Woche 26/2022: Keine nennenswerten Imponderabilien

Montag: Der erste Arbeitstag nach zwei Wochen Urlaub zog sich in müder Lustlosigkeit. Immerhin ruhig mit nur einem Besprechungstermin und einer erstaunlich geringen Anzahl an Mails, die keine nennenswerten Imponderabilien enthielten und bis zum Nachmittag weitgehend abgearbeitet oder gelöscht waren. Das ist ja immer wieder das Schöne, vieles erledigt sich von selbst.

Überschattet war der Tag von der traurigen Nachricht über den Unfalltod einer Kollegin, der mal wieder deutlich macht, wie wichtig es ist, das Leben täglich zu genießen, auch montags nach dem Urlaub. Warum erkennen wir das immer erst zu solchen Anlässen?

Der Oberste US-Gerichtshof hat bereits in der vergangenen Woche das Recht auf Abtreibungen eingeschränkt, das haben Sie sicher mitbekommen. Wie heute in der Zeitung zu lesen ist, will man sich als nächstes mit dem Gebrauch von Verhütungsmitteln, der Zulässigkeit intimer gleichgeschlechtlicher Beziehungen und der Homo-Ehe befassen. Sie meinen, das ist halt Amerika? Ja, noch ist es das. Mir wird bang. (Lesen Sie dazu gerne auch die Ausführungen von Herrn Fischer.)

Mit einer Art fieser Erheiterung lese in Blogs und Zeitung die Berichte über die derzeitigen Zustände an deutschen Flughäfen, Wartezeiten bei Sicherheitskontrollen, abhanden gekommenes Gepäck und ausgefallene Flüge, und denke: Warum tun die sich das an?

Nach Rückkehr aus dem Werk hörte ich erstmals nach längerem wieder die Singstarkrähe von gegenüber, die mit einem nicht identifizierbaren „Lied“ die Siedlung beschrie.

Unterdessen fand ich im Briefkasten einen persönlichen Brief aus Badgastein vor, über den ich mich sehr freue.

Dienstag: Energiesparen ist möglich. Man kann zum Beispiel mit insgesamt fünfunddreißig Sekunden Wasserlaufzeit duschen, einschließlich Vorlauf bis zum Erreichen der angenehmen Temperatur, wenn man beim Einseifen konsequent den Hahn abdreht; ich habe das mal für Sie ausprobiert. Nimm dies, Putin.

Abends war ich laufen, obwohl es dazu etwas zu warm war, aber irgendeine Ausrede findet sich ja immer. Nach Rückkehr wunderte ich mich über die polizeiliche Absperrung der Wilhelmstraße, in unmittelbarer Nähe zu unserer Wohnung. Da ahnte ich noch nicht, dass kurz zuvor ein menschlicher Kopf vor dem in nämlicher Straße befindlichen Landgericht abgelegt worden war; den mutmaßlichen Rest fand man etwas entfernt in Rheinnähe. Du liebe Güte.

Mittwoch: O du schöner Westerwald, Eukalyptusbonbon. Vielleicht kennen Sie dieses alte Volkslied, das in meiner Jugend gerne zum Bier gesungen wurde; je mehr Bier, desto lauter. Aus beruflichem Anlass hielt ich mich eineinhalb Tage in Hachenburg im Westerwald auf, wo unsere Abteilung sich traf. Nach nicht übertrieben langer Beschäftigung mit fachlichen Themen gingen wird zum Freizeitprogramm über, das aus einer Besichtigung der örtlichen Brauerei bestand, wo der Abend schließlich ausklang, ohne Eukalyptusbonbons.

Mehr Freiheit ist kaum denkbar

Bei Ankunft an der Brauerei war der Hof voll an schwarzen Autos, minütlich kamen weitere hinzu und warteten geduldig, um sich einen weißen, für ein alkoholfreies Produkt des Hauses werbenden Schriftzug schräg über die Motorhaube kleben zu lassen. Als Belohnung gab es zwei Kästen des nämlichen Getränkes. Was Menschen alles tun, wenn es was umsonst gibt.

Warten für Werbung für kalten Kaffee

Auch sonst war es ganz schön:

Biergarten

Donnerstag: Morgens nach dem Aufwachen hallte der Brauereibesuch noch etwas nach. Währenddessen verhöhnte mich mein Ohrwurm mit „Es geht mir gut“ von Marius Müller-Westernhagen.

Laut Zeitungsbericht empfiehlt ein Experte, Gas nicht per Gießkanne zu verteilen. Es ist immer schön, das augenscheinlich Offensichtliche von einem Fachmann bestätigt zu wissen. Wie viele Kannenfüllungen benötigte man allein für fünfunddreißig Sekunden Brausebad?

Freitag: Jede Krise gebiert ihre eigenen Begriffe, siehe „Herdenimmunität“, „Inzidenzwert“ oder „Kontaktpersonennachverfolgung“. Erstmals las ich heute in der Zeitung das Wort „Gasmangellage“ und ahne, das künftig öfter zu hören und lesen.

Nachmittags standen wir bei Getränken und Häppchen zusammen, um einen Kollegen in den Ruhestand zu verabschieden, und also sprachen wir: „Lass uns über was anderes als Corona reden.“ – „Einverstanden. Gaskrise? Atomkrieg?“ Gelacht haben wir dennoch.

Der am Dienstagabend gefundene Kopf wurde nach gerichtsmedizinischer Erkenntnis erst abgetrennt, nachdem der ursprüngliche Inhaber eines natürlichen Todes gestorben war. Der kurz nach dem Fund gefasste Ableger hat sich somit nicht des Mordes schuldig gemacht, sondern der „Störung der Totenruhe“, auch so ein Straftatbestand, über den Herr Buschmann vielleicht mal nachdenken sollte.

Samstag: Nach Erledigung der üblichen Samstagsgeschäftigkeiten hielt ich Einkehr in der Lieblings-Weinbar. Bei Rosé unterhielt ich mich als einziger Gast bestens mit dem Wirt, daher wurden aus dem beabsichtigten einen Glas drei. Man hat von dort aus ausgezeichnete Aussicht auf die draußen Vorübergehenden, weshalb ich dieses Lokal sehr mag, gerade am Samstagmittag. Während der Unterhaltung sah ich einen, der an der gegenüberliegenden Straßenbahnhaltestelle an einem „Durstlöscher“-Päckchen saugte und sich dabei ausgiebig selbst fotografierte oder filmte. Kein Zweifel, die Welt wir immer bekloppter. (Leergesaugte Durstlöscher-Packungen liegen inzwischen in nahezu gleicher Zahl in der Gegend herum wie Einweg-Kaffeebecher.)

Sonntag: Heute war in Köln CSD. Nach Jahren der Abwesenheit und Seuche war ich wieder dabei, nahm auch an der Parade teil, obwohl mittlerweile für derlei etwas zu alt. Doch erstmals war auch mein Arbeitgeber mit Wagen und bemerkenswert großer Gruppe vertreten, daher wollte ich mir das nicht entgehen lassen.

Auf der Deutzer Brücke, kurz nach Beginn
Eine Abwechslung gegenüber den üblicherweise zur Schau gestellten Muskelaufbauten

Danach war mein Bedarf an größeren Menschenansammlungen, wummernder Bassbeschallung von vorne und hinten sowie hormonell herausfordernden Anblicken am Wegesrand gedeckt, daher nahm ich die nächste Bahn zurück nach Bonn, die durch ihre Belegung einen Eindruck verschaffte von den Auswirkungen des gepriesenen Neuneurotickets.

***

Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche mit stets einem Hauch Gas in der Leitung. Genießen Sie gehobenen Hauptes das Leben.

Die Achtziger – Stürme der Jugend

Hier der zweite Teil meiner persönlichen Rückschau auf die Jahrzehnte. Nach den Siebzigern folgen die

Achtzigerjahre

Auch in den Achtzigern, vor allem der ersten Hälfte, galten wesentliche Teile meines Interesses der Eisenbahn. Die Bahnstrecke am Haus meiner Großeltern wurde bereits 1980 stillgelegt, wenig später die Gleise zwischen Göttingen und Dransfeld abgebaut. Aber es gab noch genug andere Strecken, nicht weit von meinem Elternhaus die Nebenbahn von Bielefeld nach Lemgo, der nun meine Aufmerksamkeit galt. Mein Freund U., genauso bahnverrückt, und ich lernten den Bundesbahner S. kennen, der im nahen Bahnhof Hillegossen als Fahrdienstleiter Dienst tat. Mit der Zeit freundeten wir uns mit ihm an, wir verbrachten oft ganze Nachmittage dort, duften in den Dienstraum, der dem niedrigen Bahnhofsgebäude vorgebaut war, was Bahnfremden normalerweise nicht gestattet war. Mehr als einmal erhielt S. deswegen einen Rüffel seines Chefs, wenn der aus Bielefeld zur regelmäßigen Dienstkontrolle erschien und wir nicht mehr rechtzeitig den Raum verlassen konnten.

Bahnhof Hillegossen, Blickrichtung Bielefeld

Wir durften sogar über die großen Hebel die Weichen und Signale bedienen, was für S. vermutlich ein Disziplinarverfahren nach sich gezogen hätte, wenn der Chef es mitbekommen hätte. Viel passieren konnte dabei nicht, durch uns wären wohl keine Züge entgleist oder zusammengestoßen, die alte Sicherungstechnik war sehr zu zuverlässig, außerdem achtete er darauf, dass wir alles richtig machten.

U. und ich bereisten viele Bahnstrecken, die von Bielefeld ausgehenden Nebenbahnen nach Lemgo, Osnabrück, Paderborn und Münster, aber auch Strecken weiter weg, vor allem wenn sie kurz vor der Stilllegung standen, einige auch am letzten Betriebstag vor der Betriebseinstellung; die Deutsche Bundesbahn legte in den Achtzigern sehr viele Strecken still. In den Sommerferien kauften wir uns ein Tramper-Monatsticket, mit dem man einen Monat lang innerhalb Deutschlands beliebig viel und weit mit der Bahn fahren konnte. Dabei bereisten wir so manche Strecke, die heute längst von der Karte verschwunden ist und deren Trasse allenfalls noch mit dem Fahrrad befahren werden kann.

Auch die Modelleisenbahn blieb eine meiner liebsten Beschäftigungen: In unserem Garten wuchs die L.G.B.-Bahn mit jedem Meter Gleis, den ich von meinem Taschengeld kaufen konnte, bis sie den Garten ganz umrundete, auch die Zahl der Loks und Wagen wuchs mit jedem Geburtstag und Weihnachten. Als mir mein Patenonkel zur Konfirmation den ersehnten Schienenbus schenkte, war alles andere um mich herum vergessen. Auf unserem Dachboden baute ich an einer großen HO-Bahn, die nach Fahrplan und Fahrdienstvorschrift der Bundesbahn fuhr, so wie wir es in Hillegossen gelernt hatten. Während des Bastelns lief im Radio auf WDR 2 die Sendung „Unterhaltung am Wochenende“, deren Höhepunkt stets die „Kleine Dachkammermusik“ von und mit Hermann Hoffmann war, der sämtliche Rollen – er selbst, seine Frau, Otto de Fries, Pankratius Schräuble, Herr Schlotterbeck und einige andere – sprach.

Schließlich wurde ich Mitglied im Verein Dampf-Kleinbahn Mühlenstroth, der bei Gütersloh eine schmalspurige Museumseisenbahn mit richtigen Dampfloks betrieb (und heute noch betreibt). Dort verbrachte ich jahrelang die meisten Wochenenden, arbeitete mich hoch vom Schaffner bis zum Lokführer. Selten war ich mehr mit Stolz erfüllt als an dem Tag, an dem ich zum ersten Mal eigenverantwortlich eine Dampflok fahren durfte, auch wenn die Dampfkleinbahn nicht viel mehr war als ein großer Schienenkreis um eine Gaststätte, vergleichbar meiner L.G.B.-Bahn, nur im Maßstab 1 : 1.

Der stolze Junglokführer auf seinem Stahlross

Bei aller Bahnbegeisterung entging mir nicht, dass es auch außerhalb des Schienenkreises Interessantes zu erleben und entdecken gab, zum Beispiel im körperlich-zwischenmenschlichen Sektor. So brach langsam die Stimme um eine Oktave nach unten, wie bei den anderen Jungs auch, außer dem bedauernswerten J., der bis zum Abitur kindlich piepste.

Zudem begannen an diversen Stellen Haare zu wachsen, zunächst nur spärlich und im Vergleich zu manchem Mitschüler spät, wie eigene Recherchen in Form diskreter Seitenblicke in der Umkleide vor und nach dem Sport und Schwimmunterricht ergaben. Ich hasste den Schulsport mit zunehmendem Alter immer mehr, vor allem Mannschaftssportarten, insbesondere dann, wenn zur Unterscheidung meine Mannschaft mit freiem Oberkörper spielte. Wiesen andere Jungs bereits beachtliche Muskeln und breite Schultern auf, blieb bei mir zunächst alles schmal und mager. Im zwölften Schuljahr lag die Sportstunde gar im Nachmittag, das hieß, nur für Volley- oder Basketball musste ich nachmittags nochmal los. Absurderweise konnte man – im Gegensatz zu Mathe, Deutsch und Englisch – Sport erst nach dem ersten Halbjahr des dreizehnten Schuljahres abwählen. Zu meiner letzten Sportstunde brachte ich Sekt mit und überreichte dem Sportlehrer, der eigentlich ganz in Ordnung war, einen selbstgeschriebenen Antisporttext:

(Entstanden 1986)

Als ich an dem Tag die Sporthalle verließ, schwor ich mir, nie wieder freiwillig eine zu betreten. (Erst Ende der Neunziger begann ich wieder freiwillig mit Sport, Laufen. Ohne Bälle und Sieg, dafür im Sommer manchmal mit freiem Oberkörper.)

Auch in meinem Gesicht wuchsen zunehmend Haare, die irgendwann so zottig abstanden, dass regelmäßige Rasuren unvermeidbar wurden. Nur den Flaum über der Oberlippe verschonte ich aus unerfindlichen Gründen lange Zeit. Wenn schon keine Bizeps, dann wenigstens einen Bart.

Erstmals entwickelte ich so etwas wie Eitelkeit, jedenfalls meine Frisur betreffend. Bis ungefähr sechzehn war sie mir egal, ich ließ es wachsen, und wenn ich mal zum Friseur ging, sagte ich „nicht so kurz“. So ging es nicht weiter: Ich ließ die Haare kürzer schneiden und versuchte, sie in eine Form zu bringen, wie ich es bei anderen bewunderte, leider zumeist ohne Erfolg, da sie aufgrund einer natürlichen Welle einen schwer zu brechenden eigenen Willen aufwiesen. Auch diverse Produkte wie Gel und Brisk führten nur selten zum gewünschten Ergebnis. Erste sehr viel später wuchs sich dieses Problem aus.

Vorher
Nachher

Ein weiteres körperliches Dauerhadern galt meinen Füßen, die aufgrund familiärer Vererbung sehr krumm und hässlich geraten waren, daher zeigte ich sie höchst ungern öffentlich, etwa in Schwimmbädern. Dass mein Bruder und die meisten Cousins und Cousinen ähnlich ausgestattet waren, tröstete mich nicht, wenn ich auf die makellosen Laufwerke meiner Mitschüler schaute. Zudem rochen sie sehr streng, was wohl daran lag, dass auch in den Achtzigern das tägliche Brausebad in unserem Haushalt noch unüblich war.

Weitere Möglichkeiten, die der eigene Körper bietet, kannte ich zunächst nur aus den begeisterten Berichten von Mitschüler F., mit dem ich kurz zuvor noch Fallgruben im Sandkasten gegraben hatte, und es dauerte noch etwas, bis auch ich selbst verstand, was er meinte. Er hatte nicht zu viel versprochen. Den erhöhten Verbrauch an Papiertaschentüchern versuchte ich so gut es ging vor den Eltern zu verbergen, ich weiß nicht, inwieweit es gelang.

Ab und zu kam es zu gegenseitigen Fummeleien mit anderen Jungs, was laut den Lebensberatungsseiten diverser Zeitschriften (Oma las die Freizeit-, Papa die Neue Revue; zur BRAVO hatte ich nur selten Zugang) in dem Alter ganz normal war und nichts zu bedeuten hatte bezüglich eventueller Präferenzen.

Auch das Verhältnis zum anderen Geschlecht hatte sich seit der Grundschulzeit gewandelt. Mehrere Jungs (einschließlich F.) hatten auf einmal eine Freundin, und auf den Feten tanzten sie mit den Mädchen, wenige Jahre zuvor noch gleichsam andere Wesen, Klammerblues zu El Lute von Boney M. Auch in mir erwachte gewisses Interesse, vielleicht nur halbherzig, mindestens die andere Hälfte schlug immer noch für die Bahn, und das war nicht gerade etwas, womit man zarte Bande knüpfen konnte, nahm ich an. Außerdem, welches Mädchen wollte schon mit so einem mageren Hänfling wie mir etwas anfangen. Es gab durchaus ein paar Mädchen, derer näherer Bekanntschaft ich nicht abgeneigt gewesen wäre – A., die Tochter des Pfarrers unserer Gemeinde, später S. von meiner Schule und ein paar andere, auch wenn ich im Ernstfall nicht gewusst hätte, wie ich Bahn und Beziehung hätte vereinbaren können.

Daher trank ich auf den Feten lieber Alkohol, und das nicht zu knapp. Ab der Oberstufe feierte an fast jedem Wochenende irgendwer, ein wesentlicher Inhalt dieser Feten war es, möglichst viel Bier, Apfelkorn und andere fruchthaltige Spirituosen aus dem Hause Berentzen zu verzehren. Oder wir trafen uns zu viert bei R., der schon eine eigene Wohnung im Haus seiner Eltern hatte, wo wir uns mit Fünfliter-Partyfässern und Sekt die Zeit vertrieben. Mehr als einmal konnte ich mich am nächsten Tag nicht mehr an alle Details erinnern, vor allem wie ich nach Hause gekommen bin, während ich mich im Halbstundentakt bis in den Nachmittag hinein erbrach. „Geysirtag“ nannte ich diese Tage, an denen ich mir fest vornahm, künftig weniger zu trinken. Bis zum nächsten Wochenende. Gerne waren wir auch zu Gast beim Griechen kurz vor Oldentrup, wo wir fast in die Familie integriert waren und wo es selten bei nur einem Bier und einem Ouzo blieb.

Mit siebzehn begann ich mit dem Rauchen. Allerdings nicht Zigaretten, sondern Zigarillos. Das erschien mir zum einen etwas extravaganter, zum anderen glaubte ich, da man sie nicht inhalierte, wären sie weniger gesundheitsschädlich. (Erst mit vierzig stieg ich auf Zigaretten um, dazu kommen wir in den Zweitausendern.) In den Achtzigern war es selbstverständlich, auch in Gaststätten und Restaurants zu rauchen, wobei meine Zigarillos die Luft erheblich verpesteten.

Ein eher dunkles Kapitel war die Tanzschule, zu der ich von meinen Eltern gedrängt wurde, weil fast alle Freunde auch dorthin gingen. Jeden Samstag. Ich hasste es aus tiefstem Herzen, hatte weder Lust, ein Mädchen zum Tanzen auffordern, noch konnte und wollte ich die zu erlernenden Tanzschritte und Bewegungsabfolgen verinnerlichen. Das muss ziemlich komisch ausgesehen haben. Nach dem Grundkurs war damit Schluss für mich, die Freunde machten noch weiter. Am Abend des Abschlussballs beschloss ich, nie wieder eine Tanzschule zu betreten, wenige Wochen später trat ich dem Dampfkleinbahnverein bei, der mich fortan samstags gut beschäftigte.

Und dann war da noch dieser gewisse Punkt, der immer wieder aufleuchtete, anfangs nur schwach. Etwas heller strahlte er, wenn ich in der Schule P. sah, zwei Jahrgangsstufen unter mir, von dem etwas ausging, das mich in seltsamer Weise faszinierte und nicht sein konnte, nicht sein durfte. Auch nachmittags nach der Schule, am Wochenende und in den Ferien ging er mir nicht aus dem Kopf. Was mochte er jetzt gerade tun? Hatte er eine Freundin? Welch unschöner Gedanke. Ich erhöhte meine Aktivität bei der Dampfkleinbahn.

Erst Jahre später, 1989, kam ich zu der Erkenntnis, dass meine Beziehung zum anderen Geschlecht allenfalls auf freundschaftlicher Basis fußen konnte, was weder Eltern noch Kollegen erfahren durften, am wenigsten mein Vater. Und noch viel später hatte ich zum ersten Mal einen Freund, das erzähle ich Ihnen in den Neunzigern.

Ich begann, regelmäßig Tagebuch zu schreiben, bis heute. Zur Vermeidung unerwünschter Mitleser brachte ich mir selbst die deutsche Schreib- oder Sütterlinschrift bei, mit Hilfe des Mathebuchs. Es gab dort im Kapitel Vektorrechnung eine Gegenüberstellung aller Buchstaben in deutscher und arabischer Schreibweise, weil Vektoren mit deutschen Buchstaben bezeichnet werden. Schon damals hatte ich keine Ahnung, wozu man Vektorrechnung braucht, aber das galt ja für das meiste, was man auf dem Gymnasium lernen musste.

Neben dem Tagebuch schrieb ich auch andere kürzere Texte, siehe oben den Sporttext, inspiriert durch die Lektüre von Ephraim Kishon. Zunächst schrieb ich sie mit der Hand vor, dann tippte ich sie mit der Schreibmaschine ab. Da es noch kein Internet und Blog gab, machte ich damit nichts weiter und gab die Schreiberei bald wieder für längere Zeit auf.

Auch in modischer Hinsicht vollzog ich Mitte der Achtziger einen Wandel: Statt Jeans nur noch Baumwollhosen mit Bundfalte, bevorzugt in schwarz oder grau, dazu überwiegend schwarze Jacken und weiße Turnschuhe. Später wurde die Oberbekleidung zeittypisch bunter: Die Fernsehserie „Miami Vice“ inspirierte uns, nun Jacket mit Schulterpolstern zu tragen, gerne auch in bunt kariert. Erst viel später kaufte ich mir erstmals wieder Jeans.

Mit siebzehn begann ich, das Führen eines Kraftfahrzeuges zu erlernen. Dabei legte ich kein großes Geschick an den Tag, auf dem Fahrersitz fühlte ich mich nicht besonders wohl, woran sich bis heute nicht viel geändert hat. Die Nachricht vom Tod meines ersten Fahrlehrers kam überraschend, wobei ich jeden mittelbaren oder unmittelbaren Zusammenhang mit meiner Fahrstunde, die wenige Stunden vor seinem Ableben stattgefunden hatte, ausschließe. Immerhin bestand ich die Führerscheinprüfung auf Anhieb, konnte mich jedoch nicht erinnern, jemals zuvor derart nervös gewesen zu sein wie am Tag der praktischen Prüfung. Und derart erleichtert, als mir der freundliche Herr vom TÜV den grauen Führerschein aushändigte, damals zurecht als „Lappen“ bezeichnet.

Führerscheinfoto

Die erste Praxis erfuhr ich mit dem Auto meiner Eltern, einem roten VW-Derby, der mit seinen sechzig PS ganz gut beschleunigte. Es dauerte einige Zeit, bis ich ihn alleine ohne väter- oder brüderliche Begleitung fahren durfte, von da an fuhr ich ihn sogar recht gerne. Ich mochte den Wagen sehr und es tat mir leid, als wir uns Jahre später trennten, weil er erheblich in die Jahre gekommen war und sein Motor nur noch widerwillig ansprang.

Mein roter Blitz

Nach dem Abitur, das ich ohne größere Anstrengung einigermaßen hinbekam, fiel ich in ein soziales Loch: Die Wege trennten sich, viele meiner Mitschüler und Freunde gingen zur Bundeswehr (die mir aufgrund glücklicher Umstände erspart blieb), machten Zivildienst oder verließen Bielefeld zum Studium oder zur Berufsausbildung. Und ich sah P. nicht mehr täglich, schlimmer: gar nicht mehr. Ab und zu, immer seltener gab noch mal einer eine Fete, wo man sich sah, aber das war nicht mehr dasselbe wie früher, weil die meisten über ihre Bundeswehrerlebnisse berichteten.

Im September nach dem Abitur begann ich die Ausbildung bei der Post. Mein Berufswunsch aufgrund eines schon frühen Sicherheitsbestrebens war Beamter, daher hatte ich mich zuvor bei mehreren Behörden beworben. Mein Wunsch-Arbeitgeber, die Bundesbahn, war leider nicht an einer Zusammenarbeit interessiert, daher freute ich mich sehr über die Zusage des anderen Staatsunternehmens, wenn auch zunächst nur in der mittleren Beamtenlaufbahn, durch mein Abitur hätte ich eigentlich Zugang zum gehobenen Dienst gehabt. Aber egal – ich fühlte mich bei der Post gut aufgehoben und identifizierte mich sehr mit dem Unternehmen: Die Dienstkleidung mit dem gelben Horn auf dem Ärmel trug ich gerne, und wenn ich irgendwo im kleinsten Dorf das gelbe, rot umrandete Behördenschild mit dem Bundesadler und dem Wort POST darunter sah, erfüllte es mich mit gewissem Stolz. Daran änderte sich nach bestandener Laufbahnprüfung nichts, trotz recht kargem Gehalt blieb ich Postler mit Leib und Seele.

Nicht nur in meiner kleinen, auch in der großen Welt fanden die Achtziger statt:

Helmut Kohl wurde Bundeskanzler und blieb es für sehr lange Zeit. So bestimmte er nicht nur die Richtlinien der Politik, sondern nahm im Laufe der Jahre an Körpervolumen erheblich zu, was ihm den despektierlichen Beinamen „Birne“ einbrachte. Auch sonst versorgte er viele Kabarettisten zuverlässig mit Material für ihre Bühnenprogramme.

Ende April 1986 explodierte in Tschernobyl ein Atomreaktor. Mit Wind und Wolken erreichte die Katastrophe bald auch uns: Vor dem Verzehr von Wild und Pilzen wurde abgeraten, und sobald ein paar Regentropfen fielen, suchten wir schnell einen Unterstand als Schutz vor der Gefahr, die wir weder sehen noch riechen konnten.

Atomare Gefahr drohte auch in Form von Raketen und Bomben, mit denen sich USA und UdSSR gegenseitig ihre militärische Stärke versicherten, die allgemeine Angst vor dem alles auslöschenden Atomkrieg wuchs. Zur gleichen Zeit starben durch sauren Regen aufgrund zunehmender Umweltverschmutzung immer mehr Bäume, das Wort „Waldsterben“ wurde zu einem der großen Themen der Zeit. Hieraus entstand eine breite Friedens- und Umweltbewegung mit zum Teil skurrilen Erscheinungsformen. Auch in meinem Freundes- und Bekanntenkreis kleideten sich Männer plötzlich in farbigen Latzhosen und ließen sich Haare und Bärte lang wachsen. Und die Partei „Die Grünen“ zog in den Bundestag ein.

Kurz vor Ende der Achtziger lösten sich die DDR und der Ostblock auf, im November 1989 fiel die Berliner Mauer und kurz darauf die innerdeutsche Grenze. Noch heute bekomme ich feuchte Augen, wenn ich die Fernsehbilder vom Abend der Maueröffnung sehe, die unfassbare Freude in den Gesichtern der Menschen, die von einem Tag auf den anderen frei waren und reisen durften, wann und wohin sie wollten. Dass diese Wende nicht nur die von Helmut Kohl in Aussicht gestellten „blühenden Landschaften“, sondern auch zahlreiche Verlierer vor allem im Osten mit sich brachte, wurde erst später deutlich.

Ein Rückblick auf die Achtziger erfordert zwingend eine Betrachtung der damaligen Musik, von der Neuen Deutschen Welle bis Modern Talking. Zahlreiche Musikkassetten wurden gefüllt während verschiedener Hitparaden im Radio, immer mit der Hand am Aufnahmeknopf des Kassettenrekorders, bis der blöde Moderator ins Lied reinquatschte. Hier eine unvollständige Aufzählung der für mich bedeutendsten Interpreten, deren Musik ich heute noch gerne höre: Electric Light Orchestra, Pet Shop Boys, Nik Kershaw, Tears For Fears, Wham, Madonna, Duran Duran, A-ha, Traveling Wilburys.

Weiterhin ein kurzer Rückblick auf das Fernsehprogramm: Neben dem schon erwähnten Miami Vice schauten wir Dallas, Falcon Crest, Denver Clan, Der Fahnder (meine erste Begegnung mit Altoids-Pfefferminzbonbons), Alf, und Formel Eins, wo erstmals Musikvideos zu sehen waren.

Zum Schluss sei noch ein Gegenstand besungen, der wohl wie kaum etwas anderes als Symbol für die Achtziger steht: Rubiks Cube, der Zauberwürfel. Jeder musste ihn haben, deshalb war das Original bald ausverkauft. Für manchen war er eher ein Zauderwürfel, weil er ohne Anleitung kaum zu ordnen war, ohne ihn zu zerlegen und nach Farben wieder zusammenzusetzen. Nachdem der SPIEGEL eine Anleitung veröffentlicht hatte, konnte auch ich ihn lösen, bald auch ohne Anleitung. Ob ich das heute auch noch kann, muss ich mal ausprobieren, er liegt noch hinter mir im Regal.

Woche 25/2022: Perfekter Service, unaufgeregter Regen und haarige Männerbeine

Montag: Der erste Tag der zweiten Urlaubswoche begann mit einem guten Frühstück. Wir sind in Beaune (Burgund) in einem sehr guten Hotel. Zu loben ist (neben den ausreichend dimensionierten Saftgläsern) die Frühstückszeit bis elf Uhr; vergangene Woche auf dem Schiff mussten wir bis neun am Platz sein, was täglich ein unurlaubshaftes Frühaufstehen erforderte. Daran gewöhnt, war ich auch heute bereits um sieben wach und hätte erforderlichenfalls aufstehen können. Mangels Erfordernis blieb ich liegen, schlief nochmal ein und träumte, ich führte ein Privatgespräch mit Angela Merkel. Sie war sehr sympathisch, wir verstanden uns bestens. Keine Sorge, es geht mir gut.

Nach dem Frühstück fuhren wir durch die Umgebung. Es ist immer noch heiß, wenngleich etwas weniger als die Tage zuvor.

Das Burgund ist bekannt für seinen Drogenanbau im höheren Preissegment.
La Rochepot
Chagny

Während der Fahrens sahen wir immer wieder regionaltypisch helle Rinder, die augenscheinlich zufrieden grasten oder sich im Schatten der Bäume niedergelassen hatten. Eigentlich hat es so ein Rind gut: Es sorgt sich nicht um morgen, Klima, Krieg und Corona, was ziehe ich an, hat stets zu fressen, und zu gegebener Zeit wird es nach letaler Entnahme zu Rumpsteak, Kotelett und anderen Leckereien verarbeitet, wohingegen wir nach Ende der Laufzeit nutzlos vergraben oder verbrannt, bestenfalls kompostiert werden.

Dienstag: Der Tag begann trübe und deutlich kühler. Morgens regnete es leicht, was uns nicht davon abhielt, (als einzige) das Frühstück beschirmt auf der Hotelterrasse einzunehmen. Wenn man hier ein gekochtes Ei essen möchte, bereitet man es sich selbst zu. Dazu steht ein Behälter mit kochendem Wasser bereit. Das rohe Ei legt man in eine farbig markierte Haltevorrichtung, die an den Behälterrand gehängt wird, auf dass wallendes Wasser das Ei garend umspüle. Zur Kontrolle der Kochzeit dienen Sanduhren mit drei, vier und fünf Minuten Rieseldauer. Die von mir gewählten vier Minuten erwiesen sich als zu kurz, nach dem Köpfen war das Ei innen noch sehr flüssig. Morgen versuche ich sechs Minuten nach Armbanduhr, vielleicht auch sieben, ich habe ja Zeit.

Pünktlich zum Mittag, als wir zu einer weiteren Tour in die Umgebung aufbrachen, brachen auch die Wolken auf und die Hitze kehrte zurück. Daher sah ich bei der Einkehr am Nachmittag in Nuits-Saint-Georges zunächst davon ab, einen Rosé zu bestellen.

Sonnenbrillen sind albern.

Mittwoch: Das Frühstücksei war perfekt. Seine Zubereitung indes mysteriös: Wie geplant hängte ich es in den Behälter mit kochendem Wasser, um es sieben Minuten später herauszuholen. Irgendwann brachte mir die Bedienung unaufgefordert ein gekochtes Ei an den Tisch. Ob es das von mir zuvor eingehängte war, weiß ich nicht, und woher sie von meinem Siebenminuteneiwunsch wusste blieb ihr Geheimnis. Wie auch immer – so geht perfekter Service.

Vormittags verließen wir Beaune mit Ziel Arbois im Jura, wo der Liebste Unterkunft außerhalb des Ortes gebucht hat. Uns wurde eine Suite zugewiesen mit einem Sprudelbecken für zwei Personen im Schlafzimmer, von dem wir aus Gründen der Ressourcenschonung jedoch keinen Gebrauch machten.

Allee bei Chaussin, etwas nachbearbeitet

Bei Ankunft gab es ein Gewitter, das in angemessenem Abstand an uns vorbeizog, wohingegen es in der Gegend um Beaune ziemlich heftig gewütet haben muss.

Das Hotel am nächsten Tag, ohne Gewitter

Direkt unter unserem Balkon rauscht ein kleiner Wasserfall. Inwieweit er die Nachtruhe beeinträchtigt, wird sich zeigen. Zur Not haben wir noch die Ohrstöpsel vom Schiff.

Donnerstag: Ohrstöpsel waren nicht erforderlich. Das Zimmer ist nach außen gut schallisoliert.

Vormittags, als die Sonne noch nicht allzu sehr stach, machten wir einen Rundgang durch die örtlichen Fluren, vorbei an einem weiteren Wasserfall. Nachmittags unternahmen wir eine Ausfahrt in die Umgebung mit Weinkauf. Auch hier im Jura gibt es gute Weine, wobei manche durch ihre Sherry-Note zunächst gewöhnungsbedürftig sind.

Bei Les Planches-près-Abois

Auf dem Rückweg machten wir Halt in einem Supermarkt, um uns einen Überblick über das lokale Schaumweinangebot zu verschaffen. Während des Schauens räumte ein offenbar gut gelaunter Angestellter Weinflaschen von einer Palette in die Regale, dabei pfiff er „Désormais“ von Charles Aznavour und verschaffte mir so für den Rest des Tages einen durchaus angenehmen Ohrwurm.

Jetzt, da ich dieses notiere, sitze ich auf dem Balkon, unter mir rauscht der Hauswasserfall, aus Südwesten grollt das nächste Gewitter heran. So könnte ich Tage, Wochen verbringen: sitzen, schauen, lesen, etwas schreiben. Gerne auch ohne Gewitter.

Freitag: Morgens regnete es. Als wollte das Wetter uns den Abschied zur Abreise leichter machen. Wobei ich Regen ja grundsätzlich mag, in Maßen, versteht sich, nicht in verheerenden Sturzfluten. Dieser war guter Regen, unaufgeregt fiel er senkrecht zu Boden, ohne Böen, Hagel, Blitz und Donner. Beim Frühstück hätte ich gerne noch länger zugeschaut, wie vor dem Fenster dicke Tropfen im Gewässer unterhalb des kleinen Wasserfalls Blasen schlugen. Aber wir mussten los, wenn es am schönsten ist, Sie wissen schon.

Unaufgeregter Regen

Der Regen blieb während der Fahrt ständiger Begleiter, mal als graue Front in der Ferne, mal waren wir mittendrin und zuckelten aus Sicherheitsgründen langsam hinter Lastwagen her, warum nicht, wir hatten es nicht eilig. Die Welt wäre wohl friedlicher, nähmen wir Menschen es gelassener hin, dass Dinge so lange dauern, wie sie eben dauern.

Aufgeregter Regen

Dann meldete das Auto auch noch Öldurst, der an der nächsten Raststätte gestillt wurde.

Samstag: Zu Hause ist es auch schön. Spätestens nach der ersten Nacht im eigenen Bett, der ersten Sitzung auf heimischer Brille wird dies immer wieder deutlich.

Besorgungen ließen mich die menschengefüllte Fußgängerzone aufsuchen. Im Vorbeigehen sah ich aus den Augenwinkeln einen jungen Mann am Straßenrand sitzen, vor sich drei Becher mit Schildern, die ich erst richtig wahrnahm, als ich schon dran vorbei war; die visuelle Wahrnehmung benötigte wohl ein paar Sekunden, bis sie in den zuständigen Hirnwindungen angekommen war. Auf den drei Schildern stand: „LSD“, „Bier“ und noch was anderes, vielleicht „Tabak“, ich wollte nicht nochmal zurück gehen. Auch weiß ich nicht, ob hierdurch die Spendenbereitschaft der Vorbeigehenden positiv beeinflusst wurde.

Im Übrigen habe ich den subjektiven Eindruck, der Anteil der Gehenden, die ihr Umfeld ausschließlich über das Display ihres Datengerätes wahrnehmen, ist nochmals angestiegen.

Sonntag: Unter der Überschrift „Das nervt uns im Sommer“ beklagt die Sonntagszeitung neben anderem behaarte Männerwaden in kurzen Hosen. »Shorts lassen erwachsene Männer wie Kinder wirken. Verschwitzte, behaarte Unterschenkel sind unappetitlich. Vor allem aber lassen sie jedwede Eleganz vermissen«, so der vermutlich männliche Verfasser, ganz klar ist das nicht erkennbar. Als Alternative rät er, einen langen Rock zu tragen. Mit Verlaub – das ist so ziemlich das Dümmste, was ich seit langem gelesen habe. Was ist lächerlicher, deprimierender anzusehen als rasierte Jungsbeine, womöglich noch tätowiert? Und über Männer in Röcken möchte ich mich lieber nicht äußern. Deshalb für alle, die es ähnlich sehen, dieses:

Archivbild aus dem vergangenen Jahr

Was wirklich nervt: Wenn man mich, wie jetzt geschehen, „Liebe:r Carsten“ anschreibt.

Auch aus der Sonntagszeitung:

F.A.S. vom 26.6.2022

Ich verstehe die Frage nicht.

Gesehen am Wegesrand während des Spaziergangs; wieder so etwas, wo ich gerne die Geschichte dahinter wüsste:

Bonn, Friedrichstraße

***

Das war es mal wieder mit dem Urlaub. Die Vorfreude auf die Werktätigkeit ab morgen hält sich in Grenzen, aber das kommt bestimmt noch. Kommen Sie gut durch die Woche!

Woche 24/2022: Hinsetzen und Köpfe runter

Montag: Bevor Sie zu lesen beginnen, klicken Sie bitte hier, ich erkläre Ihnen später, warum. Während des Lesens einfach laufen lassen…

Ein kleiner Nachtrag zu gestern, so ein Urlaub bringt den gewohnten Blogrythmus ganz durcheinander. Kurz nach dem Ablegen unseres Schiffes in Lyon begann das Abendessen. Beim Passieren des Musée des Confluences, ein sehr beeindruckendes Gebäude, vernahm ich am Tisch nebenan diesen Dialog: „Was ist denn das?“ – „Weiß ich nicht. Ich schau mal. (schaut im Datengerät) Ein Museum … Confluence. Was heißt denn das?“ – „Gesundheit.“

Das Musée des Confluences in Lyon

Nach dem Essen fuhren wir durch die Dämmung über die Saône in Richtung Tournus.

Vor Neuville-sur-Saône

Besonders gut schlief ich in der ersten Nacht an Bord nicht, so ein Schiff macht ja immer Geräusche. Daran muss ich mich noch gewöhnen. Wird schon.

Morgens erwachten wir nach nächtlicher Fahrt in Tournus, wo wir uns eine romanische Abtei anschauten. Am Mittag ging es weiter nach Chalon-sur-Saône, deshalb musste ich die Schreiberei unterbrechen und mich dem kuckenden Nichtstun hingeben.

Tournus, kurz nach dem Ablegen

Nach Ankunft in Chalon-sur-Saône besichtigten wir eine Kathedrale, somit ist mein Tagesbedarf an Kirchenkucken gedeckt. Außerdem kann man hier Platten kaufen, nur heute nicht, weil montags fast alle Geschäfte geschlossen sind.

Chalon-sur-Saône

Abends ging weiter nach …

Dienstag: … Trevaux, immer noch an der Saône, wo wir nach gut durchschlafener Nacht erwachten. Langsam gewöhne ich mich an die nächtlichen Schiffsgeräusche, auch dank der Ohrstöpsel, die uns die freundliche Rezeptionistin gegeben hat.

MS Annabelle am Anleger von Trevaux

Die Reiseleitung wünscht einen aufregenden Tag. Das muss nun wirklich nicht sein. Weiterhin das offizielle Ausflugsangebot ignorierend gingen wir nach dem Frühstück durch den Ort, wo wir uns, Sie ahnen es, eine (hier nicht ganz so) alte Kirche anschauten. Nicht weil wir so religiös wären, vielmehr weil der Liebste sich dafür in geschichtlicher wie (er-)baulicher Hinsicht interessiert. Seine Erläuterungen nehme ich stets mit Interesse zur Kenntnis, auch wenn ich mir nicht alle Details merken kann. Beeindruckend sind die Kirchen allemal, vor allem wenn man bedenkt, welche technischen Hilfsmittel einst bei ihrer Errichtung zur Verfügung standen.

Die Weiterfahrt am Abend führte durch Lyon, was sehr beeindruckend war.

„Only Lyon“ – nahezu genial.

Mittwoch: Nach angenehmer Nachtruhe standen wir vor der defekten Schleuse von Gervans, die wir bereits Stunden zuvor hätten passieren müssen, wie die Reiseleiterin per Durchsage erklärte. Zum Frühstück war die Schleusenschwäche offenbar behoben und mit mehrstündiger Verspätung ging es, ohne den vorgesehenen Halt in Le Pouzin, direkt weiter nach Viviers, wo statt eines längeren Aufenthaltes nur kurz die Landausflügler auf ihre Busse verteilt wurden, somit blieben örtliche Kirchen unbesichtigt. Ich stelle mir den Wirbel vor, den so eine schleusenstörungsbedingte Programmänderung für die Reiseleitung mit sich bringt: Busse umdisponieren, Telefonate, Erklärungen, Beschimpfungen, Tränen vielleicht. Die Stimmung an Bord blieb indessen fröhlich, und auf unsere Untätigkeit, die den weitgehenden Verzicht auf das angebotene Landausflugsprogramm mit einschließt, hatte die Änderung ohnehin keinen Einfluss.

Im Übrigen sind auch die Schleusenanlagen an der Rhone mit einem Höhenausgleich von bis zu zwanzig Metern sehr beeindruckend.

Schleuse Châteauneuf-du-Rhône, Richtung Süden
Schleuse bei Bollène, Richtung Norden

Ein gewisses Problem stellen die zahlreichen sehr niedrigen Brücken dar, die oft mit nur wenigen Zentimetern Abstand über das Deck fegen. Dadurch ist das obere, größere Sonnendeck die meiste Zeit gesperrt, das untere entsprechend belegt und unbeschirmt, dann heißt es „Hinsetzen und Köpfe runter“. Ich zeige Ihnen das mal:

Bei La Garde-Adhémar

Donnerstag: Südlicher Endpunkt der Reise war Tarascon, das wir in den frühen Morgenstunden erreichten, nach meinem Empfinden ein verkehrslauter, leicht schmuddeliger Ort. Der Legende nach ernährte sich hier einst ein in der Rhône wohnender Drache von Menschen, dem trotz aller Mühen nicht beizukommen war. Erst der Heiligen Martha gelang es mit Hilfe von Weihwasser, Rhônny (den Namen habe ich mir gerade ausgedacht) zu besiegen. Ihr zu Ehren wurde später – Sie ahnen es – eine Kirche erbaut (die wir uns selbstverständlich angeschaut haben), was mal wieder deutlich macht, die Menschen waren früher schon bekloppt, nur anders.

Die heutige Beklopptheit wird in einer Zeitungsmeldung deutlich, wonach in der Schweiz fünfundfünfzig Menschen mit zum Teil schweren Verbrennungen behandelt werden mussten, nachdem sie über glühende Kohlen gelaufen waren.

Es ist warm. Sehr warm. Während an Bord und in den Blogs ob der Hitze gestöhnt wird, dreht uns Herr Putin langsam den Gashahn zu. Dann wird es irgendwann kalt, daher warte ich noch mit Stöhnen.

In Frankreich wird wieder gewählt, wobei die Tierischen den sympathischsten Kandidaten haben.

Tarascon

Freitag: In der ersten Tageshälfte nahmen wir am für uns ersten und einzigen Busausflug teil Richtung Luberon mit Zwischenhalten in Gordes, Abbaye de Sénanque und Roussillon teil. Das erforderte ein zeitiges Aufstehen zur Unzeit, hat sich aber gelohnt.

Gordes
Abbaye de Sénanque (Pfeil)
Roussillon

In der Reisegruppe kam leichter Unmut auf, weil der besichtigte Lavendel nicht die farbliche Intensität aufwies, wie sie es von den Postkarten her kennen. Oder so, wie wir ihn vor etwa vier Jahren nördlich von Aurel antrafen:

Archivbild

Ansonsten lagen wir vor Avignon und sahen zugunsten eines Mittagsschlafes von einem Gang durch die Stadt ab, zumal wir sie aus früheren Urlauben bereits kennen und es viel zu heiß für Spaziergänge ist.

Hätte ich Talent zum Romaneschreiben, ließe ich einen vielleicht so beginnen: „Als er aus dem Mittagsschlaf erwachte, war die Welt zu einer anderen geworden.“ Leider habe ich keins. Stattdessen schaute ich nach dem Erwachen durch das Fenster unserer klimatisierten Kabine dem inzwischen aufgekommenen Mistral beim Föhnen zu.

Für den „Kapitän‘s – Cocktail“ (genauso geschrieben) am Abend empfiehlt die Reiseleitung Bekleidung in „leichter Eleganz“. Ich wählte Socken und Unterhose in gedeckten Farben.

Samstag: Aus dem Bordquiz: „Wer oder was brachte in früherer Zeit Kapitäne auf den richtigen Kurs? a) Erosschwestern, b) Amorcousinen, c) Sextanten“ – Humor, den ich mag.

Nach einem kurzen Zwischenhalt am Nachmittag in Vienne ging es weiter nach Lyon, wo die Reise am vergangenen Sonntag begann und heute am frühen Abend endete. Noch eine Übernachtung auf dem Schiff, morgen früh geht es von Bord.

Über die Mitreisenden kann ich nichts Böses schreiben. Wie erwartet lag der Altersdurchschnitt etwa im Herbst des Lebens, die völlige Abwesenheit von Kindern empfand ich persönlich als angenehm, man möge es mir verzeihen. Soweit ich es mitbekommen habe überwiegend verträgliche Menschen, keine Hobbynörgler und Berufsbeschwerdeführer. Gut, der eine erschien nicht so sympathisch, mit der anderen wechselte man lieber ein paar Worte, sofern man nicht wie ich eine grundsätzliche Abneigung gegen Gespräche mit fremden Menschen hat. Beim Frühstücksbüffet (mit ausreichend großen Saftgläsern) kein Gedränge, und trotz des brückenbedingt die meiste Zeit gesperrten Oberdecks fand sich auf dem vorderen Deck immer ein Platz, wenn man wollte.

Meine besondere Bewunderung gilt dem Servicepersonal an Bord. Überwiegend junge Leute aus Osteuropa, die uns von morgens bis abends bekochten, bedienten und das Zimmer reinigten, sich dabei Zeit für Details nahmen:

Das möchte ich zu Hause künftig auch so haben.

Trotz nicht perfekter Deutschkenntnisse fühlten wir uns von ihnen gut umsorgt. Was nehmen sie dabei auf sich: Sie sind wochen-, vielleicht monatelang an Bord, wohnen im Unterdeck in Doppelzimmern, haben zwischendurch keinen freien Tag, höchstens mal ein paar Stunden, wenn die Touristen mit Bussen ihre Landausflüge machen. Keine Zeit für sich alleine, für mich eine schreckliche Vorstellung; sie dürfen keinen schlechten Tag haben, wenn doch, dürfen sie es nicht zeigen. Wenn wir morgen früh das Schiff verlassen, bereiten sie schon wieder alles vor für die neuen Gäste, die nachmittags eintreffen. Und sie müssen sich ständig dieses Lied anhören, das ich Ihnen am Montag nahelegte, jedesmal, wenn das Schiff irgendwo ablegt. Aber vielleicht ist das so ähnlich wie wenn man an einer Bahnlinie wohnt: Irgendwann hat man sich daran gewöhnt und hört es nicht mehr. Das ist ihnen zu wünschen.

Sonntag: Am Morgen gingen wir planmäßig von Bord. Für Ausschiffungen ganz anderer Art stehen am Rhôneufer in Lyon Erleichterungsvorrichtungen für die Dame und den Herrn bereit.

Bitte nehmen Sie sich ein wenig Zeit, die Beschriftung der Damenzelle genauer zu betrachten.

Zurück fuhren wir über Land bis Beaune mit Zwischenhalten in Cluny, wo die Reste einer ehemals riesigen Abtei besichtigt wurden, und Paray-le-Monial, wo wir beinahe eine Kirche angesehen hätten, wenn sie nicht gerade in Verwendung gewesen wäre.

Auf dem weiteren Weg sprang dieser schöne Trafoturm ins Bild, der sogleich Eingang in meine Sammlung fand:

Bei Charmoy

Nach Ankunft in Beaune am späten Nachmittag holten wir als erstes die in der letzten Woche vergessene Kulturtasche ab, die das Hotel freundlicherweise aufbewahrt hatte. Alles wird gut.

***

Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche.

Woche 23/2022: Nur der Monobloc-Stuhl wird überleben

Montag: Alles Gute kommt von oben, auch und gerade zu Pfingsten. Heute bin ich zweimal nass geworden: Das erst Mal beim Frühstück auf dem Balkon; mein Vorschlag, es nach innen zu verlagern, wurde mit der Begründung „Das hört gleich auf“ abgelehnt.

Das zweite Mal, als ich ohne Schirm den Gang zum Altglascontainer mit einem längeren Spaziergang verband. Ich weiß, an Feiertagen soll man nichts in Altglascontainer werfen, jedoch ließ genussförderndes Treiben über das Pfingstwochenende den Gang heute unausweichlich erscheinen.

Den weiteren Nachmittag verbrachte ich schreibend auf dem Balkon, wo ich nur knapp einem feigen Anschlag von oben entging.

Dienstag: Wenn der Montag auf einen Dienstag fällt, ist die Arbeitsunlust oft besonders ausgeprägt.

„Schon gechattet, geteilt oder geliked?“, fragt eine werksinterne, mich duzende Seite. Ich bin zu alt für solchen Quatsch.

Ziemlich unerträglich finde ich auch diese gestellten Meeting-Fotos, zumeist in werblichen Zusammenhängen. Die Runde besteht zumeist aus einem jungen Mann mit Dreitagebart, einer mittelalten Frau mit strenger Pferdezopffrisur, einem grauhaarigen Mann im Anzug, einer Asiatin im Kostüm und einem Dunkelhäutigen im Polohemd. Entweder schauen alle auf ein Flipchart, an dem einer von ihnen eine wirre Grafik mit ansteigender Kurve präsentiert, oder sie schauen gemeinsam auf den Monitor eines aufgeklappten Rechners, auf den jemand zeigt. Das Unerträgliche daran ist dieses künstliche, zähnefletschende Plakatgrinsen, das sie alle aufgesetzt haben. Haben Sie jemals eine derartige Besprechungssituation erlebt? Ich wüsste gar nicht, wie ich mich da verhalten sollte.

Mittwoch: Eine größere Teams-Besprechung begann, da sich nicht alle kannten, mit einer Vorstellungsrunde. Die mir bis dahin unbekannte Einladerin eröffnete die Runde mit der Einladung „gerne per du“, der sich im Folgenden, vielleicht aus Überzeugung, vielleicht wegen Gruppenzwang, alle anschlossen. Bis auf einen. Sie ahnen vielleicht, wer. Es widerstrebt mir zunehmend, mich im beruflichen Umfeld mit Leuten zu duzen, mit denen ich zuvor nichts zu tun hatte, da bin ich altmodisch.

(Auch hier im Blog sieze ich die Leser konsequent, was allerdings als reines Kunstsiezen aus stilistischen Erwägungen zu verstehen ist, gleichsam das umgekehrte Äquivalent zum Seminar-Du. Sie dürfen mich gerne duzen, wenn es sein muss.)

Apropos altmodisch: Für wie bemerkenswert-originell halten sich eigentlich Leute, die Dinge als „Mainstream“ bezeichnen? Dies fragte ich mich beim abendlichen Bloglesen.

»Es sind immer auch die äußeren Umstände, die darüber entscheiden, ob jemand als normal gilt oder nicht«, schrieb Jörg Scheller in der aktuellen PSYCHOLOGIE HEUTE.

Donnerstag: Morgens wachte ich bereits gegen fünf auf und schlief nicht wieder ein. Kurz darauf setzte stärkerer Regen ein, dem zu lauschen sehr schön war. Er hörte rechtzeitig wieder auf, daher konnte später der Weg ins Werk und noch später wieder zurück trockenen Fußes erfolgen. Das war auch schön.

Komische Vögel am Wegesrand, nicht nur hier, sondern in identischer Form und anderen Farben auch an anderen Stellen. Weiß jemand, was es damit auf sich hat?
Ein Urlaubsvorfreude auslösender Anblick

Wie mir nachmittags das Fensterchen auf dem Bildschirm unten rechts anzeigte, versuchte einer, mich in eine laufende Teams-Besprechung zu holen. Neben der gestern beklagten Duznötigung empfinde ich es als ungehörig, jemanden ungefragt in eine diskutierende Runde zu ziehen und dann von ihm unvorbereitet Rede und Antwort zu erwarten. Denken Sie sich daher ein virtuelles Stinkefingerchen, während ich die Benachrichtigung zur Kenntnis nahm; selbstverständlich schlug ich die Einladung aus und widmete mich weiter der Lektüre des Pressespiegels.

Freitag: Heute wird ein allgegenwärtiger Designklassiker fünfzig Jahre alt: Herzlichen Glückwunsch, Monobloc-Stuhl!

Vermutlich wird es ihn auch noch in fünfzig Jahren geben, falls dann noch Sitzbedarf besteht.

Von der heutigen Wikipedia-Startseite über den Niedergang Grönländische Siedler vor etwa fünfhundert Jahren: »Wahr­schein­lich ist aus heuti­ger Sicht eine Kombi­nation verschie­dener ungüns­tiger Fakto­ren, deren Zusammen­wirken die dama­lige Gesell­schaft so destabi­lisierte, dass ihr Über­leben nach dem 15. Jahrhundert nicht mehr gesichert war.« Wer weiß, vielleicht trifft das dereinst auch für unsere Zivilisation zu. Nur der Monobloc-Stuhl wird überleben, mindestens als Mikroplastik in den Weltmeeren.

„Ich wünsche dir einen Urlaub“, schrieb der Kollege. Prägnanz durch Auslassung.

Samstag: Erster Urlaubstag. Am frühen Abend erreichten wir Beaune, unser Zwischenziel, und widmen uns auf der Hotelterrasse dem ersten Bier. Morgen fahren wir weiter nach Lyon, wo wir mit vielen anderen alten Leuten an Bord gehen werden, um eine Woche lang auf der Rhone zu kreuzen. Ich erhoffe mir dabei weitgehende Untätigkeit.

Sonntag: Es ist nicht zu übersehen – auch ich werde älter, somit vergesslicher. Heute vergaß ich im Hotel in Beaune vor Abreise meinen Kulturbeutel einzupacken. (Wer hat sich eigentlich dieses wunderbare Wort ausgedacht? Andererseits, wie sollte man es sonst nennen? Zahnbürstentasche?) Ansonsten verlief alles bestens, am Nachmittag erreichten wir mit einem Schlenker über Autun, augenscheinlich eine sehr schöne Stadt, Lyon, wo unser Schiff schon bereit stand und am Abend nach Redaktionsschluss mit Weinbegleitung ablegen wird. Einzelheiten folgen.

***

Auch Ihnen eine angenehme Woche, ob im Urlaub oder nicht.

Woche 22/2022: Krabbeln und krabbeln lassen

Montag: Der Tag begann trübe und kühl, auf dem Fahrrad geradezu handschuhkühl; aber Handschuhe Ende Mai? Das wäre wie Dominosteine im Juli. Auch meine Stimmung war nicht gerade hell, ohne erkennbaren Grund: Weder war der Arbeitstag von nennenswerten Imponderabilien geprägt noch übermäßig lang, auch Zahl und Länge der Besprechungen lagen im Rahmen des Erträglichen.

„Ihr Computer muss heruntergefahren und neu gestartet werden“, lautete eine Meldung am Vormittag. Während er also fuhr, schaute ich aus dem Fenster und wünschte mir eine vergleichbare Funktion für das Hirn: einmal runter- und wieder rauffahren, schon ist die Arbeitslust wiederhergestellt. Aber ach.

Mittags im Park sah ich so etwas wie Kunst. Sie können gerne wie ich rätseln, was es darstellt. Vielleicht stellt es auch gar nichts da, es muss ja nicht immer alles eine Bedeutung haben, nicht wahr.

Dienstag: Vergangene Nacht träumte ich, mich mit dem Auto in einem engen unterirdischen Abwasserkanal festgefahren zu haben, wie auch immer ich dort hinein geraten sein mag; in Träumen geht es ja nicht immer logisch-nachvollziehbar zu. Es war so eng, dass sich die Türen nicht öffnen ließen, ich hatte keinen harten Gegenstand zur Hand, um Front- oder Heckscheibe einzuschlagen, Mobilempfang gab es nicht. Zum Essen hatte ich ein paar Kopfsalatblätter dabei, zum Trinken nichts. Während ich mich fragte, ob man mich hier finden würde, wachte ich auf. Selten habe ich mich so über das Schnarchen von der Nebenmatratze gefreut.

Taxifahrten im Kreis Olpe werden um zwanzig Prozent teurer, meldeten die Radionachrichten am Morgen. Auch das noch.

Unruhe in den Gängen, nachdem ein Gebot von der Werksleitung ausging, auf dass ein jeder sich nach Monaten der Heimarbeit ab sofort mindestens zweimal die Woche im Büro einfinden möge. Es kommen gar welche zu mir und wollen was. Daran muss ich mich nach zwei Jahren Ruhe in leeren Fluren erst wieder gewöhnen.

In der Zeitung las ich das Wort „Kuhmilchskepsis“ und freute mich ein weiteres Mal über die Wortbildungsmöglichkeiten unserer wunderbaren Sprache.

Mittwoch: Aus gegebenem Anlass habe ich mich heute Morgen als erstes aus einer WhatsApp-Gruppe abgemeldet, das fühlte sich sehr gut an. Die nächste Abmeldung folgt Anfang Juli, darauf freue ich mich auch schon.

Aus einer Art Laune heraus habe ich mir kürzlich ein Mastodon-Konto angelegt, merke indes bereits nach gut einer Woche: Das ist genauso unergiebig wie Twitter. Überhaupt Mastodon, wer hat sich diesen Namen ausgedacht? Das klingt wie ein hormonbasierter Kraftfutterzusatz für die Schweinezucht.

Donnerstag: Beim Ankleiden sah ich eine winzige Spinne auf der behemdeten Schulter krabbeln. Als grundsätzlich auch Achtbeinern gegenüber verträglicher Mensch kümmerte ich mich nicht weiter darum, krabbeln und krabbeln lassen. Wenig später beim ersten Morgenkaffee krabbelte sie an der Oberseite meines Tablets immer hin und her, als wollte sie auf sich aufmerksam machen. Regelmäßig glaube ich bei solchen Gelegenheiten, wahrscheinlich schrieb ich das bereits, das sind gestorbene Verwandte oder Bekannte, die in Tiergestalt einen Tag Erdenurlaub haben und mich besuchen. Leider geben sie sich nie zu erkennen, und wer möchte schon seinen eigenen Vater wegpusten oder gar zerdrücken. Kurz darauf fuhr sie gen Himmel, also nicht ganz, vielmehr kletterte sie an einem unsichtbaren Faden hinauf zur Küchenlampe über dem Tisch, woher auch immer der plötzlich kam; können kleine Spinnen gleichsam aus der Hüfte heraus meterlange Fäden in die Höhe schießen?

Die Zeitung berichtet, die Türkei möchte im Ausland nicht mehr Türkei genannt werden, schon gar nicht Turkey, weil das auf Englisch auch „Truthahn“ bedeutet, laut einem amerikanischen Wörterbuch gar „eine Person, der es an gesundem Verstand oder Urteilsvermögen mangelt“, „eine dumme Person“ oder „etwas, das fehlgeschlagen ist“, was hier mit Bezug auf den Obertürken und seine Politik unkommentiert bleibe. Stattdessen wünscht nämlicher, alle Welt sage und schreibe ab sofort ausschließlich „Türkiye“, auch dorten, wo ü ungebräuchlich ist. Warum nicht, Weißrussland hieß ja auch von heute auf morgen Belarus, Raider wurde zu Twix, Facebook zu Meta und Texaco zu – Moment, ich muss gerade nachschauen: DEA, hätten Sie es noch gewusst? – und keinen kratzt es. Nur soll Erdogan sich nachher nicht beschweren, sein Land werde ständig falsch geschrieben, vielleicht „Türkye“, „Türkyie“ oder so; als „Kubicki“ heißender weiß man, was da alles vorkommen kann, glauben Sie mir.

Der Sohn einer Bekannten wollte übrigens nicht länger Kevin heißen, kann man ja verstehen, deshalb nannte er sich fortan Vincent. Kurz darauf besang Sarah Connor die Unterleibsschwäche eines gleichnamigen Jungen, wenn er an Weibchen dachte. Das war wohl auch fehlgeschlagen.

Nachmittags flog ein Luftschiff übers Werk, nach wie vor freue ich mich jedesmal wie ein Kind darüber:

Auf dem Heimweg, donnerstagsüblich zu Fuß, gönnte ich mir einem spontanen Entschluss folgend den ersten Maibock des Jahres, ausnahmsweise erst im Juni.

Aus nicht näher darzulegenden Gründen stieß ich auf eine Seite mit sechsunddreißig Fragen für das erste Rendezvous, die man sich gegenseitig stelle, wenn es in amouröser oder wenigstens kopulativer Hinsicht zum Erfolg führen soll. Drei davon habe ich mir gemerkt: 1) Wenn du neunzig Jahre alt würdest und könntest dich entscheiden zwischen a) einem dauerhaft dreißig Jahre alten Körper mit alterndem Geist oder b) einem dreißig Jahre alten Geist mit alterndem Körper, wie würdest du dich entscheiden? (Das ist einfach: a. Lieber knackig jung und faltenfrei mit viel Lebenserfahrung als runzelig voller Sturm und Drang.) – 2) Wenn du wüsstest, dass du nur noch ein Jahr zu leben hast, was würdest du tun? (Mich den im Keller lagernden Châteauneuf-du-Pape-Weinen intensiver widmen.) – 3) Wenn dir eine Wahrsagerin zuverlässig etwas voraussagen sollte – was wäre das? (Das Datum, wenn für mich das Licht ausgeht; das würde die weiteren Planungen erheblich vereinfachen.)

Freitag: Mich befällt stets eine Mischung aus aggressiver Ungeduld und ungeduldiger Aggression, wenn in einer bereits begonnenen Besprechung Dinge für Zuspätkommende wiederholt werden.

Am Ende der Besprechung wünschte eine Teilnehmerin „den Herren fröhliches Pfingsteiersingen“. Ich habe mich nicht getraut, zu fragen.

»Keine Lust ist ein Killerargument«, schreibt Frau Anje, womit sie zweifellos recht hat.

Samstag: Der General-Anzeiger berichtet über Geschwindigkeitskontrollen der Polizei in Bonn und lässt in dem zweispaltigen Artikel Bürger Gerrit M. zu Worte kommen, der in den Messungen eine „rein willkürliche Einkommensquelle der Stadt“ sieht. Im Folgenden rechtfertigt sich die Polizei gar dafür, warum sie die Kontrollen durchführt. Ich verstehe das nicht. Wenn es nach mir ginge, müssten Verkehrsteilnehmer jederzeit und überall mit Geschwindigkeitskontrollen rechnen, mit weitaus höheren Bußgeldern bei Überschreitung als heute. Aber nach mir geht es ja nicht.

Aus einem anderen Artikel in derselben Zeitung: »26 Weltklima-Konferenzen haben nicht verhindert, dass der Ausstoß des wichtigsten Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) sinkt.«

Wenn es nach mir ginge, würden im Übrigen Frauen sich nicht die Haare in gängigen Bonbontönen färben, erst recht nicht in Verbindung mit Nasenmetallen und großflächigen Tätowierungen. Männer und alle anderen auch nicht.

Sonntag: „Was war nochmal Pfingsten: Haben sie da Jesus vom Kreuz abgenommen oder den Stein weggerollt? Oder das Meer geteilt?“ Alle Jahre wieder.

***

Ich wünsche Ihnen schöne Restpfingsten, ob sie (es) glauben oder nicht, und eine angenehme Woche.

Woche 21/2022: In Erwartung einer Aufheiterung

Montag: Der Arbeitstag geriet sehr lang, da wegen der Dienstreisen vergangener Woche und konsequenter Arbeitsverweigerung am Wochenende einige Rückstände aufzuarbeiten waren. Die Aussicht auf eine dank Feier- und Brückentag kurze Arbeitswoche ließ ihn dennoch in erträglichem Licht scheinen.

Nach der trotz weißem Hemd unfallfrei verzehrten Currywurst am Mittag spazierte ich eine Runde durch den Rheinauenpark, wo die Teiche zurzeit grundsaniert werden. Dazu wurde das Wasser weitgehend abgelassen, damit Radlader Schlamm, Schotter und Sand verteilen können. Einer sauste durch knöcheltiefes Wasser, eine schwarze Bugwelle aus übelriechender Miege vor sich her schiebend; der Fahrer schien dennoch Spaß bei der Arbeit zu haben. Davon unbeeindruckt zeigten sich mehrere Graureiher, die durch die Restpfützen stakten und nach Beute pickten.

Der Feierabend kam auch deshalb so spät, weil zur sonst üblichen Zeit starker Regen und Gewitterandrohung die Rückfahrt mit dem Fahrrad nicht ratsam erscheinen ließen. Vielleicht bin ich einfach zu empfindlich.

Dienstag: Bereits um kurz nach halb fünf wachte ich auf; statt entzückender Träume stellten sich Gedanken um Werksgedöns ein, was zum Glück nicht oft vorkommt, da ich Arbeit und Privat sonst sehr gut trennen kann, und Bettzeiten fallen überwiegend in die zweite Kategorie. Da die Frühgedanken wohl als Arbeitszeit zu werten sind, geriet nach dem Mittagessen (Graupeneintopf mit Bockwurst) der Spaziergang durch den Park, wo Radlader und Reiher noch immer wirkten, etwas ausgedehnter.

Mittwoch: Währen im persönlichen Umfeld auf zufriedenstellende Nachtruhe ein weitgehend ruhiger, ereignisloser Quasifreitag folgte, war in der Welt wieder einiges los: In den USA erschoss ein Achtzehnjähriger in einer Schule einundzwanzig Menschen, ehe er selbst erlegt werden konnte. Nun werden wieder, wie stets nach derartigen Ereignissen, Rufe nach schärferen Waffengesetzen laut. Doch damit ist es in Amerika so wie bei uns mit dem Tempolimit auf Autobahnen: Da kann man nichts machen, fragen Sie die FDP.

Donnerstag: Heute ist Himmelfahrt. Wobei sich das Auffahren in höhere Gefilde derzeit als schwierig erweist, da in den Flughäfen Personal für die Sicherheitskontrollen fehlt, wie gemeldet wird. Das überrascht, da private Unternehmen das bekanntlich viel besser können als der Staat. Fragen Sie die FDP.

Freitag: Kürzlich las oder hörte ich einen Satz, der ungefähr so lautete: „Allein bedeutet nicht nur einsam, sondern auch frei.“ Da ich dazu nichts notierte, kann ich weder den originalen Wortlaut wiedergeben noch die Quelle nennen, sehen Sie es mir nach. Inhaltlich jedenfalls ein wahrer Satz, ich bin gerne mal allein, nicht dauerhaft, nur für ein paar Stunden. Wobei eine der schönsten Alleinzeit-Formen für mich unbegleitetes Wandern ist. Aus verschiedenen Gründen kam ich dieses Jahr noch nicht dazu, deshalb nutzte ich den heutigen Brückentag für eine Wanderung von Bonn nach Siegburg, immer an der Sieg entlang.

Unerwartet regnete es morgens, wodurch sich der Beginn verzögerte. In Erwartung einer Aufheiterung startete ich bei Niesel, eine halbe Stunde später hörte es auf und die Sonne kam durch, kurz darauf setzte ich mit der Siegfähre über und wandelte durch liebliche Auenlandschaft.

Die Annahme, die Strecke führte nur über befestigte Wege, erwies sich als Irrtum, vielmehr stapfte ich längere Zeit auf schmalen Pfaden, von hohen Gräsern gesäumt, die sich regenschwer in den Weg legten. Bald waren die Hosenbeine durchnässt und die Wanderschuhe wurden geprüft, ob sie dicht sind. Ergebnis: Sind sie nicht. Oder doch, einmal eingedrungenes Wasser bleibt zuverlässig drinnen. Insofern hätte ich zuvor auf die Fähre verzichten und einfach durch die Sieg waten können, das Ergebnis wäre ungefähr das gleiche gewesen.

Dennoch war es schön; das letzte Drittel nicht ganz so, weil es in unmittelbarer Nähe zur Autobahn verläuft. Am Ende gabs auf dem Siegburger Marktplatz das Belohungsweißbier, das über die immer noch nassen Füße hinwegtröstete.

Da waren Hosen und Füße noch trocken.
Da schon nicht mehr.
Die Brücke zum Brückentag

Samstag: Unerwartet erreichte mich ein handgeschriebener Brief, über den ich mich sehr freute. Das schöne an Briefkommunikation alter Art ist, es wird nicht sofort oder innerhalb von Stunden eine Antwort erwartet, nicht einmal innerhalb einer Woche. Selbstverständlich werde ich bald antworten, weiß auch schon ungefähr, wann und bei welcher Gelegenheit.

Nach samstäglichen Erledigungen schaute ich bei der Vinothek des Vertrauens rein, wo Champagner gereicht wurde, um damit auf einen gebrochenen Fuß anzustoßen. Zum Glück nicht meiner.

»Der Mensch braucht sinnvolle Aufgaben. Geld auch.« So wirbt eine Bank in der Innenstadt. Leider schließt sich beides zumeist aus: Entweder hat man das eine, wie Altenpfleger, oder das andere, etwa Investmentbanker. Beides zusammen ist selten, das wird auch die Bank nicht auflösen können.

Sonntag: Während des Spaziergangs sah ich in der Nordstadt Werbung für eine Veranstaltung mit dem Namen „Lieblingslieder“, als Spezialgast wird Dieter Bohlen angekündigt. Auch das schließt sich gegenseitig aus.

„Schildkröte entlaufen“ hat jemand an mehrere Lampenpfähle in Bonn-Endenich aufgeklebt, mitsamt Telefonnummer. Das mag auf den ersten Blick erheitern, ist mir indes selbst schon passiert, als das Kind mit meinem Namen seiner Landschildkröte im Garten etwas Auslauf verschaffte. Normalerweise wohnte sie im Sommer in einem Holzverschlag auf dem Rasen im Garten, ab und zu durfte sie frei herumlaufen, selbstverständlich unter meiner strengen Aufsicht. An einem Sommertag holte ich die Dampfmaschine raus und heizte sie auf dem Rasen an, was ich mit einem Schildkrötenfreigang verband, was sich bald als liederlich* erwies: Während ich mich eine Minute der Maschine widmete, büxte das Tier aus. Die sofort eingeleitete Suche blieb erfolglos, so langsam sind Schildkröten gar nicht. Ich war sehr traurig, aber nur ein paar Tage lang, dann fanden Nachbarn sie bei sich im Beet und brachten sie zurück. Ich hatte meine erste Lektion in Multitasking-Fähigkeit erhalten, auch wenn das Wort vermutlich noch nicht gebräuchlich war.

* Liebe N., wie finden Sie dieses Wort?

Dem öffentlichen Bücherschrank an der Poppelsdorfer Allee entnahm ich zwei Bücher, beide von 1985: „Wir amüsieren uns zu Tode“ von Neil Postman und „Von der Nutzlosigkeit, erwachsen zu werden“ von Georg Heinzen und Uwe Koch, die auf den wachsenden Stapel der Ungelesenen kommen.

***

Gut in dieser Woche waren: eine kurze Arbeitswoche, ein endlich veröffentlichter Text, ein erhaltener Brief.

Nicht so gut: nasse Füße

***

Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Wochenstart, kommen Sie gut durch.

Die Siebziger – Kindheit im Glück

Vorwort

Die Achtzigerjahre erfreuen sich größter Beliebtheit: Radiosender spielen bevorzugt die Hits aus dieser Zeit, außerhalb von Seuchenzeiten kann man an jedem Wochenende irgendwo auf eine Achtziger-Party gehen, und immer wieder können wir uns im Fernsehen Dokumentationen über die „wilden Achtziger“ anschauen, die auch oft genauso heißen, diese zeitweise etwas langatmigen Sendungen, in denen Ausschnitte aus Musikvideos, Straßenszenen und Modeerscheinungen aus dieser Zeit gezeigt werden, die dann am Bildrand eingeblendete, mehr oder weniger bekannte, deutlich in die Jahre gekommene Personen mehr oder weniger witzig kommentieren. (Vor einiger Zeit kommentierte dort gar Wolfgang Bosbach, ohne den früher keine Talkshow stattfinden konnte.)

Warum ausgerechnet die Achtziger? Vielleicht, weil die Programmverantwortlichen diese Zeit besonders intensiv empfunden haben, da sie ihre eigene Jugend darin erlebten. Als in den späten Sechzigern auf diese Welt Gebetener kann ich das bestens nachvollziehen, auch ich würde jederzeit die Achtziger als mein Jahrzehnt bezeichnen, wenn man mich danach fragte. Daher habe ich beschlossen, die für mich wichtigsten Ereignisse, Erlebnisse und Empfindungen aus dieser Zeit hier niederzuschreiben.

„Moment“, mögen Sie vielleicht fragen, „wieso Achtziger? In der Überschrift steht Siebziger.“ Sie haben recht, etwas Geduld bitte: Wenn ich schon in Erinnerungen krame, dann kann ich gleich auch noch was über die Siebziger schreiben, ebenso die Neunziger, die Zweitausender (oder „Nuller“, wenn Ihnen das lieber ist, ich persönlich mag den Begriff nicht so), die Zehner und, warum nicht auch schon, die Zwanziger, auch wenn die gerade erst begonnen haben, aber bereits jetzt reichlich Stoff liefern, wenngleich wenig erfreulichen. Als großer Freund des Grundsatzes „Immer eins nach dem anderen“ beginne ich also mit den Siebzigerjahren; die anderen Jahrzehnte folgen danach in chronologischer Reihenfolge.

Die Siebzigerjahre

Meine früheste Erinnerung überhaupt ist die an einen kleinen Koffer aus Pappe, in den ich einige Stofftiere, Matchbox-Autos und weitere Spielsachen packte, denn wir fuhren mit dem Zug zum ersten Mal in den Urlaub nach Büsum an der Nordsee. Wir, das waren meine Eltern und mein sieben Jahre älterer Bruder Michael. In Büsum wohnten wir in einer aus heutiger Sicht sehr einfachen Pension in der Westerstraße, weiteres darüber schrieb ich bereits vor längerer Zeit hier. Doch es gefiel uns dort, deshalb blieb es für die nächsten Jahre unser Sommerurlaubsziel, in den Siebzigern waren wir noch nicht sehr anspruchsvoll.

Weitere Erinnerungen an Büsum in den Siebzigern: Oma und Opa Severin, ein altes Ehepaar, das in einem noch älteren flachen Ziegelhaus gegenüber der Pension wohnte und meinen Bruder und mich mit Tee und Gebäck versorgte, wenn wir sie besuchten. Später starb der Opa, und nach dem Tod der Oma wurde das schöne alte Haus abgerissen. – Mein erstes Softeis, am liebsten Waldmeister. – Meine erste Begegnung mit Pizza, die mein Vater, der sonst nicht gerade dazu neigte, Unbekanntes auszuprobieren, in einem Restaurant bestellte und mit der er sich wegen des harten Bodens sehr abmühte. Seine Antwort auf die Frage des Sohnes unserer Pensionswirtin am nächsten Tag, was das denn sei, Pizza: „Eine Sperrholzplatte mit Tomaten drauf.“ – Warmer Milchreis mit Zimt, den wir uns Mittags aus der Bude am Hafen holten und im Strandkorb aßen. – Deiche mit Schafen und ihren Hinterlassenschaften darauf. – Kohlfelder in der Umgebung. – Mein Drachen mit dem zehn Meter langen roten Schweif. – Krabbenkutter im Hafen. – Die viel zu kalte Nordsee mit Krebsen, Quallen und anderem Getier darin, die Eiswasserdusche danach.

Zweites Sommerurlaubsziel wurde ein paar Jahre später Martinszell im Allgäu, das wir fortan im jährlichen Wechsel mit Büsum besuchten. Auch darüber ist bereits alles Wesentliche geschrieben. Hinzufügen sind noch: Der Niedersonthofener See in der Nähe, den wir an warmen Tagen aufsuchten und der mir, ähnlich wie die Nordsee, zum Baden viel zu kalt war. (Meine Eltern konnten Niedersonthofen übrigens nicht aussprechen, sie sagten stets „Niedersandhofen“, warum auch immer. Das galt auch für die nicht weit entfernte Stadt Sonthofen.) – Der Widdumer Weiher, ein kleiner mit Seerosen bedeckter See in der Nähe, wo ich zum ersten Mal Frösche sah, die waren gar nicht grün, sondern braun, und wo wir in heftigem Regen genauso nass wurden, als wären wir in den Weiher gesprungen, bis uns unser freundlicher Bauer und Pensionswirt mit dem Auto abholte. – Das Werdensteiner Moos, dessen Wiesen und Wäldchen man auf dem Weg in das Dorf Eckarts durchwanderte – Ausflüge ins nahe Immenstadt, wo ich zum ersten Mal mit einem Sessellift auf einen Berg fuhr. Das war toll, dieses fast lautlose Schweben über Wiesen, Felsen, Bäche und hellbraune, glockenbehängte Kühe hinweg. Nur das Ein- und Aussteigen in das beziehungsweise aus dem fahrenden Schwebemöbel an den Endstationen war etwas aufregend. – Spezi mit Eis und Zitronenscheibe, das ich ausschließlich im Allgäu trank. Später, in den Achtzigern, auch bayrisches Doppelbock-Bier.

Mit vier Jahren kam ich in den Kindergarten. Anfangs fremdelte ich ein wenig, freundete mich aber bald sowohl mit der Situation als auch anderen Kindern an, was gegenseitige Besuche und Einladungen zu Kindergeburtstagen mit Topfschlagen und Eierlaufen nach sich zog. Später schwatzte ich der Leitung eine historische Eisenbahnerlaterne ab, die nur sinnlos in einer Ecke herumstand und nie leuchtete. Ich weiß gar nicht, wo die heute abgeblieben ist. Mittags war schon Feierabend, dann holte mich mein Opa ab.

Opa und Oma väterlicherseits wohnten oben in unserem Reihenhaus in Bielefeld-Stieghorst, wobei „wohnen“ bedeutete: Sie bewohnten ein kombiniertes Wohn-/Koch-/Esszimmer und ein kleineres Schlafzimmer mit einem riesigen Ehebett. Vom Architekten waren die beiden Räume wohl als Kinderzimmer geplant gewesen. Da sie die Großeltern beherbergten, schliefen mein Bruder und ich in einem für uns hergerichteten Kellerraum in Doppelstockbetten (ich oben), in dem wir uns außerhalb der üblichen Nachtzeiten mangels Tageslicht nur selten aufhielten, vielmehr fand das Leben, wenn nicht draußen, überwiegend im Esszimmer statt, das durch eine Glaswand von der Küche abgetrennt war, oder im Wohnzimmer, wo ich mich auf dem Teppich stundenlang mit Lego und Playmobil beschäftigen konnte. Abends waren wir oft zum Fernsehen oben bei Oma und Opa; Oma bot uns Butterbrote „mit guter Butter“ an, die wir, da wir schon gegessen hatten, ablehnten, woraufhin Oma eingeschnappt war („Dann bekommst du auch nix zu Weihnachten“), Opa saß schweigend in seinem Sessel und rauchte Handelsgold-Zigarren.

Der Fernseher, in den ersten Jahren schwarz-weiß, kannte nur drei Programme, wobei das Dritte meistens von äußerst verschneiter Wiedergabequalität war. Auch Fernbedienungen waren nicht gebräuchlich. Dafür war der Apparat einfach zu bedienen: an-aus, laut-leise, Programmauswahl, hell-dunkel, Kontrasteinstellung. Nach dem Einschalten musste man ein paar Minuten warten, bis Bildschirm und Ton langsam erwachten, schon lief das Ding. (Nicht wie heute, wo in einer App und auf mindestens drei Fernbedienungen diverse Knöpfe in bestimmter Reihenfolge zu drücken sind, bis wenigstens ein rätselhaftes Auswahlmenü angezeigt wird.) Später bekamen wir Farbfernseher, immer noch große schwere Kästen, jetzt auf einem separaten Standfuß, immerhin schon mit Fernbedienung, die beim Betätigen einen eigentümlichen, hochfrequenten Ton erzeugte. Wir schauten samstags nach dem Baden „Am laufenden Band“ mit Rudi Carell, außerdem, an anderen Tagen, „Was bin ich“, „Väter der Klamotte“, „Schweinchen Dick“ und einiges anderes.

Meine Großmutter Grete wirkte oft etwas schlechtlaunig und maulte ihren Alois (klang wie „Alwis“) an. Der verließ dann gerne das Haus, machte mit mir lange Spaziergänge, in den nahen Park auf den Spielplatz und zum Enten Füttern, durch die Felder, wo er mir die verschiedenen Getreidesorten erklärte, und in das Ehlentruper Wäldchen, wo in ehemaligen Bombentrichtern jede Menge entsorgter Hausrat des Kindes Interesse weckte. Oder wir schauten zu, wie ein weiterer Bauernhof abgerissen wurde, um Platz zu schaffen für neue Wohnhäuser. Stieghorst hat sich in der Zeit stark verändert, aus der ehedem ländlich geprägten Ansiedlung wurde durch Bebauung von Wiesen und Feldern eine wenig pittoreske Vorstadt, das Einkaufszentrum in brauner Waschbetonästhetik zeugt noch heute davon. Dennoch fühlten wir uns dort wohl.

Ich liebte meinen Opa sehr, niemals entfuhr ihm ein böses Wort, sosehr seine Grete auch grantelte. Umso mehr traf mich sein Tod nach kurzem Krankenhausaufenthalt, er wurde nicht mal siebzig. Meine Oma lebte einige Jahre länger, in denen sich ihre Laune nicht wesentlich besserte. Immerhin: Danach bekam ich endlich ein richtiges Zimmer mit Tageslicht.

Wir verbrachten viel Zeit draußen, zumeist ohne erwachsene Aufsicht und selbstverständlich ohne mobile Erreichbarkeit. Wir spielten auf der Rasenfläche vor dem Haus, aber auch im nahen Ehlentruper Wäldchen, von wo wir oft erst nach Stunden zurückkehrten, bevor es dunkel wurde. Auf dem Gehweg vor dem Haus lernte ich Fahrradfahren mit dem Klapprad ohne Gangschaltung, und Rollschuhlaufen auf Rollen, die an einer längenverstellbaren Schiene mit Riemen unter die normalen Straßenschuhe geschnallt wurden. Im Winter, wenn Schnee lag, in den Siebzigern lag viel Schnee, bauten wir auf der Rasenfläche Schneemänner und Iglus, und wir gingen mit unseren Schlitten in den Park, wo es einen kleinen Hang gab, der schon nach kurzer Zeit eher braun als weiß war.

Mein anderes Großelternpaar, die Eltern meiner Mutter, wohnten in der Nähe von Göttingen am Rischenkrug, weshalb sie den Titel „Oma und Opa Rischenkrug“ trugen, wohingegen die anderen beiden anderen unbetitelt blieben; „Oma/Opa Obergeschoß“ (mit ß, da lange vor der Rechtschreibreform), darauf wäre niemand gekommen. Über den Rischenkrug habe ich im Übrigen hier bereits alles Wesentliche vermerkt.

Am Rischenkrug wurde meine Begeisterung für die Eisenbahn geboren, da das Haus meiner Großeltern direkt an einem Bahnübergang stand. Manchmal kam hier eine der letzten Dampflokomotiven in freier Wildbahn durch, deren dumpfes Heulen auch bei uns zu Hause ganz selten noch zu hören war, wenn eine die unbeschrankten Bahnübergänge bei Oldentrup passierte. Den vorläufigen Höhepunkt erreichte meine Bahnbegeisterung mit dem Erwerb des ersten L.G.B.-Zuges, der fortan in unserem Garten seine Runden drehte. Jahrelang hatte ich mir eine L.G.B.-Bahn herbeigesehnt, lange darauf gespart. An dem Tag, als ich das erste Mal auf dem Teppich im Esszimmer das Gleisoval zusammengesteckt hatte, sich die Lok mit den beiden Wagen sanft in Bewegung setzte, da war ich wohl der glücklichste Junge zwischen Teutoburger Wald und Wiehengebirge. – Auch darüber ist hier und da das meiste bereits aufgeschrieben.

Nicht nur Dampflokomotiven, auch Dampfmaschinen vermochten mich zu begeistern, die früher als normales Kinderspielzeug galten und als solches bei Quelle bestellbar waren. (Liebe Kinder, Quelle war so etwas ähnliches wie Amazon, lange bevor es das Internet gab. Stadt auf der Amazon-Seite suchte man im Quelle-Katalog, einem dicken Buch, das der Postbote zweimal jährlich brachte. Meine Mutter war sogar Quelle-Sammelbestellerin, das heißt sie nahm Bestellungen aus der Nachbarschaft entgegen und bestellte dann für alle; die Waren wurden ein paar Tage später in blauen Kartons geliefert. Kurz nach der Jahrtausendwende hatte Quelle den Kampf gegen den Onlinehandel endgültig verloren. Der Mitbewerber Neckermann hielt sich etwas länger, musste aber auch aufgeben. Nur der Otto-Versand hat bis heute überlebt; den dicken gedruckten Katalog gibt es allerdings auch hier schon lange nicht mehr.) Zum ersten Mal erlebte ich eine Dampfmaschine, genauer: Dampfwalze im Betrieb bei Arno T., dem Nachbarssohn, ein paar Jahre älter als ich. Sofort war ich fasziniert: Man füllte Wasser in den Kessel, legte Esbit-Trockenbrennstoff, der an Würfelzucker erinnerte, in den Brennschieber, zündete es an und schob den Brenner unter den Kessel. Dann verteilte man an verschiedenen Stellen ein paar Tropfen Öl und wartete. Nach ein paar Minuten war das Rauschen des siedenden Wassers zu hören, weitere Minuten später begann das Sicherheitsventil zu blasen, dann konnte es losgehen: Ein kleines Hebelchen umlegen, mit der Hand am Schwungrad drehen, dann schnurrte die Maschine los, Öl- und Wassertropfen um sich spritzend. Mit einem weiteren Hebel wurde das Zahnrad eingerastet, dann fuhr die Walze los, gelenkt über ein kleines Steuerrad am Führerhaus. So lange, bis das Esbit abgebrannt, längstens bis das Wasser im Kessel fast aufgebraucht war. Darauf musste man achten: Niemals Feuer unter dem Kessel, wenn im Schauglas kein Wasser mehr sichtbar war, das hätte die Maschine zerstört.

Ich selbst bekam eine Dampfmaschine zum Geburtstag, allerdings keine Walze, die über den Teppich fuhr, sondern eine stationäre Maschine, an die man über Treibriemen weitere Maschinchen anschließen konnte, wie Hammerwerk, Betonmischer, Dynamo und andere, es gab ein buntes Sortiment an Zubehör. Ein paar Jahre später kaufte ich Arno seine Dampfwalze ab, er hatte inzwischen das Interesse daran verloren.

Die Firma Wilesco und ihr Sortiment gibt es bis heute, allerdings bezweifle ich, dass Eltern ihren Kindern heute noch Dampfmaschinen kaufen und sie unbeaufsichtigt damit spielen lassen. Immerhin, ganz ungefährlich sind die Dinger mit offenem Feuer und heißen Flächen nicht, daher als Spielzeug für Kinder im Grundschulalter nur bedingt geeignet.

Mein Grundschulalter fiel in die Siebziger, die Schule lag gut einen Kilometer von meinem Elternhaus entfernt. Niemand wäre auf die Idee gekommen, uns mit dem Auto dorthin zu bringen und mittags wieder abzuholen, stattdessen gingen wir zu Fuß, nur am ersten Schultag in (groß-)elterlicher Begleitung, danach zu dritt, Anke und Mechthild von nebenan und ich. Grundsätzlich war das auch aus Sicht heutiger Eltern unbedenklich, da keine verkehrsreichen Straßen zu überqueren waren, stattdessen führte der Weg durch den Park und die Engländersiedlung, wo die britischen Soldaten mit ihren Familien wohnten. Problematischer wurde es später, als wir wegen des geänderten Zugangs zum Schulgelände einen anderen Weg gehen mussten, auf dem uns die Schüler der Sonderschule begegneten. Die waren oft wenig freundlich gesinnt, einige hatten große Freude daran, uns Grundschüler regelmäßig anzurempeln, zu beschimpfen, manchmal auch zu schlagen und beklauen. Da sie zumeist etwas älter waren, hatten wir dem wenig entgegenzusetzen.

Ansonsten fühlte ich mich in der Grundschule ganz wohl. Das Erlernen von Lesen, Schreiben und Rechnen fiel mir nicht schwer, selbst die Mengenlehre verstand ich problemlos – im Gegensatz zu unseren Eltern, die regelmäßig daran verzweifelten. Sogar den Schulsport mochte ich noch einigermaßen, einschließlich der Bundesjugendspiele; der Hass darauf kam erst später auf. Was ich gar nicht mochte, war der Schwimmunterricht in der vierten Klasse, zu dem wir einmal wöchentlich mit einem Bus zum Hallenbad am Kesselbrink in der Innenstadt gefahren wurden. Als Nichtschwimmer fiel es mir sehr schwer, das Schwimmen zu erlernen, woran die Schwimmlehrerin Frau B., ein richtiger Wasserdrachen, wohl einen erheblichen Anteil hatte. Richtig gelernt habe ich es erst später am Gymnasium, und konnte endlich das Freischwimmer-Abzeichen erwerben, das ich stolz an meiner Badehose trug.

Auch die Rahmenbedingungen passten: Ich fand schnell Freunde, die Lehrer waren nett, in den Pausen spielten wir „Räuber und Gendarm“. Das Verhältnis zwischen Jungs und Mädchen wurde vorübergehend ein wenig distanziert, was aber ganz normal in dem Alter war. Dafür hatte ich bereits im ersten Schuljahr einen Schulhofschwarm, ein Junge aus der Vierten, der mich in gewisser Weise faszinierte, mit dem ich freilich kein Wort sprach.

Nach der Grundschule kam ich auf das Gymnasium in Heepen, das mit dem Bus zu erreichen war. Daran musste ich mich erst gewöhnen, der Schulbus morgens und mittags war gedrängt voll, man fand nur mit Glück einen Sitzplatz. Wenn er an der Haltestelle ankam und die Türen sich zischend öffneten, brach ein heftiges Drängen und Schubsen los. Zudem war er eine kleine Ewigkeit unterwegs, weil er einen Umweg über Hillegossen und Oldentrup fuhr. Das sollte ich nun in den nächsten neun Jahren jeden Tag ertragen?, fragte ich mich in den ersten Tagen. Ein paar Jahre später konnten wir den regulären Linienbus nehmen, nachdem dessen Fahrplan an die Schulzeiten angepasst worden war, der einigermaßen direkt nach Heepen fuhr und nicht so voll war wie der Schulbus. Erst ab der Oberstufe in den Achtzigern fuhren wir überwiegend mit dem Fahrrad, den Bus nahmen wir nur noch bei Regen.

Mit den täglichen Busfahrten entstand ein etwas skurriles Hobby: Busnummern sammeln. Also nicht die Linienbezeichnungen, sondern die Wagennummern, die bei den Bussen der Stadtwerke Bielefeld jeweils in den Ecken angebracht waren. Es entstand eine Art Wettbewerb, wer welchen Wagen schon gesehen und notiert hatte; besonders begehrt waren die alten Magirus und Büssing, von denen es nur noch wenige Exemplare gab. Aus der reinen Nummernjagd entstand mit der Zeit ein Interesse an Bussen generell, Hersteller, Typ, Baujahr, und ich begann, Omnibusmodelle zu sammeln. Die Sammlung besteht und wächst bis heute.

Wie schon auf der Grundschule kam ich auch auf dem Gymnasium gut zurecht, ohne mich groß anstrengen zu müssen. Es gab bessere und fleißigere Schüler als mich, aber auch wesentlich schlechtere. Die Lehrerinnen und Lehrer waren, von Ausnahmen abgesehen, angenehm. Eine dieser Ausnahmen war Ferdinand K., Musiklehrer, der in einer eigenen Welt lebte und uns schrecklichste Lieder singen ließ, schlimmer noch: Immer wieder mussten wir einzeln vor der Klasse vorsingen, was für für Jungs kurz vor dem Stimmbruch kein Spaß ist und mir jede Freude am Singen für Jahre vergällte, vor jeder Musikstunde graute mir: Hoffentlich bin ich heute nicht dran.

Eine andere besonders humorlose Ausnahme war Herr B., Physik. Schon aufgrund des körperlichen Volumens eine imposante Erscheinung, verstand er es wie kein anderer, uns durch Angst zu disziplinieren, dabei konnte (oder wollte) er sich nicht einmal unsere Namen merken. Seine Spezialität war es, jemanden zur Lösung einer Aufgabe an die Tafel zu holen und ihn dann vor der Klasse fertig zu machen, wenn die Lösung nicht seinen Ansprüchen genügte. Als es eines Tages hieß, er sei überraschend gestorben, ging ein allgemeines Aufatmen durch die Schulflure, niemand, außer vielleicht seiner Frau, die ebenfalls am Heeper Gymnasium lehrte, trauerte ihm nach.

Ein ganz spezieller Vogel war Manfred S., Deutsch, Religion, Sport, von allen nur „Menne“ genannt. Er war nicht bösartig oder fies, dafür führte er gerne mal vor der Klasse einen Kopfstand aus und zeigte uns seine Kriegsverletzung am Bein. Womöglich war im Feld nicht nur das Bein getroffen worden. Immerhin, in Deutsch ließ er uns „So zärtlich war Suleyken“ und Gedichte von Eugen Roth lesen, das sei ihm zugute gehalten. Außerdem deklamierte er gerne ein Gedicht, das ich bis heute auswendig kann, das geht so: »Lang genug geschienen habend / senkt die Sonne sich am Abend. / Sie hat vollendet ihren Lauf / drum hört sie auch zu scheinen auf.«

Zunehmendes Unbehagen bereiteten mir die Sportstunden. Das lag vor allem an den Mannschaftssportarten wie Fuß- und Basketball. Mir fehlte jeder Ehrgeiz, mich dafür anzustrengen, dass ein Ball in, über oder durch ein Netz flog, daher blieb ich beim Mannschaften wählen stets als Letzter oder Vorletzter übrig. Hinzu kam ein geringes, in Richtung Minderwertigkeitskomplexe tendierendes Selbstbewusstsein. Ich war ein sehr dünnes Kind, was ich mir seit frühester Kindheit anhören musste: „Du muss mehr essen, damit du mal was auf die Rippen bekommst“ oder „Beim Duschen musst du wohl hin- und herspringen, damit dich mal ein Wasserstrahl trifft.“ Während andere Jungs schon ein paar Muskeln aufzuweisen hatten, staken meine dürren Ärmchen und Beine aus Turnhemd und -hose. Schlimmer noch war Schwimmen, wo wir die meiste Zeit bibbernd auf der Fensterbank saßen und uns die vom Lehrer trocken dargebrachten Bewegungsabläufe zeigen ließen, die wir anschließend im Becken in die Praxis umzusetzen hatten.

Damit nicht genug: Da mein Bruder beim CVJM Volleyball spielte, schickten meine Eltern auch mich dorthin, „Das tut dir gut“, jeden Freitagabend. Ich hasste es, bekam kein Gefühl für den Ball und das Spiel, schaffte es daher nie, in eine Mannschaft aufgenommen zu werden. Irgendwann hatten meine Eltern ein Einsehen und erließen mir diese Pein.

Haustiere hatte ich auch: Mehrere Landschildkröten, die in den Siebzigern ohne Rücksicht auf den Artenschutz in Zoohandlungen für wenig Geld zu kaufen waren, Wasserschildkröten, Fische und einen Wellensittich, Jacob hieß der, ich liebte ihn sehr. Der wollte zwar nicht sprechen und ließ sich nicht anfassen, war aber sonst sehr zutraulich, kam auf Finger, Schultern und Kopf und wurde ziemlich alt. Mangels Zimmer mit Tageslicht, siehe oben, stand der Käfig anfangs auf dem Regal im Esszimmer, wo der Vogel einmal fast gestoben wäre, als mein Freund Uwe und ich unsere Dampfmaschinen auf dem Küchentisch laufen ließen. Uwes Maschine qualmte besonders stark, bald war das obere Drittel des Raumes in Rauch gehüllt, also die Sphäre, in der sich Jacobs Unterkunft befand. Erst als er lautlos von der Stange fiel, bemerkten wir sein Unwohlsein, brachten den Käfig schnell in das Wohnzimmer, wo sich das arme Tier nur langsam erholte.

Nachdem meine Oma ihrem „Alwis“ gefolgt war, bekam ich endlich ein eigenes Zimmer, zunächst das kleinere, ehemals großelterliches Schlafzimmer, weil mein Bruder als der Ältere von uns Anspruch auf das größere Zimmer erhob. Das bezog er allerdings nie, weil er kurz zuvor zur Bundeswehr nach Goslar eingezogen worden war, wo es ihm so gut gefiel, dass er dort blieb, daher bekam ich es in den Achtzigern zugeteilt. Jacob zog mit um in mein Zimmer, wo er sich frei bewegen konnte, weil der Käfig die meiste Zeit offen stand. Meistens hielt er sich dennoch im Käfig auf, vielleicht weil es dort Futter gab.

Ein eher dunkles Kapitel bezüglich häuslicher Tierhaltung waren die Frösche, die ich fing und mit nach Hause nahm, wenn wir am Wochenende in der Senne waren. Anfangs hielt ich sie in einer Kaffeedose aus durchsichtigem Kunststoff und ließ sie nach ein paar Tagen im Park frei (wo sie vermutlich nicht sehr lange überlebten), später richtete ich ihnen immerhin ein relativ komfortables Terrarium ein, wo ich sie täglich mit Regenwürmern aus dem Garten fütterte. Einmal nahm ich Froschleich aus einem Tümpel mit und ließ daraus zu Hause Kaulquappen schlüpfen. Auch die wurden später in den Ententeich im Park entlassen; es ist kaum anzunehmen, dass sie dort heimisch wurden und später Froschkonzerte gaben. Hierfür bitte ich die Natur ausdrücklich um Entschuldigung.

Über Froschkonzerte komme ich zum Thema Musik, bitte verzeihen Sie diese etwas holprige Überleitung. Im Kindergarten sangen wir regelmäßig, zum Beispiel „Meister Jakob, schläfst du noch“, das Lied von der Brücke zu Avignon, sogar auf Französisch, soweit ich mich erinnere, und ein Lied über einen Cowboy namens Bill, das ich nicht mehr auf die Reihe bekomme. In der Grundschule nahmen wir „Die Moldau“ von Smetana durch, die fand ich toll und hörte sie fortan täglich zu Hause von Schallplatte in unserer Musiktruhe, einem sperrigen Möbel, das in der Stube (so hieß das Wohnzimmer) stand und Radio und Plattenspieler beherbergte. In den Plattenteller konnte man eine Art intelligenten Dorn stecken, auf dessen oberes Ende ein Stapel von Singles gesteckt wurde. Sobald die aktuelle Platte auf dem Plattenteller zu Ende gespielt und der Tonarm wieder in die Ausgangslage gefahren war, gab der Dorn über eine geheimnisvolle Mechanik die nächste Single frei, die dann auf den Plattenteller über die zuvor abgespielte Platte fiel, anschließend senkte sich der Tonarm darauf und spielte sie ab, so lange, bis der obere Stapel abgespielt war, alles ganz automatisch.

Ich lernte auch selbst Instrumente zu spielen, zuerst Blockflöte, später Trompete im Posaunenchor des CVJM, wo mein Bruder bereits einige Zeit mitspielte.

Im Übrigen waren die Siebziger musikalisch geprägt von „Hitparade“ mit Dieter-Thomas Heck und „Disco“ mit Ilja Richter im Fernsehen; erwähnenswerte Interpreten waren neben anderen Boney M, die Bee Gees, Village People, Sailor (die ich persönlich ganz besonders toll fand, weshalb ich Karneval nur noch als Seemann – nein als George Kajanus, deren Sänger ging; vielleicht war ich sogar ein ganz kleines bisschen verliebt in ihn gewesen) und natürlich ABBA, die ich erstmals 1975 beim Grand Prix Eurovision de la Chanson sah und spontan begeistert war.

Das erste Telefon bekamen wir übrigens erst gegen Ende der Siebziger, den bekannten grauen Einheitsapparat mit Wählscheibe der Bundespost, sogar mit zwei Anschlussdosen im Haus, eine in der Stube und eine in Omas Schlafzimmer, wobei ich im Nachhinein nicht mehr weiß, wozu meine Oma am Bett einen Telefonanschluss benötigte. Bei nicht fest in der Wand installierten Apparaten war außerdem eine zusätzliche Glocke im Hausflur fernmeldeamtlich vorgeschrieben, die einen Höllenlärm machte und Tote wecken konnte.

Eine weitere Eigenheit der Siebziger war der Badetag einmal in der Woche, zumeist samstags, das heute selbstverständliche tägliche Brausebad war unüblich. Die Badewanne wurde eingelassen, nacheinander wurde dann gebadet, üblicherweise ohne das Wasser zwischendurch zu wechseln. Wenn ich an der Reihe war, meistens als letzter, schwammen kleine weiße Flöckchen auf der Oberfläche. Eine Dusche wurde erst viel später in der Waschküche im Keller eingebaut, der wöchentliche Badetag hielt sich jedoch noch bis in die Achtziger.

Selbstverständlich fanden die Siebziger auch außerhalb von Bielefeld-Stieghorst statt, nur bekam ich davon als Kind nicht allzu viel mit, weil mich Politik nicht interessierte. Regiert wurden wir von Willy Brandt und später Helmut Schmidt, die SPD waren gewissermaßen die Guten, die CDU die Bösen, und die FDP, die sich noch F.D.P. schrieb, irgendwas dazwischen.

Silvester 1979 verbrachten wir vermutlich wie in den Jahren zuvor: Es gab Fondue zu essen, vielleicht durfte ich schon ein Glas Wein mittrinken, meine Eltern waren da wenig streng (wie sie überhaupt wenig streng waren, körperliche Züchtigungen kamen selten und in geringen Dosen vor. Nur einmal eskalierte es ein wenig, als meinem Vater die Hand ausrutschte, den genauen Grund weiß ich nicht mehr, ich glaube mein war Bruder schuld, aber schneller als ich, weshalb ich mich mit dem Kopf in der Musiktruhe wiederfand; vermutlich erschrak mein Vater mehr darüber als ich. Bleibende Schäden trug ich meines Wissens nicht davon, aber wer weiß, was ohne dieses Ereignis für mich anders gelaufen wäre in dieser Welt, wo der Flügelschlag eines Schmetterlings angeblich einen Wirbelsturm auf der anderen Seite der Erde auszulösen vermag). Nach dem Essen wurde irgendwas im Fernsehen geschaut, um Mitternacht gingen wir dann vor das Haus, wo wir unsere Knaller zündeten, die Erwachsenen tranken dazu Sekt. Die Achtziger begannen. Darüber demnächst mehr.

Woche 20/2022: Herbst im Mai und kosmopolitisch in der Eifel

Montag: Vierte und letzte Etappe der Tagungstournee in Bad Breisig. Dieses Mal bin ich mit der Bahn angereist, die bereits wenige Minuten nach Abfahrt in Bonn wegen einer Bahnübergangsstörung auf freier Strecke stehen blieb, vielleicht war dem Schrankenwärter unpässlich. Doch ist es nicht zu beklagen, mit nur zwei Minuten Verspätung kamen wir am Ziel an, nach Bahnmaßstäben, wonach alles bis sechs Minuten als pünktlich gilt, somit vor der Zeit.

Das Hotel heißt „Vier Jahreszeiten“, wobei mittlerweile augenscheinlich der Herbst dominiert. Auch das ist nicht zu beanstanden, ich mag den Herbst, auch im Mai. Und der Jüngste bin ich auch nicht mehr, da darf hier und da schon mal die Farbe etwas gilben.

Ein Restaurant am Rheinufer preist auf einer Tafel „Frische Pasta“ an, genau so in Anführungszeichen. Die vielleicht besser nicht bestellen.

Dienstag: Das Hotel wirbt mit „Erholung und Erlebnis am Rhein“. Mein Erlebnis am Morgen: Die Dusche wurde nicht warm, nicht einmal lau. Vielleicht ist jetzt auch der geeignete Zeitpunkt, das Kaltduschen zu üben, wenn bald das Gas knapp wird.

Mittwoch: Erinnern Sie sich noch, wann Sie sich das letzte Mal über Ihre eigene Schusseligkeit geärgert haben? Bei mir war das heute Abend. Das kam so: Wir waren heute zu zweit im Büro. Der Kollege hatte am späteren Nachmittag ein Gespräch mit dem Chef, danach wollte er zu uns kommen, um Wein abzuholen. Derweil machte ich, der Werktätigkeit für heute müde, Feierabend, schloss das Büro ab und fuhr nach Hause. Kurz nach 19 Uhr rief der Kollege an, er hätte bei Aufbruch zum Chef vergessen, seinen Büroschlüssel mitzunehmen, nun stand er vor verschlossener Tür. Daher überwand ich vorübergehend meine Abneigung gegen das Autofahren, lud den Wein ein und fuhr zum nicht weit entfernten Werk, den Kollegen zu erlösen und ihm dabei gleich den Wein zu übergeben. Nun dürfen Sie gerne raten, wer noch vergaß, den Büroschlüssel einzustecken. Ein Anruf beim Werks-Sicherheitsdienst löste dann das Problem.

Donnerstag: Noch eine Dienstreise, zweitägige Abteilungstagung (beziehungsweise „Offsite“, wie man das jetzt nennt) in der Eifel, derselbe Ort wie bei der letzten Dienstreise im März 2020 vor der Seuche, danach gab es aus bekanntem Grund lange Zeit keine mehr.

Nachmittags zog ein erhebliches Gewitter über das Land, vom Balkon meines Zimmers aus gut zu betrachten:

Nach dem Gewitter, als der zuvor gefallene Regen in weißen Dampfschwaden wieder gen Himmel strebte, machten wir einen gemeinsamen Spaziergang, „Walk the talk“ genannt (wtf?), was eigentlich, wie mir die englischkönnende Kollegin erklärte, mit „Den Worten Taten folgen lassen“ zu übersetzen wäre, hier also nicht sonderlich gut passte; egal, Hauptsache es ist englisch und klingt modern-kosmopolitisch, auch und gerade in der Eifel.

Und also walkten und talkten wir auf regennassen Pfaden, entsprechend sahen die Schuhe danach aus. Früher (ich merke selbst, wie ich mit zunehmendem Alter immer öfter Sätze mit diesem Wort beginne) gab es auf Hotelfluren einen Schuhputzautomaten, unter dessen rotierenden Bürsten man gleichsam im Vorbeigehen das Schuhwerk reinigen konnte, heute stand ich am Waschbecken und unterzog es mithilfe von Einwegtüchern aus dem Einwegtuchspender im Bad einer nur groben Säuberung.

Ansonsten ist das Hotel recht ordentlich. Im Zimmer gibt es Jackenhaken, was mir nicht viel nützt, da ich wegen Sommertemperaturen dieses Mal ohne Jacke reise, aber immerhin, es gibt sie. Bad und Toilette sind räumlich getrennt; das ist ungewöhnlich, aber nicht schlimm, gerade wenn man zu zweit/dritt reist, kann es von Vorteil sein. Einziges Minimanko: Sobald man das Zimmer betritt und den Lichtschalter drückt, geht der Fernseher an und belästigt den Gast mit Belanglosem. Aber das geschieht einem ja fast überall, auch ohne dass man zuvor einen Schalter betätigt.

Freitag: Als ich nach gut durchschlafener Nacht am Morgen den Vorhang zur Seite schob, waren Dorf und Umgebung in Nebel gehüllt.

Unterdessen warnte der Wetterdienst vor dem Tief „Emmelinde“, das im Laufe des Tages Nordrhein-Westfallen und das nördliche Rheinland-Pfalz mit Sturm, heftigen Gewittern, Starkregen und Hagel heimsuchen sollte, auch Tornados wären nicht auszuschließen. In Bonn wurden vorsichtshalber gar die Schulen geschlossen. Deshalb behielt ich die Wetter-App im Auge, die für die Eifel erste meteorologische Unwägbarkeiten ab dem Mittag in Aussicht stellte. Als von jeher ängstlicher Mensch mit Hang zum Katastrophisieren malte ich mir bereits aus, was uns bevorstand: Unsere Veranstaltung war bis zum Mittag angesetzt, kurz nach Abfahrt würde es losgehen – umgestürzte Bäume die Weiterfahrt verhindern, derweil daheim in Bonn eine Windhose Haus und Modelleisenbahn verheert. Würde ich meine Lieben je wiedersehen? Um zwölf trug der Kollege immer noch in aller Ruhe vor, mehrfach unterbrochen von interessierten Fragen und Anmerkungen der anderen; sahen sie nicht die drohende Gefahr? Ich schwieg indessen mit wachsender innerer Unruhe, interessierte mich nur noch für Uhrzeit und App, die die Ankunft der Apokalypse in knapp einer Stunde ankündigte.

Wieder Erwarten verlief die Fahrt ungestört, unter anderem durch das Ahrtal, wo die Zerstörungen der Flut im vergangenen Juli noch immer deutlich sichtbar sind, ein bedrückender Anblick. Als wir in Bonn ankamen, schien die Sonne, das Haus stand noch. Um 19 Uhr, dem Zeitpunkt dieser Niederschrift, ist Emmelinde weitergezogen. Wieder einmal haben wir Glück gehabt.

Samstag: Erschreckend dagegen die Bilder aus Paderborn und Lippstadt, wo Emmelinde sich gestern heftig austobte, Verwüstungen und Verletzte hinterließ. Bei solchen Ereignissen denke ich: Vielleicht bleiben uns nur noch ein paar Monate oder Wochen; die Frage ist, was zuerst kommt: eine neue Virusvariante, die alles bisherige übertrifft, die nächste Wetterkatastrophe oder der Atomkrieg. An manchen Tagen ist es um meinen Optimismus nicht zum besten bestellt, bitte verzeihen Sie.

Sonntag: Im Garten blüht der Rhododendron. Das Kind, das mal meinen Namen trug, wunderte sich einst, dass es auch weiße „Rote Dendron“ gibt. Dabei gilt die Pflanze unter Experten als umstritten, als invasive Art mache sie heimischen Gewächsen den Lebensraum streitig. Gleiches gilt für die Halsbandsittiche, die mittlerweile auch hier in der Inneren Nordstadt regelmäßig zu sehen und hören sind. Das sagt der Mensch, von allen Arten die invasivste.

Hier einige Bilder vom heutigen Spaziergang:

Bonn, Friedrichstraße. Falls Sie noch auf der Suche nach einem Geschenk sind.
Geschenke auch in Bonn-Beuel. Man beachte das Grinsegesicht.
Nicht invasiv

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Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche.

Woche 19/2022: Zielloses Vorsichhindenken ohne konkretes Ergebnis

Montag: Morgens auf dem Fahrrad hätte ich Handschuhe gebrauchen können, ab Mittag wurde es warm, abends sah ich gar einen mit bloßer Brust durch die Stadt radeln. Nach Rückkehr aus dem Werk hingegen bildeten sich zu Hause auf meiner Brille Eisblumen, weil der Geliebte mit großer Begeisterung die Leistungsfähigkeit der neuen Klimaanlage testete. Darüber wird gelegentlich zu reden sein.

Dienstag: Bitte bilden Sie einen Satz mit den Begriffen Kantine, Naturpreißelbeeren und weißes Hemd.

Für Schönheit gilt wie für Idylle: Oft liegt es im Auge des Betrachters.

(General-Anzeiger Bonn)

Der Mensch braucht ab und zu Urlaub. Auch Politiker sind im weitesten Sinne Menschen, die meisten jedenfalls. Somit hat auch die Bundesverteidigungsministerin ein Recht auf Urlaub, selbst dann, wenn andere Länder gerade Krieg führen; irgendwo ist immer Krieg, so sind wir Menschen nunmal, einander in Ruhe zu lassen liegt nicht in unserer Natur, weder im Großen noch im Kleinen. Und also machte sie sich mit Sohn auf nach Sylt, die Anreise verband sie mit einem dienstlichen Termin, wie es vielleicht jeder schon getan hat, der gelegentlich auf Dienstreisen ist. Die Mitreise des Sohnes in staatlichem Fluggerät bezahlte sie ordnungsgemäß, niemandem ist ein Schaden entstanden. Über was genau regen sich nun alle auf? Es gab schon gewählte Staatschefs, die Schwiegersöhne zu Beratern und Ministern ernannten.

Mittwoch: Gehört in einer Besprechung: „Ich habe keine Hunde, das ist mir zu stressig, wenn ich in den Urlaub fahren will und dann nicht weiß, wohin damit. Dafür habe ich Kinder, die machen genauso viel Dreck.“ Das muss dieses Elternglück sein, von dem alle schwärmen.

Gelesen in der Zeitung: „In Fourstones in Northumberland färben sich die Rapsfelder zur Blütezeit gelb.“ Wer hätte das gedacht.

Donnerstag: Gegen halb vier in der Frühe wurde ich geweckt vom an- und abschwellenden Ton einer Alarmsirene im Landgericht nebenan, vielleicht war jemand aus seiner Zelle oder ein Feuer ausgebrochen. Nachdem ich die Fenster geschlossen hatte, war sie nicht mehr zu hören, entweder weil sie inzwischen verstummt war oder durch die üblichen Schlafgeräusche von der Nebenmatratze übertönt wurde. Leider bringt es das fortgeschrittene Alter mit sich, dass ich, einmal erwacht, manchmal nur schlecht wieder einschlafe. Stattdessen springt der Gedankengenerator an, wobei es keine unangenehmen Gedanken waren, kein um ein diffuses Problem kreisendes Grübeln, vielmehr ein zielloses Vorsichhindenken ohne konkretes Ergebnis, sieht man einmal von dieser Notiz ab. Irgendwann kurz vor fünf schlief ich dann doch nochmal ein und träumte irgendwas von Roland Kaiser.

Laut Radiomeldung am Morgen beherrschen Kinder immer weniger den Umgang mit Fahrrädern. Manche stiegen von der einen Seite auf und fielen zur anderen wieder runter, so der Sprecher. Trotz vorausgegangenen Schlafmangels musste ich daraufhin doch etwas grinsen, was am frühen Morgen nicht häufig vorkommt.

In der Inneren Nordstadt war heute Sperrmüllabfuhr.

Das unerwünschte Lärmen ging nach Ankunft im Werk weiter, als direkt vor dem Fenster Arbeiter mit einem von einem knatternden, abgasenden Verbrennungsmotor angetriebenen Aufzug Dämmmaterial auf das gegenüberliegende Dach beförderten. Somit war auch der Büroschlaf erheblich beeinträchtigt.

Freitag: Es ist vielleicht nicht jedermanns Sache, einen Freitag den dreizehnten mit einem Zahnarztbesuch zu beginnen. Doch verlief der Termin schmerzfrei und auch sonst gab es nichts zu beklagen. Seit vielen Jahren bin ich nun bei diesem Zahnarzt, noch niemals hat er mir wehgetan. Da habe ich in der Kindheit und Jugend mit Dr. G. in Bielefeld-Stieghorst ganz anderes erlebt.

Aus einer Besprechung: „Wir müssen das Pferd von hinten aufrollen.“ Vielleicht habe ich mich auch verhört.

Man müsse alle Menschen wertschätzen, ungeachtet ihres jeweiligen Lebensentwurfs, stand irgendwo. Ich möchte nicht als oder in einem Entwurf leben.

Samstag: Eine Fahrraddemonstration rollt durch die Stadt, Motto: „Kidical Mass – Kinder aufs Rad!“ Also jedenfalls die, die nach dem Aufsteigen nicht zur anderen Seite herunterfallen.

Ein rastalockiger – nun ja: Musiker terrorisiert in der Fußgängerzone Fußgehende und Gäste der Außengastronomie mit weithin hörbarem Flötenspiel, begleitet von unter seinen Schuhsohlen angebrachten Klapperschellenrasseln, mit denen er den Takt schlägt. Lied auf Lied, er hört nicht auf; es ist furchtbar, keine zwei Minuten lang möchte man es hören. Womöglich basiert sein Geschäftsmodell auf der Hoffnung, jemand biete ihm eine größere Geldsumme an unter der Bedingung, dass er sofort aufhört und sich in einen anderen Stadtteil verzieht.

In der Innenstadt gibt es ein Fachgeschäft für Barfußschuhe. Warum nicht. Demnächst dann vielleicht auch eines für Nackthemden.

Sonntag: Bei bestem Kurze-Hosen-Wetter verband ich den Sonntagsspaziergang mit dem Einwurf eines handgeschriebenen Briefes und der Entsorgung einer größeren Anzahl Bücher in diverse öffentliche Bücherschränke. Mögen sie anderen Freude bringen, sowohl der der Brief als auch die Bücher.

Ansonsten gelesen:

»… schließlich ist unsere Realität nicht unbedingt dazu angetan, dass man sich jeden Tag 24 Stunden lang darin aufhalten möchte.«

Der Autor Sascha Mamczak in der PSYCHOLOGIE HEUTE über Science Fiction

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Ich wünsche Ihnen eine angenehme neue Woche möglichst ohne störende Geräusche.