Woche 15: Manches möchte man gar nicht so genau wissen

Montag: Für den Kaffee aus dem Automaten der Etagen-Kaffeeküche gilt dasselbe wie für den Schnaps, den die Oma einst nach üppigem Mahl trank: Ich mag ihn nicht, aber ich muss ihn haben.

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Dienstag: Während das Unternehmen nicht müde wird, die Wichtigkeit der Digitalisierung zu betonen, lässt es ins Fach eines jeden Mitarbeiters ein buntes Faltblatt legen mit dem Titel „So einfach ist Umweltschutz“. Etwa neunundneunzig Prozent dieser Zettel landen anschließend ungelesen im Papierkorb.

Mittwoch: Wie einfach Umweltschutz wirklich ist, zeigten zahlreiche Berufstätige in Düsseldorf, nachdem auf Veranlassung der Gewerkschaft Verdi Busse und Bahnen für eine bessere Entlohnung ihrer Lenker im Depot geblieben waren. „Die Leute werden kreativ: sie gehen zu Fuß“, so der Mann im Radio.

Donnerstag: „Das ist die Story dahinter.“ – „Ich bin da nicht im lead, kann aber gerne meinen input geben.“ – „Quick and dirty ist nicht so meins.“ Manches möchte man gar nicht so genau wissen. Manchmal, wenn alle um mich herum Seltsames reden, wünsche ich mir nichts sehnlicher, als alleine zu sein und mir in aller Ruhe einen Porno anzuschauen.

Freitag: Irgendwann sollte ich mir mal abgewöhnen, lauten Autos und Motorrädern „Fahr zur Hölle!“ hinterherzurufen. Vielleicht bin ich diesbezüglich mit der Zeit empfindlicher geworden, aber mir scheint, dass deren Anzahl immer weiter ansteigt, vor allem die penisverlängernden sogenannten Sportwagen (was auch immer daran sportlich sein soll) mit komplexbeladenen Testosteronäffchen der Generation Knöchelfrei hinter dem Steuer, deren Hang zu riskanter Fahrweise mich immer wieder mit hilfloser Wut erfüllt. Wenn ich König von Deutschland wäre, würde ich die ihnen ohne Gegenleistung per Gesetz abnehmen und sie zwingen, bei der Verschrottung zuzuschauen; zudem würde ich die Herstellung und den Import solcher Karren verbieten, auch wenn Porsche dann zumachen muss. Zudem wäre es ein sinnvoller Beitrag zur Verminderung von Stickoxiden und Lärm. Aber mich fragt ja mal wieder keiner.

Samstag: „Selbst wenn man sich relativ gut kennt, ist das Bad oft ein Bereich, in dem man Abgeschiedenheit schätzt“, lässt sich ein gewisser Uwe Linke im Zeitungsinterview zitieren. Dem ist unbedingt beizupflichten. Hinzuzufügen wäre noch, und meinen beiden Lieblingsmenschen aufzutragen, es hundertmal an die Tafel zu schreiben: Bei Verrichtung größerer Geschäfte ist die Badezimmertür zu schließen, dazu ist sie nämlich da.

Sonntag: „Das war entzückend anzusehen, wenn auch nicht nicht sonderlich entzückend anzuhören, denn die Töne wichen aus, wenn Madrina auf sie zielte.“ (aus: „Monsieur Jean und sein Gespür für das Glück“ von Thomas Montasser, ein wunderbares Buch.) – Da fällt mir auf, dass ich die Singstar-Krähe von gegenüber lange nicht gehört habe. Normalerweise übt sie an sonnigen Tagen wie diesem bei geöffnetem Fenster stundenlang immer wieder dasselbe Lied. Vielleicht ist sie verzogen und quält nun andere. Oder jemand hat sie nachhaltig zum Verstummen gebracht.

Noch ein Jahresrückblick 2016

Das menschliche Zusammenleben ist begleitet von merkwürdigen Ereignissen, Zufällen und Gelegenheiten. Wer nun glaubt, die Welle der Jahresrückblicke sei überwunden, der sei um etwas Geduld gebeten, einer kommt noch. Die nachfolgenden Meldungen standen 2016 neben Prominentensterben, Präsidentenwahl, Putin, Pokémon und postfaktisch ebenfalls in der Zeitung.

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Januar
Die Stadt Bonn verteilt Strafzettel an Besucher der Neujahrsmesse, die ihren Wagen verbotenerweise neben dem Münster geparkt haben, „ohne Rücksicht auf die Menschen und ihre Gefühle und berechnend“, so ein betroffener Wildparker. Doch lässt die Stadt Barmherzigkeit vor Recht ergehen und verzichtet ausnahmsweise darauf, das Bußgeld in Rechnung zu stellen. Dies wiederum erzürnt andere Bürger, die zu recht fragen, ob Gottesdienstbesucher ein Sonderparkrecht genießen.

Februar
Nach einem Gerichtsbeschluss darf die russisch-orthodoxe Kirche in Nischni Nowgorod von den umgerechnet 5.000 Euro, die sie einer Firma für den Einbau eines neuen Heizkessels schuldet, 3.000 Euro einbehalten. Dafür müsse sie Gott um das Wohlergehen der Firmeninhaber und ihrer Familien bitten. Der Richter dürfte bei den Fürbitten auch nicht ganz leer ausgehen.

März
Die Sanierung der Beethovenhalle wird drei Millionen Euro teurer als geplant. Warum ist das der Zeitung eine Meldung wert? Die Sanierung bleibt im Kostenrahmen – DAS wäre eine Sensation.

In Florida schießt ein Vierjähriger auf seine Mutter, eine bekennende Waffenbefürworterin, die zuvor die Schießkünste ihres Sohnes auf Facebook gelobt hatte. Ob der Vorfall ihre Meinung zu Waffenbesitz beeinflusst hat, ist nicht bekannt.

April
Bleiben wir in Amerika. Mit Gun TV nimmt ein Verkaufssender für Waffen den Sendebetrieb auf. Wenige Tage später erschießt ein Zweijähriger in Milwaukee seine Mutter im Auto. Die geladene Waffe lag im Auto herum.

Der US-Bundesstaat Utah erklärt unterdessen Pornografie zu einer öffentlichen Gesundheitskrise.

Mai
Immer noch Amerika: Eine Dame verklagt Starbucks auf fünf Millionen Dollar Schadensersatz wegen angeblich zu viel Eis im Eiskaffee.

Juni
In Berlin klagt ein Anspruchsbürger gegen das Bezirksamt, weil die Grundschule seiner Tochter kein veganes Mittagessen anbietet. Die Klage wird vom Verwaltungsgericht abgewiesen.

Das nordrhein-westfälische Finanzministerium verteidigt Messebesuche von Mitarbeitern des landeseigenen Spielbankanbieters Westspiel als „zwingende Voraussetzung für einen marktgerechten Auftritt“. Unter anderem reiste eine sechsköpfige Delegation nach Las Vegas, wofür Kosten in Höhe von 17.000 Euro anfielen.

Juli
Eine Welle der Empörung rauscht durch Bonn, nachdem der Eigentümer des Beueler Brückenforums die Absicht kundgetan hat, das Gebäude grau zu streichen. Sogar die Politik beschäftigt sich mit dem Thema.

In Bendorf entgehen zwei Polizisten nur knapp ihrer Enthüllung. Als sie nach einer Beschwerde wegen Ruhestörung bei einer Damen-Geburtstagsfeier eintreffen, werden sie von den begeisterten Damen für Stripper gehalten. Ob Waffen zum Einsatz kommen, wird nicht berichtet.

August
Die Welt hält den Atem an: Nach despektierlichen Kommentaren von Fans über seine neue Freundin löscht der Promi-Kasper Justin Bieber sein Instagram-Konto.

Nachdem die Bundesregierung im Zuge des neuen Konzepts für die zivile Verteidigung die Bevorratung von Lebensmitteln empfohlen hat, kriegt sich die Twittergemeinde tagelang nicht ein in der Äußerung von Witzen über Hamsterkäufe.

September
Das Portal bestatter-preisvergleich.de kürt die schönste deutsche Bestatterin zur „Miss Abschied 2016“, was viele Vertreter der Branche zu Reaktionen veranlasst, die eine gewisse Humorlosigkeit erkennen lassen.

Oktober
Das Landratsamt Hof verbietet einer Dame, die sich Natalie Hot nennt, in ihrem Wohnhaus ihr Gewerbe auszuüben. Frau Hot bot einem zahlenden Publikum vor der Kamera ihren Körper zur Schau, was einige Nachbarn erzürnte. Laut Landratsamt sehe der Bebauungsplan eine gewerbliche Nutzung nicht vor. Eine freiberufliche Tätigkeit könne nicht anerkannt werden, weil „nicht er­kenn­bar ist, dass bei ei­nem Er­otik­chat im We­ge frei­er schöp­fe­ri­scher Ge­stal­tung Ein­drü­cke, Er­leb­nis­se und Er­fah­run­gen der Bau­her­rin durch das Me­di­um ei­ner be­stimm­ten For­men­spra­che zur un­mit­tel­ba­ren An­schau­ung ge­bracht wür­den“.

November
Nach der Übernahme durch Flixbus verschwinden die gelben Postbusse aus dem Straßenbild. Zum zweiten Mal in der deutschen Postgeschichte.

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Dezember
Skandal in England: Die neue Fünf-Pfund-Note enthält tierische Fette, was bei Vegetariern, Veganern und mehreren Religionsgemeinschaften heftige Proteste hervorruft. Die jüdischen Vertreter sehen es indes gelassen: Der neue Geldschein stelle kein Problem dar, so lange man ihn nicht isst.

Underdessen ist das Interesse an Schlüpfern aus dem Besitz von Queen Victoria gering. Trotz „gutem Zustand mit nur kleinen Verfärbungen“ zahlt kein Bieter das geforderte Mindestgebot von 4.000 bis 6.000 Pfund, so das Auktionshaus.

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Ein vorausschauender und sehr lesenswerter Jahresrückblick auf das Jahr 2066 ist in der Dezember-Sonderausgabe des SPIEGEL zu finden:

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Gedanken zur Wiedergeburt

Gestern war Totensonntag, der Tag an dem der Weihnachtsmarkt geschlossen bleibt, auf dass Glühwein und Eierpunsch die Menschen nicht davon ablenken, der Endlichkeit allen menschlichen Strebens zu gedenken. Als nur noch rudimentär religiöser Mensch hege ich gewisse Zweifel an der Verheißung des ewigen Lebens, was bei meinem Lebenswandel vermutlich ohnehin nur einen längeren Aufenthalt in einem großen Kessel voller siedendem Öl bedeutete. Insofern erscheint es mir nicht völlig unwahrscheinlich, dass nach dem letzten Atemzug für immer die Lichter erlöschen; den Rest erledigen Würmer und Mikroben oder das Krematorium – Asche zu Asche, Staub zu Staub.

Sollte es mir jedoch vergönnt sein, nach meinem hoffentlich noch fernen Ableben erneut das Licht der Welt zu erblicken, so wüsste ich schon, als was ich es mir wünschte, wobei ich nicht weiß, ob man sich das aussuchen kann. Vielleicht kann man sich ja auf einem himmlischen Amt in eine Liste der freien Stellen auf Erden eintragen, vielleicht wird man auch einfach zugeteilt. So etwas erzählen sie einem ja nicht im Religions- oder Konfirmandenunterricht. Nein, nicht als Millionär, Pop- oder Pornostar, oder als majestetisch über Berg und Tal dahingleitender Adler. Mir genügte ein Dasein als Schwarzer Kellerpilz. Dieser lebt als dunkler Schimmelbelag in den Gewölben alter Weinkeller, wo er von den Winzern sehr geschätzt und keineswegs bekämpft wird, da er einen positiven Einfluss auf das Raumklima und dadurch das Entstehen edler Tropfen nimmt. Ich bräuchte nicht ins Büro zu fahren, mich nicht um sexuelle oder sonstige Abenteuer bemühen, stattdessen klebte ich still an meiner Kellerdecke und ernährte mich von den alkoholischen Ausdünstungen der Fässer. Gut, vom oben erwähnten Licht der Welt sähe ich nicht viel, doch das erscheint mir akzeptabel.

Ab und zu lauschte ich den Worten des Winzers, wenn er Besuchern etwas von Bouquet, Abgang und Aromen von dunklen Früchten und modrigem Leder erzählt, während sie ihm mit zustimmendem Nicken andächtig lauschen. Oder er sagt Sätze wie diesen:
„Für diesen Tropfen wünscht man sich einen Hals wie eine Giraffe, mit einer Wendeltreppe darinnen mit ausgetretenen Stufen, so dass sich Pfützen darin bilden.“

Ja, so ein Leben könnte mir gefallen. Und bis es so weit ist, genieße ich den Wein ganz profan aus einem Glas, beziehungsweise den Glühwein aus einem kitschigen Becher.

Für immer dreiunddreißig – über Jogginghosen, Sportsocken und Fußballerfrisuren

Vor ein paar Tagen hatten die Medien wieder Gelegenheit, das bei ihnen so beliebte Synonym ‚Modezar‘ weiter abzunutzen: Karl Lagerfeld feierte Geburtstag, möglicherweise seinen achtzigsten. Genau weiß man es nicht, auch weiß man nicht, ob er selbst es weiß; ist ja auch nicht so wichtig, das Alter ist nur eine Zahl, die manchmal erheblich vom Spiegelbild und dem persönlichen Eigenempfinden abweicht. Ich habe Verständnis für seine Zurückhaltung ob der Bekanntgabe seines Alters, fühle ich mich doch selbst seit Jahren wie dreiunddreißig, aber das ist ein anderes Thema, zu dem ich mich in frühestens zwei Jahren vielleicht mal äußern werde.

Vielleicht stehe ich nicht ganz alleine in dieser Welt mit meinem Eindruck, Karl Lagerfeld sei eine – nennen wir es mal – spezielle Person. Sein Auftreten, seine Bekleidung, seine Art zu sprechen heben ihn hervor als einen Menschen, wie ihn wohl nur die wenigsten in ihrem engeren Bekannten- und Familienkreis wissen. Ob man ihn deswegen mag, mag jeder für sich selbst entscheiden. Aus zwei Gründen verspüre ich Sympathie für ihn. Erstens: Wie ich aus sicherer Quelle weiß, mögen wir denselben Rosé-Wein, nämlich den der Domaine du Moulin aus dem südfranzösischen Vinsobres. Zweitens wegen des ihm zugeschriebenen Zitats: „Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.“

Nun kenne ich diesen Ausspruch nur alleinstehend, aus dem Zusammenhang gerissen. Auch würde ich mich nicht als einen ausgewiesenen Kenner in Modefragen bezeichnen. Wie dem auch sei – er spricht mir aus der Seele. Sofort denke ich dabei an junge Männer (ja, es sind fast ausschließlich Jungs, sehr selten Mädchen), die dieses abscheuliche Teil aus hellgrauem Baumwollstoff tragen, oben vorne zwei Bommel zum Zuschnüren, unten umschmiegen Gummibunden die Fußfesseln, welche in weiße Sportsocken gehüllt sind, wobei ich entgegen der herrschenden Modemeinungen weißen Sportsocken grundsätzlich und je nach Trageanlass (Sport, Porno) eine Daseinsberechtigung, gar eine gewisse Ästhetik zugestehe. Junge Männer also, mit tätowierten Unterarmen und dieser allgegenwärtigen Fußballerfrisur, an den Seiten kurz, oben länger und streng zur Seite gegelt, die Sätze wie „Alda, wo bist du“ und „Isch bin U-Bahn“ in ihr Mobilgerät nuscheln.

Unter Umständen, mit sehr viel Wohlwollen, kommt auch der Jogginghose eine gewisse Daseinsberechtigung zu, etwa an Winterabenden zu Hause auf dem Sofa vor dem Fernseher, wenn einen niemand sieht. Doch wie sehr muss ein Mensch sich selbst aufgegeben, jedes Gefühl für Selbstwahrnehmung verloren haben, wie verzweifelt über an Selbsthass grenzende Gleichgültigkeit um sein Äußeres muss er sein, wenn er in einem solchen Beutel das Haus verlässt?
Lieber Karl Lagerfeld, ich erhebe mein Glas Rosé auf Sie, mögen Sie noch viele Jahre lang die Welt mit modischen Kreationen bereichern, vor allem aber mit solch klugen Sätzen!

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Hinweis: Vorstehende Zeilen wurden nachträglich eingereicht für die wunderbare Aktion „Kleider machen Leute“ vom Wortmischer. Bitte lesen Sie hier:

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Nicht-Vorsätze für 2015

Silvester. Mit i, nicht y, auch wenn der Kater am nächsten Tag fast so sicher* ist wie Norbert Blüms Rente. Zeit für gute Vorsätze – darum erstellen viele Menschen in diesen Tagen wieder eine Liste mit den Dingen, die sie im neuen Jahr besser, öfter, weniger, gar nicht mehr oder überhaupt endlich machen wollen. Läsen sie diese Liste nach zwölf Monate erneut, stellten sie fest, dass sie nichts, aber auch gar nichts von alledem in die Tat umgesetzt haben. Tun sie aber nicht, sie haben die Liste spätestens Ende Februar vergessen.

 

Ich dagegen erstelle traditionell jahresendlich eine Liste mit Dingen, die ich im neuen Jahr nicht angehen, umsetzen, erreichen oder ändern will. Das Erfolgserlebnis am Jahresende ist garantiert. 2015 werde ich nicht:

 

+ Mein gelöschtes Facebookprofil wiederbeleben. Dieses Mal hoffentlich endgültig…

+ Ein Herbert-Grönemeyer-Konzert besuchen.

+ Ein Udo-Jürgens-Konzert besuchen – leider.

+ Mir die Achseln rasieren.

+ Urlaub in der Türkei machen. Es soll dort sehr schön sein, aber dieser größenwahnsinnige Herrscher ist mir unheimlich.

+ Eine Fernreise machen. Wenn auch Reisen für viele Menschen das Größte ist – ich würde Europa nur ungern verlassen. Nach Russland will ich auch nicht. Nicht, so lange Schwule dort um ihr Leben fürchten müssen.

+ Die Menschen verstehen, z.B. warum Mord am Sonntagabend höchste Familienfernsehkultur, Porno jedoch igitt ist. Oder was so schwer daran ist, Rad- und Fußwege ihrem jeweiligen Zweck entsprechend zu benutzen. Diese Aufzählung ließe sich beliebig verlängern, vielleicht schreibe ich im neuen Jahr mal einen eigenen Aufsatz dazu.

+ Mir Eiswasser über den Kopf gießen oder was auch immer Vergleichbares 2015 Trend sein wird, sei der Zweck auch noch so gut gemeint. Dazu gehört wohl auch

+ mir einen Schnauzbart wachsen lassen.

+ Aufhören zu rauchen.

+ Ein Haustier zulegen. Silberfische, Filzläuse und Fruchtfliegen zählen nicht.

+ Ohne Not billigen Wein trinken.

+ Vor 9 Uhr morgens freiwillig und ungefragt reden.

+ Danke sagen, wenn jemand in der vollen Bahn erst auf Anfrage seine Tasche vom Platz nimmt, auf dass ich mich setzen kann.

+ Nach Paris fahren – ich würde ja gerne endlich mal, aber irgendwie klappt das leider nie.

+ Eins der zahlreichen Bücher von oder über Helmut Schmidt lesen.

+ Elektronische Bücher statt solche aus Papier lesen. 

+ “Spaß beiseite“ sagen.

+ Jahresrückblicke lesen oder anschauen.

+ Einen vielbeachteten Blogtext verfassen.

 

Die Liste ist natürlich nicht vollständig, unter anderem habe ich auch nicht vor, mir die Haare grün zu färben, ein Auge auszustechen, mich vom Posttower zu stürzen, an Schleimmonster zu glauben oder mit Gips zu gurgeln. Aber das soll erstmal reichen. In diesem Sinne: ein gutes neues Jahr Ihnen allen!

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* Früher schrieb man auch „vorprogrammiert“, bis Sebastian Sick heraus fand, dass das doppelt gemoppelter Unfug ist. Seitdem schreiben Journalisten stattdessen gerne „programmiert“, was zwar korrekt im Sickschen Sinne ist, jedoch nicht schön oder gar originell. 

Über Glück, Überraschungen und ein Klärwerk

Es heißt, Laufen lasse Glückshormone summen, jedenfalls nach einer längeren Strecke. Wahrscheinlich ist meine Laufstrecke zu kurz für derartige Empfindungen. Ja, es macht schon Spaß, aber Glücksgefühle, so wie als Kind, wenn das Christkind das ersehnte blaue Fahrrad gebracht hatte? Zittern vor Glück ob des Bewegungsrausches? Ich hatte übrigens tatsächlich als Kind ein blaues Fahrrad, so ein schwerfälliges Klapprad mit Rücktrittbremse und ohne Gangschaltung, jedoch bekam ich es zum Geburtstag statt zu Weihnachten; es brachte auch nicht der ‚Geburtstagsmann‘ (dessen Existenz man mir in frühen Jahren tatsächlich glaubhaft zu machen suchte, als Pendant zum allseits bekannten und von mir lange nicht in Frage gestellten Weihnachtsmann), sondern meine Eltern kauften es in meinem Beisein im Bielefelder Quelle-Kaufhaus, ohne jedes Überraschungsbrimborium. Ja, das gab es wirklich mal: Quelle-Kaufhäuser. Heute gibt es nicht mal mehr Quelle. Bielefeld hingegen schon, entgegen anderslautenden, einem zweifelhaften Humor entsprungenen Behauptungen. Interessanterweise hat Bielefeld sogar einen Stadtteil namens Quelle, Postleitzahl 33649. Na gut, so interessant ist das nun auch wieder nicht.

Apropos Geburtstagsüberraschung: Ich bin meinen Mitmenschen aus tiefstem Herzen dankbar, dass sie mich noch nie mit einer Überraschungsparty zu beglücken sich verpflichtet fühlten, denn das erscheint mir als eine der missglücktesten Gutgemeintheiten. Du kommst nach einem langen Arbeitstag, an dem du dich gegenüber kollegial-persönlichen, telefonischen und auf allen denkbaren elektronischen Medien überbrachten Glückwünschen dankbar zeigtest, endlich mit einer angenehmen Müdigkeit nach Hause, freust dich auf Sofa, Porno und Wein, hast die Schuhe noch nicht aus, schon klingelt es und eine Meute fällt ungefragt in deine Wohnung, bringt CDs von Lady Gaga und Helene Fischer, Olivenöl und Balsamico-Essig in aufwändig verpackten Flaschen, Chips, Dosenbier sowie jede Menge guter Laune, während deine eigene sich schlagartig verzieht, durch das Fenster oder die Lüftung deines fensterlosen Klos. Ehe sie dein Sofa und die Küche in Beschlag nehmen, vollkleckern und in Rauch hüllen, grölen sie „Happy Birthday“, wobei sie den hohen Ton im dritten „Happy Birthday“ nicht treffen, derweil dein gequältes Grinsen dein Missfallen nur unzureichend zu verbergen vermag. Lieber keine Freunde als solche.

Nein, so richtige Glücksgefühle kommen mir selten beim Laufen. Wenn mein iPod „This Corrosion“ von den Sisters Of Mercy oder „Down Among The Dead Man“ von Flash And The Pan spielt, dann beglückt mich das schon etwas, weil diese beiden Lieder und ein paar andere zufällig denselben Takt aufweisen wie mein Laufschritt, das fühlt sich dann so ein bisschen wie Tanzen an, was ja auch irgendwie glücklich machen kann, aber nicht unbedingt muss: Mit fünfzehn zwangen mich meine Eltern in eine Tanzschule, weil das zu der Zeit angeblich alle machten. Ich hasste es und brach nach dem Grundkurs angewidert ab. Gut so, denn das dort vergeblich zu erlernen angestrebte habe ich seitdem nie gebraucht beziehungsweise verstand es, angetragene Paartanzwünsche freundlich aber bestimmt abzulehnen. Nur einmal, auf meiner Hochzeit, da musste ich. Die Feier wurde trotzdem noch ganz schön.

Manchmal begleiten mich beim Laufen statt Glücksrausch merkwürdige Gedanken: Eine meiner regelmäßigen Laufstrecken führt an den Rhein, unter der Nordbrücke hindurch bis zum Hafen, dann eine Schleife um das Klärwerk und wieder am Rhein entlang zurück, deshalb bezeichne ich diese Strecke als ‚Hafenschleife‘, wenn ich den Lauf abends in meinem Tagebuch dokumentiere (in Abgrenzung zur ‚Nord-‚, ‚Süd-‚ und ‚großen Brückenrunde‘ sowie zur ‚kleinen‘, ‚mittleren‘ und ‚großen Rheinauenschleife‘ – nicht so wichtig). Dabei wäre hier ‚Klärwerkschleife‘ zutreffender, doch will man wirklich die Begriffe ‚Hafen‘ und ‚Klärwerk‘ gleich-, das eine gar durch das andere ersetzen? Man stelle sich vor, Lale Andersen hätte dergleichen getan in ihrem weltberühmten Schlager „Ein Schiff wird kommen“ („Ich bin ein Mädchen aus Piräus und liebe den Hafen, die Schiffe und das Meer…“). Auch der sprichwörtliche Hafen der Ehe verlöre erheblich an Reiz. Obwohl – so mancher soll ja nach zwanzig Ehejahren einen spürbaren Klärungsprozess durchlaufen haben.

Ich sollte vielleicht weiter und länger laufen.

Einmalig II – Nahverkehr im ICE

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Die nachfolgende Geschichte gehört in die Reihe „Einmalige Erlebnisse“, zu der Tom in seinem Blog aufgerufen hat und beendet die Serie hier gleichzeitig, so fern bei zwei Folgen von einer Serie die Rede sein kann. Außerdem fällt sie etwas aus dem Rahmen dieses Blogs, da sie weder alltäglich ist – vermute ich jedenfalls – noch ausgedacht. Liebe Kinder, die nachfolgenden Zeilen sind für eure noch zarten Seelen nicht geeignet, bitte klickt weiter zu Youporn oder geht meinetwegen eure Eltern nerven. Liebe Moralmahner jedes Alters, bitte ersparen Sie sich und mir jegliche Kommentare im Sinne von „wie kann man nur“ und ähnlichen Fingerzeigen. Danke.

Es ist schon einige Jahre her. Auf dem Rückweg von einer Dienstreise saß ich im ICE von Berlin nach Köln, als in Hannover ein junger Mann auf dem freien Sitz neben mir Platz nahm. Ich musterte ihn kurz aus den Augenwinkeln, so wie ich es immer mache, wenn sich jemand neben mich setzt, eine dumme Angewohnheit, ordnete ihn in die Kategorie ‚optisch ganz nett‘ ein und widmete mich weiter der Lektüre meiner Psycho-Zeitschrift. Nach einigen Minuten glaubte ich in ebendiesen Augenwinkeln etwas zu vernehmen, was in einschlägigen Kölner Spelunken als Aufforderung zur Abgabe eines Angebotes zu interpretieren gewesen wäre: der Kerl rieb sich durch die Hose seine innere Lendengegend und schaute immer wieder zu mir herüber, was ich so gut es ging zu ignorieren versuchte. Dennoch weckte sein Tun mein Interesse. Nicht, dass ich vorgehabt hätte, es ihm gleich zu tun, zumal wir alles andere als alleine im Zug waren, aber ich wollte doch wissen, wie weit er geht.

Kurz vor Bielefeld sprach er mich an; was er genau sagte, ist mir nicht mehr erinnerlich. Klar war indes, er war sehr interessiert an mir, und so kamen wir ins Gespräch, wobei er immer wieder versuchte, das Spiel seiner Hände auf meine Hose auszuweiten, was ich angesichts der nebenan sitzenden Fahrgäste abzuwehren versuchte, doch er gab nicht auf. Auch entbehrte es nicht eines gewissen Reizes, was zu leugnen eine infame Lüge wäre. Mein reizender Sitznachbar erzählte mir, er bestreite seinen Lebensunterhalt mit der Erbringung unterleibserfreuender Dienstleistungen (so drückte er es natürlich nicht aus, aber ich weiß nicht, ob bei blog.de das Wort ‚Stricher‘ gegen die Allgemeinen Geschäftsbedingungen verstößt) und nun sei er auf der Suche nach neuen Jagdgründen.

„Lass uns auf die Toilette gehen“, flüsterte er mir zwischen Bielefeld und Hamm zu und versenkte seine Hand in meiner Hose. „Du spinnst wohl“, entgegnete ich und zog seine Hand mit einer Mischung aus Empörung und Erbauung wieder heraus, mit bangem Blick zum Sitznachbarn jenseits des Ganges, der jedoch so tat, als bekäme er nichts mit, was kaum vorstellbar ist, sicher hatte er abends seinen Lieben daheim eine lustige Geschichte zu erzählen. Dieses Spielchen zog sich bis Wuppertal hin, „Los, komm!“ – „Nein! Lass das!! (Mach weiter…)

Ich weiß nicht mehr, ob die Triebhaftigkeit irgendwann die Vernunft besiegte oder ob der in Aussicht gestellte Entgeltverzicht den Ausschlag gab, wahrscheinlich die Kombination aus beiden, in Hagen hatte er mich jedenfalls so weit und wir verschwanden aufs Klo. Hier muss ich den Leser aus Gründen des Anstandes leider vor der Tür stehen lassen und ihm das rote Besetzt-Schildchen weisen; was jenseits der Tür geschah, überlasse ich seiner Phantasie, so ganz falsch wird er damit nicht liegen.

In Köln angekommen, rauchten wir auf dem Bahnsteig noch die Zigarette danach, dann trennten sich unsere Wege – ich nahm den Zug nach Bonn, er wurde wohl Teil der Subkultur einschlägiger Etablissements. Wiedergesehen habe ich ihn nicht mehr, zumal ich bislang kein zahlungsbereiter Kunde seines Gewerbes bin. Aber was nicht ist, kann ja noch werden, auch ich werde nicht jünger; auch kann ich nichts verwerfliches daran erkennen. Die Erkenntnis aus dieser Begegnung: Manchmal überrascht das Leben mit Geschichten, die man eher der Phantasie eines mittelmäßig begabten Pornodrehbuchausdenkers zurechnen würde.

Schlusswort für heute: Lieber W., wo immer du auch bist, was immer du tust, ich hoffe, es geht dir gut! Und sollte dem Satz „Man begegnet sich im Leben immer zweimal“ Wahrhaftigkeit innewohnen, so wäre das nicht das schlechteste.