Abgeschrieben: Ueber 7 Meere musst du gehn.

In dem sehr lesenswerten Blog von areus ist ein wunderbarer Text über das Erinnern zu finden. Und er hat mir erlaubt, diesen Text auch meiner mehr oder weniger geneigten Leserschaft nahe zu bringen, wofür ich ihm sehr danke! – Lesen Sie selbst:

Weißt du noch wie’s früher war?
Ich erinnere mich an früher, damals, als Steppke, wie ich aufm Dorf aufgewachsen bin. Da konnte das Älter werden gar nicht schnell genug gehen. Die Freiheit, in Form von Führerschein und Auto, war lang ersehnt. War man doch an die Bescheidenheit eines 2000 Seelen Ost-Dorfes gebunden. Im Nachhinein eine unvorstellbare Qual, kennt man erst die Möglichkeiten, die Großstädte bieten. Was wussten wir denn schon von Lifestyle, Partys und Kultur?
Unser Nachtleben bestand einzig und allein darin, dem Nachbarhund beim Kläffen zu zuhören. Dieser Töle und den Besoffenen, die gelegentlich torkelnd über das unebene Kopfsteinpflaster liefen, auf dem Heimweg von der Kneipe, ihre Parolen los ließen.
Aber! schlimm fand ich es damals nicht. Man wollte unabhängig sein, aber vermisst hat man nichts so richtig. Was sollte man denn vermissen? Etwas, das man nicht kennt?

Und so verging Jahr um Jahr, die Freiheit wurde zur Selbstverständlichkeit und aus dem Dorf eine „mittel“(auf die Einwohnerzahl bezogen)-prächtige Großstadt.

Nun lebe ich fast 10 Jahre hier, einer unter Fünfhunderttausend (in Zahlen 500.000). Und es braucht nur einen Abend, eine Melancholie, eine Überlegung um sich alles ein wenig durch den Kopf gehen zu lassen.

Meine Güte, was hab ich alles erlebt, was hab ich alles gemacht. So ein Abriss der Zeit und man fragt sich, wieso es damals nicht schnell genug gehen konnte, sollte es doch jetzt oftmals viel langsamer verlaufen, das Leben.

Erschreckend, was in der Welt so vor sich geht. Und wir? Wir trotten meist vor uns hin, versuchen die wenige freie Zeit zu genießen, die Tage und Stunden mit Freunden zu verbringen und trotzdem immer eine Minute für uns allein zu haben. Eine Minute zum Nachdenken, zum Luft holen, zum Aufatmen. Solch eine Minute, wie ich sie heute Abend habe. Eine Minute, in der ich 10 Jahre Nürnberg Revue passieren lasse.
So viele Gedanken und Erinnerungen. Erinnerungen an Kollegen, an traurige, schlimme, aber auch gute und lustige Momente. Erinnerungen an Erlebnisse, an Farben, an Zahlen und Töne. Würde man es extern speichern wollen, die Datenmenge wäre gigantisch, aber sicher wäre es ein durchaus sinnvolles Unterfangen.

Wisst ihr eigentlich noch, wo ihr am 11. September 2001 ward? In diesem Moment, als das erste Mal durch die Nachrichten ging was vorgefallen war?
Stand vielleicht jemand von euch in diesem Mega-Stau Weihnachten 2001, auf der A9, Richtung Berlin? 21 Stunden für 300km.
Der „Tag des Mauerbaus“ im Jahr 2002, unvergesslich!
Und dann erst 2005, als die Welt für mich gänzlich aus den Fugen geriet und dennoch überall Schultern waren und Hände, die sich zum Halten anboten. Über eine Hand und die dazugehörige Schulter bin ich ganz besonders glücklich. Ja, das Jahr war in jeglicher Hinsicht nicht einfach.

In all den Jahren hab ich beruflich so einiges gemacht. Ich war Kfz-Mechaniker, Servicetechniker, hab eine Zeit lang eine Werkstatt geleitet, habe als Rettungssanitäter gearbeitet, habe Klamotten verkauft, Leichen seziert und letztlich meine Umschulung zum Gestalter gemacht. Mir wurde nie langweilig, wie man sieht.

10 Jahre in Nürnberg, 10 Jahre voll Höhen und Tiefen. Das Jahr 2011 wird den vergangenen Jahren in nichts nachstehen, dessen bin ich mir sicher.
Auch in diesem Jahr stehen große Entscheidungen an, die weitläufige Konsequenzen mit sich ziehen werden.

Ich denke besser nicht daran. Ich denke an mich, als ich ein Steppke war, in kurzen Hosen durchs Dorf radelte, mit Freunden auf den Äckern Mäuse fing, Futtermais aß, Buden baute, in der Ziegelei baden war, als ich noch Samstag zur Schule ging und im Winter der Schnee meterhoch lag. Ich denke an die langen Winter-Samstage, die gemütlichen, an den roten Thermobehälter, mit dem wir im Sommer immer Eis geholt haben, ich denke an so viele, viele Kleinigkeiten.

Die meisten Erinnerungen überdauern die Zeit, bleibt nur zu hoffen, dass unsere natürliche Festplatte nicht irgendwann, irgendwie crasht.

Ich wünsche euch ausreichend Minuten im Leben, in denen ihr EUCH am Wichtigsten seid!
Minuten zum Entspannen, zum Alleinsein. Denn seid gewiss, es sind mehr als 7 Meere, die wir irgendwie durchschwimmen, überqueren oder teilen müssen.

Quelle: http://areus.wordpress.com/2011/03/28/uber-7-meere-musst-du-gehn/

Keiner hört zu

Die wenigsten geben es zu, die meisten tun es: den Hunger auf etwas pervers-ungesundes stillen – nein, ich meine jetzt ausnahmsweise nicht den Besuch einer zweifelhaften Lokalität mit Zutritt erst ab achtzehn – wenigstens ab und zu, wenn es keiner sieht, vielleicht in einer fremden Stadt, wo uns keiner kennt, finden wir uns wieder in der Warteschlange einer namhaften Restaurantkette, sei es die mit dem güldenen M oder ihr ebenso bekannter Marktbegleiter, der sich für den König der Burger hält. So ähnlich wie in den Achtzigern und Neunzigern, als natürlich niemand die Lindenstraße schaute (heute tut das in der Tat niemand mehr), dennoch jeder bestens informiert war über Else Kling & Co.

Ich gebe es zu, bisweilen zieht es auch mich in diese Stätten kulinarischer Belanglosigkeit. Möglicherweise triebe mich der Hunger, oder was auch immer mich treibt, öfter in die eiligen Hallen, gäbe es da nicht diese eine immer wiederkehrende Unbill:

Ich: „Ein kleines Royal-TS-Menü mit Cola zum hier essen.“

Bedienung: „Welches Getränk?“

Ich: „Fanta.“

Bedienung: „Welche Soße zu den McNuggets?“

Ich: „Hollandaise bitte.“

Bedienung: „Zum Mitnehmen?“

Ich: „Ja, bitte.“

Bedienung: „Sechsneunundvierzig bitte.“

Merken Sie was? Sie hört nicht zu. Niemand hört mehr zu.

Montagmorgen im Büro. Meine Motivation, mich engagiert den geschäftlichen Obliegenheiten zu widmen, wofür ich, wenn ich meinen Arbeitsvertrag richtig verstanden habe, bezahlt werde, befindet sich noch irgendwo im mentalen Stau, der trübe Geist läuft auf Sparflamme, was liegt da näher als Zuflucht im Internet zu suchen. Gerade als ich in einen extrem spannenden Artikel über Fremdkörper in Anus und Rektum vertieft bin, bemerke ich aus dem Augenwinkel meinen Chef das Büro betreten; gerade noch kann ich auf die völlig unsinnige Excel-Datei wechseln, die ich extra zu diesem Zweck angelegt habe und die stets geöffnet ist.

„Herr Kah“, beginnt der Chef, „ich benötige bis heute zwölf Uhr…“, dann folgt eine längere Ansprache mit unschöne Wörtern aus dem Managerlatein wie Umsatzzahlen, Absatzmengen, Vorstandssitzung, Business Case, Forecast-Planung, Produktivitätskennzahlen und ähnlichen verwirrenden Begriffen; seine Brille bebt, leichte Speichelspuren werden in den Mundwinkeln sichtbar, er scheint angespannt zu sein, also eigentlich wie immer. Die Ansprache endet mit „… machen Sie mir eine Präsentation. Haben Sie verstanden?“ Damit er endlich abhaut, nicke ich stumm.

Als er zur Tür raus ist, widme ich mich wieder den gastro-intestinalen Fremdkörpern und muss spontan an meinen Kollegen gegenüber denken, der unserem Chef auch am liebsten hinten rein kriechen würde. Ach ja, Chef, da war doch was, irgendwas mit Präsentation und Zahlen und so, bis zwölf Uhr. Da ich keine Ahnung habe, was er genau will, öffne ich mehrere vorhandene Präsentationen auf meinem Rechner, suche aus jeder ein bis zwei Seiten heraus und stelle sie zu einer neuen zusammen, ein paar Überschriften ändern, neues Datum, fertig. So oder so wird er was dran auszusetzen haben.

***

Private Angelegenheiten, die hier nichts zur Sache tun, erfordern meine Anwesenheit in Offenburg, und da ich ungern Auto fahre, begebe ich mich zum Erwerb eines Fahrscheines in die zum Reisezentrum mutierte Fahrkartenausgabe des örtlichen Hauptbahnhofs. Die Wartezeit nutze ich, um über den Sinn des Lebens nachzudenken, muss diese Überlegungen jedoch ergebnislos abbrechen (vermutlich hat es keinen), da ich nach nur fünfundzwanzig Minuten an der Reihe bin und dem Billeteur meinen Wunsch vortragen darf:

Ich: „Einmal Offenburg hin und zurück bitte.“

Billeteur: „Wann möchten Sie reisen?“

Ich: „Heute…“

Billeteur (nach kurzer Recherche in seinem Computer): „Sie können mit dem IC 2223 um vierzehn Uhr dreiundvierzig fahren, einmal umsteigen in Osnabrück.“

Ich: „Ich muss über Osnabrück fahren, um nach Offenburg zu kommen?“

Billeteur: „Wieso Offenburg? Sie wollten doch nach Oldenburg!“

Ich (mit erstickter Stimme): „Nein, Offenburg, Schwarzwald…“

Billeteur: „Warum sagen Sie das nicht gleich?“

Wieder tippt er an seinem Computer herum, derweil ich es nicht wage, mich umzudrehen und in die genervten Gesichter der hinter mir wartenden zu schauen, die zu recht erbost sind über diesen Hansel, der nicht weiß wohin er reisen will; hinter meinem Rücken glaube ich schon das Wort ‚Penner‘ vernommen zu haben.

Billeteur (ebenfalls inzwischen etwas angespannt): „Nehmen Sie den ICE 789 um fünfzehn Uhr drei, Umsteigen in Frankfurt, sechsundvierzig Euro zehn bitte.“

In tiefer Dankbarkeit gebe ich ihm fünfzig Euro, stimmt so, und schleiche mich an den mürrischen Gesichtern vorbei aus der Bahnhofshalle.

Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich im Wartesaal des Bahnhofs Offenbach am Main, im Besitz einer Fahrkarte nach Oldentrup, Abfahrt achtzehn Uhr zwölf, umsteigen in Dortmund und Bielefeld. Sollten Sie in nächster Zeit nichts mehr von mir lesen, hat vermutlich jemand nicht zugehört.

 

Glücksmomente

Es sind bekanntlich die kleinen Freuden des Alltags, die das Leben angenehm machen. Hier eine weder objektive noch vollständige Liste der Dinge, die für
m i c h das Salz in der Suppe, oder eher, der Zucker im Kaffee sind. Andere mag es dabei grausen, vielleicht allein schon bei dem Gedanken an gesüßten Kaffee, aber darauf kann ich leider keine Rücksicht nehmen, schließlich ist das hier
m e i n Blog, gell.

Also: die kleinen Momente des Glücks sind es, wenn…

auf der Party plötzlich True Faith oder Don‘t Look Back In Anger gespielt wird
eine mehrstündige Besprechung abgesagt wird
er beim Einschlafen seinen Arm um mich legt
ich nach Jahren einen alten Freund wieder treffe und es so ist, als hätten wir uns letzte Woche zuletzt gesehen
der erste Schmetterling des Jahres vor mir her flattert
die erste kurze Hose des Jahres den Weg kreuzt
mal wieder ein fremder Schw… ach lassen wir das
die Wirkung des Poppers einsetzt
die Wirkung des Alkohols nachlässt und abends schon wieder das erste Glas Wein schmeckt
er für uns gekocht hat
er eine gute Flasche Wein aus dem Keller holt
freitags der Rechner im Büro herunter fährt
der Montag doch nicht so montäglich war
sich beim Laufen das Gefühl einstellt, noch stundenlang weiterlaufen zu können
ich beim Laufen im Sommer von einem heftigen Regenschauer überrascht werde
wir als Chor auf der Bühne stehen und für einen Abend oder nur einige Minuten in der Harmonie aufgehen
alles nur ein böser Traum war
nachts der Regen gegen das Fenster schlägt
ich aufwache und feststelle, dass ich noch lange nicht aufstehen muss
mich morgens um sieben die Erkenntnis, dass Samstag ist, lächelnd wieder einschlafen lässt
ich dann trotzdem aufstehe, pinkeln gehe und mich anschließend die Bettwärme wieder umspielt
nach Feierabend die Zigarette richtig schmeckt
im Winter das Holz im Ofen brennt
im Frühling plötzlich der Flieder, die Kastanien und Rapsfelder blühen
wir im Sommer bis spät in die Nacht mit einer Flasche Wein auf dem Balkon sitzen
im Herbst die Sonne die roten Weinblätter an der Wand im Hinterhof aufleuchten lässt
eine Diesellok der Baureihe 218 mit dröhnendem Motor am Nachbargleis abfährt
eine Dampflok beliebiger Baureihe mit donnernden Auspuffschlägen wo auch immer abfährt
das Buch morgens in der Bahn kurz den bevorstehenden Arbeitstag vergessen lässt
der Zug mit mir durch das Rheintal fährt
ein Sommertag am Rheinufer vor Bonn-Oberkassel die Zeit vergessen lässt
mich beim Schreiben eines Textes der Schreibfluss erfasst hat
mich beim Lesen eines Buches die Geschichte fesselt
er mit mir auf ein Paar Weißwürste und bayrisches Bier in den Lieblingsbiergarten geht
Karneval überstanden ist
morgens keine böse Mail des Chefs im Eingang ist
der Duft frisch gemähten Grases kurz die Nase streift
und schließlich: irgendeiner das hier mal liest und einen netten Kommentar hinterlässt!

#Twoeln

Durch Zufall erfuhr ich vor einigen Wochen von „#Twoeln“, einem Twitter-Treffen, zu dem eine gewisse Zoover GmbH nach Köln geladen hatte; wer oder was Zoover ist, weiß ich nicht und es ist mir auch ziemlich egal, gebe ich zu. Die Twitter-Treffen, bei denen ich bislang war, waren immer sehr nett, ob in Bonn, Wiesbaden, Oberhausen oder Berlin, jedes Mal lernte ich Leute persönlich kennen, die mir von ihren Tweets her schon ziemlich vertraut waren. Also fuhr ich hin, zumal Köln ja nahe ist.

Twoeln also. Ich kann nicht behaupten, dass ich nicht gewarnt worden wäre. Die Tatsache, dass ich von der veröffentlichten Teilnehmerliste niemanden kannte, hätte mich misstrauisch machen können. Hat sie aber nicht. Die Menschenmeute vor dem Kölner Hauptbahnhof war nicht zu übersehen, zumal ein hochgehaltenes „#Twoeln“-Schild eindeutig den Weg (bzw. Platz) wies. So befand ich mich inmitten einer etwa 150-köpfigen Menschenmasse mit komischen Frisuren, von denen ich niemanden kannte und die allesamt – rein theoretisch, versteht sich – meine Kinder hätten sein können. Schnell machte ich einen Zoover-Menschen aus, bei dem man sich wohl melden musste/sollte/konnte/wasauchimmer, nannte meinen Namen:
„PlanC_“
„Deinen richtigen…“
„Carsten…“,
wurde auf einer Liste abgehakt, mehr passierte erstmal nicht. Eine knappe Stunde lang nicht. Vielleicht lag es an meiner angeborenen ostwestfälischen Zurückhaltung, vielleicht hatte es auch andere Gründe, dass ich mit niemandem ins Gespräch kam, vielleicht auch nicht kommen wollte, jedenfalls beschlich mich zum ersten Mal dieses Was-mache-ich-hier-eigentlich-Gefühl, Sie kennen das vielleicht.

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Kurz vor drei kam dann Bewegung in die Menge, dem #Twoeln-Schild folgend bewegte man sich zur Domtreppe, Gruppenfoto. Dann folgte der unvermeidliche Flashmob (dem ich nur als Zuschauer beiwohnte): wieder runter von der Treppe auf den Bahnhofsvorplatz, auf den ersten Pfiff aus einer Trillerpfeife hin in der gerade vollzogenen Bewegung erstarren, auf den zweiten Pfiff hin wieder bewegen. Witzig. Jedenfalls mögen das die Teilnehmer so empfunden haben, ansonsten hat es niemanden interessiert.

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Dann der Hauptprogrammpunkt: Gaffel-Brauhaus. Für die ersten 120 angemeldeten war ein Raum im Untergeschoss reserviert, alle anderen durften oben bleiben. Ich hatte die Nummer 128, Pech, oder Glück, oder egal. Hier offenbarte sich dann eine gewisse organisatorische Panne: Personen unter 16 Jahren dürfen das Brauhaus ohne ihre Erziehungsberechtigten nicht betreten, was erst jetzt bekannt wurde und gewissen Unmut auslöste. Somit hätte ich vermutlich nachrücken können ins Untergeschoss, was mir zu dem Zeitpunkt aber schon ziemlich egal war. Ich ging kurz hinein, also in den öffentlichen Bereich, sozusagen, mit der Idee, wenigstens, wo ich schon mal da war, ein bis zwei Kölner Bier zu verzehren und was zu essen; die Idee, interessante Kontakte zu knüpfen, hatte ich zu dem Zeitpunkt schon verworfen. Vielleicht vorschnell, wer weiß. Wie es der Zufall will, traf ich meinen Kollegen Gerd M., der mit einigen Freunden auf Brauhaus-Tour war und der vermutlich keinen blassen Schimmer hat, wer oder was Twitter ist.
Er: „Was machst du denn hier?“
Ich: „Ich treffe mich hier mit einigen Leuten.“
Er: „Von deinem Chor?“
Ich: (stammelnd) „Nein, äh, Internet, äh, muss mal sehen wo sie sind, viel Spaß noch…“ – Abgang Carsten K.
Und wieder die Frage: „Was mache ich hier eigentlich?“

Diese Frage beantwortete ich umgehend, indem ich das Lokal verließ, rüber zum Bahnhof ging und zurück nach Bonn fuhr, mit dem sicheren Gefühl – sicher tue ich der Veranstaltung mit dieser Annahme unrecht – für mich genau die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Noch im Zug kontaktierte ich meine Lieblingskollegin S. und wir trafen uns in unserem Lieblingsbiergarten, zumal heute der erste Biergartenwettertag war.

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Fazit: Es ist nicht meine Absicht, die Twoeln-Veranstaltung schlecht zu reden, und ich bin mir sicher, die 120 im Untergeschoss hatten sehr viel Spaß. Aber ich gehörte nicht zur Zielgruppe. Und ich muss nicht alles mitmachen, wo ein „#“ vor- und das blaue „t“ draufsteht. Auch eine Erkenntnis, und nicht die schlechteste.

The day after – Der Tag im Arsch

Wenn, so wie gestern, die Party gut war und das Bier reichlich floss, wenn dann am nächsten Tag, also heute, der Kater erbarmungslos seinen Krallen ausfährt und sie mir brutal ins Hirn rammt, dann kenne ich keinen Text, der dieses Gefühl besser auszudrücken vermag als der nachfolgende. Es ist die erste Strophe des Liedes „Morgen…“ der österreichischen Band „Erste Allgemeine Verunsicherung“ von der LP „Geld oder Leben“, erschienen 1985.

Lesen Sie selbst und leiden sie mit.


Morgen

Ich wach auf am Nachmittag, der Sodbrand ist enorm,
ja, gestern war ich wieder gut in Form!
Im Gaumen sitzt der „Pelze-„Bub, das Auge dunkelrot,
Die Hypophyse spielt das Lied vom Tod!

Während ich mich übergeb‘, schwör ich mir ferngesteuert:
sofern den Tag ich überleb, es wird nie mehr gefeiert.

Weil morgen, ja morgen,
fang i a neues Leben an,
und wenn net morgen,
dann übermorgen,
oder zumindest irgendwann
fang i wieder a neues Leben an!

 

Neulich im Darkroom

Angesichts eines neulich unfreiwillig mitgehörten Gespräches stellt sich zunehmend die Frage, ob der Aufenthalt in derartigen Begegnungsstätten überhaupt noch zeitgemäß ist.

A – Verzeihung, Sie stehen auf meinem Fuß.
B – Ich weiß.
A – Wie bitte…?
B – Es ist recht dunkel hier, da sieht man nicht so genau, wo man hintritt.
A – Natürlich nicht – Sie befinden sich in einem Darkroom, da muss es dunkel sein, sonst wäre es ja kein Darkroom, sondern ein… ein…
B – Lightroom…
A – Das gibt es überhaupt nicht.
B – Ach nein? Woher wollen Sie das denn wissen?
A – Ich weiß es eben. Außerdem, wozu soll denn das gut sein? Ich meine, dann könnte man ja auch direkt im Schankraum, vor der Theke, also Sie wissen schon…
B – W a s könnte man?
A – Was auch immer, ist nicht so wichtig. Würden Sie nun bitte von meinem Fuß runter gehen?
B – Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich gerne noch ein wenig darauf stehen bleiben.
A – Es m a c h t mir aber was aus.
B – Trotzdem – wissen Sie, ich stehe nämlich total auf Füße.
A – Auf Füßen, es heißt auf Füßen.
B – Wie bitte?
A – Man steht auf Füßen im Dativ Plural, nicht im Akkusativ. Im übrigen können Sie meinetwegen stehen auf was Sie wollen, aber bitte nicht auf meinem Fuß.
B – Aber ich stehe total auf Füße…
A – Das sagten Sie bereits.
B – … am liebsten Schweißfüße in fünf Tage nicht gewechselten Stinkesocken, oaaaahhh…“
A – Bitte unterlassen Sie solche Anzüglichkeiten, ich wünsche das nicht.
B – Können Sie eigentlich auch was anderes als andauernd herumzumeckern? ‚Sie stehen auf meinem Fuß…‘, ‚ich wünsche das nicht…‘, ‚Akkusativ‘ – Warum sind Sie überhaupt hier, nur um rumzumeckern? Dies ist ein Darkroom, da darf man auf Stinkefüße stehen, jaha, da darf man noch ganz andere Sachen!
A – Ach ja? Was denn zum Beispiel?
B – Naja, ich könnte Ihnen Ihren…
A – Unterstehen Sie sich!
C – Könnt ihr beiden endlich mal die Schnauze halten? Dies ist ein Darkroom, da redet man nicht! Unglaublich, wie soll man sich denn da konzentrieren?
B – (leise zu A) sehen Sie, anderen geht Ihre andauernde Moserei auch schon auf die Nerven!
A – (ebenfalls flüsternd) Nein, ich sehe nicht, ich kann überhaupt nichts sehen, wir sind ja in einem… ähm, was machen Sie da?
B – Ich versuche, Ihre Hose zu öffnen.
A – Warum d a s denn?
B – (deutlich lauter) Meine Güte, weil das in einem Darkroom üblich ist… sagen Sie, sind Sie zum ersten Mal in einem?
A – Um ehrlich zu sein – ja. – Warum, bitte schön, möchten Sie meine Hose öffnen? Ich meine, ich bin durchaus in der Lage, das selbst zu tun, so weit erforderlich. Außerdem – ich dachte Sie stehen auf stinkende Füße.
B – Ach, auf einmal doch im Akkusativ?
A – Möglicherweise auch im Dativ, ich weiß ja nicht, ob Ihre Füße stinken…
B – Und w i e, möchten Sie mal riechen? Augenblick, ich ziehe eben den Schuh aus, dann können Sie was erleben, so was haben Sie noch nie…
A – Hören Sie auf, ich will das nicht riechen. Ist ja ekelhaft… Was machen Sie denn jetzt??
B – Ich versuche, Ihren Schuh auszuziehen, wenn Sie vielleicht so freundlich wären, den Fuß kurz ein wenig anzuheben…
A – Und wozu wollen Sie mir den Schuh ausziehen?
B – Na wozu wohl – ich möchte Ihre Füße riechen, was denn sonst? Sie können aber auch wirklich blöd fragen, hat Ihnen das schon mal jemand gesagt?
A – Nein. Außerdem können Sie sich die Mühe sparen, meine Füße riechen nicht, ich habe geduscht, bevor ich her kam; Sie werden es kaum glauben, aber es gibt Menschen, die im Rahmen körperlich-intimer Annäherungen eine gewisse Reinlichkeit durchaus zu schätzen wissen.
B – Sie sind wirklich ausgesprochen spaßbefreit, gönnen Ihren Mitmenschen nicht die kleinste Freude. Waren Sie schon immer so?
A – Mag sein. Ich hatte eine schwere Kindheit, mein Urgroßvater starb sehr früh…
B – Oh, das tut mir sehr leid, das konnte ich ja nicht ahnen… Also würden Sie nun bitte Ihre Hose selbst öffnen?
A – Na gut, aber nur, wenn Sie dafür endlich von meinem Fuß runter gehen.
B – Also gut, wenn Sie unbedingt wollen… aber dafür darf ich Ihnen gleich Ihren…
C – Wenn ihr nicht endlich die Fresse haltet, setzt es was!
A+B – Jaaaaaahhhh!

(Hinweis: Eventuelle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen oder tatsächlich stattgefunden habenden Gesprächen wären rein zufällig, der Rest ist frei erfunden.)

***

Und hier das ganze noch mal zum Hören und Sehen, aufgenommen beim Jour Fitz am 5. April 2011 im 4010 in Köln: