Woche 48/2022: Kulturelle Aneignung, katarische Bademäntel, korrekte Mülltrennung und hochgezogene Buntsocken

Montag: Regen ließ mich am Morgen statt des Fahrrades die Bahn zur Anfahrt ins Werk nutzen, das mache ich seit Seuchenausbruch kaum noch. Nicht, weil ich immer noch fürchtete, mich darin zu infizieren, vielmehr weil ich es zu Rad oder Fuß einfach als viel angenehmer empfinde, trotz zunehmend egoistisch und rücksichtslos agierender Verkehrsteilnehmer, dafür mit Bewegung und ohne Fremdgeschwätz und -gerüche. Da der Regen zum nicht allzu späten Feierabend nachgelassen hatte, ging ich zu Fuß nach Hause, heute ausnahmsweise ohne innere Wärmung durch Rast an der Glühweinbude.

Bleiben wir noch ein wenig bei Innenwärmung: »Die Fußbodenheizung ist der Tod für den Baum«, wird ein Weihnachtsbaumverkäufer in der Zeitung zitiert. Das finde ich bemerkenswert, ging ich doch bis heute davon aus, der Tanne Tod sei Folge der gewaltsamen Trennung von Stamm und Wurzel.

Mittags hörte ich die Bezeichnung „Deppenzepter“ für Selfiestange. Sie kennen das vermutlich längst, ich hörte es heute zum ersten Mal und lachte sehr. An einem Montag auch nicht selbstverständlich.

Für Ende November keineswegs selbstverständlich: Ich habe schon recht konkrete Geschenkideen, sonst bin ich nicht gut im Erdenken von Geschenken. (Beim Duden auf Twitter las ich das schöne Wort „poetisieren“, es bedeutet: etwas dichterisch erfassen und durchdringen.) Was soll es – in einem Monat ist Weihnachten überstanden, alle Schenk- und Besuchspflichten erfüllt. Darauf freue ich mich sehr.

Dienstag: Da mich Fußball nicht interessiert, ich erwähnte es, schaue ich mir kein Spiel an. Auch den Sportteil der Zeitung überblättere ich regelmäßig ungelesen. So war es Zufall, der dort mein müdes Auge an einem Artikel über das WM-Spiel Deutschland gegen Spanien vergangenen Sonntag verweilen ließ. Darin wird berichtet über einen gewissen Sandro Wagner, der sich als Kommentator für das ZDF betätigte und dabei wohl die weißwallenden Kutten der einheimischen männlichen Zuschauer als „katarische Bademäntel“ bezeichnete, was sogleich zu Aufruhr in den elektrischen Hetzwerken führte und das ZDF-Sportstudio zur Ankündigung „Wir werden das besprechen“ veranlasste. Herr Wagner zeigte sich unterdessen reuig. Warum eigentlich? Die Welt ist wirklich sehr humorlos geworden.

Einen sehr speziellen Humor zeigt die Deutsche Bahn, die seit sechs Jahren an einer S-Bahn-Verbindung von Köln nach Bonn-Oberkassel baut. Wie erst jetzt bemerkt wurde, vergaß man bei der Planung offenbar eine Brücke in Troisdorf, die für die Einfädelung der neuen Verbindung benötigt wird. Dadurch wird die künftige S 13, deren Baukosten von den ursprünglich veranschlagten fünfhundert auf mindestens siebenhundertfünfzig Millionen Euro ansteigen wird, nach Fertigstellung nur zwischen Troisdorf und Oberkassel pendeln. Wer also mit der S 13 von Bonn rechtsrheinisch zum Flughafen fahren möchte, muss in Troisdorf umsteigen. So lange, bis die fehlende Brücke geplant und gebaut wurde. Da wir uns in Deutschland befinden und man nie weiß, welche seltenen Lurche, Insekten oder Vögel dadurch gestört werden, kann das ziemlich lange dauern. (Man könnte allerdings auch bereits heute umsteigefrei mit der RB 27 fahren.)

Gelesen hier: »Der Mensch ist mitnichten seinem Mitmenschen ein Wolf — er ist ihm vielmehr ein Huhn: Immer wenn einer sich mal konzentrieren will, läuft ihm ein anderer laut gackernd um den Tisch!« – Kenne ich. Jeden Abend, wenn ich ermattet nach Heimkehr aus dem Werk in Ruhe die Zeitung und Blogs lesen will.

Mittwoch: Aus einem Präsentationstitel: »Verbesserung Usability und Enabler für neue Zielgruppen und Use-Cases« – Ein weiterer Grund, weshalb ich mein Gehalt manchmal auch ein wenig als Schmerzensgeld verstehe. Das gilt auch und besonders für das an Dümmlichkeit kaum zu überbietende Wort „cherrygepickt“, gehört in einer Besprechung am Nachmittag.

Mittags im Rheinauenpark

Immer mehr Führungskräfte unseres Unternehmens gefallen sich darin, Jacken aus dem Sortiment der Unternehmenskleidung zu tragen, die eigentlich vorgesehen ist für die Außendienstmitarbeiter, die täglich an der Front bei den Kunden die teils übertriebenen Gehälter der Chefs erwirtschaften. (Ja ich weiß, meins auch.) Kulturelle Aneignung ohne Empörungspotential.

Donnerstag: Kalter Wind aus Nordost ließ mich auf dem Weg ins Werk und zurück einen kühlen Kopf bewahren. Auch wenn das allgemein als durchaus schicklich gilt, holte ich abends die Mütze aus dem Schrank.

Am frühen Abend fuhren zahlreiche Autos wild hupend durch die Innenstadt. Entweder Teilnehmer einer etwas überdimensionierten türkischen Hochzeit oder irgendwer hat beim Fußball gewonnen, was weiß ich.

Später gewann die deutsche Mannschaft das Spiel und war dennoch raus. Würde ich mich für Fußball interessieren, fände ich das empörend.

Freitag: Morgens im Bad äußerte ich mich in unangemessenem Ton. Das tut mir leid, ich bitte den derart Angesprochenen um Verzeihung. Zu meiner Entlastung führe ich an, es macht mich aggressiv, wenn einer, während ich mir die Zähne putze, obwohl wir über ein zweites WC verfügen, reinkommt, sich hinsetzt und … genug. Da fallen schon mal Wörter, die bei Tisch oder in Besprechungen nur sehr selten fallen.

Während der Fahrt mit dem Rad ins Werk war es kalt, doch kam es mir bei weitem nicht so kalt vor wie aufgrund der Wettervorhersage befürchtet. Mittags auf dem Weg zur Kantine fror ich mehr, obwohl es bis dahin nicht kälter geworden war und das Büro alles andere als überheizt ist. Abend auf der Rückfahrt ging es dann wieder. Um es mit Loriot auszudrücken: Offenbar stimmt mit meinem Gefühl was nicht.

Im Büro habe ich einen Adventskalender, dessen zweites Türchen ich heute öffnete. Wobei er streng genommen keine Türchen hat, sondern vierundzwanzig Pappwürfelchen mit Naschwerk darinnen, das nur am Rande. Ich habe diesen Kalender nicht, weil ich Adventskalender auch für Überfünfzigjährige für notwendig erachtete, vielmehr bekam ich ihn geschenkt, und einem geschenkten Kalender schaut man nicht ins … ich kann mir gerade keinen Reim machen. „Gender“ ergibt keinen Sinn, weder hier noch sonst; das ist ein anderes Thema, ich schweife ab. Die Frage ist: Darf man die Samstags- und Sonntagstürchen beziehungsweise -würfelchen bereits am Freitag öffnen oder erst am Montag? Womöglich bringt der vorzeitige Verzehr Unglück, so wie man ja auch nicht jemandem vor dem Geburtstag gratulieren soll. Oder über Kreuz Hände schütteln, wobei man Händeschütteln ohnehin vermeiden sollte, und das nicht nur zur Virenzeit.

Aus den heute-Nachrichten: Deutschland jammert, weil es keine „Fußballnation“ mehr ist. An der Zugspitze beginnt die Skisaison mit zusammengekratztem Schnee aus dem Vorjahr. Der Bundestag debattiert über die Bestrafung der Klimaaktivisten anstatt deren Anliegen. – Irgendwas läuft schief.

Abends gehört & notiert: „Sind dreihundert Milliliter Wasser dreihundert Gramm?“ – „Ja.“ – „Faszinierend.“

Samstag: Mülltrennung halte ich für sinnvoll und notwendig. Doch gibt es nichts, was sich nicht übertreiben ließe:

Gesehen an einer Essigessenzflasche

In welche Tonne gehören die getrennten Bestandteile jeweils, allesamt aus Kunststoff? Man mag sich fragen: Wer macht sich diese Mühe? Wie kompliziert korrekte Mülltrennung ist, sah ich heute Mittag, als ich Altglas entsorgte, selbstverständlich ordnungsgemäß nach Braun-, Grün- und Weißglas getrennt, was bei manchen Weinflaschen nicht ganz so eindeutig ist, deren Glas ein grün-braunes Grau mit einem Stich ins Ockerbeige aufweist. (Macht man das in anderen Ländern auch? In Frankreich nicht, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, dort gibt es erst seit wenigen Jahren überhaupt Altglascontainer, allerdings ohne Farbtrennung.) Vor dem Grünglascontainer stand eine Flasche aus blauem Glas, was deren Vorbesitzer mangels entsprechender Einwurfmöglichkeit offenbar überfordert hatte. Der trennt vielleicht auch Flasche, Deckel und Etikett und legt sie dann vor die gelbe Tonne.

Nachmittags sah ich einen Wagen der Firma Rohrmann, deren Geschäftszweck die Reinigung von Leitungen ist, wie der Beschriftung des Wagens zu entnehmen war. Welchem Gewerbe sie wohl nachgingen, wenn sie Hamacher* hießen? Vielleicht irgendwas mit Humor beziehungsweise Comedy.

*Liebe M., bitte verzeih mir, dieses eine Mal noch.

Sonntag: Seit Tagen, wenn nicht bereits Wochen lag ein nervstrapazierender Piepton über der Inneren Nordstadt. Nicht so ein „Pip-pip-pip“ wie ein Feuermelder oder ein fertigmeldendes Haushaltsgerät, sondern ein etwas tieferer Dauerton. Zwischendurch brach er immer wieder mal für Stunden oder nur Minuten ab, doch kehrte er stets verlässlich zurück und vergällte den Schlaf bei gekipptem Fenster. Weder die Ursache noch die räumliche Herkunft diese kollektiven Tinnitus konnten ermittelt werden. Seit gestern ist er verschwunden, nachts liegt wieder Stille über der Siedlung, abgesehen von den üblichen und unvermeidlichen Geräuschen, die eine Innenstadt so macht, auch nachts.

Heute wurde es nicht richtig hell. Beim Spaziergang zog Kälte durch die leichten Wollhandschuhe und ließ mich frösteln, dabei waren die Pfützen noch nicht einmal eisbekrustet und der Windsack am Freibad hing schlaf herab. Noch mehr fröstelte ich beim Anblick des Radfahrers, der auf der Nordbrücke in kurzen Hosen an mir vorbeifuhr, immerhin mit hochgezogenen Buntsocken.

Auf der anderen Rheinseite war es auch nicht heller:

Die Auen vor Schwarzrheindorf

Gesträuch bei Beuel

Nur am Beueler Ufer ein Leuchten

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Kommen Sie gut durch eine Woche voller innerer Wärme.

Vielleicht kommt es ganz anders

Vorbemerkung: Dies ist meine persönliche Chronik der Corona-Pandemie, die ich Anfang April 2020 zu schreiben begonnen habe, so wie viele es bereits getan haben oder immer noch tun. Daher empfehle ich Ihnen nicht unbedingt, es zu lesen, Sie werden nicht sehr viel Neues darin finden, das sie nicht – vielleicht besser – schon in anderen Blogs und Artikeln gelesen oder selbst geschrieben haben, außerdem ist es sehr lang geraten. Weiterhin ist es nur ein Zwischenstand, die Seuche ist ja noch längst nicht vorüber. Aber auch eine Idee für einen Thriller, falls Sie sowas mögen. (Wenn nicht, sollten Sie ab dem Bild mit den blühenden Kastanien nicht weiterlesen.)

Im Laufe der Zeit wurde der Text immer wieder an die aktuellen Entwicklungen angepasst. Im Übrigen wäre dieses Blog, das ja dazu dient, den alltäglichen Wahnsinn zu dokumentieren, ohne eine Chronik dieser ungewöhnlichen Zeit unvollständig. Falls es in zehn oder zwanzig Jahren mal jemand lesen sollte, sofern es dann das Blog noch gibt, und jemanden, der es lesen will und kann.

(Hoffentlich letzte Aktualisierung: 4. Dezember 2022)

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Als es um den Jahreswechsel 2019/2020 herum hieß, in China sei eine neuartige, rätselhafte Lungenkrankheit ausgebrochen, die zu Todesfällen führt und sich schnell ausbreitet, da war das ungefähr so weit weg wie der Sack Reis, der in China immer wieder mal umfällt. Millionenstädte wurden abgeriegelt, Reisen untersagt, was nur in einem totalitären Staat wie eben China denkbar schien. Die Fernsehbilder von zahlreichen Baggern, die sich scheinbar unkoordiniert auf einer durchwühlten Fläche drehten, angeblich, um innerhalb weniger Tage ein Notkrankenhaus zu errichten, tat ich zunächst als Propaganda der Regierung ab, um der Welt zu zeigen: Wir tun was, haben die Sache im Griff. Dann wurde klar: Die bauen wirklich ein Krankenhaus, nicht nur eins. Die Sache war offenbar ernst.

Kurz darauf wurde vor Reisen nach China, vor allem in die betroffenen Gebiete, offiziell gewarnt. Die menschliche Rationalität erfuhr erste Aussetzer, wie so oft, wenn Unheil droht, wenn auch zunächst diffus und unbestimmbar: Menschen aus China, egal aus welcher Region, Menschen mit asiatischer Physiognomie, egal woher, wurden plötzlich angefeindet und diskriminiert.

Bei uns, wie auch sonst überall außerhalb Chinas, ging das Leben unterdessen seinen gewohnten Gang: Wir fuhren zur Arbeit, auf den Autobahnen die täglichen Staus, wir konsumierten, reisten, machten Kreuzfahrten, feierten Karneval, Partys, spielten und schauten Fußball, machten Skiurlaub, natürlich mit Apres Ski. Die Kalender waren voll mit Terminen, privat wie beruflich: geplante Urlaube, Wochenendausflüge, Dienstreisen. Politiker beschimpften sich wie üblich, die Wirtschaft wuchs, weil Wachstum wichtig ist, Menschen wurden wegen ihres Glaubens, ihrer Hautfarbe oder aus anderen Gründen getötet oder in die Flucht getrieben; der ganz normale Wahnsinn.

Dann kam das Virus näher: Norditalien, Spanien, Österreich, Frankreich. Menschen erkrankten, manche schwer, einige starben. Man relativierte: Schließlich starben jährlich Tausende an der Grippe, im Straßenverkehr und an den Folgen des Rauchens und von Alkohol, da würde es schon nicht so schlimm sein. Dennoch waren Corona und Covid-19 nun jedermann ein Begriff. Es erinnerte an vergangene Epidemien wie Schweinegrippe, Sars, H1N1, EHEC, und wie sie alle hießen, längst vergessen, wann war das nochmal gewesen … Damals hatte es auch geheißen: Husten und Niesen nur in die Armbeuge, Hände möglichst gründlich waschen. Auf Toiletten hingen nun wieder bebilderte Anleitungen zum korrekten Händewaschen. Das ganze hatte etwas von einem Thriller, wie „Der Schwarm“ von Frank Schätzling: Man liest es mit einer Art angenehmem Schauder, ist aber selbst nicht betroffen, weil entweder Fiktion oder weit weg.

Aber so weit weg war es nicht mehr, die ersten Fälle nun auch in Deutschland. In Nordrhein-Westfalen, Kreis Heinsberg, das war nun wirklich nah! Jetzt wurden nicht nur Menschen mit asiatischem Aussehen angefeindet, sondern auch die mit „HS“ als Kfz-Kennzeichen, wenn sie sich über ihre Kreisgrenze wagten. Unterdessen die ersten Einschränkungen des öffentlichen und geschäftlichen Lebens in Italien, Spanien, Österreich und Frankreich, um die weitere Verbreitung des Virus aufzuhalten oder wenigstens zu verlangsamen. Menschen durften sich dort nicht mehr frei bewegen, Geschäfte, die nicht lebensnotwendig waren, mussten schließen, bald auch Kneipen und Restaurants. Krankenhäuser waren überfüllt, Ärzte und Personal an ihren Grenzen. Nicht mehr allen Erkrankten konnte geholfen werden, viele starben, vor allem Alte mit Vorerkrankungen, aber bei Weitem nicht nur die. Drohte uns das bald auch in Deutschland?

Bei uns wurden zunächst Veranstaltungen ab tausend Personen untersagt, kleinere blieben erlaubt; allenfalls wurde empfohlen, darauf zu verzichten. Auch wir fragten uns: Sollten wir wirklich noch zur Feier des sechzigsten Geburtstags des Schwagers nach Bünde fahren? Wir fuhren, es war vorläufig unsere letzte Reise und die letzte größere Ansammlung von Menschen, deren Teil wir waren. Es ging gut, und doch fühlte es sich falsch an, verboten. Das Hotel, in dem wir übernachtet hatten, musste kurz darauf für privat Reisende schließen, wie alle Hotels. In Bünde sah ich erstmals leergekaufte Supermarktregale. Der Thriller wurde realer.

Die menschliche Vernunft ging weiter zurück: Viele hielten sich nicht an die Kontaktbeschränkungen, manche feierten sogar „Corona-Partys“. Und sie kauften Unmengen Toilettenpapier, als hinge ihr Leben davon ab; wochenlang war es Glückssache, noch eine Packung zu erstehen. Außerdem Nudeln und Mehl, warum ausgerechnet Mehl, was machten sie damit? Dabei gab es keine Engpässe in der Versorgung, wie Handel und Politiker nicht müde wurden zu betonen, es war grundsätzlich genug von allem für alle da. Oder wäre gewesen, wenn jeder nur so viel gekauft hätte, wie er benötigte. Der Konjunktiv bekam Konjunktur in diesem Jahr. Das, was wir „zivilisiertes Verhalten“ nennen, erwies sich als ein dünner Faden, der schnell reißt, sobald wir glauben, die Kontrolle zu verlieren, uns übervorteilt oder bedroht fühlen oder schlicht Angst haben.

Ein wenig erinnerte mich die Situation an 1986, als aus Tschernobyl die radioaktive Wolke zu uns kam und wir sehr verunsichert waren wegen dieser unsichtbaren Gefahr, ängstlich unter das nächste Dach liefen, sobald ein paar Regentropfen fielen, kein Wild und keine Waldpilze mehr aßen. Und doch war ich jetzt guter Hoffnung, es würde mich und mir nahestehende Personen nicht treffen. Allein von den Fallzahlen her war die Wahrscheinlichkeit einer Infektion mit schwerem Krankheitsverlauf gering. Noch.

Die Woche darauf verkündete die Bundeskanzlerin erst in einer Pressekonferenz, dann in einer Ansprache ans Volk weitreichende Einschränkungen auch bei uns: Keine Veranstaltungen, keine unnötigen Reisen wie Urlaub, keine Restaurantbesuche, die Wohnung nur noch verlassen, wenn es unvermeidbar ist, wie zur Arbeit oder zum Einkaufen; grundsätzlich maximal zu zweit und mit mindestens eineinhalb Meter Abstand zueinander. Abstand wurde zu einem der meist gebrauchten Wörter des Jahres. Viele Geschäfte mussten nun auch in Deutschland schließen, zudem alle Kneipen, Bars, Theater, Museen, Friseure, Universitäten und Schulen. Keine Konzerte, Gottesdienste, Sportveranstaltungen, sogar die Fußball-Europameisterschaft und Bundesliga wurden abgesagt. Kurz: Alles, wo Menschen zusammenkamen aus nicht lebenswichtigen Gründen. Die meisten Grenzen zu den Nachbarländern wurden geschlossen und Mecklenburg-Vorpommern ließ niemanden aus anderen Bundesländern mehr rein. Der Stillstand bekam einen eigenen Namen, nein zwei: wahlweise „Lockdown“ oder „Shutdown“. Irgendwer fing damit an, bald plapperten es alle nach.

Viele Firmen ordneten, soweit möglich, Heimarbeit an, oder sie stellten den Geschäftsbetrieb ganz ein, wie die großen Autohersteller. Ich selbst wollte und durfte weiterhin ins Büro fahren, fuhr nur noch mit dem Fahrrad dorthin, auch bei Regen und Kälte. Die Stadtbahn mied ich, obwohl die Bahnen anfangs fast leer durch die Gegend fuhren, sicher ist sicher. Ich war froh, noch ins Büro zu dürfen, obwohl ich ebenfalls zu Hause hätte arbeiten können. Es gab meinen Tagen Struktur und die mir wichtige Trennung Arbeit – Privat blieb erhalten. Der Autoverkehr auf den Straßen ging drastisch zurück, die Staumeldungen im Radio fielen ungewohnt kurz aus.

Die Reise- und Tourismusbranche kam fast zum Erliegen, die meisten Flugzeuge blieben am Boden, Kreuzfahrtschiffe lagen fest. Die Natur konnte ein wenig aufatmen. Wie mochte es jetzt in Playa del Ingles auf Gran Canaria sein, wo wir früher so oft waren, einem Ort, der fast ausschließlich aus Hotels und Ferienappartements und einer rein auf den Tourismus ausgelegten Infrastruktur bestand? Gespenstisch leer vermutlich, vor allem nachts.

Ich fragte mich, wie lange die Bevölkerung noch ruhig und zu Hause blieb, den Empfehlungen der Regierung folgte, die beschlossenen und verkündeten Maßnahmen und Einschränkungen akzeptierte. Kam es irgendwann zu Unruhen, Gewalt, Plünderungen? Die Menschen bereiteten mir viel mehr Sorgen als das Virus. Wie lange war die Versorgung mit Lebensmitteln sichergestellt? Hielten die Menschen in den sogenannten „systemrelevanten“ Berufen – Ärzte, Polizisten, Verkäufer, Zusteller, Feuerwehr und andere – noch lange durch? Was passierte, wenn nicht?

Anfang April lebten wir seit drei Wochen im Ausnahmezustand, der mit großer Wahrscheinlichkeit noch einige Wochen anhalten würde, auch wenn die Stimmen nicht nur aus der Wirtschaft laut wurden, dass wir das nicht mehr lange durchhielten. Aber was war die Alternative? Die Zahl der Infektionen stieg weiter, fast 100.000 Fälle und 1.500 Tote, aber immerhin auch 26.000 Genesene in Deutschland; über letztere wurde in den Medien wenig berichtet.

Persönlich empfand ich mich nur wenig eingeschränkt, vielmehr konnte ich der Situation auch durchaus Gutes abgewinnen: In absehbarer Zeit gab es keine Dienstreisen, fast alle privaten Verpflichtungen waren ausgesetzt oder ganz gestrichen. Ich musste abends nicht mehr raus zu Vereinsaktivitäten, die mir schon vor der Pandemie zunehmend lästig geworden waren. Früher waren freie Wochenenden ohne Termine ein Geschenk, nun wurden sie zur Regel. Ich durfte weiterhin spazieren gehen und war gewissermaßen gezwungen, regelmäßig Fahrrad zu fahren. Und ich habe keine Kinder, die ich nun den ganzen Tag bespaßen und beschulen musste, weil sie nicht zur Schule gehen konnten. („Homeschooling“ ist auch eins dieser unsäglichen, nachgeplapperten Wörter, die dieses Jahr hervorgebracht hat.) Ich glaube, wenn ich Kinder hätte, käme ich nachts nicht in den Schlaf aus Sorge um deren Zukunft, auch wenn diese Seuche irgendwann vorüber sein sollte; andere Krisen, allen voran der Klimawandel, gehen weiter.

Natürlich gab es einiges, was ich vermisste: Die Woche Urlaub in Südfrankreich nach Ostern. Die gebuchte Schifffahrt zu „Rhein in Flammen“ Anfang Mai. Restaurantbesuche. Mit Freunden ins Ahrtal fahren, mit anschließender (W)Einkehr. Aber was waren das für Probleme, verglichen mit denen Anderer? Die infiziert oder erkrankt waren. Die bereits Angehörige verloren hatten. Die ihre Lieben im Krankenhaus oder Pflegeheim nicht besuchen durften. Die sich Sorgen um ihre berufliche Zukunft machen mussten. Die irgendwo in einem fernen Land oder auf einem Kreuzfahrtschiff festsaßen und nicht nach Hause konnten. Die in einem Flüchtlingslager lebten. Obdachlose. Nein, uns ging es gut, es fehlte an nichts.

Die Maßnahmen wirkten: Die Zahl der Neuinfektionen ging zurück, im Mai wurden die Einschränkungen teilweise aufgehoben. („Lockerungen“ wurde ein weiteres Wort des Jahres.) Läden, Restaurants, Friseure, Schulen und Kirchen öffneten wieder, unter strengen Auflagen: Sie durften nur mit Mund-Nasen-Schutzmaske betreten werden, deren Wirksamkeit noch wenige Wochen zuvor bei Politikern und Wissenschaftlern umstritten war, was vielleicht auch daran lag, dass es anfangs nicht genug Masken für alle gab. Nun gab es sie in rauen Mengen, von einfachen Einwegmasken bis hin zu modischen Designerstücken mit lustigen Motiven. Beim Betreten der Läden musste man sich die Hände desinfizieren, in Restaurants Namen und Kontaktdaten hinterlassen, zur „Kontaktpersonennachverfolgung“, eine weitere Wortgeburt dieses Jahres. Wir durften also wieder raus, Leute treffen, in die Büros, mit Einschränkungen reisen. Auch Fußballspiele vor reduziertem Publikum waren wieder möglich. Die „neue Normalität“ wurde ausgerufen. Man fuhr und flog wieder in den Urlaub, nach Mallorca, Italien, in die Türkei – die meisten jedoch blieben im Inland. Nord- und Ostseeküste erlebten einen Andrang wie lange nicht mehr.

In der Bevölkerung regte sich Widerstand gegen die angeordneten Maßnahmen, die weiterhin Bestand hatten, allen voran die Maskenpflicht. Das reichte von „ist doch nicht viel schlimmer als eine Erkältung“ bis hin zu absurden Verschwörungstheorien, wonach das Virus nur eine ausgedachte Gefahr war, um das Volk zu versklaven. In Berlin, Stuttgart und anderen Städten gingen die Leute deswegen auf die Straßen, Regenbogenfahnen marschierten neben Reichskriegsflaggen.

Der Sommer wurde heiß, viele junge Leute pfiffen weiterhin auf die Regelungen und Abstand, trafen sich, da Diskos und Clubs geschlossen waren, in Parks, auf Plätzen, am Rheinufer; tranken, feierten, sahen es überhaupt nicht ein, sich einschränken zu lassen. Mehrfach löste die Polizei Ansammlungen auf, was häufig auf Widerstand stieß und immer wieder Gewalt auslöste.

Einige Staatspräsidenten verharmlosten die Gefahr und weigerten sich, Masken zu tragen, gerade solche mit besonders hohen Infektionszahlen in ihrem Land, etwa Brasilien, Großbritannien, die USA oder Weißrussland. Folgerichtig fingen sie sich selbst das Virus ein, wobei nur Boris Johnson, der britische Premierminister, nennenswerte Symptome aufwies, während die anderen – Trump, Bolsonaro, Lukaschenko -, glimpflich davonkamen und hinterher umso überzeugter verkündeten, das Virus sei ungefährlich, obwohl bereits Tausende aus ihrer Bevölkerung daran gestorben waren.

Die meisten jedoch waren vernünftig und hielten sich an die Einschränkungen. Aber was nützte das alles, solange es keine Impfung und kein Medikament gab? Wahrscheinlich müssten wir bestimmte Vorsichtsmaßnahmen noch lange Zeit beibehalten: Hände häufig waschen, keine Umarmungen und Küsschen zur Begrüßung, keine Hände schütteln, Abstand halten. Immerhin: Wenn Händeschütteln durch diese Krise dauerhaft abgeschafft würde, hätte sie wenigstens etwas Gutes bewirkt.

Große Veranstaltungen wurden abgesagt: das Oktoberfest in München, die Karnevals-Session, Weihnachtsmärkte. Dennoch galt es, einen weiteren Stillstand um jeden Preis zu vermeiden, weil man befürchtete, große Teile der Wirtschaft würden den nicht überstehen.

Im Herbst, nach Rückkehr der Urlauber, stiegen die Infektionszahlen wieder an. Zunächst langsam, bald rasant. Fast alle angrenzenden Länder wurden zu Risikogebieten erklärt, wer dorthin reiste, musste hinterher einen negativen Corona-Test vorweisen oder sich in Quarantäne begeben. Einige Länder verschärften die Maßnahmen wieder drastisch, verhängten Ausgangssperren. Auch immer mehr Regionen in Deutschland waren betroffen. Die Bundeskanzlerin beriet sich mit den Ministerpräsidenten der Länder, was zu tun sei, doch es gelang zunächst nicht, sich auf einheitliche Regelungen zu einigen. Die Maskenpflicht wurde verschärft, auch draußen sind seitdem Mund und Nase zu bedecken überall dort, wo viele Menschen sind, vor allem in Fußgängerzonen. Als Brillenträger läuft man nun noch häufiger im Nebel herum. Für die Gastronomie wurde die Sperrstunde eingeführt. Immerhin gab es noch Gastronomie.

Zum November einigten sich Bund und Länder auf neue Beschränkungen, nicht ganz so drastisch wie im Frühjahr: Befristet für zunächst vier Wochen mussten Gaststätten wieder schließen, Veranstaltungen wurden untersagt, maximal fünf Personen aus unterschiedlichen Haushalten durften sich öffentlich treffen. Immerhin gab es keine Ausgangssperren wie in anderen Ländern, zum Beispiel Frankreich. Geschäfte und Schulen blieben geöffnet, der Profisport durfte ohne Zuschauer weiter betrieben werden, vermutlich ließ sich damit auch so noch genug Geld verdienen.

Es gab Hoffnung: Im November meldeten mehrere Unternehmen, einen wirksamen Impfstoff entwickelt zu haben. Doch der musste erstmal zugelassen, in erforderlicher Anzahl hergestellt und verteilt werden.

Die Neuinfektionen gingen unterdessen nicht zurück, täglich meldete das Robert-Koch-Institut eine fünfstellige Zahl an neu Infizierten, auch die Zahl der „an oder mit“ Corona Gestorbenen stieg an. Daher einigten sich Bundeskanzlerin und Ministerpräsidenten auf eine Verlängerung der Maßnahmen, erst bis Ende Dezember (das Weihnachtsgeschäft!), dann bis Anfang Januar; über Weihnachten und Silvester sollte es leichte Lockerungen geben, statt fünf sollten sich vorübergehend zehn Personen treffen dürfen. Einige Städte verhängten nächtliche Ausgangssperren. Die Verrückten demonstrierten unterdessen weiter und faselten von „Diktatur“.

Anfang Dezember mahnten führende Wissenschaftler dringend weitere Beschränkungen an. Gleichzeitig wurden in Großbritannien die ersten Menschen geimpft, was zu Diskussionen und Unverständnis führte, da die EU sich mit der Zulassung noch etwas Zeit ließ; erst nach Weihnachten sollten auch hier die ersten Spritzen gesetzt werden. Unterdessen wurden aufgrund der weiter steigenden Infektionszahlen die Maßnahmen weiter verschärft. Über die Weihnachtstage gab es nur noch geringfügige Lockerungen, die derart kompliziert formuliert waren, dass sie keiner verstand, zu Silvester wurden Ansammlungen in der Öffentlichkeit und der Verkauf von Feuerwerk untersagt.

Die früheren Impfungen nützten den Briten zunächst wenig: Eine Woche vor Weihnachten trat eine neue Variante des Virus auf, die bis zu siebzig Prozent ansteckender sein sollte, nach ersten Erkenntnissen jedoch weder zu schwereren Krankheitsverläufen noch einer erhöhten Sterblichkeit führte. Zur Sicherheit stellten zahlreiche europäische Länder vorübergehend den gesamten Reise- und Frachtverkehr mit Großbritannien ein; kurz darauf stauten sich tausende von LKWs vor Dover. Konsumfreude kollidierte mit Naturgewalt.

Kurz vor dem nächsten Jahreswechsel freuten sich viele, weil dieses schlimme Jahr vorüber ging, obwohl das Ende des vorläufigen Dauerzustandes noch lange nicht absehbar ist. Weiterhin meldet das Robert-Koch-Institut für Deutschland täglich Neuinfektionen in fünfstelliger Zahl. Weltweit hatten sich fast 83 Millionen Menschen mit dem Virus infiziert, über 1,8 Millionen davon sind gestorben. Deutschland stand mit rund 1,7 Millionen Infizierten und dreiunddreißigtausend Toten noch vergleichsweise gut da. Einige klagten vor Gericht, weil sie zu Silvester keine Raketen abfeuern durften und bekamen sogar Recht, weil die Richter keinen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Feuerwerk, Infektions- und erhöhter Knallkörperverletzungsgefahr sahen.

Immerhin: Der Stuttgarter Initiator der zweifelhaften Bewegung, die sich selbst als „Querdenker“ bezeichnet, hatte angekündigt, bis auf weiteres auf Demonstrationen zu verzichten. Die LKW, die sich vor Weihnachten in England stauten, durften ihre Fahrt fortsetzen. Und in Europa sind die Impfungen angelaufen, als erstes alte Menschen in Pflegeheimen und medizinisches Personal; in den Nachrichtensendungen wird ungefähr alle zwei Minuten eine Nadel in einen Oberarm getrieben.

Schon kurz nach Weihnachten wurden Zweifel laut, dass die Beschränkungen wie geplant nach dem 10. Januar teilweise zurückgenommen werden können. Anfang Januar trafen sich wieder Bundeskanzlerin und Ministerpräsidenten und sie beschlossen, die Maßnahmen bis Ende Januar zu verlängern, mehr noch: Nun durften wir uns nur noch mit einer haushaltsfremden Person treffen und man erwog, den Bewegungsradius von Menschen in besonders stark betroffenen Gebieten auf einen Umkreis von fünfzehn Kilometer um den Wohnort zu beschränken. Das wurde heftig kritisiert, da weder klar war, ob mit Wohnort die konkrete Adresse des Einzelnen oder die Gemeinde-/Stadtgrenzen gemeint waren, noch wie das durchzusetzen und zu kontrollieren sei. Heftig kritisiert wurde auch der Gesundheitsminister, weil die Impfungen wegen zu wenig Impfstoff nur schleppend anliefen. Unterdessen starben in Deutschland täglich mehr als tausend Menschen wegen Corona.

Da im Laufe des Februars die Zahlen sanken, wurden Lockerungen ab Anfang März beschlossen, die kaum einer richtig verstand, mit „Notbremse“ bei schlechter Entwicklung. Friseure durften wieder Haare schneiden (was für manche Menschen scheinbar wichtiger war als Lebensmittel und Klopapier), Einzelhändler durften wieder ihre Läden öffnen, allerdings nur nach Terminvereinbarung, wofür das nächste Wortungetüm „Click & Meet“ geschaffen wurde. Gegen jede Vernunft und ohne ausreichende Testmöglichkeiten wurden Schüler wieder zum Präsenzunterricht einberufen. Unterdessen lief das Impfen weiterhin sehr schleppend; während andere Länder wie Israel, sogar Amerika und England schon sehr weit waren und unter anderem Außengastronomie ermöglichten, stritt man in Deutschland darüber, wer wann wen wo und womit impfen durfte. Vor allem fehlte es nach wie vor an ausreichend Impfstoff. Hinzu kam ein Skandal, weil mehrere CDU-Abgeordnete im vergangenen Jahr in unlautere Geschäfte mit Schutzmasken verstrickt waren, die sie ihr Mandat und die Partei erhebliche Stimmen bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz kosteten.

Während Urlaubsreisen im Inland weiterhin nicht möglich waren, galt Mallorca nicht mehr als Risikogebiet, woraufhin sich Tausende auf den Weg dorthin machten, trotz Maskenpflicht und ab dem frühen Abend geschlossenen Kneipen und Restaurants. Hauptsache mal raus. Die Festland-Spanier durften ihre Städte und Regionen unterdessen weiterhin nicht verlassen.

Wenig überraschend stieg die Zahl der Neuinfektionen im März wieder stark an, vor allem auch wegen der neuen Virus-Varianten. Daher zogen Bundeskanzlerin und Ministerpräsidenten Mitte März die Notbremse, die sie nach heftiger Kritik aus der Wirtschaft bereits zwei Tage später wieder etwas lockern mussten. Erstmals in der Geschichte äußerten sie unverblümt Selbstkritik und baten für ihre Fehlentscheidung um Entschuldigung. Das Vertrauen der Bevölkerung in die Politiker war schwer beschädigt und niemand wusste mehr genau, was noch erlaubt war und was nicht.

Deshalb wurde Ende April das Bundesinfektionsschutzgesetz angepasst, wieder war ein neues Wort geboren: die „Bundesnotbremse“. Unter anderem galt nun einheitlich für Städte und Kreise mit einem Inzidenzwert über 100 Infizierte je 100.000 Einwohner (somit fast alle) eine nächtliche Ausgangssperre zwischen 22 und 5 Uhr, wobei spazieren und laufen auch noch bis 24 Uhr erlaubt war. Die meisten Geschäfte durften Waren nur noch zur Abholung anbieten, andere wie Friseure durften nur mit einem tagesaktuellen negativen Testergebnis betreten werden. Arbeitnehmer waren grundsätzlich zur Heimarbeit verpflichtet, wenn es die Tätigkeit zuließ.

Unterdessen breitete sich in Indien nach religiös-rituellen Massenbädern im Ganges eine neue Variante aus, die täglich zu tausenden Neuinfektionen und Toten führte. Das Gesundheitssystem kollabierte, man kam kaum noch hinterher, die Leichen zu verbrennen.

Bei uns hingegen zeigte die „Bundesnotbremse“ Wirkung – die Zahl der Neuinfektionen ging zurück, zunächst nur langsam, dann deutlich. Gleichzeitig stieg die Zahl der Geimpften, zumal neben den Impfzentren auch Haus- und Betriebsärzte endlich impfen durften. Läden und Außengastronomie öffneten wieder, vorläufig durften sie nur mit einem aktuellen negativen Testergebnis betreten werden. Deshalb öffnete an jeder zweiten Straßenecke eine Teststation, offenbar ein einträgliches Geschäft, was manche Betreiber motivierte, es mit der Zahl der gemeldeten Tests nicht allzu genau zu nehmen und großzügig aufzurunden.

Mit weiter sinkenden Zahlen entfiel die Testpflicht für Geschäfte und Gastronomie, im Freien mussten keine Schutzmasken mehr getragen werden – einige taten es erstaunlicherweise dennoch weiterhin. Arbeitnehmer durften wieder in die Büros zurückkehren, viele arbeiteten dennoch lieber weiterhin zu Hause, wenn ihre Chefs sie ließen. Und man fuhr und flog wieder in den Urlaub in andere Länder. Fast fühlte es sich wieder „normal“ an, was immer mehr Leute dazu brachte, ihren zweiten Impftermin nicht wahrzunehmen; an manchen Tagen war bei den Impfstellen mehr Impfstoff vorhanden als Impfwillige. Ein neuer Begriff war geboren: „Impfschwänzer“.

Anders entwickelten sich die Zahlen in anderen Ländern, etwa England und Portugal, wo sich die hochansteckende indische Variante, inzwischen umbenannt in „Delta“, um die Inder nicht zu diskreditieren, schnell ausbreitete. Das hielt die UEFA nicht davon ab, die im letzten Jahr verschobene Europameisterschaft nachzuholen, vor Publikum in teilweise voll besetzten Stadien. Fußballfans ohne Masken jubelten und fielen sich in die Arme, zogen später in Feierlaune durch die Städte. Immerhin, dank der Impfungen stieg die Zahl der schweren Erkrankungen und Todesfälle nicht stark an.

Für den Herbst rechnete man indessen fest mit einer vierten Welle. Zu recht: Dank Delta rollte sie bereits ab August über uns hinweg. So richtig schien das trotz stark ansteigender Neuinfektionen vor allem bei jüngeren Menschen niemanden mehr zu kratzen; von möglichen Einschränkungen sprach kurz vor der Bundestagswahl niemand, für die sogenannten „3G“ (Genesene, Geimpfte und Getestete) standen wieder alle Türen offen, was Unmut bei den Impfunwilligen erzeugte. Die Zahl der schweren Krankheitsverläufe und Todesfälle stieg weiterhin nur moderat.

Unterdessen wurde darüber gestritten, ob Arbeitgeber zur Planung von Präventionsmaßnahmen bei ihren Mitarbeitern den Impfstatus erfragen dürfen. Laut Gegnern verstieß diese Frage gegen die persönliche Selbstbestimmung und sie könnte die weit befürchtete „Impfpflicht durch die Hintertür“ fördern.

Das änderte sich, als im November die Zahlen dramatisch anstiegen. Während am Elften im Elften Fernsehbilder von Straßen und Plätzen voller bunt kostümierter Narren und Jecken in Köln verstörten, meldete das Robert-Koch-Institut erstmals Tageswerte von über 50.000 Neuinfektionen, und das war erst der Anfang. Die Krankenhäuser beklagten wieder volle Intensivstationen, notwendige Verschiebungen von Operationen und Pflegekräfte am Ende ihrer Kräfte, wenn sie noch nicht gekündigt hatten. Noch immer waren viel zu viele Menschen ungeimpft, obwohl genug Impfstoffe für alle vorhanden war; manche hatten immer noch Bedenken wegen vermeintlicher Spätfolgen, andere sahen in einer Impfung einen unzulässigen Angriff auf die persönliche Freiheit und körperliche Unversehrtheit. Besonders dramatisch war die Lage in Sachsen und Bayern, deshalb wurden dort, ebenso wie in Österreich und den Niederlanden, wieder weitreichende Einschränkungen des öffentlichen Lebens und Schließungen angeordnet, Weihnachtsmärkte abgesagt, bereits aufgestellte Buden wieder abgebaut. In Österreich und Holland kam es wegen der Maßnahmen zu teilweise schweren Ausschreitungen.

Nicht nur Ungeimpfte, auch zweifach Geimpfte infizierten sich, das neue Wort „Impfdurchbruch“ verbreitete sich. Immerhin verhinderte die Impfung zumeist schwerere Krankheitsverläufe und Todesfälle. Wie sich zeigte, reichte „3G“ nicht aus, um die weitere Ausbreitung zu verhindern. Selbst auf Veranstaltungen mit „2G“, also nur Geimpfte und Genesene hatten Zutritt, kam es zu Ausbrüchen. Daher wurden viele Veranstaltungen unter „2G Plus“ durchgeführt, also geimpft oder genesen und zusätzlich getestet. Ein Problem war die oft nur lückenhafte Kontrolle der Maßnahmen.

Die Anordnung von „2G Plus“ zeigte Wirkung: Vor Impfstationen und -bussen bildeten sich lange Schlangen, Hausärzte konnten die Anfragen kaum bewältigen. Die Impfzentren waren unterdessen bereits größtenteils abgebaut worden. Viele Menschen ließen sich, zunächst nur für Ältere und Gefährdete, später für alle empfohlen, zum dritten Mal impfen; hierfür etablierte sich der Begriff „Boosterimpfung“ bzw. „boostern“.

Die „Politik“ agierte hilflos und zögerlich. Auch, weil nach der Bundestagswahl im September die alte Bundesregierung nur noch geschäftsführend und wenig ambitioniert im Amt war, während sich die neue „Ampelkoalition“ noch in der Findung befand. Immerhin schaffte man es, ein neues Infektionsschutzgesetz zu beschließen. Erstmals war die Impfpflicht, zumindest für bestimmte Berufsgruppen, kein Tabu mehr, und Arbeitgeber duften ihre Mitarbeiter zum Impfstatus befragen, zudem mussten sie „3G“ am Arbeitsplatz sicherstellen und wieder Heimarbeit ermöglichen.

Für den Bonner Weihnachtsmarkt, der immerhin stattfand, galt „2G“, für die Innenstadt wurde wieder die generell Maskenpflicht angeordnet. Die Gastronomie litt, weil viele Weihnachtsfeiern sowie Karnevalsveranstaltungen abgesagt wurden. Die Aussichten für das bevorstehende Weihnachtsfest und die Karnevalssession waren wenig optimistisch.

Ende November 2021 kam eine neue Variante auf, bezeichnet als „Omikron“. (Eigentlich hätte sie „Xi“ heißen müssen, aber man wollte den chinesischen Präsidenten nicht verärgern.) Omikron war noch viel ansteckender als die Delta-Variante und breitete sich trotz hektisch angeordneter Einschränkungen des Reiseverkehrs rasend schnell auf der ganzen Welt aus. Doch sie führte zu wesentlich milderen Verläufen, vor allem bei Geimpften. Trotz Neuinfektionen in sechsstelliger Höhe täglich blieben überlastete Intensivstationen die Ausnahme.

Ebenfalls nicht überlastet waren die noch bestehenden Impfzentren; trotz eines neuen Impfstoffes, der auch die Skeptiker überzeugen sollte, ließen sich nur noch wenige Menschen impfen. Auch im März 2022 waren noch immer über vierzig Prozent der deutschen Bevölkerung nicht vollständig geimpft. Zu einer allgemeinen Impfpflicht konnte man sich weiterhin nicht durchringen, sie wurde nur für bestimmte Berufsgruppen in der Pflege und im Gesundheitswesen eingeführt, was zu teilweise erheblichen Protesten der zu Impfenden führte.

Immer mehr Leute auch aus dem eigenen Bekanntenkreis infizierten sich, bei den meisten war es dank Impfung nicht schlimmer als eine Erkältung und schnell überstanden. Die Corona-Warnapp zeigte dauerhaft „rot“, was man mit nicht viel mehr als einem Schulterzucken zur Kenntnis nahm. Wer positiv getestet wurde, blieb ein paar Tage zu Hause.

Obwohl die Zahl der Neuinfektionen täglich neue Rekordwerte erreichte, wurden im März 2022 auf Drängen der FDP und trotz Protest der Bundesländer per neuem Infektionsschutzgesetz die meisten Einschränkungen aufgehoben. Maskenpflicht bestand nur noch in bestimmten geschlossenen Räumen und öffentlichen Verkehrsmitteln, die Gastronomie durfte wieder auch von Ungeimpften mit negativem Testergebnis besucht werden, die Pflicht der Arbeitgeber zur Ermöglichung von Heimarbeit wurde aufgehoben. Während die einen trotzdem weiterhin auch im Freien Maske trugen, sprachen andere vom „Freedom Day“. Sie betrachteten die Corona-Pandemie nach zwei Jahren als beendet.

Ende März 2022 erwischte es auch mich und meine Lieben. Als es im Hals zu kratzen anfing wie bei einer aufkommenden Erkältung, machte ich einen Selbsttest, der den zweiten Strich aufwies und kurz darauf durch einen amtlichen Schnell- und PCR-Test bestätigt wurde. Wann und wo genau ich mich infiziert hatte, wusste ich nicht, es war auch nicht so wichtig.

Während meine Lieben, gleichfalls positiv getestet, fast keine Symptome aufwiesen, verbrachte ich vier Tage mit so etwas wie einer mittelschweren Erkältung im Bett. Danach wurde es mit jedem Tag besser, und doch dauerte es fast zwei Wochen, bis der Test wieder negativ war. Danach fühlte ich mich nahezu unverwundbar – dreimal geimpft und einmal genesen konnte mir das Virus vorläufig nicht mehr gefährlich werden. Hinzu kam, dass im öffentlichen Leben die meisten Maßnahmen zurückgenommen wurden, Restaurants konnte man wieder ohne Impf- oder Testnachweis besuchen und man musste keine Maske mehr tragen. Konzerte, Karneval, Veranstaltungen, Volksfeste und Weihnachtsmärkte können seitdem ohne Einschränkungen besucht werden. Nur in öffentlichen Verkehrsmitteln und Gesundheitseinrichtungen bestand (und besteht) weiterhin Maskenpflicht. Bei allem ist mir bewusst: Es hätte anders kommen können. Mein Bruder etwa, ungefähr zur gleichen Zeit infiziert wie ich, hat bis heute (Dezember 2022) seinen Geschmackssinn nicht vollständig wieder erlangt, und das ist noch eine der eher harmlosen möglichen Langzeitfolgen. Auch dafür gibt es ein Wort: Long Covid.

Selbst in China deuten sich Lockerungen der bislang extrem strengen Schutzmaßnahmen an, nachdem die Bevölkerung dagegen aufbegehrt hat, wochenlang ihre Wohnungen nicht verlassen zu dürfen und in Isolationskliniken zwangseingewiesen zu werden. Die bislang praktizierte und mit aller Härte der Staatsgewalt durchgesetzte Null-Covid-Strategie mit all ihren negativen Auswirkungen auch auf die Wirtschaft gerät ins Wanken. Dort, wo Anfang 2020 alles begonnen hatte.

***

Inzwischen verhalten wir uns, als sei das Virus besiegt, manche glauben das auch. Wir sind wieder übergegangen zum üblichen Irrsinn, machen weiter wie vorher, reisen, konsumieren, zerstören die Umwelt, wandeln das Klima, Hauptsache wir haben Wachstum. Reiche werden reicher, Arme ärmer, und wir Menschen werden immer mehr. Alles wie gehabt.

Aber vielleicht kommt es ganz anders. Hätte ich Talent und Lust, einen Thriller zu schreiben, dann etwa so:

Es gibt acht Milliarden Menschen auf der Erde, mit den bekannten Auswirkungen auf Natur und Klima, und es werden immer mehr. Dabei vermehren sich augenscheinlich diejenigen besonders stark, die es sich am wenigsten leisten können: die Ärmsten in Afrika, RTL-Zielgruppenzugehörige, die sich durch absurde Frisuren und Haarfärbungen, Tätowierungen bis zum Hals und Metallteilen in verschiedensten Körperteilen selbst den Weg zu großen Teilen des Arbeitsmarktes verbauen; selbst in Flüchtlingslagern, wo Menschen teilweise seit Jahren festsitzen und vermutlich andere Sorgen als die Arterhaltung haben, werden neue Menschen geboren.

Vielleicht ist Corona nur ein Auftakt, ein Vorgeschmack auf etwas kommendes Großes. Kaum, dass wir die Krise überwunden glauben und da weitermachen, wo wir vorher aufgehört haben, entsteht eine neue Mutation des Virus. Zunächst unbemerkt, da über Monate keine Symptome auftreten, breitet es sich rasend schnell aus. Als man begreift, dass wiederum ein Virus die Ursache für eine neue, rätselhafte Erkrankung ist, ist es zu spät. Man kann ihm nicht entgehen, nirgendwo, es ist nahezu auf der ganzen Welt. Reihenweise erkranken die Menschen weltweit schwer, anders als bei Covid-19, wo ein hoher Anteil nur leichte oder gar keine Symptome zeigte, trifft die neue Form alle, die sich infiziert haben. Innerhalb weniger Tage bricht das Gesundheitssystem zusammen, die Sterblichkeit liegt bei über fünfzig Prozent. Geschäftliche Aktivitäten werden in kürzester Zeit eingestellt, die Grundversorgung mit Strom, Internet, Wasser und Lebensmitteln kommt zum Erliegen. Das, was wir Zivilisation nennen, hört auf zu existieren, es herrscht einzig das Recht des Stärkeren. Staat und Politik lösen sich auf, auch auf die „Rechten“ und „Querdenker“, die anfangs noch Schuldige ausgemacht hatten und einfache Lösungen wussten, hört niemand mehr. Globalisierung und Gendersternchen sind nur noch Begriffe ohne irgendeine Bedeutung.

Während in den Parks die Kastanien in voller Blüte stehen, sterben innerhalb weniger Wochen mehrere Milliarden Menschen, vor allem in den hoch entwickelten, technikabhängigen Industrieländern. Ganze Städte sind menschenleer, stattdessen wühlen Wildschweine in den Vorgärten der Villenviertel.

Vielleicht erleben wir gerade das Ende der Menschheit, wir wissen es nur noch nicht. Nicht der Klimawandel oder ein Atomkrieg löscht uns aus, sondern ein Virus. Acht Milliarden Menschen, die sich benehmen, als wären sie die einzige Spezies von Bedeutung, der sich alles andere unterzuordnen hat, die sich immer weiter vermehren – vielleicht ist es damit bald vorbei, und die Weltherrschaft geht über an Ameisen oder Ratten. Vielleicht beherrschen die auch längst die Welt, wir haben es nur noch nicht bemerkt.

Woche 47/2022: Mopsfilet im Blätterteigmantel

Montag: Der Werktag begann mit einer Besprechung bereits um acht Uhr und endete mit einer solchen, die bis fast siebzehn Uhr ging. Daran gemessen war die Tageslaune erstaunlich gut.

Für die zahlreichen Rückmeldungen auf meine Betrachtungen der vergangenen Woche danke ich sehr. Wie ich von Frau Christine erfuhr, ist meine geschilderte Abneigung gegen Koriander genetisch bedingt, das war mir bislang nicht bekannt. Für die einen schmeckt er (mutmaßlich) nach Seife, für andere ganz passabel. So ähnlich wie die Sache mit der Spargelpipi, also nicht der Geschmack (das vielleicht auch, bei sehr speziellen Vorlieben, ich möchte das nicht weiter vertiefen), sondern der Geruch, der nur bei bestimmter genetischer Veranlagung der Produzenten entsteht. Oder wahrgenommen wird – wie auch immer.

Gänzlich unbekannt war mir bis heute auch der Name Amalberg, dessen Träger laut Zeitung heute Namenstag haben. Wie immer bin ich zu bequem, zu recherchieren, ob so wirklich jemand heißt, und warum. Klar, weil die Eltern das dem Standesbeamten in die Urkunde diktiert haben. Aber wie kamen sie darauf?

Seit jeher, nicht nur zu Zeiten irgendwelcher Meisterschaften und Ligen, graust es mich, wenn in geschäftlichen Zusammenhängen jemand sagt „Das ist wie beim Fußball“ und dann einen albernen Vergleich zum gerade behandelten Thema zieht. Nicht nur mich:

(Bitte klicken Sie auf das Bild, weiter unten kommt noch was.)

Im Übrigen nahm die Telekom heute die letzten Münzfernsprecher außer Betrieb, womit ein weiteres schönes deutsches Wort demnächst nur noch im Lexikon der ausgestorbenen Wörter zu besichtigen ist. Außerdem ist heute Tag des Fernsehens, hörte ich gerade im Radio. Auch das noch.

Dienstag: Morgens ging ich zu Fuß ins Werk. Beim Gehen kann ich wunderbar über verschiedenes nachdenken. Heute dachte nicht besonders intensiv nach, da es nichts Spezielles zu bedenken gab. Stattdessen erfreute ich mich an dem durchaus angenehmen Ohrwurm, der beim Wecken aus dem Radio in mein Hirn gekrochen war.

Die Flecken sind übrigens keine Verunreinigung des Bildes, was nach Ablösung von Dias durch Digitalbilder ohnehin nur noch selten vorkommt, sondern Kondensstreifen (Mitte) und Vögel (rechts)

Der Rückweg führt am Mutterhaus vorbei durch den nördlichen Ausläufer des Rheinauenparks, ehe man an den Rhein gelangt. Dort, in dem Parkausläufer, ging abends eine Frau einige Meter vor mir her. Hinter einer Wegabzweigung, an der ich rechts abbog zum Rheinufer, sie indes geradeaus weiter gegangen war, blieb sie plötzlich stehen und führte einige Schritte aus, die an Stepptanz erinnerten, freilich ohne das typische Klackediklackediklack, vielmehr ein Scharredischarredischarr, da sie die Tanzschritte auf Kiessand statt auf Parkett vollzog. Vielleicht kam sie gerade von einem Tanzkurs und wollte das soeben Erlernte noch einmal kurz vertiefen. Augenscheinlich hatte sie mich hinter sich nicht bemerkt; wenn man sich unbeobachtet fühlt, tut man ja manchmal merkwürdige Dinge, ich kenne das von mir selbst, ohne das weiter ausführen zu wollen.

Am Rheinufer kam mir ein jüngeres gemischtes Paar eingehakt entgegen. Wenige Meter vor unserer Begegnung griff sie an die ihr abgewandte Wange ihres Begleiters und zog sein Gesicht zu sich hin, um einen Kuss anzufordern und zu bekommen, keinen langen Knutscher Jungverliebter, sondern einen kurzen Wegekuss. Als wollte sie signalisieren, dass sie bereits vergeben ist. Vielleicht hatte sie mich auch durchschaut und wollte mir zu verstehen geben, dass er vergeben ist. Die Welt ist voller Missgunst.

Mir selbst gönnte ich am Rheinpavillon einen Glühwein mit Amaretto, heute in weiß; dazu wurden Spekulatius gereicht.

Im Zwiebelblog las ich erstmals das herrliche Wort „Wortkörperschonung“. Es bezeichnet übrigens nicht eine Ansammlung in Reihe gepflanzter Wortstämmchen, auf dass sie dereinst zu langen Wörtern und ganzen Sätzen heranwachsen.

Mittwoch: In der Zeitung las ich erstmals das Wort Absentismus. Im Netzduden steht als Bedeutung, nachdem man sich der Werbung erwehrt hat: »gewohnheitsmäßiges Fernbleiben vom Arbeitsplatz«. Somit etwas, das als mittelfristiges Lebensziel erstrebenswert erscheint.

Klaus S. aus St. S. nimmt in einem Leserbrief an den Bonner General-Anzeiger daran Anstoß, als Nutzer der öffentlichen Verkehrsmittel nicht mehr als Fahrgast bezeichnet zu werden, sondern als Mitfahrender. »Bin ich als Restaurantgast denn heutzutage auch ein Mitesser?« fragt er am Ende. Nein, lieber Herr S., Mitessender.

Als Fahrradfahrender wurde ich abends auf der Rückfahrt vom Werk nass geregnet, woran ich indes keinen Anstoß nehme. Als praktizierender Absentist wäre mir das nicht passiert.

Am Montag der 42. Woche berichtete ich über die obsolete Operation am rechten Ellenbogen, weil mein Körper die Sache in der Zwischenzeit selbst erledigt hatte. Hierüber erhielt ich heute eine Rechnung der Chirurgischen Praxis über 17,70 Euro. Für knapp zehn Sekunden Anschauen und die Anmerkung „Da haben Sie Glück gehabt“ recht ordentlich.

Donnerstag: Der Radiosender WDR 4 rief heute auf zum „FEIER-DEIN-EINZIGARTIGES-TALENT-TAG“. (Ja, da fehlt ein E, ist mir auch aufgefallen, aber so steht es auf deren Internetseite.) Hörer sollten sich melden und erzählen, was sie besonders gut können. Während des Fußweges ins Werk dachte ich darüber nach, wegen was ich dort anrufen könnte, wenn mir derlei Rundfunkgeschwätz fremder Leute nicht grundsätzlich zuwider wäre. Das Ergebnis meiner Überlegungen war ernüchternd, mir fiel nichts ein. Es mag ein paar Dinge geben, die ich ganz gut kann, etwa Rechtschreibung einschließlich korrekter Verwendung von -s, -ss und -ß, mir per Mnemotechnik meine Kreditkartennummer merken oder den Zauberwürfel entzaubern; auch in beruflicher Hinsicht zeigten sich meine Chefs bislang zufrieden mit meinen Leistungen. Doch findet sich nichts darunter, das besonders hervorsticht, eher ist in allem, was ich tue, Mittelmaß meine Richtschnur. Sollte ich indessen meine Inkompetenzen aufzählen, fiele mir spontan vieles ein, zum Beispiel Autofahren, Trompete spielen oder Kinder hüten. Daher hat dieser Talentfeiertag für mich eine Relevanz wie Mariä Lichtmess oder Bundesligafinale.

Morgens gesehen an einem städtischen Laubsammelwagen

„Wir hatten einen smoothen Hochlauf“ hörte ich in einer Besprechung und nahm es auf in die Liste, die bei der Gelegenheit aktualisiert wurde und mittlerweile über fünfhundert Einträge enthält. Vielleicht zählt das auch als Talent.

Freitag: „Wie gehts dir“, wurde ich gefragt. Nun: Während andere vor Hunger und Kummer nicht in den Schlaf kommen, ist an manchen Tagen meine größte Sorge, was ich heute ins Blog schreiben soll. Ich glaube, es geht mir ganz gut.

Auf dem Bonner Weihnachtsmarkt gibt es jetzt eine Hundebäckerei. Liebhaber von Mopsfilet im Blätterteigmantel muss ich allerdings enttäuschen: Es ist nur Gebäck für des Menschen besten Freund im Angebot. Vielleicht Pansenplätzchen, ich habe mangels Haustier nicht genauer geschaut.

Samstag: Wie die Zeitung mehrspaltig berichtet, ist man in Wachtberg-Ließem empört, weil auf einem Straßenabschnitt wegen Asphaltmängeln die zulässige Höchstgeschwindigkeit auf dreißig Stundenkilometer reduziert wurde und die Polizei deren Einhaltung zu allem Übel nun auch noch kontrolliert hat, wobei jeder fünfte Wagen zu schnell fuhr. Der Ließemer Ortsvorsteher zeigt sich befremdet: Zahlreiche „abgezockte“ Bürger hätten sich bereits bei ihm gemeldet und „absolutes Unverständnis für die Maßnahme“ geäußert. Nicht empörend, vielmehr verwunderlich finde ich, wie breit die Zeitung darüber berichtet und dabei gewisses Verständnis für die Zuschnellfahrer durchklingen lässt. Der Artikel endet mit dem Satz »Das städtische Presseamt beantwortete am Freitag eine Anfrage zur Ließemer Straße bis Redaktionsschluss nicht.« Warum sollte es auch.

Sonntag: Wieder eine Woche beendet ohne nennenswerte Imponderabilien.

Beendet habe ich auch die Lektüre des Buchs „Von der Nutzlosigkeit erwachsen zu werden“ von Georg Heinzen und Uwe Koch aus dem Jahre 1985, das ich vor längerer Zeit einem öffentlichen Bücherschrank entnahm. Dabei handelt es sich nicht um einen Ratgeber im Sinne von „Auch im fortgeschrittenen Alter jung bleiben“, vielmehr ist es ein Roman und beginnt so:

»Ich bin nicht Lokomotivführer geworden. Alles ist anders gekommen, als ich gedacht habe. Ich bin auch nicht Präsident geworden oder Urwalddoktor, nicht einmal Studienrat. Eigentlich bin ich gar nichts geworden.

Ich bin nicht Vater, nicht Ehemann, nicht ADAC-Mitglied. Ich habe keinen festen Beruf und kein richtiges Hobby. Mir fehlt alles, was einen Erwachsenen ausmacht, die Aufgaben, die Pflichten, die Belohnungen. Ich bin kein Vorgesetzter und keine Autoritätsperson, ich habe keinen Dispositionskredit und trage keinerlei Unterhaltslasten, außer für mich selbst.«

Nach längerer Zeit mal wieder ein Buch, bei dem ich bedauerte, dass es zu Ende war. Es kommt vorläufig nicht zurück in den öffentlichen Bücherschrank.

***

Kommen Sie gut durch die neue Woche, auch wenn die deutsche Mannschaft bei der Fußballweltmeisterschaft ausgeschieden ist. (Zum Zeitpunkt dieser Niederschrift, 17:30 Uhr, steht das Spiel noch bevor. Ich werde es mir nicht anschauen, so wie ich mir niemals Fußballspiele anschaue, egal wo und warum sie stattfinden, weil mich Fußball nicht interessiert. Das soll mich nicht daran hindern, einen Tipp abzugeben.)

Woche 46/2022: Wenn man sich wohlfühlt und Schweinefutterzusatzstoff als Zufluchtsort

Montag: Gewundert, mal wieder, über Kollegen, die ohne Not sonntags Mails schreiben.

Nach Feierabend suchte ich ein namhaftes Kaufhaus in der Bonner Innenstadt auf. Dort ist nun ein Teil der Rolltreppen außer Betrieb genommen worden, zur Energieersparnis, wie große, direkt vor den stehenden Treppen angebrachte Tafeln verkünden. Deswegen sind die stehenden Stufen nicht zugänglich, die Treppen somit auch als Nichtrolltreppen unbenutzbar. Stattdessen ist der Konsument, je nachdem, von welcher Seite er kommt, genötigt, nach Ankunft in der nächsten Etage eine Runde durch die Abteilung zu gehen, um per noch rollender Treppe ins nächste Stockwerk zu gelangen. Als Gernegeher beanstande ich das nicht, vielmehr frage ich mich, warum man überhaupt nur per Rolltreppe ins nächste Stockwerk gelangt, warum gibt es nicht auch ganz normale Treppen? Vermutlich gibt es die, irgendwo versteckt, wo man sie nicht auf Anhieb findet. Ich bin der Meinung, für Menschen ohne körperliche Einschränkungen oder unhandliche Traglasten gibt es keinen vernünftigen Grund, überhaupt eine Rolltreppe zu benutzen; Aufzüge erst ab fünf Stockwerken.

Dienstag: Erstmals kam es zu einem persönlichen Treffen mit Leuten eines IT-Dienstleisters, mit denen ich seit fast zwei Jahren gut und gerne zusammenarbeite und die ich bislang zwar regelmäßig, aber nur virtuell traf, und von denen ich zumindest teilweise nicht einmal wusste, wie sie aussehen, da sich kamerabegleitete Teams-Besprechungen bei uns erst langsam durchzusetzen beginnen, was ich bislang nicht vermisste. Das persönliche Treffen war sehr angenehm, wenngleich mir dabei deutlich wurde, wie wenig ich auch größere nicht-virtuelle Besprechungsrunden, bis März 2020 alltäglich, vermiss(t)e.

Abends aßen wir gemeinsam in einem vietnamesischen Restaurant, in dem ich bislang nicht gewesen war und das aufzusuchen ich mich ohne diese Einladung so bald auch nicht veranlasst gesehen hätte, manchmal hat man unerklärliche Vorbehalte gegenüber Unbekanntem. Das Essen war sehr gut, nicht zuletzt auch wegen der auf meinen Wunsch hin unterlassenen Korianderbeigabe. Mir ist völlig unerklärlich, wie man Koriander mögen kann. Ähnlich muss es schmecken, wenn man sich Seife über das Essen raspelt.

Mittwoch: Donald Trump hat (auf seinem Anwesen, wie berichtet wird) verkündet, demnächst wieder als Präsidentschaftskandidat antreten zu beabsichtigen. Als ob die Welt gerade nicht genug Krisen zu verkraften hätte.

Auf dem Rückweg zu Fuß vom Werk schnappte ich Gesprächsfetzen auf: „Das ist schon ganz nice“ und „Da hat man dann seinen eigenen space.“ Vielleicht ist das der Grund, warum junge Menschen heute kaum noch ohne Kopfhörer in der Öffentlichkeit anzutreffen sind, womöglich mögen sie den Unfug, den ihre Altersgenossen so von sich geben, einfach nicht hören. Beziehungsweise Altersgenossinnen, in diesem Falle war beides gesprochen von jungen Frauen. Sicher Zufall, es liegt mir fern, anzunehmen oder gar zu unterstellen, vor allem junge Frauen redeten dummes Zeug. Auch dieser Satz kam von einer jungen Frau: „Ich glaube, man bringt die beste Leistung, wenn man sich wohlfühlt.“ Wer wollte dem widersprechen.

Apropos wohlfühlen: Die Glühweinbude am Rheinpavillon hat nun wieder abends geöffnet. Das ist sehr erfreulich.

Besonders nice mit einem Hauch Amaretto

Nach Rückkehr musste ich mir von meinen Lieben anhören, ich röche wie ein Weihnachtsmarkt. Das war es wert.

Donnerstag: Heute legte ich mal wieder einen Inseltag ein, also einen anlasslos freien Tag zwischendurch. Warum ich diese Tage nicht auf einen Freitag oder Montag lege, werde ich gelegentlich gefragt. Nun: Ich mag diese Inseln im Fluss der Werktätigkeit. Die Arbeitswoche bis Mittwoch ist dadurch angenehm kurz, und am Freitag naht das Wochenende. Wohingegen sich die Rückkehr nach einem verlängerten Wochenende oft besonders mühsam anlässt. Darum Inseltage. Diesen nutzte ich für eine Wanderung durch die Wahner Heide südöstlich von Köln, die schon länger im Geplant-Ordner bei Komoot angelegt war. Das Wetter zeigte sich gnädig, nur ein paar wenige Regentropfen verlangten für kurze Zeit nach einer Kapuze, ansonsten blieb es trocken und mild.

Sehen Sie:

Bei Rösrath, kurz nach Betreten der Heide

Ebenfalls bei Rösrath

Vor Altenrath

Hinter Altenrath

Bei Lohmar

Vor Troisdorf. Im Vordergrund etwas verblühte Heide, also das namensgebende Kraut.

Während der Bahnfahrt nach Köln hörte ich eine Frau zu ihrem Begleiter sagen: „Ich finde das echt schwer, den Überblick zu behalten mit dem ganzen ab den Sechzigerjahren.“ Ich habe nicht genau mitbekommen, um was es ging; als 1967 Geborener stimme ich ihr jedenfalls uneingeschränkt zu.

Freitag: Manchmal, wenn ich Präsentationen anderer Bereiche sehe, bin ich froh, mit welchen Themen ich mich nicht beschäftigen muss.

Heute eröffnete der Bonner Weihnachtsmarkt. Unser Besuch am Abend fühlte sich unwirklich an, was nicht nur an den Männern in kurzen Hosen lag, die ich dort sah. Wie in besseren Zeiten strömten Menschen in großer Zahl durch die Budengassen und labten sich an Bratwurst, Backfisch und Warmgetränken. Erstmals wieder ohne Corona-Beschränkungen wie Masken, Impf-/Testnachweis und Abstände, als wäre es vorbei. Ich kritisiere das nicht, auch für mich hat die Seuche mittlerweile ihre Bedrohlichkeit weitgehend eingebüßt. Wenngleich mir bewusst ist, dass ich mich jederzeit erneut infizieren kann, nächstes Mal vielleicht mit langfristigen Folgen. Doch scheint mir die Gefahr zurzeit nicht größer, als während der Radfahrt ins Werk von einem Auto angefahren zu werden oder, wenn ich zu Fuß gehe, von einem irren Radfahrer, der während des Rasens durch die Fußgängerzone seine Aufmerksamkeit statt dem Fahrweg lieber dem Datengerät widmet.

Ist das wirklich so schwer?

Samstag: Im Rheinauenpark, durch den ich gelegentlich nach dem Mittagessen eine kleine Runde drehe, fand heute ein „Trauermarsch für die Nutrias“ statt, steht in der Zeitung. Damit will eine Initiative gegen das Abschießen der Tiere protestieren, die sich dort in den letzten Jahren mangels natürlicher Feinden stark vermehren und zunehmend aggressiv-futterfordernd gegenüber Parkbesuchern auftreten, wie mir meine Kollegin aus eigener Erfahrung bestätigte. Statt letaler Entnahme solle man sie sterilisieren, so die Forderung der Trauernden. Wie schön, wenn man keine anderen Probleme hat.

Ich werde alt. Das wurde mir mittags wieder auf dem Weihnachtsmarkt deutlich, wo ich einen bestimmten Stand suchte, den wir am Vorabend gesehen hatten, um auf Geheiß des Geliebten Trinkgefäße zu kaufen. Erst nach mehreren erfolglosen Runden über den Münsterplatz, wo ich mich mit den bereits um diese Tageszeit zahlreichen Besuchern im Tempo eines Gletschers durch die Gänge treiben ließ, fiel mir ein, dass sich der Stand in der Vivatsgasse befindet, wo ich ihn – immerhin – sofort fand und die Bierkrüge erstand.

Zahlreich auch die Kraniche, die nachmittags auf dem Weg Richtung Süden über das Haus zogen.

Nur eine von mehreren Formationen

Sonntag: Über Twitter wollte ich eigentlich nichts mehr schreiben. Einmal noch: Viele beklagen nun dessen Übernahme durch Elon Musk, der dort seitdem wütet und alles aus den Angeln zu heben im Begriff ist. Sie sehen sich dadurch aus ihrer digitalen Heimat vertrieben und beabsichtigen, Twitter zu verlassen oder haben es bereits getan. Als Zufluchtsort wird Mastodon genannt, was für mich weiterhin wie ein Schweinefutterzusatzstoff klingt.

Auch ich fühlte mich einst bei Twitter sehr wohl. Zehn Jahre lang, von 2009 bis 2019, betrieb ich dort einigermaßen – nun ja: erfolgreich ein Konto, hatte zeitweise mehr als tausend Follower. Mit der Zeit schwand die Freude daran, an meinem zehnten Jahrestag löschte ich das Konto. Die Gründe dafür habe ich hier und dort dargelegt. Doch bereits im August 2020 verspürte ich erneut Lust, wieder dabei zu sein, und legte mir einen neuen Anschluss zu. Was ich vorfand, war ein anderes Twitter als das, in dem ich mich früher so wohlgefühlt hatte. Zahlreiche derer, mit denen ich in gegenseitigem Gefolge verbunden war, fand ich wieder und folge ihnen erneut. Nur finde ich keinen Anschluss mehr: Fast keiner von ihnen folgt zurück, und wenn ich was schreibe, bleibt es ohne jede Resonanz. Wie ein Junge, der am Rand steht und den anderen beim Ballspielen zusieht, aber nicht mitspielen darf. Ein schlechtes Beispiel – ich verabscheue Sportarten mit Bällen. Besser dieses: Vielleicht kennen Sie die Szene von und mit Loriot, wo ein älterer Herr an einem Festessen teilnimmt und versucht, mit seinen Tischnachbarn ins Gespräch zu kommen, die sich untereinander bestens unterhalten, ihn jedoch beharrlich ignorieren. – Ich beklage das keineswegs im Sinne von „Keiner hat mich lieb“, bemerke es nur. Deshalb schaue ich nur noch unregelmäßig rein, noch seltener schreibe ich was. Wenn Herr Musk es demnächst stilllegen sollte, ist mir das egal. Mit Mastodon habe ich es bereits vor ein paar Monaten versucht, mich dort aber noch weniger wohl gefühlt. Daher ist das Konto längst wieder gelöscht.

Mit diesem Blog ist es ähnlich, mit dem Unterschied, dass es niemals „erfolgreich“ war und auch nicht sein soll. Dennoch beobachte ich jedes Mal mit einem ganz leicht in Richtung Neid tendierenden Gefühl, wenn in den Blogs, die ich regelmäßig lese, auf andere Blogs verwiesen wird, während das von mir hier Verfasste weitgehend unbeachtet bleibt. Das mag an dessen Qualität liegen, vielleicht weil es weder vegan noch gegendert ist. Wobei andere, die einfach nur täglich ganz knapp schreiben, was sie gegessen, getrunken und gelesen haben, dafür regelmäßig Gefallensbekundungen in zweistelliger Anzahl erhalten. (Die Gefällt-mir-Sternchen für dieses Blog würde ich übrigens gerne deaktivieren, finde die entsprechende Funktion bei WordPress aber nicht. Wenn jemand weiß, wie das geht, wäre ich für einen Hinweis sehr dankbar.) Bitte verstehen Sie auch das nicht als larmoyante Klage gegen die böse Blogwelt, es ist einfach so. Es gibt schlimmeres, zum Beispiel Koriander oder wenn irgendwo von „Mitgliederinnen und Mitgliedern“ zu lesen ist. – Ein paar regelmäßige Leserinnen und Leser gibt es hier, und darüber freue ich mich sehr. Daher wird dieses Blog weiterhin bestehen und regelmäßig beschrieben, selbst wenn Elon Musk irgendwann WordPress kaufen sollte, oder Donald Trump.

Diese Betrachtung ist nun länger geworden und hätte für einen separaten Aufsatz gereicht. Aber das würde dem Thema den Anschein einer Bedeutung verleihen, die es nicht hat.

Zum Schluss was Positives: Beim Spaziergang heute haben zweimal Autofahrer angehalten, um mich die Straße queren zu lassen, obwohl sie es nicht gemusst hätten. Daher nicht immer nur meckern.

Ein zusammenhangloses Bild vom Spaziergang

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Kommen Sie gut durch die Woche, lassen Sie sich nicht ärgern und umfahren.

Woche 45/2022: Weiterhin mild

Montag: Ein Wochenbeginn ohne nennenswerte Ereignisse. Vielleicht dieses: Auf der Rückfahrt vom Werk wurde ich auf dem kombinierten Rad-/Fußweg von einem Fußgänger beschimpft, nachdem ich zunächst wegen Gegenverkehrs einige Meter hinter ihm her und dann, als frei war, langsam an ihm vorbeifuhr. Seine in äußerst unfreundlichem Ton vorgetragene und mit wachsender Entfernung leiser werdende Anregung, ich solle gefälligst auf der Straße fahren, nahm ich unkommentiert hin, zumal eine Diskussion über die Bedeutung des Verkehrszeichens 240 wenig zielführend erschien. Stattdessen nahm ich mir vor, es abends im Blog zu vermerken, was hiermit erledigt ist.

Dienstag: Mittags in der Kantine gab es für mich, da sich vor beiden (!) Currywurst-Schaltern lange Schlangen gebildet hatten, Pappadelle Pomodoro, zu Deutsch Breitbandnudeln mit roter Soße. Der Mann hinter der Nudeltheke fragte jeden, obwohl es dort nur dieses eine Gericht gab: „Für Sie die Pasta?“ Ich war kurz versucht, Nein zu sagen, nur um zu sehen, was er dann macht, nahm davon aber Abstand, weil ich Hunger hatte (wegen einer Präsentation der obersten Werksleitung war ich eineinhalb Stunden später dran als üblich), zudem wollte ich den Betrieb nicht unnötig aufhalten.

Auf dem Rückweg zu Fuß war es schon fast dunkel und weiterhin ungewöhnlich mild. Ich mag es, wenn die Lichter der Radfahrer nebenan (sofern sie es anschalten und auf dem Radweg bleiben), Jogger (außer wenn mir ihre Stirnlampen ins Gesicht blenden) und Rheinschiffe an mir vorbeiziehen. Und am Rheinpavillon ist schon die Glühweinbude aufgebaut, heute noch geschlossen; somit dauern die Rückwege demnächst wieder eine Glühweinlänge länger.

Mittwoch: Im Friseursalon, den ich seit Jahren besuche, arbeitet eine sehr nette Dame am Empfangstresen. (Es ist ein ziemlich großer Salon, daher allein zu Empfangs- und Kassierzwecken eine eigene Mitarbeiterin ohne Frisierbefugnisse.) Bislang siezte sie mich, was weder zu hinterfragen noch zu beanstanden war. Bis heute: Bei meinem Besuch am Abend duzte sie mich mit irritierender Selbstverständlichkeit. Ich sprach sie darauf an, vorausschickend, dass es mich nicht stört und wir gerne dabei bleiben können. Mich interessierte nur, warum; vielleicht war ja ein Gebot der Geschäftsleitung ergangen, auf dass ab sofort ein jeder Kunde ungeachtet des Alters und Vertraulichkeitsgrades zu duzen sei, so wie es nicht nur der schwedische Möbelhändler schon lange in klebrig-anbiedernder Weise tut. Es schien ihr ein wenig peinlich, sei ihr gar nicht aufgefallen, sagte sie. Wie auch immer – seit heute duze ich mich mit der sehr netten Dame. Das muss ich mir jetzt nur noch merken bis zum nächsten Haarschnitt.

Während ich mich bei gereichtem Tee im Wartebereich fläzte, bis die mich behandelnde (und weiterhin siezende) Friseurin frei war, sah ich einen offenbar fertig frisierten Mann mittleren Alters an den Tresen meiner neuen Duzbekanntschaft treten. Er wies gewisse Ähnlichkeit mit den üblich Darstellungen des Jesus von Nazareth (oder Darstellungen Jesu, wenn Ihnen das lieber ist) auf: üppiger Bart, lange Haare. Wie mochte er ausgesehen haben, als er das Geschäft betreten hatte? Aber vielleicht hatte er auch nur Maniküre oder Augenbrauenfärben gebucht.

Donnerstag: Morgens war es kühl. Also nicht für Mitte November, aber verglichen mit der spätsommerlichen Anmutung der Tage zuvor. Bei Ankunft im Büro zeigte das Thermometer auf dem Schreibtisch gerade mal siebzehn Grad an; daran gemessen fühlte es sich wesentlich wärmer an. Kalt – und doch nicht so kalt, da soll man noch durchsteigen. Im Laufe des Tages stieg die Innentemperatur auf bis zu fünfundzwanzig Grad, als die Sonne nachmittags ums Haus kam. Beziehungsweise das Haus um die Sonne, Sie wissen schon, Galileo und so.

Mittags im Park

Abends auf dem Rückweg wurde es wieder kühl, dafür ließ intensives Abendrot die westlichen Glasfassaden der Bürohäuser erstrahlen; bitte denken Sie sich hier entsprechende Bilder. Die Glühweinbude am Rheinpavillon war trotz angemessener Kühle noch immer geschlossen. Die Vorfreude steigt.

(Während der Niederschrift vorstehender Zeilen scheint der abnehmende Vollmond durchs dunkle Geäst der Bäume gegenüber. Auch hierzu dürfen Sie sich gerne ein Bild denken, wenn Sie mögen.)

Freitag: Heute ist der elfte Elfte, somit offizieller Beginn der Karnevals-Session. Morgens, als ich mit Schal und Handschuhen ins Werk radelte, sah ich drei Jungjeckinnen in kurzen Röckchen und fror spontan mit ihnen. Ansonsten wurde mein Tag nicht närrischer als sonst.

Rheinischer Karneval ist eng mit Kölschbier verbunden, doch sollen auch andere Biere nicht unbeachtet bleiben: Heute vor 180 Jahren wurde erstmals Bier Pilsener Brauart ausgeschenkt, ist bei Wikipedia zu lesen.

Erstmals las ich von der „Igelstellung“. Das ist ein gänzlich unsexueller Begriff, so interessant es auch erscheinen mag; vielmehr bezeichnet er laut Duden eine militärische Stellung zur Verteidigung nach allen Seiten.

Vader Abraham ist im Alter von siebenundachtzig Jahren gestorben. War der nicht vor über vierzig Jahren, als er mit den Schlümpfen sang, schon um die achtzig?

Samstag: Aufgrund alkoholischer Ereignisse am Vorabend lag über der ersten Tageshälfte eine gewisse Blümeranz. Das hielt uns nicht davon ab, zur Eröffnung der Karnevals-Session in Godesberg zu fahren, wo der Verein einen Bierstand betrieb. Das erste Kölsch lief noch etwas unwillig ab, mit jedem weiteren wurde es besser.

Kaputt.

Anlässlich der demnächst beginnenden, als Fußballweltmeisterschaft deklarierten Großwerbeveranstaltung in Katar fragen sich nun viele, ob es trotz der regional eigentümlichen Auslegung der Menschenrechte und der zahlreichen beim Stadienbau verunglückten* Bausklaven moralisch vertretbar sei, sich die Spiele überhaupt anzuschauen. Mir als in Fußballdingen umfassend Uninteressiertem stellt sich diese Frage zum Glück nicht. Auch nicht, wenn „Wir“ spielt.

*Auch ein interessantes Wort. Das Gegenteil wäre dann wohl „verglückt“.

Sonntag: Sehr gut und lange geschlafen. Nach dem Frühstück und Lektüre der Sonntagszeitung führte der Sonntagsspaziergang bei mildem Sonnenschein ans andere Rheinufer.

Gelesen in der PSYCHOLOGIE HEUTE über Perfektionismus: »Nur das Sichzufriedengeben unter Verzicht auf die optimale Lösung stellt eine den Grenzen des Lebens angemessene Verhaltensweise dar.« Als Lebensmotto durchaus geeignet.

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Kommen Sie gut durch die Woche.

Woche 44/2022: Ein Eintrag in der noch ungeschriebenen Liste der Dinge, für die ich im Leben dankbar bin

Montag: Morgens kam ich erstaunlich leicht aus dem Bett. Mit jeder weiteren Zeitumstellung im Herbst wird deutlicher, ich bin ein großer Freund der Normalzeit. Allerdings gehe ich davon aus, die Abschaffung der unsinnigen Sommerzeit nicht mehr persönlich zu erleben.

Da morgen Feiertag ist, ging ich bereits heute zu Fuß ins Werk, wo mich ein ruhiger Arbeitstag erwartete. Erstmals empfand ich es als kühl im Büro: Bei Ankunft zeigte das Thermometer auf dem Schreibtisch achtzehn Grad an, im Laufe des Tages stieg es auf zwanzig. Ab Mittwoch also wieder Pullover.

Abends auf dem Rückweg war ich grundlos genervt von Radfahrern auf dem Gehweg, Fußgängern und Läufern auf dem Radweg, Leuten, die langsam vor mir hergehen und stehen bleiben, telefonieren, mit Pappkaffeebechern herumlaufen, unangeleinte Hunde, schreiende Kinder, leergetrunkene, am Wegesrand liegende Durstlöscher-Packungen. Alles Dinge, die mich nicht persönlich betreffen und mir daher egal sein könnten. Es gibt so Tage, da ist meine Toleranz für derlei gering. Zum Glück kein Dauerzustand, denn in solchen Momenten bin ich mir selbst ziemlich unsympathisch.

„Das wichtigste vom Sport präsentiert Ihnen gleich Kristin Otto“, sagte der Nachrichtenmann zu Beginn der heute-Sendung. Sätze mit „Sport“ und „wichtig“ gleichsam in einem Atemzug verstehe ich nicht.

Dienstag: Wir schicken Flugkörper zum Mars, zur Sonne und auf ferne Asteroiden, entschlüsseln das Genom von Kellerasseln und spalten Atome. Anderseits gibt es immer noch Religionen, die teilweise sehr große Macht auf viele Menschen haben. Doch sei dies nicht beklagt, vielmehr den Christen gedankt, dass sie heute aller Heiligen gedenken und dadurch auch Ungläubigen wie mir ermöglichen, etwas länger im Bett liegen zu bleiben.

Gelesen:

Daß man älter wird, erkennt man daran, daß man den Eindruck hat, man müsse sich in immer geringeren Abständen die Fingernägel schneiden und Qlympische Spiele, Fußballweltmeisterschaften und ähnliche Mega-Non-Events würden jedes Jahr stattfinden.

Max Goldt: Fast vierzig zum Teil recht coole Interviewantworten ohne die dazugehörigen dummen Fragen, in „Lippen abwischen und lächeln“

Mittwoch: Heute früh fiel das Aufstehen deutlich schwerer, trotz ausreichend langer Nachtruhe, gutem Schlaf und Normalzeit. Nachmittags ließ ich mich werksärztlich stechen zwecks Grippeschutz. „Heute kein Sport und kein Alkohol“, sagte die nadelführende Ärztin. Kein Sport, schön und gut; aber kein Alkohol, wie soll das gehen in diesen Zeiten?

Ich schaue täglich in den werksinternen Pressespiegel. Besondere Freude bereitet mir dabei stets die Lektüre der Artikel diverser Online-Medien, allen voran eins, das die Bezeichnung einer üblicherweise auf der Karte links angeordneten Himmelsrichtung trägt. Eine typische Artikelüberschrift lautet etwa so: „Kölner stocksauer, als er DAS sah“. Es folgt ein Text in empörtem Ton, dessen Banalität auch durch zahlreiche Ausrufezeichen und in GROSSBUCHSTABEN gesetzte Wörter nicht zu verbergen ist; beliebtes Stilmittel sind auch falsche Possessivpronomen: „Die Stadt hat seine Mitarbeiter:innen angewiesen …“. Auch darf nicht fehlen, was der empörte Kölner über das erlittene Ungemach bei Facebook oder Twitter gepostet hat und was andere dazu kommentierten. Journalismus vom Feinsten.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass es eines der dämlichsten Stilmittel ist, hinter! jedes! Wort! ein! Ausrufezeichen! zu! setzen!

Nachträglich „Happy Halloween“, gelesen bei Kurt Kister:

Bis vor relativ kurzer Zeit war Halloween mit Grinsekürbissen, Horrorfasching und Trick-or-treat-Kindern einer jener vielen nordamerikanischen Bräuche oder Gegebenheiten, derentwegen man durchaus daran zweifeln kann, ob es wirklich eine westliche Wertegemeinschaft gibt.

Donnerstag: Der Fußweg ins Werk führte wie immer durch die City, wo Heidi und Leni verkehrswerbend zu besichtigen sind.

Der Name der dritten Dame war im Vorbeigehen nicht zu erkennen.

Zu den Dingen, die ich nie erlernte und in der verbleibenden Zeit voraussichtlich nicht mehr erlernen werde, gehört – neben Arabisch und der Steuerung eines Schützenpanzers – freihändiges Radfahren.

Wenigstens fährt er mit Licht und Helm.

In der Kantine gab es freies Eis.

Only heute

Nicht for free, aber preisreduziert: Auf dem Rückweg vom Werk schaute ich kurz beim Modellbahnladen meines Vertrauens rein.

Schon Ende der Fünfzigerjahre beschaffte die Deutsche Bundesbahn die Akkutriebwagen der Baureihe ETA 150, deren letzte die Deutsche Bahn AG 1995 ausmusterte. Erst seit kurzem kommt man wieder auf die Idee, Triebwagen mit Akkubetrieb zu beschaffen.

Freitag: In einer ruhigen Minute, das heißt während einer Besprechung ohne Redeerfordernis meinerseits, habe ich aus gegebenen Anlässen eine weitere Mailsignatur angelegt, bestehend aus meinem Namen, Stellenbezeichnung und darunter dem Hinweis »Bitte denken Sie an die Zeit und den Maileingang anderer, bevor sie „Allen antworten“ wählen«. Ihr erster Einsatz wird nicht lange auf sich warten lassen.

Etwa drei Sekunden nach Rückkehr aus einem durchaus angenehmen Werktag begann es mittelheftig zu regnen. Manchmal scheint es, die Engel hätten sich über meine Wiege gebeugt.

Die Polizei sucht einen Posträuber.

(aus General-Anzeiger Bonn)

Samstag: „Wenn ich was mache, will ich darin der Beste sein“, hörte ich jemanden sagen. Ein Eintrag in der noch ungeschriebenen Liste der Dinge, für die ich im Leben dankbar bin, ist die Tatsache, nicht im Selbstanspruch gefangen zu sein, immer siegen und in allem der Beste sein zu müssen.

Abends kam die Karnevalsgesellschaft nach Jahren der Zwangspause wieder zum General-Appell zusammen, in Uniform, mit Musik, Gardetanz und viel Alaaf. Noch etwas ungewohnt, jedenfalls sehr schön. In Anerkennung meines aktiven Kampfes gegen Griesgram und Muckertum wurde ich zum Hauptmann befördert. Das nützt weder mir noch sonstwem etwas, gleichwohl möchte ich es nicht unerwähnt lassen. Es muss ja nicht immer alles einen Nutzen haben, nicht wahr. Alaaf!

Sonntag: Die Getränkebegleitung des Vorabends legte einen Sonntagsspaziergang besonders nahe. Den nutzte ich auch, um mehrere gelesene und für nicht erneut lesenswert befundene Bücher in einen der mittlerweile zahlreichen öffentlichen Bücherschränke zu verbringen. Weiterhin entnahm ich für den Stapel der Ungelesenen ein Ringelnatz-Lesebuch.

Spontane Frage beim Anblick eines Gebäudes: Sagt man eigentlich noch Krüppelwalmdach, oder ist das inzwischen auch diskriminierend, gewissermaßen ein architektonisches N-Wort?

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Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche.

Woche 43/2022: Lärmemission von Straßenkehrmaschinen und individuelle Freiheiten

Montag: Während der Radfahrt ins Werk und zurück wurde ich heute zweimal von Autos behindert, die unmittelbar vor mir auf dem Radstreifen anhielten, und zweimal von Radfahrern, die ohne nach hinten zu schauen einfach vor mir einbogen. Viel mehr ist über diesen ansonsten an Ungemach armen Tag nicht zu vermerken.

(Bitte denken Sie sich hier ein ausgiebiges Stöhnen und Seufzen.)

Dienstag: Als grundsätzlich und erst recht öffentlich ungern Telefonierender wird es mir für den Rest meiner vielleicht noch zahlreichen Tage ein Rätsel bleiben, warum so viele bereits morgens deutlich vor acht schon mit dem Telefon am Ohr (beziehungsweise flach vor das Gesicht gehalten) durch die Gegend laufen.

Dienstag ist Gehtag.

Zum Weltnudeltag gab es in der Kantine Spaghetti Bolognese. Dessen ungeachtet entschied ich mich für Krakauer an Kartoffelsalat.

Das Duden-Wort des Tages lautet „resultativ“, das Jugendwort des Jahres „smash“. Von mir aus.

Mittwoch: Zu früher Morgenstunde erwachte ich aus einem Traum und dachte: Das ist witzig, das muss ich mir merken und später bloggen. In der Tat gelang es, was keineswegs selbstverständlich ist, mir das Geträumte bis zum Morgen und darüber hinaus zu merken. Nur war es bei Lichte betrachtet weder witzig noch sinnergebend, daher bleibt es ungebloggt.

Mittags auf dem Rückweg vom Essen begegneten mir zwei Damen, deren eine also sprach: „Es gibt ja so‘ne und solche, aber DAS sind die allerschlimmsten.“ Ich weiß nicht, wer oder was gemeint war, fand es indes notierenswert.

Ich weiß wirklich nicht, warum dieses Gebäude immer wieder ins Bild springt.

Die dümmste Überschrift des Tages las ich im Tagesspiegel: »Wenn‘s am Briefschlitz selten klappert«.

Es ist fast November, und der Wettermann verkündet für die nächsten Tage bis zu sechsundzwanzig Grad. Was für Zeiten.

Donnerstag: Das Schöne an einer Partnerschaft ist, man hat jemanden an der Seite. Das Schlechte: Man wird nachts von der Seite angeschnarcht.

Ein weiteres zu unrecht vernachlässigtes Problem ist die Lärmemission von Straßenkehrmaschinen.

Freitag: Morgens fand ich die Haupteingangstür zum Bürogebäude verschlossen vor. Doch zeigte sich der Werkssesam am Seiteneingang einlassbereit, wodurch sich die Hoffnung auf einen arbeitsfreien Tag schnell verflüchtigte.

Schnell und zudem lichtlos war der Geliebte morgens mit dem Fahrrad unterwegs, was von der Staatsgewalt nicht unbemerkt blieb.

Augenscheinlich sieht sich auch der Freund und Helfer inzwischen als kundenorientierter Dienstleister.

Samstag: Besuch der Mutter in Bielefeld, aus logistischen Gründen mit dem von mir wenig geschätzten Automobil. Wieder einmal wurde deutlich, wir benötigen nicht nur ein generelles Tempolimit auf Autobahnen, sondern auch mehr Kontrollen und schmerzhaftere Bußgelder. Es ist schon bemerkenswert, wie viele Autofahrer bestehende Geschwindigkeitsbegrenzungen mit großer Selbstverständlichkeit und hohem Tempo ignorieren. Dazu passend schrieb Dr. Stefan F. aus N. in seinem Leserbrief an den Bonner General-Anzeiger: »Nach meiner Überzeugung ist die größte Gefahr für unser Gemeinwesen nicht der Klimawandel, sondern die Forderung, individuelle Freiheiten zur Bekämpfung des Klimawandels zu beschneiden.« Überzeugungen wie diese sind es, die mir jede Hoffnung auf einen längerfristigen Fortbestand unserer Spezies längst genommen haben und die diesen auch nicht länger rechtfertigen lassen.

Das WESTFALEN BLATT über die Zeitumstellung

Sonntag: Die Rheinnixe hat ausgedient. Jahrzehntelang verband sie das Bonner Rheinufer mit Bonn-Beuel. Nachdem der Fährmann seine letzte Überfahrt ins Jenseits angetreten hat, findet sich niemand, der den Job übernimmt, auch sollen die Fahrgastzahlen rückläufig sein. Deshalb haben sich die Betreiber entschlossen, die Verbindung einzustellen. Ich habe sie höchstens zwei- oder dreimal benutzt; mir leuchtete nicht ein, sich gegen – wenn auch geringes – Entgelt mit der Fähre ans andere Ufer bringen zu lassen, wenn man auch entgelt- und wartezeitfrei die naheliegende Brücke nutzen kann. Trotzdem schade, mit der Rheinnixe verschwindet ein kleines Stück Bonn. Jetzt ist sie am Beueler Ufer festgemacht und harrt ihrem weiteren Schicksal entgegen. Es ist vermutlich nur eine Frage der Zeit, bis die üblichen Idioten damit beginnen, sie zu beschmieren und die Scheiben einzuschlagen.

Die Rheinnixe heute Mittag in Beuel

Aufgrund der aktuellen Wetterlage waren beide Rheinufer von mehr oder weniger sommerlich bekleideten Menschen zu Fuß und zu Fahrrad bevölkert. Zurück auf der Bonner Seite endete der Spaziergang mit dem in diesem Jahr voraussichtlich letzten Besuch des Lieblingsbiergartens, wo ich die persönliche Untergangsstimmung bei einem kühlen Hellen genoss.

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Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche.

Woche 42/2022: Bewegungszertifikate, Erikative und gebratene Penisse

Montag: Die Eisbahnbetreiber wünschen sich einen möglichst kalten Winter, um Energie zu sparen, steht in der Zeitung. Außerdem wird in völlig anderem Zusammenhang von einer „etwa 12 Jahre alten Teenagerin“ berichtet. Man muss sich wundern, was hiermit getan sei.

Morgens sah ich eine junge Frau in der für junge Frauen (und Männer) üblichen Weise telefonieren, mit flach vor das Gesicht gehaltenem Telefon; in der anderen Hand hielt sie ein Butterbrot, in das sie zwischen den Sätzen hineinbiss. Gerne hätte ich sie noch etwas länger beobachtet, vielleicht hätte sie irgendwann das Brot besprochen und ins Gerät gebissen.

Mittags bot die Kantine „Metzger Bratwurst“ an; meine Recherche, wo dieses Metzg liegt, blieb erfolglos.

Im August berichtete ich von einem Sturz, bei dem ich mir den rechten Ellenbogen lädiert hatte und in dessen Folge sich dort ein externes Hautläppchen bildete, der nach ärztlicher Befundung operativ zu entfernen wäre, ich möchte da nicht weiter ins Detail gehen. Aus urlaubsterminlichen Gründen war die Operation erst für heute am frühen Abend angesetzt. Indes: Seit die Wunde nicht mehr feuchtete, hatte ich die tägliche Pflasterung abgesetzt, seitdem trocknete das zu entfernende Häutchen vor sich hin. Heute Nachmittag nun, als ich nach Rückkehr aus dem Werk das Hemd ablegte, etwa eine halbe Stunde vor dem Termin, war es verschwunden. „Das kommt vor“, sagte die Ärztin. Wieder einmal sehe ich mich bestätigt: Abwarten ist oft nicht die schlechteste Option.

Dienstag: Das erste, was ich morgens hörte, kam aus dem Radio: Howard Jones sei „ein wichtiger Musiker der Achtziger“. Gewiss, er hatte ein paar Hits, unter anderem „What Is Love?“, das auch Bestandteil meiner Tonträgersammlung ist. Aber wichtig? Wodurch und für wen oder was wird ein Musiker wichtig, außer vielleicht als Ernährer oder Liebespartner? Waren die Beatles, Beethoven wichtig? Ich weiß es nicht.

Wolkenbänder umspielten am Morgen das Siebengebirge

Ein Wort, das in den letzten Tagen eine gewisse Inflation erlebt, ist „Machtwort“. Nachdem der Bundeskanzler von seiner Richtlinienkompetenz Gebrauch gemacht hat, weil seine zänkischen Koalitionspartner sich nicht über den vorübergehenden Weiterbetrieb deutscher Atomkraftwerke einigen konnten, gibt es hierzu keinen Medienbericht ohne den Satz „Olaf Scholz hat ein Machtwort gesprochen“. Dabei hat er nicht mal gesprochen, sondern seine Entscheidung schriftlich verkündet. Was soll das überhaupt sein, ein Machtwort? „Wumms“ ist wohl keines, allenfalls ein Erikativ. (Dieses wundervolle Wort las ich mal irgendwo als Synonym zur Wortart Interjektion. Es geht zurück auf Erika Fuchs, die langjährig tätige Übersetzerin der Donald-Duck-Comicks; Beispiele ihres Schaffens waren „Schluck!“, „Würg!“, „Seufz“, „Grummel“ und „Ächz!“.)

Mittwoch: Laut einer Studie der Weltgesundheitsorganisation bewegen sich die Deutschen zu wenig, also körperlich. (Sonst vielleicht auch, nur ist dieses zu ermitteln nicht die WHO zuständig.) Empfohlen sind zweieinhalb Stunden Bewegung in der Woche. Grob überschlagen komme ich durch Arbeitswege zu Fuß und Rad sowie Sonntagsspaziergang locker auf acht Stunden. Wenn Sie am Erwerb von Bewegungszertifikaten interessiert sind, melden Sie sich.

„Hi, was kann ich für dich tun?“ – „Mich am A… lecken.“ – „Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll.“ – Wenn Siri und der Geliebte ins Gespräch kommen. Kicher.

Donnerstag: Morgens rötete wieder der Himmel in gar wundervoller Weise.

Blick ans andere Ufer auf Bonn-Beuel
Vergleiche Dienstag

Die Flora zeigt sich nunmehr in herbstlicher Verfärbung:

Kurz vor Ankunft im Werk

Andernorts indessen dunkle Wolken über Hochspannung:

(Aus dem General-Anzeiger Bonn. Ich kann mir selbst nicht recht erklären, warum ich das komisch finde.)

Weiterhin aus der Tageszeitung:

»Zum zweiten Mal innerhalb von knapp drei Monaten ist ein Mann nach einem Polizeieinsatz in Dortmund ums Leben gekommen.« – Wie viele Leben hat(te) der?

»Ausbrüche in 14 Bonner Altenheimen« – Muss das nicht „aus“ heißen?

Gaspreisbremse ist auch eins von diesen zurzeit allgegenwärtigen Wörtern, die es vor wenigen Monaten noch gar nicht gab.

Freitag: Heute war ein Tag, an dem viel geschah und getan wurde, jedoch nichts, was hier zu notieren wäre. Alles andere finden Sie in der Zeitung oder den Medien Ihres Vertrauens. Immerhin ist Freitag und es gibt Alkohol.

Samstag: Der von mir mittlerweile bevorzugte Radiosender WDR 4 (ich kann es noch immer nicht recht glauben, wie sich dieser ehemalige Störsender der Achtziger gewandelt hat) spielt an diesem Wochenende die „Top 444“, welche die Hörer in den Wochen zuvor wählen konnten. Unter anderem wählten sie Nicole, die 1982 den Grand Prix Eurovision de la Chanson gewann, als der noch nicht Eurovision Song Contest hieß und die deutschen Beiträge nicht regelmäßig verloren, mit „Ein bisschen Frieden, ein bisschen Sonne … ein bisschen Wärme, das wünsch‘ ich mir“. Immerhin das mit der Sonne und Wärme ist in Erfüllung gegangen.

Kein Schreibfehler ist das schöne Wort „Unterschank“, das heute in der Zeitung zu lesen ist im Zusammenhang mit unzureichend gefüllten Bierkrügen auf dem Münchener Oktoberfest.

Bei Frau Kaltmamsell las ich was über gebratene Penisse, aus denen beim nochmaligen Lesen Panisse wurde. Ich weiß nicht, was Panisse ist, fand es dennoch irgendwie beruhigend.

Sonntag: Noch etwas Herbst in Bildern, aufgenommen beim Spaziergang, der wegen angenehmer Milde etwas länger ausfiel als ursprünglich geplant.

Am Rheinufer
In der Nordstadt

»Bin ja wohl vertraglich nicht verpflichtet, mir hier immer jede Woche ‚was Neues ausdenken zu müssen«, lese ich im wöchentlichen Newsletter* „Wittkamps Woche“, den zu lesen ich erst heute Gelegenheit fand, nicht, weil ich so beschäftigt wäre mit wichtigen Dingen, vielmehr hat es sich einfach nicht eher ergeben. Das passiert schonmal bei privaten Mails, wenn ich sie nicht sofort nach Eingang lese, vielleicht kennen Sie das. Das Abonnement von „Wittkamps Woche“ empfehle ich; bei Interesse bitte hier entlang.

*Newsletter ist auch einer jener eher unschönen Anglizismen, für die mir keine Entsprechung im Deutschen einfällt. „Nachrichtenbrief“ klingt albern, „Mitteilung“ unpassend. Daher also Newsletter.

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Kommen Sie gut durch die Woche. Wink.

Woche 41/2022: In erster Linie mitfühlendes Bedauern

Montag: Der erste Arbeitstag der Woche war lang, da ich nachmittags die Einladung zu einer Besprechung um 17 Uhr auszuschlagen nicht über das Herz brachte. Vormittags verlangte der Rechner nach einem Neustart, weil irgendwelche Software zu aktualisieren war. Mehrere Minuten bezahltes aus dem Fenster Schauen, man kann sein Geld auf härtere Weise verdienen. Meine persönliche Stimmung war zufriedenstellend, auch solche Montage gibt es manchmal.

Im Zusammenhang mit der Weitung von Wissen benutzen viele gerne das zweifelhafte Wort „aufschlauen“. Im selben Sinne las ich in einer Mail das Word „aufbeefen“ und stellte mir sogleich vor, wie der zu Beefende mit Lappen von Rindfleisch umwickelt, anschließend wie ein Rollbraten umschnürt wird, auf dass die Lappen nicht abfallen. Trat nicht einst Lady Gaga ähnlich gewandet mal auf die Bühne, oder habe ich das geträumt?

Fleischlos dagegen das Mittagessen, für mich gab es Maultaschen mit geräucherter Käsesoße. Wie räuchert man Käsesoße?

Nach dem Essen ging ich eine Runde durch den Park, wo der Herbst nun langsam beginnt, die verbliebenen, im Sommer noch nicht vorzeitig abgeworfenen Blätter bunt zu färben. Er ist spät dran, oder kommt mir das nur so vor?

„Wir haben da noch ein hick up“, hörte ich in einer Besprechung und bekam spontan Schluckauf.

„Ich freue mich total auf die neue Aufgabe“ – Eine Kollegin wird demnächst Abteilungsleiterin. Meine Empfindungen bei solchen Nachrichten ähneln denen, wenn jemand Mutter oder Vater wird: in erster Linie mitfühlendes Bedauern.

Dienstag: Wir wohnen gegenüber der Zufahrt zum Landgericht. Jeden Morgen fährt ein Wagen vor, in dem laut Rapp gehört wird. Meine Vorbehalte gegenüber dieser – nun ja: Musikrichtung, ihrer Erzeuger und Hörer sind vermutlich unbegründet, zumal ich mich bislang nicht intensiver damit beschäftigt habe. Gleichwohl wäre es meinem Vertrauen in die Judikative dienlich, wüsste ich, dass der Fahrer dieses Wagens bei Gericht statt für Rechts- für die Grünpflege zuständig ist.

Beim Mittagessen in der Kantine waren wir zu viert, was nur noch selten vorkommt. Während des Essens anderer Leute Gespräche nicht folgen zu müssen zähle ich zu den eher angenehmen Begleiterscheinungen der Seuche. Tischthema waren Kaffeemaschinen und -mühlen, welche am besten brühen, welche am besten mahlen; erstmals hörte ich in solchen Zusammenhängen den Begriff „Einkreiser“. Man zeigte sich gar gegenseitig Bilder auf den Datengeräten. Anderer Leute Nachwuchs oder Partybegegnungen ungefragt unter die Nase gehalten zu bekommen finde ich zumeist ermüdend; ihre Haushaltsgeräte anzuschauen ist indes am Rande des Unerträglichen. Anschließend gingen die Kaffeeliebhaber zu einem der in Werksnähe zahlreichen mobilen Ausschänke, um Kaffee aus Pappbechern zu trinken. Ich verzichtete zugunsten einer Runde durch den Park. Alleine, ohne Gehkaffee. Oder „ambulanten Verzehr“, wie ich irgendwo las.

Mittwoch: Vormittags im Werk wurde ich Zeuge einer Bestandsbegehung. Das ist nicht nur ein tolles Wort, sondern auch ein toller Job: Zwei Personen ziehen klemmbrettbewehrt von Büro zu Büro, um nach eigenem Bekunden zu prüfen, ob noch alle Wände stehen. Nachdem ich das Vorhandensein aller Wände bestätigt hatte, jedenfalls habe ich in letzter Zeit keine vermisst, machte die Dame ein Kreuz in ihrer Liste und sie zogen weiter.

Seit gestern liegt auf der Spüle in der Werks-Kaffeeküche ein Pizzakarton. Erst heute bemerkte ich, dass sich darin noch eine komplette Pizza befindet. Was geht nur vor in den Leuten?

Donnerstag: Morgens auf dem Weg ins Werk sah ich Rot.

Oft sind es kleine Dinge, die die Welt ein wenig besser machen: Mittags gab es in der Kantine einen ganz vorzüglichen Erbseneintopf, dazu frisches Brot. Erst gestern um diese Zeit dachte ich, die könnten hier öfter mal Eintopf anbieten – et voila. Deshalb dachte ich heute nach dem Essen etwas intensiver an Entenbrust mit Orangensoße; vielleicht hilft es ja.

Danach sah ich im Park einen älteren Herren, dem in einigen Metern Abstand ein (augenscheinlich nicht viel jüngerer) Langhaardackel folgte. Plötzlich bekam der Dackelbauch kurzfristig Bodenkontakt, weil der Hund in ein kleines rundes Loch getreten war, das wohl dazu dient, bei Bedarf einen Absperrpömpel* einzustecken. Das sah sehr drollig aus, daher musste ich kurz lachen, wofür ich den Dackel und PETA ausdrücklich um Entschuldigung bitte. Bei dieser Gelegenheit herzliche Grüße und die besten Genesungswünsche an die Dackeldame in München!

*Für diejenigen, denen Pömpel kein gängiger Begriff ist: In Ostwestfalen, wo ich wech komme, ist Pömpel ein Sammelbegriff für Pfahl, Pfosten, Poller, aber auch Saugglocke für verstopfte Abflüsse. Ob das woanders auch der Fall ist, entzieht sich meiner Kenntnis, daher vorsorglich diese Erläuterung.

Freitag: „Hier ist bald nicht mehr lange“, hörte ich morgens den Geliebten sagen. Wenngleich die Bedeutung im Dunst des Unklaren blieb, erschien es mir notierenswert.

Das am Vortag empfundene Entenbrustsehnen blieb unerfüllt. Stattdessen gab es mittags Heringsfilets mit Sahnesoße an Kartoffeln, somit immerhin etwas mit Wasserbezug. Auch gut.

Samstag: An manchen Tagen sind mir andere Menschen am liebsten, wenn sie jenseits der Frontscheibe der Lieblingsweinbar vorübergehen und mich mit meinem Rosé oder (heute) Riesling in Ruhe lassen.

Von der Weinbar aus blickt man auf eine stark befahrene Kreuzung. Erhielte ich für jeden Wagen, der noch schnell trotz Rotlicht weiter fährt, zehn Cent, wäre mein Verzehr finanziert.

Der Liebste wurde per Anwaltsschreiben im Namen einer ominösen „Interessengemeinschaft Datenschutz“ zur Zahlung von 170 Euro angehalten, weil er auf seiner Internetseite „Google Fonts“ verwendet, das laut Schreiben dazu neigt, die IP-Adressen der Seitenbesucher in die USA zu übermitteln, oder so ähnlich. Es wird immer verrückter.

Sonntag: Erst gegen elf Uhr verließ ich mit gewissem Widerwillen das Bett, nachdem mich zuvor ein inneres Unbehagen, dessen Ursache ich nicht benennen könnte, früh erwachen und immer wieder für nur kurze Zeit einschlafen ließ.

Man soll sich nicht über Namen erheitern, ich weiß. Dennoch wüsste ich gerne, welche Tätigkeit die Vorfahren der in der Sonntagszeitung zitierten Elke M. Schüttelkopf ausgeübt haben.

Während des Spazierganges ging ich an einem Hauseingang vorüber mit dem üblichen Hinweis »Keine Werbung einwerfen« am Briefkasten, ergänzt um die Einschränkung »Außer für Schuhe«.

Ich habe übrigens, neben vier weiteren, ein Buch von Harald Welzer in den öffentlichen Bücherschrank gebracht. Nicht, weil den gerade alle doof finden, sondern weil ich es doppelt hatte.

Gelesen hier:

Betrachte ich die Sache recht, so findet sich kein einziges Merk­mal, mit dessen Hilfe ich unzweifelhaft bestimmen könnte, ob ich wach bin oder träume.

René Descartes

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Kommen Sie gut durch die Woche.

Woche 40/2022: Kinderwagenhalterungen für Datengeräte und Weintrinken für den Wiederaufbau

Montag: Sonniges Herbstwetter motivierte mich an diesem Einheitsfeiertag zu einem längeren Spaziergang, der unter anderem entlang der Universitäts-Institute in Bonn-Poppelsdorf führte.

„Mit Verstand und Hammer“ (oder so ähnlich, mein Großes Latinum ist etwas in die Jahre gekommen)

»Zauberland is‘ abgebrannt“, steht auf einem Banner an der Mauer des Alten Friedhofes in der Innenstadt. Wer Urheber dieser Schrift ist und was damit zum Ausdruck gebracht werden soll, war im Vorbeigehen nicht zu erkennen; diesbezüglich Auskunft erteilende beziehungsweise Flugblätter aufdrängende Personen fehlten ebenso. Vielleicht ist es einfach als Zusammenfassung der derzeitigen Weltlage zu interpretieren, ganz unpassend wäre es nicht.

Zunehmend ist das Wort „Öffis“ zu hören und lesen, wenn Bus und Bahn gemeint sind. Damit muss man wohl leben.

Dienstag: Morgens während der Fahrradfahrt ins Werk unterstrich Gegenwind den Widerwillen. Auch mein Mitarbeiterausweis zeigte sich zunächst unwillig, mir Zugang zum Büro zu verschaffen, was nur zu kurzer Verzögerung führte, da die anwesende Kollegin mir mit ihrem Ausweis die Tür öffnete. Wenig später funktionierte auch mein Ausweis wieder; die Welt ist manchmal voller kleiner Wunder.

Der Maileingang war für zwei Wochen Abwesenheit erstaunlich gering, auch inhaltlich frei von Unbill. Die meiste Energie kostete, wieder Interesse entgegenzubringen den Dinge, für die zu interessieren sie mich gut bezahlen.

Mittwoch: Die Tageslaune war schon wesentlich besser als gestern, ich ließ mich gar hinreißen, an einer Teams-Besprechung teilzunehmen, zu der man mich spontan hinzuzuziehen suchte; üblicherweise ignoriere ich solche Überfallversuche, da ich sie für eine Unart halte. Des Weiteren wies der Kalender heute nur eine Besprechung auf, die gegen Mittag abgesagt wurde; da gibt es nichts zu beklagen.

Als besonders dümmliches Synonym las ich in der Zeitung das Wort „Sohlengänger“ für Bär, was die üblichen „Vierbeiner“ und „Samtpfoten“ an Dämlichkeit erblassen lässt.

Abends öffnete ich aufgrund eines Versehens, vermählt mit Unkenntnis, eine Flasche Burgunder, deren Preislage einem gewöhnlichen Mittwochabend unangemessen war. Nun, da sie schonmal entkorkt war – was soll man machen.

Donnerstag: Vergangene Nacht schlief ich schlecht. Ein Zusammenhang mit dem Vorabendburgunder ist auszuschließen.

Morgens auf dem Weg ins Werk überholte ich zu Fuß am Rheinufer einen jungen mutmaßlichen Vater, der dadurch auffiel, dass er mit beiden Händen den Kinderwagen schob, das heißt, im Gegensatz zu den meisten Eltern dieser Generation schaute er beim Schieben der Brut nicht aufs Datengerät. Gibt es wirklich noch keine Kinderwagenhalterungen für Datengeräte, die man am Griff befestigt und so schiebend draufschauen kann, oder habe ich das nur noch nicht gesehen? Flösse statt Beamten- etwas Gründermentalität in meinen Adern, würde ich diese Geschäftsidee vielleicht aufgreifen und reich werden.

Etwas später ging über dem Siebengebirge die Sonne auf. Beim Anblick eines Sonnenaufgangs kommt mir jedes Mal ein Musikstück in den Sinn, das wir vor geraumer Zeit in der Grundschule im Musikunterricht durchnahmen. Es hieß, so weit ich mich erinnere, „Sunrise Melody“ und war von, da bin ich mir unsicher, Carl Orff oder Béla Bartók. Die Melodie habe ich noch im Ohr und kann sie problemlos pfeifen oder summen – es beginnt verhalten mit Flötenspiel, bei jeder Strophe kommen weitere Instrumente hinzu, bis es in orchestraler Wucht endet; von der Machart her ähnlich dem Boléro von Ravel, nur ganz anders. Bereits mehrfach habe ich in des Netzes Weiten danach gesucht, es jedoch bislang nicht gefunden. Wenn Sie das Stück kennen und gar wissen, wo es zu finden ist, wäre ich für einen Hinweis sehr dankbar. (Vielleicht hieß es auch gar nicht „Sunrise Melody“ und war weder von Orff noch Bartók; die Erinnerung verfärbt sich bekanntlich ganz gerne nach so vielen Jahren.)

„Dank Feiertag ist heute schon Donnerstag“, schrieb einer in einer Mail. Welcher Tag wäre heute wohl ohne den Feiertag?

Freitag: „Unsere leeren Flaschen recyceln wir. Warum nicht unsere Straßen?“ steht auf einem Plakat in der Innenstadt. Vielleicht, weil wir keine leeren Straßen haben?

Samstag: Ein Experte im Radio zur Frage, warum wir uns parfümieren: „Wir riechen lieber wie ein Ochse ums Gemächt als nach Mensch.“

Den Tag verbrachte ich mit befreundeten Nachbarn im Ahrtal, wo wir von der Möglichkeit Gebrauch machten, an mehreren Ausschankhütten die Wanderung mit Weintrinken für den Wiederaufbau zu verbinden. An einer der Schankstellen wurde üble Partysaufmusik gespielt, die den Trinkgenuss nur geringfügig zu trüben vermochte. Doch steckt im Übel oft auch was Gutes – eine Liedzeile habe ich mir gemerkt: „Langweilst du dich genauso wie mich?“ Eine Frage, die sich gut in einer Besprechung anbringen lässt.

Im Hintergrund das noch immer von den Zerstörungen der Flut gezeichnete Dernau
Oberhalb von Dernau scheint die Weinwelt in Ordnung

Sonntag: Beim Spaziergang zog ich mir am Rhein den Unmut eines entgegenkommenden Radfahrers zu, weil ich ihm auf dem Fußgängerstreifen keinen Platz machte. Von einer Belehrung oder gar Beschimpfung sah ich ab, das führt zu nichts.

Es bleibt schwierig

Ein Punkt ist oft überzeugender als eine Aneinanderreihung von Ausrufezeichen. Daher endet auch diese Woche mit einem Punkt.

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Kommen Sie gut durch die neue, feiertaglose Woche.