Woche 47/2022: Mopsfilet im Blätterteigmantel

Montag: Der Werktag begann mit einer Besprechung bereits um acht Uhr und endete mit einer solchen, die bis fast siebzehn Uhr ging. Daran gemessen war die Tageslaune erstaunlich gut.

Für die zahlreichen Rückmeldungen auf meine Betrachtungen der vergangenen Woche danke ich sehr. Wie ich von Frau Christine erfuhr, ist meine geschilderte Abneigung gegen Koriander genetisch bedingt, das war mir bislang nicht bekannt. Für die einen schmeckt er (mutmaßlich) nach Seife, für andere ganz passabel. So ähnlich wie die Sache mit der Spargelpipi, also nicht der Geschmack (das vielleicht auch, bei sehr speziellen Vorlieben, ich möchte das nicht weiter vertiefen), sondern der Geruch, der nur bei bestimmter genetischer Veranlagung der Produzenten entsteht. Oder wahrgenommen wird – wie auch immer.

Gänzlich unbekannt war mir bis heute auch der Name Amalberg, dessen Träger laut Zeitung heute Namenstag haben. Wie immer bin ich zu bequem, zu recherchieren, ob so wirklich jemand heißt, und warum. Klar, weil die Eltern das dem Standesbeamten in die Urkunde diktiert haben. Aber wie kamen sie darauf?

Seit jeher, nicht nur zu Zeiten irgendwelcher Meisterschaften und Ligen, graust es mich, wenn in geschäftlichen Zusammenhängen jemand sagt „Das ist wie beim Fußball“ und dann einen albernen Vergleich zum gerade behandelten Thema zieht. Nicht nur mich:

(Bitte klicken Sie auf das Bild, weiter unten kommt noch was.)

Im Übrigen nahm die Telekom heute die letzten Münzfernsprecher außer Betrieb, womit ein weiteres schönes deutsches Wort demnächst nur noch im Lexikon der ausgestorbenen Wörter zu besichtigen ist. Außerdem ist heute Tag des Fernsehens, hörte ich gerade im Radio. Auch das noch.

Dienstag: Morgens ging ich zu Fuß ins Werk. Beim Gehen kann ich wunderbar über verschiedenes nachdenken. Heute dachte nicht besonders intensiv nach, da es nichts Spezielles zu bedenken gab. Stattdessen erfreute ich mich an dem durchaus angenehmen Ohrwurm, der beim Wecken aus dem Radio in mein Hirn gekrochen war.

Die Flecken sind übrigens keine Verunreinigung des Bildes, was nach Ablösung von Dias durch Digitalbilder ohnehin nur noch selten vorkommt, sondern Kondensstreifen (Mitte) und Vögel (rechts)

Der Rückweg führt am Mutterhaus vorbei durch den nördlichen Ausläufer des Rheinauenparks, ehe man an den Rhein gelangt. Dort, in dem Parkausläufer, ging abends eine Frau einige Meter vor mir her. Hinter einer Wegabzweigung, an der ich rechts abbog zum Rheinufer, sie indes geradeaus weiter gegangen war, blieb sie plötzlich stehen und führte einige Schritte aus, die an Stepptanz erinnerten, freilich ohne das typische Klackediklackediklack, vielmehr ein Scharredischarredischarr, da sie die Tanzschritte auf Kiessand statt auf Parkett vollzog. Vielleicht kam sie gerade von einem Tanzkurs und wollte das soeben Erlernte noch einmal kurz vertiefen. Augenscheinlich hatte sie mich hinter sich nicht bemerkt; wenn man sich unbeobachtet fühlt, tut man ja manchmal merkwürdige Dinge, ich kenne das von mir selbst, ohne das weiter ausführen zu wollen.

Am Rheinufer kam mir ein jüngeres gemischtes Paar eingehakt entgegen. Wenige Meter vor unserer Begegnung griff sie an die ihr abgewandte Wange ihres Begleiters und zog sein Gesicht zu sich hin, um einen Kuss anzufordern und zu bekommen, keinen langen Knutscher Jungverliebter, sondern einen kurzen Wegekuss. Als wollte sie signalisieren, dass sie bereits vergeben ist. Vielleicht hatte sie mich auch durchschaut und wollte mir zu verstehen geben, dass er vergeben ist. Die Welt ist voller Missgunst.

Mir selbst gönnte ich am Rheinpavillon einen Glühwein mit Amaretto, heute in weiß; dazu wurden Spekulatius gereicht.

Im Zwiebelblog las ich erstmals das herrliche Wort „Wortkörperschonung“. Es bezeichnet übrigens nicht eine Ansammlung in Reihe gepflanzter Wortstämmchen, auf dass sie dereinst zu langen Wörtern und ganzen Sätzen heranwachsen.

Mittwoch: In der Zeitung las ich erstmals das Wort Absentismus. Im Netzduden steht als Bedeutung, nachdem man sich der Werbung erwehrt hat: »gewohnheitsmäßiges Fernbleiben vom Arbeitsplatz«. Somit etwas, das als mittelfristiges Lebensziel erstrebenswert erscheint.

Klaus S. aus St. S. nimmt in einem Leserbrief an den Bonner General-Anzeiger daran Anstoß, als Nutzer der öffentlichen Verkehrsmittel nicht mehr als Fahrgast bezeichnet zu werden, sondern als Mitfahrender. »Bin ich als Restaurantgast denn heutzutage auch ein Mitesser?« fragt er am Ende. Nein, lieber Herr S., Mitessender.

Als Fahrradfahrender wurde ich abends auf der Rückfahrt vom Werk nass geregnet, woran ich indes keinen Anstoß nehme. Als praktizierender Absentist wäre mir das nicht passiert.

Am Montag der 42. Woche berichtete ich über die obsolete Operation am rechten Ellenbogen, weil mein Körper die Sache in der Zwischenzeit selbst erledigt hatte. Hierüber erhielt ich heute eine Rechnung der Chirurgischen Praxis über 17,70 Euro. Für knapp zehn Sekunden Anschauen und die Anmerkung „Da haben Sie Glück gehabt“ recht ordentlich.

Donnerstag: Der Radiosender WDR 4 rief heute auf zum „FEIER-DEIN-EINZIGARTIGES-TALENT-TAG“. (Ja, da fehlt ein E, ist mir auch aufgefallen, aber so steht es auf deren Internetseite.) Hörer sollten sich melden und erzählen, was sie besonders gut können. Während des Fußweges ins Werk dachte ich darüber nach, wegen was ich dort anrufen könnte, wenn mir derlei Rundfunkgeschwätz fremder Leute nicht grundsätzlich zuwider wäre. Das Ergebnis meiner Überlegungen war ernüchternd, mir fiel nichts ein. Es mag ein paar Dinge geben, die ich ganz gut kann, etwa Rechtschreibung einschließlich korrekter Verwendung von -s, -ss und -ß, mir per Mnemotechnik meine Kreditkartennummer merken oder den Zauberwürfel entzaubern; auch in beruflicher Hinsicht zeigten sich meine Chefs bislang zufrieden mit meinen Leistungen. Doch findet sich nichts darunter, das besonders hervorsticht, eher ist in allem, was ich tue, Mittelmaß meine Richtschnur. Sollte ich indessen meine Inkompetenzen aufzählen, fiele mir spontan vieles ein, zum Beispiel Autofahren, Trompete spielen oder Kinder hüten. Daher hat dieser Talentfeiertag für mich eine Relevanz wie Mariä Lichtmess oder Bundesligafinale.

Morgens gesehen an einem städtischen Laubsammelwagen

„Wir hatten einen smoothen Hochlauf“ hörte ich in einer Besprechung und nahm es auf in die Liste, die bei der Gelegenheit aktualisiert wurde und mittlerweile über fünfhundert Einträge enthält. Vielleicht zählt das auch als Talent.

Freitag: „Wie gehts dir“, wurde ich gefragt. Nun: Während andere vor Hunger und Kummer nicht in den Schlaf kommen, ist an manchen Tagen meine größte Sorge, was ich heute ins Blog schreiben soll. Ich glaube, es geht mir ganz gut.

Auf dem Bonner Weihnachtsmarkt gibt es jetzt eine Hundebäckerei. Liebhaber von Mopsfilet im Blätterteigmantel muss ich allerdings enttäuschen: Es ist nur Gebäck für des Menschen besten Freund im Angebot. Vielleicht Pansenplätzchen, ich habe mangels Haustier nicht genauer geschaut.

Samstag: Wie die Zeitung mehrspaltig berichtet, ist man in Wachtberg-Ließem empört, weil auf einem Straßenabschnitt wegen Asphaltmängeln die zulässige Höchstgeschwindigkeit auf dreißig Stundenkilometer reduziert wurde und die Polizei deren Einhaltung zu allem Übel nun auch noch kontrolliert hat, wobei jeder fünfte Wagen zu schnell fuhr. Der Ließemer Ortsvorsteher zeigt sich befremdet: Zahlreiche „abgezockte“ Bürger hätten sich bereits bei ihm gemeldet und „absolutes Unverständnis für die Maßnahme“ geäußert. Nicht empörend, vielmehr verwunderlich finde ich, wie breit die Zeitung darüber berichtet und dabei gewisses Verständnis für die Zuschnellfahrer durchklingen lässt. Der Artikel endet mit dem Satz »Das städtische Presseamt beantwortete am Freitag eine Anfrage zur Ließemer Straße bis Redaktionsschluss nicht.« Warum sollte es auch.

Sonntag: Wieder eine Woche beendet ohne nennenswerte Imponderabilien.

Beendet habe ich auch die Lektüre des Buchs „Von der Nutzlosigkeit erwachsen zu werden“ von Georg Heinzen und Uwe Koch aus dem Jahre 1985, das ich vor längerer Zeit einem öffentlichen Bücherschrank entnahm. Dabei handelt es sich nicht um einen Ratgeber im Sinne von „Auch im fortgeschrittenen Alter jung bleiben“, vielmehr ist es ein Roman und beginnt so:

»Ich bin nicht Lokomotivführer geworden. Alles ist anders gekommen, als ich gedacht habe. Ich bin auch nicht Präsident geworden oder Urwalddoktor, nicht einmal Studienrat. Eigentlich bin ich gar nichts geworden.

Ich bin nicht Vater, nicht Ehemann, nicht ADAC-Mitglied. Ich habe keinen festen Beruf und kein richtiges Hobby. Mir fehlt alles, was einen Erwachsenen ausmacht, die Aufgaben, die Pflichten, die Belohnungen. Ich bin kein Vorgesetzter und keine Autoritätsperson, ich habe keinen Dispositionskredit und trage keinerlei Unterhaltslasten, außer für mich selbst.«

Nach längerer Zeit mal wieder ein Buch, bei dem ich bedauerte, dass es zu Ende war. Es kommt vorläufig nicht zurück in den öffentlichen Bücherschrank.

***

Kommen Sie gut durch die neue Woche, auch wenn die deutsche Mannschaft bei der Fußballweltmeisterschaft ausgeschieden ist. (Zum Zeitpunkt dieser Niederschrift, 17:30 Uhr, steht das Spiel noch bevor. Ich werde es mir nicht anschauen, so wie ich mir niemals Fußballspiele anschaue, egal wo und warum sie stattfinden, weil mich Fußball nicht interessiert. Das soll mich nicht daran hindern, einen Tipp abzugeben.)

Woche 46/2022: Wenn man sich wohlfühlt und Schweinefutterzusatzstoff als Zufluchtsort

Montag: Gewundert, mal wieder, über Kollegen, die ohne Not sonntags Mails schreiben.

Nach Feierabend suchte ich ein namhaftes Kaufhaus in der Bonner Innenstadt auf. Dort ist nun ein Teil der Rolltreppen außer Betrieb genommen worden, zur Energieersparnis, wie große, direkt vor den stehenden Treppen angebrachte Tafeln verkünden. Deswegen sind die stehenden Stufen nicht zugänglich, die Treppen somit auch als Nichtrolltreppen unbenutzbar. Stattdessen ist der Konsument, je nachdem, von welcher Seite er kommt, genötigt, nach Ankunft in der nächsten Etage eine Runde durch die Abteilung zu gehen, um per noch rollender Treppe ins nächste Stockwerk zu gelangen. Als Gernegeher beanstande ich das nicht, vielmehr frage ich mich, warum man überhaupt nur per Rolltreppe ins nächste Stockwerk gelangt, warum gibt es nicht auch ganz normale Treppen? Vermutlich gibt es die, irgendwo versteckt, wo man sie nicht auf Anhieb findet. Ich bin der Meinung, für Menschen ohne körperliche Einschränkungen oder unhandliche Traglasten gibt es keinen vernünftigen Grund, überhaupt eine Rolltreppe zu benutzen; Aufzüge erst ab fünf Stockwerken.

Dienstag: Erstmals kam es zu einem persönlichen Treffen mit Leuten eines IT-Dienstleisters, mit denen ich seit fast zwei Jahren gut und gerne zusammenarbeite und die ich bislang zwar regelmäßig, aber nur virtuell traf, und von denen ich zumindest teilweise nicht einmal wusste, wie sie aussehen, da sich kamerabegleitete Teams-Besprechungen bei uns erst langsam durchzusetzen beginnen, was ich bislang nicht vermisste. Das persönliche Treffen war sehr angenehm, wenngleich mir dabei deutlich wurde, wie wenig ich auch größere nicht-virtuelle Besprechungsrunden, bis März 2020 alltäglich, vermiss(t)e.

Abends aßen wir gemeinsam in einem vietnamesischen Restaurant, in dem ich bislang nicht gewesen war und das aufzusuchen ich mich ohne diese Einladung so bald auch nicht veranlasst gesehen hätte, manchmal hat man unerklärliche Vorbehalte gegenüber Unbekanntem. Das Essen war sehr gut, nicht zuletzt auch wegen der auf meinen Wunsch hin unterlassenen Korianderbeigabe. Mir ist völlig unerklärlich, wie man Koriander mögen kann. Ähnlich muss es schmecken, wenn man sich Seife über das Essen raspelt.

Mittwoch: Donald Trump hat (auf seinem Anwesen, wie berichtet wird) verkündet, demnächst wieder als Präsidentschaftskandidat antreten zu beabsichtigen. Als ob die Welt gerade nicht genug Krisen zu verkraften hätte.

Auf dem Rückweg zu Fuß vom Werk schnappte ich Gesprächsfetzen auf: „Das ist schon ganz nice“ und „Da hat man dann seinen eigenen space.“ Vielleicht ist das der Grund, warum junge Menschen heute kaum noch ohne Kopfhörer in der Öffentlichkeit anzutreffen sind, womöglich mögen sie den Unfug, den ihre Altersgenossen so von sich geben, einfach nicht hören. Beziehungsweise Altersgenossinnen, in diesem Falle war beides gesprochen von jungen Frauen. Sicher Zufall, es liegt mir fern, anzunehmen oder gar zu unterstellen, vor allem junge Frauen redeten dummes Zeug. Auch dieser Satz kam von einer jungen Frau: „Ich glaube, man bringt die beste Leistung, wenn man sich wohlfühlt.“ Wer wollte dem widersprechen.

Apropos wohlfühlen: Die Glühweinbude am Rheinpavillon hat nun wieder abends geöffnet. Das ist sehr erfreulich.

Besonders nice mit einem Hauch Amaretto

Nach Rückkehr musste ich mir von meinen Lieben anhören, ich röche wie ein Weihnachtsmarkt. Das war es wert.

Donnerstag: Heute legte ich mal wieder einen Inseltag ein, also einen anlasslos freien Tag zwischendurch. Warum ich diese Tage nicht auf einen Freitag oder Montag lege, werde ich gelegentlich gefragt. Nun: Ich mag diese Inseln im Fluss der Werktätigkeit. Die Arbeitswoche bis Mittwoch ist dadurch angenehm kurz, und am Freitag naht das Wochenende. Wohingegen sich die Rückkehr nach einem verlängerten Wochenende oft besonders mühsam anlässt. Darum Inseltage. Diesen nutzte ich für eine Wanderung durch die Wahner Heide südöstlich von Köln, die schon länger im Geplant-Ordner bei Komoot angelegt war. Das Wetter zeigte sich gnädig, nur ein paar wenige Regentropfen verlangten für kurze Zeit nach einer Kapuze, ansonsten blieb es trocken und mild.

Sehen Sie:

Bei Rösrath, kurz nach Betreten der Heide

Ebenfalls bei Rösrath

Vor Altenrath

Hinter Altenrath

Bei Lohmar

Vor Troisdorf. Im Vordergrund etwas verblühte Heide, also das namensgebende Kraut.

Während der Bahnfahrt nach Köln hörte ich eine Frau zu ihrem Begleiter sagen: „Ich finde das echt schwer, den Überblick zu behalten mit dem ganzen ab den Sechzigerjahren.“ Ich habe nicht genau mitbekommen, um was es ging; als 1967 Geborener stimme ich ihr jedenfalls uneingeschränkt zu.

Freitag: Manchmal, wenn ich Präsentationen anderer Bereiche sehe, bin ich froh, mit welchen Themen ich mich nicht beschäftigen muss.

Heute eröffnete der Bonner Weihnachtsmarkt. Unser Besuch am Abend fühlte sich unwirklich an, was nicht nur an den Männern in kurzen Hosen lag, die ich dort sah. Wie in besseren Zeiten strömten Menschen in großer Zahl durch die Budengassen und labten sich an Bratwurst, Backfisch und Warmgetränken. Erstmals wieder ohne Corona-Beschränkungen wie Masken, Impf-/Testnachweis und Abstände, als wäre es vorbei. Ich kritisiere das nicht, auch für mich hat die Seuche mittlerweile ihre Bedrohlichkeit weitgehend eingebüßt. Wenngleich mir bewusst ist, dass ich mich jederzeit erneut infizieren kann, nächstes Mal vielleicht mit langfristigen Folgen. Doch scheint mir die Gefahr zurzeit nicht größer, als während der Radfahrt ins Werk von einem Auto angefahren zu werden oder, wenn ich zu Fuß gehe, von einem irren Radfahrer, der während des Rasens durch die Fußgängerzone seine Aufmerksamkeit statt dem Fahrweg lieber dem Datengerät widmet.

Ist das wirklich so schwer?

Samstag: Im Rheinauenpark, durch den ich gelegentlich nach dem Mittagessen eine kleine Runde drehe, fand heute ein „Trauermarsch für die Nutrias“ statt, steht in der Zeitung. Damit will eine Initiative gegen das Abschießen der Tiere protestieren, die sich dort in den letzten Jahren mangels natürlicher Feinden stark vermehren und zunehmend aggressiv-futterfordernd gegenüber Parkbesuchern auftreten, wie mir meine Kollegin aus eigener Erfahrung bestätigte. Statt letaler Entnahme solle man sie sterilisieren, so die Forderung der Trauernden. Wie schön, wenn man keine anderen Probleme hat.

Ich werde alt. Das wurde mir mittags wieder auf dem Weihnachtsmarkt deutlich, wo ich einen bestimmten Stand suchte, den wir am Vorabend gesehen hatten, um auf Geheiß des Geliebten Trinkgefäße zu kaufen. Erst nach mehreren erfolglosen Runden über den Münsterplatz, wo ich mich mit den bereits um diese Tageszeit zahlreichen Besuchern im Tempo eines Gletschers durch die Gänge treiben ließ, fiel mir ein, dass sich der Stand in der Vivatsgasse befindet, wo ich ihn – immerhin – sofort fand und die Bierkrüge erstand.

Zahlreich auch die Kraniche, die nachmittags auf dem Weg Richtung Süden über das Haus zogen.

Nur eine von mehreren Formationen

Sonntag: Über Twitter wollte ich eigentlich nichts mehr schreiben. Einmal noch: Viele beklagen nun dessen Übernahme durch Elon Musk, der dort seitdem wütet und alles aus den Angeln zu heben im Begriff ist. Sie sehen sich dadurch aus ihrer digitalen Heimat vertrieben und beabsichtigen, Twitter zu verlassen oder haben es bereits getan. Als Zufluchtsort wird Mastodon genannt, was für mich weiterhin wie ein Schweinefutterzusatzstoff klingt.

Auch ich fühlte mich einst bei Twitter sehr wohl. Zehn Jahre lang, von 2009 bis 2019, betrieb ich dort einigermaßen – nun ja: erfolgreich ein Konto, hatte zeitweise mehr als tausend Follower. Mit der Zeit schwand die Freude daran, an meinem zehnten Jahrestag löschte ich das Konto. Die Gründe dafür habe ich hier und dort dargelegt. Doch bereits im August 2020 verspürte ich erneut Lust, wieder dabei zu sein, und legte mir einen neuen Anschluss zu. Was ich vorfand, war ein anderes Twitter als das, in dem ich mich früher so wohlgefühlt hatte. Zahlreiche derer, mit denen ich in gegenseitigem Gefolge verbunden war, fand ich wieder und folge ihnen erneut. Nur finde ich keinen Anschluss mehr: Fast keiner von ihnen folgt zurück, und wenn ich was schreibe, bleibt es ohne jede Resonanz. Wie ein Junge, der am Rand steht und den anderen beim Ballspielen zusieht, aber nicht mitspielen darf. Ein schlechtes Beispiel – ich verabscheue Sportarten mit Bällen. Besser dieses: Vielleicht kennen Sie die Szene von und mit Loriot, wo ein älterer Herr an einem Festessen teilnimmt und versucht, mit seinen Tischnachbarn ins Gespräch zu kommen, die sich untereinander bestens unterhalten, ihn jedoch beharrlich ignorieren. – Ich beklage das keineswegs im Sinne von „Keiner hat mich lieb“, bemerke es nur. Deshalb schaue ich nur noch unregelmäßig rein, noch seltener schreibe ich was. Wenn Herr Musk es demnächst stilllegen sollte, ist mir das egal. Mit Mastodon habe ich es bereits vor ein paar Monaten versucht, mich dort aber noch weniger wohl gefühlt. Daher ist das Konto längst wieder gelöscht.

Mit diesem Blog ist es ähnlich, mit dem Unterschied, dass es niemals „erfolgreich“ war und auch nicht sein soll. Dennoch beobachte ich jedes Mal mit einem ganz leicht in Richtung Neid tendierenden Gefühl, wenn in den Blogs, die ich regelmäßig lese, auf andere Blogs verwiesen wird, während das von mir hier Verfasste weitgehend unbeachtet bleibt. Das mag an dessen Qualität liegen, vielleicht weil es weder vegan noch gegendert ist. Wobei andere, die einfach nur täglich ganz knapp schreiben, was sie gegessen, getrunken und gelesen haben, dafür regelmäßig Gefallensbekundungen in zweistelliger Anzahl erhalten. (Die Gefällt-mir-Sternchen für dieses Blog würde ich übrigens gerne deaktivieren, finde die entsprechende Funktion bei WordPress aber nicht. Wenn jemand weiß, wie das geht, wäre ich für einen Hinweis sehr dankbar.) Bitte verstehen Sie auch das nicht als larmoyante Klage gegen die böse Blogwelt, es ist einfach so. Es gibt schlimmeres, zum Beispiel Koriander oder wenn irgendwo von „Mitgliederinnen und Mitgliedern“ zu lesen ist. – Ein paar regelmäßige Leserinnen und Leser gibt es hier, und darüber freue ich mich sehr. Daher wird dieses Blog weiterhin bestehen und regelmäßig beschrieben, selbst wenn Elon Musk irgendwann WordPress kaufen sollte, oder Donald Trump.

Diese Betrachtung ist nun länger geworden und hätte für einen separaten Aufsatz gereicht. Aber das würde dem Thema den Anschein einer Bedeutung verleihen, die es nicht hat.

Zum Schluss was Positives: Beim Spaziergang heute haben zweimal Autofahrer angehalten, um mich die Straße queren zu lassen, obwohl sie es nicht gemusst hätten. Daher nicht immer nur meckern.

Ein zusammenhangloses Bild vom Spaziergang

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Kommen Sie gut durch die Woche, lassen Sie sich nicht ärgern und umfahren.

Woche 45/2022: Weiterhin mild

Montag: Ein Wochenbeginn ohne nennenswerte Ereignisse. Vielleicht dieses: Auf der Rückfahrt vom Werk wurde ich auf dem kombinierten Rad-/Fußweg von einem Fußgänger beschimpft, nachdem ich zunächst wegen Gegenverkehrs einige Meter hinter ihm her und dann, als frei war, langsam an ihm vorbeifuhr. Seine in äußerst unfreundlichem Ton vorgetragene und mit wachsender Entfernung leiser werdende Anregung, ich solle gefälligst auf der Straße fahren, nahm ich unkommentiert hin, zumal eine Diskussion über die Bedeutung des Verkehrszeichens 240 wenig zielführend erschien. Stattdessen nahm ich mir vor, es abends im Blog zu vermerken, was hiermit erledigt ist.

Dienstag: Mittags in der Kantine gab es für mich, da sich vor beiden (!) Currywurst-Schaltern lange Schlangen gebildet hatten, Pappadelle Pomodoro, zu Deutsch Breitbandnudeln mit roter Soße. Der Mann hinter der Nudeltheke fragte jeden, obwohl es dort nur dieses eine Gericht gab: „Für Sie die Pasta?“ Ich war kurz versucht, Nein zu sagen, nur um zu sehen, was er dann macht, nahm davon aber Abstand, weil ich Hunger hatte (wegen einer Präsentation der obersten Werksleitung war ich eineinhalb Stunden später dran als üblich), zudem wollte ich den Betrieb nicht unnötig aufhalten.

Auf dem Rückweg zu Fuß war es schon fast dunkel und weiterhin ungewöhnlich mild. Ich mag es, wenn die Lichter der Radfahrer nebenan (sofern sie es anschalten und auf dem Radweg bleiben), Jogger (außer wenn mir ihre Stirnlampen ins Gesicht blenden) und Rheinschiffe an mir vorbeiziehen. Und am Rheinpavillon ist schon die Glühweinbude aufgebaut, heute noch geschlossen; somit dauern die Rückwege demnächst wieder eine Glühweinlänge länger.

Mittwoch: Im Friseursalon, den ich seit Jahren besuche, arbeitet eine sehr nette Dame am Empfangstresen. (Es ist ein ziemlich großer Salon, daher allein zu Empfangs- und Kassierzwecken eine eigene Mitarbeiterin ohne Frisierbefugnisse.) Bislang siezte sie mich, was weder zu hinterfragen noch zu beanstanden war. Bis heute: Bei meinem Besuch am Abend duzte sie mich mit irritierender Selbstverständlichkeit. Ich sprach sie darauf an, vorausschickend, dass es mich nicht stört und wir gerne dabei bleiben können. Mich interessierte nur, warum; vielleicht war ja ein Gebot der Geschäftsleitung ergangen, auf dass ab sofort ein jeder Kunde ungeachtet des Alters und Vertraulichkeitsgrades zu duzen sei, so wie es nicht nur der schwedische Möbelhändler schon lange in klebrig-anbiedernder Weise tut. Es schien ihr ein wenig peinlich, sei ihr gar nicht aufgefallen, sagte sie. Wie auch immer – seit heute duze ich mich mit der sehr netten Dame. Das muss ich mir jetzt nur noch merken bis zum nächsten Haarschnitt.

Während ich mich bei gereichtem Tee im Wartebereich fläzte, bis die mich behandelnde (und weiterhin siezende) Friseurin frei war, sah ich einen offenbar fertig frisierten Mann mittleren Alters an den Tresen meiner neuen Duzbekanntschaft treten. Er wies gewisse Ähnlichkeit mit den üblich Darstellungen des Jesus von Nazareth (oder Darstellungen Jesu, wenn Ihnen das lieber ist) auf: üppiger Bart, lange Haare. Wie mochte er ausgesehen haben, als er das Geschäft betreten hatte? Aber vielleicht hatte er auch nur Maniküre oder Augenbrauenfärben gebucht.

Donnerstag: Morgens war es kühl. Also nicht für Mitte November, aber verglichen mit der spätsommerlichen Anmutung der Tage zuvor. Bei Ankunft im Büro zeigte das Thermometer auf dem Schreibtisch gerade mal siebzehn Grad an; daran gemessen fühlte es sich wesentlich wärmer an. Kalt – und doch nicht so kalt, da soll man noch durchsteigen. Im Laufe des Tages stieg die Innentemperatur auf bis zu fünfundzwanzig Grad, als die Sonne nachmittags ums Haus kam. Beziehungsweise das Haus um die Sonne, Sie wissen schon, Galileo und so.

Mittags im Park

Abends auf dem Rückweg wurde es wieder kühl, dafür ließ intensives Abendrot die westlichen Glasfassaden der Bürohäuser erstrahlen; bitte denken Sie sich hier entsprechende Bilder. Die Glühweinbude am Rheinpavillon war trotz angemessener Kühle noch immer geschlossen. Die Vorfreude steigt.

(Während der Niederschrift vorstehender Zeilen scheint der abnehmende Vollmond durchs dunkle Geäst der Bäume gegenüber. Auch hierzu dürfen Sie sich gerne ein Bild denken, wenn Sie mögen.)

Freitag: Heute ist der elfte Elfte, somit offizieller Beginn der Karnevals-Session. Morgens, als ich mit Schal und Handschuhen ins Werk radelte, sah ich drei Jungjeckinnen in kurzen Röckchen und fror spontan mit ihnen. Ansonsten wurde mein Tag nicht närrischer als sonst.

Rheinischer Karneval ist eng mit Kölschbier verbunden, doch sollen auch andere Biere nicht unbeachtet bleiben: Heute vor 180 Jahren wurde erstmals Bier Pilsener Brauart ausgeschenkt, ist bei Wikipedia zu lesen.

Erstmals las ich von der „Igelstellung“. Das ist ein gänzlich unsexueller Begriff, so interessant es auch erscheinen mag; vielmehr bezeichnet er laut Duden eine militärische Stellung zur Verteidigung nach allen Seiten.

Vader Abraham ist im Alter von siebenundachtzig Jahren gestorben. War der nicht vor über vierzig Jahren, als er mit den Schlümpfen sang, schon um die achtzig?

Samstag: Aufgrund alkoholischer Ereignisse am Vorabend lag über der ersten Tageshälfte eine gewisse Blümeranz. Das hielt uns nicht davon ab, zur Eröffnung der Karnevals-Session in Godesberg zu fahren, wo der Verein einen Bierstand betrieb. Das erste Kölsch lief noch etwas unwillig ab, mit jedem weiteren wurde es besser.

Kaputt.

Anlässlich der demnächst beginnenden, als Fußballweltmeisterschaft deklarierten Großwerbeveranstaltung in Katar fragen sich nun viele, ob es trotz der regional eigentümlichen Auslegung der Menschenrechte und der zahlreichen beim Stadienbau verunglückten* Bausklaven moralisch vertretbar sei, sich die Spiele überhaupt anzuschauen. Mir als in Fußballdingen umfassend Uninteressiertem stellt sich diese Frage zum Glück nicht. Auch nicht, wenn „Wir“ spielt.

*Auch ein interessantes Wort. Das Gegenteil wäre dann wohl „verglückt“.

Sonntag: Sehr gut und lange geschlafen. Nach dem Frühstück und Lektüre der Sonntagszeitung führte der Sonntagsspaziergang bei mildem Sonnenschein ans andere Rheinufer.

Gelesen in der PSYCHOLOGIE HEUTE über Perfektionismus: »Nur das Sichzufriedengeben unter Verzicht auf die optimale Lösung stellt eine den Grenzen des Lebens angemessene Verhaltensweise dar.« Als Lebensmotto durchaus geeignet.

***

Kommen Sie gut durch die Woche.

Woche 44/2022: Ein Eintrag in der noch ungeschriebenen Liste der Dinge, für die ich im Leben dankbar bin

Montag: Morgens kam ich erstaunlich leicht aus dem Bett. Mit jeder weiteren Zeitumstellung im Herbst wird deutlicher, ich bin ein großer Freund der Normalzeit. Allerdings gehe ich davon aus, die Abschaffung der unsinnigen Sommerzeit nicht mehr persönlich zu erleben.

Da morgen Feiertag ist, ging ich bereits heute zu Fuß ins Werk, wo mich ein ruhiger Arbeitstag erwartete. Erstmals empfand ich es als kühl im Büro: Bei Ankunft zeigte das Thermometer auf dem Schreibtisch achtzehn Grad an, im Laufe des Tages stieg es auf zwanzig. Ab Mittwoch also wieder Pullover.

Abends auf dem Rückweg war ich grundlos genervt von Radfahrern auf dem Gehweg, Fußgängern und Läufern auf dem Radweg, Leuten, die langsam vor mir hergehen und stehen bleiben, telefonieren, mit Pappkaffeebechern herumlaufen, unangeleinte Hunde, schreiende Kinder, leergetrunkene, am Wegesrand liegende Durstlöscher-Packungen. Alles Dinge, die mich nicht persönlich betreffen und mir daher egal sein könnten. Es gibt so Tage, da ist meine Toleranz für derlei gering. Zum Glück kein Dauerzustand, denn in solchen Momenten bin ich mir selbst ziemlich unsympathisch.

„Das wichtigste vom Sport präsentiert Ihnen gleich Kristin Otto“, sagte der Nachrichtenmann zu Beginn der heute-Sendung. Sätze mit „Sport“ und „wichtig“ gleichsam in einem Atemzug verstehe ich nicht.

Dienstag: Wir schicken Flugkörper zum Mars, zur Sonne und auf ferne Asteroiden, entschlüsseln das Genom von Kellerasseln und spalten Atome. Anderseits gibt es immer noch Religionen, die teilweise sehr große Macht auf viele Menschen haben. Doch sei dies nicht beklagt, vielmehr den Christen gedankt, dass sie heute aller Heiligen gedenken und dadurch auch Ungläubigen wie mir ermöglichen, etwas länger im Bett liegen zu bleiben.

Gelesen:

Daß man älter wird, erkennt man daran, daß man den Eindruck hat, man müsse sich in immer geringeren Abständen die Fingernägel schneiden und Qlympische Spiele, Fußballweltmeisterschaften und ähnliche Mega-Non-Events würden jedes Jahr stattfinden.

Max Goldt: Fast vierzig zum Teil recht coole Interviewantworten ohne die dazugehörigen dummen Fragen, in „Lippen abwischen und lächeln“

Mittwoch: Heute früh fiel das Aufstehen deutlich schwerer, trotz ausreichend langer Nachtruhe, gutem Schlaf und Normalzeit. Nachmittags ließ ich mich werksärztlich stechen zwecks Grippeschutz. „Heute kein Sport und kein Alkohol“, sagte die nadelführende Ärztin. Kein Sport, schön und gut; aber kein Alkohol, wie soll das gehen in diesen Zeiten?

Ich schaue täglich in den werksinternen Pressespiegel. Besondere Freude bereitet mir dabei stets die Lektüre der Artikel diverser Online-Medien, allen voran eins, das die Bezeichnung einer üblicherweise auf der Karte links angeordneten Himmelsrichtung trägt. Eine typische Artikelüberschrift lautet etwa so: „Kölner stocksauer, als er DAS sah“. Es folgt ein Text in empörtem Ton, dessen Banalität auch durch zahlreiche Ausrufezeichen und in GROSSBUCHSTABEN gesetzte Wörter nicht zu verbergen ist; beliebtes Stilmittel sind auch falsche Possessivpronomen: „Die Stadt hat seine Mitarbeiter:innen angewiesen …“. Auch darf nicht fehlen, was der empörte Kölner über das erlittene Ungemach bei Facebook oder Twitter gepostet hat und was andere dazu kommentierten. Journalismus vom Feinsten.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass es eines der dämlichsten Stilmittel ist, hinter! jedes! Wort! ein! Ausrufezeichen! zu! setzen!

Nachträglich „Happy Halloween“, gelesen bei Kurt Kister:

Bis vor relativ kurzer Zeit war Halloween mit Grinsekürbissen, Horrorfasching und Trick-or-treat-Kindern einer jener vielen nordamerikanischen Bräuche oder Gegebenheiten, derentwegen man durchaus daran zweifeln kann, ob es wirklich eine westliche Wertegemeinschaft gibt.

Donnerstag: Der Fußweg ins Werk führte wie immer durch die City, wo Heidi und Leni verkehrswerbend zu besichtigen sind.

Der Name der dritten Dame war im Vorbeigehen nicht zu erkennen.

Zu den Dingen, die ich nie erlernte und in der verbleibenden Zeit voraussichtlich nicht mehr erlernen werde, gehört – neben Arabisch und der Steuerung eines Schützenpanzers – freihändiges Radfahren.

Wenigstens fährt er mit Licht und Helm.

In der Kantine gab es freies Eis.

Only heute

Nicht for free, aber preisreduziert: Auf dem Rückweg vom Werk schaute ich kurz beim Modellbahnladen meines Vertrauens rein.

Schon Ende der Fünfzigerjahre beschaffte die Deutsche Bundesbahn die Akkutriebwagen der Baureihe ETA 150, deren letzte die Deutsche Bahn AG 1995 ausmusterte. Erst seit kurzem kommt man wieder auf die Idee, Triebwagen mit Akkubetrieb zu beschaffen.

Freitag: In einer ruhigen Minute, das heißt während einer Besprechung ohne Redeerfordernis meinerseits, habe ich aus gegebenen Anlässen eine weitere Mailsignatur angelegt, bestehend aus meinem Namen, Stellenbezeichnung und darunter dem Hinweis »Bitte denken Sie an die Zeit und den Maileingang anderer, bevor sie „Allen antworten“ wählen«. Ihr erster Einsatz wird nicht lange auf sich warten lassen.

Etwa drei Sekunden nach Rückkehr aus einem durchaus angenehmen Werktag begann es mittelheftig zu regnen. Manchmal scheint es, die Engel hätten sich über meine Wiege gebeugt.

Die Polizei sucht einen Posträuber.

(aus General-Anzeiger Bonn)

Samstag: „Wenn ich was mache, will ich darin der Beste sein“, hörte ich jemanden sagen. Ein Eintrag in der noch ungeschriebenen Liste der Dinge, für die ich im Leben dankbar bin, ist die Tatsache, nicht im Selbstanspruch gefangen zu sein, immer siegen und in allem der Beste sein zu müssen.

Abends kam die Karnevalsgesellschaft nach Jahren der Zwangspause wieder zum General-Appell zusammen, in Uniform, mit Musik, Gardetanz und viel Alaaf. Noch etwas ungewohnt, jedenfalls sehr schön. In Anerkennung meines aktiven Kampfes gegen Griesgram und Muckertum wurde ich zum Hauptmann befördert. Das nützt weder mir noch sonstwem etwas, gleichwohl möchte ich es nicht unerwähnt lassen. Es muss ja nicht immer alles einen Nutzen haben, nicht wahr. Alaaf!

Sonntag: Die Getränkebegleitung des Vorabends legte einen Sonntagsspaziergang besonders nahe. Den nutzte ich auch, um mehrere gelesene und für nicht erneut lesenswert befundene Bücher in einen der mittlerweile zahlreichen öffentlichen Bücherschränke zu verbringen. Weiterhin entnahm ich für den Stapel der Ungelesenen ein Ringelnatz-Lesebuch.

Spontane Frage beim Anblick eines Gebäudes: Sagt man eigentlich noch Krüppelwalmdach, oder ist das inzwischen auch diskriminierend, gewissermaßen ein architektonisches N-Wort?

***

Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche.

Woche 43/2022: Lärmemission von Straßenkehrmaschinen und individuelle Freiheiten

Montag: Während der Radfahrt ins Werk und zurück wurde ich heute zweimal von Autos behindert, die unmittelbar vor mir auf dem Radstreifen anhielten, und zweimal von Radfahrern, die ohne nach hinten zu schauen einfach vor mir einbogen. Viel mehr ist über diesen ansonsten an Ungemach armen Tag nicht zu vermerken.

(Bitte denken Sie sich hier ein ausgiebiges Stöhnen und Seufzen.)

Dienstag: Als grundsätzlich und erst recht öffentlich ungern Telefonierender wird es mir für den Rest meiner vielleicht noch zahlreichen Tage ein Rätsel bleiben, warum so viele bereits morgens deutlich vor acht schon mit dem Telefon am Ohr (beziehungsweise flach vor das Gesicht gehalten) durch die Gegend laufen.

Dienstag ist Gehtag.

Zum Weltnudeltag gab es in der Kantine Spaghetti Bolognese. Dessen ungeachtet entschied ich mich für Krakauer an Kartoffelsalat.

Das Duden-Wort des Tages lautet „resultativ“, das Jugendwort des Jahres „smash“. Von mir aus.

Mittwoch: Zu früher Morgenstunde erwachte ich aus einem Traum und dachte: Das ist witzig, das muss ich mir merken und später bloggen. In der Tat gelang es, was keineswegs selbstverständlich ist, mir das Geträumte bis zum Morgen und darüber hinaus zu merken. Nur war es bei Lichte betrachtet weder witzig noch sinnergebend, daher bleibt es ungebloggt.

Mittags auf dem Rückweg vom Essen begegneten mir zwei Damen, deren eine also sprach: „Es gibt ja so‘ne und solche, aber DAS sind die allerschlimmsten.“ Ich weiß nicht, wer oder was gemeint war, fand es indes notierenswert.

Ich weiß wirklich nicht, warum dieses Gebäude immer wieder ins Bild springt.

Die dümmste Überschrift des Tages las ich im Tagesspiegel: »Wenn‘s am Briefschlitz selten klappert«.

Es ist fast November, und der Wettermann verkündet für die nächsten Tage bis zu sechsundzwanzig Grad. Was für Zeiten.

Donnerstag: Das Schöne an einer Partnerschaft ist, man hat jemanden an der Seite. Das Schlechte: Man wird nachts von der Seite angeschnarcht.

Ein weiteres zu unrecht vernachlässigtes Problem ist die Lärmemission von Straßenkehrmaschinen.

Freitag: Morgens fand ich die Haupteingangstür zum Bürogebäude verschlossen vor. Doch zeigte sich der Werkssesam am Seiteneingang einlassbereit, wodurch sich die Hoffnung auf einen arbeitsfreien Tag schnell verflüchtigte.

Schnell und zudem lichtlos war der Geliebte morgens mit dem Fahrrad unterwegs, was von der Staatsgewalt nicht unbemerkt blieb.

Augenscheinlich sieht sich auch der Freund und Helfer inzwischen als kundenorientierter Dienstleister.

Samstag: Besuch der Mutter in Bielefeld, aus logistischen Gründen mit dem von mir wenig geschätzten Automobil. Wieder einmal wurde deutlich, wir benötigen nicht nur ein generelles Tempolimit auf Autobahnen, sondern auch mehr Kontrollen und schmerzhaftere Bußgelder. Es ist schon bemerkenswert, wie viele Autofahrer bestehende Geschwindigkeitsbegrenzungen mit großer Selbstverständlichkeit und hohem Tempo ignorieren. Dazu passend schrieb Dr. Stefan F. aus N. in seinem Leserbrief an den Bonner General-Anzeiger: »Nach meiner Überzeugung ist die größte Gefahr für unser Gemeinwesen nicht der Klimawandel, sondern die Forderung, individuelle Freiheiten zur Bekämpfung des Klimawandels zu beschneiden.« Überzeugungen wie diese sind es, die mir jede Hoffnung auf einen längerfristigen Fortbestand unserer Spezies längst genommen haben und die diesen auch nicht länger rechtfertigen lassen.

Das WESTFALEN BLATT über die Zeitumstellung

Sonntag: Die Rheinnixe hat ausgedient. Jahrzehntelang verband sie das Bonner Rheinufer mit Bonn-Beuel. Nachdem der Fährmann seine letzte Überfahrt ins Jenseits angetreten hat, findet sich niemand, der den Job übernimmt, auch sollen die Fahrgastzahlen rückläufig sein. Deshalb haben sich die Betreiber entschlossen, die Verbindung einzustellen. Ich habe sie höchstens zwei- oder dreimal benutzt; mir leuchtete nicht ein, sich gegen – wenn auch geringes – Entgelt mit der Fähre ans andere Ufer bringen zu lassen, wenn man auch entgelt- und wartezeitfrei die naheliegende Brücke nutzen kann. Trotzdem schade, mit der Rheinnixe verschwindet ein kleines Stück Bonn. Jetzt ist sie am Beueler Ufer festgemacht und harrt ihrem weiteren Schicksal entgegen. Es ist vermutlich nur eine Frage der Zeit, bis die üblichen Idioten damit beginnen, sie zu beschmieren und die Scheiben einzuschlagen.

Die Rheinnixe heute Mittag in Beuel

Aufgrund der aktuellen Wetterlage waren beide Rheinufer von mehr oder weniger sommerlich bekleideten Menschen zu Fuß und zu Fahrrad bevölkert. Zurück auf der Bonner Seite endete der Spaziergang mit dem in diesem Jahr voraussichtlich letzten Besuch des Lieblingsbiergartens, wo ich die persönliche Untergangsstimmung bei einem kühlen Hellen genoss.

***

Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche.

Woche 42/2022: Bewegungszertifikate, Erikative und gebratene Penisse

Montag: Die Eisbahnbetreiber wünschen sich einen möglichst kalten Winter, um Energie zu sparen, steht in der Zeitung. Außerdem wird in völlig anderem Zusammenhang von einer „etwa 12 Jahre alten Teenagerin“ berichtet. Man muss sich wundern, was hiermit getan sei.

Morgens sah ich eine junge Frau in der für junge Frauen (und Männer) üblichen Weise telefonieren, mit flach vor das Gesicht gehaltenem Telefon; in der anderen Hand hielt sie ein Butterbrot, in das sie zwischen den Sätzen hineinbiss. Gerne hätte ich sie noch etwas länger beobachtet, vielleicht hätte sie irgendwann das Brot besprochen und ins Gerät gebissen.

Mittags bot die Kantine „Metzger Bratwurst“ an; meine Recherche, wo dieses Metzg liegt, blieb erfolglos.

Im August berichtete ich von einem Sturz, bei dem ich mir den rechten Ellenbogen lädiert hatte und in dessen Folge sich dort ein externes Hautläppchen bildete, der nach ärztlicher Befundung operativ zu entfernen wäre, ich möchte da nicht weiter ins Detail gehen. Aus urlaubsterminlichen Gründen war die Operation erst für heute am frühen Abend angesetzt. Indes: Seit die Wunde nicht mehr feuchtete, hatte ich die tägliche Pflasterung abgesetzt, seitdem trocknete das zu entfernende Häutchen vor sich hin. Heute Nachmittag nun, als ich nach Rückkehr aus dem Werk das Hemd ablegte, etwa eine halbe Stunde vor dem Termin, war es verschwunden. „Das kommt vor“, sagte die Ärztin. Wieder einmal sehe ich mich bestätigt: Abwarten ist oft nicht die schlechteste Option.

Dienstag: Das erste, was ich morgens hörte, kam aus dem Radio: Howard Jones sei „ein wichtiger Musiker der Achtziger“. Gewiss, er hatte ein paar Hits, unter anderem „What Is Love?“, das auch Bestandteil meiner Tonträgersammlung ist. Aber wichtig? Wodurch und für wen oder was wird ein Musiker wichtig, außer vielleicht als Ernährer oder Liebespartner? Waren die Beatles, Beethoven wichtig? Ich weiß es nicht.

Wolkenbänder umspielten am Morgen das Siebengebirge

Ein Wort, das in den letzten Tagen eine gewisse Inflation erlebt, ist „Machtwort“. Nachdem der Bundeskanzler von seiner Richtlinienkompetenz Gebrauch gemacht hat, weil seine zänkischen Koalitionspartner sich nicht über den vorübergehenden Weiterbetrieb deutscher Atomkraftwerke einigen konnten, gibt es hierzu keinen Medienbericht ohne den Satz „Olaf Scholz hat ein Machtwort gesprochen“. Dabei hat er nicht mal gesprochen, sondern seine Entscheidung schriftlich verkündet. Was soll das überhaupt sein, ein Machtwort? „Wumms“ ist wohl keines, allenfalls ein Erikativ. (Dieses wundervolle Wort las ich mal irgendwo als Synonym zur Wortart Interjektion. Es geht zurück auf Erika Fuchs, die langjährig tätige Übersetzerin der Donald-Duck-Comicks; Beispiele ihres Schaffens waren „Schluck!“, „Würg!“, „Seufz“, „Grummel“ und „Ächz!“.)

Mittwoch: Laut einer Studie der Weltgesundheitsorganisation bewegen sich die Deutschen zu wenig, also körperlich. (Sonst vielleicht auch, nur ist dieses zu ermitteln nicht die WHO zuständig.) Empfohlen sind zweieinhalb Stunden Bewegung in der Woche. Grob überschlagen komme ich durch Arbeitswege zu Fuß und Rad sowie Sonntagsspaziergang locker auf acht Stunden. Wenn Sie am Erwerb von Bewegungszertifikaten interessiert sind, melden Sie sich.

„Hi, was kann ich für dich tun?“ – „Mich am A… lecken.“ – „Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll.“ – Wenn Siri und der Geliebte ins Gespräch kommen. Kicher.

Donnerstag: Morgens rötete wieder der Himmel in gar wundervoller Weise.

Blick ans andere Ufer auf Bonn-Beuel
Vergleiche Dienstag

Die Flora zeigt sich nunmehr in herbstlicher Verfärbung:

Kurz vor Ankunft im Werk

Andernorts indessen dunkle Wolken über Hochspannung:

(Aus dem General-Anzeiger Bonn. Ich kann mir selbst nicht recht erklären, warum ich das komisch finde.)

Weiterhin aus der Tageszeitung:

»Zum zweiten Mal innerhalb von knapp drei Monaten ist ein Mann nach einem Polizeieinsatz in Dortmund ums Leben gekommen.« – Wie viele Leben hat(te) der?

»Ausbrüche in 14 Bonner Altenheimen« – Muss das nicht „aus“ heißen?

Gaspreisbremse ist auch eins von diesen zurzeit allgegenwärtigen Wörtern, die es vor wenigen Monaten noch gar nicht gab.

Freitag: Heute war ein Tag, an dem viel geschah und getan wurde, jedoch nichts, was hier zu notieren wäre. Alles andere finden Sie in der Zeitung oder den Medien Ihres Vertrauens. Immerhin ist Freitag und es gibt Alkohol.

Samstag: Der von mir mittlerweile bevorzugte Radiosender WDR 4 (ich kann es noch immer nicht recht glauben, wie sich dieser ehemalige Störsender der Achtziger gewandelt hat) spielt an diesem Wochenende die „Top 444“, welche die Hörer in den Wochen zuvor wählen konnten. Unter anderem wählten sie Nicole, die 1982 den Grand Prix Eurovision de la Chanson gewann, als der noch nicht Eurovision Song Contest hieß und die deutschen Beiträge nicht regelmäßig verloren, mit „Ein bisschen Frieden, ein bisschen Sonne … ein bisschen Wärme, das wünsch‘ ich mir“. Immerhin das mit der Sonne und Wärme ist in Erfüllung gegangen.

Kein Schreibfehler ist das schöne Wort „Unterschank“, das heute in der Zeitung zu lesen ist im Zusammenhang mit unzureichend gefüllten Bierkrügen auf dem Münchener Oktoberfest.

Bei Frau Kaltmamsell las ich was über gebratene Penisse, aus denen beim nochmaligen Lesen Panisse wurde. Ich weiß nicht, was Panisse ist, fand es dennoch irgendwie beruhigend.

Sonntag: Noch etwas Herbst in Bildern, aufgenommen beim Spaziergang, der wegen angenehmer Milde etwas länger ausfiel als ursprünglich geplant.

Am Rheinufer
In der Nordstadt

»Bin ja wohl vertraglich nicht verpflichtet, mir hier immer jede Woche ‚was Neues ausdenken zu müssen«, lese ich im wöchentlichen Newsletter* „Wittkamps Woche“, den zu lesen ich erst heute Gelegenheit fand, nicht, weil ich so beschäftigt wäre mit wichtigen Dingen, vielmehr hat es sich einfach nicht eher ergeben. Das passiert schonmal bei privaten Mails, wenn ich sie nicht sofort nach Eingang lese, vielleicht kennen Sie das. Das Abonnement von „Wittkamps Woche“ empfehle ich; bei Interesse bitte hier entlang.

*Newsletter ist auch einer jener eher unschönen Anglizismen, für die mir keine Entsprechung im Deutschen einfällt. „Nachrichtenbrief“ klingt albern, „Mitteilung“ unpassend. Daher also Newsletter.

***

Kommen Sie gut durch die Woche. Wink.

Woche 41/2022: In erster Linie mitfühlendes Bedauern

Montag: Der erste Arbeitstag der Woche war lang, da ich nachmittags die Einladung zu einer Besprechung um 17 Uhr auszuschlagen nicht über das Herz brachte. Vormittags verlangte der Rechner nach einem Neustart, weil irgendwelche Software zu aktualisieren war. Mehrere Minuten bezahltes aus dem Fenster Schauen, man kann sein Geld auf härtere Weise verdienen. Meine persönliche Stimmung war zufriedenstellend, auch solche Montage gibt es manchmal.

Im Zusammenhang mit der Weitung von Wissen benutzen viele gerne das zweifelhafte Wort „aufschlauen“. Im selben Sinne las ich in einer Mail das Word „aufbeefen“ und stellte mir sogleich vor, wie der zu Beefende mit Lappen von Rindfleisch umwickelt, anschließend wie ein Rollbraten umschnürt wird, auf dass die Lappen nicht abfallen. Trat nicht einst Lady Gaga ähnlich gewandet mal auf die Bühne, oder habe ich das geträumt?

Fleischlos dagegen das Mittagessen, für mich gab es Maultaschen mit geräucherter Käsesoße. Wie räuchert man Käsesoße?

Nach dem Essen ging ich eine Runde durch den Park, wo der Herbst nun langsam beginnt, die verbliebenen, im Sommer noch nicht vorzeitig abgeworfenen Blätter bunt zu färben. Er ist spät dran, oder kommt mir das nur so vor?

„Wir haben da noch ein hick up“, hörte ich in einer Besprechung und bekam spontan Schluckauf.

„Ich freue mich total auf die neue Aufgabe“ – Eine Kollegin wird demnächst Abteilungsleiterin. Meine Empfindungen bei solchen Nachrichten ähneln denen, wenn jemand Mutter oder Vater wird: in erster Linie mitfühlendes Bedauern.

Dienstag: Wir wohnen gegenüber der Zufahrt zum Landgericht. Jeden Morgen fährt ein Wagen vor, in dem laut Rapp gehört wird. Meine Vorbehalte gegenüber dieser – nun ja: Musikrichtung, ihrer Erzeuger und Hörer sind vermutlich unbegründet, zumal ich mich bislang nicht intensiver damit beschäftigt habe. Gleichwohl wäre es meinem Vertrauen in die Judikative dienlich, wüsste ich, dass der Fahrer dieses Wagens bei Gericht statt für Rechts- für die Grünpflege zuständig ist.

Beim Mittagessen in der Kantine waren wir zu viert, was nur noch selten vorkommt. Während des Essens anderer Leute Gespräche nicht folgen zu müssen zähle ich zu den eher angenehmen Begleiterscheinungen der Seuche. Tischthema waren Kaffeemaschinen und -mühlen, welche am besten brühen, welche am besten mahlen; erstmals hörte ich in solchen Zusammenhängen den Begriff „Einkreiser“. Man zeigte sich gar gegenseitig Bilder auf den Datengeräten. Anderer Leute Nachwuchs oder Partybegegnungen ungefragt unter die Nase gehalten zu bekommen finde ich zumeist ermüdend; ihre Haushaltsgeräte anzuschauen ist indes am Rande des Unerträglichen. Anschließend gingen die Kaffeeliebhaber zu einem der in Werksnähe zahlreichen mobilen Ausschänke, um Kaffee aus Pappbechern zu trinken. Ich verzichtete zugunsten einer Runde durch den Park. Alleine, ohne Gehkaffee. Oder „ambulanten Verzehr“, wie ich irgendwo las.

Mittwoch: Vormittags im Werk wurde ich Zeuge einer Bestandsbegehung. Das ist nicht nur ein tolles Wort, sondern auch ein toller Job: Zwei Personen ziehen klemmbrettbewehrt von Büro zu Büro, um nach eigenem Bekunden zu prüfen, ob noch alle Wände stehen. Nachdem ich das Vorhandensein aller Wände bestätigt hatte, jedenfalls habe ich in letzter Zeit keine vermisst, machte die Dame ein Kreuz in ihrer Liste und sie zogen weiter.

Seit gestern liegt auf der Spüle in der Werks-Kaffeeküche ein Pizzakarton. Erst heute bemerkte ich, dass sich darin noch eine komplette Pizza befindet. Was geht nur vor in den Leuten?

Donnerstag: Morgens auf dem Weg ins Werk sah ich Rot.

Oft sind es kleine Dinge, die die Welt ein wenig besser machen: Mittags gab es in der Kantine einen ganz vorzüglichen Erbseneintopf, dazu frisches Brot. Erst gestern um diese Zeit dachte ich, die könnten hier öfter mal Eintopf anbieten – et voila. Deshalb dachte ich heute nach dem Essen etwas intensiver an Entenbrust mit Orangensoße; vielleicht hilft es ja.

Danach sah ich im Park einen älteren Herren, dem in einigen Metern Abstand ein (augenscheinlich nicht viel jüngerer) Langhaardackel folgte. Plötzlich bekam der Dackelbauch kurzfristig Bodenkontakt, weil der Hund in ein kleines rundes Loch getreten war, das wohl dazu dient, bei Bedarf einen Absperrpömpel* einzustecken. Das sah sehr drollig aus, daher musste ich kurz lachen, wofür ich den Dackel und PETA ausdrücklich um Entschuldigung bitte. Bei dieser Gelegenheit herzliche Grüße und die besten Genesungswünsche an die Dackeldame in München!

*Für diejenigen, denen Pömpel kein gängiger Begriff ist: In Ostwestfalen, wo ich wech komme, ist Pömpel ein Sammelbegriff für Pfahl, Pfosten, Poller, aber auch Saugglocke für verstopfte Abflüsse. Ob das woanders auch der Fall ist, entzieht sich meiner Kenntnis, daher vorsorglich diese Erläuterung.

Freitag: „Hier ist bald nicht mehr lange“, hörte ich morgens den Geliebten sagen. Wenngleich die Bedeutung im Dunst des Unklaren blieb, erschien es mir notierenswert.

Das am Vortag empfundene Entenbrustsehnen blieb unerfüllt. Stattdessen gab es mittags Heringsfilets mit Sahnesoße an Kartoffeln, somit immerhin etwas mit Wasserbezug. Auch gut.

Samstag: An manchen Tagen sind mir andere Menschen am liebsten, wenn sie jenseits der Frontscheibe der Lieblingsweinbar vorübergehen und mich mit meinem Rosé oder (heute) Riesling in Ruhe lassen.

Von der Weinbar aus blickt man auf eine stark befahrene Kreuzung. Erhielte ich für jeden Wagen, der noch schnell trotz Rotlicht weiter fährt, zehn Cent, wäre mein Verzehr finanziert.

Der Liebste wurde per Anwaltsschreiben im Namen einer ominösen „Interessengemeinschaft Datenschutz“ zur Zahlung von 170 Euro angehalten, weil er auf seiner Internetseite „Google Fonts“ verwendet, das laut Schreiben dazu neigt, die IP-Adressen der Seitenbesucher in die USA zu übermitteln, oder so ähnlich. Es wird immer verrückter.

Sonntag: Erst gegen elf Uhr verließ ich mit gewissem Widerwillen das Bett, nachdem mich zuvor ein inneres Unbehagen, dessen Ursache ich nicht benennen könnte, früh erwachen und immer wieder für nur kurze Zeit einschlafen ließ.

Man soll sich nicht über Namen erheitern, ich weiß. Dennoch wüsste ich gerne, welche Tätigkeit die Vorfahren der in der Sonntagszeitung zitierten Elke M. Schüttelkopf ausgeübt haben.

Während des Spazierganges ging ich an einem Hauseingang vorüber mit dem üblichen Hinweis »Keine Werbung einwerfen« am Briefkasten, ergänzt um die Einschränkung »Außer für Schuhe«.

Ich habe übrigens, neben vier weiteren, ein Buch von Harald Welzer in den öffentlichen Bücherschrank gebracht. Nicht, weil den gerade alle doof finden, sondern weil ich es doppelt hatte.

Gelesen hier:

Betrachte ich die Sache recht, so findet sich kein einziges Merk­mal, mit dessen Hilfe ich unzweifelhaft bestimmen könnte, ob ich wach bin oder träume.

René Descartes

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Kommen Sie gut durch die Woche.

Woche 40/2022: Kinderwagenhalterungen für Datengeräte und Weintrinken für den Wiederaufbau

Montag: Sonniges Herbstwetter motivierte mich an diesem Einheitsfeiertag zu einem längeren Spaziergang, der unter anderem entlang der Universitäts-Institute in Bonn-Poppelsdorf führte.

„Mit Verstand und Hammer“ (oder so ähnlich, mein Großes Latinum ist etwas in die Jahre gekommen)

»Zauberland is‘ abgebrannt“, steht auf einem Banner an der Mauer des Alten Friedhofes in der Innenstadt. Wer Urheber dieser Schrift ist und was damit zum Ausdruck gebracht werden soll, war im Vorbeigehen nicht zu erkennen; diesbezüglich Auskunft erteilende beziehungsweise Flugblätter aufdrängende Personen fehlten ebenso. Vielleicht ist es einfach als Zusammenfassung der derzeitigen Weltlage zu interpretieren, ganz unpassend wäre es nicht.

Zunehmend ist das Wort „Öffis“ zu hören und lesen, wenn Bus und Bahn gemeint sind. Damit muss man wohl leben.

Dienstag: Morgens während der Fahrradfahrt ins Werk unterstrich Gegenwind den Widerwillen. Auch mein Mitarbeiterausweis zeigte sich zunächst unwillig, mir Zugang zum Büro zu verschaffen, was nur zu kurzer Verzögerung führte, da die anwesende Kollegin mir mit ihrem Ausweis die Tür öffnete. Wenig später funktionierte auch mein Ausweis wieder; die Welt ist manchmal voller kleiner Wunder.

Der Maileingang war für zwei Wochen Abwesenheit erstaunlich gering, auch inhaltlich frei von Unbill. Die meiste Energie kostete, wieder Interesse entgegenzubringen den Dinge, für die zu interessieren sie mich gut bezahlen.

Mittwoch: Die Tageslaune war schon wesentlich besser als gestern, ich ließ mich gar hinreißen, an einer Teams-Besprechung teilzunehmen, zu der man mich spontan hinzuzuziehen suchte; üblicherweise ignoriere ich solche Überfallversuche, da ich sie für eine Unart halte. Des Weiteren wies der Kalender heute nur eine Besprechung auf, die gegen Mittag abgesagt wurde; da gibt es nichts zu beklagen.

Als besonders dümmliches Synonym las ich in der Zeitung das Wort „Sohlengänger“ für Bär, was die üblichen „Vierbeiner“ und „Samtpfoten“ an Dämlichkeit erblassen lässt.

Abends öffnete ich aufgrund eines Versehens, vermählt mit Unkenntnis, eine Flasche Burgunder, deren Preislage einem gewöhnlichen Mittwochabend unangemessen war. Nun, da sie schonmal entkorkt war – was soll man machen.

Donnerstag: Vergangene Nacht schlief ich schlecht. Ein Zusammenhang mit dem Vorabendburgunder ist auszuschließen.

Morgens auf dem Weg ins Werk überholte ich zu Fuß am Rheinufer einen jungen mutmaßlichen Vater, der dadurch auffiel, dass er mit beiden Händen den Kinderwagen schob, das heißt, im Gegensatz zu den meisten Eltern dieser Generation schaute er beim Schieben der Brut nicht aufs Datengerät. Gibt es wirklich noch keine Kinderwagenhalterungen für Datengeräte, die man am Griff befestigt und so schiebend draufschauen kann, oder habe ich das nur noch nicht gesehen? Flösse statt Beamten- etwas Gründermentalität in meinen Adern, würde ich diese Geschäftsidee vielleicht aufgreifen und reich werden.

Etwas später ging über dem Siebengebirge die Sonne auf. Beim Anblick eines Sonnenaufgangs kommt mir jedes Mal ein Musikstück in den Sinn, das wir vor geraumer Zeit in der Grundschule im Musikunterricht durchnahmen. Es hieß, so weit ich mich erinnere, „Sunrise Melody“ und war von, da bin ich mir unsicher, Carl Orff oder Béla Bartók. Die Melodie habe ich noch im Ohr und kann sie problemlos pfeifen oder summen – es beginnt verhalten mit Flötenspiel, bei jeder Strophe kommen weitere Instrumente hinzu, bis es in orchestraler Wucht endet; von der Machart her ähnlich dem Boléro von Ravel, nur ganz anders. Bereits mehrfach habe ich in des Netzes Weiten danach gesucht, es jedoch bislang nicht gefunden. Wenn Sie das Stück kennen und gar wissen, wo es zu finden ist, wäre ich für einen Hinweis sehr dankbar. (Vielleicht hieß es auch gar nicht „Sunrise Melody“ und war weder von Orff noch Bartók; die Erinnerung verfärbt sich bekanntlich ganz gerne nach so vielen Jahren.)

„Dank Feiertag ist heute schon Donnerstag“, schrieb einer in einer Mail. Welcher Tag wäre heute wohl ohne den Feiertag?

Freitag: „Unsere leeren Flaschen recyceln wir. Warum nicht unsere Straßen?“ steht auf einem Plakat in der Innenstadt. Vielleicht, weil wir keine leeren Straßen haben?

Samstag: Ein Experte im Radio zur Frage, warum wir uns parfümieren: „Wir riechen lieber wie ein Ochse ums Gemächt als nach Mensch.“

Den Tag verbrachte ich mit befreundeten Nachbarn im Ahrtal, wo wir von der Möglichkeit Gebrauch machten, an mehreren Ausschankhütten die Wanderung mit Weintrinken für den Wiederaufbau zu verbinden. An einer der Schankstellen wurde üble Partysaufmusik gespielt, die den Trinkgenuss nur geringfügig zu trüben vermochte. Doch steckt im Übel oft auch was Gutes – eine Liedzeile habe ich mir gemerkt: „Langweilst du dich genauso wie mich?“ Eine Frage, die sich gut in einer Besprechung anbringen lässt.

Im Hintergrund das noch immer von den Zerstörungen der Flut gezeichnete Dernau
Oberhalb von Dernau scheint die Weinwelt in Ordnung

Sonntag: Beim Spaziergang zog ich mir am Rhein den Unmut eines entgegenkommenden Radfahrers zu, weil ich ihm auf dem Fußgängerstreifen keinen Platz machte. Von einer Belehrung oder gar Beschimpfung sah ich ab, das führt zu nichts.

Es bleibt schwierig

Ein Punkt ist oft überzeugender als eine Aneinanderreihung von Ausrufezeichen. Daher endet auch diese Woche mit einem Punkt.

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Kommen Sie gut durch die neue, feiertaglose Woche.

Woche 39/2022: Nahezu perfekt und relativ glücklich

Montag: Die bekannte Fischrestaurantkette bietet als „Fang der Woche“ Wels-Currywurst mit Pommes an, wie ich morgens auf dem Weg zum Bahnhof sah. Guten Appetit.

Ich reiste ins Allgäu, wo ich vier Tage lang den ersten Alleinurlaub seit – lassen Sie mich überlegen: sechsundzwanzig Jahren verbrachte. (Zuletzt war ich 1996 allein auf Gran Canaria, nachdem sich mein damaliger Freund von mir getrennt hatte und der Kessel brummte; das ist eine andere Geschichte.) Hier im Allgäu machten wir oft mit der Familie Urlaub, deshalb war es auch eine Reise in meine Jugend.

Die Bahnfahrt verlief nicht pünktlich, doch immerhin so wenig verspätet, dass ich in Ulm den Anschluss noch bekam. Bis Ulm reiste ich im Abteil, weil der gebuchte Intercity in der ersten Klasse, die ich mir gönnte, nur Abteilwagen aufwies. Derart reise ich ungern wegen der Gegenüberfußproblematik und der Gefahr, ins Gespräch verwickelt zu werden. Es sprach trotz fünf belegter Plätze jedoch niemand, einschließlich Gruß- und Abschiedsformel. Zudem hatte ich einen Fensterplatz mit Blick auf den Rhein, also nahezu perfekt.

„Tragen Sie Ihre Maske aktiv über Mund und Nase“, wurde regelmäßig durchgesagt. Wie trägt man eine Maske aktiv, und wie passiv?

Ab Memmingen nahm ich erstmals trotz verhüllter Nase den regionaltypischen Kuhdungduft wahr und lächelte unter der aktiv getragenen Maske. Sie werden vielleicht zu recht einwerfen, dass die bedenkliche Ausbringung von Gülle Ursache dieser olfaktorischen Empfindung ist. Dem widerspreche ich nicht, möchte damit nur zum Ausdruck bringen, dass genau dieser Geruch für mich untrennbar mit den früheren Familienurlauben verbunden, somit positiv besetzt ist.

Bei Ankunft am Zielbahnhof lächelte ich noch mehr
Die Dieseltriebzüge der Baureihe 633 weisen nicht nur eine übelgelaunte Physiognomie auf, sie sind auch recht unkomfortabel und dröhnen innen sehr laut. Für längere Reisen nicht zu empfehlen.
Im Hintergrund der Niedersonthofener See

Nach Ankunft in Martinszell (eigentlich Oberdorf, der Ort Martinszell liegt etwa einen Kilometer vom gleichnamigen Bahnhof entfernt) schloss sich ein etwa einstündiger Spaziergang zur Unterkunft in Niedersonthofen an, den ich bei Sonnenschein auch innerlich strahlend zurück legte. Ich sah viel Vertrautes; gleichwohl hat sich in den vergangenen zweiunddreißig Jahren, seit ich das letzte Mal hier war, einiges verändert.

Gegen Abend der See nochmal aus der Nähe
Der Grünten, gleichsam der Mont Ventoux des Oberallgäus

Abendessen im Restaurant. Der Landgasthof ist für Einzelesser nicht optimal möbliert. So belegte ich alleine einen Sechsertisch und hatte fast ein schlechtes Gewissen, als ich das zweite Bier bestellte. Hauptsache, mir wurde kein auf Englisch das Gespräch suchender Beisitzer zugeteilt. (Da ich diesen Gedanken bei Tisch ins Notizbuch schrieb, halten sie mich jetzt vielleicht für einen Testesser von Michelin. Mal sehen wie der Service in den nächsten Tagen wird.)

Als Absacker bestellte ich einen Enzian. Schmeckte gar nicht mal so gut, außerdem ist er klar, nicht blau. Heino lügt. (Kleine Gaudi am Rande, verzeihen Sie. Ich weiß natürlich, dass Enzian blau blüht.)

Dienstag: Bereits vor dem Weckergetöse wachte und stand ich auf. Bis mittags regnete es andauernd, was mich dank Lektürevorrat nicht grämte. Als der Regen kurz nach zwölf nachließ, machte ich mich auf zu der Tour, auf die ich mich seit Buchung dieses Aufenthalts am meisten freute. Sie führte über Oberdorf (bitte nicht verwechseln mit Oberstdorf) durch das Werdensteiner Moos, über Eckartz, Freibrechts und Gopprechts zurück nach Niedersonthofen.

Auf dem Weg nach Oberdorf
Mont Grünten in Wolken, rechts hinten die Oberst(!)dorfer Alpen
Letztere aus anderer Perspektive
Zwischen Oberdorf und Eckartz
Ebenso, nun sonnenbeschienen
Gopprechts
Es muss schlimm sein, den Tag mit so einer Glocke am Hals zu verbringen. Immerhin wurden ihnen nicht, wie den meisten Artgenossinnen, in jungen Jahren die Hörner weggeätzt. Insgesamt wirkten sie relativ glücklich.

Das Werdensteiner Moos ist ein ehemaliges Torfabbaugebiet, das ab den Neunzigerjahren renaturiert worden ist. Bis dahin war es ein unzugänglicher Wald, so kannte ich es noch aus früheren Urlauben. Heute führt ein Rundweg hindurch, mit Informationstafeln zur Geschichte des Torfabbaues und Natur des Mooses/Moores.

Zwischendurch regnete es immer wieder. Dennoch – und trotz nach Rückkehr feuchter Füße – stimmten Vorfreude und Ereignis völlig überein.

(Während dieser Niederschrift übt im Gasthof nebenan die örtliche Blaskapelle. Ich mag Bayern sehr, trotz Söder, Scheuer und [bitte denken Sie sich hier ein besonders intensives Würgegeräusch] Dobrindt.)

Mittwoch: Wie morgens beim Frühstück zu hören war, werden in Kempten händeringend Busfahrer gesucht. Dabei stelle ich mir vor, wie Leute diverser Verkehrsbetriebe sich in eine wild aufgemischte Menschentraube drängen, jeden fragen „Sind Sie Busfahrer?“, und sobald jemand ja sagt, stürzen sich alle auf ihn und es kommt zum Handgemenge.

Es regnete durchgehend den ganzen Tag, wie angekündigt. Das hielt mich nicht von einem längeren Spaziergang durch Oberdorf und Martinszell ab; nach monatelanger Vorfreude blieb ich nun nicht wegen Fußfeuchtegefahr im Zimmer. Nach Rückkehr waren die Schuhe komplett durchnässt, das war es wert. Vielleicht sollte ich mir mal wasserdichte Wanderschuhe zulegen.

Niedersonthofener See im Regen, Blick zum Westufer

Mein Unterkunft gewährendes Gasthaus hatte heute Ruhetag, deshalb aß ich abends (ebenfalls sehr gut) in einem Wirtshaus etwas außerhalb des Ortes. Es heißt „Sonne“, immerhin ein Lichtblick an diesem Regentag. Und doch: Alleine zu essen macht auf Dauer keinen Spaß. Drei Tage Alleinzeit sind vorerst genug, ich freue mich auf die Rückkehr in die Arme der Lieben morgen Abend.

Auf dem Rückweg vom Essen war der Grünten verschwunden, vergleiche Montag, letztes Bild

Donnerstag: Tag des Abschieds vom Allgäu. Noch immer regnete es, was den Abschiedsschmerz auch hier (siehe vergangene Woche) ein wenig linderte.

Ein letzter Blick zurück auf das umwölkte Niedersonthofen

Die Züge waren sehr voll, bereits der (viel zu kurze) Regionalexpress nach Ulm in der zweiten Klasse vollbesetzt. Wo wollten die vielen Leute hin an einem gewöhnlichen Donnerstagmittag? Vorausschauend hatte ich ja erste Klasse gebucht und fand ein angenehmes Plätzchen. Hinter Kempten geleitete die Zugbegleiterin ein älteres Paar, dessen männlicher* Teil nicht gut zu Fuß war, in das Erste-Klasse-Abteil und bat uns bereits darin Sitzende um Verständnis. Meine Frage, wofür, schließlich hatte ich nur für einen Platz bezahlt und den auch bekommen, wurde mit Kaffee-Gutscheinen für alle Abteilinsassen beantwortet, den ich allerdings zurückließ, da er nur an bestimmten süddeutschen Bahnhöfen einlösbar war, von denen ich bis Jahresende voraussichtlich keinen mehr aufsuchen werde.

*mutmaßlich, man darf das ja nicht mehr einfach so behaupten anhand äußerlichen Anscheines.

Im ICE nach Mannheim saß vor mir eine Frau, die allerlei Business-Blödsinn in ihr Telefon absonderte, und diesen Satz: „Tobi und ich haben diese Challenge, wer zuerst die Heizung andreht.“ Cool, hätte man wohl früher gesagt; wie man heute sagt, weiß ich nicht und es ist mir auch egal.

Ab Mannheim wurde mir das außergewöhnliche Vergnügen zuteil, in einem Panoramawagen der Schweizer Bundesbahn Platz zu nehmen. Eine angenehmere Art zu reisen ist kaum denkbar, obwohl man sich auch hier gegenüber sitzt, immerhin ohne diesen beengenden Tisch dazwischen.

Wenn gegen Ende einer längeren Reise das Siebengebirge zu sehen ist, geht mir jedes Mal das Herz auf

Weitere Beobachtungen und Erkenntnisse innerhalb und außerhalb des Zuges:

  1. In Memmingen gibt es Lärmschutzwände mit Lurchlöchern. Das sind kleine Öffnungen am Boden, darüber in etwa ein Meter Höhe jeweils ein Schild mit einem stilisierten Schwanzlurch oberhalb eines auf der Spitze stehenden Dreiecks, somit für die Durchgang begehrenden Lurche viel zu hoch angebracht.
  2. Selbst Fabrikschornsteine wurden im neunzehnten Jahrhundert schmuckvoller gebaut als heute die meisten Wohnhäuser.
  3. Bei Jungs mit knöchelfrei getragenen Hosen schwanke ich häufig zwischen „wie erotisch“ und „wie albern“. Bei Männern über vierzig bin ich mir sicher.
  4. Es ist lächerlich, einen Fachhandel „Küchen Kompetenz Centrum“ zu nennen.

Freitag: Immer noch Urlaub. Dies nahm ich zum Anlass, auswärts zu frühstücken, in einer Gaststätte in der Bonner Südstadt, die bei Ankunft wenige Minuten nach Öffnung schon gut besucht war, nicht nur von Menschen im Rentenalter. Haben die nichts zu tun? Grund mag das anheimelnde Ambiente des Lokals sein; die Qualität des gereichten Frühstücks spricht indessen nicht dafür: Zum „Französischen Frühstück“ wurde kein Baguette serviert, dafür ein Körbchen mit einem Croissant (immerhin), einer Scheibe Vollkornbrot und einem Brötchen. Letzteres war offenbar billigste Aufbackware, das bereits beim Aufschneiden in mehrere Teile zerbröselte. Daher werde ich dort wohl nicht mehr so bald frühstücken.

Im Rewe sind die ersten Weihnachts-Süßwaren erhältlich, was wieder einige Konsumenten auf die Palme (beziehungsweise Tanne) bringen wird. Ich blieb am Boden, freute mich und packte einige Nougat-Marzipan-Riegel ins Körbchen.

Samstag: Ein ungewöhnlich milder Tag. Mittags in der Fußgängerzone bemerkte ich, wie nur drei Tage Allgäu ausgereicht haben, mich von Menschen in größerer Zahl zu entwöhnen und wie wenig ich es vermisst habe – Leute, die langsam vor mir her gehen und einfach stehen bleiben; Kinderwagen, die mir in die Hacken geschoben zu werden drohen; Fahrräder und Elektroroller im Fußgängerslalom; Tier-/Kinder-/Umwelt- Wasauchimmerschützer, die arglose Passanten an ihre Stände zu zerren suchen, um ihnen ein Gespräch aufzuzwingen.

Sonntag: Zwei Wochen Urlaub sind zu Ende, somit die großen Vorfreude-Ereignisse für dieses Jahr aufgebraucht. Erfreuen wir uns also weiterhin an Kleinigkeiten, die das Leben auch im Alltag bereithält.

Wie solches – das Ende eines jeden menschlichen Seins kann schöner kaum beschrieben werden:

… sie werden wohl jenen unbeliebten, aber notwendigen natürlichen Prozessen zum Opfer gefallen sein, mittels welcher die Kreisläufe des Organischen immer weiter zu kreisen befähigt sind.

Max Goldt: Preisung der grotesken Dame

***

Ich wünsche Ihnen einen erfreulichen Feiertag, eine angenehme Woche und mir einen nicht allzu unlustschweren Neustart in den Arbeitsalltag. Zum Glück erst Dienstag.

Die Zweitausender – Wilde Zeiten

Nach Betrachtung der Siebziger-, Achtziger– und Neunzigerjahre schauen wir nun in die

Zweitausenderjahre.

Das Jahr 2000 begann mit einem bizarren Streit über die Frage, ob das neue Jahrtausend jetzt begann oder erst 2001. Eine eher theoretische Diskussion – für mich begann das neue Jahrtausend jetzt, am 1. Januar 2000. Ebenso uneins war man sich, wie dieses Jahrzehnt denn nun heißt. Bei den Siebziger-, Achtziger und Neunzigerjahren war es klar, aber jetzt? „Nullerjahre“? Klingt komisch, daher habe ich für mich entschieden, das Jahrzehnt trotz alpiner Anmutung als „Zweitausender“ zu bezeichnen.

Weltpolitisch begann das Jahrzehnt zunächst unauffällig, dann indes spektakulär mit den Terrorangriffen auf die USA am 11. September 2001. Als ich vormittags auf den Werksfluren erstmals davon erfuhr – kurz zuvor war das erste Flugzeug ins World Trade Center eingeschlagen – hielt ich es noch für einen Scherz, oder wenigstens einen Unfall. Erst nach Eintreffen des zweiten Flugzeugs wurde klar: Das war kein Versehen. Und doch – bei aller Schrecklichkeit war ich tief beeindruckt von der organisatorischen Leistung der Terroristen, unbemerkt von Geheimdiensten gleichzeitig vier Flugzeuge zu entführen und zwei davon innerhalb kurzer Zeit eigenhändig in die New Yorker Türme zu lenken. – Eine beliebte Frage bis heute: „Wo waren Sie am 11. September 2001?“ Für mich kann ich sie beantworten: Nachmittags hatte ich einen Besichtigungstermin einer Wohnung in der Bonner Weststadt, vier Zimmer, neunzig Quadratmeter mit Balkon, als Ersatz für unsere für zwei Personen doch etwas beengte Dachkammer in der Südstadt. Wir bekamen sie und waren sehr zufrieden damit, wenngleich auch diese Wohnung, wie die Dachkammer, in unmittelbarer Nähe zur Bahnlinie lag, daher nicht gerade ruhige Lage. Aber daran waren wir inzwischen gewöhnt und fühlten uns darin sehr wohl. Nach dem Umzug (für den wir letztmalig Freunde und Bekannte missbrauchten) hatte ich das Gefühl, in Bonn und im Rheinland richtig angekommen zu sein.

Die Kirschblüte in der „Altstadt“ lockte noch nicht Touristenscharen an

Ebenfalls 2001 beschloss der Deutsche Bundestag das Lebenspartnerschaftsgesetz. Wir durften zwar aufgrund eines verfassungsgerichtlich bestätigten, absurden „Abstandsgebotes“ nicht heiraten, immerhin eine „Eingetragene Lebenspartnerschaft“ eingehen, die alle Pflichten und kaum Rechte der herkömmlichen Ehe zwischen Mann und Frau beinhaltete, insbesondere keinerlei steuerliche Vorteile. Das hielt uns nicht davon ab. Mein Antrag, noch vor dem Umzug in der Dachkammerküche dargebracht, verlief ostwestfälisch knapp und wurde vom Liebsten positiv beschieden, statt mit einem Ring wurde der Beschluss mit Jägermeister besiegelt. Als Termin legten wir einen Tag im Mai des Folgejahres fest, genau der Tag, an dem wir uns fünf Jahre zuvor kennen gelernt hatten.

Der standesamtliche Akt erfolgte im schmucklosen Trauzimmer des Bonner Stadthauses, das laut Standesbeamtin anlässlich unserer Vermählung so voll war wie selten. Der Liebste nahm (freiwillig) meinen Nachnamen an. Etwas irritiert war ich, als ich nach der Trauung meinen Chef hinter mir „Herzlichen Glückwunsch, Herr K.“ sagen hörte und erst im Umdrehen, um mich zu bedanken, bemerkte, dass er meinen Mann beglückwünschte. Amüsant hingegen die Frage aus Reihen der nachfolgenden Hochzeitsgesellschaft: „Wo ist denn die Braut?“

Glücklich und frisch verheiratetpartnert

Für die anschließende Feier hatten wir eine Gaststätte in Bonn-Kessenich reserviert, wo unsere zahlreichen Gäste die Wirtsleute durch erheblichen Appetit beeindruckten; gegen Ende musste der Jungkellner Jägermeister aus Privatbeständen seiner Eltern ranholen. Maßgabe für die Feier war, auf keinen Fall irgendwelche peinlichen Hochzeitsspielchen durchzuführen, woran sich alle hielten. Einziger unvermeidlicher Programmpunkt war der Hochzeitstanz, der mangels Tanzvermögens meinerseits nicht gar so elegant ausfiel, dafür schnell vorüber war.

Die Hochzeitsnacht verlief in nicht allzu romantischem Rahmen, niemand trug den anderen über die Türschwelle, im Zweifel wäre dazu auch keiner in der Lage gewesen. Stattdessen zählten wir Geld – anstelle von Sachgeschenken hatten wir uns finanzielle Unterstützung der Feier gewünscht.

Die Tatsache, nun „verpartnert“ zu sein, hinderte uns gemäß gegenseitiger Übereinkunft nicht daran, die Ausgeh- und Begegnungsmöglichkeiten in Bonn, Köln und darüber hinaus zu nutzen, was auch körperliche Kontakte mit Dritten ausdrücklich nicht ausschloss, weder gemeinsam noch jeder für sich. So verbrachte ich bereits die nächste Samstagnacht nach der Feier mit Ehering, Wissen und Erlaubnis meines Mannes im Kölner Chains, einem Lokal, dessen Zweck nicht in erster Linie dem Tanz und Getränkeverzehr diente und das für darüber hinausgehende Aktivitäten entsprechende Räumlichkeiten aufwies.

Selbstverständlich kam es nicht immer zum Äußersten. Manchen traf man einmal, andere öfter; einer blieb uns über Monate verbunden, kurzzeitig war gar sein Name an Klingelschild und Briefkasten angebracht – der Sommer 2003 war nicht nur in meteorologischer Hinsicht sehr heiß.

Auch gänzlich der Unzucht unverdächtige Aktivitäten nahm ich wahr: Im Sommer 2005 trat ich einem Männerchor in Köln bei, dem ich immerhin fünfzehn Jahre lang die Treue hielt. Jeden Mittwochabend fuhr ich nun zur Chorprobe nach Köln. Manchmal kostete es Überwindung, abends nach einem Arbeitstag noch mit der Bahn nach Köln zu fahren und erst kurz vor Mitternacht wieder zu Hause zu sein, doch fast immer kehrte ich mit einem Glücksgefühl zurück. Singen macht glücklich. Erst recht auf der Bühne vor Publikum, trotz vorangehendem Lampenfieber, das gehört dazu.

Irgendwas aus der Westside Story

Auch dem Hobby Eisenbahn widmete ich wieder mehr Zeit. Nachdem wir 2005 erneut umgezogen waren, jetzt in die Innere Nordstadt (auch Altstadt genannt, was nicht ganz richtig ist: Die Bonner Altstadt wurde im Zweiten Weltkrieg zerbombt und nicht wieder aufgebaut, jedenfalls nicht als Altstadt; das nur am Rande) baute ich ab 2008 eine Modelleisenbahn auf, wenn auch nur eine ganz kleine, die an frühere Anlagen auf dem Dachboden des Bielefelder Elternhauses nicht heranreichte. Immerhin konnte ich meine Loks und Wagen, die sich bis dahin in einer Wandvitrine die Räder in den Rahmen gestanden hatten, wieder etwas bewegen, was nach so langer Abstinenz in etwa so glücklich machte wie Singen.

Nahverkehrszug 7843 nach Dransfeld kurz vor Abfahrt

Beruflich änderte sich nicht viel für mich. Mit meinem Chef, mit dem ich anfangs leichte Probleme gehabt hatte, kam ich inzwischen gut aus. Ende 2002 zog das Unternehmen vom ehemaligen Postministerium in ein repräsentatives (und zunächst innerhalb Bonns umstrittenes) Hochhaus am Rhein, auf den ich nun vom 24. Stock aus blickte.

Das Dampfschiff „Goethe“ wurde 2008/2009 leider von Dampf- auf Dieselantrieb umgebaut

Urlaube verbrachten wir mit zwei Freunden regelmäßig auf Gran Canaria, wo es ebenfalls zahlreiche der oben beschriebenen zwischenmännlichen Begegnungsorte gibt. Die Tage verbrachten wir üblicherweise am Strand vor den Dünen von Maspalomas.

Vermutlich trug ich zum Zeitpunkt der Aufnahme eine Badehose

Erstmals im Sommer 2006 fuhren der Liebste und ich mit dem Auto nach Südfrankreich, zunächst nach Nyons, dann Malaucène. Dort in der nördlich Provence gefiel und gefällt es uns so gut, dass das bis heute unser bevorzugter Urlaubsort geblieben ist.

Rosé passt immer

Anfang des Jahrtausends fand ich die Freude am Schreiben wieder, bis dahin hatte ich nur regelmäßig Tagebuch geschrieben. So entstanden einige Bücher, für eines fand ich gar einen Verlag, der es 2006 herausbrachte. Allerdings war ihm keine Erfolg beschieden, es wurden nur ein paar hundert Exemplare verkauft. Zu recht, wie im Nachhinein zu bemerken ist, es war wirklich schlecht geschrieben und so gut wie gar nicht einem Lektorat unterzogen. Ein paar mal versuchte ich mich noch an Literatur im Themengebiet schwules Lieben/Leben/Leiden, stets ohne Erfolg. Inzwischen habe ich mich vom Traum einer Schriftstellerkarriere verabschiedet; manches sollte man denen überlassen, die es können.

2007 entstand dieses Blog, das ich noch immer mit großer Freude befülle. Zwei Jahre später entdeckte ich Twitter für mich. Dort entwickelte sich schon bald diese gewisse Sucht nach Sternchen, Erwähnungen und neuen Verfolgern, deren ich zeitweise über tausend hatte. Mit Facebook hingegen freundete ich mich nie an, nach zwei Anläufen trennten wir uns endgültig.

Was war sonst in den Zweitausendern:

  • Apple brachte mit dem iPhone das erste Smartphone in die Welt, welches das Verhalten und die Gewohnheiten der Menschen seitdem erheblich beeinflusst hat. Auch bei uns, nachdem sich der Liebste, stets ein Freund der Produkte mit dem angebissenen Apfel, eins zugelegt hatte. Ein Jahr später war es meins, nachdem er es durch ein Gerät der neuesten Generation ersetzt hatte.
  • Angela Merkel löste Gerhard Schröder als Bundeskanzler ab und hielt sich für den Rest des Jahrzehnts und weit darüber hinaus im Amt.
  • Der Euro löste die D-Mark und weitere europäische Währungen ab. Viele rechneten bei jedem Bezahlvorgang noch in Mark um und befanden, nach der Umstellung sei alles teurer geworden, vor allem die Gastronomie, was der neuen Währung bald des Namen „Teuro“ einhandelte. Manche tun das noch heute.
  • Putin und Erdogan kamen jeweils als Präsident ihres Landes an die Macht, mit den bekannten Auswirkungen auf die Freiheitsrechte ihrer Völker und darüber hinaus.
  • Mit Joseph Ratzinger wurde ein Deutscher Papst. „Wir sind Papst“, titelte die Bild-Zeitung. Als er am Weltjugendtag in Köln teilnahm, ratzteten die Besucher aus und feierten ihn mit „Benedetto“-Rufen fast wie einen Popstar, was er nun wirklich nicht war.
  • Die USA eröffnen unter George W. Bush den zweiten Irakkrieg mit Auswirkungen im Irak und der Region bis heute.
  • Oasis, für mich die größte Band aller Zeiten, lösten sich nach Streit der Gallagher-Brüder auf. Beide traten danach noch ein paar mal mit Solo-Projekten in Erscheinung, die alten Erfolge von Oasis wurden nicht mehr erreicht. Vielmehr weiß ich in musikalischer Hinsicht zu diesem Jahrzehnt nicht zu schreiben. Sicher gab es Gutes und Typisches, doch fiele es mir im Gegensatz zu den vorangegangenen Jahrzehnten schwer, typische Hits und Interpreten der 2000er zu benennen. Ich habe sie gehört, doch ist kaum etwas hängen geblieben.

Den Jahreswechsel 2009/2010 verbrachten wir unspektakulär zu zweit zu Hause, wie immer hatte der Liebste vorzüglich gekocht. Nach dem Essen gingen wir zum Opernhaus am Rhein und schauten zu, wie andere hunderte und tausende Euro in die Luft jagten. Die Zehnerjahre hatten begonnen und wir gingen noch ein paar Kölsch trinken und Leute treffen in Bobas Bar.