Woche 23: Wenn aus Nichtdürfen wieder Müssen wird

Montag: Vergangene Nacht erlitt ich im Traum einen akuten Arbeitsanfall: Als ich nach vier arbeitsfreien Tagen ins Büro kam, herrschte unübersichtliche Hektik. Die dringend anstehenden Aufgaben türmten sich, alle schrien durcheinander, ständig wollte einer was von mir, per Mail, Telefon, Skype und persönlich. Der Absturz eines von mir fachlich verantworteten IT-Systems erforderte sofortiges Handeln, nur hatte ich keine Idee, was genau zu tun war. Die, die es wussten waren nicht erreichbar; die erreichbar waren, wussten es nicht. Erst am frühen Abend, nachdem es mir gelungen war, Skype, dieses verdammte zentrale Nervsystem, zu deaktivieren, konnte ich endlich beginnen, die ersten Mails einigermaßen in Ruhe zu lesen. – Dagegen zeigte sich die Wirklichkeit heute freundlich: Die Systeme liefen rund, die anstehenden Aufgaben und Termine hielten mich in konstanter, jedoch nicht hektischer Beschäftigung. Trübe war nur der Himmel, mein Gemüt hingegen geradezu sonnig. Solche Montage gibt es zum Glück auch ab und zu.

Vielleicht lag es auch an dem Geschmacksverstärker im Kaffee, den der Geliebte morgens gereicht hatte.

Gelesen in einer Mail: „Das Thema nimmt Pfad auf.“ Such, Thema, such … fein machst du das.

Dienstag: Die Stadt Bonn erlaubt Gaststätten, zur Fußball-Europameisterschaft die Spiele über Außenbildschirme zu zeigen, allerdings nur ohne Ton. Dann kann ja nichts schief gehen.

Im Rheinauenpark war mittags wieder richtig was los, auch weitgehend geräuschlos:

Mittwoch: Ich lese gerade, Fußballkucken soll in Bonn nun doch mit Ton möglich sein. Anscheinend haben sie es gemerkt. Im Übrigen ist es egal, ob ich es mir mit oder ohne Geräusche nicht anschaue.

Gehört in einer Besprechung: „Das ist ein potentieller Fuck Up.“ Kommt demnächst auf die Liste.

Donnerstag: Vergangene Woche berichtete ich von der Freiluft-Bildergalerie am Rhein. Heute Morgen hingen immerhin noch siebzehn Bilder an den Lampenmasten, das sind ungefähr siebzehn mehr, als ich erwartet hätte.

Zu den fehlenden Bildern lesen Sie bitte hier:

Den Unmut des Fotografen und Initiators verstehe ich völlig, gleichwohl war nichts anderes zu erwarten. Menschen sind leider so.

Und auch so: Auf dem Rückweg vom Werk kam mir mal wieder eine junge Mutter entgegen, die, während sie ihre Nachzucht im Kinderwagen augenscheinlich gelangweilt vor sich herschob, ihre ganze Aufmerksamkeit dem Datengerät widmete. Trotz antinatalistischer Grundeinstellung empfinde ich bei solchen Anblicken stets eine deprimierende Wut. Was wird aus diesen Kindern mal? Für solche Eltern fordere ich eine Digitalsperre.

Viele haben statt Kindern Katzen. Abends mitgehört: „Meine Katze wundert sich, wenn ich im Hellen ins Bett gehe.“ – „Wie alt ist die denn jetzt?“ – „Mindestens fünfundzwanzig Jahre oder mehr. Die hatte ich schon in den Siebzigern.“

Früher, Sie wissen schon, vor C, stand donnerstagabends eine regelmäßige Vereinspflicht an, die mir schon damals zunehmend lästig erschien. Heute schrieb ich einen Brief, der mich auch künftig von dieser Pflicht befreit, wenn demnächst aus Nichtdürfen wieder Müssen wird.

Freitag: Letzter Arbeitstag, von nun an zwei Wochen Urlaub, gleichsam eine fünfzehngliedrige Samstagskette liegt vor mir. Eine größere Urlaubsreise ist nicht geplant, etwas in mir sträubt sich (noch?) dagegen, flüstert mir zu, es sei zu früh dafür, so sehr ich Südfrankreich auch vermisse. Stattdessen habe ich eine kleine Liste angelegt mit schönen Dingen, die ich in den kommenden Tagen zu tun beabsichtige: drei Wanderungen in näherer Umgebung, Besuch der Mutter in Bielefeld, den Lieblingsort am Rheinufer aufsuchen, Lesen, Schreiben. Und eine Impfung, die natürlich keines Urlaubstages bedarf, nur zufällig auf einen fällt. Wir werden sehen, welche Listeneinträge in zwei Wochen abgehakt sein werden.

Ich bin übrigens ein großer Freund von Regeln. Sie ermöglichen erst das Zusammenleben, jedenfalls wenn sich alle oder wenigstens möglichst viele daran halten. Sie sehen in mir einen überzeugten Regelfan. Doch alles hat Grenzen. Etwa Fußgängerampeln: Sie erführen wesentlich mehr Beachtung, wenn es innerhalb einer Grünphase gelänge, eine Straße komplett zu überqueren und nicht nur die Hälfte bis zur Mittelinsel, wo man erneut die Taste berühren und warten muss. Wie die Ampel in Werksnähe, die mich regelmäßig zum Regelbruch veranlasst. Liebe Verkehrsplaner, so Sie denn hier lesen, darüber bitte mal nachdenken, vielen Dank.

Samstag: Besorgungen erforderten einen kurzen Aufenthalt in der menschengefüllten Fußgängerzone. So sehr mich wieder geöffnete Trinkstätten freuen, so sehr irritiert mich in einigen davon die enge Anordnung von Tischen und Stühlen, wo man wie vor C nahe Rücken an Rücken sitzt. Warum lässt man den Wirten das durchgehen? Am meisten wunderte mich übrigens wieder die lange Schlange vor dem Laden, wo sie sogenannten Bubble Tea ausschenken.

Nachmittags erreichte uns die Einladung einer Freundin zu ihrer Geburtstagsfeier Anfang Juli. Mit einer größeren Anzahl Menschen im Inneren eines Restaurants. So sehr ich sie mag und gerne wiedersehen möchte – es geht nicht, noch nicht. Siehe gestern.

Sonntag: Ob ich das jemals wieder kann? Oder überhaupt will?

Woche 22: Liebestolle Frösche und Anlass zum Sektverzehr

Montag: „In Wipperfürth gibt es keine queere Szene“, steht in der Zeitung. Das ist bedauerlich.

Abgesehen von einer weitgehend unbegründeten, diffusen Todessehnsucht gegen Mittag verlief der Tag ansonsten ohne erwähnenswerte Ereig- und Erkenntnisse. Also nichts, was sich mit einem Glas Rotwein am Abend nicht beheben ließe.

Was überleitet auf das neue Sammelgebiet des Geliebten: Liköre als Kaffeezusatz. Seitdem freut er sich wieder, wenn ich abends nach Hause komme.

Später auf dem Balkon sah ich eine kleine Fliege in meinem Weinglas ertrinken. Von den möglichen Todesursachen neben Totlachen wohl nicht die unangenehmste.

Dienstag: Zu den in Bonn immer noch ungewöhnlich hohen Inzidenzwerten erklärt die Stadtverwaltung: „Bei den täglichen Fallzahlen der Neuinfizierten von weniger als 50 Personen im Vergleich zur Bevölkerungszahl von etwa 330 000 haben kleine Schwankungen bei den Meldungen große Auswirkungen auf die Inzidenz: Eine zusätzliche Fallzahl von 24 Personen pro Tag an sieben Tagen macht eine Steigerung der Inzidenz von plus 50 aus.“ Wie wenn die Bahn die Gründe für ihre Unpünktlichkeit so erklärte: „Wenn zehn Züge zwanzig Minuten später im Zielbahnhof eintreffen, entsteht schnell eine Verspätung von zweihundert Minuten.“ #ahja

Das Mittagessen nahm ich auf einer Bank am Teich hinter dem Mutterhaus zu mir, wo liebestolle Frösche in großer Zahl um die Wette quakten. Das war sehr schön.

Mittwoch: Schon wieder Freitag. Da ich normalerweise donnerstags zu Fuß ins Werk wandele, was morgen wegen des Feiertages nicht möglich oder jedenfalls nicht sinnvoll ist, ging ich bereits heute. Am Rheinufer entdeckte ich dabei auf die Freiluft-Gallerie des Fotografen Till Eitel, der über eine längere Strecke Fotos aus Paris an Laternenpfählen angebracht hat; gleichsam Paris am Rhein:

Weitere Informationen dazu entnehmen Sie folgender Tafel:

Falls Ihr Interesse geweckt ist, sollten Sie sich beeilen, ehe die üblichen Idioten alle Bilder entfernt oder zerstört haben. Wie nicht anders zu erwarten, habe sie damit bereits begonnen. Warum nur liegt es offensichtlich in der menschlichen Natur, Dinge mutwillig und sinnlos kaputt zu machen?

Ansonsten können Sie sich die Bilder, auch die bereits fehlenden, bequem vom Sofa aus hier anschauen.

Am frühen Abend erreichte den Liebsten eine gute Nachricht, die Anlass zum Sektverzehr bot. Gut, ohne diese hätten wir vermutlich auch Sekt getrunken, allein schon wegen des vorgezogenen Wochenendes, aber so war es noch notwendiger.

Donnerstag: Irgendwas mit dem Leib Christi. Als Religionsschmarotzer nehme ich den arbeitsfreien Tag gerne an und danke dem Papstkonzern sehr dafür.

Wie man hört, werden dieser Tage wieder Grills „angeschmissen“, womit und warum auch immer. Was haben sie den Menschen getan?

Dazu passend die folgende Frage, die zufällig mein Ohr streifte: „Eine Schmeißfliege – wirft die eigentlich irgendwas, oder heißt die nur so?“

Freitag: Mittags war ich beim Friseur, nicht weil es dringend nötig gewesen wäre, sondern weil seit dem letzten Besuch vier Wochen vergangen sind. Manches tut man ja vor allem, weil der Kalender es vorschreibt, denken Sie an Weihnachten, das uns zum Glück nur einmal im Jahr zwingt, Teile der menschlichen Vernunft, an deren Existenz ich nicht nur wegen Weihnachten zunehmend zweifle, ich schweife etwas ab, außer Kraft zu setzen. Es ist ein größerer Friseursalon mit zahlreichen Friseurinnen und nicht ganz so vielen Friseuren, die darin ihr Handwerk ausüben, die meisten mit Tätowierungen, teilweise sehr lustigen Namen und einer Preisspanne zwischen neunundzwanzig und einundvierzig Euro, wobei ich nicht behaupten kann, mich von den Teuren besser frisiert zu fühlen als von den Günstigeren. Nachdem meine langjährige, nur geringfügig tätowierte Stammfriseurin, Frau U, seit ein paar Jahren nicht mehr dort arbeitet, bin ich auf der Suche nach einer neuen Stammkraft. Aber ach, wenn immer ich mich an eine gewöhnt hatte, verließ sie kurz darauf das Geschäft, wurde schwanger, solche Sachen halt, es lag hoffentlich nicht an mir. (Die Schwangerschaften ganz sicher nicht.) Heute bediente mich Herr M, ein jüngerer Friseur. Bevor er mir mit der Schermaschine zu Leibe rückte, steckte er rätselhafte Klemmen in mein Deckhaar, wozu auch immer, ich habe ihn nicht danach gefragt und voll auf sein Können vertraut. Und ich wurde nicht enttäuscht – er redete nicht Unnötiges, fragte nicht nach meinen Wochenendplänen, frisierte konzentriert mit zufriedenstellendem Ergebnis. Und günstig war er auch. Bei dem bleibe ich gerne, falls auch er länger bleibt. Wenigstens wird er voraussichtlich nicht schwanger.

Übrigens benötigt man für einen Friseurtermin keinen negativen Covid-Test mehr, für einen Biergartenbesuch schon. Es vereinfacht das Leben oft sehr, wenn man nicht danach strebt, alles zu verstehen. Das gilt für Haarklemmen wie für Testregelungen.

Samstag: Meinen ersten #WMDEDGT-Beitrag finden Sie hier zur gefälligen Kenntnisnahme. Alles Weitere zum Tag dorten.

Sonntag: Und auf einmal sind sie alle wieder da, die Menschen und ihre Autos, es wird einige Zeit dauern, bis ich mich daran wieder gewöhnt habe, eigentlich möchte ich das gar nicht. Am meisten von allen verachte ich – da wiederhole ich mich, sehen Sie es mir nach – diese bärtigen, zumeist migrationshintergründigen PS-Äffchen, die mit ihren albernen Knallkarren völlig sinnlos durch die Innenstadt brausen und sich dabei vermutlich untenrum gut bestückt vorkommen. Sollte das rassistisch sein, so bin ich wohl ein Teil-Rassist, sei es drum. Lange Zeit dachte ich, ich könnte Menschen nicht deshalb verachten, weil sie Dinge tun, die ich nicht oder anders tun würde. Heute weiß ich: Doch, ich kann. Vielleicht ist der Sinn des Sausens auch ähnlich dem des Froschquakens, nur bei weitem nicht so schön. PS-Fröschchen statt -Äffchen, was meine Verachtung nicht geringer macht. Mögen sie zur Hölle fahren.

Die Woche begann mit Todesbetrachtungen, so soll sie auch enden. Aus der F.A.S.: „Zumal ja eine Beerdigung infolge des Ablebens eine alte, bewährte Form des Recyclings ist, die als außerordentlich nachhaltig bezeichnet werden kann.“

Ich wünsche Ihnen eine angenehme neue Woche ohne Gedanken an das Ende, allenfalls ans Wochenende!

#WMDEDGT die Erste

Seit geraumer Zeit ruft Frau Brüllen jeweils am fünften des Monats dazu auf, niederzuschreiben, was man an diesem Tag gemacht hat, deshalb heißt die Aktion „Was machst du eigentlich den ganzen Tag?“, kurz #WMDEDGT, womit für alle, die davon noch nicht hörten denn lasen, die Überschrift dieses Aufsatzes geklärt ist, jedenfalls der erste Teil. Der zweite klärt sich auch schnell: Erstmals folge auch ich diesem Aufruf. Ob ich das von nun an regelmäßig tun werde, weiß ich noch nicht, ist ja auch immer ein bisschen eine Zeit- und Lustfrage. Nun denn:

Zum ersten Mal stand ich heute um kurz nach sechs auf, nachdem der Blasenwecker angeschlagen hatte. Das nehme ich ihm nicht übel, liebe ich es doch sehr, anders als an Werktagen nach vollzogener Verrichtung noch einmal das nachtwarme Tuch aufzusuchen und auf weitere Träume hoffen zu dürfen.

Endgültig wach wurde ich gegen neun, blieb indes noch liegen, weil die heimische Wochenend-Badordnung mich an letzter Stelle vorsieht, was nicht zu beklagen ist. Die Stunde, bis ich dran bin, nutze ich mit Lektüre der Tageszeitung, die man heutzutage nicht mehr aus dem Briefkasten holen muss, wo sie ein bedauernswerter Bote zu nachtschlafender Zeit einlegte, sondern bequem auf das Tablet lädt.

Nach dem Frühstück erfolgte der wöchentliche Gang zum Altglascontainer und die Einlieferung eines Retourenpakets des Geliebten, das ich kurzerhand einem Paketzusteller übergab, auf den ich in der Fußgängerzone traf. Einer relativ spontanen Eingebung folgend suchte ich danach das Geschäft des bekannten Händlers auf, bei dem es sie noch gibt, die guten Dinge, der hier in Bonn eine Filiale betreibt. Vorgeschichte dazu: Kürzlich verliebte ich mich im Katalog des Händlers in eine Uhr, die perfekt alle Kriterien erfüllt, die ich an eine Uhr stelle – erstens schlicht vom Design, zweitens mechanisch. Die wollte ich mir wenigstens mal anschauen, man muss ja nicht gleich …, und vielleicht sprach sie mich im Original gar nicht so sehr an wie auf dem Katalogbild; wer schon mal über ein Online-Anbahnungsportal mit jemandem in Kontakt getreten ist und ihn anschließend in echt getroffen hat, weiß vielleicht, was ich meine. Nun betone ich ja immer gerne, für die Verlockungen der Konsumwelt wenig anfällig zu sein, mir grundsätzlich nur das zu kaufen, was ich wirklich benötige, und eine neue Uhr gehört nicht dazu. Andererseits, die letzte Uhrenanschaffung liegt Jahre zurück, also rein in den Laden. Nachdem ich den letzten Warenkorb am Eingang gegriffen hatte, kein Eintritt ohne Warenkorb, Sie wissen schon, warum, fand ich die Uhr bald in einer Vitrine mich anlächelnd, ach was: anstrahlend. Ein freundlicher Mitarbeiter holte sie für mich heraus, ich durfte sie anlegen (oder anziehen, wie man hier im Rheinland sagt), spätestens da war es um mich geschehen. Man kann ja auch ich nicht immer nur sparen, das letzte Hemd hat … Sie wissen schon. Letzte Hürde war die PIN meiner Kreditkarte, die ich mit einiger Mühe aus entlegenen Hirnwindungen hervorkramen musste, da ich die äußerst selten benötige. Dank einer Mnemotechnik, die ich mir vor vielen Jahren aneignete und auf die ich jetzt nicht weiter eingehen möchte – nur soviel: Man verbindet Zahlen mit Wörtern – fielen mir nach kurzem, intensiven Nachdenken, was an einer Ladenkasse mit weiteren Kunden dahinter nicht so einfach ist, schließlich die Wörter ein, aus denen die PIN abzuleiten war.

Sehen Sie selbst: Ist sie nicht schön?

Nach Rückkehr lag im Briefkasten der erwartete Brief der Bank, bei der wir die Baufinanzierung unserer Wohnung abgeschlossen haben. Oder seit heute: hatten, denn der übersandte Kontoauszug weist eine Restschuld von 0,00 Euro aus. Ein sehr erfreulicher, wichtiger Brief.

Am frühen Nachmittag brachte ich Bücher in zwei öffentliche Bücherschränke, Kochbücher, zum Teil riesengroß, die überflüssig geworden waren, weil der Geliebte den Platz in der Küchenanrichte für neues Geschirr benötigt. Die restlichen Bücher bringe ich dann morgen in weiter entfernte Schränke, nachdem die beiden in unmittelbarer Nähe vorerst keine Aufnahmekapazität mehr aufweisen.

Der Paketzusteller – zufällig derselbe, dem ich vormittags das Paket überließ – brachte am Nachmittag ein weiteres, technisch durchaus interessantes Kaffeekochgerät, das der Geliebte bestellt hatte. Damit verfügt dieser Haushalt nun über mehr Geräte zur Kaffeezubereitung als Kochbücher.

Den weiteren Nachmittag verbrachte ich auf dem Balkon, lesend: den Rest der Tageszeitung, die samstags sehr umfangreich ist, und die Blogs, denen ich folge. Zudem habe ich mich bei Mister Linky registriert, um diese Tagesschau später bei Frau Brüllen verlinken zu können.

Unterdessen zeigte sich das Wetter sehr wechselhaft, mal sonnig-warm, mal bedeckt-windig, was mich als gänsehautaffinen Menschen dazu trieb, mehrfach die Jacke an- und wieder auszuziehen, ich bin da sehr empfindlich, früher sagte man dazu auch „mädchenhaft“, was wohl heute nicht mehr so gerne gehört und gelesen wird – bis es mir schließlich zu kalt wurde und ich die weitere Lektüre ins Wohnzimmer verlegte.

Es ist nun 20 Uhr, viel mehr werde ich heute voraussichtlich nicht mehr machen. Der Grill auf dem Balkon grillt bereits vor sich hin, in Kürze werden wir am Tisch sitzen, vom Liebsten Gegrilltes essen und ein Glas erheben auf den Brief der Bank.

Das war mein erstes #WMDEDGT, als nächstes werde ich versuchen, das mit der Verlinkung hinzubekommen. Darauf trinke ich dann vielleicht auch noch ein Glas, damit es auch am kommenden Samstag wieder einen Grund gibt, zum Altglascontainer zu gehen.

Woche 21: Worte und Wünsche

Montag: Während das Pfingstwunder uns einen arbeitsfreien Tag schenkt, wundere ich mich über eine technische Neuerung in unserem Haushalt. Seit gestern wird das Licht im Bad per Bewegungsmelder gesteuert, warum auch immer. Für längere Verrichtungen bedeutet dies, immer in Bewegung zu bleiben, möchte man sie nicht im Dunkeln verrichten. Wobei das immer noch besser ist, als jedes Mal, wie jetzt schon bei der Beschallung von Küche und Wohnzimmer, mit der begriffsstutzigen Siri diskutieren zu müssen. Und doch frage ich mich, was an klassischen Lichtschaltern so verkehrt sein soll.

Beim Spaziergang kam ich an einem Maibaum vorbei, der laut Herzchenbeschriftung für „T T“ aufgestellt worden ist. Zur Ehrenrettung des Verehrers wollen wir annehmen, die Angebetete heißt Thekla-Tanja oder Tamara-Tabea, und der Birkenschmuck ist nicht nur ausgewählten Körperteilen der Dame gewidmet.

Dienstag: Kälte und Regen lähmen heute ein wenig die Lust auf detaillierte Schilderung der Tagesbeobachtungen und -ereignisse. Immerhin – der Regen legte erst nach Ankunft im Werk los und endete vorübergehend kurz vor der Rückfahrt. Auch über Mittag pausierte er und ermöglichte mir, unbeschirmt trockenen Hauptes eine Portion Rheinischen Sauerbraten aus der Togo-Kantine zu holen. Nur abends beim Laufen tröpfelte es ein wenig auf mich herab, was ich beim Laufen indes ganz gerne mag. Fazit: Mein Regenschutzengel ist zu loben.

Eine der Lausch- und Laberbüchsen, in denen Frau Siri lauert, verweigert dauerhaft und irreparabel ihre Funktion. Mein Bedauern darüber ist überschaubar, zumal in unserer Wohnung (mindestens) vier weitere derartige Geräte über unsere Worte und Wünsche wachen.

Mittwoch: Sie mögen keine Anglizismen? Da habe ich was für Sie, schon etwas älter, heute eher zufällig hier gefunden. Am besten gefallen mir „Düsenbarke“ (Jet Ski), „Verjetztlichungsstrahl“ (Live-Stream) und „Eiferkauz“ (Nerd).

Gelesen hier und für gut befunden:

Es gibt Leute, die sich in Fachgeschäften persönlich beraten lassen, anschließend nach Hause fahren und das Produkt im Internet bestellen, weil es dort 0,1 Prozent billiger ist. Ich mache es umgekehrt. Ich nutze die Seite von Lieferando, um mich über das gesamte Angebot schnell zu informieren. Dann klicke ich auf das „i“ auf der Seite des Restaurants, das ist ausgewählt habe, wähle die dort angegebene Telefonnummer und bestelle mein Essen analog. Lieferando verdient keinen Cent, ich habe die Dienstleistung der Firma kostenlos genutzt. Fühlt sich jedes Mal gut an. Wie Klingelstreich.

Donnerstag: Vergangene Nacht geträumt von Inge Meysel, wie sie aus dem Buch Jesaja liest. Hat wohl nichts zu bedeuten.

Aus einer Besprechungseinladung: „… gerne möchte ich uns in Vorbereitung zum Thema in der Überschrift einmal gleichschalten, damit wir mit (bla bla) sicher ins Ziel kommen. Auch das Thema (bla bla) können wir hier zusammen verstehen.“ Ich möchte nicht gleichgeschaltet werden.

„Ich freue mich total, dass ich dieses Projekt leiten darf“, sagte eine. Da es eine sehr große, wenn auch virtuelle Runde war, verzichtete ich auf die angemessene Entgegnung „Du sollst nicht lügen“.

„Wartet nicht auf die Wartung“, sagte eine andere. Es sind Sätze wie dieser, die mich bisweilen lächeln lassen.

Ansonsten entkam ich mit knapper Not einer Break Out Session, bevor ich erfahren musste, was das überhaupt ist.

Freitag: Heute ist laut Zeitung Tag des Hamburgers, also nicht des Hanseaten, des Einwohners von Hammonia, sondern des Hackfleischgebräts im Weichbrötchen. Auf das Kantinenangebot hatte das glücklicherweise keinen Einfluss.

Ich ließ mich bereits aus über die recht neuartige Gewohnheit, Hausrat zum Zwecke der Entsorgung vor das Haus zu stellen mit einem Zettel „Zu verschenken“ daran, anstatt ihn dem Wertstoffkreislauf anheim zu stellen. Abends bei Rückkehr vom Laufen (Sie dürfen mich gerne loben, in dieser Woche lief ich wie geplant zweimal) ging ich an einem Stuhl vorbei mit ebendiesem Hinweis. Keiner der allgegenwärtigen Monobloc-Stühle, auch nichts dolles, ein einfacher Holzstuhl halt. Doch bezweifle ich, dass er bald einen Mitnehmer fand, da ein weiterer Zettel angebracht war: „Nicht draufsetzen“.

Auch bemerkenswert:

(General-Anzeiger Bonn)

Samstag: In Bonn ist der Inzidenzwert noch immer mit um die achtzig vergleichsweise hoch, dennoch strömt alles in Läden und Gastronomie. Ich möchte nicht spaßhemmend wirken, zumal ich in den vergangenen Monaten nur weniges mehr vermisst habe als als den Besuch eines Restaurants oder Biergartens. Und doch sehe ich die nun herrschende allgemeine Öffnungseuphorie mit Skepsis. Während sich die Wirte über Gäste freuen, freut sich das Virus schon auf neue Wirte. Aber womöglich sehe ich das zu negativ, beziehungsweise positiv. Wie auch immer – wir warten noch etwas. Der Liebste hat Maibock gekauft, der lässt sich auf dem Balkon auch kurz vor Juni noch ganz gut genießen.

(Keine Werbung, für diese Abbildung erhalte ich von der Herforder Brauerei keine Zuwendung.)

Gelesen bei Frau Anje und gelacht:

„Es war ein bisschen kompliziert, weil das Kind eine sehr eigenwillige Sprache benutzte, ich also nicht verstand, was es mir erzählte. Solche Situationen kenne ich aber auch von Besprechungen mit wichtigen Personen, die erzählen auch oft wirren Kram, der niemanden interessiert, ich habe also reagiert wie ich im beruflichen Kontext in solchen Situationen auch reagiere, erst habe ich lange nichts gesagt und dann ebenfalls Blödsinn erzählt, das Kind war sehr zufrieden mit meiner professionellen Reaktion.“

Sonntag: Endlich ein Sonntag, der seinen Namen verdient. Die meiste Zeit verbrachte ich (ohne alkoholische Stimmungsaufhellung) auf dem Balkon, wo es angenehm ruhig war, mal abgesehen von den üblichen Sonntagsinnenstadtgeräuschen. Nur wenige Menschen waren in der Nachbarschaft und näheren Umgebung auszumachen, die anderen betrieben vielleicht Inzidenzwertpflege in Cafés und Biergärten.

Woche 20: Künstliche Zoom-Hintergründe

Montag: Die größte Leistung bestand heute mal wieder darin, nach vier freien Tagen acht Stunden lang den Dingen Interesse entgegen zu bringen, für die zu interessieren ich ganz gut bezahlt werde.

Erster Gedanke in Besprechung mit junger Kollegin: Gleich sagt sie „genau“. Sie hat mich nicht enttäuscht.

Die Zeitung berichtet über ein Treffen von rund zweihundertfünfzig PS-Äffchen am vergangenen Samstag in Sankt Augustin. Auf einem Parkplatz präsentierten sie sich gegenseitig ihre Geschlechtsteile Fahrzeuge, unter Verzicht auf Masken und Abstand, dafür mit Musik und Tanz. „Die Polizei war nach Angaben der Leitstelle vor Ort, habe aber keine Straftaten festgestellt. Für die Kontrolle der Corona-Vorschriften sei das Ordnungsamt zuständig“, so die Zeitung. Es ist schön, in einem Land mit klaren Zuständigkeiten zu leben.

Abends verursachte eine arglose Frage zu Ölsardinen heftige, völlig unnötige und zum Glück nur kurzzeitige Reibungen. Ansonsten geht es uns gut.

Dienstag: Die bevorstehende Ablösung des Fußballpräsidenten bezeichnete die Frau im Radio morgens als „eine ernste Frage“. Dagegen ist der Nahostkonflikt natürlich ein Fliegenschiss.

Journalistisch Gelungeneres dagegen in der Zeitung über die Verbreitung der indischen Virusvariante in Groß Britannien: „… ein Wettrennen zwischen Infektion und Injektion“.

Mittwoch: In einer Besprechung wurde verkündet, dass ein nicht anwesender Kollege Vater geworden sei („Ein ganz süßes Kind“). Darauf die auch sonst von mir sehr geschätzte Kollegin C: „Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihm gratulieren oder ihn dafür bedauern soll.“ Ein besonderer Moment, wenn jemand ausspricht, was ich allenfalls im Stillen zu denken wage. Respekt, liebe C!

Donnerstag: Heute nahm ich an einer der bei uns glücklicherweise noch immer seltenen Videokonferenzen teil. Künstliche Zoom-Hintergründe sind ja auch so eine eher spezielle Sache: Man sieht die Kollegen, während sie „genau“ (45 mal), „quasi“ (25 mal) und „tatsächlich“ (nur einmal) sagen, virtuell am Strand, in den Bergen, in einer tristen Fabrikhalle, an einer pittoresken, villengesäumten Allee oder anderen Orten, wo man währenddessen eben viel lieber wäre als im Büro oder am Heimarbeitsplatz. Da ich nicht weiß und es mich nicht im Geringsten interessiert, wie man das bei Zoom einstellt, zeigte mich das Bild ganz normal im Büro, wobei ich mich erst daran gewöhnen musste, nicht desinteressiert die Augen zu verdrehen, als einer anfing, von seinem Hund zu erzählen. Bester Satz des Einladenden, als einer eine textschwangere Präsentation zeigen wollte: „Ich mach dich zum Host.“ Gibt es eigentlich auch den Vollhost?

Freitag: Liebe Kollegen*, es macht mir wirklich überhaupt nichts aus, regelmäßig in der Kaffeeküche die Spülmaschine auszuräumen, das ist vielleicht gut für mein Kaffeeküchenkarma. Doch verratet mir bitte: Welchen Sinn hat es, Besteck mit dem Griff nach unten in den Besteckkorb zu stecken? Es wird dadurch nicht sauberer, und beim Entnehmen muss ich es dort anfassen, wo ihr es später in den Mund steckt.

Frage der Woche: Wann haben Sie das letzte Mal vor Weiterleitung einer längeren Mailkommunikation geschaut, ob der Betreff noch zum Inhalt passt?

Eigenlob verpflichtet: Die erste epubli-Abrechnung für „Herbsterwachen“ ist eingetroffen, demnach wurde im zurückliegenden Monat ein Buch verkauft. Na also, die Mühen und Entbehrungen der letzten Jahre beginnen, sich auszuzahlen, wenn auch zunächst verhalten, aber das wird schon. Lieber Käufer*, ich hoffe, Sie bereuen die Ausgabe nicht und empfehlen es weiter.

Samstag: Im Zusammenhang mit der gestern beschlossenen Kükenverschonung steht in der Zeitung das wunderschöne Wort „Zweinutzungshühner“. Biologisch bemerkenswert auch dieser Satz: „Dabei sollen weibliche Küken Eier legen.“

Seit heute dürfen auch in Bonn Läden und Außengastronomie wieder öffnen. Leute stehen Schlange für ein zweifelhaftes Getränk, das als „Bubble Tea“ bezeichnet wird und mit „Blasentee“ wenig gemein hat.

Kennen Sie noch Hermann Hoffmann? Er war in den Achtzigern mit seiner „Kleinen Dachkammermusik“ Teil der Radiounterhaltung am Samstagnachmittag, als das Wort „Comedy“ zumindest bei uns in Ostwestfalen noch nicht gebräuchlich war. Die Sendung wurde stets eingeleitet mit einer schief intonierten Kinderflöte, dann folgten ungefähr eine Viertelstunde lang witzig-absurde Szenen und Lieder mit Herrn Hoffmann, seiner Frau, den Herren de Vries, Schräuble, Schotterbeck und anderen; alles gespielt und gesprochen von Hermann Hoffmann daselbst. Lange ist es her.

Wie ich darauf komme: Etwas Ähnliches hat mein lieber Kollege Farhad Shahed nun gemacht, nur nicht im Radio, sondern im Netz: „Dark Day“, mit ihm daselbst in allen Rollen. Schauen Sie es sich an – es lohnt sich.

Übrigens: Wenn beim Scrabble richtig viele Punkte machen wollen, merken Sie sich das Wort „Shershenowiskanajaskiana“.

Sonntag: Ich habe angefangen, „Die Selbstgerechten“ von Sarah Wagenknecht zu lesen. Wenngleich ich mich nicht als der Dame und ihrer Partei nahestehend betrachte, gefällt mir doch sehr gut, wie sie den Linksliberalen, oder, wie sie sie nennt, „Lifestyle-Linken“, das sind die, denen Gendersterne wichtiger sind als gerechte Entlohnung, wie sie denen also – mit generischem Maskulinum – ordentlich die Uhr stellt.

Eins meiner persönlichen Probleme mit links sind übrigens konsequent linksgehende Fußgänger*, die mir auf dem Gehweg entgegenkommen und mich so zum Ausweichen nötigen. Vielleicht haben die noch den Satz „Links gehen – der Gefahr ins Auge sehen“ allzu sehr verinnerlicht, der uns als Kinder mit auf den Weg gegeben wurde, wenn wir eine Landstraße ohne Bürgersteig entlanggehen mussten. Alles vorbei: Heutige Kinder laufen nicht mehr entlang solcher Straßen, und Bürgersteig sagt man wohl auch nicht mehr. Auch nicht Bürger*innensteig.

Übrigens, wundern Sie sich bitte nicht über die neue Optik dieses Blogs. Seit gestern ließen sich Artikel nicht mehr über das MacBook bearbeiten oder neu anlegen. Da laut WordPress das bisherige Theme nicht mehr unterstützt wird, dachte ich, vielleicht liegt es daran, und habe kurzfristig die virtuelle Stube neu tapeziert. Daran lag es dann aber doch nicht, sondern an irgendwelchen Cookies, wie der Liebste herausfand. Das bisherige Design gefiel mir zwar etwas besser, aber an das neue werde ich mich wohl auch bald gewöhnen, es schadet ja fast nie, mal was zu ändern.

* Das Experiment Gender-i‘ erkläre ich für beendet. Kann man machen, muss man aber nicht. Deshalb, liebe Damen und Diverse, bitte fühlen Sie sich ausdrücklich mitgedacht.

Woche 19: Notizen unter Weineinfluss, Abgründe und nackt kochende Männer

Montag: Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer hat sich mal wieder mit irgendwas unbeliebt gemacht; was genau, erfährt der Zeitungsleser nicht. Dafür dieses: „Mit dem Begriff N-Wort wird eine früher in Deutschland gebräuchliche rassistische Bezeichnung für Schwarze umschrieben.“ Schön, dass das endlich mal klargestellt ist. Darauf ein N-Wortkussbrötchen. (Ich gestehe, das N-Wort im intimsten Kreise, wo es niemanden stört oder verletzt, gelegentlich noch auszusprechen, ohne jede böse Absicht.)

Ein weiteres N-Wort, indes gänzlich unbedenklich, ist Namenstag. Den haben heute laut Zeitung: Epimach, Gordian, Isidor, Job; als Namen eher ungebräuchlich, daher nur selten auf Auto-Heckscheiben zu lesen.

Dienstag: Der erste Piks. Durch das kleine Pflaster auf dem Oberarm fühlt man sich fast ein wenig systemrelevant. Unterdessen freuen sich viele darauf, was sie bald vielleicht wieder dürfen. Ich sehe darüber hinaus mit etwas Unbehagen, was wir womöglich demnächst wieder müssen.

Zum Beispiel dieses: „Wir müssen ja auch Erwartungsmanagement betreiben“, gehört in einer Besprechung.

Mittwoch: „Ich bin der Jan-Malte“, sagte morgens der Mann im Radio. Für seinen Namen kann er nichts, für den bestimmten Artikel schon.

Mittags nach dem Essen begegnete mir im Rheinauenpark eine Läuferin, begleitet von einer männlichen Stimme aus einem Lautsprecher. Ob es sich dabei um einen Wortbeitrag im Radio oder eine Telefonkonferenz handelte, war auf die Schnelle nicht auszumachen. – Nachmittags auf dem Heimweg vom Werk sah ich einen, der freihändig radelnd ein Tablet in den Händen hielt, worüber er mit Trottel-Koronalisierung telefonierte. Demnächst fahren sie dann vielleicht mit aufgeklapptem Laptop auf Elektrorollern. Was geht in diesen Menschen nur vor? Oder wie es in einer Fernsehreklame heißt: Bin ich der einzige, der das nicht normal findet?

Ansonsten liebe ich – neben dem Herbst – diese Jahreszeit sehr, deswegen:

Die gestern injizierte Systemrelevanz fühlte sich heute an wie ein leichter Muskelkater. Keine Larmoyanz, reine Feststellung. Außerdem ist heute wegen Feier- und Brückentag gleichsam schon Freitag, wer wollte da jammern.

Der Geliebte bevorzugt neuerdings schwarze Einmalhandschuhe. „Daran sieht man das Blut nicht so“, sagt er. Ich gehe nicht von einer unmittelbaren Gefahr für Leib und Leben aus.

Donnerstag: „Verarschen kann ich mich selbst!“ – „Los, mach mal.“ Und wie war Ihr Himmelfahrt so? (Es ist Liebe, glauben Sie mir; vielleicht eine Form, die sich Außenstehenden nicht unmittelbar erschließt.)

Freitag: Brückentag. Welch wunderbares Wort, in einer Reihe mit so schönen deutschen Wörtern wie Wanderlust, Weltschmerz, Kindergarten, Habseligkeiten, Doppelhaushälfte und Auslegeware. Zumal eine Brücke dem Zweck dient, Täler und Abgründe zu überwinden, womit der Charakter der Werktätigkeit einigermaßen treffend erfasst ist.

Samstag: „Rund fünf Prozent der deutschen Männer bevorzugen es, ohne Kleidung zu kochen“, schreibt die PSYCHOLOGIE HEUTE über die Freude am Nacktsein. In Gedanken gehe ich nun alle mir bekannten kochenden Männer durch und hoffe bei den meisten, sie gehören zu den anderen fünfundneunzig Prozent.

Bleiben wir in der Küche: Nach Bleikristall, Kaffeemaschinen und -tassen hat der Geliebte jetzt Gefallen gefunden an einer bestimmten Geschirrsorte; der Paketbote brachte heute gleich drei Pakete davon, wofür nun Platz geschaffen werden muss. Demnächst trage ich also wieder ausgemusterten Hausrat in das Häuschen zwei Straßen weiter. Was tut man nicht alles, wenn man liebt. Und einer muss den Konsum ja am Leben halten.

Laut Zeitung hat Isidor heute schon wieder Namenstag. Vielleicht für diejenigen, die es Montag für einen Scherz hielten.

Sonntag: Meine Bettlektüre der vergangenen Woche war „Vervirte Zeiten“ von Ralf König, wo der Corona-Alltag des Kölner Paares Konrad und Paul mit seinen Entbehrungen geschildert wird. Wer (wie ich) die Comics von Ralf König mag, wird auch dieses Buch mögen. Auch wenn sie in den letzten Jahren sehr harmlos, geradezu jugendfrei geworden sind; schon lange sieht man dort nicht mehr das Körperteil, das womöglich in nicht allzu ferner Zukunft als das „P-Wort“ umschrieben wird.

Gestern Abend haben wir uns übrigens die Serie „All you need“ angeschaut, die es in der ARD-Mediathek zum Strömen gibt. Obwohl ich nicht gerade der begeisterte Serienkucker bin, hat es mir gut gefallen. Es geht um das Liebesleben von vier jungen Männern und einer Frau in Berlin, wobei auch dem Auge was geboten wird. (Allerdings ebenfalls kein <P-Wort>, das ist im deutschen Fernsehen auch 2021 noch undenkbar.)

„Kann es eigentlich sein, dass Deutsche weniger gut Deutsch können als Engländer Englisch und Franzosen Französisch?“, fragt Claudius Seidl in der FAS zum Thema Sprachverschmutzung. Ja, kann gut sein.

Die Geschirrlieferung von gestern beinhaltete auch eine Kuchenplatte mit aufwändiger Glaskuppel. Diese nahmen wir heute in Betrieb mit Geburtstagskuchen aus der Nachbarschaft.

Eine deutsche Eigenart ist ja, Kuchen und Torten ab einem gewissen Sättigungsvermögen als „mächtig“ zu bezeichnen, warum auch immer. Nie hörte ich dieses Wort im Zusammenhang mit Rinderkotelette oder Grünkohl, die ebenfalls ganz schön satt machen können, dafür bei Kohleflözen, von deren Verzehr eher abzuraten ist. Das hier abgebildete Exemplar war jedenfalls äußerst mächtig. Liebe M, er war köstlich! Lieber J, alles Gute dir!

Ansonsten in dieser Woche notiert: 1) „Hildegard Knef und die Kesselflicker“ (vermutlich als Bandname) und 2) „Asphalt in Aspik“. Die Hintergründe dieser Notizen sind, da sie unter Weineinfluss erfolgten, nicht mehr nachvollziehbar.

Woche 18: Erfreuliche Momente in Rückenlage

Montag: Frühmorgens gurrte mich eine Taube vor dem Schlafzimmerfenster aus den Träumen. Wäre es eine Stumme gewesen, hätte ich vermutlich etwas länger geschlafen. Zugegeben – das war jetzt montäglich-mäßig witzig.

Witziger dieses, wenn auch unbeabsichtigt, gehört und notiert in einer Besprechung, in der es um kurzfristig notwendige Umverteilung von Arbeit ging: „Brauchst du einen Joker, oder bist du da als One-Man-Show ausreichend?“ Ein anderer wies auf mögliches Ungemach hin: „Sonst kommen wir in Rückenlage.“ Das muss nicht unbedingt nachteilig sein, viele äußerst erfreuliche Momente erlebte ich schon in Rückenlage, ohne da jetzt allzu sehr ins Detail zu gehen. Die Besprechung endete übrigens mit einem für mich vorläufig annehmbaren Ergebnis. Einmal mehr gilt: Unwissenheit schafft Freizeit.

Dienstag: Nachmittags fragte der Chef, ob ich damit einverstanden wäre, wenn er statt meiner am Freitag an einer Videokonferenz teilnehme. Ebenso gut hätte er fragen können, ob ich einer Gehaltserhöhung abgeneigt sei.

Mittwoch: Laut Radio ist heute „Wie-gehts-dir-Tag“. Warum dieser Frage, gleichsam Mutter des Kleingesprächs, ein eigener Tag gewidmet ist, weiß ich nicht. Nach wie vor gilt: Nichts erwartet oder erhofft der Fragesteller darauf weniger als eine ehrliche Antwort; akzeptiert sind allenfalls „Muss ja“, „Soweit ganz gut“ oder, bei humoristisch Naturen, „Am liebsten gut“. Oder, die Tage gehört: „Wieviel Zeit haben Sie?“ – Jedenfalls vermag ein möglichst unironisch vorgetragenes „Ausgezeichnet“ erhebliche Irritationen auszulösen, nicht nur in Zeiten wie diesen.

Im Übrigen war ich heute zum Schnelltest und beim Friseur, beides fiel zufriedenstellend aus. Mir geht es also gut, Danke der Nachfrage.

Wie es dieser Dame geht, war nicht zu erfahren, nur, dass sie einer Aufhübschung bedarf, wozu wir Herrn Horn eine geschickte Hand wünschen:

(General-Anzeiger Bonn)

„Morgen ist schon wieder Donnerstag, ist das nicht herrlich?“, entfuhr es mir am Abend. Wie jeden Mittwoch.

Donnerstag: Gestern Abend vor der Nachtruhe beendete ich die Lektüre des Buchs „Qualityland 2.0“ von Marc-Uwe Kling. Wie sein Vorgänger ist es witzig geschrieben mit zahlreichen Anspielungen auf unsere digitale Welt. Und doch bin ich nicht traurig, damit durch zu sein. Grund: Für meinen Geschmack enthält es zu viele Figuren und Handlungssprünge. Wenn man es mehr oder weniger am Stück lesen kann, im Urlaub oder während einer Quarantäne, mag das funktionieren, idealerweise in direktem Anschluss an Teil I. Wenn man hingegen wie ich immer nur Abends ein paar Seiten schafft und den ersten Teil bereits vor zwei Jahren las, kann man bald den Faden verlieren, was das Lesevergnügen zu trüben vermag. Fazit: Es kommt nicht in den öffentlichen Bücherschrank, irgendwann nehme ich mir beide Bücher nochmal vor. (Ähnliches habe ich schon lange vor mit der Trilogie „Neue Vahr Süd“, „Der kleine Bruder“ und „Herr Lehmann“ von Sven Regener, aber man kommt ja zu nichts.)

Wo wir gerade bei Büchern sind, erlaube ich mir nochmals (und letztmalig, versprochen) Werbung für das Werk eines mir persönlich ganz gut bekannten Autors – eine Geschichte über Leben, Lieben, Leiden und Lust. Man muss nicht schwul sein, um es zu mögen, es ist indes auch nicht von Nachteil. (Das ist es ohnehin nicht, glauben Sie mir.) Bezüglich Qualität und Lesegenus verzichte ich auf eine Wertung, da Eigenlob einen in olfaktorischer Hinsicht eher negativen Ruf hat.

„Herbsterwachen“ von Christian Rebeck, epubli, ISBN 978-3-7541-1262-5, 178 Seiten, 11,50 €

Freitag: Wie jeden Freitag stand auch heute wieder die mobile Hamburger-Bräterei vor dem Werk. Für mich ist das nichts – zum einen wegen der immensen Wartezeiten, zum anderen bin ich aufgrund tragischer Ungeschicklichkeit nicht in der Lage, so ein mit Soße und Salat garniertes Brathackbrötchen zu verzehren, ohne mich hinterher komplett neu einkleiden zu müssen.

Samstag: Der neunzehnte Hochzeitstag heißt „Perlmutthochzeit“. Dazu fand ich in des Netzes Weiten: „Perlmutt wächst langsam, über einen langen Zeitraum, um sich dann in wundervollem Glanz zu zeigen. […] Perlmutt ist ein sehr hartes und widerstandsfähiges Material.“ In diesem Sinne: Alles Liebe, mein Liebster!

Sonntag: Der erste Sommertag zog zahlreiche Leute nach draußen, um ihre hässlichen Tätowierungen zu präsentieren, die sie sich über den Winter in Waden und Schenkel stechen ließen.

„Üben, üben, üben“ las ich auf einem Zettel, angebracht im Fenster eines kirchlichen Gebäudes. An wen er sich richtet und was es zu üben gilt, ging nicht daraus hervor. Vielleicht Glaube, Treue und Redlichkeit, das kann ja nie schaden. Ich hingegen übe mich in Zurückhaltung und beende hiermit diesen Rückblick. Kommen Sie gut in die neue Woche!

Woche 17: Womöglich noch ein paar Jahre

Montag: Nach einer Woche Werksabstinenz wird besonders deutlich, wie sehr ich Sätze wie „Wir müssen jetzt das Momentum nutzen“ und „Ich habe um zwölf einen harten Anschlag“ nicht vermisst habe.

Laut einem Zeitungsartikel heißt die Leiterin der Duden-Redaktion Kathrin Kunkel-Razum. Das klingt auch wie ein harter Anschlag, beziehungsweise Aufschlag, etwa wenn eine Blechtonne auf einer LKW-Ladefläche umfällt und auf den Asphalt knallt, schriftvertont durch die legendäre Entenhausen-Korrespondentin Erika Fuchs. Eigentliches Thema des Artikels war die geplante Umstellung der amtlichen Buchstabiertafel auf Städtenamen, statt „Cäsar“ vielleicht künftig „Castrop-Rauxel“, „Schloss Holte-Stukenbrock“ statt „Schule“, warum nicht, kann man machen. Aus demselben Artikel: „Ä wie Ärger ist eben typisch deutsch.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Gelesen bei Frau Anje: „Auch nach über einem Jahr Pandemie genieße ich es immer noch, dass es keinerlei gesellschaftliche Verpflichtungen gibt, ich fürchte, meine Abneigung gegen Menschenversammlungen lässt sich nicht mehr heilen.“ Genau so fühle ich auch.

Dienstag:Wir können mit einiger Sicherheit sagen, dass die Pandemie keinen signifikanten Einfluss auf die globalen Militärausgaben 2020 hatte“, wird jemand in der Zeitung zitiert. Welch Lichtblick in dieser trüben Zeit.

Auch ein Lichtblick: Unser bescheu gar großartiger Bundesverkehrsminister verkündet den „Nationalen Radverkehrsplan 3.0“. Aha. Was genau waren nochmal die Inhalte der Radverkehrspläne 1.0 und 2.0? Vielleicht solches:

(Schonmal gezeigt im vergangenen Jahr)

Mittwoch: Die Werbewirtschaft ist sauer auf Apple, weil es jetzt Nutzern ermöglicht, das sogenannte Tracking durch externen Apps zu unterbinden. Deswegen hat sie sich an das Bundeskartellamt gewandt: „Durch diese einseitig auferlegten Maßnahmen schließt Apple faktisch alle Wettbewerber von der Verarbeitung kommerziell relevanter Daten im Apple-Ökosystem aus“, so die Begründung. Das ist etwa so, als verklagte die Einbrecherinnung den Hersteller neuartiger Sicherheitsschlösser. Auf die Entscheidung bin ich gespannt.

Klage ist auch immer wieder zu hören über sogenannte „kulturelle Aneignung“, etwa wenn sich eine weiße Sängerin Rastalocken kleistern lässt. Wie viele der derart Empörten ohne Asienhintergrund mögen wohl dennoch ihr Sushi mit Stäbchen essen, nur um damit anzugeben, dass sie es können?

Es ist immer wieder schön, nach einem Werktag heimzukehren zu den Lieben. Gestern: „Was bis du spät.“ Heute: „Was willst du denn schon hier?“ Manchmal weiß ich auch nicht.

Donnerstag: Die Zeitung berichtet über eine Radfahrerin, die mit dem Fahrrad eine rote Ampel missachtete und deshalb hundert Euro zahlen musste. Das findet sie empörend, denn: „Meist fühle ich mich natürlich als ‚Klimaretter’ im Recht und lege bei mir nicht einsichtigen Verkehrsregeln das ein oder andere Mal diese zu meinen Gunsten aus.“ Damit verkörpert die Dame eine Haltung, die in unserer Gesellschaft zunehmend um sich greift, sei es bei der Einhaltung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit im Straßenverkehr oder Corona-Abstandsregeln. Viele legen ihnen nicht einsichtige Regeln zu ihren Gunsten aus, auch ich betrachte manche Fußgängerampel eher als unverbindlichen Vorschlag. Werte Frau W, wenn Sie der Meinung sind, sich nicht an Regeln halten zu müssen, dann akzeptieren Sie bitte mögliche Konsequenzen, anstatt Zeitungsleser mit ihrem Egoismus zu belästigen.

Nach sonnigem Fußmarsch am Morgen …

… tobte mittags Tief „Christian“ mit Sturm und Regen durch die Stadt, beruhigte sich im Laufe des Tages jedoch wieder. Erst am Abend brauste es wieder etwas auf, wenn auch nur im häuslichen Rahmen.

Ansonsten lernte ich heute das mir neue Wort „pejorativ“ kennen, laut Duden bedeutet es „abwertend, eine negative Bedeutung besitzend“. So wie für manche Menschen Verkehrs,- Ab- und Anstandsregeln.

Freitag: Stell dir vor, es ist Ende April und wir verlassen das Haus morgens immer noch mit Schal und Handschuhen. (Bitte dies ausdrücklich nicht als Zweifel an der Klimaerwärmung verstehen.)

Samstag: Der Mai ist gekommen. Erstmals steht auch bei uns im Hof ein Maibaum, sofern man dieses dürre, frühzeitig herzlos aus dem jungen Leben gesägte Birkenkind mit zwei farbigen Krepppapierbändern als „Baum“ bezeichnen möchte. Herzlos ist hier wörtlich zu nehmen – da das sonst bei Maibäumen übliche rote Sperrholzherz mit Namenszug fehlt, bleibt offen, wer die oder der Angebetete ist und wer den Baum aufstellte. Gleichsam das amouröse Pendant zum Grabstein des unbekannten Soldaten, der auf fast jedem Friedhof zu finden ist.

Sonntag: Der Spaziergang führte entlang eines größeren, bei Hundehaltern beliebten Areals im Bonner Norden, wo sie heute wieder in größerer Anzahl anzutreffen waren, Hunde wie Halter. Auch wenn mir das egal sein kann und ich in keiner Weise belästigt wurde – solange ich in dieser Welt wandele, also womöglich noch ein paar Jahre, wird sie und mich ein tiefer Graben gegenseitigen Unverständnisses trennen, da bin ich mir ziemlich sicher.

Woche 16: Das Leben in leeren Zügen genießen

Montag: Jedem Anfang wohnt ein Ende inne, soviel ist sicher. Doch will ich es positiv sehen, heute begann eine Woche Urlaub. Die wesentlichen Aktivitäten waren: eine Grundsatzdiskussion am frühen Abend, mit deren Details ich sie nicht belästigen will, und eine Aktualisierung der Liste.

Dienstag: Die Zeitung berichtet über empörte Bonner Eltern, weil ihr evangelisches Kind nicht eine katholische Grundschule besuchen darf, trotz „Schulweg von weniger als 500 Metern, auf dem Bürgersteig immer geradeaus, ohne die Straße oder gar eine Kreuzung überqueren zu müssen“, somit hätte das Kind es eines Tages, etwa ab der vierten Klasse, womöglich gar ohne elterliche Chauffeurdienste dorthin geschafft. Das kann man ärgerlich und gemein finden, völlig nachvollziehbar. Die eigentliche Frage ist aber doch: Warum gibt es solche „Konfessionsschulen“ überhaupt? Man stelle sich vor, andere Konzerne, vielleicht die Deutsche Bank oder Bayer, betrieben ebenfalls Grundschulen bevorzugt für Kundenkinder. Dann wäre aber was los.

Zum Geburtstag des Liebsten machten wir eine kleine Wanderung im Ahrtal: mit der Ahrtalbahn bis Dernau, dann zu Fuß rechtsahrisch bis Mayschoß, dort bei Sonnenschein die erste Rast. Zurück ging es links der Ahr auf einem Teilstück des Rotweinwanderwegs bis Dernau, wo wir nach zweiter Rast die Rückfahrt antraten. Erkenntnis: Man gelangt sehr zügig von Mayschoß nach Dernau, wenn man unterwegs nicht alle paar Meter von einem Weinausschank aufgehalten wird.

Alles Gute, mein Schatz!

Die auch als „Union“ bekannte Zankgemeinschaft hat endlich entschieden: Nun wird also Armin Laschet im Herbst voraussichtlich den Kürzeren ziehen.

Übrigens: Der Begriff „Große Koalition“ erscheint mittlerweile genauso aus der Zeit geraten wie „Kotflügel“ oder „Videothek“.

Mittwoch: „Frauen fühlen sich nicht mehr mitgemeint, wenn von Studenten oder Mitgliedern die Rede ist“, steht im General-Anzeiger. Liebe Damen: auch nicht bei Mitgliedern? Echt jetzt?

Den Urlaubstag nutzte ich für eine Reise nach Bielefeld, um meine Mutter zu besuchen, die erste längere Bahnreise seit über einem Jahr. „Das Leben in leeren Zügen genießen“, könnte der neue Werbespruch der Bahn sein. Aus Gründen der Bahnbegeisterung wählte ich einen Umweg über Münster. Kurz davor durchfuhren wie den Ort Buldern – ein schönes Wort, das auch als Verb denkbar ist, etwa wenn jemand eifrig mit etwas beschäftigt ist, dessen Sinn und Zweck sich Außenstehenden nicht unmittelbar erschließt. „Na, bist du wieder am rumbuldern?“, könnte man dann fragen. Oder so: „Kommst du zum Essen?“ – „Gleich, muss noch kurz was buldern.“

Nach Rückkehr in Bonn ließ der Bildschirm in der Stadtbahnhaltestelle wissen, dass Mecklenburg-Vorpommern die Impfung mit Astra Zeneca für alle freigibt. Unmittelbar im Anschluss folgte eine Reklame für Astra Urtyp. Manchmal mag man nicht mehr an Zufälle glauben.

Donnerstag: Ich habe beschlossen, den fertigen Bestseller über epubli zu veröffentlichen, da es mir aussichtslos erscheint und ich im Übrigen wenig Lust habe, zu versuchen, dafür einen Verlag zu finden. Um Erfahrungen mit epubli zu sammeln, habe ich zunächst ein altes Werk genommen, das ich bereits 2007 schrieb und seitdem mehrfach überarbeitet habe. Zwischenzeitlich war es auch als Bytebuch beim großen A erhältlich, jetzt nicht mehr, weil ich mit dem großen A nichts zu tun haben will, nicht als Kunde und schon gar nicht als Autor. Die Erstellung des Buchs bei epubli ging einfach und schnell, gestern wurde der Prototyp geliefert. Den heutigen Urlaubstag habe für Anpassungen und Korrekturen genutzt, eine hochgradig angenehme Tätigkeit. Ich hoffe nun, in den nächsten Tagen den Auftrag zu erteilen. Wenn alles so klappt wie erhofft, kommt dann der Bestseller an die Reihe.

Freitag: Heute beginnen die Abiturprüfungen, war morgens im Radio zu hören. Die Abiturenti‘ tun mir wirklich leid in diesen Zeiten, ich kann mir kaum vorstellen, wie das überhaupt funktionieren soll. Bei der Gelegenheit überlegte ich, wie lange das bei mir her ist, und kam auf fünfunddreißig Jahre, also fast doppelt so viele wie ein Abiturienti‘ üblicherweise alt ist. Das ist schon erschreckend genug. Noch erschreckender: Nichts, aber auch wirklich gar nichts von dem, was ich damals für die Prüfungen lernte, weiß ich heute noch, weil ich es einfach nicht benötige und nie benötigte, es wäre völlig unnützes Wissen, das wertvollen Hirnspeicherplatz blockiert. Wie auch diese bislang ungelöschten Informationen: 1) Bei meinem Arbeitgeber waren früher Kassenbücher mit dokumentenechter Tinte oder Kugelschreiberpaste nach DIN 16554 zu führen. 2) Es gab einen „Antrag auf Erstattung eines von einem Münzwertzeichengeber zu unrecht einbehaltenen Münzbetrages“. Gäbe es noch Partys, hätte das vielleicht einen gewissen Unterhaltungswert.

Den Urlaubstag nutzte ich für eine wunderbare Wanderung über den Venusberg und „hintenrum“ zurück. Falls es Sie interessiert, schauen Sie hier. (Die „Klinke“ im südlichen Teil erklärt sich durch den Abstecher zu einem Trafoturm, den ich in der Ferne sah und fotografieren musste:)

Erwähnte ich schon, dass ich Trafotürme sammle? Also natürlich nur die Bilder davon; bitte frage Sie nicht, warum, ich kann es nicht erklären. Immerhin beruhigend: Ich bin da nicht der einzige.

Ein paar „normale“ Bilder habe ich auch gemacht:

(Die Poppelsdorfer Allee in Bonn)
(Im Wald oberhalb von Poppelsdorf)
(Bei Schweinheim)
(Auch bei Schweinheim)
(Blick vom Kreuzberg, von wo aus man den Kölner Dom sieht, siehe Pfeil)

Samstag: Noch ein toller Zufall – wie heute der Zeitung zu entnehmen ist, gibt es das Verb „buldern“ schon, jedenfalls fast: „Beim Bouldern klettert man ohne Seile und Gurte an kleinen Felsformationen und Felsblöcken, die in der Regel nicht höher als sechs Meter sind.“ Ob das zu wissen nützlich oder unnütz ist, mag jedi‘ für sich entscheiden. (Toll, nicht? Das i‘-Gendern funktioniert auch bei Pronomen.)

Tom macht sich lesens- und bemerkenswerte Gedanken über das Sterben und das, was möglicherweise danach kommt:

„Doch welche Erfahrung wäre extremer als die des Sterbens. Da bietet das Gehirn zu guter Letzt nochmal alles auf, was an Neuronen, Botenstoffen, Synapsen und Elektrizität verfügbar ist, bevor das alles letztlich ausgeknipst wird.“

Habe ich auch schon, siehe dorten. (Ein früherer, lange pensionierter Kollege sagte „dorten“, wenn andere „dort“ sagen. Laut Duden ist diese schöne Wort ebenfalls längst pensioniert.)

„Schwarz – blau – schwarz – blau …“ murmelte der Geliebte am Abend vor sich hin. Zum Glück war er nicht mit einer Elektroinstallation beschäftigt, sondern mit der möglichst harmonischen Anordnung von Kaffeekapseln.

Sonntag: Ja, es ist irrational – obwohl ich selbst nicht (mehr) rauche, begegne ich Menschen, deren Blick beim Gehen oder gar Fahrradfahren aufs Datengerät gerichtet ist, mit weniger Verständnis als welchen mit Zigarette. Manchmal neige ich gar zu Aggressionen.

Es ist gefährlich (ja, Rauchen auch), vor allem raubt der Bildschirm die Aufmerksamkeit für die Dinge, die links und rechts des Weges zu sehen sind. Wie den einen zweifelhaften Humor belegenden Spruch „Denk an die Umwelt – fahr mit dem Bus“, den ich beim Spaziergang an einem modernen Nachfahren des VW-Bullis sah.

Ähnlich fragwürdiger Humor mag die Tage auch gut fünfzig Schauspieleri‘ dazu getrieben haben, in angeblich ironischen Filmchen die Pandemie-Politik zu kritisieren. (Dass ich fast niemanden davon kenne, ist bezeichnend für meinen Medienkonsum.) Dazu schreibt die F.A.S.:

Einen großen Fehler haben aber wir, die Journalisten, schon vorher begangen: Wir haben die Schauspieler darin bestärkt, sich als Welterklärer zu fühlen – eine Rolle, der manche von ihnen nicht gewachsen sind. Wir haben sie nicht nur nach ihren Filmen gefragt, sondern nach Werten, nach Weltanschauung, nach dem richtigen Leben. In Wahrheit sind diese mehrheitlich vegan lebenden Loft- oder Landhausbewohner nicht besser oder klüger als wir selbst.

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 25.4.2021

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Wie am Donnerstag angekündigt, ist der Roman „Herbsterwachen“ in einer überarbeiteten Fassung (und unter einem anderen Pseudonym) neu bei epubli erschienen, eine Geschichte über Leben, Liebe, Lust und Leiden. Weiteres finden Sie hier.

(Ja ich weiß, damit ist er auch wieder beim großen A erhältlich, aber immerhin nicht ausschließlich. Dagegen kann man wohl nichts machen.)

***Werbung zuende***

Ansonsten die Woche gehört und gelesen:

  • Gelesen: „? und ! sind keine Rudeltiere.“ (stand unter einem Forumseintrag im Netz)
  • Gehört: „Die wollmilchlegende Eiersau“

Ich wünsche Ihnen eine angenehme neue Woche!

Vielleicht kommt es ganz anders

Vorbemerkung: Dies ist meine persönliche Chronik der Corona-Pandemie, die ich Anfang April zu schreiben begonnen habe, so wie viele es bereits getan haben oder immer noch tun. Daher empfehle ich Ihnen nicht unbedingt, es zu lesen, Sie werden nicht sehr viel Neues darin finden, das sie nicht – vielleicht besser – schon in anderen Blogs und Artikeln gelesen oder selbst geschrieben haben, außerdem ist es sehr lang geraten, wer liest heutzutage schon gerne lange Texte. Weiterhin ist es nur ein Zwischenstand, die Seuche ist ja noch längst nicht vorüber. Aber auch eine Idee für einen Thriller, falls Sie sowas mögen. (Wenn nicht, sollten Sie ab dem Bild mit den blühenden Kastanien nicht weiterlesen.)

Im Laufe der Zeit wird der Text immer wieder an die aktuellen Entwicklungen angepasst, soweit es mir möglich ist; man weiß ja nie. Im Übrigen wäre dieses Blog, das ja dazu dient, den alltäglichen Wahnsinn zu dokumentieren, ohne eine Chronik dieser ungewöhnlichen Zeit unvollständig. Falls es in zehn oder zwanzig Jahren mal jemand lesen sollte, sofern es dann das Blog noch gibt, und jemanden, der es lesen will und kann.

(Letzte Aktualisierung: 25. April 2021)

***

Als es um den Jahreswechsel 2019/2020 herum hieß, in China sei eine neuartige, rätselhafte Lungenkrankheit ausgebrochen, die zu Todesfällen führt und sich schnell ausbreitet, da war das ungefähr so weit weg wie der Sack Reis, der in China immer wieder mal umfällt. Millionenstädte wurden abgeriegelt, Reisen untersagt, was nur in einem totalitären Staat wie eben China denkbar schien. Die Fernsehbilder von zahlreichen Baggern, die sich scheinbar unkoordiniert auf einer durchwühlten Fläche drehten, angeblich, um innerhalb weniger Tage ein Notkrankenhaus zu errichten, tat ich zunächst als Propaganda der Regierung ab, um der Welt zu zeigen: Wir tun was, haben die Sache im Griff. Dann wurde klar: Die bauen wirklich ein Krankenhaus, nicht nur eins. Die Sache war offenbar ernst.

Kurz darauf wurde vor Reisen nach China, vor allem in die betroffenen Gebiete, offiziell gewarnt. Die menschliche Rationalität erfuhr erste Aussetzer, wie so oft, wenn Unheil droht, wenn auch zunächst diffus und unbestimmbar: Menschen aus China, egal aus welcher Region, Menschen mit asiatischer Physiognomie, egal woher, wurden plötzlich angefeindet und diskriminiert.

Bei uns, wie auch sonst überall außerhalb Chinas, ging das Leben unterdessen seinen gewohnten Gang: Wir fuhren zur Arbeit, auf den Autobahnen die täglichen Staus, wir konsumierten, reisten, machten Kreuzfahrten, feierten Karneval, Partys, spielten und schauten Fußball, machten Skiurlaub, natürlich mit Apres Ski. Die Kalender waren voll mit Terminen, privat wie beruflich: geplante Urlaube, Wochenendausflüge, Dienstreisen. Politiker beschimpften sich wie üblich, die Wirtschaft wuchs, weil Wachstum wichtig ist, Menschen wurden wegen ihres Glaubens, ihrer Hautfarbe oder aus anderen Gründen getötet oder in die Flucht getrieben; der ganz normale Wahnsinn.

Dann kam das Virus näher: Norditalien, Spanien, Österreich, Frankreich. Menschen erkrankten, manche schwer, einige starben. Man relativierte: Schließlich starben jährlich Tausende an der Grippe, im Straßenverkehr und an den Folgen des Rauchens und von Alkohol, da würde es schon nicht so schlimm sein. Dennoch waren Corona und Covid-19 nun jedermann ein Begriff. Es erinnerte an vergangene Epidemien wie Schweinegrippe, Sars, H1N1, EHEC, und wie sie alle hießen, längst vergessen, wann war das nochmal gewesen … Damals hatte es auch geheißen: Husten und Niesen nur in die Armbeuge, Hände möglichst gründlich waschen. Auf Toiletten hingen nun wieder bebilderte Anleitungen zum korrekten Händewaschen. Das ganze hatte etwas von einem Thriller, wie „Der Schwarm“ von Frank Schätzling: Man liest es mit einer Art angenehmem Schauder, ist aber selbst nicht betroffen, weil entweder Fiktion oder weit weg.

Aber so weit weg war es nicht mehr, die ersten Fälle nun auch in Deutschland. In Nordrhein-Westfalen, Kreis Heinsberg, das war nun wirklich nah! Jetzt wurden nicht nur Menschen mit asiatischem Aussehen angefeindet, sondern auch die mit „HS“ als Kfz-Kennzeichen, wenn sie sich über ihre Kreisgrenze wagten. Unterdessen die ersten Einschränkungen des öffentlichen und geschäftlichen Lebens in Italien, Spanien, Österreich und Frankreich, um die weitere Verbreitung des Virus aufzuhalten oder wenigstens zu verlangsamen. Menschen durften sich dort nicht mehr frei bewegen, Geschäfte, die nicht lebensnotwendig waren, mussten schließen, bald auch Kneipen und Restaurants. Krankenhäuser waren überfüllt, Ärzte und Personal an ihren Grenzen. Nicht mehr allen Erkrankten konnte geholfen werden, viele starben, vor allem Alte mit Vorerkrankungen, aber bei Weitem nicht nur die. Drohte uns das bald auch in Deutschland?

Bei uns wurden zunächst Veranstaltungen ab tausend Personen untersagt, kleinere blieben erlaubt; allenfalls wurde empfohlen, darauf zu verzichten. Auch wir fragten uns: Sollten wir wirklich noch zur Feier des sechzigsten Geburtstags des Schwagers nach Bünde fahren? Wir fuhren, es war vorläufig unsere letzte Reise und die letzte größere Ansammlung von Menschen, deren Teil wir waren. Es ging gut, und doch fühlte es sich falsch an, verboten. Das Hotel, in dem wir übernachtet hatten, musste kurz darauf für privat Reisende schließen, wie alle Hotels. In Bünde sah ich erstmals leergekaufte Supermarktregale. Der Thriller wurde realer.

Die menschliche Vernunft ging weiter zurück: Viele hielten sich nicht an die Kontaktbeschränkungen, manche feierten sogar „Corona-Partys“. Und sie kauften Unmengen Toilettenpapier, als hinge ihr Leben davon ab; wochenlang war es Glückssache, noch eine Packung zu erstehen. Außerdem Nudeln und Mehl, warum ausgerechnet Mehl, was machten sie damit? Dabei gab es keine Engpässe in der Versorgung, wie Handel und Politiker nicht müde wurden zu betonen, es war grundsätzlich genug von allem für alle da. Oder wäre gewesen, wenn jeder nur so viel gekauft hätte, wie er benötigte. Der Konjunktiv bekam Konjunktur in diesem Jahr. Das, was wir „zivilisiertes Verhalten“ nennen, erwies sich als ein dünner Faden, der schnell reißt, sobald wir glauben, die Kontrolle zu verlieren, uns übervorteilt oder bedroht fühlen oder schlicht Angst haben.

Ein wenig erinnerte mich die Situation an 1986, als aus Tschernobyl die radioaktive Wolke zu uns kam und wir sehr verunsichert waren wegen dieser unsichtbaren Gefahr, ängstlich unter das nächste Dach liefen, sobald ein paar Regentropfen fielen, kein Wild und keine Waldpilze mehr aßen. Und doch war ich jetzt guter Hoffnung, es würde mich und mir nahestehende Personen nicht treffen. Allein von den Fallzahlen her war die Wahrscheinlichkeit einer Infektion mit schwerem Krankheitsverlauf gering. Noch.

Die Woche darauf verkündete die Bundeskanzlerin erst in einer Pressekonferenz, dann in einer Ansprache ans Volk weitreichende Einschränkungen auch bei uns: Keine Veranstaltungen, keine unnötigen Reisen wie Urlaub, keine Restaurantbesuche, die Wohnung nur noch verlassen, wenn es unvermeidbar ist, wie zur Arbeit oder zum Einkaufen; grundsätzlich maximal zu zweit und mit mindestens eineinhalb Meter Abstand zueinander. Abstand wurde zu einem der meist gebrauchten Wörter des Jahres. Viele Geschäfte mussten nun auch in Deutschland schließen, zudem alle Kneipen, Bars, Theater, Museen, Friseure, Universitäten und Schulen. Keine Konzerte, Gottesdienste, Sportveranstaltungen, sogar die Fußball-Europameisterschaft und Bundesliga wurden abgesagt. Kurz: Alles, wo Menschen zusammenkamen aus nicht lebenswichtigen Gründen. Die meisten Grenzen zu den Nachbarländern wurden geschlossen und Mecklenburg-Vorpommern ließ niemanden aus anderen Bundesländern mehr rein. Der Stillstand bekam einen eigenen Namen, nein zwei: wahlweise „Lockdown“ oder „Shutdown“. Irgendwer fing damit an, bald plapperten es alle nach.

Viele Firmen ordneten, soweit möglich, Heimarbeit an, oder sie stellten den Geschäftsbetrieb ganz ein, wie die großen Autohersteller. Ich selbst wollte und durfte weiterhin ins Büro fahren, fuhr nur noch mit dem Fahrrad dorthin, auch bei Regen und Kälte. Die Stadtbahn mied ich, obwohl die Bahnen anfangs fast leer durch die Gegend fuhren, sicher ist sicher. Ich war froh, noch ins Büro zu dürfen, obwohl ich ebenfalls zu Hause hätte arbeiten können. Es gab meinen Tagen Struktur und die mir wichtige Trennung Arbeit – Privat blieb erhalten. Der Autoverkehr auf den Straßen ging drastisch zurück, die Staumeldungen im Radio fielen ungewohnt kurz aus.

Die Reise- und Tourismusbranche kam fast zum Erliegen, die meisten Flugzeuge blieben am Boden, Kreuzfahrtschiffe lagen fest. Die Natur konnte ein wenig aufatmen. Wie mochte es jetzt in Playa del Ingles auf Gran Canaria sein, wo wir früher so oft waren, einem Ort, der fast ausschließlich aus Hotels und Ferienappartements und einer rein auf den Tourismus ausgelegten Infrastruktur bestand? Gespenstisch leer vermutlich, vor allem nachts.

Ich fragte mich, wie lange die Bevölkerung noch ruhig und zu Hause blieb, den Empfehlungen der Regierung folgte, die beschlossenen und verkündeten Maßnahmen und Einschränkungen akzeptierte. Kam es irgendwann zu Unruhen, Gewalt, Plünderungen? Die Menschen bereiteten mir viel mehr Sorgen als das Virus. Wie lange war die Versorgung mit Lebensmitteln sichergestellt? Hielten die Menschen in den sogenannten „systemrelevanten“ Berufen – Ärzte, Polizisten, Verkäufer, Zusteller, Feuerwehr und andere – noch lange durch? Was passierte, wenn nicht?

Anfang April lebten wir seit drei Wochen im Ausnahmezustand, der mit großer Wahrscheinlichkeit noch einige Wochen anhalten würde, auch wenn die Stimmen nicht nur aus der Wirtschaft laut wurden, dass wir das nicht mehr lange durchhielten. Aber was war die Alternative? Die Zahl der Infektionen stieg weiter, fast 100.000 Fälle und 1.500 Tote, aber immerhin auch 26.000 Genesene in Deutschland; über letztere wurde in den Medien wenig berichtet.

Persönlich empfand ich mich nur wenig eingeschränkt, vielmehr konnte ich der Situation auch durchaus Gutes abgewinnen: In absehbarer Zeit gab es keine Dienstreisen, fast alle privaten Verpflichtungen waren ausgesetzt oder ganz gestrichen. Ich musste abends nicht mehr raus zu Vereinsaktivitäten, die mir schon vor der Pandemie zunehmend lästig geworden waren. Früher waren freie Wochenenden ohne Termine ein Geschenk, nun wurden sie zur Regel. Ich durfte weiterhin spazieren gehen und war gewissermaßen gezwungen, regelmäßig Fahrrad zu fahren. Und ich habe keine Kinder, die ich nun den ganzen Tag bespaßen und beschulen musste, weil sie nicht zur Schule gehen konnten. („Homeschooling“ ist auch eins dieser unsäglichen, nachgeplapperten Wörter, die dieses Jahr hervorgebracht hat.) Ich glaube, wenn ich Kinder hätte, käme ich nachts nicht in den Schlaf aus Sorge um deren Zukunft, auch wenn diese Seuche irgendwann vorüber sein sollte; andere Krisen, allen voran der Klimawandel, gehen weiter.

Natürlich gab es einiges, was ich vermisste: Die Woche Urlaub in Südfrankreich nach Ostern. Die gebuchte Schifffahrt zu „Rhein in Flammen“ Anfang Mai. Restaurantbesuche. Mit Freunden ins Ahrtal fahren, mit anschließender (W)Einkehr. Aber was waren das für Probleme, verglichen mit denen Anderer? Die infiziert oder erkrankt waren. Die bereits Angehörige verloren hatten. Die ihre Lieben im Krankenhaus oder Pflegeheim nicht besuchen durften. Die sich Sorgen um ihre berufliche Zukunft machen mussten. Die irgendwo in einem fernen Land oder auf einem Kreuzfahrtschiff festsaßen und nicht nach Hause konnten. Die in einem Flüchtlingslager lebten. Obdachlose. Nein, uns ging es gut, es fehlte an nichts.

Die Maßnahmen wirkten: Die Zahl der Neuinfektionen ging zurück, im Mai wurden die Einschränkungen teilweise aufgehoben. („Lockerungen“ wurde ein weiteres Wort des Jahres.) Läden, Restaurants, Friseure, Schulen und Kirchen öffneten wieder, unter strengen Auflagen: Sie durften nur mit Mund-Nasen-Schutzmaske betreten werden, deren Wirksamkeit noch wenige Wochen zuvor bei Politikern und Wissenschaftlern umstritten war, was vielleicht auch daran lag, dass es anfangs nicht genug Masken für alle gab. Nun gab es sie in rauen Mengen, von einfachen Einwegmasken bis hin zu modischen Designerstücken mit lustigen Motiven. Beim Betreten der Läden musste man sich die Hände desinfizieren, in Restaurants Namen und Kontaktdaten hinterlassen, zur „Kontaktpersonennachverfolgung“, eine weitere Wortgeburt dieses Jahres. Wir durften also wieder raus, Leute treffen, in die Büros, mit Einschränkungen reisen. Auch Fußballspiele vor reduziertem Publikum waren wieder möglich. Die „neue Normalität“ wurde ausgerufen. Man fuhr und flog wieder in den Urlaub, nach Mallorca, Italien, in die Türkei – die meisten jedoch blieben im Inland. Nord- und Ostseeküste erlebten einen Andrang wie lange nicht mehr.

In der Bevölkerung regte sich Widerstand gegen die angeordneten Maßnahmen, die weiterhin Bestand hatten, allen voran die Maskenpflicht. Das reichte von „ist doch nicht viel schlimmer als eine Erkältung“ bis hin zu absurden Verschwörungstheorien, wonach das Virus nur eine ausgedachte Gefahr war, um das Volk zu versklaven. In Berlin, Stuttgart und anderen Städten gingen die Leute deswegen auf die Straßen, Regenbogenfahnen marschierten neben Reichskriegsflaggen.

Der Sommer wurde heiß, viele junge Leute pfiffen weiterhin auf die Regelungen und Abstand, trafen sich, da Diskos und Clubs geschlossen waren, in Parks, auf Plätzen, am Rheinufer; tranken, feierten, sahen es überhaupt nicht ein, sich einschränken zu lassen. Mehrfach löste die Polizei Ansammlungen auf, was häufig auf Widerstand stieß und immer wieder Gewalt auslöste.

Einige Staatspräsidenten verharmlosten die Gefahr und weigerten sich, Masken zu tragen, gerade solche mit besonders hohen Infektionszahlen in ihrem Land, etwa Brasilien, Großbritannien, die USA oder Weißrussland. Folgerichtig fingen sie sich selbst das Virus ein, wobei nur Boris Johnson, der britische Premierminister, nennenswerte Symptome aufwies, während die anderen – Trump, Bolsonaro, Lukaschenko -, glimpflich davonkamen und hinterher umso überzeugter verkündeten, das Virus sei ungefährlich, obwohl bereits Tausende aus ihrer Bevölkerung daran gestorben waren.

Die meisten jedoch waren vernünftig und hielten sich an die Einschränkungen. Aber was nützte das alles, solange es keine Impfung und kein Medikament gab? Wahrscheinlich müssten wir bestimmte Vorsichtsmaßnahmen noch lange Zeit beibehalten: Hände häufig waschen, keine Umarmungen und Küsschen zur Begrüßung, keine Hände schütteln, Abstand halten. Immerhin: Wenn Händeschütteln durch diese Krise dauerhaft abgeschafft würde, hätte sie wenigstens etwas Gutes bewirkt.

Große Veranstaltungen wurden abgesagt: das Oktoberfest in München, die Karnevals-Session, Weihnachtsmärkte. Dennoch galt es, einen weiteren Stillstand um jeden Preis zu vermeiden, weil man befürchtete, große Teile der Wirtschaft würden den nicht überstehen.

Im Herbst, nach Rückkehr der Urlauber, stiegen die Infektionszahlen wieder an. Zunächst langsam, bald rasant. Fast alle angrenzenden Länder wurden zu Risikogebieten erklärt, wer dorthin reiste, musste hinterher einen negativen Corona-Test vorweisen oder sich in Quarantäne begeben. Einige Länder verschärften die Maßnahmen wieder drastisch, verhängten Ausgangssperren. Auch immer mehr Regionen in Deutschland waren betroffen. Die Bundeskanzlerin beriet sich mit den Ministerpräsidenten der Länder, was zu tun sei, doch es gelang zunächst nicht, sich auf einheitliche Regelungen zu einigen. Die Maskenpflicht wurde verschärft, auch draußen sind seitdem Mund und Nase zu bedecken überall dort, wo viele Menschen sind, vor allem in Fußgängerzonen. Als Brillenträger läuft man nun noch häufiger im Nebel herum. Für die Gastronomie wurde die Sperrstunde eingeführt. Immerhin gab es noch Gastronomie.

Zum November einigten sich Bund und Länder auf neue Beschränkungen, nicht ganz so drastisch wie im Frühjahr: Befristet für zunächst vier Wochen mussten Gaststätten wieder schließen, Veranstaltungen wurden untersagt, maximal fünf Personen aus unterschiedlichen Haushalten durften sich öffentlich treffen. Immerhin gab es keine Ausgangssperren wie in anderen Ländern, zum Beispiel Frankreich. Geschäfte und Schulen blieben geöffnet, der Profisport durfte ohne Zuschauer weiter betrieben werden, vermutlich ließ sich damit auch so noch genug Geld verdienen.

Es gab Hoffnung: Im November meldeten mehrere Unternehmen, einen wirksamen Impfstoff entwickelt zu haben. Doch der musste erstmal zugelassen, in erforderlicher Anzahl hergestellt und verteilt werden.

Die Neuinfektionen gingen unterdessen nicht zurück, täglich meldete das Robert-Koch-Institut eine fünfstellige Zahl an neu Infizierten, auch die Zahl der „an oder mit“ Corona Gestorbenen stieg an. Daher einigten sich Bundeskanzlerin und Ministerpräsidenten auf eine Verlängerung der Maßnahmen, erst bis Ende Dezember (das Weihnachtsgeschäft!), dann bis Anfang Januar; über Weihnachten und Silvester sollte es leichte Lockerungen geben, statt fünf sollten sich vorübergehend zehn Personen treffen dürfen. Einige Städte verhängten nächtliche Ausgangssperren. Die Verrückten demonstrierten unterdessen weiter und faselten von „Diktatur“.

Anfang Dezember mahnten führende Wissenschaftler dringend weitere Beschränkungen an. Gleichzeitig wurden in Großbritannien die ersten Menschen geimpft, was zu Diskussionen und Unverständnis führte, da die EU sich mit der Zulassung noch etwas Zeit ließ; erst nach Weihnachten sollten auch hier die ersten Spritzen gesetzt werden. Unterdessen wurden aufgrund der weiter steigenden Infektionszahlen die Maßnahmen weiter verschärft. Über die Weihnachtstage gab es nur noch geringfügige Lockerungen, die derart kompliziert formuliert waren, dass sie keiner verstand, zu Silvester wurden Ansammlungen in der Öffentlichkeit und der Verkauf von Feuerwerk untersagt.

Die früheren Impfungen nützten den Briten zunächst wenig: Eine Woche vor Weihnachten trat eine neue Variante des Virus auf, die bis zu siebzig Prozent ansteckender sein sollte, nach ersten Erkenntnissen jedoch weder zu schwereren Krankheitsverläufen noch einer erhöhten Sterblichkeit führte. Zur Sicherheit stellten zahlreiche europäische Länder vorübergehend den gesamten Reise- und Frachtverkehr mit Großbritannien ein; kurz darauf stauten sich tausende von LKWs vor Dover. Konsumfreude kollidierte mit Naturgewalt.

Kurz vor dem nächsten Jahreswechsel freuten sich viele, weil dieses schlimme Jahr vorüber ging, obwohl das Ende des vorläufigen Dauerzustandes noch lange nicht absehbar ist. Weiterhin meldet das Robert-Koch-Institut für Deutschland täglich Neuinfektionen in fünfstelliger Zahl. Weltweit hatten sich fast 83 Millionen Menschen mit dem Virus infiziert, über 1,8 Millionen davon sind gestorben. Deutschland stand mit rund 1,7 Millionen Infizierten und dreiunddreißigtausend Toten noch vergleichsweise gut da. Einige klagten vor Gericht, weil sie zu Silvester keine Raketen abfeuern durften und bekamen sogar Recht, weil die Richter keinen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Feuerwerk, Infektions- und erhöhter Knallkörperverletzungsgefahr sahen.

Immerhin: Der Stuttgarter Initiator der zweifelhaften Bewegung, die sich selbst als „Querdenker“ bezeichnet, hatte angekündigt, bis auf weiteres auf Demonstrationen zu verzichten. Die LKW, die sich vor Weihnachten in England stauten, durften ihre Fahrt fortsetzen. Und in Europa sind die Impfungen angelaufen, als erstes alte Menschen in Pflegeheimen und medizinisches Personal; in den Nachrichtensendungen wird ungefähr alle zwei Minuten eine Nadel in einen Oberarm getrieben.

Schon kurz nach Weihnachten wurden Zweifel laut, dass die Beschränkungen wie geplant nach dem 10. Januar teilweise zurückgenommen werden können. Anfang Januar trafen sich wieder Bundeskanzlerin und Ministerpräsidenten und sie beschlossen, die Maßnahmen bis Ende Januar zu verlängern, mehr noch: Nun durften wir uns nur noch mit einer haushaltsfremden Person treffen und man erwog, den Bewegungsradius von Menschen in besonders stark betroffenen Gebieten auf einen Umkreis von fünfzehn Kilometer um den Wohnort zu beschränken. Das wurde heftig kritisiert, da weder klar war, ob mit Wohnort die konkrete Adresse des Einzelnen oder die Gemeinde-/Stadtgrenzen gemeint waren, noch wie das durchzusetzen und zu kontrollieren sei. Heftig kritisiert wurde auch der Gesundheitsminister, weil die Impfungen wegen zu wenig Impfstoff nur schleppend anliefen. Unterdessen starben in Deutschland täglich mehr als tausend Menschen wegen Corona.

Da im Laufe des Februars die Zahlen sanken, wurden Lockerungen ab Anfang März beschlossen, die kaum einer richtig verstand, mit „Notbremse“ bei schlechter Entwicklung. Friseure durften wieder Haare schneiden (was für manche Menschen scheinbar wichtiger war als Lebensmittel und Klopapier), Einzelhändler durften wieder ihre Läden öffnen, allerdings nur nach Terminvereinbarung, wofür das nächste Wortungetüm „Click & Meet“ geschaffen wurde. Gegen jede Vernunft und ohne ausreichende Testmöglichkeiten wurden Schüler wieder zum Präsenzunterricht einberufen. Unterdessen lief das Impfen weiterhin sehr schleppend; während andere Länder wie Israel, sogar Amerika und England schon sehr weit waren und unter anderem Außengastronomie ermöglichten, stritt man in Deutschland darüber, wer wann wen wo und womit impfen durfte. Vor allem fehlte es nach wie vor an ausreichend Impfstoff. Hinzu kam ein Skandal, weil mehrere CDU-Abgeordnete im vergangenen Jahr in unlautere Geschäfte mit Schutzmasken verstrickt waren, die sie ihr Mandat und die Partei erhebliche Stimmen bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz kosteten.

Während Urlaubsreisen im Inland weiterhin nicht möglich waren, galt Mallorca nicht mehr als Risikogebiet, woraufhin sich Tausende auf den Weg dorthin machten, trotz Maskenpflicht und ab dem frühen Abend geschlossenen Kneipen und Restaurants. Hauptsache mal raus. Die Festland-Spanier durften ihre Städte und Regionen unterdessen weiterhin nicht verlassen.

Wenig überraschend stieg die Zahl der Neuinfektionen im März wieder stark an, vor allem auch wegen der neuen Virus-Varianten. Daher zogen Bundeskanzlerin und Ministerpräsidenten Mitte März die Notbremse, die sie nach heftiger Kritik aus der Wirtschaft bereits zwei Tage später wieder etwas lockern mussten. Erstmals in der Geschichte äußerten sie unverblümt Selbstkritik und baten für ihre Fehlentscheidung um Entschuldigung. Das Vertrauen der Bevölkerung in die Politiker war schwer beschädigt und niemand wusste mehr genau, was noch erlaubt war und was nicht.

Deshalb wurde Ende April das Bundesinfektionsschutzgesetz angepasst, wieder war ein neues Wort geboren: die „Bundesnotbremse“. Unter anderem galt nun einheitlich für Städte und Kreise mit einem Inzidenzwert über 100 Infizierte je 100.000 Einwohner (somit fast alle) eine nächtliche Ausgangssperre zwischen 22 und 5 Uhr, wobei spazieren und laufen auch noch bis 24 Uhr erlaubt war. Die meisten Geschäfte durften Waren nur noch zur Abholung anbieten, andere wie Friseure durften nur mit einem tagesaktuellen negativen Testergebnis betreten werden. Arbeitnehmer waren grundsätzlich zur Heimarbeit verpflichtet, wenn es die Tätigkeit zuließ.

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Irgendwann, vielleicht in einem halben Jahr, vielleicht später, könnte das Virus besiegt sein und wir gehen wieder über zum üblichen Irrsinn, machen weiter wie vorher, reisen, konsumieren, zerstören die Umwelt, wandeln das Klima, Hauptsache wir haben Wachstum. Reiche werden reicher, Arme ärmer, und wir Menschen werden immer mehr. Alles wie gehabt.

Aber vielleicht kommt es ganz anders. Hätte ich Talent und Lust, einen Thriller zu schreiben, dann etwa so:

Es gibt mehr als sieben Milliarden Menschen auf der Erde, mit den bekannten Auswirkungen auf Natur und Klima, und es werden immer mehr. Dabei vermehren sich augenscheinlich diejenigen besonders stark, die es sich am wenigsten leisten können: die Ärmsten in Afrika, RTL-Zielgruppenzugehörige, die sich durch absurde Frisuren und Haarfärbungen, Tätowierungen bis zum Hals und Metallteilen in verschiedensten Körperteilen selbst den Weg zu großen Teilen des Arbeitsmarktes verbauen; selbst in Flüchtlingslagern, wo Menschen teilweise seit Jahren festsitzen und vermutlich andere Sorgen als die Arterhaltung haben, werden neue Menschen geboren.

Vielleicht ist Corona nur ein Auftakt, ein Vorgeschmack auf etwas kommendes Großes. Durch Kontaktbeschränkung und Impfungen mag es gelingen, die weitere Ausbreitung erst zu verlangsamen, dann zu stoppen. Doch kaum, dass wir die Krise überwunden glauben und da weitermachen, wo wir vorher aufgehört haben, entsteht eine neue Mutation des Virus. Zunächst unbemerkt, da über Monate keine Symptome auftreten, breitet es sich rasend schnell aus. Als man begreift, dass wiederum ein Virus die Ursache für eine neue, rätselhafte Erkrankung ist, ist es zu spät. Man kann ihm nicht entgehen, nirgendwo, es ist nahezu auf der ganzen Welt. Reihenweise erkranken die Menschen weltweit schwer, anders als bei Covid-19, wo ein hoher Anteil nur leichte oder gar keine Symptome zeigte, trifft die neue Form alle, die sich infiziert haben. Innerhalb weniger Tage bricht das Gesundheitssystem zusammen, die Sterblichkeit liegt bei über fünfzig Prozent. Geschäftliche Aktivitäten werden in kürzester Zeit eingestellt, die Grundversorgung mit Strom, Internet, Wasser und Lebensmitteln kommt zum Erliegen. Das, was wir Zivilisation nennen, hört auf zu existieren, es herrscht einzig das Recht des Stärkeren. Staat und Politik lösen sich auf, auch auf die „Rechten“ und „Querdenker“, die anfangs noch Schuldige ausgemacht hatten und einfache Lösungen wussten, hört niemand mehr. Globalisierung und Gendersternchen sind nur noch Begriffe ohne irgendeine Bedeutung.

Während in den Parks die Kastanien in voller Blüte stehen, sterben innerhalb weniger Wochen mehrere Milliarden Menschen, vor allem in den hoch entwickelten, technikabhängigen Industrieländern. Ganze Städte sind menschenleer, stattdessen wühlen Wildschweine in den Vorgärten der Villenviertel.

Vielleicht erleben wir gerade das Ende der Menschheit, wir wissen es nur noch nicht. Nicht der Klimawandel oder ein Atomkrieg löscht uns aus, sondern ein Virus. Sieben Milliarden Menschen, die sich benehmen, als wären sie die einzige Spezies von Bedeutung, der sich alles andere unterzuordnen hat, die sich immer weiter vermehren und so tun, als gäbe es kein Morgen – vielleicht ist es damit bald vorbei, und die Weltherrschaft geht über an Ameisen oder Ratten. Vielleicht beherrschen die auch längst die Welt, wir haben es nur noch nicht bemerkt.

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Nachbemerkung für den unwahrscheinlichen Fall, dass Sie bis hierher gelesen haben: Ich wünsche Ihnen, uns und mir ein erfreuliches Jahr 2021, auf dass es gut ausgehen möge.