Woche 25: Eine äußerst angenehme Form des Tuns

Montag: Aufzugfahrt des Grauens. In der gut gefüllten Kabine telefoniert eine Frau lautstark auf Englisch, ein junger Mann verschlingt ein Brötchen. Fehlte nur noch, dass jemand über seine Erektions- oder Verdauungsstörungen berichtet.

Wie die Frau in der Fernsehreklame: „Über meine Darmprobleme spreche ich nur ungern“, sagt sie. Was sie nicht davon abhält, anschließend mit großer Freude ins Detail zu gehen und ein notlinderndes Mittel zu preisen, dessen Name mir sogleich wieder entfallen ist.

Wie die Tagesschau anschließend verkündet, ist die Zahl der Atomsprengköpfe im vergangenen Jahr auf vierzehntausend gesunken. Somit kann sich die Menschheit nur noch vierzehn mal auslöschen. (Das ist natürlich nur so dahin geschrieben, es entzieht sich meiner Kenntnis, wie viele Sprengköpfe man für einmal benötigt. Vierzehntausend dürften aber wohl locker einige Auslöschungen ermöglichen.)

Hier ein schöner Film über eine mittlerweile vergessene Epoche der Elektromobilität auf Schienen:

Dienstag: Aufgrund einer technischen Störung ist die Klingelanlage in unserem Haus ausgefallen. Schwiege zudem auch noch das Telefon, wären wir dem Paradies ein Stück näher.

Mittwoch: Die Vertreibung aus dem Paradies erfolgte kurzfristig durch Reparatur der Klingelanlage.

„Reden hilft immer“, sagt der Kollege in einer Besprechung. Mein goldenes Schweigen bedeutet in diesem Falle nicht Zustimmung.

„Introvertierte lächeln weniger, sie sind nach innen gerichtet und laden die Außenwelt daher mit ihrem Gesichtsausdruck nicht zu Reaktionen ein. Das geschieht unbewusst und heißt nicht, dass sie weniger glücklich sind“, lese ich hier. Das gefällt mir sehr, weil es grundsätzlich auch für Menschen aus Ostwestfalen gilt. Mit einer Einschränkung: Montags stimmen mein Gesichtsausdruck und inneres Empfinden weitgehend überein.

Gespräch der Lieblingsmenschen am Abend: „Ich bin drahtig!“ – „Ja, Maschendraht.“

Donnerstag: Dieselben Menschen während einer Fronleichnam-Wanderung durch das Siebengebirge: „Diese Raupen mit den Haaren, wenn man die anfasst, dann …“ – „Du meinst den Eichenprozessionsspinner.“ – „Ja genau, diese Kirchenraupen.“

Trotz längerem Aufenthalt anschließend auf dem Weinfest oberhalb von Rhöndorf verlief der Tag weitgehend in Harmonie und ohne größere Ausfälle, getrübt nur durch zwei kurze Regenschauer und ein Gewitter in sicherer Entfernung.

Freitag: Donald Trump hat per Twitter den Krieg mit Iran vorläufig abgesagt, weil der zu erwartende Verlust von hundertfünfzig Soldaten schwerer wiegt als eine abgeschossene Drohne. Ein Versehen, oder ist er womöglich besonnener, als wir bislang annahmen? (Bitte denken Sie sich hier ein scherzauflösendes Gelächter.)

Samstag: Erstmals höre ich im Radio das skandalumtoste Lied von Sarah Connor, in welchem ein gewisser Vincent besungen wird, dem der Gedanke an Mädchen keine freudige Spezialdurchblutung auslöst. Darum so viel Geschrei? Das Lied ist nicht schlecht gemacht, wird nur von den üblichen, leider immer lauter werdenden Moralfanatikern schlecht geredet.

Sonntag: Den ersten Urlaubstag am gewohnten wie geliebten Ort mit süßem Nichtstun verbracht, wobei vor dem Haus sitzend zu lesen, während im Hintergrund der Straßenbrunnen und Radio Nostalgi umeinander plätschern, ja auch eine gewisse, äußerst angenehme Form des Tuns ist.

Unter anderem las ich einen SPIEGEL-Artikel über Strafen für weggeworfenen Kleinstmüll in Mannheim: „Für Zigarettenstummel, Pappbecher, Essensreste und Verpackungen werden 75 Euro Bußgeld fällig, für Kaugummis, Farbdosen, Styropor oder Hundekot sogar 100 Euro.“ Sind Sie je einer achtlos in die Fußgängerzone geworfenen Farbdose begegnet? Gleichwohl erscheinen 100 Euro dafür angemessen.

Woche 24: Einfache Lösungen

Montag: „Nachhaltiges Motorradfahren darf nicht zu Kompromissen in der Leidenschaft führen“, lese ich zum Thema Elektro-Motorrad im mir zufällig in die Hände geratenen zweifelhaften Testesteronblättchen eines Herstellers nicht minder zweifelhafter koffeinhaltiger Energiegetränke.

Noch was zu Pfingsten:

„Wer ahnte, daß zum Weihnachtsfest

Cornelia mich sitzen lässt?

Das war noch nichts: zu Ostern jetzt

hat sie mich abermals versetzt!

Nun freu’ ich mich auf Pfingsten –

nicht im geringsten!“

Heinz Erhardt

Dienstag: Meine derzeitige Stadtbahnlektüre: „Tagebuch schreiben“ von Olaf Georg Klein. Interessantes Buch. Demnach schrieb 1834 ein gewisser Ralph Waldo Emerson: „Jede unwillkürliche Abneigung, die in deinem Inneren aufsteigt, verdient Beachtung. Sie ist der Widerschein einer zentralen Wahrheit.“

Wesentlich profaner dagegen, was ein nicht minder gewisser Carsten K einhundertdreiundsiebzig Jahre später, offenbar nach sittenlosem Treiben, notierte: „Es war ganz nett, aber manche Dinge bedürfen bei Tageslicht nicht unbedingt einer Wiederholung.“ Ziemlich betrübt dagegen der Eintrag einige Monate später, rückblickend habe ich keine Ahnung, was mich da drückte: „Eigenartige düstere persönliche Stimmung, wie ein Schatten, eine Vorahnung, aber von was? Vor allem: Warum empfinde ich eine Art Befriedigung dabei? Ich fühle mein Ende nahen und finde das auch noch gut. Werde ich langsam verrückt?“ Es lohnt sich wirklich, ab und zu mal in alten Tagebüchern zu blättern.

Christian Wüst schreibt im aktuellen SPIEGEL zum Thema Segen der Digitalisierung:

„Dass Google und die anderen Wundertüten des Silicon Valley beim Beseitigen läppischer Lästigkeiten große Kollateralschäden verursachen, jedoch kein einziges echtes Problem lösen, ist für den von Siri umsorgten Konsumtölpel nicht erkennbar – und vielleicht auch gar nicht von Interesse. […] Die Datenspeicher, in denen die globale Kakophonie der sozialen Netzwerke zusammenfließt, zählen zu den größten Verbrauchern im Stromnetz.“ 

Mittwoch: „Komplexität entsteht nur, wenn man die Dimensionen vermischt“, sagt der Projektleiter, der nicht müde wird zu betonen, er bevorzuge einfache Lösungen, in einer nicht enden wollenden Besprechung. Ein Satz, dem eine gewisse Esoterik innewohnt. Wenig professionell dagegen die für alle Teilnehmer sichtbaren, an die Wand projizierten Mailbenachrichtigungen, welche im Minutentakt, begleitet von einem Signalton, aufblenden.

Sehr professionell dagegen am Abend der Triebfahrzeugführer der verspäteten RB 48 auf dem Weg nach Bonn, der um Entschuldigung bittet, dass wir nicht vom schnelleren RE 5 überholt werden.

Donnerstag: Laut Zeitungsbericht möchte ein gewisser Horst Burbulla in den Bonner Rheinauen durch die Stadt Bonn einen hundertsechzig Meter hohen Aussichtsturm bauen lassen und ihn dann für fünfzig Jahre pachten. Mit Verlaub: Sollte wirklich die Stadt Bonn den Turm bauen, kann Herr Burbulla froh sein, wenn er in fünfzig Jahren fertig ist.

Freitag: Auch in unserer geordneten zivilisierten Welt ist nicht zu übersehen, dass der Mensch im Grunde noch immer ein wildes, von Instinkten gesteuertes Tier ist.

KW24 - 1

Samstag: Samstag in der Stadt. Ich bin der Meinung, jedes Betätigen der Autohupe sollte mit einer Gebühr von mindestens fünf Euro belegt werden, welche automatisch mit der Kraftfahrzeugsteuer eingezogen wird.

Sonntag: Laut Meldung in der Sonntagszeitung mögen einundfünfzig Prozent der befragten Berufstätigen die Arbeitszeit genauso wie die Freizeit. Seltsamerweise ist mir noch niemand begegnet, der das von sich behauptet. Siehe auch Eintrag vom Dienstag, erster Absatz.

 

Poem eines Skeptikers

Leben heißt Veränderung, Stillstand ist der Tod.

Wer rastet, rostet, und die Ampel zeigt für ihn bald Rot.

„Das machen wir schon immer so“ wird ungern nur gehört,

stattdessen gilt: Der neue Besen nur erfolgreich kehrt.

.

Alte Geige, guter Ton?

Wir brauchen mehr Innovation!

Digitalisensation!

Globalisiert euch – Disruption!

.

Es heißt: „Wer mit der Zeit nicht geht, der gehet mit der Zeit.“

Nur wer agil sein Ziel verfolgt, der kommt im Leben weit.

So höre ich die Rufe laut nach immer frischen Winden.

Indessen kann mich niemand zwingen, das alles gut zu finden.

Woche 23: Gute Laune für den Abflug

Montag: Nach vier freien Tagen habe ich heute wieder das große Antriebslos gezogen, woran auch die durch die oberste Werksführung abgehaltene „Roadshow“, eine zweieinhalbstündige Informationsveranstaltung mit bunten Charts, wenig änderte. Weiß der Himmel, warum die das so nennen, vielleicht halten sie das für „sexyer“ (oder wie auch immer der Komparativ dieses unerträglichen Wortes heißt; die Textverarbeitung von WordPress macht jedenfalls keine rote Strichellinie darunter, wohl aber unter „Strichellinie“). Wenigstens verzichtete der Vorstand darauf, so etwas wie „Seid ihr gut drauf?“ in die Menge zu rufen. Vielleicht ahnte er die Antwort.

Vielleicht weiß der Himmel auch nicht, warum das „Roadshow“ heißt. Mit dem Glauben ist das ja so eine Sache. Dreißig Prozent der Bevölkerung hält übrigens Werbung für glaubwürdig, aber nur, wenn sie in der Zeitung steht. Behauptet – Überraschung: die Zeitung.

Dienstag: Balkonroséwetter.

KW23 - 1 (2)

Verleser in der Zeitung: „Trio führt SPD in den Untergang„. Indessen stand dort „… im Übergang„. Hingegen kein Verleser: „… Prozess gegen ein Kölner Ehepaar, das einen islamistischen Abschlag geplant haben soll“.

Mittwoch: Es sollte jungen Männern untersagt sein, sich in der Öffentlichkeit so zu strecken, dass hochrutschende T-Shirts Blicke auf haarige Bäuche gewähren. Weniger aus ästhetischen, vor allem aus moralisch-hormonellen Gründen.

In der Bahn nach Köln diskutieren Jugendliche heftig über Humor in Werbung und auf Wahlplakaten. „Ein Witz ist doch nur gut, wenn du weißt, dass ihn alle gleich interpretieren“, sagt einer. Gegenthese meinerseits: Ein Witz ist besonders gelungen, wenn alle darüber lachen, jedoch aus unterschiedlichen Gründen.

Was ich auch noch nie verstanden habe: Warum tragen Männer außerhalb von Fußballplätzen Shorts bis kurz oberhalb der Knie zusammen mit langen Kniestrümpfen?

Donnerstag: Die Bahn ist morgens sehr leer, als wäre Feiertag und ich hätte es verpasst. Kurz darauf überzeugt mich der normale Wahnsinn im Werk vom Alltag. Merke: Was dem einen seine „Roadshow“, ist dem anderen sein „Townhall“.

Freitag: Heute beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen. Nach meinem Empfinden übersteigt die Berichterstattung über das allgemeine Desinteresse daran diejenige über das Ereignis an sich, obwohl der Bevölkerungsanteil schwuler Ballsport-Atheisten eher gering ist.

Nach einem aktuellen Gerichtsurteil dürfen Apotheken beim Verkauf rezeptpflichtiger Medikamente keine kostenlosen Zugaben wie Papiertaschentücher, Traubenzucker und Ähnliches in die Tüte legen, weil das den Wettbewerb verzerrt und die Kunden benachteiligt. Bei rezeptfreien Produkten dürfen sie es weiterhin. Und wieder kratzt der Eizahn des Wahnsinns an der dünnen Schale der Vernunft.

Herzlichen Glückwunsch an Roberto Blanko zum zweiundachtzigsten Geburtstag. Erst sehr spät erkannte ich die wunderbare Ironie, die diesem Namen innewohnt.

Samstag: Zugfahrt nach Dortmund zum Zwecke der freundschaftlichen Kontaktpflege. Im Kölner Hauptbahnhof höre ich die Ansage des IC 4711 nach Entenhausen, was sich indes als Verhörer erwies. Der Zug fuhr nach Emden Außenhafen.

KW23 - 1 (3)

(Bei der Gestaltung der Front der Triebzug-Baureihe 632 scheint der Designer ziemlich schlechte Laune gehabt zu haben.)

Das Treffen mit dem Freund (nach über sechs Jahren, wie die Zeit vergeht) war kurzweilig und unterhaltsam. Er arbeitet als Psychologe in der Palliativmedizin, oder wie er es nennt: Er schafft „gute Laune für den Abflug“.

Passend dazu gab es (wieder in Bonn) schönes Abendrot:

Sonntag: Der folgende Dialog ist ausgedacht, hätte so aber stattfinden können: „Wie war die Woche?“ – „Gute, ich habe den Urlaub sehr genossen.“ – „Du hattest Urlaub?“ – „Nein, aber mein Chef.“

Abends wurde gegrillt. Dazu bereitete der Geliebte einen „original westfalischen Dibbelappes-Salat“. Rezept auf Anfrage.

Der Nachteil einer WhatsApp-Gruppe: Sobald einer „schöne Pfingsten“ schreibt, bricht eine Nachrichtenlawine los, die an den Abspann der „Waltons“ erinnert.

Dennoch: schöne Pfingsten!

Woche 22: Sommeranfang

Montag: Der österreichische Bundeskanzler scheitert an einem Misstrauensantrag. Mehr dazu unter dem Hashtag #Kurzschluss. (Auch wenn ich ihm damit vielleicht unrecht tue, sehe ich es als empirisch erwiesen an, dass nach hinten geschmierte Haare zu achtzig Prozent auf einen zweifelhaften Charakter hinweisen, siehe auch – früher – Karl-Theodor zu Guttenberg und Gottlieb Wendehals.)

Wie ich der Presse entnehme, gibt es einen „Fachverband für Fußverkehr“.

Ein bekannter Süßwarenhersteller eröffnet laut Zeitungsbericht am kommenden Freitag einen neuen Werksverkauf. „Der Goldbär kommt in Lebensgröße vorbei“, so die Zeitung.

Dienstag: In der Kantine gab es Spargel an Rinderhüftsteak. Bitte denken Sie sich hier ein Emoji, das sich mit geschlossenen Augen genüsslich die Lippen leckt. Sollen sie ruhig dauernd meckern – auf unsere Kantine lasse ich nichts kommen.

Mittwoch: Am Vormittag geht die Kollegin aus einer anderen Abteilung mit einem Teller selbstgemachter Mini-Muffins über den Flur, die sie an alle verteilt, die sie kennt, auch an mich. Anlass ist ihr letzter Arbeitstag vor dem Vorruhestand. Auch wenn ich mich noch in einiger Entfernung zum Pensionsalter sehe und fühle: Während unserer Umarmung und meinen besten Wünschen für ihren neuen Lebensabschnitt spüre ich ein ganz kleines bisschen Neid.

Aufzugkonversation nach dem Mittagessen (wieder Spargel). Immer wieder bemerkenswert, welche Irritationen es erzeugt, wenn man auf die hingeworfene Frage „Wie gehts?“ statt des üblichen „Muss ja“, „Am liebsten gut“ oder „Geht so“ möglichst überzeugt klingend mit „Ausgezeichnet“ antwortet. Wobei „Wie gehts?“ ja zunehmend durch „Alles gut?“ abgelöst wird, was es im Endeffekt nicht besser macht.

„Kakao dich glücklich“, lese ich auf einem Werbeplakat im Kölner Hauptbahnhof. Erst nach Sekunden intensiven Nachdenkens erkenne ich das darin enthaltene, nicht sonderlich geglückte Wortspiel. Von einem Erwerb des beworbenen Produktes werde ich wohl absehen.

Donnerstag: Für die einen ist es „Vatertag“, die Winzer nennen es „Erzeugerabfüllung“.

Ein weiterer Eintrag für meine ungeschriebene Liste schöner Sätze, heute gelesen bei Herrn Firla:

„Die Bewunderung für Statuen scheint allgemein unter Menschen weit verbreitet zu sein, gelten sie doch als künstlerische lebensverlängernde Maßnahmen für Persönlichkeiten, die uns schon zu ihren Lebzeiten in irgendeiner Weise überragten.“

Freitag: Brückentag. Während meine Lieben Schränke an die Wand schrauben und der Nachbar gegenüber auf dem Balkon ein große, flaches Holzgestell von nicht erkennbarer Zweckbestimmung zusammenzimmert, lese ich bei sommerlichen Temperaturen auf unserem Balkon das Buch „Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst“ von Jaron Lanier fertig. Da sich das Lesevergnügen in Grenzen hielt, werde ich es nicht meiner Sammlung zuführen, sondern die Tage in einen öffentlichen Bücherschrank bringen. In der Ferne höre ich immer wieder Autos hupen und Straßenbahnen klingeln. Andere haben offenbar auch Brückentag und nichts besseres zu tun, als mit dem Auto in die Stadt zu fahren.

Samstag: In Bonn erfreuen sich Beethovenfiguren aus Plastik zurzeit großer Beliebtheit. Trotz des Anschaffungspreises von dreihundert Euro sollen sowohl das grüne als auch das güldene Modell bereits vergriffen sein.

Abends der erste Besuch des Lieblingsbiergartens in diesem Jahr. Am Nebentisch saß ein Herr, der gewisse Ähnlichkeit mit dem bekannten Schauspieler Vic Dorn hatte. Auch sonst gewährte er keine besonders erfreulichen Anblicke.

KW22 - 1

Sonntag: Passend zum meteorologischen Sommeranfang steigen die Temperaturen auf über dreißig Grad. Dessen ungeachtet begegnete mir während des Spaziergangs am Nachmittag ein Radfahrer in Daunenjacke und mit Wollmütze. Vielleicht hatte er eine Wette verloren, Menschen müssen dann ja manchmal die unmöglichsten Dinge tun.

Einige hundert Meter weiter sah ich einen älteren Herrn einem kleinen Jungen, mutmaßlich dem Enkel, zeigen, wie man einen Brief in einen Briefkasten einwirft. In nur wenigen Jahren wird der Junge dem Opa erklären, wie man eine WhatsApp-Nachricht versendet.

Nachtrag zu Freitag: Das Buch befindet sich nun im Bücherschrank am Frankenbad, falls Sie daran interessiert sind.

Genug

genug - 1 (2)

Der bekannte Moderator Ranga Yogeshwar versteht es immer wieder, durch seine sympathische Art auch schwierige oder abwegige Themen interessant und verständlich zu machen. Ihm traue ich sogar zu, mir das Abseits beim Fußball zu erklären, ohne dass ich mich desinteressiert gähnend abwenden würde. Kürzlich sah ich wieder seine Sendung „Quarks“, die früher „Quarks & Co“ hieß. Vermutlich haben sie inzwischen auch beim WDR erkannt, dass dieses an alles Mögliche und Unmögliche angehängte „& Co“ außer bei Firmenbezeichnungen ziemlich albern ist. Nicht so ein im Übrigen sehr geschätzter Kollege von mir, der sich noch immer darin gefällt, es häufig zu verwenden, wenn er „und so weiter“ meint: „Controlling & Co“, „Vertragsverhandlungen & Co“, „Storyline & Co“, „Zeithorizont & Co“, „Sprühdurchfall & Co“.

Bei „Quarks“ ging es dieses Mal um ein Thema, welches alle betrifft, aber so gerne verdrängt wird wie wohl kein anderes: unser Ende. Auch ohne Ranga Yogeshwar finde ich das Thema immer schon interessant, mache keinen Bogen darum und halte es für lohnend, sich damit zu befassen, eben weil es jeden betrifft, ob er will oder nicht.

„Beim Sterben kann man so viel falsch machen“, stand vor längerer Zeit im SPIEGEL. Der größte Fehler ist es nach herrschender Meinung, zu früh von der Bühne zu gehen, womöglich „plötzlich und unerwartet“. Vielmehr gilt es als erstrebenswert, möglichst alt zu werden. Zudem soll das Leben „erfüllt“ und „sinnvoll“ gewesen sein, wobei ja in der Formulierung „nach einem langen, erfüllten Leben“ in Todesanzeigen immer ein wenig „Es wurde auch langsam Zeit“ mit anklingt. Und die Frage nach dem Sinn des Lebens gehört wohl zu den am meisten gestellten. Dabei ist das Leben ein möglicherweise zufällig entstandener, nicht zweckgerichteter biochemischer Prozess, somit streng genommen sinnlos. Und so sehr man auch darüber philosophieren mag – letztlich geht es immer und überall nur um Nahrungsaufnahme und Kopulation.

genug - 1

Zum richtigen Zeitpunkt: Sollte man nicht selbst bestimmen können, wann es Zeit wird zu gehen? „Wenn es am schönsten ist, soll man aufhören“, heißt es immer, nur nicht beim Sterben; das wird oft unnötig lange hinausgezögert *. Ich finde: Man sollte aufhören können, wenn es aufhört, schön zu sein, beziehungsweise wenn von nun an alles nur noch schlecht werden kann. Etwa wenn einen der liebste Mensch verlassen hat. Wenn man die Diagnose Demenz erhalten hat. Wenn die politischen Verhältnisse sich derart ändern, dass man nicht mehr in Freiheit und ohne Angst leben kann. Solche Sachen. Dann sollte man die Möglichkeit (selbstverständlich nur die Möglichkeit, nicht die Pflicht) haben, seine persönlichen Angelegenheiten auf die Reihe zu bringen und, anstatt sich vor einen Zug werfen oder von einer Brücke springen zu müssen, eine Sterbeanstalt aufsuchen zu können, eine schriftliche Erklärung abzugeben, und dann wird man in sanft aus dem Leben geleitet, da gibt es bestimmt recht angenehme, schmerzfreie Möglichkeiten.

genug - 1 (3)

Ich persönlich fühle mich schon seit langer Zeit an dem Punkt angekommen, wo es am schönsten ist, also nichts mehr eintreten kann, was mein Glück oder meine Zufriedenheit noch wesentlich steigern könnte, auch nicht ein Lottogewinn. Genau deshalb möchte ich jetzt gerne noch ein paar Jahre leben. Irgendwann wird es aufhören, so schön zu sein, dann geht es bergab. Das mag bis zu einem gewissen Punkt auszuhalten zu sein. Aber wenn es nicht mehr geht, wenn es nicht mehr schön ist und keine Aussicht auf Besserung besteht, dann wüsste ich was zu tun ist. Und wer weiß: Vielleicht hat mein Leben ja bereits die Reiseflughöhe verlassen und ich habe es nur noch nicht bemerkt? Und das, was mir als leuchtende Zukunft erscheint, ist schon die Landebahnbefeuerung?

Man liest immer wieder von einem „erhöhten Sterberisiko“, weil man etwa in einer schlecht beleumundeten Gegend wohnt, eine gefahrgeneigte berufliche Tätigkeit ausübt oder raucht, sich falsch ernährt oder zu wenig bewegt. Das ist natürlich Unfug – das Sterberisiko liegt für jedermann, ob Alkoholiker oder Veganer, bei genau hundert Prozent. Das finde ich sehr tröstlich.

genug - 1 (1)

Im Übrigen bin ich der Meinung, jeder sollte Organspender sein. Mein Spenderausweis befindet sich gut sichtbar in meinem Portemonnaie, falls „was passieren sollte“, wie es so schön heißt.

In Bonn gibt es übrigens ein Beerdingungsinstitut „Kratz“, was dem Begriff „abkratzen“ nochmal einen besonderen Unterstrich verleiht.


* Was sich zum Glück vermeiden lässt mit einer Patientenverfügung.

Woche 21: Pornostars zu Spargelbauern

Montag: Der General-Anzeiger über den ESC-Gewinner Duncan Laurence: „… jung, sympathisch, mit einem Lied, das ohne großes Brimborium auskommt – sieht man mal vom Videoclip ab, in dem Laurence nackt unter Wasser taucht.“ Weiter kam ich nicht mit Lesen, das verstehen Sie sicher:

 

Was ich nicht verstehe: Auch Madonna hatte einen Auftritt beim ESC. Gut, in der Tat traf sie nicht jeden Ton, und das Kostüm mit der Augenklappe schien mir nicht sehr gelungen. Aber muss man die Frau deswegen in solcher Weise, wie es in den asozialen Hetzwerken geschah, mit Häme überschütten und ihr Karriereende herbeitwittern? Darf nicht auch ein Superstar mal einen schlechten Tag haben? Das hat sie nicht verdient.

Dienstag: Fundsache in der derzeitigen Stadtbahnlektüre:

„Wenn Menschen in einer konkurrenzorientierten, hierarchischen Machtstruktur gefangen sind – etwa in einem Großkonzern -, können Sie die Realität ihres Handelns aus den Augen verlieren, weil der unmittelbare Machtkampf die eigentliche Wirklichkeit überschattet.“

(Aus: Jaron Lanier, „Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst“)

Manchmal möchte ich inmitten fremder Menschen laut aufschreien: Genau so ist es!

Mittwoch: Wo ich gerade so schön am Schreien bin: Als mich heute in der Kantine jemand versehentlich leicht anrempelte, überlegte ich trotz umgehender Entschuldigung des Rempelnden, wie es wäre, wenn ich jetzt mein Tablett mit Hähnchenkeule und Karamellpudding theatralisch zu Boden würfe und zu brüllte: „Pass doch auf, du Trottel!“ Habe ich natürlich nicht gemacht. Genauso wenig, wie ich mich vor die Bahn werfe, wenn sie einfährt und ich manchmal, selten, spontan denke: Wenn du jetzt… (Keine Sorge, nur ein Gedanke ohne jede Ausführungsabsicht.)

Donnerstag: In der Bahn auf der Rückfahrt vom Werk telefonierte eine junge Frau ziemlich laut und lebhaft. Auf Italienisch. Das hatte etwas durchaus Sympathisches. Auf Deutsch hätte ich sie vermutlich gehasst.

Laut Zeitungsbericht verklagt ein Mann den Hersteller eines Haarwuchsmittels, weil aufgrund einer Nebenwirkung des Mittels sein Sexualtrieb erloschen sei. – Wo gibt es das Zeug?

Freitag: „Im Rahmen der Globalen HR Roadmap 2020 erfolgt unter anderem eine Analyse der bestehenden HR Prozesse hinsichtlich Vereinfachung und Steigerung des Mitarbeitererlebnisses“, lese ich in einer internen Mitteilung. Mein Mitarbeitererlebnis bedarf keiner weiteren Steigerung, vielen Dank.

Samstag: „Der Ball ist rund, die Eiskugel auch: Vielleicht ist das eine Erklärung dafür, dass ausgerechnet ein Fußballspieler wie Lukas Podolski (33) stolzer Eigentümer von Eisdielen wird“, steht in der Zeitung. Dieser Logik folgend müsste James Deen demnächst Spargel oder Salatgurken anbauen.

Übrigens, wenn Sie in Bonn auf der Suche nach gelungener Abendunterhaltung sind, besuchen Sie unbedingt Malentes Theaterpalast am Hochkreuz. Dort erwartet Sie ein Abend voller Witz, mit einem Hauch Erotik und etwas Gesellschaftskritik, die kann ja nie schaden. „Die sind schwul, aber totaaal nett!“ – Wir waren heute zum ersten und bestimmt nicht letzten Mal dort.

Sonntag: Gehört und notiert: „Das steht im Imker-Kalender.“ – „Du meinst den Maja-Kalender.“ – „Ach ja.“

Während meiner Sonntagsrunde fand ich an einem Pfahl Straßenkunst, die mich ein wenig ratlos macht, aber man muss ja nicht alles Schöne verstehen:

KW21 - 1

Rätselhaft auch der kleine Blumenstrauß, der bei Rückkehr auf unserer Fußmatte vor der Wohnungstür lag. Wer hat ihn dort abgelegt, für wen ist er bestimmt, aus welchem Grund? Oder hat ihn einfach nur jemand dort verloren?

KW21 - 1 (1)

Wie auch immer: Vielen Dank dafür!