Woche 28/2022: Zwischen den Wellen

Montag: Manchmal muss man aus Routinen ausbrechen. Entgegen der Gewohnheit ging ich bereits heute zu Fuß ins Werk, in der Hoffnung, ein längerer Gang durch die Morgenfrische würde des Montags Müdigkeit mildern. Was den gewünschten Effekt betrifft: ging so.

Vergangene Woche beschrieb ich im Zusammenhang mit einem Friseurbesuch mein Unbehagen, das allzu Offensichtliche auszusprechen. Heute erschien beim Öffnen eines neuen Internet-Tabs das vermutlich von Microsoft so eingerichtete Bild eines Eisberges, dazu dieser Hinweis:

Manchmal weiß ich wirklich nicht, was ich dazu sagen soll.

Auf dem Rückweg ging ich hinter dem Mutterhaus an einem vorbei, der Tenorhorn übte, weithin gut hörbar, beziehungsweise nicht gut; er mühte sich immer wieder mit einer kurzen Tonfolge ab, die nicht recht gelingen wollte, auch nicht bei der werweißwievielten Wiederholung. Ob es Teil eines Liedes war oder eine Etüde, war nicht zu erkennen. Ebenfalls nicht, warum er ausgerechnet dort übte statt im Schallschutz des heimischen Kellers. Vielleicht haben die Nachbarn auf Unterlassung geklagt oder der Vermieter mit Beendigung des Mietverhältnisses gedroht, wundern würde es nicht. Er muss noch viel üben. Oder besser Briefmarken sammeln.

Das Wetter zeigte sich tagsüber trübe, erst am Abend heiterte es auf und bildete auf diese Weise meine persönliche Stimmung ziemlich genau ab.

Dienstag: Gegen 14 Uhr ist die Arbeitsunlust am größten. Dann rief auch noch ein ehemaliger Kollege an und schwärmte vom Ruhestand. Als er fragte, wie lange ich noch zu arbeiten habe, kamen mir die Tränen und die Lippen begannen zu zittern.

In einem Artikel der PSYCHOLOGIE HEUTE über Alter und Eintritt ins Rentenalter las ich von „Firmenpatriarchen und -patriarchinnen.“ Patriarchinnen? Ein weiteres Mosaiksteinchen im Bild einer Welt, die immer weniger meine ist.

Oder dieses: Die Zeitung berichtet über einen vierzigjährigen Wanderer, der vom Rhein-Sieg-Kreis einen Bußgeldbescheid über mehr als zehntausend Euro erhalten hat. Grund: Bei seinen Wanderungen verstieß er immer wieder gegen Naturschutzbestimmungen, indem er gesperrte Wege benutzte, in Schutzhütten übernachtete, im Wald Feuer entfachte und mutwillig einen Feuersalamander und eine Spinne beunruhigte. Über all das berichtete er umfassend auf Youtube, was der behördlichen Beweisführung sehr entgegenkam. Bei Reue hätte man ihm einen Nachlass gewährt, indes: „Ich bin es leid, mich zu verbiegen und die geforderte Einsicht und Reue zu zeigen“, so der vom rechten Wege Abgekommene. Weiter: „Es kann aber auch nicht sein, dass man erst Verordnungen lesen muss, bevor man einen Wald betritt.“ Ich finde es einmal mehr unerträglich, wie Medien Menschen, die sich nicht an Regeln halten wollen und deswegen zur Rechenschaft gezogen werden, Gelegenheit geben, sich als Opfer darzustellen.

Mittwoch: Wie der heutigen Wikipedia-Startseite zu entnehmen ist, starb vergangenen Sonntag im Alter von 69 Jahren ein „kanadischer Rockeranführer und Verbrecher“. Bemerkenswert, mit welchem Lebenswandel man es auf die Wikipedia-Startseite schafft. Doch wer weiß, vielleicht steht dort dereinst, wenn für mich die Zeit gekommen ist: „Carsten K., erfolgloser und weitgehend unbeachteter Kleinblogger“.

»Ich könnte heulen vor Wut!«, so endet ein Kommentar in der Berliner Zeitung. Dabei ging es nicht um den russischen Angriff auf die Ukraine oder die beharrliche Weigerung der FDP, Vernunft anzunehmen, vielmehr wurde die Schließung zweier Postfilialen beklagt. Heul doch, möchte man da antworten.

Donnerstag: Zu Fuß ins Werk, wie jeden Donnerstag.

Morgendliche Rheinruhe
Wenn es doch so einfach wäre
Das Geheimnis meiner Schönheit
Um Gottes Willen

In der Zeitung ein weiterer Artikel über den Dienstag genannten Falschwanderer, dieses Mal etwas kritischer, vielleicht haben sie es selbst gemerkt. In diesem Zusammenhang ist das Wort „Outdoorer“ zu lesen, was vermutlich soviel wie Freiluftinfluencer bedeutet. Die Verwendung solcher Wörter sollte auch bußgeldbewehrt sein.

Ich habe mir übrigens einen lang gehegten Wunsch erfüllt, beziehungsweise seine Erfüllung in die Wege geleitet: Ende September werde ich eine viertägige Alleinzeit am Niedersonthofener See im Allgäu verbringen, wo unsere Familie bis in die Achtziger häufig Urlaub machte. Darauf freue ich mich sehr und bin gespannt, was sich dort seitdem verändert hat, und was nicht. In letztere Kategorie fällt hoffentlich der allgegenwärtige leichte Kuhdungduft, ohne den das Allgäu für mich undenkbar wäre.

Freitag: Dieses Layla-Lied, über das sich gerade empört wird, kenne ich nicht, und das zu ändern liegt nicht in meiner Absicht. Es interessiert mich einfach nicht. Im Übrigen verstehe ich die Aufregung nicht. Der Anteil der Liedtexte, die in fragwürdiger Weise körperliche Reize preisen, dürfte erheblich sein, ohne dass daran nennenswert Anstoß genommen wurde und wird.

Gelesen in der PSYCHOLOGIE HEUTE über Hochbegabte: »Das Erdulden von Geschwätz erzeugt bei ihnen immense innere Spannung.« Bin ich hochbegabt? Aber in was nur?

Samstag: Aus Gründen familiärer und freundschaftlicher Kontaktpflege reiste ich nach Bielefeld, man muss diese Zeit zwischen den Wellen nutzen. Bei der Gelegenheit komme ich nicht umhin, den Schienenpersonennahverkehr zu loben: Die Bahnen waren pünktlich und nicht überfüllt.

„Alles wird schlechter“, hörte ich hinter mir jemanden ins Telefon sprechen, der am Düsseldorfer Flughafen zugestiegen war und seine Gesprächspartnerin davon in Kenntnis setzte, dass sein Gepäck nicht mitgeflogen war und sich noch in München befand.

Das sah der Vater einer dreiköpfigen Familie vermutlich anders: Immer wieder zeigte er sich begeistert von dem modernen Zug, der Anzeige der Anschlüsse vor dem nächsten Halt auf dem Monitor und der (funktionieren) Klimaanlage. Vielleicht war er zum letzten Mal Zug gefahren, als die Bahn den Nahverkehr noch mit Silberlingen abwickelte.

Flickwerk in Duisburg

In Essen ist an einem Gebäude der Stadtwerke der Schriftzug »Wohlfühlwärme von STEAG« zu lesen. Hoffentlich noch recht lange, möchte man eingedenk der aktuellen Entwicklung hinzufügen.

Kurz vor Rheda-Wiedenbrück mahnte der Triebfahrzeugführer per Lautsprecherdurchsage einen Fahrgast, der offenbar Freude daran hatte, immer wieder den Knopf für die Anforderung einer Rollstuhlrampe zu betätigen: „Dieser Zug ist ein Beförderungsmittel und kein Abenteuerspielplatz.“ Ein Satz aus Kindertagen: Oft, wenn wir uns irgendwo aufhielten, wo es einem Erwachsenen nicht genehm war, auf einer Baustelle oder so, wurde uns beschieden „Hier ist kein Spielplatz.“ Lange nicht gehört.

Vor Gütersloh sagte mein Sitznachbar ins Telefon: „Die Aufgabenstruktur soll ziemlich geil sein.“ Ein ebenso bemerkens- wie notierenswerter Satz.

Sonntag: Am Vormittag besuchte ich kurz die Dampfkleinbahn, die nach zweijähriger Zwangspause wieder fährt.

Lok 7 „Gustav“, Baujahr 1949, baustellenbedingt (auch bei der Kleinbahn wird gebaut) auf der sonst planmäßig nicht mehr befahrenen Oststrecke zwischen Mühlenstroth-Postdamm und Mühlenstroth-Forst

Danach trat ich ab Gütersloh die Heimreise nach Bonn an mit einer Bahn, die wesentlich stärker ausgelastet war als die Dampfkleinbahn. „Es zwingt Sie niemand, sich für neun Euro in überfüllte Züge zu quetschen“, sagte ein offenbar genervter Triebfahrzeugführer per Lautsprecher, nachdem er Fahrgäste aus der ersten Klasse verscheucht hatte. Er schien noch nicht völlig überzeugt von dem aktuellen Angebot der Bundesregierung.

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Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche, möglichst in Wohlfühlwärme statt allzu großer Hitze.

Woche 21/2022: In Erwartung einer Aufheiterung

Montag: Der Arbeitstag geriet sehr lang, da wegen der Dienstreisen vergangener Woche und konsequenter Arbeitsverweigerung am Wochenende einige Rückstände aufzuarbeiten waren. Die Aussicht auf eine dank Feier- und Brückentag kurze Arbeitswoche ließ ihn dennoch in erträglichem Licht scheinen.

Nach der trotz weißem Hemd unfallfrei verzehrten Currywurst am Mittag spazierte ich eine Runde durch den Rheinauenpark, wo die Teiche zurzeit grundsaniert werden. Dazu wurde das Wasser weitgehend abgelassen, damit Radlader Schlamm, Schotter und Sand verteilen können. Einer sauste durch knöcheltiefes Wasser, eine schwarze Bugwelle aus übelriechender Miege vor sich her schiebend; der Fahrer schien dennoch Spaß bei der Arbeit zu haben. Davon unbeeindruckt zeigten sich mehrere Graureiher, die durch die Restpfützen stakten und nach Beute pickten.

Der Feierabend kam auch deshalb so spät, weil zur sonst üblichen Zeit starker Regen und Gewitterandrohung die Rückfahrt mit dem Fahrrad nicht ratsam erscheinen ließen. Vielleicht bin ich einfach zu empfindlich.

Dienstag: Bereits um kurz nach halb fünf wachte ich auf; statt entzückender Träume stellten sich Gedanken um Werksgedöns ein, was zum Glück nicht oft vorkommt, da ich Arbeit und Privat sonst sehr gut trennen kann, und Bettzeiten fallen überwiegend in die zweite Kategorie. Da die Frühgedanken wohl als Arbeitszeit zu werten sind, geriet nach dem Mittagessen (Graupeneintopf mit Bockwurst) der Spaziergang durch den Park, wo Radlader und Reiher noch immer wirkten, etwas ausgedehnter.

Mittwoch: Währen im persönlichen Umfeld auf zufriedenstellende Nachtruhe ein weitgehend ruhiger, ereignisloser Quasifreitag folgte, war in der Welt wieder einiges los: In den USA erschoss ein Achtzehnjähriger in einer Schule einundzwanzig Menschen, ehe er selbst erlegt werden konnte. Nun werden wieder, wie stets nach derartigen Ereignissen, Rufe nach schärferen Waffengesetzen laut. Doch damit ist es in Amerika so wie bei uns mit dem Tempolimit auf Autobahnen: Da kann man nichts machen, fragen Sie die FDP.

Donnerstag: Heute ist Himmelfahrt. Wobei sich das Auffahren in höhere Gefilde derzeit als schwierig erweist, da in den Flughäfen Personal für die Sicherheitskontrollen fehlt, wie gemeldet wird. Das überrascht, da private Unternehmen das bekanntlich viel besser können als der Staat. Fragen Sie die FDP.

Freitag: Kürzlich las oder hörte ich einen Satz, der ungefähr so lautete: „Allein bedeutet nicht nur einsam, sondern auch frei.“ Da ich dazu nichts notierte, kann ich weder den originalen Wortlaut wiedergeben noch die Quelle nennen, sehen Sie es mir nach. Inhaltlich jedenfalls ein wahrer Satz, ich bin gerne mal allein, nicht dauerhaft, nur für ein paar Stunden. Wobei eine der schönsten Alleinzeit-Formen für mich unbegleitetes Wandern ist. Aus verschiedenen Gründen kam ich dieses Jahr noch nicht dazu, deshalb nutzte ich den heutigen Brückentag für eine Wanderung von Bonn nach Siegburg, immer an der Sieg entlang.

Unerwartet regnete es morgens, wodurch sich der Beginn verzögerte. In Erwartung einer Aufheiterung startete ich bei Niesel, eine halbe Stunde später hörte es auf und die Sonne kam durch, kurz darauf setzte ich mit der Siegfähre über und wandelte durch liebliche Auenlandschaft.

Die Annahme, die Strecke führte nur über befestigte Wege, erwies sich als Irrtum, vielmehr stapfte ich längere Zeit auf schmalen Pfaden, von hohen Gräsern gesäumt, die sich regenschwer in den Weg legten. Bald waren die Hosenbeine durchnässt und die Wanderschuhe wurden geprüft, ob sie dicht sind. Ergebnis: Sind sie nicht. Oder doch, einmal eingedrungenes Wasser bleibt zuverlässig drinnen. Insofern hätte ich zuvor auf die Fähre verzichten und einfach durch die Sieg waten können, das Ergebnis wäre ungefähr das gleiche gewesen.

Dennoch war es schön; das letzte Drittel nicht ganz so, weil es in unmittelbarer Nähe zur Autobahn verläuft. Am Ende gabs auf dem Siegburger Marktplatz das Belohungsweißbier, das über die immer noch nassen Füße hinwegtröstete.

Da waren Hosen und Füße noch trocken.
Da schon nicht mehr.
Die Brücke zum Brückentag

Samstag: Unerwartet erreichte mich ein handgeschriebener Brief, über den ich mich sehr freute. Das schöne an Briefkommunikation alter Art ist, es wird nicht sofort oder innerhalb von Stunden eine Antwort erwartet, nicht einmal innerhalb einer Woche. Selbstverständlich werde ich bald antworten, weiß auch schon ungefähr, wann und bei welcher Gelegenheit.

Nach samstäglichen Erledigungen schaute ich bei der Vinothek des Vertrauens rein, wo Champagner gereicht wurde, um damit auf einen gebrochenen Fuß anzustoßen. Zum Glück nicht meiner.

»Der Mensch braucht sinnvolle Aufgaben. Geld auch.« So wirbt eine Bank in der Innenstadt. Leider schließt sich beides zumeist aus: Entweder hat man das eine, wie Altenpfleger, oder das andere, etwa Investmentbanker. Beides zusammen ist selten, das wird auch die Bank nicht auflösen können.

Sonntag: Während des Spaziergangs sah ich in der Nordstadt Werbung für eine Veranstaltung mit dem Namen „Lieblingslieder“, als Spezialgast wird Dieter Bohlen angekündigt. Auch das schließt sich gegenseitig aus.

„Schildkröte entlaufen“ hat jemand an mehrere Lampenpfähle in Bonn-Endenich aufgeklebt, mitsamt Telefonnummer. Das mag auf den ersten Blick erheitern, ist mir indes selbst schon passiert, als das Kind mit meinem Namen seiner Landschildkröte im Garten etwas Auslauf verschaffte. Normalerweise wohnte sie im Sommer in einem Holzverschlag auf dem Rasen im Garten, ab und zu durfte sie frei herumlaufen, selbstverständlich unter meiner strengen Aufsicht. An einem Sommertag holte ich die Dampfmaschine raus und heizte sie auf dem Rasen an, was ich mit einem Schildkrötenfreigang verband, was sich bald als liederlich* erwies: Während ich mich eine Minute der Maschine widmete, büxte das Tier aus. Die sofort eingeleitete Suche blieb erfolglos, so langsam sind Schildkröten gar nicht. Ich war sehr traurig, aber nur ein paar Tage lang, dann fanden Nachbarn sie bei sich im Beet und brachten sie zurück. Ich hatte meine erste Lektion in Multitasking-Fähigkeit erhalten, auch wenn das Wort vermutlich noch nicht gebräuchlich war.

* Liebe N., wie finden Sie dieses Wort?

Dem öffentlichen Bücherschrank an der Poppelsdorfer Allee entnahm ich zwei Bücher, beide von 1985: „Wir amüsieren uns zu Tode“ von Neil Postman und „Von der Nutzlosigkeit, erwachsen zu werden“ von Georg Heinzen und Uwe Koch, die auf den wachsenden Stapel der Ungelesenen kommen.

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Gut in dieser Woche waren: eine kurze Arbeitswoche, ein endlich veröffentlichter Text, ein erhaltener Brief.

Nicht so gut: nasse Füße

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Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Wochenstart, kommen Sie gut durch.

Woche 16/2022: Halbfinger, Warmduscher und Hintensitzer

Montag: Vergangenen Woche nahm ich Anstoß an zahlreichen Motorrädern, die den ganzen Tag an unserer Ferienwohnung vorbeidonnern. Immerhin beginnen sie damit erst nach neun Uhr, somit ist die Nachtruhe ungestört, man soll ja möglichst auch das Positive sehen. Dennoch frage ich mich nicht zum ersten Mal, warum die Dinger, also jedenfalls viele davon, so laut sein müssen und dürfen, zumal es ja auch durchaus moderat gestimmte Modelle gibt. Findet man als Motorradfahrer das Geknatter generell toll, oder nur das der eigenen Maschine?

Nachmittags machten wir einen Ausflug nach Vaison-la-Romaine, das noch erstaunlich touristenleer schien. Den Geliebten zog es in ein Geschäft, dass ausschließlich Geschirr vermeintlich provencalischer Machart anbietet, Sie kennen vielleicht diese grellfarbige Keramik, vermutlich aus chinesischer Produktion. Mit geradezu kindlicher Begeisterung nahm er einige Tassen in Augenschein, deren Erwerb nur mit Mühe zu verhindern war, zumal wir zu Hause Tassen in ausreichender Anzahl und etwas darüber hinaus im Schrank haben. Gleichsam ein Enfant im Porzellanladen.

Blühendes in Vaison-la-Romaine

Bei Frau Diekmann las ich erstmals vom äußeren Schweinehund, der meines Erachtens, im Gegensatz zu seinem inneren Bruder, viel zu wenig Beachtung findet.

Dienstag: Nach Ostern ist die Zahl der am Haus vorbeibrausenden Motorräder merklich zurückgegangen. Dafür brausen nun umso mehr P- und LKW vorbei. Was soll man machen.

Wir wohnen hier nicht nur in häuslicher Gemeinschaft mit Hühnern, die durch ihre Bewegungen und Geräusche Stadtbewohnern wie uns stets ein Lächeln entlocken, sondern auch mit einem Gecko, genauer: einem Europäischen Halbfinger, wie der Liebste recherchiert hat, der abends, während wir uns dem Nachtglas widmen, regungslos an der Hauswand oder kopfüber an der Decke der Terrasse verharrt, um seinen Appetit auf Spinnlein und ähnliches Getier zu stillen. Also der Gecko, nicht der Liebste; letzterer isst normalerweise mit uns am Tisch.

Auf dem Weg zum Nachmittagsgetränk

In Frankreich ist Wahlkampf.

Was man hier nur wenig sieht, sind blau-gelbe Ukraineflaggen. Gleichwohl ist die daraus folgende Ölkrise auch in hiesigen Supermärkten angekommen.

Mittwoch: Morgens gab es kein warmes Wasser mehr. Die Warmwasserbereitung erfolgt hier in einem großen Behälter im Nebenraum, der mit (vermutlich Atom-)Strom aufgeheizt wird und offenbar seine Funktion vorläufig eingestellt hat. Somit startete der Tag für mich als im Kaltduschen Ungeübter ohne das tägliche Brausebad, was man wohl überlebt.

Nachmittags besuchten wir zwei Weingüter in Beaumes-de-Venise und Vacqueyras. Auf dem Hinweg kamen wir an La Roque-Alric vorbei, einem pittoresk an einen Berghang gebauten Dorf, dessen wesentliche Funktion darin liegt, als Motiv für Postkarten und Touristenfotos zu dienen. Vom Verkaufs- und Verkostungsraum in Vacqueyras aus ein wunderbarer weiter Blick über noch zart begrünte Weinberge, Wege, Baumgruppen, Hecken, Zypressen, Ginsterbüsche, einzelne Häuser und Gehöfte; ein Gemälde aus verschiedenen Grün-, Ocker-, Braun-, Grau und Blautönen mit einigen gelben Sprenkeln darin. Auch an diesem kühltrüben Tag hätte ich dort stundenlang stehen und schauen können, obwohl nicht viel passierte; hier wurde etwas an den Reben gezupft, dort fuhr ein Traktor durch das Bild. Wie schön muss es sein, jeden Morgen nach dem Aufwachen diesen Anblick zu genießen? Und wie lange würde es dauern, bis durch die Gewohnheit des Täglichen auch hier der Genuss ermattet?

Im Übrigen verweise ich auf meine diesbezüglichen Ausführungen hier von 2010 sowie aus vergangenem September:

»Nicht zum ersten und bestimmt nicht zum letzten Mal stelle ich mir vor, wie es wäre, dauerhaft hier zu leben. Vielleicht in einem eigenen Haus etwas außerhalb, umgeben von Weinreben und Olivenbäumen, ein Lavendelfeld in Sichtweite, dazu Aussicht auf den Mont Ventoux und unser Schwimmbecken, in dem meine Lieben plantschen, während ich im Schatten der Terrasse belanglose Zeilen im Notizbuch vermerke. Im Winter knackt das Feuer im Kamin, während eisiger Mistral das Haus umtost. So schön das klingen mag – es spricht doch einiges dagegen. Allein schon fehlte mir der Mut, zu Hause alles abzubrechen und hier neu anzufangen, einschließlich Erlernen der Sprache, die ich auch nach Jahren nur rudimentär beherrscheanzuwenden im Stande bin. Und verliert das Schöne nicht irgendwann seinen Reiz, wenn man dauerhaft darin wohnt? Wer weiß, vielleicht werden durch den Kimawandel bald alle Sommer in der Provence unerträglich heiß, oder Marine Le Pen übernimmt die Macht, dann heißt es womöglich „Ausländer raus“ und „Schwule hängen“ mit unabsehbaren Folgen für ausländische Schwule. – Freuen wir uns also lieber auf das nächste Mal.«

Nach Rückkehr hatten die Vermieter unserer Wohnung das warme Wasser wieder ans Laufen gebracht. Ab morgen wieder Warmduschen.

Zur Feier des Liebsten Geburtstags verbrachten wir den Abend in einem sehr guten örtlichen Restaurant. Nach dem Hauptgang brachte der Wirt eine kleine quadratische Torte mit brennendem Kerzlein darauf an unseren Tisch, nötigte uns, für den Liebsten zu singen, auf dass auch die übrigen Gäste von seinem Anniversaire erfuhren, teilweise stimmten sie gar ein. Kaum war das Kerzenlicht ausgeblasen, wurde das noch unangetastete Törtchen wieder abgeräumt; wenig später servierte der Wirt drei Streifen daraus, von der Menge her völlig ausreichend, als Dessert. Was er mit dem Rest gemacht hat, entzieht sich meiner Kenntnis.

Die Neigung, in Dingen Gesichter zu erkennen, heißt übrigens Pareidolie.

Donnerstag: Nach Brausebad und Frühstück fuhren wir nach Avignon, der Stadt der Päpste, halben Brücke und Mireille Matthieu. Dort besuchten wir die örtliche Markthalle, wie es sie in vielen größeren französischen Städten gibt. Während der Liebste Einkäufe tätigte, prüften der Geliebte und ich die Getränkequalität einer der Bars und wir kamen zu einem zufriedenstellenden Ergebnis. Erstaunlich, wie viele Menschen, augenscheinlich keine Touristen, sich mittags an einem gewöhnlichen Wochentag an der Bar einer Markthalle aufhalten, nicht nur für einen schnellen Kaffee oder ein Wasser, die meisten hatten ein Weinglas vor sich, das vom freundlichen Barmann regelmäßig nachgefüllt wurde. Offenbar nicht oder nicht überwiegend aus Verzweiflung, sondern Lebensfreude. Wie wenig Aufenthaltsqualität bietet dagegen etwa der Bonner Wochenmarkt, wo man mit Angeboten wie „Ein Kilo Tomaten ein Euro“ angeschrien wird und schon deshalb lieber schnell weitergeht.

»Lungensport in Schwarzrheindorf« lautet eine Artikelüberschrift in der Zeitung, die ich dank Netz auch im Urlaub lese, wohingegen ich auf die Fernsehnachrichten problemlos verzichten kann. Klingt nach einem Wettrauchen.

Freitag: Der letzte Urlaubstag ist stets mit einer gewissen Melancholie belegt. Die Sachen, darunter zahlreiche Weinkartons (und Kaffee, fragen Sie nicht) ins Auto packen, das letzte Nachmittagsbier auf der Terrasse der Lieblingsbar, abends nochmal in die Pizzeria, das war es dann, morgen früh fahren wir zurück.

Nach dem Frühstück fuhren meine Lieben nach Vaison-la-Romaine, den Supermarkt leerkaufen. Da ich Supermarktaufenthalte ermüdend, allenfalls mäßig interessant finde, nutzte ich die Alleinzeit für einen knapp zweistündigen Gang rund um den Ort. Nichts hilft besser gegen Urlaubsendemelancholie als Gehen.

Drogenanbau südlich von Malaucène
Lavendelfeld, Vorsaison
Stillleben, provencalisch

Samstag: Der Vorteil, wenn man zu dritt verreist, ist, ich kann im Auto hinten sitzen. Vorne sitze ich ungern, am unliebsten auf dem Fahrersitz, meine Bewertungen als Beifahrer sind auch nicht besonders gut („Warum blinkst du nicht?“ – „Fahr doch nicht dauernd links!“ – „Vorsicht!“ – und so weiter). Hinten kann ich einfach aus dem Fenster schauen und nachdenken, wovon ich in den vergangenen Tagen ausgiebig Gebrauch machte, freilich ohne zu einem nennenswerten Ergebnis zu kommen.

Übrigens male ich mir nur über weniges so viel aus wie vor einer Reise darüber, was alles schiefgehen kann: Zugausfall, Reifenpanne, Hagelschlag, Gezänk, Meteoriteneinschlag. Doch ging es gut, bereits gegen 17:45 Uhr, somit fast eine halbe Stunde vor der ursprünglich errechneten Ankunftszeit trafen wir nach staufreier Fahrt mit nur geringem Gezänk zu Hause ein.

Sonntag: Die erste Nacht im eigenen Bett schläft es sich wie üblich besonders gut. (Ist der Satz so korrekt, oder muss es heißen „In der ersten Nacht“? Egal, Sie wissen, was ich meine.)

Diese Wochenbetrachtung wäre unvollständig ohne Erwähnung des Vogels, der in Malaucène die Umgebung mit seinem Ruf erfreut: ein etwa halbsekündiger gleichbleibender Ton (E, wie eine zur Ermittlung heruntergeladene Klavier-App, die auf Datengeräten der neuen Generation ohne Zurück-Knopf nur schwierig wieder zu schließen ist, ergeben hat) ungefähr alle zwei Sekunden, an eine Alarmanlage oder einen Feuermelder erinnernd. Abends nach Einbruch der Dunkelheit piept er besonders ausdauernd, manchmal über Stunden, auch tagsüber ist er hin und wieder zu hören, wenn nicht gerade ein Motorrad brüllt. Manchmal gesellt sich nachts in größerer Entfernung ein Artgenosse hinzu, in Tonhöhe und Frequenz geringfügig von ersterem abweichend. So tanzen ihre Töne minutenlang umeinander her, mal treffen sie aufeinander oder verfehlen sich knapp, trennen sich wieder, bis sie erneut verschmelzen, während der Mensch sich wach in seinem Tuch wälzt. Um was für einen Vogel es sich handelt, war nicht zu ermitteln. Ein wenig vermisse ich ihn.

Zum Schluss einige weitere bildliche Eindrücke der Woche.

Der Verfasser bei einem wichtigen Tagestermin
Landschaft bei Vinsobres
Avignon
Blick aus unserer Ferienwohnung über die Straße, ausnahmsweise ohne Kraftfahrzeuggeräusche
À bientôt

Zurück in Bonn. Heute war ich spazieren. Auf dem Friedensplatz war Antikmarkt, wo der übliche Krempel feilgeboten wurde, wie eine kurze Inaugenscheinnahme ergab. Nachdem ich mich einige Meter entfernt hatte, um den Gang fortzusetzen, gab es eine lautes Scheppern und Klirren, als ob einer der Stände mit Geschirr, Gläsern und Hausrat umgekippt wäre. Ich verzichtete auf eine Rückkehr, um nachzuschauen; es wird wohl niemand verletzt worden sein. Desweiteren zog es mich auf die andere Rheinseite, wo am Beueler Rheinufer ebenfalls eine Art Markt mit Verkaufs-, Trink- und Essständen stattfand, das ganze akustisch hinterlegt mit Musik von Bernd Clüver. Für den Rest des Spazierens begleitete mich leider die Liedzeile »Mexican Girl, heut Nacht oder nie«. Ansonsten war es schön:

Rheinaue vor Bonn-Schwarzrheindorf
Ebenda
Der Rhein nördlich von Bonn

»Schick deinen Love Standort« hat jemand mit Kreide auf eine niedrige Mauer in der Inneren Nordstadt geschrieben. Leider nicht, wohin.

Nachtrag am Abend: Frankreich hat gewählt. Nochmal gut gegangen. Wir können wiederkommen.

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Ab morgen wird es wieder ernst. Kommen Sie gut durch die Woche, ich versuche es auch.