Woche 29/2026: Menschen in Jacken und ein wunderbarer Tag

Montag: Der für einen Wochenbeginn etwas zu lange Arbeitstag bestand zu etwa achtzig Prozent aus Terminen. Das schlimmste an größeren Teams-Runden ist oft das virtuelle, infantile Händeklatschen und Daumenhoch nach einem mehr oder weniger tollen Redebeitrag. Da ich nichts zu sagen hatte, blieb es mir erspart.

Dienstag: Morgens überholte mich am Rheinufer eine junge Läuferin in einem derart kurzen Röckchen, dass der Übergang zwischen Oberschenkel und Pobacken deutlich darunter hervortrat. Männer mit anderer Präferenz diesbezüglicher Perspektiven mögen das als reizvoll empfunden haben, ich fand es eher befremdlich, um auch dieses schöne Wort mal wieder zu verwenden.

Zu Mittag aß ich mit einer Kollegin, die ich schon lange kenne und nur noch selten sehe, weil wir rein geschäftlich keine Berührungspunkte mehr haben. Das ist schade, weil uns immer noch etwas verbindet, was im allgemeinen Sprachgebrauch als gemeinsame Wellenlänge bezeichnet wird. Dabei entschied ich mich für Spaghetti Bolognese, passend zum weißen Hemd, das nun in der Wäsche ist.

Eine andere Kollegin, die soeben aus dem Urlaub zurück war, fragte sich: Was mache ich hier eigentlich? Immer wieder eine sehr berechtigte Frage.

„Welche Technologie wird es deiner Meinung nach in 20 Jahren ganz sicher geben?“ lautet die Tagesfrage von WordPress. Mit „ganz sicher“ bin ich zurückhaltend, ist doch keineswegs sicher, ob es dann überhaupt noch Technologien und Menschen gibt; wenn wir so weiter machen, bin ich da eher skeptisch. Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann eine virtuelle Zeitmaschine, mit der ich mich in eine beliebige Zeit an einen beliebigen Ort versetzen lassen kann und bei Bedarf wieder zurück. Falls ich in zwanzig Jahren noch lebe.

Mittwoch: Sommerzeit ist Singstar-Zeit, jedenfalls war das bis vor einiger Zeit so, wenn die Singstarkrähe von gegenüber bei offenem Fenster mit großer Ausdauer, geringem Talent und immer demselben Lied die Siedlung beschallte; nicht immer war erkennbar, um welches Lied es sich handelte. Sie ist schon länger nicht mehr zu hören, vielleicht ist sie weggezogen oder man brachte sie dauerhaft zum Schweigen, was einerseits nachvollziehbar, ihr andererseits selbstverständlich nicht zu wünschen ist. Stattdessen probt dort nun einmal wöchentlich ein Chor, was mich, der ich jahrelang selbst mit großer Begeisterung in einem Kölner Chor sang, hellhörig werden lässt. Schon seit längerem liebäugle bzw. -mündele ich mit der Idee, mich wieder einem Chor anzuschließen, idealerweise in fußläufiger oder radfährlicher Nähe. Vielleicht sollte ich mal unverbindlich Kontakt aufnehmen.

Donnerstag: Bei Ankunft im Turm standen die Leute Schlange im Foyer, um ein Einlassarmbändchen für das Sommerfest des Arbeitgebers ab dem Nachmittag zu bekommen. Ich ließ die Schlange stehen und holte mir mein Bändchen mittags ohne jede Wartezeit. Manchmal ist es klüger, nicht unter den ersten sein zu wollen.

Der Arbeitstag war überreich an Terminen, das Sommerfest schloss sich nahtlos und bei bestem Wetter an. Es gab genug zu essen und trinken und reichlich Gelegenheit zu netten Gesprächen. Ich verließ das Fest nicht allzu spät, bevor der Moment kam, wo man niemanden mehr kennt oder erkennt, und war froh über den anschließenden längeren Spaziergang nach Hause. Dort reichte die Schreiblaune gerade noch für das Tagebuch, …

..

Freitag: … daher wurden vorstehende Zeilen erst heute beim Morgenkaffee notiert.

Morgens im Bad hörte ich im Radio erstmals ein neues Lied der Rolling Stones und war angetan, auch wenn Mick Jagger darin in meinen Ohren nicht wie Mick Jagger klingt. Jedenfalls bewundernswert, dass die (noch lebenden) nach so vielen Jahren immer wieder noch was Neues machen.

Auf dem Rad war es morgens erstaunlich kühl, auch Menschen in Jacken waren wieder zu sehen, ein fast schon ungewohnter Anblick. Bei Ankunft am Turm fielen ein paar wenige Tropfen vom trüben Himmel. Nachmittags wurde es wieder sonnig und warm, der anschließende Besuch der Sportstätte schweißtreibend.

Dort wurden inzwischen in großer Anzahl Zettel ausgehängt, auf denen beschrieben ist, wie die Geräte des Zirkelparcours zu nutzen sind, damit es für alle funktioniert, nämlich nach jeder Einheit im Uhrzeigersinn ans nächste, siehe auch meine diesbezüglichen Anmerkungen in der vergangenen Woche. Heute hielten sich alle daran, mal sehen, wie lange.

Die angespannte Bonner Verkehrssituation ist neben Brückensperrung, baustellenbedingten Sperrungen der rechtsrheinischen Bahnstrecke und von Abschnitten der Stadt- und Straßenbahn um ein weiteres Auchdasnoch reicher: Zahlreiche Fahrten der Stadtbahnlinie 66 werden zurzeit nur mit einem Wagen statt der üblichen Doppeltraktion gefahren, somit in halber Länge. Als Grund geben die Stadtwerke einen hohen Schadbestand und Lieferschwierigkeiten bei Ersatzteilen an. Am besten, man verlässt die Stadt bis auf weiteres nicht mehr.

Geht aber nicht, morgen fahre ich nach Bielefeld, um einen sechzigsten Geburtstag zu feiern. Was noch ungewohnt klingt, zumal es den Freund betrifft, den ich seit früher Jugend kenne. Daran werde ich mich gewöhnen müssen, nächstes Jahr bin ich dran. Ich freue mich drauf, wenigstens auf morgen. Auf nächstes Jahr noch nicht ganz so, das kommt sicher noch.

Samstag: Auf dem Bahnsteig morgens sprach mich ein junger Mann mit Ohrstöpseln an, wobei letzteres kaum der Erwähnung bedarf, da junge Menschen ohne Kopfhörer nur noch selten anzutreffen sind; ich schweife ab. Anstatt wie erwartet um Bargeld zu bitten, ließ er mich in koronalisierender Aussprache wissen, er fühle sich ausgegrenzt. Auf meine mit mäßigem Interesse vorgetragene Frage, warum, sagte er, wegen seiner dunklen Haare, Augenbrauen und braunen Augen. Das alles habe ich auch, fühle ich mich ausgegrenzt? Ja schon, manchmal, doch deswegen belästige ich keine fremden Leute.

In Hamm musste ich umsteigen. Da der zu besteigende RE 6 aus nur einem Zugteil bestand statt zwei, es scheint da zurzeit einen gewissen Trend zu geben, siehe oben, war er entsprechend gefüllt und alle Sitzplätze belegt. Unlustig, bis Bielefeld zwischen schwitzenden Menschen zu stehen, nahm ich in der ersten Klasse Platz, der dort reichlich verfügbar war. Als grundsätzlich um Korrektheit bemühter Bürger versuchte ich nun, über die Bahn-App einen Aufschlag für die erste Klasse zu erwerben. Das gelang nur mit Mühe und vielen Fehlversuchen, bis ich diese Funktion endlich gefunden hatte. Aber ach: Nach Bezahlen wurde mir beschieden, das Ticket würde mir per Mail zugesandt und ich müsse es ausdrucken. Leider hatte ich keinen Drucker dabei, deshalb hätte ich im Falle der Kontrolle nur den Nachweis des Kaufs vorzeigen können. Es kam dann aber keiner. Wenigstens reiste ich reinen Gewissens.

Bei Bielefeld-Brackwede (das trotz ck mit langem a ausgesprochen wird, falls Sie mal in die Verlegenheit geraten sollten) sah ich in einer Wiese einen Storch und wunderte mich einigermaßen, waren doch Störche meines Wissens bislang nicht zum Bestandteil ostwestfälischer Fauna. Wie ich abends auf der Geburtstagsfeier erfuhr, sind die Vögel hier inzwischen nichts Besonderes mehr. Wie schön.

Mit nur leichter Verspätung im Rahmen der Erwartung wurde Bielefeld erreicht. Erst danach spielte mir die Eurobahn einen kleinen Streich. Da zwischen Ankunft und Beginn der Feier am ehemaligen Bahnhof Hillegossen noch Zeit war, besuchte ich vorher meine Mutter. Für die Weiterfahrt in den Osten der Stadt nutze ich nicht die Stadtbahn, sondern beschloss spontan, mit der Regionalbahn in Richtung Lemgo zu fahren, die in wenigen Minuten am Nebengleis abfahren würde. In Oldentrup wollte ich aussteigen, von dort ist es bis zur Mutter ein willkommener Fußmarsch von vielleicht einer Viertelstunde Länge. Als der Zug in Oldentrup hielt und ich den Türaufknopf drückte, passierte nichts. Auch nach mehrmaligem Drücken nicht, die Tür blieb geschlossen. Mein spontaner Sprint zur nächsten Tür war vergeblich, die Bahn rollte schon wieder an. Mir blieb nichts anderes übrig, als weiterzufahren bis zum nächsten Halt Ubbedissen, durch Hillegossen, wo wir später feiern würden und wo seit dem Sommerfahrplan 1988 keine Züge mehr halten. Ab Ubbedissen fuhr ich dann mit dem Bus zur Mutter, wo immer noch genug Zeit war für Kaffee und Kuchen.

Die Geburtstagsfeier war in mehrfacher Hinsicht großartig. Zunächst der Ort: Im Bahnhofs Hillegossen hatten Geburtstagskind U. und ich in den Achtzigern zahlreiche Nachmittage verbracht, nachdem wir uns mit einem der dort diensthabenden Bahnbeamten angefreundet hatten, der uns in den Stellwerksraum mit den großen Stellhebeln für Weichen und Signale ließ, die damals noch mechanisch über Hebel und Drahtzüge bedient wurden. Nach Modernisierung der Technik wurde das alte Stellwerk überflüssig, es sollte ausgebaut und vermutlich verschrottet werden. Das konnte verhindert werden durch den Möbelhändler, der das nicht mehr benötigte Bahnhofsgebäude von der Bahn übernommen hat für sein Geschäft. Zum Glück, noch heute kann dort die alte Stellwerkstechnik besichtigt werden. Es kam mir vor, wie einen alten Freund wieder zu treffen.

Genau das war der zweite Punkt, der diesen Tag so großartig machte: Ich traf alte Freunde und Bekannte wieder, die ich teilweise zwanzig bis dreißig Jahre lang nicht mehr gesehen hatte; einen von ihnen erkannte ich gar nicht wieder, was mir angemessen peinlich war. Es gab zahlreiche Weißtdunoch-Momente, es wurde viel gelacht, manchmal genügte ein Stichwort für die nächste Lachsalve. Am späten Nachmittag verlagerte sich die Feier vom Bahnhof in den Garten des Gastgebers, wo neben Essen und Trinken weiter gelacht wurde. Ein ganz wunderbarer Tag.

Wenigstens ging dort die Tür auf
Fahrstraßenhebel (unten) und Streckenblock darüber
Stellhebel für Weichen (blau) und Signale (rot)
Meine grundsätzliche Abneigung gegen gestellte Fotos überwand ich hier leicht

Sonntag: Die Nacht verbrachte ich in einem einfachen und günstigen, für diesen Zweck völlig ausreichenden Hotel in fußläufiger Nähe zum Feierort und zur Mutter. Das Einbuchen erfolgte zuvor kontaktlos per Datengerät, den Chip für Eingangs- und Zimmertür erhielt ich über eine Schlüsselbox neben der Tür, deren Code mir zuvor per Mail mitgeteilt worden war. Das werde ich mir merken für künftige Besuche, eine Hotelübernachtung ist für alle Beteiligten entspannter als im privaten Gästezimmer oder auf dem Sofa.

Nach einem Spaziergang zur und dem Frühstück mit der Mutter verlief auch die Rückfahrt mit der Bahn in erfreulicher Pünktlichkeit. In Köln erreichte ich gar einen früheren Anschluss nach Bonn als vorgesehen, auch das gibt es. Kurze Irritation entstand, als der Zug in Brühl aufs Nebengleis geleitet wurde, um einen Intercity überholen zu lassen, und die automatische Durchsage behauptete, dies sei die Endstation, bitte alle aussteigen. Da alle sitzen blieben, blieb ich es auch, kurz darauf ging es weiter und ich erreichte, weil das oben geschilderte Verkehrschaos heute eine Pause einlegte, am Nachmittag Bonn.

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche.

18:00

Woche 19/2026: Zwei Dienstreisen, fehlende Jackenhaken, eine Satin- und eine Silberhochzeit

Montag: Vormittags verließen wir Bonn in Richtung Dresden, wo wir nach zügiger, ansonsten ereignisarmer Autofahrt an zahlreichen blühenden Landschaften Rapsfeldern vorbei fünf Stunden später bei Sonnenschein und Vorsommerwärme ankamen und bis Mittwoch bleiben werden.

Das Hotel, direkt am Hauptbahnhof gelegen, macht einen guten Eindruck. Mein Zimmer hat dieselbe Nummer 345 wie das vor zwei Wochen in Höxter, was auch immer mir höhere Mächte damit sagen wollen. Vielleicht, wahrscheinlich wollen sie gar nicht und es ist nur Zufall. Einen Jackenhaken gibt es auch, das ist in vielen Häusern nicht selbstverständlich.

Einzig um das Haus-WLAN nutzen zu können, musste ich Mitglied in einem Hotelkettenclub werden und bekomme von nun an vermutlich regelmäßig Angebote per Mail zugesandt.

Ein gutes Haus

Dienstag: Lobenswert auch die angemessene Größe der Saftgläser beim Frühstücksbüffet.

Der erste Tag der ersten Dienstreisenetappe lief gut. Nur heute hatte ich eine Sprechrolle, morgen beschränkt sich meine Funktion überwiegend auf zuhörend-dekorative Teilnahme.

Die zwei Stunden zwischen Tagung und Abendvergnügen nutze ich für eine Runde durch die Stadt, unter anderem um eine Glückwunschkarte zu erstehen für die Silberhochzeit, zu der wir am Samstag eingeladen sind. Erster Anlaufpunkt war der Hauptbahnhof nebenan, wo ich eine Bahnhofsbuchhandlung mit Glückwunschkartensortiment vorzufinden hoffte. Die gibt es dort auch, die Kartenauswahl umfasst jedoch nur Geburtstage, Mutterschaft, Jugendweihe, allgemeiner Dank, Hochzeit und Goldene Hochzeit, jedoch nicht Silberhochzeit. Fündig wurde ich schließlich im großen Drogeriemarkt mit den zwei Buchstaben, konnte sogar zwischen verschiedenen Ausführungen wählen.

Danach ging ich weiter durch die Fußgängerzone, vorbei an mehreren riesigen Einkaufsstätten, bis zur Elbe. Auf dem Altmarkt ist zurzeit eine Art Weihnachtsmarkt, nur ohne Engel, Kunstschnee und Last Christmas; ob Glühwein ausgeschenkt wird, habe ich nicht geprüft. In Flussnähe kaufte ich örtliches Schokoladenkonfekt für die Lieben zu Hause, dann fuhr ich mit der Straßenbahn zurück, dank Deutschlandticket ohne mir Gedanken über den benötigten Fahrschein machen zu müssen.

Dann waren die zwei Stunden fast vorbei, es blieb nur noch Zeit für ein kurzes Telefonat mit dem Liebsten und diese Tagesnotiz.

Mittwoch: Nach dem Mittagessen verließen wir Dresden (bei Sonnenschein und Wärme) zur zweiten Etappe der Rundreise, die in Ostbevern bei Münster stattfindet. Staubedingt kamen wir erst recht spät (bei Himmelstrübe und Kühle) an, was kein Problem war, die Versorgung mit Essen und Trinken war jederzeit sichergestellt.

Das Hotel ist interessant (was bis auf den fehlenden Jackenhaken positiv gemeint ist), mehr dazu aus Zeitgründen (ich schreibe jetzt nicht, wann und bei welcher Verrichtung diese Zeilen notiert wurden) voraussichtlich morgen.

Donnerstag: Der erste Tag der zweiten Etappe verlief zufriedenstellend, ich fühlte mich kompetent und in meinen Vorträgen sicher, das ist ja auch mal ganz schön.

Danach, am späten Nachmittag, verspürte ich dringenden Alleinseibedarf und unternahm einen Spaziergang durch die umliegenden Felder. Es war trocken, ab und zu schaute die Sonne durchs Gewölk, dabei deutlich kühler als (vor-)gestern in Dresden, Jackenwetter. Ich bin übrigens verliebt in die neue Jacke, die ich wie berichtet letzten Samstag gekauft habe, ich finde, wir passen perfekt zueinander.

Das Hotel, teilweise in den historischen Räumlichkeiten einer ehemaligen Kaseinfabrik, liegt etwa fünf Kilometer nordwestlich von Ostbevern, umgeben von viel Gegend. Die Zimmer sind individuell nach Themen gestaltet, so gibt es unter anderem ein Musik-, Mittelalter-, König-Ludwig-, Reiter-, Fußball-, Nordsee-, Unterwasser-, Starwars-, Wein-, Ski- und ein Boxring-Zimmer. Meins nennt sich Lounge-Zimmer, außer einem Himmelbett in ungewöhnlichem Design weist es keine nennenswerten Besonderheiten auf, ich bin, vom fehlenden Jackenhaken abgesehen, zufrieden.

Loungezimmerbett
Hotelfensterblick
Unendliche Münsterlandweiten
Service für Frau Anje: Nicht weit von Ihrem Erstwohnsitz entfernt gibt es sechs Eier für 2,60€. Wenn sie nicht gerade ausverkauft sind.

So, jetzt entschuldigen Sie mich bitte, es gibt Abendessen.

Freitag: Wie üblich, wenn ich Teil einer größeren Gruppe in beruflichem Zusammenhang bin, verzichtete ich auf das Frühstück, um Gespräche vor neun Uhr auf das unbedingt notwendige Maß zu beschränken.

Vormittags erhielt ich eine Besprechungsanfrage für kommenden Montag. Da ich dann keine Zeit habe, wie für jedermann in meinem bestens gepflegten Outlook-Kalender sichtbar, lehnte ich ohne nähere Begründung ab. Mittags fragte die Einladerin per Mail an, ob ich vor dem 15. Zeit hätte, wenn ja, möge ich ihr eine Besprechungsanfrage senden. Warum sollte ich? Ich antworte knapp mit der Empfehlung, einen Blick in meinen oben genannten Kalender zu werfen, der am Mittwoch noch freie Lücken aufweist.

Als wir nach Ende der Tagung zum Parkplatz gingen, rollkofferte eine bunte Schaumweindamengruppe auf den Hoteleingang zu. Die mutmaßlich dazugehörigen Herren verweilten noch etwas bei den Kraftfahrzeugen, von wo laute Wummermusik schallte. Es wurde Zeit zur Abreise für uns.

Zurück in Bonn, besuchten wir abends die örtliche Gastronomie, wo wir auf den 24. Hochzeitstag anstießen, auch „Satinhochzeit“ genannt, auf dass ein jedes seinen Namen habe. Ohne Hochzeitstag wären wir sehr wahrscheinlich auch ausgegangen und hätten auf das Wochenende angestoßen, auf dass ein jedes seinen Anlass habe.

Samstag: Um gar nicht erst aus dem Reisetrott zu kommen, verließen wir zeitig die Schlafstätte, frühstücken im Sonnenschein beim französischen Café, danach fuhren wir mit dem Auto nach Bielefeld. Dort sammelten wir die Mutter ein und fuhren weiter nach Dransfeld bei Göttingen, wo die ehemals kleine Cousine und ihr Gatte zur Silberhochzeit geladen hatten, was einmal mehr verdeutlicht, wie sehr die Zeit rast.

Entgegen meiner sonstigen Gewohnheit hatte ich heute Lust, über Land von Bielefeld nach Dransfeld selbst zu fahren, da wir diese Strecke in meiner Kindheit und Jugend sehr oft gefahren waren, wenn wir die Großeltern am Rischenkrug besuchten. Doch gelang es nur noch abschnittsweise, die alte Route zu nehmen, da zwischenzeitlich viele neue Straßen gebaut worden sind, die früher durchfahrene Dörfer umgehen, wogegen die Anwohner vermutlich nichts einzuwenden haben; auch die Stadt Holzminden wird großräumig umfahren. Frau Navi hatte zudem häufiger eine andere Vorstellung von der besten Strecke als meine Erinnerung. Wie auch immer, nach angenehmer Fahrt, vorbei an leuchtenden Rapsfeldern und durch insbesondere hinter Holzminden idyllische Fachwerkdörfer (die noch keine Umgehungsstraße haben) erreichten wir zwei Stunden später das Ziel Dransfeld.

Dieses wunderschöne Exemplar steht in Güntersen
Dransfeld
Eine in der Region häufig anzutreffende Spezialität: mit Dachziegeln verkleidete Wände

Die Feier auf dem Saal war sehr schön, es war erfreulich, lange nicht gesehene Cousins, Cousinen sowie Onkel und Tanten wiederzutreffen, sofern sie nicht verhindert waren oder überhaupt noch leben. So ist nunmal der Lauf der Dinge, die Elterngeneration tritt nach und nach ab, meine Generation sieht dem Ruhestand entgegen oder hat ihn längst erreicht, die nächste hat ihrerseits schon Kinder. Spätestens da verliere ich den Überblick, wer zu wem gehört, wenn man sich nur alle paar Jahre sieht. Und wir müssen davon ausgehen, dass die nächsten Wiedersehen in diesem Kreise nicht nur erfreuliche Anlässe haben.

Einzig die Musik, die schon recht früh sehr laut gespielt wurde, empfand ich, und nicht nur ich, als störend, da sie Unterhaltungen stark erschwerte oder unmöglich machte, was uns wie so Raucher zeitweise in die Abendkühle vor die Halle trieb. Immerhin legte der Dietschäi mit Rücksicht auf uns Ältere immer wieder Musikpausen ein, auf dass genug gesprochen werden konnte.

Einer Unterhaltung war zu entnehmen, man sei zum Shoppen in Hameln gewesen. Nun finde ich den Gebrauch des Wortes Shoppen an sich schon affig-albern, der Zusammenhang mit Hameln setzt dem noch eine Sahnehäubchen auf, ohne den Besuchswert und die Attraktivität dieser Stadt in Frage stellen zu wollen, zumal ich sie nicht gut kenne.

Sonntag: Dank umsichtiger Alkoholzufuhr am Vorabend kamen wir gut und nachwirkungsfrei aus den Hotelbetten, mein drittes Hotel innerhalb einer Woche. (Keine Jackenhaken im Zimmer, kleine Saftgläser beim Frühstück, ansonsten in Ordnung.) Im Frühstücksraum hielten sich neben uns weitere Silberhochzeitsgäste auf, aus Hamburg, die sich entgegen dem gängigen Klischee die Bewohner dieser Stadt betreffend als gesprächig erwiesen, und zwar in durchaus angenehmer Weise.

Hotelfensterblick, morgens

Die Rückfahrt verlief gut, erst wieder, dieses Mal gemäß Frau Navi, über die Dörfer bis Bielefeld, wo wir die Mutter absetzten, dann weiter über die Autobahn bis Bonn. Hier kamen wir so zeitig an, dass noch Zeit blieb für einen Spaziergang an den Rhein, der gar nicht zufällig am Lieblingsbiergarten entlangführte.

Nach Rückkehr packte ich schon wieder den Rucksack für die nächste Dienstreise morgen und übermorgen nach Bad Breisig, also nicht sehr lang und nicht sehr weit. Hauptsache, immer in Bewegung bleiben.

Spaziergangsbild, nachmittags

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. Kommen Sie gut durch die Woche. Meine Arbeitswoche endet bereits am Mittwoch, dann steht die nächste Reise an: nach Paris. Keine Dienstreise.

19:30

Woche 10/2026: Es wird einfach zu viel gequatscht

Montag: Kürzlich äußerte ich mich über die wachsende Zahl an Baustellen in Bonn. Eine weitere macht derzeit eine schmale Durchgangsstraße in der Inneren Nordstadt, nicht weit von unserer Wohnung entfernt, vorübergehend zur Sackgasse, wie ich abends beim Gang zum Rewe sah. An der Einmündung ist sie ordnungsgemäß per Verkehrszeichen als solche gekennzeichnet, was zahlreiche Autofahrer nicht davon abhält, trotzdem reinzufahren, vielleicht ist es ja ein Scherz, vielleicht kommt man trotzdem durch, schließlich fährt man hier täglich durch, das wäre ja gelacht. Nicht gelacht, nur ein wenig gegrinst habe ich, als sie langsam rückwärts wieder rausrollten.

Ansonsten bleibt es spannend, nicht nur angesichts der Weltlage und der jüngsten Ereignisse im Nahen Osten. Gelesen in einem ansonsten lesenswerten Blogartikel über das Schwinden der Langeweile: „Psychologisch betrachtet, ist Langeweile ein extrem spannender Zustand.“ So weit ist es gekommen, nun ist sogar Langeweile spannend.

Apropos Weltlage, ein Gruß aus der Symbolbilder-Hölle:

(General-Anzeiger Bonn online)

Beim Blick aus dem Bürofenster über die sonnenbeschienene Stadt kam mir der alte Hit „Sun Of Jamaica“ in den Sinn und er blieb als Ohrwurm für längere Zeit. Sollte es Ihnen beim Lesen dieser Zeilen nun ähnlich ergehen, bitte ich um Entschuldigung.

Im Übrigen war der Beginn dieser aufgrund Leifsteil-Teilzeit kleinen Woche insgesamt angenehm, auch wenn der Arbeitstag erst nach siebzehn Uhr und damit für mein persönliches Empfinden viel zu spät endete. Das Gleitzeitkonto freut sich. Obschon ich dadurch später als gewöhnlich zu Hause war, suchte ich nicht sogleich das Sofa, sondern zuvor das Sportstudio auf. Ab und zu staune ich über mich selbst.

Dienstag: In größerer Runde stellten sich drei neue Kollegen vor, dabei nannten sie jeweils als erstes bereitwillig und ungefragt Familienstand und Anzahl der Kinder. Wie immer fragte ich mich: Warum tun die das?

„Alles gut“ hörte ich im Laufe des Tages in auffälliger Häufung von unterschiedlichen Personen, diese auch in Frageform erhältliche Floskel, gleichsam die moderne Variante von „Wie geht’s?“, von mir zumeist und situationsunabhängig mit „Hervorragend“ oder „Ausgezeichnet“ beantwortet, was regelmäßig zu Verwunderung oder Erheiterung führt. Nun ist nicht alles schlecht, aus meiner persönlichen Perspektive jedenfalls überwiegt das Gute bei weitem, dennoch erscheint mir „Alles gut“ mindestens so übertrieben wie „Ausgezeichnet“ und „Hervorragend“ am Montagmorgen.

Ohne Zweifel gut war der Fußweg in die Wertschöpfung und zurück, morgens noch etwas handkühl, nachmittags durch frühlingshafte Milde, die ich wegen eines anschließenden Termins nicht für ein Feierabendgetränk nutzte.

Mittwoch: Nach dem Mittagessen war ich zur Untätigkeit gezwungen, was für einen insichbeurlaubten Beamten besonders bitter ist. Das kam so: Vor ein paar Tagen wurde ein Windows-Update angekündigt, dessen Installation eine halbe bis eineinhalb Stunden dauern würde, währenddessen wäre der Rechner nicht nutzbar. Nachdem heute angezeigt wurde, dass das Update zur Installation bereitsteht, wählte ich die Mittagspause dafür, zumal ich vor dem Essen mit der Kollegin auf einen Spaziergang im Park verabredet war (selbstverständlich buchte ich mich dafür aus dem Zeiterfassungssystem aus), der Rechner sollte also genug Zeit für die Installation haben. Indes: Als ich nach knapp einer Stunde ins Büro zurückkehrte, zeigte der ansonsten schwarze Bildschirm nur den HP-Sicherheitswolf an, eine Aktivität war nicht erkennbar. Na gut, die maximal eineinhalb Stunden waren noch nicht rum. Als sich eine Stunde später immer noch nichts tat, rief ich den Helpdesk an, wo man mein Anliegen freundlich zur Kenntnis nahm und ein Ticket anlegte. Danach passierte weiterhin nichts. Dank dienstlichem iPhone konnte ich immerhin den Maileingang sichten und über Teams ein Gespräch führen, somit war ich nicht ganz untätig, vielmehr wie stets bemüht. Nach einer weiteren Stunde Schwarzsehens erlaubte ich mir entgegen der Anweisung, den Rechner aus- und wieder einzuschalten. Kurz darauf erschien wieder der Sicherheitswolf, darunter drehte sich nun das Rödelrädchen, das war vorher nicht da und ließ hoffen. Siehe da, nach weiteren zehn Minuten des Rödelns und Hoffens tat sich endlich was, schließlich erschien der Startbildschirm und ich konnte mich wieder anmelden. Da es inzwischen fast halb vier war, verzichtete ich auf die übliche Sichtung des Pressespiegels, arbeitete noch ein paar Sachen ab und verschob den Rest der offenen Aufgaben auf Freitag – morgen habe ich frei – und Montag. An mir hat es nicht gelegen.

Sicherheitswolf im Schneegestöber

Donnerstag: Am freien Tag frönte ich der Wanderlust. Nach dem Frühstück im Bäckereicafé am Hauptbahnhof fuhr ich mit der Bahn bis Bonn-Duisdorf. Ab da ging es durch das Vorgebirge* über die Orte Gielsdorf, Alfter, Brenig, Dersdorf, Waldorf bis Kardorf (nicht zu verwechseln mit Karstadt, hi hi), dort bog ich rechts ab, runter in die Rheinebene, durch das Eichenkamp-Wäldchen bis nach Uedorf, von dort mit der Stadtbahn zurück nach Bonn.

*Das klingt spektakulärer als es ist. So heißt die mäßig hohe Erhebung westlich des Rheins zwischen Bonn und Köln. Mehr dazu bei Bedarf hier.

Die erste Hälfte führt überwiegend durch rheinische Dörfer, es gibt es auch Abschnitte durch Wald und Feld. Das Wetter war bestens, schon nach einer halben Stunde wurde es so warm, dass die Daunenjacke im Rucksack verstaut wurde. Die Landschaft auf der zweiten Hälfte zwischen Vorgebirge und Rhein ist zunächst eintönig: Nachdem man ein tristes Gewerbegebiet mit viel Schotterfläche unterhalb von Kardorf hinter sich gelassen und die Vorgebirgsbahn (Stadtbahnlinie 18) überquert hat, flaniert man auf asphaltierten Wegen durch weite, ebene Felder ohne Baum und Strauch, dafür mit Hochspannungsmasten, ehe es ab der Rheinmittelterrassenkante (ein schönes Wort mit hohem Scrabblepunktepotential) wieder abwechslungsreicher wird. Zur Querung der Bahnstrecke Köln – Bonn muss man eine Anrufschranke passieren. Die ist grundsätzlich geschlossen, nur auf Anforderung per Knopfdruck an einer Gegensprechanlage wird sie geöffnet, falls nicht gerade ein Zug kommt. Wenn doch, sagt die freundliche Dame „Moment, eine Zugfahrt“, so wie bei mir heute, und öffnet anschließend. Ob am anderen Ende eine echte Eisenbahnerin sprach oder ein Bot (bzw. eine – wie heißt das – Botin?), war nicht klar zu erkennen. Egal, Hauptsache, man kommt über die Gleise und nicht unter die Räder.

Kurz vor dem Eichenkamp wich ich von der vorgegeben Route ab, weil die Karte eine schönere Strecke entlang des Bornheimer Baches in Aussicht stellte. Dazu überquerte ich die stark befahrene Landstraße 192 an einer nicht für Überquerungen vorgesehenen Stelle, es ging gut und hat sich gelohnt. Am Bach sah ich erstmals einen Eisvogel, jedenfalls glaube ich, dass es einer war, so ein blauglänzender. Im übrigen sah ich heute den ersten Schmetterling des Jahres, ob Tagpfauenauge oder Kleiner Fuchs war im Flattern nicht klar zu erkennen, und die erste Hummel.

Den Eichenkamp-Wald müssen erst kürzlich schwere Maschinen der Forstwirtschaft heimgesucht haben, einige Wege waren aufgewühlt, zum Glück wegen der Trockenheit der vergangenen Tage nicht mehr matschig. Ansonsten ist das Wäldchen erfüllt vom Dauerrauschen der Autobahn 555 in unmittelbarer Nähe.

Fazit: Eine schöne Wanderung, auch wenn die Freunde lauschiger Pfade durch wilde Wälder und Landschaften vielleicht etwas zu kurz kommen. Warum Komoot sie als „schwer“ klassifiziert, ist nicht nachvollziehbar. Mit gut zweiundzwanzig Kilometern ist sie nicht besonders lang, nennenswerte Steigungen und Wege mit Rutsch- und Stolpergefahr weist sie auch nicht auf, in fünf Stunden einschließlich Mittagsrast ist sie gut zu schaffen.

Blick von Gielsdorf auf die Rheinebene
Zwischen Gielsdorf und Alfter
Alfter
Ebenfalls
Brenig
Links die Rheinmittelterrassenkante
Anrufschranke
Unendliche Weiten und Hochspannung
Bornheimer Bach
Im Eichenkamp
Ebendorten

Freitag: Es ist immer wieder erstaunlich, wie viele Mails sich während eines freien Tages ansammeln können. Dadurch war ich heute gut beschäftigt mit Dingen, deren Inhalt und Notwendigkeit Außenstehenden, zum Beispiel Ihnen, nur schwer zu erklären wären, was nicht, dessen können Sie versichert sein, an Ihrer Intelligenz liegt. Das wichtigste: Es hängen keine Menschenleben davon ab.

Der Vormittag war wieder eine lückenlose Aneinanderreihung von Besprechungen. Es wird einfach zu viel gequatscht, diese Erkenntnis ist nicht neu und nicht als Klage zu verstehen; wie bereits mehrfach ausgeführt, werde ich dafür gut bezahlt. Auf zwischendurch per Teams-Chat eingehende Anfragen, ob ich kurz Zeit hätte, reagierte ich mit einem vor mich hin gemurmelten „Nein“, mein Redebedarf für den Tag war gedeckt, jedenfalls in Büroangelegenheiten. Zum Schluss war nicht alles abgearbeitet, auf dass kommende Woche auch noch was zu tun ist.

Samstag: Schon um sieben stand ich auf, da eine Reise nach Bielefeld anstand zum Besuch der Mutter. Auch wenn vorzeitiges Aufstehen wider meine Natur ist, gerade am Wochenende, so mag ich doch die ruhige Stimmung am Samstagmorgen in der Stadt, wenn noch wenige auf den Straßen sind. Nach pünktlicher Abfahrt in Bonn schaffte es die Bahn auch heute wieder, bis Bielefeld eine halbstündige Verspätung aufzubauen; vor nahezu jedem Halt blieben wir stehen und es kam die Ansage, unser Gleis sei noch belegt. Die Weiterfahrt verzögerte sich des öfteren, weil vor uns die Strecke noch nicht frei war. Als ob die ganze Zeit ein lästiger Bahntroll mit einer Handhebeldraisine vor uns her bummelte. Insgesamt dauerte es von Tür zu Tür fast fünfeinhalb Stunden, mit dem Auto hätte es, freie Autobahn vorausgesetzt, weniger als die Hälfte gedauert. Doch meine tiefe Abneigung gegen das Autofahren war stärker. (Diese Zeilen wurden während der Rückfahrt notiert, was als Wagenlenker nur schwierig zu bewerkstelligen wäre, wobei ich nicht ausschließe, dass viele Autofahrer diesbezüglich nur geringe Hemmungen haben, wenn man sieht, wie viele während der Fahrt auf ihr Datengerät schauen.)

Hier standen wir etwas länger wegen Überholung durch einen ICE

Die Rückfahrt verlief dagegen absolut pünktlich, es geht also doch manchmal. In Dortmund stieg jemand zu und setzte sich neben mich. Als er sein Notizbuch hervorholte und längere Zeit etwas hineinschrieb, anstatt aufs Datengerät zu schauen oder gar zu telefonieren, wurde er mir sogleich sympathisch. Aus Sympathiegründen holte ich ebenfalls mein Notizbuch aus der Tasche und notierte diese Beobachtung darin.

Sichtung während der Fahrt: Die Forsythien beginnen zu blühen. Jedes Jahr freue ich mich darüber, als ob etwas in mir fürchtete, sie könnten irgendwann die Blüte dauerhaft einstellen.

Sonntag: Die warme Frühlingssonne lockte zahlreiche Menschen zu Fuß und Rad nach draußen, auf den dicht bevölkerten Rheinuferwegen sah man viele Sonnenbrillen und über dem Arm getragene Jacken – ich hatte gar nicht erst eine angezogen -, vermehrt auch kurze Hosen. Auch ich unternahm den tagesüblichen, wetterunabhängigen Spaziergang, heute auf die andere Rheinseite, wo in den Auen vor Schwarzrheindorf die Mirabellen in voller Blüte stehen. Besonders erfreulich: Der Lieblingsbiergarten hat schon geöffnet. Daran konnte ich nicht vorbeigehen. Nach Rückkehr schien die Sonne auf unseren Balkon, so dass ich die Sonntagszeitung erstmals in diesem Jahr draußen lesen konnte. Bis sie hinter den Häusern verschwand und es sogleich kühler wurde.

Mirabellenblüte
Utepils

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche.

(18:30)

Woche 44/2025: Kein Ausstieg in der Abstellung

Montag: Der erste Tag der Woche, nunmehr wieder in Mitteleuropäischer („Winter“-)Zeit, war gefüllt mit üblichen Müd- und Geschäftigkeiten und vollherbstlich-handkaltem Wetter, indes ohne berichtenswerte Vorkommnisse. Vormittags war ich dankbar, in einer zweistündigen Informationsveranstaltung, die erfreulicherweise nicht den albernen Titel Townhall trug, einfach nur sitzen und zuhören zu können. Anschließend tauschte ich mich beim Mittagessen, aufgrund ungünstiger Umstände während der Hauptverzehrzeit, mit einer lieben Kollegin über die Provence aus. Zum Abendessen gab es passend dazu Rosé, somit endete auch dieser Tag erfreulich.

Dienstag: Erfreulich auch der heutige Fußweg ins Werk ohne Regen. Regen hingegen nachmittags, so dass das Deutschlandticket mal wieder genutzt wurde, jedenfalls theoretisch, sehen wollte es in der Bahn niemand.

Morgens, deutlich heller, vgl. vergangene Woche

Erfreulich auch, jedenfalls für Veganer und -innen, ein vorläufiger Sieg der Vernunft, nachdem kürzlich noch darüber debattiert wurde, ob Wurst zwingend Fleisch enthalten muss: Der norddeutsche Hersteller einer eierlikörähnlichen, gleichwohl eierfreien Spirituose darf sein Getränk nach Entscheidung des Landgerichts Kiel weiterhin „Likör ohne Eier“ nennen. Das missfällt den Herstellern eierhaltiger Liköre, beziehungsweise geht ihnen auf die Eier. Deren Interessenvertretung mit dem etwas bedrohlichen Namen „Schutzverband der Spirituosen-Industrie“ (deren Vorsitzender Inhaber der bekannten Bonner Eierlikörfabrikation ist) hat bereits angekündigt, dagegen in Berufung zu gehen, was wiederum einiges über die Einschätzung der Intelligenz derer Kunden und ihrer Auslegung des Wortes „ohne“ aussagt. Eieiei.

Mittwoch: Die Vorlieben der Menschen sind verschieden, ebenso ihre Abneigungen. Der eine braust auf, wenn er sich kritisiert glaubt, der andere zürnt, wenn der Raumpflegeplan in Verzug zu geraten droht; ich hingegen rolle heftig die Augen, wenn man mir unaufgefordert ein Mobiltelefon vor die Nase hält, auf dass ich schaue, insbesondere beim Essen und von Menschen, die das genau wissen. Ich weiß nicht, warum das so ist, jedenfalls möchte ich es nicht.

Donnerstag: Eines der Dinge, die auf meiner ungeschriebenen Müsste-ich-mal-machen-Liste ziemlich weit oben stehen ist Sport. Ja, da staunen Sie. Also mehr als Wandern, Spazieren, Radfahren und der werktägliche Treppenstieg im Turm, was ja alles auch nicht nichts ist. Nicht, dass ich einer Fuß-, Hand-, Basket-, Volley- oder was auch immer -Ballmanschaft beitreten wollte, meine Abneigung gegen Ballspiele aller Art ist ungebrochen, aktiv wie passiv, überhaupt jede Art sportlicher Betätigung, bei der das Gewinnen im Mittelpunkt steht. Vielmehr meine ich die nicht gewinnorientierte Muskelpflege an Geräten: im Fitnessstudio, oder Gym, wie sich für modern haltende Menschen sagen.

Vor längerer Zeit, vermutlich ist es noch länger her als dieses Blog existiert, war ich schon mal Mitglied einer solchen Stätte. Anfangs war ich motiviert, trainierte dreimal die Woche, dann zweimal, später einmal, danach ab und zu, schließlich gar nicht mehr, die Motivation war weg, ich fand es nur noch lästig und langweilig. Doch nun der Sinneswandel: Meine Lieben trainieren seit einiger Zeit in einem nahegelegenen Studio und berichten Gutes darüber. Es sei nie voll, das Personal angenehm. Wenigstens anschauen wollte ich es mir mal. Und zwar heute, an meinem freien Donnerstag, statt der üblichen Wanderung mittags ein Probetraining. Der sehr nette Trainer erklärte mir die Geräte und stellte sie auf mich ein, dank moderner Technik merken sie sich das; wenn ich mich mit meinem persönlichen Chiparmband anmelde, fahren sie selbsttätig in die richtige Position. Das mag Ihnen, falls Sie regelmäßig sowas machen, selbstverständlich erscheinen, für mich war es neu; in dem Studio damals musste ich alles selbst einstellen. Nachdem alles erklärt und eingestellt war, gab es einen weiteren Durchgang, das ging schon recht gut, fast bin ich versucht zu schreiben, es hat Spaß gemacht. Mein Vorsatz nun oder wenigstens die Idee: zweimal wöchentlich, montags und mittwochs jeweils direkt nach der Arbeit. Ab Montag. Übrigens ist die Mitgliedschaft monatlich kündbar.

Um nicht völlig auf Wanderlust und Herbstwald zu verzichten, unternahm ich nachmittags eine Kleinwanderung über den Venusberg bis Kessenich, zurück mit der Straßenbahn, somit war die anschließende Einkehr auf Currywurst und Bier auch gerechtfertigt. Im Wald begegnete mir ein Paar mit zwei unangeleinten Hunden. Als die vorauslaufenden Hunde* mich sahen, blieben sie stehen, dann liefen sie zurück zu ihren Menschen** und baten kongruent um Anleinung. Respekt, derart gut erzogene Hunde habe ich noch nicht erlebt.

*Viele hätten hier wohl „Vierbeiner“ geschrieben.

**Durch Verzicht auf dieses ausgeleierte Synonym brachte ich mich um die Möglichkeit, hier „Zweibeiner“ zu schreiben.

Südstadt
Venusberg

Auf der oben genannten Liste stünden weiterhin: mein Englisch verbessern und endlich richtig Französisch lernen. Freihändig Fahrradfahren vielleicht auch, weiter unten, ich komme gut damit klar, es nicht zu können. Überhaupt wäre die Liste der Dinge, die ich nicht mehr machen möchte und muss, wesentlich länger. Dazu hat der geschätzte Mitblogger Herr Buddenbohm das Wesentliche aufgeschrieben, treffender könnte ich es nicht:

Mir fallen viel eher Sachen ein, die ich nicht mehr machen möchte. Sie fallen mir jedenfalls deutlich eher ein als Sachen, die ich dringend noch machen möchte. Ich pfeife auf den Jakobsweg und auf Flugstunden, auf das Erlernen von Schwimmstilvarianten und den Erwerb einer Marathonqualifikation. Viel wichtiger ist es mir, viel erstrebenswerter kommt es mir vor, diverse Aufgaben loszuwerden. Dies und das nicht mehr machen zu müssen, es wäre mir wahrlich ein Fest. Hier und da nicht mehr verantwortlich zu sein, nicht mehr zuständig und administrationspflichtig. Auch nicht mehr ansprech- oder erreichbar. Wäre ich nicht erreichbar, ich hätte wirklich etwas erreicht.

(Überhaupt maße ich mir nicht an, irgendetwas treffender oder besser schreiben zu können als Herr Buddenbohm.)

Über Frau AnJe fand ich einen höchst lesenswerten Artikel über das Älterwerden. Hier ein Auszug:

In deinen 20ern sagst du: „vor etwa drei Jahren“, wenn du von Erinnerungen sprichst, von denen du nicht mehr genau weißt, wie lange sie her sind. Irgendwann hörst du dich dann plötzlich „vor etwa zwanzig Jahren“ sagen. Und das nicht nur einmal, sondern immer wieder. Und zwar über Dinge, die sich anfühlen, als seien sie vor drei Jahren passiert.

[…]

Warum fühlt sich Älterwerden manchmal so abrupt und plötzlich an? Ein Grund ist, dass zwischen unserem realen und gefühlten Alter oft eine Lücke klafft. […] Wenn du 18 bist, fühlst du dich wie 18, wenn du 35 bist, fühlst du dich wie 35. Und wenn du 53 bist, fühlst du dich wie … 35. Ständig musst du zwischen deinem gefühlten Alter und deinem wahren Alter vermitteln. Ständig musst du dich selbst daran erinnern, dass du eben nicht mehr dieser Mensch bist und dich entsprechend verhalten solltest. […] Wenn du jung bist und mit einem Älteren sprichst, denke dran: Der glaubt im Innersten vielleicht, er wäre in deinem Alter. Viele solcher Gespräche sind asymmetrisch. Der Jüngere spürt die Kluft, der Ältere nicht so sehr.

Freitag: Morgens ließ die aufgehende Sonne das Herbstgold besonders eindrucksvoll leuchten, was den Fußweg ins Werk zu einem besonderen Vergnügen machte und was zweifellos unter der Rubrik „Was schön war“ zu verbuchen ist.

Herbstgold I
Herbstgold II

In einer Besprechung mit zwölf Personen breitete sich in kürzester Zeit das Tatsächlich-Virus aus, keiner kam in seinem Redebeitrag ohne mehrfachen Gebrauch des Wortes aus, selbst solche, die diesbezüglich bislang unauffällig waren. Keiner? Doch, einer schon, raten Sie gerne, wer.

Auf dem Rückweg kam mir am Rheinufer ein älterer Herr mit Krückstock entgegen, der, abgesehen von der auffallend bunten statt rentnerbeigen Bekleidung, starke Ähnlichkeit mit Opa Hoppenstedt aufwies, einschließlich Pantoffeln. Sein Gang war etwas ungelenk wie eine Marionette der Augsburger Puppenkiste, der Stock lief nicht synchron mit den Schritten, nur ungefähr bei jedem zweiten Schritt hatte er Bodenberührung. Vielleicht fühle der Mann sich ebenfalls wie 35, siehe oben, jedenfalls wirkte er recht zufrieden. Warum auch nicht.

Abends kochte der Liebste für uns Grünkohl. Das traf sich gut, so mussten wir an diesem Halloween-Abend nicht mehr raus.

Gunkl zum Tage:

Als kulturübergreifende Maßnahme kann man sich ja das Gruselige, das in Halloween abgefeiert wird, und den Weltspartag verbinden, indem man sich die eigenen Kontoauszüge betrachtet.

Im Übrigen ging Halloween spurlos an uns vorüber: Weder wurden wir von Süßigkeiten begehrenden Menschen belästigt noch unser Haus mit Eiern oder schlimmerem beworfen.

Samstag: Die Nacht endete für mich zeitig, da ein Besuch der Mutter in Bielefeld anstand, wie üblich und von mir bevorzugt mit der Bahn. Bei Anfahrt des Kölner Hauptbahnhofs wurde mehrfach hintereinander darauf hingewiesen, dass die Fahrt dort endete und man auf keinen Fall vergesse, auszusteigen, weil der Zug danach abgestellt würde und, so die Durchsage, „in der Abstellung ist kein Ausstieg mehr möglich“, ein Satz, der sich vielleicht auch für andere Lebensbereiche verwenden ließe, darüber gelegentlich nachdenken.

Der anschließende Regionalexpress traf mit geringer Verspätung in Köln ein, die sich bis Bielefeld auf eine halbe Stunde ausweitete, weil der Zug mehrfach im Stau stand und es streckenweise nur langsam voranging. Mich störte das nicht, ich hatte einen Fensterplatz und keinen Termin in Bielefeld einzuhalten, konnte mich vielmehr dem großen Vergnügen des Sitzens und Schauens hingeben. Passend zum Tag durchfuhren wir langsam Neuss-Allerheiligen, was mir bei regulärer Reisegeschwindigkeit wohl entgangen wäre.

„Wirtschaften für deinen Wohlstand“ steht auf einem Plakat am Bahnhof Düsseldorf-Flughafen, „Wir“ in einer anderen Farbe als „tschaften“. Ich weiß nicht, für welches Produkt das Plakat wirbt, jedenfalls hätte ich als Auftraggeber der Werbeagentur dieses Wortspiel aus der Hölle nicht durchgehen lassen. Ähnliches gilt für „Obiraschungen“, gesehen beim bekannten Baumarkt in Oelde.

In Hamm grüßte aus der Abstellung ein Zug der Eurobahn mit „Frohes neues Jahr“ in der Zielanzeige. „Denk absurd“ wird einige Kilometer weiter per Lärmschutzwandbeschmierung gefordert. Dem komme ich gerne nach.

Sonntag: Nach dem Frühstück verließ ich Bielefeld, die Rückfahrt verlief erfreulich ohne nennenswerte Verspätung und begleitet durch die üblichen Geräusche von Menschen und ihren Geräten. Wobei mich immer wieder erstaunt, mit welcher Selbstverständlichkeit Leute ihre Umgebung beschallen, sei es durch köpfhörerloses Musikhören und Filmeschauen oder durch wörtliche Rede. Ab Duisburg plapperten schräg hinter mir zwei rollkofferbewehrte junge Männer auf dem Weg zum Flughafen Köln / Bonn, in jedem Satz mindestens einmal „ischwör“.

Statt in Köln eine halbe Stunde auf den Regionalexpress zu warten, fuhr ich direkt rechtsrheinisch bis Bonn-Beuel. So kam ich noch in den Genuss des Sonntagsspaziergangs und kehrte ungefähr zur selben Zeit heim wie wenn ich in Köln gewartet hätte.

***

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche.

Woche 34/2025: Manchmal ist es verrückt

Montag: Der vergangene Wochenrückblick zog ungewöhnlich viele freundliche Kommentare nach sich, dabei fand ich den gar nicht so dolle. Vielen Dank dafür. Manchmal, um nicht zu schreiben öfter, ist es umgekehrt, dann denke ich: Jetzt hast du aber mal richtig einen rausgehauen, und dann kommt fast nichts. Keine Klage, nur Feststellung.

Ansonsten bot der Wochenbeginn keinen Grund zur Klage (oder es war ein ganz okayer Start, wie manche zu schreiben keine Hemmungen haben, auch das an Grässlichkeit kaum noch zu steigernde Wort okayisch hörte ich in diesem Zusammenhang schon), dafür auch wenig Berichtenswertes.

Mit Verspätung gelesen bei Gunkl:

Es wird nicht passieren, aber lustig wäre es schon, wenn eine höchstpotente künstliche Intelligenz nach Abschätzung möglicher Ergebnisse beschließt, daß Krieg einfach blöd ist, und unter unautorisiertem Zugriff auf die Steuerelektronik aller Waffensysteme alles Kriegsmaterial unbrauchbar macht und so Weltfrieden herbeiführt, weil das einfach intelligenter ist, als Krieg zu führen.

Dialog des Tages: „Ich war in Sorge.“ – „Musst du nicht, ich bleibe bei dir.“ – „Das ist ja meine Sorge.“ So geht Liebe.

Dienstag: Gestern brachte ich meine Freude über zahlreiche Kommentare zum Blogbeitrag letzter Woche zum Ausdruck, heute freute ich mich sehr über einen Brief von jemandem, der meinen Ausführungen bei mehreren Lesungen lauschte. Angereichert war das Schreiben mit dem Gedicht „Wenn die Möpse Schnäpse trinken“ von James Krüss, das so endet:

Wenn an Stangen Schlangen hangen / Wenn der Biber Fiber kriegt,

Dann entsteht zwar ein Gedicht, aber sinnvoll ist es nicht.

Weiterhin beigefügt war eine Stilblüte der Kategorie Manager-Gequatsche und das Bild einer Skulptur von Asier Sanz. Lieber F., herzlichen Dank dafür! Eine angemessene briefliche Antwort folgt.

Der Schreiber bloggt übrigens auch, nämlich hier, schauen Sie mal rein, es lohnt sich.

Was Vorstandsmitglieder so sagen
Asier Sanz

Gefreut habe ich mich auch über eine Mail von Epubli, wonach jemand im vergangenen Monat das Buch gekauft hat. Auch dafür herzlichen Dank, ich wünsche gute Unterhaltung damit.

Gespräch beim Abendessen, einer fragt „Wie heißt nochmal die mit der Nase?“ Zwei antworten synchron: „Barbra Streisand.“ Manchmal ist es verrückt.

Mittwoch: Als ich morgens beim ersten Kaffee auf dem Balkon saß, lag ein latenter Fäkalgeruch in der Luft. Der war auch noch deutlich zu vernehmen, während ich mit dem Fahrrad auf dem Weg ins Werk durch die Innere Nordstadt fuhr. Da er sich danach auflöste und ich morgens mit der gebotenen Gründlichkeit geduscht hatte, gehe ich davon aus, dass ich nicht selbst die Quelle war.

In Köln beginnt die Computerspielemesse Gamescom, wo tausende Besucher erwartet werden. Auch so eine Welt, die keinerlei Gemeinsamkeiten mit meiner aufweist, was daran liegen mag, dass meine, in der Dinge wie Fußball, Netflix oder Amazon keine Bedeutung haben, sehr speziell ist.

Beides auch nicht in meiner Welt

Donnerstag: Diese Woche ist kleine Woche, Viertagewoche, also hätte ich heute frei gehabt, Inseltag. Konjunktiv, weil es in Werkszusammenhängen eine Veranstaltung gab, an der teilzunehmen mir wichtig war, auch das gibt es. In den vergangenen Jahren war sie stets mit vier sehr angenehmen Dienstreisen verbunden, ich berichtete; in diesem Jahr fand sie leider nur am Bildschirm per Teams statt. Dennoch hätte ich ungern auf die Teilnahme verzichtet. Nicht verzichten muss ich auf den freien Tag, der auf morgen verlegt wurde, wodurch der Insel- zu einem Halbinsel-, Landzungen-, Polder- oder Koogtag wird. Jedenfalls wird es ein langes Wochenende.

Freitag: Den freien Tag nutzte ich auch heute wieder für eine Wanderung. Diese führte von Köln-Rath-Heumar durch das Königsforst und die Wahner Heide bis Troisdorf. Beim Umstieg von der Regional- in die Stadtbahn in Köln-Deutz kamen mir zahlreiche Besucher der Gamescom-Messe entgegen, teilweise in bizarren Verkleidungen. Wie oben bereits geschrieben, eine andere Welt, was nicht ablehnend oder überheblich gemeint ist; vielleicht finden die Wandern völlig absurd, was es vielleicht auch ist.

Das Wetter war ideal zum Wandern, trocken und um die zwanzig Grad, nur kurz zeigte sich die Sonne. Wie erhofft blüht inzwischen die Heide. Nicht so flächendeckend und postkartengrell wie in nordniedersächsischen Touristenanlockungsmedien, dennoch augerfreuend. Hier und da kündigt sich schon der Herbst an mit ersten gelben Blättern. Kurz vor Troisdorf fand ich Erquickment im wunderschönen Heidekönig-Biergarten, trotz trübem Wetter war er gut besucht.

Sehen Sie:

Aggertalbahn
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Herbsterwachen
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Womit die Rubrik „Was schön war“ auch heute hinreichend bedient ist.

Samstag: Die Nacht endete früh, weil eine Bahnreise nach Bielefeld anstand, um die Mutter zu besuchen. Obwohl der Regionalexpress ab Bonn ausfiel und der Ersatzzug – immerhin gab es einen, das ist nicht selbstverständlich – knapp eine halbe Stunde Verspätung hatte; obwohl wir in Duisburg wegen eines Polizeieinsatzes, dem laut Durchsage eine „kleine Auseinandersetzung“ im vorderen Zugteil vorausgegangen war, länger standen, erreichte ich das Ziel dank üppiger Umsteigezeit in Köln mit nur geringer Verspätung.

In Köln stellte die Bahn ihre Kunden auf eine besondere Probe: Angezeigt war die Einfahrt des RE 6 nach Minden (mit dem ich fuhr), angesagt wurde und es fuhr ein der RE 26 nach Remagen. Verwirrung, man stieg erst ein, bald wieder aus, fragte einander „Ist das der Zug nach …“, die Abfahrt verzögerte sich dadurch um mehrere Minuten. Wie viele mögen, vielleicht abgelenkt durch Ohrstöpsel und Datengerät, erst in Köln-Süd bemerkt haben, dass sie in der falschen Bahn saßen, oder erst in Remagen.

Zum Mittagessen hatte die Mutter Kohlrouladen zubereitet, die schmeckten wie bei Muttern. (Kleiner Scherz.) Während sie danach ein halbes Stündchen ruhte, unternahm ich einen Spaziergang durch Bielefeld-Stieghorst, der etwas länger ausfiel als geplant, wie das so ist, wenn ich einmal so im Gehen bin. Das war nicht schlimm, rechtzeitig zu Kaffee und Kuchen (Marzipantorte von Bäckerei Kriemelmann, der Geburtstagskuchen meiner Kindheit, Gutes vergeht nicht) war ich zurück.

Während der Fahrt nahm ich auffallend viele Männer mit Blumensträußen wahr, als ob heute Tag des schlechten Gewissens wäre. (Ist es nicht, laut kleiner kalender ist Sklavenhandels-, Regensing- und Windreite-Tag. Alles ohne erkennbaren Blumenbezug.)

„Geld macht dumm – Armut auch“ las ich an eine Wand gesprüht, soweit ich mich erinnere in Düsseldorf. Ein unlösbares Problem, die allgemeine Verdummung ist nicht aufzuhalten, wie zunehmend zu bemerken ist. „Denk absurd“ war woanders zu lesen. Damit kann man sogar Präsident eines großen Staates werden, bitte denken Sie sich zutreffende Staatsoberhäupter selbst dazu.

Schlimm finde ich die künstliche Zugansagerin in den Zügen von National Express, die auch erhebliche Verspätungen mit der klebrigen Fröhlichkeit einer Reklamesprecherin verkündet. Doch verkündete sie auf der Rückfahrt, die auffallend pünktlich verlief, Gutes. Als sie sagte „Nächster Halt: Köln Hauptbahnhof“ erschrak ich fast ein wenig.

Ebenfalls auf der Rückfahrt telefonierte einer laut und ausdauernd. Da er das auf Französisch tat, verstärkte es die Vorfreude auf den baldigen Urlaub in der Provence.

Auch heute sah ich viele Bäume mit ersten Herbsterscheinungen. Ist der Herbst dieses Jahr früher dran als sonst?

Was sonst noch so an Wände geschrieben wird

Sonntag: In der Sonntagszeitung (FAS) Innenansichten sogenannter Latte-Macchiato-Eltern, die mit ihren kleinen Kindern gerne in Cafés gehen; konkret berichtet Sebastian Eder, ein solcher Vater:

Warum aber fühle ich mich so wohl in Cafés? Andere Eltern hassen es, wenn ihre Kinder dort an ihnen zerren, noch ein Croissant wollen, das nächste Bilderbuch anschleppen oder schon wieder das ganze Essen auf dem Boden verteilen. Bei mir stellt sich eher eine Entlastung ein: Das Kinderchaos gibt es sowieso, hier bringt mir währenddessen wenigstens jemand Kaffee und Essen, ich muss danach weder aufräumen noch spülen.

[…]

Genervte Blicke von Gästen wären mir auch egal. Wer seine Ruhe haben will, soll zu Hause bleiben.

[…]

Bei mir jedenfalls hilft mit kranken Babys nur: rausgehen und tragen, tragen, tragen – und wenn das Baby eingeschlafen ist, Kaffee trinken. Wird das Kind größer, kann es selbst etwas bestellen und ist auch mal ein paar Minuten zufrieden. Selbst wenn der bellende Husten durchs Café schallt.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wenn Sie sowas lesen oder gelegentlich selbst erleben. Bei mir erzeugt derartig arrogante Rücksichtslosigkeit, die vorausgesetzte Selbstverständlichkeit, mit der Eltern ihre Bedürfnisse und die ihrer Blagen über alles stellen, stets eine gewisse Wut. Aber man darf ja nicht sagen, sonst sieht man sich schnell, gerade als Kinderloser, der Kinderfeindlichkeit bezichtigt (was so schlimm nun auch nicht ist). Dieselbe Empörung schäumt regelmäßig auf, wenn Hotels und Restaurants aus jedenfalls für mich nachvollziehbaren Gründen keine Kinder als Gäste wünschen. In Anlehnung an Herrn Eder sei entgegnet: Wer seine Kinder aushäusig toben lassen will, soll ein anderes Restaurant bzw. Hotel aufsuchen.

Gerade fällt mir auf, ich muss ja noch eine Frage beantworten.

Frage Nr. 37 lautet: „Weißt du normalerweise, wann es Zeit ist, zu gehen?“ Normalerweise ja. Heute Nachmittag war ich verabredet auf dem Bonner Weinfest, möglicherweise verweilte ich dort etwas länger als nötig, wodurch Auswirkungen auf die Schlussredaktion dieses Wochenrückblickes nicht völlig auszuschließen sind. Eventuelle Liederlichkeiten in Rechtschreibung, Satzbau und Logik bitte ich deshalb zu entschuldigen.

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. Kommen Sie gut durch die Woche.

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