Woche 39/2022: Nahezu perfekt und relativ glücklich

Montag: Die bekannte Fischrestaurantkette bietet als „Fang der Woche“ Wels-Currywurst mit Pommes an, wie ich morgens auf dem Weg zum Bahnhof sah. Guten Appetit.

Ich reiste ins Allgäu, wo ich vier Tage lang den ersten Alleinurlaub seit – lassen Sie mich überlegen: sechsundzwanzig Jahren verbrachte. (Zuletzt war ich 1996 allein auf Gran Canaria, nachdem sich mein damaliger Freund von mir getrennt hatte und der Kessel brummte; das ist eine andere Geschichte.) Hier im Allgäu machten wir oft mit der Familie Urlaub, deshalb war es auch eine Reise in meine Jugend.

Die Bahnfahrt verlief nicht pünktlich, doch immerhin so wenig verspätet, dass ich in Ulm den Anschluss noch bekam. Bis Ulm reiste ich im Abteil, weil der gebuchte Intercity in der ersten Klasse, die ich mir gönnte, nur Abteilwagen aufwies. Derart reise ich ungern wegen der Gegenüberfußproblematik und der Gefahr, ins Gespräch verwickelt zu werden. Es sprach trotz fünf belegter Plätze jedoch niemand, einschließlich Gruß- und Abschiedsformel. Zudem hatte ich einen Fensterplatz mit Blick auf den Rhein, also nahezu perfekt.

„Tragen Sie Ihre Maske aktiv über Mund und Nase“, wurde regelmäßig durchgesagt. Wie trägt man eine Maske aktiv, und wie passiv?

Ab Memmingen nahm ich erstmals trotz verhüllter Nase den regionaltypischen Kuhdungduft wahr und lächelte unter der aktiv getragenen Maske. Sie werden vielleicht zu recht einwerfen, dass die bedenkliche Ausbringung von Gülle Ursache dieser olfaktorischen Empfindung ist. Dem widerspreche ich nicht, möchte damit nur zum Ausdruck bringen, dass genau dieser Geruch für mich untrennbar mit den früheren Familienurlauben verbunden, somit positiv besetzt ist.

Bei Ankunft am Zielbahnhof lächelte ich noch mehr
Die Dieseltriebzüge der Baureihe 633 weisen nicht nur eine übelgelaunte Physiognomie auf, sie sind auch recht unkomfortabel und dröhnen innen sehr laut. Für längere Reisen nicht zu empfehlen.
Im Hintergrund der Niedersonthofener See

Nach Ankunft in Martinszell (eigentlich Oberdorf, der Ort Martinszell liegt etwa einen Kilometer vom gleichnamigen Bahnhof entfernt) schloss sich ein etwa einstündiger Spaziergang zur Unterkunft in Niedersonthofen an, den ich bei Sonnenschein auch innerlich strahlend zurück legte. Ich sah viel Vertrautes; gleichwohl hat sich in den vergangenen zweiunddreißig Jahren, seit ich das letzte Mal hier war, einiges verändert.

Gegen Abend der See nochmal aus der Nähe
Der Grünten, gleichsam der Mont Ventoux des Oberallgäus

Abendessen im Restaurant. Der Landgasthof ist für Einzelesser nicht optimal möbliert. So belegte ich alleine einen Sechsertisch und hatte fast ein schlechtes Gewissen, als ich das zweite Bier bestellte. Hauptsache, mir wurde kein auf Englisch das Gespräch suchender Beisitzer zugeteilt. (Da ich diesen Gedanken bei Tisch ins Notizbuch schrieb, halten sie mich jetzt vielleicht für einen Testesser von Michelin. Mal sehen wie der Service in den nächsten Tagen wird.)

Als Absacker bestellte ich einen Enzian. Schmeckte gar nicht mal so gut, außerdem ist er klar, nicht blau. Heino lügt. (Kleine Gaudi am Rande, verzeihen Sie. Ich weiß natürlich, dass Enzian blau blüht.)

Dienstag: Bereits vor dem Weckergetöse wachte und stand ich auf. Bis mittags regnete es andauernd, was mich dank Lektürevorrat nicht grämte. Als der Regen kurz nach zwölf nachließ, machte ich mich auf zu der Tour, auf die ich mich seit Buchung dieses Aufenthalts am meisten freute. Sie führte über Oberdorf (bitte nicht verwechseln mit Oberstdorf) durch das Werdensteiner Moos, über Eckartz, Freibrechts und Gopprechts zurück nach Niedersonthofen.

Auf dem Weg nach Oberdorf
Mont Grünten in Wolken, rechts hinten die Oberst(!)dorfer Alpen
Letztere aus anderer Perspektive
Zwischen Oberdorf und Eckartz
Ebenso, nun sonnenbeschienen
Gopprechts
Es muss schlimm sein, den Tag mit so einer Glocke am Hals zu verbringen. Immerhin wurden ihnen nicht, wie den meisten Artgenossinnen, in jungen Jahren die Hörner weggeätzt. Insgesamt wirkten sie relativ glücklich.

Das Werdensteiner Moos ist ein ehemaliges Torfabbaugebiet, das ab den Neunzigerjahren renaturiert worden ist. Bis dahin war es ein unzugänglicher Wald, so kannte ich es noch aus früheren Urlauben. Heute führt ein Rundweg hindurch, mit Informationstafeln zur Geschichte des Torfabbaues und Natur des Mooses/Moores.

Zwischendurch regnete es immer wieder. Dennoch – und trotz nach Rückkehr feuchter Füße – stimmten Vorfreude und Ereignis völlig überein.

(Während dieser Niederschrift übt im Gasthof nebenan die örtliche Blaskapelle. Ich mag Bayern sehr, trotz Söder, Scheuer und [bitte denken Sie sich hier ein besonders intensives Würgegeräusch] Dobrindt.)

Mittwoch: Wie morgens beim Frühstück zu hören war, werden in Kempten händeringend Busfahrer gesucht. Dabei stelle ich mir vor, wie Leute diverser Verkehrsbetriebe sich in eine wild aufgemischte Menschentraube drängen, jeden fragen „Sind Sie Busfahrer?“, und sobald jemand ja sagt, stürzen sich alle auf ihn und es kommt zum Handgemenge.

Es regnete durchgehend den ganzen Tag, wie angekündigt. Das hielt mich nicht von einem längeren Spaziergang durch Oberdorf und Martinszell ab; nach monatelanger Vorfreude blieb ich nun nicht wegen Fußfeuchtegefahr im Zimmer. Nach Rückkehr waren die Schuhe komplett durchnässt, das war es wert. Vielleicht sollte ich mir mal wasserdichte Wanderschuhe zulegen.

Niedersonthofener See im Regen, Blick zum Westufer

Mein Unterkunft gewährendes Gasthaus hatte heute Ruhetag, deshalb aß ich abends (ebenfalls sehr gut) in einem Wirtshaus etwas außerhalb des Ortes. Es heißt „Sonne“, immerhin ein Lichtblick an diesem Regentag. Und doch: Alleine zu essen macht auf Dauer keinen Spaß. Drei Tage Alleinzeit sind vorerst genug, ich freue mich auf die Rückkehr in die Arme der Lieben morgen Abend.

Auf dem Rückweg vom Essen war der Grünten verschwunden, vergleiche Montag, letztes Bild

Donnerstag: Tag des Abschieds vom Allgäu. Noch immer regnete es, was den Abschiedsschmerz auch hier (siehe vergangene Woche) ein wenig linderte.

Ein letzter Blick zurück auf das umwölkte Niedersonthofen

Die Züge waren sehr voll, bereits der (viel zu kurze) Regionalexpress nach Ulm in der zweiten Klasse vollbesetzt. Wo wollten die vielen Leute hin an einem gewöhnlichen Donnerstagmittag? Vorausschauend hatte ich ja erste Klasse gebucht und fand ein angenehmes Plätzchen. Hinter Kempten geleitete die Zugbegleiterin ein älteres Paar, dessen männlicher* Teil nicht gut zu Fuß war, in das Erste-Klasse-Abteil und bat uns bereits darin Sitzende um Verständnis. Meine Frage, wofür, schließlich hatte ich nur für einen Platz bezahlt und den auch bekommen, wurde mit Kaffee-Gutscheinen für alle Abteilinsassen beantwortet, den ich allerdings zurückließ, da er nur an bestimmten süddeutschen Bahnhöfen einlösbar war, von denen ich bis Jahresende voraussichtlich keinen mehr aufsuchen werde.

*mutmaßlich, man darf das ja nicht mehr einfach so behaupten anhand äußerlichen Anscheines.

Im ICE nach Mannheim saß vor mir eine Frau, die allerlei Business-Blödsinn in ihr Telefon absonderte, und diesen Satz: „Tobi und ich haben diese Challenge, wer zuerst die Heizung andreht.“ Cool, hätte man wohl früher gesagt; wie man heute sagt, weiß ich nicht und es ist mir auch egal.

Ab Mannheim wurde mir das außergewöhnliche Vergnügen zuteil, in einem Panoramawagen der Schweizer Bundesbahn Platz zu nehmen. Eine angenehmere Art zu reisen ist kaum denkbar, obwohl man sich auch hier gegenüber sitzt, immerhin ohne diesen beengenden Tisch dazwischen.

Wenn gegen Ende einer längeren Reise das Siebengebirge zu sehen ist, geht mir jedes Mal das Herz auf

Weitere Beobachtungen und Erkenntnisse innerhalb und außerhalb des Zuges:

  1. In Memmingen gibt es Lärmschutzwände mit Lurchlöchern. Das sind kleine Öffnungen am Boden, darüber in etwa ein Meter Höhe jeweils ein Schild mit einem stilisierten Schwanzlurch oberhalb eines auf der Spitze stehenden Dreiecks, somit für die Durchgang begehrenden Lurche viel zu hoch angebracht.
  2. Selbst Fabrikschornsteine wurden im neunzehnten Jahrhundert schmuckvoller gebaut als heute die meisten Wohnhäuser.
  3. Bei Jungs mit knöchelfrei getragenen Hosen schwanke ich häufig zwischen „wie erotisch“ und „wie albern“. Bei Männern über vierzig bin ich mir sicher.
  4. Es ist lächerlich, einen Fachhandel „Küchen Kompetenz Centrum“ zu nennen.

Freitag: Immer noch Urlaub. Dies nahm ich zum Anlass, auswärts zu frühstücken, in einer Gaststätte in der Bonner Südstadt, die bei Ankunft wenige Minuten nach Öffnung schon gut besucht war, nicht nur von Menschen im Rentenalter. Haben die nichts zu tun? Grund mag das anheimelnde Ambiente des Lokals sein; die Qualität des gereichten Frühstücks spricht indessen nicht dafür: Zum „Französischen Frühstück“ wurde kein Baguette serviert, dafür ein Körbchen mit einem Croissant (immerhin), einer Scheibe Vollkornbrot und einem Brötchen. Letzteres war offenbar billigste Aufbackware, das bereits beim Aufschneiden in mehrere Teile zerbröselte. Daher werde ich dort wohl nicht mehr so bald frühstücken.

Im Rewe sind die ersten Weihnachts-Süßwaren erhältlich, was wieder einige Konsumenten auf die Palme (beziehungsweise Tanne) bringen wird. Ich blieb am Boden, freute mich und packte einige Nougat-Marzipan-Riegel ins Körbchen.

Samstag: Ein ungewöhnlich milder Tag. Mittags in der Fußgängerzone bemerkte ich, wie nur drei Tage Allgäu ausgereicht haben, mich von Menschen in größerer Zahl zu entwöhnen und wie wenig ich es vermisst habe – Leute, die langsam vor mir her gehen und einfach stehen bleiben; Kinderwagen, die mir in die Hacken geschoben zu werden drohen; Fahrräder und Elektroroller im Fußgängerslalom; Tier-/Kinder-/Umwelt- Wasauchimmerschützer, die arglose Passanten an ihre Stände zu zerren suchen, um ihnen ein Gespräch aufzuzwingen.

Sonntag: Zwei Wochen Urlaub sind zu Ende, somit die großen Vorfreude-Ereignisse für dieses Jahr aufgebraucht. Erfreuen wir uns also weiterhin an Kleinigkeiten, die das Leben auch im Alltag bereithält.

Wie solches – das Ende eines jeden menschlichen Seins kann schöner kaum beschrieben werden:

… sie werden wohl jenen unbeliebten, aber notwendigen natürlichen Prozessen zum Opfer gefallen sein, mittels welcher die Kreisläufe des Organischen immer weiter zu kreisen befähigt sind.

Max Goldt: Preisung der grotesken Dame

***

Ich wünsche Ihnen einen erfreulichen Feiertag, eine angenehme Woche und mir einen nicht allzu unlustschweren Neustart in den Arbeitsalltag. Zum Glück erst Dienstag.

Die Zweitausender – Wilde Zeiten

Nach Betrachtung der Siebziger-, Achtziger– und Neunzigerjahre schauen wir nun in die

Zweitausenderjahre.

Das Jahr 2000 begann mit einem bizarren Streit über die Frage, ob das neue Jahrtausend jetzt begann oder erst 2001. Eine eher theoretische Diskussion – für mich begann das neue Jahrtausend jetzt, am 1. Januar 2000. Ebenso uneins war man sich, wie dieses Jahrzehnt denn nun heißt. Bei den Siebziger-, Achtziger und Neunzigerjahren war es klar, aber jetzt? „Nullerjahre“? Klingt komisch, daher habe ich für mich entschieden, das Jahrzehnt trotz alpiner Anmutung als „Zweitausender“ zu bezeichnen.

Weltpolitisch begann das Jahrzehnt zunächst unauffällig, dann indes spektakulär mit den Terrorangriffen auf die USA am 11. September 2001. Als ich vormittags auf den Werksfluren erstmals davon erfuhr – kurz zuvor war das erste Flugzeug ins World Trade Center eingeschlagen – hielt ich es noch für einen Scherz, oder wenigstens einen Unfall. Erst nach Eintreffen des zweiten Flugzeugs wurde klar: Das war kein Versehen. Und doch – bei aller Schrecklichkeit war ich tief beeindruckt von der organisatorischen Leistung der Terroristen, unbemerkt von Geheimdiensten gleichzeitig vier Flugzeuge zu entführen und zwei davon innerhalb kurzer Zeit eigenhändig in die New Yorker Türme zu lenken. – Eine beliebte Frage bis heute: „Wo waren Sie am 11. September 2001?“ Für mich kann ich sie beantworten: Nachmittags hatte ich einen Besichtigungstermin einer Wohnung in der Bonner Weststadt, vier Zimmer, neunzig Quadratmeter mit Balkon, als Ersatz für unsere für zwei Personen doch etwas beengte Dachkammer in der Südstadt. Wir bekamen sie und waren sehr zufrieden damit, wenngleich auch diese Wohnung, wie die Dachkammer, in unmittelbarer Nähe zur Bahnlinie lag, daher nicht gerade ruhige Lage. Aber daran waren wir inzwischen gewöhnt und fühlten uns darin sehr wohl. Nach dem Umzug (für den wir letztmalig Freunde und Bekannte missbrauchten) hatte ich das Gefühl, in Bonn und im Rheinland richtig angekommen zu sein.

Die Kirschblüte in der „Altstadt“ lockte noch nicht Touristenscharen an

Ebenfalls 2001 beschloss der Deutsche Bundestag das Lebenspartnerschaftsgesetz. Wir durften zwar aufgrund eines verfassungsgerichtlich bestätigten, absurden „Abstandsgebotes“ nicht heiraten, immerhin eine „Eingetragene Lebenspartnerschaft“ eingehen, die alle Pflichten und kaum Rechte der herkömmlichen Ehe zwischen Mann und Frau beinhaltete, insbesondere keinerlei steuerliche Vorteile. Das hielt uns nicht davon ab. Mein Antrag, noch vor dem Umzug in der Dachkammerküche dargebracht, verlief ostwestfälisch knapp und wurde vom Liebsten positiv beschieden, statt mit einem Ring wurde der Beschluss mit Jägermeister besiegelt. Als Termin legten wir einen Tag im Mai des Folgejahres fest, genau der Tag, an dem wir uns fünf Jahre zuvor kennen gelernt hatten.

Der standesamtliche Akt erfolgte im schmucklosen Trauzimmer des Bonner Stadthauses, das laut Standesbeamtin anlässlich unserer Vermählung so voll war wie selten. Der Liebste nahm (freiwillig) meinen Nachnamen an. Etwas irritiert war ich, als ich nach der Trauung meinen Chef hinter mir „Herzlichen Glückwunsch, Herr K.“ sagen hörte und erst im Umdrehen, um mich zu bedanken, bemerkte, dass er meinen Mann beglückwünschte. Amüsant hingegen die Frage aus Reihen der nachfolgenden Hochzeitsgesellschaft: „Wo ist denn die Braut?“

Glücklich und frisch verheiratetpartnert

Für die anschließende Feier hatten wir eine Gaststätte in Bonn-Kessenich reserviert, wo unsere zahlreichen Gäste die Wirtsleute durch erheblichen Appetit beeindruckten; gegen Ende musste der Jungkellner Jägermeister aus Privatbeständen seiner Eltern ranholen. Maßgabe für die Feier war, auf keinen Fall irgendwelche peinlichen Hochzeitsspielchen durchzuführen, woran sich alle hielten. Einziger unvermeidlicher Programmpunkt war der Hochzeitstanz, der mangels Tanzvermögens meinerseits nicht gar so elegant ausfiel, dafür schnell vorüber war.

Die Hochzeitsnacht verlief in nicht allzu romantischem Rahmen, niemand trug den anderen über die Türschwelle, im Zweifel wäre dazu auch keiner in der Lage gewesen. Stattdessen zählten wir Geld – anstelle von Sachgeschenken hatten wir uns finanzielle Unterstützung der Feier gewünscht.

Die Tatsache, nun „verpartnert“ zu sein, hinderte uns gemäß gegenseitiger Übereinkunft nicht daran, die Ausgeh- und Begegnungsmöglichkeiten in Bonn, Köln und darüber hinaus zu nutzen, was auch körperliche Kontakte mit Dritten ausdrücklich nicht ausschloss, weder gemeinsam noch jeder für sich. So verbrachte ich bereits die nächste Samstagnacht nach der Feier mit Ehering, Wissen und Erlaubnis meines Mannes im Kölner Chains, einem Lokal, dessen Zweck nicht in erster Linie dem Tanz und Getränkeverzehr diente und das für darüber hinausgehende Aktivitäten entsprechende Räumlichkeiten aufwies.

Selbstverständlich kam es nicht immer zum Äußersten. Manchen traf man einmal, andere öfter; einer blieb uns über Monate verbunden, kurzzeitig war gar sein Name an Klingelschild und Briefkasten angebracht – der Sommer 2003 war nicht nur in meteorologischer Hinsicht sehr heiß.

Auch gänzlich der Unzucht unverdächtige Aktivitäten nahm ich wahr: Im Sommer 2005 trat ich einem Männerchor in Köln bei, dem ich immerhin fünfzehn Jahre lang die Treue hielt. Jeden Mittwochabend fuhr ich nun zur Chorprobe nach Köln. Manchmal kostete es Überwindung, abends nach einem Arbeitstag noch mit der Bahn nach Köln zu fahren und erst kurz vor Mitternacht wieder zu Hause zu sein, doch fast immer kehrte ich mit einem Glücksgefühl zurück. Singen macht glücklich. Erst recht auf der Bühne vor Publikum, trotz vorangehendem Lampenfieber, das gehört dazu.

Irgendwas aus der Westside Story

Auch dem Hobby Eisenbahn widmete ich wieder mehr Zeit. Nachdem wir 2005 erneut umgezogen waren, jetzt in die Innere Nordstadt (auch Altstadt genannt, was nicht ganz richtig ist: Die Bonner Altstadt wurde im Zweiten Weltkrieg zerbombt und nicht wieder aufgebaut, jedenfalls nicht als Altstadt; das nur am Rande) baute ich ab 2008 eine Modelleisenbahn auf, wenn auch nur eine ganz kleine, die an frühere Anlagen auf dem Dachboden des Bielefelder Elternhauses nicht heranreichte. Immerhin konnte ich meine Loks und Wagen, die sich bis dahin in einer Wandvitrine die Räder in den Rahmen gestanden hatten, wieder etwas bewegen, was nach so langer Abstinenz in etwa so glücklich machte wie Singen.

Nahverkehrszug 7843 nach Dransfeld kurz vor Abfahrt

Beruflich änderte sich nicht viel für mich. Mit meinem Chef, mit dem ich anfangs leichte Probleme gehabt hatte, kam ich inzwischen gut aus. Ende 2002 zog das Unternehmen vom ehemaligen Postministerium in ein repräsentatives (und zunächst innerhalb Bonns umstrittenes) Hochhaus am Rhein, auf den ich nun vom 24. Stock aus blickte.

Das Dampfschiff „Goethe“ wurde 2008/2009 leider von Dampf- auf Dieselantrieb umgebaut

Urlaube verbrachten wir mit zwei Freunden regelmäßig auf Gran Canaria, wo es ebenfalls zahlreiche der oben beschriebenen zwischenmännlichen Begegnungsorte gibt. Die Tage verbrachten wir üblicherweise am Strand vor den Dünen von Maspalomas.

Vermutlich trug ich zum Zeitpunkt der Aufnahme eine Badehose

Erstmals im Sommer 2006 fuhren der Liebste und ich mit dem Auto nach Südfrankreich, zunächst nach Nyons, dann Malaucène. Dort in der nördlich Provence gefiel und gefällt es uns so gut, dass das bis heute unser bevorzugter Urlaubsort geblieben ist.

Rosé passt immer

Anfang des Jahrtausends fand ich die Freude am Schreiben wieder, bis dahin hatte ich nur regelmäßig Tagebuch geschrieben. So entstanden einige Bücher, für eines fand ich gar einen Verlag, der es 2006 herausbrachte. Allerdings war ihm keine Erfolg beschieden, es wurden nur ein paar hundert Exemplare verkauft. Zu recht, wie im Nachhinein zu bemerken ist, es war wirklich schlecht geschrieben und so gut wie gar nicht einem Lektorat unterzogen. Ein paar mal versuchte ich mich noch an Literatur im Themengebiet schwules Lieben/Leben/Leiden, stets ohne Erfolg. Inzwischen habe ich mich vom Traum einer Schriftstellerkarriere verabschiedet; manches sollte man denen überlassen, die es können.

2007 entstand dieses Blog, das ich noch immer mit großer Freude befülle. Zwei Jahre später entdeckte ich Twitter für mich. Dort entwickelte sich schon bald diese gewisse Sucht nach Sternchen, Erwähnungen und neuen Verfolgern, deren ich zeitweise über tausend hatte. Mit Facebook hingegen freundete ich mich nie an, nach zwei Anläufen trennten wir uns endgültig.

Was war sonst in den Zweitausendern:

  • Apple brachte mit dem iPhone das erste Smartphone in die Welt, welches das Verhalten und die Gewohnheiten der Menschen seitdem erheblich beeinflusst hat. Auch bei uns, nachdem sich der Liebste, stets ein Freund der Produkte mit dem angebissenen Apfel, eins zugelegt hatte. Ein Jahr später war es meins, nachdem er es durch ein Gerät der neuesten Generation ersetzt hatte.
  • Angela Merkel löste Gerhard Schröder als Bundeskanzler ab und hielt sich für den Rest des Jahrzehnts und weit darüber hinaus im Amt.
  • Der Euro löste die D-Mark und weitere europäische Währungen ab. Viele rechneten bei jedem Bezahlvorgang noch in Mark um und befanden, nach der Umstellung sei alles teurer geworden, vor allem die Gastronomie, was der neuen Währung bald des Namen „Teuro“ einhandelte. Manche tun das noch heute.
  • Putin und Erdogan kamen jeweils als Präsident ihres Landes an die Macht, mit den bekannten Auswirkungen auf die Freiheitsrechte ihrer Völker und darüber hinaus.
  • Mit Joseph Ratzinger wurde ein Deutscher Papst. „Wir sind Papst“, titelte die Bild-Zeitung. Als er am Weltjugendtag in Köln teilnahm, ratzteten die Besucher aus und feierten ihn mit „Benedetto“-Rufen fast wie einen Popstar, was er nun wirklich nicht war.
  • Die USA eröffnen unter George W. Bush den zweiten Irakkrieg mit Auswirkungen im Irak und der Region bis heute.
  • Oasis, für mich die größte Band aller Zeiten, lösten sich nach Streit der Gallagher-Brüder auf. Beide traten danach noch ein paar mal mit Solo-Projekten in Erscheinung, die alten Erfolge von Oasis wurden nicht mehr erreicht. Vielmehr weiß ich in musikalischer Hinsicht zu diesem Jahrzehnt nicht zu schreiben. Sicher gab es Gutes und Typisches, doch fiele es mir im Gegensatz zu den vorangegangenen Jahrzehnten schwer, typische Hits und Interpreten der 2000er zu benennen. Ich habe sie gehört, doch ist kaum etwas hängen geblieben.

Den Jahreswechsel 2009/2010 verbrachten wir unspektakulär zu zweit zu Hause, wie immer hatte der Liebste vorzüglich gekocht. Nach dem Essen gingen wir zum Opernhaus am Rhein und schauten zu, wie andere hunderte und tausende Euro in die Luft jagten. Die Zehnerjahre hatten begonnen und wir gingen noch ein paar Kölsch trinken und Leute treffen in Bobas Bar.

Woche 38/2022: Gluck des Urlaubs

Montag: Ein angenehmer Urlaubstag nach gutem Schlaf und spätem Aufstehen. Beim Frühstück schauten wir kurz in die Beerdigung der Queen. Mein Interesse an königshäuslichen Schicksalen ist nicht sehr ausgeprägt, daher ging mir ihr Ableben nicht sonderlich nahe. Als die Dudelsäcke loslegten, stellte sich schon eine gewisse Gänsehaut ein.

Nachmittags verbanden wir die Besorgung regionaler Spezereien (Trüffelprodukte, Olivenöl, Rosé) mit einer Ausfahrt durch die immer wieder Herz und Auge erfreuende Gegend.

Dienstag: Morgens nahm ich drei Tassen aus dem Geschirrschrank, ehe mir einfiel, dass wir nur zu zweit hier sind. Die Gewohnheit.

Nach dem Frühstück durchwanderten wir bei Sonnenschein die Umgebung, selbstverständlich mit einem angemessenen Pique Nique.

Den Nachmittag nach Rückkehr verbrachte ich überwiegend im Liegestuhl, wo Vorstehendes notiert wurde und aus dem ich Sie herzlich grüße.

Mittwoch: „Hier ist dein Gluck“, schrieb morgens jemand per Mail. Er ahnte wohl nicht, wie recht er damit hat.

Der Sportteil der Tageszeitung erfährt von mir normalerweise keine Beachtung und wird rasch überblättert. Heute blieb das desinteressierte Auge indes an dem Wort „Schach-Skandal“ hängen. (Ähnliches geschah vor längerer Zeit schon einmal beim Wort „Schachschlacht“, das ich notierte und mangels Verwendungszweck bislang nicht benutzte.) Wodurch also kann eine derart unaufgeregte Beschäftigung wie das Schachspiel (es fällt mir schwer, es als Sport zu bezeichnen, gleiches gilt für Angeln und Autorennen) einen Skandal auslösen? Folgendes ist passiert: Der in Schachinteressiertenkreisen als Superstar gefeierte Magnus Carlsen hat eine Partie verloren gegen einen unbekannten Neunzehnjährigen, weil letzterer womöglich betrogen hat. Das wirft die Frage auf, wie man bei einem Brettspiel, wo für jedermann sichtbar schwarze und weiße Püppchen verschoben werden, betrügen kann. Die konkrete Antwort bleibt der Bericht schuldig, nur soviel: Laut einem Experten sei es denkbar, „mithilfe von Analkugeln Vibrationssignale zu empfangen, um die nächsten Züge zu planen“. Mir ist schleierhaft, wie rektale Stimulation ausgerechnet geschicktere Schachzüge anzuregen vermag. Jedenfalls rief die Idee bei mir länger anhaltendes Grinsen hervor.

Apropos Züge: Laut einem anderen Bericht beabsichtigt die Deutsche Bahn, die Staatsbahn der Ukraine bei der Einführung europäischer Standards im Bahnbetrieb und Management zu beraten. Trotz Krieg gilt die ukrainische Eisenbahn bislang als erstaunlich zuverlässig, daher sollte sie das Angebot der DB besser ausschlagen. Oder ein Gegenangebot unterbreiten: die Beratung der Deutschen Bahn bezüglich stabiler Betriebsführung unter widrigen Umständen wie Sturm, Laubfall, Hitze und Schnee.

In von mir abonnierten Blogs las ich gleich zweimal das Wort „lecker“, das ich aus nicht näher bekannten Gründen furchtbar finde.

Köstlich hingegen das Getränk und die Lektüre. Gluck des Urlaubs.
Abends hätte ich beinahe einen Sonnenuntergang fotografiert

Donnerstag: Manchmal, zum Gluck Glück nicht allzu oft, wache ich nachts auf und schlafe nur schwer wieder ein, so wie vergangene Nacht, nachdem mich Blasendruck aus dem Tuch getrieben hatte. Dann geht in meinem Kopf ein Gedankenquirl an, der mich eine Zeit lang mit potentiellen Unannehmlichkeiten beschäftigt, etwa die, Fremde schlichen um das Haus, um uns auszurauben oder zu meucheln, oder sie brechen das Auto auf und klauen den Wein aus dem Kofferraum. Jedes draußen vernommene Knacken und Rascheln wird plötzlich zur Gefahr. Doch schlief ich irgendwann wieder ein und wachte ungemeuchelt auf, als hinter der Jalousie der neue Tag hellte.

Nach dem Frühstück fuhren wir mit dem unversehrten Auto nach Avignon, zunächst in die Metro, die wir jedes Mal erst nach einem längeren Verwaltungsakt, der mehrere Metromitarbeiter beschäftigt, betreten dürfen. Hauptzweck des Besuchs war die Ergänzung der Champagnervorräte, ein Kistchen Rosé landete ebenfalls auf dem Wagen; beides sollte stets in ausreichender Menge im Haus sein, gerade in diesen Zeiten.

Danach fuhren wir in die Markthalle, waren allerdings spät dran, viele Stände schlossen schon. Dennoch werden wir voraussichtlich in absehbarer Zeit nicht hungern.

Nach einem Kaffee (manchmal geht es auch ohne Alkohol) auf dem zentralen Place de l‘Horloge fuhren wir zurück, wo der Liegestuhl schon bereit stand.

Noch einmal zur Bahn. Die bekommt neue Züge. Dazu die Zeitung (Hervorhebungen durch den Chronisten):

An neuen Zügen wird der Aufschwung des Schienenverkehrs nicht scheitern. Bahnchef Richard Lutz kündigt ein gewaltiges Investitionsprogramm für neue Züge an. Bis zum Ende des Jahrzehnts gibt die Bahn 19 Milliarden Euro für neue Züge aus.

[…]

Ein großer Teil der Pläne war bereits bekannt, etwa die Anschaffung von insgesamt 73 ICE 3 Neo, die ab dem kommenden Dezember auf die Gleise kommen und allein 2,5 Milliarden Euro verschlingen.

[…]

Die Modernisierung der Strecken wird viele weitere Milliarden verschlingen, die der Bund bereitstellen muss.

(General-Anzeiger Bonn)

Ich weiß nicht, ob der Verfasser des Artikels sich in Ausbildung befindet oder nur einen schlechten Tag hatte; gleichwohl fraget man sich: Liest das vor Veröffentlichung niemand mehr gegen?

Freitag: Eine Woche geht immer schnell herum, das gilt (zum Glück) für Arbeits- wie (leider und umso mehr) für Urlaubswochen. So ist heute schon wieder der letzte Tag vor unserer Abreise morgen früh. Den Vormittag verbrachte ich sitzend (beziehungsweise liegestuhlliegend) und lesend vor unserem Haus. Der Liebste unternahm unterdessen einen Ausflug nach Vaison La Romaine in den Supermarkt. Er kann sich dort stundenlang aufhalten und die regionalen Lebensmittelangebote besichtigen, wohingegen mein diesbezügliches Interesse nach kurzer Zeit nachlässt. Daher ist es für alle Beteiligten besser, er fährt ohne mich.

Bei Max Goldt las ich den aus der Psychiatrie stammenden Begriff „querulatorischer Interpunktionsexzess“. Dieser bezeichnet den Drang mancher Internetnutzer, ihre mehr oder weniger sinnvollen Wortbeiträge mit möglichst vielen Ausrufe- und Fragezeichen zu bekräftigen. Also etwas, das Sie in diesem Blog üblicherweise nicht vorfinden!!!!!

Samstag: In der Nacht hatte es zu regnen begonnen. Auch morgens zur Abfahrt trommelten noch schwere Tropfen auf das Vordach und den Blechtisch vor der Tür, an dem wir an den Vorabenden den Rosé zur Nacht genossen hatten. Einerseits linderte der Regen den Abschiedsschmerz ein wenig, andererseits blieb die übliche Wehmut, die mich jedesmal begleitet, wenn wir auf dem Weg von Malaucène zur Autobahn letztmalig Landschaft und Dörfer durchfahren. Bis zum nächsten Mal – voraussichtlich im nächsten Frühling, wenn nicht eine Seuche, ein Atomkrieg, ein Meteoriteneinschlag oder was anderes Dummes dazwischen kommt. Man muss ja mit allem rechnen.

Sonntag: Hier noch ein bebilderter Rückblick auf die zurückliegende Woche.

Die Nachbarschaft
Höflichkeit hat ihren Wert – in diesem Fall max. 1,20€
Blick in Richtung Grozeau-Quelle
Besucher nach dem Pique Nique
Es ging uns gut
Nochmal unser wunderbares Haus
Wasserangebot im Metro zu Avignon. Gut Ding will Kohle haben.
Haustechnik

Nach dem Urlaub ist vor dem Urlaub, bitte entschuldigen Sie die diese reichlich abgewetzte Floskel. Der Rucksack ist gepackt für die viertägige Reise ins Allgäu von morgen bis Donnerstag, worauf ich mich trotz ungünstiger Wetterprognose sehr freue. Möge die Deutsche Bahn mit mir sein.

***

Ich wünsche auch Ihnen eine angenehme Woche.

Woche 37/2022: Herbstlich willkommen

Montag: Der Arbeitstag war von montagsüblicher Unlust geprägt. Er endete mit einer Teams-Sitzung, in der mehrere Personen gemeinsam und ohne erkennbaren Zweck (es sei denn, man erkennt „Auftrag von oben“ als plausiblen Zweck an) Kästchen einer Tabelle befüllten, die wegen eines Impftermines vorzeitig zu verlassen ich den Vorzug hatte. Doch ach, aufgrund der Vielzahl der zu befüllenden Kästchen werden in der verbliebenen halben Stunde viele noch unbefüllt geblieben sein, daher ist mit Folgeterminen fest zu rechnen. Gewiss, es gibt mühsamere und schlechter bezahlte Arbeitsstellen, zudem ist der Urlaub nahe.

Nicht ohne Zweck, dafür ohne besonderen Grund gab es zur Abendessenbegleitung Sekt. Wobei es dafür ohnehin keines Grundes bedarf.

Dienstag: Der Tag begann irritierend. Statt der Nachrichten wurde im Radio um halb sieben ohne Begründung direkt das Wetter verkündet, anschließend die Verkehrslage. Vielleicht war bis dahin nichts passiert, oder der Nachrichtensprecher hatte verschlafen.

Mittags teilte mir Kollege K. per Mail mit, wir könnten mal wieder nicht gemeinsam Essen gehen, da er durchgehende Termine hätte. Das war schade, ich esse gerne mit K. zu Mittag, das letzte Mal ist schon lange, zu lange her. Was ich nicht verstehe: K. geht in absehbarer Zeit in den Ruhestand, ist somit jeglichen Karrierestrebens unverdächtig. Warum lässt er sich noch von anderen den Kalender derart stopfen? Das ist natürlich eines jeden Einzelnen Entscheidung, dennoch meine ich, wer mittags wegen Terminen keine Pause machen kann, hat seine Arbeit nicht im Griff. Deswegen habe ich für jedermann sichtbar täglich mittags eine Pause fest im Kalender geblockt. Bei Bedarf bin ich bereit, diese bis maximal dreizehn Uhr zu verschieben. Arbeitstage ohne Mittagspause gibt es bei mir grundsätzlich nicht. Mittagspause heißt, weg vom Schreibtisch und nicht, wie viele es tun, während der nächsten Besprechung am Bildschirm einen Salat oder ein belegtes Brötchen zu verzehren. Da bin ich eigen.

Mittwoch: Morgens zum Wecken kamen Nachrichten im Radio, die Welt ist also wieder in Ordnung. Jedenfalls meine, die draußen ist indessen gestört wie gewohnt.

Von morgens bis zum frühen Abend regnete es fast ununterbrochen, mal mehr, mal weniger, in stetigen, unaufgeregten Fäden. Landregen nennt man das wohl, auch in der Stadt; der soll ja besonders bekömmlich sein für Haut und Feld. Eine meiner wesentlichen Beschäftigungen bestand darin, zwischendurch immer wieder aus dem Fenster zu schauen und zu denken: wie schön.

Was mich mittags nicht von einer kurzen Runde durch den Park abhielt, wo der See immer noch nicht vollständig gefüllt ist

Ansonsten stritt ich mit IT-Kollegen über deren Idee, die fachlich wenig Sinn ergibt; das hat Spaß gemacht. Später sah ich auf dem Bildschirm anderen beim kollektiven Kästchenausfüllen zu, das hat nur mäßig Spaß gemacht. Daher widmete ich mich wieder dem Regen.

Abends ging ich zum Griechen, Gyros zu holen. In der Dämmerung kam mir einer entgegen, telefonierend. Im Moment unserer Begegnung sagte er „Ach …“ ins Telefon. Schöner hätte Loriot es nicht auszudrücken vermocht.

Donnerstag: Der Sommer ist vorüber. Angenehme Jackenkühle umweht den Leib auf dem Weg ins Werk und zurück, Mittags beim Gang durch den Park fordern auf dem Weg liegende Kastanien dazu auf, sie wegzutreten. Die Bäume legen ihr Laubkleid ab, womit sie schon vor Wochen begonnen haben, als die Sonne noch brannte. Der Tag blieb trüb, nur morgens und am frühen Nachmittag zeigte sich kurz die Sonne, verzog sich bald wieder hinter Wolken. Meine liebste Jahreszeit ist angebrochen – herbstlich willkommen.

Das Wetter hält die Briten nicht davon ab, sich kilometer- und stundenlang anzustellen, um an einer Holzkiste vorbeizugehen, in der sich mutmaßlich (weiß mans?) die sterblichen Überreste ihrer Königin liegen. Wer hat sich eigentlich dieses esoterische Geschwurbel als Bezeichnung für einen toten Körper ausgedacht? Andererseits klingt es freilich freundlicher als „königlicher Kadaver“.

Freitag: Der letzte Arbeitstag vor dem Urlaub verlief ohne Vorurlaubsstress und endete, nachdem die letzten Kästchen gefüllt waren, nicht allzu spät. Gleichwohl spürte ich gegen Nachmittag, wie der Rest an Arbeitslust gleich einer Sanduhr mit feinem Strahl verrieselte.

Samstag: Morgens brachen wir auf nach Malaucène, wo wir nach entspannter Fahrt um kurz nach siebzehn Uhr eintrafen. Nicht ganz so entspannt verlief die Übernahme der Wohnung, die wir über ein bekanntes Buchungsportal gemietet hatten: Diese erwies sich als belegt durch die regulären Bewohner, die gerade aus dem Urlaub zurückgekehrt waren, entsprechend die dort vorherrschende Entropie. Der Dame des Hauses war das sehr unangenehm, sie bot gar an, die Wohnung zu räumen, so dass wir sie hätten beziehen können. Das lehnten wir dankend ab, stattdessen fanden wir über nämliches Buchungsportal als Ersatz ein schönes Ferienhaus etwas außerhalb des Ortes. Das ist teurer als die Wohnung, dafür wesentlich schöner. Es ist schön, wenn sich alles irgendwie fügt. Über die Mehrkosten wird demnächst mit dem Portal zu verhandeln sein.

Sonntag: Bei Lichte betrachtet – heute ist ein sehr lichter Tag mit Sonnenschein und blauem, vom Mistal gestern wolkenlos gepustetem Himmel, dazu angenehm milde Temperatur – war die Sache mit der bewohnten Wohnung ein Glücksfall. Unsere Ersatzunterkunft ist nicht nur sehr schön und komfortabel eingerichtet, dazu gehört auch ein großes Grundstück mit Schwimmbecken, das aus Temperaturgründen voraussichtlich unbeschwommen bleiben wird, und eine große Wiese, auf die ich mich bis auf Weiteres mit einem Liegestuhl und Lektüre zurückgezogen habe, und wo diese Zeilen soeben entstanden sind. Ich bin sehr zufrieden.

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Kommen Sie gut durch die Woche.

Woche 36/2022: Ein bedauerliches Versehen der Evolution

Montag: Die vorläufig letzte Dienstreise führte heute nach Neu-Ulm. Auf der Hinfahrt überholten wir auf der Autobahn einen LKW der Firma Allfred. Daraufhin spielte mein Ohrwurm stundenlang „Fred vom Jupiter“.

Nach Ankunft machte ich einen Spaziergang durchs Dorf. Es liegt mir fern, Neu-Ulm als Dorf zu diffamieren, doch befindet sich das Hotel in einem dörflichen Ortsteil namens Finningen. Es hat eine regionaltypische Zwiebelturmkirche und einige Häuser bayrischer Anmutung, ist ansonsten wenig pittoresk und ziemlich verkehrslaut. Immerhin liegt Landduft in der Luft, und man kann in der Ferne das Ulmer Münster sehen.

Dienstag: Der erste Tag unserer Veranstaltung lief gut, danach spazierte ich erneut durch Dorf und Feld. Auf den zweiten Blick ist es doch ganz schön hier.

Die Briten bekommen eine neue Regierungschefin. Ist es nicht erstaunlich, dass es immer noch Menschen gibt, die sich in solchen Zeiten ein solches Amt freiwillig antun, nicht nur in Großbritannien? Was mag passieren, wenn sich niemand mehr dafür findet? Also nicht immer auf dem Kanzler rumhacken.

Die Menükarte für das Abendessen verhieß als Dessert ein „Schokoladen-Duett an süßer Begleitung“. Letztere erwies sich als eine überflüssige Physalisbeere, insofern blieb meine Hoffnung auf einen attraktiven, zweierlei Sorten Mousse au chocolat servierenden Jungkellner unerfüllt.

Mittwoch: Trotz durchgehender viertelstündiger Uhrzeitverkündung durch die Kirchturmglocke in Hotelnähe schlief ich sehr gut; dank rechtzeitiger Bettruhe nach mäßiger Alkoholzufuhr am Vorabend erwachte ich frisch und folgenlos.

Auf der Rückfahrt kamen wir an einem Autobahnparkplatz mit dem schönen Namen „Nachtweide“ vorbei, der sofort ein Bild erzeugt: Auf einer Wiese in Südniedersachsen haben sich mehrere Kühe unter einer großen Kastanie zur Ruhe gelegt, ihre Körper schmiegen sich wärmend aneinander. Vielleicht sind es schwarz-weiß gefleckte, vielleicht auch braun-weiß; das fahle Licht des abnehmenden Halbmondes lässt es nicht genau erkennen. Das einzig vernehmbare Geräusch ist das rhythmische Ticken des Aggregates, das im Sekundentakt Stromschläge in den Weidezaun jagt.

Donnerstag: Morgens regnete es, das war sehr schön, wenngleich dadurch der donnerstägliche Fußmarsch ins Werk nur bis zur Bahnhaltestelle führte.

Der Arbeitstag war überfüllt mit zahlreichen Besprechungen; nach drei Tagen Dienstreise hatte sich offenbar einiges an Gesprächsbedarf aufgestaut. Nach solchen Labertagen bin ich abends zumeist besonders wortkarg, was bei den Lieben nicht immer auf Verständnis stößt.

Abends regnete es wieder, allerdings in der Ferne.

Dunkle Wolken auch über England: Die Queen ist tot. Somit bekommen die Briten binnen einer Woche neben einer neuen Regierungschefin auch einen neuen König.

Freitag: „Wenn es nicht nötig ist, in Grundrechte einzugreifen, dann ist es nötig, nicht in Grundrechte einzugreifen“, so der Bundesjustizminister zu den beschlossenen Corona-Maßnahmen. Worte, wie sie nur Politiker zu finden vermögen.

Samstag: Im Rheinauenpark sind die sich ungehindert vermehrenden Nutrias nun zum Abschuss freigegeben. Dazu schrieb Hermann P. in einem Leserbrief: »Was ein Lebewesen ohne natürliche Feinde anrichten kann, erleben wir seit Jahrzehnten leider auch bei der Menschheit, die allerdings selbst zur Vernunft kommen muss und vielleicht auch kann.« Dem erlaube ich mir hinzuzufügen: Zunehmend glaube ich, die menschliche Existenz ist auf ein bedauerliches Versehen der Evolution zurückzuführen. Und ich bin mir sicher, die Menschen werden nicht aus eigenem Antrieb zur Vernunft kommen, vielmehr hat die Evolution ihren Irrtum bereits bemerket und wird ihn in bewährter Weise korrigieren.

Sonntag: Manchmal sind es unbedeutende Kleinigkeiten, die zu einer Beeinträchtigung des zwischenmenschlichen Friedens führen, ich werde das nicht weiter ausführen. So ein Tag war heute. Aber wer sagt, das Leben müsse stets einfach und harmonisch sein – Disharmonien sind nicht immer zu vermeiden und gehören dazu.

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Kommen Sie gut durch die neue Woche.

Woche 35/2022: Paketdienstleisterinnen dürfen sich gerne mitgedacht fühlen

Montag: Immer noch in Bielefeld, ging ich den Geschäften bis mittags vom Gästezimmer meiner Mutter aus nach. Heimarbeit an sich fühlt sich für mich schon grundfalsch an, diese Variante indes erschien geradezu absurd. Aber besondere Situationen erfordern besondere … Sie wissen schon.

Nachmittags reiste ich weiter nach Celle, wo der Zug unfassbar pünktlich ankam; ist doch schön, wenn man die Bahn mal loben kann. Nach Ankunft schien die Sonne schon wieder heiß, insbesondere auf die schattenfreie Bushaltestelle, wo meine Kollegin und ich auf den Bus zum etwa fünf Kilometer entfernten Hotel warteten. Als der auch zehn Minuten nach planmäßiger Abfahrtszeit nicht kam, beschlossen wir, zu Fuß zu gehen, was dank fortschreitender Knieheilung problemlos möglich war und uns einen unerwartet schönen Gang durch Maisfelder bescherte. Auch das ist zu loben.

Nur Experten können Futtermais (links) von Popcornmais unterscheiden

Dienstag: „Vielen Dank für Ihre E-Mail“, so die Einleitung einer Abwesenheitsmeldung, die mich erreichte. Immer diese Verlogenheit.

Träumen Sie auch manchmal von Banketten?

Zum Feierabend ging ich spazieren durch einen Kiefernwald. Dort kam mir ein Mann mit zwei großen, immerhin angeleinten Hunden entgegen, der freundlich grüße, im Gegensatz zu seinen mich anknurrenden Hunden.

Kurz vor der Hundebegegnung

Mittwoch: Die Rückfahrt aus Celle gestaltete sich unter Berücksichtigung des üblichen Bahnsinns – Zugausfall, Verspätung, 9-Euro-Finale – recht angenehm.

Wat mutt dat mutt

Ich freue mich sehr auf die kommenden fünf Nächte im eigenen Bett, ehe ich am Montag zur nächsten und vorläufig letzten Dienstreise aufbreche.

Gelesen in der Zeitung: »Die Nosferatu-Spinne hat acht Beine, ist gelb-bräunlich gefärbt, wird bis zu fünf Zentimeter groß und ist derzeit in aller Munde – nicht zuletzt, weil sie giftig ist.« Was lernen die heute auf den Journalistenschulen?

Donnerstag: Heute diene ich seit sechsunddreißig Jahren meinem Arbeitgeber, noch immer überwiegend recht gerne. Mutmaßlich unabhängig davon gab es am Werk nach langer Zeit wieder ein Sommerfest mit frei Essen und Trinken. Es war sehr schön, Kollegen zu treffen, die man teilweise seit Jahren nicht mehr gesehen hat, bei der einen mehr, dem anderen weniger. Erschreckend: Zu manchen, mit denen ich früher regelmäßig zu tun hatte, ist mir der Name komplett entfallen.

Auf dem Rückweg schlug die Motivklingel des Datengeräts an

Gelesen:

»Auch bei fehlender Ware, die per Retoure unterwegs war, steht der/die Händler*in vor einem Problem. Diese*r muss sich darum kümmern und sich gegebenenfalls mit dem Paketdienst auseinandersetzen. Das Geld für die zurückgegebene Ware muss dem/der Käufer*in erstattet werden, wenn der/die nachweisen kann, die Retoure ordnungsgemäß auf den Weg zurückgebracht zu haben. Damit also Kunden und Kundinnen im Fall einer fehlenden Retoure ihr Geld zurückerhalten, müssen sie den/die Anbieter*in und nicht den Paketdienstleister kontaktieren.«

Bild der Frau online vom 31.8.2022

Paketdienstleisterinnen dürfen sich gerne mitgedacht fühlen.

Freitag: Aus mir entgangenen Gründen ergänzt seit heute ein Brotbackautomat unseren häuslichen Maschinenpark. Er wurde von den Lieben sogleich unter Verwendung einer Kürbiskern-Backmischung in Betrieb genommen. Man darf gespannt sein: erstens auf das Produkt, zweitens die Nutzungsdauer des Gerätes, ehe es in den Keller zieht.

Der im Friseurgeschäft meines Vertrauens beschäftigte Inhabersohn darf sich nun mit dem Titel „CEO Herrensalon“ schmücken, wie der digitalen Präsenz zu entnehmen ist. Haarsträubend.

Samstag: Das Brot schmeckte ausgezeichnet. Ansonsten verlief der Tag in angenehmer Samstäglichkeit ohne bloggenswerte Beobachtungen, Ereig- oder -kenntnisse.

Sonntag: »Dieser Winter wird sommerlich«, wirbt am Wegesrand ein Plakat für eine vierzehntägige Kreuzfahrt in die Karibik. Ja, das ist gut möglich, nicht zuletzt wegen solcher Kreuzfahrten.

Etwas über die mannigfachen Verwendungsmöglichkeiten von Schokobrunnen erfahren Sie hier.

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Ich wünsche Ihnen eine angenehme neue Woche.

Woche 34/2022: Kassenpatienten müssen draußen warten

Montag: Die Woche begann mit einer zweitägigen Dienstreise per Bahn nach Bad Breisig. Bereits in Bad Godesberg ging es nicht weiter, zunächst wurden in der Tür stehende Fahrgäste der Ursache bezichtigt, was eine entsprechende Unmutsäußerung des Triebfahrzeugführers nach sich zog. „Irgendwelche Bauern …“ murmelte daraufhin ein Reisender in Hör- und Sichtweite, öffnete die Flasche eines bekannten Kräuterschnapses aus Wolfenbüttel und nahm einen kräftigen Schluck, er hatte offenbar für derartige Situationen vorgesorgt. Nach mehreren vergeblichen Versuchen, die Türen zu schließen, sah man den Fahrer nach hinten gehen, nach etwa zehn Minuten und behobener Türstörung kehrte er zurück und endlich ging es weiter. Dank zeitlich großzügiger Planung nahm ich es gelassen, auch ohne Kräutertrunkunterstützung.

„Nächster Halt Oberwinter, planmäßige Ankunft acht Uhr neun, heute acht Uhr neununddreißig“, verkündete eine künstliche Frauenstimme in diesem unerträglichen Werbeton, der Spuren von Lachen enthält und bei dem man sich stets sofort verarscht fühlt, verzeihen Sie den derben Ausdruck. Sie wissen vielleicht, was ich meine: „… statt zehn Euro neunundvierzig nur neun Euro achtundneunzig“; „Kauf zwei – zahl drei.“

Dienstag: Vergangenen Samstag habe ich einen etwas größeren Rucksack gekauft, den ich benötige, wenn ich demnächst ein paar Tage ins Allgäu fahre. Zwischen dem Bahnhof Martinszell und der Unterkunft in Niedersonthofen liegt ein Fußweg von knapp vier Kilometern, den ich ungern mit Rollkoffer oder Reisetasche in der Hand zurücklegen würde. Da ich auf Reisen stets nur das Nötigste mitnehme, was sich bestens bewährt hat, selten vermisste ich am Zielort etwas nicht Mitgenommenes, sollte die Größe ausreichen. Für zweitägige Dienstreisen ist er schon mal perfekt, wie ich feststelle; auch für viertägige Reisen sollte sich Platz für weitere Klamotten und Lektüre finden. Eine gute Investition.

Mittags während der Tagung erreiche mich eine schlechte Nachricht meine Mutter betreffend. Der Rest der Veranstaltung, zum Glück war sie kurz nach 14 Uhr vorbei, zog daraufhin weitgehend unbeachtet an mir vorbei, gedanklich war ich bereits in Bielefeld und dabei, die nächsten Tage und Wochen umzuplanen, einschließlich Verschiebung des Allgäuaufenthalts auf unbestimmte Zeit, was von den denkbaren Übeln das geringste gewesen wäre. Nach Rückkehr in Bonn rief die Mutter an, es ging ihr besser, so dramatisch wie es zunächst schien war es wohl nicht. Die damit einhergehende Erleichterung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass ich auf diese Situation, die irgendwann eintreten wird, ziemlich schlecht vorbereitet bin.

Laut Zeitung wurden gefälschte FDP-Plakate sichergestellt: „Kein Geld für ÖPNV? Sollen sie doch Porsche fahren.“ Der Staatsschutz ermittelt. Insbesondere, ob es sich wirklich um Fälschungen handelt.

Mittwoch: Kurze Dienstreise nach Porz-Wahn. Für Nicht-Rheinländer: Das ist kein Ausruf des Entsetzens, sondern ein Stadtteil von Köln. Während ich morgens im Siegburger Bahnhof auf die S-Bahn wartete, brauste ein Güterzug am Bahnsteig entlang. Schon erstaunlich, dass das noch möglich ist in Zeiten, da alles mehrfach abgesichert ist, um jegliche Schadensersatzforderungen abzuwehren.

Donnerstag: Inseltag. Da es zum Wandern zu warm war, verbrachte ich den Tag nach Rückkehr aus Porz-Wahn am Lieblingsplatz am Rhein im Schatten der Pappeln. Wobei Schatten übertrieben ist, allenfalls spendeten die Bäume noch Halbschatten, der Boden darunter war von trockenem Laub bedeckt wie Mitte Herbst, minütlich fielen weitere Blätter herab. Mehrfache Ortswechsel waren erforderlich, um einigermaßen unbesonnt zu liegen, da die Sonne stets nach kurzer Zeit wieder eine Lücke im Geäst fand.

Derweil fuhr auf dem Rheinuferweg hinter mir ein Radfahrer vorüber, aus seiner Lärmdose tönte der alte Rudi-Carrell-Hit „Wann wirds mal wieder richtig Sommer“. Ein fragwürdiger Humor.

Die Schiffe fahren rheinaufwärts ganz nah am Ufer, abwärts etwas weiter zur Flussmitte. Vielleicht schreibt das die Rheinschiffahrtsverkehrsordnung oder welche Regelung hier auch immer einschlägig ist für diese Stelle so vor, ich weiß es nicht. Wobei, manche fahren auch andersrum, also abwärts am Ufer und aufwärts mittig. Immerhin, noch fahren welche. Die Fahrgastschiffe sind nur schwach besetzt, niemand winkt. Es ist zu warm für jede überflüssige Aktivität. Ein Schwarm Düsenbarken* (auch als Jetski bekannt) zog lärmend Richtung Königswinter. Auch so eine fragwürdige Freizeitgestaltung.

*Das schöne Wort habe nicht ich mir ausgedacht, sondern der Postillion.

Ein Krankenwagen hielt an, ein Sanitäter stieg aus mit einem Käfig in der Hand, darin, soweit aus der Ferne erkennbar, eine Ente. Damit ging er runter zum Fluss und kehrte bald, nachdem er die Ente zu Wasser gelassen hatte, mit leerem Käfig zurück zum Rettungswagen und sie fuhren wieder ab, neuen Einsätzen entgegen.

Freitag: Die gestern getroffenen Sonnenschutzmaßnahmen waren offenbar unzureichend. Heute rötet ein leichter Sonnenbrand den geschundenen Körper.

Da die Heilung des am vorletzten Wochenende verletzten Ellenbogens nur langsam voranschreitet und optisch recht bizarr anmutet, suchte ich morgens eine Arztpraxis auf. „Sie sind Privatpatient? Dann dürfen sie dort im Wartezimmer Platz nehmen.“ Kassenpatienten müssen offenbar draußen warten.

Gehört in einer Besprechung: „Wir werden nicht alle unter einen Tisch kriegen.“

Gelesen in einer Mail: „Das müssen wir zeitnah auf eine Zeitleiste setzen.“ Bitte vorher das Zeitfenster putzen.

Auch gehört: „Du musst mit uns in einfacher Sprache sprechen.“ – „Mach ich doch, du A…loch.“ Liebe hält das aus.

Samstag: „Angst um Atomkatastrophe“ ist ein Zeitungsartikel übertitelt. Um?

Mit der Bahn nach Bielefeld zum Mutterbesuch. In ICE-Zügen mag ich gar nicht – neben den Nichtfensterplätzen, wo man statt nach draußen gegen eine graue Wand schaut – die bei anderen sehr begehrten, weil man daran so gut „arbeiten“ kann, Vierergruppen mit Tisch. Durch den Tisch fühle ich mich beengt und man muss aufpassen, nicht mit den Füßen des Gegenübers zu kollidieren. Sie dürfen gerne raten, welche Art von Platz mir das Bahnreservierungssystem zugewiesen hat.

Bei der Einfahrt in Köln fährt man nahe an Wohnhäusern vorbei. Dort saß auf einem Balkon ein älteres Paar und winkte dem Zug zu. Wenn die das bei jedem einfahrenden Zug tun, sind sie gut beschäftigt.

Nach Verlassen des Bielefelder Hauptbahnhofs hörte ich hinter mir eine Frau zu ihrer Begleiterin sagen: „Warum verbringen wir überhaupt einen Samstagnachmittag in Bielefeld?“ Das sind die wahren Fragen des Lebens.

Sonntag: Da morgen die nächste Dienstreise nach Celle ansteht und Bielefeld auf halber Strecke liegt, bot sich die Verlängerung des Mutterbesuches an. Der Sonntagsspaziergang führte daher durch Gefilde aus Jugendzeiten.

Unter anderem durch das Ehlentruper Holz, ein kleiner Wald in der Nähe des Elternhauses

Entgegen üblicher Gewohnheiten und innerer Überzeugung waren heute zwei dienstliche Telefongespräche erforderlich. Das war nicht schlimm, bedarf indes keiner baldigen Wiederholungen.

„Heute Morgen war so schönes Wetter, jetzt scheint schon wieder die Sonne“, sagte die Mutter am späten Nachmittag.

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Ich wünsche Ihnen eine angenehme neue Woche mit kühlem Kopf.

Woche 33/2022: Knieleid und Konferenzgeschwätz

Montag: Heimarbeit ist großer Mist, mir ist völlig rätselhaft, warum so viele davon so begeistert sind. Heute ging es nicht anders: Mittags wurde ich abgeholt zu einer Dienstreise bis Mittwoch in Leipzig, da wäre es wenig sinnvoll gewesen, vorher noch ins Werk zu fahren.

Hinzu kam ein gewisses Wehleid wegen der am vergangenen Wochenende zugezogenen Wunden, die sich während der Fahrt in unterschiedlicher Weise bemerkbar machten. Es ist erstaunlich, wie sehr solch vergleichsweise harmlosen Wehwehchen auf das Gemüt drücken, das montags ohnehin in desolatem Zustand ist.

Kurz vor dem Ziel durchfuhren wir heftigen Regen, zum Glück ohne Hagel, Sturm und andere meteorologische Unwägbarkeiten, dafür mit so richtig viel Wasser, das kennt man inzwischen kaum noch. Auch die Temperatur sank vorübergehend auf knapp über zwanzig Grad herunter, so dass ich mir später beim Abendessen draußen ein Pullöverchen überzog. Wenn auch als einziger weit und breit, aber das störte mich nicht.

Auf dem Weg dorthin kam uns eine Gruppe Jugendlicher entgegen. Als wir uns auf Höhe eines Restaurants begegneten, wo, in Restaurants nicht unüblich, welche aßen, zeigte ein Mädel hinein und sprach zu den anderen: „Seht mal, die essen da!“ Geben die Sachsen ihnen Kindern nichts zu essen?

Dienstag: Trotz eines gewissen Hellhörigkeit des Hotels (der Zimmernachbar pfeift sich offenbar gerne ein Liedchen) und der unter dem Fenster deutlich vernehmbaren Straßenbahn schlief ich gut.

Blick aus dem straßenbahnumtosten Hotelzimmer

Erkenntnis aus Tag eins unserer Veranstaltung: Am besten präsentiert man nur aus „Folien“ (erstaunlich, dass das gut zwanzig Jahre nach dem Tageslichtprojektorzeitalter immer noch so heißt), die man selbst erstellt hat; alles andere gerät schnell zu Powerpoint-Karaoke. Es lief dennoch ganz gut. Nachmittags war ich kurz in der Apotheke, Pflaster nachkaufen. Mehr Leipzig brauchte ich heute nicht, auch wenn es zweifellos eine schöne Stadt ist.

Auch wenn die Schönheit der Stadt im Innenhof des Hotels nicht gar so deutlich wird
Hotelhumor

Gelesen hier: „Ich müsste umschulen, auf einen Job, bei dem man nicht denken muss. Man dürfte aber auch nichts anderes machen müssen, denn es ist alles zu anstrengend. Was macht man denn da, was wird man da?“ – Beamter, was sonst? (Ich darf das schreiben, ich bin einer und weiß deshalb, dass diese Art der Selbstpolemik jeglicher Grundlage entbehrt.)

Mittwoch: In unserem Hotel ist jeden Tag Nikolaustag, wenn der Gast es will. Als Zeichen, dass man zur Schonung der Umwelt auf die Zimmerreinigung verzichtet, stellt man nicht seine Schuhe vor die Tür, sondern hängt ein bereitliegendes Jutebeutelchen an die äußere Türklinke. Zur Belohnung wird vom Personal ein Äpfelchen und ein Müsliriegel hinein gelegt, die mir heute Morgen als Frühstück dienten, da ich Hotelfrühstücke bei Veranstaltungen wegen morgendlicher Gesprächsgefahr grundsätzlich meide. Eine kreative Form der Personaleinsparung (an jeder zweiten Klinke hing das Beutelchen), gleichsam für‘n Appel und‘n Ei Müsliriegel.

„Gesundheit/Gesundheit/sundheit/ndheit/heit/t!“ – Warum ich es auf Tagungen und in größeren Gruppen nach Möglichkeit vermeide, zu niesen.

Donnerstag: Die erste Fahrradfahrt ins Werk mit wunden Knien lief besser als gedacht. Dennoch freue ich mich darauf, wenn sie wieder heile sind. Geduld. Geduld ist ja nicht unbedingt des Fahrradfahrers erste Tugend, er wartet ungern, auf grünes Ampellicht etwa oder auf Vorfahrt habende andere Verkehrsteilnehmer. Ich hingegen war heute dankbar für jede Pause; auf dem Rückweg hielt ich vor einem Zebrastreifen, um zwei junge Damen passieren zu lassen. Das schienen sie von Radfahrern nicht gewohnt zu sein, sie schauten leicht irritiert und bedankten sich brav.

Mittags in der Kantine gab es Gnocchi. Das erinnerte mich an ein italienisches Lied, das wir mal im Chor sangen, als ich noch im Chor sang und das ich nicht besonders mochte. Dennoch – oder deshalb, man weiß es nicht – hielt es sich im Hirnradio bis in den Nachmittag hinein. Der Arbeitstag war dennoch recht zufriedenstellend, trotz Kartoffelnockenlied, Knieleid und viel Konferenzgeschwätz.

Abends während der heute-Nachrichten zuckte ich kurz, als der Sprecherin während eines Beitrags über das aktuelle Fischsterben in der Oder ein ungegendertes „Forscher“ entfuhr. So weit ist es schon.

Freitag: Wo Menschen zusammenleben, knirscht es bisweilen, dabei ist es ganz einfach: Vor dem Abfuhrtag holt jemand die Mülltonnen aus ihrer Nische und rollt sie an die Straße, nach der Leerung rollt sie jemand zurück. Grundsätzlich klappt das ganz gut in unserer Hausgemeinschaft. Es sei denn, ein Trottel parkt seinen Roller so dämlich, dass die Nische versperrt ist. Nach Rückkehr aus dem Werk war der Roller verschwunden und die Tonnen standen an ihrem Platz. Es fügt sich immer alles irgendwie.

Bitte denken Sie sich die Tonnen-Nische links vor dem Roller

Im Zusammenhang mit dem leerlaufenden Rhein zitiert die Zeitung einen Lehrstuhlinhaber für Aquatische Systembiologie. Aquatisch – welch herrlich blühende Rose im Wörtersee.

Abends erprobten wir das neue Restaurant am Hotel Kanzler, das erst am Vortag eröffnet wurde, also das Restaurant, nicht das Hotel. Trotz unvermeidbarer Verkehrsgeräusche im Außenbereich, es liegt direkt an der Bundesstraße 9, waren wir sehr zufrieden, daher kommen wir bestimmt wieder. Zurück gingen wir zu Fuß, hinsichtlich Knieweh unproblematisch. Auch der Geliebte, längeren Fußmärschen sonst eher unaufgeschlossen, hielt tapfer durch.

Samstag: Die Stadt Bonn teilt mit, es sei zu einem Verkehrsunfall „mit einem Radfahrenden“ gekommen. Wenn der Sinn des Genderns an seine natürlichen Grenzen stößt.

Abends besuchten wir das Parkfest in Bad Godesberg, wo der Karnevalsverein mit einem Bühnenprogramm und einem Bierstand vertreten war; Wiedersehen macht Freude, wie sich einmal mehr bewahrheitete. Am späteren Abend, als das Bühnenprogramm längst beendet war, wurde etwa eine halbe Stunde lang auf Wunsch mehrerer junger Bierstandbesucher Musik gespielt, die wohl in die Kategorie Mallorca/Ballermann fällt, so genau kenne ich mich da nicht aus, kann mir jedenfalls gut vorstellen, wie zweifelhaft mitgrölende Menschen dazu rotes Getränk durch lange Trinkhalme aus Putzeimern saugen, falls das noch üblich und erlaubt ist. Auch das umstrittene Layla-Lied war dabei, wobei das nach meinem Empfinden noch eines der eher erträglichen war. Immer wieder erstaunlich, an was viele Menschen Spaß haben.

Sonntag: Vom Ballermann nach Bayern – Lotelta war im Allgäu am Niedersonthofener See, also genau dort, wo auch ich Ende September ein paar Tage zu verbringen beabsichtige. Der Bericht verursachte mir größere Vorfreude, wofür ich sehr danke.

Zur Knieschonung verzichtete ich heute auf den Sonntagsspaziergang, las dafür die Sonntagszeitung etwas intensiver als sonst. Darin ein längerer Artikel über die verheerenden Auswirkungen des Schulsportes auf das seelische Wohlergehen nicht so sportbegabter Kinder und Jugendlicher, der mich innerlich „Genau so ist es!“ ausrufen ließ. Daraus:

»Wenn es schlecht läuft, wird der Unterricht als Demütigung und Bloßstellung erlebt. Wöchentliche Stunden, in denen Durchhaltevermögen nicht im Ausdauersport geprobt wird, sondern in der Fähigkeit, trotz Schmach die Aufgaben zu absolvieren. Dank Mannschaftssport und Leichtathletik schält sich heraus, welche Schülerinnen und Schüler nicht so ganz dazugehören.«

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Anscheinend hat sich daran bis heute nichts geändert, noch immer wird dieser Unsinn benotet.

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Kommen Sie gut durch die Woche.

Woche 32/2022: Der kleine Hippolyt möchte aus dem Bälleparadies abgeholt werden

Montag: „Ich liebe den Sommer, weil die Leute schon morgens gut gelaunt sind“, sagte in der Frühe eine Frau im Radio. Was für Leute kennt die? Mich offenbar nicht.

Der Sommer macht mich eher nervös, nicht nur aus klimatischen, vielmehr aus optisch-hormonellen Gründen.

Tennissocken sind wieder im Trend

Schlechtlaunig erschienen mir abends auf der Rückfahrt vom Werk die Verkehrsteilnehmer; da war ein Drängen, Hupen und Schimpfen auf den Straßen wie selten. Ein wenig sprang das auf mich über: Als ich nach der Heimkehr zu Fuß Brötchen für das Abendessen holte, bereitete es mir diffuse Freude, Radfahrern, die mir regelwidrig in der Fußgängerzone begegneten, bewusst nicht auszuweichen; das unausgesprochene „A…loch“ in ihrem Blick nahm ich befriedigt zur Kenntnis. Ansonsten bin ich meistens ganz verträglich.

Dienstag: Olivia Newton-John ist tot, dreiundsiebzig ist sie geworden. Ihr größter Hit für mich war „Xanadu“, den sie 1980 mit dem Electric Light Orchestra in die Radios brachte. Der Ohrwurm des Tages spielte indes dieses, etwas älter, auch schön.

Mittags in der Kantine gab es rheinischen Döppekuchen, allerdings nicht für mich. Da ich aufgrund einer Besprechung etwas später zum Essen ging, konnte ich nur zusehen, wie die letzte Portion bereits um kurz nach zwölf an den Kollegen vor mir ausgegeben wurde, anscheinend hatte man die Beliebtheit des Gerichtes unterschätzt. Kann passieren, zumal ich die Kantine heute so voll erlebte wie zuletzt in Vorseuchenzeiten. „Döppekuchen ist wahrscheinlich aus, ich frage mal in der Küche nach“, beschied mir die freundliche Bedienung und verschwand. Während ihrer Abwesenheit bildete sich hinter mir eine Schlange weiterer Döppekuchenhungriger. Sie kehrte zurück mit einer dampfend gefüllten Wanne, doch ach: „Döppekuchen ist aus, es gibt jetzt Kartoffelauflauf.“ Das missfiel dem Kollegen hinter mir, er zog empört ab ob der vergeudeten Warteminute mit Worten ähnlich „Das müssen Sie doch besser kommunizieren“, die Antwort „Ja ja …“ der Servierdame wird er nicht mehr gehört haben. Der Kartoffelauflauf schmeckte vorzüglich.

Gelesen in einer Mitteilung: »Fange nie an, aufzuhören, und höre nie auf, anzufangen.« Du liebe Güte. Kennen Sie das, wenn man sich am liebsten einen Blecheimer über den Kopf stülpen und so lange mit einem hölzernen Kochlöffel dagegen schlagen möchte, bis es aufhört?

Mittwoch: Morgens erlosch, wie regelmäßig in letzter Zeit, im Bad das Licht, während ich den alten müden Leib für den Tag herzurichten mich mühte. Grund ist die moderne Haustechnik, die in wundersamer Weise mit dem Datengerät des Liebsten vernetzt ist. Sobald er das Haus verlassen und eine gewisse Distanz erreicht hat, gehen bei uns die Lichter aus. Früher gab es fest in der Wand installierte Lichtschalter, im Haus meiner Großeltern waren das Bakelitschalter mit so einem Drehdings in der Mitte, die bei Betätigung laut „klack“ machten, später einfache Drucktaster. Eines war allen gemeinsam: Wenn man drehte oder drückte, gingen diesen Schaltern fest zugewiesene Lampe an oder aus. Ein größeres Wunder war, wenn man eine Lampe über zwei Schalter an unterschiedlichen Stellen beliebig an- oder ausschalten konnte, das nannte man Wechselschaltung; in Physik war das mal Unterrichtsgegenstand, ich könnte heute nicht mehr erklären, wie das funktioniert. Jedenfalls funktionierte es zuverlässig.

Lichtschalter haben wir heute auch noch an den Wänden, die fast so laut „klack“ machen wie ihre Bakelitahnen, allerdings ist völlig rätselhaft, was sie auslösen und wer das entscheidet. Mal gehen auf Knopfdruck die Lampen in der Küche an, mal im Flur, ein anderes Mal wechseln sie nur den Farbton von grellweiß nach schummriggrün. Manchmal passiert nichts, dann schimpft der Geliebte und der Liebste ist stundenlang mit irgendwelchen Apps beschäftigt. Ohnehin werden bei uns nur noch selten Schalter gedrückt, stattdessen sagt einer „Hey Siri – im Wohnzimmer Lampen aus“ oder „Hey Siri – alle Lampen an“, daraufhin sagt eine devote Frauenstimme irgendwas und im günstigsten Fall wird der Befehl ausgeführt. Manchmal auch nicht, dann sagt sie so etwas wie „Ich kann die Lampe im Bad nicht finden“ oder sowas, woraufhin wieder der eine schimpft und der andere sich den Apps widmet. Manchmal bin ich dessen schrecklich müde und wünsche mir die alten Klackschalter von Oma zurück. Bei Manufactum gibt es die noch, allerdings werden die sich wohl nicht mit des Liebsten Datengerät und Siri verstehen.

Donnerstag: Wie jeden Donnerstag ging ich zu Fuß ins Werk, davon hält mich auch Sommerglut nicht ab. Erstaunlich, wie viele Läufer auch bei solcher Hitze noch laufen. Warum tun die das? Weder macht es Spaß, noch ist es gesund. Aber das trifft auf vieles zu, was Menschen tun.

Auch sah ich Fahrradfahrer mit freiem Oberkörper. In hormoneller Hinsicht unbedenklich – meist sind ja diejenigen am wenigsten bekleidet, von denen man lieber weniger sehen würde.

Abends waren wir im Biergarten, von wo aus wir dem Mond beim Aufgehen zuschauten.

Leider verschwand er sogleich wieder hinter einer Wolke.

Freitag: Morgens im Radio: „Sei mein kleiner Säugling“ – einer der zahlreichen Liedtexte, die nur in Englisch möglich sind.

Etwas tiefsinniger klingt „Kein Grund zu bleiben ist der beste Grund zu gehen“, gesungen von Roland Kaiser, lautstark mitgesungen vom Geliebten. Es wird wohl nichts zu bedeuten haben.

Ich war beim Friseur. Einem spontanen Beschluss folgend ließ ich die Haare sommerlich kurz schneiden und bin mit dem Ergebnis sehr zufrieden, auch wenn aufgrund einer gewissen altersbedingten Spärlichkeit je nach Lichtfall die Kopfhaut nun deutlicher zutage tritt.

Schwarz-weiß ist gnädig

Gelesen und notiert:

… man kann, dachte Frank, jemanden sympathisch finden und sich dennoch wünschen, dass er mal eine Weile wegbleibt.

Sven Regner / „Glitterschnitter“

Samstag: Aus nicht näher darzulegenden und im Übrigen nicht völlig nachvollziehbaren Gründen fiel ich letzte Nacht aus dem Bett; vorangegangener Alkoholgenuss kann als alleinige Ursache weitgehend ausgeschlossen werden. Ja, der Vorabend endete, wie die meisten Freitage, in der Weinbar des Vertrauens, doch hielt sich der Verzehr im Rahmen, soweit ich mich erinnere. Folgen des Bettsturzes sind eine nur leichte Schramme am linken Unterarm sowie, gravierender, eine Wunde am rechten Ellenbogen, die recht ordentlich blutete, ziemlich genau an der Stelle, mit der man gerne mal irgendwo anstößt, was sich nun jedes Mal mit einem „Aaaa-ja“ schmerzhaft bemerkbar macht.

Nachmittags fuhren der Liebste und ich nach Mayschoß im Ahrtal, wo die Zerstörungen nach der Flut im vergangenen Jahr noch allgegenwärtig sind. Während wir in Rech vor einer Baustellenampel warteten, blickten wir links auf die halb weggerissene Nepomukbrücke, die nun der berühmten Brücke von Avignon ähnlich mitten im Fuss endet, dahinter Häuser in unterschiedlichen Beschädigungs- und Wiederaufbaugraden sowie freie Flächen, wo einst Häuser standen. Auf der rechten Seite dagegen eine gut besuchte Schankwirtschaft, wo sich fröhliche Leute auf der Terrasse den Wein schmecken ließen. Das ist gut, das Leben muss weitergehen, auch wenn es im Ahrtal es wohl noch lange dauern wird, bis die Spuren der Katastrophe beseitigt sind. Wenn nicht vorher die nächste „Jahrhundertflut“ durch das Tal tobt. Davon heute keine Spur: Die Ahr war nicht viel mehr als ein friedlicher Bach, in dem Graureiher ihrem Tagwerk nachgingen, an menschliche Schicksalen ohnehin uninteressiert. Zweck unseres Ausflugs war übrigens der Besuch eines Weingutes, wo uns der gut gelaunte Winzer einiges probieren ließ, anschließend fanden mehrere Kartons den Weg in den Kofferraum. Das Leben muss weitergehen, auch mit vorübergehend lädiertem Ellenbogen.

Namenstag haben heute: Pontianus, Kassian, Hippolyt, Ludolf und Wigbert. „Der kleine Hippolyt möchte aus dem Bälleparadies abgeholt werden.“ (Oder die? Das?)

Sonntag: Auch der Rhein ist zurzeit weit entfernt von einer Jahrhundertflut, aber das wissen Sie als medienkompetenter Mensch wahrscheinlich längst.

Noch fahren Schiffe.

In der aktuellen PSYCHOLOGIE HEUTE fand ich übrigens das schöne Wort „Pornografiekompetenz“. Habe ich.

Anscheinend gibt es in Bonn eine Initiative zur Unsichtbarmachung von Stomkästen, mit sehenswerten Ergebnisse:

Kleine Anekdote am Rande: Keineswegs unsichtbar und auch nicht unsachgemäß abgestellt war der Elektroroller, über den ich nach Fertigen des letzten Bildes stolperte, woraufhin ich mich gründlich auf die Klappe legte. Immerhin nicht auf den bereits verwundeten Ellenbogen, dafür schlug ich mir beide Knie blutig wie ein Fünfjähriger beim Rollschuhlaufen. Also erstmal keine längeren Spaziergänge mehr.

Ansonsten gesehen:

Ich weiß ja nicht.

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Ich wünsche Ihnen (und mir) eine angenehme Woche ohne Stürze aller Art.