Montag: Die Nacht endete um drei Uhr aus einem unspektakulären Traum heraus. Einfach so war ich plötzlich wach und schlief danach vorerst nicht wieder ein, laut an die Schlafzimmerdecke projizierte Uhrzeit (sehr praktisch dieses Gerät, auch wenn die Schrift aus unerfindlichen Gründen manchmal auf dem Kopf steht) immerhin zwei Stunden lang nicht. Weder Schmerz noch Kummer hinderten mich – zum Glück – am Wiedereinschlafen, allenfalls mäßiges Schnarchen von der Nebenmatratze. Das kommt vor, selten und unregelmäßig, irgendwas wird sich der Körper dabei denken. Wenn er es damit nicht übertreibt, von mir aus. Manchmal kommt mir in solch frühwachen Stunden eine Schreibidee, mit etwas Glück erinnere ich mich später noch daran und notiere sie. Dieses Mal küsste die Muse nicht, vermutlich schlief sie tief und fest, es sei ihr gegönnt.
Spontaner Gedanke später im Büro: „Ausbau“ ist ein interessantes (für Untervierzigjährige: spannendes) Wort. Zum einen bedeutet (für Untervierzigjährige: meint) es die Erweiterung von etwas, zum anderen genau das Gegenteil, dessen Beseitigung. Vermutlich kommt es dennoch selten zu Verwechslungen, etwa bei Dachböden oder Motoren. Was ich nun mit dieser Erkenntnis anfangen soll, weiß ich auch nicht.
Anderer Gedanke: Warum verwenden manche drei Silben auf „ongoing“, wenn sie auch einsilbig „läuft“ sagen könnten?
In einem Text gelesen und für unschön, außerdem falsch befunden: „Ein:e anonym:e Leser:in“
Lichtblick: Kurz vor Arbeitsende ging ein Regenschauer nieder, der bei gleichzeitig scheinender Sonne einen Regenbogen gebar.

Dienstag: Auf den Fußweg ins Werk durch weiterhin milde Luft und leichten Regen folgte ein Arbeitstag voller Besprechungen mit nur kurzen Unterbrechungen zur Erledigung von Anstehendem, an manchen Tagen ist das so. Die letzte Besprechung endete zum Glück eine halbe Stunde früher als geplant. Das kam mir sehr gelegen, weil ich nach der Arbeit einen früheren, schon länger pensionierten Kollegen im Krankenhaus zu besuchen beabsichtigte. Das wollte ich schon vergangene Woche tun, doch hatte mich, wie berichtet, erkältungsbedingte Bettlägerigkeit daran gehindert.

Die Busfahrt zur Klinik auf dem Hardtberg war lang und interessant, sie führte durch Stadtteile, in denen ich noch niemals war, unter anderem Medinghoven, eine größere Ansammlung von Hochhäusern, die vor einigen Jahren zweifelhafte Bekanntheit erlangte, nachdem in der Silvesternacht eine größere Gruppe Irrer mit Böllern und Raketen auf Polizei und Rettungskräfte losgegangen war. Heute war alles friedlich. Die Fahrt erinnerte mich wieder an mein Vorhaben, nach und nach alle Bonner Buslinien zu bereisen, das ich in letzter Zeit etwas vernachlässigt habe. Immerhin kann ich jetzt die halbe 606 abhaken.
Den Kollegen, der nach einem schweren Autounfall wieder zusammengenäht wurde, traf ich unerwartet fidel an. Die Bilder, die er mir kürzlich zugesandt hat, hinterließen eher den Eindruck, am Unfall wäre ein Panzer beteiligt gewesen oder eines der beteiligten Fahrzeuge hätte eine größere Menge Sprengstoff geladen gehabt. Umso mehr freut es mich, dass es ihm wieder einigermaßen gut geht. Lieber R., falls du hier mitliest, weiterhin alles Gute!
Mittwoch: Der Tag erfreute mit Sonnenschein und frühlingshafter Temperatur, erstmals in diesem Jahr waren beim Radfahren keine Handschuhe erforderlich. Jedenfalls für mich, andere fahren schon bei deutlich niedrigerer Gradzahl in kurzen Hosen, auch so ein Trend, der nach meiner Beobachtung zunimmt und für den ich keine Erklärung habe. Auf dem Heimweg schob mich freundlicher Südwind an. Auch die Laune der Menschen schien deutlich aufgehellt.
In der Zeitung las ich morgens über das neue Buch von Martin Suter, in dem er sich Managern, Businesskaspern, deren Gehabe und Jargon widmet, genau mein Plaisir. Ich habe es sogleich in der Buchhandlung des Vertrauens bestellt und kann es schon morgen abholen.
Merke: Sätze wie „Service wird bei uns groß geschrieben“ bedeuten in achtzig von hundert Fällen nur die grundsätzliche Bereitschaft, die Regeln der deutschen Rechtschreibung anzuerkennen.
Donnerstag: Morgens hörte ich erstmals das Wort Friedfische als Gegenstück zu den karnivoren Raubfischen. Das finde ich bedenklich, hier wird in meines Erachtens unzulässiger Weise ein Bild von gut und böse gemalt, am Ende steht man als Schnitzel- und Currywurstesser am Pranger.
Auch dieser Arbeitstag war wieder überreich an Besprechungen, darunter ein zweimal zwei Stunden langer virtuellen Workshop, dessen Arbeitsergebnis in einem zweifelhaften Verhältnis zur Dauer steht. In der zweiten Hälfte, nach dem Mittagessen, legte sich schwere Müdigkeit über mich und ich war froh über die ausgeschalteten Kameras, so dass ich kurz unbeobachtet die Augen schließen konnte, selbstverständlich ohne dass meine Aufmerksamkeit litt, soweit ich mich erinnere.
Mitgeschrieben habe ich: Der Scope wurde geshiftet, man muss etwas challengen, das Ende der Fahnenstange ist noch nicht erreicht und irgendwas wurde spannend gefunden; zum Schluss zeigte sich der Initiator zufrieden mit dem Outcome. Das ist ja die Hauptsache, und auch hier gilt wie so oft: Ich werde sehr gut dafür bezahlt.
Auch heute war es frühlingshaft und sonnig, sowohl morgens als auch nachmittags begegneten mir am Rheinufer zahlreiche Kurzbehoste, während andere wie ich sich in Daunenjacke wohler fühlten. Auch die Außengastronomie war schon wieder gut besucht; mir blieb indessen keine Zeit für eine Einkehr, da ich für das Abendessen einzukaufen beauftragt war und zum Sport wollte. Außerdem holte ich das Suter-Buch ab, das für seinen Umfang von etwas über zweihundert Seiten einen mit sechsundzwanzig Euro stolzen Preis aufweist. Hoffentlich überzeugt der Inhalt, ich werde berichten. Zurzeit lese ich noch „Zu viel und nie genug – Wie meine Familie den gefährlichsten Mann der Welt erschuf“ von Mary L. Trump, das ich bereits vor mehreren Jahren einem öffentlichen Bücherschrank entnahm und erst jetzt zu lesen begonnen habe. Es bietet hochinteressante Innenansichten aus der Familie des amerikanischen Präsidenten. Ohne ihn verteidigen zu wollen: Leicht gehabt hat er es auch nicht.


Freitag: Vergangene Nacht starb ich mal wieder, das war interessant. Ich war nicht so richtig tot, vielmehr nahm ich mein Umfeld noch wahr und konnte mit ihm interagieren. Sogar ins Büro ging ich noch, man hat ja sonst nichts besseres zu tun als Leiche. Dennoch war allen, mich selbst eingeschlossen, klar, ich befand mich nun auf der anderen Seite. Bis mich der Radiowecker auf diese Seite zurück holte.
Einigermaßen lebendig ging ich anschließend im Büro den Geschäften nach, während draußen die Sonne schien und es vormittags in der fernen Müllverbrennungsanlage brannte, auch außerhalb der dafür vorgesehenen Öfen.

Nachmittags wurde mir per Anruf aus Bielefeld verdeutlicht, dass ich ein schlechter Sohn bin, der sich nicht genug um seine zurzeit unpässliche Mutter kümmert. Ich weiß das, spätestens seit ich in Bonn lebe, ist es so. Besser kann ich es nicht. (Dazu könnte und würde ich gerne noch viel mehr schreiben, doch das gehört hier nicht hin.)
Abends trafen wir uns im Wirtshaus mit mehreren ehemaligen Nachbarn, die in den letzten zwanzig Jahren in unserem Haus wohnten, dann aus Kinder- und anderen Gründen weggezogen sind. Zumeist Leute in unserem Alter. Auch die Gesprächsthemen waren altersgerecht, unter anderem Krankheiten, Beziehungstektoniken, Rente und Sterbehilfe. Danach war ich vom lauten Durcheinanderreden übermenscht und froh, wieder zu Hause zu sein.
Samstag: „Wer den Eindruck hat, schon alles erledigt zu haben, aber noch eine Aufgabe sucht, kann ein vierbändiges Werk über die Fahrwasserbetonnung von begehbaren Kleiderschränken verfassen.“ So die Tagesnotiz von Gunkl.
Aus der Zeitung:

Sonntag: Und schon ist wieder März, meteorologischer Frühlingsanfang. Irgendwer sollte es den Bäumen sagen, auf dass sie sich wieder in Blätter kleiden. Dessen ungeachtet zog ich nachmittags aus, um beim Spaziergang das erste Außenbier (oder Utepils, wie es in Norwegen heißt) der Saison zu trinken. Das erwies sich zunächst als gar nicht so einfach, obwohl fast alle Gaststätten wieder Tische und Stühle rausgestellt haben, sofern sie das nicht ohnehin ganzjährig haben. Beim ersten Lokal in der Südstadt kam keine Bedienung, stattdessen musste ich mir das kaum erträgliche Gelaber vom Nebentisch anhören, wo eine junge Frau ihre Freundin zumonologisierte und dabei nicht mit eingestreuten englischen Wörtern sparte. Auf dem sonnenbeschienenen Münsterplatz waren alle Außenplätze belegt, das bayrische Wirtshaus eine Straße weiter lag im Schatten und niemand saß draußen, auch hier ließ sich keine Bedienung blicken. Erst vor dem Café auf dem Marktplatz erhielt ich das Begehrte, leider hatte sich die Sonne inzwischen hinter die Häuser verzogen und kühler Wind kam auf. Ich ließ mir nichts anmerken, zog den Reißverschluss der Jacke höher und genoss es, die vorübergehenden Passanten in unterschiedlichen Bekleidungszuständen zu betrachten.


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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche und in den den Frühling.
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