Woche 13: Jeder darf mal einen schlechten Tag haben

Montag: Eisiger, na gut, vielleicht nicht gerade eisig, aber doch ziemlich kühler, also für die Erhaltung meines Wohlbefindens viel zu kalter Gegenwind trübte morgens die Freude an der Fahrradfahrt ins Werk (sofern bei der Fahrt ins Werk an einem Montagmorgen überhaupt so etwas wie Freude aufzukommen vermag). Ab morgen also mit Mützchen und Winterjacke.

„Ich bereite unsere To Dos für das Meeting charttechnisch vor“, lese ich in einer Mail. Er kann einfach nicht anders, ansonsten kommt man gut mit ihm aus.

Meine persönliche Stimmung war heute eher mittelmäßig. Bis mir das am vergangenen Freitag zu etwa drei Viertel aufgegessene Marzipanei einfiel, dessen Rest in der Schreibtischschublade auf Verzehr wartete. Danach hellte die Stimmung etwas auf.

Abends auf der Rückfahrt war der Wind nicht viel weniger kalt, um hier den völlig unangebrachten Begriff „wärmer“ zu vermeiden. Wenigstens war er so freundlich, im Laufe des Tages nicht gedreht zu haben, wodurch ich ihn im Rücken hatte, das hat man ja als Radfahrer ganz gerne.

Dienstag: „Oh Kleinkind, ich liebe deinen Weg jeden Tag“ – aus der Reihe „Liedtexte, die allenfalls auf englisch zu ertragen sind“.

Auf der Rückfahrt vom Werk wurde ich beinahe von einem braunen Paketzustellfahrzeug übergefahren. Ja, er fuhr ziemlich schnell, andererseits fährt man nunmal auch mit dem Fahrrad durch enge Einbahnstraßen mit unübersichtlichen Kurven nicht gegen den Strich.

Hier eine erschütternde Vorschau darauf, was passiert, wenn die Friseure nicht in absehbarer Zeit wieder ihre Tätigkeit aufnehmen dürfen.

Mittwoch: Die wichtigsten Regeln menschlichen Zusammenlebens, nicht nur in Krisenzeiten, lassen sich auf drei einfache Punkte bringen: 1.) Ruhe bewahren, 2.) freundlich bleiben, 3.) Hände waschen. Wobei 4.) zu Hause bleiben auch viele Probleme lösen würde beziehungsweise gar nicht erst aufkommen ließe.

Donnerstag: „Kann es sein, dass da die Flinte im Korn liegt?“, fragt einer. Ja, kann sein.

„Das klären wir auf Arbeitsebene“, sagt ein anderer. Ja wo denn sonst?

Erstmals hörte ich jemanden Naturgeräusche wie etwa Vogelgesang, der unter den gegebenen Umständen zurzeit nicht allzu sehr vom Rauschen der Kraftfahrzeuge übertönt wird, als „Biolärm“ bezeichnen. Fallen menschliche Flatulenzgeräusche auch darunter?

Gespräch beim Abendessen: „Ist das Knochenschinken?“ – „Eifeler Schinken.“ – „Die Eifel ist groß.“ – „Der ist luftgetrocknet.“ – „Ach so.“

Freitag: Jeder darf mal einen schlechten Tag haben. Warum nicht auch ein Architekt.

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Ansonsten erscheint die Welt hier und da noch immer ganz schön.

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Nun hat es also auch Boris Johnson erwischt. „Der Premierminister zeigt nur leichte Symptome“, heißt es. Leicht? Na ich weiß nicht.

Samstag: Aus der Beschreibung eines Weines im General-Anzeiger:

„Die Spuren, die die Herkunft in einem Wein hinterlässt, sind wie die Partitur eines Musikstückes. Sie sind tiefer, komplexer und spannender, als ein Mensch sie erschaffen könnte. Der Winzer muss sie verstehen lernen und sie hegen, damit das Vibrato im Wein zum Klingen gebracht wird. Später, etwa so wie ein Dirigent, kann der Weinmacher seiner Kreativität dann freien Lauf lassen durch die Kunst der Assemblage. […] Das Temperament bringt Mourvèdre ein. Die Rebsorte, die vor allem in Südfrankreich und Spanien zu Hause ist, kann in einem Wein bisweilen wie eine Pauke wirken. […] Das Tannin ist supersanft und seidig und überträgt der Säure die Aufgabe als treibende Kraft. Es ist ein Chorus aus all diesen Facetten, der eine geradezu beruhigende und trostvolle Vorstellung gibt.“

Das mit der Pauke gefällt mir am besten.

In der noch geöffneten Lebensmittelabteilung des Kaufhofs gibt es Oster-Naschwerk zu stark reduzierten Preisen, unter anderem eine Schachtel mit edler Schokolade, deren regulärer Preis von 9,90 Euro um fünfzig Prozent reduziert wurde, weiterhin liegt jeder Packung ein Warengutschein von fünf Euro bei. Mit dem Erwerb macht man also ein rechnerisches Plus von fünf Cent. Doch müssen Sie sich beeilen, da meine beiden Lieblingsmenschen gerade dabei sind, alles aufzukaufen; unsere Wohnung ähnelt bereits einer Lindt-Filiale.

Sonntag: Naturbeobachtungen am Morgen. „Kuck mal, das Rotkehlchen ist wieder da.“ – „Wo soll es denn hin, das darf ja auch nicht weg.“

Fazit am Ende der zweiten Woche im Krisenmodus: Noch ist die Stimmung ganz gut. Vielleicht betrachten wir es einfach als ein gigantisches sozialwissenschaftliches Experiment, an dem wir gerade teilnehmen, wenn auch nicht ganz freiwillig.

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Zum Schluss was Schönes, bald ist es wieder so weit:

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Woche 12: Apfelbäumchen und so

Montag: Morgens diskutierte ich mit dem Geliebten darüber, ob die Sonntagszeitung entsorgt oder für bestimmte Notsituationen vorerst aufbewahrt werden sollte.

Ins Werk fuhr ich zur Meidung öffentlicher Verkehrsmittel mit dem Fahrrad, was ich für die nächsten Wochen beizubehalten beabsichtige. Wie konsequent, wird sich zeigen, wenn es regnet. Der Geliebte ist in dieser Hinsicht seit Monaten leuchtendes Vorbild.

Im Werk war es noch sehr ruhig, sämtliche Termine laufen per Skype, viele arbeiten zu Hause. Der meistgehörte Satz heute: „Bleib / bleiben Sie gesund“, und das klang immer genauso gemeint, nicht wie ein sonst automatisch und pflichtgemäß hingeworfenes „Guten Morgen“, „Frohes neues Jahr“ oder „Mahlzeit“. Nunmehr ergibt es einen Sinn, „Gesundheit“ zu wünschen, nicht nur im Niesefall.

Was ich mir indessen nicht angewöhnen werde sind diese komischen Ellenbogenstupser und Fußtritte zur Begrüßung. Die finde ich mindestens so überflüssig wie Händeschütteln und Küsschen-links-Küsschen-rechts, und worin liegt der Sinn, wenn anstatt zweier Hände nun zwei vollgenieste Armbeugen in Kontakt kommen?

Einer der wenigen eher positiven Effekte des Ausnahmezustands: ZDF-heute verzichtet auf einen separaten Nachrichtensprecher für Sport und nutzt die Zeit stattdessen für Wichtiges. Wobei – eigentlich gibt es ja zurzeit nur ein Thema.

Dienstag: Auch die Tagung, die heute und morgen in Berlin stattfinden sollte, wird per Skype durchgeführt. Als kleine akustische Auflockerung das Hintergrundtschilpen der Wellensittiche eines Vortragenden, der von heimischer Stube aus teilnahm.

In der Kantine wurde das Speisen- und Sitzplatzangebot stark reduziert. An den Tischreihen fehlt jeder zweite Stuhl, und nur noch jede zweite Vierer-Nische darf benutzt werden. Das hält manche Kollegen nicht davon ab, sich wie gewohnt zu viert in eine Nische zu kuscheln. Sie haben es wohl nicht verstanden.

Nach dem Mittagessen schaute ich durch den Rheinauenpark spazierend dem Frühling beim Erwachen zu.

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Ein Lichtblick in dieser unsicheren Zeit: Tagsüber unterbrach der Liebste seine Heimarbeit und ging in den Supermarkt. Auf die Frage an den Marktleiter, wie viel Toilettenpapier er mitnehmen dürfe, wurde ihm beschieden: So viel er wolle, es sei genug da. Er beschränkte sich den allgemeinen Aufrufen folgend auf eine haushaltsübliche Zehnerpackung. Somit kann die Sonntagszeitung entsorgt werden.

Um dem Tag ein wenig Normalheit zu verleihen, vereinbarte ich einen Frisörtermin in drei Wochen, der auch bestätigt wurde. Sie wissen schon, Weltuntergang, Apfelbäumchen und so.

Abends gabs Champagner. Nur so, ohne besonderen Anlass. Zudem: Mit was kann man angemessener auf die Gesundheit anstoßen?

Mittwoch: Frühmorgens singen die Amseln, als wenn nichts wäre.

Erst beim Morgenkaffee am Küchentisch fiel mir ein, dass wir gestern unseren Hochzeitstag vergessen haben, wenn auch nur den „kleinen“, also die amtliche Umwandlung der eingetragenen Lebenspartnerschaft vor zwei Jahren. Insofern war der gestrige Champagner doch nicht anlasslos, sondern instinktiv notwendig.

Seit Montag besucht mich jeden Morgen gegen halb neun eine Taube vor dem Bürofenster. Sie trippelt (heißt das so bei Tauben?) einmal die äußere Fensterbank entlang, schaut kurz zu mir herein und verschwindet wieder. Vielleicht ist die vom Arbeitgeber beauftragt, zu kontrollieren, ob weisungsgemäß in jedem Büro maximal eine Person anwesend ist.

In der Online-Ausgabe des General-Anzeigers fand ich dieses:

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Donnerstag: Über kollegiale Gedankenlosigkeiten in der Kantine muss ich mir seit heute auch keine Gedanken mehr machen. Bis auf Weiteres ist sie geschlossen. Also ab morgen Bütterchen und Apfel zu Mittag.

Da die Proben des Musikcorps unserer Karnevalsgesellschaft bis mindestens nach Ostern ausgesetzt sind, reduziere ich meine täglichen Trompetenübungen. So können vielleicht auch die Nachbarn der Krise ein klein wenig Gutes abgewinnen.

Gelesen bei fragmente:

Es hilft, ins Büro zu gehen, weil es mich einschnürt in ein Korsett aus Gewohnheiten, das mich hält. Es scheint nicht möglich, dass sich der Lauf der Welt ändern könnte, wenn doch die Abfolge der Alltäglichkeiten so ist wie immer.

Ja, noch darf auch ich täglich ins Büro fahren. Aber vermutlich nicht mehr lange. Und dann wird es mir sehr fehlen. Hätte nie gedacht, das mal zu schreiben.

Freitag: Möglichst zu Hause bleiben, unnötige Kontakte meiden, klar. In den Ärmel niesen und husten, sicher. Abstand halten, logo. Wie ich morgens im Radio hörte, rät das Gesundheitsamt Dortmund zudem dringend davon ab, Pakete abzulecken. Das geht nun wirklich etwas zu weit.

In einer werksinternen Mitteilung wird indessen auf die Empfehlungen des Roland-Koch-Instituts verwiesen.

„Wir haben da kein stake“, hörte ich in einer (natürlich per Skype durchgeführten) Besprechung. Mangels Kantine hatte auch ich kein Steak, dafür Butterbrot und Apfel. Daran muss ich mich noch etwas gewöhnen. Da fällt mir ein, kürzlich las ich einen Artikel über sogenannte Bento-Boxen. Das sind von urbanen Müttern, die offenbar sonst nichts Wichtiges zu bedenken haben, kunstvoll für die Kinder angerichtete Pausenfutterdosen mit Instagrampflicht. Hat sich ja auch erstmal erledigt.

Samstag: Den Beginn des Frühlings erkennt man nicht nur an Amselgesang in der Frühe, der kurz bevorstehenden Kirschblüte in der Inneren Nordstadt, die in diesem Jahr wohl wesentlich weniger Betrachter anlocken wird als sonst, sondern auch am Geschrei der Singstar-Krähe von gegenüber, die nun wieder bei geöffnetem Fenster die Siedlung beschallt. Heute im Angebot: „Who wants to live forever“.

Abends unterstützten wir die örtliche Gastronomie, indem wir uns etwas vom Außerhausverkauf unseres Lieblingsitalieners holten. Das werden wir in der nächsten Zeit wohl öfter tun. Den als Aperitif erforderlichen Aperol Spritz nahmen wir zuvor zu Hause ein, den Grappa als Digestif reichte uns der Wirt vorab während des Wartens durch das Fenster. Man muss flexibel sein in diesen Zeiten.

Sonntag: Mittlerweile erfährt der Satz „Bleib / bleiben Sie gesund“ erste Abnutzungserscheinungen.

Wie am frühen Abend gemeldet wurde, müssen nun auch Frisöre in NRW schließen, soviel zum Thema Apfelbäumchen. Was wird jetzt aus den jungen Männern mit den strengen Scheitelfrisuren?

Nicht nur dieses Blog drehte sich in dieser Woche überwiegen um das Virus und seine Auswirkungen. (Übrigens kann man laut Duden, genau wie bei Blog, der oder das Virus sagen/schreiben, nur so nebenbei.) Obwohl zu erwarten ist, dass wir erst am Anfang stehen und uns in den kommenden Wochen und Monaten noch einiges bevorsteht, werde ich versuchen, künftig wieder etwas weniger virenlastig zu schreiben. Ob das gelingt, kann ich Ihnen leider nicht versprechen, bitte bleiben Sie mir trotzdem treu. Vielen Dank und alles Gute!

Woche 11: Marzipan und Maibock

Montag: Es gibts nichts zu meckern. Die Bahn am Morgen war absolut pünktlich, und der Kollege, der dort in meinem Sichtfeld saß (und ich folglich in seinem), was ich erst bemerkte, nachdem ich saß, verzichtete freundlicherweise darauf, das Gespräch zu suchen. Vielleicht sah er mich einfach nicht, oder ihm sind kollegiale Gespräche vor neun Uhr und dem ersten Kaffee genauso zuwider wie mir.

In der Kantine gibt es wieder Dessert, was mich der Versöhnung mit der Welt ein gutes Stück näher bringt. Vermutlich gab es das vergangene Woche auch schon, nur sah ich es nicht, weil es nicht wie in Vor-Virus-Zeiten frei zugänglich einem Buffet zu entnehmen ist, sondern man an einem Ausgabeschalter danach fragen muss und dann das Gewählte von den freundlichen Mitarbeitern gereicht bekommt. Ist mir auch recht.

Abends erhielt ich bei eBay den Zuschlag für einen Modell-Güterwagen desselben Typs, der kürzlich samstags Totalschaden erlitt. Das ist einerseits erfreulich, andererseits nicht, da ich erst gestern, als das Angebot bei eBay längst abgegeben war, eher zufällig einen gleichen Wagen auf der Modellbahnbörse in Bad Godesberg zu einem wesentlich günstigeren Preis erstand. Was solls – nun habe ich halt zwei davon. Wer weiß, wann die nächste Katastrophe über den Bahnhof Barlingerode Ost hinweg zieht.

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Wo wir gerade Bahnhof verstehen: Der Gesundheitsminister empfiehlt den Verzicht auf unnötige Reisen und größere Veranstaltungen. Recht hat er, ich reise ohnehin ungern und größere Menschenmengen bereiten mir seit jeher Unbehagen. Ein Verzicht auf unnötiges Reden könnte auch helfen.Vielleicht nicht gegen das Virus, aber gegen vieles anderes.

Dienstag: Aus der PSYCHOLOGIE HEUTE: „Greta Thunberg bringt es auf den Punkt: 2050 habe ich die Hälfte meines Lebens hinter mir, und dann bin ich nach aller wissenschaftlicher Erkenntnis in Lebensgefahr auf diesem Globus.“ Da holen wir mal schnell den Taschenrechner hervor und stellen fest: 2050 ist Frau Thunberg siebenundvierzig. In dem Alter werden die meisten Menschen die zweite Lebenshälfte ohnehin betreten haben – früher, heute wie in dreißig Jahren. Und in Lebensgefahr befinden wir uns ohnehin ständig, spätestens seit dem Moment unserer Zeugung.

Ein neues Wort gelernt: „holistisch“, Bedeutung: ganzheitlich. Benötige ich beides nicht, daher stelle ich es gleich wieder dem Vergessen anheim, um Platz zu halten für so schöne Wörter wie „Belehrmuskel“, gelesen bei Frau Brüllen.

Mittwoch: Einem mir nicht näher bekanntem Rapper wird laut Zeitungsbericht „Beleidigung auf sexueller Grundlage“ vorgeworfen. Auch eine sehr schöne Formulierung.

Zum ersten Mal seit bestimmt zwanzig Jahren sah ich ein Briefing-Dokument an den Bereichsvorstand, das nicht in Powerpoint sondern in Word verfasst war, mit Fließtext ohne überflüssige Bildchen und sonstigen Formatierungszierrat. Daraus auf einen Kulturwandel zu schließen erscheint mir verfrüht, dennoch ein winziges Knösplein der Hoffnung auf eine bessere Arbeitswelt.

Donnerstag: Italien hat nun wegen des Virus landesweit das öffentliche Leben weitgehend eingeschränkt. Auch hier bei uns kommen die Einschläge der persönlichen Betroffenheit näher: Dienstreisen fallen aus, der Liebste muss bis auf Weiteres zu Hause arbeiten, und unser Chor sagt das für Mai geplante Konzert ab.

Überhaupt sind fast alle dienstlichen und privaten Termine in meinem Kalender jetzt mit einem Fragezeichen versehen, was nicht in allen Fällen zu beklagen ist.

Freitag: Heute wurden zwei weitere berufliche Termine abgesagt. Ein privater Wochenendtermin hingegen nicht. Man kann nicht alles haben.

Samstag: Entgegen aller Empfehlungen und vielleicht auch Vernunft fuhren wir ins ostwestfälische Bünde, wo der Schwager seinen 60. Geburtstag feierte. Dies war vermutlich die vorerst letzte größere Reise und Menschenansammlung, an der ich teilnahm.

Während der Fahrt überholten wir einen Mehllaster, der vermutlich zurzeit gut ausgelastet ist. Vielleicht muss der demnächst unter Polizeischutz fahren, wenn die Lage bedrohlicher und die Menschen noch bekloppter werden.

Im Radio sagte ein Sportreporter (dessen Zunft zurzeit deutlich weniger ausgelastet ist als Mehllaster) dieses: „Es macht keinen Sinn, den Spielbetrieb im Profifußball aufrechtzuerhalten.“ Ein Satz, den ich auch außerhalb von Krisenzeiten unterschreiben würde, wobei ich über den Gebrauch des Wortes „macht“ in diesem Fall hinwegzusehen bereit wäre. Besondere Situationen erfordern in solchen Dingen eine gewisse Großzügigkeit.

Der französische Philosoph Blaise Pascal wird in der Zeitung zitiert: „…dass alles Unglück der Menschen von einem Einzigen herkommt: dass sie es nämlich nicht verstehen, in Ruhe in einem Zimmer zu bleiben.“ Das würde ich auch jederzeit unterschreiben.

Da zwischen unserer Ankunft in Bünde und dem Beginn der Feier noch Zeit war, suchten wir einen großen örtlichen Supermarkt auf, um unsere Vorräte unter anderem an Spannbetttüchern, Marzipan und Maibock zu ergänzen. Wie zu erwarten war Toilettenpapier komplett ausverkauft (als ob dazu keine Alternativen gäbe), Nudeln und einige Konserven waren stark dezimiert.

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Andere Artikel des täglichen Bedarfes waren in ausreichender Menge vorrätig:

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Sie können sich sicher vorstellen, welches Gesprächsthema auf der Geburtstagsfeier besonders präsent war. Einmal tanzte ich sogar, bezeichnenderweise zu „Hells Bells“.

Sonntag: Nach Rückkehr machte ich einen langen Spaziergang an den Rhein, wie viele andere auch bei dem sonnigen Wetter. Wer weiß, wie lange das noch in dieser Selbstverständlichkeit möglich ist, siehe Italien und Spanien, wo inzwischen weitreichende Ausgangssperren verhängt worden sind. Die derzeitige Situation erinnert mich ein wenig an 1986, nachdem klar geworden war, dass die radioaktive Wolke aus Tschernobyl auch uns erreichen würde. Wir waren verunsichert über eine drohende Gefahr, die man nicht sehen, hören oder riechen kann und die daher in ihrer Auswirkung reichlich diffus blieb. Bei jedem Regenschauer sahen wir schnell zu, unter ein Dach zu kommen, und wir mieden lange Zeit den Verzehr von Waldpilzen, Wild und Gemüse aus dem eigenen Garten. Die Älteren unter Ihnen erinnern sich sicher.

Hoffen wir, dass dieser Spuk ein baldiges und gutes Ende finden wird. Bis dahin und darüber hinaus wünsche ich Ihnen alles Gute!

 

Woche 10: Man verzichtet aufs Händeschütteln

Montag: „Wir werden alle sterben“, sagte der Geliebte, als morgens die Lichter angingen. Das ist wohl so ziemlich das einzige, was noch einigermaßen sicher ist.

Wegen der Erkältung schlecht geschlafen. Traum: Über Nacht hat Amazon meinen Arbeitgeber mit allen Konzernbereichen und Tochterunternehmen übernommen. Als ich morgens ins Werk komme, sehe ich zahlreiche Männer in schwarzen Anzügen mit Aktenrollkoffern und gegelten Scheitelfrisuren über die Flure huschen, vor meinem Büro wartet auch schon einer. Noch bevor ich mir einen Kaffee holen kann, interviewt er mich auf Englisch und tippt die Antworten sofort in sein Tablet ein. Unsere Chefs, Personalabteilung und Betriebsrat scheinen sich unterdessen aufgelöst zu haben, niemand ist erreichbar. Stattdessen höre ich im Telefon in Endlosschleife eine Frauenstimme, die in klebrig-lächelndem Werbeton Amazon-Angebote gegen Erkältung anpreist, dazu wiederholt sie ständig: „Jetzt Prime-Kunde werden, wenn Sie weiterhin wie gewohnt am Leben teilnehmen wollen. Möchten Sie sich jetzt registrieren lassen?“ – „Nein!“, schreie ich ins Telefon. – „Vielen Dank und herzlichen Glückwunsch, Sie können nun alle Vorzüge als Prime-Kunde nutzen.“

Im Laufe des Tages wird uns mitgeteilt, wer bleiben darf und wer gehen muss, die Nachricht erhalten wir per Paket. Nachmittags kommt der Bote, über der DHL-Jacke trägt er die grelle Weste von Amazon Logistics. Nachdem er mir die Sendung übergeben hat, verwandelt er sich in einen Halsbandsittich und filmt von draußen durch das Fenster, wie ich das Paket öffne; dies soll später als lustiges Unboxing-Video in den internen Kommunikationsmedien und auf Amazon Prime Video veröffentlicht werden, erst jetzt wird mir klar, dass ich morgens beim Interview mein Einverständnis dazu erteilt habe. Bevor ich das Paket öffnen konnte, wachte ich verstört auf und schlief nicht mehr ein.

Später, als der Chef wieder erreichbar war, meldete ich mich krank.

Dienstag: Sehr gut und lange geschlafen, es wird langsam besser. Einer versuchsweisen Umbettung ins Werk ab morgen steht demnach voraussichtlich nichts entgegen.

Dabei könnte ich mich durchaus daran gewöhnen: Bis mittags schlafen, nach Bad und knappem Frühstück aufs Sofa, Tee, Musik hören, Lesen in alten Tagebüchern und Herrndorfs „Arbeit und Struktur“ (wahrlich keine leichte Lektüre). Außerdem habe ich endlich mit der hoffentlich letzten Überarbeitung meines Bestsellers begonnen. Und wer weiß – was bitte nicht bedeuten soll, dass ich es herbei wünsche – die Quarantäne kann noch kommen, weil man Kontakt hatte mit jemanden, der Kontakt hatte mit … Sie wissen schon.

Mittwoch: Meinen Zustand als vollständig genesen zu bezeichnen wäre übertrieben, gleichwohl ging es einigermaßen im Werk. Das Schlimmste: Vermutlich zur Vermeidung der Virenverbreitung war das Dessertbuffet in der Kantine nicht befüllt. Kein Nachtisch nach köstlichem Spießbraten! Wie soll man da die Ruhe bewahren und nicht in Panik verfallen?

Donnerstag: Eine Bildunterschrift aus einem Zeitungsartikel zur Wahl in Thüringen: „Nach seiner Wahl und Vereidigung verweigerte Bodo Ramelow (links) dem rechten AfD-Vorsitzenden Björn Höcke den Handschlag.“ Man stelle sich vor, der zuständige Redakteur hätte eine Rechts-Links-Schwäche oder das Bild wäre von der anderen Seite aus gemacht worden.

Nach einem Tag Heimarbeit (nicht wegen Quarantäne, sondern weil ein Handwerker an der weiteren Vollendung unseres Bades wirkte, das noch immer nicht ganz fertig ist und dadurch langsam wie eine Miniatur der Elbphilharmonie oder des Berliner Flughafens anmutet, jedenfalls bezüglich des Zeit-, hoffentlich nicht Kostenrahmens, und der viel länger für die Montage eines Waschtischunterschrankes und eines Handwaschbeckens benötigte als er und ich dachten, was mir einen ganzen Arbeitstag zu Hause bescherte statt wie gehofft nur ein paar Stunden) stelle ich erneut fest: Kann man mal machen, muss aber nicht sein.

Und weil der Handwerker es nicht richtig gemacht hat – als nebenberufliche Bauaufsicht eigne ich mich nicht, habe ich auch nie behauptet – arbeitete der Geliebte abends nochmal einiges nach. Sie bauen auf, sie reißen nieder / So gibt es Arbeit immer wieder.

Freitag: Gehört: „Hüftschwung hast du keinen. Jedenfalls nicht beim Tanzen.“

Wie ich nachmittags erfuhr, fällt in der kommenden Woche aus bekanntem Grund die Veranstaltung aus, die für mich eine Dienstreise in die Nähe von Ulm bedeutet hätte. Niemals in den mittlerweile zahlreichen Jahren meines Lebens erlebte ich etwas, das vergleichbare Auswirkungen auf das öffentliche und geschäftliche Leben hatte wie dieses Virus. Was mag passieren, wenn sich mal eines ausbreitet, das wirklich bedrohlich ist? Positiv: Man verzichtet aufs Händeschütteln.

Zugegeben – ein großer Kinderfreund war ich nie. Und doch würde ich keinem Kind wissend und wollend Leid antun (ebenso den meisten Erwachsenen nicht). Bei dem schrecklichen Blag aus der Kijimea-Reklame könnte ich mir allerdings vorstellen, eine Ausnahme zu machen.

Aus der Zeitung: „Statt Wasser sprudelte Wein aus den Leitungen: Ein technischer Defekt beim Abfüllen spülte Lambrusco von einer lokalen Kellerei in einige Häuser von Castelvetro di Modena in der Emilia-Romagna.“ Technischer Defekt – das ist noch unplausibler als die kürzlich schon erwähnte Geschichte des Mannes, der mit einer Banane im Anus zum Arzt kommt, weil er angeblich nach dem Duschen ausgerutscht und in die Obstschale gestolpert ist, Sie erinnern sich vielleicht.

Samstag: Glückwunsch dem Mann im Radio, nachdem auch er bemerkt hat, dass Torn von Ava Max Elemente von ABBA enthält.

Sonntag: Italien sperrt weite Teile im Norden ab, um der Ausbreitung des Virus Einhalt zu gebieten. Dessen ungeachtet wirbt eine vermutlich nicht ganz günstige ganzseitige Anzeige in der heutigen Sonntagszeitung: „Dolce Vita und jahrtausendealte Kultur, aber auch imposante Landschaften und idyllische Dörfer locken in Italien. Bleibt die Frage: Wo bitte soll man bei dieser Fülle nur anfangen?“ Inzwischen dürfte der Inserent die Frage wohl anders formulieren.

 

Woche 9: Pflicht ist Pflicht und Fisch ist Fisch

Montag: Nachtrag zu gestern: Als wir nach dem Godesberger Zug in Uniform und mit Instrumenten zurück zur Stadthalle gingen, kam uns ein Jugendlicher entgegen, der lautstark anbot, sein Geschlechtsteil zu zeigen, das nach eigenem Bekunden eine beachtliche Größe aufweise, und öffnete seine Hose. Die Medien nennen es gerne „in schamverletzender Weise“, wenn jemand öffentlich seinen Löres präsentiert. Letztlich kam es dann doch nicht zum Äußersten, der Schlüpfer blieb oben und die Großpenisbehauptung unbewiesen, vielleicht weil die Freunde des Knaben ihn von weiterem Tun abhielten. Was auch immer seine Beweggründe gewesen sein mögen – falls er eine Karriere als Exhibitionist anstrebt, sollte er noch etwas üben.

Das Wort „Hochachtungsvoll“ kannte ich bislang nur als nicht ganz so freundliche Grußformel. Seine Verwendung als Grad der Alkoholisierung einer Person ist mir neu und gefällt mir. Da ich während des Bonner Rosenmontagszugs das Bier nur vorsichtig und in kleinen Schlucken zu mir nahm und ansonsten permanent aus der Luft gegriffene und vom Boden aufgesammelte Süßigkeiten nachschob, blieb mein Füllgrad indes marginal, somit steht meiner Werktauglichkeit ab morgen, außer einer zu erwartenden gewissen Unlust, nichts im Wege.

Dienstag: Mubarak und Marie-Luise Nikuta sind gestorben. Während mir die Nachricht über Mubaraks Tod allenfalls ein Schulterzucken auslöst, mir war nicht mal bewusst, dass er noch lebte, denke ich bei Nikuta: och nö!

Gelesen bei Wolfgang Herrndorf, der am 8.2.2011 in „Arbeit und Struktur“ schrieb:

„Traum: Auf der Oberfläche der Sonne verursacht eine von der Erde ausgesandte Sonde eine Störung. Zuerst sieht man nur einen kleinen schwarzen Fleck, der sich aber rasch ausbreitet. Schließlich erlischt die Kernfusion auf der Sonne ganz. Mit C. suche ich im Dunkeln nach Kerzen, aber sinnvoll scheint das nicht. Es kann nur noch Tage oder Stunden dauern, bis die Temperatur auf diesem Planeten für immer bei minus 273 Grad angekommen ist, da helfen Kerzen jetzt auch nicht weiter. Wir resignieren.“

Ist da nicht gerade dieses Parker-Dings auf dem Weg zur Sonne?

Mittwoch: Das Corona-Virus breitet sich in Europa aus, jetzt ist es auch in Heinsberg angekommen, nicht weit weg von hier. Aus Gründen, die ich nicht benennen kann, nehme ich die Nachrichten darüber weiterhin weniger in Sorge um mich und meine Lieben zur Kenntnis, stattdessen mit einem irritierend wohligen Grusel, dabei langweilen mich Thriller für gewöhnlich. Es könnte noch interessant werden.

Völlig uninteressant hingegen das derzeitige Brimborium um die CDU. Die sollen endlich einen neuen Oberchristen bestimmen, und gut ist.

Ansonsten: Politischer Aschermittwoch = Kasperltheater für Große

Donnerstag: Offseite der Abteilung in der Eifel. Dort höre ich solche Sätze: „Wir sind da low key unterwegs“ – „Fünf Minuten Biobreak, dann machen wir weiter“ – „Ich bin overloaded.“ Vorschlag zur Fastenzeit: Sechs Wochen lang Anglizismen meiden, vor dem blathering überlegen, wie man es auf Deutsch sagen könnte.

Freitag: Die Bahn auf dem Rückweg vom Werk war angenehm leer, was einem ja in diesen Zeiten, wo fremdes Niesen und Husten lebensbedrohend sein kann, sehr gelegen kommt. Dann, im Tunnel, gab es über dem Zug einen Blitz und einen lauten Knall, daraufhin gingen drei Viertel der Lampen im Wagen aus, die Bahn fuhr aber weiter, wenn auch langsamer, bis zur nächsten Haltestelle. Dort hörte ich durch die Wand zur Fahrerkabine den Fahrer mit der Leitstelle das weitere Vorgehen beraten, danach kam er heraus, ging durch den Wagen, prüfte irgendwas, anschließend fuhren wir langsam weiter. Am Bundesrechnungshof hieß es dann „Alle aussteigen, Bahn kaputt“, vielleicht war es auch etwas freundlicher formuliert. Die folgende Bahn wurde dann, wie befürchtet, ziemlich voll, dennoch fand ich einen Sitzplatz.

Mir gegenüber saß ein älterer Herr, also jedenfalls älter als ich, und das ist ja schon ganz schön alt, der in einem vollgeschriebenen Moleskinebuch las, vielleicht ein altes Tagebuch. Wie ich im Spiegelbild der dunklen Fensterscheibe beobachtete, hob er zwischendurch den Blick aus dem Buch und schaute sinnierend in den Wagen. Vielleicht war er gerade an einer Stelle angelangt, wo etwas ganz anders beschrieben war als er sich jahrelang zu erinnern glaubte. Das kenne ich.

Ich fühle mich kränklich. Keine gute Voraussetzungen für das traditionelle „Fischtrinken“ des Karnevalsvereins zum Sessionsschluss heute Abend. Aber Pflicht ist Pflicht und Fisch ist Fisch, zudem bin ich noch bei Appetit, was ich als ein gutes Zeichen werte.

Samstag: In der Zeitung lese ich das Wort „Menetekel“ und recherchiere seine Bedeutung (in etwa: Ankündigung von Unheil). Unterdessen ist in Bonn der erste Corona-Fall festgestellt worden. Ich fühle mich weiterhin krank, gehe jedoch von einer normalen Erkältung aus. Zudem zumindest teilweise eine Folge des „Fischtrinkens“.

Sonntag: Wie ich in der Zeitung lese, gefährdet die Corona-Epidemie möglicherweise die Austragung der Fußball-Europameisterschaft in diesem Jahr. Es hat eben fast alles auch seine guten Seiten.

Woche 8: Träume von Buchstabensuppe

Montag: Am Morgen sah ich auf dem Bahnsteig zwei etwa elfjährige Mädchen, augenscheinlich Zwillinge, zudem exakt gleich gekleidet, etwas, was man nur noch selten sieht. Wie lange mag es noch dauern, bis zwei identische Tätowierungen ihre Knöchel und Waden verunzieren?

Beim Holen des ersten Kaffees sah ich eine volle Flasche Jever Fun in der Kaffeeküche des Werkes. Welche Marketing-Spacken kamen wohl auf die Idee, ausgerechnet ein alkoholfreies Bier mit dem Attribut „Fun“ zu versehen?

„Wir müssen hier noch die Akronyme ziselieren“, sagt einer in einer Besprechung, was für mich so gar keinen Sinn ergibt, erst recht nicht, nachdem ich die Wörter im Duden nachgeschlagen habe. „Wir werden dazu ein kleines Übergangssystem bauen, geboren um zu sterben“, sagt ein anderer, was wesentlich mehr Sinn ergibt; in diesem Sinne sind wir letztlich alle kleine Übergangssysteme.

Unterdessen schlägt Verkehrsminister Scheuer vor, Pakete künftig per U-Bahn auszuliefern. Das ist toll: Dann gehen wir nicht nur zum Lachen in den Keller, sondern auch, um ein Paket in Empfang zu nehmen.

Laut Tageszeitung haben heute Namenstag:  Benignus, Bonosus, Evermod. Liest sich wie Scrabble nach drei Kästen Jever Fun.

Dienstag: Aus einer Reklame für Zigaretten: „Fashion Statement. Mit dem Oversized Model.“ Rauchen kann tödlich sein. Und Werbung kann wehtun.

Tagung in Bad Breisig. Vor mir sitzt einer mit Camp-David-Hemd. Für die kommende Nacht erwarte ich Träume von Buchstabensuppe.

Auch hier sollten die Marketing-Strategen vielleicht noch mal in sich gehen:

Lautes Gähnen in öffentlichen Verkehrsmitteln gehört auch zu den Dingen, die völlig zu unrecht unsanktioniert sind.

Mittwoch: Die Träume von Buchstabensuppe blieben aus; was ich stattdessen träumte, habe ich vergessen.

Nun kann man zu Camp-David-Hemden stehen, wie man will, wie so vieles auf Erden ist das Geschmackssache. Was allerdings mag im Leben des Menschen schiefgelaufen sein, der an der Tagung in einem Trainingsanzug im Design der Neunziger teilnahm? Karl Lagerfeld würde im Grabe rotieren. (Das mit den Neunzigern ist nur eine ungeprüfte Behauptung von mir. Jedenfalls so ein Teil aus einer anderen Zeit, mit dem die Generation Alda-Knöchelfrei nicht aus dem Haus gehen würde.)

„… wie man auf Neudeutsch sagt“, höre ich mehrfach in einem Vortrag, wobei das derart Beschriebene wie gewohnt weder neu noch deutsch ist.

Nicht Neu- sondern eher typisch Deutsch dieses: In den Bahnhöfen von Sinzig und Bad Breisig wurden die Bahnsteige erhöht, so dass der Reisende ebenerdig ein- und aussteigen kann. So weit, so löblich, nur: Vermutlich aus Kostengründen erfolgte die Erhöhung nicht auf voller Länge, an den Enden wurde über einige -zig Meter die ursprüngliche Höhe beibehalten. Macht ja nichts, ging ja vorher auch, denken Sie? Sie irren: Aufgrund irgendwelcher Eisenbahnbau- oder Betriebsvorschriften dürfen die niedrigeren Bereichen, also die mit der ursprünglichen, vor kurzem noch ausreichenden Höhe, nicht mehr genutzt werden. Stattdessen macht der Triebfahrzeugführer des Rhein-Express nun bei jedem Halt eine Durchsage, wonach aufgrund der verkürzten Bahnsteige die hinteren drei Türen nicht geöffnet werden können. Wenn man also ganz hinten steht und die Durchsage nicht durch den Kopfhörer gedrungen ist, hat man Pech gehabt und darf noch etwas weiter reisen.

Dazu passt ganz gut das Zitat von Kurt Tucholsky, das ich neulich las und notierte: „Wenn der Deutsche hinfällt, steht er nicht auf, sondern sieht sich um, wer schadensersatzpflichtig ist.“

Donnerstag: Dank karnevalistischer Aktivität gehöht nunmehr auch Flerzheim nicht länger zu den Orten, die ich trotz über zwanzig Jahren InBonn-Wohnens bislang allenfalls von den Zielanzeigen der Omnibusse her kannte. Ansonsten verliefen die drei Auftritte des Tages zufriedenstellend und ohne größere Schäden an Mensch und Trompete.

Im krassen Gegensatz zu Karneval und Spaß stehen die Ereignisse in Hanau, von denen ich erstmals während der Busfahrt nach Flerzheim erfuhr. Hierzu erlaube ich mir zu wiederholen, was ich schon vor einiger Zeit schrieb: Wir erleben gerade den doppelten Klimawandel. Einen meteorologischen, der die Welt aufheizt, und einen gesellschaftlichen, der sie bräunt. Ich weiß nicht, welchen wir mehr fürchten müssen.

Wenig Sorgen bereitet mir hingegen bislang das Coronavirus. Warum auch immer.

Freitag: „Keine Klärschlammverbrennung in Bonn aus Umweltgründen“, fordert eine örtliche Partei auf einem Plakat. Woanders demnach schon, weil die Umwelt dort weniger schützenswert ist?

Weil das alte ziemlich verschlissen war, kaufte nachmittags ich ein neues Armband für die Uhr mit DHL-Logo, die ich vor Jahren geschenkt bekam. Ich ließ es gleich im Laden austauschen, was wohl aufgrund der Bauart der Uhr ziemlich schwierig war und relativ lange dauerte. „Hoffentlich verstehen die von Logistik mehr“, sagte die Dame, als sie mir die Uhr zurück gab.

Bei Herrn Buddenbohm las ich zum ersten Mal das Wort „Erikativ“. Freu. Staun. Recherchier: Soweit ich mich erinnere, und das ist wirklich lange her, wurde mir in der Schule diese Wortart noch als Interjektion beigebracht.

Samstag: „Behörden sind fieberhaft mit einer Neubewertung der Rolle der Partei in Politik und Gesellschaft beschäftigt“, steht in der Zeitung. Es wäre besser, sie gingen das mit kühlem Kopf an.

Sonntag: Aus Zeitgründen bereits notiert am Samstagabend, somit eher eine vage Ahnung des Kommenden. Dieses kann (mindestens) zwei Ausprägungen haben. Erstens: Wir werden morgen um sechs Uhr aufstehen, um am Godesberger Zug teilzunehmen. Zweitens: Wegen Sturmtief Yulia wird der Zug, Achtung, Wortspiel: abgeblasen, früh aufstehen werden wir trotzdem, weil die Abblaseentscheidung erst um elf fallen soll. Ich werde berichten.

Nachtrag Sonntagabend: Nachdem sich Frau Yuilia zumindest in Bonn-Bad Godesberg von relativ sanfter Seite zeigte, konnte der Zug ziehen. Nach stundenlangem Trompetenspiel sind meine Lippen nunmehr erschlafft. Mit letzter Kraft nippen sie am Champagner.

Woche 7: Ein E-Boy ist kein elektrisches Gerät zur kurzfristigen Linderung spezieller Unterleibsbedürfnisse

Montag: Aus der aktuellen Ausgabe der PSYCHOLOGIE HEUTE:

„Den ganzen lieben Tag lang bestimmt die Macht des Negativen unsere Stimmung, hat bei unseren Entscheidungen das letzte Wort. Sie ist die treibende Kraft hinter den Nachrichten und prägt den öffentlichen Diskurs; Journalisten bedienen sich ihrer, Politiker, Marketingleute, Blogger, Social-Media-Nattern, Internettrolle und weiß der Kuckuck wem sonst noch an unserer Aufmerksamkeit und unseren Bildschirmen liegt.“

Ich bedanke mich ausdrücklich für den Begriff „Social-Media-Nattern“ und erkläre ihn hiermit für mein persönliches Wort des Tages, ach was: der Woche.

Schon seit einiger Zeit, ich berichtete bereits, glaube ich einen Trend bei jungen Männern zu beobachten, sich auch im Winterhalbjahr außerhalb sportlicher Betätigung in kurzen Hosen zu zeigen, also draußen, bei Wind und Wetter. Allein heute begegneten mir im Laufe des Tages gleich drei Exemplare. Sie werden ihre Gründe haben. Vielleicht ist das ja nur die logische Fortsetzung der seit längerem unabhängig von Geschlecht und Temperatur sich ausbreitenden Knöchelfrei-Mode. Oder der mit zunehmender Beliebtheit getragenen Hosen mit möglichst weit aufgerissenen Knien, wohingegen ich schon weitaus geringer beschädigte Textilien dem Hausmüll zuführe. Aber warum nicht, wenn man die entsprechenden Beine vorzuweisen hat.

In Deutschland gibt es übrigens 124 Fünfsterne-Hotels, wie ich auf dem Werbebildschirm in der U-Bahn-Haltestelle las. Somit wissen Sie das nun auch. Vielleicht sitzen Sie ja mal bei Günther Jauch und er fragt Sie genau das, und schon können Sie die Million einsacken.

Dienstag: Während schlafloser Momente in der vergangenen Nacht habe ich noch ein wenig darüber nachgedacht: Vielleicht ist das mit den kurzen Hosen ja auch eine Weiterentwicklung der E-Boy-Bewegung, über die ich am Wochenende las. Zur Erklärung: Ein E-Boy ist kein elektrisches Gerät zur kurzfristigen Linderung spezieller Unterleibsbedürfnisse, sondern, soweit ich das verstanden habe, ein sehr junger Mann, der mit einem besonders guten Aussehen (und ansonsten zumeist keinen weiteren besonderen Vorzügen und Fähigkeiten) ausgestattet ist und damit im Internet herumposiert.

Oder das ist so eine in Social-Media-Nattern-Kreisen sich ausbreitende Challenge wie vor einiger Zeit diese Eiskübelnummer, kann ja sein: Wer sich bei unter zehn Grad den kalten Wind durch das Beinhaar wehen lässt, setzt ein Zeichen gegen Paradont- oder Leberzirrhose oder sowas.

Oder das ist ein neuartiges Männlichkeitsdings. Vielleicht etabliert sich, neben bereits bestehenden dümmlichen Begriffen wie „Warmduscher“ oder „Schattenparker“ für nicht ganz so Harte, demnächst der „Hosenträger“.

Mittwoch: Einige weitere Vorschläge, falls nicht bereits in einschlägigen Verzeichnissen zu finden: Cola-Light-Besteller, Papiertaschentuchschnäuzer, Armbeugenhuster, BinnenI-Schreiber und Achselrasierer.

Donnerstag: Erstmalig las ich den Titel „Hallenfeldwebel“. Ohne dem Mann nahetreten zu wollen, zumal ich ihn nicht kenne: Das klingt ein wenig wie Taschenbillard.

„Ich habe keinen Zweifel daran, dass Künstliche Intelligenz reguliert werden muss. Firmen wie unsere können nicht einfach vielversprechende Technologien entwickeln und die Entscheidung, wie sie eingesetzt werden, dem Markt überlassen“, schreibt Sundar Pichai, Chef des Google-Mutterkonzerns Alphabet in einem Zeitungsartikel. Schon klar – Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen.

Freitag: Was ist im Zeitalter von Outlook so schwer daran, bevor man jemandem eine Besprechungsanfrage schickt, einen kurzen Blick in seinen Kalender zu werfen, ob er dann überhaupt Zeit hat?

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die „Allen-antworten“-Funktion in Mailprogrammen verboten gehört. Es wäre wirklich viel gewonnen, wenn sich Menschen vor Absenden einer Mail kurz Gedanken machen würden, wen sie in „Cc“ nehmen wollen und warum.

Samstag: Nachmittags nahm unser Musikcorps am Zoch in Graurheindorf teil.

KW7 - 1

KW7 - 1 (1)

Während eines Liedes, bei dem ich mangels Trompetenerfordernis lediglich eine dekorative Funktion erfüllte, löste sich mein selbstgebastelter Halteriemen, woraufhin die Trompete heftig Kontakt aufnahm mit dem Asphalt der Estermannstraße, was dem Trichter eine charakteristische neue Form verlieh. Auf die Qualität meines Spielens hatten die Dellen keinen erkennbar negativen Einfluss, die war heute vorher schon einigermaßen miserabel.

Größerer Sachschaden entstand auch in Barlingerode Ost, dem betrieblichen Mittelpunkt meiner Modelleisenbahn. Nachdem sich das Sturmtief „Sabine“ Anfang der Woche in vielen Regionen, gemessen an den Ankündigungen, eher als laues Lüftchen erwiesen hatte, was anscheinend bei vielen Menschen eine irritierende Enttäuschung hervorrief, zog heute beim Lüften eine Böe über den Bahnhof hinweg und erfasste einen dort ungebremst abgestellten Güterwagen, der daraufhin in den Abgrund stürzte und Totalschaden erlitt. Wie eine Recherche bei E-Boy – Verzeihung: eBay ergab, ist auf die Schnelle leider kein gleichartiges Modell zu erwerben. (Falls Sie jemanden kennen, der sich von einem Exemplar des Roco-Modells 66065 trennen möchte, lassen Sie es mich bitte wissen. Vielen Dank.)

Am späteren Abend, nach gutem Essen und Trinken, stellte der Geliebte eine gar zauberhafte Verbindung her zwischen Augen- und Gaumenschmaus: „Ich mag ja gefüllte Tulpen. Am liebsten mit Nougat.“

Ansonsten lernte ich mit „Leibesfruchtpfleger“ eine neues Wort, für das ich allerdings in absehbarer Zeit persönlich nur wenig Verwendung sehe.

Sonntag: Welchen Schaden einmal die Leibesfrucht eines jungen Elternpaares nimmt, das mir heute auf dem Weg zum Brötchenkauf begegnete, ist nicht absehbar. Mama schob den Kinderwagen, der mutmaßliche Vater trottete displaystarrend hinterher, und auch das maximal dreijährige Kind im Wagen war bereits mit einem Datengerät beschäftigt. Früh übt sich, was ein Digitalsklave und eine Social-Media-Natter werden will.

Ansonsten findet sich das Wort „Dreißig“ in meinen Notizen dieser Woche, dem offenbar eine gewisse Bedeutung zukam, die mir leider entfallen ist. Früher, als es noch nicht als ekelig und abstoßend galt, Stofftaschentücher zu benutzen (was mich nicht davon abhält, es dennoch weiterhin mit großer Überzeugung zu tun), war es üblich, darin einen Knoten zu machen, wenn man irgendetwas nicht vergessen wollte; beim nächsten Schnäuzen zog man es aus der Tasche und wusste: „Richtig, ich muss ja noch gefüllte Tulpen kaufen und die Sexpuppe aus der Reinigung holen.“ Einmal erblickte ich den Knoten und wusste nicht mehr, an was er mich erinnern sollte. So ähnlich geht es mir jetzt auch. Was wollte ich über „Dreißig“ schreiben? Sollte es mir wieder einfallen, reiche ich es selbstverständlich nach.