Woche 40: Reifende Reben und fahles Verglimmen

Montag: Der frühere NRW-Ministerpräsident Wolfgang Clement ist am Wochenende laut Medien „friedlich“ gestorben. Die Bundeskanzlerin ließ über ihren Regierungssprecher eine Würdigung per Twitter seibern, also das Medium, über das auch der amerikanische Präsident üblicherweise seinen Unfug absondert. Das hat Clement nun wirklich nicht verdient.

Was wir uns zweifellos verdient hatten, war eine Woche Urlaub. Da die aktuelle Risikolage weitere Reisen nicht zulässt, blieben wir zunächst in Sichtweite von Bonn. Ziel der ersten Etappe war der Petersberg, wo wir uns im ehemaligen Gästehaus des Bundes ein wenig Luxus um die Nase wehen ließen, das erlaubt man sich ja sonst auch nicht so oft, vielmehr käme man zu normalen Zeiten wohl gar nicht auf die Idee. Für mich war es die erste Begegnung mit einer Toilette, deren Deckel sich bei Annäherung automatisch öffnet und nach Verrichtung wieder schließt. Weitere technische Raffinessen und Wasserspiele des Beckens wagte ich mich nicht auszuprobieren. Der Geliebte war da mutiger, auch wenn er einen jähen Schrei nicht unterdrücken konnte, nachdem er das Knöpfchen mit dem Fontainensymbol gedrückt hatte.

Dienstag: Bei Regen verließen wir am Vormittag den Petersberg und fuhren weiter an die Mosel, um dort ein paar Tage zu bleiben; von der Lokalität her auch nicht wirklich schlecht:

Hotel Schloss Lieser in Lieser

„Sängerin Rihanna macht ja auch in Unterwäsche“, sagte auf der Fahrt dorthin der Mann im Autoradio. Wahrscheinlich bin ich mal wieder der einzige, der das lustig findet.

Mittwoch: Nach dem Frühstück machten wir einen Ausflug nach Traben-Trarbach, wo dem Moseltouristen auf der Suche nach regionaltypischen Geschenken für seine Lieben alles Erforderliche in großer Auswahl angeboten wird.

Donnerstag: Während ich im Frühstückssaal mein Müsli löffelte, sah ich jemandem dabei zu, wie er bei leichtem Niesel auf der Außenterrasse die schweren Metallstühle und -tische stapelte und anschließend mithilfe eines Gabelstaplers einsammelte und wegfuhr. Als wäre der Sommer mit diesem Tag offiziell für beendet erklärt worden und nun bis zum nächsten Jahr einzulagern.

Heute entfernten wir uns nicht weit vom Ort. Bei einem Rundgang durchs Dorf und die örtlichen Weinberge schauten wir den Reben beim Reifen und den Weinbauern beim Ernten zu, entweder traditionell mit Schere und Eimer oder mit einer riesigen Erntemaschine, die innerhalb von Minuten Reihe um Reihe von Weinstöcken entbeert, ein wahres Wunder der Ingenieurskunst. Wobei, was mag so eine Maschine neben Weinbeeren noch so alles, wenig vergärenswertes, abzupfen, wie Blätter, Käfer, Schnecken, Vogelkot, Feldmäuse? Weiß der Winzer.

Von Wein zu Bier: Nebenbei erhielten wir auch einen Einblick in den ortstypischen Humor. Ob die Beschriftung der Tafel nach Verabreichung größerer Mengen des angepriesenen Produkts entstanden ist, erscheint nicht völlig abwegig.

Freitag: Donald Trump und Gemahlin wurden positiv auf Corona getestet. Wünschen wir Frau Melania einen möglichst milden Verlauf. Wegen des Gatten möge das Universum die richtige Entscheidung treffen, vielleicht geht da ja mal ein bisschen mehr als bei Johnson, Lukaschenko und Bolsonaro. Aber Trump kann anscheinend ohnehin nichts und niemand etwas anhaben. Insofern erscheint diesbezüglicher Hoffnungsschimmer eher als fahles Verglimmen.

Gegen Mittag verließen wir Lieser in Richtung Bonn. Es gibt Menschen, die sich nach einem Gran-Canaria-Urlaub freuen, wenn der Rückflug erst am Abend geht, weil sie dadurch noch mehrere Stunden am Strand oder Schwimmbecken herumlungern können. Ich bin da etwas eigen: Wenn ein Urlaub vorüber ist, möchte ich so schnell wie möglich nach Hause, nicht stundenlang mit gepackten Taschen auf den Transfer zum Flughafen warten oder eine zehnstündige Autofahrt aus der Provence erdulden. Insofern ist die Mosel das perfekte Reiseziel – bereits nach weniger als zwei Stunden Fahrt saß ich wieder auf heimischer Brille.

Samstag: Laut Zeitung gilt im Kölner Hauptbahnhof an diesem Wochenende ein Waffenverbot. Heißt das, an allen anderen Tagen nicht?

Dreißig Jahre Deutsche Einheit. Kleines Detail am Rande: Wie ich neulich irgendwo las, antwortet man auf die Frage „Wie macht die Ente?“ im Westen „quak quak“, im Osten hingegen „nak nak“. Der Franzose sagt übrigens, ich habe das mal recherchiert, „coin coin“ (sprich: „koan koan“), wobei er vermutlich „miam miam“ denkt, weil er sich die Ente bereits an Rotwein- oder Orangensoße vorstellt.

Bleiben wir beim Essen: Abends suchten wir den Italiener unseres Vertrauens auf. Am Nebentisch saßen vier Personen, drei Männer und eine Frau, wobei einer der Männer mit ungefähr achtzig Prozent Sprechanteil beachtliches Redefleisch bewies in einer Lautstärke, die das ganze Lokal zu beschallen vermochte. Dabei sagte er Sätze wie „Danach zünde ich den Karriere-Turbo“. In solchen Momenten erscheint mir eine Hörschwäche nicht ausschließlich nachteilig, weil man dann einfach sein Hörgerät ausschalten kann.

Sonntag: Laut sind bekanntlich im Allgemeinen auch die Amerikaner, dazu nach meiner Überzeugung bekloppt, auch schon vor und ohne Trump. Einen weiteren Beleg dazu finden Sie hier, wo sich eine hysterische junge Digital-Naive über deutsche Fenster freut, als gäbe es Gratis-Wochen bei Starbucks. Der Anblick der Weinerntemaschine vom Donnerstag würde ihr womöglich vor Begeisterung multiple Höhepunkte bescheren.

Ansonsten in dieser Woche erfreulich: Sonne und Regen, gutes Essen mit gutem Wein, sehr freundliche Menschen, Ausschlafen dank moderater Frühstückszeit.

Woche 14: Hinweise aus Friedenszeiten und funktionslose Damen am Bühnenrand

Montag: Nach zehn Jahren des Zwitscherns überdrüssig löschte ich vor gut einem Jahr mein Twitterkonto @PlanC_. Eher zufällig bemerkte ich nun, dass es unter einem neuen Betreiber wiedereröffnet wurde. Es kommt mir spanisch vor.

Zu meinen beruflichen Obliegenheiten gehört es, Verbesserungsvorschläge aus dem betrieblichen Vorschlagswesen zu begutachten. Heute musste ich wieder einen Vorschlag ablehnen, wobei ich versichere, der Name der Verfasserin war dafür nicht ausschlaggebend. Sie hieß P. Unfug.

Dienstag: „Nach 31 Jahren schafft die EU die Milchstraße ab“, lese ich in der Zeitung. Bei nochmaligem Lesen ging es doch nur um die Milchquote.

Kein Lesefehler: Zum ersten Mal lese ich „HomeOffice“, in dieser verunglückten Marketing-Schreibweise ohne Bindestrich oder wenigstens Leerzeichen. (Bindestriche erwarte ich ohnehin schon lange nicht mehr.) Irgendwann musste das ja kommen.

Nicht gelesen, sondern gehört: „Du vergleichst Äpfel mit Birnen.“ – „Obst ist Obst!“

Mittwoch: Aus einem Zeitungsbericht über den bekannten Virologen Christian Drosten, der mittlerweile den Medien mit wachsender Skepsis begegnet: „… und schließlich ist Drosten auch noch Direktor des Instituts für Virologie an der Berliner Charité. Von 2007 bis 2017 war er in gleicher Funktion auf dem Bonner Venusberg unterwegs.“ Wer hätte da kein Verständnis für seine Skepsis.

Zahlreiche Medienberichte enthalten heute übrigens den Hinweis „kein Aprilscherz“.

Donnerstag: Dieses Mal hat mich die Sommerzeit heftig getroffen: Morgens komme ich schlecht aus dem Bett, gegen 14 Uhr falle ich müde in ein tiefes Lustloch und spätestens um 20 Uhr fallen mir die Augen zu. Dabei habe ich noch die Worte eines gewissen Herrn Junker im Ohr, der da (ver)sprach: „Die Leute wollen das, und wir machen das“, gemeint war die Abschaffung der Zeitumstellung. Ob ich das noch vor meinem Ruhestand erleben werde?

Oder geregelte Arbeitstage mit mittäglichem Kantinenbesuch? Stattdessen aßen wir mit wenigen im Werk verbliebenen Kollegen zu Mittag auf dem immerhin sonnigen Bürobalkon, selbstverständlich im Stehen und unter Wahrung der gebotenen Abstände. Bei mir gabs mitgebrachte Bütterchen und Apfel, ein Kollege hatte sich überteuerte Maultaschen von einem fliegenden Händler geholt.

„Maultaschen gehen immer“, las ich auf einem Werbeplakat, als ich am späten Nachmittag kühlem Wind entgegen velocipedierte. Liebe Marketing-Kasper (oder, wenn euch das lieber ist: MarketingKasper), ich weiß nicht, wie ihr zu diesem Axiom gefunden habt, mir hingegen fielen, wenn ich mich ein wenig bemühte, zahlreiche Situationen ein, in denen Maultaschen gar nicht gehen. Hier eine kleine spontane Auswahl: beim Trompetensolo, in öffentlichen Verkehrsmitteln, während Besprechungen (soweit sie irgendwann nicht mehr nur auf telekommunikativem Wege erfolgen, sonst schon), im Theater, während einer Beerdigung (danach schon), beim Liebesspiel. Wobei, Liebesspiel, warum nicht …

Freitag: „Wir haben nur diesen einen Planeten“, sagt die Umweltministerin. Antwort des Universums: „Welch Glück.“

Noch einmal Marketing-Geschwätz: „Food ist unser Business“, las ich morgens auf dem Weg ins Werk an einem mich überholenden Lastwagen. Da verging mir sogleich der Appetit, nicht nur auf Maultaschen.

Der Sänger Bill Withers ist heute gestorben. Nicht, dass ich ein glühender Fan von ihm gewesen wäre, aber dieses Lied fand ich Ende der Achtziger aus hier nicht näher zu erörternden Gründen ziemlich gut:

(Durch die beiden zappelnden, ansonsten weitgehend funktionslosen Damen am linken Bühnenrand lassen Sie sich bitte nicht stören.)

Samstag: Heute Morgen gegen elf klang es aus der Stube: „Hey Siri, spiel Musik.“ – (Musik) – „Hey Siri, lauter.“ – (lautere Musik) – „Hey Siri, lauter.“ (noch lautere Musik) – „Hey Siri, noch lauter.“ – (ganz laute Musik. Das Telefon klingelt.) – „Hey Siri, leiser. – Hey Siri, leiser. – Hey Siri…“ Irgendwann drehe ich hier durch, und dieses Teil fliegt aus dem Fenster.

Irritierend: Während die Busse der Stadtwerke Bonn nur noch durch die hinteren Türen betreten und verlassen werden dürfen, um die Fahrer vor menschlichen Kontakten zu schützen, befinden sich an den hinteren Türen der Busse der Rhein-Sieg-Verkehrsgesellschaft nach wie vor die Hinweise aus Friedenszeiten, zum Einstieg ausschließlich die vordere Tür zu nutzen. Sind die Fahrer im Rhein-Sieg-Kreis resistenter?

Aus besseren Zeiten offenbar auch das folgende Bild in einer Werbeanzeige:

KW14

Man darf die an der Pommesbude erstandene Currywurst noch an Ort und Stelle verputzen und muss keine Abstände zu anderen Personen halten. Dabei wäre der junge Sparkassenangestellte Gerrit W. (Mitte) wohl gerade froh über etwas Distanz: Der erste warme Tag des Jahres, soeben hat er seine Mittagspause begonnen, als dieser Typ mit der gelben Jacke, der ihn schon seit Tagen wegen seiner Aktionfonds nervt, auftaucht und ihn sogleich finanzthematisch vollquatscht, weshalb W. das Plakatgrinsen nur so halbwegs gelingt. Ich fühle mit ihm.

Auch Herr B ist müde.

Sonntag: Alle Jahre wieder … Für alle, die es sich in diesem Jahr aus gegebenem Anlass nicht persönlich anschauen können:

KW14 - 1

KW14 - 1 (1)

KW14 - 1 (2)

Im Übrigen ein schöner Beweis, dass die Phrase „Danach wird nichts mehr sein wie es war“ Unfug ist.