Woche 17: Nicht ästhetisch unbedenklich, aber meistens sehenswert

Montag: Seit heute dürfen viele Geschäfte wieder öffnen und locken die Menschen in die Stadt. Ob das richtig oder falsch ist – man wird sehen. Vor dem Starbucks am Münsterplatz standen sie Schlange, immerhin im gebotenen Abstand. Obwohl ich mich aufgrund einer nicht zu erklärenden tiefen Abneigung nicht zur Zielgruppe der Kaffeekette gehörig fühle, hatte es doch etwas Tröstliches – solange Menschen bereit sind, für einen überteuerten Kaffee im Pappbecher Schlange zu stehen, kann die Not nicht allzu groß sein.

Auch mich zog es in die Fußgängerzone, gleich zweimal, weil ich beim ersten Mal das Portemonnaie vergessen hatte, man wird nicht jünger. Nicht jünger, sondern älter wurde auch der Liebste, der heute runden Geburtstag feiert. Na ja, vielleicht nicht feiert, aber hat. Ob sein Geschenk, ein bereits im Januar gebuchter dreitägiger Aufenthalt an der Mosel mit Weinverkostung Ende Mai eingelöst werden kann, ist fraglich, auch hier wird man sehen.

Warum heißt das eigentlich „runder Geburtstag“, wenn das doch immer eine gerade Zahl ist?

Dienstag: Aus dem aktuellen SPIEGEL:

„Wie will eine Kanz­le­rin, wie wol­len Prä­si­den­ten und Pre­mier­mi­nis­te­rin­nen, die gan­ze Völ­ker un­ter Haus­ar­rest stel­len kön­nen, den Bür­ge­rin­nen und Bür­gern künf­tig er­klä­ren, dass sie ein schnel­les Ver­bot von Plas­tik­tü­ten lei­der, lei­der nicht hin­be­kom­men?“

Mittwoch: „Weil Ihr Home jetzt mehr Office braucht“, wirbt ein Telekommunikationsanbieter. Ganz bestimmt nicht!

Die gute Nachricht des Tages: Die Kantine hat wieder geöffnet, natürlich nur zum Verzehr außer Haus. Immerhin besser als täglich Bütter- und Äpfelchen.

Auf dem Rückweg vom Werk kam mir ein Omnibus entgegen, dessen Zielanzeige „Cool unterwegs“ lautete. Vielleicht ein Fahrzeug mit Kimaanlage.

Donnerstag: Dank endlich wieder geöffneter Kantine eine warme Mahlzeit zum Mittag (Allgäuer Käsespätzle mit Röstzwiebeln), wenn auch nur zum Mitnehmen in einer unter Umweltaspekten fragwürdigen Aluschale (was immerhin den Arbeitsplatz des Liebsten stützt), aber ich habe sie unter freiem Himmel sehr genossen.

Zum ersten Mal trug ich eine Schutzmaske, wie sie nun im Werk außerhalb der Büros vorgeschrieben ist (was sich augenscheinlich noch nicht bei allen Kollegen herumgesprochen hat, denn in der Kantine sah ich mehrere Unmaskierte), nicht irgendeine, sondern eine vom Geliebten blau gefärbte, durchaus elegant, sofern dieses Attribut hier angebracht ist. Dennoch sehr gewöhnungsbedürftig, weil sofort die Brille beschlägt. Muss das so, oder bin ich nur zu blöd, die Maske richtig zu tragen?

„Ich freue mich sehr auf die neue Herausforderung“, lese ich in einer internen Mitteilung. Warum lösen solche Sätze bei mir sofortige Übelkeit aus?

Ein Kollege ließ uns während einer Skype-Konferenz wissen, er sitze in Unterhose vor dem Rechner. Immer wieder liest man von Videokonferenzen, in denen Kollegen freiwillig Einblicke in ihr privates Umfeld gewähren, was nicht in allen Fällen ästhetisch unbedenklich, aber meistens sehenswert sei. Ich bin dankbar, einem Arbeitgeber zu dienen, bei dem Videokonferenzen (noch?) nicht üblich sind, bislang besprechen wir uns ausschließlich ohne bewegte Bilder. Ich muss die meisten Fratzen auch nicht unbedingt sehen, andere Körperregionen schon gar nicht, von höchst seltenen Ausnahmen abgesehen.

Freitag: Hat Trump wirklich vorgeschlagen, den Infizierten Desinfektionsmittel zu spritzen, um der Virus zu töten, oder habe ich mich nur verhört? Vielleicht sollte man ihm stattdessen Entkalker verabreichen, das nützt ebenfalls nichts, schadet andererseits auch nicht.

Als ich mein Mittagessen (Fischstäbchen mit Kartoffeln und Remoulade) aus der Kantine abholte, klappte das mit der Maske schon besser, ohne beschlagene Brille, wobei ich nicht sagen könnte, was ich heute anders gemacht habe als gestern.

Samstag: Manchmal fällt es einem wie Schuppen aus den Haaren, wie Schmalz aus den Ohren, Tomaten von den Augen, ein Brett vom Kopf oder was auch immer irgendwo heraus- oder herabfallen kann, ich will da jetzt auch nicht zu sehr ins Detail gehen. 2008, das war das Jahr, als ich mit dem Bau meiner Modelleisenbahn begann und nebenbei viel Radio hörte, damals ertrug ich noch den Sender 1Live, erschien das Liedchen „Allein allein“ von Polarkreis 18. Damals wie heute kann ich nicht behaupten, es besonders zu mögen, auch wenn die Jungs recht dekorativ schienen; jedenfalls es gab eine Stelle jeweils in der Strophe, an der ich dachte: Das kenne ich, das haben die geklaut oder jedenfalls geliehen, hören Sie selbst, z.B. ab Minute 0:45:

Und, kommen Sie drauf? Ich nicht, seit nunmehr zwölf Jahren quälte es mich, wann immer ich es hörte. Bis es mir heute endlich einfiel, als mein Hirnradio während kurzen Spazierens dieses spielte:

Da ist es, ab 0:38. Erkennen Sie die Melodie?

Nicht nur die Länge männlicher Geschlechtsteile wird einschlägigen Witzen zufolge häufig von deren Trägern überschätzt. Betrachtet man die Menschen draußen, entsteht der Eindruck, auch ein Meter fünfzig sei viel weniger als bislang angenommen.

Sonntag: Wie ich der Sonntagszeitung entnehme, ist das Wort „Homeoffice“ keineswegs ein englischer Begriff, der das Arbeiten zu Hause bezeichnet. Vielmehr ist es Pseudoenglisch, wie „Handy“, also ein weiterer Beleg für unser Unvermögen oder fehlenden Willen, einen angemessenen deutschen Begriff für etwas zu Bezeichnendes uns auszudenken, als Weltgewandtheit verkleidete Faulheit. „Home Office“ gibt es im Englischen schon, es bedeutet Innenministerium. Wohl nur wenige denken morgens, wenn sie am Küchentisch den Rechner einschalten, an Horst Seehofer. Jedenfalls ist es niemandem zu wünschen. Auch kann es zu witzigen Irritationen führen, wenn man einem Engländer erklärt, man arbeite nun daheim.

Während des Sonntagsspaziergangs sah ich in Poppelsdorf dieses vergessene Plakat:

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Vielleicht lassen sie es auch bewusst hängen, als Erinnerung an eine vergangene Epoche.

Apropos vergangene Epoche: Noch was auf die Ohren gefällig? Die Rolling Stones haben was Neues, das spielen sie sogar auf Radio Nostalgie, wo sonst nur olle Kamellen zu hören sind. Gut, die Jüngsten sind die Herren ja auch nicht mehr.

Woche 45: Sehr zufrieden

Montag: „Everyone‘s a sinner“, las ich letztens, an eine Wand gesprüht. Mit Blick auf die Wahnsinnigen in Pakistan fordere ich ein natürliches Recht auf Gotteslästerung für jedermann, wenn nicht gar die Pflicht dazu.

Apropos Wahnsinnige: Warum wird den Tweets eines Politikers eigentlich immer eine so große Bedeutung beigemessen? Das ist doch zumeist nur hohles Gezwitscher.

Dienstag: Niemand soll behaupten, ich sei nicht bereit, mich für das Wohl des Unternehmens aufzureiben und mein letztes Hemd zu opfern.

„Lösungen für die Lebensqualität im Alltag“, so der Werbespruch unseres Kantinenbetreibers. Zu dessen Unterstreichung gab es heute Metzgerfrikadellen. Nach den sonst angebotenen Schweine-, Rinder-, Geflügel-, Gemüse- und Tofufrikadellen eine willkommene Abwechslung.

Mittwoch: Die Vorfreude auf das bevorstehende Weihnachtsfest ist bereits jetzt allgegenwärtig.

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Auf dem Weg ins Werk kam mir eine Läuferin entgegen, die während des Laufens unentwegt auf ihr Telefon starrte. Ich war kurz versucht, sie anzuschreien: „Merkt ihr es wirklich nicht?“

„Ein leerer Bauch macht böse“, sagt der Kollege. In der Kantine wurde veganes Reisfleisch angeboten. Ein kulinarisches Oxymoron.

Donnerstag: „Du hast wohl keinen Bock auf das Thema“, sagt der Chef. Notiz an mich: Ich muss dringend an meiner Mimik arbeiten.

„Die Bezirksregierungen arbeiten derzeit mit Hochdruck an den Fortschreibungen der Luftreinhaltepläne und prüfen Maßnahmen und Potenziale“, schreibt die Zeitung. Das klingt genau wie das synonym gern genommene „fieberhaft“ immer ein bisschen nach „… haben nicht den leisesten Schimmer einer Idee, wie sie das Problem lösen können“.

Von Luft- zu Stadtreinhaltung. Vorgestern war in der Bonner Altstadt Sperrmüll-Abholung. Heute, auf dem Weg in den Rewe zum Zwecke des Erwerbs von Brot und fünf Nougat-Marzipan-Baumstämmen zur Versüßung des Büroirrsinns lief ich an drei verlassenen Kühlschränken und zwei Monitoren vorbei. Ist das Unwissen, blanke Dummheit oder kalkulierte Ignoranz? Vermutlich letzteres, irgendwer wird das Zeug schon irgendwann beseitigen.

Freitag: Noch einmal Kantine. Heute gab es Gänsekeule mit Knödeln, Rotkohl und Lyrik dazu: „Gans und gar / ist einfach wunderbar“. Ich habe sie trotzdem genommen und war sehr zufrieden.

Sehr zufrieden bin ich auch immer mit meine Lieblingsfrisörin. „Geht das Wasser?“, fragte sie am Abend, während sie mir mit sanfter Hand das Haar wusch. Geht das Wasser? Eine interessante Frage, die sich vielleicht auch der Tourist auf dem Büsumer Seedeich mit Blick auf das Wattenmeer stellt, unsicher ob Ebbe oder Flut.

Eine interessante Frage auch hier: Auf Twitter geschah heute Merkwürdiges. Am 28.10.2009 schrieb ich dort dieses:

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Heute, also neun Jahre und zwölf Tage später, geschah dieses:

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Wie mag Frau Gaukeley auf diesen uralten, mäßig witzigen Tweet gestoßen sein, warum hat sie ausgerechnet den zitiert, und warum gefällt das so vielen? Die digitale Welt ist immer wieder voller Rätsel.

Samstag: Rätselhaft, mit Tendenz zu unbegreiflich, ist auch das Anspruchsdenken eines Ehepaars, das laut Zeitungsbericht ein idyllisch gelegenes Haus im bayrischen Holzkirchen gekauft hat und nun seit drei Jahren gegen Kuhglockengebimmel von der benachbarten Weide klagt. „Auch den Gestank beim Düngen mit Gülle wollen sie nicht mehr dulden – und die auf ihr Grundstück fliegenden Insekten ebenso wenig“, so die Zeitung. Ich bin dafür, dass Menschen, die Häuser neben Kuhweiden, Bahnlinien, Flughäfen und Flüssen kaufen und anschließend wegen Glocken-, Zug-, Flugzeug- beziehungsweise Schiffslärms die Gerichte belästigen, automatisch ihr Eigentumsrecht am erworbenen Grund verlieren und zwangsweise in die schweigende Ödnis der Magdeburger Börde umgesiedelt werden. Wobei ich schon gerne wüsste, wie die Fliegen künftig per Gerichtsurteil von dem Grundstück ferngehalten werden sollen.

Sonntag: Elfter elfter, Karnevals-Sessionseröffnung (nicht nur) auf dem Bonner Marktplatz. Nur mal kurz ein Stündchen kucken gehen, eins, zwei Kölsch, dann wieder nach Hause. Hat dann doch etwas länger gedauert und endete nach einer nur unwesentlich größeren Anzahl Kölsche im Zeughaus der Bonner Ehrengarde. Alaaf!

Thomas Glavinic schreibt in der F.A.S.: „Frische Luft ist der Gestank zwischen zwei Gasthäusern.“

 

Woche 17: Ein Sonntag ohne Blues

Montag: Eigentlich lebt man nur für die Aussicht auf Freitagabend. Dabei sind es oft kleine Aufmerksamkeiten lieber Kolleginnen, welche das Leben auch am Montagmorgen etwas schöner erscheinen lassen.

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Dienstag: Während die Debatte über die Endlagerung von Atommüll noch lange nicht beendet ist, gibt der nun entdeckte Appetit der Wachsmottenraupe auf Polyethylen ein wenig Anlass zur Hoffnung, den weltweiten Plastikmüllberg irgendwann zu schleifen. Darüber gerät die drängende Frage, wohin mit dem Millionen von Portemonnaies verstopfenden Kupfergeld, zu unrecht etwas aus dem Blickfeld.

Mittwoch: Aufgewacht mit einer wunderbaren Morgenschwellung. Das konnte so nicht stehen bleiben. (Die Angst, eine Erektion zu sehen, daran zu denken oder zu haben, heißt übrigens Ithyphallophobie.)

Heute ist der Tag gegen den Lärm. Mancher empfindet ja schon Amselgesang am frühen Morgen als Lärm. Was sind das nur für Menschen? Ansonsten widmete ich mich dem Thema schon.

Donnerstag: Während des Fluges über den Atlantik schied ein Riesenkaninchen aus bislang unbekanntem Grund dahin. Es hieß Simon. Die Fluggesellschaft zeigt sich „betrübt“. Weitgehend geklärt ist indessen die Todesursache mehrerer namenloser Hühner, deren wohlschmeckende Beine heute Mittag in der Kantine gereicht wurden. Davon steht nichts in der Zeitung, auch Peta schweigt bislang.

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Aus: Die Welt Kompakt, 27.4.2017

Freitag: ‚Gigil‘ ist philippinisch und bezeichnet den unwiderstehlichen Drang, jemanden zu kneifen, weil man ihn liebt. Der Drang ist mir sehr vertraut, das Wort war mir indes neu.

Samstag: Erkenntnis des Tages: Neben Schwimmen, Fahrrad fahren und Zauberwürfel ordnen gehört offenbar auch Trompete spielen zu den Dingen, die man nie verlernt.

Sonntag: Ein Sonntag wie im Bilderbuch mit Sonne, Biergarten, Balkon und, dank Feiertag, ohne den Sonntagnachmittagsblues ob des dräuenden Gewölks einer neuen Arbeitswoche. – Im Zusammenhang mit nordkoreanischen Raketenspielen schreibt die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: „In Tokio wurde am Morgen die U-Bahn für zehn Minuten angehalten, um sicherzustellen, dass von dem Angriff keine Gefahr drohte.“ Demnach können in Tokio also Raketen nur einschlagen, solange die U-Bahn in Betrieb ist. Dieser Zusammenhang war mir bislang so nicht bekannt.