#499 – 10 Jahre „Alltägliches und Ausgedachtes“

Heute vor zehn Jahren eröffnete ich das Blog „Alltägliches und Ausgedachtes“ auf blog.de. Der erste Eintrag trug die wenig originelle, gleichwohl zutreffende Überschrift „Da bin ich…“. Ich zitiere daraus:

„Es soll Leute geben, die schreiben ein Blog in der Hoffnung, dass es möglichst viele lesen und sie vielleicht sogar ihre mehr oder weniger geistreichen Kommentare abgeben. Mir ist es vollkommen egal, ob das hier irgendjemand liest, ich schreibe das nur für mich. Kommentare? Bitte, wenn Sie es nicht lassen können, schreiben Sie; auch das ist mir ziemlich egal. Meine intimsten Gedanken werde ich hier sicher nicht zum Ausdruck bringen, die bleiben meinem Tagebuch vorbehalten (ja, so ein richtiges Buch mit Seiten aus Papier, in das man mit einem Stift schreibt, die älteren unter Ihnen kennen so etwas vielleicht noch).

Warum ich dann überhaupt hier bin, fragen Sie? Nun: Es ist schlicht und einfach meine Freude am Schreiben. Und ich werde versuchen, das hier regelmäßig zu tun. Über was? Weiß ich noch nicht. Über den Alltag vielleicht. Vielleicht auch Geschichten, die ich irgendwo gehört oder mir selbst ausgedacht habe.“

Daran hat sich grundsätzlich nichts geändert, vor allem die Schreibfreude erfreut sich nach wie vor stabiler Gesundheit, wobei ich gerne zugebe, dass mir Gefallensbekundungen und Kommentare keineswegs egal sind und sie mich geschmeichelt erröten lassen. Gleichwohl halte ich nicht nach, ob nach einer neuen Veröffentlichung hundert, zehn oder zwei hier reinschauen, oder gar keiner. Insofern begegne ich Ratschlägen, wie man die Reichweite und Besucherzahl seines Blogs erhöhen kann, noch immer mit Schulterzucken. Geringe Popularität hat ihre Vorzüge: Nahezu unbemerkt von einer breiten Öffentlichkeit kann ich ohne Hemmungen Gedanken mit nur geringer Jugendfreiheit notieren oder über Kirche, Religion, Erdogan, Kinder, Hunde und Katzen herziehen, ohne einen Shitstorm zu riskieren.

Ich will Sie nicht mit Statistikdaten langweilen oder gar mit Besucherzahlen protzen, zumal es da nicht viel zu protzen gäbe. Nur soviel: Bis heute sind (mit diesem) 499 Beiträge erschienen, also fast einer je Woche. Kurz war ich versucht, einen weiteren zwischenzuschieben, um heute stolz die Zahl 500 verkünden zu können, aber den hebe ich mir für nächste Woche auf, so gibt es einen Anlass, eine weitere Flasche Sekt zu öffnen.

Eine Zeit lang pflegte ich den „Blogtausch“ mit anderen Bloggern, das heißt, ich veröffentlichte deren Texte bei mir, und sie dafür Zeilen aus meiner Feder bei sich, zum Beispiel hier, da und dorten. Diese schöne Tradition ist leider wieder eingeschlafen, ich würde sie jedoch gerne fortsetzen, falls sich freiwillige Tauschpartner finden.

Im Juni 2013 trat ich den Bonner Ironbloggern bei, was mich seitdem drängt, mindestens einmal wöchentlich etwas zu schreiben; vorher geschah dies nicht ganz so regelmäßig. Hierdurch kam ich in Kontakt mit weiteren Bonner Bloggern, die gemeinsamen Abende waren stets sehr angenehm und in kühle Getränke gerahmt. Schade, dass nicht noch mehr Schreiber bei den Eisernen mitmachen, ich kann nur dafür werben.

Als besondere Ehre empfand und empfinde ich es nach wie vor, einige meiner Texte persön- und öffentlich vortragen gedurft zu haben, zum Beispiel hier:

Jourfitz, Köln, 5. April 2011 (1)

Jourfitz, Köln, 5. April 2011 (2)

#Mimimimi!, Bonn, 20. Februar 2016 (ab Minute 45)

Mitte Dezember 2015 wurde blog.de geschlossen, deshalb musste ich mir eine neue Bleibe suchen und zog mit komplettem Inventar hierher nach WordPress um. Das klappte problemlos, seitdem fühle ich mich hier heimisch. Übrigens gehen die Meinungen darüber auseinander, ob es das oder der Blog heißt, laut Duden ist beides erlaubt. Mir persönlich gefällt das Neutrum etwas besser, aber das ist natürlich, wie so vieles im Leben, Geschmacksache.

So erhebe ich nun mein Glas auf Sie, liebe Leserinnen und Leser! Es freut mich, wenn Sie regelmäßig oder nur ab und zu hereinschauen, ob sie dies nun mit einem „Gefällt mir“ oder Kommentar kundtun oder nicht. Und wer weiß, vielleicht bekomme ich das mit dem Shitstorm auch noch irgendwann hin.

Woche 46: Schöne Geschichten mit Bettbezug

Montag: Was der Mimi ihr Krimi, sind dem Liebsten die Päpste. Zurzeit liest er ein mehr als tausend Seiten starkes Buch darüber, vergangene Nacht bis ein Uhr. Das versetzt ihn künftig in die Lage, bei Einschlafstörungen Oberhirten statt Schäfchen zu zählen. — Laut Radiomeldung hat ein mir unbekannter Popstar irgendeinen MTV-Preis gewonnen, unter anderem für die besten Fans. Vielleicht habe ich mich aber auch verhört am frühen Morgen. — Ach ja: Die Kosten für die Sanierung der Bonner Beethovenhalle sind mal wieder gestiegen, nach derzeitiger Schätzung auf fünfundsiebzig Millionen. Fortsetzung folgt, ich halte Sie auf dem Laufenden.

Dienstag: Sogenannte Wirtschaftsweise fordern mal wieder eine Aufweichung des Arbeitszeitgesetzes, da es in der jetzigen Form „nicht mehr für un­se­re di­gi­ta­li­sier­te Ar­beits­welt ge­eig­net“ sei. Meinen Ausführungen aus vorletztem Jahr zu diesem Thema habe ich nichts hinzuzufügen.

Mittwoch: Genau.*

Donnerstag: Am Morgen Dienstreise per PKW ins ostwestfälische Vlotho. „Denke die Zukunft“, fordert der Hersteller einer bekannten und oft gleichsam verpönten Süßbrause per Werbung auf einem vor mir herfahrenden LKW auf. Was will er uns damit sagen? Fehlt da nicht ein „an“? Wobei, wer ernsthaft an die Zukunft denkt, wird die Süßbrause wohl eher verschmähen, was nicht im Sinne des Herstellers sein kann. Unterdessen macht Norbert Blüm jetzt Radiowerbung für Augenoptiker. Warum tut er das? Ist seine Rente doch nicht so sicher, wie er uns vor Jahrzehnten versprach?

Freitag: Am frühen Morgen in einem Hotelfrühstückssaal voller Menschen und Geräusche schon zuhören und antworten zu müssen bringt mich an meine Grenzen. — Abends eine Sternstunde sondierungspolitischen Kasperletheaters in der Tagesschau: Horst Seehofer steht vor einer Reihe Mikrofone und faselt irgendetwas. Von rechts tritt Winfried Kretschmann ins Bild und sagt „Guten Morgen Horst!“ Darauf Seehofer: „Grüß dich, mein alter Freund!“ Jamaika, mir graut vor dir.

Samstag: „I bims“ ist zum Jugendwort des Jahres ernannt worden. Wenn ich es richtig verstanden habe, wird es benutzt, um sich über Rechtschreib- und Grammatikfehler in sozialen Netzwerken lustig zu machen, so erklärt es jedenfalls WDR 2. Vielleicht liegt es am Fortschritt meiner Jahre oder an der von mir geübten Zurückhaltung in der Nutzung derartiger Netzwerke, dass ich zuvor niemals davon hörte. Wie aus regelmäßig gut unterrichteten Kreisen (1life) zu vernehmen ist, verdreht indes auch die Jugend die Augen ob dieser Auswahl. Genau, Alter.

Sonntag: „Ich lebte zu dieser Zeit in einer, wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, einvernehmlich als offen definierten Zweierbeziehung, in der sich die Beteiligten volle Bewegungsfreiheit bei uneingeschränktem Heimkehrrecht zubilligten.“ (Günter Franzen: Das ist die Liebe der Senioren, FAS 19.11.2017) — Wer schöne Geschichten mit explizitem Bettbezug mag, jedoch die einschlägigen Naturfilmseiten im Netz ob der ihnen in gewissen Kreisen anhaftenden Schmuddeligkeit meidet, dem sei der wunderbare Film „Schnick Schnack Schnuck“ empfohlen. Wer „Shortbus“ sah, sollte „Schnick Schnack Schnuck“ nicht verpassen.

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Ein vor allem bei jungen Menschen sich zunehmender Beliebtheit erfreuendes Füllwort, welches das bisher verwendete „Äh“ langsam verdrängt. Vielleicht bringt das diese Leute, die nichts besseres zu tun haben als die Menschen in Generationen einzuordnen (zum Beispiel Golf, X, Y und so weiter) auf die Idee, künftig von der „Generation Genau“ zu sprechen.

Mysterien der Bahnsteighalle

Aufgrund meiner Neigung, fast allem, um das andere viel Geschrei machen, mit Zurückhaltung zu begegnen, nahm ich die gedruckten und verfilmten Geschichten um den Zauberlehrling Harry Potter nur mit mäßigem Interesse zur Kenntnis. Gleichwohl durchdrang den ansonsten sehr wirkungsvollen Filter des Desinteresses das Wissensrudiment darüber, dass der sagenumwobene Hogwarts-Express, mit dem P. üblicherweise in die Zauberschule reiste, von Gleis neun-dreiviertel des Londoner Bahnhofs Kings Cross abfuhr, welches nur für in die Zauberei eingeweihte Personen sicht- und nutzbar war, während für alle anderen, die sogenannten „Muggel“, nach Gleis neun einfach nur das Gleis zehn folgte.

Ein vergleichbares Mysterium auf Schienen vollbringt zurzeit die Deutsche Bahn im Bonner Hauptbahnhof, indes auch für Muggel wie mich sichtbar: Wer vormittags in Bad Godesberg zu tun hat, kann bequem und zügig mit der Regionalbahn achtundvierzig dorthin gelangen, Abfahrt um 10:47 Uhr von Gleis drei. Allein: Zur selben Zeit, also ebenfalls 10:47 Uhr, fährt die Regionalbahn dreißig, auch als Ahrtalbahn bekannt, in dieselbe Richtung, nur von Gleis vier. Wer es nicht glaubt, werfe einen Blick auf den Aushangfahrplan im Bahnhof.

1047 - 1 (1)

Führen also beide Züge planmäßig ab, kollidierten sie auf der nächsten Weiche*. Wie kann das sein, wer plant so etwas? Nun, die Lösung dieses fahrplanerischen Rätsels im Raum-Zeit-Gefüge ist einfach und keineswegs magisch: Die Bahn baut auf das nicht minder sagenumwobene Phänomen „Verzögerungen im Betriebsablauf“, welches verlässlich die Unpünktlichkeit eines der beiden Züge sicherstellt. So kann der erste unbehelligt und ohne planmäßige Flankenfahrt zur angegebenen Abfahrtzeit den Bahnhof verlassen, da der andere heute leider wenige Minuten später eintrifft. Wir danken für Ihr Verständnis.

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* Ja ich weiß, das ist eigentlich** nicht möglich, da nur einer von beiden das die freie Ausfahrt verkündende grüne Licht gezeigt bekommt. Aber nur mal angenommen.

** Aber eben nur eigentlich, manchmal schaffen sie es doch.

Woche 45: Werbung, Feiern und ein seismologischer Zwischenfall

Montag: Es kommt der Tag, da wird die Säge sägen: „Jetzt Super Sägen Wochen bei Stiehl.“ (Wie Werbung es immer wieder schafft, mir den Restglauben an die menschliche Intelligenz zu nehmen.)

Dienstag: Empörung über die Paradise-Papers. Bono optimiert seine Steuern, sogar die Queen. Konzerne sowieso, aber von denen erwarten wir nichts anderes. Im Übrigen alles legal. In einem halben Jahr spricht niemand mehr darüber, Menschen sind so. Dafür werden bei der nächsten Wahl möglicherweise noch mehr Kreuzchen etwas weiter rechts gesetzt, obschon die Gewählten auch nicht gerade durch Steuerehrlichkeit hervorstechen, siehe Trump oder AfD. Das macht mir Angst.

Mittwoch: Traue niemals einer Werbung mit Sternchen*.

Donnerstag: Nach einem leichten Erdbeben im Raum Köln-Süd gestern Abend riefen zahlreiche Menschen bei der Polizei an. Welches Begehr mag jemanden dazu bewegen, nach einem seismologischen Zwischenfall die Polizei zu kontaktieren? Was soll die tun?

Freitag: Es ist nichts Ungewöhnliches, wenn Menschen in einem runden Plastikbehälter Kuchen mit ins Büro bringen. Vielleicht sind sie Mutter oder Vater geworden (wobei sie dann auch gerne ihr Frischgeschlüpftes mitbringen, zum Niedlichfinden, nicht zum Verzehr, versteht sich), oder sie haben Geburtstag, oder die Scheidung ist durch. Heute sah ich indes morgens eine Frau mit einem Farbeimer in den Aufzug steigen. Was mochte sie zu feiern gehabt haben?

Samstag: Tausende rheinische Jecken freuen sich, dass der 11.11. in diesem Jahr auf den 11.11. fällt.

Sonntag: Offenbar wurde ich gestern in eine Sauferei verwickelt.

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* Risiken und Nebenwirkungen sind beim Lesen oben stehender Zeilen eher nicht zu erwarten. –  Gehören Sie auch zu denjenigen, die sich darüber ärgern, bereits eine nicht unerhebliche Menge an Lebenszeit darauf vergeudet haben, nach einer Fußnote zu suchen, nur weil ein schlampiger Texter vergaß, irgendwo das verdammte Sternchen zu entfernen?

Woche 44: Ein Jahr Belanglosigkeiten, Konjektaneen und Quisquilien

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Montag: Radio Gaga am Morgen. Der Radiomann fragt, was der erste Tag ohne Air Berlin mit den Passagieren in Düsseldorf macht.

Dienstag: Wie so viele Heimsuchungen aus den Vereinigten Staaten geht mir auch dieser sich zunehmender Beliebtheit erfreuende Kürbisgruselbrauch an tiefer gelegenen Körperregionen völlig vorbei. Wobei er ursprünglich gar nicht aus Amerika kommt, sondern aus Irland, wie ich heute erfuhr. Das lindert meine Geringschätzung überseeischer Importe allerdings kaum.

Mittwoch: Ich würde übrigens niemanden geringer schätzen, nur weil er sich die Achseln rasiert. Auch wenn es natürlich ein triftiger Grund wäre.

Donnerstag: „What next?“, fragt der Reklameschreier im Radio. Ja, was kommt als nächstes?

Freitag: Vielleicht dieses: Das Radio berichtet über durch elterlichen Ehrgeiz angeheiztes Martinslaternenwettrüsten in Kindergärten. Kind zu sein ist heute kein Vergnügen mehr. – An manchen Tagen möchte ich meinen (fern-)gesprächigen Bürogenossinnen, die ich ansonsten sehr mag, einen Becher mit frisch angerührtem Gips reichen. Zum Gurgeln.

Samstag: So wie Gewitter entstehen, wenn warme Luft auf kalte trifft, so können atmosphärische Störungen auftreten, wenn hundertfünfzig sich mit achtzig Prozent reiben. Eine unnötige Anmerkung zu einer Belanglosigkeit genügt dann, um die Stimmung für Stunden zu trüben. Das tut mir leid und ich gelobe Besserung.

Sonntag: Apropos Belanglosigkeit: Seit nunmehr einem Jahr notiere ich täglich diverse Konjektaneen und Quisquilien, um sie Ihnen hier in einem Wochenrückblick zur Kenntnis zu bringen. Besserung kann ich leider nicht in Aussicht stellen.

Woche 43: Wie gesagt

Montag: „Je mehr man tut, umso mehr bleibt immer noch liegen“, las ich heute bei Tanja im Norden. Eine Erkenntnis, mit der ich mich in verständigem Einvernehmen anfreunden kann. – Aus gegebenem Anlass weise ich höflich aber bestimmt darauf hin, dass auf absehbare Zeit ganz sicher kein Hund in diesen Haushalt Einzug halten wird. Und das hat nichts mit einem prominenten kaminstrullenden Präsidentenhund zu tun.

Dienstag: Wie gesagt. (Die Welt wäre wohl etwas besser, auf jeden Fall aber ruhiger, bliebe jeder derart begonnene Satz unausgesprochen.)

Mittwoch: Ein weiteres Wort, welches sich in Anzugträgerkreisen wachsender Beliebtheit erfreut, ist Ehrlicherweise. Was das über den Wahrheitsgehalt der ansonsten von diesen Personen gesprochenen Sätze aussagt, vermag ich nicht zu beurteilen.

Donnerstag: „Stil­les be­schei­de­nes Le­ben gibt mehr Glück als er­folg­rei­ches Stre­ben, ver­bun­den mit be­stän­di­ger Un­ru­he.“ Albert Einstein. Könnte aber auch von mir sein. – Heute vor vierzig Jahren setzte die Deutsche Bundesbahn mit Lok 043 903-4 zum letzte Mal planmäßig eine Dampflokomotive ein.

Freitag: „Was mag es wohl be­deu­ten, wenn auf ei­nem Schloss nicht nur zwei, son­dern gleich drei oder gar noch mehr Na­men ver­ewigt sind?“ fragt der Kolumnist des Generalanzeigers in seiner Betrachtung zu an Brückengeländern angebrachten Liebesschlössern. Eine Idee hätte ich.

Samstag: Etwas ohne größere Anstrengung vollzogenes als easy-going zu bezeichnen ist sinnvoll, wenn man ohnehin gerade englisch spricht. Ansonsten gibt es keinen Grund dazu.

Sonntag: Aus einer Werbeanzeige in der FAS für ein Buch über Christian Lindner: „Das Buch ist eine reiche Quelle […] für diejenigen, die wissen wollen, was Lindner über die großen Fragen der Politik denkt.“ Wer will denn sowas wissen?

Kein Dosengemüse könnte das bewirken

Aus gegebenem Anlass habe ich einen älteren Aufsatz behutsam aufgewärmt und erlaube mir, ihn zum nochmaligen Verzehr anzubieten.

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„Nichts speichert Erinnerungen so zuverlässig, nachhaltig und unmittelbar wie Musik“, so las ich mal irgendwo. Mal abgesehen von meiner Abneigung gegen das Wort „nachhaltig“ aufgrund seiner inflationären Allgegenwart: Da ist was dran. Jeder kennt wohl Lieder, Songs, Stücke, bei denen sich sofort bestimmte Erinnerungen einstellen, auch an Dinge und Ereignisse, die viele Jahre zurück liegen. Bei mir sind dies beispielsweise:

Die Moldau von Friedrich Smetana. Noch heute gehört der Zyklus Mein Vaterland, dessen zweites Stück Die Moldau ist, zu meinen Favoriten klassischer Musik. Wir analysierten Die Moldau während der Grundschulzeit im Musikunterricht bis ins Kleinste; höre ich sie heute, habe ich noch immer die beiden Quellen, die Jagdszene und die Bauernhochzeit vor Augen.

Song For Guy von Elton John. Hierzu muss ich etwas weiter ausholen. Seit frühester Jugend empfinde ich Abscheu gegen meine Teilnahme an Sportarten, bei denen man siegen muss, insbesondere wenn dabei ein Ball in, durch oder über ein Netz zu bewegen ist. Dieser Widerwille hielt meine Eltern nicht davon ab, ihr Kind jeden Freitag zum Volleyballtraining des CVJM Bielefeld-Stieghorst zu jagen, auf dass es sich bewege. (Hat nix genützt, aus dem Kind wurde später ein Beamter, vielleicht aus Trotz.)

Schon am Freitagmorgen graute mir, die Unlust wuchs mit jeder Stunde und mit ihr die Hoffnung, sie könnten es heute mal vergessen und mir die ungeliebte Leibesertüchtigung ersparen, doch nichts da: Pünktlich um halb sechs wurde ich aus dem Haus gescheucht mit Turnbeutel und mürrischem Gesicht sowie den begleitenden Worten „Geh nur, das tut dir gut“. Tat es indes überhaupt nicht: In der ersten Stunde wurde Pritschen und Baggern geübt, immer hin und her, der Uhrzeiger an der Turnhallenwand schien festgeklemmt; die zweite Stunde verbrachten wir auf dem Feld: Aufschlag, eins-zwei-drei, Pass, Rotation. Hier versagte ich völlig, bekam die Bewegungsabläufe nicht koordiniert, häufig lag es an mir, wenn der Ball auf unserer Seite zu Boden schlug wie Fallobst im Spätsommer. Zudem fehlte mir jeder Ehrgeiz, an meinen Fertigkeiten etwas zu ändern.

Wenn dann jedoch der Schlusspfiff ertönte und der Trainer „Feierabend für die Jungschar“ rief, begann meine Versöhnung mit der Welt, jedenfalls für die nächsten sieben Tage. Zu Hause erwartete mich die Badewanne – in meiner Kindheit und unserer Familie war das tägliche Brausebad noch nicht üblich, stattdessen badete man, und das auch nicht täglich -, danach gab es Abendessen mit der Familie. Meine Mutter kaufte freitags auf dem Markt immer Rinderfilets, mit Speck ummantelt, die schmeckten nach durchlittener körperlicher wie seelischer Pein besonders gut. Spätestens dann war alles wieder gut, die Schmach des Schlachtfeldes vergessen und der Körper noch aufgeheizt von des Bades wohliger Wärme.

Ja – und immer dann, kurz bevor das Essen auf den Tisch kam, spielten sie im Radio dieses wunderbare Klavierstück, das mit nur wenig Text auskam, jeden Freitagabend, ich weiß nicht mehr warum, vermutlich war es die Erkennungsmelodie einer Radiosendung. Wann immer ich heute noch dieses Lied höre, sitze ich wieder am Küchentisch und lasse mir die wunderbaren Rinderfilets schmecken. Song for Guy – ein Lied für mich.

Verschiedene Songs der Achtziger, zum Beispiel Shout von Tears For Fears, I Want To Know What Love Is von Foreighner, The Power Of Love von Frankie Goes To Hollywood oder Freedom von Wham! versetzen mich zurück in die Zeit, als ich zum ersten Mal so richtig schrecklich und unglücklich verliebt war.

Ninteen Forever von Joe Jackson und Sewing The Seeds Of Love von Tears For Fears waren Songs aus der Zeit meines Coming Out (auch so ein Wort, für das ich eine angemessene deutsche Entsprechung vermisse, muss ich mal drüber nachdenken, aber nicht jetzt. Erinnern Sie mich gerne gelegentlich.)

Das Album Whats The Story – Morning Glory von Oasis (auch nach ihrer Auflösung für mich die größte Band aller Zeiten, und wer weiß, vielleicht vertragen sie sich eines Tages wieder) erinnert mich an die Zeit, als ich mit meinem ersten Freund zusammen war. Das hielt zwar nur eineinhalb Jahre, aber ich möchte die Zeit nicht missen. Gut, das letzte halbe Jahr vielleicht schon, aber das ist wieder ein anderes Thema.

Bittersweet Symphony von The Verve war unser Lied, als ich den Liebsten kennen lernte, der es auch heute, nach zwanzig Jahren, noch mit mir auszuhalten scheint, gar nicht bittersüß.

You Get What You Give von den New Radicals lässt mich zurück denken an die Zeit, als ich nach Bonn zog, wo ich noch immer lebe und nie wieder weg möchte.

Die Aufzählung ließe sich noch lange fortsetzen, allein die Songs in meiner iTunes-Liste, die mich an diverse glückliche und unglückliche Lieben erinnern, würden mehrere Seiten füllen. Wohl jeder könnte eine solche Liste seiner Songs anlegen, ob es nun um die Liebe geht oder andere mehr oder weniger erfreuliche Ereignisse. Ja, es stimmt schon: Musik ist ein sehr stabiler Erinnerungsspeicher. Besonders prägend sollen die Songs sein, die man zwischen sechzehn und dreiundzwanzig Jahren regelmäßig gehört hat, las ich mal. Für mich kann ich das bestätigen.

Und doch: Intensiver als Musik es vermag, tangieren mich Gerüche, wecken sie oft völlig überraschend und unvermittelt alte Erinnerungen.

Ich rieche die Ausdünstungen von Bahnschwellen, schon spiele ich als Kind wieder am Bahndamm bei meinen Großeltern in der Nähe von Göttingen. (Hier mischte sich noch Jauchegeruch vom nahen Bauernhof dazu, gleichwohl würde ich meine Kindheit als glücklich bezeichnen.) Ich rieche (und schmecke) Erbsen frisch aus der Schote vom Strauch, schon streife ich wieder durch Omas Gemüsegarten. Kein Dosengemüse könnte das bewirken.

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Das Aroma von Kuhdung versetzt mich zurück in die Sommerferien, die wir oft im Allgäu verbrachten. Die Duftkombination von Kuhfladen und frischem Heu gehört zum Allgäu wie salzige Seeluft zur Nordsee und Lavendelduft zur Provence.

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Der Geruch eines bestimmten Kunststoffs erinnert mich an glückliche Stunden, die ich spielend mit meiner LGB-Modelleisenbahn verbrachte; genau so rochen die Loks und Wagen, wenn ich sie neu aus der Packung nahm.

Begegne ich jemandem, der ein bestimmtes Parfüm aufgelegt hat, rieche ich sofort meinen damaligen Freund.

Der Geruch nach nassem Hund erinnert mich an das Haus der Schwiegereltern, als Ayka, der Labrador des Liebsten, noch lebte. (Trotzdem ist genau dieser Geruch einer der zahlreichen Gründe, aus denen ich keinen Hund im Haus haben möchte.)

Tulpenduft versetzt mich in die Frühlinge meiner Kindheit im Garten des Elternhauses, frisch gemähter Rasen in die Sommer ebendort.

Der Geruch der Braunkohlebriketts, die ich im Winter in unseren Ofen stecke, erinnert mich daran, als ich das erste Mal – ebenfalls im Winter – kurz nach der Wende in der DDR war.

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Auch diese Liste könnte ich weiter fortsetzen.

Im Gegensatz zu Musik sind Gerüche nicht konservier- oder aus dem Netz herunterladbar, was bei vielen Gerüchen eher ein Segen ist, deswegen kann ich Ihnen hier leider nicht mit Kostproben dienen. Allein das schon macht Gerüche zu etwas besonderem. Oder wie der Berliner sagt: Dufte, wa!