Woche 15: Manches möchte man gar nicht so genau wissen

Montag: Für den Kaffee aus dem Automaten der Etagen-Kaffeeküche gilt dasselbe wie für den Schnaps, den die Oma einst nach üppigem Mahl trank: Ich mag ihn nicht, aber ich muss ihn haben.

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Dienstag: Während das Unternehmen nicht müde wird, die Wichtigkeit der Digitalisierung zu betonen, lässt es ins Fach eines jeden Mitarbeiters ein buntes Faltblatt legen mit dem Titel „So einfach ist Umweltschutz“. Etwa neunundneunzig Prozent dieser Zettel landen anschließend ungelesen im Papierkorb.

Mittwoch: Wie einfach Umweltschutz wirklich ist, zeigten zahlreiche Berufstätige in Düsseldorf, nachdem auf Veranlassung der Gewerkschaft Verdi Busse und Bahnen für eine bessere Entlohnung ihrer Lenker im Depot geblieben waren. „Die Leute werden kreativ: sie gehen zu Fuß“, so der Mann im Radio.

Donnerstag: „Das ist die Story dahinter.“ – „Ich bin da nicht im lead, kann aber gerne meinen input geben.“ – „Quick and dirty ist nicht so meins.“ Manches möchte man gar nicht so genau wissen. Manchmal, wenn alle um mich herum Seltsames reden, wünsche ich mir nichts sehnlicher, als alleine zu sein und mir in aller Ruhe einen Porno anzuschauen.

Freitag: Irgendwann sollte ich mir mal abgewöhnen, lauten Autos und Motorrädern „Fahr zur Hölle!“ hinterherzurufen. Vielleicht bin ich diesbezüglich mit der Zeit empfindlicher geworden, aber mir scheint, dass deren Anzahl immer weiter ansteigt, vor allem die penisverlängernden sogenannten Sportwagen (was auch immer daran sportlich sein soll) mit komplexbeladenen Testosteronäffchen der Generation Knöchelfrei hinter dem Steuer, deren Hang zu riskanter Fahrweise mich immer wieder mit hilfloser Wut erfüllt. Wenn ich König von Deutschland wäre, würde ich die ihnen ohne Gegenleistung per Gesetz abnehmen und sie zwingen, bei der Verschrottung zuzuschauen; zudem würde ich die Herstellung und den Import solcher Karren verbieten, auch wenn Porsche dann zumachen muss. Zudem wäre es ein sinnvoller Beitrag zur Verminderung von Stickoxiden und Lärm. Aber mich fragt ja mal wieder keiner.

Samstag: „Selbst wenn man sich relativ gut kennt, ist das Bad oft ein Bereich, in dem man Abgeschiedenheit schätzt“, lässt sich ein gewisser Uwe Linke im Zeitungsinterview zitieren. Dem ist unbedingt beizupflichten. Hinzuzufügen wäre noch, und meinen beiden Lieblingsmenschen aufzutragen, es hundertmal an die Tafel zu schreiben: Bei Verrichtung größerer Geschäfte ist die Badezimmertür zu schließen, dazu ist sie nämlich da.

Sonntag: „Das war entzückend anzusehen, wenn auch nicht nicht sonderlich entzückend anzuhören, denn die Töne wichen aus, wenn Madrina auf sie zielte.“ (aus: „Monsieur Jean und sein Gespür für das Glück“ von Thomas Montasser, ein wunderbares Buch.) – Da fällt mir auf, dass ich die Singstar-Krähe von gegenüber lange nicht gehört habe. Normalerweise übt sie an sonnigen Tagen wie diesem bei geöffnetem Fenster stundenlang immer wieder dasselbe Lied. Vielleicht ist sie verzogen und quält nun andere. Oder jemand hat sie nachhaltig zum Verstummen gebracht.

Muttis Restetruhe

MitmachBlog

Hier ein erster Auszug aus meinem im Entstehen befindlichen, noch titellosen Bestseller. Ähnlichkeiten mit tatsächlich bestehenden Orten und Personen sind keineswegs zufällig. Ach ja, wichtig: Ein Fenster kommt darin auch vor.

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Zu Beginn der Neunziger gab es noch nicht die zahlreichen Möglichkeiten zur Kontaktknüpfung im Internet; um jemanden kennen zu lernen, musste man raus. Aber wohin? Hier konnte Martin glücklicherweise auf die Erfahrungen von Thorsten zurück greifen, der über die einschlägigen Mög- und Örtlichkeiten in Ostwestfalen und dem südwestlichen Niedersachsen bestens informiert war. Mit einer Mischung aus Faszination und ungläubigem Entsetzen hörte Martin zu, wenn Thorsten mit leuchtenden Augen von Pornokinos, Parkanlagen, Saunen und Autobahnparkplätzen berichtete. Nein, das alles kam für Martin nicht in Frage und wäre für den Anfang zu viel gewesen, niemals hätte er sich – ob in Thorstens Begleitung oder ohne – an einen solchen Ort getraut. Doch zum Glück ging es auch ein paar Nummern…

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Woche 14: Junge, sonnenbebrillte, synchroneisschleckende Damen

Montag: Immer noch Ostern. Bis auf eine kurzfristige und zugegebenermaßen überflüssige Ungehaltenheit meinerseits wegen unsachgemäßer Mülltrennung verlief die Verrichtung unserer Wohnzimmerbaustelle weitgehend im milden Lichte der Harmonie. Da die gröbsten Gewerke geschafft sind, konnte ich mich am Nachmittag wieder der Arbeit am Bestseller widmen. Wenn man nach dem Schreiben einer Sexszene den dringenden Wunsch nach einer Zigarette verspürt und noch beim Rauchen grinsen muss, hat man wohl nicht alles falsch gemacht. Das Wohnzimmer ist übrigens sehr schön geworden. Hoffentlich kann ich das über den Bestseller auch irgendwann sagen.

Dienstag: „Frohe Ostern gehabt zu haben“ hörte ich heute zweimal: Einmal ironisch von einer regelmäßigen Leserin dieses Blogs, die meine bisweilen auftretende sprachliche Pedanterie kennt, und einmal ernst gemeint.

Wie sich inzwischen herausgestellt, ist mein Anmeldegesuch für das Mitmachblog vergangene Woche im Spamordner der Administratoren gelandet. Das sollte mir zu denken geben. Es hat dann aber doch noch geklappt.

Laut Zeitungsbericht sagt Verkehrsminister Andreas Scheuer Funklöchern den Kampf an. „Wir haben die Pflicht, dafür zu sorgen, dass die Bürger nicht im Funkloch stecken bleiben“, sagte er gegenüber Zeitungen (ausgerechnet) der Funke-Mediengruppe. Weiterhin plant Funke – Verzeihung: Scheuer einen „Mobilfunkgipfel“ und einen „Funklochmelder“, was auch immer das ist. Echt funky.

Mittwoch: Wie heute in der Zeitung steht, konnte Volkswagen seinen Absatz auf dem US-Markt erheblich steigern, insbesondere wegen hoher Nachfrage nach SUVs. Unterdessen ist in Deutschland die Autodichte auf 555 Fahrzeuge je 1.000 Einwohnern gestiegen. Nicht nur Autos, auch Panzer erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. So weckt der Wiedereinstieg der Briten in das Projekt „Boxer“ bei der deutschen Rüstungsindustrie Hoffnungen auf einen Liefer-Großauftrag. Hoffentlich nicht nach Amerika, sonst wird es dort wegen der vielen SUVs bald eng. Geradezu edel dagegen die Entscheidung des Waffenherstellers Heckler & Koch, seine Produkte nur noch an rechtsstaatlich-demokratische Länder ohne Korruptionskultur zu liefern. Friedensaktivisten fordern von H&K dennoch einen Opferfonds für Menschen, die durch den unrechtmäßigen Einsatz von H&K-Gewehren Ungemach erlitten. (Demnach kann Leid durch Waffen also auch rechtmäßig zugefügt werden. Interessante These.) – Damit ist der menschliche Irrsinn in nur vier kurzen Zeitungsmeldungen an einem Tag ganz gut auf den Punkt gebracht.

Donnerstag: Die Nachricht über einen personellen Wechsel in der obersten Führungsebene meines Arbeitgebers hebt die Laune auf unserer Etage.

„Die Welt da draußen ist im Grunde voller Aufsatzthemen, vielleicht ist sie auch deswegen oft so unerträglich“, las ich heute in dem auch ansonsten sehr lesenswerten Blog Buddenbohm und Söhne.

Freitag: „Plötzlich musste jedes heiklere Wort […] unter Anführungszeichen gesetzt werden – nicht nur, weil kaum noch jemand wusste, wie nun innerhalb der permanenten Ersetzungsdynamik ständig wieder verfallender Worte der dernier cri des korrekten Bezeichnens lautete, sondern auch, weil man offenbar nicht wissen konnte, ob eine ironische Wortwahl auch verstanden werden würde. Öffentliche Vernunft und erwachsene Fähigkeit, mit Sprache umzugehen, durften nun nicht mehr mit Selbstverständlichkeit erwartet werden. Anführungsstriche sollten davor schützen, entweder die anderen für Idioten halten zu müssen oder selbst von ihnen dafür gehalten zu werden.“ (aus: Robert Pfaller – Erwachsenensprache)

Samstag: Der erste wärmere Frühlingstag. Wie jedes Jahr zu diesem Anlass titelbilden die Zeitungen zwei junge, sonnenbebrillte, synchroneisschleckende Damen, dazu ein möglichst sinnloser Text wie dieser: „Lara und Laura genießen das erste Eis in der Sonne. Mit Temperaturen von über 20 Grad können sich die Rheinländer auf das erste sommerliche Wochenende freuen.“

Sonntag: So geht Frühling:

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So eher nicht:

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Ein Hinweis an die radfahrende Dame, die mich gegen 14:30 Uhr auf dem Verbindungsweg vom Rhein zum Ausgustusring trotz reichlich Platz zu beiden Seiten von hinten anklingelte und behauptete, ich ginge auf dem Radweg: Das Verkehrszeichen 240 kennzeichnet einen gemeinsamen Rad- und Fußweg, auf dem Radfahrer keinerlei Vorrechte gegenüber den Fußgängern genießen. Bitte bedenken Sie dies, bevor Sie das nächste Mal die Klingel und Ihr Mundwerk betätigen.

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Fundsache in der FAS: „Leider habe ich keine Ahnung, ob und wogegen ich versichert bin, weil mich all diese Lebenssachen krank machen und ich daher unterschreibe, was man mir hinhält, und bezahle, was auf der Rechnung steht, Hauptsache, man lässt mich dann in Ruhe.“ (Thomas Glavinic)

Über Musik, Hirnradio und Klangschalen

Dies ist mein erster Beitrag als stolzer, frisch zugelassener Autor des Mitmachblogs. Der Text ist schon etwas älter, für meinen Einstand habe ich ihn behutsam aufgefrischt.

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Ich entstamme eine musik-affinen Familie: Meine Mutter sang im Kirchenchor und in der Küche, mein Vater hörte gerne Oberkrainer und Egerländer Volksmusik, und mein Bruder spielte Trompete. So lag es nahe, dass auch ich von einer musikalischen Ader durchzogen werde. Meine früheste musikalische Erinnerung ist die Büsumer Wattenkapelle, die bei Ebbe mit Dschingderassabumm und einer Schar Touristen durch das Watt marschierte; ich war fasziniert, besonders von der großen Trommel, die genau einen Takt kannte, unabhängig vom gespielten Stück: bumm – bumm – bummbummbumm; bumm-bumm- … und so weiter.

Folglich wurde ich im zarten Grundschulalter genötigt, ein Musikinstrument zu erlernen, den Klassiker, Blockflöte; nichts, womit ich Eindruck machen oder größeren musikalischen Genuss erzeugen konnte, aber immerhin eine Grundlage. Später spielte ich ebenfalls Trompete und folgte meinem Bruder in den örtlichen Posaunenchor. Viel lieber hätte ich Kirchenorgel oder Schlagzeug gelernt, was jedoch aus Platz- (Orgel) und Nervengründen (Schlagzeug) nicht auf familiäre Gegenliebe stieß. Übrigens verwendet die französische Sängerin Zaz in ihren Konzerten sogar die in Esoterikerkreisen beliebten Klangschalen als Musikinstrument. Ein Laubbläser wäre vielleicht auch eine orchestrale Bereicherung.

Wenn man von frühester Kindheit an mit Vaters Egerländer Heimatmusik aufwächst, hält man sie einige Jahre lang für normal, wobei ich nicht so weit gehen will zu behaupten, man mag sie; erst später merkt man dann, welches Grauen doch dieser Art Musik innewohnte. Der Mensch entwickelt sich halt weiter, durch Disco, Formel Eins und Musikladen im Fernsehen sowie Schlagerralley und Mal Sandocks Hitparade im Radio. Die Älteren von Ihnen werden sich erinnern: die Aufnahmetaste des Kassettenrekorders im Anschlag und lautes Fluchen, wenn der dämliche Moderator reinquatscht oder mitten im Song die Verkehrshinweise kommen.

Doch es gab es neben Ernst Mosch einen zweiten Faktor, der geeignet war, meine Freude an der Musik zu trüben, vor allem am Singen. Dieser Faktor hieß Ferdinand K. und war Musiklehrer an unserem Gymnasium. Er ließ uns schrecklichste Lieder singen, was für sich ja noch nicht so schlimm gewesen wäre. Aber er ließ uns auch einzeln vorsingen, vor der Klasse, was für einen pubertierenden Schüler kurz vor oder im Stimmbruch nun wirklich kein Vergnügen ist. Jedenfalls hatte ich vor jeder Musikstunde einen echten Horror, mindestens so schlimm wie vor den Sportstunden.

Dabei bestand rückblickend kein besonderer Grund dazu, denn ich kann ja singen, also konnte ich es damals vermutlich auch schon, traute mich nur nicht. Nun weisen meine gesanglichen Solo-Qualitäten vielleicht noch etwas Verbesserungspotential auf, was mich in den Neunzigern nicht davon abhielt, als Sänger einer Keller- und Hobbyband zu agieren; immerhin zwei Auftritte hatten wir mit unseren größten Hits Don’t You und Does Your Mother Know, bevor wir uns auflösten, der Erfolgsdruck war einfach nicht mehr zu ertragen. Aber für einen Chor reicht es, jedenfalls hat man mir in dem Kölner Männerchor, dem ich seit Jahren angehöre, bislang noch nicht nahegelegt, mein Talent anderweitig zu nutzen. Auch der Spielmannszug der Karnevalsgesellschaft, den ich seit nunmehr zwei Jahren im Rahmen meiner Möglichkeiten stimmlich unterstütze, duldet mich weiterhin.

Auch der passive Musikkonsum ist weiterhin mein regelmäßiger Lebensbegleiter, wobei mein Musikgeschmack unter anderem Klassik (gerne: Bruckner, Brahms, Tschaikowsky, Smetana), die Radiohits der Achtziger (immer noch grandios: True Faith von New Order), Britpop der Neunziger (beste Band aller Zeiten: Oasis) und mehr oder weniger aktuelle Musik umfasst. Nur diese deutschsprachigen Jammerbarden wie Revolverheld und Max Giesinger, die müssen nicht unbedingt sein. Mein absoluter Lieblings-Radiosender: Radio Nostalgie aus Frankreich. Nach spätestens Drei Tagen Urlaub in der Provence hat man zwar jedes Lied mindestens einmal gehört, aber das macht nix. Dort mag ich sogar die Werbung, weil ich nichts verstehe.

Das Kapitel Musik wäre unvollständig ohne die Erwähnung meines Hirnradios. Das springt sofort an, sobald keine reale Musik zu hören ist, und ich kann wenig Einfluss auf die Programmauswahl nehmen. Wenn es sich einmal auf ein Lied festgelegt hat, dann spielt es das stundenlang, mehrere tausend Strophen. Im günstigsten Fall ein Lied, das ich mag, meistens jedoch eins, das es morgens beim Zähneputzen im Radio aufgeschnappt hat, zum Beispiel dieses unsägliche Lied über die frustrierte tanzende Mutter vom Giesinger, was einen langen Arbeitstag durchaus zu trüben vermag.

Während ich diese Zeilen niederschreibe, spielt mein Hirnradio übrigens die 624. Strophe von Wolfgang Petrys Wahnsinn. Es ist die Hölle, Hölle, Hölle, Hölle. Ob dagegen eine Klangschalentherapie hilft?

Woche 13: Baustelle statt Eiersuche

Montag: Hauptvorwurf im aktuellen Facebook-Skandal ist, wenn ich es richtig verstanden habe, die unerverlangte Zusendung von Wahlwerbung für Donald Trump. Das ist zweifellos übel, dennoch ein Scherz gegenüber dem, was ich heute bei einem Facebook-Ableger ansehen musste: Kurzfristiges Desinteresse gegenüber geschäftlichen Verrichtungen trieb mich am Vormittag zu Instagram, wo ich auf ein verstörendes Werbefilmchen für ein Epiliergerät stieß. Zu sehen war ein durchaus als wohlgeraten zu bezeichnender junger Mann, der mit ebendiesem Gerät seiner Körperbehaarung zu Leibe rückt. Entsetzt musste ich ansehen, wie die vordem prachtvolle Jungmännerbrust mit wenigen Handgriffen blank geschoren wird wie die eines Fünfjährigen, mit Grausen sah ich das Gerät durch wunderbaren Beinpelz fahren, eine triste, blasse Schneise hinter sich lassend, während dunkle Haare traurig zu Boden fallen. Nur mit großer Mühe konnte ich einen #Aufschrei „WARUM?“ unterdrücken; noch größerer Mühe bedurfte es, mich anschließend wieder auf das Tagwerk zu konzentrieren. Da haben die für zielgruppengerechte Werbung zuständigen Algorithmen wohl kläglich versagt.

Versagt hat augenscheinlich auch der Verstand von VW-Chef Matthias Müller: Für das Jahr 2017 bekam er eine Vorstandsvergütung von gut zehn Millionen Euro. Hätte der Aufsichtsrat nicht ein neues Vergütungssystem eingeführt, hätte er sogar vierzehn Millionen Euro erhalten. „Ich habe also auf einen großen Betrag verzichtet“, so Müller im Interview mit dem SPIEGEL. Wohl nur harten Gemütern gelingt es, hier Tränen des Mitleids zurückzuhalten.

Dienstag: Bei der ermüdenden Lektüre eines IT-Designdokuments am Morgen steigerte sich das Lesevergnügen schlagartig, als ich auf die Begriffe „Team-Betroffenheitsmatrix“ und „Bargeldäquivalenz-Relevanz“ traf, Wortperlen, wie sie wohl nur die deutsche Sprache zu gebären imstande ist.

Mittwoch: „Neue Besen kehren gut“, las ich heute in einem Interview und verdrehte innerlich die Augen ob der abgedroschenen Phrase. Dann las ich weiter: „… doch alte kennen die Ecken.“ Das fand ich, da mir neu, gar nicht so schlecht, auch wenn es bei Lichte betrachtet natürlich Unfug ist: Nicht der alte Besen kennt die Ecken, sondern derjenige, der ihn schwingt, und dabei spielt das Alter des Besens eine eher untergeordnete Rolle. Doch wirkte sich dies bei konsequenter Anwendung äußerst nachteilig auf das Versmaß des Sprichwortes aus, erst recht bei gendergerechter Ausgestaltung.

Ebenfalls gar nicht schlecht fand ich kurz nach dem Aufwachen eine Radioreklame, und das will was heißen. Die ging in etwa so: Sie: „Warum hast du meiner Mutter gesagt, die Fliesen seien aus Italien?“ Er: „Sie sind doch aus Italien.“ Sie: „Wir haben sie bei Fliesen-Dings gekauft.“ Er: „Stimmt. Aber deine Mutter reist nun durch Italien und lässt uns in Ruhe.“ Es kommt nicht oft vor, dass ich schon vor dem Aufstehen grinsen muss, wenn auch nur ganz kurz.

Donnerstag: „Die kleine Anstrengung der Höflichkeit kann mindestens von der Faulheit der eigenen Befindlichkeiten befreien; und ihre Erfahrung kann andere erinnern, dass auch sie in der Lage sind, sich über ihre Launen und Stimmungen zu erheben (ein Umstand, der in der Postmoderne weitgehend vergessen scheint, da er einer ganzen Generation von antiautoritär Erzogenen niemals zur Kenntnis gebracht worden sein dürfte.“ (Aus: Robert Pfaller – „Erwachsenensprache“)

Freitag: „Für mich haben Kunst, Kultur, Aufklärung und Liberalismus den gleichen Stellenwert wie für andere Menschen ein religiöser Glaube. Theater ist für mich Menschendienst, wie die Kirche für Christen Gottesdienst ist. Wie würden Christen reagieren, lebten sie in einem Land, in dem ihnen die Heilige Messe oder der Gottesdienst für nur einen einzigen Sonntag im Jahr untersagt wäre, mit der Begründung, einmal im Jahr dürfe die Religion durchaus mal ruhen, es sei schließlich nur ein Tag im Jahr!“ (Aus dem Blog Tapfer im Nirgendwo, den Gesamttext finden Sie hier.) Dem stimme ich uneingeschränkt zu und brachte meine Karfreitagskritik auch schon hier und da zum Ausdruck. Doch mit zunehmendem Alter sehe ich das mit einer gewissen Milde. Ja, es ist ohne Frage inakzeptabel, wenn eine Religionsgemeinschaft mit staatlicher Unterstützung auch Nicht-Christen wie mir in die Freizeitgestaltung eingreift. Andererseits finde ich den Preis, ausnahmsweise keine Sportveranstaltung besuchen zu dürfen oder bei der Spielhalle des Vertrauens vor verschlossener Tür zu stehen, für einen arbeitsfreien Tag durchaus akzeptabel.

Samstag: Eine der deprimierendsten Kindheitserfahrungen war es, wenn mich die anderen Kinder nicht mitspielen ließen. Das hat sich mit der Zeit ausgewachsen, inzwischen ist man ja froh, wenn man nicht jeden Mist mitmachen muss. Beim Mitmachblog indes würde ich gerne mitmachen. Anscheinend bin ich zu blöd, mich dort zu registrieren: Trotz vor einer Woche ausgefülltem und abgesandtem Anmeldeformular und zusätzlicher Bittstellung per Mail reagieren die nicht. Vielleicht wollen sie mich auch einfach nicht. Wer wollte es ihnen verdenken.

Sonntag: Meine beiden Lieblingsmenschen hielten es für angezeigt, vier aufeinanderfolgende arbeitsfreie Tage für eine umfassende Neugestaltung des Wohnzimmers zu nutzen. Während woanders Eier gesucht werden, verbringen wir die Ostertage in einer beeindruckenden Baustelle. Apropos Ostern: Was ist eigentlich aus dem Eierskandal geworden?