Vielleicht kommt es ganz anders

Vorbemerkung: Dies ist meine persönliche Chronik der Corona-Pandemie, die ich Anfang April zu schreiben begonnen habe, so wie viele es bereits getan haben oder immer noch tun. Daher empfehle ich Ihnen nicht unbedingt, es zu lesen, Sie werden nicht sehr viel Neues darin finden, das sie nicht – vielleicht besser – schon in anderen Blogs und Artikeln gelesen oder selbst geschrieben haben, außerdem ist es sehr lang geraten, wer liest heutzutage schon gerne lange Texte. Weiterhin ist es nur ein Zwischenstand, die Seuche ist ja noch längst nicht vorüber. Aber auch eine Idee für einen Thriller, falls Sie sowas mögen. (Wenn nicht, sollten Sie ab dem Bild mit den blühenden Kastanien nicht weiterlesen.)

Im Laufe der Zeit wird der Text immer wieder an die aktuellen Entwicklungen angepasst, soweit es mir möglich ist; man weiß ja nie. Im Übrigen wäre dieses Blog, das ja dazu dient, den alltäglichen Wahnsinn zu dokumentieren, ohne eine Chronik dieser ungewöhnlichen Zeit unvollständig. Falls es in zehn oder zwanzig Jahren mal jemand lesen sollte, sofern es dann das Blog noch gibt, und jemanden, der es lesen will und kann.

(Letzte Aktualisierung: 25. April 2021)

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Als es um den Jahreswechsel 2019/2020 herum hieß, in China sei eine neuartige, rätselhafte Lungenkrankheit ausgebrochen, die zu Todesfällen führt und sich schnell ausbreitet, da war das ungefähr so weit weg wie der Sack Reis, der in China immer wieder mal umfällt. Millionenstädte wurden abgeriegelt, Reisen untersagt, was nur in einem totalitären Staat wie eben China denkbar schien. Die Fernsehbilder von zahlreichen Baggern, die sich scheinbar unkoordiniert auf einer durchwühlten Fläche drehten, angeblich, um innerhalb weniger Tage ein Notkrankenhaus zu errichten, tat ich zunächst als Propaganda der Regierung ab, um der Welt zu zeigen: Wir tun was, haben die Sache im Griff. Dann wurde klar: Die bauen wirklich ein Krankenhaus, nicht nur eins. Die Sache war offenbar ernst.

Kurz darauf wurde vor Reisen nach China, vor allem in die betroffenen Gebiete, offiziell gewarnt. Die menschliche Rationalität erfuhr erste Aussetzer, wie so oft, wenn Unheil droht, wenn auch zunächst diffus und unbestimmbar: Menschen aus China, egal aus welcher Region, Menschen mit asiatischer Physiognomie, egal woher, wurden plötzlich angefeindet und diskriminiert.

Bei uns, wie auch sonst überall außerhalb Chinas, ging das Leben unterdessen seinen gewohnten Gang: Wir fuhren zur Arbeit, auf den Autobahnen die täglichen Staus, wir konsumierten, reisten, machten Kreuzfahrten, feierten Karneval, Partys, spielten und schauten Fußball, machten Skiurlaub, natürlich mit Apres Ski. Die Kalender waren voll mit Terminen, privat wie beruflich: geplante Urlaube, Wochenendausflüge, Dienstreisen. Politiker beschimpften sich wie üblich, die Wirtschaft wuchs, weil Wachstum wichtig ist, Menschen wurden wegen ihres Glaubens, ihrer Hautfarbe oder aus anderen Gründen getötet oder in die Flucht getrieben; der ganz normale Wahnsinn.

Dann kam das Virus näher: Norditalien, Spanien, Österreich, Frankreich. Menschen erkrankten, manche schwer, einige starben. Man relativierte: Schließlich starben jährlich Tausende an der Grippe, im Straßenverkehr und an den Folgen des Rauchens und von Alkohol, da würde es schon nicht so schlimm sein. Dennoch waren Corona und Covid-19 nun jedermann ein Begriff. Es erinnerte an vergangene Epidemien wie Schweinegrippe, Sars, H1N1, EHEC, und wie sie alle hießen, längst vergessen, wann war das nochmal gewesen … Damals hatte es auch geheißen: Husten und Niesen nur in die Armbeuge, Hände möglichst gründlich waschen. Auf Toiletten hingen nun wieder bebilderte Anleitungen zum korrekten Händewaschen. Das ganze hatte etwas von einem Thriller, wie „Der Schwarm“ von Frank Schätzling: Man liest es mit einer Art angenehmem Schauder, ist aber selbst nicht betroffen, weil entweder Fiktion oder weit weg.

Aber so weit weg war es nicht mehr, die ersten Fälle nun auch in Deutschland. In Nordrhein-Westfalen, Kreis Heinsberg, das war nun wirklich nah! Jetzt wurden nicht nur Menschen mit asiatischem Aussehen angefeindet, sondern auch die mit „HS“ als Kfz-Kennzeichen, wenn sie sich über ihre Kreisgrenze wagten. Unterdessen die ersten Einschränkungen des öffentlichen und geschäftlichen Lebens in Italien, Spanien, Österreich und Frankreich, um die weitere Verbreitung des Virus aufzuhalten oder wenigstens zu verlangsamen. Menschen durften sich dort nicht mehr frei bewegen, Geschäfte, die nicht lebensnotwendig waren, mussten schließen, bald auch Kneipen und Restaurants. Krankenhäuser waren überfüllt, Ärzte und Personal an ihren Grenzen. Nicht mehr allen Erkrankten konnte geholfen werden, viele starben, vor allem Alte mit Vorerkrankungen, aber bei Weitem nicht nur die. Drohte uns das bald auch in Deutschland?

Bei uns wurden zunächst Veranstaltungen ab tausend Personen untersagt, kleinere blieben erlaubt; allenfalls wurde empfohlen, darauf zu verzichten. Auch wir fragten uns: Sollten wir wirklich noch zur Feier des sechzigsten Geburtstags des Schwagers nach Bünde fahren? Wir fuhren, es war vorläufig unsere letzte Reise und die letzte größere Ansammlung von Menschen, deren Teil wir waren. Es ging gut, und doch fühlte es sich falsch an, verboten. Das Hotel, in dem wir übernachtet hatten, musste kurz darauf für privat Reisende schließen, wie alle Hotels. In Bünde sah ich erstmals leergekaufte Supermarktregale. Der Thriller wurde realer.

Die menschliche Vernunft ging weiter zurück: Viele hielten sich nicht an die Kontaktbeschränkungen, manche feierten sogar „Corona-Partys“. Und sie kauften Unmengen Toilettenpapier, als hinge ihr Leben davon ab; wochenlang war es Glückssache, noch eine Packung zu erstehen. Außerdem Nudeln und Mehl, warum ausgerechnet Mehl, was machten sie damit? Dabei gab es keine Engpässe in der Versorgung, wie Handel und Politiker nicht müde wurden zu betonen, es war grundsätzlich genug von allem für alle da. Oder wäre gewesen, wenn jeder nur so viel gekauft hätte, wie er benötigte. Der Konjunktiv bekam Konjunktur in diesem Jahr. Das, was wir „zivilisiertes Verhalten“ nennen, erwies sich als ein dünner Faden, der schnell reißt, sobald wir glauben, die Kontrolle zu verlieren, uns übervorteilt oder bedroht fühlen oder schlicht Angst haben.

Ein wenig erinnerte mich die Situation an 1986, als aus Tschernobyl die radioaktive Wolke zu uns kam und wir sehr verunsichert waren wegen dieser unsichtbaren Gefahr, ängstlich unter das nächste Dach liefen, sobald ein paar Regentropfen fielen, kein Wild und keine Waldpilze mehr aßen. Und doch war ich jetzt guter Hoffnung, es würde mich und mir nahestehende Personen nicht treffen. Allein von den Fallzahlen her war die Wahrscheinlichkeit einer Infektion mit schwerem Krankheitsverlauf gering. Noch.

Die Woche darauf verkündete die Bundeskanzlerin erst in einer Pressekonferenz, dann in einer Ansprache ans Volk weitreichende Einschränkungen auch bei uns: Keine Veranstaltungen, keine unnötigen Reisen wie Urlaub, keine Restaurantbesuche, die Wohnung nur noch verlassen, wenn es unvermeidbar ist, wie zur Arbeit oder zum Einkaufen; grundsätzlich maximal zu zweit und mit mindestens eineinhalb Meter Abstand zueinander. Abstand wurde zu einem der meist gebrauchten Wörter des Jahres. Viele Geschäfte mussten nun auch in Deutschland schließen, zudem alle Kneipen, Bars, Theater, Museen, Friseure, Universitäten und Schulen. Keine Konzerte, Gottesdienste, Sportveranstaltungen, sogar die Fußball-Europameisterschaft und Bundesliga wurden abgesagt. Kurz: Alles, wo Menschen zusammenkamen aus nicht lebenswichtigen Gründen. Die meisten Grenzen zu den Nachbarländern wurden geschlossen und Mecklenburg-Vorpommern ließ niemanden aus anderen Bundesländern mehr rein. Der Stillstand bekam einen eigenen Namen, nein zwei: wahlweise „Lockdown“ oder „Shutdown“. Irgendwer fing damit an, bald plapperten es alle nach.

Viele Firmen ordneten, soweit möglich, Heimarbeit an, oder sie stellten den Geschäftsbetrieb ganz ein, wie die großen Autohersteller. Ich selbst wollte und durfte weiterhin ins Büro fahren, fuhr nur noch mit dem Fahrrad dorthin, auch bei Regen und Kälte. Die Stadtbahn mied ich, obwohl die Bahnen anfangs fast leer durch die Gegend fuhren, sicher ist sicher. Ich war froh, noch ins Büro zu dürfen, obwohl ich ebenfalls zu Hause hätte arbeiten können. Es gab meinen Tagen Struktur und die mir wichtige Trennung Arbeit – Privat blieb erhalten. Der Autoverkehr auf den Straßen ging drastisch zurück, die Staumeldungen im Radio fielen ungewohnt kurz aus.

Die Reise- und Tourismusbranche kam fast zum Erliegen, die meisten Flugzeuge blieben am Boden, Kreuzfahrtschiffe lagen fest. Die Natur konnte ein wenig aufatmen. Wie mochte es jetzt in Playa del Ingles auf Gran Canaria sein, wo wir früher so oft waren, einem Ort, der fast ausschließlich aus Hotels und Ferienappartements und einer rein auf den Tourismus ausgelegten Infrastruktur bestand? Gespenstisch leer vermutlich, vor allem nachts.

Ich fragte mich, wie lange die Bevölkerung noch ruhig und zu Hause blieb, den Empfehlungen der Regierung folgte, die beschlossenen und verkündeten Maßnahmen und Einschränkungen akzeptierte. Kam es irgendwann zu Unruhen, Gewalt, Plünderungen? Die Menschen bereiteten mir viel mehr Sorgen als das Virus. Wie lange war die Versorgung mit Lebensmitteln sichergestellt? Hielten die Menschen in den sogenannten „systemrelevanten“ Berufen – Ärzte, Polizisten, Verkäufer, Zusteller, Feuerwehr und andere – noch lange durch? Was passierte, wenn nicht?

Anfang April lebten wir seit drei Wochen im Ausnahmezustand, der mit großer Wahrscheinlichkeit noch einige Wochen anhalten würde, auch wenn die Stimmen nicht nur aus der Wirtschaft laut wurden, dass wir das nicht mehr lange durchhielten. Aber was war die Alternative? Die Zahl der Infektionen stieg weiter, fast 100.000 Fälle und 1.500 Tote, aber immerhin auch 26.000 Genesene in Deutschland; über letztere wurde in den Medien wenig berichtet.

Persönlich empfand ich mich nur wenig eingeschränkt, vielmehr konnte ich der Situation auch durchaus Gutes abgewinnen: In absehbarer Zeit gab es keine Dienstreisen, fast alle privaten Verpflichtungen waren ausgesetzt oder ganz gestrichen. Ich musste abends nicht mehr raus zu Vereinsaktivitäten, die mir schon vor der Pandemie zunehmend lästig geworden waren. Früher waren freie Wochenenden ohne Termine ein Geschenk, nun wurden sie zur Regel. Ich durfte weiterhin spazieren gehen und war gewissermaßen gezwungen, regelmäßig Fahrrad zu fahren. Und ich habe keine Kinder, die ich nun den ganzen Tag bespaßen und beschulen musste, weil sie nicht zur Schule gehen konnten. („Homeschooling“ ist auch eins dieser unsäglichen, nachgeplapperten Wörter, die dieses Jahr hervorgebracht hat.) Ich glaube, wenn ich Kinder hätte, käme ich nachts nicht in den Schlaf aus Sorge um deren Zukunft, auch wenn diese Seuche irgendwann vorüber sein sollte; andere Krisen, allen voran der Klimawandel, gehen weiter.

Natürlich gab es einiges, was ich vermisste: Die Woche Urlaub in Südfrankreich nach Ostern. Die gebuchte Schifffahrt zu „Rhein in Flammen“ Anfang Mai. Restaurantbesuche. Mit Freunden ins Ahrtal fahren, mit anschließender (W)Einkehr. Aber was waren das für Probleme, verglichen mit denen Anderer? Die infiziert oder erkrankt waren. Die bereits Angehörige verloren hatten. Die ihre Lieben im Krankenhaus oder Pflegeheim nicht besuchen durften. Die sich Sorgen um ihre berufliche Zukunft machen mussten. Die irgendwo in einem fernen Land oder auf einem Kreuzfahrtschiff festsaßen und nicht nach Hause konnten. Die in einem Flüchtlingslager lebten. Obdachlose. Nein, uns ging es gut, es fehlte an nichts.

Die Maßnahmen wirkten: Die Zahl der Neuinfektionen ging zurück, im Mai wurden die Einschränkungen teilweise aufgehoben. („Lockerungen“ wurde ein weiteres Wort des Jahres.) Läden, Restaurants, Friseure, Schulen und Kirchen öffneten wieder, unter strengen Auflagen: Sie durften nur mit Mund-Nasen-Schutzmaske betreten werden, deren Wirksamkeit noch wenige Wochen zuvor bei Politikern und Wissenschaftlern umstritten war, was vielleicht auch daran lag, dass es anfangs nicht genug Masken für alle gab. Nun gab es sie in rauen Mengen, von einfachen Einwegmasken bis hin zu modischen Designerstücken mit lustigen Motiven. Beim Betreten der Läden musste man sich die Hände desinfizieren, in Restaurants Namen und Kontaktdaten hinterlassen, zur „Kontaktpersonennachverfolgung“, eine weitere Wortgeburt dieses Jahres. Wir durften also wieder raus, Leute treffen, in die Büros, mit Einschränkungen reisen. Auch Fußballspiele vor reduziertem Publikum waren wieder möglich. Die „neue Normalität“ wurde ausgerufen. Man fuhr und flog wieder in den Urlaub, nach Mallorca, Italien, in die Türkei – die meisten jedoch blieben im Inland. Nord- und Ostseeküste erlebten einen Andrang wie lange nicht mehr.

In der Bevölkerung regte sich Widerstand gegen die angeordneten Maßnahmen, die weiterhin Bestand hatten, allen voran die Maskenpflicht. Das reichte von „ist doch nicht viel schlimmer als eine Erkältung“ bis hin zu absurden Verschwörungstheorien, wonach das Virus nur eine ausgedachte Gefahr war, um das Volk zu versklaven. In Berlin, Stuttgart und anderen Städten gingen die Leute deswegen auf die Straßen, Regenbogenfahnen marschierten neben Reichskriegsflaggen.

Der Sommer wurde heiß, viele junge Leute pfiffen weiterhin auf die Regelungen und Abstand, trafen sich, da Diskos und Clubs geschlossen waren, in Parks, auf Plätzen, am Rheinufer; tranken, feierten, sahen es überhaupt nicht ein, sich einschränken zu lassen. Mehrfach löste die Polizei Ansammlungen auf, was häufig auf Widerstand stieß und immer wieder Gewalt auslöste.

Einige Staatspräsidenten verharmlosten die Gefahr und weigerten sich, Masken zu tragen, gerade solche mit besonders hohen Infektionszahlen in ihrem Land, etwa Brasilien, Großbritannien, die USA oder Weißrussland. Folgerichtig fingen sie sich selbst das Virus ein, wobei nur Boris Johnson, der britische Premierminister, nennenswerte Symptome aufwies, während die anderen – Trump, Bolsonaro, Lukaschenko -, glimpflich davonkamen und hinterher umso überzeugter verkündeten, das Virus sei ungefährlich, obwohl bereits Tausende aus ihrer Bevölkerung daran gestorben waren.

Die meisten jedoch waren vernünftig und hielten sich an die Einschränkungen. Aber was nützte das alles, solange es keine Impfung und kein Medikament gab? Wahrscheinlich müssten wir bestimmte Vorsichtsmaßnahmen noch lange Zeit beibehalten: Hände häufig waschen, keine Umarmungen und Küsschen zur Begrüßung, keine Hände schütteln, Abstand halten. Immerhin: Wenn Händeschütteln durch diese Krise dauerhaft abgeschafft würde, hätte sie wenigstens etwas Gutes bewirkt.

Große Veranstaltungen wurden abgesagt: das Oktoberfest in München, die Karnevals-Session, Weihnachtsmärkte. Dennoch galt es, einen weiteren Stillstand um jeden Preis zu vermeiden, weil man befürchtete, große Teile der Wirtschaft würden den nicht überstehen.

Im Herbst, nach Rückkehr der Urlauber, stiegen die Infektionszahlen wieder an. Zunächst langsam, bald rasant. Fast alle angrenzenden Länder wurden zu Risikogebieten erklärt, wer dorthin reiste, musste hinterher einen negativen Corona-Test vorweisen oder sich in Quarantäne begeben. Einige Länder verschärften die Maßnahmen wieder drastisch, verhängten Ausgangssperren. Auch immer mehr Regionen in Deutschland waren betroffen. Die Bundeskanzlerin beriet sich mit den Ministerpräsidenten der Länder, was zu tun sei, doch es gelang zunächst nicht, sich auf einheitliche Regelungen zu einigen. Die Maskenpflicht wurde verschärft, auch draußen sind seitdem Mund und Nase zu bedecken überall dort, wo viele Menschen sind, vor allem in Fußgängerzonen. Als Brillenträger läuft man nun noch häufiger im Nebel herum. Für die Gastronomie wurde die Sperrstunde eingeführt. Immerhin gab es noch Gastronomie.

Zum November einigten sich Bund und Länder auf neue Beschränkungen, nicht ganz so drastisch wie im Frühjahr: Befristet für zunächst vier Wochen mussten Gaststätten wieder schließen, Veranstaltungen wurden untersagt, maximal fünf Personen aus unterschiedlichen Haushalten durften sich öffentlich treffen. Immerhin gab es keine Ausgangssperren wie in anderen Ländern, zum Beispiel Frankreich. Geschäfte und Schulen blieben geöffnet, der Profisport durfte ohne Zuschauer weiter betrieben werden, vermutlich ließ sich damit auch so noch genug Geld verdienen.

Es gab Hoffnung: Im November meldeten mehrere Unternehmen, einen wirksamen Impfstoff entwickelt zu haben. Doch der musste erstmal zugelassen, in erforderlicher Anzahl hergestellt und verteilt werden.

Die Neuinfektionen gingen unterdessen nicht zurück, täglich meldete das Robert-Koch-Institut eine fünfstellige Zahl an neu Infizierten, auch die Zahl der „an oder mit“ Corona Gestorbenen stieg an. Daher einigten sich Bundeskanzlerin und Ministerpräsidenten auf eine Verlängerung der Maßnahmen, erst bis Ende Dezember (das Weihnachtsgeschäft!), dann bis Anfang Januar; über Weihnachten und Silvester sollte es leichte Lockerungen geben, statt fünf sollten sich vorübergehend zehn Personen treffen dürfen. Einige Städte verhängten nächtliche Ausgangssperren. Die Verrückten demonstrierten unterdessen weiter und faselten von „Diktatur“.

Anfang Dezember mahnten führende Wissenschaftler dringend weitere Beschränkungen an. Gleichzeitig wurden in Großbritannien die ersten Menschen geimpft, was zu Diskussionen und Unverständnis führte, da die EU sich mit der Zulassung noch etwas Zeit ließ; erst nach Weihnachten sollten auch hier die ersten Spritzen gesetzt werden. Unterdessen wurden aufgrund der weiter steigenden Infektionszahlen die Maßnahmen weiter verschärft. Über die Weihnachtstage gab es nur noch geringfügige Lockerungen, die derart kompliziert formuliert waren, dass sie keiner verstand, zu Silvester wurden Ansammlungen in der Öffentlichkeit und der Verkauf von Feuerwerk untersagt.

Die früheren Impfungen nützten den Briten zunächst wenig: Eine Woche vor Weihnachten trat eine neue Variante des Virus auf, die bis zu siebzig Prozent ansteckender sein sollte, nach ersten Erkenntnissen jedoch weder zu schwereren Krankheitsverläufen noch einer erhöhten Sterblichkeit führte. Zur Sicherheit stellten zahlreiche europäische Länder vorübergehend den gesamten Reise- und Frachtverkehr mit Großbritannien ein; kurz darauf stauten sich tausende von LKWs vor Dover. Konsumfreude kollidierte mit Naturgewalt.

Kurz vor dem nächsten Jahreswechsel freuten sich viele, weil dieses schlimme Jahr vorüber ging, obwohl das Ende des vorläufigen Dauerzustandes noch lange nicht absehbar ist. Weiterhin meldet das Robert-Koch-Institut für Deutschland täglich Neuinfektionen in fünfstelliger Zahl. Weltweit hatten sich fast 83 Millionen Menschen mit dem Virus infiziert, über 1,8 Millionen davon sind gestorben. Deutschland stand mit rund 1,7 Millionen Infizierten und dreiunddreißigtausend Toten noch vergleichsweise gut da. Einige klagten vor Gericht, weil sie zu Silvester keine Raketen abfeuern durften und bekamen sogar Recht, weil die Richter keinen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Feuerwerk, Infektions- und erhöhter Knallkörperverletzungsgefahr sahen.

Immerhin: Der Stuttgarter Initiator der zweifelhaften Bewegung, die sich selbst als „Querdenker“ bezeichnet, hatte angekündigt, bis auf weiteres auf Demonstrationen zu verzichten. Die LKW, die sich vor Weihnachten in England stauten, durften ihre Fahrt fortsetzen. Und in Europa sind die Impfungen angelaufen, als erstes alte Menschen in Pflegeheimen und medizinisches Personal; in den Nachrichtensendungen wird ungefähr alle zwei Minuten eine Nadel in einen Oberarm getrieben.

Schon kurz nach Weihnachten wurden Zweifel laut, dass die Beschränkungen wie geplant nach dem 10. Januar teilweise zurückgenommen werden können. Anfang Januar trafen sich wieder Bundeskanzlerin und Ministerpräsidenten und sie beschlossen, die Maßnahmen bis Ende Januar zu verlängern, mehr noch: Nun durften wir uns nur noch mit einer haushaltsfremden Person treffen und man erwog, den Bewegungsradius von Menschen in besonders stark betroffenen Gebieten auf einen Umkreis von fünfzehn Kilometer um den Wohnort zu beschränken. Das wurde heftig kritisiert, da weder klar war, ob mit Wohnort die konkrete Adresse des Einzelnen oder die Gemeinde-/Stadtgrenzen gemeint waren, noch wie das durchzusetzen und zu kontrollieren sei. Heftig kritisiert wurde auch der Gesundheitsminister, weil die Impfungen wegen zu wenig Impfstoff nur schleppend anliefen. Unterdessen starben in Deutschland täglich mehr als tausend Menschen wegen Corona.

Da im Laufe des Februars die Zahlen sanken, wurden Lockerungen ab Anfang März beschlossen, die kaum einer richtig verstand, mit „Notbremse“ bei schlechter Entwicklung. Friseure durften wieder Haare schneiden (was für manche Menschen scheinbar wichtiger war als Lebensmittel und Klopapier), Einzelhändler durften wieder ihre Läden öffnen, allerdings nur nach Terminvereinbarung, wofür das nächste Wortungetüm „Click & Meet“ geschaffen wurde. Gegen jede Vernunft und ohne ausreichende Testmöglichkeiten wurden Schüler wieder zum Präsenzunterricht einberufen. Unterdessen lief das Impfen weiterhin sehr schleppend; während andere Länder wie Israel, sogar Amerika und England schon sehr weit waren und unter anderem Außengastronomie ermöglichten, stritt man in Deutschland darüber, wer wann wen wo und womit impfen durfte. Vor allem fehlte es nach wie vor an ausreichend Impfstoff. Hinzu kam ein Skandal, weil mehrere CDU-Abgeordnete im vergangenen Jahr in unlautere Geschäfte mit Schutzmasken verstrickt waren, die sie ihr Mandat und die Partei erhebliche Stimmen bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz kosteten.

Während Urlaubsreisen im Inland weiterhin nicht möglich waren, galt Mallorca nicht mehr als Risikogebiet, woraufhin sich Tausende auf den Weg dorthin machten, trotz Maskenpflicht und ab dem frühen Abend geschlossenen Kneipen und Restaurants. Hauptsache mal raus. Die Festland-Spanier durften ihre Städte und Regionen unterdessen weiterhin nicht verlassen.

Wenig überraschend stieg die Zahl der Neuinfektionen im März wieder stark an, vor allem auch wegen der neuen Virus-Varianten. Daher zogen Bundeskanzlerin und Ministerpräsidenten Mitte März die Notbremse, die sie nach heftiger Kritik aus der Wirtschaft bereits zwei Tage später wieder etwas lockern mussten. Erstmals in der Geschichte äußerten sie unverblümt Selbstkritik und baten für ihre Fehlentscheidung um Entschuldigung. Das Vertrauen der Bevölkerung in die Politiker war schwer beschädigt und niemand wusste mehr genau, was noch erlaubt war und was nicht.

Deshalb wurde Ende April das Bundesinfektionsschutzgesetz angepasst, wieder war ein neues Wort geboren: die „Bundesnotbremse“. Unter anderem galt nun einheitlich für Städte und Kreise mit einem Inzidenzwert über 100 Infizierte je 100.000 Einwohner (somit fast alle) eine nächtliche Ausgangssperre zwischen 22 und 5 Uhr, wobei spazieren und laufen auch noch bis 24 Uhr erlaubt war. Die meisten Geschäfte durften Waren nur noch zur Abholung anbieten, andere wie Friseure durften nur mit einem tagesaktuellen negativen Testergebnis betreten werden. Arbeitnehmer waren grundsätzlich zur Heimarbeit verpflichtet, wenn es die Tätigkeit zuließ.

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Irgendwann, vielleicht in einem halben Jahr, vielleicht später, könnte das Virus besiegt sein und wir gehen wieder über zum üblichen Irrsinn, machen weiter wie vorher, reisen, konsumieren, zerstören die Umwelt, wandeln das Klima, Hauptsache wir haben Wachstum. Reiche werden reicher, Arme ärmer, und wir Menschen werden immer mehr. Alles wie gehabt.

Aber vielleicht kommt es ganz anders. Hätte ich Talent und Lust, einen Thriller zu schreiben, dann etwa so:

Es gibt mehr als sieben Milliarden Menschen auf der Erde, mit den bekannten Auswirkungen auf Natur und Klima, und es werden immer mehr. Dabei vermehren sich augenscheinlich diejenigen besonders stark, die es sich am wenigsten leisten können: die Ärmsten in Afrika, RTL-Zielgruppenzugehörige, die sich durch absurde Frisuren und Haarfärbungen, Tätowierungen bis zum Hals und Metallteilen in verschiedensten Körperteilen selbst den Weg zu großen Teilen des Arbeitsmarktes verbauen; selbst in Flüchtlingslagern, wo Menschen teilweise seit Jahren festsitzen und vermutlich andere Sorgen als die Arterhaltung haben, werden neue Menschen geboren.

Vielleicht ist Corona nur ein Auftakt, ein Vorgeschmack auf etwas kommendes Großes. Durch Kontaktbeschränkung und Impfungen mag es gelingen, die weitere Ausbreitung erst zu verlangsamen, dann zu stoppen. Doch kaum, dass wir die Krise überwunden glauben und da weitermachen, wo wir vorher aufgehört haben, entsteht eine neue Mutation des Virus. Zunächst unbemerkt, da über Monate keine Symptome auftreten, breitet es sich rasend schnell aus. Als man begreift, dass wiederum ein Virus die Ursache für eine neue, rätselhafte Erkrankung ist, ist es zu spät. Man kann ihm nicht entgehen, nirgendwo, es ist nahezu auf der ganzen Welt. Reihenweise erkranken die Menschen weltweit schwer, anders als bei Covid-19, wo ein hoher Anteil nur leichte oder gar keine Symptome zeigte, trifft die neue Form alle, die sich infiziert haben. Innerhalb weniger Tage bricht das Gesundheitssystem zusammen, die Sterblichkeit liegt bei über fünfzig Prozent. Geschäftliche Aktivitäten werden in kürzester Zeit eingestellt, die Grundversorgung mit Strom, Internet, Wasser und Lebensmitteln kommt zum Erliegen. Das, was wir Zivilisation nennen, hört auf zu existieren, es herrscht einzig das Recht des Stärkeren. Staat und Politik lösen sich auf, auch auf die „Rechten“ und „Querdenker“, die anfangs noch Schuldige ausgemacht hatten und einfache Lösungen wussten, hört niemand mehr. Globalisierung und Gendersternchen sind nur noch Begriffe ohne irgendeine Bedeutung.

Während in den Parks die Kastanien in voller Blüte stehen, sterben innerhalb weniger Wochen mehrere Milliarden Menschen, vor allem in den hoch entwickelten, technikabhängigen Industrieländern. Ganze Städte sind menschenleer, stattdessen wühlen Wildschweine in den Vorgärten der Villenviertel.

Vielleicht erleben wir gerade das Ende der Menschheit, wir wissen es nur noch nicht. Nicht der Klimawandel oder ein Atomkrieg löscht uns aus, sondern ein Virus. Sieben Milliarden Menschen, die sich benehmen, als wären sie die einzige Spezies von Bedeutung, der sich alles andere unterzuordnen hat, die sich immer weiter vermehren und so tun, als gäbe es kein Morgen – vielleicht ist es damit bald vorbei, und die Weltherrschaft geht über an Ameisen oder Ratten. Vielleicht beherrschen die auch längst die Welt, wir haben es nur noch nicht bemerkt.

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Nachbemerkung für den unwahrscheinlichen Fall, dass Sie bis hierher gelesen haben: Ich wünsche Ihnen, uns und mir ein erfreuliches Jahr 2021, auf dass es gut ausgehen möge.

Woche 17: Nicht ästhetisch unbedenklich, aber meistens sehenswert

Montag: Seit heute dürfen viele Geschäfte wieder öffnen und locken die Menschen in die Stadt. Ob das richtig oder falsch ist – man wird sehen. Vor dem Starbucks am Münsterplatz standen sie Schlange, immerhin im gebotenen Abstand. Obwohl ich mich aufgrund einer nicht zu erklärenden tiefen Abneigung nicht zur Zielgruppe der Kaffeekette gehörig fühle, hatte es doch etwas Tröstliches – solange Menschen bereit sind, für einen überteuerten Kaffee im Pappbecher Schlange zu stehen, kann die Not nicht allzu groß sein.

Auch mich zog es in die Fußgängerzone, gleich zweimal, weil ich beim ersten Mal das Portemonnaie vergessen hatte, man wird nicht jünger. Nicht jünger, sondern älter wurde auch der Liebste, der heute runden Geburtstag feiert. Na ja, vielleicht nicht feiert, aber hat. Ob sein Geschenk, ein bereits im Januar gebuchter dreitägiger Aufenthalt an der Mosel mit Weinverkostung Ende Mai eingelöst werden kann, ist fraglich, auch hier wird man sehen.

Warum heißt das eigentlich „runder Geburtstag“, wenn das doch immer eine gerade Zahl ist?

Dienstag: Aus dem aktuellen SPIEGEL:

„Wie will eine Kanz­le­rin, wie wol­len Prä­si­den­ten und Pre­mier­mi­nis­te­rin­nen, die gan­ze Völ­ker un­ter Haus­ar­rest stel­len kön­nen, den Bür­ge­rin­nen und Bür­gern künf­tig er­klä­ren, dass sie ein schnel­les Ver­bot von Plas­tik­tü­ten lei­der, lei­der nicht hin­be­kom­men?“

Mittwoch: „Weil Ihr Home jetzt mehr Office braucht“, wirbt ein Telekommunikationsanbieter. Ganz bestimmt nicht!

Die gute Nachricht des Tages: Die Kantine hat wieder geöffnet, natürlich nur zum Verzehr außer Haus. Immerhin besser als täglich Bütter- und Äpfelchen.

Auf dem Rückweg vom Werk kam mir ein Omnibus entgegen, dessen Zielanzeige „Cool unterwegs“ lautete. Vielleicht ein Fahrzeug mit Kimaanlage.

Donnerstag: Dank endlich wieder geöffneter Kantine eine warme Mahlzeit zum Mittag (Allgäuer Käsespätzle mit Röstzwiebeln), wenn auch nur zum Mitnehmen in einer unter Umweltaspekten fragwürdigen Aluschale (was immerhin den Arbeitsplatz des Liebsten stützt), aber ich habe sie unter freiem Himmel sehr genossen.

Zum ersten Mal trug ich eine Schutzmaske, wie sie nun im Werk außerhalb der Büros vorgeschrieben ist (was sich augenscheinlich noch nicht bei allen Kollegen herumgesprochen hat, denn in der Kantine sah ich mehrere Unmaskierte), nicht irgendeine, sondern eine vom Geliebten blau gefärbte, durchaus elegant, sofern dieses Attribut hier angebracht ist. Dennoch sehr gewöhnungsbedürftig, weil sofort die Brille beschlägt. Muss das so, oder bin ich nur zu blöd, die Maske richtig zu tragen?

„Ich freue mich sehr auf die neue Herausforderung“, lese ich in einer internen Mitteilung. Warum lösen solche Sätze bei mir sofortige Übelkeit aus?

Ein Kollege ließ uns während einer Skype-Konferenz wissen, er sitze in Unterhose vor dem Rechner. Immer wieder liest man von Videokonferenzen, in denen Kollegen freiwillig Einblicke in ihr privates Umfeld gewähren, was nicht in allen Fällen ästhetisch unbedenklich, aber meistens sehenswert sei. Ich bin dankbar, einem Arbeitgeber zu dienen, bei dem Videokonferenzen (noch?) nicht üblich sind, bislang besprechen wir uns ausschließlich ohne bewegte Bilder. Ich muss die meisten Fratzen auch nicht unbedingt sehen, andere Körperregionen schon gar nicht, von höchst seltenen Ausnahmen abgesehen.

Freitag: Hat Trump wirklich vorgeschlagen, den Infizierten Desinfektionsmittel zu spritzen, um der Virus zu töten, oder habe ich mich nur verhört? Vielleicht sollte man ihm stattdessen Entkalker verabreichen, das nützt ebenfalls nichts, schadet andererseits auch nicht.

Als ich mein Mittagessen (Fischstäbchen mit Kartoffeln und Remoulade) aus der Kantine abholte, klappte das mit der Maske schon besser, ohne beschlagene Brille, wobei ich nicht sagen könnte, was ich heute anders gemacht habe als gestern.

Samstag: Manchmal fällt es einem wie Schuppen aus den Haaren, wie Schmalz aus den Ohren, Tomaten von den Augen, ein Brett vom Kopf oder was auch immer irgendwo heraus- oder herabfallen kann, ich will da jetzt auch nicht zu sehr ins Detail gehen. 2008, das war das Jahr, als ich mit dem Bau meiner Modelleisenbahn begann und nebenbei viel Radio hörte, damals ertrug ich noch den Sender 1Live, erschien das Liedchen „Allein allein“ von Polarkreis 18. Damals wie heute kann ich nicht behaupten, es besonders zu mögen, auch wenn die Jungs recht dekorativ schienen; jedenfalls es gab eine Stelle jeweils in der Strophe, an der ich dachte: Das kenne ich, das haben die geklaut oder jedenfalls geliehen, hören Sie selbst, z.B. ab Minute 0:45:

Und, kommen Sie drauf? Ich nicht, seit nunmehr zwölf Jahren quälte es mich, wann immer ich es hörte. Bis es mir heute endlich einfiel, als mein Hirnradio während kurzen Spazierens dieses spielte:

Da ist es, ab 0:38. Erkennen Sie die Melodie?

Nicht nur die Länge männlicher Geschlechtsteile wird einschlägigen Witzen zufolge häufig von deren Trägern überschätzt. Betrachtet man die Menschen draußen, entsteht der Eindruck, auch ein Meter fünfzig sei viel weniger als bislang angenommen.

Sonntag: Wie ich der Sonntagszeitung entnehme, ist das Wort „Homeoffice“ keineswegs ein englischer Begriff, der das Arbeiten zu Hause bezeichnet. Vielmehr ist es Pseudoenglisch, wie „Handy“, also ein weiterer Beleg für unser Unvermögen oder fehlenden Willen, einen angemessenen deutschen Begriff für etwas zu Bezeichnendes uns auszudenken, als Weltgewandtheit verkleidete Faulheit. „Home Office“ gibt es im Englischen schon, es bedeutet Innenministerium. Wohl nur wenige denken morgens, wenn sie am Küchentisch den Rechner einschalten, an Horst Seehofer. Jedenfalls ist es niemandem zu wünschen. Auch kann es zu witzigen Irritationen führen, wenn man einem Engländer erklärt, man arbeite nun daheim.

Während des Sonntagsspaziergangs sah ich in Poppelsdorf dieses vergessene Plakat:

KW17 - 1

Vielleicht lassen sie es auch bewusst hängen, als Erinnerung an eine vergangene Epoche.

Apropos vergangene Epoche: Noch was auf die Ohren gefällig? Die Rolling Stones haben was Neues, das spielen sie sogar auf Radio Nostalgie, wo sonst nur olle Kamellen zu hören sind. Gut, die Jüngsten sind die Herren ja auch nicht mehr.

Woche 14: Hinweise aus Friedenszeiten und funktionslose Damen am Bühnenrand

Montag: Nach zehn Jahren des Zwitscherns überdrüssig löschte ich vor gut einem Jahr mein Twitterkonto @PlanC_. Eher zufällig bemerkte ich nun, dass es unter einem neuen Betreiber wiedereröffnet wurde. Es kommt mir spanisch vor.

Zu meinen beruflichen Obliegenheiten gehört es, Verbesserungsvorschläge aus dem betrieblichen Vorschlagswesen zu begutachten. Heute musste ich wieder einen Vorschlag ablehnen, wobei ich versichere, der Name der Verfasserin war dafür nicht ausschlaggebend. Sie hieß P. Unfug.

Dienstag: „Nach 31 Jahren schafft die EU die Milchstraße ab“, lese ich in der Zeitung. Bei nochmaligem Lesen ging es doch nur um die Milchquote.

Kein Lesefehler: Zum ersten Mal lese ich „HomeOffice“, in dieser verunglückten Marketing-Schreibweise ohne Bindestrich oder wenigstens Leerzeichen. (Bindestriche erwarte ich ohnehin schon lange nicht mehr.) Irgendwann musste das ja kommen.

Nicht gelesen, sondern gehört: „Du vergleichst Äpfel mit Birnen.“ – „Obst ist Obst!“

Mittwoch: Aus einem Zeitungsbericht über den bekannten Virologen Christian Drosten, der mittlerweile den Medien mit wachsender Skepsis begegnet: „… und schließlich ist Drosten auch noch Direktor des Instituts für Virologie an der Berliner Charité. Von 2007 bis 2017 war er in gleicher Funktion auf dem Bonner Venusberg unterwegs.“ Wer hätte da kein Verständnis für seine Skepsis.

Zahlreiche Medienberichte enthalten heute übrigens den Hinweis „kein Aprilscherz“.

Donnerstag: Dieses Mal hat mich die Sommerzeit heftig getroffen: Morgens komme ich schlecht aus dem Bett, gegen 14 Uhr falle ich müde in ein tiefes Lustloch und spätestens um 20 Uhr fallen mir die Augen zu. Dabei habe ich noch die Worte eines gewissen Herrn Junker im Ohr, der da (ver)sprach: „Die Leute wollen das, und wir machen das“, gemeint war die Abschaffung der Zeitumstellung. Ob ich das noch vor meinem Ruhestand erleben werde?

Oder geregelte Arbeitstage mit mittäglichem Kantinenbesuch? Stattdessen aßen wir mit wenigen im Werk verbliebenen Kollegen zu Mittag auf dem immerhin sonnigen Bürobalkon, selbstverständlich im Stehen und unter Wahrung der gebotenen Abstände. Bei mir gabs mitgebrachte Bütterchen und Apfel, ein Kollege hatte sich überteuerte Maultaschen von einem fliegenden Händler geholt.

„Maultaschen gehen immer“, las ich auf einem Werbeplakat, als ich am späten Nachmittag kühlem Wind entgegen velocipedierte. Liebe Marketing-Kasper (oder, wenn euch das lieber ist: MarketingKasper), ich weiß nicht, wie ihr zu diesem Axiom gefunden habt, mir hingegen fielen, wenn ich mich ein wenig bemühte, zahlreiche Situationen ein, in denen Maultaschen gar nicht gehen. Hier eine kleine spontane Auswahl: beim Trompetensolo, in öffentlichen Verkehrsmitteln, während Besprechungen (soweit sie irgendwann nicht mehr nur auf telekommunikativem Wege erfolgen, sonst schon), im Theater, während einer Beerdigung (danach schon), beim Liebesspiel. Wobei, Liebesspiel, warum nicht …

Freitag: „Wir haben nur diesen einen Planeten“, sagt die Umweltministerin. Antwort des Universums: „Welch Glück.“

Noch einmal Marketing-Geschwätz: „Food ist unser Business“, las ich morgens auf dem Weg ins Werk an einem mich überholenden Lastwagen. Da verging mir sogleich der Appetit, nicht nur auf Maultaschen.

Der Sänger Bill Withers ist heute gestorben. Nicht, dass ich ein glühender Fan von ihm gewesen wäre, aber dieses Lied fand ich Ende der Achtziger aus hier nicht näher zu erörternden Gründen ziemlich gut:

(Durch die beiden zappelnden, ansonsten weitgehend funktionslosen Damen am linken Bühnenrand lassen Sie sich bitte nicht stören.)

Samstag: Heute Morgen gegen elf klang es aus der Stube: „Hey Siri, spiel Musik.“ – (Musik) – „Hey Siri, lauter.“ – (lautere Musik) – „Hey Siri, lauter.“ (noch lautere Musik) – „Hey Siri, noch lauter.“ – (ganz laute Musik. Das Telefon klingelt.) – „Hey Siri, leiser. – Hey Siri, leiser. – Hey Siri…“ Irgendwann drehe ich hier durch, und dieses Teil fliegt aus dem Fenster.

Irritierend: Während die Busse der Stadtwerke Bonn nur noch durch die hinteren Türen betreten und verlassen werden dürfen, um die Fahrer vor menschlichen Kontakten zu schützen, befinden sich an den hinteren Türen der Busse der Rhein-Sieg-Verkehrsgesellschaft nach wie vor die Hinweise aus Friedenszeiten, zum Einstieg ausschließlich die vordere Tür zu nutzen. Sind die Fahrer im Rhein-Sieg-Kreis resistenter?

Aus besseren Zeiten offenbar auch das folgende Bild in einer Werbeanzeige:

KW14

Man darf die an der Pommesbude erstandene Currywurst noch an Ort und Stelle verputzen und muss keine Abstände zu anderen Personen halten. Dabei wäre der junge Sparkassenangestellte Gerrit W. (Mitte) wohl gerade froh über etwas Distanz: Der erste warme Tag des Jahres, soeben hat er seine Mittagspause begonnen, als dieser Typ mit der gelben Jacke, der ihn schon seit Tagen wegen seiner Aktionfonds nervt, auftaucht und ihn sogleich finanzthematisch vollquatscht, weshalb W. das Plakatgrinsen nur so halbwegs gelingt. Ich fühle mit ihm.

Auch Herr B ist müde.

Sonntag: Alle Jahre wieder … Für alle, die es sich in diesem Jahr aus gegebenem Anlass nicht persönlich anschauen können:

KW14 - 1

KW14 - 1 (1)

KW14 - 1 (2)

Im Übrigen ein schöner Beweis, dass die Phrase „Danach wird nichts mehr sein wie es war“ Unfug ist.