Woche 40/2026: Zur Feier des Tages

Montag: Da ich Ihnen keine weitere Strophe des ewigen Klageliedes über den Montag, Müdigkeit und Arbeitslustmangel zumuten möchte, gibt es heute nichts zu berichten. Alles, was möglicherweise der Notiz wert gewesen wäre, blieb im Nebel des Desinteresses verborgen, der Muse Kuss blieb aus.

Vielleicht nur dieses, wo es gerade um Gesang geht: Zum dritten Mal besuchte ich die Chorprobe und ich sehe mich darin bestätigt, dass gemeinsames Singen die Stimmung erheblich aufzuhellen vermag, sogar an einem Montag. Daher werde ich wohl dabei bleiben, wenn sie mich haben wollen.

Dienstag: Laut WordPress-Rückblick war ich vor einem Jahr in Büsum an der Nordsee, wo ich bei bestem Wetter einige Tage Alleinzeit sehr genoss. Unglaublich, dass seitdem schon wieder ein Jahr vergangen ist. (Just in dem Moment, da ich diese Zeilen schreibe, schickt mein Bruder Bilder aus Büsum, wo er kürzlich mit Gattin weilte.)

In einer Woche habe ich wieder Urlaub, dann bin ich in Lichtenstein / Sachsen. Das kam so: Da mein Hörvermögen mit dem Alter etwas nachlässt, vor allem bei lauten Hintergrundgeräuschen wie Restaurantraunen, was Tischgespräche erschwert, lag mir der Liebste seit geraumer Zeit in den Ohren, etwas dagegen zu tun. Daher begab ich mich, wie berichtet, zu einem örtlichen Akustiker, wo mir nach einem Hörtest Hörgeräte zur Probe mitgegeben wurden, die ich über den Urlaub in der Bretagne testete. Mit dem Ergebnis war ich nicht sonderlich zufrieden, deshalb gab ich sie nach dem Urlaub zurück.

Nun ergab es sich, dass eine Freundin der Mutter des Geliebten Akustikermeisterin ist. Während eines Besuchs in Bonn vermaß sie meine Lauschfähigkeiten (verfluchte sei das Synonymgebot) erneut und händigte mir andere, bessere Geräte zur Probe aus. Die trage ich seitdem vor allem dann, wenn zwischenmenschliche Kommunikation zu erwarten ist, also nahezu täglich.

Nachdem auch ein HNO-Arzt ein Hörhilfenerfordernis bestätigt hat, erhalte ich in der kommenden Woche die Hörsysteme. Leider ist die Akustikerin in Lichtenstein ansässig, was die Reise erklärt. Um den vergnüglichen Aspekt nicht zu vernachlässigen, verbinde ich das mit ein paar Tagen Urlaub, es soll dort ganz schön sein.

Leider ist die Reise mit Reisen verbunden, wie (für mich) üblich mit der Bahn. Wie mir selbige schon vor Wochen mitgeteilt hat, ist die Zugbindung für die geplante Hinfahrt aufgehoben, weil sich Änderungen ergeben haben. Diese betreffen vor allem die Strecke ab Gera, wo Schienenersatzverkehr stattfindet. Es könnte abenteuerlich werden.

Ansonsten hat der liebe Nachbar unter uns heute Geburtstag. Vielmehr hätte, wenn er nicht vor zwei Jahren gestorben wäre. Einer der Kontakte in meinem Verzeichnis, die zu löschen ich nicht übers Herz bringe.

Abgesehen davon, dass er auf dem Fuß- statt Radweg fährt: Für mich die lächerlichste Art der Fortbewegung auf zwei Rädern

Mittwoch: Mittwoch (und Sonntag) ist Rasiertag. Während einer sechsköpfigen Teams-Besprechung mit annen Kameras stellte ich fest, der einzige Teilnehmer ohne Gesichtsbehaarung zu sein. Nicht weiter bedeutsam, es fiel mir nur auf.

Auch heute war es noch sommerlich warm. Morgen dann nicht mehr, es soll den ganzen Tag regnen, wir brauchen den Regen ja. Morgen habe ich frei.

Donnerstag: Der angekündigte Regen fiel zuverlässig und ausdauernd, somit fiel die inseltagsübliche Wanderung ins Wasser. Stattdessen frühstückte ich nach Ausschlafen auswärts im Kaufhof-Restaurant, wo ich mich zeitig einfand, ehe die Rentner alle Fensterplätze belegten, wobei von meinem Platz aus nicht mehr zu sehen war als eine umbaute Dachbegrünung. Im Übrigen verbrachte ich den Tag mit der Erledigung einiger Dinge von öffentlichem Desinteresse, weshalb sie hier nicht näher dargelegt sein sollen.

Restaurantfensterblick mit Grün und Plastikraben

Freitag: Der Tag begann mit Nebel. Kann es sein, dass es früher öfter nebelte als heute, so wie früher, also ganz viel früher, im Winter mehr Schnee lag? Wie dem auch sei, ich mag Nebel, wenn ich darin nicht gerade ein Kraftfahrzeug lenken muss. Das mag ich ohnehin nicht, auch ohne Nebel.

Der letzte Arbeitstag vor dem Urlaub endete für einen Freitag recht spät, indes mit dem guten Gefühl, alle wesentlichen Gewerke erledigt zu haben. Also nicht erledigt im Sinne von vollendet, immerhin in einen Zustand versetzt, der meine einwöchige Abwesenheit guten Gewissens ermöglicht.

Bürofensterblick, morgens

Samstag: Heute ist Tag der Deutschen Einheit, vor sechsunddreißig Jahren endete die Existenz der DDR, ist es denn zu fassen, wie lange das schon wieder her ist. Nicht wenige Menschen beiderseits der damaligen Demarkationsgrenze (so hieß das damals im Diercke-Schulatlas, wenn ich mich recht erinnere) bedauern das. Ich selbst zähle ausdrücklich und aus voller Überzeugung nicht dazu, freue mich vielmehr über die Selbstverständlichkeit, mit der ich übermorgen nach Sachsen reisen kann. Von all den Bekanntschaften mit Menschen, die oben Genannte gerne despektierlich als Ossis bezeichnen, möchte ich keine einzige missen. Und dass uns in diesem und dem nächsten Jahr ein arbeitsfreier Tag entgeht, jedenfalls denjenigen, die das Privileg der Fünftagewoche begünstigt, weil der Feiertag auf das Wochenende fällt, dafür kann nun wirklich niemand etwas, weder in West noch Ost. Nicht einmal Friedrich Merz.

An jenem 3. Oktober 1990 war ich auf Wangerooge, wo ich mit einem Freund ein paar Tage verbrachte, unter anderem um die Inselbahn zu fotografieren. Deren Lokomotiven waren zur Feier des Tages mit Deutschlandfähnchen geschmückt, irgendwo müsste ich davon noch ein Bild haben, Moment … hier:

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Apropos Arbeit: Frau Kaltmamsell teilt meine tiefe Abneigung gegen Heimbüro:

Doch auch diesmal behagte mir das Arbeiten daheim überhaupt nicht. Dieses Einsickern von Arbeitsthemen, -sorgen, -mühen in mein heimisches Refugium und Rückzugsgebiet fühlt sich nach Vergiftung an.

Sonntag: Vergangene Nacht schlief ich schlecht. Für diese Erkenntnis benötige keine kluge Armbanduhr und keine App, die das für mich messen. Mehrfach wachte ich auf und lag längere Zeit wach. Als Ursache vermute ich eine akute Vorreisenervosität, die mit zunehmendem Alter immer heftiger wird. Eine gewisse Skepsis ist durchaus angebracht, die geplante Reise sieht fünfmaliges Umsteigen mit Schienenersatzverkehr vor, ich muss also innerhalb der teils kurzen Umsteigezeiten nicht nur das Gleis wechseln, sondern auch die Abfahrtstelle der Busse finden.

Andererseits muss ich das Ziel nicht zu einem bestimmten Termin erreichen, nur sollte ich bis 19 Uhr am Hotel sein, was auch bei großzügiger Verspätungskalkulation zu schaffen sein sollte, planmäßig soll ich gegen 15 Uhr ankommen. „Man weiß nie …“, raunt mein innerer Skeptiker. Anstatt mich also auf ein paar Tage Urlaub zu freuen, fühle ich mich, als stünde morgen eine wichtige Prüfung oder eine Operation an. Immerhin ist dadurch das Thema für den morgigen Blogeintrag bereits gesetzt.

Gesetzt ist auch jeden Sonntag der Spaziergang:

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Hätte ich Nachkommen und lebte ich dann noch, würde ich mich auch über so eine Bank freuen
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Es wird immer irrer
Balkonblick, anschließend

Im übrigen hoffe ich, Sie am 18. Oktober zu sehen, wenn ich was vorlesen darf. Weiteres hier.

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche.

17:00

Woche 39/2026: Menschen in für bayrisch gehaltener (Ver-)Kleidung

Montag: Die Erfahrung lehrt, mit zunehmendem Alter fällt es immer schwerer, ein durchgefeiertes Wochenende zu verkraften, der Montag stellt die Quittung aus in Form tiefer Müdigkeit. Wie vergangene Woche berichtet, war ich seit dem Donnerstag mehr oder weniger gut am Glas, die Nächte kurz, dementsprechend die Erwartung an den heutigen Tag. Doch nichts davon, auch am frühen Nachmittag blieb die Müdigkeit im erträglichen Rahmen. Manchmal ist es überraschend.

Aufgelockert wurde der Arbeitstag vormittags durch eine Brandschutzübung, die sich durch selbsttätiges Zufallen der Flurtüren ankündigte, wenig später ging das Alarmgetöse los. Bei diesen Gelegenheiten wächst mir als eingewiesenem Brandschutzhelfer eine gewisse Autorität zu, sobald die grellorange Warnweste angelegt ist. Dann bin ich befugt, alle Anwesenden ungeachtet ihrer Stellung und Position aus den Büros zu treiben. Doch gab es nichts zu treiben, die wenigen, die heute überhaupt anwesend waren, verließen das Gebäude unaufgefordert.

Dienstag: „TICKETS HIER ERHÄLTLICH!“ schreit am Rheinufer den Flaneur das Plakat an einem Büdchen der Bonner Fähr- und Fahrgastschifffahrt entgegen. Wozu das Ausrufezeichen? Gilt heute nur noch das geschriene Wort?

Wenige Meter weiter mahnen Aufkleber an Lampenmasten: „Jemand liebt dich. Geh vorsichtig.“ Erst bei genauerem Hinsehen war zu erkennen, dass das Jesusreklame einer christlichen Initiative ist. Als überzeugter Skeptiker gegenüber Religionen aller Glaubensrichtungen beschleunigte ich meine Schritte wieder etwas, zumal der Beworbene, wenn es ihn gibt, auch bei unvorsichtigem Schritt vor Unheil bewahren sollte. Wobei ich den Spruch jenseits religiöser Zusammenhänge durchaus sympathisch finde. Etwas weiter ein weiterer Aufkleber, mit unklarer Aussage: „Anti Colonia“. Vielleicht von einer Düsseldorfer Bewegung angebracht.

Auf den Bürofluren herrschte gestern und heute angenehme Ruhe, weil alle, die wichtig sind, sich dafür halten oder dafür gehalten werden, auf einer Tagung weilten.

Mittags traf ich mich zum Essen mit einem lieben Kollegen, danach gingen wir ein wenig durch den Park. Dort trafen wir auf ein seltsames Insekt, das das allwissende Netz als Schwarzen Moderkäfer in Abwehrhaltung identifiziert.

Schwarzer Moderkäfer

Wie immer mit diesem Kollegen kamen wir auf das Thema Ende der Menschheit zu sprechen, wobei wir uns einig sind, dass der Mensch schon sehr weit fortgeschritten ist in seinen Bemühungen zur baldigen Auslöschung der Spezies. Die Frage ist nur noch, wann und wie. Im Falle eines Atomkriegs hoffe ich auf so viel Vorlauf, dass die Zeit reicht, um aus dem Keller die besten Weine zu holen und im Beisein meiner Lieben mit dem Glas in der Hand in angenehmem Rausch das Ende abzuwarten.

Apropos Rausch und Auslöschung: Überdurchschnittlich viele Blogs, die ich regelmäßig lese, kommen aus München. Unter den Bloggerinnen (fast alle sind Frauen beziehungsweise weiblich gelesene Personen) herrscht große Übereinstimmung bezüglich der Lästigkeit des derzeit tobenden Oktoberfestes, treffend auch als Intersuff bezeichnet. Gleichsam aus solidarischen Gründen suchte ich auf dem Fußweg von der Arbeit das Bayrische Wirtshaus in der Innenstadt auf und ließ ein Oktoberfestbier kommen.

Mittwoch: Anknüpfend an das Endzeitgespräch mit dem Kollegen gestern Mittag denkt der amerikanische Präsident entgegen aller Warnungen gar nicht daran, die Weiterentwicklung der Künstlichen Intelligenz zu bremsen, berichtet die Zeitung. Zudem wünscht er, künftig nicht mehr von Künstlicher, sondern „Superintelligenz“ zu sprechen. Wir sind verloren. Einziger Trost: Korkenzieher funktionieren rein mechanisch.

Donnerstag: Morgens begegnete mir in der Innenstadt ein Mann unter aufgespanntem Regenschirm, obwohl es weder regnete, noch zuvor geregnet hatte oder regnen sollte. Auch die im vergangenen Sommer besonders häufig zu beobachtende Gewohnheit, zum Schutz gegen die Sonnenglut einen Schirm aufzuspannen, schied als plausible Erklärung aus, da diese sich noch hinter Wolken über Beuel verbarg. Vielleicht befürchtete er, der Himmel falle ihm auf den Kopf, man weiß ja nie, was in den Leuten so vorgeht.

„99 – Nicht einsteigen“ lautete die Zielbezeichnung eines Linienbusses, darin zahlreiche Fahrgäste. Vielleicht Analphabeten.

Am Rheinufer staunte ich über einen Radfahrer, der während der Fahrt den Rucksack abnahm, darin kramte und ihn anschließend wieder – ja was eigentlich: anlegte? umschnallte? auf rheinisch: anzog – jedenfalls hing er am Ende wieder rucksackgemäß an seinem Rücken. Für jemanden wie mich, der nicht freihändig fahren kann, jedes Mal wieder eine bemerkenswerte Leistung.

Nach Ankunft am Turm hörte ich einen das Wort „Qualitätsarschloch“ in sein Telefon sprechen, vielleicht hatte ich mich auch verhört, wüsste allerdings nicht, was er stattdessen gesagt haben könnte. Jedenfalls ein Wort mit mannigfachen Deutungsmöglichkeiten.

Auf dem Rückweg genehmigte ich mir am Rheinpavillon ein Feierabendbier, auch wenn es zweifellos unvernünftig ist, ständig Bier zu trinken. Doch ist anzunehmen, dass der untere Trinkbereich direkt am Fluss bald wieder saisonal geschlossen wird, und wer weiß, wie lange wir überhaupt noch Bier trinken können, siehe oben.

Wolken über Beuel
Feierabend

Freitag: Manchmal kommen ohne äußeren Anlass Gedanken, zum Beispiel dieser: Das Wort „Demokratien“ könnte man analog zu Kroatien auch „Demokrazien“ aussprechen und hätte damit einen schönen Namen für ein Land, falls mal ein neues gegründet werden sollte.

Ansonsten, da sich heute in meiner persönlichen Hör- und Sichtweite nichts berichtenswertes ereignet hat, einige Wörter, die ebenfalls im Laufe der Zeit spontanen Gedanken entsprungen sind und zur späteren Verwendung notiert, indes nie verwendet wurden: Dreierlikör, Videoschelte, Urinanreicherung, Bandscheibenvorteil, Antipastis. Gelegentlich mehr davon.

Samstag: Der Rheinpegel hat ein weiteres Rekordtief erreicht, also noch niedriger als im Sommer, und daran soll sich in absehbarer Zeit nichts ändern. Dennoch fahren weiterhin Schiffe, wenn auch weniger als sonst und mit geringer Ladung. Während des an die Altglas- und Leergutentsorgung anschließenden Spaziergangs sah ich einen Schubverband mit Containern, der sich nicht viel schneller als Schrittgeschwindigkeit rheinaufwärts bewegte, als fürchtete der Schiffsführer, jeden Moment aufzusetzen. Vom Heck aus waren immer wieder kratzende Geräusche zu vernehmen, als hätte die Schiffsschraube Bodenberührung gehabt. Hier ist der Mensch machtlos, trotz technischem Fortschritt, Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz. Den Rhein kann nur ausgiebiger Regen im Süden füllen, und der ist nicht in Sicht.

Niedrigwasser
Vielleicht wären sie doch besser zur Schule gegangen und hätten Groß-/Kleinschreibung gelernt

Abends besuchten wir das Oktoberfest der Karnevalsgesellschaft, man muss dazu nicht nach München reisen. Auch hier zahlreiche Menschen in für bayrisch gehaltener (Ver-)Kleidung. Musikalisch begleitet wurde der Abend von der Tiroler Band „Wildbach“, die nicht nur sehr ausdauernd spielte, sie war auch richtig gut, mit einem sehr breiten musikalischen Repertoire. Dennoch war ich froh, als ich später im Bett lag; mein Bedarf an Geräusch, Menschen und Hellbier war gründlich gedeckt. Vermutlich spielte Wildbach da immer noch.

Sonntag: Nach Tagen, an denen morgens auf dem Fahrrad Handschuhe angebracht waren, ist der Sommer noch einmal zurückgekehrt mit Sonnenschein, blauem Himmel und Temperaturen deutlich über zwanzig Grad. Der übliche Spaziergang am Nachmittag führe an der Hofgartenwiese vorbei, wo sich zahlreiche Menschen in unterschiedlichen Entkleidungsstadien tummelten. Ich setzte mich auf eine freie Bank und schaute dem Treiben zu, vor mir spielten einige junge Männer Fußball. Bald geschah Unerwünschtes: Der Fußball rollte direkt auf mich zu, unter der Bank hindurch, kurz dahinter blieb er im Herbstlaub liegen, die Blicke der Fußballer gingen in meine Richtung. Ich hätte es ignorieren können, jedoch eine innere Macht, die nicht meinem Einfluss unterliegt, entschied, meine tiefe Fußballabneigung vorübergehend zu überwinden, mich von der Bank zu erheben und den Ball in Richtung der Jungs zu treten. Erster Gedanke, als ich wieder bei klarem Verstand war: Hoffentlich filmt das niemand. Es ging jedoch gut, ich traf den Ball, was keineswegs selbstverständlich ist, und er rollte in die gewünschte Richtung, man bedankte sich. Sicherheitshalber wechselte ich anschließend die Bank.

Hofgarten

„Moment der Wahrheit: Wenn dein Körper komische Geräusche macht. Zeit für Altersvorsorge.“ So wirbt eine Versicherung in der Südstadt. Verstehe ich nicht: Spätestens sobald ein Mensch das Sprechen erlernt hat, beginnt sein Körper, komische Geräusche zu machen.

Die Innenstadt ist wegen des Bonnfestes an diesem Wochenende voller langsam gehender Menschen, die Außengastronomien sind gut belegt, dazu an mehreren Stellen laute Leifmusik. Da sich mein Verlangen danach weiterhin in Grenzen hielt, sah ich entgegen sonstiger Gewohnheit und ungewohnter Vernunft folgend davon ab, mich auf ein Getränk niederzulassen. Stattdessen begab ich mich nach Hause auf den Balkon, wo dieser Wochenrückblick vollendet wurde.

Zum Schluss Werbung: Am Sonntag, 18. Oktober darf ich mit drei anderen Schreibern wieder was vorlesen, darauf freue ich mich sehr. Falls Sie in der Nähe sind und nichts besseres zu tun haben, kommen Sie gerne dazu. Weiteres dazu hier.

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche.

17:00

Woche 38/2026: Man muss die Gelegenheiten nutzen, solange es noch möglich ist

Montag: Manchmal muss man sich aufraffen. Und also raffte ich und besuchte nach einem von montäglicher Müdigkeit überschatteten Arbeitstag eine Chorprobe. Schon seit längerem reizt es mich, nach jahrelanger Gesangsabstinenz wieder gemeinsam zu singen, und so fand ich im Netz diesen gemischten Chor, der montagabends in fußläufiger Nähe zu unserer Wohnung probt. Dort versuche ich mich nun im Tenor, es ging schon ganz gut und war sehr erfreulich. Der gesellige Teil passt auch, nach der Probe begab man sich zum gemeinsamen Getränk in einen nahegelegenen Pub. Dadurch war ich erst recht spät zu Hause, weshalb vorstehende Zeilen erst am Dienstagmorgen notiert worden sind.

Dienstag: Während des Mittagessens sah ich draußen einen jungen Kollegen vorbeigehen in Hemd und eng geschnittener Anzughose mit (früher: zu) kurzen Beinen, unter denen seine bloßen Fesseln hervortraten. Soweit nichts besonderes. An den Füßen trug er keine oder nur minimale Socken und braune Lederslipper. Das sah, mit Verlaub, so richtig scheiße aus.

Die Büromüdigkeit von gestern setzte sich am Nachmittag fort, das ist ungewöhnlich, normalerweise legt sie sich ab dienstags. Vielleicht das Wetter, wobei das heute mit Sonnenschein von blauem Himmel sehr freundlich war, vielleicht die Zeiten an sich. Dem Vernehmen nach bin ich nicht der einzige, den derzeit erhebliche Müdigkeit plagt.

Büromüde ist auch Herr Buddenbohm, dem es wieder gelungen ist, mein Empfinden perfekt in Worte zu fassen, besser, als ich es könnte:

Es geht bei mir auch gar nicht darum, dass der Job so furchtbar wäre, andere Menschen machen fraglos Schlimmeres durch. Es ging eher darum, dass ich mit mir und meiner Freizeit so hervorragend klarkomme.

Ich habe keine Variante von FOMO, die mich seelisch benagen würde. Ich habe etliche Interessen, ich kann mich sehr gut selbst beschäftigen, und meist will ich das auch. Wenn ich das aber einmal nicht will, kann ich auch problemlos die vielsagenden Raufaserbetrachtungen dort fortsetzen, wo ich beim letzten Mal aufgehört habe. Und auch das ist gut so.

Nein, nicht der Horror des Büros ist das Problem. Es geht eher darum, dass mich diese Berufstätigkeit viel zu viel Zeit kostet. Nämlich entschieden mehr, als ich ihr an Bedeutung zumessen kann. Das mag bei manchen Traumberufen anders sein, wie ich neidlos zugestehen möchte, ich aber habe einfach nur einen Job und kann ihn kaum als Herzenswunscherfüllung betrachten. Oder nur zu eher geringen Anteilen.

Nach diesem Job sind jedenfalls erschreckend wenig Stunden des Tages übrig für so essentiell wichtige Dinge wie etwa Spaziergänge, Mittagsschlaf, Schreiben, Lesen und Denken. Es kommt mir seit Jahren schon unpassend vor, wie diese Sache mit der Berufstätigkeit den Alltag rücksichtslos dominiert – und dabei ist es in meinem Fall schon Teilzeit, seit vielen Jahren sogar. Problem.

Zu ergänzen wäre noch, dafür jeden Morgen zur Unzeit das Bett verlassen zu müssen. Der Bundeskanzler würde sich im Grabe umdrehen, wenn er nicht noch lebte.

Abends nach des Tages Mühen traf ich mich mit dem Kollegen im Biergarten. Man muss die Gelegenheiten nutzen, solange es noch möglich ist.

Biergartenhimmel

Mittwoch: WDR 4 spielt bekanntlich die größten Hits der Achtziger – Eine der wohl großartigsten Liedtextzeilen deutschsprachiger Musik hörte ich morgens beim Zähneputzen, sie steckt in „Monopoly“ von Klaus Lage und lautet: „Mama hebt Kaffeegläser auf für‘n Gelee – du bist schon ewig in der IG Chemie“. Lyrik vom Feinsten.

An der Adenauerallee hat der Rückbau der Radspuren begonnen, gelbe Streifen zeigen an, wie es wird, nachdem der erst vor einem Jahr (oder schon zwei? Die Zeit rast so) aufgebrachte rote Belag wieder abgefräst wurde. Wir erinnern uns: Unter der damaligen Grünen-Stadtführung wurden die äußeren Fahrstreifen der einst vierspurigen Straße umgewidmet zu Radspuren, zunächst nur testweise und befristet. Das führte zu heftiger Kritik, motorisierte Kreise prognostizierten den völligen Zusammenbruch des Straßenverkehrs. Der trat wider Erwarten nicht ein, jedenfalls nicht dort: Zwar staute es sich zu bestimmten Zeiten, das passierte indes auch schon vorher bei Vierspurigkeit. Als regelmäßiger Radfahrer hätte ich die breiten Spuren nicht unbedingt benötigt, wäre mit den vorherigen Schutzstreifen auch weiterhin zufrieden gewesen, dennoch war ich angemessen begeistert, dass sich nicht mehr alle anderen Verkehrsteilnehmer den Autos unterordnen müssen.

Dann wurden die Grünen-Oberbürgermeisterin abgewählt und die CDU übernahm. Eines ihrer Wahlversprechen war die Rückkehr zur vierspurigen Straße. Sehr gelegen kam da die plötzliche Sperrung der Nordbrücke über den Rhein für die nächsten Jahre wegen massiver Schäden. Der Verkehr sucht sich nun andere Wege, auch – logisch – über die Adenauerallee. Man ist ja auf das Auto angewiesen. Deshalb nun der Rückbau der Radstreifen. Der soll nicht nur den alten Zustand mit vierspuriger Autofahrbahn und Schutzstreifen für Fahrräder wiederherstellen, vielmehr soll der südliche Abschnitt für Fahrräder ganz gesperrt werden. Es gäbe ja Ausweichrouten durch die Kaiserstraße und am Rhein. Das stimmt, bedeutet jedoch Umwege, und die schätzen Radfahrer gar nicht. Ich werde also weiterhin morgens auf dem Hinweg auf der Adenauerallee fahren, so lange es erlaubt ist, einfach weil es die kürzeste Strecke ist.* Danach an der Kaiserstraße, über deren völlig absurde Aufteilung der Spuren für Autos, Fahrräder und Fußgänger ich später mal berichten werde. Es wird meinen Arbeitsweg nur unwesentlich verlängern. Zurück fahre ich seit Jahren ohnehin schon am Rhein entlang, weil es – abgesehen von einigen irren Renn- und Lastenradfahrern sowie Läufern auf dem Radweg – schöner ist und ich nachmittags mehr Zeit habe.

*Siehe Eintrag am Sonntag

Verkehr(t)spolitik

Übrigens fahren heute wieder sechs der im Juni wegen Sicherheitsmängeln aus dem Betrieb genommenen sechzig Stadtbahnwagen. Weiterhin fährt die Linie 66 nur zwischen Bonn Hbf und Villich, auf allen anderen Abschnitten ist Schienenersatzverkehr eingerichtet. Warum sie nicht wenigstens bis Siegburg fährt, dann eben mit Einzelwagen statt in Doppeltraktion, ist auch etwas, das ich nicht verstehe. Vielleicht weiß es die CDU, verrät es aber nicht.

Vormittags fühlte ich mich angemessen bezahlt, weil ich mir in einem Info Call Verbalien anhören musste wie „Wir brauchen einen Mindset-Shift“, „Da steckt die Musik drin“, „Was macht das mit [den Mitarbeitern]“, „Das ist fancy / techy“ und mehrfach in einem Vortrag „ähm … genau“.

Sehenswertes Licht morgens …
… und abends

Donnerstag: „bowls before bills“ las ich morgens auf einem Bodenaufsteller vor einem Speisewagen auf dem Marktplatz. Es mag einzig an meinen mangelhaften Englischkenntnissen liegen, dass ich nicht den Hauch einer Ahnung habe, was es bedeutet.

Wie am Dienstag vom Hamburger Mitblogger treffend dargelegt, gibt es viele Gründe, die gegen eine weitere Teilnahme am Erwerbsleben sprechen, vor allem zeitliche. Doch lassen sich, wenn man ein wenig darüber nachdenkt, sofern es die Zeit zulässt, auch welche finden, die für die Fortsetzung beruflicher Bemühungen sprechen, wenn auch vielleicht nicht ganz so viele. Neben dem regelmäßigen Einkommen, über dessen Höhe ich persönlich insbesondere im Verhältnis zur Tätigkeit keinen Grund zur Klage habe, sind das die sozialen Kontakte.

Dazu gehört die geschäftlich veranlasste Feier mit Essen, Trinken und angenehmen Gesprächen heute Abend in Köln-Porz-Wahn, mit Übernachtung im Hotel. Deshalb habe ich den planmäßig freien Tag dieser kleinen Woche vorsorglich auf morgen verlegt. Auch das gehört auf die Liste der Gründe für die weitere Berufstätigkeit: die Vorfreude auf den nächsten freien Tag. (Was, wenn man es unbedingt negativ sehen will, vergleichbar ist mit dem schönen Gefühl, wenn der Schmerz nachlässt.)

Die Zimmerausstattung des Hotels lässt keine Wünsche offen
Gleiches gilt für das kulinarische Angebot auf der Abendveranstaltung

Freitag: Als morgens früh das Hotel erwachte mit fernem Duschenrauschen, Türenklappen und Aufzugsurren, konnte ich noch liegen bleiben, was wiederum für ein Leben als Privatier bzw. Ruheständler spricht. Ansonsten war der Vorabend sehr unterhaltsam gewesen und vielleicht ein kleines bisschen zu alkoholisch.

Nicht nur Friseursalons und Fahrradläden legen sich Namen aus zweifelhaften Wortspielen zu wie „Haarmonie“ oder „Unplattbar“, mittlerweile scheuen auch Anbieter veterinärer Dienstleistungen nicht davor zurück. So sah ich heute während der Rückfahrt mit dem Bus aus Porz-Wahn in Niederkassel-Ranzel eine Praxis mit dem Namen „Physio-TIER-apie.

Ansonsten verdrömmelte ich einen großen Teil des freien Tages auf dem Sofa, weil der Vorabend etwas nachwirkte.

In der Kölner Innenstadt wird unterdessen eine öffentliche Toilette permanent überwacht, wofür direkt daneben ein kleines Wachhaus aufgestellt wurde, berichtet die Zeitung. Die jährlichen Kosten belaufen sich auf 344.000 Euro (somit weniger als ein Prozent der jährlichen Ausgaben für die Bonner Oper). Laut Stadt ist das erforderlich, um eine „missbräuchlichen Nutzung der Toilette (beispielsweise als Ort des Drogenkonsums oder als Schlafstätte)“ zu unterbinden. Da wundere sich noch jemand, dass die Kommunen pleite sind.

Wie die Zeitung weiterhin meldete, sind in Bonn seit heute neun Stadtbahnwagen wieder im Einsatz. Dadurch kann der Schienenersatzverkehr zwischen Villich und Siegburg am Montag enden. Ein Lichtblick; wenn es in dem Tempo weitergeht, kann man schon Weihnachten wieder mit der Bahn nach Bad Honnef fahren.

Samstag: Morgens fuhren wir ins Ostwestfälische, wohin die Nichte zur Hochzeit geladen hatte. Ein besonderes Erlebnis war die Fahrt zusammen mit dem Brautpaar in einem 1964 gebauten VW-Bus von Bünde-Muckum, wo in der örtlichen Kirche die Ja-Worte fielen, nach Melle-Wellingholzhausen, wo der Anlass angemessen gefeiert wurde. Während der Fahrt winkten immer wieder Passanten und hoben Daumen; ob sie dem Brautpaar, dem historischen Fahrzeug oder der Kombination aus beidem galten, war nicht eindeutig erkennbar. Dem dieses festhaltenden Kleinblogger auf der Rückbank sehr wahrscheinlich jedenfalls nicht. Der Pastor sprach übrigens wunderbares, breites Ostwestfälisch, was uns womöglich nur auffiel, weil wir seit nunmehr siebenundzwanzig Jahren im Rheinland leben.

Vor Abfahrt
Kurz danach

Es wurde gut gegessen und etwas getrunken, viel gelacht, geklönt und erinnert, später ausführlich getanzt. Auffallend hoch die Anzahl junger Anzugträger in weißen Sniekern. Erst in den frühen Morgenstunden waren wir im Hotel, das wir nach längerer Wartezeit in einem profanen Taxi anfuhren. Es reichte dann auch.

Sonntag: Nach Rückkehr in Bonn schloss sich der sonntagsübliche Spaziergang an, heute durch West- und Südstadt an den Rhein. Die Luft ist herbstlich, die Menschen wieder angezogener, die Daunenjackendichte deutlich erhöht, nur hier und da läuft noch eine kurze Hose durchs Bild. Das Laub der Kastanien nicht nur an der Poppelsdorfer Allee ist gelblich gefärbt, darunter liegen ihre stacheligen Fruchtkörper und braunglänzenden Früchte, die niemand mehr aufzusammeln sich die Mühe macht. In den Vorgärten der Südstadt legen die Hortensien ihre welkende Herbstpracht an, Astern blühen, außerdem eine einzelne verspätete Magnolienblüte.

Poppelsdorfer Allee
Magnolie

leckere belegte Brötchen preist ein Lokal per Außentafel an. Warum „lecker“? Abgesehen davon, dass dieses Wort für meinen Geschmack ein möglichst zu vermeidendes Unwort ist, was will man damit sagen? Fürchtet man, der Wohlgeschmack der Brötchen könnte ohne dieses Attribut in Frage gestellt werden? Immerhin, und das ist keineswegs selbstverständlich, wurde davon abgesehen, das Wort auch noch in Anführungszeichen zu setzen.

Wie ich weiterhin sah, hat die Stadt ihre Ankündigung wahrgemacht und verbietet nun per entsprechendem Schild das Radeln auf dem südlichen Abschnitt der Adenauerallee. Die motorisierte Mehrheit wird es gutheißen, also werde ich mich, obwohl ich die Entscheidung für grundfalsch halte, als Befürworter der Demokratie und gehorsamer Bürger fügen. Ab morgen also über die Kaiserstraße.

..

Außerdem sah ich eine Zahl, die mich gemahnte, endlich mal wieder eine der tausend Fragen zu beantworten.

Frage 129 lautet: „Woran denkst du, bevor du einschläfst?“ Für den Moment, nachdem das Licht gelöscht ist und ich mich in Erwartung möglichst angenehmer Träume in Seitenlage begebe, die Decke bis zu Hals hochgezogen, habe ich mir seit längerem angewöhnt, fünf Fragen zum scheidenden Tag zu beantworten: 1) Was war heute gut? (Mindestens drei Nennungen), 2) Was hat mir heute missfallen?, 3) Welchem interessanten Menschen bin ich begegnet?, 4) Wie gut war der Tag insgesamt (auf einer Skala von 1 bis 10) und 5) Was erhoffe ich für den nächsten Tag? Ursprünglich waren es mal zehn Fragen, doch kam ich selten über die fünfte (Was habe ich heute zum ersten Mal getan?) hinaus, weil mir dazu oft nichts einfiel und ich darüber einschlief.

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche und in den kalendarischen Herbst.

19:30

Woche 37/2026: Man muss es sich schön machen

Montag: Zurück in der rauhen* Wirklichkeit des Erwerbslebens, wobei der erste Nachurlaubstag erträglich war. Im Maileingang eine gemeinsame Nachricht einer Kollegin und eines Kollegen aus Herford, mit Bild der beiden. Darin gratulieren sie mir (und sich selbst) zum vierzigjährigen Dienstjubiläum, wir fingen zusammen am 1. September 1986 an und sind die letzten Verbliebenen unseres Jahrgangs, die noch diesem Unternehmen angehören.

*Ich weiß, nach gültiger Rechtschreibung schreibt man „rauen“. Wie schon früher dargelegt, erscheint es mir unvollständig ohne h. Aus ähnlichen Gründen schreibe ich weiterhin „Phantasie“.

Ansonsten fand ich manche Gewerke, die ich vor dem Urlaub zurückließ, weiterhin unerledigt vor, wobei in den zwei Wochen nichts angebrannt ist, wie manche es auszudrücken pflegen. Vielmehr haben sich andere Kollegen der Themen angenommen, was die nicht neue und beruhigende Erkenntnis bestätigt: Jeder ist ersetzbar. Aus Zeitgründen schaffte ich es nach dem Mittagessen nicht, in den Pressespiegel zu schauen, wie mir erst jetzt anlässlich der Tagesnotiz auffällt. Ich werde wohl nichts verpasst haben.

Am frühen Abend zog ein kleines Gewitter westlich vorüber. Die häusliche Stimmung ist unterdessen unbewölkt.

Dienstag: Ebenfalls nicht neu die Erkenntnis am Morgen im Bad, nur bislang (mutmaßlich, ich habe diesbezüglich keinen genauen Überblick mehr, manchmal staune ich beim Lesen älterer Beiträge, was schon alles notiert ist ) noch nicht aufgeschrieben: Die Radiosender Nostagi in Frankreich und WDR 4 haben eine größere musikalische Schnittmenge.

Man muss sich auch den Alltag möglichst schön machen. Dazu gehört für mich, zweimal die Woche zu Fuß zum Büro und zurück zu gehen, was in Zeiten der gesperrten bzw. im Abbruch befindlichen Nordbrücke und weiterhin stillstehender Stadtbahnwagen in Bonn ohnehin die derzeit sinnvollste Art der Fortbewegung ist.

Auch das schrieb ich vermutlich schon – Nach dem Urlaub ist vor dem Urlaub: Unser Haus für den nächsten Aufenthalt in Malaucène ist reserviert. Es ist immer schön, wenn man sich auf etwas hinfreuen kann, und wenn es erst in einem Jahr ist.

Auf dem Rückweg hielt ich Einkehr am Rheinpavillon. Man muss es sich schön machen. Bei Bedarf mit etwas Alkohol.

Morgens – bitte nehmen Sie die leuchtenden Fenster des Hotels rechts mit demselben Entzücken zur Kenntnis wie ich
Nachmittags

Mittwoch: Bekanntlich wird eine Behauptung durch ständige Wiederholung nicht wahrer, auch wenn mancher Präsident das glaubt. Ebenso verliert so manche Tatsache dadurch nicht an Wahrheit, wie heute wieder ein während der Rückfahrt vom Werk entgegenkommender Radfahrer bestätigte: Die einfachste und effizienteste Methode, einen gutaussehenden Mann zu entstellen, ist ein Schnauzbart.

Spontaner Gedanke, woher auch immer er kam; manchmal kommen sie einfach und verschwinden schnell wieder, wenn sie nicht sofort notiert werden wie dieser: Ehrgeiz ist ein seltsames Wort, jedenfalls in Bezug auf seine Bedeutung. Gleiches gilt für Eifersucht.

Donnerstag: Ein neues Lokal am Friedenplatz bietet Loaded Kaiserschmarrn an. Ich werde es wohl in absehbarer Zeit nicht aufsuchen.

Gehört in einer Besprechung: „Du musst aufpassen, dass du sie nicht lost lässt.“

Nachmittags sah ich im Empfangsbereich einer Arztpraxis ein kleines Plakat, darauf Snoopy und Charly Brown von hinten. Es schien dort schon etwas länger zu hängen, denn das darauf besprochene Thema ist längst nicht mehr Gegenstand allgemeinen Interesses, gleichwohl ließe sich der kleine Dialog auf zahlreiche andere Themen übertragen. Sprechblase über Snoopy: „Die beste Waffe gegen Corona ist gesunder Menschenverstand.“ Antwort Charly: „Oh je, wir sind verloren. Die meisten sind unbewaffnet.“

Freitag: Dann war die erste Arbeitswoche nach dem Urlaub schon wieder vorbei, sie zog sich nicht mehr als eine Urlaubswoche. Was wiederum verdeutlicht, wie schnell die Zeit vergeht.

Erkennbar wird das auch daran: Heute ist der elfte Neunte, oder Neinilewen, wie modern wirken wollende Menschen sagen. Vor fünfundzwanzig Jahren ereigneten sich die spektakulären Anschläge in Amerika mit den Einstürzen der beiden Bürotürme als grausiges Finale; vielfach wieder der Satz zu hören und lesen, wohl jeder könne sich noch erinnern, wo er gerade war, als er die Nachricht vernahm. Trotz allem Grauen und Leid, das diesem Tag innewohnte, bin ich auch heute noch fasziniert von der organisatorischen Meisterleistung der Täter: von der Idee über die Planung bis hin zur Ausführung. Missverstehen Sie mich bitte nicht, selbstverständlich war und bin ich darüber genauso entsetzt wie Sie. Man kann auch missbilligend fasziniert sein. Im Übrigen weiß auch ich, was ich an diesem Tag gemacht habe: Ich besichtigte nachmittags eine Wohnung in der Weststadt, in die wir wenig später einzogen.

Zurück im profanen Alltag: Ein Kollege bescheinigte den Mitarbeitern eines Dienstleisters „junioriges Denken“, was ich mir merken muss; das lässt sich bestimmt hier und da anbringen.

Ansonsten gehört: „Das ist so semi-geil“. Muss ich mir nicht unbedingt merken.

Nachmittags sah ich erstmals wieder zwei Stadbahnwagen des zurzeit stillstehenden Bautyps über die Kennedybrücke fahren. Das lässt hoffen, dass bald weitere folgen.

Samstag: Nach einem insgesamt angenehmen Tag, an dem mir nichts ein- oder aufgefallen war, das hier zu notieren wäre, fuhren wir abends auf Pützchens Markt, der Großkirmes auf der anderen Rheinseite. Nicht, weil wir uns nach Lärm und Menschenmassen sehnten, sondern weil wir Bier-Freimarken von der Bonner Ehrengarde hatten, die wir nicht verfallen lassen wollten, weil das womöglich Unglück bringt, und das will keiner.

Wo wir schon mal dort waren, kämpften wir uns durch bis zum Riesenrad und fuhren damit. Von oben erhielten wir einen guten Überblick über das bunte Markttreiben und die teils irrsinnigen Fahrgeschäfte, wo man in hoher Geschwindigkeit in alle vertikalen wie horizontalen Richtungen geschleudert wird und hinterher womöglich nicht mehr seine eigene Geschlechtszugehörigkeit weiß. Da lobe ich mir die gemächlichen Rotationen des Riesenrades, auf und nieder immer wieder, bis man wieder wohlbehalten aussteigt.

Anschließend, vielleicht noch im Höhenrausch, gelüstete es mich nach einer Fahrt im Aeronaut, eine Art großes Kettenkarussell, bei dem die rotierenden Sitze bis zur Spitze eines hohen Mastes gefahren werden. Wie hoch, weiß ich nicht in Metern, jedenfalls höher als das Riesenrad. Da meine Lieben es bevorzugten, stattdessen Bier zu trinken, stellte ich mich allein in die Warteschlange, nachdem ich das Ticket erworben hatte. Hierfür machte ich eine Ausnahme vom Grundsatz, nichts ohne Notwendigkeit zu tun, für das ich längere Zeit in einer Schlange stehen muss; in der Tat war das Verhältnis zwischen Warten und Fahren ungünstig. Jedenfalls hat es sich gelohnt und mit beglücktem Grinsen kehrte ich anschließend auf den Boden und zu den Lieben zurück.

Äußerst beglückend auch die Ruhe, als wir wieder zu Hause waren und den Abend mit Rosé auf dem Balkon abschlossen.

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Sonntag: Seit dem Vormittag regnete es, deshalb erfolgten Frühstück und anschließende Lektüre der Sonntagszeitung auf dem Balkon unter der Markise, das war sehr gemütlich. Weniger gemütlich und noch weniger erheiternd die Themen in der Zeitung: Erstarken der AfD, Gefährdung der Stromversorgung durch Anschläge, Klimawandel sowieso, Warnung der KI-Produzenten vor ihrem eigenen Produkt, das schon sehr bald die Weltherrschaft übernehmen könnte.

Regen war kein hinreichender Grund, auf einen Spaziergang zu verzichten. In der Südstadt lächelten mir zwei Flaneurinnen zu, in wortlosem Einvernehmen bestätigten wir uns gegenseitig die Richtigkeit und Notwendigkeit unseres Tuns. Dass ich trotz großem Regenschirm anschließend mit nassen Hosenbeinen heimkehrte, nahm ich gerne in Kauf.

Balkonblick
Südstadt

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche.

18:00

Aufgewärmtes: Wir müssen reden

Vorbemerkung: Wie schon mehrfach (von mir selbst) beklagt, sind hier neben den regelmäßigen Wochenrückblicken kaum noch längere Aufsätze zu lesen. Vielleicht ist es Bequemlichkeit oder Zeitmangel, vielleicht fällt mir nichts mehr ein. Deshalb sollen von nun an in unregelmäßigen Abständen, vielleicht einmal im Monat, ältere Texte, die mir auch heute noch einigermaßen gelungen erscheinen, mit behutsamen Anpassungen erneut veröffentlicht werden. Der folgende erschien erstmals am 8. September 2016, also vor ziemlich genau zehn Jahren.

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Wir müssen reden. So wie Hähne krähen, Störche, Klodeckel und Handwerk klappern, so muss der Mensch reden wo er geht und steht; der Rheinländer mehr, der Ostwestfale etwas weniger. Auch neigen die Damen nach meiner Beobachtung tendenziell etwas mehr zu wörtlicher Rede als die Herren, wobei mir Godesberger Frauen grundsätzlich ebenso lieb sind wie Gütersloher Herren.

Doch ist das fremde Wort oft eher eine Last denn ein Quell der Freude, insbesondere das mobil in den öffentlichen Raum gesprochene, erst recht an Orten wie Bus und Aufzug, wo ihm nicht zu entkommen ist. Dieses Lied ist bereits ausgiebig und oft gesungen worden, daher erübrigt es sich, eine weitere Strophe hinzuzufügen.

Gleichwohl, einige Erlebnisse mute ich Ihnen noch zu. Das erste begab sich bereits vor Jahren im Warteraum erster Klasse des Kölner Hauptbahnhofs, auch als „DB Lounge“ bezeichnet – damals spendierte mir mein Arbeitgeber noch eine erstklassige Bahncard, welche mich auch ohne Fahrschein zum Aufenthalt in selbigem berechtigte. In einem Sessel in der Ecke telefonierte ein Businesskasper lautstark und belästigte die Anwesenden mit albernem Geschäftsgedöns. Dann sprang er auf und sagte „Warte, ich geh mal raus, die hören hier alle zu, das geht mir extrem auf den Geist“. Sichtlich empört verließ er unter Applaus den Saal.

Das zweite Erlebnis war nur sehr kurz: Bis vor einigen Jahren lief ich noch regelmäßig ein- bis zweimal die Woche am Rhein entlang. Warum ich das seit längerem nicht mehr mache, kann ich nicht genau sagen, vielleicht sollte ich das mal wieder irgendwann … ich schweife ab. Also: Abends beim Laufen kam mir ein anderer Läufer entgegen, mit Telefon am Ohr. Im Moment unserer Begegnung hörte ich ihn sagen „… und die Leute labern so viel, boah…“

In diesem Zusammenhang ist schon länger ein bedenklicher Trend zu erkennen: Hielt der Sprecher vormals sein Gerät ans Ohr und sprach mehr oder weniger laut hinein, so aktiviert er heute den Lautsprecher und hält das Gerät beim Sprechen waagerecht wie ein Schmalzbrot ein bis zwei Hand breit vom Munde entfernt. Auf dass auch Unbeteiligte nunmehr in den Genuss kommen, das komplette Gespräch zu verfolgen und nicht nur eine Hälfte. Der Begriff Fernsprecher erfährt eine neue Bedeutung.

Noch unangenehmer als die unbeteiligt-unfreiwillige Zeugenschaft eines Ferngesprächs ist die auf offener Straße entgegen gebrachte Gesprächseinladung, beispielsweise von engagierten jungen Vertretern diverser Tier-, Kinder-, Natur-, Klima-, Palästina- oder was auch immer -schutzorganisationen. So ging ich einst gedankenversunken durch die Bonner Fußgängerzone, als sich mir ein weibliches Exemplar dieser Spezies in den Weg stellte. „Hallo, ich bin die Kathi“ sagte es hielt und mir die Hand entgegen. Das waren gleich drei Unverzeihlichkeiten: erstens mich auf der Straße anzuquatschen, zweitens mir einen Händedruck aufzunötigen und drittens dem Vornamen einen bestimmten Artikel voranzustellen. „Ja und?“ antwortete ich so höflich wie der Situation angemessen, die gereichte Hand ignorierend. „Magst du Tiere?“, fragte die Kathi. Ich gebe zu, je älter ich werde, desto mehr schmeichelt es mir, von jungen, mir unbekannten Menschen noch geduzt zu werden, was indes in diesem Fall den Grad des Belästigungsempfindens nur geringfügig schmälerte. Meine Antwort, das sei letztlich eine Frage der Zubereitung, beendete das Gespräch dann erfreulich schnell.

Einmal sprach mich ein junger Mann auf dem Bahnsteig des Bonner Hauptbahnhofes an: „Entschuldigen Sie, darf ich Sie ansprechen, oder möchten Sie lieber in Ruhe gelassen werden?“ Allein schon dafür hätte er sich den Euro verdient, um welchen mich anzuhalten ihm aufgrund der Oder-Option seiner Frage versagt blieb. An ihm sollten sich Anrufer aller Art und die Zeugen Jehovas ein Beispiel nehmen.

Aufgrund meines oben erwähnten fortgeschrittenen Alters lässt mein Gehör mittlerweile ein wenig nach, gerade bei lauten Hintergrundgeräuschen gelingt es mir manchmal nicht mehr, einem Gespräch zu folgen. Doch frage ich mich: Will ich das überhaupt, jedem Gespräch in meiner Umgebung lauschen? Ist es nicht vielmehr ein Attribut höherer Lebensqualität, manches Geschwätz gerade nicht zu verstehen, etwa vom Nebentisch in der Kantine?

Insgesamt hat die Natur den Menschen rein konstruktiv ganz gut hinbekommen, abgesehen davon, was in seinem Kopf vorgeht und zu welchen Handlungen und Gewohnheiten ihn das treibt wie Krieg, Religion oder Fußball. Doch eines ist zu bemängeln: Wir können jederzeit unsere Augen schließen, um beispielsweise dem Anblick tätowierter Waden junger Männer oder farbiger Frisuren gereifter Frauen zu entgehen. Warum geht das nicht mit den Ohren? Stellen Sie sich vor: Eine unerwünschte Geräuschquelle droht, zum Beispiel eine im hirnreduziert-aufgeregten Tonfall eines Sportreporters oder einer nordkoreanischen Nachrichtensprecherin vorgetragene Radiowerbung für ein Möbelhaus. Sie spannen einen Muskel an, und schon ist es mucksmäuschenstill. Wäre das nicht wunderbar?

Diese Ausführungen enden unvollständig, fehlt darin doch, was im Büroalltag während unzähliger Besprechungen so geredet wird, worüber hier ausführliche Buchführung zu finden ist. Doch das würde den Rahmen dieses Textes sprengen, allein über den unsinnigen Gebrauch der Wörter „tatsächlich“ und „genau“ ließen sich mehrere Seiten füllen. Vielleicht schreibe ich dazu mal einen separaten Aufsatz.