Woche 45: Sehr zufrieden

Montag: „Everyone‘s a sinner“, las ich letztens, an eine Wand gesprüht. Mit Blick auf die Wahnsinnigen in Pakistan fordere ich ein natürliches Recht auf Gotteslästerung für jedermann, wenn nicht gar die Pflicht dazu.

Apropos Wahnsinnige: Warum wird den Tweets eines Politikers eigentlich immer eine so große Bedeutung beigemessen? Das ist doch zumeist nur hohles Gezwitscher.

Dienstag: Niemand soll behaupten, ich sei nicht bereit, mich für das Wohl des Unternehmens aufzureiben und mein letztes Hemd zu opfern.

„Lösungen für die Lebensqualität im Alltag“, so der Werbespruch unseres Kantinenbetreibers. Zu dessen Unterstreichung gab es heute Metzgerfrikadellen. Nach den sonst angebotenen Schweine-, Rinder-, Geflügel-, Gemüse- und Tofufrikadellen eine willkommene Abwechslung.

Mittwoch: Die Vorfreude auf das bevorstehende Weihnachtsfest ist bereits jetzt allgegenwärtig.

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Auf dem Weg ins Werk kam mir eine Läuferin entgegen, die während des Laufens unentwegt auf ihr Telefon starrte. Ich war kurz versucht, sie anzuschreien: „Merkt ihr es wirklich nicht?“

„Ein leerer Bauch macht böse“, sagt der Kollege. In der Kantine wurde veganes Reisfleisch angeboten. Ein kulinarisches Oxymoron.

Donnerstag: „Du hast wohl keinen Bock auf das Thema“, sagt der Chef. Notiz an mich: Ich muss dringend an meiner Mimik arbeiten.

„Die Bezirksregierungen arbeiten derzeit mit Hochdruck an den Fortschreibungen der Luftreinhaltepläne und prüfen Maßnahmen und Potenziale“, schreibt die Zeitung. Das klingt genau wie das synonym gern genommene „fieberhaft“ immer ein bisschen nach „… haben nicht den leisesten Schimmer einer Idee, wie sie das Problem lösen können“.

Von Luft- zu Stadtreinhaltung. Vorgestern war in der Bonner Altstadt Sperrmüll-Abholung. Heute, auf dem Weg in den Rewe zum Zwecke des Erwerbs von Brot und fünf Nougat-Marzipan-Baumstämmen zur Versüßung des Büroirrsinns lief ich an drei verlassenen Kühlschränken und zwei Monitoren vorbei. Ist das Unwissen, blanke Dummheit oder kalkulierte Ignoranz? Vermutlich letzteres, irgendwer wird das Zeug schon irgendwann beseitigen.

Freitag: Noch einmal Kantine. Heute gab es Gänsekeule mit Knödeln, Rotkohl und Lyrik dazu: „Gans und gar / ist einfach wunderbar“. Ich habe sie trotzdem genommen und war sehr zufrieden.

Sehr zufrieden bin ich auch immer mit meine Lieblingsfrisörin. „Geht das Wasser?“, fragte sie am Abend, während sie mir mit sanfter Hand das Haar wusch. Geht das Wasser? Eine interessante Frage, die sich vielleicht auch der Tourist auf dem Büsumer Seedeich mit Blick auf das Wattenmeer stellt, unsicher ob Ebbe oder Flut.

Eine interessante Frage auch hier: Auf Twitter geschah heute Merkwürdiges. Am 28.10.2009 schrieb ich dort dieses:

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Heute, also neun Jahre und zwölf Tage später, geschah dieses:

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Wie mag Frau Gaukeley auf diesen uralten, mäßig witzigen Tweet gestoßen sein, warum hat sie ausgerechnet den zitiert, und warum gefällt das so vielen? Die digitale Welt ist immer wieder voller Rätsel.

Samstag: Rätselhaft, mit Tendenz zu unbegreiflich, ist auch das Anspruchsdenken eines Ehepaars, das laut Zeitungsbericht ein idyllisch gelegenes Haus im bayrischen Holzkirchen gekauft hat und nun seit drei Jahren gegen Kuhglockengebimmel von der benachbarten Weide klagt. „Auch den Gestank beim Düngen mit Gülle wollen sie nicht mehr dulden – und die auf ihr Grundstück fliegenden Insekten ebenso wenig“, so die Zeitung. Ich bin dafür, dass Menschen, die Häuser neben Kuhweiden, Bahnlinien, Flughäfen und Flüssen kaufen und anschließend wegen Glocken-, Zug-, Flugzeug- beziehungsweise Schiffslärms die Gerichte belästigen, automatisch ihr Eigentumsrecht am erworbenen Grund verlieren und zwangsweise in die schweigende Ödnis der Magdeburger Börde umgesiedelt werden. Wobei ich schon gerne wüsste, wie die Fliegen künftig per Gerichtsurteil von dem Grundstück ferngehalten werden sollen.

Sonntag: Elfter elfter, Karnevals-Sessionseröffnung (nicht nur) auf dem Bonner Marktplatz. Nur mal kurz ein Stündchen kucken gehen, eins, zwei Kölsch, dann wieder nach Hause. Hat dann doch etwas länger gedauert und endete nach einer nur unwesentlich größeren Anzahl Kölsche im Zeughaus der Bonner Ehrengarde. Alaaf!

Thomas Glavinic schreibt in der F.A.S.: „Frische Luft ist der Gestank zwischen zwei Gasthäusern.“

 

Woche 17: Ein Sonntag ohne Blues

Montag: Eigentlich lebt man nur für die Aussicht auf Freitagabend. Dabei sind es oft kleine Aufmerksamkeiten lieber Kolleginnen, welche das Leben auch am Montagmorgen etwas schöner erscheinen lassen.

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Dienstag: Während die Debatte über die Endlagerung von Atommüll noch lange nicht beendet ist, gibt der nun entdeckte Appetit der Wachsmottenraupe auf Polyethylen ein wenig Anlass zur Hoffnung, den weltweiten Plastikmüllberg irgendwann zu schleifen. Darüber gerät die drängende Frage, wohin mit dem Millionen von Portemonnaies verstopfenden Kupfergeld, zu unrecht etwas aus dem Blickfeld.

Mittwoch: Aufgewacht mit einer wunderbaren Morgenschwellung. Das konnte so nicht stehen bleiben. (Die Angst, eine Erektion zu sehen, daran zu denken oder zu haben, heißt übrigens Ithyphallophobie.)

Heute ist der Tag gegen den Lärm. Mancher empfindet ja schon Amselgesang am frühen Morgen als Lärm. Was sind das nur für Menschen? Ansonsten widmete ich mich dem Thema schon.

Donnerstag: Während des Fluges über den Atlantik schied ein Riesenkaninchen aus bislang unbekanntem Grund dahin. Es hieß Simon. Die Fluggesellschaft zeigt sich „betrübt“. Weitgehend geklärt ist indessen die Todesursache mehrerer namenloser Hühner, deren wohlschmeckende Beine heute Mittag in der Kantine gereicht wurden. Davon steht nichts in der Zeitung, auch Peta schweigt bislang.

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Aus: Die Welt Kompakt, 27.4.2017

Freitag: ‚Gigil‘ ist philippinisch und bezeichnet den unwiderstehlichen Drang, jemanden zu kneifen, weil man ihn liebt. Der Drang ist mir sehr vertraut, das Wort war mir indes neu.

Samstag: Erkenntnis des Tages: Neben Schwimmen, Fahrrad fahren und Zauberwürfel ordnen gehört offenbar auch Trompete spielen zu den Dingen, die man nie verlernt.

Sonntag: Ein Sonntag wie im Bilderbuch mit Sonne, Biergarten, Balkon und, dank Feiertag, ohne den Sonntagnachmittagsblues ob des dräuenden Gewölks einer neuen Arbeitswoche. – Im Zusammenhang mit nordkoreanischen Raketenspielen schreibt die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: „In Tokio wurde am Morgen die U-Bahn für zehn Minuten angehalten, um sicherzustellen, dass von dem Angriff keine Gefahr drohte.“ Demnach können in Tokio also Raketen nur einschlagen, solange die U-Bahn in Betrieb ist. Dieser Zusammenhang war mir bislang so nicht bekannt.