Ameisen wird es wohl immer geben

Zunehmend wächst in mir eine diffus-ablehnende, leicht wie Hass schimmernde Haltung gegenüber den modern-menschlichen Gewohnheiten, mit einem Kaffeebecher durch die Gegend zu laufen, ständig auf das Telefon zu schauen oder ohne Not in der Öffentlichkeit zu telefonieren, oder jeden Mist ohne weiter nachzudenken bei Amazon zu bestellen. Keine Frage, und sei sie noch so unwichtig, bleibt heute unbeantwortet, weil irgendwer immer sofort Siri oder Google befragt. Ständig erreichen uns Filmchen, Bilder und Sprüche, die wir lustig oder niedlich finden sollen, dazu hält uns ständig irgendwer ungefragt ein Display vor die Nase und sagt „kuck mal“. An manchen Tagen liegt meine größte Leistung darin, meine Verachtung gegenüber diesen Dingen nicht allzu deutlich werden zu lassen.

Dabei tun mir diese Menschen nichts, auch stören sie mich eigentlich nicht, nicht einmal mehr die Telefonierer, im Gegenteil, liefern doch gerade sie mir immer wieder Stoff für meine niedergeschriebenen Alltagsbeobachtungen, wenn sie in der Bahn solche Sätze sagen wie „Der ist zwar gerade erst verheiratet, aber das heißt ja gar nix“ oder „Da kaufe ich nicht, die laufen mir werbetechnisch zu oft über den Weg“, oder „Samstag kann ich nicht, die bin ich geburtstagstechnisch unterwegs“. Ich selbst vermeide es, wenn immer möglich, in Anwesenheit Fremder zu telefonieren. Abgesehen davon, dass ich ohnehin kein Freund des Ferngespräches bin: Nicht etwa, um andere nicht zu belästigen, sondern vielmehr, weil ich es nicht ertrage, wenn sie mir dabei zuhören. Man selbst merkt es ja oft erst als letzter, wenn man dummes Zeug redet.

„Die ideale Welt ist menschenleer“, so war neulich im SPIEGEL zu lesen. Das mag, nicht zuletzt angesichts der oben genannten Gewohnheiten, stimmen; die Frage ist dann nur: ideal für wen? Ameisen? Feldhamster? Kleine Hufeisennasen? Seeanemonen? Miesmuscheln? Sind wir denen nicht bereits heute vollkommen egal? Eins immerhin ist klar: Für jeden von uns ist das Todesurteil bereits gefällt, so gesund, abstinent, vegan, nachhaltig oder politisch korrekt wir uns auch durch unser Leben bewegen.

Ich glaube übrigens nicht, dass die Menschheit durch einen Atomkrieg ausgelöscht wird. Vielmehr erscheint mir hierbei das Zusammenspiel mehrerer Faktoren als Ursache wahrscheinlich. Erstens: Wir werden krank, weil es keine saubere Luft zum Atmen mehr gibt. (Hauptsache, der Autoindustrie geht es gut, denken Sie nur an die Arbeitsplätze.) Zweitens: Es wird nicht mehr genug Trinkwasser geben. (Hauptsache, Obstplantagen in Wüstengebieten werden bewässert, damit wir das ganze Jahr frische Erdbeeren essen können.) Drittens: Die Stromversorgung wird zusammenbrechen, weil der Bedarf an Elektrizität immer mehr steigt. (Hauptsache, der Digitalisierungswahnsinn wird nicht aufgehalten, auf dass wir auch weiterhin streamen, chatten, posten und unsere Zimmerbeleuchtung, Klospülung und Heizung per App bedienen können.) Hinzu kommen Religionen, Größenwahn, Gier und Werbung.

Vielleicht entsteht auch ein extrem resistentes Virus, das sich rasend schnell weltweit über die Luft verbreitet und verhindert, dass menschliche Eizellen und Spermien zueinander finden. Schon nach wenigen Monaten werden keine Kinder mehr geboren, so sehr die Menschen auch dagegen anvögeln. Nach spätestens zwanzig Jahren bricht das Chaos aus, weil es zunächst nicht mehr genug, später gar keine Ärzte, Pflegekräfte, Polizisten, Bauern und Arbeitskräfte in Kraftwerken und anderen Versorgungsbetrieben mehr gibt. Atomkraftwerke und andere Industrieanlagen explodieren reihenweise, weil niemand mehr da ist, der sie wartet. Globalisierung, Multi Kulti, Digitalisierung, Märkte, Wachstum und Flexibilität sind dann nur noch bedeutungslose Begriffe aus einer vergangenen Zeit.

Etwa hundert Jahre später verschwindet der letzte Mensch von der Bildfläche. Keine tausend Jahre später sind die meisten unserer Spuren von Sand, Wasser, Eis und Pflanzen verdeckt, und die Erde kann in aller Ruhe weiter ihre – nach menschlichem Ermessen – unendlichen Bahnen um die Sonne ziehen. Jedenfalls so lange, bis sich eine neue, vom Wahnsinn getriebene Spezies bildet, oder aus den Tiefen des Alls angeflogen kommt und die Erde besiedelt, weil auf ihrem eigenen Planeten Maschinen, Roboter und Algorithmen die Macht übernommen haben. Ameisen wird es dann hier wie dort vielleicht immer noch geben.

DAS wäre mal Stoff für einen Thriller, den ich lesen oder notfalls sogar streamen würde.

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(Übrigens lese ich gerade QualityLand von Marc-Uwe Kling. Digitalskeptikern sehr zu empfehlen.)

Woche 7: Fisch muss schwimmen

Montag: „Der Flughafen ist sehr gut unterwegs, was den freiwilligen Lärmschutz angeht“, wird NRW-Verkehrsminister Wüst in einem Zeitungsinterview zitiert. Ich persönlich finde die Vorstellung eines von Haus zu Haus ziehenden, Prospektmaterial für Schallschutzfenster austeilenden Flughafens auch am Rosenmontag recht verstörend.

Dienstag: Ist es nicht, also nur mal rein sprachlich betrachtet, Unsinn, jemandem gute Besserung zu wünschen? Was wäre das Gegenteil: schlechte Besserung? schlechte Verschlimmerung? Vor allem soll es doch schnell gehen. Schnelle Besserung sagt indes niemand. Schön- und Korrektheit gehen eben nicht immer Hand in Hand. Hauptsache, die Genesung tritt irgendwann ein, egal ob gut, schnell oder wie auch immer.

Mittwoch: Politischer Aschermittwoch = Kasperletheater für Große

Donnerstag: Die nach herrschender Meinung unerfindlichen Wege des Herrn führten mich heute zunächst in eine Zahnarztpraxis, danach in eine Besprechung. Der Zahnarzttermin war ohne Frage das kleinere Übel. – Unterdessen Entsetzen in Bonn: Nach neuesten Erkenntnissen wird die Beethoven-Halle auf keinen Fall bis zum Jubiläumsjahr 2020 fertig, und teurer wird es (natürlich) auch mal wieder.

Freitag: Es gab Fisch. Wie bestimmte, humorbegabte Kreise nicht müde werden zu betonen, muss Fisch schwimmen.

Samstag: Rückblickend auf den vorangegangenen Abend befürworte ich eine gesetzliche Regelung zum maximalen Füllstand von Weingläsern, verbunden mit strengen Kontrollen und empfindlich Sanktionen bei Überschreitung.

Sonntag: Der Begriff Muzak war mir bis heute unbekannt. Er bezeichnet dieses entfernt an Musik erinnernde Geräusch, welches unter anderem in Supermärkten, Aufzügen, Telefonwarteschleifen und Pornofilmen zu hören ist mit dem Ziel, uns einzulullen, zu animieren oder unsere Körpergeräusche zu übertönen. Zitat FAS: »Überall wird man bedudelt, so dass es kaum wundert, wenn die Generation der „Digital Natives“ ihre bekloppten Kopfhörer gar nicht mehr abnimmt.«

Woche 6: Kanapee statt Karneval

Montag: Aufgrund einer akuten körperlichen Indisponiertheit, in welcher zarter besaitete Gemüter vielleicht eine letal endende Männergrippe sehen, fehlt mir heute die Kraft, mich über irgendetwas zu wundern. Außer vielleicht über meine persönliche Fehleinschätzung, es dennoch für angebracht gehalten zu haben, die geplante Dienstreise nach Celle anzutreten.

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Dienstag: Laut einem Zeitungsbericht ist die Deutschen Real Estate Funds (DREF) auf Mikro Living spezialisiert. Ich hoffe, es ist nur eine kleine Bildungslücke, wenn ich diesen Begriff nie zuvor las oder hörte. Derselben Zeitung ist zu entnehmen, dass Josef Ackermann zufrieden auf seine Zeit als Chef der Deutschen Bank zurück blickt. Alles andere wäre auch sehr verwunderlich. Mikro Living war seins jedenfalls nicht. – Abends Pfefferminztee statt Spätburgunder, und Tischgespräche, die an mir vorbeigehen. Kennen Sie das, wenn sie sich sagen, während ein Wörtersee auf Sie hernieder prasselt: Hätte ich doch bloß nicht gefragt.

Mittwoch: Das Lengenfelder Viadukt, eine Eisenbahnbrücke in Nordthüringen, durfte wegen Baufälligkeit bis 1992 nur noch in Schrittgeschwindigkeit befahren werden, danach wurde die Strecke stillgelegt. Eine ähnliche Brückensituation findet sich seit Sonntag in meinem rechten Oberkiefer vor, nur hoffe ich, dass meine Stilllegung noch nicht ansteht.

Donnerstag: Zurück in Bonn, Urlaub bis Dienstag. Leider hält die am Montag beschriebene Indisponiertheit unvermindert an. Daher oxidiere ich den Tag auf dem Sofa herum, statt mit den anderen Karneval zu feiern. So egal mir das vor wenigen Jahren noch gewesen wäre, so sehr schmerzt es mich jetzt. Sobald im Fernsehen oder irgendwo draußen et Trömmelsche jeht, schießen mir Tränen in die Augen.

Freitag: Der Arzt meint, es müsste bald überstanden sein. Wenn nicht: siehe Mittwoch, letzter Satz. Unterdessen zerlegt sich die SPD kurz vor dem Ziel durch Postenquerelen. Wir erinnern uns: Der Koalitionsvertrag sollte bis Karneval stehen, um den Jecken nicht so viel Angriffsfläche für Spott zu bieten. Und jetzt das. Dennoch würde mich nicht wundern, wenn Martin Schulz demnächst verlauten lässt, zufrieden auf seine Zeit als Parteivorsitzender zurückzublicken. Politiker und Manager sind so.

Samstag: Geträumt von einem Comic-Heft, das der Bundesverband der Rasierklingenhersteller herausgegeben hat, um bereits Jugendliche dazu zu verleiten, sich die Achseln zu rasieren. Titel des Heftes: „Axel H muss weg“.

Sonntag: Sollte ich dieser Woche etwas Positives abgewinnen, dann vielleicht dieses: Wer nie krank wird, weiß nicht, wie es sich anfühlt, wieder gesund zu werden. Und am Ende ist der Godesberger Zoch doch nicht ohne mich losgegangen. Fastelovend zosamme!

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Woche 5: Eine Bahnreise und ein Brückenschaden

Montag: Fünf ist Trümpf – heute vor fünfundzwanzig Jahren führte die Deutsche Bundespost die fünfstellige Postleitzahl ein. Der von manchen zuvor befürchtete Untergang der westlichen Zivilisation ist bislang nicht eingetreten, jedenfalls nicht aufgrund der Postleitzahl (von Vorgenannten aufgrund ihrer pessimistischer Erwartungen auch gerne als „Postleidzahl“ bezeichnet). Dass hingegen nicht aller guten Dinge drei sind, zeigt ein Fall aus Pinneberg: Die dortige Kreisverwaltung gestattete kürzlich zum Zwecke der Familienzusammenführung der Zweitfrau eines syrischen Flüchtlings die Einreise nach Deutschland. Skandal. Die sozialen Hetzwerke schäumen vor Empörung, ein Kommentator des Bonner General-Anzeigers sieht den Vorfall auf einer Qualitätsstufe mit Rauschgiftschmuggel. Polygamie in Deutschland, das geht gar nicht. – Warum eigentlich nicht? Wenn schon Ehe für alle, dann richtig!

Dienstag: Eine Bahnreise von Bonn nach Dresden dauert alles in allem ungefähr doppelt so lange wie der Flug, ist jedoch mindestens zehnmal schöner.

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Mittwoch: „Edition Team / No. 25-01-Reg. Brand – Follow the unique route.“ Was auf Hemden von Camp David halt so draufsteht.

Donnerstag: Notiz an mich: Ein Hase ist kein Kater, und umgekehrt. (Das müssen Sie jetzt nicht verstehen.)

Freitag: An die menschliche Fehleinschätzung, es für angemessen zu halten, sich während einer längeren Zugfahrt der Schuhe zu entledigen, sind wir hinreichend gewöhnt. Für mich neu war bis heute, dass es Menschen gibt, die dergleichen auch in Besprechungen tun, was meiner zugegebenermaßen unmaßgeblichen Ansicht nach nicht einmal durch den Freitagnachmittag zu rechtfertigen ist.

Samstag: Offenbar verlor in der Nacht jemand eine weiße Kommode auf dem Gehweg gegenüber dem Nachbarhaus. Ich bin nun gespannt, ob sich jemand ihrer erbarmt oder ob sich bald weiterer Hausrat hinzugesellt.

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In gehobener Gastronomie wurde ich abends Zeuge gepflegter Konversation am Nebentisch: „Wenn ich weiter so viel saufe, habe ich noch acht Jahre zu leben.“ – „Das ist viel.“

Sonntag: Natürlich freue auch ich mich über Glückwunschbekundungen am Geburtstag. Aber das ist doch kein Grund, vor elf Uhr das Telefon schellen zu lassen! Ansonsten verbrachte ich aufgrund eines Brückeneinsturzes mehrere Stunden in einer zahnärztlichen Notfallpraxis, was mich an ein Gedicht von Heinz Erhardt erinnerte: „Die alten Zähne wurden schlecht / und man begann, sie auszureißen / Die neuen kamen gerade recht / um mit ihnen ins Gras zu beißen.“

Woche 4: Hochwasser-Tourismus und ein Tusch

Montag: An manchen Tagen ist mir schwarz-weiß schon zu bunt. Warum muss erst etwas Schlimmes passieren wie die Erkrankung einer lieben Kollegin, ehe man begreift, wie unwichtig all das ist, weswegen man täglich acht Stunden und mehr in einem Büro verbringt? Alles Gute, liebe M!

Dienstag: Wenn die Absage einer Besprechung üblicherweise in etwa das Wohlgefühl einer Kugel Zitroneneis an einem heißen Sommertag hervorruft, dann erfreut eine ausgefallene Dienstreise das Herz fast so sehr wie ein mittelgroßer Lotteriegewinn. Danke, Verdi!

Mittwoch: Bei frühlingshafter Milde verband ich meinen Morgenspaziergang ins Büro mit einem Hauch Hochwasser-Tourismus:

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Donnerstag: Vor längerer Zeit hörte ich Mirja Boes, eine mir bis dahin gänzlich unbekannte Prominente, in einem Radio-Interview nämliches sagen: „Ich bin da total nerdartig positiv.“ Daraufhin verlor ich jedes Interesse, herauszufinden, worin ihre Prominenz gründet. Heute sonderte Jan Müller von der Band Tocotronic gegenüber einem Fernsehreporter dieses ab: „Man muss seine Relevanz schon beweisen.“ Warum nur müssen manche Menschen so dummes Zeug reden, wenn man ihnen ein Mikrofon unter die Nase hält?

Freitag: Heute beginnen die Koalitionsverhandlungen von CDU/CSU und SPD zum Zwecke der großkoalitionären Vereinigung. Bereits vor Karneval möchte man damit fertig sein, um sich nicht dem Gespött der rheinischen Jecken ausgesetzt zu sehen. Darauf einen Tusch.

(Bitte denken Sie sich hier ein Foto vom Abendrot über Bonn, sich in den vom Rheinhochwasser überfluteten Auwiesen vor Schwarzrheindorf spiegelnd, welches ich leider nicht anfertigen konnte, da ich beim Laufen niemals ein Mobiltelefon dabei habe.)

Samstag: „Sie­ben mut­maß­li­che Mit­glie­der ei­ner in­ter­na­tio­nal ge­such­ten Ban­de von Ju­we­len­räu­bern sind der To­kio­ter Po­li­zei ins Netz ge­gan­gen“, steht in der Zeitung. Ich finde das irritierend. Also nicht so sehr die Juwelenräuber, sondern das zweite T in „Tokioter“, das in Zusammenhängen mit der Hauptstadt Japans immer wieder zu hören und lesen ist. Wo kommt es her? Welchen Zweck erfüllt es? Die Einwohner von Oslo werden doch auch nicht als „Osloter“ Bürger bezeichnet, auch las ich noch nie von der „Hengeloter“ Straßenbahn (was daran liegen mag, dass es dort möglicherweise keine gibt; mein diesbezüglicher Wissensdurst reicht momentan nicht aus, dies zu recherchieren).

Sonntag: Bei einem Radioquiz würde ich schon wegen der dämlichen Moderatorenfrage „Was machen Sie gerade?“ niemals anrufen. Warum auch sollte ich die WDR 2-Hörern darüber in Kenntnis setzen, dass ich die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung lese, die heute in einem Artikel zum Thema gutes Benehmen am Arbeitsplatzplatz dieses schreibt:

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Ach, würden meine Kollegen das nur beherzigen – endlich könnte ich wieder unbeschwert niesen. Ach ja, und wenn sie sich dann noch dieses „Mahlzeit“ abgewöhnen könnten, wenn sie sich in der Kantine an den Tisch setzen …

Woche 3: Skandal im Karneval

Montag: Wohl wissend um den in olfaktorischer Hinsicht zweifelhaften Ruf des Eigenlobes möchte ich dennoch nicht verschweigen, mich heute über das Kompliment „Du malst Bilder mit Worten“ sehr gefreut zu haben. – Auch die Kommunikationsabteilung eines großen Konzerns greift zum Wortpinsel und taucht ihn tief ein in die Farbe der Formulierungen, wobei das Ergebnis eher abstrakt-expressionistisch anmutet: „Digitale Vertriebskanäle sind zu einem wesentlichen Bestandteil unserer kommerziellen Stärke und unseres Leistungsversprechens geworden. Aus diesem Grund werden wir wichtige digitale Themen mit Bezug zur Kundenorientierung mit unseren digitalen Kompetenzen in Customer Solutions & Innovation (CSI) bündeln. Dies ist eine logische Erweiterung der kommerziellen Schnittstellenfunktion, die CSI in der Vergangenheit erfolgreich gespielt hat. Im Rahmen des zukünftigen CSI-Setups werden u.a. die folgenden digitalen Themen angegangen: […] Den (!) Aufbau kommerzieller Funktionen, um unsere API-Strategie zu orchestrieren (!!) und mit großen 3PV-Initiativen in Kontakt zu treten und somit Marktführer […] zu werden.“ Es ging noch weiter, doch hätte ich beim Weiterlesen mit großer Wahrscheinlichkeit den Verstand verloren.

Dienstag: Ich habe einen recht unspektakulären Bürojob mit schöner Aussicht in einem großen Unternehmen. Viel mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Mittwoch: Trotz allem sind Besprechungen und Tagungen etwas Wunderbares. Ich sitze im Warmen, trinke Kaffee, gehe meinen persönlichen Gedanken nach und werde zudem gut dafür bezahlt.

Donnerstag: Zum Thema E-Mails schrieb Corinne Maier in ihrem schon erwähnten Buch dieses:

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Freitag: Skandal im Karneval: Der Sessions-Orden der Kar­ne­vals­frün­de Dur­schlö­scher weckt die Empörung zahlreicher Bonner Katholiken, weil er die Form einer sogenannten Monstranz aufweist, die statt einer Hostie ein Kölschglas beherbergt. „Wie weit soll un­se­re Ge­sell­schaft noch sin­ken, was Ach­tung und Re­spekt vor den Ge­füh­len an­de­rer Mit­men­schen an­geht?“, wird eine gewisse Mar­git S. in der Zeitung zitiert. Auch Stadtdechant Wilfried Schumacher reagiert schmallippig und wirft den Jecken vor, statt vor dem Herrgott die Knie vor einem alkoholischen Getränk zu beugen. Das erscheint bemerkenswert aus dem Munde des Vertreters einer Glaubensgemeinschaft, die traditionell das Kreuz anbetet, welches ursprünglich den daran Genagelten auch nicht gerade Achtung und Respekt erwies. O ja, ich bin sehr für Religionsfreiheit. Eine Welt frei von Religionen wäre wohl eine friedlichere.

Samstag: Zwei Auftritte unserer Karnevalsgesellschaft: Am Vormittag zum Prinzenempfang in einem Godesberger Autohaus, abends auf der „Miljöhsitzung“ der KG Sternschnuppen in Beuel. Über die Notwendigkeit, in einem Autohaus aufzutreten, kann man geteilter Meinung sein (trotzdem machte es Spaß), der Auftritt am Abend erscheint mir dagegen sehr wichtig. Vor wenigen Jahren wäre mir das noch ziemlich schnuppe gewesen, auch wäre ich nicht auf den Gedanken gekommen, eine solche Sitzung zu besuchen, doch sehe ich das heute aus naheliegenden Gründen anders: Möglicherweise ist das allgemeine Interesse an solchen traditionellen Karnevalsfeiern im Schwinden begriffen. Man geht heute lieber zu den großen, kommerziellen Massenveranstaltungen wie in Kölnarena oder Telekom-Dome statt auf die kleinen, von örtlichen Vereinen getragenen Sitzungen. Manche Besucher lassen dort Anstand und Höflichkeit vermissen, indem sie Wortbeiträge auf der Bühne ignorieren und stattdessen lieber mit ihren Begleitern quatschen und Selfies anfertigen. Wenn ich durch meine aktive Beteiligung bei den Fidelen Burggrafen einen kleinen Beitrag dazu leisten kann, diese Entwicklung etwas zu verzögern und denjenigen, die daran noch Interesse haben, Freude zu bereiten, so mache ich das sehr gerne.

Sonntag: Ich weiß, mittlerweile ist es ausgelutscht und nicht mehr besonders erheiternd, sich wegen überflüssiger Apostrophen und fehlender Bindestriche zu ereifern. Dennoch möchte ich Ihnen das Schild eines Instituts in der Bonner Inneren Nordstadt, welches sich ausgerechnet der Förderung von Sprache und Bildung widmet, nicht vorenthalten.

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Den frühen Wurm holt der Vogel

Wieder einmal erlaube ich mir, einen älteren Text aus den Tiefen dieses Blogs hervorzuholen und ihn nach leichter Politur erneut Ihrer Lektüre anheim zu stellen. Da ich den ursprünglichen Aufsatz bereits 2010 schrieb, fürchte ich nicht, irgendjemanden durch Wiederholung zu langweilen. Hoffentlich auch sonst nicht.

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Man gewöhnt sich an fast alles: nächtlichen Harndrang, Reklame für Mittel gegen Scheidenpilz, Kaffee-zum-Gehen-Trinker, tätowierte Waden, den Kater am nächsten Morgen, Max Giesinger, Deppen Leerzeichen und Donald Trump. Eines indessen werde ich niemals mit der über die Jahre eingeschliffenen Milde als gegeben hinnehmen: morgens aufstehen zu müssen, wobei die Betonung zwar auf „morgens“ liegt, das Aufstehen an sich aber schon einen Akt allergrößter Überwindung bedeutet. Gut, sagen wir, vor elf Uhr; keineswegs möchte ich den Eindruck erwecken, ich sehnte mich in die dauerhafte Bettlägerigkeit oder gar unter des Käfers Keller.

Dabei ist es nahezu unerheblich, ob der Wecker um fünf losgeht oder „erst“ um halb acht; sobald es so weit ist, wird ein Leidensprozess in Gang gesetzt, der bis mindestens zehn Uhr anhält, manchmal sogar, vornehmlich montags, ganztägig. Während dieser Phase gilt: Sprechen Sie mich bloß nicht an, oder zumindest erwarten Sie keine Antwort! Ich beneide Menschen, die einen Sprecher haben: Popstars, Bundeskanzler, Konzerne, der Papst. So einen hätte ich auch gerne, also einen Sprecher, keinen Papst. In Teilzeit, täglich von sieben bis zehn Uhr.

Was ich liebe: aufwachen, kurzer Blick auf die grün leuchtenden Ziffern des Radioweckers, noch dreieinhalb Stunden bis zum Aufstehen, umdrehen, in die Decke kuscheln (oder, schöner noch, an den Bettnachbarn), derweil draußen der Regen gegen das Fenster schlägt, weiter schlafen. Was ich hasse: aufwachen, nur noch vier Minuten bis zum Wecker, der Zauber der Nacht ist gebrochen, kein Einschlafen mehr möglich; diese Minuten, dieses Warten auf den Wecker sind schlimmer als von eben diesem aus den Träumen gerissen zu werden.

Der Laune Tiefpunkt ist erreicht, nachdem ich die Möbelhauswerbung kurz vor den Nachrichten mit einem automatischen, jahrelang geübten Handgriff zum Verstummen gebracht habe. Von der Schlummertaste mache ich keinen Gebrauch, da sie das Leiden nur unnötig verlängert. So verbringe ich zwei bis drei Minuten in tiefster Qual, während die allmorgendliche Diskussion der beiden inneren Stimmen ihren Lauf nimmt:

A: „Aufstehen.“

B: „Ich will nicht.“

A: „Aufstehen!“

B: „Ich will nicht!“

A: „AUFSTEHEN!!!“

Jeden Morgen gewinnt A, das ist zwar blöd, aber nicht zu ändern. Schlimmer noch als der Wecker ist der Moment, da ich mich aus dem Tuche ins Bad quäle, noch die letzten diffusen, in Auflösung begriffenen Reste nächtlicher Traumwirren im Kopf. Die Tage etwa, nachdem ich vom Aufenthalt in einem Atombunker geträumt hatte, dessen Tür sich nur von außen öffnen ließ, was ungefähr so sinnvoll ist wie eine Kaffeetasse mit Henkel innen, fragte ich mich noch beim Morgenstrahl: Wer sollte nach dem Atomschlag die Tür öffnen? Was man halt so vor sich hin sinniert, wenn noch kein klarer Gedanke möglich ist.

Es gibt keine Lösung für dieses Problem. Morgens aufstehen ist einfach wider meine Natur. Vielleicht sollte ich endlich eine Karriere als Schrift- oder Pornodarsteller beginnen. Für ersteres fehlt mir leider das Talent, und zweiteres … lassen wir das.