Woche 38: Schokoladenpudding, Atomwaffen und Penisbilder

Montag: Hardcore-Wineporn

kw38 - 1

Dienstag: Wie die Zeitung berichtet, sind in Eisenhüttenstadt mehrere Flüchtlinge aus einer Erstaufnahmeeinrichtung spurlos verschwunden. Zuletzt sollen sie dabei beobachtet worden sein, wie sie in Autos mit Bielefelder Kennzeichen stiegen. Somit stellt sich die Frage, ob die sogenannte Bielefeld-Verschwörung vielleicht doch mehr ist als ein mittlerweile reichlich abgenutzter Internetwitz.

Mittwoch: Aus gegebenem Anlass bitte ich um Verständnis dafür, dass ich Umzugshilfeersuchen grundsätzlich unbeantwortet lasse. Grund dafür ist ein unschöner Vorfall, der schon einige Jahre zurückliegt. Damals konnte und wollte ich bei einer gleichlautenden Anfrage nicht nein sagen. Beim Heruntertragen eines Kühlschranks in den Keller passierte es dann: Mein Rücken gab ein gut hörbares Knacken von sich, danach litt ich wochenlang. Daher mein guter Rat an alle Umzügler: Es gibt hierfür Unternehmen mit gut qualifizierten Mitarbeitern, deren Lohn leider oft im umgekehrten Verhältnis steht zu der Hochachtung, die ihre schwere Arbeit verdient. Ja, die kosten Geld. Aber tut euch und euren Freunden den Gefallen, fahrt notfalls einmal weniger in den Urlaub.

Donnerstag: Neuer Rekord bei multipler Niesattacke: Einundzwanzig, nach Verzehr von Schokoladenpudding.

Freitag: Der Vatikanstaat hat den Anti-Atomwaffenvertrag unterschrieben. Dem Himmel sei Dank, eine Sorge weniger um diese Welt.

Samstag: Die Schweden nennen die Aufregung kurz vor Beginn einer Reise „Resfeber“. Kenne ich gut. Bei mir setzt sie spätestens am Vortag des Reiseantritts ein und endet frühestens, wenn das Siebengebirge ins Blickfeld kommt. In Indonesien sagt man indessen „Gemas“ zu dem Gefühl der Liebe oder Zuneigung, das einen dazu bewegt, jemanden so fest umarmen zu wollen, bis er quietscht. (Aus: „Einzigartige Wörter“ von David Tripolina)

Sonntag: Ein gewisser Michael Buchinger, dem Vernehmen nach hauptberuflich Youtuber, widmet in seinem Buch „Der Letzte macht den Mund zu“ (laut Aufkleber ein SPIEGEL-Bestseller) ein ganzes Kapitel seiner Empörung über ein ihm unverlangt zugesandtes Penisbild. Machte ich um jeden Penis, der mich im Laufe der Jahre per Gayromeo oder Grindr erreichte, ein derartiges Aufheben, könnte ich damit ein Buch von eineinhalbfacher Bibelstärke füllen.

Behütet

Ich wuchs auf in Stieghorst, einem östlichen Stadtteil von Bielefeld (gibt es wohl, ha ha ha), dessen Schönheit sich nicht auf Anhieb erschließt. Dennoch empfand ich meine Kindheit und Jugend als glücklich und wohl behütet. Zum Kindergarten (so hieß das damals, die Kita war noch nicht erfunden) brachte mich Opa; mittags(!) holte er mich wieder ab. Nicht etwa mit dem Auto, sondern zu Fuß. Die Grundschule lag etwa einen Kilometer von meinem Elternhaus weg, dorthin gingen wir ebenfalls jeden Tag zu Fuß, ohne (groß-)elterlichen Geleitschutz, was nicht ohne Brisanz war, denn unterwegs begegneten wir den Schülern der Sonderschule, welche manchmal große Freude daran hatten, uns anzupöbeln, zu schubsen, schlagen oder in sonstiger Weise zu drangsalieren. Es liegt mir fern, Menschen scheinbar niedrigerer Bildungsschichten zu diskreditieren, aber es waren nun mal Sonderschüler, und die haben uns echt zugesetzt. Dennoch wären unsere Eltern nicht auf die Idee gekommen, uns mit dem Auto zur Schule zu fahren und wieder abzuholen. Auch später zum Gymnasium nicht. Dieses lag in Heepen, etwa sieben Kilometer von zu Hause entfernt. Entweder fuhren wir mit dem Bus, was meistens mit übler Drängelei beim Einsteigen verbunden war, oder mit dem Fahrrad. Auch bei Schnee.

In unserer Siedlung lag (und liegt auch heute noch) eine größere Rasenfläche, auf der wir Kinder uns nach den Hausaufgaben zum Spielen trafen. Da der Rasen zur Straße hin abfällt, rollte schon mal der Ball auf selbige, wodurch jedoch niemand zu Schaden kam, obwohl sie damals noch nicht durch baumbepflanzte Verkehrsinseln entschleunigt war und sogar eine Buslinie durch sie hindurch führte. Oft gingen wir auch in den Park und den kleinen Wald in der Nähe, kamen erst zum Abendessen nach Hause. Das war trotz elterlicher Nichterreichbarkeit ganz normal und kein Problem. Nur einmal gab es Ärger: Ich besuchte meinen Schulfreund Christian. Nachmittags kamen wir auf die Idee, mit den Stofftieren einen Ausflug zu unternehmen. Dazu packten wir alles Plüschgetier in zwei kleine Kinderschubkarren und und machten uns auf in die Felder Richtung Oldentrup / Hillegossen, wo heute ein Gewerbegebiet die Landschaft bereichert. Dabei vergaßen wir ein wenig die Zeit und kamen erst mit Einbruch der Dunkelheit zurück, wo wir schon von zwei aufgebrachten Müttern erwartet wurden. Egal, uns hatte es gefallen, und den Tieren augenscheinlich auch.

Am schönsten war es bei meinen Großeltern mütterlicherseits, die auf dem Land bei Göttingen wohnten. Stundenlang streiften wir durch die Felder, bauten Staudämme im vom nahen Bauernhof gülleverseuchten Graben, machten Feuer oder zogen in den Wald. Für letzteres mussten wir die Bundesstraße überqueren oder die Bahnlinie, was weniger dramatisch war als es klingt, es fuhren nur noch sehr wenige Züge am Tag und wir kannten die Fahrzeiten, außerdem klingelte vorher die Glocke der Schranke.

Warum ich das alles erzähle? Vor kurzem hörte ich in der Kantine die Unterhaltung zweier Kolleginnen. Die Kinder alleine zur Schule fahren lassen? Niemals. Ohne erwachsene Begleitung in den Wald? Auf keinen Fall. Warum nicht?, fragte ich. Viel zu gefährlich: der Straßenverkehr, überall lauern Kinderschänder. Und natürlich müssen sie jederzeit mobil erreichbar sein, was für eine Frage.

Laut einer Emnid-Umfrage halten heute 53% aller Eltern das Spielen im Wald für gefährlich, was nachvollziehbar ist, werden doch in den letzen Jahren wieder Wölfe und Luchse in hiesigen Gehölzen heimisch. Auch entspricht die deutsche Eiche sicher nicht den Normen kindgerechter Spielgeräte, was da alles passieren kann!

Am 22. September dieses Jahres war Aktionstag „Zu Fuß zur Schule“. Kinder sollten dabei lernen, sich im Verkehr zu bewegen, schließlich werden sie das irgendwann können müssen, spätestens wenn sie groß sind und was mit Medien machen oder so. Auch sollen sie die Umgebung kennen lernen, Freunde treffen (also so richtig, nicht im Sichtfenster ihres Datengeräts) und dabei etwas Bewegung bekommen. Zudem werden die SUV-Muttis, die ihre Brut zur Schule bringen, zunehmend zu einer ernsten Gefahr für die Brut anderer SUV-Muttis. Ich schlage deshalb vor, an Schulen und in deren unmittelbarer Nähe ein streng bewachtes absolutes Halteverbot einzurichten, oder Zufahrtsstraßen zu Schulen während der üblichen Zeiten des Schulbeginns und -schlusses für Kraftfahrzeuge zu sperren. Es ist schon bemerkenswert, dass man für so eine Selbstverständlichkeit einen Aktionstag braucht; was kommt als nächstes: „Mit dem Fahrrad vor der roten Ampel halten“?

Vielleicht wollen die Kinder das heute auch gar nicht mehr, unbeaufsichtigt zur Schule gehen oder im Wald spielen. Weil sie die wenige Freizeit, die ihnen neben Schule, Nachhilfe (48% aller Kinder bekommen heute Nachhilfe, las ich neulich), Chinesisch-Kurs, Rhönrad-Training, Musiktherapie und Geigenunterricht noch bleibt, lieber im Netz verbringen. Ob eine Kindheit heute glücklicher ist als unsere, vermag ich nicht zu beurteilen. Behüteter ist sie auf jeden Fall.

Stöckchen: Neunzehnhundertachtundachtzig

Frau serotonic hat ein virtuelles Stöckchen gefangen, mit welchem sie aufgefordert wurde, in ihrem Blog einen Blick zurück auf ihr persönliches Jahr 2003 zu werfen. Da ich das für eine schöne Idee halte, rief ich bereitwillig „hier“, als sie sich anschickte, das Stöckchen weiter zu werfen. Und da ich schon ein alter Sack bin und die Stöckchenwerferin das offenbar weiß, wies sie mir das Jahr 1988 zu – ganz schön lange her. Aber nach einem Blick ins Tagebuch und auf diverse Musikkassetten gelingt auch mir dieser Rückblick mühelos. Alsdann:

Mein Jahr 1988

Alter: süße 21 Jahre.

Beziehung: Weit entfernt von einer solchen, dafür verzweifelt auf der Suche. Zeitweise ahnte ich bereits, dass ich möglicherweise in die falsche Richtung schaute, was ich aber ein weiteres Jahr lang mehr oder weniger erfolgreich verdrängte.

Beruf: Im August beendete ich meinen Vorbereitungsdienst für den „mittleren nichttechnischen Postdienst“ und durfte mich nach erfolgreich bestandener Laufbahnprüfung fortan mit der Dienstbezeichnung „Postassistent zur Anstellung“ schmücken. Damals war es noch einfach, die Frage „Was machst du beruflich“ zu beantworten: Schalterbeamter bei der Deutschen Bundespost.

Musik: Nichts bestimmtes, dieses Zeug der späten Achtzigerjahre halt. Hier eine repräsentative Auswahl: „Ship Of Fools“ von World Party, „Standing On Higher Grounds“ von Alan Parsons Projekt, „True Faith“ von New Order, „Ayla“ von Flash And The Pan, „Never Tear Us Apart“ von INXS und „Heart´s Desire“ von Gerry Rafferty (B-Seite von „Shipyard Town“. Wenn Sie nicht wissen, was eine B-Seite ist, scheuen Sie sich nicht, zu fragen.)

Haare: Weiß ich nicht mehr genau, leider (oder zum Glück) gibt es von mir so gut wie keine Bilder aus der Zeit. Vermutlich etwas länger als heute. Jedenfalls war es morgens immer ein Kampf mit Geltube und Fön, den ich meist verlor – selten lagen sie so, wie ich es gerne gehabt hätte.

Aufenthaltsort: Bielefeld-Stieghorst, in meinem Elternhaus, inklusive Verpflegung und Wäscheservice gegen ein geringes monatliches Entgelt, welches „Kostgeld“ genannt wurde. Bis zur ersten eigenen Wohnung sollten noch fünf Jahre vergehen, auch wäre daran mit meinem schmalen Jungbeamtensalär 1988 noch gar nicht zu denken gewesen.

Fazit: Insgesamt war 1988 kein schlechtes Jahr für mich, jedoch liegt es mir fern, mich in jene Zeit zurück zu sehnen. Früher war nicht alles besser, nur vieles anders.

Wenn Sie nun auch das Stöckchen fangen wollen – die Adresse finden Sie oben.

Nostalgie und Altmetall

BI-150S12-715

Oft ist es ein alter Song oder ein vertrauter Geruch, welcher unmittelbar Erinnerungen an die Kindheit oder Jugend weckt. In diesem Fall ist es das Bild eines alten Busses, auf welches ich eher zufällig in des Netzes Maschen gestoßen bin. Nicht irgendein alter Bus, sondern der Magirus-Deutz Nummer 715 der Stadtwerke Bielefeld. Mit diesen altertümlichen Teilen fuhren wir anfangs, kurz nach der Grundschulzeit, jeden Morgen nach Heepen zum Gymnasium; später seltener, weil die Verkehrsbetriebe sie nach und nach ausmusterten und durch moderne Fahrzeuge ersetzten, wobei auch die Nachfolger heute längst von den Straßen verschwunden und allenfalls im Verkehrsmuseum zu betrachten sind.

Umso erfreuter war ich, wenn dann doch noch mal ein alter Magirus vorfuhr, diese Wagen waren was besonderes: Sie hatten unvergleichlich dicke und weiche Sitzpolster, wie man sie sich im heutigen ÖPNV nicht mehr vorstellen kann, und der Sound war grandios – das Aufheulen des Deutz-Motors beim Anfahren und das markante Pfeifen des Automatikgetriebes, wenn es in die dritte Stufe schaltete, liegen mir noch heute im Ohr.

Wie gerne würde ich noch einmal in so einem Bus fahren, nicht zur Schule, das muss nicht sein, vielleicht ins Büro oder einfach nur so von A nach B und wieder zurück, Busfahren des Busfahrens wegen, weil es Spaß macht. Nicht dass Busfahren zu meinen größten Vergnügen gehört, aber mit so einem Magirus wäre das was anderes. Leider ist das nicht mehr möglich – der 715 und seine Brüder machten ihre letzte Fahrt zum Schrottplatz schon vor über dreißig Jahren, meines Wissens hat keiner überlebt, auch nicht in einem Museum. Schade. Aber vielleicht enthält ja meine Armbanduhr, das Brotmesser oder der Duschkopf ein paar Atome der verschrotteten Busse. Das würde mich freuen, auch wenn sie nicht so schön pfeifen wie ein Automatikgetriebe.

Abi ’86

Übelkeit

Am vergangenen Samstag besuchte ich meine Eltern in Bielefeld. Bei der Gelegenheit übergab mir meine Mutter einen dicken Umschlag mit der Aufschrift „Schule“. Dieser enthielt jedoch mehr als ein paar alte Zeugnisse, nämlich unter anderem auch die Abiturrede unseres Jahrganges, die ich geschrieben und auf der Abschlussfeier vor Mitschülern, Eltern und Lehrern vorzutragen die Ehre und das Vergnügen hatte. Jahrelang wähnte ich sie verschollen, jetzt ist sie wieder da! 

 

Ladies and Gentlemen, Stancerblog proudly presents die Abiturrede des Jahrgangs 1986 des Gymnasiums Heepen zu Bielefeld. Viel Vergnügen!

 

***

 

 

 

Liebe Mitschüler, liebe Eltern, verehrte Lehrer!

 

Wir alle sind hier und heute versammelt, um Abschied zu feiern. Ja, nun ist es auch für uns so weit: Wir, die Schüler des Abiturjahrganges 1986, verabschieden uns nach 13 (oder auch mehr) Jahren von der Institution, die uns auf den Ernst des Lebens vorbereiten sollte. Für den einen mag das sehr erfreulich sein, für den anderen weniger. Ich selbst zähle mich zu zweiteren, denn ich finde es schade, daß für mich die Schulzeit nun vorbei ist.

 

Ich erinnere mich noch recht gut an den Tag, als ich vor neun Jahren hierherkam. Mein erster Eindruck war ein grauer Betonklotz, aus dessen Fenster viele neugierige Köpfe schauten, um die Neuankömmlinge zu begutachten. Nach der Begrüßungsrede des Herrn Dr. Döpelheuer wurden wir auf unsere Klassen verteilt und mußten uns erst einmal an die neue Situation gewöhnen. Neu war vor allem, daß es Mitschüler gab, die doppelt so groß waren wie wir und sehr erwachsen aussahen. Wenn ich dagegen uns heute so betrachte… Wir hatten damals noch Respekt vor Schülern der Oberstufe! Wir hätten es nie gewagt, so einen großen Bärtigen schief anzureden. Und wie ist das heute? Kein Funken Respekt wird uns heute noch von den Kleinen entgegengebracht! Tja, sic transit gloria mundi, was frei übersetzt so viel heißt wie so schwindet das Ansehen des Oberprimaners dahin.

 

Natürlich gab es auch neue Dinge innerhalb der Klasse. Zu Beginn der Stunde mußten wir aufstehen, wenn der Lehrkörper des Raum betrat. Hier auf dem Gymnasium wehte ein anderer Wind als auf der Grundschule; hier mußte man schon etwas tun für gute Zensuren. Natürlich kamen auch die außer-unterrichtlichen Beschäftigungen nicht zu kurz. Wir machten teilweise einen Mist von ungeahnter Vielfalt, sei es, daß wir arme Mitschüler in den Klassenschrank sperrten, aus dem sie sich erst mitten in der Stunde befreien konnten, was bei dem Lehrer auf gewisses Unverständnis stieß und mit einer Rüge geahndet wurde, oder daß wir zuförderst *1 besserer Kommunikation Steine aus der Wand zur Nachbarklasse pulten. Rüge, das war das magische Wort, vor dem anfangs alle erzitterten, das aber direkt proportional zur Jahrgangsstufe an Bedeutung verlor, ja selbst der größere Bruder, der Tadel, konnte später nur noch ein müdes Grinsen hervorrufen. In unserer Klasse war es fast ein Sport, Eintragungen zu sammeln; so belief sich die Anzahl der Eintragungen, ich glaube es war in der 8c, auf über 100.

 

Dann kam sie, die Oberstufe. Wieder mußten wir uns umstellen: Mit der Klassengemeinschaft war es plötzlich aus, und die Kurse, die in Neun und Zehn nur als willkommene Abwechslung angesehen wurden, wurden plötzlich ernst. Das schlimmste war für mich die Tatsache, daß ich nun für den Sport extra nachmittags noch einmal erscheinen mußte. Es ist doch wirklich ein Hohn! Jedes Fach, sogar Mathe, kann man irgendwann abwählen, nur Sport muß man fast bis zum bitteren Ende behalten. Daran ist nur das System schuld! *2

 

Ich konnte mich nie daran gewöhnen, nun plötzlich von einigen meiner Lehrer gesiezt zu werden, vor allem dann nicht, wenn mich die Lehrerin oder der Lehrer noch vor wenigen Wochen geduzt hat. Bin ich denn innerhalb so kurzer Zeit um so vieles erwachsener geworden?

 

Aber die Oberstufe brachte auch Privilegien mit sich, die uns vorher nicht zuteil wurden. So durften wir jetzt in Pausen offiziell das Schulgelände verlassen (schließlich hat man mit 16 die nötige Reife zum Überqueren einer Straße erlangt), ohne später verhört zu werden, was natürlich viele in der Neun und Zehn nicht abhielt, mal eben zum Bäcker zu gehen. Wir durften, was anfangs noch mit Rügen geahndet wurde, in den Pausen im Klassenraum bleiben, sofern wir der Aufsicht führenden Person unsere Oberstufenangehörigkeit klarmachen konnten. Und schließlich durften die Raucher unter uns ihren Gelüsten freien Lauf lassen, natürlich nur in der Raucherecke *3, wer nicht hören will, muß fegen! Da sich nur wenige daran hielten, wurde die Raucherecke kurzerhand dorthin verlegt, wo sich die Raucher ohnehin am liebsten aufhielten. Schließlich ist die Schule für den Schüler da und nicht umgekehrt.

 

Wie gesagt war es wieder eine große Umstellung von dem Klassenverband auf das Kurssystem. Doch daran hatte man sich nach einiger Zeit gewöhnt, und immerhin lernte man neue Leute kennen, deren Existenz man vorher nicht mal geahnt hatte. Und die verlorene Klassengemeinschaft hatte spätestens in der Zwölf einer Kursgemeinschaft Platz gemacht, die genauso gut war und die durch Kurstreffen und „Studienfahrten“ vielfach noch verstärkt wurde. Dem Klassenlehrer war der Jahrgangsstufenleiter bzw. die Leiterin gefolgt, der an dieser Stelle für ihre Tätigkeit gedankt sei. (Überreichung eines Geschenkes)

 

Auch unsere Einstellung zur Schule im Allgemeinen und unser Pflichtbewußtsein im Besonderen hatte sich ein wenig gewandelt. So hätten wir es früher nie gewagt, eine Stunde mal eben frei zu nehmen, ohne von einer plötzlichen schweren Krankheit heimgesucht worden zu sein. Schließlich mußte man sich eine solche Stunde von den Eltern in Form einer Entschuldigung absegnen lassen. Doch jetzt, im Zeitalter der „Benachrichtigung über versäumten Unterricht“, wo man fast nur noch „Zutreffendes durchkreuzen“ muß, wurde es uns recht leicht gemacht, im Rahmen eines Motivationsdefizites in den Genuß einer außerplanmäßigen individuellen Freistunde zu kommen. Natürlich, liebe Lehrer, weiß ich, daß es Ihnen in vielen Fällen völlig klar war, daß der angegebene Versäumnisgrund nicht immer mit der Wahrheit übereinstimmte, man kennt schließlich seine Pappenheimer, aber was sollten Sie machen? So haben Sie dann zähneknirschend Ihr Kürzel auf den Zettel gesetzt, welcher dann meistens den Weg alles irdischen ging, also vernichtet wurde. *4

 

Auch den Einzug moderner Technik in unsere Schule haben wir miterleben dürfen. Das äußerte sich zum einen darin, daß plötzlich alle Stunden- und Raumbelegungspläne, ja sogar Zeugnisse von einem Computer gedruckt wurden, aber auch darin, daß unsere Pausen durch Brunos Heiligtum, die Getränke- und Joghurtautomaten versüßt wurden. An dieser Stelle möchte ich Herrn Hoffmann grüßen und ihm für seine zuvorkommende Freundlichkeit und ausnehmende Höflichkeit danken, durch welche es uns stets ein Vorbild war. Es sei denn, er hatte schlechte Laune, aber das kann ja mal vorkommen. *5

 

Ja, das alles ist nun zumindest für uns vorbei. Wir gehen alle unsere Wege, in die Lehre, ins Studium, zur Bundeswehr, oder was weiß ich. Da bleibt mir nur eines zu sagen: Machts gut! Wir hatten zwar viel Streß und Ärger, aber auch sehr viel Spaß hier. Oder nicht?

 

Doch nun will ich langsam zum Ende meiner Ausführungen kommen, und zwar mit etwas lyrischem. Einigen von Ihnen ist Goethes „Faust“ sicherlich ein Begriff (Uns jedenfalls nicht. Wir bekamen höchstens expressionistische Großstadtgedichte vorgesetzt). Da Goethe sich nicht mehr wehren kann, bitte ich auch Sie, mir das folgende nicht übel zu nehmen.

 

Vollbracht *6

 

Habe nun, ach! Philosophie,

Mathe, Deutsch, Latein, Chemie,

Und leider auch Biologie,

Durchaus studiert, begriffen nie.

Da steh ich nun, ich armer Tor,

fühl mich viel klüger als zuvor!

Heiße Primaner, Abiturient gar,

Und ziehe schon an die dreizehn Jahr

Herauf, herab, und quer und krumm

Meine Lehrer an der Nase herum –

Und sehe, daß wir nicht mehr wissen können!

Drum will ich mir jetzt Ruhe gönnen.

Ich bin jetzt gescheiter als all die Laffen

aus längst vergangenen unteren Klassen;

Mich plagen jetzt kein Referat noch Klausur,

Fürchte mich weder vor Schule noch Lehrerfigur –

Dafür ist mir auch aller Streß entrissen,

Bilde mir nicht ein, jetzt noch was zu wissen,

Bilde mir nicht ein, ich könnte jetzt was lernen,

Ich möchte jetzt eins, nämlich feiern nur,

Es ist vollbracht, das Abitur!

 

– – – – – 

*1) Schon damals hatte ich einen Hang zur Verwendung veralteter Wörter. Leider passt „zuförderst“ hier überhaupt nicht: erstens schreibt man es mit v statt f, zweitens bedeutet es „vor allem“, gemeint war aber „zwecks“. Ich hoffe, niemand der Zuhörer merkte es.

 

*2) Heute bin ich nicht mehr sicher, ob das ironisch gemeint war. Sehr wahrscheinlich ja, meine Neigung zu linken Parolen war nicht besonders ausgeprägt; viel lieber verspottete ich die bärtigen Latzhosenträger, die solche Sätze gebrauchten.

 

*3) Für die jüngeren Leser: Ja, damals war das Rauchen in dafür vorgesehenen Zonen auf dem Schulhof offiziell erlaubt. Inzwischen ist das Wort ‚Raucherecke‘ genau so ausgestorben wie etwa ‚Kassettenrekorder‘ oder ‚Überspielkabel‘.

 

*4) Zum Glück nicht immer. Der Umschlag enthielt auch einige der genannten Formulare, hier eine Auswahl der von mir angegebenen Gründe des Fernbleibens:

– Übelkeit

– Übelkeit mit Erbrechen

– theor. Führerscheinprüfung

– Kopfschmerzen

– starke Erkältung

– Vorstellungsgespräch

– Einstellungstest

– Familienfeier in Göttingen

– Musterung / EVP

– postklausurale Nervenüberbelastung, verbunden mit Motivationsmangel

Und das haben die Lehrer alles abgezeichnet.

 

*5) Das war, unschwer zu erkennen, Ironie. Bruno H. war der klassische Schulhausmeister: graublauer Kittel und stets unfreundlich gegenüber uns Schülern. Vermutlich hasste er uns. Vielleicht wäre er versöhnlicher gewesen, hätte es damals schon den Begriff ‚Facility Manager‘ gegeben, wer weiß.

 

*6) Reim dich oder ich fress dich. Sie kennen das von diversen Familienfeiern.

Nicht blöd

Es ist halb sechs in der Frühe, grimmige Kälte und Dunkelheit liegen über den hunderten Menschen, die frierend vor dem großen Gebäude ausharren, darauf wartend, dass es endlich seine Türen öffnet, hinter denen sich all die Dinge befinden, welche diese Menschen schon so lange entbehren, nach denen es sie schmerzhaft verlangt.

 

Endlich, um sechs, schließt ein Mitarbeiter in rotem Hemd die Tür auf, die Meute dringt hinein wie die schäumende Wasserflut nach dem Dammbruch, stürzt sich auf die feilgebotenen Waren, jeder rafft, was er zu greifen bekommt, ehe ihm ein anderer zuvor kommt, bald kommt es zu Rempeleien, Handgemengen, heiseren Schreien und langen Schlangen vor den Kassen. 

 

Gotha, im November 1983 nach Ankündigung einer neuen Lieferung Orangen? Bielefeld im erbarmungslosen Winter 1947? Nein, Bonn am vergangenen Donnerstag: Eine große, bekannte Elektomarkt-Kette eröffnet hier ihre Filiale. Gleich einem Blattschneiderameisenvolk schleppen sie die eroberten Schnäppchen zum Eröffnungspreis aus dem schmucken neuen Gebäude am Friedensplatz: Fernseher, Kaffeeautomaten, Mikrowellengeräte, Rasierapparate, DVD-Editionen, Wäschetrockner, Kühlschränke, Reisedefibrillatoren, Lichtbogenöfen und andere Geräte, die einen Stecker, einen Akku oder ein Batteriefach haben.

 

Sogar der Herr Oberbürgermeister gibt sich die Ehre und weist in seinem Grußwort darauf hin, dass mit der Eröffnung dieses hohen Hauses nun auch für die Bundesstadt Bonn die schwere Last der Entbehrung und trübe Finsternis für alle Zeiten ein Ende habe, und es ward Licht.

 

Ich selbst lag am Donnerstag um halb sechs noch im Bett, zumal unser Haushalt mit Küchen-, Reinigungs- und Unterhaltungselektogeräten weitgehend vollständig ausgestattet ist. Auch sonst sehe ich zurzeit keine dringende Notwendigkeit, mir den neuen Elektromarkt von innen anzusehen. Noch nicht. Ich bin doch nicht blöd.

Urlaubsbilder für fünf Euro

Seit einiger Zeit mit ich Mitglied der Bonner Ironblogger. Das ist toll: blieb dieses Blog vorher manchmal wochenlang verwaist, so bin ich nun gezwungen, hier regelmäßig etwas aufzuschreiben, wenigstens einmal in der Woche. Gut, gezwungen ist wohl etwas hart ausgedrückt. Wenn ich eine Woche lang nicht blogge, kostet es fünf Euro, einzuzahlen auf ein Konto. Dieses Geld kommt einem guten Zweck zugute: ist genug zusammengekommen, treffen sich die eisernen Schreiberlinge und wandeln das angesammelte Geld in Kölsch und andere Getränke um.

Fünf Euro sind viel Geld. Man bekommt dafür je nach Anbieter etwa drei Kölsch, oder man kann 125 Minuten von Bonn nach Botswana telefonieren; reihte man im Gegenwert Postwertzeichen zu drei Cent aneinander, ließe sich damit die 0,0000146-fache Strecke von Bonn nach Bielefeld bekleben. Man könnte auch 6,666 Standardbriefe von Bonn nach Botswana versenden, Einschreiben kostet extra.

Als eher sparsamer Mensch versuche ich, jede Woche etwas zu schreiben. Im günstigsten Fall fällt mir spontan was ein, einfach so oder nach einem Blick auf meine Themenliste. Oder ich kann auf einen fertigen Text zurückgreifen, den ich mal in stiller Stunde vorgeschrieben habe. Im schlimmsten Fall sitze ich sonntagabends vor dem leeren Bildschirm und schreibe spontan irgendwas, was dann keiner versteht.

In dieser Woche ist es ganz einfach. Wir verbrachten die vergangene Woche mal wieder in Malaucène, Südfrankreich. Deshalb kann ich meine geneigte Leserschaft heute mit einer keinen Auswahl an Urlaubsbildern beglücken, auch jenseits provencalischer Postkartenidylle. Am besten hören Sie dabei dieses (sehen muss nicht unbedingt sein).

(Ich habe übrigens vollstes Verständnis dafür, wenn Sie die Lektüre spätestens an dieser Stelle abbrechen. Seit jeher drücke ich mich zumeist vor Einladungen, anderer Leute Urlaubsbilder zu betrachten.)

Voila:

IMG_2217
IMG_2205
IMG_2263IMG_2251IMG_2243
IMG_2234IMG_2227IMG_2223
IMG_2212IMG_2200IMG_2199
IMG_2211

Sie haben bis hierhin durchgehalten? Am Samstag/Sonntag legten wir eine Zwischenstation in Lyon ein. Bilder folgen in einem Extrabeitrag.