Montag: Die Bahnreise mit Buseinlage nach Lichtenstein in Sachsen verlief zwar nicht planmäßig, immerhin besser als befürchtet, nach Abfahrt in Siegburg legte sich meine Nervosität etwas. Für eine Reise mit viermal umsteigen und Schienenersatzverkehr (dieses Wort begeistert mich immer wieder) ist eine zwei Stunden spätere Ankunft vielleicht nicht akzeptabel, jedoch hinnehmbar. Es lag vor allem an der Verspätung des Regionalexpress von Erfurt nach Gera, dadurch war der Busanschluss verpasst und der nächste fuhr erst gut eineinhalb Stunden später.
Ansonsten schien heute Tag der Klassenfahrten zu sein: Schon auf dem Bahnsteig in Siegburg befand sich eine größere Ansammlung Jugendlicher, die mit mir in den ICE nach München stiegen. Im anschließenden ICE von Frankfurt nach Erfurt saß ich inmitten einer solchen Gruppe, die sich trotz Ruhebereich und mehrfacher pädagogischer Ansprache durch den Lehrkörper nicht vom Plappern und Zanken abhalten ließ; hätte ich Strichliste geführt, wie häufig allein das Wort „Digga“ fiel, hätte eine Seite des Notizbuchs nicht ausgereicht.
Gegen halb fünf am Nachmittag erreichte ich das Hotel, früh genug für einen ersten Spaziergang durch die Stadt, wo es auffallend viele Damen mit gefärbten Haaren gibt, bevorzugt in violett und kupferrot. Auffallend auch die hohe Anzahl geschlechtsunabhängiger Armtätowierungen.
Was es auch gibt, ist die Knopf- und Mutzbratenstadt Schmölln, wie das braune Sehenswürdigkeitenschild an der Autobahn 4 ausweist, gesehen während der Busfahrt von Gera nach Glauchau. Was es nicht gibt, jedenfalls heute nicht für mich, weil ich das Passwort nicht weiß und versäumt habe, es zu erfragen, ist WLAN im Hotel. Deshalb kann ich wegen schwachen Mobilfunks erst später recherchieren, was Mutzbraten ist, falls es mich dann noch interessiert.
Dienstag: Das Hotel ist sauber, das Zimmer erfüllt seinen Zweck für drei Übernachtungen völlig. Auf der Rückseite des villenartigen Gebäudes hat man Zugang zu einem kleinen Park, der etwas großspurig „Stadtpark“ heißt. Schönheitsfehler: Das Hotelrestaurant ist nur noch am Wochenende geöffnet, was leider auch das Frühstück einschließt. Es gibt keine Rezeption, für Fragen gibt es eine Telefonnummer. Dennoch hält sich tagsüber im Restaurant- und Küchenbereich Personal auf, was auch immer sie dort tun. Andere Gäste habe ich auch noch nicht wahrgenommen. Alles in allem etwas gespenstisch.
Dafür habe ich gut geschlafen. Nach nicht allzu spätem Ausschlafen begab ich mich in eine Bäckerei in die Innenstadt. Danach ließ ich mich ohne Plan und Ziel durch das Städtchen treiben, erklomm rund hundertfünfzig Treppenstufen zum Schloss, das gerade zu einem Hotel umgebaut wird, und war fasziniert von der riesigen ehemaligen Strumpffabrik in Bahnhofsnähe, einst großer Arbeitgeber der Stadt, nach 1990 stillgelegt und nun unter Denkmalschutz stehend dem sichtlich fortgeschrittenen Verfall preisgegeben. Letzteres trifft auch für nicht wenige weitere Gebäude zu.




Würde das Berufliche Schulzentrum in heutigen Zeiten erbaut, müsste wohl ein weiterer Eingang vorgesehen werden, wobei interessant wäre, was darüber geschrieben stünde. (Verzeihung, das konnte ich mir nicht verkneifen.)


Nachmittags kam ich dann zum eigentlichen Anlass dieser Reise, der Anpassung und Übergabe der Hörgeräte durch die befreundete Akustikerin. Auch wenn es vielleicht noch zu früh für eine abschließende Bewertung ist, bin ich sehr zufrieden damit. Sie passen sich gut ein, und neben dem Hauptzweck der Hörvermögensverbesserung begeistert mich, wie schon bei den vorherigen Probegeräten, die Möglichkeit, darüber Musik zu hören und zu telefonieren. Somit erfüllen sie denselben Zweck wie die weißen Ohrstöpsel, mit denen die jungen Leuten den ganzen Tag herumlaufen, nur unauffälliger. Es gibt also keinen Grund, mich deswegen alt zu fühlen, jedenfalls nicht älter, als ich ohnehin bin.
Mittwoch: Den letzten Tag hier nutzte ich bei bestem Wetter für eine Wanderung durch den Rümpfwald nördlich von Lichtenstein. Abgesehen von einer navigativen Fehlleitung der Komoot-App durch unwegsames Unterholz kurz nach Beginn war die Strecke sehr angenehm auch ohne Wanderstöcke zu gehen, mit nur mäßigen Steigungen und überwiegend auf Waldwegen. Immer wieder geht man an Teichen vorbei, einer davon beherbergt in größerer Anzahl Goldfische und Flusskrebse. An anderer Stelle veranstaltete die Forstwirtschaft rechten Ohres ein Kettensägenkonzert.



Immer wieder traf ich auf Leute, die mit Körben ausgestattet in die Pilze gingen. Auch ich sammelte ein paar davon, allerdings nur mit der Kamera.





Auch meine Moosbegeisterung wurde wieder angesprochen, großflächige Teppiche bildet hier diese faszinierende Lebensform, die uns Menschen vermutlich um einige Millionen Jahre überleben wird.


Während der Mittagspause auf einer Bank bei Voigdlaide fragte ich mich, warum belegte Brötchen aus Bäckereifachgeschäften immer diese helle Kleckerpampe enthalten müssen.
Insgesamt war es sehr erfreulich und endete mit Torte, Kaffee und anschließendem Bier auf der Terrasse eines empfohlenen Cafés im Ort.
Danach versuchte ich, Postkarten zu erstehen, die ich beim Abendessen schreiben und anschließend absenden wollte. Leider ohne Erfolg, weder die Post-/Lottofiliale noch die Schreibwarenhandlung führen welche und man konnte mir nicht sagen, wo sie erhältlich seien. Die üblichen, hier mitlesenden Postkartenempfänger mögen sich daher bitte auf diesem Wege als gegrüßt betrachten.
Im Hotel war heute niemand zu sehen, weder morgens beim Verlassen noch nachmittags und abends bei Rückkehr. Immerhin wurde zwischendurch das Bett gemacht, von wem auch immer. Sollte ich in der bevorstehenden letzten Nacht von einer Messerklinge träumen, die im Takte schrillen Geigenstakkatos beim Brausebad in meine Brust einsticht, würde es mich nicht wundern.
Da war er wieder, mein Lieblingsfehler: „Die Frankfurter Buchmesse ruft und unsere Jubiläumsanthologie steht in den Startlöchern und freut sich auf seine Releaseparty.“ steht im Njusletter des Schreiberverbandes, dem auch ich angehöre. Meine freundlich formulierte Antwortmail, wessen Releaseparty gemeint sei, blieb bislang unbeantwortet.
Der Koffer ist gepackt, morgen früh geht es zurück mit fünfmaligem Umsteigen und zweimal Schienenersatzverkehr. Ich sehe dem mit erstaunlicher Gelassenheit entgegen, vielleicht hatte die Hinreise am Montag die heilende Wirkung einer Konfrontationstherapie.
Donnerstag: Die letzte Nacht im verlassenen Hotel verlief ruhig, die Träume blieben unspektakulär. Die Rückreise verlief am äußeren Rande des Rahmens der Erwartung, zehneinhalb Stunden nach Verlassen des Hotels erreichte ich die heimische Wohnungstür. Andere fliegen in der Zeit in ferne Länder. Einige Reiseeindrücke:
Der Bahnhof von Glauchau verfügt noch über eine intakte, saubere Wartehalle mit Buchhandlung, Bäckereigeschäft und Fahrkartenschalter. Andere Städte vergleichbarer Größe haben häufig nicht mal mehr ein Bahnhofsgebäude und man muss froh sein, wenn es Sitzgelegenheiten unter einem zugigen Bahnsteigdach gibt. Sofern sie überhaupt noch einen Bahnanschluss haben.

Ebenfalls in Glauchau überbrückte der SEV-Busfahrer die Zeit bis zur Abfahrt mit dem Schauen ohrenscheinlich eines Actionfilmes mit viel Geschrei, aufbrausenden Motoren und Reifenquietschen. Auf seine Fahrweise hatte das zum Glück keinen Einfluss. Im Gegensatz zur Hinfahrt führte die Fahrt nach Gera nicht über die Autobahn, sondern durch die Städte mit Bahnhof, unter anderem Meerane, ein gar nicht mal kleiner Ort, von dem ich nie zuvor gehört hatte. Immer wieder sieht man leerstehende, mehr oder weniger verfallene Häuser an der Strecke. In Ronneburg hatten wir in einer schmalen Straße unüberholbar die Müllabfuhr vor uns, was zu einigen Minuten Verspätung führte, die sich insgesamt nicht reiseverlängernd auswirkte.
In Erfurt wurde wegen der verspäteten Regionalbahn aus Hermsdorf-Klosterlausnitz der Anschluss an den ICE nach Frankfurt verpasst und deshalb die Zugbindung aufgehoben. Auch das war nicht schlimm, eine gute halbe Stunde später fuhr der nächste, bis dahin hatte ich genug zu lesen dabei. Letztlich erreichte ich Siegburg/Bonn gut eineinhalb Stunden später als geplant. Hier nun, gleichsam als Sahnehäubchen, ein weiterer, unangekündigter Schienenersatzverkehr bis Sankt Augustin, erst ab dort fuhr die Stadtbahn.
An all dem gemessen war ich bei Ankunft gut gelaunt. Warum auch nicht – abends gingen wir zur Feier des Wiederkehr ins Wirtshaus, morgen habe ich frei.
Freitag: Der freie Tag fühlte sich samstäglich an. Während des Gangs zum Altglascontainer wunderte ich mich über Menschen an der Stadtbahnhaltestelle Stadthaus, die auf die Bahn zum Hauptbahnhof warteten; weiter fährt sie wegen des fortbestehenden Wagenmangels immer noch nicht. Laut Anzeige sollte die nächste Bahn in einundzwanzig Minuten eintreffen. Zu Fuß ist die Distanz in maximal zehn Minuten zu schaffen.
Nachmittags übten wir auf ausdrücklichen Wunsch des Geliebten Winter.

Samstag: Es ist mal wieder Zeit für die Beantwortung einer der tausend Fragen.
Nr. 67 lautet: „Welche Eigenschaft schätzt du an einem Geliebten sehr?“ Es sei mir gestattet, das Wort „einem“ durch „dem“ zu ersetzen. Am Geliebten schätze ich trotz gelegentlicher Reibungen einiges, unter anderem dieses: Er bringt mich fast täglich zum Lachen, auf unterschiedliche Weise, zum Beispiel indem er Sachen sagt wie „Der Mäusefänger von Harlem“, „Schneewittchen und die Eisheiligen“ oder „Gomorron und Soda“. Oder wenn er Lieder im Radio gesanglich begleitet mit erstaunlicher Textkenntnis und perfekter Beherrschung der Eintonleiter.
Zwei Töne beherrschte hingegen ein roter Einsatzwagen mit der Aufschrift „Zivilschutz“, der abends mit Blaulicht und LALÜ durch die Stadt sauste. So ein Fahrzeug sah ich nie zuvor. Was mag das für ein Einsatz gewesen sein?
Sonntag: Die Profischreiber der FAS können es auch nicht besser – aus einem Artikel über Steuerverschwendung: „Zweifellos nimmt die Mehrzahl der Vertreter in den Ämtern den Job ernst, gibt sein Bestes.“
Doch soll nicht immer nur alles bemeckert und kritisiert werden. In letzter Zeit viel zu kurz gekommen ist die beliebte Kategorie „Was schön war“. Ab sofort soll sie auch in diesem Blog wieder Platz finden, regelmäßig am Sonntag, dem besten Zeitpunkt, um die Woche mit einem positiven Rückblick zu beenden. Schön waren in dieser Woche neben anderem: eine geglückte An- und Abreise, mehrstündige Wanderlust, etwas Alleinzeit, Feuer im Kaminofen und ein herbstlicher Sonntagsspaziergang.



Ach ja, ehe ich es vergesse: Sie kommen doch am kommenden Sonntag ins Kulturbad Rüngsdorf, wenn ich mit drei anderen was vorlesen darf? Bis dahin habe ich hoffentlich auch entschieden, was.
Wann: Sonntag, 18. Oktober 2026, 11:30 Uhr
Wo: Rüngsdorfer KulturBad, Rheinstraße 82, 53179 Bonn
Wer: Lothar Schiefer, Julius Esser, Der Käpt’n, Carsten Kubicki
Weitere Informationen: Hier.
Und falls Sie wissen wollen, was Mutzbraten ist, lesen Sie bitte dort nach.
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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche.
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