Woche 14: Hinweise aus Friedenszeiten und funktionslose Damen am Bühnenrand

Montag: Nach zehn Jahren des Zwitscherns überdrüssig löschte ich vor gut einem Jahr mein Twitterkonto @PlanC_. Eher zufällig bemerkte ich nun, dass es unter einem neuen Betreiber wiedereröffnet wurde. Es kommt mir spanisch vor.

Zu meinen beruflichen Obliegenheiten gehört es, Verbesserungsvorschläge aus dem betrieblichen Vorschlagswesen zu begutachten. Heute musste ich wieder einen Vorschlag ablehnen, wobei ich versichere, der Name der Verfasserin war dafür nicht ausschlaggebend. Sie hieß P. Unfug.

Dienstag: „Nach 31 Jahren schafft die EU die Milchstraße ab“, lese ich in der Zeitung. Bei nochmaligem Lesen ging es doch nur um die Milchquote.

Kein Lesefehler: Zum ersten Mal lese ich „HomeOffice“, in dieser verunglückten Marketing-Schreibweise ohne Bindestrich oder wenigstens Leerzeichen. (Bindestriche erwarte ich ohnehin schon lange nicht mehr.) Irgendwann musste das ja kommen.

Nicht gelesen, sondern gehört: „Du vergleichst Äpfel mit Birnen.“ – „Obst ist Obst!“

Mittwoch: Aus einem Zeitungsbericht über den bekannten Virologen Christian Drosten, der mittlerweile den Medien mit wachsender Skepsis begegnet: „… und schließlich ist Drosten auch noch Direktor des Instituts für Virologie an der Berliner Charité. Von 2007 bis 2017 war er in gleicher Funktion auf dem Bonner Venusberg unterwegs.“ Wer hätte da kein Verständnis für seine Skepsis.

Zahlreiche Medienberichte enthalten heute übrigens den Hinweis „kein Aprilscherz“.

Donnerstag: Dieses Mal hat mich die Sommerzeit heftig getroffen: Morgens komme ich schlecht aus dem Bett, gegen 14 Uhr falle ich müde in ein tiefes Lustloch und spätestens um 20 Uhr fallen mir die Augen zu. Dabei habe ich noch die Worte eines gewissen Herrn Junker im Ohr, der da (ver)sprach: „Die Leute wollen das, und wir machen das“, gemeint war die Abschaffung der Zeitumstellung. Ob ich das noch vor meinem Ruhestand erleben werde?

Oder geregelte Arbeitstage mit mittäglichem Kantinenbesuch? Stattdessen aßen wir mit wenigen im Werk verbliebenen Kollegen zu Mittag auf dem immerhin sonnigen Bürobalkon, selbstverständlich im Stehen und unter Wahrung der gebotenen Abstände. Bei mir gabs mitgebrachte Bütterchen und Apfel, ein Kollege hatte sich überteuerte Maultaschen von einem fliegenden Händler geholt.

„Maultaschen gehen immer“, las ich auf einem Werbeplakat, als ich am späten Nachmittag kühlem Wind entgegen velocipedierte. Liebe Marketing-Kasper (oder, wenn euch das lieber ist: MarketingKasper), ich weiß nicht, wie ihr zu diesem Axiom gefunden habt, mir hingegen fielen, wenn ich mich ein wenig bemühte, zahlreiche Situationen ein, in denen Maultaschen gar nicht gehen. Hier eine kleine spontane Auswahl: beim Trompetensolo, in öffentlichen Verkehrsmitteln, während Besprechungen (soweit sie irgendwann nicht mehr nur auf telekommunikativem Wege erfolgen, sonst schon), im Theater, während einer Beerdigung (danach schon), beim Liebesspiel. Wobei, Liebesspiel, warum nicht …

Freitag: „Wir haben nur diesen einen Planeten“, sagt die Umweltministerin. Antwort des Universums: „Welch Glück.“

Noch einmal Marketing-Geschwätz: „Food ist unser Business“, las ich morgens auf dem Weg ins Werk an einem mich überholenden Lastwagen. Da verging mir sogleich der Appetit, nicht nur auf Maultaschen.

Der Sänger Bill Withers ist heute gestorben. Nicht, dass ich ein glühender Fan von ihm gewesen wäre, aber dieses Lied fand ich Ende der Achtziger aus hier nicht näher zu erörternden Gründen ziemlich gut:

(Durch die beiden zappelnden, ansonsten weitgehend funktionslosen Damen am linken Bühnenrand lassen Sie sich bitte nicht stören.)

Samstag: Heute Morgen gegen elf klang es aus der Stube: „Hey Siri, spiel Musik.“ – (Musik) – „Hey Siri, lauter.“ – (lautere Musik) – „Hey Siri, lauter.“ (noch lautere Musik) – „Hey Siri, noch lauter.“ – (ganz laute Musik. Das Telefon klingelt.) – „Hey Siri, leiser. – Hey Siri, leiser. – Hey Siri…“ Irgendwann drehe ich hier durch, und dieses Teil fliegt aus dem Fenster.

Irritierend: Während die Busse der Stadtwerke Bonn nur noch durch die hinteren Türen betreten und verlassen werden dürfen, um die Fahrer vor menschlichen Kontakten zu schützen, befinden sich an den hinteren Türen der Busse der Rhein-Sieg-Verkehrsgesellschaft nach wie vor die Hinweise aus Friedenszeiten, zum Einstieg ausschließlich die vordere Tür zu nutzen. Sind die Fahrer im Rhein-Sieg-Kreis resistenter?

Aus besseren Zeiten offenbar auch das folgende Bild in einer Werbeanzeige:

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Man darf die an der Pommesbude erstandene Currywurst noch an Ort und Stelle verputzen und muss keine Abstände zu anderen Personen halten. Dabei wäre der junge Sparkassenangestellte Gerrit W. (Mitte) wohl gerade froh über etwas Distanz: Der erste warme Tag des Jahres, soeben hat er seine Mittagspause begonnen, als dieser Typ mit der gelben Jacke, der ihn schon seit Tagen wegen seiner Aktionfonds nervt, auftaucht und ihn sogleich finanzthematisch vollquatscht, weshalb W. das Plakatgrinsen nur so halbwegs gelingt. Ich fühle mit ihm.

Auch Herr B ist müde.

Sonntag: Alle Jahre wieder … Für alle, die es sich in diesem Jahr aus gegebenem Anlass nicht persönlich anschauen können:

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Im Übrigen ein schöner Beweis, dass die Phrase „Danach wird nichts mehr sein wie es war“ Unfug ist.

Woche 34: Sorge um den Weltfrieden ist angebracht

Montag: Nachtrag zum zurückliegenden Wochenende: Dieses verbrachte ich mit der Eisenbahn spielend in Gütersloh-Isselhorst, wo die Dampf-Kleinbahn Mühlenstroth ihr 45-jähriges Bestehen feierte. In jungen Jahren verbrachte ich dort, in dieser ganz eigenen kleinen Welt, zahlreiche Wochenenden mit vielen glücklichen Stunden, heute komme ich aus verschiedenen Gründen kaum noch dazu. Auch so etwas, wo ich jedes Mal denke, wenn ich wieder dort war: Das sollte ich öfter machen. Und es dann aus verschiedenen Gründen doch nicht tue.

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Hier eine Zugfahrt in bewegten Bildern.

Zurück in der Wirklichkeit, wurde meine Liebe zu schienengebundenen Verkehrsmitteln an diesem Morgen auf die Probe gestellt: Meine Bahn ins Werk entfiel mal wieder. Scheint jetzt montags eine regelmäßige Einrichtung zu sein.

Dienstag: Nicht nur die Bahn hat bisweilen Verspätung, sondern offenbar auch die Wirkung des Giftes, welches mir bereits am Sonntagnachmittag eine Wespe in den Finger injizierte. Erst heute machen sich Schwellung und juckender Schmerz bemerkbar.

Die Wolken der Mittagsmüdigkeit lichteten sich kurz, als mich ein Artikel des Handelsblattes schmunzeln ließ (wenngleich ich das Wort „schmunzeln“ wirklich schlimm finde, gleiches gilt für „schlemmen“ und „schlendern“). Er widmete sich einem Manager, der sich im Hause nicht allzu großer Beliebtheit erfreut, darin nämliches zu lesen:

»„B verbreitet Angst und Schrecken“, sagt ein Mitarbeiter. Er schraube die Ziele in unglaubliche Höhen. „Und wenn jemand Bedenken anmeldet, wird B cholerisch“, schildert [der Mitarbeiter] die Ausfälle seines Vorgesetzten. „Sein Gesicht wird rot wie eine Tomate, und er fängt an zu schreien.“«

Nein, geschmunzelt habe ich nicht, sondern – trotz der journalistischen Fragwürdigkeit des Artikels – laut gelacht. Ob der Beschriebene ebenfalls lachte oder schrie, ist nicht überliefert.

„Irgendwann ist die Zeit gekommen, dass ein Arschloch erfährt, dass es ein Arschloch ist“, las ich irgendwo. Keine Ahnung, wie ich da jetzt drauf komme, ischwör.

In Köln beginnt heute die Gamescom. So viel Aufwand für so einen Unfug. (Ja ich weiß, das kann man über den Betrieb einer Dampfkleinbahn auch denken. [Im Gegensatz zu „schmunzeln“ mag ich „Unfug“ als Wort übrigens sehr.])

Wie ich eher zufällig sah, habe ich genau 1.000 Follower bei Twitter. Das ist hinsichtlich meiner Aktivitäten dort eine immer noch erstaunlich hohe Zahl. Vor einer Woche waren es dreißig mehr. Ein derart hoher Abgang hätte mich vor einigen Jahren in eine tiefe Krise gestürzt, heute bekräftigt es meinen Entschluss, dort bald die Biege zu machen. Zumal Twitter seit Donald Trump und Horst Seehofer für mich endgültig die Unschuld verloren hat.

Mittwoch: „Shop shop, Hurra“, endet eine Radioreklame. Sind nicht – neben Kreuzfahrtschiffen, Kohlekraftwerken und SUV-Fahrern – Werber die schlimmsten Umweltverschmutzer?

Donnerstag: Wie man auch ohne kulinarische Kenntnisse und Infrastruktur den Ruf eines Spitzenrestaurants erlangen kann, können Sie hier nachlesen.

Freitag: Laut einem Zeitungsbericht wirbt die Bundeswehr am Rande der Gamescom (und des guten Geschmacks) mit Plakaten um Nachwuchs. Auf diesen sei unter anderem zu lesen: „Double Kill, Multi Kill, Ultra Kill, Rampage, M-M-M-Monster-Kill!“. Es entzieht sich meiner Kenntnis, was „Rampage“ ist und „M-M-M“, auch fühle ich mich zu matt, dies zu recherchieren. (Gut, zu „M-M-M“ lässt meine sittenlose Phantasie das eine oder andere Bild aufleuchten, indes gehe ich nicht davon, dass das hier gemeint ist.) Sollte sich hierdurch ernsthaft jemand animiert fühlen, der Truppe beizutreten, wäre wohl große Sorge um den Weltfrieden angebracht.

Samstag: Unter der Rubrik „Was macht eigentlich …“ geht die Zeitung dem Verbleib der ausgeschiedenen Bundesminister der letzten Regierung nach. Während wir den Meinungsäußerungen von Sigmar Gabriel auch heute ebensowenig entgehen können wie dem Verbalunrat von Alexander Dobrindt, ist es eher still geworden um Thomas de Maizière. Wie er verlauten lässt, nutze er die Zeit, um „seinen Lebensrhythmus an die neuen Gegebenheiten anzupassen“. Ein Satz, den es sich zu merken lohnt.

Nicht merken muss man sich unterdessen das Wort „Mutzensteinvieh“, mit welchem ich am frühen Abend bezeichnet wurde.

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Sonntag: Alles hat ein Ende, nicht nur die Woche, sondern auch die Sommerferien. Das heißt, ab morgen sind sie alle wieder da, auf den Straßen, in den Bahnen und Büros; erholt, voller Tatendrang und mit neuen Ideen. Mir graut ein wenig.

Überwachung

Die Bonner Piraten nehmen Anstoß an Kamera-Attrappen, die im Florentiusgraben an einigen Privathäusern angebracht sind. Sie befürchten, vorübergehende Passanten könnten sich, derer angesichtig geworden, „nicht mehr ungezwungen bewegen“. Das wirft die Frage auf, wie man sich denn ungezwungen bewegt, so man sich unüberwacht wähnt: in der Nase bohrend, Grimassen schneidend, ohne Hose, onanierend, gar den Deutschen Gruß zeigend? 

 So gesehen gibt es wohl noch zu wenig Kameras in der Stadt.

Weltuntergang

Wie aus Mayakreisen verlautet, wird am 21. Dezember dieses Jahres die Welt untergehen. Gewiss, bislang hat sich die Welt über derartige Ankündigungen hinweggesetzt und sich einfach weiter gedreht, etwa am 31. Dezember 999 (Papst Silvester zwo), 1. Februar 1524 (diverse Astronomen), 22. April 1959 (Sekte der Davidaner), 31. Dezember 1999 (Joseph Kibweteere); auch diverse Ankündigungen der allseits beliebten Zeugen Jehovas konnten unserer Erde bislang wenig anhaben.

Kleinere Weltuntergänge mit nur marginalen Auswirkungen auf das Gesamtgefüge hat es bis in die jüngste Vergangenheit immer wieder gegeben, zum Beispiel der Abstieg des 1. FC Köln in die zweite Bundesliga (Anm. d. Verf.: Ich hätte nie gedacht, dass ich so etwas mal schreiben würde), für Thomas Gottschalk nach Absetzen seiner Talkshow in der ARD, und für die FDP, die an ihrem Untergang gerade fleißig arbeitet, wobei nicht klar ist, ob sie es noch vor dem 21. Dezember schafft.

Auch für mich ereigneten sich schon Teil-Weltuntergänge, etwa als die Band Oasis ihre Auflösung bekannt gab, was sich im Nachhinein jedoch als halb so schlimm erwies, da sie kurz darauf wieder auferstand, gleich doppelt in Form von Beady Eye und High Flying Birds, beide klingen wie einst Oasis, alles ist wieder gut, ALDI Nord und ALDI Süd des Britpop, wenn man so will.

Ich bin mir sicher: Dieses Mal klappt es, am 21. Dezember gehen die Lichter aus, und wir sind live dabei. Was genau dann passieren wird, ist unklar, darauf kommt es auch nicht an; Hauptsache, es passiert. Ich sehe das positiv, so ein Gesamt-Weltuntergang hat durchaus Vorteile.

Nehmen wir das Sterben an sich. Irgendwann müssen wir es alle, dennoch ist der Tod für alle Beteiligten stets mit gewissen Unannehmlichkeiten verbunden, zum einen für den Gestorbenen (gerne wird auch vom „Verstorbenen“ gesprochen; was soll das sein? Man kann sich verfahren oder verschreiben, aber versterben, wie soll das gehen? „Oh, da habe ich mich wohl verstorben, entschuldigen Sie bitte…“), zum anderen noch viel mehr für die Hinterbliebenen, die nicht nur den Verlust eines geliebten Menschen verkraften, sondern auch die fachgerechte Entsorgung seiner sterblichen Überreste sicherstellen müssen. Wie angenehm ist es da doch, wenn wir alle auf einen Schlag ausgelöscht werden, ein gewaltiger Knall und alle sind weg, niemand muss trauern, niemand hat die Lauferei und die hohen Kosten einer Leichenentsorgung zu tragen.

Ich habe bereits alle Vorkehrungen getroffen. Der Job ist gekündigt, mein Erspartes müsste bei nur leicht gesenktem Lebensstandard bis zum 11. Oktober reichen, für den Rest nehme ich einen Kredit auf, Zinssatz egal.

Ich habe einen genauen Plan erstellt, in welcher Reihenfolge der Weinkeller leergetrunken wird. Die Vorräte würden zwar mindestens noch für drei Jahre reichen, aber man muss Opfer bringen, schließlich wäre es schade um jeden Tropfen, der umkommt.

Unangenehmen Verpflichtungen wie Verwandtschaftsbesuche habe ich auf das kommende Jahr verschoben, auch auf die Anfrage meines Freundes Karl, ob ich ihm im Februar beim Umzug helfen könne, habe ich freudig zugesagt.

Selbstverständlich fahre ich über Silvester gerne mit drei befreundeten Pärchen und ihren gar reizenden Kindern nach Oberstorf, zumal meine bisherigen Ausreden von Jahr zu Jahr dünner wurden, und wenn meine Kollegin Christine im April auf die Malediven fliegt, hüte ich gerne ihre Katzen, ist doch selbstverständlich.

Bislang hat noch niemand Verdacht geschöpft ob meiner Zusagen zu Dingen, die ich bislang mied wie der Feingeist das Dschungelcamp, dafür sind mein Ansehen und meine Beliebtheit in letzter Zeit stark gestiegen, ich werde gefragt, gelobt und gepriesen.

Morgen bei der Landtagswahl werde ich die FDP wählen, nur um einmal zu spüren, wie sich das anfühlt.

Sie benötigen hunderttausend Euro, jemanden, der mit Ihrem Hund Gassi geht, einen Sklaven, oder einfach nur jemanden, den sie morgens schon in der Bahn vollquatschen können? Ich stehe gerne zur Verfügung, ab dem 22. Dezember. Anfragen werden schnell und unbürokratisch wohlwollend geprüft.

Und wenn die Welt doch nicht untergeht? Na wer wird denn gleich mit dem schlimmsten rechnen…

Von Ziegelsteinen und Kartoffelstärke

Eine der größten Fragen der Menschheit, genau genommen sind es ja zwei, lautet seit geraumer Zeit: Woher kommen wir, wohin gehen wir? Die nachfolgenden Ausführungen erheben keinerlei Anspruch darauf, diese Frage aufzugreifen oder auch nur annähernd einer Antwort zuzuführen, das überlasse ich gerne anderen, die sich auf diesem Gebiet auskennen, die die Frage gar überhaupt als beantwortenswert erachten, denn bei genauer Betrachtung ist es mir ziemlich egal, eines Tages sind wir halt da, und irgendwann dann wieder weg, das haben wir schon immer so gemacht, um ein beliebtes Argument älterer Kollegen zu zitieren.

Weitaus interessanter erscheint mir die Frage der Herkunft und des Verbleibs alltäglicher Dinge. Nehmen wir einen an Profanität kaum zu überbietenden Gegenstand wie den Ziegelstein. Woher kommen Ziegelsteine? „Dumme Frage, aus der Ziegelei natürlich“, werden Sie nun antworten, und ich werde entgegnen, nun, Sie sind wohl eine(r) von der schlauen Sorte. Ziegelei also. Ziegeleien gab es in meiner Kindheit und Jugend fast so zahlreich wie Pfannen auf dem Dach, also Dachpfannen meine ich, keine teflonbeschichteten Bratgefäße. Ziegeleien waren zumeist aus roten Ziegelsteinen gebaut, was mir schon als Kind ein Rätsel war. Nun könnten Sie, als ausgewiesener Schlaumeier, wiederum behaupten: „Aus was denn sonst, aus Styropor? Immerhin stellen Ziegeleien Ziegelsteine her!“

Gewiss; aber wie machen die das? Ich meine, die fangen mit der Produktion doch erst an, wenn die Fabrikationsstätte fertiggestellt ist, also woher kommen die vielen Ziegelsteine, die die Ziegeleibaufachfirma für den Bau des Werkes verwendet hat? – Dafür gibt es eine ganze Reihe nachvollziehbarer Erklärungen.

Die erste: Die leihen sich die Ziegel in entsprechender Anzahl bei einer anderen, schon fertigen und somit produzierenden Ziegelei mit der Vorgabe, dass die daraus zu bauende Steinbräterei gleichwertige Steine in dreifacher Anzahl zurück liefern muss, wenn die eigene Produktion begonnen hat. Somit unterstützt der Lieferant zwar zunächst die Konkurrenz, beutet sie hernach aber unbarmherzig aus.

Die zweite: Zuerst wird ein primitiver Brennofen gebaut, nicht viel mehr als ein Loch in der Erde, vergleichbar einem Holzkohlenmeiler (auch wenn dieser kein Loch in der Erde ist, sondern ein erdebedeckter, in sich glimmender Holzhaufen), und in diesem Ofen werden die ersten handgeformten Ziegel gebrannt; wenn genug davon zusammen gekommen sind, entsteht daraus ein halbwegs professioneller Ringofen, mit dem schon ein paar Ziegel mehr pro Monat gefertigt werden können; hiermit baut man dann Lagerhalle, Verwaltungsgebäude, Mitarbeitertoiletten und ganz zum Schluss den raffiniert ausgeleuchteten Verkaufs- und Präsentationsraum, „Showroom“, wie der Marketingler sagt, in welchem diverse Hohlblock- Dach- und Firstziegel dem interessierten Bauherren feilgeboten werden, nicht zu vergessen gelbe und bräunliche Klinker für das Einheitsneubausiedlungseinfamilientraumhaus mit Krüppelwalmdach und trapezförmigem Erker vor der Küche, Sie wissen was ich meine. – Schon nach wenigen Jahren kann so das Ziegelwerk quasi aus dem Nichts entstehen und die Menschheit mit täglichen Frischziegeln erfreuen.

Die dritte: Ziegel werden bekanntlich aus Lehm gemacht. Also vergräbt man einen fertigen Ziegelstein – woher der kommt, soll jetzt mal offen bleiben, um die Sache nicht unnötig zu verkomplizieren – man vergräbt ihn also an einer Stelle mit lehmigem Boden und genügend Platz, und überlässt den Rest der Natur. Diese Erklärung erschien mir als Kind die plausibelste, hatte ich doch oft genug die Kartoffelproduktion im Garten meiner ländlichen Großeltern begleitet: Furche in die Erde buddeln, Einzelkartoffeln im Abstand von einem halben Meter hinein, Erde drauf, warten, gießen. Nach Wochen wächst ein kniehohes Gewächs aus jeder Kartoffel, weiße Blüten, später grüne Beeren und bunte Kartoffelkäfer; die Beeren darf man nicht essen und die Käfer muss man umbringen, obwohl sie die Kartoffeln gar nicht antasten, aber sicher ist sicher.

Im Herbst, wenn die Blätter gelb geworden sind, öffnet man die Grube wieder, und siehe da, die im Frühjahr vergrabene Kartoffel hat sich auf wundersame Weise vermehrt, und ihre Kinder warten nun darauf, zu Salz-, Pell-, Brat- oder Herzoginnenkartoffeln, Pommes Frites oder Kroketten verarbeitet zu werden. Oder zu Kartoffelstärke; die Stärke der Kartoffel liegt ja gerade in ihrer mannigfachen Verarbeitungsmöglichkeit, denken Sie nur an die aus keiner gemütlich-geselligen Bierrunde wegzudenkenden Chipsletten. Obwohl diese wohl gar nicht aus Kartoffeln gemacht werden, wie ich kürzlich einem Appetit abregender Magazinartikel über Lebensmittelherstellung entnahm, sondern aus zahlreichen anderen mehr oder weniger naturnahen Grundstoffen, so weit ich mich erinnere waren Sägemehl und Torf auch darunter.

Aus dem vergrabenen Ziegel-Ei * also wächst dann in den nächsten dreißig bis fünfzig Jahren eine Ziegelei, zunächst eine ganz kleine, die sich jedoch aufgrund eigener (Re-)Produktion sehr schnell vergrößert und in rauhen Mengen Klinker, Hohlblock- und Dachziegel produziert. Dachziegel sind ja gewissermaßen die Chipsletten unter den Ziegelprodukten.

Wo früher Ziegeleien waren, sind heute Einkaufszentren, Baumärkte, Parkplätze oder triste Gewerbegebiete. Sie sind einfach verschwunden, die Ziegeleien meiner Kindheit. Daher zurück zur Ausgangsfrage: woher kommen denn nun die Ziegelsteine und Klinker für die Krüppelwalmdachvorstadtsiedlungsjungfamilienhäuser? Die Antwort liegt inhaltlich nahe, räumlich fern: aus China, woher sonst? Alles kommt heute aus China, vom Flachbildfernseher bis zum Stecknadelkopf, also natürlich auch Ziegelsteine.

Gut, die erste Teilfrage, das „Woher“, wäre also geklärt. Bleibt die zweite, und auch die ist schnell beantwortet: während alte Ziegelsteine früher Verwendung fanden als Beeteinfassung im Garten oder als Hofpflasterung, oder gar nach dem Kriege trümmerfraulich ** aufbereitet und geputzt wieder der natürlichen Ziegelsteinbestimmung zugeführt wurden, werden sie heute entweder von Manufactum aufgekauft und zu einem goldnahen Kilopreis im bekannten Katalog der guten Dinge als stilvolles Baumaterial angeboten, oder aber in großen lärmenden Maschinen geschreddert. Man sieht es überall: was gestern noch ein stolzes Parkhaus war, ist heute ein Haufen Schotter. Und wohin damit? Ganz klar: Der wird nach China exportiert. Dort wird er zu feinem Mehl zermahlen und ist wesentlicher Grundstoff für Chipsletten. Ohne es genauer recherchiert zu haben, gehe ich davon aus, das die chinesischen Schriftzeichen für „Dachziegel“ und „Chipslette“ eine große Ähnlichkeit aufweisen, vielleicht nur durch einen winzigen Strich in der Stimmmodulation zu unterscheiden.

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* Hierfür bitte ich den Leser aufrichtig um Vergebung. Ich habe lange (mindestens zwanzig Sekunden lang) überlegt, ob ich diesen humoristischen Flachwurzler wirklich bringen soll, aber es war wie ein Niesreiz, den man zwar einige Zeit unterdrücken kann, allein schon, um dem unvermeidlich-dämlichen Ausruf „Gesundheit!“ seiner Umgebung zu entgehen, aber schließlich entfährt es einem dann doch mit voller Wucht, ob man will oder nicht. Es lag nicht mehr in meiner Macht.

** Hier erstaunt mich das Textverarbeitungsprogramm: Es stellt die Existenz des Wortes oder zumindest seine Schreibweise nicht durch eine rote Schlangenlinie in Frage. Dem Duden, 24. Auflage, ist es unbekannt.

Was fehlt

Manches ist nahezu unendlich: das Universum, die Dummheit, die Woche am Montagmorgen oder der menschliche Erfindergeist, welcher so sinnvolle und lebenserleichternde Dinge hervorgebracht hat wie den elektrischen Eierkocher, den Kapselheber, den Laubbläser oder RTL; unendlich ließe sich die Aufzählung fortführen.

Allein die Errungenschaften auf dem weiten Feld der Telekommunikation eröffnen uns Möglichkeiten, von denen wir früher nicht einmal zu träumen gewagt hätten. Wir sind heute immer und überall erreichbar, noch vor wenigen Jahren, als uns der Fernmeldedienst der Deutschen Bundespost bestenfalls mit grauen Wählscheibentelefonen, gelben Telefonzellen und sogenannten öffentlichen Sprechstellen versorgte, undenkbar. Damit nicht genug: fast jeder verfügt heute über ein sogenanntes Smartphone, bevorzugt das neueste Modell einer bestimmten Marke mit einer stilisierten angebissenen Frucht auf der Rückseite, welches er unentwegt anstarrt, wo auch immer er gerade sitzt, steht oder geht; dem – aus Bequemlichkeitsgründen gänzlich unrecherchierten und dadurch weitgehend unbestätigten – Benehmen nach soll die Zahl der Unfälle, bei denen Passanten miteinander oder mit Laternenpfählen kollidiert sind, in den letzten fünf Jahren sprunghaft angestiegen sein.

Die allgegenwärtige Erreichbarkeit, gepriesen und besungen sei sie bis ans Ende aller Tage, hat, wie fast alles auf der Welt, auch Nachteile, zum einen für den, der vielleicht gerade nicht erreicht werden möchte, zum anderen und vor allem für denjenigen, der gar nicht betroffen ist. Genau hier sehe ich zwei Ansatzpunkte für den menschlichen Erfindergeist, die meines Wissens und erstaunlicherweise bislang noch nicht aufgegriffen worden sind.

Erstens: den Anrufbeantworter. Sie sagen, den gibt es schon? Dem muss ich deutlich widersprechen. Was heute als Anrufbeantworter bezeichnet wird, war in den 1990er-Jahren ein großer grauer Kasten mit einer normalen Kassette darin, den man als Zusatzgerät zu seinem Fernsprechanschluss erstehen konnte, heute ist das irgendwas, vielleicht ein kleiner, in das Telefongerät integrierter Chip oder so, spielt auch keine große Rolle, jedenfalls hat sich die grundsätzliche Funktion des sogenannten Anrufbeantworters, von Menschen mit Zeitmangel auch gerne als „AB“ bezeichnet, das sind die, die auch „O-Saft“ oder „TelKo“ sagen, nicht geändert: er zeichnet die Worte des Anrufers auf, die dieser mangels persönlicher Erreichbarkeit des Angerufenen dem Gerät anvertraut, wenn er es denn tut, meine Mutter zum Beispiel tut es in der Regel nicht („Ich komme mir immer so blöd vor, wenn ich mit diesem Dings spreche, weiß dann immer gar nicht was ich sagen soll.“) Mehr macht der Anrufbeantworter nicht. Vor allem: er beantwortet keine Anrufe. Das muss der Angerufene noch immer schön selbst tun, nachdem er die hinterlassene Botschaft abgehört hat.

Zwei typische Situationen, die die lebensqualitätssteigernde Wirkung eines echten Anrufbeantworters, also eines, der diesen Namen tatsächlich verdient, verdeutlichen sollen:

Im Büro. Bei Ihnen brennt so richtig die Hütte, weil der Herr Geschäftbereichsleiter plötzlich und unerwartet bis heute Mittag, zwölf Uhr, eine Präsentation zum Thema Mitarbeitermotivation benötigt, welches keiner so beherrscht wie Sie. Kollege Krause aus der Nachbarabteilung ruft an, benötigt ihr Expertenwissen zu einem bestimmten Prozess, der in Ihren Regelungsbereich fällt, zu recht erwartet er eine kompetente und fundierte Auskunft, quasi aus erster Hand. Nun wäre es ein leichtes für Kollegen Krause, im Regelungshandbuch für diesen Prozess nachzusehen, welches für alle Mitarbeiter, somit auch für ihn, im firmeneigenen Intranet hinterlegt ist. Doch ist Kollege Krause Rheinländer, und der Rheinländer schätzt bekanntlich das gesprochene Worte viel mehr als das geschriebene, auch mag er es gerne, wenn die zur eigentlichen Problemlösung erforderlichen Ausführungen um die eine oder andere Anekdote ergänzt werden. Als Krauses Nummer im Sichtfeld Ihres Telefons erscheint, bricht Ihnen der Schweiß aus; nicht dran zu gehen ist aus Gründen der Höflichkeit und der firmeninternen Kommunikationsrichtlinien keine Option, auf der anderen Seite die Präsentation, die Zeit rinnt dahin… Hier nun wäre ein echter Anrufbeantworter eine unschätzbare Hilfe, mit freundlich-geduldiger Stimme ähnlich eines Navigationsgerätes beauskunftet er zum einen Krauses Frage die Regelung betreffend, zum anderen diskutiert er mit ihm die Fußballergebnisse des vergangenen Wochenendes aus.

Zu Hause. Nach einem langen, gesprächsreichen Arbeitstages freuen Sie sich auf Ruhe, die Tageszeitung und eine Tasse Tee. Kaum haben Sie es sich in Ihrem Lieblingssessel bequem gemacht, die Zeitung aufgeschlagen und die dampfende Teetasse erstmals vorsichtig zum Munde geführt, das Pfefferminz- oder Darjeelingaroma schon in der Nase, passiert das unvermeidliche: das Telefon schellt. (Anmerkung: Natürlich „schellen“ Telefone heutzutage nicht mehr, viel mehr geben sie, je nach Gerät, Einstellung und persönlichem Geschmack ihres Besitzers, Melodien, Laute oder sonstige Geräusche derart nervtötender Natur von sich, dass man gar nicht anders kann als das Gespräch anzunehmen, allein um das Geräusch verstummen zu lassen. Insofern ist das „Telefonschellen“ als Wort artverwandt mit dem „Kotflügel“ oder der „Stoßstange“.) Normalerweise ignorieren Sie abendlich-heimisches Telefonklingeln, da Sie für heute genug telefoniert haben und im übrigen sonst der Liebste die Gespräche annimmt, zumal die meisten ohnehin für ihn bestimmt sind. Doch ist der Liebste gerade nicht verfügbar, weil er sich entweder gerade der Darmentleerung hingibt, die menschliche Peristaltik nimmt im Allgemeinen wenig Rücksicht auf mitmenschliche Kommunikationsbedürfnisse, oder er befindet sich seinerseits gerade in einem Mobilgespräch mit seinem äußerst telekommunikationsfreudigen Freund Paul.



So bleibt Ihnen nichts anderes übrig, zum einen von Höflichkeit, zum anderen von Neugier getrieben, den bequemen Sessel zu verlassen und sich zur Geräuschquelle zu begeben. An der angezeigten Nummer erkennen Sie, es ist Felix, ein guter Bekannter von Ihnen. Sie mögen Felix, er ist ein angenehmer ruhiger Zeitgenosse mit dem richtigen Maß an Humor in seinem Wesen, am liebsten mögen Sie ihn zur rechten Zeit am rechten Ort von Angesicht zu Angesicht, vielleicht in Begleitung zweier (oder mehr) kühler Biere. Fernmündlich indes kann es mit ihm anstrengend sein, denn nachdem die üblichen Freund- und Höflichkeiten ausgetauscht sowie die gegenseitigen Informationsbedürfnisse gestillt sind, entstehen Pausen, Pausen, die anlässlich persönlicher Begegnungen mit einem Schluck Bier überbrückt werden können. Und obwohl es offenbar nichts mehr zu sagen gibt, macht er keine Anstalten, das Gespräch zu beenden, aber da man Ihnen hingegen beigebracht hat, es sei unhöflich, dies als Angerufener zu tun, schweigen Sie sich an, sekundenlang.



In dieser misslichen Lage könnte nun wieder der Anrufbeantworter helfen. Während Sie in teeseliger Ruhe den Lokalteil der Zeitung studieren, tauscht sich die freundliche Stimme über die neuesten Ereignisse aus Ihrem und Felix‘ privaten Umfeld aus, und wenn die unvermeidliche Schweigephase anbricht, könnte das Gerät leise Musik in die Leitung spielen oder auch Werbung und Ihnen damit zu ein paar Euro extra verhelfen.



Die Idee ließe sich gar weiterspinnen: Der Anrufbeantworter könnte erweitert werden zu einem Anrufinitiator. Sie geben zuvor per Tastatur oder Spracherkennung stichpunktartig das Anliegen des von Ihnen zu tätigenden Anrufes ein, den Rest erledigt das Gerät für Sie. Verfügt nun gar der Anzurufende über einen Anrufbeantworter, könnten die Geräte die Angelegenheit unter sich klären, niemand müsste mehr sprechen, keiner würde von überflüssigen Anrufen behelligt, wäre das nicht wunderbar?

Komme ich nun zum zweiten Ansatzpunkt sinnvoller, bislang unberücksichtigt gebliebener Erfindungen: dem Anrufunterbrecher. Jeder kennt es, jeden ärgert es: Sie sitzen im Zug oder in der Straßenbahn, lesen vielleicht ein Buch oder hängen einfach nur Ihren Gedanken nach, das soll ja sehr gesund und wichtig sein für die Regeneration der neuronalen Funktionalitäten, bis das Mobliltelefon Ihres Gegenübers sich mit einer Melodie meldet, je bekannter desto lauter, vielleicht irgendein Schrott von Lady Gaga; da Ihr Gegenüber entweder eine Frau ist und daher das Gerät erst umständlich aus Ihrer Handtasche herauswühlen muss oder weil der Besitzer des Gerätes für diesen sogenannten Klingelton viel Geld bezahlt hat, den nach wenigen Sekunden abzustellen er aus genau diesem Grunde zu recht ablehnt, kommen auch Sie und alle anderen Reisenden des Wagens für unendlich lang erscheinende Sekunden in diesen Genuss, völlig kostenlos.

Das schlimmste kommt erst noch: das Gespräch. Nach dem unvermeidlichen „Wo bist du“ – achten Sie mal drauf, kein, wirklich kein öffentlich geführtes privates Telefongespräch kommt heute ohne diese Frage aus, welche früher nur in Ausnahmesituationen gestellt wurde, so stellte sie in den 1980er-Jahren die Münchner Band „Spider Murphy Gang“ in ihrem gleichnamigen Lied, wenngleich in gänzlich anderem Zusammenhang – hernach also werden Sie unfreiwillig Zeuge, wie eine Liebesbeziehung beendet wird oder was es abends zu essen geben soll und welche Zutaten folglich noch einzukaufen sind. Trägt ihr Gegenüber einen Anzug oder ein Kostüm (hiermit meine ich die gleichfarbige Rock-Jackett-Kombination geschäftstätiger Frauen, den Anzug für Damen sozusagen, und nicht etwa den zu Karneval vielfach angetroffenen Schotten), entfällt möglicherweise die Wo-bist-du-Frage, was das von Business-Phrasen geprägte Gespräch jedoch für den Unbeteiligten kein Stück erträglicher macht.

Hier setzt nun meine Idee an: Ein kleines Gerät für die Hosentasche, vielleicht sogar ein sogenanntes App für Ihr Smartphone, ein Knopfdruck, und ein hierdurch ausgelöster Störsender bringt die Mobilkommunikation in Ihrem näheren Umfeld umgehend zum Erliegen, nur noch ein kurzes „Hallo… hallo… scheiß Bahn!“ (in solchen Fällen hat meistens die Bahn die Schuld, eigentlich hat die Bahn immer Schuld), dann herrscht wieder Ruhe im Zug, Sie können fortfahren mit Lesen oder dem Ausfegen Ihrer Hirnwindungen.

Ich bin mir sicher, die Grenzen des Machbaren und Sinnvollen sind noch lange nicht erreicht. Vorsorglich habe ich mir für meine beiden oben beschriebenen Ideen schon mal das Patent sichern lassen. Interessierte Hersteller der Telekommunikationsbranche mögen mich bitte vertrauensvoll mittels der Kommentar-Funktion oder mit Direktnachricht kontaktieren.

Bestseller

Neulich träumte mir, ich sei ein erfolgreicher Schriftsteller, der mit seinem Debütroman „Vom Leid des Kronkorkens“ innerhalb kürzester Zeit die Spitzen aller deutschen Bestsellerlisten erobert hat. Das Interview, welches der Feuilletonist einer führenden überregionalen Tageszeitung – im Folgenden der Einfachheit halber F genannt – anlässlich der Verleihung eines bedeutenden Literaturpreises mit mir führte, können Sie unten nachlesen. Da es die nachträgliche Wiedergabe eines Traumes ist, kann ich leider keine Garantie dafür übernehmen, dass das Interview genau so stattfand; mögliche Erinnerungslücken wurden phantasievoll aber plausibel ergänzt.

F: Herr Kah, Ihr Buch hat innerhalb von nur drei Wochen die Top Fünf fast aller deutschen Bestsellerlisten erreicht, selbst Marcel Reich-Ranicki äußerte sich schon verhalten begeistert. Wie erklären Sie sich den unglaublichen Erfolg Ihres Einstiegswerkes?

Ich: Keine Ahnung, ich fühle mich noch immer wie in einem Traum.

F: Können Sie uns etwas zur Entstehung des Buches sagen?

Ich: Es kam jäh über mich wie ein Anfall, als ich unter der Dusche stand, plötzlich war die Geschichte da und wollte aufgeschrieben werden, noch nass und nur mit einem Handtuch umwickelt, um meinen Kopf, stützte ich an meinen Schreibtisch und begann aufzuschreiben, was mir eine fremde Stimme in die Feder diktierte, Wort für Wort, Satz für Satz, Kapitel für Kapitel; nach zwei Wochen ununterbrochenen Schreibens war es dann fertig.

F: Sie meinen, Sie haben zwei Wochen lang ununterbrochen…

Ich: Bis auf kurze Unterbrechungen, die der menschlichen Natur geschuldet sind, sie verstehen. Man staunt, bei welchen Verrichtungen man alles schreiben kann: beim Essen, auf der Toilette, beim…

F: Gewiss, gewiss. Herr Kah, mit Ihrem Werk haben Sie ein Thema aufgegriffen, welches bislang in der Weltliteratur noch nicht behandelt wurde und womit Sie anscheinend den Nerv der Zeit getroffen haben. Wie kamen Sie dazu, ausgerechnet hierüber zu schreiben?

Ich: Sehen Sie, das erklärt vielleicht gerade den Erfolg meines Buches: Die Bücherschränke sind voll mit Werken über Liebe, Sex, Mord und Totschlag, Körperausscheidungen, Familienschicksale; zu diesen Themen gibt es im Grunde nichts, was nicht schon irgendwann geschrieben wurde. Mein Buch behandelt ein Thema, das jeden betrifft, vom Kleinkind bis zum Greis, vom Hartz IV- Empfänger bis zum Top-Manager. Ich möchte Ihre Frage mal umformulieren: Warum hat bislang noch niemand darüber geschrieben?

F: Es gelingt Ihnen, den Leser mit einer sehr dichten Sprache zu fesseln…

Ich: … nicht wahr, da bekommt das Wort Dichter eine ganz neue Bedeutung (albernes Lachen)

F: M-hm… Herr Kah, gerade mit Ihrem Romanhelden, Malte-Kevin, diesem gleichsam beneidens- wie bedauernswerten Halbidioten, liebt, leidet und empfindet der Leser in einer nahezu unbeschreiblichen Weise, er könnte als unsterbliche Figur ist die Weltliteratur eingehen, Seite an Seite mit Christian Buddenbrook, Oskar Matzerath und Wachtmeister Dimpfelmoser – Hand aufs Herz: steckt etwas Malte-Kevin in Ihnen?

Ich: Nein. In mir steckten schon einige, das können Sie mir glauben, aber ein Malte-Kevin noch nicht, das wüsste ich…

F: (errötend) Nein, nein, das meinte ich nicht, vielmehr wollte ich wissen… also, trägt Ihr Roman autobiografische Züge?

Ich: Sehen Sie, so ein bisschen Malte-Kevin sind wir doch alle: wir essen, trinken, spielen gelegentlich an uns herum, bohren in der Nase, wenn es keiner sieht, schauen uns Pornos an, hören gerne Volksmusik…

F: Sie mögen Volksmusik?

Ich: Natürlich nicht. Sie?

F: Nun, ab und zu schaue ich schon das Musikantenstadel, wenn es nichts besseres gibt, das Fernsehprogramm wird ja auch immer schlechter…

Ich: Interessant… Wann haben Sie gemerkt, dass Sie Volksmusik lieben?

F: Nun ja, lieben, so weit möchte ich nicht gehen, aber… ähem… – Herr Kah, haben Sie schon ein neues Werk in Arbeit, werden Sie versuchen, an den Erfolg vom „Leid des Kronkorkens“ anzuknüpfen?

Ich: Nein. Ich werde nie wieder etwas schreiben. Wissen Sie, nach dem Erfolg des „Kronkorkens“ kann ich mir nicht vorstellen, etwas vergleichbares oder gar besseres zu schreiben; alles, was jetzt noch käme, könnte dagegen nur farb- und tonlos erscheinen.

F: Was werden Sie stattdessen tun?

Ich: Ich spiele mit dem Gedanken, mir die Brust vergrößern zu lassen, und dann… mal sehen.

F: Eine Brustvergrößerung als… äh… Mann?

Ich: Ja warum denn bitte nicht? Wir leben im Zeitalter der Gleichberechtigung, Frauen arbeiten in metallverarbeitenden Berufen, die Zahl der Stahlträgerinnen ist in den letzten zehn Jahren sprunghaft gestiegen, sie fahren Bus, ja selbst ein Laubbläser in Frauenhand ist heutzutage nichts außergewöhnliches mehr; da werde ich als Mann mir ja wohl die Brust vergrößern lassen dürfen!

In diesem Moment ging der Wecker los und beendete jäh das Gespräch. Leider kann ich mich nicht erinnern, was das Thema meines Romans „Vom Leid des Kronkorkens“ war, welcher mir diesen Erfolg bescherte. Aber die Idee mit der Brustvergrößerung gefällt mir immer besser.

Ignoriert

„Herr Doktor, keiner beachtet mich.“ – „Der nächste bitte!“ – sicher haben auch Sie gelacht über dieses Kleinod menschlicher Lachfaltenkultur, oder? – Ich nicht. Dabei bin ich nicht von Natur aus humorlos, nur ist dieser Witz kein solcher für mich, sondern bitterer Ernst: Ich werde ignoriert, immer schon, von frühester Kindheit an, von allen; selbst meine Eltern sprachen mich früher mit dem Namen des Wellensittichs an, weil sie sich meinen eigenen offenbar nicht merken konnten oder wollten, gut, das war immer noch besser, als wenn sie „he du da“ oder einfach „Dings“ zu mir gesagt hätten, und mit der Zeit gewöhnte ich mich daran, auf Hansi zu reagieren.

Im Supermarkt an der Wursttheke: Während Mutti gekochten Schinken, Kalbsleberwurst und Thüringer Mett kauft, angelt die rosige Fleischereifachverkäuferin zwischen Abwiegen und „sonst noch etwas“ eine Mortadellascheibe mit Kichergesicht-Intarsie aus der Auslage und reicht sie mit langer Gabel dem strahlenden Kind hin, das in der Kinderablage des Einkaufswagens sitzt; es stopft sie genüsslich in sein drolliges Kindermündchen und bedankt sich brav, kauend, nachdem Mutti „was sagt man?“ gemahnt hat. – Ich habe mich nie bei der Wurstwiegerin bedankt, was nicht etwa Folge einer anerzogenen Unhöflichkeit war, nein, es gab einfach keinen Anlass. Statt mich, wie alle anderen Kundenkinder, mit grinsenden Mortadellascheiben zu versorgen, blickte sie durch mich hindurch, als ob statt meiner Muttis Einkaufstasche auf dem ausklappbaren Kindersitz gethront hätte; mein Blick, der jeden bettelnden Labrador farblos erscheinen ließ, prallte an ihrem undurchdringlichen Schutzschild ab.

Supermärkte blieben eine Problemzone, bis heute, da ich selbst und ohne Muttis Beistand einkaufe. „Möchten Sie mal den französischen Côte du Rhone probieren?“, fragt der junge Mann hinter seinem Probierstand in der Weinabteilung mit einnehmenden Lächeln. Gerne würde ich, nur galt die Frage nicht mir, sondern einem gehetzt blickenden Anzugträger, der sie überhört hat und mit Blick auf seine Datenpistole (vulgo: Blackberry) in die Tiefkühlabteilung eilt. Ich verlangsame meinen Schritt, als ich mich dem Probierstand nähere, blicke den jungen Mann fest an. Der widmet sich ganz seinen Probiergläsern, wienert an ihnen herum, hält sie prüfend gegen das Licht, und öffnet eine neue Flasche. Ich bleibe direkt vor dem Stand stehen, starre abwechselnd ihn und die Weinflaschen an. Er wienert weiter.

Ich räuspere mich laut vernehmlich, er putzt seine Theke. „Verzeihung“, setze ich an, „darf ich vielleicht mal von dem…“ Er holt sein Telefon aus der Tasche und ruft jemanden an, vielleicht seine Freundin, „…ganz schön viel los heute, aber im Moment ist etwas Luft“, höre ich ihn säuseln. Ich gebe auf. Kaum habe ich den Probierstand verlassen, höre ich ihn wieder fragen: „Möchten Sie mal…“

Ein echtes Kindheitstrauma war das Mannschaften wählen im Sportunterricht: Zwei Schüler durften abwechselnd die Spieler ihrer Basketballmannschaft wählen; am Ende blieben immer der dicke Klaus P. und ich übrig. Noch heute empfinde ich eine tiefe Abscheu gegenüber allen Sportarten, bei denen ein Ball in, durch oder über ein Netz zu bringen ist.

Es ist erwiesen: Essen in einem guten Restaurant setzt Glückshormone frei, erst recht in geselliger Runde mit Freunden – nur nicht bei mir. Während sich alle anderen den kulinarischen Genüssen hingeben, den Teller fast schon leer gegessen haben, sitze ich vor einer freien Fläche und warte. „Vorzüglich, möchtest du mal probieren?“ werde ich von links gefragt. „Nein danke, ich bekomme ja gleich“, antworte ich leicht gereizt. Gleich – erst die Nachfrage beim Kellner offenbart, man hat mich vergessen. Mit halbstündiger Verspätung verzehre ich schließlich missmutig meine Schweinemedaillons mit Rotweinsoße, alle anderen sind schon bei Dessert und Kaffee angelangt.

Ich werde ignoriert – die Liste der Beispiele ließe sich nahezu endlos fortsetzen: Am Bierstand auf dem Stadtfest darbe ich stundenlang durstig, während die Menschen links und rechts neben mir zügig bedient werden; in der Dankesrede des Chefs nach erfolgreichem Abschluss des Projekts kommt mein Name nicht vor, und bei Facebook habe ich keine Freunde. Gut, sonst auch nicht. Wäre ich Filmschauspieler geworden, würde im Abspann immer genau ein Name fehlen, während die Namen sämtlicher Statisten und derer, die nach den Dreharbeiten die Klos geputzt haben, akribisch aufgelistet sind.

Aber es hat auch Vorteile: Mit unangenehmen Sonderaufträgen beauftragt mein Chef stets nur meine Kollegen; ich kann ungehemmt mit sechzig durch die Tempo-Dreißig-Zone fahren, die Blitzanlage erwischt immer nur den Wagen hinter mir; Hunde betteln nur am Nachbartisch; niemand fragt mich, ob ich eine Obdachlosenzeitung kaufen möchte, und die Jungs auf dem Bahnsteig, denen noch zwei Euro für ihre Fahrkarte nach Leverkusen-Mitte fehlen, behelligen mich nicht. Selbst Grippeviren meiden mich: Während die halbe Abteilung schnieft oder krank im Bett liegt, sitze ich bester Gesundheit im Büro und rette die Welt.

Vermutlich wird eines hoffentlich fernen Tages der Sensenmann alles um mich herum niedergemäht haben, während ich, im Alter von Johannes Heesters‘ Vater und zahnlos, auf meiner Mortadellascheibe herum lutsche. Und sollte er mich doch versehentlich erwischen, so wird auf meinem Grabstein folgende Inschrift eingemeißelt sein: „Grabstelle frei, Informationen bei der Friedhofsverwaltung unter Telefon…“

(Überarbeitet 2.4.2012)

Abgeschrieben: Das Mädchen mit den 3 Chromosomen

Am 5. April lud der @vergraemer zum Jour Fitz nach Köln ein und nach Zahlung eines geradezu lächerlichen Bestechungsgeldes war es mir vergönnt, daran teilzunehmen, aktiv und passiv, wenn man so will. Zu den besonderen Vergnügen meiner passiven Teilnahme zähle ich es, Anja Gottschling, in gewissen Kreisen besser bekannt als @3x3ist6, zuzuhören, die ihren Text „Das Mädchen mit den 3 Chromosomen“ las.

Nun ist dieser Text viel zu schön, um nach einmaligem Vortrag womöglich für alle Zeiten in der Versenkung zu verschwinden, deswegen bin ich sehr froh, ihn hier mit Anjas Erlaubnis wiedergeben zu dürfen. Also, ich wünsche viel Vergnügen!

Stancerblog proudly presents:

Das Mädchen mit den 3 Chromosomen.

von Anja Gottschling

Ich wurde als Mädchen mit 3 Chromosomen geboren. Zwei X und einem Y Chromosom. Äußerlich macht es sich nicht bemerkbar, außer vielleicht dem Bedürfnis, sich vorm Fernseher am Sack zu kratzen, nach Genuss eines Bieres mit Herzenslust aufzustoßen oder jeden morgen gähnend vor der Toilette zu stehen um enttäuscht festzustellen, dass einem die Optionen fehlen und man sich definitiv setzen MUSS.

Ansonsten bin ich ganz normal. Normal für ein Mädchen mit 3 Chromosomen.

Das ich 3 Chromosomen habe liegt daran, dass meine Eltern bei der Bestellung des ersten Kindes lediglich ‚Hauptsache gesund‘ ankreuzten. Das ist so, als würde man bei einer Pizza ‚Hauptsache Teig‘ ankreuzen. Teig ist wichtig, aber ob die Zutaten geschmacklich harmonieren liegt dann am Lieferdienst.

Mein Lieferdienst war ein Storch.

Storch, das ist heute ein sehr veraltetes Verfahren, haben wir doch DPD, UPS oder Hermes den Götterboten, aber damals war es so üblich. Als der Storch mich zu meinen Eltern brachte, hielt sich die Freude erstmal in Grenzen. Ich war recht proper und der Storch etwas schwach. Er konnte nicht mehr so hoch fliegen wie er wollte und so nahmen wir jedes Hindernis mit, das höher als 5m war.

Türme, Brücken, Bonsais… So wurde ich mit einem etwas deformierten Hinterkopf ausgeliefert, was meinen Vater überlegen lies, die Bestellung zu stornieren. Mama freute sich doch so sehr auf ein süßes Baby.

Nun hatte man aber schon so lange gewartet, Kilo, ach was, zentnerweise Eis in sich hinein geschaufelt, das Kinderzimmer fertig eingerichtet und der Retourenschein schien mit der unverständlichen Bauanleitung der IKEA-Wickelkommode im Müll gelandet zu sein.

Ich durfte also bleiben.

Meine Eltern wollten mich jedoch erstmal nicht den Nachbarn präsentieren und holten sich ärztlichen Rat, wie man denn aus so einem Eierkopf-baby etwas vorzeigbares hinbekommen würde. Sein Tipp war rundstreicheln. Jeden Tag zu den Mahlzeiten bekam ich also extra energische Streicheleinheiten.

Täglich wurden die Fortschritte gemessen, ob Conehead bald ein normales Leben führen und den Nachbarn vorgestellt werden könnte.

Als der Kopf auf der Birnenskala nur noch eine 2 von ursprünglich 10 brachte, war es soweit. Alle waren ganz entzückt, weil es ein Mädchen geworden ist und Mädchen rosa Kleidchen tragen, immer lieb sind, gerade am Tisch sitzen und mit Barbies spielen. Normale Mädchen.

Ich saß also in meinem Körbchen, wurde gefüttert, ließ mich von den Nachbarn verhätscheln und wartete darauf, dass endlich mein Bruder zur Welt kam, weil es mit den Alten etwas öde war.

Puh, das waren die längsten 22Monate meines Lebens.

Doch dann war er endlich da. Jung, schön, perfekter Hinterkopf und alle liebten ihn. Er war Mein! Ich ließ ihn nicht mehr aus den Augen, er war so schön, so klein, so blöd, so neu auf der Welt und er roch so gut.

ER WAR MIR – wie der Rheinländer grammatikalisch korrekt zu sagen pflegt.

Irgendwann, als meine Eltern ihn frei ließen, wohnten wir in einem Zimmer und hatten ein Doppelstockbettiges Boot. Es war herrlich, schließlich musste er als Jüngster im unteren Abteil schlafen und ich war der Kapitän! Aber mit meinem zusätzlichen Y-Chromosom war ich ja schließlich auch mehr als qualifiziert.

Wir durchsegelten die Weltmeere, überfielen Piraten, strandeten auf einsamen Inseln und erlebten Abenteuerliches. Ich glaube sowohl LOST als auch „Fluch der Karibik“ wurden nach unserem Vorbild gedreht.

Wir hatten aber auch Freunde. Alles Jungs. Das war etwas ärgerlich, da ich durch meinen erhöhten X-Chromosom-anteil und diesen auffallend mädchenhaften rosa Kleidchen, in die mich meine Eltern stopften, immer die Mutter beim Vater-Mutter-Kind Spiel sein musste.

Im Nachhinein finde ich es allerdings nicht mehr so schlimm, denn immerhin war ich so nicht das Kind!  Das 7jährige Kind eines 5-jährigen zu sein ist bestimmt kein Spaß. Ich war also die Mutter… Mutter und Bestimmerin.

Bestimmerin zu sein liegt nicht so sehr in meinem Naturell, aber ich musste. Es war ja für die Familie. Wir, Vater 8, Mutter 7 und die Kinder 5 und 5, nicht verzwillingt oder sonstwie verwandt, brauchten ja jemanden, der aus Kompost und den wunderschönen Zierpflanzen, dem ganzen Stolz unserer Eltern, essen kocht.

Ich bestimmte also, dass es Spaghetti Bolognese gab. Spaghetti Bolognese aus Gras und den wunderschönen roten Rosen. Wir aßen aus fiktiven Tellern mit fiktiven Gabeln, hatten fiktive Gläschen aus denen wir, die Eltern, fiktives Bier tranken und die Kleinen eine Vanillemilch. Es war köstlich!

So Familienlebten wir täglich fröhlich vor uns hin, bis etwas total unsinniges im Fernsehen kam und der Vater und ich uns scheiden lassen mussten. Sohn 2 nahm er mit.

Am nächsten Tag waren wir dann wieder verheiratet. Wir sahen das nicht so eng, brauchten weder Pfarrer noch Scheidungsanwälte, ein einfaches „spielen wir VaterMutterKind?“ genügte um wieder eine glückliche Ehe zu führen.

Eines Tages ereignete es sich, dass ich meinem Mann das Bestimmer-Zepter übergab, um einen Familienausflug zu planen. Wir wanderten fröhlich 250m in die weite Welt hinaus um Kastanien zu sammeln.

Als alle Kastanien vom Boden gesammelt waren und wir uns nach ganz unfiktiver Verköstigung ausgewundert hatten, warum denn Rehe so etwas ekliges wie Kastanien überhaupt essen, stieg mein ‚Mann‘ in den Baum um weitere Kastanien aus den Ästen zu schütteln. Er rüttelte und schüttelte was das Zeug hielt und die Mannes-Kraft eines 8-jährigen so zuließ.

Nach all der Anstrengung musste er pullern.

Die Kastanie war dicht beblättert, so vernahmen wir zuerst nur das Geräusch und ein leises Kichern. Alle waren hellauf begeistert, auf was für tolle Ideen der Vater so kam und da Eltern Vorbild sind, stiegen unsere 5-jährigen Nichtzwillinge ebenfalls hinauf um von hoch oben die Wiese zu wässern.

Nun war Mutter dran, deren zusätzliches Y-Chromosom sie daran hinderte an Etikette in rosa Kleidchen zu denken und die ihren Männern in nichts nachstehen wollte.

Es wäre auch alles gut gegangen, denn der Winkel um an den Rüschen-söckchen vorbei zu zielen war exakt berechnet, kämen nicht genau in diesem Moment Nachbarn vorbei.

„Wie liebenswert diese kleinen Lausbuben, sie pinkeln von der Kastanie!“

„Wie furchtbar, wie unerzogen, das Mädchen pinkelt von der Kastanie!!!“

Wochen lang mussten sich meine Eltern nun anhören, wie misraten ich sei und zustimmend nicken, während sie sich beim Umdrehen schon wieder fröhliche Blicke zuwarfen und stolz darauf waren, dass ihr Mädchen die anatomische Benachteiligung beim ‚imStehenpinkeln‘ durch mathematisches Geschick ausglich und dank exakter Winkelberechnung weder Rüschensöckchen noch Schühchen traf.

So lebten wir vor uns hin. Meine Eltern wahrten ihr Gesicht indem sie Bestürzung vorgaben, wenn sie jemand auf ihr ungezogenes Gör ansprach und ich konnte dennoch die Bedürfnisse, die mein Y-Chromosom vorgab, stillen.

Bis zum Frühjahr 1993… da brauchte ich göttliche Hilfe.

Jeden Abend lag ich im Bett und betete. „Lieber Gott, bitte schenk mir noch keine Brüste. Es wird bald Sommer und ich kann dann nicht oben ohne rumlaufen!“ Gott erhörte mich, ich war den Sommer über flach wie ein Brett.

Gott erhörte mich etwas zu lange.

Auch ein Jahr später war da… nix. Langsam machte sich eine leichte Panik breit.

Ich rutschte auf Knien, revidierte was ich im Sommer zuvor in die Luft sprach und flehte ihn an.

Gott hatte ein Einsehen. 3-Chromosomen-Girl bekam Brüste!

Ich ließ mir die Haare wachsen und kaschierte die genetische Anomalie gekonnt. Anfänglich zwar noch mit einem Wattezusatz im BH, aber es wirkte täuschend echt, wie mein Y-Chromosom mir bestätigte. Meine Mutter ließ sich zwar nicht so täuschen, aber das war uns egal.

Ich lernte damit umzugehen, weniger die Nachbarn zu verschrecken und öfter das rosa-Kleidchen-Mädchen zu geben, auch wenn dieses Verhalten eher in Docs und Army-Jacke stattfand.

Ich begann mich für Jungs zu interessieren und wenn mich einer nicht wollte, dann schlug ich eben direkt zu, statt später bei Herzschmerzsongs zu heulen.

Ich fand Freundinnen, mit denen ich mich beim gegenseitigen Fingernägel lackieren langweilen konnte und reihte mich brav mit ihnen in die Warteschlange vorm Frauenklo ein, auch wenn ich eigentlich ein Recht auf den schnellen Weg übers Männerklo hatte.

Mit 3 Chromosomen zu leben bedeutet manchmal Verzicht, aber wenn man damit umzugehen lernt, lebt es sich wirklich hervorragend. Das möchte ich auch irgendwann einmal weitergeben, denn ich bin mir sicher, ich werde mal ein guter Vater.

***

Und hier das ganze nochmals zum nachhören und -sehen:
http://www.youtube.com/watch?v=dPWikONErBo&feature=related

(Ich selbst langweilte das Publikum an diesem Abend übrigens mit zwei zweifelhaften Geschichten aus dem Darkroom und aus der Bahnhofshalle.)

 

 

Neulich im Darkroom

Angesichts eines neulich unfreiwillig mitgehörten Gespräches stellt sich zunehmend die Frage, ob der Aufenthalt in derartigen Begegnungsstätten überhaupt noch zeitgemäß ist.

A – Verzeihung, Sie stehen auf meinem Fuß.
B – Ich weiß.
A – Wie bitte…?
B – Es ist recht dunkel hier, da sieht man nicht so genau, wo man hintritt.
A – Natürlich nicht – Sie befinden sich in einem Darkroom, da muss es dunkel sein, sonst wäre es ja kein Darkroom, sondern ein… ein…
B – Lightroom…
A – Das gibt es überhaupt nicht.
B – Ach nein? Woher wollen Sie das denn wissen?
A – Ich weiß es eben. Außerdem, wozu soll denn das gut sein? Ich meine, dann könnte man ja auch direkt im Schankraum, vor der Theke, also Sie wissen schon…
B – W a s könnte man?
A – Was auch immer, ist nicht so wichtig. Würden Sie nun bitte von meinem Fuß runter gehen?
B – Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich gerne noch ein wenig darauf stehen bleiben.
A – Es m a c h t mir aber was aus.
B – Trotzdem – wissen Sie, ich stehe nämlich total auf Füße.
A – Auf Füßen, es heißt auf Füßen.
B – Wie bitte?
A – Man steht auf Füßen im Dativ Plural, nicht im Akkusativ. Im übrigen können Sie meinetwegen stehen auf was Sie wollen, aber bitte nicht auf meinem Fuß.
B – Aber ich stehe total auf Füße…
A – Das sagten Sie bereits.
B – … am liebsten Schweißfüße in fünf Tage nicht gewechselten Stinkesocken, oaaaahhh…“
A – Bitte unterlassen Sie solche Anzüglichkeiten, ich wünsche das nicht.
B – Können Sie eigentlich auch was anderes als andauernd herumzumeckern? ‚Sie stehen auf meinem Fuß…‘, ‚ich wünsche das nicht…‘, ‚Akkusativ‘ – Warum sind Sie überhaupt hier, nur um rumzumeckern? Dies ist ein Darkroom, da darf man auf Stinkefüße stehen, jaha, da darf man noch ganz andere Sachen!
A – Ach ja? Was denn zum Beispiel?
B – Naja, ich könnte Ihnen Ihren…
A – Unterstehen Sie sich!
C – Könnt ihr beiden endlich mal die Schnauze halten? Dies ist ein Darkroom, da redet man nicht! Unglaublich, wie soll man sich denn da konzentrieren?
B – (leise zu A) sehen Sie, anderen geht Ihre andauernde Moserei auch schon auf die Nerven!
A – (ebenfalls flüsternd) Nein, ich sehe nicht, ich kann überhaupt nichts sehen, wir sind ja in einem… ähm, was machen Sie da?
B – Ich versuche, Ihre Hose zu öffnen.
A – Warum d a s denn?
B – (deutlich lauter) Meine Güte, weil das in einem Darkroom üblich ist… sagen Sie, sind Sie zum ersten Mal in einem?
A – Um ehrlich zu sein – ja. – Warum, bitte schön, möchten Sie meine Hose öffnen? Ich meine, ich bin durchaus in der Lage, das selbst zu tun, so weit erforderlich. Außerdem – ich dachte Sie stehen auf stinkende Füße.
B – Ach, auf einmal doch im Akkusativ?
A – Möglicherweise auch im Dativ, ich weiß ja nicht, ob Ihre Füße stinken…
B – Und w i e, möchten Sie mal riechen? Augenblick, ich ziehe eben den Schuh aus, dann können Sie was erleben, so was haben Sie noch nie…
A – Hören Sie auf, ich will das nicht riechen. Ist ja ekelhaft… Was machen Sie denn jetzt??
B – Ich versuche, Ihren Schuh auszuziehen, wenn Sie vielleicht so freundlich wären, den Fuß kurz ein wenig anzuheben…
A – Und wozu wollen Sie mir den Schuh ausziehen?
B – Na wozu wohl – ich möchte Ihre Füße riechen, was denn sonst? Sie können aber auch wirklich blöd fragen, hat Ihnen das schon mal jemand gesagt?
A – Nein. Außerdem können Sie sich die Mühe sparen, meine Füße riechen nicht, ich habe geduscht, bevor ich her kam; Sie werden es kaum glauben, aber es gibt Menschen, die im Rahmen körperlich-intimer Annäherungen eine gewisse Reinlichkeit durchaus zu schätzen wissen.
B – Sie sind wirklich ausgesprochen spaßbefreit, gönnen Ihren Mitmenschen nicht die kleinste Freude. Waren Sie schon immer so?
A – Mag sein. Ich hatte eine schwere Kindheit, mein Urgroßvater starb sehr früh…
B – Oh, das tut mir sehr leid, das konnte ich ja nicht ahnen… Also würden Sie nun bitte Ihre Hose selbst öffnen?
A – Na gut, aber nur, wenn Sie dafür endlich von meinem Fuß runter gehen.
B – Also gut, wenn Sie unbedingt wollen… aber dafür darf ich Ihnen gleich Ihren…
C – Wenn ihr nicht endlich die Fresse haltet, setzt es was!
A+B – Jaaaaaahhhh!

(Hinweis: Eventuelle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen oder tatsächlich stattgefunden habenden Gesprächen wären rein zufällig, der Rest ist frei erfunden.)

***

Und hier das ganze noch mal zum Hören und Sehen, aufgenommen beim Jour Fitz am 5. April 2011 im 4010 in Köln: