Woche 29/2021: Hellbier unter freiem Himmel

Montag: Ich glaube, ich bin ein sehr bequemer Mensch, leider auch in diesen Zeiten, wo Anpacker und Macher besonders gefragt sind. Während ich mich dessen geißele und es notiere, frage ich mich: Geht das überhaupt? Ein Sessel kann bequem sein, ein Bett sowieso, ein Stuhl, mit gewissen Abstrichen sogar ein Bürostuhl, auch eine Haltung. Aber ein Mensch?

Recht unbequem könnte es dagegen schon bald wieder in England werden, wo trotz zahlreicher Neuinfektionen um Mitternacht der „Tag der Freiheit“ begrüßt wurde, damit einhergehend die Aufhebung aller Pandemiebeschränkungen, volle Clubs, fröhlich feiernde Massen, demonstrativ zerrissene Schutzmasken.

Ganz anders dagegen in Südkorea, wo das Abspielen den Liedes „Gangnam Style“ in Fitnessstudios verboten wurde, weil dessen Tempo die Viren allzu sehr zum Tanzen und somit zur weiteren Verbreitung animieren könnte. Mal sehen, welches Konzept erfolgreicher ist.

Dienstag: „Sirenen sind old fashion“, sagte morgens der Mann im Radio. Zum Heulen. Wer hat den eingestellt?

„Das Ziel ist der Weg“, sagte einer in der Besprechung; darüber gelegentlich nachzudenken lohnt sich vielleicht. Ob Jeff Bezos heute ähnliches trieb, ist nicht überliefert, auf jeden Fall ein Teufelskerl: in nur elf Minuten bis an den Rand des Universums und wieder zurück. Wobei es sich eher nicht lohnt, darüber nachzudenken, was das gekostet haben mag und wofür man das Geld stattdessen besser verwendet haben könnte. War ja seins.

(SPIEGEL)

Mittwoch: Der Kollege bat um Verständnis, weil die von ihm angesetzte Besprechung auf eine Stunde verkürzt wurde. Hatte ich, volles sogar.

Ein volles Helles gab es abends im Biergarten, und weil wir gerade dort waren, danach gleich noch eins. So langsam muss ich mich ja wieder an andere Menschen gewöhnen, und wer weiß, wie lange es noch Hellbier unter freiem Himmel gibt, ehe wegen der menschlichen Vernunft wieder alles schließen muss.

Donnerstag: Von Wahlwerbung verstehen die was bei Volt.

(Hinweis: Das Bild wurde geringfügig bearbeitet.)

Freitag: Heute sah ich wieder so einen, dem ich gerne zurufen wollte: „Das Universum schenkte dir so schöne Beine. Warum musstest du sie so hässlich tätowieren lassen?“

Nachmittags erhielt ich eine Einladung zu einem kurzen Connect. Demnächst auf der Liste.

Alfred Biolek ist tot. Möge er in Frieden ruhen. Durch ihn lernte ich das schöne Wort „Küchenwein“.

In unserer Küche ist unterdessen die nächste Kaffeemaschine eingetroffen. Das möchte ich gar nicht weiter bewerten – andere sammeln Briefmarken.

Samstag: Die PSYCHOLOGIE HEUTE stellt ein Buch mit dem Titel „Die Kunst des Ausruhens“ vor. Scheint interessant, vielleicht sollte ich es auf die Buchbeschaffungsliste setzen. Nicht, weil ich es bräuchte, aber es gibt ja nichts, was sich nicht noch perfektionieren ließe.

Sonntag: Hochwasser mit Zerstörungen und Toten an der Ahr gab es auch 1910, wovon dieser Bericht aus dem Jahre 2010 zeugt. Er endet so: „Vergleichbare Wasserstände hätten heute aufgrund der größeren Siedlungsdichte vermutlich noch weitaus höhere Überflutungen mit nicht absehbaren Schäden zur Folge.“ Leider ja.

Kommen Sie gut durch die neue Woche!

Woche 28/2021: Dieses Mal hatten wir Glück

Montag: Am Beginn der neuen Arbeitswoche war nicht allzu viel auszusetzen – Umfang und Dringlichkeit der anstehenden Aufgaben waren in etwa deckungsgleich mit meiner Motivation.

Mittags gabs was Fleischloses und einen Spaziergang durch den Rheinauenpark, wo jemand noch auf sein Mittagsmahl lauerte.

Dienstag: Tief Bernd ist da, die Wetterdienste warnten den Westen vor heftigem Dauerregen mindestens bis Donnerstag. Daher schien es mir angezeigt, das Fahrrad Fahrrad sein zu lassen und nach Monaten mal wieder mit der Bahn ins Werk zu fahren. In der Tat hatte es am frühen Morgen stark geregnet; als ich das Haus verließ, fielen indes nur wenige Resttropfen auf den Schirm. Die Bahn war pünktlich und nicht allzu voll besetzt, alle außer mir waren mit ihren Datengeräten beschäftigt. Nächster Halt: Hauptbahnhof. Auf dem Nebengleis stand ein Zug derselben Linie in dieselbe Richtung, vielleicht war ich der einzige, dem das auffiel, da alle anderen, siehe oben, mit ihren Geräten beschäftigt waren. So standen wir eine Weile nebeneinander und warteten. Irgendwann bellte der Fahrer in unseren Wagen: „Endstation, aussteigen!“ – leider erst, nachdem der leidgeprüfte Pendler zuschauen konnte, wie der Ersatzzug auf dem Nebengleis abfuhr. Niemand meckerte, vielmehr glaubte ich, hinter den Masken so etwas wie Resignation auszumachen.

Der angekündigte Regen blieb übrigens tagsüber weitgehend aus, jedenfalls hier in Bonn. Erst am späteren Abend, da ich diese Zeilen notierte, hatte Bernd den Hahn wieder ordentlich aufgedreht und die Aussicht auf eine weitere, möglicherweise störungsfreiere Bahnfahrt morgen genährt.

Mittwoch: Nachdem es am Morgen zunächst nur leicht tröpfelte, nahm ich doch das Fahrrad, um ins Werk zu gelangen. Das war ein Fehler – bereits nach wenigen hundert Metern erwachte Bernd und ergoss sich bis zum Abend, was er gestern aufgespart hatte. Zurück dann doch mit der Bahn, mit trockenem Sitzplatz und ohne besondere Vorkommnisse.

Aus der wöchentlichen Kolumne von Kurt Kister:

„Ob er [Elton John] tatsächlich auftritt, wissen natürlich nur die Götter, respektive jene Mächte, die Corona geschickt haben und möglicherweise schon jetzt die vierte (oder ist es die fünfte?) Welle vorbereiten. Boris Johnson gehört mutmaßlich zu diesen Mächten. Überhaupt sollte man mal untersuchen, ob Johnson nicht einem Labor in Wuhan entstammt.“

Donnerstag: Am Morgen nach Bernd führte der Rhein nicht nur Hochwasser, sondern auch große Mengen Treibholz und anders Zeugs mit sich, wie ich es niemals zuvor gesehen hatte. „Stundenlange Regenfälle, die zum späten Nachmittag hin immer stärker wurden, haben in Bonn und der Region zu schwierigen Situationen geführt“, hatte ich zuvor beim ersten Morgenkaffee im General-Anzeiger gelesen.

Mittags schien schon wieder die Sonne und die Welt, bis auf den üblichen Wahnsinn, einigermaßen in Ordnung. Als in Medienkonsumgewohnheiten eher traditionell veranlagter Mensch, der Nachrichten überwiegend auf klassische Weise aus der Zeitung und dem Fernsehen erfährt, hatte ich tagsüber nicht mitbekommen, welche Katastrophe sich hinter den „schwierigen Situationen“ verbirgt. Erst durch die Fernsehbilder und Meldungen am Abend von den Zerstörungen, Toten, Verletzten und Vermissten im Ahrtal, im Kreis Euskirchen, im Rhein-Erft-Kreis und anderswo nicht weit von Bonn entfernt weiß ich: Bonn hat riesiges Glück gehabt.

Freitag: Noch immer bin ich fassungslos von den Ereignissen in der näheren Umgebung. Dieses Mal hatten wir Glück. Schon beim nächsten Mal trifft es vielleicht uns mit voller Wucht. Eine der zahlreichen Fragen, auf die ich keine Antwort weiß, lautet: Was würde ich tun, wenn wir durch eine solche Katastrophe alles verlören? Ich weiß nur, was nicht: mich vor den Trümmern unseres Hauses von einem Reporter befragen lassen, weil ich fürchte, komplett auszurasten, wenn er mich fragt „Was macht das mit Ihnen?“

Samstag: Der Bundes- und der Ministerpräsident besuchten das besonders hart getroffene Erftstadt-Blessem, um sich ein Bild von der Lage zu machen und warme Worte zu spenden. Gestern las ich beim SPIEGEL, auch Horst Seehofer habe der Region seinen Besuch angedroht. Als wäre das alles nicht auch so schon schlimm genug.

Sonntag: Während ich mich sonntäglicher Muße hingebe, erinnern die Stadt überfliegende Hubschrauber daran, dass im Ahrtal noch immer Vermisste gesucht und hoffentlich gerettet werden.

In diesem Zusammenhang ist immer noch von „Jahrhundertflut“ zu hören und lesen. Die diesem Wort innewohnende Hoffnung, für die nächsten hundert Jahre von solchen Ereignissen verschont zu bleiben, erscheint ein bisschen naiv.

Trotz allem wünsche ich Ihnen eine angenehme neue Woche und, sollten Sie von den Ereignissen selbst betroffen sein, viel Kraft und alles Gute!

Woche 27/2021: Einhändig mit links

Montag: Den allseits beliebten Begriff „Nachhaltigkeit“, seit längerem durch übermäßigen Gebrauch bis zur Unkenntlichkeit abgenutzt, sah ich heute in einer internen Mitteilung ergänzt um das Attribut „sozial“. Seitdem denke ich darüber nach, was das sein könnte, soziale Nachhaltigkeit, komme aber zu keinem schlüssigen Ergebnis.

Absolut schlüssig dagegen die Assoziation, die Frau Kraulquappe mit dem Wort „Impfschwänzer“ verknüpft: nicht Menschen, die aus Urlaubs- oder anderen Gründen der Nadel fernbleiben, sondern ein skorpionähnliches Schalentier. Hierüber musste ich bis zum Abend und noch ein wenig darüber hinaus immer wieder grinsen.

Während Skorpione innerhalb wohnlicher Behaglichkeit nicht gern gesehen werden, sind Hunde als Hausgenossen weitgehend akzeptiert und beliebt. Dalmatiner etwa. Einen solchen sah ich heute beim mittäglichen Kurzspaziergang, und sofort musste ich wieder an diesen blöden Witz denken („Sammeln Sie Punkte?“) – das wird wohl nicht mehr weggehen.

Abends auf der Fahrt vom Werk sah ich erstmals nach Monaten wieder sich stauende Autos auf der Straße, die zur Autobahn führt. Da haben sie ihre scheiß Normalität wieder, ob sie nun zufrieden sind?

Heute ist der fünfte des Monats, somit Tag der brüllenschen Blogaktion #WMDEDGT, für Nichtwissende: „Was Machst Du Eigentlich Den Ganzen Tag?“ Und also machte auch ich mir tagsüber fleißig Notizen über die wesentlichen Verrichtungen, musste abends jedoch feststellen, diese waren derart uninteressant, dass ich Ihnen und mir den ausführlichen Bericht erspare.

Dienstag: Eine nach längerer Zeit mal wieder genutzte Automatik-Uhr ist über Nacht stehen geblieben. Vermutlich ist diese Technik nicht kompatibel mit der Dynamik und den täglichen Bewegungsabläufen eines Beamten.

Noch weniger kompatibel ist meine Vorstellung von Vernunft mit den Vorgängen in England. Ich fasse zusammen: 1) Die Inzidenz ist dort wegen „Delta“ auf über zweihundert gestiegen. 2) Heute wird im Wembley-Stadion vor sechzigtausend Zuschauern Fußball gespielt. 3) Ab morgen fallen bei uns Einreisebeschränkungen aus England weg. 4) Ab dem 19. Juli werden in England alle Corona-Beschränkungen aufgehoben. – Habe ich das alles richtig verstanden?

Mittwoch: Laut Zeitung ist in Bonn die Geburtenrate gestiegen. Das überrascht, vielmehr hätte ich erwartet, die Leute würden nach Monaten, während derer sie ihre lieben Kids Tag und Nacht um sich hatten, sie beschulen und bespaßen mussten, von weiterer Nachzucht Abstand nehmen.

Von Ab- zu fehlendem Anstand: Manchmal kann ich einfach nicht daran vorbeigehen, ohne es zu fotografieren. Wussten Sie, dass eine weggeworfene Zigarettenkippe vierzig Liter Trinkwasser verschmutzen kann?

(Erst der Fotofilter mit der Bezeichnung „Strahlend“ bringt es richtig zur Geltung)

Doch gab es am Abend auch erfreulichere Anblicke:

Donnerstag: Wie man mir mitteilt, wurde mein Arbeitsplatzrechner „für ein Upgrade nominiert“. Ich fühle mich geehrt.

Gelesen hier: „… das sich in seinen geschickten Händen bewegte wie ein gut geölter Zitronenfalter.“ Ich möchte nicht altklug erscheinen, doch liege ich vielleicht nicht völlig verkehrt in der Annahme, wenn man einen Zitronenfalter ölt, egal ob gut oder schlecht, wird der sich anschließend kein Stück mehr bewegen. (Nachtrag: inzwischen vom Autor geändert.)

Freitag: „Ich habe hier gerade so viel Input, dass es etwas überläuft“, sagte einer in der Besprechung. Das sind exakt doppelt so viele Silben wie im Satz „Da bin ich noch nicht zu gekommen“. Kein Wunder, wenn da was überläuft.

Ansonsten endete eine weitere aufreibende Arbeitswoche.

(Bitte verzeihen Sie die mangelhafte Bildqualität – einhändig mit links zu fotografieren muss ich noch üben.)

Samstag: Der Geliebte erfährt zunehmendes Unbehagen bei der Begegnung mit anderen Menschen, größeren Ansammlungen gar. Wer ihm etwa beim Bäcker näher als zwei Meter zu Leibe rückt, wird in aller Deutlichkeit und ohne Ansehen der Person verbellt. Ich kann das sehr gut nachvollziehen, geht es mir doch ähnlich. Der Unterschied: Bei mir war das schon früher so, lange vor diesem C.

Die Liste wurde fortgeschrieben. In dem Zusammenhang sei die Lektüre dieses Buches und diese mir freundlicherweise zugesandte Szene empfohlen:

Sonntag: Die örtliche Volt-Partei ist zu loben. Nicht, weil sie ein vereinigtes Europa will – ja, deswegen auch, gerade in diesen Zeiten, da die nach mehr Nationalstaatlichkeit rufenden Stimmen zunehmend lauter werden -, sondern weil sie übrig gebliebene Wahlplakate der letzten Kommunalwahl wiederverwendet für die bevorstehende Bundestagswahl. Vielleicht ist das praktizierte soziale Nachhaltigkeit.

Auf einem anderen Plakat derselben Partei steht übrigens „Nachhaltig bauen wie in Barcelona“. Was auch immer das bedeutet.

Als ich nachmittags im Café um die Ecke Kuchen für die Lieben und mich holte, wurde ich Zeuge einer Kakaobestellung: heller Kakao, ohne Mich, dafür auf Wasserbasis, mit Sahne, to go. Jeder ist auf seine eigene Weise seltsam.

Augenscheinlich ist heute internationaler Stell-deine-Waschmaschine-raus-Tag. Das sagt einem ja wieder keiner.

Vielleicht kommt es ganz anders

Vorbemerkung: Dies ist meine persönliche Chronik der Corona-Pandemie, die ich Anfang April 2020 zu schreiben begonnen habe, so wie viele es bereits getan haben oder immer noch tun. Daher empfehle ich Ihnen nicht unbedingt, es zu lesen, Sie werden nicht sehr viel Neues darin finden, das sie nicht – vielleicht besser – schon in anderen Blogs und Artikeln gelesen oder selbst geschrieben haben, außerdem ist es sehr lang geraten, wer liest heutzutage schon gerne lange Texte. Weiterhin ist es nur ein Zwischenstand, die Seuche ist ja noch längst nicht vorüber. Aber auch eine Idee für einen Thriller, falls Sie sowas mögen. (Wenn nicht, sollten Sie ab dem Bild mit den blühenden Kastanien nicht weiterlesen.)

Im Laufe der Zeit wird der Text immer wieder an die aktuellen Entwicklungen angepasst, soweit es mir möglich ist; man weiß ja nie. Im Übrigen wäre dieses Blog, das ja dazu dient, den alltäglichen Wahnsinn zu dokumentieren, ohne eine Chronik dieser ungewöhnlichen Zeit unvollständig. Falls es in zehn oder zwanzig Jahren mal jemand lesen sollte, sofern es dann das Blog noch gibt, und jemanden, der es lesen will und kann.

(Letzte Aktualisierung: 10. Juli 2021)

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Als es um den Jahreswechsel 2019/2020 herum hieß, in China sei eine neuartige, rätselhafte Lungenkrankheit ausgebrochen, die zu Todesfällen führt und sich schnell ausbreitet, da war das ungefähr so weit weg wie der Sack Reis, der in China immer wieder mal umfällt. Millionenstädte wurden abgeriegelt, Reisen untersagt, was nur in einem totalitären Staat wie eben China denkbar schien. Die Fernsehbilder von zahlreichen Baggern, die sich scheinbar unkoordiniert auf einer durchwühlten Fläche drehten, angeblich, um innerhalb weniger Tage ein Notkrankenhaus zu errichten, tat ich zunächst als Propaganda der Regierung ab, um der Welt zu zeigen: Wir tun was, haben die Sache im Griff. Dann wurde klar: Die bauen wirklich ein Krankenhaus, nicht nur eins. Die Sache war offenbar ernst.

Kurz darauf wurde vor Reisen nach China, vor allem in die betroffenen Gebiete, offiziell gewarnt. Die menschliche Rationalität erfuhr erste Aussetzer, wie so oft, wenn Unheil droht, wenn auch zunächst diffus und unbestimmbar: Menschen aus China, egal aus welcher Region, Menschen mit asiatischer Physiognomie, egal woher, wurden plötzlich angefeindet und diskriminiert.

Bei uns, wie auch sonst überall außerhalb Chinas, ging das Leben unterdessen seinen gewohnten Gang: Wir fuhren zur Arbeit, auf den Autobahnen die täglichen Staus, wir konsumierten, reisten, machten Kreuzfahrten, feierten Karneval, Partys, spielten und schauten Fußball, machten Skiurlaub, natürlich mit Apres Ski. Die Kalender waren voll mit Terminen, privat wie beruflich: geplante Urlaube, Wochenendausflüge, Dienstreisen. Politiker beschimpften sich wie üblich, die Wirtschaft wuchs, weil Wachstum wichtig ist, Menschen wurden wegen ihres Glaubens, ihrer Hautfarbe oder aus anderen Gründen getötet oder in die Flucht getrieben; der ganz normale Wahnsinn.

Dann kam das Virus näher: Norditalien, Spanien, Österreich, Frankreich. Menschen erkrankten, manche schwer, einige starben. Man relativierte: Schließlich starben jährlich Tausende an der Grippe, im Straßenverkehr und an den Folgen des Rauchens und von Alkohol, da würde es schon nicht so schlimm sein. Dennoch waren Corona und Covid-19 nun jedermann ein Begriff. Es erinnerte an vergangene Epidemien wie Schweinegrippe, Sars, H1N1, EHEC, und wie sie alle hießen, längst vergessen, wann war das nochmal gewesen … Damals hatte es auch geheißen: Husten und Niesen nur in die Armbeuge, Hände möglichst gründlich waschen. Auf Toiletten hingen nun wieder bebilderte Anleitungen zum korrekten Händewaschen. Das ganze hatte etwas von einem Thriller, wie „Der Schwarm“ von Frank Schätzling: Man liest es mit einer Art angenehmem Schauder, ist aber selbst nicht betroffen, weil entweder Fiktion oder weit weg.

Aber so weit weg war es nicht mehr, die ersten Fälle nun auch in Deutschland. In Nordrhein-Westfalen, Kreis Heinsberg, das war nun wirklich nah! Jetzt wurden nicht nur Menschen mit asiatischem Aussehen angefeindet, sondern auch die mit „HS“ als Kfz-Kennzeichen, wenn sie sich über ihre Kreisgrenze wagten. Unterdessen die ersten Einschränkungen des öffentlichen und geschäftlichen Lebens in Italien, Spanien, Österreich und Frankreich, um die weitere Verbreitung des Virus aufzuhalten oder wenigstens zu verlangsamen. Menschen durften sich dort nicht mehr frei bewegen, Geschäfte, die nicht lebensnotwendig waren, mussten schließen, bald auch Kneipen und Restaurants. Krankenhäuser waren überfüllt, Ärzte und Personal an ihren Grenzen. Nicht mehr allen Erkrankten konnte geholfen werden, viele starben, vor allem Alte mit Vorerkrankungen, aber bei Weitem nicht nur die. Drohte uns das bald auch in Deutschland?

Bei uns wurden zunächst Veranstaltungen ab tausend Personen untersagt, kleinere blieben erlaubt; allenfalls wurde empfohlen, darauf zu verzichten. Auch wir fragten uns: Sollten wir wirklich noch zur Feier des sechzigsten Geburtstags des Schwagers nach Bünde fahren? Wir fuhren, es war vorläufig unsere letzte Reise und die letzte größere Ansammlung von Menschen, deren Teil wir waren. Es ging gut, und doch fühlte es sich falsch an, verboten. Das Hotel, in dem wir übernachtet hatten, musste kurz darauf für privat Reisende schließen, wie alle Hotels. In Bünde sah ich erstmals leergekaufte Supermarktregale. Der Thriller wurde realer.

Die menschliche Vernunft ging weiter zurück: Viele hielten sich nicht an die Kontaktbeschränkungen, manche feierten sogar „Corona-Partys“. Und sie kauften Unmengen Toilettenpapier, als hinge ihr Leben davon ab; wochenlang war es Glückssache, noch eine Packung zu erstehen. Außerdem Nudeln und Mehl, warum ausgerechnet Mehl, was machten sie damit? Dabei gab es keine Engpässe in der Versorgung, wie Handel und Politiker nicht müde wurden zu betonen, es war grundsätzlich genug von allem für alle da. Oder wäre gewesen, wenn jeder nur so viel gekauft hätte, wie er benötigte. Der Konjunktiv bekam Konjunktur in diesem Jahr. Das, was wir „zivilisiertes Verhalten“ nennen, erwies sich als ein dünner Faden, der schnell reißt, sobald wir glauben, die Kontrolle zu verlieren, uns übervorteilt oder bedroht fühlen oder schlicht Angst haben.

Ein wenig erinnerte mich die Situation an 1986, als aus Tschernobyl die radioaktive Wolke zu uns kam und wir sehr verunsichert waren wegen dieser unsichtbaren Gefahr, ängstlich unter das nächste Dach liefen, sobald ein paar Regentropfen fielen, kein Wild und keine Waldpilze mehr aßen. Und doch war ich jetzt guter Hoffnung, es würde mich und mir nahestehende Personen nicht treffen. Allein von den Fallzahlen her war die Wahrscheinlichkeit einer Infektion mit schwerem Krankheitsverlauf gering. Noch.

Die Woche darauf verkündete die Bundeskanzlerin erst in einer Pressekonferenz, dann in einer Ansprache ans Volk weitreichende Einschränkungen auch bei uns: Keine Veranstaltungen, keine unnötigen Reisen wie Urlaub, keine Restaurantbesuche, die Wohnung nur noch verlassen, wenn es unvermeidbar ist, wie zur Arbeit oder zum Einkaufen; grundsätzlich maximal zu zweit und mit mindestens eineinhalb Meter Abstand zueinander. Abstand wurde zu einem der meist gebrauchten Wörter des Jahres. Viele Geschäfte mussten nun auch in Deutschland schließen, zudem alle Kneipen, Bars, Theater, Museen, Friseure, Universitäten und Schulen. Keine Konzerte, Gottesdienste, Sportveranstaltungen, sogar die Fußball-Europameisterschaft und Bundesliga wurden abgesagt. Kurz: Alles, wo Menschen zusammenkamen aus nicht lebenswichtigen Gründen. Die meisten Grenzen zu den Nachbarländern wurden geschlossen und Mecklenburg-Vorpommern ließ niemanden aus anderen Bundesländern mehr rein. Der Stillstand bekam einen eigenen Namen, nein zwei: wahlweise „Lockdown“ oder „Shutdown“. Irgendwer fing damit an, bald plapperten es alle nach.

Viele Firmen ordneten, soweit möglich, Heimarbeit an, oder sie stellten den Geschäftsbetrieb ganz ein, wie die großen Autohersteller. Ich selbst wollte und durfte weiterhin ins Büro fahren, fuhr nur noch mit dem Fahrrad dorthin, auch bei Regen und Kälte. Die Stadtbahn mied ich, obwohl die Bahnen anfangs fast leer durch die Gegend fuhren, sicher ist sicher. Ich war froh, noch ins Büro zu dürfen, obwohl ich ebenfalls zu Hause hätte arbeiten können. Es gab meinen Tagen Struktur und die mir wichtige Trennung Arbeit – Privat blieb erhalten. Der Autoverkehr auf den Straßen ging drastisch zurück, die Staumeldungen im Radio fielen ungewohnt kurz aus.

Die Reise- und Tourismusbranche kam fast zum Erliegen, die meisten Flugzeuge blieben am Boden, Kreuzfahrtschiffe lagen fest. Die Natur konnte ein wenig aufatmen. Wie mochte es jetzt in Playa del Ingles auf Gran Canaria sein, wo wir früher so oft waren, einem Ort, der fast ausschließlich aus Hotels und Ferienappartements und einer rein auf den Tourismus ausgelegten Infrastruktur bestand? Gespenstisch leer vermutlich, vor allem nachts.

Ich fragte mich, wie lange die Bevölkerung noch ruhig und zu Hause blieb, den Empfehlungen der Regierung folgte, die beschlossenen und verkündeten Maßnahmen und Einschränkungen akzeptierte. Kam es irgendwann zu Unruhen, Gewalt, Plünderungen? Die Menschen bereiteten mir viel mehr Sorgen als das Virus. Wie lange war die Versorgung mit Lebensmitteln sichergestellt? Hielten die Menschen in den sogenannten „systemrelevanten“ Berufen – Ärzte, Polizisten, Verkäufer, Zusteller, Feuerwehr und andere – noch lange durch? Was passierte, wenn nicht?

Anfang April lebten wir seit drei Wochen im Ausnahmezustand, der mit großer Wahrscheinlichkeit noch einige Wochen anhalten würde, auch wenn die Stimmen nicht nur aus der Wirtschaft laut wurden, dass wir das nicht mehr lange durchhielten. Aber was war die Alternative? Die Zahl der Infektionen stieg weiter, fast 100.000 Fälle und 1.500 Tote, aber immerhin auch 26.000 Genesene in Deutschland; über letztere wurde in den Medien wenig berichtet.

Persönlich empfand ich mich nur wenig eingeschränkt, vielmehr konnte ich der Situation auch durchaus Gutes abgewinnen: In absehbarer Zeit gab es keine Dienstreisen, fast alle privaten Verpflichtungen waren ausgesetzt oder ganz gestrichen. Ich musste abends nicht mehr raus zu Vereinsaktivitäten, die mir schon vor der Pandemie zunehmend lästig geworden waren. Früher waren freie Wochenenden ohne Termine ein Geschenk, nun wurden sie zur Regel. Ich durfte weiterhin spazieren gehen und war gewissermaßen gezwungen, regelmäßig Fahrrad zu fahren. Und ich habe keine Kinder, die ich nun den ganzen Tag bespaßen und beschulen musste, weil sie nicht zur Schule gehen konnten. („Homeschooling“ ist auch eins dieser unsäglichen, nachgeplapperten Wörter, die dieses Jahr hervorgebracht hat.) Ich glaube, wenn ich Kinder hätte, käme ich nachts nicht in den Schlaf aus Sorge um deren Zukunft, auch wenn diese Seuche irgendwann vorüber sein sollte; andere Krisen, allen voran der Klimawandel, gehen weiter.

Natürlich gab es einiges, was ich vermisste: Die Woche Urlaub in Südfrankreich nach Ostern. Die gebuchte Schifffahrt zu „Rhein in Flammen“ Anfang Mai. Restaurantbesuche. Mit Freunden ins Ahrtal fahren, mit anschließender (W)Einkehr. Aber was waren das für Probleme, verglichen mit denen Anderer? Die infiziert oder erkrankt waren. Die bereits Angehörige verloren hatten. Die ihre Lieben im Krankenhaus oder Pflegeheim nicht besuchen durften. Die sich Sorgen um ihre berufliche Zukunft machen mussten. Die irgendwo in einem fernen Land oder auf einem Kreuzfahrtschiff festsaßen und nicht nach Hause konnten. Die in einem Flüchtlingslager lebten. Obdachlose. Nein, uns ging es gut, es fehlte an nichts.

Die Maßnahmen wirkten: Die Zahl der Neuinfektionen ging zurück, im Mai wurden die Einschränkungen teilweise aufgehoben. („Lockerungen“ wurde ein weiteres Wort des Jahres.) Läden, Restaurants, Friseure, Schulen und Kirchen öffneten wieder, unter strengen Auflagen: Sie durften nur mit Mund-Nasen-Schutzmaske betreten werden, deren Wirksamkeit noch wenige Wochen zuvor bei Politikern und Wissenschaftlern umstritten war, was vielleicht auch daran lag, dass es anfangs nicht genug Masken für alle gab. Nun gab es sie in rauen Mengen, von einfachen Einwegmasken bis hin zu modischen Designerstücken mit lustigen Motiven. Beim Betreten der Läden musste man sich die Hände desinfizieren, in Restaurants Namen und Kontaktdaten hinterlassen, zur „Kontaktpersonennachverfolgung“, eine weitere Wortgeburt dieses Jahres. Wir durften also wieder raus, Leute treffen, in die Büros, mit Einschränkungen reisen. Auch Fußballspiele vor reduziertem Publikum waren wieder möglich. Die „neue Normalität“ wurde ausgerufen. Man fuhr und flog wieder in den Urlaub, nach Mallorca, Italien, in die Türkei – die meisten jedoch blieben im Inland. Nord- und Ostseeküste erlebten einen Andrang wie lange nicht mehr.

In der Bevölkerung regte sich Widerstand gegen die angeordneten Maßnahmen, die weiterhin Bestand hatten, allen voran die Maskenpflicht. Das reichte von „ist doch nicht viel schlimmer als eine Erkältung“ bis hin zu absurden Verschwörungstheorien, wonach das Virus nur eine ausgedachte Gefahr war, um das Volk zu versklaven. In Berlin, Stuttgart und anderen Städten gingen die Leute deswegen auf die Straßen, Regenbogenfahnen marschierten neben Reichskriegsflaggen.

Der Sommer wurde heiß, viele junge Leute pfiffen weiterhin auf die Regelungen und Abstand, trafen sich, da Diskos und Clubs geschlossen waren, in Parks, auf Plätzen, am Rheinufer; tranken, feierten, sahen es überhaupt nicht ein, sich einschränken zu lassen. Mehrfach löste die Polizei Ansammlungen auf, was häufig auf Widerstand stieß und immer wieder Gewalt auslöste.

Einige Staatspräsidenten verharmlosten die Gefahr und weigerten sich, Masken zu tragen, gerade solche mit besonders hohen Infektionszahlen in ihrem Land, etwa Brasilien, Großbritannien, die USA oder Weißrussland. Folgerichtig fingen sie sich selbst das Virus ein, wobei nur Boris Johnson, der britische Premierminister, nennenswerte Symptome aufwies, während die anderen – Trump, Bolsonaro, Lukaschenko -, glimpflich davonkamen und hinterher umso überzeugter verkündeten, das Virus sei ungefährlich, obwohl bereits Tausende aus ihrer Bevölkerung daran gestorben waren.

Die meisten jedoch waren vernünftig und hielten sich an die Einschränkungen. Aber was nützte das alles, solange es keine Impfung und kein Medikament gab? Wahrscheinlich müssten wir bestimmte Vorsichtsmaßnahmen noch lange Zeit beibehalten: Hände häufig waschen, keine Umarmungen und Küsschen zur Begrüßung, keine Hände schütteln, Abstand halten. Immerhin: Wenn Händeschütteln durch diese Krise dauerhaft abgeschafft würde, hätte sie wenigstens etwas Gutes bewirkt.

Große Veranstaltungen wurden abgesagt: das Oktoberfest in München, die Karnevals-Session, Weihnachtsmärkte. Dennoch galt es, einen weiteren Stillstand um jeden Preis zu vermeiden, weil man befürchtete, große Teile der Wirtschaft würden den nicht überstehen.

Im Herbst, nach Rückkehr der Urlauber, stiegen die Infektionszahlen wieder an. Zunächst langsam, bald rasant. Fast alle angrenzenden Länder wurden zu Risikogebieten erklärt, wer dorthin reiste, musste hinterher einen negativen Corona-Test vorweisen oder sich in Quarantäne begeben. Einige Länder verschärften die Maßnahmen wieder drastisch, verhängten Ausgangssperren. Auch immer mehr Regionen in Deutschland waren betroffen. Die Bundeskanzlerin beriet sich mit den Ministerpräsidenten der Länder, was zu tun sei, doch es gelang zunächst nicht, sich auf einheitliche Regelungen zu einigen. Die Maskenpflicht wurde verschärft, auch draußen sind seitdem Mund und Nase zu bedecken überall dort, wo viele Menschen sind, vor allem in Fußgängerzonen. Als Brillenträger läuft man nun noch häufiger im Nebel herum. Für die Gastronomie wurde die Sperrstunde eingeführt. Immerhin gab es noch Gastronomie.

Zum November einigten sich Bund und Länder auf neue Beschränkungen, nicht ganz so drastisch wie im Frühjahr: Befristet für zunächst vier Wochen mussten Gaststätten wieder schließen, Veranstaltungen wurden untersagt, maximal fünf Personen aus unterschiedlichen Haushalten durften sich öffentlich treffen. Immerhin gab es keine Ausgangssperren wie in anderen Ländern, zum Beispiel Frankreich. Geschäfte und Schulen blieben geöffnet, der Profisport durfte ohne Zuschauer weiter betrieben werden, vermutlich ließ sich damit auch so noch genug Geld verdienen.

Es gab Hoffnung: Im November meldeten mehrere Unternehmen, einen wirksamen Impfstoff entwickelt zu haben. Doch der musste erstmal zugelassen, in erforderlicher Anzahl hergestellt und verteilt werden.

Die Neuinfektionen gingen unterdessen nicht zurück, täglich meldete das Robert-Koch-Institut eine fünfstellige Zahl an neu Infizierten, auch die Zahl der „an oder mit“ Corona Gestorbenen stieg an. Daher einigten sich Bundeskanzlerin und Ministerpräsidenten auf eine Verlängerung der Maßnahmen, erst bis Ende Dezember (das Weihnachtsgeschäft!), dann bis Anfang Januar; über Weihnachten und Silvester sollte es leichte Lockerungen geben, statt fünf sollten sich vorübergehend zehn Personen treffen dürfen. Einige Städte verhängten nächtliche Ausgangssperren. Die Verrückten demonstrierten unterdessen weiter und faselten von „Diktatur“.

Anfang Dezember mahnten führende Wissenschaftler dringend weitere Beschränkungen an. Gleichzeitig wurden in Großbritannien die ersten Menschen geimpft, was zu Diskussionen und Unverständnis führte, da die EU sich mit der Zulassung noch etwas Zeit ließ; erst nach Weihnachten sollten auch hier die ersten Spritzen gesetzt werden. Unterdessen wurden aufgrund der weiter steigenden Infektionszahlen die Maßnahmen weiter verschärft. Über die Weihnachtstage gab es nur noch geringfügige Lockerungen, die derart kompliziert formuliert waren, dass sie keiner verstand, zu Silvester wurden Ansammlungen in der Öffentlichkeit und der Verkauf von Feuerwerk untersagt.

Die früheren Impfungen nützten den Briten zunächst wenig: Eine Woche vor Weihnachten trat eine neue Variante des Virus auf, die bis zu siebzig Prozent ansteckender sein sollte, nach ersten Erkenntnissen jedoch weder zu schwereren Krankheitsverläufen noch einer erhöhten Sterblichkeit führte. Zur Sicherheit stellten zahlreiche europäische Länder vorübergehend den gesamten Reise- und Frachtverkehr mit Großbritannien ein; kurz darauf stauten sich tausende von LKWs vor Dover. Konsumfreude kollidierte mit Naturgewalt.

Kurz vor dem nächsten Jahreswechsel freuten sich viele, weil dieses schlimme Jahr vorüber ging, obwohl das Ende des vorläufigen Dauerzustandes noch lange nicht absehbar ist. Weiterhin meldet das Robert-Koch-Institut für Deutschland täglich Neuinfektionen in fünfstelliger Zahl. Weltweit hatten sich fast 83 Millionen Menschen mit dem Virus infiziert, über 1,8 Millionen davon sind gestorben. Deutschland stand mit rund 1,7 Millionen Infizierten und dreiunddreißigtausend Toten noch vergleichsweise gut da. Einige klagten vor Gericht, weil sie zu Silvester keine Raketen abfeuern durften und bekamen sogar Recht, weil die Richter keinen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Feuerwerk, Infektions- und erhöhter Knallkörperverletzungsgefahr sahen.

Immerhin: Der Stuttgarter Initiator der zweifelhaften Bewegung, die sich selbst als „Querdenker“ bezeichnet, hatte angekündigt, bis auf weiteres auf Demonstrationen zu verzichten. Die LKW, die sich vor Weihnachten in England stauten, durften ihre Fahrt fortsetzen. Und in Europa sind die Impfungen angelaufen, als erstes alte Menschen in Pflegeheimen und medizinisches Personal; in den Nachrichtensendungen wird ungefähr alle zwei Minuten eine Nadel in einen Oberarm getrieben.

Schon kurz nach Weihnachten wurden Zweifel laut, dass die Beschränkungen wie geplant nach dem 10. Januar teilweise zurückgenommen werden können. Anfang Januar trafen sich wieder Bundeskanzlerin und Ministerpräsidenten und sie beschlossen, die Maßnahmen bis Ende Januar zu verlängern, mehr noch: Nun durften wir uns nur noch mit einer haushaltsfremden Person treffen und man erwog, den Bewegungsradius von Menschen in besonders stark betroffenen Gebieten auf einen Umkreis von fünfzehn Kilometer um den Wohnort zu beschränken. Das wurde heftig kritisiert, da weder klar war, ob mit Wohnort die konkrete Adresse des Einzelnen oder die Gemeinde-/Stadtgrenzen gemeint waren, noch wie das durchzusetzen und zu kontrollieren sei. Heftig kritisiert wurde auch der Gesundheitsminister, weil die Impfungen wegen zu wenig Impfstoff nur schleppend anliefen. Unterdessen starben in Deutschland täglich mehr als tausend Menschen wegen Corona.

Da im Laufe des Februars die Zahlen sanken, wurden Lockerungen ab Anfang März beschlossen, die kaum einer richtig verstand, mit „Notbremse“ bei schlechter Entwicklung. Friseure durften wieder Haare schneiden (was für manche Menschen scheinbar wichtiger war als Lebensmittel und Klopapier), Einzelhändler durften wieder ihre Läden öffnen, allerdings nur nach Terminvereinbarung, wofür das nächste Wortungetüm „Click & Meet“ geschaffen wurde. Gegen jede Vernunft und ohne ausreichende Testmöglichkeiten wurden Schüler wieder zum Präsenzunterricht einberufen. Unterdessen lief das Impfen weiterhin sehr schleppend; während andere Länder wie Israel, sogar Amerika und England schon sehr weit waren und unter anderem Außengastronomie ermöglichten, stritt man in Deutschland darüber, wer wann wen wo und womit impfen durfte. Vor allem fehlte es nach wie vor an ausreichend Impfstoff. Hinzu kam ein Skandal, weil mehrere CDU-Abgeordnete im vergangenen Jahr in unlautere Geschäfte mit Schutzmasken verstrickt waren, die sie ihr Mandat und die Partei erhebliche Stimmen bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz kosteten.

Während Urlaubsreisen im Inland weiterhin nicht möglich waren, galt Mallorca nicht mehr als Risikogebiet, woraufhin sich Tausende auf den Weg dorthin machten, trotz Maskenpflicht und ab dem frühen Abend geschlossenen Kneipen und Restaurants. Hauptsache mal raus. Die Festland-Spanier durften ihre Städte und Regionen unterdessen weiterhin nicht verlassen.

Wenig überraschend stieg die Zahl der Neuinfektionen im März wieder stark an, vor allem auch wegen der neuen Virus-Varianten. Daher zogen Bundeskanzlerin und Ministerpräsidenten Mitte März die Notbremse, die sie nach heftiger Kritik aus der Wirtschaft bereits zwei Tage später wieder etwas lockern mussten. Erstmals in der Geschichte äußerten sie unverblümt Selbstkritik und baten für ihre Fehlentscheidung um Entschuldigung. Das Vertrauen der Bevölkerung in die Politiker war schwer beschädigt und niemand wusste mehr genau, was noch erlaubt war und was nicht.

Deshalb wurde Ende April das Bundesinfektionsschutzgesetz angepasst, wieder war ein neues Wort geboren: die „Bundesnotbremse“. Unter anderem galt nun einheitlich für Städte und Kreise mit einem Inzidenzwert über 100 Infizierte je 100.000 Einwohner (somit fast alle) eine nächtliche Ausgangssperre zwischen 22 und 5 Uhr, wobei spazieren und laufen auch noch bis 24 Uhr erlaubt war. Die meisten Geschäfte durften Waren nur noch zur Abholung anbieten, andere wie Friseure durften nur mit einem tagesaktuellen negativen Testergebnis betreten werden. Arbeitnehmer waren grundsätzlich zur Heimarbeit verpflichtet, wenn es die Tätigkeit zuließ.

Unterdessen breitete sich in Indien nach religiös-rituellen Massenbädern im Ganges eine neue Variante aus, die täglich zu tausenden Neuinfektionen und Toten führte. Das Gesundheitssystem kollabierte, man kam kaum noch hinterher, die Leichen zu verbrennen.

Bei uns hingegen zeigte die „Bundesnotbremse“ Wirkung – die Zahl der Neuinfektionen ging zurück, zunächst nur langsam, dann deutlich. Gleichzeitig stieg die Zahl der Geimpften, zumal neben den Impfzentren auch Haus- und Betriebsärzte endlich impfen durften. Läden und Außengastronomie öffneten wieder, vorläufig durften sie nur mit einem aktuellen negativen Testergebnis betreten werden. Deshalb öffnete an jeder zweiten Straßenecke eine Teststation, offenbar ein einträgliches Geschäft, was manche Betreiber motivierte, es mit der Zahl der gemeldeten Tests nicht allzu genau zu nehmen und großzügig aufzurunden.

Mit weiter sinkenden Zahlen entfiel die Testpflicht für Geschäfte und Gastronomie, im Freien mussten keine Schutzmasken mehr getragen werden – einige taten es erstaunlicherweise dennoch weiterhin. Arbeitnehmer durften wieder in die Büros zurückkehren, viele arbeiteten dennoch lieber weiterhin zu Hause, wenn ihre Chefs sie ließen. Und man fuhr und flog wieder in den Urlaub in andere Länder. Fast fühlte es sich wieder „normal“ an, was immer mehr Leute dazu brachte, ihren zweiten Impftermin nicht wahrzunehmen; an manchen Tagen war bei den Impfstellen mehr Impfstoff vorhanden als Impfwillige. Ein neuer Begriff war geboren: „Impfschwänzer“.

Anders entwickelten sich die Zahlen in anderen Ländern, etwa England und Portugal, wo sich die hochansteckende indische Variante, inzwischen umbenannt in „Delta“, um die Inder nicht zu diskreditieren, schnell ausbreitete. Das hielt die UEFA nicht davon ab, die im letzten Jahr verschobene Europameisterschaft nachzuholen, vor Publikum in teilweise voll besetzten Stadien. Fußballfans ohne Masken jubelten und fielen sich in die Arme, zogen später in Feierlaune durch die Städte. Immerhin, dank der Impfungen stieg die Zahl der schweren Erkrankungen und Todesfälle nicht stark an.

Für den Herbst rechnete man indessen fest mit einer vierten Welle.

***

Irgendwann könnte das Virus besiegt sein und wir gehen wieder über zum üblichen Irrsinn, machen weiter wie vorher, reisen, konsumieren, zerstören die Umwelt, wandeln das Klima, Hauptsache wir haben Wachstum. Reiche werden reicher, Arme ärmer, und wir Menschen werden immer mehr. Alles wie gehabt.

Aber vielleicht kommt es ganz anders. Hätte ich Talent und Lust, einen Thriller zu schreiben, dann etwa so:

Es gibt mehr als sieben Milliarden Menschen auf der Erde, mit den bekannten Auswirkungen auf Natur und Klima, und es werden immer mehr. Dabei vermehren sich augenscheinlich diejenigen besonders stark, die es sich am wenigsten leisten können: die Ärmsten in Afrika, RTL-Zielgruppenzugehörige, die sich durch absurde Frisuren und Haarfärbungen, Tätowierungen bis zum Hals und Metallteilen in verschiedensten Körperteilen selbst den Weg zu großen Teilen des Arbeitsmarktes verbauen; selbst in Flüchtlingslagern, wo Menschen teilweise seit Jahren festsitzen und vermutlich andere Sorgen als die Arterhaltung haben, werden neue Menschen geboren.

Vielleicht ist Corona nur ein Auftakt, ein Vorgeschmack auf etwas kommendes Großes. Durch Kontaktbeschränkung und Impfungen mag es gelingen, die weitere Ausbreitung erst zu verlangsamen, dann zu stoppen. Doch kaum, dass wir die Krise überwunden glauben und da weitermachen, wo wir vorher aufgehört haben, entsteht eine neue Mutation des Virus. Zunächst unbemerkt, da über Monate keine Symptome auftreten, breitet es sich rasend schnell aus. Als man begreift, dass wiederum ein Virus die Ursache für eine neue, rätselhafte Erkrankung ist, ist es zu spät. Man kann ihm nicht entgehen, nirgendwo, es ist nahezu auf der ganzen Welt. Reihenweise erkranken die Menschen weltweit schwer, anders als bei Covid-19, wo ein hoher Anteil nur leichte oder gar keine Symptome zeigte, trifft die neue Form alle, die sich infiziert haben. Innerhalb weniger Tage bricht das Gesundheitssystem zusammen, die Sterblichkeit liegt bei über fünfzig Prozent. Geschäftliche Aktivitäten werden in kürzester Zeit eingestellt, die Grundversorgung mit Strom, Internet, Wasser und Lebensmitteln kommt zum Erliegen. Das, was wir Zivilisation nennen, hört auf zu existieren, es herrscht einzig das Recht des Stärkeren. Staat und Politik lösen sich auf, auch auf die „Rechten“ und „Querdenker“, die anfangs noch Schuldige ausgemacht hatten und einfache Lösungen wussten, hört niemand mehr. Globalisierung und Gendersternchen sind nur noch Begriffe ohne irgendeine Bedeutung.

Während in den Parks die Kastanien in voller Blüte stehen, sterben innerhalb weniger Wochen mehrere Milliarden Menschen, vor allem in den hoch entwickelten, technikabhängigen Industrieländern. Ganze Städte sind menschenleer, stattdessen wühlen Wildschweine in den Vorgärten der Villenviertel.

Vielleicht erleben wir gerade das Ende der Menschheit, wir wissen es nur noch nicht. Nicht der Klimawandel oder ein Atomkrieg löscht uns aus, sondern ein Virus. Sieben Milliarden Menschen, die sich benehmen, als wären sie die einzige Spezies von Bedeutung, der sich alles andere unterzuordnen hat, die sich immer weiter vermehren und so tun, als gäbe es kein Morgen – vielleicht ist es damit bald vorbei, und die Weltherrschaft geht über an Ameisen oder Ratten. Vielleicht beherrschen die auch längst die Welt, wir haben es nur noch nicht bemerkt.

Woche 26/2021: Delfine mit rauer Fantasie

Montag: Schlecht geschlafen in der vergangenen Nacht mit vielen Unterbrechungen und Wachphasen. Immerhin: Soweit ich mich erinnere, setzte sich der Traum, oder zumindest Elemente daraus, nach jedem Einschlafen fort. Dennoch war am Morgen nach dem Aufstehen jede Erinnerung an den Inhalt verflogen.

Werksgedanken: Gerade am ersten Arbeitstag nach zwei Wochen vergnüglicher Muße erscheint dieses Prinzip „Arbeiten um zu leben“ zunehmend zweifelhaft. Viel mehr gibt es zum heutigen Tag nicht anzumerken, keine nennenswerten Imponderabilien im Mailpostfach, immerhin. Da auch am Abend nichts zu Verpassendes anstand, ging ich früh zu Bett.

Dienstag: Was die Tageslaune heute nur unwesentlich hob. Kennen Sie das, wenn Sie nichts hören, noch viel weniger sprechen möchten, einfach fast alles nur nervt? So ein Tag war heute. Mittags ein Lichtblick in Form von Käsespätzle mit Röstzwiebeln an Froschlaich am Froschteich hinter dem Mutterhaus, leider nur von kurzer Dauer; bereits um zwölf Uhr war ich eingeladen zum nächsten Hören und (zum Glück nur wenig) Sprechen.

Letzter Arbeitstag einer sehr geschätzten Kollegin vor ihrem halbjährigen „Sabbatical“, wer auch immer auf dieses grandiose Wort gekommen sein mag. Sie dürfen gerne raten, wer für diese Zeit in ihrer Mail-Abwesenheitsnachricht als Ansprechpartner angegeben ist.

Immerhin: Durch das Ausscheiden der deutschen Mannschaft gegen England bei der Fußball-Europameisterschaft herrschte abends auf den Straßen erfreuliche Ruhe.

Mittwoch: Heute endet die sogenannte „Bundesnotbremse“, somit auch die grundsätzliche Pflicht zur Heimarbeit, wenn es die Tätigkeit erlaubt. Ich habe die ganze Zeit nur zweimal zu Hause gearbeitet, obwohl auch bei mir Heimarbeit ohne Weiteres möglich wäre. Weil ich es nicht will und nicht muss, dafür bin ich meinem Chef sehr dankbar. Was ich nicht verstehe: Wenn Leute sagen, zu Hause würden sie viel mehr und länger arbeiten als im Büro. Warum tun sie das? Was ist so schwer daran, zur gegeben Zeit Feierabend zu machen und den Rechner am Wochenende ruhen zu lassen?

Seit etwa zwei Tagen habe ich raue Lippen. (Noch immer erscheint es mir gewöhnungsbedürftig, „rau“ statt „rauh“ zu schreiben und lesen, ähnlich ergeht es mir mit „Fantasie“. Nicht so hingegen bei „Delfin“ und „dass“.) Der Grund der Rauh(h)eit bleibt im Dunkel – keinesfalls habe ich mir den Mund fusselig geredet. Siehe auch den Eintrag von gestern.

Von Rechtschreib- zu einer anderen Reform: Die Bonner Stadtverwaltung hat ihren Mitarbeitern den Gebrauch gendergerechter Sprache verordnet. Dazu kommentiert der General-Anzeiger: „Eine liberale und tolerante Geisteshaltung zeichnet sich gerade dadurch aus, dass sie abweichende Sichtweisen, Standpunkte – und eben auch eine andere Wortwahl – bis zur Grenze des Erträglichen akzeptiert. […] Allein die Möglichkeit, sich für bestimmte Formulierungen rechtfertigen zu müssen, baut auf subtile Weise genug moralisierenden Druck auf, um ein Klima des Misstrauens zu erzeugen.“ – Das kann man natürlich völlig anders sehen („Sprache erzeugt Wirklichkeit“ und so weiter), muss man aber nicht. Jedenfalls freue ich mich schon auf die Leserbriefe dazu.

„Wir haben da kein Hick up“ hörte ich in einer Besprechung und bekam spontan einen Schluckauf.

Donnerstag: Heute vor fünfundzwanzig Jahren wurde die Rechtschreibreform beschlossen. Ein Vierteljahrhundert Delfine mit rauer Fantasie.

Abends wurde mir aufgetragen, auf dem Heimweg Brötchen mitzubringen. Kurz bevor ich in der Bäckerei an der Reihe (warum schreibt man nicht „Reie“?) war, bemerkte ich, dass sich der Reißverschluss der Regenjacke im Futter festgefahren hatte. Um an das Portmonee (bis zum 30.6.1996: Portemonnaie) zu gelangen, das sich in der ebenfalls mit einem Reißverschluss verschlossenen Innentasche der inneren Jacke befand, waren einige mit unausgesprochenen Flüchen verbundene ungelenke Verrenkungen erforderlich. Das muss ziemlich lustig ausgesehen haben.

Freitag: Die ersten Leserbriefe zur städtischen Genderverordnung, acht an der Zahl, davon immerhin einer von einer Leserin, die da schreibt: »Als Frau fühle ich mich mit Gendersternchen als „innen-Anhängsel“ mehr diskriminiert als mit dem generischen Maskulinum.«

Wie ich ansonsten aus sicherer Quelle weiß, bin ich nicht der einzige, der sich darüber freut, dass schon wieder Freitag ist.

Samstag: Erstmals hörte ich das Wort „Kreuzimpfung“, das zu blasphemischen Betrachtungen anregt. Leider blieb ich diesbezüglich von der Muse ungeküsst, daher belasse ich es dabei.

Sonntag: In der Sonntagszeitung las ich das Wort „Arbeitnehmende“ als genderkorrekte Bezeichnung für Lohnsklaven. Das überzeugt mich genauso wenig wie die Ausgangsform „Arbeitnehmer“, da es ebenso uneindeutig bleibt – Wer „nimmt“ (beziehungsweise „gibt“) die Arbeit: wer sie ausführt oder wer dafür bezahlt?

Ich wünsche Ihnen eine angenehme, nicht allzu arbeitsreiche Woche – ob gegeben oder genommen.

Woche 25/2021: So ähnlich muss sich Ruhestand anfühlen

Montag: Achter Urlaubstag. Während Stadt und Menschen um mich herum sich aufmachten zur wöchentlichen Wertschöpfung, blieb ich noch ein wenig liegen und fragte mich, warum es keine leisen Kehrmaschinen gibt.

Doch machte auch ich mich später auf, zu einer Wanderung über die dritte Rheinsteig-Etappe von Bad Honnef nach Linz. Während des Wartens auf die Bahn wehte ein Windstoß Teile einer regionalen Zeitung, die von Inhalt und Aufmachung her der bekannten Boulevardzeitung mit den vier Buchstaben ähnlich ist, über den Bahnsteig. „Egal, die brauche ich nicht mehr“, sagte der Mann auf der Bank nebenan, der zuvor darin gelesen hatte. „Guter Mann, kein Mensch braucht die“, verkniff ich mir zu antworten.

Nach mehreren durchwanderten Stunden muss an einer entscheidenden Stelle meiner langsam ermüdeten Aufmerksamkeit eine Wegmarkierung entgangen sein, so dass ich falsch (oder nicht) abbog. Die Komoot-App war hier auch keine Hilfe, da die von ihr empfohlene Route teilweise erheblich von dem abwich, was die blau-weißen Markierungen an Bäumen und Pfählen als Rheinsteig ausweisen und nach denen ich mich richtete, weil es mir lästig ist, alle paar hundert Meter auf das Datengerät zu schauen. (Nachtrag: Die Möglichkeit, Touren von der Rheinsteig-Seite direkt nach Komoot zu exportieren habe ich erst Tage später entdeckt. Ab der vierten Etappe läuft es dann besser.) Umkehren war keine Option, daher schlug ich mich unter Zuhilfenahme der App durch Wald und Wiesen sowie über diverse Stöcke und Steine, bis ich irgendwann (eher zufällig) wieder auf eine Wegmarkierung traf. Wie der Rheinländer sagt:

Ob richtige oder Improvisierte Strecke – der Weg durch Wälder und Felder war beglückend, hier und da auch ein Bächlein, das mich des großen Dichters Wort singen ließ:

„Tagtäglich fließt der Bach durchs Tal,

mal fließt er breit, mal fließt er schmal.

Er steht nie still, auch sonntags nicht,

und wenn mal heiß die Sonne sticht,

kann man in seine kühlen Fluten fassen.

Man kanns aber auch bleiben lassen.“

Heinz Erhardt

Erwähnte ich schon meinen Zwang, Trafotürme zu fotografieren? Hier ein schönes Exemplar oberhalb von Unkel, leider mit einer ästhetisch fragwürdigen Zweckerweiterung verunziert.

Nicht mehr allzu fern des Ziels gewährt der Rheinsteig einen wunderbaren Blick auf den namensgebenden Strom:

Am Ziel in der Linzer Innenstadt gab es ein Belohnungsbier, ehe ich mit der Bahn zurück nach Bonn fuhr. Somit war wieder ein Eintrag in meiner Urlaubsliste abzuhaken. Und ich sah, dass es gut war.

Dienstag: Heute gab es den zweiten Piks. Abgesehen von einem kleinen Rausch, danach vorübergehendem Unwohlsein des Geliebten, einhergehend mit Schlechlaunigkeit, sind bislang keine der befürchteten Nebenwirkungen eingetreten.

In Krisenzeiten leiden ja am meisten immer die Kinder.

Mittwoch: Die UEFA hat sich unbeliebt gemacht, weil das Münchener Stadion abends beim EM-Spiel Deutschland gegen Ungarn nicht in Regenbogenfarben erstrahlen durfte. Hiermit wollten die Münchner ein Zeichen setzen wider ein absurdes Gesetz gegen Homo- und Transsexuelle, das das ungarische Parlament vergangene Woche beschlossen hat. So ärgerlich das sein mag, diese Entscheidung des Fußballkonzerns war zu erwarten. – Gestatten Sie mir eine Anmerkung zum Wort „Homophobie“, das in diesem Zusammenhang immer wieder fällt. Eine Phobie ist die Angst vor etwas Bestimmtem, zum Beispiel ist Nomophobie die Angst, ohne Mobiltelefonkontakt zu sein, für viele inzwischen wohl das, was sie am meisten fürchten. Bei dem, was als Homophobie bezeichnet wird, geht es jedoch nicht um Angst, sondern um Ablehnung und Hass. Das ist etwas anderes. Angst müssen allenfalls die Schwulen und Lesben in Ländern wie Ungarn haben; DAS wäre Homophobie.

Obwohl die Maskenpflicht im Freien inzwischen weitgehend aufgehoben wurde, sah ich in der Fußgängerzone zahlreiche Leute, die weiterhin Mund-Nasen-Schutz trugen. Haben sie es nicht mitbekommen, oder sollten die Menschen doch vernünftiger sein, als ich annahm, jedenfalls ein Teil davon?

Die Nebenwirkungen der zweiten Spritze blieben auch heute weitgehend aus, bis auf einen ganz leichten Druck im Oberarm. Die Angst vor Spritzen heißt übrigens Trypanophobie.

Donnerstag: In Kürze tritt die „Einwegkunststoffverbotsverordnung“ in Kraft, allein schon wegen des Wortes eine Bereicherung. Örtlichen Bäckereien sehen laut Zeitungsbericht fehlende Alternativen zu Papp-Kaffeebechern und zugehörigen Kunststoffdeckeln als problematisch an. Doch, die gibt es: Verkauft einfach keinen Kaffee zum Mitnehmen mehr, irgendwann werden die Leute vielleicht einsehen, wie idiotisch es ist, mit einem Kaffee durch die Gegend zu laufen.

Mancher Werbespruch hinterlässt vor allem Ratlosigkeit. (Die Angst vor Puppen heißt im Übrigen Pediophobie. Yeah.)

Freitag: Letzter Urlaubstag. Nach dem Frühstück erledigte ich ein paar mir aufgetragene Besorgungen, danach fuhr ich mit dem Fahrrad zum Lieblingsplatz am Rheinufer vor Bonn-Oberkassel. Ein wirklich außergewöhnlich schöner Ort, man sitzt/liegt dort im Schatten hoher alter Pappeln, mit Blick auf das Siebengebirge links, rechts grüßt das Mutterhaus des Arbeitgebers herüber. Ich grüßte kurz zurück und beachtete es nicht weiter. Erst ab Montag wieder, vorher noch das Wochenende.

In meinem Alter ist es beschwerlich, auf dem Boden liegend zu lesen oder gar schreiben, es gibt einfach keine Körperhaltung, jedenfalls ist mir keine bekannt, in der das über längere Zeit bequem ist, und bequem soll es ja sein. Gepriesen sei daher das kleine, praktische Klappstühlchen, das problemlos auf dem Fahrrad-Gepäckträger zu transportieren ist. So kann ich stundenlang verharren: Lesen, schreiben, Schiffe kucken. Dazu das vorletzte Fläschchen Maibock, das Zeug muss langsam mal weg, der Juli naht bereits.

Samstag: Durch den Kiezschreiber wurde ich auf den Begriff „Rautavistik“ aufmerksam. Hierzu weiß Wikipedia:

Rautavistik ist eine Art der Performance-Kunst, bei der Handlungen ohne erkennbaren Sinn oder Nutzen für den Ausführenden oder Dritte zur Kunstform erhoben werden. […] die Handlungen dienen einzig zur Unterhaltung der Ausführenden. Werden Dritte aktiv in eine rautavistische Handlung einbezogen, so geschieht dieses normalerweise in einer Art Statisten- oder gar Opferrolle. […] Die ausführenden Personen nennen sich selbst Rautavisten. Sie kommen meistens aus dem Umfeld von Hochschulen und organisieren sich […] in Gruppen und geben sich oft ausgefallene Namen, Titel und Dienstbezeichnungen. […] Ein fast immer verwendetes zusätzliches Stilmittel ist es, diese sinnlosen Dinge mit großem Ernst anzugehen, der natürlich insgeheim nur gespielt ist. Daher wird großer Wert darauf gelegt, bei der Aktion möglichst wenig zu lachen. Eine eventuelle Andeutung oder gar Erklärung Dritten gegenüber, dass es sich bei der fraglichen Handlung doch eigentlich nur um Unsinn handele, wird gemieden; […] Ein typischer rautavistischer Gegenstand wäre z. B. ein Automat oder Kasten mit einem großen Knopf, dessen Betätigung absolut nichts bewirkt. Eine rautavistische Handlung wäre es, diesen Knopf dennoch im vollen Bewusstsein, dass nichts geschehen wird, zu drücken. Die Person, die diese Handlung bewusst ausführt, ist der Rautavist. […] Rautavistische Gespräche sind bewusst völlig sinnentleerte Gespräche, die jedoch ein kohärentes Thema zum Inhalt haben.

Das kommt mir sehr bekannt vor, einschließlich Opferrolle und dem Knopf, der nichts bewirkt. Ab Montag wieder.

Sonntag: Zwei Wochen Urlaub ohne zu verreisen waren sehr schön. So ähnlich muss sich Ruhestand anfühlen.

In der zurückliegenden Woche las ich übrigens „Die Geschichte eines einfachen Mannes“ von Timon Karl Kaleyta, eine Geschichte über Egozentrik, Unvernunft, Selbstüberschätzung, arg strapazierte Freundschaften und Scheitern. Auch wenn nicht immer nachzuvollziehen ist, warum sich die Mitmenschen des Protagonisten so verhalten, wie sie es tun, ein lesenswertes Buch.

Woche 24/2021: Schonung und Regeneration

Montag: Erster Urlaubstag. „Ich mööch zo Fooß noh Kölle jonn“, für Nicht-Rheinländer: „Ich möchte zu Fuß nach Köln gehen“, sang Willi Ostermann bereits vor fünfundsiebzig Jahren. Eine ähnliche Idee kam mir vergangene Woche, als ich meinen Urlaub plante. Und also tat ich heute, wobei ich nur bis Rodenkirchen ging, von wo aus man den Dom schon deutlich sieht. Ich startete in Bonn linksrheinisch, setzte mit der Mondorfer Fähre rüber ans andere Ufer, von dort ging es bis zur Rodenkirchener Autobahnbrücke, wo ich wieder die Rheinseite wechselte und nach einer Einkehr, der ersten nach wasweißichwieviel Monaten, mit der Stadtbahn die Rückfahrt nach Bonn antrat. Auch wenn Gehen glücklich macht, was zu betonen ich nicht müde werden: Heute war es sehr anstrengend, genug des Glücks, vor allem die letzte Stunde etwa ab Köln Porz, wo ich mehrfach dachte: Porz Blitz*, wann kommt denn diese Brücke endlich? Auch das Wetter war mit Sommerhitze vielleicht nicht der ideale Wanderbegleiter. Aber die Aussicht auf den Dom ein kühles Getränk mit Hopfenanteil gab den erforderlichen Antrieb. Als nach fast siebenstündigem Marsch das erste Kölsch endlich vor mir stand, war es schön, wobei das erwartete Glücksgefühl nach entbehrungsreichen Monaten noch nicht so richtig aufkam. Das kommt bestimmt noch. Hier einige Eindrücke:

Die Mondorfer Fähre nach Ankunft ebendort
Seitenarm bei Reidt
Im Auenwald bei Niederkassel
Ein Relikt aus einer fragwürdigen Verkehrsdesign-Epoche in Niederkassel-Lülsdorf
Hinter Lülsdorf
Bei Langel
Endlich: die Brücke in Sicht
Gleich geschafft
Sie haben Ihr Ziel erreicht.

* Bitte verzeihen Sie mir, ich konnte nicht anders.

Dienstag: Die erste Hälfte des zweiten Urlaubstags diente vornehmlich der Schonung und Regeneration müder Knochen und einer Blase am Fuß.

Währenddessen gelesen: „Die einmalige Gelegenheit, das Konrad‘s sowie mich selbst neu zu erfinden, stellt eine großartige Herausforderung dar, der ich mich unbedingt stellen möchte“, sagte nicht ein Business-Kasper, sondern der Bonner Koch Felix Kaspar gegenüber der Zeitung, der demnächst die Leitung eines Hotelrestaurants übernehmen wird. Anscheinend reden Köche mittlerweile auch so. Sollen sie – Hauptsache es schmeckt.

Gegen Mittag kam ich meinen Verpflichtungen als Importeursgattin nach, indem ich die Lieferung des Drogenkuriers entgegennahm. Etwas weniger dramatisch formuliert: Ein Spediteur brachte eine Palette Wein von der südlichen Côte du Rhône für des Liebsten Geschäft. In Hoffnung auf einen kühlen Rosé am Abend machte ich mich am Nachmittag daran, die Palette aufzulösen, wie man unter uns Logistikern sagt, und die Kartons anhand der Kundenbestellungen zu kommissionieren. Zum Glück hat er wieder genug bestellt, daher schien die Hoffnung auf ein Abendglas begründet.

Nachtrag am Abend: War sie.

Mittwoch: Am dritten Urlaubstag machte ich mich auf, meine Mutter in Bielefeld zu besuchen, und zwar mit dem von mir bevorzugten Verkehrsmittel, der Bahn. Aus gleichsam bahntouristischen Gründen wählte ich für die Hinfahrt einen kleinen Umweg über Paderborn. Kurz vor Hamm diese Durchsage: „Der vordere Zugteil endet in Hamm. Der hintere fährt weiter nach Paderborn oder Kassel.“ Ein wenig irritierend die Konjunktion „oder“. Als ob sie das Ziel der Fahrt noch nicht so genau wüssten und es erst unterwegs von der Oberzugleitung mitgeteilt bekämen. Eine Art Schienenlotto. Doch ich hatte Glück, ohne weitere Verzögerung kam ich pünktlich in Paderborn an.

Donnerstag: Vierter Urlaubstag. Für die Rückfahrt von Bielefeld wählte ich, wiederum aus Gründen, die dem normalen Bahnreisenden schwer zu vermitteln sind, weshalb ich Ihnen und mir den Versuch erspare, den Umweg über Osnabrück. Der ICE, der mich von dort weiter nach Bonn brachte, fuhr mit geringer Verspätung ab, schaffte es dann, diese mit den üblichen Begründungen (technische Probleme, Signalstörung) bis Köln auf eine halbe Stunde auszudehnen. In Köln die Durchsage, die Weiterfahrt verzögere sich, weil wir auf einen frischen Lokführer warteten, der mit einem Zug anreise, der sich leider verspäte. Mir sollte es recht sein – ich hatte einen angenehmen Platz, genug Lektüre und die Klimaanlage funktionierte, was an solch heißen Tagen bei der Bahn nicht selbstverständlich ist. Mit dreiviertelstündiger Verspätung ging es schließlich weiter. – Angenommen, in jedem verspäteten Zug sitzen durchschnittlich zwei Lokführer, die irgendwo einen anderen Zug übernehmen sollen. Wie lange dauert es, bis der Bahnverkehr zum Erliegen kommt?

Freitag: Den fünften Urlaubstag verbrachte ich lesend und schreibend im Liegestuhl auf dem Balkon. Gelesen in einem Zeitungsartikel über die aktuellen chinesischen Raumfahrtaktivitäten: „Mittelfristig will China auch Menschen auf den Mond schicken.“ Regimekritiker und Oppositionelle?

Außerdem habe ich das Wagenknecht-Buch zu Ende gelesen, das so endet:

„Wenn auch die linksliberalen Akademiker unserer Zeit einsehen würden, dass sie kein Recht haben, ihren Lebensentwurf zum Maßstab progressiven Lebens zu machen und auf alle herabzuschauen, die anderen Werten folgen und eine andere Sicht auf die Welt haben, wäre viel gewonnen.“

Sarah Wagenknecht: „Die Selbstgerechten“

Das Buch hat mir sehr gut gefallen, daher kommt es nicht in den öffentlichen Bücherschrank.

Samstag: Sechster Urlaubstag, wobei die Frage erlaubt sei, ob ein Samstag überhaupt als Urlaubstag zählt, wenn man nicht verreist ist und auch sonst nichts unternimmt, was den Tag von einem gewöhnlichen Samstag unterscheidet. Aber es ist zu warm, um etwas zu unternehmen, außerdem sind mir überall viel zu viele Menschen. Daher ein weiterer Balkon-Liegestuhl-Tag, jedenfalls so lange, bis die Sonne ums Haus kam und mich in die kühlere Stube trieb.

Alles Gute zum Namenstag (laut Zeitung) an Analogika, Hildegrim, Rasso, Romuald. (Einen davon habe ich mir ausgedacht, Sie dürfen gerne raten.) Wieder stelle ich mir entsprechende Heckscheibenaufkleber vor.

Ich habe dann auch mal dieses Voila-Dings ausprobiert. Voila:

(Nächstes Mal rasiere ich mich vorher, wobei ich das linke Bild schon ziemlich scharf finde.)

Ansonsten habe ich nebenan die Chronik des Wahnsinns fortgeschrieben.

Sonntag: Die schweren Gewitter der vergangenen Nacht sind abgezogen, ohne größere Schäden zu hinterlassen. Das gilt für die meteorologischen wie ein zwischenmenschliches.

Der siebte Urlaubstag konnte bedenkenlos als solcher bezeichnet werden, siehe die Eingangsfrage gestern. Von einem gewöhnlichen Sonntag unterschied ihn das Ausbleiben der Unlust auf die dräuende Arbeitswoche ab dem späteren Nachmittag.

Weitgehend unlustig auch das Büchlein „Wer schreibt denn sowas?!“ von Joshua Clausnitzer, auf das ich vor längerem in der Zeitung aufmerksam wurde. Dort klang es interessant, Wort- und Sprachspiele waren in Aussicht gestellt, daher beschaffte ich es über den Buchhändler des Vertrauens. Der Klappentext bezeichnet es als „Humorvoll, skurril, banal und satirisch!“ Eines dieser Attribute trifft unwidersprochen zu; kleine Kostprobe: „Frauen attestieren mir immer wieder: Aufreißen kann ich! Besonders gut Chipstüten, Gummibärchen- und Kekspackungen!“ Augenscheinlich ist der Autor ein großer Freund des Ausrufezeichens. – Nun könnten Sie zu recht einwenden: „Na hör mal, was du hier so absonderst, ist auch nicht gerade hohe Literatur.“ Das stimmt, dafür ist es umsonst, sowohl im Sinne von vergeblich als auch kostenlos. Wer 12,90 Euro statt für dieses schmale Bändchen lieber für eine Flasche Rosé ausgibt, tut sich jedenfalls einen größeren Gefallen.

Woche 23: Wenn aus Nichtdürfen wieder Müssen wird

Montag: Vergangene Nacht erlitt ich im Traum einen akuten Arbeitsanfall: Als ich nach vier arbeitsfreien Tagen ins Büro kam, herrschte unübersichtliche Hektik. Die dringend anstehenden Aufgaben türmten sich, alle schrien durcheinander, ständig wollte einer was von mir, per Mail, Telefon, Skype und persönlich. Der Absturz eines von mir fachlich verantworteten IT-Systems erforderte sofortiges Handeln, nur hatte ich keine Idee, was genau zu tun war. Die, die es wussten waren nicht erreichbar; die erreichbar waren, wussten es nicht. Erst am frühen Abend, nachdem es mir gelungen war, Skype, dieses verdammte zentrale Nervsystem, zu deaktivieren, konnte ich endlich beginnen, die ersten Mails einigermaßen in Ruhe zu lesen. – Dagegen zeigte sich die Wirklichkeit heute freundlich: Die Systeme liefen rund, die anstehenden Aufgaben und Termine hielten mich in konstanter, jedoch nicht hektischer Beschäftigung. Trübe war nur der Himmel, mein Gemüt hingegen geradezu sonnig. Solche Montage gibt es zum Glück auch ab und zu.

Vielleicht lag es auch an dem Geschmacksverstärker im Kaffee, den der Geliebte morgens gereicht hatte.

Gelesen in einer Mail: „Das Thema nimmt Pfad auf.“ Such, Thema, such … fein machst du das.

Dienstag: Die Stadt Bonn erlaubt Gaststätten, zur Fußball-Europameisterschaft die Spiele über Außenbildschirme zu zeigen, allerdings nur ohne Ton. Dann kann ja nichts schief gehen.

Im Rheinauenpark war mittags wieder richtig was los, auch weitgehend geräuschlos:

Mittwoch: Ich lese gerade, Fußballkucken soll in Bonn nun doch mit Ton möglich sein. Anscheinend haben sie es gemerkt. Im Übrigen ist es egal, ob ich es mir mit oder ohne Geräusche nicht anschaue.

Gehört in einer Besprechung: „Das ist ein potentieller Fuck Up.“ Kommt demnächst auf die Liste.

Donnerstag: Vergangene Woche berichtete ich von der Freiluft-Bildergalerie am Rhein. Heute Morgen hingen immerhin noch siebzehn Bilder an den Lampenmasten, das sind ungefähr siebzehn mehr, als ich erwartet hätte.

Zu den fehlenden Bildern lesen Sie bitte hier:

Den Unmut des Fotografen und Initiators verstehe ich völlig, gleichwohl war nichts anderes zu erwarten. Menschen sind leider so.

Und auch so: Auf dem Rückweg vom Werk kam mir mal wieder eine junge Mutter entgegen, die, während sie ihre Nachzucht im Kinderwagen augenscheinlich gelangweilt vor sich herschob, ihre ganze Aufmerksamkeit dem Datengerät widmete. Trotz antinatalistischer Grundeinstellung empfinde ich bei solchen Anblicken stets eine deprimierende Wut. Was wird aus diesen Kindern mal? Für solche Eltern fordere ich eine Digitalsperre.

Viele haben statt Kindern Katzen. Abends mitgehört: „Meine Katze wundert sich, wenn ich im Hellen ins Bett gehe.“ – „Wie alt ist die denn jetzt?“ – „Mindestens fünfundzwanzig Jahre oder mehr. Die hatte ich schon in den Siebzigern.“

Früher, Sie wissen schon, vor C, stand donnerstagabends eine regelmäßige Vereinspflicht an, die mir schon damals zunehmend lästig erschien. Heute schrieb ich einen Brief, der mich auch künftig von dieser Pflicht befreit, wenn demnächst aus Nichtdürfen wieder Müssen wird.

Freitag: Letzter Arbeitstag, von nun an zwei Wochen Urlaub, gleichsam eine fünfzehngliedrige Samstagskette liegt vor mir. Eine größere Urlaubsreise ist nicht geplant, etwas in mir sträubt sich (noch?) dagegen, flüstert mir zu, es sei zu früh dafür, so sehr ich Südfrankreich auch vermisse. Stattdessen habe ich eine kleine Liste angelegt mit schönen Dingen, die ich in den kommenden Tagen zu tun beabsichtige: drei Wanderungen in näherer Umgebung, Besuch der Mutter in Bielefeld, den Lieblingsort am Rheinufer aufsuchen, Lesen, Schreiben. Und eine Impfung, die natürlich keines Urlaubstages bedarf, nur zufällig auf einen fällt. Wir werden sehen, welche Listeneinträge in zwei Wochen abgehakt sein werden.

Ich bin übrigens ein großer Freund von Regeln. Sie ermöglichen erst das Zusammenleben, jedenfalls wenn sich alle oder wenigstens möglichst viele daran halten. Sie sehen in mir einen überzeugten Regelfan. Doch alles hat Grenzen. Etwa Fußgängerampeln: Sie erführen wesentlich mehr Beachtung, wenn es innerhalb einer Grünphase gelänge, eine Straße komplett zu überqueren und nicht nur die Hälfte bis zur Mittelinsel, wo man erneut die Taste berühren und warten muss. Wie die Ampel in Werksnähe, die mich regelmäßig zum Regelbruch veranlasst. Liebe Verkehrsplaner, so Sie denn hier lesen, darüber bitte mal nachdenken, vielen Dank.

Samstag: Besorgungen erforderten einen kurzen Aufenthalt in der menschengefüllten Fußgängerzone. So sehr mich wieder geöffnete Trinkstätten freuen, so sehr irritiert mich in einigen davon die enge Anordnung von Tischen und Stühlen, wo man wie vor C nahe Rücken an Rücken sitzt. Warum lässt man den Wirten das durchgehen? Am meisten wunderte mich übrigens wieder die lange Schlange vor dem Laden, wo sie sogenannten Bubble Tea ausschenken.

Nachmittags erreichte uns die Einladung einer Freundin zu ihrer Geburtstagsfeier Anfang Juli. Mit einer größeren Anzahl Menschen im Inneren eines Restaurants. So sehr ich sie mag und gerne wiedersehen möchte – es geht nicht, noch nicht. Siehe gestern.

Sonntag: Ob ich das jemals wieder kann? Oder überhaupt will?

Woche 22: Liebestolle Frösche und Anlass zum Sektverzehr

Montag: „In Wipperfürth gibt es keine queere Szene“, steht in der Zeitung. Das ist bedauerlich.

Abgesehen von einer weitgehend unbegründeten, diffusen Todessehnsucht gegen Mittag verlief der Tag ansonsten ohne erwähnenswerte Ereig- und Erkenntnisse. Also nichts, was sich mit einem Glas Rotwein am Abend nicht beheben ließe.

Was überleitet auf das neue Sammelgebiet des Geliebten: Liköre als Kaffeezusatz. Seitdem freut er sich wieder, wenn ich abends nach Hause komme.

Später auf dem Balkon sah ich eine kleine Fliege in meinem Weinglas ertrinken. Von den möglichen Todesursachen neben Totlachen wohl nicht die unangenehmste.

Dienstag: Zu den in Bonn immer noch ungewöhnlich hohen Inzidenzwerten erklärt die Stadtverwaltung: „Bei den täglichen Fallzahlen der Neuinfizierten von weniger als 50 Personen im Vergleich zur Bevölkerungszahl von etwa 330 000 haben kleine Schwankungen bei den Meldungen große Auswirkungen auf die Inzidenz: Eine zusätzliche Fallzahl von 24 Personen pro Tag an sieben Tagen macht eine Steigerung der Inzidenz von plus 50 aus.“ Wie wenn die Bahn die Gründe für ihre Unpünktlichkeit so erklärte: „Wenn zehn Züge zwanzig Minuten später im Zielbahnhof eintreffen, entsteht schnell eine Verspätung von zweihundert Minuten.“ #ahja

Das Mittagessen nahm ich auf einer Bank am Teich hinter dem Mutterhaus zu mir, wo liebestolle Frösche in großer Zahl um die Wette quakten. Das war sehr schön.

Mittwoch: Schon wieder Freitag. Da ich normalerweise donnerstags zu Fuß ins Werk wandele, was morgen wegen des Feiertages nicht möglich oder jedenfalls nicht sinnvoll ist, ging ich bereits heute. Am Rheinufer entdeckte ich dabei auf die Freiluft-Gallerie des Fotografen Till Eitel, der über eine längere Strecke Fotos aus Paris an Laternenpfählen angebracht hat; gleichsam Paris am Rhein:

Weitere Informationen dazu entnehmen Sie folgender Tafel:

Falls Ihr Interesse geweckt ist, sollten Sie sich beeilen, ehe die üblichen Idioten alle Bilder entfernt oder zerstört haben. Wie nicht anders zu erwarten, habe sie damit bereits begonnen. Warum nur liegt es offensichtlich in der menschlichen Natur, Dinge mutwillig und sinnlos kaputt zu machen?

Ansonsten können Sie sich die Bilder, auch die bereits fehlenden, bequem vom Sofa aus hier anschauen.

Am frühen Abend erreichte den Liebsten eine gute Nachricht, die Anlass zum Sektverzehr bot. Gut, ohne diese hätten wir vermutlich auch Sekt getrunken, allein schon wegen des vorgezogenen Wochenendes, aber so war es noch notwendiger.

Donnerstag: Irgendwas mit dem Leib Christi. Als Religionsschmarotzer nehme ich den arbeitsfreien Tag gerne an und danke dem Papstkonzern sehr dafür.

Wie man hört, werden dieser Tage wieder Grills „angeschmissen“, womit und warum auch immer. Was haben sie den Menschen getan?

Dazu passend die folgende Frage, die zufällig mein Ohr streifte: „Eine Schmeißfliege – wirft die eigentlich irgendwas, oder heißt die nur so?“

Freitag: Mittags war ich beim Friseur, nicht weil es dringend nötig gewesen wäre, sondern weil seit dem letzten Besuch vier Wochen vergangen sind. Manches tut man ja vor allem, weil der Kalender es vorschreibt, denken Sie an Weihnachten, das uns zum Glück nur einmal im Jahr zwingt, Teile der menschlichen Vernunft, an deren Existenz ich nicht nur wegen Weihnachten zunehmend zweifle, ich schweife etwas ab, außer Kraft zu setzen. Es ist ein größerer Friseursalon mit zahlreichen Friseurinnen und nicht ganz so vielen Friseuren, die darin ihr Handwerk ausüben, die meisten mit Tätowierungen, teilweise sehr lustigen Namen und einer Preisspanne zwischen neunundzwanzig und einundvierzig Euro, wobei ich nicht behaupten kann, mich von den Teuren besser frisiert zu fühlen als von den Günstigeren. Nachdem meine langjährige, nur geringfügig tätowierte Stammfriseurin, Frau U, seit ein paar Jahren nicht mehr dort arbeitet, bin ich auf der Suche nach einer neuen Stammkraft. Aber ach, wenn immer ich mich an eine gewöhnt hatte, verließ sie kurz darauf das Geschäft, wurde schwanger, solche Sachen halt, es lag hoffentlich nicht an mir. (Die Schwangerschaften ganz sicher nicht.) Heute bediente mich Herr M, ein jüngerer Friseur. Bevor er mir mit der Schermaschine zu Leibe rückte, steckte er rätselhafte Klemmen in mein Deckhaar, wozu auch immer, ich habe ihn nicht danach gefragt und voll auf sein Können vertraut. Und ich wurde nicht enttäuscht – er redete nicht Unnötiges, fragte nicht nach meinen Wochenendplänen, frisierte konzentriert mit zufriedenstellendem Ergebnis. Und günstig war er auch. Bei dem bleibe ich gerne, falls auch er länger bleibt. Wenigstens wird er voraussichtlich nicht schwanger.

Übrigens benötigt man für einen Friseurtermin keinen negativen Covid-Test mehr, für einen Biergartenbesuch schon. Es vereinfacht das Leben oft sehr, wenn man nicht danach strebt, alles zu verstehen. Das gilt für Haarklemmen wie für Testregelungen.

Samstag: Meinen ersten #WMDEDGT-Beitrag finden Sie hier zur gefälligen Kenntnisnahme. Alles Weitere zum Tag dorten.

Sonntag: Und auf einmal sind sie alle wieder da, die Menschen und ihre Autos, es wird einige Zeit dauern, bis ich mich daran wieder gewöhnt habe, eigentlich möchte ich das gar nicht. Am meisten von allen verachte ich – da wiederhole ich mich, sehen Sie es mir nach – diese bärtigen, zumeist migrationshintergründigen PS-Äffchen, die mit ihren albernen Knallkarren völlig sinnlos durch die Innenstadt brausen und sich dabei vermutlich untenrum gut bestückt vorkommen. Sollte das rassistisch sein, so bin ich wohl ein Teil-Rassist, sei es drum. Lange Zeit dachte ich, ich könnte Menschen nicht deshalb verachten, weil sie Dinge tun, die ich nicht oder anders tun würde. Heute weiß ich: Doch, ich kann. Vielleicht ist der Sinn des Sausens auch ähnlich dem des Froschquakens, nur bei weitem nicht so schön. PS-Fröschchen statt -Äffchen, was meine Verachtung nicht geringer macht. Mögen sie zur Hölle fahren.

Die Woche begann mit Todesbetrachtungen, so soll sie auch enden. Aus der F.A.S.: „Zumal ja eine Beerdigung infolge des Ablebens eine alte, bewährte Form des Recyclings ist, die als außerordentlich nachhaltig bezeichnet werden kann.“

Ich wünsche Ihnen eine angenehme neue Woche ohne Gedanken an das Ende, allenfalls ans Wochenende!

#WMDEDGT die Erste

Seit geraumer Zeit ruft Frau Brüllen jeweils am fünften des Monats dazu auf, niederzuschreiben, was man an diesem Tag gemacht hat, deshalb heißt die Aktion „Was machst du eigentlich den ganzen Tag?“, kurz #WMDEDGT, womit für alle, die davon noch nicht hörten denn lasen, die Überschrift dieses Aufsatzes geklärt ist, jedenfalls der erste Teil. Der zweite klärt sich auch schnell: Erstmals folge auch ich diesem Aufruf. Ob ich das von nun an regelmäßig tun werde, weiß ich noch nicht, ist ja auch immer ein bisschen eine Zeit- und Lustfrage. Nun denn:

Zum ersten Mal stand ich heute um kurz nach sechs auf, nachdem der Blasenwecker angeschlagen hatte. Das nehme ich ihm nicht übel, liebe ich es doch sehr, anders als an Werktagen nach vollzogener Verrichtung noch einmal das nachtwarme Tuch aufzusuchen und auf weitere Träume hoffen zu dürfen.

Endgültig wach wurde ich gegen neun, blieb indes noch liegen, weil die heimische Wochenend-Badordnung mich an letzter Stelle vorsieht, was nicht zu beklagen ist. Die Stunde, bis ich dran bin, nutze ich mit Lektüre der Tageszeitung, die man heutzutage nicht mehr aus dem Briefkasten holen muss, wo sie ein bedauernswerter Bote zu nachtschlafender Zeit einlegte, sondern bequem auf das Tablet lädt.

Nach dem Frühstück erfolgte der wöchentliche Gang zum Altglascontainer und die Einlieferung eines Retourenpakets des Geliebten, das ich kurzerhand einem Paketzusteller übergab, auf den ich in der Fußgängerzone traf. Einer relativ spontanen Eingebung folgend suchte ich danach das Geschäft des bekannten Händlers auf, bei dem es sie noch gibt, die guten Dinge, der hier in Bonn eine Filiale betreibt. Vorgeschichte dazu: Kürzlich verliebte ich mich im Katalog des Händlers in eine Uhr, die perfekt alle Kriterien erfüllt, die ich an eine Uhr stelle – erstens schlicht vom Design, zweitens mechanisch. Die wollte ich mir wenigstens mal anschauen, man muss ja nicht gleich …, und vielleicht sprach sie mich im Original gar nicht so sehr an wie auf dem Katalogbild; wer schon mal über ein Online-Anbahnungsportal mit jemandem in Kontakt getreten ist und ihn anschließend in echt getroffen hat, weiß vielleicht, was ich meine. Nun betone ich ja immer gerne, für die Verlockungen der Konsumwelt wenig anfällig zu sein, mir grundsätzlich nur das zu kaufen, was ich wirklich benötige, und eine neue Uhr gehört nicht dazu. Andererseits, die letzte Uhrenanschaffung liegt Jahre zurück, also rein in den Laden. Nachdem ich den letzten Warenkorb am Eingang gegriffen hatte, kein Eintritt ohne Warenkorb, Sie wissen schon, warum, fand ich die Uhr bald in einer Vitrine mich anlächelnd, ach was: anstrahlend. Ein freundlicher Mitarbeiter holte sie für mich heraus, ich durfte sie anlegen (oder anziehen, wie man hier im Rheinland sagt), spätestens da war es um mich geschehen. Man kann ja auch ich nicht immer nur sparen, das letzte Hemd hat … Sie wissen schon. Letzte Hürde war die PIN meiner Kreditkarte, die ich mit einiger Mühe aus entlegenen Hirnwindungen hervorkramen musste, da ich die äußerst selten benötige. Dank einer Mnemotechnik, die ich mir vor vielen Jahren aneignete und auf die ich jetzt nicht weiter eingehen möchte – nur soviel: Man verbindet Zahlen mit Wörtern – fielen mir nach kurzem, intensiven Nachdenken, was an einer Ladenkasse mit weiteren Kunden dahinter nicht so einfach ist, schließlich die Wörter ein, aus denen die PIN abzuleiten war.

Sehen Sie selbst: Ist sie nicht schön?

Nach Rückkehr lag im Briefkasten der erwartete Brief der Bank, bei der wir die Baufinanzierung unserer Wohnung abgeschlossen haben. Oder seit heute: hatten, denn der übersandte Kontoauszug weist eine Restschuld von 0,00 Euro aus. Ein sehr erfreulicher, wichtiger Brief.

Am frühen Nachmittag brachte ich Bücher in zwei öffentliche Bücherschränke, Kochbücher, zum Teil riesengroß, die überflüssig geworden waren, weil der Geliebte den Platz in der Küchenanrichte für neues Geschirr benötigt. Die restlichen Bücher bringe ich dann morgen in weiter entfernte Schränke, nachdem die beiden in unmittelbarer Nähe vorerst keine Aufnahmekapazität mehr aufweisen.

Der Paketzusteller – zufällig derselbe, dem ich vormittags das Paket überließ – brachte am Nachmittag ein weiteres, technisch durchaus interessantes Kaffeekochgerät, das der Geliebte bestellt hatte. Damit verfügt dieser Haushalt nun über mehr Geräte zur Kaffeezubereitung als Kochbücher.

Den weiteren Nachmittag verbrachte ich auf dem Balkon, lesend: den Rest der Tageszeitung, die samstags sehr umfangreich ist, und die Blogs, denen ich folge. Zudem habe ich mich bei Mister Linky registriert, um diese Tagesschau später bei Frau Brüllen verlinken zu können.

Unterdessen zeigte sich das Wetter sehr wechselhaft, mal sonnig-warm, mal bedeckt-windig, was mich als gänsehautaffinen Menschen dazu trieb, mehrfach die Jacke an- und wieder auszuziehen, ich bin da sehr empfindlich, früher sagte man dazu auch „mädchenhaft“, was wohl heute nicht mehr so gerne gehört und gelesen wird – bis es mir schließlich zu kalt wurde und ich die weitere Lektüre ins Wohnzimmer verlegte.

Es ist nun 20 Uhr, viel mehr werde ich heute voraussichtlich nicht mehr machen. Der Grill auf dem Balkon grillt bereits vor sich hin, in Kürze werden wir am Tisch sitzen, vom Liebsten Gegrilltes essen und ein Glas erheben auf den Brief der Bank.

Das war mein erstes #WMDEDGT, als nächstes werde ich versuchen, das mit der Verlinkung hinzubekommen. Darauf trinke ich dann vielleicht auch noch ein Glas, damit es auch am kommenden Samstag wieder einen Grund gibt, zum Altglascontainer zu gehen.