im Werk deutlich gelockert haben, was einerseits nicht zu bedauern ist, andererseits doch, da ich ab und an sehr gerne einen Anzug trage.

Der Tag blieb trüb mit nahezu ununterbrochenem Regen; das Siebengebirge, auf das ich vom Büro aus schaue, lag in Wolken gehüllt. So ähnlich fühlte ich mich auch.

Aus einem Leserbrief über Auswüchse der Political Correctness: »Peinlich, dass den Moralaposteln und Gendersensiblen bislang entgangen ist, dass der allseits gebräuchliche Genderstern nicht wenige Menschen an unsere tiefbraune Vergangenheit erinnert.« Bei aller geteilten Skepsis zu diesem Thema: Das erscheint nun doch etwas weit hergeholt.

Dienstag: Statt Anzug- weiterhin Daunenjackenwetter. Morgens leichter Niesel, gerade so wenig, dass es sich nicht lohnte, den Faltregenschirm aus der Tasche zu holen. Der für nachmittags in Aussicht gestellte Sonnenschein zeigte sich nur kurz, ehe aus Nordosten erneut Gewölk mit Regen aufzog. Lichtblick am trüben Himmel war ein Luftschiff, das rheinaufwärts flog und mich kurz von der Werktätigkeit innehalten ließ.

Morgens. Die Rheinuferlinden wirken unvorteilhaft gerupft.
Ich wär‘ gerne mitgeflogen …
Es klärt sich auf zum Wolkenbruch

„Das ist Schmuck am Nachthemd“, hörte ich in einer Besprechung, was sinngemäß eine gewisse Überflüssigkeit zum Ausdruck bringen sollte; vielleicht kennen Sie diese Redewendung längst, mir war sie neu. Im Übrigen bin ich der Meinung, wenngleich ich, im Gegensatz zu meinem vergangenen Vater, derartiges nicht tragen würde, auch Nachtwäsche muss nicht zwingend grau-beige sein.

Mittwoch: Der zweiundzwanzigste Hochzeitstag heißt Bronzehochzeit. Dazu alles Liebe, mein Liebster, und danke, dass du es immer noch mit mir aushältst! – Offenbar hatten wir beide denselben Gedanken, abends kam es zum Austausch von Herzlichkeiten und Blumensträußen.

Vormittags geriet ich in einen intensiven Mailaustausch, weil ein Großkunde einen Wunsch geäußert hat. „Kann man nicht …“, „Man müsste doch …“, „Bis wann geht das …“ und so weiter. Als fachlich Verantwortlicher für das IT-System, das könnte und müsste, teilte ich der Runde mit, dass es dazu bereits lange eine Anforderung gibt auf der langen Liste unerfüllter Wünsche. Nun müsste sich nur noch einer finden, der es bezahlt, dann kann man auch. Ich fürchte nun, irgendwo wird das erforderliche Budget locker gemacht werden mit der Vorgabe der kurzfristigen Umsetzung und ohne Rücksicht auf die bestehende Planung. Dann wird es wieder unnötig hektisch.

Mittags im Park

Was ich in den letzten viereinhalb Jahren überhaupt nicht vermisste waren Aufzuggespräche, wie ich bemerkt, als ich nach der Mittagspause wieder hoch zum Büro fuhr.

Donnerstag: Schon wieder Feiertag, danke den Christen und Vätern, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Schnittmenge; wenn Sie in den Siebzigern Grundschüler waren, kennen Sie bestimmt noch die Mengenlehre, eigentlich ganz einfach, viele Eltern überforderte sie jedoch, was erst zu einem Skandal, dann zu ihrer Abschaffung führte. Ich schweife ab.

Eine Menge unterhaltsamer Texte gab es nachmittags bei der Bonntastik-Lesung im Stadtteil Niederholtorf zu hören. Sieben Autorinnen lasen ihre Werke vor, inspiriert durch Bilder eines Bonner Künstlers. Das ganze ist auch in Buchform erhältlich. Da sich das Wetter maimäßig-sonnig zeigte, verband ich den Hinweg mit einem längeren Spaziergang, der mich einigermaßen ins Schwitzen brachte, da Niederholtorf, anders als der Ortsname vermuten lässt, einige Meter höher liegt. Erfreulicherweise fand die Lesung in einer Gaststätte statt, wo des Anstiegs Mühe mit kühlendem Kristallweizen belohnt wurde.

Freitag: Büros und Kantine waren erwartbar leer, weil viele brückentäglich frei hatten, andere lieber zu Hause arbeiteten.

Mittags im Park sah ich mehrere Gänsefamilien mit Nachwuchs in unterschiedlichen Wachstumsstufen Gras zupfen; Schildkröten, die erheblich gewachsen sind, seit ich sie das letzte Mal in ihrer üblichen Teichecke sah, reckten die Köpfe in die Sonne. Nutrias sind keine mehr zu sehen, seit die Stadt sie abknallen letal entnehmen ließ, nur hier und da deutet noch eine zerwühlte Uferkante auf ihr Wirken hin.

Nach der Mittagspause machte ich erstmals von der Möglichkeit Gebrauch, die Schreibtischplatte elektrisch hochzufahren und stehend zu arbeiten*, was aufkommender Müdigkeit entgegen wirkt. Das sollte zur Gewohnheit werden.

*d.h. den Pressespiegel zu lesen wie jeden Tag nach dem Essen

Wie Mittwoch geahnt, wurde heute entschieden, die IT-Anforderung so bald wie möglich umzusetzen, auch das Geld steht bereit. Das ging nun doch überraschend schnell.

Kurt Kister über Sprache:

»Sprache entwickelt sich nicht, sie wird entwickelt. Menschen entwickeln Sprache, verändern sie. Diese Veränderungen der Sprache spiegeln meistens Veränderungen im Denken, häufiger noch im Fühlen der Menschen wider. Es sind nicht einmal die Menschen, die sprachliche Gewohnheiten verändern, sondern Milieus, Schichten oder Interessengruppen, die der Auffassung sind, dieser oder jener Sprachgebrauch entspreche nicht mehr der modernen Sicht der Wirklichkeit, jedenfalls der Wirklichkeit, so wie sie die Angehörigen der sprachverändernden Gruppe(n) wahrnehmen. Die Veränderung von Sprache ist oft auch ein Versuch, „Wirklichkeit“ zu verändern. Und um die aus subjektiven Motiven vorgenommene Veränderung nicht zuletzt gegenüber Skeptikern zu objektivieren, heißt es dann: Sprache entwickelt sich nun einmal.«

Zum Gesamttext hier entlang

Samstag: Mittags brachte ich fast alle Anzüge und mehrere Sakkos zu Oxfam, die gestern Abend nach Anprobe kurzentschlossen ausgemustert wurden. Alles, was am Bäuchlein spannte, flog raus. Mein Lieblingsanzug, den ich vor Jahren im Schaufenster sah und in den ich mich, trotz des nicht gerade günstigen Preises, spontan verliebte, sitzt erfreulicherweise noch immer ganz passabel, nur sehr ungern hätte ich auch ihn weggegeben.

»Wegen einer Störung, kommt es zurzeit zu Verspätungen«, ließ die Laufschrift an einer Straßenbahnhaltestelle die Fahrgäste wissen. Dieses unnütze Komma, nach Satzeinleitungen mit oder unmittelbar vor einer Präposition setzt sich immer mehr durch.

Sonntag: Der Sonntagsspaziergang führte heute wieder, bei bestem Sommerkurzehosenwetter, ans andere Rheinufer. Diese Strecke mag ich besonders, nach knapp einer halben Stunde Fußweg befindet man sich auf dem Land, wo Vogelgezwitscher das vorherrschende Geräusch ist. Heute wurde die Akustikidylle ein wenig getrübt durch ein Partyschiff, dass basswummernd den Rhein auf und ab fuhr.

Bitte denken Sie sich dazu das Lied „Polka, Polka, Polka“.

Die Sonntagszeitung stellt jede Woche im Feuilleton vier Fragen an jemanden aus der Kulturszene, heute den (mir unbekannten) Sänger Dagobert. Eine der Fragen lautet: »Was nervt Sie?« Aus der Antwort: »Schlimmer […] sind eigentlich nur Steinmännchen, die manchmal von bösartigen Wanderern an Flussufer oder Strände gebaut werden und deren einzige Bestimmung es ist, mich zu ärgern. Ihr Anblick löst in mir zuverlässig Aggression und Zerstörungswut aus.« Ähnlich geht es mir bei aus Fingern geformten Herzen, gestern Abend wieder zahlreich zu sehen bei der Übertragung des European Song Contest. Immerhin, der deutsche Beitrag lag verdientermaßen nicht auf dem letzten Platz. Warum die Schweiz gewonnen hat, erschließt sich mir allerdings nicht. Interessanter die Frage, ob der Finne wirklich ohne Hose aufgetreten ist.

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Kommen Sie gut durch die Woche, lassen Sie sich nicht nerven.