Woche 24: In bestem gegenseitigen Einvernehmen

Montag: Ein Kollege hat mir einen Youtube-Film zum Thema Blockchain zugeschickt. Der junge Erklärer darin sagt unverständliche Sachen wie „Es gibt Meiner, die meinen nur“, woraufhin ich das Schauen verwirrt abbrach und Feierabend machte.

Ähnlich verwirrend erscheint mir die Feststellung der Wissenschaft, dass die Milchstraße 1824 Quadrilliarden Tonnen wiegt. Dagegen erscheint die Zahl neunundsiebzig Millionen geradezu niedlich. So viele Euro kostet nach neuesten, gar nicht wissenschaftlichen und erst recht nicht abschließenden Erkenntnissen die Sanierung der Bonner Beethovenhalle. Ich meine ja nur.

Dienstag: Es ist an der Zeit, mal wieder ein wenig über Werbung zu lästern. Etwa dieses: „Früher habe ich mich so geschämt“, sagt die Frau in der Reizdarmreklame. „Warten Sie nur, wie Sie sich erst in einigen Jahren schämen werden, wenn Sie dann diesen Werbespot zufällig noch einmal sehen“, möchte man ihr zurufen. Oder hier: „Egal wie das Wetter wird – zu Hause will man sich wohlfühlen. Deshalb nutzt Frosch auch Wirkstoffe aus heimischem Anbau“, so die Werbung für eine Reinigungsmittelserie. Mit Logik haben diese Lurche es offenbar nicht so. Apropos Logik: Eher zufällig stieß ich auf eine Anzeige für Barfußschuhe. Hä? (oder: hallo??) Kommt als nächstes die Nacktjacke? Oder endlich die optische Gitarre?

Wo wir gerade bei Werbung sind: Fast alle Busse der Stadtwerke Bonn fahren inzwischen – im Gegensatz zu Formel-Eins-Fahrern – ohne Außenreklame durch die Gegend, wie mir kürzlich auffiel. Bemerkenswert. Dafür trinken Formel-Eins-Fahrer nach einem Sieg jetzt den Sekt aus ihrem Schuh. Das ist auch bemerkenswert, aber in einem anderen Sinne.

Auch was mit Werbung, las ich heute in einem Artikel: „Mit Kennzahlen wie Unique Followern, der optimierten Aussteuerung von Influencer Postings und KPI-Benchmarks wollen wir gemeinsam Influencer Marketing auf ein neues Level heben.“ Dazu fällt mir ein Satz ein, den ich neulich aufschnappte: „Würde ich mir nicht die Eier rasieren, fielen mir jetzt die Haare aus.“

Mittwoch: Man habe sich „in bestem gegenseitigen Einvernehmen auf ein vorzeitiges Ausscheiden“ geeinigt, eine oft gelesene und bewährte Konzernkommunikationsfloskel dafür, dass jemand mit dem Stecken vom Hof gejagt wurde. Mir ist bewusst, es ist eine Charakterschwäche, wenn man sich freut, weil jemand am Boden liegt. Da der Betroffene beziehungsweise Liegende in diesem Fall jedoch zuvor vor allem durch Selbstherrlichkeit und Größenwahn auffiel, kann ich eine gewisse Genugtuung nicht leugnen. Werter G, für Ihre weitere Zukunft wünsche ich Ihnen dennoch alles Gute, bitte jedoch um Verständnis für meine Hoffnung, niemals mehr für dasselbe Unternehmen zu arbeiten wie Sie, wobei die Wahrscheinlichkeit dafür äußerst gering ist. Aber man weiß ja nie. Jedenfalls war es mir heute ein außerordentliches Vergnügen, Ihren Namen aus meiner externen geschäftlichen Mailsignatur zu entfernen.

Donnerstag: Seit Tagen piesackt mich ein Schmerz in der linken Schulter. Vielleicht treibt inzwischen der Vergang der Jahre seinen Zahn in mein welkes Fleisch. Doch wie sagte kürzlich eine kluge Dame: Wo nichts ist, wohnt auch keiner.

Laut einem Zeitungsbericht verzichten Männer wieder zunehmend darauf, ihrer Brustbehaarung mit einer Klinge zu Leibe zu rücken. Ein zarter Lichtstrahl im dräuenden Gewölk schlechter Nachrichten der letzten Zeit.

Freitag: Büro, Büro — jeder macht irgendwas. Alle haben schrecklich viel zu tun. Und am Freitag weiß keiner, was er die ganze Woche über gemacht hat. Nach einem nicht allzu späten Feierabend zog mich jähe Müdigkeit auf das Sofa. Schlafen ist niemals vertane Zeit. Kann gar nicht. Im Gegenteil, ich bin mir sicher: Diese Welt wäre eine bessere, schliefen die Menschen mehr, anstatt ihre Zeit dafür zu verwenden, zu überlegen, für welchen Unfug sie Geld ausgeben oder wie sie anderen auf die Nerven gehen können.

Samstag: Zum ersten Mal mit einem Gasgrill gegrillt. Kann man machen. Muss man aber nicht.

Sonntag: „Wo schaust du dir das Spiel an?“ Ich verstehe die Frage nicht. Konsequentes Desinteresse an Fußball ist in dieser Gesellschaft in etwa so akzeptiert wie Asexualität. Vielleicht ist ersteres ja tatsächlich eine spezielle Form des Zweiten.

Fuball

 

Zimmer frei

„Wenn all‘ die Maden, Motten, Mücken,

die wir vergaßen zu zerdrücken,

von selber sterben, dann glaub mir:

Jetzt steht der Winter vor der Tür.“

.

So dichtete, vor vielen Jahren,

ein Mann mit Brille, wenig Haaren.

Heinz Erhardt hieß er, und er war

zu seiner Zeit ein echter Star.

.

Die Motten, Mücken gibts nicht mehr,

zumindest sind es weniger.

Als Ungeziefer einst gedisst,

wird heut das Kerbtier sehr vermisst.

.

(Für Schmetterlinge gilt das eher,

für Mücken jedoch nicht so sehr.

Auch hat man Wanze, Zecke, Laus

nicht allzu gern bei sich im Haus.)

.

Die Wissenschaft hat festgestellt,

dass die Insekten auf dem Feld,

in Wald und Flur, im Stall vom Rind

zum größten Teil verschwunden sind.

.

Mit Akribie tat man sie zählen

mit der Erkenntnis: viele fehlen.

Den Schwund von fast achtzig Prozent 

die Forschung diesbezüglich nennt.

.

Die Windschutzscheibe bleibt heut‘ leer,

auch zwickt und beißt und sticht nichts mehr.

Wer glaubt, das sei doch wunderbar

verkennt und sieht nicht die Gefahr.

.

Denn ohne die Bestäubungstat

der Bauer nichts zu ernten hat.

Da hilft dann auch keine Chemie,

ohn‘ Kirsche gibts kein Mon Chéri.

.

Als Ursach‘ man gefunden hat

Monokultur und Glyphosat.

Auch fehlen Mauerritzen, Hecken,

wo sich der Käfer kann verstecken.

.

Darum sei jedermann geraten,

er bringe an in seinem Garten

oder zur Not auf dem Balkon

eine Insektenpension.

.

So hängt bei uns an freier Stelle

ein Häuschen, wo die Prachtlibelle

ins Röhrchen legen kann das Ei.

Indes: Es sind noch Zimmer frei.

Insekten - 1

Woche 23: Heim und Arbeit passen nicht zusammen

Montag: Ein Witzbold hat in den Kühlschrank der Kaffeeküche ein Objekt in Form eines Miniaturfußballs gestellt, welches bei jeder Türöffnung „Olee, oleoleolee…“ ertönen lässt. Als ob das alles nicht so schon schlimm genug wäre.

Dienstag: Der Kollege von der Ressourcensteuerung, das ist der Bereich, der immer und überall prüft, wo und wieviel man noch an Mensch und Material sparen kann, kommt mit einem Rotstift in der Brusttasche zur Besprechung. Zufrieden lächelnd räkelt sich das kleine Klischee in seinem Sessel.

Mittwoch: In der Inneren Nordstadt sah ich den Lieferwagen eines Unternehmens aus Bergisch Gladbach, dort ansässig in einer Straße mit dem ulkigen Namen „Olefant“. Das wäre doch ein schöner Spitzname für einen Menschen namens Ole, der mit einem voluminösen Körper oder ungewöhnlich großen Ohren ausgestattet ist, oder mit einem sehr langen … lassen wir das. Vielleicht liegt es an der Hitze, wenn die Phantasie manchmal mit mir durchgeht.

Donnerstag: Meldung des Tages: Im Tierpark von Hodenhagen ist der Biber … nein, der Ex-Affe von Justin Bieber Vater geworden. Das ist möglicherweise das kleinere Übel, verglichen mit der Fortpflanzung des Ex-Besitzers.

Freitag: Aus Anlass der Inempfangnahme einer Palette voll vergorenem Traubenmost aus Frankreich verrichtete ich heute meine geschäftliche Tätigkeit am heimischen Küchentisch statt im Büro. „Homeoffice“, wie es auf neudeutsch heißt (und weder neu noch deutsch ist). Einmal mehr stelle ich fest: Heim und Arbeit passen für mich zusammen wie Wasser und Öl.

Auch der Bayer-Konzern nahm etwas in Empfang, nämlich bereits gestern das Unternehmen Monsanto. Laut Zeitungsbericht geißelt das katholische Hilfswerk Misereor die Übernahme als „reine Gewinnmaximierung“. Ja was denn sonst?

Samstag: In einem Zeitungsartikel über die Vorruhestandsregelung für Beamte lese ich das wunderbare Wort „Vercouchungsgefahr“. Wieso Gefahr?

In einem anderen Artikel las ich von Promenadologie, das ist die Lehre vom Spazierengehen. Das könnte mir gefallen. Wenn ich erstmal im Vorruhestand bin.

Sonntag: „Monsanto folgt höchsten ethischen Standards“, wird der zuständige Agrar-Chef von Bayer in der FAS zitiert. Es ist ja schon mal eine gute Nachricht, wenn den Standards gefolgt wird. Noch besser wäre es freilich, wenn sie auch erreicht würden.

Woche 22: Manchmal muss es wehtun

Montag: Passend zum Montagmorgen dringen beim Aufwachen Würgegeräusche aus der Nachbarschaft an mein Ohr. Zum Kotzen fand ich auch die Erpressermail, welche ich in meinem Postfach vorfand.

„Wir können nur die sein, die wir in diesem Moment nun mal sind“, sagt Kylie Minogue anlässlich ihres fünfzigsten Geburtstages. Da hat sie wohl recht.

Unterdessen verbietet die EU zur Eindämmung des Plastikmüllproblems Strohhalme (die schon seit dem Mittelalter nicht mehr aus Stroh sind) und Luftballonhalter aus Kunstoff. Ersteres ist nicht tragisch, es ist schon ziemlich affektiert, ein Gefäß mit einem Trinkhalm zu leeren. Zu den Ballondingern ist anzumerken: Manchmal muss es einfach richtig wehtun, wenn es wirken soll.

Dienstag: In Amerika blieben heute zahlreiche Starbucks-Filialen geschlossen, weil sich die Mitarbeiter einer Schulung zum Thema Rassismus unterziehen mussten. So weit ich es mitbekommen habe, hatten zuvor in einer Filiale zwei dunkelhäutige Personen auf einen dritten gewartet, jedoch den Erwerb und Verzehr des überteuerten Kaffees verweigert, woraufhin sie vom Personal des Ladens verwiesen wurden. Da sie es jedoch vorzogen, zu bleiben (vielleicht regnete es gerade, ich weiß es nicht), wurde nach der Staatsgewalt gerufen, welche die Wartenden schließlich entfernte. Gewiss ein unschöner Vorfall. Aber: Wäre das nicht jedem weißen Bürger in jeder beliebigen Gaststätte genau so ergangen, und das zu recht? Vielleicht waren die Polizisten mal wieder unangemessen gewalttätig, wäre ja nix neues. Aber schult man dann nicht die falschen?

Mittwoch: In der Nacht rissen uns (mindesten) zwei Rauchmelder von irgendwo nebenan aus den Träumen, mindestens eine Viertelstunde lang tanzten ihre Warntöne umeinander, immer wieder changierend zwischen einem synchronen „Piep piep piep“ bis hin zu einem scheinbaren Dauerton, und wieder zurück. Dann war Ruhe, offenbar und zum Glück blinder Alarm oder eine Übung. Das erinnert mich an einen Zeitungsbericht vor einiger Zeit über eine Schmorbrand, der durch einen Kurzschluss im Steuermodul einer Brandschutztür entstanden war.

„Mehr Flüchtlinge über den Balkon“, las ich am Mittag in der Zeitung. War dann aber doch ein vermutlich durch mittägliche Müdigkeit verursachter Verleser.

Am Abend kam die Anfrage von Johannes, ob ich bei der nächsten #Mimimimi-Lesung im August wieder was vorlesen möchte. Darüber freue ich mich sehr und mache es gerne.

Donnerstag: Fronleichnam. Die Katholen feiern irgendwas mit Brot und Wein, so ganz verstanden habe ich es nicht. Laut Kardinal Wölki geht es dabei um nicht weniger als Leben und Tod, aber trifft das nicht im Endeffekt auf alles zu? Egal: Hauptsache ich muss nicht ins Büro, und es gibt Wein.

Freitag: In den frühen Morgenstunden raubte mir ein beeindruckendes Gewitter etwa eine Stunde Schlaf, was sich jedoch nicht negativ auf meine Tageslaune auswirkte, obwohl es den ganzen Tag nicht richtig hell wurde und bis zum Abend regnete. Dies hielt mich nicht davon ab, nach Feierabend endlich mal wieder eine Runde zu laufen.

Schon wieder Juni, kaum zu glauben. Wachsen Fingernägel mit zunehmendem Alter eigentlich wirklich schneller, oder kommt mir das nur so vor, weil alles irgendwie schneller vergeht?

Der Geliebte bestellt haufenweise WM-Fanartikel. Ich habe Angst.

Samstag: Vergang der Zeit bedeutet auch Abschied von liebgewonnenen Dingen. Wie wir erst heute erfuhren, hat das Petit Poisson, ein ausgezeichnetes Restaurant gleich um die Ecke, nach vierzig Jahren für immer geschlossen. Sehr schade.

KW22 - 1

 

Zurzeit wird das komplette Inventar an Ort und Stelle verkauft. Wir erstanden unter anderem vier wunderschöne Teller.

KW22 - 1 (3)

Sonntag: Die am Montag vom Erpresser gesetzte Frist ist verstrichen. Da ich nicht gezahlt habe, müsste all meinen Kontakten inzwischen mein persönlicher Porno zugestellt worden sein. (Der Kölner sagt dazu übrigens „et Äffje pelzen“; „einen sicherstellen“ finde ich auch nicht schlecht, wobei ich nicht weiß, ob diese Umschreibung ebenfalls regionaltypisch ist.) Bis jetzt hat sich niemand bedankt. Vielleicht hat der Typ auch Abstand genommen von einer Verbreitung, da er nach Lesen dieses Blogs festgestellt hat, dass meinem Ruf kaum noch Schaden zuzufügen ist.

Natürlich normal

Ich werde erpresst. Wirklich, oder „ohne Scheiß“, wie meine Kollegin gerne zu sagen pflegt, wo andere „Spaß beiseite“ sagen. Montagmorgen fand ich nämliche Mail in meinem Eingang:

„Gutеn Tаg,

Mаsturbiеrеn ist nаtürlich nоrmаl, аbеr wеnn dеinе Fаmiliе und Frеundе dаvоn zеugеn, ist еs nаtürlich еinе grоßе Schаndе.

Ich hаbе dich еinе Wеilе bеоbаchtеt, wеil ich dich in еinеr Wеrbung аuf еinеr Pоrnо Wеbsitе durch еinеn Virus gеhаckt hаbе.

Wеnn Siе dаs nicht wissеn, wеrdе ich еs еrklärеn. еin Trоjаnеr gibt Ihnеn vоllеn Zugriff und Kоntrоllе übеr еinеn Cоmрutеr (оdеr еin аndеrеs Gеrät). Dаs bеdеutеt, dаss ich аllеs аuf Ihrеm Bildschirm sеhеn und Ihrе Kаmеrа und Ihr Mikrоfоn еinschаltеn kаnn, оhnе dаss Siе еs bеmеrkеn. Sо hаbе ich аuch Zugаng zu аll dеinеn Kоntаktеn.

Ich hаbе еin Vidео gеmаcht, dаs zеigt, wiе du аuf dеr linkеn Bildschirmhälftе mаsturbiеrst und аuf dеr rеchtеn Hälftе siеhst du dаs Vidео, dаs du gеrаdе аngеsеhеn hаst. Auf Knорfdruck kаnn ich diеsеs Vidео аn аllе Kоntаktе Ihrеr E-Mаil und Sоciаl Mеdiа wеitеrlеitеn.

Wеnn Siе diеs vеrhindеrn möchtеn, übеrwеisеn Siе еinеn Bеtrаg vоn 500 EUR аuf mеinе Bitcоin-Adrеssе.

Schritt 1: Gеhеn Siе zu <…> und еrstеllеn Siе еin Kоntо.

Schritt 2: Bеstätigеn Siе Ihr Kоntо mit Ihrеm Rеisераss оdеr Pеrsоnаlаuswеis.

Schritt 3: Zаhlеn Siе dаs Gеld аuf Ihr Cоinbаsе Bitcоin Kоntо übеr Ihrе Krеditkаrtе оdеr Ihr Bаnkkоntо еin.

Schritt 4: Schickеn Siе diе Münzеn аn diе untеn аngеgеbеnе Bitcоin-Adrеssе:

<…>
Sоbаld diе Zаhlung еingеgаngеn ist, löschе ich dаs Vidео und du wirst niе wiеdеr vоn mir hörеn. Ich gеbе Ihnеn 3 Tаgе, um diе Zаhlung zu mаchеn. Dаnаch wissеn Siе, wаs раssiеrt. Ich kаnn еs sеhеn, wеnn Siе diеsе E-Mаil gеlеsеn hаbеn, dаmit diе Uhr jеtzt tickt.
Es ist Zеitvеrschwеndung, mich аn diе Pоlizеi zu mеldеn, dа diеsе E-Mаil wеdеr in irgеndеinеr Fоrm nоch in mеinеr Bitcоin-Adrеssе nаchvеrfоlgt wеrdеn kаnn. Ich mаchе kеinе Fеhlеr. Wеnn ich fеststеllе, dаss Siе еinеn Bеricht еingеrеicht оdеr diеsе Nаchricht аn jеmаnd аndеrеn wеitеrgеgеbеn hаbеn, wird dаs Vidео sоfоrt vеrtеilt.

Grüßе!“

Ich nehme das sehr ernst, zumal ich – und nun sehen Sie mich leicht errötet – die Existenz dieses Filmes nicht völlig ausschließen kann. Wie der Erpresser ja selbst schreibt: Es ist ,natürlich normal‘, fast jeder tut es, auch wenn es nur wenige zugeben. Ich hingegen (Achtung, Wortspiel:) stehe dazu, warum auch nicht. Auch verschmähe ich nicht einen gut gemachten Porno, wüsste nicht, was daran verwerflicher sei als beispielsweise an einem Tatort.

Aber nun fünfhundert Euro zahlen? Für was? Wer weiß, wobei der mich sonst noch alles gefilmt hat: beim Spielen mit der Modelleisenbahn vielleicht, beim Popeln, Kacken, oder bei Missachtung einer roten Fußgängerampel, alles Verrichtungen, welche man ungern gefilmt weiß. „Das machen doch alle!“, höre ich Sie nun gähnen, also das mit der Ampel, meinen Sie. Gewiss, aber das kann im Falle des Erwischtwerdens ganz schön teuer sein, während man sich jederzeit straffrei für lau den Jürgen würgen darf, wenn man es nicht gerade auf der Freibadwiese oder in der Straßenbahn tut. Nein, keinen Cent werde ich anweisen, ist ja auch viel zu kompliziert mit diesem Bitcoingedöns; bis ich das geschafft habe, ist die Frist eh verstrichen.

Meine Kontakte haben sicherlich besseres zu tun, als mir im Zustand freudiger Erregung zuzuschauen, dennoch kann ich es ihnen nun möglicherweise nicht ersparen, sei es drum. Falls Sie zum ausgewählten Kreis der Empfänger gehören, wäre ich Ihnen dennoch dankbar, wenn Sie der rechten Bildschirmhälfte etwas mehr Aufmerksamkeit widmen und von Erstaunens- oder Beifallsbekundungen Abstand nehmen.

Grüße

Woche 21: Wenn man mit einem Kater aufwacht

Montag: Es mag ein Zeichen gewisser Unreife sein, aber jedes Mal, wenn ich von Boxspringbetten höre oder lese, stelle ich mir ziemlich bizarre Liebesspielpraktiken vor und kichere innerlich wie ein Teenager.

Dienstag: Laut Hermann Hesse wohnt jedem Anfang ein Zauber inne. Dem möchte ich entgegenhalten: Aller Anfang ist schwer, allen voran der Wochenbeginn an einem Dienstag, der sich pfingstbedingt wie ein Montag anfühlt. Ebenfalls deprimierend sind inszenierte erste Spatenstiche für Gewerbebauten. Jedenfalls strahlen Pressefotos, die den Firmenvorstand, den Bürgermeister und ein paar andere mehr oder weniger Prominente beim Schaufeln in einem nur für diesen Zweck aufgefahrenen Sandhaufen zeigen, eine erhebliche Lächerlichkeit aus, vor allem, wenn sie dazu auch noch mit Schutzhelmen ausgestattet wurden.

Mittwoch: Netter Versuch.

KW21 - 1

Übrigens, oder by the way, wie eine gute Freundin, die durch gelegentliches Einflechten englischer Fragmente in ihre wörtliche Rede gerne Bildung und Weltgewandtheit zum Ausdruck zu bringen sucht, jetzt vielleicht sagen würde: Ich habe gar kein PayPal-Konto.

Donnerstag: Hinweis an die junge Dame, die mich auf der Straße ansprach: Bitte werten Sie mein stummes Kopfverneinungszeichen nicht als naturgegebene Unhöflichkeit, aber meine Neigung, mir von hyperaktiven jungen Tier-, Kinder-, Natur- oder Was-auch-immer-Schützern etwas aufschwatzen zu lassen, ist äußerst flachwurzelnd.

Freitag: Am Morgen sah ich in der Bahn einen jungen Mann mit Rastalocken, diesen filzartigen Haarschlangen, die einst auch Momo Zenkers Haupt zierten; vielleicht tun sie das auch heute noch, ich weiß es nicht, weil ich aufgrund medialer Interessenverschiebung die Lindenstraße seit Jahren nicht mehr gesehen habe. (Daher merke ich auch gerade jetzt erst, da ich es niederschreibe, dass er Momo Sperling hieß, nicht Zenker, er possierte nur mit der jungen Zenkers, so weit ich mich erinnere. Außerdem hatte er einen entsetzlich farblosen Bruder, Philipp hieß der, glaube ich.) Das Besondere an dem Sperling, also dem Vogel in der Bahn, war nicht sein Haupthaar, sondern seine Beschäftigung: er strickte. Damit war er gleichsam ein erfreulicher Farbtupfer im allgemeinen Grau der auf ihr Display starrenden Mitreisenden.

Eigentlich müsste ich heute laufen. Eigentlich laufe ich zweimal in der Woche, jeweils dienstags und freitags. Heute ist es einfach zu warm dafür. Dienstag war ich zu müde. Immerhin läuft mein Gründegenerator tadellos.

Samstag: Die trotz hoher Temperatur erstaunlich gut besuchte Weinprobe am Abend nahm zu späterer Stunde einen gewissen Partycharakter an. Partybilder verabscheue ich übrigens genauso wie offensichtlich gestellte Pressefotos. Wenn es sich mal nicht vermeiden lässt: Ich bin der, der nicht in die Kamera schaut.

Sonntag: Wenn man mit einem Kater aufwacht, sind seltsame Gedanken manchmal der Begleiter. Zum Beispiel die Frage, was dabei herauskäme, wenn man eine Amsel mit einer Elster kreuzte. Vielleicht eine Alster? Der Tag wurde dann aber doch noch ganz passabel. Es gibt übrigens ein Deutsches Vogelschlagkomitee, wie ich in einem Zeitungsartikel las. Was machen die wohl den ganzen Tag? Nebenbei bemerkt: Die Angst vor Vögeln heißt Ornithophobie. Und das hat wirklich gar nichts mit Boxspringbetten zu tun.

Troisdorf von oben

Letzte Nacht hatte ich einen Klartraum. Vor geraumer Zeit beschrieb ich es schon einmal: Das sind diese Träume, in denen man weiß, dass man träumt, ohne aufzuwachen. Angeblich kann man das trainieren und nach ausreichender Übung sogar das Geschehen aktiv beeinflussen, was grenzenlose Möglichkeiten für Vergnügungen und Abenteuer aller Art bietet, ohne zuvor viel Geld auszugeben für Flugreisen oder Drogen, oder stundenlang in einer Warteschlange anstehen zu müssen. Unbeschäftigt auf etwas warten zu müssen ist ja für viele Menschen ohnehin eine der schlimmsten Zumutungen.

Gemäß einschlägiger Literatur* funktioniert das mit dem Klarträumen so:

Zunächst muss man sich des Träumens bewusst werden. Steht man zum Beispiel gerade in unvorteilhafter Unterwäsche in einem Supermarkt, oder man vernimmt die Nachricht, Donald Trump sei freiwillig vom Amt des Präsidenten zurückgetreten, ist die Wahrscheinlichkeit relativ hoch. Im meinem aktuellen Fall saß ich, ausgestattet mit Trikot und Fanschal, in einem Fußballstadion und jubelte begeistert meiner Mannschaft zu, was mir im wachen Leben nicht im Traume einfiele, nicht unter Androhung einer hohen Strafe bei Weigerung oder nach Inaussichtstellung einer hohen Belohnung.

Als nächstes vergewissere man sich, dass man wirklich träumt. Hierzu kann man kurz hochspringen. Verharrt man für einige Sekunden in der Luft, statt der Schwerkraft folgend sogleich wieder auf dem Boden der Tatsachen zu landen, befindet man sich entweder auf dem Mond, oder man träumt. Vielleicht träumt man auch, man sei auf dem Mond, aber betrachten wir diese Variante hier nicht weiter, um das ganze nicht unnötig zu verkomplizieren. Ich wählte stattdessen eine andere von Experten empfohlene Methode: Ich hielt mir Mund und Nase zu und versuchte, einzuatmen. Da die Luft trotz Verschluss der dazu erforderlichen Öffnungen in die Nüstern strömte, konnte ich mir des Träumens sicher sein. Das Wichtigste ist, jetzt nicht aufzuwachen.

Dann geht es los: Wie ein Regisseur kann man nun ins Geschehen eingreifen, die Ereignisse nach Belieben lenken. Ich riss mir die blöden Fußballfanklamotten vom Leib und beschloss, einen Flug über Troisdorf zu machen, weiß der Himmel, warum ausgerechnet Troisdorf. In einer beliebten Sendereihe im Fernsehen zeigen sie ja gerne alles mögliche von oben: Berlin, Nordrhein-Westfalen, Deutschland, Australien, die schönsten Müllhalden, was auch immer. Doch niemals sah ich einen Programmhinweis auf die Folge „Troisdorf von oben“; diese Lücke zu schließen mag mich beflügelt haben.

Übrigens, für Nichtrheinländer, spricht man es ohne das i aus, stattdessen wird das o gedehnt, also „Troosdorf“. Im Gegensatz zum nicht weit entfernten linksrheinischen Roisdorf, einem Ortsteil der Spargelschälerstadt Bornheim: Hier wird das i mitgesprochen, also wie „Räusdorf“. Menschen mit zweifelhaftem Humor sagen auch „Trostlos“, wenn sie Troisdorf meinen, Sie wissen schon, diejenigen, mit denen man sich nicht so gerne umgibt, weil sie auch „zum Bleistift“, „Spaßkasse“, oder „Schlepptop“ sagen.

Zurück zu meinem Klartraum. Zunächst gelang mein Flug ganz gut, ich musste meine Flügel nur wenig bewegen, um mich in der Luft zu halten, Troisdorf lag unter mir wie ein (nicht ganz so spektakulärer) Teil des Miniaturwunderlandes. Doch dann kam mir über einem Gewerbegebiet Peter Altmaier entgegen geflogen. Nackt. Als er mich nach dem Weg zum „Mäc Doof“ von „Roosdorf“ fragte, wachte ich umgehend auf und benötigte längere Zeit, bis ich wieder einschlief. Mit Klarträumen war leider erstmal aus der Traum.

Ich muss noch viel üben.

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* Zum Bleistift: „Klartraum – Wie Sie Ihre Träume bewusst steuern können“ von Jens Thiemann, Rowohlt-Verlag