Woche 20: Spontane Geschlechtsumwandelung als Stilmittel?

Montag: Mit dem Rad zur Arbeit, woraus die Erkenntnis erwächst: Wir wären dem Weltfrieden näher, benutzten Radfahrer Rad- und Fußgänger Fußwege. In der Kantine ist Spargelwoche.

Dienstag: Da der Unterhaltungswert einer Besprechung am Vormittag überschaubar blieb, nutzte ich die Zeit zur Ermittlung des Krawattenquotienten. Bei 17 Teilnehmern, davon 16 männlich, errechnete ich bei 7 Krawatten ohne Taschenrechner einen in Zeiten aussterbenden Männerhalsschmucks erstaunlich hohen Wert von 0,44.

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Ansonsten notierte ich: enabeln, spannend, planmäßig unterwegs, im Scope, Gesamtkontext, iterative Prozesse, beleuchten, genau, Anforderungen reinkippen, an der Stelle, fachlich getriebene Themen, im Vorfeld, quasi, ich sag mal, performant, Ranges, im Nachgang, mit Bordmitteln, verorten, Stakeholder, whatever, gepoct, ehlicherweise. Also nichts neues.

Mittwoch: Sommer, Sonne und Spargelpipiduft.

Donnerstag: Der Duft blühender Akazien erfüllt unsere Straße. Dagegen kann Spargelpipi nicht anstinken.

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Freitag: Bei vierhundert Kilometern Stau auf NRW-Autobahnen und Dauerregen gibt es wohl bessere Tage, um vom Rheinland nach Ostwestfalen zu fahren, doch familiäre Verpflichtungen ließen uns keine Wahl. Es sei indes nicht beklagt: nach rekordverdächtigen vier Stunden kamen wir endlich in einem Dorf namens Ostkilver an, wo die unsere Fahrt begründende Silberhochzeit sehr schön wurde und uns das zuvor erduldete Ungemach bald vergessen ließ.

Samstag: Während die Sonne scheint, als wäre nichts gewesen, schreibt der Bonner General-Anzeiger solches: „Die chi­ne­si­sche Haupt­stadt mit sei­nen mehr als 23 Mil­lio­nen Ein­woh­nern …“ Warum nur fällt es augenscheinlich immer mehr – auch professionellen – Schreibern so schwer, das Possessivpronomen im selben Genus zu setzen wie das Substantiv, auf das es sich bezieht? Ist es einfach Schlamperei, oder ist die spontane Geschlechtsumwandlung ein neues Stilmittel?

Sonntag: Am meisten fürchte ich, eines Tages aufzuwachen und zu merken, dass dies alles nur ein wunderbarer Traum war.

Woche 19: Verzögerungen im Betriebsablauf

Montag: Mein lieber Schatz, seit nunmehr zwanzig Jahren hältst du es mit mir und meinen Marotten und Macken aus, für die mich manch anderer vielleicht schon mit dem Stecken vom Hof gejagt hätte. Dafür danke ich dir sehr!

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Dienstag: Es ist diese alte, niemals versiegende Wut, mit welcher ich Leute anschreien möchte, die meinen, morgens ihr Fahrrad in die berufsverkehrsvolle Stadtbahn quetschen zu müssen, anstatt es einfach zu benutzen.

Mittwoch: Dass mein ICE 15 Minuten Verspätung hat – geschenkt. Aber warum ist es im 21. Jahrhundert nicht mehr möglich, Züge zu bauen, bei denen es von allen sogenannten Fensterplätzen aus möglich ist, nach draußen zu schauen statt an die graue Innenverkleidung?

Donnerstag: Aus gegebenem Anlass, auf dessen nähere Erläuterung ich zur Wahrung des internen Familienfriedens verzichte, freute ich mich heute sehr über einen Artikel in der Welt Kompakt,

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Freitag: Ein wundervoller Tag voller Liebe, Sonne, Sekt und einer Standesbeamtin namens Himmel.

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Samstag: Ein weltweiter Computervirus legt zahlreiche Systeme lahm, unter anderem bei der Deutschen Bahn. Ob hierdurch der vielbesungene Schulz-Zug Verzögerungen im Betriebsablauf erfährt oder gar in umgekehrter Wagenreihung verkehrt, sehen wir morgen.

Sonntag: Dunkle Wolken über dem Rheinland am Nachmittag. Am Abend verdunkelte sich der Himmel dann auch über der SPD, als der Schulz-Zug in NRW auf ein Nebengleis geleitet wurde wegen einer Überholung durch den Merkel-Express.

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Woche 18: Liebeswerben überall

Montag: Warum man ausgerechnet am Tag der Arbeit nicht arbeiten muss, verstand ich schon als Kind nicht. Gleichwohl liegt es mir fern, eine Auflösung dieses scheinbaren Widerspruchs zu fordern.

Dienstag: Friedemann Karig in seinem Buch „Wie wir lieben“ zum Thema lebenslange Monogamie und nachlassendes Begehren:

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Mittwoch: Ein Gartenschlauchhersteller wirbt am Morgen im Radio für seine Impulsmessbrause, was auch immer das ist. Vielleicht habe ich mich auch nur verhört. Unterdessen weiß ich seit heute, was Smegma ist. Ein weiterer Ziegel im Monument meiner Überzeugung, nicht alles wissen zu müssen.*

Donnerstag: Heute geriet im Bus ein Schildchen in das Blickfeld meines morgenmüden Auges, welches Fragen aufwirft: 1) Wer soll von was zurückgehalten werden? 2) Warum bringt man Schilder mit gleich zwei Rechtschreibfehlern in öffentlichen Verkehrsmitteln an?

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Freitag: Beim Gang ins Werk erblickte ich junges Familienglück.

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Auf der anderen Seite des Weges, im Rhein, war wenige Minuten später eine sehr frühe Anbahnungsphase der Familiengründung zu beobachten: Zwei liebeshungrige Erpel stürzten sich auf eine Ente, die dadurch mehrfach vollständig unter die Wasserlinie geriet. Welcher der Herren letztlich den Vogel abschoss, oder ob sich die Dame angesichts des groben Werbens schließlich zur Kinderlosigkeit entschloss, entzieht sich meiner Kenntnis. Einen gänzlich anderen, wesentlich romantischeren Ansatz des Liebeswerbens wählte ein Mensch, der am frühen Abend auf einem von einem Kleinflugzeug gezogenen Banner eine gewisse SF Lina fragte, ob sie gewillt sei, ihn zu ehelichen. Hoffen wir, dass SF Lina mal nach oben schaute anstatt ständig auf den Bildschirm ihres Datengeräts. Wenn nicht, liest sie es ja vielleicht jetzt hier. Über eine positive Antwort wird er sich wohl auch noch heute freuen.

Samstag: Nur weniges lässt plötzliche Kindheitserinnerungen so hell aufblitzen wir der Duft frisch gemähten Rasens.

Sonntag: Noch einmal Liebeswerben: Kein Freund großer Worte scheint der Aufsteller eines Maibaumes in der Wolfstraße zu sein. Oder er kann sich nicht entscheiden, wen er lieber hat: Elke, Erika oder Ernst, die alle im selben Haus wohnen. Vielleicht handelt es sich aber auch um eine Ehrerbietung an Erdogan.

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* Sie haben es recherchiert? Und – stimmen Sie mir zu?

Zum Glück

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Unlängst entdeckte ich anlässlich der Recherche für meinen im Entstehen begriffenen Bestseller in einem alten Tagebuch den Eintrag vom 29. Januar 1997:

„Seit ein paar Tagen beschäftigt mich ein an sich völlig abwegiger Gedanke: Wie wäre es, wenn ich mit 30 wirklich hetero würde? Mal abgesehen davon, daß das wahrscheinlich nicht „auf Knopfdruck“ möglich sein wird, finde ich den Gedanken gar nicht schlecht, mir eine Freundin zu suchen, mit der ich – keine Hochzeit und keine Kinder vorausgesetzt – vielleicht sogar glücklich werden könnte, wenn es denn die „richtige“ ist! Denn eins weiß ich: Ich bin es leid, ständig meinem Glück hinterherzulaufen ohne jede Aussicht auf Erfolg. Die Frage ist nur, ob das wirklich besser würde wenn ich ’ne Hete bin!“

So hätte mich die Verzweiflung ob nicht gelingender Freundfindung fast in die Zwangsheterosexualität getrieben. Doch das allein reichte nicht. Zum Glück, wie ich heute weiß.

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Vorstehenden Zeilen sind mein Beitrag zu gleich zwei Blogaktionen:  Projekt *.txt und Schreibprojekt 9+1.

Woche 17: Ein Sonntag ohne Blues

Montag: Eigentlich lebt man nur für die Aussicht auf Freitagabend. Dabei sind es oft kleine Aufmerksamkeiten lieber Kolleginnen, welche das Leben auch am Montagmorgen etwas schöner erscheinen lassen.

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Dienstag: Während die Debatte über die Endlagerung von Atommüll noch lange nicht beendet ist, gibt der nun entdeckte Appetit der Wachsmottenraupe auf Polyethylen ein wenig Anlass zur Hoffnung, den weltweiten Plastikmüllberg irgendwann zu schleifen. Darüber gerät die drängende Frage, wohin mit dem Millionen von Portemonnaies verstopfenden Kupfergeld, zu unrecht etwas aus dem Blickfeld.

Mittwoch: Aufgewacht mit einer wunderbaren Morgenschwellung. Das konnte so nicht stehen bleiben. (Die Angst, eine Erektion zu sehen, daran zu denken oder zu haben, heißt übrigens Ithyphallophobie.)

Heute ist der Tag gegen den Lärm. Mancher empfindet ja schon Amselgesang am frühen Morgen als Lärm. Was sind das nur für Menschen? Ansonsten widmete ich mich dem Thema schon.

Donnerstag: Während des Fluges über den Atlantik schied ein Riesenkaninchen aus bislang unbekanntem Grund dahin. Es hieß Simon. Die Fluggesellschaft zeigt sich „betrübt“. Weitgehend geklärt ist indessen die Todesursache mehrerer namenloser Hühner, deren wohlschmeckende Beine heute Mittag in der Kantine gereicht wurden. Davon steht nichts in der Zeitung, auch Peta schweigt bislang.

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Aus: Die Welt Kompakt, 27.4.2017

Freitag: ‚Gigil‘ ist philippinisch und bezeichnet den unwiderstehlichen Drang, jemanden zu kneifen, weil man ihn liebt. Der Drang ist mir sehr vertraut, das Wort war mir indes neu.

Samstag: Erkenntnis des Tages: Neben Schwimmen, Fahrrad fahren und Zauberwürfel ordnen gehört offenbar auch Trompete spielen zu den Dingen, die man nie verlernt.

Sonntag: Ein Sonntag wie im Bilderbuch mit Sonne, Biergarten, Balkon und, dank Feiertag, ohne den Sonntagnachmittagsblues ob des dräuenden Gewölks einer neuen Arbeitswoche. – Im Zusammenhang mit nordkoreanischen Raketenspielen schreibt die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: „In Tokio wurde am Morgen die U-Bahn für zehn Minuten angehalten, um sicherzustellen, dass von dem Angriff keine Gefahr drohte.“ Demnach können in Tokio also Raketen nur einschlagen, solange die U-Bahn in Betrieb ist. Dieser Zusammenhang war mir bislang so nicht bekannt.

Slo

Nachdem ich als Kind in einem Tierpark zum ersten Mal gesehen hatte, wie eine Landschildkröte an einem Salatblatt knabberte, wusste ich, so eine muss ich haben. Es bedurfte einiger Quengelarbeit, bis mein Vater mit mir in eine örtliche Zoohandlung fuhr und ich mir eine aussuchen durfte; damals standen die noch nicht so sehr unter Artenschutz und kosteten höchstens zwanzig Mark. Ich nannte sie ‚Slo‘, wie die von Steiff, welche ich selbstverständlich ebenfalls besaß, und obwohl ich sie – im Gegensatz zu ihrer Plüsch-Schwester – nicht mit ins Bett nehmen durfte, liebte ich sie wie andere ihren Hund. Stundenlang beobachtete ich Slo in ihrem kleinen Gehege in unserem Garten und fütterte sie mit allem Möglichen, sie fraß mit unendlichem Appetit wirklich alles – von Kopfsalat bis Nutellabrot.

Dann kam der Herbst, Slo musste Winterschlaf halten, möglichst ungestört in einer Kiste voll Laub und Torf an einem kühlen Ort: in unserem Vorratskeller. Ich machte es, wie es in den Büchern stand, aber es funktionierte einfach nicht: Im Frühjahr wachte sie nicht mehr auf und ich begrub sie im Garten, hinten am Zaun unter der Trauerbirke.

Ich durfte von meinem Taschengeld eine neue Schildkröte kaufen, die leider ebenfalls nur eine Saison überlebte. So ging das ein paar Jahre, ehe ich auf winterschlaflose Wasserschildkröten umstieg.

Vielleicht wundern sich die Leute, die letztes Jahr mein Elternhaus gekauft haben, wenn sie demnächst hinten am Zaun das Beet umgraben.

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Dieser Aufsatz ist mein erster Beitrag zum Schrei(b)projekt 9+1 von Jule.

Woche 16: Gehabt zu haben

Montag: Ostern geht mir an den Eiern vorbei. Es ist schon bemerkenswert, dass die Christen, welche ja zuvörderst Gottes Güte und Barmherzigkeit lobpreisen, ausgerechnet das Kreuz anbeten, einst ein Instrument zur Tötung auf besonders grausame Weise. Was würde wohl heute Kirchtürme, bayrische Klassenzimmerwände und zweifelhafte Halsketten zieren, hätte es damals schon Giftspritze und elektrischen Stuhl gegeben?

Dienstag: Trotz mehrstündigem Ausfall der Bürokaffeemaschine am Morgen und dem gehörten Satz „Frohe Ostern gehabt zu haben“ war der erste Arbeitstag gar nicht schlecht. Noch elf Wochen bis zum nächsten Urlaub. Klingt fern, ist es aber nicht.

Mittwoch: Heimarbeit wird nicht besser, indem man sie wichtigtuerisch durch das Wort ‚Homeoffice‘ zu erhöhen sucht. Warum sind nur so viele Menschen so scharf darauf? Nach einem Vormittag heimischer Tätigkeit war ich heute Mittag froh, wieder im Büro zu sein, wo ich die Grenze zwischen Privat und Beruflich gezogen wusste.

Donnerstag: Manche Menschen rühmen sich multipler Orgasmen. Ich kann immerhin vierzehn mal am Stück niesen. Von „Gesundheit“-Rufen bitte ich Abstand zu nehmen.

Freitag: Facebook will Gedanken lesen und Peta beklagt ein Küken, das seine Mutter niemals kennenlernen wird. Millionen Küken lachen sich darüber auf dem Weg in den Schredder tot.

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(Aus: Die Welt Kompakt, 21.4.2017)

Samstag: Mittlerweile zeigen auch junge Männer zunehmend bei jeder Witterung entblößte Fesseln. Weit entfernt davon, daran Anstoß zu nehmen, frage ich mich dennoch: Warum tun die das?

Sonntag: Durch das Blog 1ppm wurde ich auf einen bemerkenswerten Artikel über das Aussterben des Bindestrichs aufmerksam, ein Phänomen, welches schon lange mein Befremden erregt. Schön und treffend erscheint mir in diesem Zusammenhang der Begriff ‚Deppenleerzeichen‘, den ich als neues Kleinod meines Wortschatzes begrüße. Dass es hier jedoch auch zu viel des Guten geben kann, zeigt eine Praxis für Chirurgie in der Bonner Friedrichstraße.

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