Woche 25/2026: Kontemplatives Salzschieben und maschinelles Flaschendrehen

Montag: Die Urlaubswoche begann mit einer kleinen Wanderung durch Le Croisic. Zunächst erkundete ich den Parc De Penn Avel nahe unserem Hotel, danach ging ich entlang der südlichen Küste. Kurz vor Ende der Landzunge bog ich nördlich ab, der Weg führte nun durch heideartige Landschaft mit Sand, Büschen und Hainen, nur ohne Heide, bis zur nördlichen Küste. Dort wollte ich über die lange Hafenmole bis zum Leuchtturm am Ende gehen, ging aber nicht, weil die Mole wegen irgendwelcher Arbeiten gesperrt war. Daher vollendete ich die Runde bis zum Park am Bahnhof, wo ich auf einer schattigen Bank rastete und die Blogs las.

Vor dem Park hielt ein Reisebus aus Saarbrücken mit der Anschrift: „Wir machen Urlaub – 365 Tage im Jahr“. Offenbar ist das Unternehmen auf reiche Rentner als Zielgruppe spezialisiert, wer sonst könnte ganzjährig Urlaub machen. Für diese Annahme sprach, dass die Personen, die dem Bus entstiegen, augenscheinlich das Erwerbsleben hinter sich hatten.

Es gibt hier im Ort schöne alte, teils villenartige Häuser. Viele von ihnen haben einen Namen, der an der Hausfront angeschrieben ist. Mehrere davon beginnen mit „Ker“, Bretonisch für Haus, Hof, wie eine kurze Recherche ergab. Das erinnert mich an meinen Vater, der gerne „Ker, Ker, Ker …“ sagte, wenn er sinngemäß „Das kann ja wohl nicht wahr sein“ meinte, das hatte ich fast vergessen. Nach ihm ist mir niemand mehr begegnet, der das Wort benutzt. Meine Vermutung: Das kommt aus dem Ruhrgebiet (mein Vater wurde in Gelsenkirchen geboren), vielleicht verkürzend für „Kerl“. Kann das jemand aus der Region bestätigen?

Im Park
Südküstenweg
Suchbild mit Bär
Durch die Hüchten
Mole, gesperrt
Kein Alkohol am Lenker!
Ker Meno

Dienstag: Heute unternahmen wir einen Ausflug auf die Île de Noirmoutier, unter anderem bekannt für den Anbau wohlschmeckender Kartoffeln. Der Hinweg führte durch La Baule, wo sich gegenüber dem langen Sandstrand über mehrere Kilometer Hotels und Appartementhäuser aneinanderreihen, dazwischen einzelne alte Villen. Beeindruckend anzuschauen, doch ob ich da Urlaub machen möchte – ich weiß es nicht.

Auf die Insel gelangt man über eine hohe Brücke, freilich nicht so hoch wie die über die Loire-Mündung, siehe vergangene Woche. Ansonsten ist die Insel völlig flach, ebenso die vorgelagerte Vendée; beim Durchfahren fühlte ich mich an Dithmarschen erinnert, mit Meersalzgewinnung statt Kohlanbau. Als Alternative zur Brücke gibt es die Passage du Gois, eine Straße durch das Wattenmeer (oder wie das hier heißt), die bei Beauvoir-sur-Mer auf das Festland trifft. Befahrbar nur bei Ebbe, sonst liegt sie unter Wasser, so leider auch heute, als wir zurück fuhren. Vorher kaufte der Liebste, wo wir schon mal da waren, ein Kistchen Kartoffeln. Die fallen nicht durch, wie der Geliebte zu sagen pflegt.

Es ist immer gut, wenn man in der Lage ist, seine Meinung zu ändern. Äußerte ich mich vergangene Woche noch zurückhaltend bis ablehnend über Austern, so muss ich mich korrigieren. Nachdem ich ihnen gestern und heute eine weitere Chance gab, empfinde ich inzwischen durchaus Genuss bei ihrem Verzehr. Vielleicht ist das auch nur der bekannte Urlaubseffekt wie bei dem einen Wein, der im Restaurant auf Mallorca so gut geschmeckt hatte, sich zu Hause indessen als schale Plörre erweist. (Ausgedachtes Beispiel, Sie wissen vermutlich, was ich meine.)

Ansonsten hat Onkel Michael wieder einen lesenswerten Aufsatz geschrieben über Toleranz, Demokratie und Empfindlichkeiten. Kostprobe:

Nicht mehr die Frage, ob etwas wahr ist, steht häufig im Mittelpunkt öffentlicher Debatten, sondern die Frage, ob sich jemand durch diese Wahrheit verletzt fühlen könnte. Das subjektive Empfinden wird zum Richter über objektive Aussagen. Die Kränkbarkeit erhebt Anspruch auf Vorrang vor der Erkenntnis.

Jemand hat vergangenen Monat das Buch gekauft, teilte mir epubli mit. Dafür herzlichen Dank.

Mittwoch: In früher Morgenstunde wurde die Nachtruhe gestört durch einen technischen Signalton, der mit „Piepton“ unzureichend beschrieben wäre, eher ähnlich einem Tropfen, der in ein mit Wasser gefülltes Gefäß fällt. Nicht laut, doch deutlich zu hören, jedenfalls wenn man wach ist, alle Paar Minuten, das Wiedereinschlafen verhindernd. Zunächst ließ es sich nicht zuordnen: Meine mitgeführten Datengeräte (iPhone, iPad, MacBook) machen nicht ein solches Geräusch, zudem waren sie stumm- bzw. ausgeschaltet. Daher verdächtigte ich zunächst die Ladevorrichtung der Hörgeräte und schaffte diese ins Nebenzimmer. Es tropfte weiterhin. Nun nahm sich der Liebste der Sache an und ermittelte als Übeltäter das Hoteltelefon, das anscheinend ein Akkuproblem hatte. Nach Entfernen aus der Ladeschale war Ruhe und wir schliefen wieder ein, wenn auch nicht lange, inzwischen war sieben Uhr durch.

Nach dem Frühstück unternahmen wir eine Ausfahrt durch die Salzfelder östlich von Le Croisic, wo in hunderten, vielleicht tausenden angelegten Becken Salz aus Meerwasser gewonnen wird. Dazu wird das Wasser bei Flut über ein ausgeklügeltes System aus Kanälen und Teichen in die flachen, rechteckigen Becken geleitet, wo das Salz nach Verdunstung des Wassers kristallisiert und sich absetzt, entweder an der Wasseroberfläche, wo es als kostbares Fleur de Sel vorsichtig abgeschöpft wird, oder am Boden, wo die Salzbauern es mit Rechen an langen Stielen zusammenschieben zu weißen Haufen, die nach dem Trocknen in Schubkarren abgefahren werden.

In meiner touristisch-naiven Vorstellung ein wunderbarer Beruf: Man ist draußen, hat seine Ruhe, von gaffenden und fotografierenden Touristen abgesehen, an die man sich vermutlich gewöhnt. Das Tempo wird nicht vorgegeben durch Termine und Detleins, sondern einzig durch die Verdunstung des Wassers; so lange wie es dauert, dauert es eben. Und, was ich bei meiner (vermutlich wesentlich besser bezahlten) Bürotätigkeit immer wieder vermisse, ich schrieb es mehrfach: Am Ende sieht man, was man geschafft hat, man kann es sogar anfassen.

Mit Sicherheit hat der Beruf seine Schattenseiten: Die Produktion funktioniert nur bei warmem, trockenem Wetter, dann allerdings rund um die Uhr oder „24/24“, wie das bei uns gebräuchliche „24/7“ in Frankreich heißt, nix mit Achtstundentag, Fünftage-Vierzigstundenwoche, Gleit- und Teilzeit; was am Monatsende finanziell dabei rauskommt, weiß ich auch nicht. Und vielleicht wollen die Leute irgendwann kein Salz mehr, weil es als ungesund gilt oder aus anderen Gründen in Verruf gerät, das geht ja manchmal schnell, siehe Zucker, des Salzes süßer Bruder. Daran denkt man nicht, wenn man als Tourist mit Strohhut und Kamera am Beckenrand steht und dem Bauern (oder wie das heißt) entzückt beim kontemplativen Salzschieben zuschaut.

Nach Navi-Darstellung führt man auf schmalen Pfaden durch das Wasser …
… in echt nicht ganz so dramatisch

Nachmittags saßen wir wieder auf dem Balkon des Hotelzimmers und genossen den letzten Tag in der Bretagne, ehe wir morgen zur letzten Urlaubsetappe in die Champagne aufbrechen. Spontaner Gedanke, als sich in der Ferne auf dem Meer zwei Boote begegneten: Gleich stoßen sie zusammen, mit Radöngel und Feuerball. Ging dann aber gut, sie fuhren mutmaßlich mit reichlich Abstand aneinander vorbei.

Donnerstag: Ein Gruß aus der Symbolbildhölle:

(Gereral-Anzeiger Bonn Online)

Nach dem Frühstück verließen wir Le Croisic bei angenehmen zweiundzwanzig Grad. Fünf Stunden später wurden wir bei um die vierzig Grad Außentemperatur in Paris Teil des Verkehrschaos, das ich bei unserem Besuch der Stadt vor einem Monat bestaunt hatte. Weitere zwei Stunden später erreichten wir unser Hotel bei Vinay, südwestlich von Épernay. Auch wenn der Liebste die ganze Zeit gefahren war, wofür ich ihm sehr dankbar bin, war mein Bedarf an Auto(mit)fahren gedeckt; die Unberechenbarkeit anderer Verkehrsteilnehmer wie plötzliche Fahrstreifenwechsel direkt vor oder gar neben uns ohne zu blinken macht mich zunehmend nervös. Während ich in anderen Verkehrsmitteln wie Schiff und Bahn problemlos stundenlang sitzen und kucken kann, siehe vergangene Woche, bin ich bei Autofahrten stets froh, wenn sie zu Ende sind, egal, ob als Beifahrer oder schlimmstenfalls als Fahrer.

Im Gegensatz zu unserem letzten Aufenthalt hier wurde zur Begrüßung kein Glas Champagner gereicht. Bei immer noch über dreißig Grad vermutlich besser so. Im Übrigen wäre es ungerecht, das zu kritisieren: Das Haus spendierte uns eine ganze Flasche, die wir bei Bezug des Zimmers vorfanden, indes ungeöffnet ließen für den späteren Gebrauch.

Abends brachte ein Gewitter Regen und etwas Abkühlung …

Freitag: … die nicht lange anhielt, morgens wurde es wieder warm. Da empfiehlt es sich, sich an kühle Orte zu begeben wie die Keller eines Champagnererzeugers. Einen solchen suchten wir vormittags in Pierry auf, wo der Liebste bereits letzte Woche einen Besuch organisiert hatte. Eine freundliche junge Dame führte uns durch die Stationen der Produktion und erklärte die Arbeitsschritte von der Traubenpresse über Fass-, dann Flaschengärung und maschinelles Flaschendrehen bis zum Degorgieren. Danach probierten wir Erzeugnisse des Hauses und, Sie ahnen es, erwarben einige Flaschen.

Nach Rückkehr am Hotel begaben wir uns auf schattige Liegen im Garten, wo ich vorstehende Zeilen niederschrieb. Zudem unternahm ich eine kleine Wanderung durch den nahen Wald, allerdings nur gedanklich auf der Karte; für weiteres war es viel zu warm.

Schon vor längerer Zeit entnahm ich in Bonn einem öffentlichen Bücherschrank das Buch „GLOSSEN II oder: Den Kern freilegen, ohne die Haut zu verletzen“ von Rochus Spiecker, erschienen bereits 1962. Darin las ich während des Liegens folgenden schönen Satz über Beziehungen:

Braucht nicht auch die ausgewachsene Liebe ab und zu ihr häusliches Scharmützel, um sich zu vergewissern, daß weder Temperament noch Charakter im Gehege gegenseitiger Gewöhnung abgeschliffen sind?

Dabei fällt mir ein Gedanke ein, der mir vor einigen Tagen während einer nächtlichen Wachphase kam, ebenfalls obiges Thema betreffend und, ich versichere, völlig ohne aktuell-persönlichen Bezug ist: Phasen der Beziehung: 1) Begehren, 2) Gewöhnen, 3) Ertragen

Samstag: Im Frühstücksraum wechselten wir den Tisch, weil sich nebenan mehrere Amerikanerinnen lautstark und tischübergreifend unterhielten, was ich zu früher Stunde noch nicht zu ertragen bereit war; später vermutlich auch nicht.

Nach stauloser Fahrt über erstaunlich freie Autobahnen und Straßen erreichten wir am späten Nachmittag Bonn, wo wie überall die derzeitige Sommerhitze beklagt wird. Die einzig nennenswerte Verzögerung ist nicht nennenswert wegen der Dauer, sondern des Grundes. Während uns Frau Navi in Belgien auf längeren Strecken über die Dörfer lotste, mussten wir anhalten wegen einer Kuhherde, die offenbar von ihrer Weide ausgebüxt war und sich mit nicht besonders großer Entschlossenheit anschickte, die Straße zu queren, wo der Schatten eines großen Baumes lockte. Bis der Bauer kam und das Vieh zurück trieb.

Belgische Autobahn

Abends besuchten wir das französische Restaurant unseres Vertrauens. Zum ersten Gang bestellte ich Austern. Sie schmecken immer noch.

Sie mögen es nicht, wenn andere Menschen versuchen, Sie von ihrer Religion zu überzeugen, möchten aber nicht unhöflich erscheinen? Darauf hat Frau Kaltmamsell die passende Antwort:

“Es freut mich für Sie, dass sie etwas erfunden haben, das Sie glücklich macht, weiterhin alles Gute.”

Sonntag: Mit diesem Sonntag endet der Urlaub endgültig, wie immer verging die Zeit schnell. Doch sind es nur neun Wochen bis zum nächsten, die erfahrungsgemäß auch schnell vergehen werden. Da es nicht gut wäre, wenn Zufriedenheit nur aus arbeitsfreien Wochen entsteht, erfreue ich mich bis dahin an den kleinen Freuden des Alltags wie Fußwege ins Werk (und zurück), freie Donnerstage mit und ohne Wanderung, Abende auf dem Balkon mit den Lieben. Und die meisten Arbeitstage sind auch nicht so schlecht, dass sich darin keine erfreulichen Momente finden ließen, manchmal, wenn auch selten sogar montags.

Zu den regelmäßigen kleinen Freuden zählt auch der Spaziergang am Sonntagnachmittag, an dem mich die Sommerhitze nicht hinderte. Heute durch die Nordstadt bis zur gesperrten Nordbrücke, wo das Geschrei aus dem gut besuchten Freibad nicht länger konkurrieren muss mit dem Brausen der Autobahn daneben. Daran wird sich auf absehbare Zeit nichts ändern, weil die Brücke in Teilen abgerissen und neu gebaut werden muss, bevor wieder Autos darüber fahren dürfen. Statt im Freibad kühlte ich mich auf andere Weise im Biergarten am Rhein, auch das immer wieder erfreulich.

***

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Falls Sie ebenfalls aus dem Urlaub zurückkehren, einen guten Start in die Werktätigkeit.

19:30

Woche 24/2026: Orte mit Wasserturm und Balkon mit Seeblick

Montag: Es ist ein beglückendes Gefühl, morgens zur gewohnten Zeit aufzuwachen und noch zwei Wochen Urlaub vor uns zu wissen. Weiterhin sind wir in Beaune im Burgund, morgen fahren wir weiter an die Loire. Zu einem Aufenthalt in Beaune gehört für mich ein Spaziergang über die Remparts, den zu etwa zwei Drittel erhaltenen Wall um die historische Innenstadt. Das erledigte ich vormittags, während der Liebste einige weitere Einkäufe tätigte; so tat ein jeder, woran er Freude hat.

Gegen Mittag trübte es sich ein und leichter Regen fiel. Das hinderte uns nicht an einem weiteren Spaziergang zum Cité des Climats et vins de Bourgogne, einem architektonisch interessanten Rundbau südlich außerhalb der Innenstadt, darin eine Art Museum, das sich thematisch der Weinerzeugung im Burgund widmet. Der Rückweg führte durch die ebenfalls überwiegend altbebaute, dabei wesentlich weniger pittoreske Vorstadt. Anschließend lockte leichter Bierappetit ins Bistrot. Es muss nicht immer Wein sein.

Rempart Saint-Jean
Cité des Climats et vins de Bourgogne
Rue du Faubourg Perpreuil, südliche Vorstadt

Dienstag: Vormittags verließen wir Beaune, fast fiel der Abschied von diesem mittlerweile vertrauten Ort schwer. Doch der Urlaub geht weiter. Zwischenziel war der Weltkulturerbe-Ort Vézelay, wo wir uns nach einem kurzen Anstieg die Kirche anschauten. Ich war wieder angemessen beeindruckt von dem Bauwerk, auch wenn ich bei solchen Gelegenheiten jedes Mal denke: Welch ein Aufwand wegen dieser Legende, die Menschen vor ein paar Tausend Jahren mal aufgeschrieben haben. Mehr zu Vézelay bei Bedarf hier.

Anschließend fuhren wir abseits der Autobahnen durch Wälder, Felder und Orte mit Wassertürmen, teils über Straßen, die sich über mehrere Kilometer lichtstrahlgerade durch die Landschaft ziehen. Unter anderem führte der Weg durch die Stadt Clamecy, deren Pracht schon seit geraumer Zeit vergangen zu sein scheint und die erstaunlich auto- und menschenleer war, was vielleicht auch an der Mittagszeit lag.

Weiter ging es über die Loire, mit kleinem pique-nique am Hafen von Châtillon-sur-Loire. Ziel der heutigen Reise war das Hotel Les Hayes en Sologne in der Nähe von Fontaines-en-Sologne, in einem idyllisch gelegenen Schlösschen mit großem Garten, umgeben von Wald. Nach Ankunft und Auspacken unternahmen wir einen kleinen Spaziergang durch den Park, der am Restaurant endete, wo ein Ankunftsgetränk angemessen und erforderlich erschien.

Chicane in Billy-sur-Oisy
D 957 zwischen Entrains-sur-Nohain und Bouhy
Bouhy
Vannes-sur-Cosson
Zufahrt zum Hotel
Das Hotelschlösschen
Ein gutes Haus

Mittwoch: Die Loire-Region ist bekannt für ihre zahlreichen Schlösser. Eines davon besuchten und besichtigten wir heute: Chambord. Als Kind baute ich Burgen aus Sand mit viel Wasser. Wenn man das Sand-Wasser-Gemisch aus der Faust träufeln ließ, türmten sich daraus kleine Säulen von ungleichmäßiger Struktur. Daran fühlte ich mich erinnert, als ich heute das Château mit seinen zahlreichen Türmchen und Schornsteinen sah, Neuschwanstein ist ein nüchterner Zweckbau dagegen. Architektonische Besonderheit ist die doppelte Wendeltreppe im Zentrum des Bauwerks, zwei umeinander verschlungene Wendeln innerhalb des Turmes. Im Übrigen gilt das gleiche wie gestern über Kathedralen geäußert: riesiger Aufwand für eine Legende, in diesem Fall die, dass bestimmte Menschen allein aufgrund ihrer Geburt über anderen stehen und sich deshalb zu rein repräsentativen Zwecken solche Schlösser bauen lassen konnten, während das Volk schuften und darben musste.

Château Chambord

Danach fuhren wir nach Blois, eine dem Anschein nach recht große, von der Einwohnerzahl unter fünfzigtausend indes erstaunlich kleine Stadt an der Loire, von der ich noch nie gehört hatte. Das ist selbstverständlich nicht von Bedeutung, die wenigsten Franzosen werden je von beispielsweise Rheda-Wiedenbrück oder Buxtehude gehört haben.

Nach Rückkehr im Hotel begaben wir uns in im Garten bereitstehende Liegestühle, wo vorstehende Zeilen notiert wurden. Zur Perfektion des Urlaubsglückes fehlte nur ein Glas Rosé. Man kann nicht alles haben.

Nachtrag: Kann man doch. Man muss nur seine Hemmungen überwinden, dem Personal womöglich Umstände zu bereiten, und danach fragen.

Donnerstag: Nach dem Frühstück verließen wir das Hotelschlösschen in Richtung Bretagne. Wieder mieden wir Autobahnen, über eine längere Strecke fuhren wir auf dem Damm neben der Loire. Etwa fünf Stunden später, nach Überquerung der Loire-Mündung über die Brücke bei Saint-Nazaire, erreichten wir unser nächstes Ziel Le Croisic direkt am Atlantik, wo wir eine Woche verweilen werden. Die Sonne scheint, noch weht kühler Wind über den Balkon des Hotelzimmers mit Meerblick, doch die weiteren Wetteraussichten sind vielversprechend.

La Chapelle-sur-Loire
Brücke über die Loire-Mündung
Hotelbalkonblick
Unser Balkon

Freitag: Die erste Nacht in Le Croisic schlief ich sehr gut und wachte bewusst erstmals nach sechs Uhr auf, vielleicht liegt es an der Seeluft. Das Hotel bietet kein Frühstücksbüffet an, stattdessen bestellt man das Gewünschte am Vortag mit einem Formular, auf Wunsch wird es dann morgens im Frühstücksraum serviert oder ins Zimmer gebracht. Wir entschieden uns heute für die zweite Variante und frühstückten windgeschützt auf der rückwärtigen Terrasse des Zimmers.

Nach dem Frühstück sogleich die erste Aktivität: eine kleine Wanderung um die Landzunge, auf der Le Croisic liegt. Mein Hirnradio spielte dazu „An der Nordseeküste“ von Klaus & Klaus, man kann es sich nicht immer aussuchen. Am Hafen stärkten wir uns in einer Crêperie mit – Überraschung: Crêpes, dazu eine Flasche Cidre; wie bereits am Montag geschrieben: Es muss nicht immer Wein sein. Mein Crêpe war gefüllt mit Frangipane, einer mir bis dahin unbekannten, mit Rum angereicherten Mandelcreme. Köstlich. Zurück zum Hotel ging es dann wesentlich schneller, durch den Ort gleichsam quer über die Zungenwurzel. Das Wetter war heute noch unentschieden, nicht sehr warm und nicht kalt, ab und zu leichter Niesel, zwischendurch lugte kurzzeitig die Sonne durch die Wolkendecke und ließ es augenblicklich warm erscheinen.

Bitte denken Sie sich links den Atlantik
Hafen von Le Croisic

Wir sind nicht die einzigen Deutschen hier. Während der Notiz vorstehender Zeilen auf dem Balkon radelten zwei jüngere Männer vorüber, leicht bergan und gegen den Wind. „Wir können heute Abend doch mit den Fahrrädern fahren“, schlug der hintere vor. „Auf gar keinen Fall“ lautete die Antwort des vorderen.

Das Abendessen fand heute auf dem Balkon mit Seeblick statt, der Liebste hatte dafür etwas eingekauft, dazu gab es den Champagner, den uns die Hotelleitung in Beaune geschenkt hatte. Nach den zahlreichen Restaurantbesuchen der letzten Tage war so ein kleines Abendessen eine willkommene Abwechslung. Während wir also saßen und aßen, stand ein paar hundert Meter entfernt auf einem der vorgelagerten Felsen ein hell gekleideter Mann mit dem Rücken zum Meer, den Arm vor sich ausgestreckt, offenbar machte er Selfies oder ein Video. Dabei zeigte er beeindruckende Ausdauer, schätzungsweise eine Stunde verharrte er so, wechselte ab und zu den Arm, bewegte sich jedenfalls nicht von der Stelle. Vielleicht ein YouTube-Prominenter oder Influencer, was weiß ich; er wird seine Gründe gehabt haben. Erst als aus Westen Nebel aufzog, verließ er seinen Standort, drehte sich am Ufer eine Zigarette und verschwand schließlich in Richtung Stadt.

Suchbild mit Nebel und Influencer

Mit dem Nebel kam auch deutliche Kühle auf, die uns vom Balkon nach drinnen vertrieb, wo wir in behaglicher Zimmerwärme und weiterhin mit vernebeltem Seeblick den Champagner leerten. Morgen soll es bis zu siebenundzwanzig Grad warm werden. So recht glauben kann ich es nicht, wir werden sehen beziehungsweise fühlen.

Samstag: Die Wettervorhersage hat nicht zu viel versprochen, seit dem Mittag ist es warm. Morgens zog noch etwas Dunst über das Meer und auf dem Weg vormittags in die Markthalle war ein Jäckchen angebracht, das änderte sich dann rasch. Den Nachmittag verbrachte ich in leichter Sommerkleidung auf dem Balkon und widmete mich der Schreiberei, während in meinem Blickfeld Menschen in den Fluten planschten und Menschen in Deutschland eine unsommerliche Kühle beklagen.

Auch hier gibt es Ebbe und Flut, mit einem Tidehub von vier Metern und darüber hinaus wesentlich ausgeprägter als in Büsum und anderswo an der Nordsee. Und doch fällt es dort mehr auf. Während sich da das Wasser bei Ebbe um hunderte Meter zurückzieht und großflächig das Watt freilegt, sind es hier nur einige -zig Meter und die Felsen ragen etwas mehr aus dem Wasser.

Apropos Meer: Abends ließen wir uns im Bistrot gegenüber eine Meeresfrüchteplatte kommen. Dazu wurden Werkzeuge gereicht, deren Anblick sonst auf Esstischen zumindest für einen Kulinarikbanausen wie mich ungewohnt ist. Nun denn: Die Austern ließen sich auch vom Ungeübten mit der Gabel aus ihrer Halbschale heben, wobei ich mich nach wie vor frage, was die Menschheit oder wenigstens ein Teil davon so toll an diesem salzigen Schleim findet. Auch die Schnecken in zwei Größen – klein und ganz klein – ließen sich mit dem beiliegenden Stechwerkzeug recht einfach aus den Häuschen zerren. Schwieriger wurde es bei den Riesengarnelen (oder wie die hier heißen), bei denen ich alles vergessen konnte, was ich einst in Büsum über das Krabbenpulen gelernt habe. Erst bei der vierten (von fünf) hatte ich es einigermaßen raus, wobei der Aufwand, die paar Fleischfasern aus den Ärmchen zu lösen, in keinem vertretbaren Verhältnis zum Ertrag steht. Schließlich der halbierte Riesen-Taschenkrebs (auch hier fehlt mir gerade die korrekte regionale Bezeichnung) im Zentrum der Platte: Aus dem Körper quoll eine unappetitliche graue Masse, die ich unangerührt ließ, dem Rest war unter Zuhilfenahme der Nussknackerzange und dem Stecheisen einigermaßen beizukommen. Immerhin war ich am Ende zwar nicht übersättigt, indes auch nicht mehr hungrig. Fazit: Kann man mal machen, gerne aber nicht oft.

Essbesteck

Während wir uns durch das Meeresgetier kämpften, planschte nebenan eine Gruppe aus jungen Leuten und einem riesigen aufblasbaren Schwan im zurück gehenden Wasser, dazu legten einige der Jungs das altersübliche Balzgehabe an den Tag. Ein anderes junges Paar erregte meine Aufmerksamkeit: Sie gingen langsam in Richtung Wasser, das Mädchen trug einen Badeanzug, der Junge war bekleidet mit Schuhen und hochgezogenen Socken, Shorts, die zumindest aus der Ferne nicht nach Badehose aussahen und einem langärmeligen Pullover. So gingen sie, bis ihnen das Wasser ungefähr bis zum Bauch reichte, verharrten dort einige Minuten, dann gingen sie zurück bis zum Strand unterhalb der Promenade, legten sich dort noch einige Zeit in den Sand und verschwanden schließlich. Womöglich war er etwas schamhaft, in jungen Jahren ist das ja nicht ungewöhnlich, man kennt es vielleicht aus eigener Erfahrung.

Gruppenbild mit Schwan

Apropos Meeresfrüchte: Laut einem Zeitungsbericht droht Deutschland wegen der EU-Sanktionen gegen Russland bald eine Fischstäbchenkrise. Auch das noch, möchte man entsetzt ausrufen. Unterstützung der Ukraine schön und gut, aber doch nicht unter Gefährdung der Fischstäbchenversorgung!

Apropos Konsequenz: Dem Vernehmen nach hat die Fußballweltmeisterschaft begonnen. In den Blogs zahlreiche Artikel, die aus nachvollziehbaren Gründen – Geldgier des einen, Geltungssucht des anderen – fordern, die Spiele zu ignorieren. Auch ich werde mir kein Spiel anschauen, auch nicht, wenn Wir spielt, wie bei jedem Turnier. Nicht in erster Linie aus oben genannten Gründen, vielmehr weil es mich von Natur aus nicht interessiert. Andere werden es tun, viele auch bereit sein, die horrenden Preise für Anreise, Hotel und Tickets zu zahlen, um leif dabei zu sein, einfach weil sie sich für Fußball begeistern. Es liegt mir fern, sie dafür zu tadeln; ich wäre der letzte, der sich dafür rühmt, stets konsequent zu handeln.

Sonntag: Zu den Situationen, in denen ich stundenlang sitzen und untätig schauen kann, ohne mich auch nur eine Sekunde zu langweilen, gehört neben Bahnfahren und Kaminfeuer eine Schifffahrt. Die unternahmen wir heute, und zwar ab Vannes etwa drei Stunden lang durch den Golf von Morbihan. Dazu mussten wir eine Stunde früher aufstehen als üblich, es hat sich gelohnt. Manchmal muss man Opfer bringen.

Balkonblick, morgens. Am Horizont leuchten die Hochsee-Windkraftanlagen, nach meiner Zählung 71 an der Zahl
Golf von Morbihan
Darinnen zahlreiche Inseln, hier die Île de Berder
Geradeaus der Atlantik

Zum Abendessen waren wir in einer im besten Sinne „einfachen“ Brasserie am Hafen von Le Croisic. Nach dem gestrigen Meeresfrüchtegemetzel habe ich die Bratwurst mit Pommes sehr genossen.

***

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Für uns bricht die letzte Urlaubswoche an, bis Mittwoch weiterhin hier in Le Croisic, danach weiter in die Champagne.

23:30

Woche 23/2026: In Zeiten zunehmender Infantilisierung

Montag: Nun also schon wieder Juni. Wenn es irgendetwas nützen würde, könnte ich darüber lamentieren, dass die Zeit immer schneller zu vergehen scheint. Nützt aber nichts, deshalb lasse ich es und wechsle lieber, wie an jedem Monatsersten, die Armbanduhr.

Morgens verspürte ich Anzuglaune, deshalb trug ich heute Anzug und fühlte mich wie stets sehr wohl darin. Mit den dazu getragenen weißen Sniekern fühlte ich mich wie so ein smarter, Latte Macchiato trinkender Startapper, nur in alt mit Hörgeräten.

Vormittags schickte ich einen Brief und eine Postkarte auf die Reise, mittags kaufte ich frische Briefmarken, weil der Bestand verbraucht war. An mir soll es nicht liegen, wenn das Briefpostgeschäft schwächelt.

Bei der ersten Teams-Besprechung der Test, ob sich Hörgeräte und Kopfhörer vertragen. Ergebnis: Tun sie. Warum sollten sie auch nicht. Erstmals über die Hörgeräte (oder -Systeme, wie das wohl heißt) telefoniert. Klingt etwas nuschelig, geht aber.

Ein Kollege verkündete per Rundmail seinen Wechsel in eine andere Abteilung, um „… eine neue Herausforderung zu beginnen“. Sei ihm viel Erfolg dabei gewünscht.

Dienstag: Eine Initiative fordert auf Plakaten die Wiederinbetriebnahme des Melbbades, ein Freibad im Bonner Südwesten, das seit der Coronazeit geschlossen ist und als Lost Place dahingammelt und zuwächst. In Zeiten zunehmender Infantilisierung muss man dankbar sein, dass nicht gefordert wird, „Melbi“ wieder zu öffnen.

„Das ist in grünen Tüchern“ hörte ich in einer Besprechung und notierte es sogleich, auf dass auch Sie es erfreue.

Wie berichtet habe ich mich vergangenen Samstag in einen Anzug in einem Schaufenster verliebt. Wie zudem angekündigt suchte ich heute das Geschäft auf, um ihn wenigstens mal anzuprobieren. Dabei kam es zu einem Zwischenfall: Direkt hinter dem Vorhang, wo ich die Anprobekabine vermutete, befindet sich eine Tür. Ohne weiter weiter darüber nachzudenken öffnete ich sie, woraufhin eine Alarmanlage in einer äußerst gemeinen Tonlage alle drei Stockwerke erfüllte; erst jetzt sah ich, dass sich die gesuchte Umkleidezelle links von dem Vorhang befindet, wohingegen die Tür in ein Treppenhaus führt. Den Angestellten gelang es zunächst nicht, den Alarm zu beenden, erst nach einem Anruf bei einem Kollegen, vielleicht dem Filialleiter, kam eine Mitarbeiterin mit einem Plastiknupsi, den sie über die Bedieneinheit der Alarmanlage strich und sie damit verstummen ließ. Da mir das angemessen peinlich war und der Anzug passt, kaufte ich ihn. „Jetzt wissen wir wenigstens, wie man das abschaltet“, so die versöhnlichen Worte an der Kasse, nachdem ich nochmals mein Bedauern zum Ausdruck gebracht hatte.

Mittwoch: Der neue Anzug wurde sogleich angezogen. Sehr bequem zu tragen, ein guter Spontankauf. Der letzte Arbeitstag vor dem Urlaub endete nicht allzu spät, die wesentlichen Gewerke waren bearbeitet und mit gutem Gewissen schaltete ich erst den Rechner, dann das dienstliche Telefon aus; zur Sicherheit nahm ich den Rechner entgegen sonstiger Gewohnheit mit nach Hause, man weiß nie. Selbstverständlich nehme ich ihn morgen nicht mit nach Frankreich.

Wie nachmittags gemeldet wurde, musste die Bonner Nordbrücke über den Rhein kurzfristig wegen zunehmender Risse für den gesamten Verkehr gesperrt werden, wie lange, weiß man nicht. Auch für Fußgänger, erst vergangenen Sonntag spazierte ich noch darüber. Die Folge ist ein umfangreiches Verkehrschaos in der Stadt und drumherum, in der Rathausgasse stauen sich die Linienbusse in langer Reihe.

..

Wie gut, wenn man nicht auf das Auto angewiesen ist: Ich ging (außerplanmäßig, weil ich morgens wegen Regens mit der Bahn statt mit dem Fahrrad gefahren war) zu Fuß nach Hause und genehmigte mir beim Rheinpavillon ein Urlaubseinstiegsbier.

Horst Schulte schrieb über das Bloggen:

Bloggen war für mich nie eine Eintrittskarte in eine Szene. Es war immer ein eigenes Zimmer im Netz. Eine kleine, widerspenstige Parzelle. Kein Palast, eher Gartenlaube. Aber meine.

Und wenn dort nicht die große Blogprominenz vorbeikommt, dann ist das zu verschmerzen. Manchmal ist es sogar angenehm. Denn am Ende zählt nicht, ob man auf der richtigen Blogrolle steht. Am Ende zählt, ob man noch etwas zu sagen hat.

Und ob man es sagt.

Als Kleinblogger im Schatten der vermeintlichen Eliten fühle ich mich verstanden.

Donnerstag: Nach dem Frühstück im französischen Café fuhren wir los in Richtung Beaune, der ersten Urlaubsetappe. Mein Wohlwollen den Hörgeräten gegenüber erfuhr erste Risse, nachdem das linke mir immer wieder hochfrequente Töne ins Ohr blies. Daher nahm ich sie kurz nach Abfahrt raus. Ansonsten lief die Fahrt gut, kurz vor Langres nötigte uns heftiger Regen zu verminderter Geschwindigkeit. Regen können die hier in Frankreich. Gut sechs Stunden später erreichten wir unser vertrautes Hotel, wo wir mit ehrlicher oder wenigstens sehr gut gespielter Wiedersehensfreude und einer Flasche Champagner im Zimmer begrüßt wurden. Erstmals kommt der mobile Jackenhaken zum Einsatz.

..

Nach Ankunft und wohnlicher Einrichtung gingen wir in die Stadt, die wir weitgehend so vorfanden, wie wir sie Ende letzten Jahres verlassen hatten. Das regnerisch-jackenkühle Wetter, mehrfach war die Kombination aus Daunenjacke mit kurzen Hosen zu beobachten, vermochte den Genuss des ersten Rosés nicht zu trüben.

Der Verfasser im Zustand großer Zufriedenheit (Foto: der Liebste)
Abendhimmel

Freitag: Die Wetteraufheiterung erlaubte es, das ersten Frühstück des Urlaubs auf der Hotelterrasse einzunehmen. Obwohl die Temperatur laut Wetter-App nur fünfzehn Grad betrug, war es auch für einen Fröstling wie mich gut im kurzärmeligen Polohemd auszuhalten.

Nach dem Frühstück fuhr der Liebste zum Einkaufen in den Supermarkt, ich spazierte in den nahen Parc de la Bouzaise, wo ich auf einer Bank die Bonner Zeitung und die Blogs las. Dabei erwies sich das übergezogene Jäckchen als sinnvoll, da die Sonne immer wieder hinter Wolken verschwand und sofort kühler Wind aufblies, als gäbe es zwischen ihnen eine meteorologische Absprache.

Es ist immer wieder erbaulich, von der herrschenden Meinung abweichende Gedankengänge anderer zu lesen, die meinem eigenen Empfinden vollständig entsprechen. Bald geraten wieder große Teile der Menschheit in kollektiven Wahnsinn wegen der als Fußballweltmeisterschaft bezeichneten kommerziellen Großveranstaltung. Zum Thema Sportkucken schrieb Frau Anje treffend:

Dass aber Leute von passivem Sport besessen sind, also selber nur zugucken, wie andere Sport machen und das dann toll finden, da fehlt mir nicht nur das Verständnis, sondern auch die Akzeptanz, zumindest wenn es sich um Menschen in meiner direkten, inneren Umgebung handelt.

Seit einiger Zeit meldet mir WordPress Blogbeiträge, die ich an diesem Tag in vergangenen Jahren schrieb. Demnach waren wir vor genau drei Jahren auch hier in Beaune, allerdings in einem anderen Hotel. Hier im Hotel scheint man uns inzwischen zu kennen. Das gilt auch für das angeschlossene Restaurant, das wir abends besuchten und wo wir begrüßt und behandelt wurden wie alte Bekannte. Der Digestif ging aufs Haus.

Das Hotel gehört der eher höherpreisigen Kategorie an. Das bitte ich nicht angeberisch aufzufassen, es ist keineswegs unser gewöhnlicher Standard, in solchen Häusern unterzukommen, im Urlaub gönnen wir uns das gerne mal. Auch neben den vorfahrenden Kraftfahrzeugen anderer Gäste wirkt unser Passat eher schäbig. Das hält manche von ihnen nicht davon ab, in Jogginghosen in der Bar zu erscheinen. Aber was weiß ich schon – vielleicht ist so eine Bollerbuxe teurer als der gesamte Inhalt meines Koffers.

Samstag: Nach dem Frühstück liehen wir uns die Fahrräder des Hotels und unternahmen eine Radtour durch die Weinberge in Richtung Süden über Pommard, Volnay, Meursault, Gamay bis Saint-Aubin. Kurz dahinter, in einer langen Steigung, entschieden wir uns, die geplante Tour abzukürzen, nicht weil uns die Lust oder Puste ausgegangen wäre, mit elektrischer Unterstützung sind solche Strecken gut zu bewältigen. Genau darin lag das Problem: Der Akku des Liebsten Fahrrades zeigte nur noch um die vierzig Prozent Ladung an, mutmaßlich zu wenig, um es nach weiterer Bergfahrt zurück nach Beaune zu schaffen oder die letzten Kilometer nur noch mit reiner Muskelkraft; man hat ja Urlaub und will sich nicht verausgaben. Zurück fuhren wir dann über Chassagne-Montrachet und Puligny-Montrachet, insgesamt immerhin dreiundvierzig Kilometer.

Wir waren an diesem sonnig-warmen Tag nicht die einzigen Radfahrer auf der gut ausgeschilderten Strecke. Es gibt eine Kreuzung, an der der Radweg Vorrang vor dem Straßenverkehr hat, die Autos halten sogar an. Im autoverliebten Deutschland wäre das undenkbar. Keine neue Erkenntnis, nur erneut bestätigt: Bei augenscheinlich gemischtgeschlechtlichen Paaren zu Rad fährt zu achtzig Prozent das Männchen vorweg und das Weibchen hinterher. Ich werte das nicht als Zeichen männlicher Überlegenheit, vielmehr weiblicher Klugheit. Soll der Alte doch schauen, wo wir langfahren. Er fühlt sich gut dabei, mir ist es egal. Das leitet über zu der lange nicht gehörten, gleichwohl dämlichsten Frage, die man einem männlich-gleichgeschlechtlichen Paar stellen kann, nämlich wer bei ihnen die Frau sei; hiermit ist sie für uns endlich beantwortet: Ich bin das wohl, jedenfalls beim gemeinsamen Radfahren.

Das Hörgerät piept nicht mehr und leistet recht gute Dienste, während des Radfahrens war ansatzweise eine Unterhaltung möglich.

Westlich von Beaune
Meursault

Aus der Zeitung:

(General-Anzeiger Bonn online)

Sonntag: Auch heute zeigte sich das Wetter sehr urlaubsfreundlich. Nach dem Frühstück fuhren wir mit dem Wagen nach Chagny, wo wir den Wochenmarkt besuchten und Gougères, Radieschen und Minisalamis für ein beabsichtigtes pique-nique kauften. Anschließend fuhren wir zum Canal du Centre, ein 112 Kilometer langer Kanal für kleine Schiffe zwischen Chalon-sur-Saône und Digoin, erbaut zwischen 1783 und 1793. (Wie lange würde man heute für ein ähnliches Vorhaben in Deutschland brauchen? Wobei sich die Planung des Kanals laut französischer Wikipedia auch etwas hinzog.) Entlang des Kanals spazierten wir rund drei Kilometer bis zur Schleuse von Rully, wo wir Frösche und blaue Libellen antrafen und auf einem Rastplatz die Markteinkäufe verzehrten. Auf dem Rückweg erhielten wir die Gelegenheit, einem von Touristen gelenkten Boot beim Schleusen zuzuschauen.

Markt
Canal du Centre mit Wasserlinsen, auch als Entengrütze bekannt
Eine der zahlreichen Schleuse zwischendrin
Schleuse bei Rully

Zum Schluss sei mir eine weitere, subjektive und somit völlig unmaßgebliche Textilanmerkung erlaubt: Als Mann über vierzig sollte man nicht das Hemd außerhalb der Hose tragen, jedenfalls nicht in Verbindung mit einem Sakko. Wenigstens nicht im Restaurant. Und bitte keine Slipper ohne Socken, das gilt auch für Untervierzigjährige außerhalb von Restaurants. Am besten überhaupt keine Slipper. Die Welt wäre etwas besser.

***

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Einen schönen Urlaub, falls Sie gerade ebenfalls welchen haben.

18:00

Woche 22/2026: Regelkonform auch im Verstoß

Montag: An diesem Pfingstmontag blieben wir lange im Bett, da der Heilige Geist etwas auf den Schädel drückte. Vielleicht war es auch nur der Geist des Weines vom Vorabend.

In die vielfach zu hörenden und lesenden Klagen über die derzeitige Hitze stimme ich nicht ein, wobei ich anerkenne, heißer als um die dreißig Grad muss es nicht werden, darüber empfinde auch ich es als anstrengend. So unternahm ich nachmittags mit großem Genuss einen langen Spaziergang an die andere Rheinseite, soweit möglich im Schatten. Der Weg führte vorbei am Freibad, wo Becken und Rasenflächen dicht mit mehr oder weniger stark tätowierten Menschen belegt waren, vor dem Eingang immer noch eine Warteschlange, der Parkplatz voll. Jeder, wie er mag. Ich mochte lieber nicht, besuchte stattdessen den ebenfalls gut besuchten Biergarten, fand im unteren Bereich direkt an der Uferpromenade Platz, wo ich mich bei einem Hellen dem Vergnügen des Leutekuckens hingab.

Solche Montage darf es gerne öfter geben.

..
Rabenvater

Dienstag: Die erste Meldung in den Radionachrichten am Morgen war, dass irgendein drittligriger Fußballverein irgendein Spiel gewonnen hat. Immer wieder erstaunt mich die Prioritätensetzung der Redakteure. Anderseits vielleicht ein Zeichen, dass es diesem Land gar nicht so schlecht geht wie oft behauptet wird.

Der erste Arbeitstag war wenig montäglich, was vielleicht auch am angenehmen Fußweg dorthin lag. Die Gewerke gingen mir gut von der Hand, die Zeit verging rasch. So soll es sein.

Aus einem Zeitungsbericht über einen Dönerwurf aus Streitsuchtgründen:

Wie die Polizei mitteilte, hatte eine 14-Jährige während eines Streits eine Portion des Fast Foods auf eine gleichaltrige Kontrahentin geworfen. Als die Eltern der beiden Jugendlichen sich am Sonntagabend trafen, um die Situation gemeinsam mit den beiden Streithähnen zu klären, sei die Situation eskaliert.

Muss das nicht Streithennen heißen?

Abends am Rhein

Mittwoch: Kantinengedanke zur Mittagszeit: An warmen Tagen gehen die Leute ins Büro, wie sie vor zwanzig Jahren, als zumindest hier in der Zentrale die äußerste akzeptierte Erleichterung der Verzicht auf die Krawatte war, allenfalls ein AIDA-Schiff betreten hätten. Keine Bewertung, nur Beobachtung.

In einer Mail begegnete mir der Name Hinsch. Dabei fiel mir der Dauertelefonstreich von Bart Simpson ein und ich musste über einen längeren Zeitraum grinsen.

Donnerstag: Eigentlich wäre dies eine kleine Woche, somit hätte ich heute frei. Konjunktiv. Im Indikativ ging ich dennoch ins Büro, da die Woche wegen Pfingsten auch so nicht sehr groß war. Außerdem beginnt in einer Woche der Urlaub, bis dahin soll noch einiges in der Liste abgearbeitet werden. Zudem ist es für die inseltagsübliche Wanderung etwas zu warm, dennoch wäre mir der freie Tag ganz sicher nicht langweilig geworden. Überhaupt kann ich mir nicht vorstellen, dass es mir ohne Arbeit je langweilig werden könnte, jedenfalls nicht langweiliger als ein Arbeitstag voller zäher Besprechungen.

Eher kurz und informell ein Gespräch am Nachmittag, in dem ich über eine organisatorische Kleinmaßnahme informiert wurde, die mich unmittelbar betrifft. Ob ich das gut oder eher solala finden soll, weiß ich noch nicht. Jedenfalls zu geringfügig, um dagegen aufzubegehren.

Was erfreuliches: Ich erhielt eine Postkarte aus Bremen, die mich in angenehmen Zugzwang bringt. Das ist nämlich so: Erst kürzlich erhielt ich vom selben Absender einen netten Brief, den ich noch nicht beantwortet habe. Nun muss ich. Und da ich gerne Briefe und Postkarten schreibe, finde ich das gut. Ich weiß nicht, ob Sie das nachvollziehen können; wenn nicht, ist das nicht schlimm.

Onkel Michael über den Wal:

Ruhe ist dem modernen Menschen unerträglich geworden. Er muss alles zerreden, zerfilmen, vertwittern und emotional ausschlachten, bis selbst die Möwen genervt den Strand verlassen. Einst jagten die Menschen Wale mit Harpunen; heute jagen sie sie mit Mikrofonen. Früher wurde Tran aus ihnen gewonnen, heute Content.

[…]

Ahab selbst wäre wohl beschämt gewesen. Der Mann opferte wenigstens nur sein Schiff und seine Mannschaft seinem Walwahn. Heute dagegen opfert man dem Spektakel ganze Nachrichtentage, kollektive Vernunft und die letzten Reste gesellschaftlicher Gelassenheit.

Gelesen im Feldlilien-Blog und sehr (zustimmend) gelacht.

Ich glaube, ich war ein dämliches Kind. Ich habe doch tatsächlich in der Schule das Lied „Spannenlanger Hansel, nudeldicke Dirn“ gelernt, und mir ist nie aufgefallen, dass es da um Bodyshaming geht.

[…]

… hier eine absolut klinisch reine Version (jedenfalls zur heutigen Zeit. Kann natürlich sein, dass in drei Jahren die Verwendung des Buchstaben „E“ irgendwie politisch unkorrekt ist): 
„Zwei Personen, deren Geschlechtszugehörigkeit, ob physisch oder psychisch, hier mal nicht genannt wird, weil sie zum Sachverhalt eigentlich absolut nichts beiträgt, mit einem grundsätzlich einander gegenteiligen äußeren Erscheinungsbild, aber wen interessiert das schon, gehen zusammen Lebensmittel retten.“

Tralala.

Freitag: Ein gutes Gespräch mit dem Chef brachte zufriedenstellende Klarheit über eine gestern entstandene Irritation meinerseits.

Nachmittags war ich beim Hörtest. Wenig überraschend wurde eine Hörschwäche festgestellt, vor allem links, das war mir bislang nicht bewusst. (Dass der Liebste üblicherweise links von mir schläft, dürfte damit in keinem Zusammenhang stehen.) Zur Probe trage ich nun Hörgeräte, die ich bis nach dem Urlaub testen darf. Was sie mir auf Anhieb sympathisch macht: Sie sind recht unauffällig und man kann darüber Musik hören, sogar telefonieren, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Ob sie auch ihren eigentlichen Zweck erfüllen, nämlich wieder bei Hintergrundgeräuschen Gesprächen folgen zu können, werden die nächsten Tage und Wochen zeigen. Jedenfalls sind die Dinger ganz schön teuer, deshalb besser keins verlieren.

Gelesen bei Kurt Kister:

Zu den sehr seltsamen Merkmalen der neuen Zeit gehören nicht nur Donald Trump, Kinnbärte und die Vermenschlichung von Computerprogrammen. Auch die Eigenart von Leuten, sich überall dort, wo sich andere in eher lächerlichen Posen mit dem Telefon fotografieren, auch so zu fotografieren, ist enorm gegenwartsprägend.

Abends gingen heftige Gewitter über das Land. Während des Wochenend-Einstimmungsgetränks auf dem Balkon zogen im Südwesten dunkle Wolken auf und anhaltendes Donnergrummeln war aus der Richtung zu vernehmen, das sich langsam näherte, schließlich fielen dicke Regeltropfen auf den Balkontisch. Später, als wir unter dem Sonnenschirm vor dem Wirtshaus saßen, zog erneut ein beeindruckender Schauer mit Blitz, Donner und starkem Regen über uns hinweg. Entgegen der Vernunft und im Vertrauen darauf, dass schon nichts passieren wird, blieben wir noch eine Weile dort sitzen. Das war gleichzeitig der erste Praxistest der Hörgeräte. Durchaus positiv.

Der Zeppelin ist wieder da. Darüber freue ich mich jedes Jahr so wie andere über die Ankunft der Mauersegler.

Samstag: Die Gewitter des Vorabends brachten leichte Abkühlung, jedoch ist es immer noch warm genug für kurze Hosen. Nach dem Frühstück unternahm ich den wöchentlichen Gang zum Altglascontainer. Dort war der Behälter für Weißglas voll, deshalb standen bereits mehrere Flaschen und eine volle Tragetasche davor, während die Behälter für Grün- und Braunglas noch aufnahmefähig waren. Menschen halt, zudem deutsche: regelkonform auch im Verstoß. Da ich davon ausgehe, dass farblose Flaschen die Wiederverwertung von Grünglas nicht beeinträchtigen, warf ich sie dort ein und schloss einen längeren Spaziergang an den Rhein an. Mein Eindruck: Die großflächige Tätowierung von Menschen bis etwa vierzig hat nochmal zugenommen.

Zeit für die nächste Frage.

Nr. 16 lautet: „Wie alt möchtest du gern werden?“ Ich glaube, das habe ich in anderen Zusammenhängen schon mal beantwortet; war da nicht diese seltsame Partei, die auf ihren Wahlplakaten die Möglichkeit in Aussicht stellte, fünfhundert Jahre alt zu werden oder älter? Welch grauenhafte Vorstellung. Also: Ich hänge nicht am Leben, strebe kein hohes Alter an; die Ziele der sogenannten Longevity-Bewegung teile ich nicht. Auch habe ich keine Nachkommen, deren Wohlergehen von meinem abhängt. So als Richtwert würde ich mich über fünfundsiebzig Jahre freuen. Wenn es mir dann gut geht und ich das Leben aufgrund innerer und äußerer Umstände noch als lebenswert empfinde, meinetwegen auch ein paar Jahre mehr. Den Ruhestand würde ich ganz gerne erleben. Wenn es früher endet, dann ist das eben so.

Der Astronom Harald Lesch in einem Zeitungsinterview: „Wir Deutschen leben scheinbar im Lamentozän, dem Erdzeitalter des Lamentierens.“

Abends waren wir zum ersten Mal im Contra-Kreis-Theater, wo das Stück „S.O.S. im Paradies“ gespielt wurde, mit viel Witz, etwas Tragik und gut gesungener ABBA-Musik. Wir lachten viel, fühlten uns bestens unterhalten und waren bestimmt nicht zum letzten Mal dort.

Auf dem Rückweg verliebte ich mich spontan in einen Anzug im Schaufenster eines Bekleidungsgeschäftes. Auch wenn ich eigentlich keinen neuen Anzug benötige: Vielleicht schaue ich am Dienstag Abend mal ganz unverbindlich rein, vielleicht habe ich ja Glück und es gibt ihn nicht in meiner Größe.

Sonntag: Mittags erreichte mich per Mail die Nachricht, dass meine eingereichte Geschichte in die Anthologie aufgenommen wird. Damit hatte ich nicht gerechnet, habe ich doch beim Schreiben gemerkt, dass es mir wesentlich schwerer fällt, mir eine Geschichte auszudenken als Erlebtes und Beobachtetes aufzuschreiben. Umso mehr freut es mich.

Weil es am Montag so schön gewesen war, führte der Sonntagsspaziergang auch heute ans andere Rheinufer, auf einer etwas anderen Route. Gar nicht zufällig führte der Rückweg am Lieblingsbiergarten vorbei, der heute weniger stark besucht war.

***

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Für uns endet die Arbeitswoche am Mittwoch, danach beginnt der Urlaub. Ich werde selbstverständlich berichten.

17:30

Woche 21/2026: Vielleicht bringt es ja Glück

Montag: Herzlichen Dank für die Kommentare zum letzten Wochenrückblick, in dem offen blieb, ob die Pariser für das linke Seine-Ufer eine besondere Bezeichnung haben, analog der „Schäl Sick“, wie der Kölner und Bonner die rechtsrheinischen Ortsteile nennt. Haben sie: entweder „Jaile Sique“, wofür ich allerdings weder im Französisch-Wörterbuch noch im Netz einen Beleg finde, oder „Rive Gauche“, die sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag hat. Auf dass kein Tag ohne neue Erkenntnisse vergehe.

Vielen Dank auch für den Hinweis auf mobile Jackenhaken, die man über das Türblatt hängen kann, wenn das Hotel mal wieder daran gespart hat, ein ständiges und völlig unnötiges Ärgernis. Während einer mäßig spannenden Besprechung recherchierte ich im Netz danach, fand bald das gesuchte und suchte direkt nach der Arbeit ein Haushaltswarengeschäft in der Innenstadt auf. Zu meinem Erstaunen fand ich in dem nicht gerade kleinen Laden, der sich über drei Etagen erstreckt, auf Anhieb, ohne lange zu suchen oder zu fragen ein Dreierpack solcher Haken, als hätte mir eine höhere Instanz den Weg gewiesen, auch dafür vielen Dank ans Universum.

Letzteres schickt uns laut Zeitungsbericht heute Abend einen Meteor, der erst vor wenigen Tagen entdeckt worden ist und zu späterer Stunde mit neunzigtausend Kilometern Abstand an der Erde vorbeirasen wird, somit weniger als ein Viertel der Entfernung zum Mond. Hoffen wir, dass der kosmische Brocken sich an den errechneten Abstand hält, sonst steht er morgen wieder in der Zeitung.

Ansonsten ist nach der Reise vor der Reise: Das Köfferchen ist schon wieder gepackt, morgen fahren wir nach Langenau bei Ulm, wo wir den südlichen Kollegen bis Donnerstag einige Neuerungen nahebringen werden. Ich freue mich drauf.

Dienstag: (Aus Gründen kollegialer Wiedersehensfreude, die angemessen begossen wurde, konnte dieser Eintrag erst am Mittwoch erfolgen.)

Anscheinend gelang der Vorbeiflug des Meteors berührungsfrei, jedenfalls meldeten die Nachrichten nichts gegenteiliges. Soweit ich den Zeitungsartikel in Erinnerung habe, erfolgt die nächste Annäherung erst in einigen tausend oder Millionen Jahren, vermutlich gibt es dann keine Menschen mehr, die sich darum sorgen könnten.

Die Autofahrt nach Langenau verlief zügig und staufrei, am Nachmittag kamen wir bei Sonnenschein und Frühlingsmilde an. Nach Bezug des Hotelzimmers unternahm ich einen Spaziergang durch die Stadt mit zahlreichen bewohnten Storchennnestern auf den Dächern.

Bei Rückkehr am Hotel saßen bereits die ersten eingetroffenen Kollegen beim Bier auf der Terrasse vor dem Haus, ich gesellte mich dazu und die Dinge nahmen ihren fröhlichen Lauf.

Der mobile Jackenhaken kommt übrigens nicht zum Einsatz, da genügend stationäre vorhanden sind. Vielleicht ist das so wie mit dem Regenschirm: Wenn man ihn dabei hat, regnet es nicht. Doch wehe, man hat ihn vergessen.

Ein gutes Haus
..

Mittwoch: Da die meisten Teilnehmer heute anreisen, beginnt das Programm erst um zehn Uhr. Das ermöglichte mir, den Wecker auf acht Uhr zu stellen, was mir nach den Vorabendgeselligkeiten sehr gelegen kam. Noch im Bett liegend holte ich den gestrigen Tageseintrag nach.

Über dem Vormittag lag eine gewisse Rest-Blümeranz, meine Vorträge liefen dennoch ganz gut, da beim nunmehr vierten Mal eine gewisse Automatisierung eingetreten war. Anschließend wurde schon wieder Schaumwein anlässlich eines bevorstehenden Ruhestandes gereicht, es hört nicht auf.

Auch auf dem Haus neben dem Hotel nisten Störche. Einer davon hat dem Kollegen, begeisterter Hobby-Ornithologe, im Landeanflug aufs Auto gekackt. Die Witzigkeitsbewertungen darüber variieren; während ich grinste, als ich davon hörte, fand der Wagenbesitzer es weniger lustig. Vielleicht bringt es ja Glück. Oder Kinder, Störchen wird diesbezüglich ja einiges nachgesagt. Wobei davon auszugehen ist, dass der Kollege über so späten Nachwuchs genauso wenig beglückt wäre wie ich, darin dürften wir uns einig sein.

Herr Rau über sogenannte Künstliche Intelligenz:

Sehe ich das zu simpel? Wenn man an einen Zufallsgenerator eine Bombe hängt, geht die natürlich irgendwann hoch. Wenn man den Zufallsgenerator verbessert oder ihm wirklich gut zuredet, ändert das auch nichts daran. Die Lösung müsste sein, keine Bombe an einen Zufallsgenerator zu hängen. Ich fürchte, da ist die Verlockung zu groß.

Donnerstag: Dank vielleicht nicht eiserner, mindestens jedoch aluminiumner Disziplin meinerseits verlief der zweite Abend im Kollegenkreis glimpflich. Obwohl es spät wurde, weil um Mitternacht auf einen Geburtstag anzustoßen war. Bereits um halb sieben, eine Dreiviertelstunde vor dem Wecker, fühlte ich mich zwar nicht ausgeschlafen, doch immerhin so wach, dass keine Aussicht und kein Bedarf mehr auf weiteren Schlaf bestand.

Irgendwo in einem anderen Zimmer vibrierte zur selben Zeit ein Wecker über einen längeren Zeitraum. Womöglich war die Disziplin des dort zu Weckenden von eher wässriger Konsistenz gewesen.

Aus Zeit-, Appetit- und Frühkommunikationsvermeidungsgründen verzichtete ich wieder auf das Frühstück.

Mittags endete die Tagung, nach dem Mittagessen fuhren wir zurück nach Bonn. Bevor mir auf der Rückbank die Augen zufielen, was in Verkehrsmitteln aller Art selten vorkommt, nutzte ich die Zeit zum Lesen. Unter anderem dieses:

Felix Schwenzel hielt auf der re:publica einen Vortrag über die angeblich schlechte Welt, den Umgang mit ihren Ungemächern und halbvolle Gläser, der auch auf seinem Blog nachzulesen ist. Wenngleich ich das Lesen von ausschließlich in Kleinbuchstaben geschriebenen Texten anstrengend finde, ein sehr lesenswerter Vortrag bzw. Aufsatz:

wenn man das ne­ga­ti­ve als teil des le­bens, als be­din­gung für das po­si­ti­ve ak­zep­tiert, wirkt die scheis­se, die ei­nem die welt ent­ge­gen­wirft, plötz­lich — viel­leicht — wie schein­sch­eis­se.

Franziska Bluhm über das Bloggen:

Wir haben geschrieben, weil wir schreiben wollten. Weil Sprache uns etwas bedeutet hat. Das Schöne: Es gibt immer noch Menschen, denen das etwas bedeutet. Inmitten von KI-Texten, algorithmischen Feeds und kurzlebigen Trends sehnen sich Menschen nach Stimmen, die echt klingen. Nach Texten, die jemanden verraten. Nach Sprache, die nicht optimiert ist – sondern gemeint.

Freitag: Über Nacht kam der Sommer, und wie es aussieht, bleibt er einige Tage. Das inspirierte mich nach dem Mittagessen zu einem kleinen Spaziergang durch den Park statt Treppensteigen im Turm. Dort sah ich unter anderem zwei sich sonnende Wasserschildkröten und einen Reiher auf der Lauer. Hingegen kein Nutria; seit die Stadt sie aus für mich nachvollziehbaren Gründen abschießen lässt, habe ich keins mehr gesehen.

Rheinauenpark
Suchbild mit Schildkröte und Reiher

Abends waren wir eingeladen zu einer familiären Zusammenkunft mit Essen und Trinken in Bad Godesberg. Danach war ich müde und leicht knatschig, immerhin in Vorfreude auf ein langes, sonniges Pfingstwochenende ohne Reisen und mit Ausschlafen.

Samstag: Das Ausschlafen endete um neun Uhr, das war in Ordnung. Nach außerhäusigem Frühstück mit dem Liebsten unternahm ich einen Spaziergang durch die Stadt und an den Rhein, wo zahlreiche Menschen wie ich in sommerlicher Leichtbekleidung lustwandelten. Die Holunderbüsche stehen in voller Blüte, wie mir scheint, in diesem Jahr besonders intensiv. Vielleicht scheint das aber auch nur so.

An der ewigen Baustelle am Rheinufer geht es voran, sogar heute waren drei Arbeiter tätig, sie verlegten großvolumige, augenscheinlich hochwertige Pflastersteine, auf dass sie schon in wenigen Monaten mit zertretenen Kaugummis verziert werden.

Auf einer schattigen Bank am Wegesrand ließ ich mich nieder und las die Blogs, wozu ich gestern zwischen Büroschluss und familiären Pflichten nicht gekommen war. Gelesen beim Kiezschreiber:

Manche Ostdeutsche wünschen sich ja die Mauer zurück. Manche Westdeutsche auch. Aber wie würde das konkret aussehen? Für die Baugenehmigung würde die deutsche Bürokratie zwanzig Jahre brauchen. Und wehe, da lebt irgendein seltener Lurch. Umweltgutachten, Demonstrationen, aufwändige Umsiedlungsverfahren auf ein Nachbargrundstück. Haben wir überhaupt noch so viele Maurer, wie benötigt werden würden? Sind wir optimistisch: Am 13. August 2061 wäre die Mauer fertig. Kurz nach dem Stuttgarter Bahnhof.

An der Hausfassade in der Georgstraße hängt weiterhin der kleine Weihnachtsmann an seiner Strickleiter, dem armen Kerl dürfte ziemlich warm sein.

Abends fuhren wir mit der Bahn nach Köln und besuchten den Circus Roncalli, der zurzeit auf dem Neumarkt gastiert. Wie im letzten Jahr, als er im Bonner Hofgarten sein Zelt aufgestellt hatte, waren wir wieder sehr angetan von der beeindruckenden Akrobatik und den anrührend-lustigen Clowns. Wegen des Vorsommers war es im Zelt und vorher im zugehörigen Restaurant ziemlich warm, doch ließ es sich mit Wasser, Aperol und Kölsch auf ein erträgliches Maß herunter kühlen.

Preisliste
Weißclown Gensi
..

Sonntag: Nach dem Frühstück auf dem Balkon nutzte ich den Tag relativ spontan für eine Wanderung, zumal ich in der kommenden, eigentlich kleinen Woche nicht dazu kommen werde. An einem sonnig-warmen Tag wie heute scheint es angeraten, möglichst im Wald zu wandern, daher wählte ich die Melbtal-Runde um den von Zuhause fußläufig zu erreichenden Venusberg, zurück durch das namensgebende Melbtal. Teilweise wich ich von der vorgegebenen Route ab, weil mir die Wege zu wanderautobahnmäßig erschienen. Im Melbtal empfiehlt es sich, den unteren Weg am Melbbach entlang zu nehmen, auch wenn er stellenweise matschig ist und über Holzstege von zweifelhafter Stabilität führt.

Nach knapp vier Stunden endete die Wanderung im bayrischen Wirtshaus in der Innenstadt, wo die Mühen mit einem Maibock belohnt wurden, während am Tisch schräg gegenüber ein dicker Amerikaner seinen bedauernswerten Gesprächspartner, oder eher Höropfer, volllaberte.

Immerhin, das muss man anerkennen, hat sie/er es geschafft, den Roller nicht quer zur Rad-Fahrspur an der Poppelsdorfer Allee abzustellen
Mit herzlichen Grüßen an Lotte
An der Waldau
Dieses Schild las ich erst nach Passieren der endgültig gesperrten Strecke. Eine Beschilderung der neuen Wegführung war nicht erkennbar. Nochmal gutgegangen.
Melbtal
Zurück in der sogenannten Zivilisation
Belohnung

Im Übrigen bemerke ich eine eher zweifelhafte Sommermode bei jungen Männern: möglichst bunt gemustertes T-Shirt mit Shorts im selben Design. Als Kind hatte ich sowas auch. Als Schlafanzug.

***

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. Kommen Sie gut durch die Woche und, falls es Ihnen etwas bedeutet und Sie gar wissen, um was genau es dabei geht, frohe Pfingsten.

18:00