Woche 49: Mir doch egal

Montag: In Kattowitz beginnt der Klimagipfel und ich recherchiere den Begriff „Fatalismus“.

„Ist die Erde noch zu retten?“, lese ich irgendwo. Die Frage erscheint mir reichlich vermessen. Auch wenn wir uns seit einigen Jahrtausenden die größte Mühe geben, wird es uns nicht gelingen, die Erde auszulöschen, höchstens verändern wir sie vorübergehend ein wenig, für einen aus erdgeschichtlicher Sicht winzigen Zeitraum. So wie ein Schnupfen uns für gewöhnlich nicht umbringt, jedoch eine Zeit lang sehr lästig sein kann. Die Frage muss daher lauten: „Sind die Menschen noch zu retten?“ Da habe ich indes wenig Hoffnung.

Es ist wohl eine Ironie der Weltgeschichte, dass sich ausgerechnet diese hochgradig bescheuerte Spezies selbst als „Homo sapiens“ bezeichnet.

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(Quelle: PONS)

Dienstag: Über menschlichen Irrsinn, Macht und Manipulation hier ein lesenswerter Aufsatz von Paul Kaufmann.

„Besinnlichkeitsbooster“ nennt Herr Buddenbohm die jetzt wieder allgegenwärtigen Weihnachtsfeiern. Trotz Englisch-Anteil ein schönes Wort.

Mittwoch: Bleiben wir noch etwas beim Thema „menschlicher Irrsinn“. Bei Yuval Noah Harari lese ich dazu: „In den kommenden anderthalb Jahrtausenden schlachteten sich die Christen gegenseitig zu Millionen ab, weil sie die Lehre der Nächstenliebe in einigen Detailfragen unterschiedlich interpretierten.“ Na dann schöne Adventszeit.

Donnerstag: Widmen wir uns schönen Dingen. Augenscheinlich tritt die bei jungen Männern beliebte Knöchelfrei-Mode zurzeit – vielleicht jahreszeitlich bedingt – etwas zurück zugunsten besonders bunter Socken.

Freitag: In der Zeitung lese ich einen interessanten Artikel über JOMO – Joy of missing out – zu deutsch: mir doch egal. Es geht darum, sich nicht zum Sklaven der (digitalen) Medien machen zu lassen, nicht jeden Quatsch in den einschlägigen Hetzwerken zu verfolgen. Zitat: „Vieles, was wir am Smartphone tun, frisst Lebenszeit. Die sich nicht gut verbraucht anfühlt.“ Demnach bin ich, ohne es zu wissen, schon lange ein Vorreiter dieses Trends. Auf Whatsapp zugesandte Filmchen und Sprüche-Bildchen ignoriere ich konsequent, mein Facebook-Konto löschte ich bereits vor Jahren, und das Lesen der Twitter-Timeline bereitet mir schon seit geraumer Zeit keine Freude mehr. Die Tage meines Twitter-Kontos sind ohnehin gezählt.

„Das Äußerste ist da, wo nichts mehr kommt“, sagt der Geliebte. Da hat er wohl recht.

Samstag: Auf der Jagd nach Besinnlichkeit fahren die Homo sapiens heute zu tausenden mit ihren Autos in die Stadt, um sich gegenseitig anzuhupen, zu beschimpfen und unfreundlich zu Verkaufspersonal zu sein. Es fällt manchmal schwer, Menschen zu mögen.

Nicht so am Abend auf der Adventsfeier des Karnevalsvereins, wo unter anderem ehemännliche Unarten der Badbenutzung erörtert wurden wie Zähneputzen abseits des Waschbeckens, was zu folgendem Dialog führte: „Putzt du dir auch beim Kacken die Zähne?“ – „Nein, ich mache das umgekehrt. Aber ich mache es hinterher weg!“ Das wäre einen Tusch wert gewesen, diese Menschen mag ich sehr.

Sonntag: Schöner Regenspaziergang am Nachmittag. Danach Lektüre der Sonntagszeitung bei einer Tasse Tee. Dort lese ich vom App-gesteuerten Hochtechnologie-Teekocher eines bekannten Wuppertaler Haushaltsgeräteherstellers für sechshundert Euro, welcher wegen „Auffälligkeiten an der Software vereinzelter Geräte“ zurzeit nicht lieferbar ist. Meinen Tee bereitete ich hingegen mit einem klappbaren, rein mechanischen Teesieb für 3,95 Euro und einem herkömmlichen Wasserkocher mit simplem Einschaltknopf zu. Geht notfalls auch.

KW49 - 1 (4)

Am Abend treibt uns Bratwurst-Appetit noch einmal raus auf den Weihnachtsmarkt. An einer Glühweinbude „singen“ zwei elektrisch bewegte Hirschköpfe „Last Christmas“, davor eine Anzahl Menschen, die das mit dem Telefon filmen. Ich bin unschlüssig, welches von beiden ich bekloppter finde.

Aufgewärmt: Von einem anderen Stern

Aus gegebenem Anlass erlaube ich mir, einen älteren Aufsatz behutsam aufzuwärmen und ihn Ihnen erneut zur Lektüre zu geben. Ich bitte um Verständnis.

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KW49 - 1 (2)

Bald feiern wir wieder das Fest des Kindes. Der Legende nach wurde es vor etwa zweitausend Jahren in Bethlehem geboren, nachdem es auf rätselhafte Weise in den Bauch einer gewissen Maria geraten war. Mit Vaterschaftstests und Unterhaltsklagen waren sie damals noch nicht so weit, daher kam Josef mit seiner War-ich-nicht-Nummer nicht durch, stattdessen musste er die Dame auf ihrem Weg durch Nacht und Kälte begleiten. In Bethlehem hatten sie Pech: Wegen einer Verbrauchermesse waren alle Hotels und Pensionen belegt oder überteuert, daher rasteten sie in einem zugigen Stall, wo das Kind schließlich unter den desinteressierten Blicken eines Ochsen und eines Esels zur Welt kam.

Drei Messeteilnehmer aus dem Morgenland waren spät dran, weil sie sich uneins waren über den Weg nach Bethlehem, bis einer von ihnen das Laserlicht entdeckte, das seit Tagen von der Messehalle aus in die Wolken strahlte. Als sie endlich ankamen, entdeckten sie den Stall, irrtümlich hielten sie das ganze für die sehr gelungene Warenpräsentation eines innovativen Leuchtmittelherstellers, dessen Produkte offenbar ganz ohne Flamme auskamen, die Kopfbeleuchtung des Babys strahlte besonders hell. Daher überreichten sie ihre Karten und einigen Kram von geringem Gebrauchswert, den sie in ihren Jackentaschen gefunden hatten. Josefs Frage nach einem wärmenden Schluck beschieden sie hingegen abschlägig, da ihre Cognacvorräte auf der langen Anreise schon draufgegangen waren.

Aus dieser mündlich überlieferten Begebenheit sind schließlich Weihnachten, Lichterketten und Glühweinbuden entstanden. Seitdem hat sich viel getan. Heute glauben die Kinder nicht mehr an drei nette Herren aus dem Osten, sondern an einen dicken Mann in rotem Gewand mit weißem Rauschebart und das Christkind, die unter Absingen von ‚“Last Christmas“‘ die Geschenke bringen, bevor sie wieder durch den Schornstein verschwinden – im Zeitalter der feinstauboptimierten Zentralheizung schon schwer vorstellbar, selbst für das gutgläubigste Kind. Apropos kindlicher Glaube: Früher, so mit vier oder fünf, glaubte ich, es hieße ‚Kristkind‘, weil es, während es die Geschenke verteilt, sagt: „Du krist (= ostwestfälisch für ‚kriegst‘) dieses Geschenk, du krist das und du das.“

Längst vorbei sind auch die Zeiten, da Neugeborene in Windeln gewickelt in einer Futterstelle für Nutztiere aufbewahrt werden, außer vielleicht in besonders ökoideologisch-traditionellen Haushalten. Dafür gibt es heute technologisch hochentwickelte Tragegefäße, welche sich mit wenigen Handgriffen in eine Babybox für Brust-, Auto- oder Fahrradbefestigung verwandeln lassen, um den Nachwuchs zum Geschenkeempfang oder zur Niedlichfindeaufforderung in die Verwandtschaft oder die Firma zu verbringen. Vielleicht wissen Sie, was ich meine: Des Kollegen Frau liegt in freudiger Erwartung. Wenige Tage später hört man auf dem Büroflur das hochfrequente Juchzen der Kolleginnen, mindestens eine Oktave über ihrer üblichen Sprechstimme. Ein vorsichtiger Blick aus der Bürotür verrät den Grund: Der junge Vater steht mit dem Tragekörbchen auf dem Flur, umringt von vor Entzückung entrückten Menschen.

Ein paar Minuten später steht der vaterstolze Kollege dann mit seinem Ableger in meiner Bürotür und sagt so etwas wie „“Sieh mal, Paul-Luca, und das ist Carsten,… sag mal hallo zu Carsten!““ Während ich mich mit gequältem Lächeln von meinem Platz erhebe und mir ein „Ganz der Papa““ abringe, sagt Paul-Luca weder Hallo, noch nimmt er überhaupt Notiz von mir. Das Desinteresse ist beiderseitiger Natur, mit Hunden und neu erworbenen Autos geht mir das übrigens genau so.

Ich gebe zu: meine Begeisterung für Neugeborene, Kinder generell, ist begrenzt, für mich sind sie so etwas wie Wesen von einem anderen Stern, mit denen ich nicht so recht etwas anzufangen weiß. Das war schon immer so, auch als ich selbst noch ein Kind war. Wenn in der Verwandt- oder Nachbarschaft ein neuer Mensch die Bühne betrat, hielt ich mich stets in sicherer Entfernung, und das Gewese, welches um diesen Neuankömmling gemacht wurde, fand ich unangemessen, schließlich hatte er bislang noch nichts geleistet außer schreien und kacken. Na ja, viel mehr konnte ich auch nicht vorweisen.

Meine Kinderlosigkeit empfand und empfinde ich eher als Segen denn als Mangel, ich vermisse diesbezüglich absolut nichts. Warum das so ist, kann ich nicht sagen. Vielleicht habe ich Angst, meine Kinder könnten so werden wie ich. Wobei, die Geschichte mit dem Töpfchen, der A-A und der mit der Zahnbürste braun angemalten Tapete haben sich meine Eltern bestimmt nur ausgedacht, um mich gelegentlich in schlechtes Licht zu rücken. Oder um von der Nichtexistenz des Weihnachtsmannes abzulenken.

Trotzdem, oder gerade deshalb: Liebe Kinder, ich wünsche euch ein schönes Weihnachtsfest mit vielen pädagogisch wertvollen Geschenken! Und wie das Kind in Marias Bauch kam, fragt euren Papa.

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(Ursprünglich veröffentlicht hier.)

Woche 48: Über Merkel und Ferkel

Montag: „Besonders feierte die Garde seine Artillerie, die in diesem Jahr seit 60 Jahren besteht“, schreibt die Zeitung zum Sessionsauftakt der Bonner Ehrengarde. Wessen Artillerie genau, bleibt dabei offen. Oder: Eine spontane Geschlechtsumwandlung als missglücktes Stilmittel.

Apropos Geschlechtsgedöns: Während ich abends weiter an meinem Bestseller arbeite, höre ich alte Kassetten mit Radio-Aufnahmen. Für die Jüngeren unter Ihnen muss ich hierzu etwas ausholen: Liebe Kinder, es gab mal Zeiten ohne Internet, Streaming und Spotify. Wenn uns ein Lied gefiel, so mussten wir unser Taschengeld in einen Laden tragen und eine Schallplatte oder, später, CD erwerben. Die waren teuer. Daher kauften wir für unser knappes Geld lieber Kassetten, das waren vorzeitliche, etwa smartphonegroße Ton-Speichermedien, welche vermittels eines aufgespulten Magnetbandes die Konservierung von in der Regel neunzig Minuten Musik ermöglichten, fragt mal eure Eltern, die kennen die vielleicht noch. (Dann könnt ihr auch gleich fragen, was „vermittels“ heißt.) Die legten wir in unseren Radiorekorder, hörten mit Aufnahmetaste im Anschlag die Schlagerralley oder Mal Sandocks Hitparade und hofften, dass unser Lied kam. Und wehe, der Moderator quatschte am Anfang oder Ende des Liedes hinein (was er vermutlich musste, weil die Schallplattenindustrie das verlangte), oder mitten im Lied kam ein Verkehrshinweis – dann wurden wir ziemlich sauer.

Ich habe das recht lange gemacht, auch als ich mir CD’s problemlos leisten konnte (Schallplatten waren zwischendurch mal fast ausgestorben), die letzte Radio-Kassette ist von 1998. Die meisten Kassetten habe ich noch, auch beim letzten Umzug brachte ich es nicht übers Herz, mich von ihnen zu trennen. So schlummerten sie jahrelang vor sich hin, bis ich kürzlich auf die Idee kam, mal wieder eine einzulegen, zumal ich noch eine Stereoanlage besitze, die über diese antiquierte Technik verfügt. Und siehe (beziehungsweise höre) da: Die funktionieren noch. Man entdeckt sogar das eine oder andere vergessene Lied wieder und denkt: Gar nicht so schlecht. Zum Beispiel dieses:

Dienstag: Morgens Shakira im Radio. Fragte man mich, was ich von Shakira halte – man wird ja andauernd nach seiner Meinung zu irgendwas gefragt, etwa achtzig Prozent aller Anrufe auf unser Festnetztelefon sind von Leuten, die meine Meinung wissen wollen zu Fernsehen, Politik, Musikgeschmack, Glück, Suchtverhalten, Funktionsunterwäsche, lauter solche Sachen, die ich nie beantworte, weil ich vorher den Anrufer beschimpfe und dann auflege – fragte man mich also nach meiner Meinung zu Shakira, antwortete ich mit dieser Gegenfrage: Kennen Sie diese angenehme Stille, welche nach Ausschalten des Radios eintritt, vergleichbar mit dem Gefühl, wenn sich ein Wadenkrampf langsam löst?

Am Mittagstisch erzählt die Kollegin, sie sein im Film Bohemien Rapsody gewesen, Sie wissen schon, über Freddy Mercury. Seitdem singt mein Ohrwurm „Radio Gaga“. Etwas anstrengend, aber wesentlich besser als Shakira.

Mittwoch: Manchmal, ganz selten, überrascht die Bahn positiv: Der Regionalexpress von Köln nach Bonn fuhr am Abend auf die Minute pünktlich, während die Anzeige am Bahnsteig (sowie die Bahn-App) eine Verspätung von fünf Minuten in Aussicht stellten. Der Pessimist würde sagen: Auf nichts ist mehr Verlass.

Donnerstag: „Dringend“ schreibt der Kollege im Betreff einer Mail. Durch einen unerklärlichen Reflex rutschen derartige Nachrichten bei mir in der Priorität der Bearbeitung stets ziemlich weit nach unten.

Alles ist nur noch von Zahlen getrieben. Gibt es etwas langweiligeres als Zahlen? Zahlen mögende Menschen, die klug klingen möchten, sagen gerne „Delta“, wenn sie Differenz meinen. Heute sagte jemand: „Ich sehe da erhebliche Delten“. Das klang nicht besonders klug.

„Keine Schnecke macht für die globale Schneckengemeinschaft auch nur ein Hörnchen krumm“, schreibt Yuval Noah Harari in seinem lesenswerten Buch „Eine kurze Geschichte der Menschheit“, meiner derzeitigen Stadtbahn- und Bettlektüre.

Freitag: Die Radio-Nachrichten am Morgen berichten erst über Merkel (defektes Flugzeug), direkt danach über Ferkel (beteubungslose Kastration). Das ist zwar nicht besonders lustig, dennoch ließ es mich bereits vor Verlassen des Betts kurz lächeln, was kein schlechter Start in den Tag ist.

Aus einem Zeitungsbericht über Bram Schot, den neuen Audi- Chef: „Bei einem Audi-internen Innovationsgipfel schlug er vor wenigen Tagen vor, dass das Personal nur noch vier Fünftel der Zeit arbeiten und ein Fünftel darauf verwenden soll, zu träumen, nachzudenken und nachzufragen.“ Während der Arbeit mal Zeit zum Nachdenken haben. Das wäre schön.

Auf der Rückfahrt mit dem Zug von Köln nach Bonn kann ich es nicht vermeiden, den Gesprächen einer Mädchengruppe zu lauschen. Jeder zweite Satz in einem gespielt weinerlichen Ton mit extrem langgezogener letzter Silbe. Einmal mehr frage ich mich: Warum sprechen so viele junge Menschen, unabhängig vom Geschlecht, wie debile Idioten?

Samstag: Wegen der Flugzeugpanne der Bundeskanzlerin vom Donnerstag sieht sich die Zeitung heute genötigt, ihre Leser mit einer Chronik „Die größten Pannen deutscher Regierungsflieger“ zu beglücken. Es ist allerhöchste Zeit für eine Chronik „Die überflüssigsten Chroniken in Tageszeitungen“.

Sonntag: Ein gutes Beispiel für „typisch deutsch“ lässt sich hundertfach im Bonner Stadtgebiet besichtigen:

KW48 - 1

Aufgrund der Änderung irgendeiner Rechtsvorschrift mussten vor mehreren Jahren Anwohner- in Bewohnerparkplätze umbenannt werden, warum auch immer. Vermutlich um Kosten zu sparen, wurden keine neuen Schilder beschafft, sondern – im Sinne des Steuerzahlers zu loben – alle „An“s mit „Be“s überklebt. Warum dafür, entgegen deutscher Gründlichkeit, Aufkleber mit einer kleineren Schriftgröße beschafft wurden, bleibt offen. Vielleicht waren die noch etwas günstiger, oder der zuständige Städtling hat sich vermessen. Lange dürfte es indes nicht dauern, bis die Schilder erneut überklebt oder ausgetauscht werden müssen durch eine gendergerechte Aufschrift „BewohnerInnen“, „Bewohner*innen“, „Bewohner_innen“, „Bewohnende“ oder „Bewohnx“.

Sinnlos

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Eines Montags gegen elf Uhr erkannte K: Er hatte einen völlig sinnlosen Job. Also nicht sinnlos im Sinne von unnütz für ihn selbst, das nicht, denn für das, was er machte, zahlten sie ihm viel Geld, viel mehr als den zahlreichen Kollegen, die täglich draußen an der Kundenfront die Stellung hielten und durch ihre wahrlich harte Arbeit das Geld – somit auch Ks Gehalt – verdienten. Das war schon absurd, nicht nur in seiner Firma, sondern generell überall: Diejenigen, die durch ihre Arbeit den wichtigsten Beitrag zum Erfolg des Unternehmens und zum Gemeinwohl leisteten, bekamen dafür das geringste Gehalt. Sein Job hingegen war sinnlos in Bezug auf seinen Beitrag zum Wohl des Unternehmens oder gar der Allgemeinheit. Wäre K tot umgefallen, hätte das kein Kunde bemerkt, und der Jahresabschluss hätte nicht einen Cent weniger an Gewinn ausgewiesen.

Er schaute von morgens bis abends auf einen Bildschirm und beschäftigte sich mit völlig sinnlosen Dingen: Dokumente und Konzepte verfassen, die niemand las, die bestenfalls irgendwo abgelegt wurden, bevor sie dem Vergessen, Vernichten oder der Löschung anheim fielen. Regelungen und Prozessbeschreibungen erstellen, an die sich niemand hielt, schon gar nicht die, die sein Gehalt verdienten, siehe oben. Powerpoint-Präsentationen anfertigen, deren aufwändige Gestaltung mit Grafiken und bunten Bildern in umgekehrt proportionalem Verhältnis zu ihrem Inhalt stand. (Überhaupt Powerpoint – die Pest der Geschäftskommunikation). Nutzenberechnungen aufstellen, die allenfalls in der Theorie eine positive Wirkung entfalteten. IT-Anträge, -Formulare und Verantwortungsübernahmeerklärungen ausfüllen, die vollkommen nutzlos waren.

Und immer wieder: Besprechungen, nicht selten mit Menschen, deren Gehabe und Business-Geschwafel er zutiefst verachtete, genauso wie die Männer in schwarzen Anzügen, die morgens mit ihren lächerlichen Aktenrollkoffern und Headsets oder Telefon am Ohr im Taxi vorfuhren; Dienstreisen ohne erkennbaren Sinn und Zweck; E-Mails, Telefongespräche; Projekte, die erst mit riesigem Getöse und einem Kick Off ins Leben gerufen, dann indes zu keinem Ergebnis führten und deshalb irgendwann sang- und klanglos eingestellt wurden; und immer wieder Durchhalteparolen der Unternehmenskommunikation wie „Unsere Belegschaft ist der Schlüssel zur Erreichung der Ziele“.

Wie ein Tsunami brach Aktionismus über das Unternehmen, wenn das Management mal wieder bemerkte, dass es zu viel Geld für die falschen Dinge ausgegeben hatte (was die Herren – ja, fast ausschließlich waren es Herren – in ihrer superstar-göttergleichen Unfehlbarkeit freilich niemals zugegeben hätten, stattdessen machten sie ein „geändertes Marktumfeld“ für die Folgen ihrer Fehler verantwortlich), dann verfielen sie in eine Art Veränderungsdelirium, und wieder hieß es: Kosten sparen, koste es, was es wolle. Wo? Natürlich nicht bei ihren eigenen Gehältern, deren Höhe die Grenze des Anstandes schon lange überschritten hatte, sondern bei denen, die das Geld verdienten: durch Auslagerung an noch billigere Subunternehmen und Gründung von Tochterunternehmen mit niedrigeren Gehältern. „Im Branchenvergleich zahlen wir zu hohe Gehälter“, so ihre Überzeugung.

Ein beliebtes Mittel waren auch Umstrukturierungen. Dann ließen sie mitteilen: „Wir sind überzeugt, dass diese verschlankte Struktur die richtige Basis darstellt, um uns auf unsere Kernkompetenzen zu konzentrieren, effizienter zusammenzuarbeiten und Synergien in Zusammenarbeit mit den anderen Funktionsbereichen zu heben.“

Schließlich hatten viele von ihnen in früheren Jahren einem großen Unternehmensberatungskonzern gedient, der noch immer regelmäßig beauftragt wurde und dafür irrsinnige Summen kassierte, und dessen Ehemalige die Unternehmensleitung mittlerweile durchsetzten wie ein nicht zu bekämpfender Pilz.

Manchmal stürzte so ein Gott von seinem hohlen Ross. Dann trennte man sich, laut den darauf folgenden internen und externen Mitteilungen „im besten gegenseitigen Einvernehmen“, oder weil der Scheidende „sich neuen Herausforderungen außerhalb des Konzerns stellen möchte“; die verbleibenden Götter freuten sich dann, einen Schuldigen gefunden zu haben, derweil sie sich gegenseitig weiterhin argwöhnisch beobachteten.

Doch K war nicht allein. Mindestens achtzig bis neunzig Prozent der Kollegen und Chefs, mit denen er täglich zu tun hatte, eher noch mehr, fristeten ein ebenso sinnloses Dasein im Büro, viele davon wussten es nur nicht, oder wollten es nicht sehen. Vielmehr hielten sie das, was sie taten, für notwendig und sich selbst für unersetzlich. Wenn der Chef sagte: „Spring!“, antworteten sie noch immer „Wie hoch?“ anstatt „Warum?“ oder „Nein“, nahmen den Rechner nach Feierabend und am Wochenende mit nach Hause, bearbeiteten im Urlaub Mails, waren rund um die Uhr erreichbar. Einige von ihnen brannten so sehr für die Arbeit, dass sie irgendwann ausgebrannt waren. Umso härter traf es sie dann, wenn ihr Job wegrationalisiert wurde.

Manchmal beneidete K Menschen mit einem richtigen Beruf, die am Ende eines Arbeitstages sahen, was sie tagsüber geschafft haben: ein Haus angestrichen, eine mechanische Armbanduhr montiert, zweihundert Pakete zugestellt, Schienen verlegt, ein ehemaliges Bürogebäude gesprengt. Dabei wäre er schon zufrieden gewesen, hätte er in Ruhe seine Arbeit machen können, anstatt von zu Chefimitatoren mutierten ehemaligen Unternehmensberatern wegen irgendeines vermeintlich wichtigen Unfugs behelligt zu werden.

Doch lag es K fern, sich zu beklagen, trotz allem ging er gerne ins Büro. Es gab wahrlich härtere und schlechter vergütete Jobs mit viel mehr Verantwortung, Ärger und Ungemach. Nur eins hätte besser sein können: Die zeitliche Verteilung der anfallenden „Arbeit“. (Es erschien ihm unangemessen, für das, was er tat, dieses Wort zu verwenden.) So wie es die heißen Phasen voller blindem Aktionismus gab, in denen beispielsweise der „C<irgendein Buchstabe>O“ innerhalb der nächsten halben Stunde irgendeine überflüssige Auswertung oder Präsentation haben will, wenn Arbeitsaufträge verteilt werden, die man aufgrund des Inhalts und der Zeitvorgabe nicht zu einem sinnvollen Ergebnis bringen und nur sehen kann, wie man einigermaßen unbeschädigt da raus kommt, wenn man der Flut an Mails und Anrufen nicht Herr wird, so gab es Phasen zäher Langeweile: Das Telefon schwieg, der Maileingang floss spärlich, kaum Besprechungen. Dann zog sich der Arbeitstag wie Bierschaum nach einem frisch angestochenen Fass. Aber über diese Phasen sprach man nicht, man gab sich geschäftig wie eh und versicherte sich gegenseitig, wie viel man zu tun hatte.

Ja, sein Job war sinnlos, aber gut bezahlt. Außerdem hatte er bisweilen einen recht hohen Unterhaltungswert. Deshalb spielte er das Theater im Rahmen der für ihn erträglichen Grenzen gerne weiter mit. Solange sie ihn noch ließen.

(Inspiriert durch „Bullshit-Jobs“ von David Graeber)

Woche 47: Dazuhin

Montag: „Alexander Zverev hat den Gegner vom Platz gefickt“, höre ich am Morgen den Mann im Radio sagen. Vielleicht habe ich mich in meiner Morgenmüdigkeit aber auch verhört.

Natürlich sagt man nicht „gefickt“, schon gar nicht als öffentlich-rechtlicher Radiomoderator. Man sagt im Übrigen auch nicht mehr „Ich bin müde“, sondern man hat jetzt ein „Biotief“.

Dienstag: In meinem Rückblick der vergangenen Woche machte Frau Jule per Kommentar zu recht ein gewisses Hadern meinerseits mit dem Alter aus. Dabei ist es gar nicht so schlimm, ich fühle mich keineswegs alt, höchstens … also maximal … ach, was sagt schon so eine Zahl aus. Vor diesem Hintergrund hat es wirklich gar nichts zu bedeuten, dass ich mir heute früh statt Bodylotion beinahe Zahncreme ins Gesicht geschmiert hätte.

Mittwoch: „Die Tendenz, sich lieber mit irgendetwas zu beschäftigen (und sei es trivial), als sich mal in Ruhe hinzusetzen, scheint weit verbreitet“, lese ich in der Psychologie Heute.

„Ein Wagen fehlt“, verkündet die Anzeige im Kölner Hauptbahnhof für den Regionalexpress, der mich am Abend nach Hause bringen wird. Was will die Bahn uns damit sagen? Sollen wir suchen helfen?

Donnerstag: Während einer zähen Projektbesprechung mit zahlreichen, auch gleichzeitigen Wortbeiträgen, sagt der Projektleiter: „Wir wollen nicht unsere wertvolle Zeit verschwenden“. Ein schrilles Auflachen zu unterdrücken gelingt mir nur knapp.

„Da sind wir stationär unterwegs“, sagt ein anderer Kollege in einer anderen Besprechung. „Drinnen saßen stehend Leute“, ergänze ich in Gedanken.

Hier eine interessante Nachricht zum Thema „Generation Knöchelfrei“.

Freitag: Die heute vom Handel als „Black Friday“ titulierte Konsumanimationskampagne geht mir völlig an unteren Körperregionen vorbei. Für die Weigerung, Zeit oder Geld für eine Sache zu investieren, auch wenn man sie sich leisten könnte, haben die Isländer übrigens das Wort „Tima“, wie dem Buch „Einzigartige Wörter“ von David Tripolina zu entnehmen ist.

Der vor geraumer Zeit beschaffte Staubsauge-Roboter erweist sich unterdessen immer mehr als unverzichtbarer Helfer im Haushalt.

KW48 - 1

„In Veränderungen sehen wir stets eine Chance zur Weiterentwicklung“, schreibt mir die PSD-Bank in einer Mitteilung darüber, dass ein bestimmter Geldautomat bald nicht mehr zur Verfügung steht. Obschon ich den betreffenden Automaten nie nutzte, fühle ich mich ein ganz kleines bisschen verschaukelt.

Am Abend eröffnet der Bonner Weihnachtsmarkt. Verrückt: Wurde der nicht erst kürzlich abgebaut?, denke ich, während der Geliebte bei Eierpunsch mit Sahne über Analdrüsen referiert.

Samstag: Wenn der Arbeitgeber einen Brief per Einschreiben schickt, löst das zunächst eine Schrecksekunde aus. Während ich ihn mit schwitzender Hand öffne, singen die Chöre des schlechten Gewissens: Was habe ich angestellt? Zuviel gelästert? Den Vorstand im Aufzug nicht gegrüßt? Was Unangemessenes ins Blog geschrieben? Es ist dann aber nur das neue Jobticket.

„Von Bohlen empfohlen“, sagt die Radioreklame. Darin kann ich nun wirklich kein konsumanreizendes Element erkennenden.

„kdf-Frauen laden zum Basar ein“, lese ich in der Zeitung und stutze kurz, glaubte ich diese Einrichtung doch in düsterer Vergangenheit versunken. Sehe dann aber, dass dort „kfd-Frauen“ steht.

Sonntag: Auch die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung kommt nicht umhin, sich mit Friedrich Merz zu beschäftigen. Ich habe keine Meinung zu diesem Mann im Allgemeinen und seiner Eignung als CDU-Vorsitzender im Besonderen. Lebte meine Großmutter väterlicherseits noch, hätte sie über ihn gesagt: „Der kuckt immer so von unten.“ Darin glaubte sie bei ihren Mitmenschen eine gewisse Falschheit zu erkennen.

In derselben Zeitung lese ich das wunderbare, mir (und dem aktuellen Duden) bis heute unbekannte Wort „dazuhin“, welches wohl in etwa „hinzu kommt, dass“ bedeutet, und beschließe, es umgehend in meinen Wortschatz zu integrieren.

Woche 46: Der Wahnsinn wird Routine

Montag: Am Morgen ist der Liebste aufgebrochen zu einer einwöchigen Geschäftsreise in die USA. Das bedeutet wieder eine Woche lang unkontrollierte Selbstgespräche meinerseits.

Ein solches lautete sinngemäß „Warum habe ich nur nichts Vernünftiges gelernt?“, als ich mich morgens ins Werk quälte, ohne die Frage beantworten zu können, was genau den was Vernünftiges wäre. Während ich dergleichen vor mich hin sinnierte, fuhr ein Wagen an mir vorbei mit dem Schriftzug „Bodenarbeit und Coaching mit Pferden“. Das beantwortete die Frage nicht, zeigte aber, dass sich auch andere mit seltsamen Dingen beschäftigen.

Dienstag: „Was hat das Wunschbild für eine Zeitleiste?“, fragt der Kollege in einer Besprechung. Vielleicht war ihm die Wortfolge „Wann soll das umgesetzt sein“ gerade nicht eingefallen.

„Welches Lied könnte der Soundtrack deines Lebens sein?“, fragt Franco Bollo im Blog Quergefönt. Das ist in der Tat eine schwierige Frage. Vielleicht dieses:

Vielleicht wäre das auch etwas vermessen, womöglich ende ich dann wie Thomas Gottschalk, der augenscheinlich auch nicht älter werden will. Während bei den Waldbränden in Kalifornien bislang fünfzig Menschen ums Leben gekommen sind, vermeldet Herr Gottschalk in seinem dortigen Anwesen den Verlust eines handschriftlichen Rilke-Gedichtes und des Holztreppenhauses, „durch das meine Kinder immer getobt sind“, so G. Bemerkenswerterweise schafft er es damit in die Zeitung (und in dieses Blog).

Mittwoch: „Ich bin heute im Kitchen-Office“, sagt der Teilnehmer einer Skype-Konferenz. Der Wahnsinn wird langsam Routine.

Donnerstag: Heute nahm ich einen Tag Urlaub, erstens um dem Wunsch meines Arbeitgebers zu entsprechen, Resturlaub bis zum Jahresende abzubauen, zweitens um zusammen mit vielen anderen alten Männern die Modelleisenbahnmesse in Köln zu besuchen. Bei der Hinfahrt mit der Bahn um kurz nach halb zehn in der Frühe fiel mir auf, dass diese bis auf den letzten Platz besetzt war. Was bewegt so viele Menschen dazu, wenn sie nicht gerade vorhaben, eine Modellbahnmesse zu besuchen, an einem normalen Donnerstagvormittag von Bonn nach Köln zu fahren? Haben die nichts zu tun? Wobei ich letzteres nicht als Vorwurf zu verstehen bitte. Ich glaube, einer der größten Irrtümer liegt in der Annahme, nichts zu tun zu haben bedeute Zeitverschwendung oder Langeweile oder sei überhaupt in irgendeiner Weise schändlich. Jeder sollte das Recht und die Pflicht haben, zeitweise nichts zu tun. „Das muss halt getan werden“ erscheint mir als tragende Begründung für eine Tätigkeit jedenfalls wenig überzeugend.

Es war übrigens sehr interessant auf der Messe. Natürlich nur für den, der sich, wie ich, für so etwas begeistern kann. Aber das ist ja bei allem so.

KW46 - 1

KW46 - 1 (1)

Freitag: Alle Jahre wieder kommt das Christuskind. Alle paar Wochen wieder kommt eine neue Kostenprognose für die Sanierung der Bonner Beethovenhalle. Heute ist es wieder soweit: Aktuell liegt man bei 96,5 Millionen Euro, zudem ist der Termin der Fertigstellung völlig offen. Somit stehen die Chancen, noch in diesem Jahr die 100 zu erreichen, nicht schlecht.

Die Kreiswahlleiterin von Frankfurt heißt übrigens Regine Fehler.

Samstag: Gesangliche Verpflichtungen erforderten heute meine Anwesenheit in Köln. Beim Warten auf die Bahn schaute ich auf dieses Bildschirmdings in der U-Bahn-Haltestelle, das Nachrichten, entbehrliche Informationen und vor allem Reklame zeigt. Während ich die mit Personen im gesetzten Alter bebilderte Werbung für ein Portal namens „Lebensfreunde für die Generation 50+“ zur Kenntnis nahm, wurde mir klar: Scheiße, die meinen mich.

Derselbe Bildschirm lässt mich wissen, dass der arme Thomas Gottschalk, der durch die Brände in Kalifornien nicht nur ein Gedicht und eine Holztreppe, sondern auch zahlreiche Bambis verlor, nun zum Trost einen Überraschungs-Bambi erhält. Wohingegen die mittlerweile über sechzig Toten wohl kaum auf ein neues Überraschungsleben hoffen können.

„Denn besser als Musik (bewusst) zu hören ist es immer noch, Musik selbst zu machen“, schreibt ein gewisser Ulrich Bumann im General-Anzeiger. Der Mann hat mich noch nicht Trompete üben gehört.

Sonntag: Nichts erwähnenswertes, nicht mal ein Kater vom Vortag. Generation 50+ halt.

So bald nicht

Irgendwann muss es doch mal gut sein, sagst du? Mag sein. Irgendwann. So bald indes nicht. Bedenke: Es ist noch keine achtzig Jahre her, und Adolfs Enkel bringen sich schon wieder in Stellung. Dann brauchen sie wieder Sündenböcke, wenn sie ihre Versprechungen nicht halten können und ihre einfachen Lösungen nicht greifen.

Beim nächsten Mal sind es dann vielleicht nicht die Juden, sondern die Rothaarigen, Linkshänder, Vegetarier. Oder wieder die Schwulen (die ja geradezu prädestiniert sind: Durch Kinderlosigkeit tragen sie nichts zur Volksvermehrung bei und haben auch noch mehr Geld, was wiederum Neid weckt, und Neid ist, geschickt eingesetzt, ein erstklassiger Brandbeschleuniger. Außerdem, wie man ja weiß, verbreiten sie AIDS und schänden unsere Kinder. Ach das sind nicht Schwule, sondern Pädophile? Egal, das ist doch alles dasselbe.) Vielleicht du.

Nein, mein Lieber, so bald ist es nicht gut!