Woche 41: Unglückliche Kühe und zweifelhafte Geschäftsmodelle

Montag: Eine neue Folge von „Büro, Büro“ – „Beste Grüße aus Ibiza“ steht unter einer Mail, die ich als Antwort auf eine von mir versandte Nachricht von geringer Wichtigkeit erhielt. Manchen Menschen ist nicht zu helfen; die lesen und beantworten vermutlich auch noch vom Totenbett aus Mails, vielleicht sogar darüber hinaus.

Auch sonst weitet sich die Digitatur aus: In Bonn gibt es jetzt digitale Abfalleimer. Wenn der Bürger einen vollen Behälter bemerkt, soll er mit seinem Datengerät den dort angebrachten QR-Code scannen, woraufhin sich die Seite des städtischen „Mängelmelders“ öffnet. Dort gibt er dann die Standort-ID und sein Anliegen ein, möglichst mit Foto, woraufhin die Stadtreinigung Wirkung walten lässt. Ganz so pleite scheint Bonn demnach nicht zu sein, wenn für so etwas Geld da ist. Auch vertraut man darauf, dass es noch Leute mit sehr viel Zeit gibt.

Dienstag: Dienstreise nach Bremen, vielleicht und hoffentlich die letzte in diesem Jahr. Während ich auf dem Bonner Bahnhof auf meinen Zug wartete, setzte sich ein Mann neben mich, zeigte mir eine ausgedruckte Reiseinformation und fragte, ob er auf dem richtigen Bahnsteig sei, das heißt, eigentlich fragte er nur: „Zug hier?“ oder so etwas, ich bejahte. Als sein Zug wenige Minuten später einfuhr und direkt vor uns zum Stehen kam, machte ich ihn darauf aufmerksam. Er nickte nur stumm, blieb sitzen und zündete sich eine Zigarette an. Vielleicht wollte er gar nicht verreisen, wartete vielmehr auf jemanden, den er vom Zug abholen wollte, was weiß ich, welche Beweggründe Menschen zum Bahnhof treiben. Als der Zug abfuhr, entfernte sich auch der Mann aus meinem Blickfeld. Erst als mein Zug einfuhr, stand er wieder neben mir und sagte, fast vorwurfsvoll: „Jetzt habe ich meinen Zug verpasst.“

Mittwoch: In Bremen in einem bayrischen Wirtshaus pfälzer Rosé zu trinken ist auch eine Form von Multikultur.

Donnerstag: „Ihr Partner fürs Parken der Zukunft“, sehe ich bei der Durchfahrt von Osnabrück an ein Parkhaus geschrieben. Partner fürs Parken – Parken der Zukunft – die Welt ist voller Rätsel.

Während eilender Fahrt mit viertelstündiger Verspätung durch das Münsterland geraten grasende Rinder ins Blickfeld. Kurz blitzt in hinteren Hirnwindungen die Mär von glücklichen Kühen auf, doch verwerfe ich die Idee umgehend. Glückliche Kühe? Ich bitte Sie – ein Wesen, das wir lebenslang in Gefangenschaft halten, um es gnadenlos auszubeuten und hinterher aufzuessen oder zu Hundefutter zu verarbeiten, dem wir in jungen Jahren die Hörner wegätzen und später die Kinder gleich nach der Geburt wegnehmen, hat wohl wenig Anlass zum glücklich sein.

Hinter Münster schleicht ein Flaschensammler durch die Reihen auf der Suche nach Pfandgut, in Wuppertal sehe ich ihn mit zwei mäßig vollen Plastiktüten den Bahnsteig entlanggehen. Sein Geschäftsmodell erscheint mir wenig tragfähig: Wie viele Flaschen muss er wohl sammeln, um sich einen IC-Fahrschein von Münster nach Wuppertal kaufen zu können?

Freitag: Manch anderes Geschäftsmodell ist einfach nur widerwärtig:

„Die Fran­zo­sen wür­den es als Af­front be­trach­ten, wenn sie Märk­te wie die Golf­re­gi­on we­gen ei­nes deut­schen Ve­tos nicht mehr be­lie­fern dürf­ten. […] Deutsch­land be­grün­det das mit sei­ner Ge­schich­te. Frank­reich oder Eng­land se­hen sich in ei­ner an­de­ren Rol­le. Dort ist in der Be­völ­ke­rung fest ver­an­kert, dass man zum Schutz der De­mo­kra­tie so­wie der ei­ge­nen Frei­heit auch eine leis­tungs­star­ke und in­ter­na­tio­nal wett­be­werbs­fä­hi­ge Ver­tei­di­gungs­in­dus­trie braucht.“

(Dirk Hoke, Chef der Rüstungs-Sparte bei Airbus, im SPIEGEL-Interview über die angebliche Zurückhaltung Deutschlands bei Waffenlieferungen ins Ausland)

Samstag: Aufgrund einer unbedachten Äußerung meinerseits nach der zweiten Flasche Wein am Vorabend blies heute ganztägig zwischenmenschlicher Mistral gegen die fragilen Zeltbahnen meines Harmoniebedürfnisses, der sich trotz mehrfacher Entschuldigungsgesuche erst zum Abend hin legte.

Sonntag: Die Angst, dass der Wein ausgeht, heißt übrigens Novinophobie. Eine Gefahr, die in diesem Haushalt bis auf weiteres nicht droht.

Ein anderes schönes Wort ist „Schwebedeckel“. So wurden in der DDR Frisbee-Scheiben bezeichnet. Leider fiel das Wort der Wiedervereinigung zum Opfer.

Ansonsten war es heute recht schön:

Woche 40: Singende Schwimmdamen mit Verspätung

Montag: Zum Thema Tempolimit auf deutschen Autobahnen schrieb Wolfgang F. aus Bonn in einem Leserbrief an den General-Anzeiger:

Aber das Lobby-Kartell aus Automobilclubs, Autoherstellern und Mineralölkonzernen scheint so mächtig zu sein, dass nicht einmal die Grünen mehr über Tempolimits diskutieren. Das in Verbindung mit dem rücksichtslosen Verhalten zu vieler macht deutlich: Was den US-Amerikanern ihre Waffen sind, sind den Deutschen ihre Autos – und oft ihre Autos als Waffe

Könnte man dort ein Gefällt-mir-Sternchen anbringen, hätte ich es getan.

Hier auch – was mit Liebe:

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Dienstag: Nun wird also die Lebensmittel-Ampel mit dem appetitabregenden Namen „Nutri-Score“ eingeführt. Schön und gut. Das beste: Es wird nur grüne Ampeln geben, da die Kennzeichnung freiwillig erfolgt. Eine verbindliche Einführung ist den Herstellern von Chips und Süßgetränken offenbar nicht zuzumuten.

Eine Zumutung auch der Anblick mancher Krawatte: Würde ein Preis für bizarre Binder ausgelobt, wäre der  heute-Sprecher Christian Sievers ein sicherer Anwärter dafür.

Laut Nachrichtenlage ist Hongkong zurzeit kein zu empfehlendes Reiseziel. Trouble gabs dort schon 1976:

Mittwoch: „1959 fiel Gott als Zwanzigjähriger bei ersten Nachwuchswettbewerben als talentierter Sänger auf“, steht in einer Meldung. Natürlich meinen sie nicht den Allmächtigen – was der vor achtzig Jahren herausragendes leistete, entzieht sich meiner Kenntnis. Vielmehr geht es um den gleichnamigen, großartigen Karel, der heute von uns ging.

„Zug fährt schlafen“, steht abends in der Zielanzeige eines Triebzuges von National Express, der in Köln auf dem Nebengleis fährt. Ich auch.

Donnerstag: „Gott war nie überheblich, war bodenständig und bescheiden, auch wenn er sich natürlich seiner Ausnahmestellung bewusst war“, schreibt die Zeitung aus gegebenem traurigen Anlass.

Ansonsten fuhren wir heute mit dem Chor nach Berlin, deswegen:

Singen macht glücklich. Anderen beim Singen zuzuhören auch. Morgen Abend sind wir dann dran.

Freitag: Unser Hotel, ein Haus der bekannten türkisen Kette, bestätigt um kurz nach halb zehn morgens meine Vorbehalte gegen Frühstücksbuffets in Hotels: Zu wenig Platz für zu viele morgenhungrige Menschen (allerdings angemessen große Saftgläser, um auch das Positive zu benennen). Den Barbereich mit tiefen Sesseln und wackelnden runden Tischchen morgens als Frühstückssaal zu nutzen, mag betriebswirtschaftliche Vorteile bringen, aus Kundensicht ist es eher zweifelhaft.

Den Vormittag nutzte ich für eine individuelle Stadtrundfahrt, und das im wahrsten Sinne: Mit der S-Bahn bis Ostkreuz, dort in die Ring-S-Bahn 41 (oder 42) gestiegen, die wie Satelliten die Stadt umrunden, darin sitzen geblieben, bis man wieder am Ausgangspunkt Ostkreuz ankam. Man sieht dabei sehr viel von Berlin und Berlinern, vor allem in Fahrtrichtung links, wo üblicherweise die Bahnsteige sind. Das ganze für lächerliche sieben Euro für eine Tageskarte, also weniger als ein Kinobesuch.

Ein beliebtes Motiv für Komiker nach Art eines Mario Barth ist das Rätsel über den Inhalt von Damenhandtaschen. Für mich betrachte ich diese Frage als beantwortet: In der S-Bahn saß mir eine junge Dame gegenüber, deren Tasche aufgrund der transparenten Hülle Einblick auf den Inhalt gewährte. Überraschendem wurde ich dabei nicht ansichtig.

Apropos Handtaschen: Zurück nahm ich ab Warschauer Straße die U-Bahn bis Wittenbergplatz, wo ich dem berühmten Kaufhaus des Westens einen Besuch abstattete. Im Erdgeschoss befinden sich die Läden von Gucci, Prada, Louis Vuitton und so weiter. Aus Gründen, die ich nur vermuten kann, verzichtet man dort auf die Preisauszeichnungen an Taschen, Schuhen und all dem anderen schillernden Luxusrat, den kein normaler Mensch benötigt.

Gemessen am Applaus und den lobende Worten, die uns erreichten, lief unser Auftritt abends zufriedenstellend, man selbst kann das als auf der Bühne stehender ja meistens nicht sicher beurteilen.

Samstag: Erkenntnis aus einer Liedzeile eines mitwirkenden Damenchores: „Nur wer vögelt, kann auch fliegen“. Weshalb mein bevorzugtes Verkehrsmittel die Bahn ist.

Neuen Verkehrsmitteln gegenüber bewahrt sich der Hauptstädter augenscheinlich eine gewisse Distanz:

Ansonsten finden sich auch im Gewühl der großen Stadt Oasen der Ruhe und Einkehr.

Sonntag: Fazit der letzten vier Tage in Berlin: Diese Stadt wird nie aufhören, mich zu faszinieren, wenngleich ich hier nicht meinen Lebensmittelpunkt wissen möchte.

Rückfahrt im ICE mit eineinhalb Stunden Verspätung und einer alkohollauten Damenschwimmgruppe aus Lüdinghausen im Wagen. Leider ohne Chorgesang – trotz mehrfacher Aufforderung der Damen ließen sich meine Mitsänger nicht bewegen, die Stimme zu erheben. Stattdessen sangen die Damen schließlich selbst. Kennen Sie auch diese Momente, in denen man sich nichts sehnlicher wünscht als Stille und Einsamkeit?

Die Verspätung resultierte übrigens aus (in dieser Reihenfolge): technischer Störung am Zug, Polizeieinsatz in Wolfsburg, Personen im Gleis bei Hamm und Warten auf den Lokführer in Dortmund. Niemals zuvor hörte ich während einer Bahnfahrt so häufig den Unheil verkündenden Dreifachpiepton.

Woche 39: Es hört nie auf

Montag: „Bitte denken Sie an Ihre Verantwortung für die natürlichen Ressourcen, bevor Sie diese E-Mail ausdrucken“, lese ich unter einer Nachricht. Lieber Versender, bitte denken Sie an meine persönlichen Ressourcen, bevor Sie mir eine Mail schicken.

Proaktiv mache ich jetzt erstmal keinen Aufschlag„, steht in einer anderen Mail. Das geht schon sehr an die Ressourcen.

Auch lesenswert: „Eine hohe Präsenz der Sicherheitskräfte [sorgte] dafür, dass sich der Freitag nicht am Samstag wiederholte.“ (Stand so im General-Anzeiger)

Am frühen Abend kletterte auf dem Spielplatz gegenüber mit sichtlichem Vergnügen ein Kind in den Wipfeln des Gesträuches. Ein bemerkenswerter Vorgang aus zwei Gründen: Zum einen halten sich auf diesem Spielplatz nur selten Kinder auf, stattdessen zweifelhafte Gestalten zum Zwecke des Konsums diverser Genussmittel. Zum anderen sieht man in Zeiten, da Kinder ob überall dreuender Gefahren ohne elterliche Begleitung kaum noch einen Fuß vor die Tür setzen dürfen, selten welche bei gefahrgeneigtem Spiel.

Hier kam noch hinzu, dass die augenscheinlich Erziehungsberechtigte das Spiel nicht unterband oder gar die Feuerwehr rief, sondern gelassen abwartete, bis der Nachwuchs zu Ende gespielt hatte und unversehrt herab kletterte.

Dienstag: „Ich glaube, wenn man Physik erstmal verstanden hat, wird es ziemlich einfach sein“, höre ich in der Bahn einen Schüler sagen. Ein kluges Kind. Eines Tages wird es erkennen: Das gilt nicht nur für Physik, sondern für so ziemlich alles im Leben.

Mittwoch: Aus einer Mail: „In a nutshell geht es darum…“ – Zusammengefasst: Ihr geht mir auf die Nüsse.

Gespräch in der Bahn mitgehört: „Ich hätte heute Morgen zwei Stunden länger schlafen können.“ – „Was hast du stattdessen gemacht?“ – „Am Handy Sachen gelesen.“ Kein Zweifel: Wir leben in einer Digitatur. Jedenfalls einige von uns.

Donnerstag: In der Frühe entzückte ein Regenbogen über der Inneren Nordstadt das morgenmüde Auge.

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Anderer Leute Renovierungesarbeiten und innerhäuslichen Baustellen begegne ich üblicherweise mit Desinteresse, unaufgefordert gezeigte Bilder von aufgerissenen Küchen und Bädern nehme ich maximal halbäugig zur Kenntnis. Da ich annehme, dass es Ihnen da nicht anders geht, verschone ich Sie vor detaillierten Schilderungen des Ausnahmezustandes, mit dem wir uns nach einem vorangegangenen Wasserschaden in den nächsten Wochen ohne Bad arrangieren müssen. Auch bemühe ich mich, meine diesbezügliche Larmoyanz auf das Nötigste zu beschränken. Vielleicht erzählte ich es schon, falls ja, wiederhole ich es aus gegebenem Anlass: Meine Großeltern mütterlicherseits lebten bis in die Siebzigerjahre in einem alten Bahnwärterhaus ohne Bad. Zur Körperreinigung wurde einmal wöchentlich in der Waschküche Wasser in einem großen Kessel über Holzfeuer erwärmt und anschließend in eine lange Zinkwanne geschöpft. Das Wasserklosett im Haus wurde erst in den Fünfzigerjahren installiert. Statt behaglicher Brille musste man zum Müssen bis dahin über den Hof in einen unbeheizten Schuppen, wo man sich zur Entleerung auf das runde Loch eines Holzkastens („Donnerbalken“) setzte, unter dem sich eine dunkle, Gerüche gebärende Grube befand. Auch nachts, bei Regen und im Winter. Auch in meiner weit zurückliegenden Kindheit war das tägliche Brausebad keinesfalls üblich. Stattdessen war samstags Badetag, an dem die ganze vierköpfige Familie mit einer Wannenfüllung auskam. Wenn ich an der Reihe war, schwammen kleine weiße Flöckchen an der Wasseroberfläche, denken wir nicht weiter darüber nach.

Wannenspa

Insofern: Alles Bestens hier.

Freitag: „Wichtig ist, dass wir das bridgen können.“ Es hört nie auf.

Anlässlich von Bauarbeiten werden manchmal interessante Dinge gefunden: historische Münzen, antike Scherben, Fossilen bislang unbekannter Urfische, verloren geglaubte Eheringe, solche Sachen halt. In Bad Oeynhausen wurde nun laut Zeitungsbericht unter der Terrasse einer Bäckerei eine männliche Leiche entdeckt. „Nach der Obduktion bleibt offen, ob es sich um ein Tötungsdelikt handelt“, so die Zeitung. Man benötigt schon sehr viel Phantasie, um auf eine alternative Todesursache zu kommen. Hiermit lade ich zu einer Blogparade ein: Schreiben Sie auf, wie der Mann ohne Fremdeinwirkung zu Tode gekommen und unter die Terrasse geraten ist.

Samstag: Das Wochenende verbrachte ich in Gütersloh. Statt vieler Worte:

Ist sie nicht wunderschön?

Sonntag: Zur gefälligen Kenntnisnahme.

Woche 38: Whitney Houston würde sich im Grabe umdrehen

Montag: Werte Frau Lavinia, fast hätten Sie mich überzeugt, „diese einmalige Gelegenheit“ wahrzunehmen, doch auch, wenn es Sie schrecklich betroffen macht: Die Anführungszeichen ließen mich im letzten Moment zweifeln und von der Aussicht auf ein schillerndes Leben Abstand nehmen.

KW38

Ich bin mir sicher, die Entscheidung war richtig.

Im Zusammenhang mit der Automesse las ich zum ersten Mal das Wort „Host“ als männliches Gegenstück zur bekannten Hostess. Das sind so Dinge, über die man sich vorher nie Gedanken gemacht hat. Oder haben Sie sich schon einmal gefragt, für was „Kaninchen“ die Verniedlichungsform ist?

Dienstag: Mein Telekommunikationsanbieter schreibt:

Eher ginge ich in die Hölle.

Mittwoch: Verflucht sei der Synonymzwang im Journalismus. Aus einem Zeitungsartikel in der Neuen Westfälischen: »Auch in Paderborn […] Für die Domstadt müsse deshalb wohl eine Lösung „gestrickt werden“. Der City-Manager hofft, in den kommenden Wochen ein Modell für die Paderstadt präsentieren zu können.«

Bei der Einfahrt mit der Bahn in Köln sehe ich mehrere Meter ungrafittierter Lärmschutzwand. So etwas sieht man ja seltener als eine Sternschnuppe, gerade in unserer lichtdurchfluteten Welt. Darf ich mir jetzt was wünschen?

Donnerstag: „Es ist auch in der Comedy nicht alles erlaubt, was nicht explizit verboten wurde“, schreibt ausgerechnet Hans Witzmann in einem Leserbrief an den General-Anzeiger.

Eines meiner Lieblingsärgernisse ist hier ganz vorzüglich auf den Punkt gebracht:

„Zum anderen brausen gefühlt jeden Tag noch mehr getunte Superbrummer um die Blöcke, Sportwagen der allerhöchsten Leistungs- und Tuningklasse, die ihren Sprit laut schlürfend in Tempo-30-Zonen vergurgeln. Die sorgen hauptsächlich für Geräusch, und dieser Sound wabert dann so durch die Straßen und die Bebilderung erfolgt durch die SUVs, in der Kombination ergibt das so eine Endzeit-Ausstrahlung, kurz bevor die Autos verschwinden, kurz vor dem Untergang, muss alles, alles noch einmal gezeigt und vorgeführt werden.“

Besonders bedanke ich mich für das Wort „vergurgeln“.

Freitag: Manchmal lohnt es, den Blick von Bildschirm oder Display zu lösen und nach oben zu schauen. Da war heute ganz schön was los.

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Samstag: Nachdem das Kimapäckchen gepackt und abgeschickt ist, widmet sich der Gesetzgeber laut Zeitungsbericht weiteren bedeutenden Themen. Unter anderem berät man eine Senkung der Tamponsteuer, die Bestrafung unbefugten Fotografierens unter Damenröcke sowie ein Verbot von Terrorwerbung, wobei mit letzterem die Werbung für Terror gemeint ist und nicht der Terror, der von Werbung ausgeht. Der bleibt selbstverständlich weiterhin erlaubt.

„Hosen laufen komischerweise immer am Bund ein, nie in der Länge.“ Vom Leben versteht er was, der Geliebte.

Abends waren wir nach längerem mal wieder im Kino, Downton Abbey, sehr sehenswert, jedenfalls wenn man die Serie kennt und mag. Zitat Lady Voilet, Dowager Countess of Grantham: „Ich streite nicht, ich erkläre.“ Muss ich mir merken.

Sonntag: Ein warmer Spätsommertag, der die Singstar-Krähe von gegenüber veranlasst, bei geöffnetem Fenster die Siedlung zu beschallen. Whitney Houston würde sich im Grabe umdrehen.

Nicht „Sing mit“, sondern „Denk mit“, so könnte der Titel einer Broschüre lauten, die Heranwachsende zum kritischen Hinterfragen anhalten möchte, wenn ihnen jemand beispielsweise ein „schillerndes Leben“ in Aussicht stellt, oder eines Rätselmagazins für Senioren. Warum allerdings ausgerechnet die Reinigungsmittelserie einer Drogeriekette so heißt, will mir auch bei intensivem Mit- und Nachdenken nicht einleuchten.

Woche 37: Ein moderner Unfall und nackte Briefträger

Montag: Die Angst davor, alleine in ein Restaurant essen zu gehen, heißt laut einem Zeitungsbericht „Solomangarephobia“. Wie eine Befragung ergab, gehen 72 Prozent der Männer und 57 Prozent der Frauen regelmäßig alleine ins Restaurant, warum auch immer man so etwas erforscht. Es gibt sogar ein – recht albernes – Wort dafür: „Solo Dining“. Noch größer der Unterschied beim Pinkeln, nicht Inhalt des Zeitungsartikels oder Ergebnis einer Studie, sondern meiner persönlichen Beobachtung, somit eine gänzlich unbelegte Behauptung: 97 Prozent der Männer, aber weniger als 20 Prozent der Frauen gehen in Gaststätten alleine aufs Klo. DAS wäre mal der Erforschung wert. Ob es dafür den Begriff „Solo Peeing“ gibt, ist mir nicht bekannt und zudem ziemlich egal.

Sehr gefreut habe ich mich über die Nachricht von Frau Gerine, die moniert, ich benutze hier im Blog zu häufig das Relativpronomen „welches“ anstatt des schlichten „der/die/das“. Damit hat sie wohl recht, der Gebrauch ist unnötig, ich werde ihn künftig einschränken. Erst recht freute mich ihr Satz „Wer Max Goldt schätzt, kommt an Ihnen nicht vorbei“. Wenngleich ich mir der darin liegenden Übertreibung bewusst bin, erhellte mir diese Anmerkung den (zum Glück nicht allzu) trüben Montag.

Dienstag: „… auch im Aufsichtsrat hört man nur Positives über die geschiedene Mutter zweier Töchter„, liest man in der Zeitung über das Vorstandsmitglied eines Bonner Konzerns (und nein – es heißt NICHT „Vorständin“, wie man manchmal lesen muss). Ich frage: Wer braucht diese Information über das Privatleben der Frau, wen geht das was an, vor allem: Was sagt das über ihre berufliche Leistung aus? Als ähnlich überflüss-ärgerlich empfinde ich stets, wenn die Zeitung ein Interview mit einem Experten abschließt mit dem Block „Zur Person“, in dem dann zu lesen ist: „S ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder“. Wenigstens verzichtet man üblicherweise auf Angaben zu Schuhgröße, Sternzeichen und sexueller Präferenzen der Kinder.

Doch will ich nicht allzu sehr auf die Zeitung schimpfen, manchmal schenkt sie auch gleichsam fabelhaften Grund zur Erheiterung:

… und die ganze Vogelschar.

In Berlin wurden die Tage vier Personen durch ein SUV getötet, das vom Wege abkam. Nun werden Forderungen laut, SUVs in Städten zu verbieten. Liebe Leute, es gibt viele gute Gründe, diese Makromobile zu verbieten, nicht nur in Städten. Der Unfall in Berlin eignet sich indes nun wirklich nicht als Argument; ein Smart oder Trabant hätte denselben Effekt haben können. Ein wenig erinnert das an die Reaktion der Deutschen Bahn auf das schwere Unglück in Brühl vor knapp zwanzig Jahren: Wegen Bauarbeiten wurden die Züge Richtung Süden über ein abzweigendes Nebengleis umgeleitet. Aufgrund von Unachtsamkeit des Lokführers befuhr ein Nachtzug den Abzweig viel zu schnell, er entgleiste, stürzte die Böschung herab, es gab Tote und Verletzte und hohen Sachschaden. Was tat die Bahn? Sie entfernte später das abzweigende Gleis. Problem gelöst.

Aus der Reihe „Sätze sind Schätze“, gelesen hier:

„Gleichwohl ist das Leben gemeinhin kein Fantasy-Roman und alle Schul- und Allgemeinbildung verweist selbstverständlich in ebenso großer wie zweifelsfrei überzeugender Klarheit auf die Tatsache, dass es sinnvolle Zufälle nicht geben kann – oder doch nur im Rahmen der Wahrscheinlichkeitsrechnung, und so groß ist dieser Rahmen nun nicht.“

Mittwoch: Früher hieß es: „Der Chef wünscht, dass wir noch folgendes berücksichtigen: …“ – Heute: „Ich habe noch Guidance zum Thema. Hier meine Take-Aways aus dem Termin: …“

Abends fuhr ich, wie jeden Mittwoch, mit dem RE 5 von Bonn nach Köln-Deutz. Vor den Halten in Brühl und Köln sagte die elektrische Stimme aus dem Lautsprecher jedes Mal: „Nächster Halt: Koblenz Stadtmitte“. Ich stelle mir folgende Murmeltiersituation vor: Man steigt in Koblenz Hauptbahnhof in den Zug Richtung Köln. Nachdem man einen genehmen Platz gefunden hat, widmet man sich der Zeitung, einem Buch oder dem Datengerät. Der Zug fährt los. „Nächster Halt: Koblenz Stadtmitte“, sagt die Stimme. Alles in Ordnung, der Zug hält, fährt weiter. Kurz vor Andernach wieder die Stimme: „Nächster Halt: Koblenz Stadtmitte“. Man lächelt ob des technischen Fehlers, schaut kurz aus dem Fenster und sieht: Tatsächlich nähert man sich nicht Andernach, Bad Breisig, Sinzig oder Bonn, sondern erneut Koblenz Stadtmitte. Immer wieder, bei jedem Halt. Wie lange mag es dauern, bis an Bord Panik ausbricht oder man den Verstand verliert?

Ich kam dennoch pünktlich und wohlbehalten in Köln-Deutz an. Auf dem Fußweg zur Chorprobe fiel mir ein Schild auf. Nur selten sah ich wesentliche Abneigungen von mir derart prägnant auf den Punkt gebracht:

KW37 - 1

Ein Chorbruder hat den Arm zweimal gebrochen, nachdem er auf dem Fahrrad mit einem Elektroroller kollidiert ist. Er selbst sieht es mit beneidenswertem Humor und bezeichnet es als „modernen Unfall“.

Donnerstag: Ein Ohrwurm entsteht meistens, wenn man ein Lied morgens im Radio hörte, oder jemand in der Nähe summt eine Melodie, oder sagt nur ein bestimmtes Wort, etwa „atemlos“, um ein besonders gemeines Beispiel zu nennen. Mich hingegen befiel er ganz unvermittelt während eines Spazierganges alleine, ohne Kopfhörer, mit einem Lied, das ich seit mindestens zwanzig Jahren nicht mehr gehört habe:

Der menschliche Verstand ist manchmal voller Rätsel.

Freitag: Aus der Reihe Schiefe Bilder, gehört in einer Besprechung: „Wir müssen da den Ball durch die Tür bekommen.“

Samstag: Manchmal bedarf es keines großen Anlasses, um einen Glücksmoment zu erleben. Am Morgen wachte ich zur gewohnten Zeit um halb sieben auf, bemerkte nach einigen Sekunden, dass Samstag ist und gab mich mit einem Lächeln weiteren Träumen hin. Im Französischen kennt man übrigens das Wort „jubjoter“ zur Beschreibung der Situation, wenn man aus einem Traum aufwacht, dessen Ende man gerne wüsste, deshalb wieder einschläft in der Hoffnung, ihn weiter zu träumen.

Am Montag fragte ich, wozu das Gastronomieverhalten alleinspeisender Personen erforscht wurde, siehe oben. Das ist gar nichts gegen den Forschungsgegenstand zweier Wissenschaftler, über den heute die Zeitung berichtet: Bereits 2007 untersuchten sie die Temperaturunterschiede der Hodensäcke nackter und angezogener französischer Briefträger, wofür sie sogar einen Preis erhielten. Leider geht aus dem Artikel nicht hervor, wie sie konkret dabei vorgegangen waren.

Sonntag: Der Geliebte zeigt sich belustigt ob meines charakteristisch geformten Rippenbogens. Dem entgegne ich:

„Die Natur kennt keinen Mangel, nichts ist zu lang oder zu kurz, zu breit oder zu eng, alles ist schon im rechten Maß, alles ist eben einfach wie es ist.“

(Gelesen bei Peter Rosei, „Entwurf für eine Welt ohne Menschen“)

Tischgespräch am Abend: „Wie heißt die?“ – „Eden, wie der Sänger, Chris Edingbourgh.“ – „Du meinst Chris de Burgh?“ – „Ja genau den.“

Der Vogelschiss lässt grüßen

1984, also zwei Jahre vor dem Unglück von Tschernobyl und mitten in der Zeit des atomaren Wettrüstens, veröffentlichte die Band Ultravox den Song „Dancing with tears in my eyes“, mitsamt Video. Dort wird erzählt, wie Menschen die letzen Minuten vor einer unausweichlichen Nuklearkatastrophe verbringen: Ein Mann fährt nach Hause zu Frau und Kind, unterwegs begegnen ihm Menschen in Panik. Zu Hause angekommen, tanzen sie ein letztes Mal zu ihrem Lieblingslied, trinken ein letztes Glas und gehen dann ins Bett, ehe die Explosion alles verheert, zerstört und tötet.

Irgendwo las ich mal: Wenn man einen Frosch in ein flaches Gefäß mit heißem Wasser setzt, springt er sofort heraus. Setzt man ihn hingegen in kaltes Wasser und erwärmt es dann langsam, verharrt er darin, bis es zu spät ist und er nicht mehr springen kann. Ich weiß nicht, ob dieses Experiment jemals durchgeführt wurde und ob die daraus gewonnene Erkenntnis wirklich stimmt, aber sie erscheint mir plausibel. Denn genauso verhalten wir Menschen uns seit Jahren. Das bildliche Wasser um unsere Füße erwärmt sich unaufhörlich, aber wir springen einfach nicht: Weiterhin essen wir viel Fleisch, fliegen und kreuzfahren in den Urlaub, lieben große Autos, roden Wälder, verbrennen Kohle, preisen Konsum und Wachstum in geradezu religiösem Eifer. Obwohl wir könnten, und noch könnten wir es, denken wir gar nicht daran, uns zu retten. Wir schaffen es einfach nicht, ich genauso wenig wie Sie und andere. Schon beim Essen fängt es an: Natürlich könnte ich mich ab sofort vegan oder wenigstens vegetarisch ernähren, aber die Verlockung des Fleisches ist zu groß. Und was kann ich als einzelner schon bewirken, während alle anderen … Sollen doch erstmal die Amerikaner / Chinesen / Industrie … Sie wissen vielleicht, was ich meine.

Und vielleicht stimmt das alles mit dem Klimawandel ja auch gar nicht. Behaupten jedenfalls die von rechts, denen immer mehr Menschen zuhören, glauben, bei Wahlen ihre Stimme geben. Wobei mir widerstrebt, diese Leute als „Rechte“ zu bezeichnen. Unsere Sprache ist da sehr unsauber: Sie sind nicht rechtschaffen, lehnen die demokratische Rechtsordnung ab, haben nicht recht mit ihren Behauptungen und einfachen Lösungen, und es darf uns nicht recht sein, dass sie immer stärker werden, auf der ganzen Welt, auch in sogenannten westlichen Ländern, auch bei uns, obwohl das ganze Schlamassel, das Adolf – Verzeihung: Alexander Gauland als „Vogelschiss der Geschichte“ abtut, mal gerade achtzig Jahre her ist. Aber vielleicht sind achtzig Jahre ja schon zu lange; diejenigen, die es erlebt haben, sterben aus. Verdamp lang her.

Ich bin mir nicht sicher, was mir größere Sorge bereitet: der Klimawandel oder die politische Bräunung. Ersterer trifft früher oder später alle – Rechte wie Linke, Arme wie Reiche, Schwarze wie Weiße. Weil wir einfach nicht aus diesem verdammten Topf springen. Leidtragende der Renazifizierung werden hingegen bestimmte Gruppen sein, die als Sündenböcke herhalten müssen, weil die verkündeten einfachen Lösungen nicht greifen und das Wasser im Topf trotzdem immer wärmer wird: Ausländer, Flüchtlinge, Schwarze, Juden, Schwule und ein paar andere. Der Vogelschiss lässt grüßen.

Wahrlich keine schönen Aussichten. Aber vielleicht habe ich ja Glück: Die zweite Lebenshälfte ist längst angebrochen, vielleicht geht es noch einige Jahre gut. Vielleicht werde ich von einem SUV oder Elektroroller totgefahren, ehe der Tag kommt, an dem mir nur noch bleibt, ein letztes Mal zu meiner Lieblingsmusik zu tanzen, mich zu betrinken und ins Bett zu legen, ehe die unausweichliche Katastrophe eintritt. Weeping for the memory of a life gone by.

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Woche 36: Käse macht gleichgültig

Montag: Die Werbung fragt, ob ich auch ab und zu von einer neuen Zimmerdecke träume. Nein, bislang nicht, und Sie können sicher sein, sollte es jemals dazu kommen, würde ich mich umgehend in psychologische Behandlung begeben.

Dienstag: Dienstreise nach Bad Breisig, mit hormonellen Herausforderungen optischer Natur, deren weitere Details ich Ihnen erspare. Auch sonst ist es hier sehr schön.

Finde den Fehler:

Mittwoch: Als ich abends in Köln-Deutz an der roten Fußgängerampel wartete, stand vor mir ein junger Mann mit einem Amazon-Paket unter dem Arm. Auf der anderen Seite wartete eine junge Frau mit zwei Paketen unter dem Arm, auch aus der Ferne unschwer erkennbar vom selben Versender, man erkennt die ja an diesem Grinsedings. Nachdem das grüne Männchen den Übergang gewährte, begegneten sich die beiden fast auf Straßenmitte; in den Augen der Frau glaubte ich ein kurzes, verschwörerisches Zwinkern in Richtung des Mannes zu erkennen. Ich stelle mir vor, wie im Augenblick ihrer Begegnung Jeff Bezos, vor einer riesigen digitalen Weltkarte sitzend und den kurzen Lichtpunkt irgendwo im Westen von Germany wahrnehmend, laut diabolisch auflacht.

Donnerstag: Literatur ist langweilig – jedenfalls galt das für das meiste Zeug, welches sie uns zu Schulzeiten in Deutsch zu lesen (und – schlimmer noch – hinterher interpretieren) auftrugen. Nur ein Buch ist mir in sehr angenehmer Erinnerung geblieben: „So zärtlich war Suleyken“ von Siegfried Lenz. Dennoch geriet es mir über die Jahre in Vergessenheit. Bis ich es neulich in einem öffentlichen Bücherschrank vorfand und an mich nahm. Zurzeit versüßt es mir mit nach wie vor großem Lesegenuss die Stadtbahnfahrten ins und vom Werk.

Freitag: „Heul leise“ scheint mir eine angemessene Antwort auf „Mimimi“ zu sein.

Samstag: Abends Weinprobe. „Käse macht gleichgültig“, wirft einer in die Runde. Im Wein liegt Wahrheit.

Sonntag: Während ich hier so vor mich hin blogge, viel war es ja nicht in dieser Woche, schaue ich durchs Fenster draußen dem Regen beim Regnen zu. Ich mag Regen, ebenso den Herbst.

Im übrigen glaube ich, dass diese Elektroroller eine große Zukunft hinter sich haben.

KW36 - 1