Woche 8: Rhabarber und Hellbier

Montag: So langsam erscheinen harte Einschnitte unvermeidlich, da mir die Frisur täglich größere Ähnlichkeit mit Andreas Scheuer verleiht, was nun wirklich nicht erstrebenswert erscheint.

Auch nicht schön: „Das System läuft wieder performant“ teilte der IT-Bereich nach einer Störung mit. Laut Duden völlig korrekt, ansonsten … na ja. Meine persönliche Performanz ließ dagegen heute zu wünschen übrig, beziehungsweise da war Luft nach oben, wie Leute sagen, die auch „performant“ verwenden, oder vielleicht Andreas Scheuer.

„Mondgeruch“ bot mir das Datengerät zur Auswahl an, als ich „Montag“ eintippen wollte. Darüber muss ich nachdenken, daraus lässt sich was machen, wobei mir spontan nichts einfällt, aber die Woche ist jung. (Wenn Sie damit was anfangen können, bitte sehr, bedienen Sie sich gerne.)

Dienstag: Das Amt der Interventionsbeauftragten für Verdachtsfälle sexuellen Missbrauchs beim Erzbistum Berlin wird laut einer Zeitungsmeldung künftig von Birte Schneider ausgeübt. Birte Schneider, echt jetzt? Künftigen Folgen der heute-Show sehe ich mit noch größerer Freude entgegen.

Als ich mittags nach Currywurstverzehr bei Sonnenschein durch den Rheinauenpark spazierte, begegnete mir eine junge Frau mit Kinderwagen, die dieses in ihr Freisprechmikrofon sprach, jedenfalls nehme ich an, dass der Satz nicht an den Kinderwageninhalt gerichtet war: „Der Rückwärtsgang ist leichter manchmal.“ Als nicht besonders geschickter Autofahrer meide ich Rückwärtsfahren wie der Papst das Pornokino und bin froh, wenn ich dabei nichts und niemanden beschädige (vorwärts fahre ich auch nicht viel besser und lieber), doch finde ich den Satz in unserer vorwärtsgerichteten Welt, wo nur gilt, was nach Höher, Schneller, Weiter strebt, als Lebensweisheit durchaus bemerkenswert.

Mittwoch: Während der täglichen Lektüre des Pressespiegels fragte ein Kollege per Skypenachricht an, ob ich kurz Zeit hätte, danach erklärte er mir mündlich, dass er mir gleich eine Mail schreiben würde. Was solls, das ist alles bezahlte, ruhegehaltsfähige Arbeitszeit. („Ruhegehaltsfähig“ ist ein wunderschönes Wort, nicht wahr?)

Hätte ich Lust und die Fähigkeit zum Programmieren, entwickelte ich eine App, mit deren Hilfe sich öffentliche Toiletten finden lassen. Den Namen wüsste ich schon, ich würde sie „Scheißhouse“ nennen.

Donnerstag: Trotz allem ging auch heute die Sonne auf.

Unterdessen verleiht die Außengastronomie am Rhein unter Vorwegnahme der Tatsachen stumm der Hoffnung auf bessere Zeiten Ausdruck.

Früh dran waren diese Kameraden, deren stummen Genießens ungeachtet irgendwelcher Tatsachen ich mittags im Rheinauenpark Zeuge sein durfte:

Freitag: Kennen Sie noch „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann“, das wir als Kinder ohne Bedenken mit großer Freude spielten? So ganz bekomme ich Ziel und Inhalt des Spieles nicht mehr auf die Reihe. Zwei Gruppen standen sich im Abstand von etwa zehn Metern gegenüber, dann rief einer aus der einen Gruppe die oben genannte Frage, woraufhin die andere Gruppe rief: „Niemand!“ – „Und wenn er kommt?“ – „Dann laufen wir!“ Daraufhin liefen beide Gruppen aufeinander zu, was dann geschah weiß ich nicht mehr, es ging auf jeden Fall meistens unblutig aus. Dabei dachte jedenfalls niemand an die Männer in dunklen Anzügen, die auch heute noch gegen immense Bezahlung weltweit Angst und Schrecken verbreiten:

„Weltweit formieren die McKinsey-Alumnis eine Allianz aus 34.000 Personen in 120 Ländern. Fast fünf Prozent der Vorstandsmitglieder der 100 größten Unternehmen sind Meckis […] Der Übergang von einem intakten Netzwerk zu anrüchiger Kungelei ist fließend. Ebenso wie zur Seilschaft, die sich gegenseitig nach oben hievt und zur Not auch mal andere in den Abgrund tritt.“

Quelle: Handelsblatt

Siehe hierzu auch diesen vielfach unbeachteten Aufsatz.

Was spielen heutige Kinder eigentlich stattdessen? „Wer hat Angst vor de*r*m Metzger*in“? Aber vermutlich wäre das zu traumatisierend.

Samstag: Vergangene Woche zitierte ich aus der Sonntagszeitung Despektierlichkeiten über Werbung für ein bestimmtes Müsli-Produkt aus Schwaben. Von vergleichbarer Unerträglichkeit ist die Fernsehreklame für ein Katzenfutter, in der eine computeranimierte weiße Katze, untermalt von einem mit piepsiger Frauenstimme in hirnquälender Melodie intonierten „miau miau miau …“, eine als „Vitaldrink“ bezeichnete Suppe schleckt, die große Ähnlichkeit mit Erbrochenem nach Genuss von zu viel Rhabarber und Hellbier aufweist.

Doch gibt es auch seriöse Werbung – erstaunlich, was ein andersfarbiger Spazierstock zu bewirken vermag.

Von ziemlich schlechten Eltern dagegen „Deutschlands Hustenduo Nr. 1“ aus einer Reklame für Erkältungsmittel.

Gehört: „Molkerei auf der Bounty“. Vielleicht habe ich mich auch verhört.

Sonntag: Über das Schreiben schrieb ich vor mehreren Jahren dieses, kürzlich beim Sichten eines älteren Notizbuchs wiederentdeckt:

„Schreiben ist eine wunderbare Tätigkeit, erst recht dann, wenn es kein Ziel verfolgt. Ziel-, jedoch nicht sinnloses Schreiben. Nicht für Herzchen bei Twitter, Daumen hoch bei Facebook, lobende Kommentare im Blog, und nicht für einen Platz in der Bestsellerliste; nicht für eine Lesebühne und nicht für einen Sieg beim Poetry Slam. Einfach hinsetzen, den Stift zur Hand und die Worte fließen lassen: zwecklos und entspannend. Wörter, Sätze, Ideen, Gedanken, Texte, Aufsätze, Gedichte, Listen, Skizzen, Entwürfe, Zeichnungen, Bilder, Geheimes, Öffentliches, Lustiges, Ernstes, Trauriges, Erotisches, Groteskes, Absurdes, Alltägliches, Ausgedachtes – was auch immer: Hauptsache Schreiben.“

Zu „Mondgeruch“ ist mir dann doch nichts eingefallen.

Woche 7: Wir werden langsam dünnhäutiger

Montag: Morgens unterstrich heftiger Gegenwind meine Unlust, ins Werk zu radeln, die nur mittelbar auf den heutigen Konjunktiv-Rosenmontag zurückzuführen war. Eine generelle Unlust zeigten auch diverse digitalen Geräte, die meinen Tag begleiteten, angefangen morgens das Radio im Bad, das mehr zwischenspeicherte denn spielte, was bei dem Programm („Schreiben Sie uns Ihre Meinung auf Facebook, rufen Sie uns an unter … Hörer Mike aus Wuppertal findet, dass …“) nicht so schlimm ist, nur ist man es kaum noch gewohnt, nicht beschallt zu werden. Auch der Rechner im Büro lief sehr langsam und ließ sich Zeit beim Laden einer jeden Seite, die Skype-Verbindung brach mehrfach zusammen, was nicht immer ein Nachteil war.

Gegen Mittag setzte Regen ein, die angekündigte Glätte blieb erfreulicherweise aus, daher konnte ich mir ohne Zwischenfälle was aus der Kantine holen, heute sogar mit roter Götterspeise zum Nachtisch, die gab es lange nicht. Oft liegt das Glück gerade in diesen kleinen Dingen.

In der Zeitung war über „Impf-Vordrängler“ zu lesen, vielleicht ein Kandidat für das Wort oder Unwort des Jahres, oder ein zeitgemäßer Nachfolger für den inzwischen reichlich abgenutzten Warmduscher.

Ein anderes interessantes Wort ist „Urgroßtochter“, als welche in derselben Zeitung eine gewisse Paris Hilton bezeichnet wurde. Darf man aus Gründen der sprachlichen Korrektheit nicht mehr „Urenkelin“ sagen oder schreiben?

Dienstag: Erster Nachtrag zu gestern: Der Miniatur-Rosenmontagszug im Hänneschen-Theater zu Köln war wirklich anrührend schön.

Zweiter Nachtrag: Gestern Abend beim Zähneputzen spielten sie im Radio dieses Lied, das mir seitdem ziemlich hörenswert erscheint und daher als mehrstündiger Ohrwurm herzlich willkommen ist (ganz im Gegensatz zu dem schrecklichen, gleichwohl sehr beliebten „Jerusaleme“, dem zurzeit leider kaum zu entkommen ist).

Der Arbeitstag bestand im Wesentlichen aus einer durchaus angenehmen Abteilungstagung, aus gegebenem Anlass nur am Bildschirm. Abends gab es ein gemeinsames virtuelles Koch-Event. Ich würde meine Kollegen wirklich gerne wiedersehen, nach getaner Arbeit gut zusammen essen und ein paar Gläser leeren, quatschen und lachen, ein abschließendes Abendglas an der Hotelbar, das alles fehlt mir sehr. Sie auf einem kleinen Bildschirm in der heimischen Küche um mich zu haben, finde ich indessen äußerst deprimierend. Daher sah ich von einer Teilnahme ab; ich bitte um Verständnis.

Eine Frage, die ich mir schon oft stellte und vermutlich auch schon hier aufschrieb, stellt sich auch Kurt Kister in seiner wöchentlichen Kolumne in der Süddeutschen Zeitung:

„Unerwartet verstorben“, wie es so schön heißt, wobei man sich fragt, woher die unheimliche Karriere des Verbs „versterben“ rührt, das eigentlich nur „sterben“ heißen sollte, auch weil man die Vorsilbe „ver-“ nicht braucht, um tot zu sein.

Ich freue mich immer wieder, wenn ich nicht der einzige bin, dem sowas auffällt.

Mittwoch: Nur auf Bildschirmen fand in diesem Jahr auch der politische Aschermittwoch der Parteien statt, was dessen generelle Überflüssigkeit noch einmal unterstreicht.

Nach der Eiseskälte vergangener Woche wird es langsam Frühling. Erstmals in diesem Jahr nahm ich das Mittagessen unter freiem Himmel hinter dem Mutterhaus ein, und die Singstarkrähe von gegenüber beschrie abends bei geöffnetem Fenster die Siedlung. Nur der Rheinauenpark ist noch nicht völlig vom Eise befreit.

Donnerstag: Vergangene Nacht träumte ich von Markus Söder, was genau, ist nicht mehr zu rekonstruieren, vielleicht besser so. Ansonsten schlief ich zufriedenstellend.

Abends war die häusliche Stimmung ohne erkennbaren Grund trübe, erst war der Eine übellaunig, dann der Andere, ein Zustand, den ich nur schwer ertrage. Da ich mich daran unschuldig wähnte, nahm ich es hin und spielte mit der Eisenbahn. Das mag infantil klingen, entspannt mich aber sehr; andere geben sich Ballerspielen hin oder besaufen sich. Wir werden langsam alle dünnhäutiger.

Was mich zu einem spontanen Verslein inspirierte: „Ich glaube, bald / es heftig knallt.“

Freitag: Hier erhalten Sie interessante Einblicke in den Arbeitsalltag eines Human Identity Brand Synergist.

„Wer ist die verrückteste Person in deinem Leben?“, fragt Franco Bollo. Ohne lange zu überlegen könnte ich dieses Frage spontan beantworten, doch werde ich mich hüten, am zurzeit recht dünnen Faden des häuslichen Friedens unnötig zu zerren.

Samstag: Laut Zeitung haben heute diejenigen Namenstag, die Korona heißen. Das dürfte wohl zurzeit so ziemlich der einzige Lichtblick in ihrem Leben sein.

Wegen des akuten Frühlingseinbruchs verband ich den Gang zum Altglascontainer mit einem Spaziergang. Am Straßenrand parkte ein Golf II, so einer wie ich ihn früher fuhr, mit H-Kennzeichen. Abgesehen von der Fragwürdigkeit, Halter so alter Karren Steuererleichterungen zu gewähren: Was sagt das über mein Alter aus? Bekomme ich demnächst auch so ein H verpasst, und wenn ja, wohin?

Sonntag: Ich sehe Licht / es knallt noch nicht.

Es geht auch ohne Knallerei – gesehen im Vorbeigehen:

Gelesen – am 9. März 1931 entschied der Disziplinarhof zu Leipzig:

„Die Betätigung eines Beamten für die Nationalsozialistische Arbeiterpartei (NSDAP) ist ein Dienstvergehen, da sie den Umsturz der bestehenden Staatsordnung im Wege der Gewalt beabsichtigt.“

Quelle: EISENBAHN-KURIER

Das hat dann so viel auch nicht genützt.

Auch gelesen – über Werbung:

»Es gibt Werbung, die einen todsicher davon abhält, das beworbene Produkt zu kaufen. Bei manchen löst etwa die Radiowerbung für ein Müsli, die mit einem schwäbelnden „Woisch Karle“ beginnt, Mordphantasien aus.«

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Sie wissen sicher, welches Produkt gemeint ist.

Woche 6: Alaafchen und Zuversicht durch zuweilen sittenlose Eskalation

Montag: Wegen Glättegefahr erwog ich morgens Heimarbeit. Doch da das häusliche WLAN mal wieder schwächelte, bleib mir nichts anderes übrig als den Weg ins Werk zu wagen. Die Glätte erwies sich als weitgehend harmlos, daher vielen Dank, liebes WLAN, dass du mich vor einem Tag Heimarbeit bewahrt hast.

Mittags war ich zu einem Brainstorm-Lunch geladen, um die Use Cases zu checken. Da war mir der Appetit kurz vergangen, er kehrte jedoch bald zurück.

Vor der Kantine wurde ich Zeuge, wie ein Mitglied der obersten Werksleitung gegen die geltende Corona-Einbahnregelung verstieß und auch den Hinweis des Sicherheitsmannes unbeachtet ließ. Da ich den Kollegen bislang als nicht allzu testosteronpolternd empfunden habe im Vergleich zu anderen in ähnlicher Position, war ich einigermaßen überrascht bis enttäuscht. Vorbild geht anders.

Von Vorbild zu Stadtbild: „Der Stadtteil Freimann galt anders als das benachbarte Schwabing bislang eher als zersiedelt und wurde unter anderem von der Kläranlage und zwei Müllbergen dominiert“, schreibt der General-Anzeiger über München-Freimann, das Kennern auch als früherer Standort eines Ellok-Ausbesserungswerkes der Deutschen Bundesbahn bekannt ist, was der Schönheit des Stadtbildes vermutlich auch nicht sehr zuträglich war.

Mundwinkelhebend folgende Artikelüberschrift in derselben Zeitung: „Nach Unfall steht Esel in Schieflage“. Ehe nun Empörungsbekundungen von Peta meinen Posteingang fluten: Es ging dabei nicht um einen lebenden Esel mit Fell und Ohren, sondern eine Statue in Bonn-Duisdorf, die von einem Auto gerammt wurde.

Dienstag: „Briefmarken könnten teuer werden“, steht in der Presse. Das ist Unfug: Die Achtzigcentmarke wird voraussichtlich auch in zehn Jahren und darüber hinaus noch achtzig Cent kosten.

Gelesen hier:

„Wie es wohl gewesen wäre, ein Leben als Malerin zu führen? Mit allergrößter Wahrscheinlichkeit würde meine finanzielle Situation heute grundlegend anders aussehen. […] Dass Malen mich heute glücklich macht, heißt ja auch nicht, dass das immer so gewesen wäre. Es wird schon so passen wie es ist.“

Tausche Malen gegen Schreiben, und es passt auch für mich.

Mittwoch: Als ich abends mit dem Fahrrad an einer roten Ampel wartete, überquerte vor mir ein junger Mann mit modegerecht eingerissenen Hosenbeinen die Straße, in der einen Hand eine Zigarette, die andere mit Telefon am Ohr, also in der klassischen Weise, wie wir Alten noch telefonieren, statt mit flach vor dem Gesicht gehaltenen Gerät. Er spuckte auf die Straße und redete in dieser speziellen Weise, für die mir gerade kein passender Begriff einfällt, bestimmt gibt es einen, dieses proletenhaft-hohle Böse-Jungs-Gelaber mit vielen „Sch“-Lauten, das diejenigen, die so sprechen, oft wesentlich dümmer erscheinen lässt als sie womöglich sind, vielleicht wissen Sie, was ich meine. (Für den Gebrauch von „sch“ statt korrekt „ch“, wie „Milschgesischt“ oder „Isch gehe Küsche“, las ich vor längerem mal einen Fachbegriff, leider ist er mir entfallen.) Und also sprach er dieses ins Telefon: „Wir brauchen escht keine Beziehung zu führen, wenn du …“, mehr verstand ich nicht. Warum ich das hier erwähne: Korrekt benutzte er „brauchen“ in Verbindung mit „zu“, vielleicht wurde ihm das als Kind beigebracht: „Wer ,brauchen‘ nicht mit ,zu‘ gebraucht, braucht ,brauchen‘ gar nicht zu gebrauchen.“ Ganz so dumm wie er klang war er offenbar nicht.

Der Kölner Rosenmontagszug findet in diesem Jahr aus gegebenem Anlass im Hänneschen-Puppentheater statt. Auf die Frage, ob er das Theater kenne, antwortete der Geliebte: „Klar, das habe ich hier auch, mit zwei ziemlich alten Püppschen“ (da war es wieder, wobei zu seiner Ehrenrettung geschrieben sei, er ist keiner der oben beschriebenen Spacken, sondern Rheinländer). In solchen Momenten frage ich mich, warum wir den immer noch nicht rausgeworfen haben.

Donnerstag: Weil es schön ist, ging ich zu Fuß ins Werk. Auf dem Markplatz hörte ich einen Händler, der seinen Stand aufbaute, „Viva Colonia“ singen, wobei sein Gesang nicht besonders närrisch klang, eher trotzig. Erst da fiel mir wieder ein: Heute wäre Weiberfastnacht gewesen. Der Weg führte am mittlerweile wieder etwas abgeschwollenen Rhein entlang, wo die Spuren des Hochwassers noch deutlich zu erkennen waren.

Zwei Nilgänse schauten vom Ufer aus auf den kalt dahinfließenden Strom und schnatterten leise miteinander, vielleicht dieses: „Wären wir doch mit den Anderen in den Süden geflogen, aber nein, du wolltest ja dieses Jahr unbedingt hier bleiben, »Nein, es kommt kein Winter mehr«, ha ha ha, hätte ich doch bloß nicht auf dich gehört.“ – „Ach halt den Schnabel.“

Doch will ich Erfreuliches nicht unerwähnt lassen: Nachdem die Politik gestern beschlossen hat, dass Friseure zum ersten März wieder öffnen dürfen, habe ich heute einen Termin beim Salon meines Vertrauens vereinbart, der auch bestätigt wurde. Bemerkenswert: Friseure müssen schließen, aber Jaques Weindepot ist geöffnet. Immerhin – wenigstens kann man sich seine aus der Form geratene Frisur schön saufen.

Dieses allgemeine Geschrei nach einem „deutlichen Signal“, das die Politik vermissen lasse, finde ich übrigens unerträglich. Wer kann denn heute verbindlich voraussagen, wie das mit dem Virus und seinen Mutationen in den nächsten Wochen weitergeht? Wie groß wäre das Geschrei, wenn es anders kommt, die Läden und Schulen länger geschlossen bleiben müssen als in Aussicht gestellt? Immerhin, für alle Signalvermisser habe ich hier was:

Freitag: Mittags gab es aus der Kantine Lahmacun, diese lose in einen Teigfladen gewickelten Gemüse- und Fleischspezereien mit einer Soße, auch bekannt als Türkische Pizza. Zum Wohlgeschmack gesellte sich stille Bewunderung für Leute, die imstande sind, so etwas mit Würde und ohne größere Verschmutzung des näheren Umfeldes zu verzehren.

Jedesmal, wenn ich den Leiter des Paul-Ehrlich-Instituts im Fernsehen sehe, denke ich: Den hätte Loriot nicht besser sich ausdenken und verkörpern können.

Samstag: Gerade in diesen Zeiten ist Zuversicht wichtig. Deshalb freute ich mich über die ersten blühenden Schneeglöckchen am Wegesrand, deren vielstimmig-stummes Glockenspiel zu läuten schien: „Sorget euch nicht, sehet, es geht weiter.“

Nicht gar so sehr mit Zuversicht gesegnet scheint einer, der dieses sprühte:

Übrigens wurden nebenan die Liste und die Chronik des Wahnsinns ein wenig fortgeschrieben.

Sonntag: Heute wäre der Karnevalszug in Bad Godesberg. Aufgrund des Konjunktivs stattdessen hier ein Züglein in Barlingerode Ost. Alaafchen!

Laut PSYCHOLOGIE HEUTE steht das griechische Substantiv „Kefi“ für „die gelegentliche – manche sagen unerlässliche – Befreiung von stumpfsinniger Routine und sozialer Konvention“ durch mannigfache sinnliche, körperliche, zuweilen sittenlose Eskalation. Kefi alaaf!

Zum Schluss noch was auf die Ohren:

Ansonsten in dieser Woche gehört: „In der Not frisst der Teufel Hafer“ – „zwischen Himmel und Henkel“

Woche 5: Wenn Frau Hahlweg genervt die Augen verdreht

Montag: „Denk dran, dass du Fasty Slim nutzt, um das komplette Fett-Verbrennungs-Erlebnis zu erreichen“, schreibt mir das Spam in ungelenken Worten. Klingt eher nach einer spontanen Fritteusenentzündung.

Eher ungelenk auch der folgende Übergang von Fritteuse zu Friseuse beziehungsweise Frisur (wobei man, glaube ich, Friseuse nicht sagen darf, weil das gleichsam herabsetzend oder beleidigend ist, gerade jetzt, da die Damen ihr Handwerk nicht ausüben dürfen):

Eine wirklich seltsamen Frisur hat Norbert Lehmann, der Sportansager bei heute, nicht nur jetzt in diesen haarschnittlosen Notzeiten, sondern generell, vorher schon. Ich wüsste wirklich gerne, was die beiden Sprecher nach der Sendung miteinander reden, wenn das Bild noch da und der Ton schon aus ist, während sie ihre gelben Zettel ordnen. (Wofür brauchen sie die eigentlich noch? Oder haben sie die aus Tradition, weil ein Nachrichtensprecher nunmal Zettel vor sich zu liegen hat, um die teure, rundfunkgebührenfinanzierte Theke oder wie dieses Studiomöbel heißt zu rechtfertigen, oder damit sie etwas befummeln können, wenn sie während des Nachrichtensprechens nicht wissen, wohin mit den Händen?) Norbert Lehmann traue ich da einige Unflätigkeiten in Richtung der Damen Gerster oder Hahlweg zu, in der Art wie der Bürgermeister zu Hedwig gegen Ende von Loriots „Papa ante Portas“, Sie kennen die Szene vielleicht. Aber das ist natürlich nur eine ganz persönliche, durch nichts belegte Vermutung. Obwohl ich manchmal zu erkennen glaube, wie Frau Hahlweg genervt die Augen verdreht.

Dienstag: „Sie sind jetzt Referent. Viel Spaß mit Ihrem neuen Status“, schreibt mir Skype. Schon als Schüler konnte ich Referaten nur wenig Vergnügliches abgewinnen, nicht als Zuhörer und noch viel weniger als Referent.

Wenig abgewinnen kann ich auch Avocados, dieser pastenartig-weichen Frucht zweifelhaften Geschmackes, die heute zu Mittag Bestandteil eines gemischten Salats war, den man aus Gründen der Bedeutungssteigerung als „Tossed Salad“ anbot.

Erfreulich dagegen der Projekt-Kelch, der heute an mir vorbeiging und in der Nachbarabteilung wesentlich besser aufgehoben ist.

Mittwoch: Vergangene Nacht befand ich mich im Traum in einer Situation, deren Schilderung mir höchst bloggerabel erschien, nur hatte ich gerade keine Gelegenheit dazu. Daher machte ich mich auf die Suche nach einem Notizblock und einem Stift, um sie für später aufzuschreiben, fand sie aber nicht. Nach dem Aufwachen war die Erinnerung an den konkreten Inhalt der Situation leider erloschen, da hätten auch geträumte Notizen nichts genützt. Es sei denn, ich hätte sie während des Träumens in Echt niedergeschrieben; Schlafschreiben in Analogie zum Schlafwandeln, ich weiß nicht, ob so etwas möglich ist und ob dabei etwas herauskommt, was am nächsten Tag noch les- und nachvollziehbar ist. Aber das weiß man bei diesem Blog auch nicht immer.

Wenig überraschend wurde laut Zeitungsbericht das unsägliche Wort „Lockdown“ zum Anglizismus des Jahres 2020 gekürt. Das hiermit befasste Gremium hat sich zur Mission gemacht, jedes Jahr einen englischen Begriff zu wählen, der „den positiven Beitrag des Englischen zum deutschen Wortschatz“ besonders verkörpert. Welch contradiction in terms.

Ein wirklich dämlicher Anglizismus ist „It-Piece“. Als solches bezeichnet die Süddeutsche Zeitung Thermoskannen, die sich in diesen Zeiten bei den zahlreicher werdenden Spaziergängern angeblich größter Beliebtheit erfreuen.

Schön dagegen finde ich als Entgegnung, wenn Ihnen mal wieder jemand ins Wort fällt: „Willkommen in meinem Satz“. Gelesen hier.

Donnerstag: Wieder ein Jahr älter, wobei die Zahl wesentlich bedrohlicher klingt als sie sich anfühlt, auch das Spiegelbild am Morgen war, abgesehen von den üblichen, tageszeitlich bedingten Knitterungen, zufriedenstellend. Das ist ja überhaupt das Schöne am Altern: Es geschieht langsam, man selbst bemerkt es kaum, bis auf gewisse Beeinträchtigungen der Sinnesorgane, allen voran Augen und Ohren, was gerade bei letzteren nicht unbedingt immer ein Nachteil ist, wenn man nicht mehr alles hört, was andere so von sich geben.

Auch wenn ich Geburtstagen schon lange keine große Bedeutung mehr beimesse, so freue ich mich doch über jede Gratulation in Wort und Schrift. Andererseits nehme ich es niemandem übel, wenn er heute nicht gratuliert, weil er einfach nicht daran gedacht hat, das passiert mir auch oft, trotz elektronischer Erinnerung, man wird ja heute ständig und überall an irgendwas erinnert. Ein bis zwei Tage später freue ich mich auch noch. Wenn danach auch nichts kommt, darf er allerdings damit rechnen, aus meiner Gratulationsliste gestrichen zu werden.

Ein schöner und wahrer Satz: „Für Glücksgedanken ist man nie zu alt“, schrieb mir zur Feier des Tages die Nachbarin, die mir – ergänzend zu Wort und Schrift – diesen wunderbaren Kuchen rübergebracht hat; nochmals vielen Dank dafür, liebe M!

Freitag: „Ich freue mich total auf die Arbeit“, sagte die neue Kollegin. Die Freude ist ganz ihrerseits.

„Träume werden Stahl“, las ich auf dem Lieferwagen einer Schlosserei vor dem Werk. Das kennt wohl jeder Jüngling, wenn morgens nach dem Aufwachen … lassen wir das mal so stehen.

Nicht nur Jüng-, auch viele Ältlinge mögen in zustimmendes Nicken geraten, wenn sie lesen, was auf einem fahrbaren Burgerbräterstand stand: „Liebe geht durch den Wagen“.

Samstag: Haben Sie jemals vom unversöhnlichen Streit zwischen sogenannten One– und Two-Spacern gehört? Ich auch nicht. Bis heute, da mir der General-Anzeiger diesbezüglich die Augen geöffnet hat. Es geht dabei um die Frage, ob die Trennung von Sätzen jeweils durch ein oder zwei Leerzeichen zu erfolgen hat. Zweiteres habe ich noch nie gesehen. Jedenfalls ist es mir noch nie aufgefallen. Obwohl das eigentlich nicht zu übersehen ist. Sieht komisch aus, finden Sie nicht? (Ich kann es Ihnen hier leider nicht zeigen, weil WordPress den Doppel-Space augenscheinlich nicht akzeptiert.) Hiermit bekenne ich mich zum One-Spacer, trotz Anglizismusvermeidungsgebot, allerdings wüsste ich keine sinnvolle Übersetzung; „Ein-Leerzeichner“ erscheint wenig akzeptabel.

Ein Ärgernis ganz anderer Art sieht Frau Anje in Menschen, die anderer Leute Namen unbeabsichtigt, aber regelmäßig falsch aussprechen. Das kenne ich von meinem eigenen Nachnamen, der einfach genauso ausgesprochen wie geschrieben wird, dennoch glauben manche, ihm einen scheinbar polnischen oder sonstwie fremden Klang verleihen zu müssen: „Kubitzki“, „Kubitschi“ oder noch schlimmer. Ich nehme das niemandem übel, auch nicht beim zweiten oder dritten Mal. Danach sollte er es aber schon endlich begriffen haben. Ähnlich gleichmütig nehme ich es zur Kenntnis, wenn ich in Mails mit „Karsten“ angeschrieben werde, obwohl sich meine Eltern vor geraumer Zeit für die Schreibweise mit C am Anfang entschieden hatten. (Mein älterer Bruder wollte übrigens, dass ich Rainer heiße, mit a statt e an zweiter Stelle, aber das ist eine andere Geschichte). Nicht selten auch von Leuten, die mich schon sehr lange kennen und es nicht zuletzt durch meine Mailsignatur eigentlich wissen sollten.

Sonntag: Während Norddeutschland in Schnee und Eis versinkt, erlaubte das Bonner Wetter bei nur sehr leichtem Nieselregen und Temperaturen über dem Gefrierpunkt einen längeren Spaziergang mit Blick über den derzeit etwas ausufernden Rhein.

Auf dem Rückweg ließ dieses Plakat die Motivklingel meines Datengerätes anschlagen:

Es ist in zweifacher Hinsicht historisch: Die angekündigte Messe wird aus bekanntem Grund nicht stattgefunden haben, und die Godesberger Stadthalle gilt seit geraumer Zeit als einsturzgefährdet.

Woche 4: Kartoffelpüree, Kopfhörer, Kratzspuren und Kulturkanzelei – ich schreibe nur

Montag: Eine gute Idee sollte nicht daran scheitern, dass keiner sie hatte, das gilt auch und gerade für kulinarische Innovationen. Auch behaupte niemand, ich sei nicht offen für Neues. Heute aus der Kantine: vegetarische Currywurst an Kartoffelpüree mit einem Hauch weißer Schokolade darin. Schmeckte gar nicht mal so gut.

Nicht gegessen, sondern Gelesen:

„Einen Kraken würde ich als Bild jetzt nicht verwenden. Wir sind eher der liebe Elefant, der überall seinen Rüssel reinsteckt und schnuppert.“

(Nein, nicht Jeff Bezos oder Mark Zuckerberg, sondern ein gewisser Gero Furchheim, Präsident des Bundesverbands E-Commerce und Versandhandel, in einem Welt-Interview)

Dienstag: Interessant, welche Gerüche bisweilen unter so einer Maske entstehen.

„Ich glaube, dass der Handschlag zurückkommt“, sagte die niedersächsische Gesundheitsministerin gegenüber einer Zeitung. Das erscheint mir unglücklich, gerade als Politiker sollte man bestrebt sein, Zuversicht zu verbreiten, anstatt düstere Zukunftsbilder zu malen.

Mittwoch: Ich bekam einen Präsentationsentwurf zugesandt mit dem Begleittext, das sei ein „Strawman“. Auch die Recherche nach der Wortbedeutung hinterließ mich in diesem Zusammenhang einigermaßen ratlos. Ich habe nichts gegen solche Formulierungen. Sonst würde ich es benutzen.

„Natur und Berge so oft es die Verpflichtungen erlauben“, las ich bei Frau Kraulquappe. Ich erwähne das nicht, weil es ein besonders bemerkenswerter Satz wäre, einer, bei dem man denkt: Genau, so ist es, besser kann man es nicht auf den Punkt bringen, warum bin ich nicht selbst darauf gekommen, Sie kennen das vielleicht; eher ein Wald- und Wiesensatz, nicht verkehrt, doch ohne größere Aussicht, auch in einigen Jahren noch bis zur völligen Abnutzung zitiert zu werden wie etwa „Die Hoffnung stirbt zuletzt“. Streng genommen ist es ohne Prädikat nicht mal ein richtiger Satz. Warum ich ihn dennoch wiedergebe: Während ich ihn las, sagte der Liebste „… das liegt in der Natur der Sache …“, wobei das Wort „Natur“ in exakt derselben Sekunde fiel, in der ich ebendieses im oben zitierten Satz las. Das war fast ein bisschen unheimlich.

Donnerstag: Als notorischer, fahrradfahrender Heimarbeitsverweigerer hatte ich an diesem durchgängig verregneten Tag gleich zweimal die Gelegenheit, die Eignung der Winter- als Regenjacke zu erproben. Erkenntnis: bedingte bis gar keine Eignung, wohingegen die Regenhose das Wasser zuverlässig zu den Füßen ableitete. Notiz an mich: Im Büro stets ein Handtuch sowie ein Paar Schuhe und Socken bereit halten.

Aus akustischen Gründen hat mir der Liebste bereits jetzt mein Geburtstagsgeschenk überreicht, das mir per definitionem erst kommende Woche zustünde. Es handelt sich um einen wunderbaren Kopfhörer, der sämtliche Außengeräusche nahezu eliminiert. Désormais können Staubsauger, Wäschetrockner, Lufterfrischer und andere häusliche Geräuschquellen meine Feierabendlaune nicht mehr trüben, was dem Erhalt des familiären Friedens sehr dienlich ist.

Freitag: „Die sind mir etwas zu gechillt unterwegs“, hörte ich in einer Besprechung. Seitdem weist mein Schreibtisch neue Kratz- und Bissspuren auf.

Zu den Sätzen, die ebenfalls geeignet sind, Aggressionen zu erzeugen, gehören auch solche aus der Reihe „Ich sage/frage/meine nur“, womöglich gewürzt mit „wie gesagt“.

Wenn man Murks gebaut hat, der den Kunden enttäuscht, hilft am besten eine schonungslos offene Kommunikation, um Vertrauen zurückzugewinnen. Ein besonders gelungenes Beispiel klingt so: „Qualitätserwartungen auf Marktseite und tatsächliche Leistungsfähigkeit des Produktes sind nicht synchronisiert.“

Samstag: Nach allem, was ich bislang über dieses Clubhouse gelesen habe, ist es wohl das nächste große Ding, das ich nicht brauche.

Abends hatten wir Appetit auf was vom Griechen unseres Vertrauens. Da überhaupt nicht einzusehen ist, warum er wegen unserer Bequemlichkeit Provision an den bekannten Speisesklavendienst entrichten sollte, schon gar nicht in diesen Zeiten, holte ich es trotz Schneetreibens gerne selbst mit dem Fahrrad ab. Das Bifteki war vorzüglich. Wie immer war es so viel, dass wir auch morgen noch was davon haben.

Sonntag: Vormittags verfolgten wir beim Frühstück eine Veranstaltung des Karnevalsvereins, die wie so vieles in diesen Zeiten nur auf dem Bildschirm besuchbar war. Zum Trost wurde „Heile, heile Gänsje“ gespielt, der alte Karnevalsschlager von Ernst Neger. Undenkbar, dass dieses Lied heute eine ähnliche Popularität erführe wie damals nach dem Krieg, allein schon wegen des Namens des Vortragenden. Entweder würde man ihn zur Umbenennung drängen, oder Lied und Künstler fielen der heute um sich greifenden Kulturkanzelei zum Opfer.

Woche 3: Lockendown

Montag: Die Rufe nach einer Pflicht zur Heimarbeit werden lauter. Dabei gibt es immer einen Grund, warum etwas nicht geht. In diesem Fall: Ich will nicht.

Morgens in der Zeitung eine Sprachperle:

„… in unserer Welt des vorzeitigen Nachrichtenergusses“

David Kriesel, Datenwissenschaftler, im General-Anzeiger

Die Frage der geschlechtsneutralen Ansprache und die Kritik am generischen Maskulinum führen immer wieder zu Diskuss- und Emotionen. Auch der Duden machte sich diesbezüglich in jüngster Zeit, je nach Betrachtungsweise, beliebt oder unbeliebt, beziehungsweise un*beliebt. Nachrichtensprechende sprechen einen Sternchensprung, wenn sie etwa „Nachrichtensprecher*innen“ sagen, und zunehmend liest man in Texten das generische Femininum statt der gewohnten allgemeinmännlichen Form, was ebenfalls nicht völlig unproblematisch ist. Wenn etwa ein Minister oder ein anderer in hingehaltene Mikrofone sagt: „Die Enten sind sicher“, müssen sich Erpel dann sorgen?

Dienstag: So langsam wird es frisurlich interessant, zumal der nächste Friseurbesuch in unbekannter Ferne liegt. Wie ich morgens beim Blick in den Spiegel feststellte, entwickelt sich der sogenannte Lockdown immer mehr zu einem Lockendown.

„Die Atmosphäre ist aufgewühlt“, sagte der Wettererklärer Sven Schwanke oder Karsten Plöger im WDR-Fernsehen, ich kann die immer noch nicht auseinander halten, im Gegensatz zu Özden Terli und Katja Horneffer im ZDF, die vergleichsweise gut zu unterscheiden sind. Doch nicht nur draußen toben die Turbulenzen, auch im trauten Heim war die Stimmung zeitweise bewölkt, was mich bereits beim ersten Morgenkaffee, lange vor der üblichen Sprechzeit, in ein klärendes Gespräch verwickelte, welches zumindest vorläufig zu einer Aufheiterung führte.

Weniger erbaulich dagegen die letzte Besprechung des Tages im Werk ab siebzehn Uhr, zu der ich nicht das Mindeste beitragen konnte, wofür ich andererseits nicht undankbar war, da mein Buchstabenbudget um diese Zeit üblicherweise längst aufgebraucht ist, heute erst recht, siehe oben. Da ich das bereits morgens ahnte, erwog ich, meine Teilnahme abzusagen, doch gemahnte mich der Liebste: „Das kannst du nicht machen, bei deinem Gehalt“, womit er nicht ganz unrecht hatte, daher ließ ich es stumm über mich ergehen.

Stumm bleibt auch der Radiowecker: „Dem Glücklichen schlägt keine Stund‘“, sagte er sich abends und kündigte dauerhaft seinen Dienst.

Mittwoch: In einer besonders sinnlosen Besprechung mutmaßten sieben Teilnehmer zwanzig Minuten lang über den Zweck und das Erfordernis eines IT-Systems, das augenscheinlich seit fünf Jahren nicht mehr genutzt wurde, während der achte, der die Antwort vermutlich weiß, unentschuldigt dem Gespräch fernblieb.

Fernbleiben muss ab sofort auch ein anderer, und zwar dem Weißen Haus, was aus historischen Gründen auch hier für die Nachwelt festgehalten sei:

(Der Spiegel Online)

„Was wir getan haben, ist in jeder Hinsicht erstaunlich“, sagte Trump zum Abschied. „Das waren unglaubliche vier Jahre.“ Damit hatte er zweifellos recht.

Zur Erinnerung auch dieses, vor gut vier Jahren schon einmal gezeigte:

(Archivbild aus Die Welt Kompakt 2016)

Unterdessen hat der Bonner Stadtrat wegweisende Entscheidungen getroffen:

(General-Anzeiger Bonn)

Eine Neuanschaffung alter Eisenbahnen, die keiner Zustimmung bedarf, auch bei mir:

Donnerstag: Wie die Werksverwaltung mitteilte, ist die Heizung wieder defekt. Vielleicht ist das auch ein subtiler Versuch, hartnäckige Heimarbeitsverweigerer wie mich auf dem kalten Weg umzustimmen.

Freitag: Nachdem zu Weihnachten 2004 der Tsunami in Südostasien Hunderttausende in Tod und Verderben gespült hatte, verzichteten die Radiosender in Deutschland darauf, „Die perfekte Welle“ von Wir sind Julisilbermondhelden oder wie die hießen zu spielen. Aus aktuellem Anlass rege ich an, in gleicher Weise mit „Auf das was da noch kommt“ von Lotte/Giesinger zu verfahren.

Samstag: Notwendige Be- und Entsorgungen verband ich mit einem kurzen Spaziergang an den Rhein. „Es gibt kein Corona, nur Politik“, rief ein Obdachloser, der sein Lager unter der Kennedybrücke aufgeschlagen hat, in einer Endlosschleife allen Vorbeigehenden zu. Als ob Politik ebenfalls eine Seuche wäre, der nur mit Impfung und Abstand beizukommen ist. Wenig später musste ich einer hinter mir gehenden jungen Frau beim Telefonieren zuhören, die von ihren Bekannten erzählte, die trotz Baby weiterhin in der WG wohnen und die Kleine auf eine fünfwöchige Backpackertour mitnahmen. Sie selbst überlege ebenfalls, die Pille abzusetzen, wisse aber noch nicht, was sie stattdessen tun solle. Was man halt so redet, wenn man unter sich ist und nicht damit rechnet, jemand könnte mithören und es anschließend aufschreiben. Eine unerfreuliche Begegnung anschließend erneut auf dem Verbindungsweg vom Rhein zum Augustusring. Der Weg ist der Länge nach durch eine sichtbare Kante in zwei ungleich breite Streifen aufgeteilt, Verkehrsschilder an beiden Enden weisen ihn eindeutig als kombinierten Fuß-/Radweg aus:

(Archivbild von April 2018)

Als ich auf dem schmaleren Streifen (links im Bild) nach oben ging, kam mir ein älterer Radfahrer entgegen gerast und beschimpfte mich unflätig als Trottel, weil ich seiner Ansicht nach auf dem Radweg ging. Was mich daran ärgerte, war nicht zuvörderst seine Beschimpfung – die Aufteilung des Weges ist wirklich etwas irreführend, vielleicht war der schmalere Streifen früher tatsächlich als Radweg ausgewiesen, und er hat das Schild nicht bemerkt, kann ja passieren. Am meisten ärgerte mich meine eigene Reaktion, deren verbale Unflätigkeit der seinen in nichts nachstand. Das war äußerst unsouverän von mir, wofür ich in aller Form um Entschuldigung bitte, wenn ich auch nicht genau weiß, wen. Den Radfahrer jedenfalls nicht, dieses A*loch.

Sonntag: Irgendwo las ich vor einigen Wochen eine Beschreibung des Buchs „Die Stille“ von Don DeLillo. Die Geschichte versprach Unterhaltungswert: In New York treffen sich fünf befreundete Personen, während weltweit die digitale Infrastruktur aus unbekannter Ursache dauerhaft zusammenbricht. „Ein Werk mit verblüffenden Parallelen zur aktuellen Situation in der Welt, ebenso hell- wie weitsichtig. DeLillos geschliffene Sprache, seine Vorstellungskraft und sein seismografisches Gespür machen »Die Stille« zu einem literarischen Ereignis“, preist der Verlag das zwanzig Euro teure, gerade mal hundertsechs Seiten dünne „Werk“ auf dem Rückumschlag an. Vielleicht ist mein eigenes seismografisches Gespür zu grob kalibriert, denn dieses literarische Ereignis, bestehend überwiegend aus geschwurbelten, schwer nachvollziehbaren Dia- und Monologen mit einer winzigen Prise Sex ohne jede Erotik, stieß bei mir vor allem auf gelangweilte Ratlosigkeit; selbst bei einem derart dünnen Buch kann man sich fragen: Wann ist es endlich vorbei? Sie können es sich bei Interesse gerne aus dem öffentlichen Bücherschrank vor dem Frankenbad abholen.

Endlich vorbei ist nun auch dieser Wochenrückblick. Ich wünsche Ihnen eine erfreuliche neue Woche.

Woche 2: Das Leben ist kein Schweigeorden

Montag: Vielleicht kennen Sie das auch – das Telefon tönt, die angezeigte Nummer lässt einen vollkommen überflüssigen Anruf erahnen. Sie gehen trotzdem dran, woraufhin der Anrufer Ihre Ahnung umgehend bestätigt, indem er den Inhalt einer Mail wiedergibt, die er Ihnen vor Stunden schrieb (und die zu lesen Sie noch keine Gelegenheit oder Lust hatten). Dennoch nimmt man diesen verdammten Anruf an, immer wieder. Vielleicht eine verhängnisvolle Mischung aus Höflichkeit und Versäumnisangst.

Völlig überflüssig auch solche Sätze, gelesen in einem Zeitungsartikel: „Es liegt in unserer DNA, auch in Zeiten einer globalen Krise zu liefern.“

Ein oft gehörter Satz in virtuellen Besprechungen: „Sorry, ich war noch gemutet.“ Manchmal eher schade, dass er oder sie es gemerkt hat.

Dienstag: Nach einem Tag reich an Besprechungen möchte ich nur noch hier sitzen. Am liebsten in Stille. Aber man kann nicht alles haben. Das Leben ist kein Schweigeorden.

Manchmal, wenn mir eine scheinbar einfache Frage, die ich unvorsichtigerweise stellte, in feinst verästelter Ausführlichkeit beantwortet wird, denke ich: Ein einfaches „isso“ hätte jetzt auch gereicht.

Mittwoch: „Keine Impfpflicht!“, rufen sie. Als ein Argument wird angeführt, dadurch könnten sich dringend benötigte Pflegekräfte zu einer anderen Berufswahl oder gar Kündigung veranlasst sehen. Hm … Kann es nicht sein, dass jene, die „total gerne was mit Menschen machen“, sich aber auf keinen Fall impfen lassen wollen, ohnehin besser was ganz anderes machen sollten? Vielleicht Ahnenforscher oder Leichenwäscher, das ist auch was mit Menschen, nur weniger ansteckend. Ich bin bestimmt kein glühender Verehrer des Ober-Bayern, aber an einer Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen kann ich nur wenig Verkehrtes erkennen.

Die Auszeichnung „Unwort des Jahres“ erfährt jährlich ein Begriff oder eine Redewendung, die etwa gegen Grundsätze der Menschenwürde oder Demokratie verstoßen, diskriminierend, euphemistisch, verschleiernd oder irreführend sind. In diesem Jahr hat es gleich zwei Wörter ereilt: „Rückführungspatenschaften“ (nie gehört) und „Corona-Diktatur“ (zu oft gehört). Schade, dass die „nukleare Teilhabe“ unberücksichtigt blieb.

Donnerstag: Morgens warnte die Frau im Radio vor „Gefahr durch überfrierende Glätte“. Seltsam eisige Stimmung auch abends daheim, wobei mir Schweigen nach einem weiteren besprechungsreichen Arbeitstag nicht völlig ungelegen kam. Warum haben die zu Jahresbeginn alle plötzlich so einen Redebedarf? Bleibt das jetzt so? „Wir müssen mehr miteinander reden“ erscheint mir zunehmend als eine zweifelhafte These.

Freitag: Ein weiteres unerträgliches Geräusch ist dieses „Jerusaleme“-Liedchen, das sie jetzt dauernd im Radio spielen. Auch mein innerer Ohrwurmmoderator hat es in seine Lieblingsliste aufgenommen und quält mich damit manchmal stundenlang.

Im Übrigen muss ich aufhören, alle, die mit Telefon am Ohr und/oder Kaffeebecher in der Hand durch die Gegend laufen, automatisch für Idioten zu halten.

Samstag: Die Dauer aller über WhatsApp erhaltenen Filmchen, von mir konsequent ignoriert, ergibt aneinandergereiht eine Zeitspanne, in der woanders Flughäfen geplant, genehmigt und errichtet werden.

Gelesen:

„… das Spröde am Niedersachsen wirkt sich sogar auf die Infektionszahlen aus. Im Norden befummeln sich die Leute nicht dauernd. Zwei Niedersachsen auf Armlänge, das geht schon in Richtung Sex.“

(Dietmar Wischmeyer im General-Anzeiger)

Er habe noch „Lücken im Tassenregal“, lässt der Geliebte wissen, was zumindest etwas freundlicher klingt als „nicht alle Tassen im Schrank“.

Sonntag: Gestern Abend hatte es auch bei uns zu schneien begonnen und der Schnee blieb – eher rheinlanduntypisch – zunächst liegen. Auch heute waren noch nennenswerte Spuren erkennbar, wenn auch im Schwinden begriffen, daher mussten die Kinder sich mit dem Schneemannbau beeilen, wobei für die meisten Exemplare, die ich während des sonntäglichen Flanierens sah, aufgrund der in den schmelzenden* Schnee eingeschlossenen Fremdpartikel eher die Bezeichnung „Schmutzmann“ angemessener erschien.

(Hier kann man der Physik bei der Arbeit zuschauen.)

Zum letzten Bild eine kleines Detail, das vermutlich nur ich selbst bemerkenswert finde. Es betrifft die schönen Laternen im Design der Fünfzigerjahre am Rheinufer. Vor einigen Jahren hatte man zu meinem Bedauern begonnen, sie gegen moderne Exemplare auszutauschen, siehe das Vergleichsbild vom Februar 2016:

Nun hat man sich offenbar wieder für die bisherigen Lampen entschieden. Ob sie noch auf irgendeinem städtischen Bauhof herumlagen oder im alten Stil neu angefertigt wurden, entzieht sich meiner Kenntnis.

Als am Spaziergang begeisterter Mensch freue ich mich über solches:

„Ich schaue da stets finster auf die Räder, aufs Ganze und nie auf die Insassen, welche ich verachte und zwar keineswegs persönlich, sondern rein grundsätzlich“, bekannte sein Spaziergänger,  „denn ich begreife nicht und werde niemals begreifen, dass es ein Vergnügen sein kann, so an allen Gebilden, Gegenständen, die unsere schöne Erde aufweist, vorüberzurasen, als wenn man toll geworden sei und rennen müsse, um nicht elend zu verzweifeln.“

(Robert Walser)

*) Hier stand zunächst „schmilzenden“, weil ich bislang annahm, die intransitive Form des Verbs wäre so korrekt („Der Schnee schmilzt“), wohingegen nur die transitive Form „schmelzen“ hieße („Die Sonne schmelzt das Eis“); ähnlich wie „gehangen“ und „gehängt“ beim Verb „hängen“. Doch die rote Mahnung der Textverarbeitung und anschließende Recherche belehren mich eines anderen. Wieder was gelernt.

Woche 1/2021: Strickjacke und warme Gedanken

Montag: Der erste Arbeitstag des Jahres bot keinen besonderen Grund zur Beanstandung, es war nur etwas kalt im Werk, vielleicht rechnete man nicht mit meiner baldigen Rückkehr. Ansonsten war es noch angenehm ruhig, bereits am Vormittag waren die Termine des Tages erledigt und ich konnte mich in Ruhe der Maillektüre widmen. Irgendwo las ich, irgendetwas sei „integraler Bestandteil der Fokusthemen“. Ach, wie wenig vermisste ich derartiges Wortgeklingel doch in der vergangenen Woche.

Zu Hause machten sich unterdessen drei fleißige Mitarbeiter des Landgerichts daran, mit schwerem Gerät den Sternenstaub vergangener Woche zu elimiminieren, der in die Gerichtseinfahrt diffundiert war. Laut glaubhafter Beschreibung einer Beobachterin legten sie dabei keine nennenswerte Geschicklichkeit an den Tag. So gelang es auch nach mehreren Anläufen nicht, über die kleine Rampe den Bordstein zu erklimmen.

(Liebe M, vielen Dank für das Bild und die Erlaubnis, es hier zu zeigen!)

Begrenzte Geschicklichkeit in der Wortwahl ist auch in nachfolgender Beschreibung eines Wanderwegs an der Sieg zu erkennen:

(Gelesen im General-Anzeiger Bonn)

Dienstag: Die neue Blogaktion von Aequitas et Veritas heißt „Momentaufnahme“. Alle zwei Wochen wird im virtuellen Raum eine persönliche Frage der Beantwortung anheim gestellt. Die aktuelle Frage lautet:

„Wagst du es vor dem Hintergrund der Erfahrungen von 2020 noch, für das neue Jahr Pläne zu schmieden, gute Vorsätze aufzustellen?“

Aus Gründen der Blogökonomie beantworte ich sie hier im Wochenrückblick, und zwar so: Selbstverständlich. Viererlei habe ich mir vorgenommen, erstens: Aufgrund des reduzierten Angebots in der Kantine wählte ich im vergangenen Jahr öfter als zuvor vegetarische Gerichte, dabei wurde ich immer wieder angenehm überrascht, daher werde ich das beibehalten. Vorausgesetzt, die Kantine muss nicht bald wieder komplett schließen. Zum zweiten werde ich weiterhin, wenn es eben möglich ist, also kein Sturm, Hagel oder Glatteis drohen, mit dem Fahrrad ins Werk fahren. Vorausgesetzt, ich darf weiterhin ins Büro und werde nicht zur Heimarbeit verpflichtet. Drittens möchte ich wieder regelmäßig laufen, mindestens einmal wöchentlich; sobald die Läden wieder geöffnet haben, damit ich neue Laufschuhe kaufen kann (nein, ich bestelle sie nicht, wie auch sonst nichts, beim großen A.) Als viertes habe ich vor, mindestens die zwei nächsten Etappen des Rheinsteigs zu erwandern. Was ich vorerst nicht plane, sind Urlaubsreisen; aus verschiedenen Gründen ist das im Moment nicht sinnvoll möglich.

Mittwoch: „Der Zweck eines Unternehmens ist es, seinen Kunden zu nutzen“, las ich in einer Mitteilung. Mein erster Gedanke: Müsste es nicht „nützen“ heißen? Aber nein, sagt der aktuelle Duden, beide Wörter bedeuten dasselbe, die ü-Form ist in Süddeutschland, Österreich und der Schweiz gebräuchlicher. Nun gut. Dennoch erscheint mir der Satz verlogen: Wesentlicher Zweck eines jeden gewerblichen Unternehmens ist es, Gewinn anzuhäufen. Wenn es dabei den Kunden nutzt oder nützt, umso besser; sein ureigenster Zweck ist es nicht. Wer anderes behauptet, lügt. Keine Zweifel hegte ich, lautete der Satz stattdessen: „Der Zweck eines Unternehmens ist es, seine Kunden (und Mitarbeiter) auszunutzen.“

Donnerstag: Die Raumtemperatur im Büro lässt noch immer eine gewisse Behaglichkeit vermissen. Angeblich sind bereits Techniker mit der Heizung beschäftigt, bislang offenbar ohne fühlbaren Erfolg. Vielleicht befindet sich der Werksheizer auch noch im Weihnachtsurlaub. Da helfen bis auf Weiteres nur eine dicke Strickjacke und warme Gedanken, die sich im Büro indes eher selten einstellen.

Ansonsten ging ich heute zu Fuß ins Werk und zurück. Was auffiel, waren die vielen Menschen, die abends trotz dräuender Dunkelheit, Kälte und Nieselregen die Rheinpromenade bevölkerten, so viele wie sonst an einem sonnigen Sonntagnachmittag. Es würde mich nicht wundern, wenn auch dort bald Maskenpflicht herrscht.

Freitag: Ins Werk fuhr ich bei Schneeregen, wie im Lichtkegel der Fahrradlampe zu erkennen war. Hätte mir vor einem Jahr jemand bei vergleichbarem Wetter vorgeschlagen, doch mal mit dem Fahrrad statt der Bahn zu fahren, hätte ich mich wohl höflich nach seinem Geisteszustand erkundigt. Und obwohl bei Ankunft die Hosenbeine feucht und die Brille undurchsichtig vor Wassertropfen waren, erfreute ich mich freitäglich-angenehmer Stimmung. Erstaunlich, was alles geht und wie wenig es ausmacht, wenn man es einfach tut.

Auch musste ich im Büro nicht länger frieren, entweder waren die Heizungstechniker erfolgreich oder der Werksheizer hat nach frischer Kohlenlieferung seine Tätigkeit wieder aufgenommen. Zwischendurch öffnete ich sogar das Fenster kurz, undenkbar an den Tagen zuvor.

Liebe Kollegen, aus gegebenem Anlass vernehmet dieses: Wenn ihr mir eine Einladung zu einer Besprechung schickt, ohne darin das Thema wenigstens kurz zu umreißen, rechnet bitte nicht mit einer Zusage.

Zur Unterstützung der örtlichen Gastronomie holten wir uns abends etwas vom Lieblingsitaliener, was zuvor einen Blick in die Speisekarte erforderte: „Ich hätte gerne was mit Ei.“ – „Ich dachte du verträgst keine Eier.“ – „Nur deine nicht.“ Die Stimmung war ansonsten ausgezeichnet.

Keine Macht den Drogen. Gleichwohl ist es immer wieder ein schöner Moment, wenn sich am Freitagabend mit dem ersten Getränk die Leichtigkeit des Wochenendes einstellt.

Samstag: „CDU-Frauen wollen Laschet“, ist ein kurzer Artikel im General-Anzeiger überschrieben. Ich stelle mir dabei vor, wie sich eine Schar lüsterner Zahnarztgattinnen vor dem Düsseldorfer Präsidentenpalast versammelt und im Chor ruft: „Laschi, mach uns ein Kind!“

In derselben Zeitung ein lesenswerter Rückblick auf ein Jahr mit Corona und menschliche Verhaltensweisen. Kostprobe:

»Eine nationale Sache auf Tod und Leben. Wer ist zuständig? Das kommunale Gesundheits­amt! So ähnlich, wie wenn beim Einmarsch der Russen das Ordnungsamt kontrollieren soll, wie die Panzer geparkt sind. […] Man soll es nicht tun? Man darf es nicht tun? Es ist gemein gegen andere? Es ist lebensgefährlich? Is‘ mir egal, ich will aber! Also knubbeln sich Tausende an der Schinkenstraße und auf der Rodelpiste. […] Verstandeskrise. Stell dir vor, tausend Leute sterben, und ein Typ sagt in die Kamera: „Ich glaube die Zahlen nicht.“ Journalismuskrise: Der Typ hinter der Kamera sendet das auch noch zur Primetime.«

(Aus: „Das Es und das Wir“ von Wolfgang Pichler, erschienen im General-Anzeiger Bonn am 9. Januar 2021)

Sonntag: Kennen Sie das, wenn man ein störendes Geräusch erst in dem Moment bemerkt, da es verstummt? So geht es mir einem der Lufterfrischung dienenden Apparat, der seit geraumer Zeit Bestandteil der häuslichen Gerätelandschaft ist. Weil immer was in der Luft liegt, rauscht er je nach gemessenem Luftverschmutzungsgrad mal lauter, mal leiser vor ich hin. Anders bei Staubsauger, Wäschetrockner und Max Giesinger: Da tritt das Störempfinden unmittelbar ein.

Woche 53: Winterfeeling im Wertstoffhof

Montag: „Endlich ist dieses Jahr vorüber“, hört man sie nun sagen, als ob bereits ab Freitag alles wie zuvor wäre. Doch will ich nicht die Stimmung trüben. Freuen wir uns vielmehr, endlich wird auch bei uns geimpft was die Spritzen hergeben. Anlässlich dessen zwang mich die Tagesschau gestern Abend, achtmal schaudernd den Blick vom Fernseher abzuwenden, weil eine Nadel in einen meist runzeligen Oberarm getrieben wurde. Bei fünfzehn Minuten Sendezeit ergibt das durchschnittlich alle 1,9 Minuten bzw. 113 Sekunden einen Stich. Hoffen wir, dass es auch die Impfablehner überzeugt.

Dienstag: Offenbar haben die Leute „zwischen den Jahren“ nichts besseres zu tun, als in Scharen nach Winterberg und in die Eifel zu fahren, weil dort Schnee liegt. Viel mehr als Straßen und Parkplätze zu verstopfen können sie dort nicht machen – Skilifte, Hotels und Lokale sind bekanntlich geschlossen. Lange Schlangen laut Radiomeldung auch vor den örtlichen Wertstoffhöfen, weil viele die Entsorgung ihrer Abfälle offenbar mit einem Familienausflug verbinden. Vielleicht hoffen sie, zusammen mit dem alten Fernseher auch das alte Jahr symbolisch loszuwerden, kann man ja keinem verdenken.

Abfall zu produzieren ist nunmal wesentlicher Bestandteil menschlicher Natur. Um die übrige Natur ein klein wenig zu schonen, ersannen wir die Abfalltrennung in Wertstoffhöfen und bunten Tonnen, immerhin. Nicht alle verstehen das Prinzip, wie immer wieder festzustellen ist. Es bedarf schon erstaunlicher Phantasie, mehrere Liter nicht mehr benötigten (flüssigen) Tapetenkleisters als Verpackungsmüll zu deklarieren und in den dafür vorgesehenen Behälter zu füllen. Vielleicht wollte mir der Geliebte auch nur ein wenig Blogstoff liefern. Oder ich bin in diesen Dingen zu empfindlich, wird doch nur ein sehr geringer Anteil der Verpackungsabfälle wieder verwertet, wie ich kürzlich las, der Rest wird zusammen mit Haarschnitt, Hausstaub und Hundekot der Verbrennung zugeführt.

Auch der Liebste und ich verbanden heute die Abholung von Schaumwein im Ahrtal mit einer kleinen Ausfahrt durch die Eifel, indes unbeschneit.

(Beide Bilder entstanden am späten Nachmittag oberhalb von Mechernich-Wachendorf; das Ding da im Feld ist kein Futter- oder Raketensilo, sondern die Bruder-Klaus-Kapelle, ein recht eigenwilliger Sakralbau.)

Aus gegebenem Anlass: Werter Herr Saitenbacher, ich habe keinen Grund, an der hohen Qualität Ihrer Produkte zu zweifeln. Dennoch versichere ich Ihnen, niemals eins davon zu kaufen. Grund ist die wirklich unerträgliche Reklame dafür.

Mittwoch: Nur weil Weihnachten vorüber ist, heißt das nicht, der Paketbube hätte bei uns nichts mehr zu tun. Heute brachte er ein weiteres Glasgefäß unbekannter Zweckbestimmung für den Geliebten, der in letzter Zeit eine unerklärliche Sammelleidenschaft für Bleikristall entwickelt hat. In Anlehnung an Loriot ausgedrückt: Die Menschheit wird gerade von einem Virus hingerafft, aber wir haben Zuckerdosen und Milchkännchen.

Erkenntnis: Man muss nicht jeden Abend zwei Flaschen Wein trinken. Eine genügt auch.

Donnerstag: Am letzten Tag des Jahres wird traditionell der Jahresrückblick ins Tagebuch eingetragen.

Ob er nach Sattel schmeckt, fragte der Liebste abends bei Verkostung eines Bordeaux, den Experten als „ein önologisches Violinkonzert“ bezeichnen. Ich habe nicht die leiseste Idee, wie ein Sattel schmeckt, und Sie sehen mich in banger Hoffnung, das weder im neuen Jahr noch irgendwann danach erfahren zu müssen.

Freitag: Da das önologische Silvesterkonzert mehrere Zugaben erfuhr, verließ ich das Bett erst am späteren Mittag. Warum auch nicht, das neue Jahr ist nachmittags auch noch da.

„Das beste kommt noch“, las ich während des Ernüchterungsspaziergangs auf einem Zettel, den jemand hinter seiner Fensterscheibe befestigt hat. Das wollen wir doch hoffen. Es ist im Übrigen sehr ungewöhnlich, am Neujahrstag durch weitgehend saubere Straßen zu gehen. Nur vor unserer eigenen Hauseinfahrt liegt eine größere Ansammlung bunter, glitzernder Foliensterne auf der Straße, die dort nicht näher bezeichnete Personen in der Silvesternacht geräusch- und raucharm verstreut haben. Das ist einerseits eine Sauerei, andererseits hübscher anzusehen als die Glasscherben, Raketenabschussrampen, Böllerfetzen und Brechlachen der Vorjahre.

Samstag: Wie der Deutsche Wetterdienst mitteilte, verursacht Polarluft in höheren Lagen „ein brauchbares Winterfeeling“. Was auch immer das sein soll und wer es braucht. Vielleicht hält das die Leute davon ab, weiterhin massenhaft nach Winterberg und in die Eifel zu fahren, weil sie den Winter auch vor der Haustür feelen.

Wenn Sie in der Schule in Physik gut aufgepasst haben, wissen Sie vielleicht noch, was Diffusion ist. Sehr gut zu beobachten ist dieser Vorgang zurzeit in unserer Straße, wo die bunten Sterne durch Wind und Autoreifen langsam in entferntere Stadtteile diffundieren.

Auch Herr B geht gerne spazieren, und zwar mit offenen, offenbar nicht überwiegend auf ein Datengerät gerichteten Augen. „Es war, ich möchte mich da festlegen, der bisher beste Tag des Jahres“, enden seine Betrachtungen über den Neujahrstag.

Sonntag: Morgens gegen halb sechs aufgewacht und vermutlich nicht wieder eingeschlafen, dennoch durfte ich erst gegen zehn das Bett verlassen, bitte fragen Sie nicht. Wozu sollte ich auch an einem Sonntag früher aufstehen, der Carpe-Diem-Gedanke lässt sich auch im Liegen sinnierend gut verwirklichen. Wie ich mal gelesen habe, hat man Leute, die an häufiger Schlaflosigkeit litten, in einem Schlaflabor vermessen, und siehe da: Ohne es selbst zu merken, schlummerten sie wie ein Igel in seiner Winterhöhle. Deshalb schrieb ich eben „vermutlich“. Nur weil man etwas nicht bemerkt, bedeutet das nicht zwingend, dass es nicht stattfindet.

Vermutlich hat mein ermüdeter Körper in den vergangenen zehn Nächten genügend Schlaf getankt, irgendwann ist es damit auch mal gut. Morgen ist es damit ohnehin vorbei, wenn wieder die innere Werkssirene heult. Wenn es Ihnen ähnlich ergeht, wünsche ich uns einen angenehmen Start in die neue Arbeitswoche. Lassen Sie es ruhig angehen und sich nicht hetzen, das Jahr ist noch jung.

Was ich auch gelesen habe: Offenbar kann oder konnte man beim Bachmann-Wettbewerb den Ernst-Willner-Preis gewinnen. Auch ohne Kenntnis, wer Ernst Willner ist oder war und warum in seinem Namen Preise vergeben werden, finde ich das ganz wunderbar. (Damit sind alle Notizen der Woche in diesem Rückblick verwurstet, was ich auch ganz wunderbar finde.)

Vielleicht kommt es ganz anders

Vorbemerkung: Dies ist meine persönliche Chronik der Corona-Pandemie, die ich Anfang April zu schreiben begonnen habe, so wie viele es bereits getan haben oder immer noch tun. Daher empfehle ich Ihnen nicht unbedingt, es zu lesen, Sie werden nicht sehr viel Neues darin finden, das sie nicht – vielleicht besser – schon in anderen Blogs und Artikeln gelesen oder selbst geschrieben haben, außerdem ist es sehr lang geraten, wer liest heutzutage schon gerne lange Texte. Weiterhin ist es nur ein Zwischenstand, die Seuche ist ja noch längst nicht vorüber. Aber auch eine Idee für einen Thriller, falls Sie sowas mögen. (Wenn nicht, sollten Sie ab dem Bild mit den blühenden Kastanien nicht weiterlesen.)

Im Laufe der Zeit wird der Text immer wieder an die aktuellen Entwicklungen angepasst, soweit es mir möglich ist; man weiß ja nie. Im Übrigen wäre dieses Blog, das ja dazu dient, den alltäglichen Wahnsinn zu dokumentieren, ohne eine Chronik dieser ungewöhnlichen Zeit unvollständig. Falls es in zehn oder zwanzig Jahren mal jemand lesen sollte, sofern es dann das Blog noch gibt, und jemanden, der es lesen will und kann.

(Letzte Aktualisierung: 7. Januar 2021)

***

Als es um den Jahreswechsel 2019/2020 herum hieß, in China sei eine neuartige, rätselhafte Lungenkrankheit ausgebrochen, die zu Todesfällen führt und sich schnell ausbreitet, da war das ungefähr so weit weg wie der Sack Reis, der in China immer wieder mal umfällt. Millionenstädte wurden abgeriegelt, Reisen untersagt, was nur in einem totalitären Staat wie eben China denkbar schien. Die Fernsehbilder von zahlreichen Baggern, die sich scheinbar unkoordiniert auf einer durchwühlten Fläche drehten, angeblich, um innerhalb weniger Tage ein Notkrankenhaus zu errichten, tat ich zunächst als Propaganda der Regierung ab, um der Welt zu zeigen: Wir tun was, haben die Sache im Griff. Dann wurde klar: Die bauen wirklich ein Krankenhaus, nicht nur eins. Die Sache war offenbar ernst.

Kurz darauf wurde vor Reisen nach China, vor allem in die betroffenen Gebiete, offiziell gewarnt. Die menschliche Rationalität erfuhr erste Aussetzer, wie so oft, wenn Unheil droht, wenn auch zunächst diffus und unbestimmbar: Menschen aus China, egal aus welcher Region, Menschen mit asiatischer Physiognomie, egal woher, wurden plötzlich angefeindet und diskriminiert.

Bei uns, wie auch sonst überall außerhalb Chinas, ging das Leben unterdessen seinen gewohnten Gang: Wir fuhren zur Arbeit, auf den Autobahnen die täglichen Staus, wir konsumierten, reisten, machten Kreuzfahrten, feierten Karneval, Partys, spielten und schauten Fußball, machten Skiurlaub, natürlich mit Apres Ski. Die Kalender waren voll mit Terminen, privat wie beruflich: geplante Urlaube, Wochenendausflüge, Dienstreisen. Politiker beschimpften sich wie üblich, die Wirtschaft wuchs, weil Wachstum wichtig ist, Menschen wurden wegen ihres Glaubens, ihrer Hautfarbe oder aus anderen Gründen getötet oder in die Flucht getrieben; der ganz normale Wahnsinn.

Dann kam das Virus näher: Norditalien, Spanien, Österreich, Frankreich. Menschen erkrankten, manche schwer, einige starben. Man relativierte: Schließlich starben jährlich Tausende an der Grippe, im Straßenverkehr und an den Folgen des Rauchens und von Alkohol, da würde es schon nicht so schlimm sein. Dennoch waren Corona und Covid-19 nun jedermann ein Begriff. Es erinnerte an vergangene Epidemien wie Schweinegrippe, Sars, H1N1, EHEC, und wie sie alle hießen, längst vergessen, wann war das nochmal gewesen … Damals hatte es auch geheißen: Husten und Niesen nur in die Armbeuge, Hände möglichst gründlich waschen. Auf Toiletten hingen nun wieder bebilderte Anleitungen zum korrekten Händewaschen. Das ganze hatte etwas von einem Thriller, wie „Der Schwarm“ von Frank Schätzling: Man liest es mit einer Art angenehmem Schauder, ist aber selbst nicht betroffen, weil entweder Fiktion oder weit weg.

Aber so weit weg war es nicht mehr, die ersten Fälle nun auch in Deutschland. In Nordrhein-Westfalen, Kreis Heinsberg, das war nun wirklich nah! Jetzt wurden nicht nur Menschen mit asiatischem Aussehen angefeindet, sondern auch die mit „HS“ als Kfz-Kennzeichen, wenn sie sich über ihre Kreisgrenze wagten. Unterdessen die ersten Einschränkungen des öffentlichen und geschäftlichen Lebens in Italien, Spanien, Österreich und Frankreich, um die weitere Verbreitung des Virus aufzuhalten oder wenigstens zu verlangsamen. Menschen durften sich dort nicht mehr frei bewegen, Geschäfte, die nicht lebensnotwendig waren, mussten schließen, bald auch Kneipen und Restaurants. Krankenhäuser waren überfüllt, Ärzte und Personal an ihren Grenzen. Nicht mehr allen Erkrankten konnte geholfen werden, viele starben, vor allem Alte mit Vorerkrankungen, aber bei Weitem nicht nur die. Drohte uns das bald auch in Deutschland?

Bei uns wurden zunächst Veranstaltungen ab tausend Personen untersagt, kleinere blieben erlaubt; allenfalls wurde empfohlen, darauf zu verzichten. Auch wir fragten uns: Sollten wir wirklich noch zur Feier des sechzigsten Geburtstags des Schwagers nach Bünde fahren? Wir fuhren, es war vorläufig unsere letzte Reise und die letzte größere Ansammlung von Menschen, deren Teil wir waren. Es ging gut, und doch fühlte es sich falsch an, verboten. Das Hotel, in dem wir übernachtet hatten, musste kurz darauf für privat Reisende schließen, wie alle Hotels. In Bünde sah ich erstmals leergekaufte Supermarktregale. Der Thriller wurde realer.

Die menschliche Vernunft ging weiter zurück: Viele hielten sich nicht an die Kontaktbeschränkungen, manche feierten sogar „Corona-Partys“. Und sie kauften Unmengen Toilettenpapier, als hinge ihr Leben davon ab; wochenlang war es Glückssache, noch eine Packung zu erstehen. Außerdem Nudeln und Mehl, warum ausgerechnet Mehl, was machten sie damit? Dabei gab es keine Engpässe in der Versorgung, wie Handel und Politiker nicht müde wurden zu betonen, es war grundsätzlich genug von allem für alle da. Oder wäre gewesen, wenn jeder nur so viel gekauft hätte, wie er benötigte. Der Konjunktiv bekam Konjunktur in diesem Jahr. Das, was wir „zivilisiertes Verhalten“ nennen, erwies sich als ein dünner Faden, der schnell reißt, sobald wir glauben, die Kontrolle zu verlieren, uns übervorteilt oder bedroht fühlen oder schlicht Angst haben.

Ein wenig erinnerte mich die Situation an 1986, als aus Tschernobyl die radioaktive Wolke zu uns kam und wir sehr verunsichert waren wegen dieser unsichtbaren Gefahr, ängstlich unter das nächste Dach liefen, sobald ein paar Regentropfen fielen, kein Wild und keine Waldpilze mehr aßen. Und doch war ich jetzt guter Hoffnung, es würde mich und mir nahestehende Personen nicht treffen. Allein von den Fallzahlen her war die Wahrscheinlichkeit einer Infektion mit schwerem Krankheitsverlauf gering. Noch.

Die Woche darauf verkündete die Bundeskanzlerin erst in einer Pressekonferenz, dann in einer Ansprache ans Volk weitreichende Einschränkungen auch bei uns: Keine Veranstaltungen, keine unnötigen Reisen wie Urlaub, keine Restaurantbesuche, die Wohnung nur noch verlassen, wenn es unvermeidbar ist, wie zur Arbeit oder zum Einkaufen; grundsätzlich maximal zu zweit und mit mindestens eineinhalb Meter Abstand zueinander. Abstand wurde zu einem der meist gebrauchten Wörter des Jahres. Viele Geschäfte mussten nun auch in Deutschland schließen, zudem alle Kneipen, Bars, Theater, Museen, Friseure, Universitäten und Schulen. Keine Konzerte, Gottesdienste, Sportveranstaltungen, sogar die Fußball-Europameisterschaft und Bundesliga wurden abgesagt. Kurz: Alles, wo Menschen zusammenkamen aus nicht lebenswichtigen Gründen. Die meisten Grenzen zu den Nachbarländern wurden geschlossen und Mecklenburg-Vorpommern ließ niemanden aus anderen Bundesländern mehr rein. Der Stillstand bekam einen eigenen Namen, nein zwei: wahlweise „Lockdown“ oder „Shutdown“. Irgendwer fing damit an, bald plapperten es alle nach.

Viele Firmen ordneten, soweit möglich, Heimarbeit an, oder sie stellten den Geschäftsbetrieb ganz ein, wie die großen Autohersteller. Ich selbst wollte und durfte weiterhin ins Büro fahren, fuhr nur noch mit dem Fahrrad dorthin, auch bei Regen und Kälte. Die Stadtbahn mied ich, obwohl die Bahnen anfangs fast leer durch die Gegend fuhren, sicher ist sicher. Ich war froh, noch ins Büro zu dürfen, obwohl ich ebenfalls zu Hause hätte arbeiten können. Es gab meinen Tagen Struktur und die mir wichtige Trennung Arbeit – Privat blieb erhalten. Der Autoverkehr auf den Straßen ging drastisch zurück, die Staumeldungen im Radio fielen ungewohnt kurz aus.

Die Reise- und Tourismusbranche kam fast zum Erliegen, die meisten Flugzeuge blieben am Boden, Kreuzfahrtschiffe lagen fest. Die Natur konnte ein wenig aufatmen. Wie mochte es jetzt in Playa del Ingles auf Gran Canaria sein, wo wir früher so oft waren, einem Ort, der fast ausschließlich aus Hotels und Ferienappartements und einer rein auf den Tourismus ausgelegten Infrastruktur bestand? Gespenstisch leer vermutlich, vor allem nachts.

Ich fragte mich, wie lange die Bevölkerung noch ruhig und zu Hause blieb, den Empfehlungen der Regierung folgte, die beschlossenen und verkündeten Maßnahmen und Einschränkungen akzeptierte. Kam es irgendwann zu Unruhen, Gewalt, Plünderungen? Die Menschen bereiteten mir viel mehr Sorgen als das Virus. Wie lange war die Versorgung mit Lebensmitteln sichergestellt? Hielten die Menschen in den sogenannten „systemrelevanten“ Berufen – Ärzte, Polizisten, Verkäufer, Zusteller, Feuerwehr und andere – noch lange durch? Was passierte, wenn nicht?

Anfang April lebten wir seit drei Wochen im Ausnahmezustand, der mit großer Wahrscheinlichkeit noch einige Wochen anhalten würde, auch wenn die Stimmen nicht nur aus der Wirtschaft laut wurden, dass wir das nicht mehr lange durchhielten. Aber was war die Alternative? Die Zahl der Infektionen stieg weiter, fast 100.000 Fälle und 1.500 Tote, aber immerhin auch 26.000 Genesene in Deutschland; über letztere wurde in den Medien wenig berichtet.

Persönlich empfand ich mich nur wenig eingeschränkt, vielmehr konnte ich der Situation auch durchaus Gutes abgewinnen: In absehbarer Zeit gab es keine Dienstreisen, fast alle privaten Verpflichtungen waren ausgesetzt oder ganz gestrichen. Ich musste abends nicht mehr raus zu Vereinsaktivitäten, die mir schon vor der Pandemie zunehmend lästig geworden waren. Früher waren freie Wochenenden ohne Termine ein Geschenk, nun wurden sie zur Regel. Ich durfte weiterhin spazieren gehen und war gewissermaßen gezwungen, regelmäßig Fahrrad zu fahren. Und ich habe keine Kinder, die ich nun den ganzen Tag bespaßen und beschulen musste, weil sie nicht zur Schule gehen konnten. („Homeschooling“ ist auch eins dieser unsäglichen, nachgeplapperten Wörter, die dieses Jahr hervorgebracht hat.) Ich glaube, wenn ich Kinder hätte, käme ich nachts nicht in den Schlaf aus Sorge um deren Zukunft, auch wenn diese Seuche irgendwann vorüber sein sollte; andere Krisen, allen voran der Klimawandel, gehen weiter.

Natürlich gab es einiges, was ich vermisste: Die Woche Urlaub in Südfrankreich nach Ostern. Die gebuchte Schifffahrt zu „Rhein in Flammen“ Anfang Mai. Restaurantbesuche. Mit Freunden ins Ahrtal fahren, mit anschließender (W)Einkehr. Aber was waren das für Probleme, verglichen mit denen Anderer? Die infiziert oder erkrankt waren. Die bereits Angehörige verloren hatten. Die ihre Lieben im Krankenhaus oder Pflegeheim nicht besuchen durften. Die sich Sorgen um ihre berufliche Zukunft machen mussten. Die irgendwo in einem fernen Land oder auf einem Kreuzfahrtschiff festsaßen und nicht nach Hause konnten. Die in einem Flüchtlingslager lebten. Obdachlose. Nein, uns ging es gut, es fehlte an nichts.

Die Maßnahmen wirkten: Die Zahl der Neuinfektionen ging zurück, im Mai wurden die Einschränkungen teilweise aufgehoben. („Lockerungen“ wurde ein weiteres Wort des Jahres.) Läden, Restaurants, Friseure, Schulen und Kirchen öffneten wieder, unter strengen Auflagen: Sie durften nur mit Mund-Nasen-Schutzmaske betreten werden, deren Wirksamkeit noch wenige Wochen zuvor bei Politikern und Wissenschaftlern umstritten war, was vielleicht auch daran lag, dass es anfangs nicht genug Masken für alle gab. Nun gab es sie in rauen Mengen, von einfachen Einwegmasken bis hin zu modischen Designerstücken mit lustigen Motiven. Beim Betreten der Läden musste man sich die Hände desinfizieren, in Restaurants Namen und Kontaktdaten hinterlassen, zur „Kontaktpersonennachverfolgung“, eine weitere Wortgeburt dieses Jahres. Wir durften also wieder raus, Leute treffen, in die Büros, mit Einschränkungen reisen. Auch Fußballspiele vor reduziertem Publikum waren wieder möglich. Die „neue Normalität“ wurde ausgerufen. Man fuhr und flog wieder in den Urlaub, nach Mallorca, Italien, in die Türkei – die meisten jedoch blieben im Inland. Nord- und Ostseeküste erlebten einen Andrang wie lange nicht mehr.

In der Bevölkerung regte sich Widerstand gegen die angeordneten Maßnahmen, die weiterhin Bestand hatten, allen voran die Maskenpflicht. Das reichte von „ist doch nicht viel schlimmer als eine Erkältung“ bis hin zu absurden Verschwörungstheorien, wonach das Virus nur eine ausgedachte Gefahr war, um das Volk zu versklaven. In Berlin, Stuttgart und anderen Städten gingen die Leute deswegen auf die Straßen, Regenbogenfahnen marschierten neben Reichskriegsflaggen.

Der Sommer wurde heiß, viele junge Leute pfiffen weiterhin auf die Regelungen und Abstand, trafen sich, da Diskos und Clubs geschlossen waren, in Parks, auf Plätzen, am Rheinufer; tranken, feierten, sahen es überhaupt nicht ein, sich einschränken zu lassen. Mehrfach löste die Polizei Ansammlungen auf, was häufig auf Widerstand stieß und immer wieder Gewalt auslöste.

Einige Staatspräsidenten verharmlosten die Gefahr und weigerten sich, Masken zu tragen, gerade solche mit besonders hohen Infektionszahlen in ihrem Land, etwa Brasilien, Großbritannien, die USA oder Weißrussland. Folgerichtig fingen sie sich selbst das Virus ein, wobei nur Boris Johnson, der britische Premierminister, nennenswerte Symptome aufwies, während die anderen – Trump, Bolsonaro, Lukaschenko -, glimpflich davonkamen und hinterher umso überzeugter verkündeten, das Virus sei ungefährlich, obwohl bereits Tausende aus ihrer Bevölkerung daran gestorben waren.

Die meisten jedoch waren vernünftig und hielten sich an die Einschränkungen. Aber was nützte das alles, solange es keine Impfung und kein Medikament gab? Wahrscheinlich müssten wir bestimmte Vorsichtsmaßnahmen noch lange Zeit beibehalten: Hände häufig waschen, keine Umarmungen und Küsschen zur Begrüßung, keine Hände schütteln, Abstand halten. Immerhin: Wenn Händeschütteln durch diese Krise dauerhaft abgeschafft würde, hätte sie wenigstens etwas Gutes bewirkt.

Große Veranstaltungen wurden abgesagt: das Oktoberfest in München, die Karnevals-Session, Weihnachtsmärkte. Dennoch galt es, einen weiteren Stillstand um jeden Preis zu vermeiden, weil man befürchtete, große Teile der Wirtschaft würden den nicht überstehen.

Im Herbst, nach Rückkehr der Urlauber, stiegen die Infektionszahlen wieder an. Zunächst langsam, bald rasant. Fast alle angrenzenden Länder wurden zu Risikogebieten erklärt, wer dorthin reiste, musste hinterher einen negativen Corona-Test vorweisen oder sich in Quarantäne begeben. Einige Länder verschärften die Maßnahmen wieder drastisch, verhängten Ausgangssperren. Auch immer mehr Regionen in Deutschland waren betroffen. Die Bundeskanzlerin beriet sich mit den Ministerpräsidenten der Länder, was zu tun sei, doch es gelang zunächst nicht, sich auf einheitliche Regelungen zu einigen. Die Maskenpflicht wurde verschärft, auch draußen sind seitdem Mund und Nase zu bedecken überall dort, wo viele Menschen sind, vor allem in Fußgängerzonen. Als Brillenträger läuft man nun noch häufiger im Nebel herum. Für die Gastronomie wurde die Sperrstunde eingeführt. Immerhin gab es noch Gastronomie.

Zum November einigten sich Bund und Länder auf neue Beschränkungen, nicht ganz so drastisch wie im Frühjahr: Befristet für zunächst vier Wochen mussten Gaststätten wieder schließen, Veranstaltungen wurden untersagt, maximal fünf Personen aus unterschiedlichen Haushalten durften sich öffentlich treffen. Immerhin gab es keine Ausgangssperren wie in anderen Ländern, zum Beispiel Frankreich. Geschäfte und Schulen blieben geöffnet, der Profisport durfte ohne Zuschauer weiter betrieben werden, vermutlich ließ sich damit auch so noch genug Geld verdienen.

Es gab Hoffnung: Im November meldeten mehrere Unternehmen, einen wirksamen Impfstoff entwickelt zu haben. Doch der musste erstmal zugelassen, in erforderlicher Anzahl hergestellt und verteilt werden.

Die Neuinfektionen gingen unterdessen nicht zurück, täglich meldete das Robert-Koch-Institut eine fünfstellige Zahl an neu Infizierten, auch die Zahl der „an oder mit“ Corona Gestorbenen stieg an. Daher einigten sich Bundeskanzlerin und Ministerpräsidenten auf eine Verlängerung der Maßnahmen, erst bis Ende Dezember (das Weihnachtsgeschäft!), dann bis Anfang Januar; über Weihnachten und Silvester sollte es leichte Lockerungen geben, statt fünf sollten sich vorübergehend zehn Personen treffen dürfen. Einige Städte verhängten nächtliche Ausgangssperren. Die Verrückten demonstrierten unterdessen weiter und faselten von „Diktatur“.

Anfang Dezember mahnten führende Wissenschaftler dringend weitere Beschränkungen an. Gleichzeitig wurden in Großbritannien die ersten Menschen geimpft, was zu Diskussionen und Unverständnis führte, da die EU sich mit der Zulassung noch etwas Zeit ließ; erst nach Weihnachten sollten auch hier die ersten Spritzen gesetzt werden. Unterdessen wurden aufgrund der weiter steigenden Infektionszahlen die Maßnahmen weiter verschärft. Über die Weihnachtstage gab es nur noch geringfügige Lockerungen, die derart kompliziert formuliert waren, dass sie keiner verstand, zu Silvester wurden Ansammlungen in der Öffentlichkeit und der Verkauf von Feuerwerk untersagt.

Die früheren Impfungen nützten den Briten zunächst wenig: Eine Woche vor Weihnachten trat eine neue Variante des Virus auf, die bis zu siebzig Prozent ansteckender sein sollte, nach ersten Erkenntnissen jedoch weder zu schwereren Krankheitsverläufen noch einer erhöhten Sterblichkeit führte. Zur Sicherheit stellten zahlreiche europäische Länder vorübergehend den gesamten Reise- und Frachtverkehr mit Großbritannien ein; kurz darauf stauten sich tausende von LKWs vor Dover. Konsumfreude kollidierte mit Naturgewalt.

Kurz vor dem nächsten Jahreswechsel freuten sich viele, weil dieses schlimme Jahr vorüber ging, obwohl das Ende des vorläufigen Dauerzustandes noch lange nicht absehbar ist. Weiterhin meldet das Robert-Koch-Institut für Deutschland täglich Neuinfektionen in fünfstelliger Zahl. Weltweit hatten sich fast 83 Millionen Menschen mit dem Virus infiziert, über 1,8 Millionen davon sind gestorben. Deutschland stand mit rund 1,7 Millionen Infizierten und dreiunddreißigtausend Toten noch vergleichsweise gut da. Einige klagten vor Gericht, weil sie zu Silvester keine Raketen abfeuern durften und bekamen sogar Recht, weil die Richter keinen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Feuerwerk, Infektions- und erhöhter Knallkörperverletzungsgefahr sahen.

Immerhin: Der Stuttgarter Initiator der zweifelhaften Bewegung, die sich selbst als „Querdenker“ bezeichnet, hatte angekündigt, bis auf weiteres auf Demonstrationen zu verzichten. Die LKW, die sich vor Weihnachten in England stauten, durften ihre Fahrt fortsetzen. Und in Europa sind die Impfungen angelaufen, als erstes alte Menschen in Pflegeheimen und medizinisches Personal; in den Nachrichtensendungen wird ungefähr alle zwei Minuten eine Nadel in einen Oberarm getrieben.

Schon kurz nach Weihnachten wurden Zweifel laut, dass die Beschränkungen wie geplant nach dem 10. Januar teilweise zurückgenommen werden können. Anfang Januar trafen sich wieder Bundeskanzlerin und Ministerpräsidenten und sie beschlossen, die Maßnahmen bis Ende Januar zu verlängern, mehr noch: Nun durften wir uns nur noch mit einer haushaltsfremden Person treffen und man erwog, den Bewegungsradius von Menschen in besonders stark betroffenen Gebieten auf einen Umkreis von fünfzehn Kilometer um den Wohnort zu beschränken. Das wurde heftig kritisiert, da weder klar war, ob mit Wohnort die konkrete Adresse des Einzelnen oder die Gemeinde-/Stadtgrenzen gemeint waren, noch wie das durchzusetzen und zu kontrollieren sei. Heftig kritisiert wurde auch der Gesundheitsminister, weil die Impfungen wegen zu wenig Impfstoff nur schleppend anliefen. Unterdessen starben in Deutschland täglich mehr als tausend Menschen wegen Corona.

Irgendwann, vielleicht in einem halben Jahr, vielleicht später, könnte das Virus besiegt sein und wir gehen wieder über zum üblichen Irrsinn, machen weiter wie vorher, reisen, konsumieren, zerstören die Umwelt, wandeln das Klima, Hauptsache wir haben Wachstum. Reiche werden reicher, Arme ärmer, und wir Menschen werden immer mehr. Alles wie gehabt.

Aber vielleicht kommt es ganz anders. Hätte ich Talent und Lust, einen Thriller zu schreiben, dann etwa so:

Es gibt mehr als sieben Milliarden Menschen auf der Erde, mit den bekannten Auswirkungen auf Natur und Klima, und es werden immer mehr. Dabei vermehren sich augenscheinlich diejenigen besonders stark, die es sich am wenigsten leisten können: die Ärmsten in Afrika, RTL-Zielgruppenzugehörige, die sich durch absurde Frisuren und Haarfärbungen, Tätowierungen bis zum Hals und Metallteilen in verschiedensten Körperteilen selbst den Weg zu großen Teilen des Arbeitsmarktes verbauen; selbst in Flüchtlingslagern, wo Menschen teilweise seit Jahren festsitzen und vermutlich andere Sorgen als die Arterhaltung haben, werden neue Menschen geboren.

Vielleicht ist Corona nur ein Auftakt, ein Vorgeschmack auf etwas kommendes Großes. Durch Kontaktbeschränkung und Impfungen mag es gelingen, die weitere Ausbreitung erst zu verlangsamen, dann zu stoppen. Doch kaum, dass wir die Krise überwunden glauben und da weitermachen, wo wir vorher aufgehört haben, entsteht eine neue Mutation des Virus. Zunächst unbemerkt, da über Monate keine Symptome auftreten, breitet es sich rasend schnell aus. Als man begreift, dass wiederum ein Virus die Ursache für eine neue, rätselhafte Erkrankung ist, ist es zu spät. Man kann ihm nicht entgehen, nirgendwo, es ist nahezu auf der ganzen Welt. Reihenweise erkranken die Menschen weltweit schwer, anders als bei Covid-19, wo ein hoher Anteil nur leichte oder gar keine Symptome zeigte, trifft die neue Form alle, die sich infiziert haben. Innerhalb weniger Tage bricht das Gesundheitssystem zusammen, die Sterblichkeit liegt bei über fünfzig Prozent. Geschäftliche Aktivitäten werden in kürzester Zeit eingestellt, die Grundversorgung mit Strom, Internet, Wasser und Lebensmitteln kommt zum Erliegen. Das, was wir Zivilisation nennen, hört auf zu existieren, es herrscht einzig das Recht des Stärkeren. Staat und Politik lösen sich auf, auch auf die „Rechten“ und „Querdenker“, die anfangs noch Schuldige ausgemacht hatten und einfache Lösungen wussten, hört niemand mehr. Globalisierung und Gendersternchen sind nur noch Begriffe ohne irgendeine Bedeutung.

Während in den Parks die Kastanien in voller Blüte stehen, sterben innerhalb weniger Wochen mehrere Milliarden Menschen, vor allem in den hoch entwickelten, technikabhängigen Industrieländern. Ganze Städte sind menschenleer, stattdessen wühlen Wildschweine in den Vorgärten der Villenviertel.

Vielleicht erleben wir gerade das Ende der Menschheit, wir wissen es nur noch nicht. Nicht der Klimawandel oder ein Atomkrieg löscht uns aus, sondern ein Virus. Sieben Milliarden Menschen, die sich benehmen, als wären sie die einzige Spezies von Bedeutung, der sich alles andere unterzuordnen hat, die sich immer weiter vermehren und so tun, als gäbe es kein Morgen – vielleicht ist es damit bald vorbei, und die Weltherrschaft geht über an Ameisen oder Ratten. Vielleicht beherrschen die auch längst die Welt, wir haben es nur noch nicht bemerkt.

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Nachbemerkung für den unwahrscheinlichen Fall, dass Sie bis hierher gelesen haben: Ich wünsche Ihnen, uns und mir ein erfreuliches Jahr 2021, auf dass es gut ausgehen möge.