Hals- und Beinbruch

Es war Liebe auf den ersten Blick. Als ich dich im Schaufenster sah, wusste ich: Du musst es sein. Zwar zeigten sie mir im Geschäft noch ein paar ander Fahrräder, die auch gut waren, aber ich wollte das rote aus dem Schaufenster, kein anderes. Ja, ein bisschen habe ich dich geliebt, also jedenfalls im Rahmen psychischer Unauffälligkeit. Und ich glaube, ich war immer gut zu dir, pflegte dich; als ausgewiesener Schönwetterfahrer trieb ich dich nie bei Kälte und Regen hinaus. Wir machten schöne Fahrten miteinander, durch die Siegaue, und immer wieder zu einem meiner Lieblingsorte, dem Rheinufer vor Oberkassel, wo ich jetzt gerade unter den hohen Bäumen liege und diese Zeilen schreibe.

Leider ohne dich, denn am vergangenen Samstag haben sie dich gestohlen, von einem Ort, wo ich dich in Sicherheit wähnte, unserer Garage. Du warst angeschlossen, aber das hielt sie nicht davon ab. Ich bin sehr traurig, das letzte, was mir von dir blieb, ist dieses Bild, ein durchtrenntes Fahrradschloß und ein Aktenzeichen der Polizei.

Machs gut, mein geliebtes Fahrrad, wo auch immer du jetzt bist! Und wer auch immer dich jetzt fährt: Leite ihn in eine Rillenschiene der Straßenbahn, auf dass er stürze und sich einen komplizierten Beinbruch mit großen Schmerzen und langwieriger Therapie zuzieht. Mindestens.

Wir müssen reden

Wir müssen reden. So wie Hähne krähen, Störche und Klodeckel klappern, so muss der Mensch reden wo er geht und steht; der Rheinländer mehr, der Westfale etwas weniger. Auch neigen die Damen nach meiner Beobachtung tendenziell etwas mehr zum Wort als die Herren, wobei mir rheinische Frauen grundsätzlich ebenso lieb sind wie westfälische Herren. Doch ist das fremde Wort oft eher eine Last denn ein Quell der Freude, insbesondere das mobil in den öffentlichen Raum gesprochene, erst recht an Orten wie Bus und Aufzug, wo ihm nicht zu entkommen ist. Dieses Lied ist bereits ausgiebig und oft gesungen worden, so dass es sich erübrigt, eine weitere Strophe hinzuzufügen.

Na gut, zwei Erlebnisse mute ich Ihnen noch zu. Das erste begab sich bereits vor Jahren im Warteraum erster Klasse („DB Lounge“) des Kölner Hauptbahnhofs – damals spendierte mir mein Arbeitgeber noch eine erstklassige Bahncard, welche mich auch ohne Fahrschein zum Aufenthalt in selbigem berechtigte. In einem Sessel telefonierte ein Businesskasper lautstark und belästigte die Anwesenden mit albernem Geschäftsgedöns. Dann jedoch sprang er auf, sagte „Warte, ich geh mal raus, die hören hier alle zu, das geht mir extrem auf den Geist“. Sichtlich empört verließ er unter Applaus den Saal.

Das zweite Erlebnis war nur sehr kurz: Abends beim Laufen kam mir ein anderer Läufer entgegen, mit Telefon am Ohr. Im Moment unserer Begegnung hörte ich ihn sagen „… und die Leute labern so viel, boah…“

Doch ist in diesem Zusammenhang in letzter Zeit ein bedenklicher Trend zu erkennen: Hielt der Sprecher vormals sein Gerät ans Ohr und sprach mehr oder weniger laut hinein, so aktiviert er heute den Lautsprecher und hält das Gerät beim Sprechen waagerecht wie ein Schmalzbrot ein bis zwei Hand breit vom Munde entfernt. Somit kommen wir Unbeteiligte nunmehr in den Genuss, das komplette Gespräch zu verfolgen und nicht nur eine Hälfte. Der Begriff Fernsprecher erfährt hierdurch eine neue Definition.

Doch wesentlich unangenehmer als die unbeteiligt-unfreiwillige Zeugenschaft eines Ferngesprächs ist die auf offener Straße entgegen gebrachte Gesprächseinladung, beispielsweise von engagierten jungen Vertretern diverser Tierschutzorganisationen. So ging ich vor Wochen gedankenversunken durch die Bonner Fußgängerzone, als sich mir ein weibliches Exemplar dieser Spezies in den Weg stellte.

„Hallo, ich bin die Kathi“ sagte es hielt und mir die Hand entgegen. Das waren gleich drei Unverzeihlichkeiten: erstens mich auf der Straße anzuquatschen, zweitens mir einen Händedruck aufzunötigen und drittens dem Vornamen einen bestimmten Artikel voranzustellen.

„Ja und?“ antwortete ich so höflich wie der Situation angemessen, die gereichte Hand ignorierend.

„Magst du Tiere?“, fragte Kathi. Ich gebe zu, je älter ich werde, desto mehr schmeichelt es mir, von jungen, mir unbekannten Menschen noch geduzt zu werden, was indes in diesem Fall den Grad des Belästigungsempfindens nur geringfügig schmälerte.

Meine Antwort, das sei letztlich eine Frage der Zubereitung, beendete das Gespräch dann erfreulich schnell.

Letzte Woche sprach mich ein junger Mann auf dem Bahnsteig des Bonner Hauptbahnhofes an:

„Entschuldigen Sie, darf ich Sie ansprechen, oder möchten Sie lieber in Ruhe gelassen werden?“

Allein schon dafür hätte er sich eigentlich den Euro verdient, um welchen mich anzuhalten ihm aufgrund der Oder-Option seiner Frage versagt blieb. An ihm sollten sich Anrufer aller Art und die Zeugen Jehovas ein Beispiel nehmen.

Aufgrund meines oben erwähnten fortgeschrittenen Alters lässt mein Gehör mittlerweile ein wenig nach, gerade bei lauten Hintergrundgeräuschen gelingt es mir manchmal nicht mehr, einem Gespräch zu folgen. „Du musste endlich mal zum Ohrenarzt gehen!“, liegt mir der Liebste schon lange in den Ohren. Doch frage ich mich: Will ich das überhaupt, jedem Gespräch in meiner Umgebung lauschen? Ist es nicht vielmehr ein Attribut höherer Lebensqualität, manches Gesabbel gerade nicht zu verstehen?

Insgesamt hat die Natur den Menschen rein konstruktiv ganz gut hinbekommen, abgesehen davon, was in seinem Kopf vorgeht und zu welchen Handlungen und Gewohnheiten ihn das treibt (Krieg, Religion, Fußball, Pokémon…). Doch verstehe ich eines nicht: Wir können jederzeit unsere Augen schließen, um beispielsweise dem Anblick tätowierter Waden gereifter Frauen zu entgehen. Warum geht das nicht mit den Ohren? Stellen Sie sich vor: Eine unerwünschte Geräuschquelle droht, zum Beispiel eine im hirnreduziert-aufgeregten Tonfall eines Sportreporters oder einer nordkoreanischen Nachrichtensprecherin vorgetragene Radiowerbung für ein Möbelhaus. Sie spannen einen Muskel an, und schon ist es mucksmäuschenstill. Wäre das nicht schön?

Über Fleischwurst, Hände- und Gruppendruck

In letzter Zeit ist häufig zu hören und lesen über zwischenmenschliche Konflikte, welche aus der Weigerung muslimischer Männer entstehen, aufgrund religiöser oder was weiß ich welcher Gründe nicht-muslimischen Frauen die Hand zu geben. Ebenso mögen muslimische Frauen keine westlichen Männerhände berühren, nur steht das seltener in der Zeitung, weiß Allah, warum. Mittlerweile müssen sich gar Gerichte des Sachverhaltes ungeschüttelter Hände annehmen.

Es liegt mir fern, die beklagte islamische Händeschüttelverweigerung zu bewerten oder gar zu kritisieren, im Gegenteil, ich habe volles Verständnis dafür, und das hat mit religiösen Überzeugungen oder Geschlechterunterschieden nicht das Geringste zu tun. Vielmehr hege ich seit frühester Jugend eine tiefe Abneigung gegen das Händeschütteln an sich, wobei ich weniger die zahlreichen Keime und Krankheitserreger im Sinne habe, welche sich durch jeden Handschlag weiter verbreiten mögen. Man mag ja auch gar nicht drüber nachdenken, womit die Hände des Gegenübers zuvor beschäftigt waren: Vielleicht wusch er sie nach der nur wenige Minuten zurückliegenden Darmentleerung nicht, nieste in Ermangelung eines Taschentuchs in den Handteller, oder Daumen und Zeigefinger rollten unmittelbar vor unserer Begegnung einen frisch geernteten Popel, bis er die zum Wegschnippen geeignete Konsistenz aufwies.

Ich mag sie einfach nicht, diese aus einer merkwürdigen Sitte heraus begründete Berührung eines anderen Menschen. Nun ist es nicht so, dass ich der Berührung anderer Menschen grundsätzlich ablehnend begegne, ganz im Gegenteil, aber alles zu seiner Zeit, und schon gar nicht auf der Straße oder in einem Besprechungsraum. Zu Besprechungen erscheine ich deshalb am liebsten ein bis zwei Minuten nach der Zeit, zum einen, um dem unerträglichen Smalltalk vorher zu entgehen, zum anderen in der Hoffnung, dass alle schon auf ihrem Platz sitzen und keine Zeit mehr für Handgeschüttel ist; nach der Besprechung bin ich der erste, der aufspringt und mit einem knappen „Tschüs“ des Raum verlässt, bevor jemand Gelegenheit erhält, mir zum Abschied die Hand zu reichen. Eine weitere wirksame Methode, dem zu entgehen, ist das Vorschieben einer Erkältung, als dauerhafte Begründung leider wenig geeignet.

Handschläge können fies sein: Fest und schmerzhaft, dass es einem fast die Finger zerquetscht; genau so schlimm das Gegenteil, ein Händedruck, der die Bezeichnung nicht verdient, da die gereichte Hand jeglichen Druck vermissen lässt und eher anmutet wie eine hingehaltene Fleischwurst. Schlimmer jedoch sind Schwitzehände, welche die Begrüßung mit einem schmatzenden Geräusch untermalen; am schlimmsten schließlich die Kombination aus beiden letztgenannten.

Am Anfang meines Berufslebens arbeitete ich in einer Dienststelle mit wirklich sehr netten Kollegen, die Arbeit machte Freude, ich ging gerne hin. Nur eines störte mich gewaltig: Morgens schüttelte jeder jedem zur Begrüßung die Hand. Dem Gruppendruck gehorchend ließ ich es, von innerem Widerwillen geschüttelt, jeden Morgen über mich ergehen – eine Verweigerung wäre meiner weiteren Karriere womöglich abträglich gewesen oder hätte mich zumindest als merkwürdigen Außenseiter erscheinen lassen.

Mit den Jahren geriet das Händeschütteln unter Kollegen glücklicherweise langsam außer Mode, nur noch der Chef ging morgens von Büro zu Büro und reichte seinen Mitarbeitern die Hand zum Gruß, was zu verschmerzen war. Mittlerweile ist in meinem beruflichen Umfeld die Unsitte kollegialen Händeschüttelns gänzlich zum Erliegen gekommen, jedenfalls innerhalb der Abteilung, welcher anzugehören ich die Freude habe. Nur eben manchmal noch bei abteilungsübergreifenden Besprechungen werden Hände geschüttelt, siehe oben, aber nur einmal täglich, sonst heißt es „wir haben ja schon, ha ha ha“.

Nach der deutsch-deutschen Wiedervereinigung kam der Handschlag wieder in Mode, die ehemaligen DDR-Bürger erwiesen sich geradezu als glühende Anhänger geschüttelter Hände, angeheiratete Familienmitglieder pflegten diese Art der Begrüßung selbst am Morgen nach unter gemeinsamen Dach verbrachter Nacht, was mich sehr irritierte. Glücklicherweise ist auch diese Glut mittlerweile erkaltet.

Wenn ich König von Deutschland wäre, müssten alle Begrüßungen von sich weder emotional noch sexuell nahestehenden Personen absolut berührungsfrei ablaufen, vielleicht mit einer knapp angedeuteten Verbeugung wie in Japan, oder zwei Finger der rechten Hand kurz neben die (eigene) Schläfe gehalten, irgendsowas. Vermutlich ist es ein Segen für die Menschheit, dass ich nix zu sagen habe.

Indes: Im Vergleich zu den in manchen Kreisen gepflegten unsäglichen Küsschen-links-Küsschen-rechts-Begrüßungen ist so ein Handschlag ein wirklich nur geringes Übel.