Montag: Der Mensch neigt dazu, Fehler stets bei anderen zu sehen, die eigenen hingegen übersieht er gerne. Das trifft auf mich gleichermaßen zu, wie zwei Korrekturhinweise zum letzten Wochenrückblick zeigen, die mich im Laufe des Vormittags erreichten. Beim ersten staunte ich über meine Blindheit, die Verwechslung von „ich“ und „ist“ erst auf Rückfrage zu erkennen. Besonders gefreut habe ich mich über die Art und Weise, mit der der geschätzte Mitblogger Nömix den Unterschied zwischen Bund- und Buntfaltenhosen aufzeigt:

Als selbsternannten Sprach- und Rechtschreibpingel sehen Sie mich zerknirscht, gleichwohl danke ich sehr für die Hinweise.
Jeden Tag eine gute Tat: Morgens öffnete ich einem neuen Kollegen die Tür zu seinem Büro, weil er noch nicht dafür freigeschaltet war. Kurz darauf bedankte er sich per Mail für den Tür Support. Was junge Leute so von sich geben.

Nachmittags sah ich zwei Jungs gemeinsam auf einem Elektroroller durch unsere Straße brausen. Für manchen vielleicht eine willkommene Gelegenheit, einen anderen männlichen Körper zu umklammern, ohne in Schwulitätsverdacht zu geraten.
In einem Zeitungsinterview über Künstliche Intelligenz wunderte ich mich über die Verwendung des Wortes „Superintelligenz“, kaum dass der amerikanische Präsident in seiner Herrlichkeit die Umbenennung verkündet hat. Die Selbstverständlichkeit, mit der Journalisten es mittlerweile Deal nennen, wenn sich irgendwo auf etwas geeinigt wurde, finde ich hingegen geradezu widerlich.
Dienstag: Morgens fuhren mit mir im Aufzug zwei Personen, die sich offensichtlich kannten und länger nicht gesehen hatten. Während der Fahrt erzählte sie ihm in einer für die Tageszeit unangemessen Lebhaftigkeit und Lautstärke, sie sei gerade aus Elternzeit mit dem zweiten Kind zurück, kürzlich seien sie in Madrid gewesen, insgesamt sei alles anstrengend aber gut. Ich war froh, als ich aussteigen und mich in die vorläufige Ruhe meines Büros begeben konnte.
Ein Nachtrag zum letzte Woche gekauften Anzug: Bevor ich ihn am Sonntagmorgen anziehen konnte, mussten Gesäßtaschen und die äußeren Taschen der Jacke geöffnet werden, da sie wie bei neuen Anzügen üblich mit lockerem Faden zugenäht waren, damit sie beim Transport oder wann auch immer, also vor erstmaliger Nutzung nicht ausbeulen. Jedenfalls nehme ich an, dass das der Grund ist. Bei der Hose und der Brusttasche funktionierte das auch durch leichtes Auseinanderziehen und Einsatz einer Nagelschere. Nicht so bei den Seitentaschen der Jacke, die sehr solide vernäht waren. So sehr ich auch zog und zerrte, tat sich kein Spalt auf. Da ich die Jacke nicht ruinieren wollte, nahm ich zunächst an, das müsste so sein, die angedeuteten Taschen wären nur Attrappe. Ungewöhnlich, aber möglich; die Knöpfe an den Jackenärmeln dienen ja meistens auch nur noch zur Zierde.
Gestern und heute trug ich den Anzug im Büro und war von dessen Tragekomfort weiterhin begeistert, trotz zuer Taschen. Da der Rückweg mich heute an dem Bekleidungsgeschäft in der Friedrichstraße vorbeiführte, ging ich spontan hinein und fragte nach. Siehe da: Es sind doch Taschen, nur eben besonders haltbar vernäht. Mit fachfraulichen Fingern und einer Schere öffnete die freundliche Verkäuferin sie in wenigen Minuten. Manchmal ist man einfach zu ängstlich.
Mittwoch: Der Arbeitstag war erfreulich arm an Besprechungen, bis zum Mittagessen waren sie durch. Solche Tage sind selten. Ich fühlte mich produktiv, auch wenn ich Ihnen als Außenstehende den Inhalt der bearbeiteten Gewerke nicht auch nur ansatzweise erklären könnte.
Wie einem Zeitungsbericht zu entnehmen war, heißt das auch bei jungen Leuten sich zunehmender Beliebtheit erfreuende Hobby, Vögel zu beobachten und zu fotografieren, Birding. (Die direkte Übersetzung dieses Begriffs ins Deutsche bezeichnet hingegen eine völlig andere, nicht nur bei jungen Leuten beliebte Beschäftigung.) Ich selbst geriet nachmittags eher zufällig ins Vög Börding, als ich vom Büro aus mehrere große Greifvögel dabei beobachtete, wie sie nebenan über dem Gebäude kreisten, in dem die Deutsche Welle residiert. Wer mag, kann darin eine gewisse Symbolik erkennen, muss man aber nicht.
Donnerstag: Der Fußweg ins Werk war von Morgenröte begleitet. Bei Ankunft schlug die Motivklingel des Datengerätes an, ausgelöst durch reizvolles Lichtspiel zwischen den Glasfronten von Turm und Kantinenanbau. Als ich nach Erfüllung der Fotografenpflicht das Gebäude betrat, kam eine Dame des Sicherheitsdienstes auf mich zu und fragte, ob ich draußen gerade fotografiert hätte, wahrheitsgemäß bejahte ich. Das sei nicht erlaubt, wurde ich daraufhin belehrt. Ach was: Die Stelle ist jederzeit für jedermann frei zugänglich, auch am Wochenende und nachts, es ist nichts betriebsgeheimnisvolles zu sehen, warum also soll man man da nicht fotografieren dürfen, zumal kein Schild es verbietet? Anstatt sie das zu fragen, sagte ich, und da staune ich, dem sonst fast jede Regel heilig ist, über meine Renitenz mit einem Hauch von Arschloch: Das ist mir eigentlich egal. (Warum ich „eigentlich“ sagte, weiß ich nicht, jedenfalls sagte ich es.) Damit ließ ich sie stehen, ging zu den Aufzügen und fuhr hoch in mein Büro. Mehr passierte nicht. Da ich deswegen keine arbeitsrechtlichen Konsequenzen fürchte, erlaube ich mir, Ihnen das Bild zu Kenntnis zu geben. Voila:

Freitag: Apropos Regeln: Als Radfahrer kann man nicht nur Fußgänger irritieren, indem man vor einem Zebrastreifen anhält und sie passieren lässt; auch andere Radfahrer rechnen nicht damit, dass man ihnen vor einer einmündenden Straße aufgrund der Rechts-vor-links-Regel Vorfahrt gewährt. Die Erfahrung lehrt, sich besser nicht darauf zu verlassen, dass diese Regel auch anderen Radfahrern bekannt ist oder von ihnen Beachtung erfährt.

Samstag: Es geht wieder los. Mittags fuhren wir in karnevalistischer Mission nach Düsseldorf, die dortige Ehrengarde hatte zu ihrem Generalappell eine kleine Abordnung unserer Gesellschaft eingeladen. Nun gilt im Köln-Bonner Raum Düsseldorf als verbotene Stadt, jedenfalls unter Eingeborenen, was mich als Zugezogenen nicht sonderlich kratzt. Jedenfalls war es vergnüglich, das Altbier genießbar und auch der in Köln und Bonn bei Strafe verbotene Schlachtruf „Helau“ ging nach anfänglichem Zögern und weiteren Alt gut über die Lippen.
Sonntag: Die Kritik an der zweimal jährlich stattfindenden Uhrenumstellung reißt nicht ab, auch ich könnte gut darauf verzichten. In der vergangenen Nacht kam die zusätzliche Stunde indessen gelegen.
Morgens sah ich wieder meine Vorbehalte gegen Hotelfrühstückshöllen* bestätigt: Es war voll, laut und beim Büffet stand man sich gegenseitig im Wege, selbst wenn man nur eine Tasse Kaffee zapfen wollte. Immerhin waren der Service gut und die Saftgläser ausreichend groß.
*Zunächst stand dort „-hallen“, „höllen“ erscheint mir angemessener.
Ein heimisches Projekt befasst sich mit dem Raum, der als Büro und Modelleisenbahnzimmer dient. Die Möblierung ist uneinheitlich zusammengestückelt und mit den Jahren ist eine gewisse Zunahme der Entropie nicht zu übersehen, anders ausgedrückt, das Zimmer wurde immer mehr vollgerümpelt. Das zu ändern haben wir uns schrittweise für das kommende Jahr vorgenommen. Im ersten Schritt wird der Inhalt des Bücherregals stark reduziert, im Rahmen des Sonntagsspaziergangs brachte ich den Inhalt zweier großer Tragetaschen in öffentliche Bücherschränke. Darunter auch einige Büchlein von Loriot und sämtliche Bücher von Ephraim Kishon, deren sich im Laufe der Zeit einige angesammelt hatten. Ich war früher ein großer Freund seines Schaffens, zu Anlässen wie Weihnachten und Geburtstagen kamen stets weitere dazu. Seine Art, die Alltäglichkeiten zu beschreiben, mochte ich sehr, er inspirierte mich, selbst mit Schreiben anzufangen, sein Stil hat mich sicher beeinflusst. (Was selbstverständlich nicht heißen soll, ich könnte und wollte mich mit ihm messen; gleiches gilt für Max Goldt.) Nun ist es nicht so, dass ich Kishon nicht mehr mag, doch war die Wahrscheinlichkeit, dass ich demnächst wieder zu einem seiner Bücher greifen würde, gering. Deshalb dürfen die Bücher jetzt andere lesen; vielleicht nehme ich irgendwann wieder eins mit, wenn ich es im öffentlichen Bücherschrank vorfinde.
Als nächstes werden dann die meisten Bücher aus der Reihe Süddeutsche Zeitung | Bibliothek, eine Auswahl „50 große Romane des 20. Jahrhunderts“ der SZ-Feuilletonredaktion Anfang der Zweitausenderjahre, den Weg in die öffentlichen Bücherschränke finden. Mit ihren in unterschiedlichen Farben, ansonsten gleich gestalteten, mittlerweile etwas ausgeblichenen Buchrücken machten sie sich gut im Regal, gelesen habe ich indes nur einen geringen Teil davon, woran sich in absehbarer Zeit nichts ändern wird. Ein paar davon werde ich zumindest anlesen, auf Dauer behalten wohl keines.
Was schön war diese Woche: Morgenrot, geöffnete Anzugjackentaschen, Luft im Bücherregal.
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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Mögen wir von Auswirkungen der PHP2Shell-Lücke verschont bleiben.
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