Woche 27: Einfach nur sitzen und kucken – Brückenlimbo und Silberlocken

Montag: Zwei Wochen Urlaub, wie schön. Entgegen sonstiger Gewohnheit werden wir die Zeit nicht in Südfrankreich verbringen, nicht wegen der Seuche, sondern wegen schlechter Erfahrungen im Vorjahr mit der Hitze, die uns zum vorzeitigen Abbruch zwang. Was wir stattdessen tun, darüber berichte ich ab morgen.

„Es gibt keinen Plan“, ist in diesem Aufsatz zu lesen, den ich Ihnen empfehle. Sein Fazit: „Das heißt, Sie können einfach machen, was immer Sie wollen. Auch wenn es zu Fehlern führt. Das macht überhaupt nichts, denn Sie haben zwar keinen Plan – die anderen alle aber auch nicht. Es fällt nicht weiter auf. Machen Sie einfach irgendwas.“

Womöglich hat unser Nachbar gegenüber den Aufsatz ebenfalls gelesen und verinnerlicht. Von Beruf ist er Lehrer, was keinesfalls ab- oder in sonstiger Weise wertend gemeint ist, vielmehr soll es nur als Erklärung dienen, warum auch er Urlaub hat. Seit Stunden hämmert, sägt und flext er auf seiner Terrasse herum, ohne dass der Zweck seines Tuns erkennbar wäre.

Ob die Verfasserin des umstrittenen Artikels in der „taz“, der die Entsorgung von Polizisten auf Mülldeponien empfiehlt, ebenfalls einen Plan verfolgte oder einfach nur von allen guten Geistern verlassen ist, weiß ich nicht. Dabei gebe ich zu bedenken: Müll landet heute üblicherweise nicht mehr auf Deponien, sondern in Müllverbrennungsanlagen. So weit wollte sie dann vielleicht doch nicht gehen. Laut Zeitungsbericht sieht sie sich inzwischen heftigen Schmähungen und Bedrohungen ausgesetzt. Das heiße ich selbstverständlich nicht gut, kann es allerdings nachvollziehen.

Dienstag: Der Liebste und ich stachen heute in See, oder besser: in Fluss; statt Südfrankreich dieses Jahr eine Woche auf Rhein und Mosel. Ab 14 Uhr war am Bonner Ufer die Einschiffung, ein Wort, das ein wenig an Inkontinenz erinnert, was mit einer gewissen Boshaftigkeit eine passende Überleitung auf das Durchschnittsalter der Mitreisenden wäre, das wie erwartet erkennbar über unserem liegt, oder, wie der Geliebte es in der ihm eigenen Charmanz ausdrücken würde: „Kommen die alle zum Sterben hierher?“

Da unser Schiff, die „Andrea II“, nagelneu ist, wurde sie heute erst getauft. Die Champagnerflasche zerschellte auf Anhieb an der vorgesehenen Stelle, ohne größeren Schaden anzurichten, wodurch die allzeit eine Hand breit Wasser unter dem Kiel hoffentlich mindestens für die nächsten sieben Tage gewährleistet ist.

Zur Sicherheitsbelehrung wurde Sekt gereicht (auch für den Kapitän). Da kann man nicht meckern, was selbstverständlich manche nicht davon abhalten wird, es dennoch zu tun.

Pünktlich um 19 Uhr legten wir ab. Dem Kalenderseitenspruch „Auch jede große Reise beginnt mit einem kleinen Schritt“ folgend endete die erste Etappe bereits nach einer Stunde in Königswinter (nicht davor und nicht dahinter, ha ha), wo wir einen kurzen Landgang auf ein Glas Wein machten.

Bis jetzt zwei kleine Kritikpunkte. Erstens: Zum Essen wurde uns ein Vierertisch zugewiesen, was meiner westfälischen Abneigung, mich mit fremden Leuten unterhalten zu müssen, zuwiderläuft, wobei anzumerken ist, unsere Tischnachbarn, ein Paar aus Bayern, sind sehr nett. Zweitens: Frühstück gibt es nur bis 9:30 Uhr, was ein für Urlaubsverhältnisse unangemessen frühes Aufstehen erfordert.

Nachts um zwei legten wir in Königswinter ab, nächster Halt: Braubach.

Mittwoch: Vergangene Nacht träumte ich erst von intensivem Maschinenlärm im Norden von Gütersloh, der bis Bielefeld zu hören war, dann vom lauten Abbruch eines Wohnblocks neben meinem Elternhaus, begleitet von äußerst lustigen Dialogen der Abbrucharbeiter, die ich leider nicht wiedergeben kann, da vergessen. Interessanterweise spielt noch immer ein großer Teil meiner Träume in Bielefeld, und es wird wohl noch einige Zeit dauern, bis auch die für die Traumerzeugung zuständige Hirnregion endlich im Rheinland ankommt. Grund für die geräuschthematischen Träume war übrigens das recht laute Brummen des Schiffs, das sich nachts stromaufwärts gen Braubach kämpfte. Daran muss ich mich noch etwas gewöhnen, oder zur Schlafvorbereitung ein Glas Wein mehr trinken.

Nach dem Frühstück machten wir einen kurzen Spaziergang durch Braubach, danach begaben wir uns auf das Sonnendeck, wo sich ein Mitreisender darüber empörte, dass kein Kellner heraufkommt. „Dann muss du eben unten bescheid sagen“, sagte seine Begleitung. „Das ist für mich nicht interessant“, seine Antwort. Einer hat halt immer was zu pissen.

Aus der Zeitung: „Jetzt müssen und können wir beweisen, dass Karneval auch ohne Alkohol und laute Musik geht“, sagt die Präsidentin des Festausschusses Bonner Karneval. Karneval ohne Alkohol und Musik. Das ist einen Tusch wert, wenn nicht gar eine Rakete.

Gegen zwölf Abfahrt nach Rüdesheim. Alle paar Meter eine Burg oder Ruine, dazu Erklärungen aus dem Bordlautsprecher. Wenn man hört, wann die von wem und wozu errichtet und wieder zerstört wurden, kann man nur zu dem Schluss kommen, früher waren die Menschen nicht weniger bekloppt als heute, nur anders.

Erkenntnis zu Rüdesheim: Wenn in ohnehin deprimierenden Touristenorten die Touristen ausbleiben, wirken sie nochmal so deprimierend. Dennoch hielten wir Einkehr für einen vorzüglichen Riesling.

(Die berühmte, sonst menschendurchtoste Drosselgasse)

Das Fotografierverbot, das ich erst jetzt bemerke, könnte ein Hinweis darauf sein, wie sehr man sich selbst schämt, so einen Unrat zu verkaufen.

Donnerstag: In den frühen Morgenstunden fuhr das Schiff nach Koblenz, wo es am Peter-Altmeier-Ufer festmachte. Falls Sie sich wundern wie ich zunächst: Nicht der amtierende Wirtschaftsminister ist Namensgeber, sondern ein früherer Ministerpräsident, wie der Liebste zu recherchieren so freundlich war.

Ansonsten gehen in Koblenz die Uhren anders.

Mittags setzten wir die Reise fort über die Mosel bis Cochem. Ich kann stundenlang oben auf dem Aussichtsdeck sitzen und, ob sonnenbestrahlt oder windumpustet, nichts weiter tun als in die Gegend zu kucken. Wenn man damit Geld verdienen könnte, gerne auch hauptberuflich.

Im Übrigen gilt für die touristische Attraktivität von Cochem ähnliches wie für Rüdesheim. Grundsätzlich sind das schöne Orte. Leider wurden deren Grelle und Lautstärke viel zu weit aufgedreht.

Freitag: Am Morgen Weiterfahrt in Richtung Trier. Einfach nur sitzen und kucken.

(Brückenlimbo in Bullay)

Eine Runde Extrem-Brückenlimbo in Wehlen:

Die Präzision, mit welcher der Schiffsführer die zahlreichen Schleusen durchfährt mit jeweils nur wenigen Zentimetern Platz zu den Seiten, ist bewundernswert. Vermutlich würde er auch ziemlich großen Ärger mit dem Eigner bekommen, wenn er in das neue Schiff eine Macke fährt.

Ankunft im Industriehafen zu Trier zwei Stunden vor Plan. Auch schön hier.

Samstag: Hier und da Unmutsäußerungen der Mitreisenden ob des wenig pittoresken Liegeplatzes im Hafen, fern der Trierer Innenstadt, die immerhin mit einem vom Veranstalter organisierten Bustransfer zu erreichen ist. Oder: „Aufstand der Silberlocken“, wie der Liebste es treffend ausdrückt.

Mir bereitet es unterdessen keinerlei Verstimmung, wenn beim Sitzen und Kucken der Blick nur auf ein Hafenbecken mit wenig Betrieb fällt. „Hafen Trier – unser Hafen bringts!“, steht an einem hohen Bunker. Ein Satz, der zum Nachdenken anregt.

Nachmittags Bus-Ausflug nach Luxemburg. Augenscheinlich eine sehr schöne Stadt, die wir nochmals besuchen wollen, gerne auch ohne eine geführte Tour, also mit mehr sehen, weniger hören. Bei Stadtführungen wird für für meinen Geschmack ja generell zu viel erzählt und zu wenig gegangen. Alle paar hundert Meter bleibt man stehen, da ist dann irgendein bedeutendes Bauwerk, eine geschichtsträchtige Gaststätte, eine wichtige Kirche oder ein Denkmal, und man wird mit wenig merkenswerten Fakten beworfen. Immerhin weiß ich nun, dass die Luxemburgische Flagge rot-weiß-himmelblau ist. Himmel-, nicht hellblau; hellblau kann ja jeder.

Sonntag: Aufgewacht in Bernkastel-Kues, wo freundlicherweise schon für uns geflaggt wurde.

Das Wetter zeigte sich zunächst leicht betrübt, die persönliche Stimmung indessen bestens.

Weinanbau, so weit das Auge reicht. Wie würde man das einem Außerirdischen erklären?

Wurde eigentlich schon untersucht, warum einander fremde Menschen winken, sobald sich ein Teil von ihnen auf einem Schiff befindet?

Woche 6: Irgendwas mit Alkohol

Montag: Wer am Montagmorgen gut gelaunt ist, schubst auch schlafende Enten in den Teich.

Was, das Deutsche Fernsehballett wird aufgelöst? Ich dachte, die hätten schon in den Siebzigern ihren letzten Auftritt gehabt, die Älteren unter Ihnen erinnern sich vielleicht, damals, als Peter Frankenfeld noch die Showtreppe herunter kam.

Dienstag: Ab heute für die nächsten 366 Tage entspricht die Zahl meiner Jahre der postalischen Leitregion, in der ich lebe. Kann ich mir jetzt auch nichts für kaufen, dennoch erwähnenswert. Mit diesem Wissen könnten Sie mir aufgrund meiner bei aller Bescheidenheit recht gut erhaltenen Fassade schmeicheln, indem Sie mich fragen, ob ich in Dortmund wohne. Bielefeld oder gar Lübeck wären indessen etwas übertrieben.

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Nachmittags in der Bahn saß mir ein junger Mann mit auffallend schmalem Kopf gegenüber, auf dem er einen riesigen Kopfhörer trug. Fast schien es, als hätte dieser den Kopf im Laufe der Zeit zusammengedrückt, oder ihn am in die Breite Wachsen gehindert.

Haribo streitet mit einem spanischen Süßwarenhersteller, weil er alkoholhaltige Gummibärchen verkauft. Ich finde die Idee grandios, allein schon weil man nach deren Verzehr die polizeiliche Frage „haben Sie was getrunken“ besten Gewissens verneinen kann.

Mittwoch: Warum haben Leute wie Friedrich Merz eigentlich einen Sprecher? Der kann doch selbst sprechen. Reine Wichtigtuerei, sowas.

Aus einem Artikel im General-Anzeiger über die Lesung der Autorin Judith Hermann in einem Bonner Gymnasium:

„Lesen bedeutet absolute Freiheit. Das Ansehen von Youtube-Videos macht dämlich, Lesen macht schlau. […] Ich hoffe, dass irgendwann die Stromapokalypse kommt und das alles nicht mehr funktioniert. Und alles, was dann übrig sein sollte, sollten ein Stift und Papier sein.“ Vermutlich würden viele gerade junge Menschen erst dann ihre eigentliche, sie umgebende Umwelt bemerken und mit ihr in Kontakt treten, so Hermann.

Gefällt mir.

Recht spontan legte ich heute einen freien „Inseltag“ ein, was mir ermöglichte, nach dem Frühstück dem Rhein beim Überlaufen zuzuschauen.

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Donnerstag: In der Kantine machte eine junge Frau an langem Arm ein Selfie von sich, ihrer Mitesserin und zwei Kohlrouladen. Lange sah ich nicht mehr etwas derart Deprimierendes.

Freitag: Verdursten Jugendliche eigentlich innerhalb weniger Stunden, wenn sie nicht alle paar Minuten an einer Wasserflasche nuckeln?

Passend zum Thema Trinken der folgende Kantinendialog: „Was machst du am Wochenende?“ – „Irgendwas mit Alkohol.“

Samstag: Ich bin weit davon entfernt, in das fragwürdige Lied über die Lügenpresse einzustimmen. Wenn indes in einem Fernsehinterview mitten im Satz des Befragten diese kurzen Schnitt-Überblendungen aufblitzen, werde ich immer ein klein wenig misstrauisch.

Sonntag: Die Ruhe vor dem Sturm ist heute wörtlich zu nehmen. Bis zum Zeitpunkt der Niederschrift dieser Zeilen am Nachmittag bläst das angekündigte Sturmtief „Sabine“ zumindest hier in Bonn noch recht verhalten, was mir den üblichen Sonntagsspaziergang ermöglichte.

Dabei gesehen an einem Laternenpfahl:

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Woche 35: Verständnis für Antinatalisten und textilfreie Jagden

Montag: Obwohl ich am Morgen das Radio bereits nach dem ersten Takt von Giesingers Song über die frustrierte, tanzende Mutter abschaltete, verfolgte er mich als Ohrwurm noch über mehrere Stunden. Eine Woche kann wahrlich schöner starten.

Aus einer werksinternen Mitteilung: „Sich an eine sich stetig ändernde Zukunft anzupassen gehört inzwischen zum Alltag.“ Eine sich stetig ändernde Zukunft? Na ich weiß nicht.

Aus einem Zeitungsbericht über Waldbrände in Sibirien: „Mangels Sprit für Löschflugzeuge und -mannschaften neigten die Beamten dazu, mögliche Verluste kleinzurechnen.“ Demnach wird in Russland der Wodka knapp?

Dienstag: Dienstreise ins württembergische Aalen. „Wer niemals träumt verschläft sein Leben“, steht in meinem Hotelzimmer an der Wand über dem Bett. Dem sei entgegnet: Wer niemals schläft, kann auch nicht träumen. Und wer langweilige Kalendersprüche an Hotelzimmerwände pinselt, achte auf korrekte Kommasetzung.

Mittwoch: „Ich freue mich wahnsinnig, Sie alle hier zu begrüßen“, heißt es zur Eröffnung der Tagung. Dass die Leute immer so übertreiben müssen.

Donnerstag: Nach einer Stunde Fahrt im Intercity mit Dauerbeschallung aus dem Kleinkinderbereich ist mein Verständnis für Antinatalisten, das sind Menschen, die dem menschlichen Fortpflanzungsdrang mit Skepsis begegnen, ein weiteres Stück gewachsen.

Durchaus Verständnis habe ich auch für Leute, die eine Halle in einem Gewerbegebiet nahe Stuttgart aufsuchen, die laut Außenanschrift eine „FKK-Safari“ beherbergt, wenngleich mir die konkrete Vorstellungen fehlt, was innerhalb ihrer Mauern geschieht. Eine textilfreie Jagd auf wilde Tiere wohl eher nicht, jedenfalls nicht auf vierbeinige.

Freitag: „Das müssen wir noch etwas streamlinen„, höre ich in einer Besprechung.

„T verlässt den Konzern im besten gegenseitigen Einvernehmen, um eine neue berufliche Herausforderung wahrzunehmen“, so eine interne Mitteilung. Mit anderen Worten: T hatte die Schnauze voll und hat sich was anderes gesucht, vermutlich nicht, ohne eine schwindelerregend hohe Abfindung abzusahnen.

In der Bahn sitzt mir eine junge Dame gegenüber mit einem mir neuen Accessoire: Die Hülle ihres Datengerätes ist an der Unterseite mit zwei Ösen versehen, durch die ein Halsband geführt ist, so dass das Gerät bei (seltenem) Nichtgebrauch vor der Brust baumelt und bei Bedarf sofort griffbereit ist. Das sieht zwar seltsam aus, ist für die Generation Google aber sehr praktisch.

Das finnische Wort „Kalsarikännit“ bezeichnet den Wunsch, lieber zu Hause zu bleiben, statt auszugehen, was mir mit jedem weiteren Lebensjahr sympathischer erscheint. Doch gesellschaftliche Verpflichtungen erforderten abends meine Anwesenheit im Rheinauen-Biergarten, wo Enge, Menschenmassen und Lärm mein Wohlempfinden dämpften. Eher rustikal auch die Darreichungsform für Rosé:

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Samstag: Apropos Rosé: „… eine quicklebendige Säure, die flirrend und flirtend mit etwas Restzucker anbändelt“, lese ich in einer Besprechung. Woher nehmen die nur immer diese albernen Formulierungen, gibt es dafür einen speziellen Weinkennerphrasengenerator? (Ein weiteres Wort mit hohem Punktepotential bei Scrabble.)

Sonntag: Aus einem Kommentar in der FAS über die Bielefeld-Verschwörung: „Es ist beinahe unwiderstehlich, Bielefeld zu leugnen, denn wann sonst hat man schon Gelegenheit, wissentlich Unsinn zu erzählen, und alle anderen stimmen zu?“ Nun, beinahe täglich, jedenfalls wenn man Staatspräsident, Konzernvorstand oder Fußballfan ist.

Unsinnig auch dieses Schild, welches im Bonner Norden ohne erkennbaren Grund und Durchgang vor einem Gebüsch steht, was nicht völlig unkommentiert blieb, siehe Randbeschriftung.

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Darauf muss man auch erstmal kommen. Und dann auch noch Zeit und Geld erübrigen, um entsprechende Aufkleber fertigen zu lassen.

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(Gesehen auf der Friedrich-Ebert-Brücke)

Woche 38: Schokoladenpudding, Atomwaffen und Penisbilder

Montag: Hardcore-Wineporn

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Dienstag: Wie die Zeitung berichtet, sind in Eisenhüttenstadt mehrere Flüchtlinge aus einer Erstaufnahmeeinrichtung spurlos verschwunden. Zuletzt sollen sie dabei beobachtet worden sein, wie sie in Autos mit Bielefelder Kennzeichen stiegen. Somit stellt sich die Frage, ob die sogenannte Bielefeld-Verschwörung vielleicht doch mehr ist als ein mittlerweile reichlich abgenutzter Internetwitz.

Mittwoch: Aus gegebenem Anlass bitte ich um Verständnis dafür, dass ich Umzugshilfeersuchen grundsätzlich unbeantwortet lasse. Grund dafür ist ein unschöner Vorfall, der schon einige Jahre zurückliegt. Damals konnte und wollte ich bei einer gleichlautenden Anfrage nicht nein sagen. Beim Heruntertragen eines Kühlschranks in den Keller passierte es dann: Mein Rücken gab ein gut hörbares Knacken von sich, danach litt ich wochenlang. Daher mein guter Rat an alle Umzügler: Es gibt hierfür Unternehmen mit gut qualifizierten Mitarbeitern, deren Lohn leider oft im umgekehrten Verhältnis steht zu der Hochachtung, die ihre schwere Arbeit verdient. Ja, die kosten Geld. Aber tut euch und euren Freunden den Gefallen, fahrt notfalls einmal weniger in den Urlaub.

Donnerstag: Neuer Rekord bei multipler Niesattacke: Einundzwanzig, nach Verzehr von Schokoladenpudding.

Freitag: Der Vatikanstaat hat den Anti-Atomwaffenvertrag unterschrieben. Dem Himmel sei Dank, eine Sorge weniger um diese Welt.

Samstag: Die Schweden nennen die Aufregung kurz vor Beginn einer Reise „Resfeber“. Kenne ich gut. Bei mir setzt sie spätestens am Vortag des Reiseantritts ein und endet frühestens, wenn das Siebengebirge ins Blickfeld kommt. In Indonesien sagt man indessen „Gemas“ zu dem Gefühl der Liebe oder Zuneigung, das einen dazu bewegt, jemanden so fest umarmen zu wollen, bis er quietscht. (Aus: „Einzigartige Wörter“ von David Tripolina)

Sonntag: Ein gewisser Michael Buchinger, dem Vernehmen nach hauptberuflich Youtuber, widmet in seinem Buch „Der Letzte macht den Mund zu“ (laut Aufkleber ein SPIEGEL-Bestseller) ein ganzes Kapitel seiner Empörung über ein ihm unverlangt zugesandtes Penisbild. Machte ich um jeden Penis, der mich im Laufe der Jahre per Gayromeo oder Grindr erreichte, ein derartiges Aufheben, könnte ich damit ein Buch von eineinhalbfacher Bibelstärke füllen.

Behütet

Ich wuchs auf in Stieghorst, einem östlichen Stadtteil von Bielefeld (gibt es wohl, ha ha ha), dessen Schönheit sich nicht auf Anhieb erschließt. Dennoch empfand ich meine Kindheit und Jugend als glücklich und wohl behütet. Zum Kindergarten (so hieß das damals, die Kita war noch nicht erfunden) brachte mich Opa; mittags(!) holte er mich wieder ab. Nicht etwa mit dem Auto, sondern zu Fuß. Die Grundschule lag etwa einen Kilometer von meinem Elternhaus weg, dorthin gingen wir ebenfalls jeden Tag zu Fuß, ohne (groß-)elterlichen Geleitschutz, was nicht ohne Brisanz war, denn unterwegs begegneten wir den Schülern der Sonderschule, welche manchmal große Freude daran hatten, uns anzupöbeln, zu schubsen, schlagen oder in sonstiger Weise zu drangsalieren. Es liegt mir fern, Menschen scheinbar niedrigerer Bildungsschichten zu diskreditieren, aber es waren nun mal Sonderschüler, und die haben uns echt zugesetzt. Dennoch wären unsere Eltern nicht auf die Idee gekommen, uns mit dem Auto zur Schule zu fahren und wieder abzuholen. Auch später zum Gymnasium nicht. Dieses lag in Heepen, etwa sieben Kilometer von zu Hause entfernt. Entweder fuhren wir mit dem Bus, was meistens mit übler Drängelei beim Einsteigen verbunden war, oder mit dem Fahrrad. Auch bei Schnee.

In unserer Siedlung lag (und liegt auch heute noch) eine größere Rasenfläche, auf der wir Kinder uns nach den Hausaufgaben zum Spielen trafen. Da der Rasen zur Straße hin abfällt, rollte schon mal der Ball auf selbige, wodurch jedoch niemand zu Schaden kam, obwohl sie damals noch nicht durch baumbepflanzte Verkehrsinseln entschleunigt war und sogar eine Buslinie durch sie hindurch führte. Oft gingen wir auch in den Park und den kleinen Wald in der Nähe, kamen erst zum Abendessen nach Hause. Das war trotz elterlicher Nichterreichbarkeit ganz normal und kein Problem. Nur einmal gab es Ärger: Ich besuchte meinen Schulfreund Christian. Nachmittags kamen wir auf die Idee, mit den Stofftieren einen Ausflug zu unternehmen. Dazu packten wir alles Plüschgetier in zwei kleine Kinderschubkarren und und machten uns auf in die Felder Richtung Oldentrup / Hillegossen, wo heute ein Gewerbegebiet die Landschaft bereichert. Dabei vergaßen wir ein wenig die Zeit und kamen erst mit Einbruch der Dunkelheit zurück, wo wir schon von zwei aufgebrachten Müttern erwartet wurden. Egal, uns hatte es gefallen, und den Tieren augenscheinlich auch.

Am schönsten war es bei meinen Großeltern mütterlicherseits, die auf dem Land bei Göttingen wohnten. Stundenlang streiften wir durch die Felder, bauten Staudämme im vom nahen Bauernhof gülleverseuchten Graben, machten Feuer oder zogen in den Wald. Für letzteres mussten wir die Bundesstraße überqueren oder die Bahnlinie, was weniger dramatisch war als es klingt, es fuhren nur noch sehr wenige Züge am Tag und wir kannten die Fahrzeiten, außerdem klingelte vorher die Glocke der Schranke.

Warum ich das alles erzähle? Vor kurzem hörte ich in der Kantine die Unterhaltung zweier Kolleginnen. Die Kinder alleine zur Schule fahren lassen? Niemals. Ohne erwachsene Begleitung in den Wald? Auf keinen Fall. Warum nicht?, fragte ich. Viel zu gefährlich: der Straßenverkehr, überall lauern Kinderschänder. Und natürlich müssen sie jederzeit mobil erreichbar sein, was für eine Frage.

Laut einer Emnid-Umfrage halten heute 53% aller Eltern das Spielen im Wald für gefährlich, was nachvollziehbar ist, werden doch in den letzen Jahren wieder Wölfe und Luchse in hiesigen Gehölzen heimisch. Auch entspricht die deutsche Eiche sicher nicht den Normen kindgerechter Spielgeräte, was da alles passieren kann!

Am 22. September dieses Jahres war Aktionstag „Zu Fuß zur Schule“. Kinder sollten dabei lernen, sich im Verkehr zu bewegen, schließlich werden sie das irgendwann können müssen, spätestens wenn sie groß sind und was mit Medien machen oder so. Auch sollen sie die Umgebung kennen lernen, Freunde treffen (also so richtig, nicht im Sichtfenster ihres Datengeräts) und dabei etwas Bewegung bekommen. Zudem werden die SUV-Muttis, die ihre Brut zur Schule bringen, zunehmend zu einer ernsten Gefahr für die Brut anderer SUV-Muttis. Ich schlage deshalb vor, an Schulen und in deren unmittelbarer Nähe ein streng bewachtes absolutes Halteverbot einzurichten, oder Zufahrtsstraßen zu Schulen während der üblichen Zeiten des Schulbeginns und -schlusses für Kraftfahrzeuge zu sperren. Es ist schon bemerkenswert, dass man für so eine Selbstverständlichkeit einen Aktionstag braucht; was kommt als nächstes: „Mit dem Fahrrad vor der roten Ampel halten“?

Vielleicht wollen die Kinder das heute auch gar nicht mehr, unbeaufsichtigt zur Schule gehen oder im Wald spielen. Weil sie die wenige Freizeit, die ihnen neben Schule, Nachhilfe (48% aller Kinder bekommen heute Nachhilfe, las ich neulich), Chinesisch-Kurs, Rhönrad-Training, Musiktherapie und Geigenunterricht noch bleibt, lieber im Netz verbringen. Ob eine Kindheit heute glücklicher ist als unsere, vermag ich nicht zu beurteilen. Behüteter ist sie auf jeden Fall.

Stöckchen: Neunzehnhundertachtundachtzig

Frau serotonic hat ein virtuelles Stöckchen gefangen, mit welchem sie aufgefordert wurde, in ihrem Blog einen Blick zurück auf ihr persönliches Jahr 2003 zu werfen. Da ich das für eine schöne Idee halte, rief ich bereitwillig „hier“, als sie sich anschickte, das Stöckchen weiter zu werfen. Und da ich schon ein alter Sack bin und die Stöckchenwerferin das offenbar weiß, wies sie mir das Jahr 1988 zu – ganz schön lange her. Aber nach einem Blick ins Tagebuch und auf diverse Musikkassetten gelingt auch mir dieser Rückblick mühelos. Alsdann:

Mein Jahr 1988

Alter: süße 21 Jahre.

Beziehung: Weit entfernt von einer solchen, dafür verzweifelt auf der Suche. Zeitweise ahnte ich bereits, dass ich möglicherweise in die falsche Richtung schaute, was ich aber ein weiteres Jahr lang mehr oder weniger erfolgreich verdrängte.

Beruf: Im August beendete ich meinen Vorbereitungsdienst für den „mittleren nichttechnischen Postdienst“ und durfte mich nach erfolgreich bestandener Laufbahnprüfung fortan mit der Dienstbezeichnung „Postassistent zur Anstellung“ schmücken. Damals war es noch einfach, die Frage „Was machst du beruflich“ zu beantworten: Schalterbeamter bei der Deutschen Bundespost.

Musik: Nichts bestimmtes, dieses Zeug der späten Achtzigerjahre halt. Hier eine repräsentative Auswahl: „Ship Of Fools“ von World Party, „Standing On Higher Grounds“ von Alan Parsons Projekt, „True Faith“ von New Order, „Ayla“ von Flash And The Pan, „Never Tear Us Apart“ von INXS und „Heart´s Desire“ von Gerry Rafferty (B-Seite von „Shipyard Town“. Wenn Sie nicht wissen, was eine B-Seite ist, scheuen Sie sich nicht, zu fragen.)

Haare: Weiß ich nicht mehr genau, leider (oder zum Glück) gibt es von mir so gut wie keine Bilder aus der Zeit. Vermutlich etwas länger als heute. Jedenfalls war es morgens immer ein Kampf mit Geltube und Fön, den ich meist verlor – selten lagen sie so, wie ich es gerne gehabt hätte.

Aufenthaltsort: Bielefeld-Stieghorst, in meinem Elternhaus, inklusive Verpflegung und Wäscheservice gegen ein geringes monatliches Entgelt, welches „Kostgeld“ genannt wurde. Bis zur ersten eigenen Wohnung sollten noch fünf Jahre vergehen, auch wäre daran mit meinem schmalen Jungbeamtensalär 1988 noch gar nicht zu denken gewesen.

Fazit: Insgesamt war 1988 kein schlechtes Jahr für mich, jedoch liegt es mir fern, mich in jene Zeit zurück zu sehnen. Früher war nicht alles besser, nur vieles anders.

Wenn Sie nun auch das Stöckchen fangen wollen – die Adresse finden Sie oben.

Abi ’86

Übelkeit

Am vergangenen Samstag besuchte ich meine Eltern in Bielefeld. Bei der Gelegenheit übergab mir meine Mutter einen dicken Umschlag mit der Aufschrift „Schule“. Dieser enthielt jedoch mehr als ein paar alte Zeugnisse, nämlich unter anderem auch die Abiturrede unseres Jahrganges, die ich geschrieben und auf der Abschlussfeier vor Mitschülern, Eltern und Lehrern vorzutragen die Ehre und das Vergnügen hatte. Jahrelang wähnte ich sie verschollen, jetzt ist sie wieder da! 

 

Ladies and Gentlemen, Stancerblog proudly presents die Abiturrede des Jahrgangs 1986 des Gymnasiums Heepen zu Bielefeld. Viel Vergnügen!

 

***

 

 

 

Liebe Mitschüler, liebe Eltern, verehrte Lehrer!

 

Wir alle sind hier und heute versammelt, um Abschied zu feiern. Ja, nun ist es auch für uns so weit: Wir, die Schüler des Abiturjahrganges 1986, verabschieden uns nach 13 (oder auch mehr) Jahren von der Institution, die uns auf den Ernst des Lebens vorbereiten sollte. Für den einen mag das sehr erfreulich sein, für den anderen weniger. Ich selbst zähle mich zu zweiteren, denn ich finde es schade, daß für mich die Schulzeit nun vorbei ist.

 

Ich erinnere mich noch recht gut an den Tag, als ich vor neun Jahren hierherkam. Mein erster Eindruck war ein grauer Betonklotz, aus dessen Fenster viele neugierige Köpfe schauten, um die Neuankömmlinge zu begutachten. Nach der Begrüßungsrede des Herrn Dr. Döpelheuer wurden wir auf unsere Klassen verteilt und mußten uns erst einmal an die neue Situation gewöhnen. Neu war vor allem, daß es Mitschüler gab, die doppelt so groß waren wie wir und sehr erwachsen aussahen. Wenn ich dagegen uns heute so betrachte… Wir hatten damals noch Respekt vor Schülern der Oberstufe! Wir hätten es nie gewagt, so einen großen Bärtigen schief anzureden. Und wie ist das heute? Kein Funken Respekt wird uns heute noch von den Kleinen entgegengebracht! Tja, sic transit gloria mundi, was frei übersetzt so viel heißt wie so schwindet das Ansehen des Oberprimaners dahin.

 

Natürlich gab es auch neue Dinge innerhalb der Klasse. Zu Beginn der Stunde mußten wir aufstehen, wenn der Lehrkörper des Raum betrat. Hier auf dem Gymnasium wehte ein anderer Wind als auf der Grundschule; hier mußte man schon etwas tun für gute Zensuren. Natürlich kamen auch die außer-unterrichtlichen Beschäftigungen nicht zu kurz. Wir machten teilweise einen Mist von ungeahnter Vielfalt, sei es, daß wir arme Mitschüler in den Klassenschrank sperrten, aus dem sie sich erst mitten in der Stunde befreien konnten, was bei dem Lehrer auf gewisses Unverständnis stieß und mit einer Rüge geahndet wurde, oder daß wir zuförderst *1 besserer Kommunikation Steine aus der Wand zur Nachbarklasse pulten. Rüge, das war das magische Wort, vor dem anfangs alle erzitterten, das aber direkt proportional zur Jahrgangsstufe an Bedeutung verlor, ja selbst der größere Bruder, der Tadel, konnte später nur noch ein müdes Grinsen hervorrufen. In unserer Klasse war es fast ein Sport, Eintragungen zu sammeln; so belief sich die Anzahl der Eintragungen, ich glaube es war in der 8c, auf über 100.

 

Dann kam sie, die Oberstufe. Wieder mußten wir uns umstellen: Mit der Klassengemeinschaft war es plötzlich aus, und die Kurse, die in Neun und Zehn nur als willkommene Abwechslung angesehen wurden, wurden plötzlich ernst. Das schlimmste war für mich die Tatsache, daß ich nun für den Sport extra nachmittags noch einmal erscheinen mußte. Es ist doch wirklich ein Hohn! Jedes Fach, sogar Mathe, kann man irgendwann abwählen, nur Sport muß man fast bis zum bitteren Ende behalten. Daran ist nur das System schuld! *2

 

Ich konnte mich nie daran gewöhnen, nun plötzlich von einigen meiner Lehrer gesiezt zu werden, vor allem dann nicht, wenn mich die Lehrerin oder der Lehrer noch vor wenigen Wochen geduzt hat. Bin ich denn innerhalb so kurzer Zeit um so vieles erwachsener geworden?

 

Aber die Oberstufe brachte auch Privilegien mit sich, die uns vorher nicht zuteil wurden. So durften wir jetzt in Pausen offiziell das Schulgelände verlassen (schließlich hat man mit 16 die nötige Reife zum Überqueren einer Straße erlangt), ohne später verhört zu werden, was natürlich viele in der Neun und Zehn nicht abhielt, mal eben zum Bäcker zu gehen. Wir durften, was anfangs noch mit Rügen geahndet wurde, in den Pausen im Klassenraum bleiben, sofern wir der Aufsicht führenden Person unsere Oberstufenangehörigkeit klarmachen konnten. Und schließlich durften die Raucher unter uns ihren Gelüsten freien Lauf lassen, natürlich nur in der Raucherecke *3, wer nicht hören will, muß fegen! Da sich nur wenige daran hielten, wurde die Raucherecke kurzerhand dorthin verlegt, wo sich die Raucher ohnehin am liebsten aufhielten. Schließlich ist die Schule für den Schüler da und nicht umgekehrt.

 

Wie gesagt war es wieder eine große Umstellung von dem Klassenverband auf das Kurssystem. Doch daran hatte man sich nach einiger Zeit gewöhnt, und immerhin lernte man neue Leute kennen, deren Existenz man vorher nicht mal geahnt hatte. Und die verlorene Klassengemeinschaft hatte spätestens in der Zwölf einer Kursgemeinschaft Platz gemacht, die genauso gut war und die durch Kurstreffen und „Studienfahrten“ vielfach noch verstärkt wurde. Dem Klassenlehrer war der Jahrgangsstufenleiter bzw. die Leiterin gefolgt, der an dieser Stelle für ihre Tätigkeit gedankt sei. (Überreichung eines Geschenkes)

 

Auch unsere Einstellung zur Schule im Allgemeinen und unser Pflichtbewußtsein im Besonderen hatte sich ein wenig gewandelt. So hätten wir es früher nie gewagt, eine Stunde mal eben frei zu nehmen, ohne von einer plötzlichen schweren Krankheit heimgesucht worden zu sein. Schließlich mußte man sich eine solche Stunde von den Eltern in Form einer Entschuldigung absegnen lassen. Doch jetzt, im Zeitalter der „Benachrichtigung über versäumten Unterricht“, wo man fast nur noch „Zutreffendes durchkreuzen“ muß, wurde es uns recht leicht gemacht, im Rahmen eines Motivationsdefizites in den Genuß einer außerplanmäßigen individuellen Freistunde zu kommen. Natürlich, liebe Lehrer, weiß ich, daß es Ihnen in vielen Fällen völlig klar war, daß der angegebene Versäumnisgrund nicht immer mit der Wahrheit übereinstimmte, man kennt schließlich seine Pappenheimer, aber was sollten Sie machen? So haben Sie dann zähneknirschend Ihr Kürzel auf den Zettel gesetzt, welcher dann meistens den Weg alles irdischen ging, also vernichtet wurde. *4

 

Auch den Einzug moderner Technik in unsere Schule haben wir miterleben dürfen. Das äußerte sich zum einen darin, daß plötzlich alle Stunden- und Raumbelegungspläne, ja sogar Zeugnisse von einem Computer gedruckt wurden, aber auch darin, daß unsere Pausen durch Brunos Heiligtum, die Getränke- und Joghurtautomaten versüßt wurden. An dieser Stelle möchte ich Herrn Hoffmann grüßen und ihm für seine zuvorkommende Freundlichkeit und ausnehmende Höflichkeit danken, durch welche es uns stets ein Vorbild war. Es sei denn, er hatte schlechte Laune, aber das kann ja mal vorkommen. *5

 

Ja, das alles ist nun zumindest für uns vorbei. Wir gehen alle unsere Wege, in die Lehre, ins Studium, zur Bundeswehr, oder was weiß ich. Da bleibt mir nur eines zu sagen: Machts gut! Wir hatten zwar viel Streß und Ärger, aber auch sehr viel Spaß hier. Oder nicht?

 

Doch nun will ich langsam zum Ende meiner Ausführungen kommen, und zwar mit etwas lyrischem. Einigen von Ihnen ist Goethes „Faust“ sicherlich ein Begriff (Uns jedenfalls nicht. Wir bekamen höchstens expressionistische Großstadtgedichte vorgesetzt). Da Goethe sich nicht mehr wehren kann, bitte ich auch Sie, mir das folgende nicht übel zu nehmen.

 

Vollbracht *6

 

Habe nun, ach! Philosophie,

Mathe, Deutsch, Latein, Chemie,

Und leider auch Biologie,

Durchaus studiert, begriffen nie.

Da steh ich nun, ich armer Tor,

fühl mich viel klüger als zuvor!

Heiße Primaner, Abiturient gar,

Und ziehe schon an die dreizehn Jahr

Herauf, herab, und quer und krumm

Meine Lehrer an der Nase herum –

Und sehe, daß wir nicht mehr wissen können!

Drum will ich mir jetzt Ruhe gönnen.

Ich bin jetzt gescheiter als all die Laffen

aus längst vergangenen unteren Klassen;

Mich plagen jetzt kein Referat noch Klausur,

Fürchte mich weder vor Schule noch Lehrerfigur –

Dafür ist mir auch aller Streß entrissen,

Bilde mir nicht ein, jetzt noch was zu wissen,

Bilde mir nicht ein, ich könnte jetzt was lernen,

Ich möchte jetzt eins, nämlich feiern nur,

Es ist vollbracht, das Abitur!

 

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*1) Schon damals hatte ich einen Hang zur Verwendung veralteter Wörter. Leider passt „zuförderst“ hier überhaupt nicht: erstens schreibt man es mit v statt f, zweitens bedeutet es „vor allem“, gemeint war aber „zwecks“. Ich hoffe, niemand der Zuhörer merkte es.

 

*2) Heute bin ich nicht mehr sicher, ob das ironisch gemeint war. Sehr wahrscheinlich ja, meine Neigung zu linken Parolen war nicht besonders ausgeprägt; viel lieber verspottete ich die bärtigen Latzhosenträger, die solche Sätze gebrauchten.

 

*3) Für die jüngeren Leser: Ja, damals war das Rauchen in dafür vorgesehenen Zonen auf dem Schulhof offiziell erlaubt. Inzwischen ist das Wort ‚Raucherecke‘ genau so ausgestorben wie etwa ‚Kassettenrekorder‘ oder ‚Überspielkabel‘.

 

*4) Zum Glück nicht immer. Der Umschlag enthielt auch einige der genannten Formulare, hier eine Auswahl der von mir angegebenen Gründe des Fernbleibens:

– Übelkeit

– Übelkeit mit Erbrechen

– theor. Führerscheinprüfung

– Kopfschmerzen

– starke Erkältung

– Vorstellungsgespräch

– Einstellungstest

– Familienfeier in Göttingen

– Musterung / EVP

– postklausurale Nervenüberbelastung, verbunden mit Motivationsmangel

Und das haben die Lehrer alles abgezeichnet.

 

*5) Das war, unschwer zu erkennen, Ironie. Bruno H. war der klassische Schulhausmeister: graublauer Kittel und stets unfreundlich gegenüber uns Schülern. Vermutlich hasste er uns. Vielleicht wäre er versöhnlicher gewesen, hätte es damals schon den Begriff ‚Facility Manager‘ gegeben, wer weiß.

 

*6) Reim dich oder ich fress dich. Sie kennen das von diversen Familienfeiern.

Nicht blöd

Es ist halb sechs in der Frühe, grimmige Kälte und Dunkelheit liegen über den hunderten Menschen, die frierend vor dem großen Gebäude ausharren, darauf wartend, dass es endlich seine Türen öffnet, hinter denen sich all die Dinge befinden, welche diese Menschen schon so lange entbehren, nach denen es sie schmerzhaft verlangt.

 

Endlich, um sechs, schließt ein Mitarbeiter in rotem Hemd die Tür auf, die Meute dringt hinein wie die schäumende Wasserflut nach dem Dammbruch, stürzt sich auf die feilgebotenen Waren, jeder rafft, was er zu greifen bekommt, ehe ihm ein anderer zuvor kommt, bald kommt es zu Rempeleien, Handgemengen, heiseren Schreien und langen Schlangen vor den Kassen. 

 

Gotha, im November 1983 nach Ankündigung einer neuen Lieferung Orangen? Bielefeld im erbarmungslosen Winter 1947? Nein, Bonn am vergangenen Donnerstag: Eine große, bekannte Elektomarkt-Kette eröffnet hier ihre Filiale. Gleich einem Blattschneiderameisenvolk schleppen sie die eroberten Schnäppchen zum Eröffnungspreis aus dem schmucken neuen Gebäude am Friedensplatz: Fernseher, Kaffeeautomaten, Mikrowellengeräte, Rasierapparate, DVD-Editionen, Wäschetrockner, Kühlschränke, Reisedefibrillatoren, Lichtbogenöfen und andere Geräte, die einen Stecker, einen Akku oder ein Batteriefach haben.

 

Sogar der Herr Oberbürgermeister gibt sich die Ehre und weist in seinem Grußwort darauf hin, dass mit der Eröffnung dieses hohen Hauses nun auch für die Bundesstadt Bonn die schwere Last der Entbehrung und trübe Finsternis für alle Zeiten ein Ende habe, und es ward Licht.

 

Ich selbst lag am Donnerstag um halb sechs noch im Bett, zumal unser Haushalt mit Küchen-, Reinigungs- und Unterhaltungselektogeräten weitgehend vollständig ausgestattet ist. Auch sonst sehe ich zurzeit keine dringende Notwendigkeit, mir den neuen Elektromarkt von innen anzusehen. Noch nicht. Ich bin doch nicht blöd.

Urlaubsbilder für fünf Euro

Seit einiger Zeit mit ich Mitglied der Bonner Ironblogger. Das ist toll: blieb dieses Blog vorher manchmal wochenlang verwaist, so bin ich nun gezwungen, hier regelmäßig etwas aufzuschreiben, wenigstens einmal in der Woche. Gut, gezwungen ist wohl etwas hart ausgedrückt. Wenn ich eine Woche lang nicht blogge, kostet es fünf Euro, einzuzahlen auf ein Konto. Dieses Geld kommt einem guten Zweck zugute: ist genug zusammengekommen, treffen sich die eisernen Schreiberlinge und wandeln das angesammelte Geld in Kölsch und andere Getränke um.

Fünf Euro sind viel Geld. Man bekommt dafür je nach Anbieter etwa drei Kölsch, oder man kann 125 Minuten von Bonn nach Botswana telefonieren; reihte man im Gegenwert Postwertzeichen zu drei Cent aneinander, ließe sich damit die 0,0000146-fache Strecke von Bonn nach Bielefeld bekleben. Man könnte auch 6,666 Standardbriefe von Bonn nach Botswana versenden, Einschreiben kostet extra.

Als eher sparsamer Mensch versuche ich, jede Woche etwas zu schreiben. Im günstigsten Fall fällt mir spontan was ein, einfach so oder nach einem Blick auf meine Themenliste. Oder ich kann auf einen fertigen Text zurückgreifen, den ich mal in stiller Stunde vorgeschrieben habe. Im schlimmsten Fall sitze ich sonntagabends vor dem leeren Bildschirm und schreibe spontan irgendwas, was dann keiner versteht.

In dieser Woche ist es ganz einfach. Wir verbrachten die vergangene Woche mal wieder in Malaucène, Südfrankreich. Deshalb kann ich meine geneigte Leserschaft heute mit einer keinen Auswahl an Urlaubsbildern beglücken, auch jenseits provencalischer Postkartenidylle. Am besten hören Sie dabei dieses (sehen muss nicht unbedingt sein).

(Ich habe übrigens vollstes Verständnis dafür, wenn Sie die Lektüre spätestens an dieser Stelle abbrechen. Seit jeher drücke ich mich zumeist vor Einladungen, anderer Leute Urlaubsbilder zu betrachten.)

Voila:

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Sie haben bis hierhin durchgehalten? Am Samstag/Sonntag legten wir eine Zwischenstation in Lyon ein. Bilder folgen in einem Extrabeitrag.

Menschen in der Bahn – Nachtrag

Unlängst besang ich hier diverse Verhaltensweisen und Erscheinungsformen von Zeit- und Artgenossen im Öffentlichen Personen-Nahverkehr. Als Nachtrag dazu die Schilderung einer kleinen Begebenheit, die sich vor schon längerer Zeit in der Bielefelder Straßenbahn zutrug.

Mit dem Zug nach ereignisloser Fahrt in Bielefeld angekommen, stieg ich am frühen Abend an der Haltestelle Hauptbahnhof in die Linie 3, um meine Eltern im wenig dekorativen Stadtteil Stieghorst zu besuchen, aber das nur am Rande. In der Sitzgruppe neben mir nahmen zwei Personen Platz, ein Mann und eine Frau. Kaum saßen sie, machte die Frau den folgenschweren Fehler, ihr Gegenüber zu fragen: „Und, wie läuft das Projekt?“, etwa so, wie man fragt „Wie geht’s?“, weil man das eben so fragt und nicht etwa in der Hoffnung auf eine ehrliche Antwort – wer will schon Details zur gerade überstandenen Darmoperation oder von den Problemen mit dem ältesten Sohn hören, wenn er eigentlich ein „Danke gut, und selbst“ erwartet hat.

Offenbar hatte sie die Mitteilungsfreude ihres Gesprächspartners unterschätzt, wie aus einem zu früh geöffneten Schleusentor bei einer Springflut ergoss sich ein Wortschwall in die Bahn, unschöner Sprachmüll wie „Performance“, „…haben wir im Scope“, „Business Case“, „gut aufgestellt“, „Herausforderung“, „Showstopper“ und weiterer Verbal-Unrat wurde während dieser Floskelflut an mein Ohr gespült.

Kurz bevor die Bahn wenige Minuten später am Jahnplatz wieder hielt, erhob sich die Frau wortlos von ihrem Platz und ging zur Tür, derweil die Floskeln weiter flogen. „Ach, musst du schon raus?“, fragte der Schwätzer ihr nach, die tonlose Antwort „Ja, ich muss noch…“ war zu vernehmen, als die Tür der Bahn sich schon wieder schloss.

Was der Mann nicht wusste, und ich weiß es auch nicht, bin mir aber ziemlich sicher, dass es so war: Seine Bekannte musste nicht raus, also jedenfalls nicht, weil sie ihr Fahrtziel erreicht hatte. Aber lieber zehn Minuten in Ruhe auf die nächste Bahn warten, als bis Sieker-Mitte diesem Geschwätz ausgesetzt zu sein. Ich an ihrer Stelle hätte es nicht anders gemacht.