Woche 10/2022: Unheilstöbern und ein Lichtblick in diesen an Lichtblicken armen Zeiten

Montag: „Nicht jedes Problem ist der Nagel, nur weil ich gerade den Hammer in der Hand habe“, sagte einer während einer Präsentation. Ein sehr schöner Satz, auch wenn ich ihn nicht verstehe.

Wahre Spezialisten für Probleme und ihre Lösungen sind bekanntlich Unternehmensberater, auch für Probleme, Verzeihung: Issues oder Herausforderungen, die erst mit Befall der Werksflure durch die dunkel Beanzugten beziehungsweise Kostümierten entstanden sind. Wie heute zu lesen war, zieht sich nun auch McKinsey aus Russland zurück. Die negativen Auswirkungen auf den Wahnsinnigen und sein Land dürften überschaubar bleiben.

Übrigens wandelt sich Putin in der Berichterstattung immer mehr vom Präsidenten zum Machthaber. Auch das dürfte ihn wenig beeindrucken.

Ein Lichtblick in diesen an Lichtblicken armen Zeiten: „Zum hier essen?“ – „Ja gerne.“ Wie sich bereits in der vergangenen Woche abzeichnete, darf man seit heute wieder in der Kantine essen. Bitte denken Sie sich hier das Bild einer männlichen Person mittleren Alters, die mit dem Ausdruck kindlichen Glücks ihr Dessert auslöffelt.

Dienstag: Wir haben die beste aller Schwiegermütter auf ihrem letzten Weg begleitet. Ich bin nicht (mehr) religiös genug, um zu glauben, sie sei nun an einem besseren Ort. Aber wer weiß, vielleicht liest sie das hier und lässt kurz einen Stern aufleuchten.

Die Beisetzungsfeier war sehr schön, sofern man Beisetzungen mit diesem Attribut versehen kann und darf. Die Musik kam aus der Konserve, da zur Vermeidung der Virenverteilung weiterhin nicht gesungen werden darf. Eine gute Alternative, spontan fielen mir zwei Lieder für meine eigene Verabschiedung ein; dazu werde ich gelegentlich eine kleine Liste erstellen.

Mittwoch: Die Launen des Menschen wechseln bisweilen wie das Wetter. Nur gibt es für letzteres einigermaßen verlässliche Vorhersagen.

Nun kaufen die Menschen statt Klopapier massenhaft Jodtabletten, auch besteht offenbar großes Interesse an Atombunkern, angeblich kann man Plätze darin gar für fünfstellige Beträge bei eBay erwerben. Als ob das irgendetwas nützen würde.

Nützt auch nichts, dennoch freut sich der Chronist:

Donnerstag: Während ich in der Kantine nach längerer Zeit mal wieder Kollegen S. traf und mit ihm kurz Höflichkeiten austauschte, dachte ich: Der ist ja gealtert. Ähnliches dachte er vermutlich über mich.

Ein mir neues Wort gelesen: „Doomscrolling“, auf Deutsch in etwa „Unheilstöbern“. Es bezeichnet die Angewohnheit, im Netz vor allem die Katastrophenmeldungen wahrzunehmen, mit allen negativen Folgen für die Psyche. Derart Stöbernde sind zurzeit sicher gut beschäftigt.

Freitag: Ein anderes Wort las ich in der aktuellen Ausgabe der PSYCHOLOGIE HEUTE: „Talkoholics“. Es bezeichnet solche, die keine Hemmungen kennen, ihre Mitmenschen um den Verstand zu quatschen. Sicher fällt dazu auch Ihnen mindestens eine Person aus Ihrem beruflichen oder persönlichen Umfeld ein.

Dieses Spritpreisgejammer nervt. Wem es zu teuer ist, fahre einfach weniger Auto oder, wenn das angeblich nicht möglich ist, wenigstens langsamer. „Aber meine Freiheit … mimimimi…“

Gelesen bei Frau Novemberregen: »Der 12.3. ist ein Datum, auf das ich mich seit dem 7.2. freue und da kam es mir noch extrem weit weg vor, ich dachte, am 12.3. sei sicher schon alles irgendwie anders – ist es natürlich auch, aber ich dachte anders-besser nicht anders-schlechter. Ich muss exakter denken.«

Samstag: Die liebe Freiheit – Mallorca erwartet eine baldige Rückkehr der Touristen in großer Zahl. Plakate in der Stadt werben wieder für Partys und Veranstaltungen, ohne den darüber geklebten Hinweis auf eine Verschiebung um einige Monaten oder ins nächste Jahr. Fußgängerzone und Lokale sind voller Menschen. In einer Woche sollen trotz steigender Zahlen und ständig erneuerter Rotwarnung in der Corona-App fast alle Beschränkungen aufgehoben werden. – Was jetzt als „Rückkehr zur Freiheit“ und „Freedom Day“ gefeiert wird, fühlt sich für mich gerade so falsch an wie sich nur etwas falsch anfühlen kann. Aber wahrscheinlich sehe ich mal wieder alles viel zu pessimistisch.

Apropos Partys – Immer häufiger ist „Hobbies“ und „Parties“ zu lesen ist, wenn Hobbys und Partys gemeint sind, was zu beanstanden mir fern liegt. Vielmehr ist zu erwarten, dass das schon bald die korrekte Schreibweise sein wird, warum auch nicht, so wie die roten die braunen Eichhörnchen verdrängen (oder umgekehrt, ich weiß es gerade nicht). Indes las ich bereits mehrfach „Dixieklo“, was nur dann akzeptabel ist, wenn statt der bekannten blauen Bedürfniszellen öffentliche WC-Anlagen mit regelmäßigen Jazzveranstaltungen gemeint sind oder Toiletten, die beim Anheben des Deckels Banjomusik abspielen. Sonst eher nicht.

Sonntag: O ihr Verdammten, versklavt durch eure Datengeräte! Wundert ihr euch wirklich, wenn eure Kinder komisch werden und nicht mehr mit euch sprechen?

***

Haben Sie eine angenehme Woche voller Lichtblicke und möglichst wenig Unheil und Issues.

3 Gedanken zu “Woche 10/2022: Unheilstöbern und ein Lichtblick in diesen an Lichtblicken armen Zeiten

  1. Hans-Georg März 14, 2022 / 11:12

    Wenn ich solche Mütter sehe, möchte ich ihnen am liebsten die Handies (!) aus der Hand reißen und ihnen sagen, dass sie sich mit ihren Kindern beschäftigen sollen. Es ist schlimm. Irgendwann wird die Evolution es hinbekommen, dass man gleich mit dem Handy in der Hand geboren wird.

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  2. Thomas März 19, 2022 / 12:54

    Glückwunsch zur 100.000! Ich habe gestern die Benachrichtigung zu 5 Likes bekommen. Das war auch eine Überraschung. Hihi

    Gefällt 1 Person

    • stancerbn März 19, 2022 / 14:30

      Vielen Dank! Wobei sich die 100.000 Aufrufe auf sieben Jahre erstrecken, deine 5 Sternchen auf einen Eintrag. Auf sieben Jahre hochgerechnet käme da einiges zusammen.

      Gefällt 1 Person

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