Über Fleischwurst, Hände- und Gruppendruck

In letzter Zeit ist häufig zu hören und lesen über zwischenmenschliche Konflikte, welche aus der Weigerung muslimischer Männer entstehen, aufgrund religiöser oder was weiß ich welcher Gründe nicht-muslimischen Frauen die Hand zu geben. Ebenso mögen muslimische Frauen keine westlichen Männerhände berühren, nur steht das seltener in der Zeitung, weiß Allah, warum. Mittlerweile müssen sich gar Gerichte des Sachverhaltes ungeschüttelter Hände annehmen.

Es liegt mir fern, die beklagte islamische Händeschüttelverweigerung zu bewerten oder gar zu kritisieren, im Gegenteil, ich habe volles Verständnis dafür, und das hat mit religiösen Überzeugungen oder Geschlechterunterschieden nicht das Geringste zu tun. Vielmehr hege ich seit frühester Jugend eine tiefe Abneigung gegen das Händeschütteln an sich, wobei ich weniger die zahlreichen Keime und Krankheitserreger im Sinne habe, welche sich durch jeden Handschlag weiter verbreiten mögen. Man mag ja auch gar nicht drüber nachdenken, womit die Hände des Gegenübers zuvor beschäftigt waren: Vielleicht wusch er sie nach der nur wenige Minuten zurückliegenden Darmentleerung nicht, nieste in Ermangelung eines Taschentuchs in den Handteller, oder Daumen und Zeigefinger rollten unmittelbar vor unserer Begegnung einen frisch geernteten Popel, bis er die zum Wegschnippen geeignete Konsistenz aufwies.

Ich mag sie einfach nicht, diese aus einer merkwürdigen Sitte heraus begründete Berührung eines anderen Menschen. Nun ist es nicht so, dass ich der Berührung anderer Menschen grundsätzlich ablehnend begegne, ganz im Gegenteil, aber alles zu seiner Zeit, und schon gar nicht auf der Straße oder in einem Besprechungsraum. Zu Besprechungen erscheine ich deshalb am liebsten ein bis zwei Minuten nach der Zeit, zum einen, um dem unerträglichen Smalltalk vorher zu entgehen, zum anderen in der Hoffnung, dass alle schon auf ihrem Platz sitzen und keine Zeit mehr für Handgeschüttel ist; nach der Besprechung bin ich der erste, der aufspringt und mit einem knappen „Tschüs“ des Raum verlässt, bevor jemand Gelegenheit erhält, mir zum Abschied die Hand zu reichen. Eine weitere wirksame Methode, dem zu entgehen, ist das Vorschieben einer Erkältung, als dauerhafte Begründung leider wenig geeignet.

Handschläge können fies sein: Fest und schmerzhaft, dass es einem fast die Finger zerquetscht; genau so schlimm das Gegenteil, ein Händedruck, der die Bezeichnung nicht verdient, da die gereichte Hand jeglichen Druck vermissen lässt und eher anmutet wie eine hingehaltene Fleischwurst. Schlimmer jedoch sind Schwitzehände, welche die Begrüßung mit einem schmatzenden Geräusch untermalen; am schlimmsten schließlich die Kombination aus beiden letztgenannten.

Am Anfang meines Berufslebens arbeitete ich in einer Dienststelle mit wirklich sehr netten Kollegen, die Arbeit machte Freude, ich ging gerne hin. Nur eines störte mich gewaltig: Morgens schüttelte jeder jedem zur Begrüßung die Hand. Dem Gruppendruck gehorchend ließ ich es, von innerem Widerwillen geschüttelt, jeden Morgen über mich ergehen – eine Verweigerung wäre meiner weiteren Karriere womöglich abträglich gewesen oder hätte mich zumindest als merkwürdigen Außenseiter erscheinen lassen.

Mit den Jahren geriet das Händeschütteln unter Kollegen glücklicherweise langsam außer Mode, nur noch der Chef ging morgens von Büro zu Büro und reichte seinen Mitarbeitern die Hand zum Gruß, was zu verschmerzen war. Mittlerweile ist in meinem beruflichen Umfeld die Unsitte kollegialen Händeschüttelns gänzlich zum Erliegen gekommen, jedenfalls innerhalb der Abteilung, welcher anzugehören ich die Freude habe. Nur eben manchmal noch bei abteilungsübergreifenden Besprechungen werden Hände geschüttelt, siehe oben, aber nur einmal täglich, sonst heißt es „wir haben ja schon, ha ha ha“.

Nach der deutsch-deutschen Wiedervereinigung kam der Handschlag wieder in Mode, die ehemaligen DDR-Bürger erwiesen sich geradezu als glühende Anhänger geschüttelter Hände, angeheiratete Familienmitglieder pflegten diese Art der Begrüßung selbst am Morgen nach unter gemeinsamen Dach verbrachter Nacht, was mich sehr irritierte. Glücklicherweise ist auch diese Glut mittlerweile erkaltet.

Wenn ich König von Deutschland wäre, müssten alle Begrüßungen von sich weder emotional noch sexuell nahestehenden Personen absolut berührungsfrei ablaufen, vielleicht mit einer knapp angedeuteten Verbeugung wie in Japan, oder zwei Finger der rechten Hand kurz neben die (eigene) Schläfe gehalten, irgendsowas. Vermutlich ist es ein Segen für die Menschheit, dass ich nix zu sagen habe.

Indes: Im Vergleich zu den in manchen Kreisen gepflegten unsäglichen Küsschen-links-Küsschen-rechts-Begrüßungen ist so ein Handschlag ein wirklich nur geringes Übel.

Wutschrift über freie Fahrt

Ihr deutschen Autofahrer, ich kann es nicht mehr hören, euer Gejammer, mit dem ihr Geschwindigkeitskontrollen als gemeine Abzocke abtut, und ich könnte jedes Mal schreien, wenn die Medien in euch mal wieder die bedauerlichen „Melkkühe der Nation“ sehen. Dabei ist es ist doch ganz einfach, ich erkläre es euch gerne noch mal: In geschlossenen Ortschaften fünfzig, außerhalb hundert Ka-em-ha, wenn was anders gilt, erkennt ihr das an dem runden Schild mit rotem Rand und der schwarzen Zahl darin. Das mag man doof finden, eine eurer typischen, eure Dämlichkeit unterstreichende Ausrede ist „Wieso sechzig? Hier kann man doch locker hundert fahren“. Das könnt ihr natürlich so handhaben, sicher, aber dann beklagt euch nicht, wenn ihr erwischt und zur Kasse gebeten werdet!

Auf deutschen Autobahnen genießt ihr, Wissmann sei Dank, ohnehin noch Narrenfreiheit, da dürft ihr rasen, bis euch die Augäpfel im Rausch der Geschwindigkeit aus dem Kopf treten, für euch sind das eher Austob-Bahnen. Es sei denn, so ein Idiot überholt vor euch mit lächerlichen hundertdreißig eine LKW-Kolonne und macht euch keinen Platz, dann schimpft, drängelt, blinkt und lichthupt ihr. Ich verkenne nicht, dass es Trottel gibt, die mit konstanten hundertzehn bis dicht an den nächsten LKW heranfahren, dann blinken (wenn überhaupt) und sofort nach links herüberziehen, ohne darauf zu achten, ob von hinten einer kommt; der muss sich nicht einmal mit zweihundert oder schneller bewegen, damit es gefährlich wird. Vielleicht sind diese Ausscherer auch gar keine Trottel, sondern hochgebildete Menschen, die irgendwas digitales oder mit Medien machen, auch am Steuer, was sich wiederum auf deren Fahrweise niederschlägt.

Ginge es nach mir, hätten wir in Deutschland längst ein Tempolimit auf Autobahnen wie in allen anderen europäischen Ländern, wo das komischerweise sogar funktioniert, jedenfalls meistens.* Aber damit ist leider nicht zu rechnen, weil jede Regierungspartei, die auch nur laut darüber nachdenken würde, weiß, dass sie bei der nächsten Wahl weg von der Straße ist.

Geschwindigkeitsüberschreitungen würden viel härter geahndet, mindestens hundert Euro je überschrittenem Stundenkilometer, ebenso Drängeln, tausend Euro je Meter unterschrittenem Sicherheitsabstand. Na gut, fünfhundert reichen fürs Erste auch. Es gäbe mehr Geschwindigkeitskontrollen, nicht nur feste Blitzanlagen, die ihr nach kurzer Zeit kennt, wo ihr dann mal kurz auf siebzig abbremst, selbst wenn achtzig erlaubt sind, um danach sofort wieder zu beschleunigen. Und hundert Meter nach jedem Messpunkt gleich noch einen, ihr dürft euch nicht zu sicher fühlen. Dieser Unfug, in der Zeitung und im Radio anzukündigen, wo geblitzt wird, würde verboten. Das ist ja gerade so, als würde die Polizei jedes Mal vorher ankündigen, in welchen Siedlungen sie verstärkt Streife fahren wird, um die armen Einbrecher von ihrem Tun abzuhalten beziehungsweise sie dazu zu bewegen, ein anderes Gebiet heimzusuchen. Was für ein Irrsinn!

Die Krönung des Schwachsinns waren ernsthafte Forderungen und Überlegungen Anfang der Neunziger, die Alleebäume in den östlichen Bundesländern zu fällen, weil deren Bewohner mit den neuen, PS-starken Westautos nicht klar kamen und reihenweise dagegen fuhren. Rodung für Raser.

Wo ich gerade so schön am Verbieten bin: Diese zwei- und vierrädigen Lärmmaschinen, die ihr als sportlich empfindet, verlören sofort ihre Zulassung, es sei denn, sie werden leiser. Die Bahn soll sich nur noch flüsternd durchs Rheintal bewegen, aber ihr dürft ungestraft Tag und Nacht durch die Stadt lärmen, nur weil ihr offenbar einen zu kurzen Penis habt, wo gibts denn sowas??

Das weiß nur Wissmann.

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* Auf unserer Rückfahrt aus Südfrankreich am vergangenen Freitag wurden wir kurz hinter Dijon von einem französischen Autofahrer erst bedrängt (wir fuhren 140, also schon 10 zu schnell) und anschließend ausgebremst, bevor er mit gerecktem Stinkefinger weiter raste. Die können das also auch. Vielleicht mochte er auch einfach keine Deutschen.

Und auf provencalischen Landstraßen kommt man keine hundert Meter weit, ohne einen einheimischen Wagen an der hinteren Stoßstange kleben zu haben, der dann an einer möglichst unübersichtlichen Stelle überholt.

Über sprudelnde Steuern und Synonymzwang

Bekanntlich ist die Stadt Bonn finanziell nicht gerade auf Rosen gebettet. Deshalb hat sie nun beschlossen, zwei zusätzliche Mitarbeiter damit zu beschäftigen, die Vereinnahmung der Hundesteuer zu überwachen. Wir erinnern uns: Vor noch nicht allzu langer Zeit sollte eine demenzkranke alte Dame ihren Hund wieder abgeben, da sie sich die Hundesteuer nicht leisten konnte, obwohl der Hund ihrem Wohlbefinden sehr förderlich war. Zahlreiche Bonner Bürger erklärten sich daraufhin bereit, die Steuer für die Dame zu zahlen, letztlich übernahm die Aktion Weihnachtslicht des Bonner General-Anzeigers die Kosten.

Die beiden neuen Mitarbeiter sollen von Haus zu Haus gehen und die Anwesenheit eines Hundes erfragen, wobei sie weder die Wohnung betreten noch, bei Abwesenheit des Bewohners, in der Nachbarschaft wegen des Vorhandenseins eines Hundes nachforschen dürfen, so die Stadt. (Im Gegensatz zum General-Anzeiger erspare ich Ihnen hier das unsäglich abgenutzte Synonym Vierbeiner – Zeitungen können nicht anders.)

Bei rund 166.000 Haushalten rechnet die Stadt mit einem mehrjährigen Einsatz der beiden Mitarbeiter; dafür erwartet sie Hundesteuermehreinnahmen von rund 200.000 Euro. Das ist doch mal eine sinnvolle Maßnahme: Abzüglich Personal- und Verwaltungskosten zahlt die Stadt höchstens 16.200 Euro drauf, davon könnten einhundert Demenzkranken die Hundesteuer erlassen oder 0,055667 Prozent des jährliche Zuschusses für die Oper finanziert werden.

Wie gleichzeitig bekannt wurde, erfreut sich das Aufkommen an Sexsteuer in Nordrhein-Westfalen einer steigenden Entwicklung (beziehungsweise „sprudelt in die Kassen“, wie jede Zeitung bei solchen Gelegenheiten zu schreiben gezwungen ist). Hier drängt es sich doch geradezu auf, die beiden städtischen Mitarbeiter in die Erhebung mit einzubeziehen. Ein Hausbesuch sähe dann etwa so aus:

„Guten Tag Frau Pütz, wir kommen von der Stadt Bonn. Lebt in Ihrem Haushalt ein Hund?“

„Sie meinen einen Vierbeiner?“

„Gewiss, aber nur wenn er bellt. Wenn er ‚miau‘ macht oder quiekt, sind wir nicht zuständig.“

„Aha. Nein…“

(Bellen aus dem Hintergrund)

„Was war denn das?“

„Das war mein Zweibeiner… mein Mann.“

„Ach… und warum bellt er?“

„Er hat neufundländische Vorfahren.“ (in die Wohnung:) „Sitz, Fifi, Frauchen…. äh… ich komme gleich.“

„Ihr Mann heißt Fifi?“

„Ja, ein traditioneller neufundländischer Name, müssen sie wissen.“

„Und was hat er gerade gebellt… also gesagt?“

„Er wollte wissen, wer an der Tür ist. Er ist leider sehr eifersüchtig.“

„Gut gut… Wie ich sehe, entrichten Sie zurzeit keine Sexsteuer.“

„Nein… sollte ich?“

„Selbstverständlich. Sie haben einen Mann.“

„Hören Sie, wir sind seit über dreißig Jahren verheiratet, glauben Sie etwa, da haben wir noch Sex?“

„Darauf kommt es nicht an, Frau Pütz, allein die theoretische Möglichkeit reicht aus als Erhebungsgrundlage. Schließlich zahlen Sie auch Rundfunkgebühr, ob Sie nun fernsehen oder nicht.“

„Da haben Sie wohl recht. Na ja, und wenn ich ganz ehrlich bin, so ein- bis zweimal im Jahr überkommt es meinen Fifi dann doch noch…“

„Sehen Sie, ehrlich währt am längsten. Welche Stellung bevorzugen Sie denn beim Vollzug?“

„Wenn er mich so von hinten nimmt, mag ich das schon ganz gerne…“

„Dann müssen wir Sie leider bitten, künftig auch die Hundesteuer zu entrichten. Hier die Formulare.“

Bei der Gelegenheit könnte die beiden Kontrolleure auch gleicht mit abfragen, wie lange der letzte Opernbesuch zurück liegt.

Überwachung

Die Bonner Piraten nehmen Anstoß an Kamera-Attrappen, die im Florentiusgraben an einigen Privathäusern angebracht sind. Sie befürchten, vorübergehende Passanten könnten sich, derer angesichtig geworden, „nicht mehr ungezwungen bewegen“. Das wirft die Frage auf, wie man sich denn ungezwungen bewegt, so man sich unüberwacht wähnt: in der Nase bohrend, Grimassen schneidend, ohne Hose, onanierend, gar den Deutschen Gruß zeigend? 

 So gesehen gibt es wohl noch zu wenig Kameras in der Stadt.

Warum Schnauzbärte nicht gut für die Welt sind

Es war  einmal ein demokratisch gewählter Reichskanzler mit einem lächerlichen Schnauzbart. Der wurde immer mächtiger, sein Volk jubelte ihm zu, stand wie eine deutsche Eiche hinter ihm. Und gab es doch Kritiker und Gegner, so ließ er gegen diese mit äußerster Brutalität vorgehen, auch über die Grenzen seines Landes hinaus. Außerdem hatte er eine ganze Bevölkerungsgruppe zum Sündenbock für so ziemlich alles erklärt, worin er für sich die Legitimation sah, ihre Angehörigen massenhaft umzubringen. Vermutlich benutzte er auch so Wörter wie „Säuberung“, womit er gewiss nicht die Beseitigung brauner Flecken aus seiner Unterwäsche meinte. Er hat Millionen Tote auf dem Gewissen. Schließlich führte er, von Größenwahn und Machtsucht besessen, sein Land und die Welt an den Rand des Abgrundes.

Vielleicht müssen mächtige Männer mit Schnauzbart so handeln. Bis in die Gegenwart.

(Ich weiß, man soll solche Vergleiche nicht ziehen, so manche politische Karriere ist deswegen schon durch eine unbedachte Äußerung zerstört worden. Aber hier bin ich Hausherr, hier darf ich das, darf meinen und schreiben was ich will. Und eine politische Karriere strebe ich in absehbarer Zeit nicht an.)

Über Zeit, Shakespeare und Larmoyanz

Es ist an der Zeit, sich Gedanken zur Zeit zu machen. Also nicht Zeit im Sinne von aktuellem Geschehen, zum Beispiel darüber, dass die neue britische Bundeskanzlerin (oder wie die das bei sich nennen) ausgerechnet den lächerlichen Kasper zum Außenminister ernannt hat, der maßgeblich an den Ursachen für das Chaos beteiligt war, in welches das Land gerade zu geraten droht. Lebte Shakespeare noch, würde er daraus vielleicht ein absurdes Drama dichten, über welches man noch in hundert Jahren lachte. Oder weinte, wir werden sehen.

Als Kind glaubte ich, Shakespeare hätte was mit Bier zu tun – Scheek’s Bier, Beck’s Bier, Herforder Pils und wie die alle hießen. Bier war dieses widerlich-bittere Getränk, das mein Vater und die anderen Männer gerne tranken, aber nur, wenn es mit einer ordentlichen Schaumkrone serviert wurde. Papa trank am liebsten Export, das inzwischen auch aus der Zeit gefallen scheint, zumindest ist es mir seit mindestens zwanzig Jahren nirgendwo mehr begegnet. Zu Hause trank er Bier aus der Flasche, das ging dann auch ohne Schaumkrone, Erwachsene waren schon komische Leute. Mit den Worten „Geh Papa mal ein Bier holen“, dieser von Erwachsenen gegenüber Kindern gerne verwendeten dritten Person mit Selbstbezug, schickte er mich in den Keller; meine Frage „Warum ich?“ wurde mit dem unschlagbaren Argument „Du hast die jüngsten Beine“ beantwortet. Heute holen die Väter den Kindern die Getränke, weil die lieben Kleinen dazu viel zu beschäftigt sind mit ihrem Smartphone, außerdem lauert überall die Gefahr. Demnächst übernimmt das dann wohl ein Haushaltsroboter, der von einem im Kindskopf implantierten Chip ein Durstsignal übermittelt bekommt, und schon rollt er zum Kühlschrank und holt ein supergesundes Vitamingetränk aus geschreddertem Brokkoli und Grünalge.

Die Tage las ich einen interessanten Artikel über Transhumanismus, einer Idee, die – stark vereinfacht zusammengefasst – danach strebt, den Menschen mit Hilfe der Technik unsterblich beziehungsweise ihn später durch die Schaffung künstlicher Intelligenz ganz überflüssig zu machen. Darin wird ein gewisser Raymond Kurzweil, Chefingenieur bei Google, zitiert: „Wenn wir die gesamte Materie und Energie des Kosmos mit unserer Intelligenz gesättigt haben, wird das Universum erwachen, bewusst werden und über eine fantastische Intelligenz verfügen.“ Man stelle sich vor: Eine Intelligenz, die tötet, weil Menschen an das falsche oder gar nicht glauben; die alle Vernunft fahren lässt, weil ein paar überbezahlte Werbeträger gegen einen Ball treten; die Helene Fischer huldigt; die Laubbläser, Waschbeton oder Wörter wie ‚Migrationshintergrund‘ oder ‚Doppelhaushälfte‘ erfindet; die einfachste Zusammenhänge nur versteht, wenn sie in einer aufgeblasenen Powerpoint-Präsentation dargestellt sind; die Menschen dazu zwingt, kleine Monster mit einem kleinen Bildschirm zu fangen und sie dabei vor die Straßenbahn rennen lässt. Die Individuen hervorbringt, die der festen Überzeugung sind, Barcodes aller Art würden in negativer Weise Energie bündeln, der nur durch einen dünnen Querbalken Einhalt geboten werden könne, woraufhin manche Unternehmen die Barcodes auf ihren Produkten in vorgenannter Weise entschärfen, um erstgenannte zu besänftigen, worüber sich wiederum andere Individuen in sozialen Hetzwerken empören. Ich bin mir sicher, spätestens in dem Moment, da diese Intelligenz den letzten Mond des allerletzten Planeten am äußersten Rand des Universums erreicht hat, spätestens dann fällt es mit dem Geräusch eines gigantischen Furzes in sich zusammen und schrumpft innerhalb von Sekunden auf die Größe eines Stecknadelkopfes. Und die galaktische Uhr steht wieder auf null Uhr null.

Was ist Zeit? Eine Frage, die nicht nur Udo Jürgens (es war doch Udo Jürgens?) in der Titelmusik einer Zeichentrickserie der Achtziger stellte, sondern mit der sich seit frühester Zeit Philosophen beschäftigen. Obschon ich weder Philosoph noch Udo Jürgens bin, versuche ich, es so zu beantworten: Zeit ist das, was a) wahnsinnig langsam oder b) wahnsinnig schnell vergeht und c) wovon die meisten viel zu wenig haben.

Zu a): Sie stehen an der Bushaltestelle, es ist kalt und es regnet, Sie haben ihren Schirm vergessen und es gibt keinen Unterstand. Ein Kollege labert Sie voll mit Dingen, die Sie nicht interessieren (sein Auto, seine Kinder, sein Urlaub, sein Projekt…) und der Bus kommt erst in zehn Minuten.

Zu b): Wann war nochmal dieser geile Sommer mit Sonne und Hitze von Mai bis September? Was, 2003, schon dreizehn Jahre her?

Zu c): Ich habe einen Job mit klassischem Achtstundentag, mit Hin- und Rückweg ungefähr neun Stunden, mal etwas mehr, manchmal auch weniger. Acht Stunden schlafe ich, versuche ich jedenfalls. Also nicht im Büro, das fiele wahrscheinlich irgendwann auf, sondern überwiegend nachts. Bleiben rein rechnerisch sieben Stunden Freizeit täglich, zuzüglich Wochenenden und sechs Wochen Urlaub. Die Natur schenkte mir keine Kinder, worüber ich keineswegs unglücklich bin, muss ich doch niemanden zur Schule, zur Yogastunde, zum Rhönradtraining oder zum Triangel-Unterricht bringen oder vegan-vitaminreiche Getränke aus dem Kühlschrank holen oder rund um die Uhr belustigen (der Liebste und der Geliebte sind in dieser Hinsicht erfreulich anspruchslos). Immer wieder frage ich mich: Wie schaffen Eltern das? Zudem hat die Natur es so eingerichtet, dass sie in alledem nicht nur eine lästige Pflicht sehen, sondern das größte denkbare Glück. Respekt, liebe Natur!

Außerdem schaue ich kaum Fernsehen, Youtube, -porn oder irgendwelche Serien aus dem Netz, ich habe kein Facebook-Konto und Twitter spielt keine nennenswerte Rolle mehr. Ich müsste also genug Zeit haben. Dennoch könnte ich eine lange Liste schreiben mit all den Dingen, zu denen ich einfach nicht oder viel zu selten komme, hier eine spontane Auswahl:

  • Den Bestseller endlich weiterschreiben oder überhaupt erstmal richtig anfangen. Oder wenigstens eine bestsellerverdächtige Idee haben.
  • Mich mit alten Freunden von früher treffen. Aber die wohnen ja alle sonstwo, in Bielefeld zum Beispiel.
  • Die Bücher lesen, die ich gekauft habe, oder bereits gelesene und für gut befundene nochmal lesen.
  • Mal wieder einen Nachmittag an meinem Lieblingsplatz am Rhein verbringen.
  • Mit meiner Modelleisenbahn spielen (ja ich habe eine, dazu stehe ich).
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  • Endlich meine Schreibtischschublade ausmisten.
  • Zeitig ins Bett gehen. (Im Urlaub klappt das komischerweise.)
  • Mich ohne Anlass in einen Bus setzten, in dessen Zielanzeige eines dieser Bonner Außendörfer steht, wo ich noch nie war, bis zur Endhaltestelle fahren und gleich wieder zurück. Oder etwas verweilen, sollte es dort schön sein.
  • Einen vielbeachteten Artikel für Bundesstadt.com schreiben.

Leider fehlt mir die Zeit, diese Liste auch nur halbwegs zu vervollständigen.

Einer dieser neuzeitlichen Begriffe ist ‚Quality Time‘, also Zeit, die man als positiv erfüllt empfindet, weil man sie genau so verbringt, wie es richtig erscheint, ohne äußere Zwänge und Verpflichtungen. Bei aller Larmoyanz (dieses Wort musste ich aufgrund meiner Unsicherheit über die Schreibweise im Duden nachschlagen, was mich auch wieder Zeit gekostet hat) vorstehender Zeilen erlebe ich durchaus Momente dieser Qualitätszeit. Zum Beispiel das Notieren vorstehender Überlegungen bei einem Glas Rosé. Da es schon spät ist und ich Ihnen eine weitere Liste ersparen möchte, belasse ich es dabei.

Schlussbemerkung: Wenig Verständnis habe ich für das menschliche Bestreben, sich die Zeit zu vertreiben.