Woche 7: In karnevalistischer Mission


Montag: Die Frage „Und sonst so?“ sollte mit Stromstößen nicht unter zwei Ampere geahndet werden.

Dienstag: Skiurlaub und Apres Ski – für mich eine Idee der Hölle. Gut, das habe ich über Karneval vor noch nicht allzu langer Zeit auch gedacht.

Mittwoch: Eine Dienstreise nach Bad Breisig mit Wagenwechsel in Remagen inspirierte mich zum Gedicht.

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Donnerstag: In Rheinland-Pfalz ist es noch erlaubt, in Raucherräumen innerhalb von Gaststätten zu rauchen. Das finde ich unverantwortlich, wie auch ein Blick in meine Zigarettenschachtel am heutigen Morgen unterstreicht.

Freitag: Während der beste US-Präsident aller Zeiten die Presse beschimpft, bleiben die im Zusammenhang mit dem G20-Treffen angekündigten Ausschreitungen rund um das Bonner WCCB aus. Auch das Treffen der Bonner Ironblogger am Abend in einer beliebten Gaststätte verlief weitgehend gewaltfrei.

Samstag: Busfahrt nach Sarreguemines in karnevalistischer Mission. Mein Widerstand gegen das erste Bier brach nach genau vierunddreißig Minuten.

Sonntag: Attendre le cavaldade. Allez hop.

Woche 6: Mindestens zweimal gelächelt

Montag: Auf dem Weg ins Büro sah ich in der Heussallee die ersten Schneeglöckchen blühen. Das entlockte mir trotz Montagmorgen ein kurzes Lächeln.

Dienstag: Ich müsste endlich mal wieder was richtiges bloggen.

Mittwoch: Fremde Menschen bieten mir per Elektropost Geld an. Was wissen die, was ich noch nicht weiß?

Donnerstag: Ein früher Feierabend und ein Sofa. Manchmal ist die Zutatenliste für eine Portion Lebensglück sehr kurz. – Die Werbung gebiert das Wort „Druckkopfschmerzen“. Seltsam, hat mein Drucker noch nie gemeldet.

Freitag: Die Aussicht auf ein ruhiges, unverplantes Wochenende ohne Termine und Verpflichtungen lässt mich schon am Morgen lächeln.

Samstag: In einer schlaflosen Nachtminute fiel mir ein wunderbarer Satz ein, das nahezu perfekte Wortspiel, welches diesem Blog zur Zierde gereicht hätte. Leider muss ich es Ihnen vorenthalten, da ich es vergessen habe.

Sonntag: Nordkorea erprobt Raketen, die 500 Kilometer weit fliegen und dann ins Meer plumpsen. In der Reihe der darüber Empörten stehen ganz vorne die USA, die auch in der Reihe der Atomraketensinnvollfinder ziemlich weit vorne stehen. Ist das nicht verrückt? – Mein Lieblingskiosk in der Inneren Nordstadt, der sich durch eine überwiegend attraktive Verkäuferschaft auszeichnet, schließt. Ein guter Grund, mit dem Rauchen aufzuhören. Eigentlich. Quasi. Sozusagen. Aber vielleicht erledigt sich das ja irgendwann von selbst durch die vorgenannten Raketen.

Schillernd wie ein Regenbogen

Es ist noch nicht sehr lange her, dass es mich am Wochenende raus zog ins Nachtleben, auf Partys, in Kneipen und Spelunken. Nicht an jedem Wochenende, aber doch regelmäßig. Dabei verschob sich die Motivation im Laufe der Zeit: Ließ mich anfangs, so mit siebzehn, achtzehn, der jugendliche Leichtsinn zuvörderst einen Alkoholrausch erstrebenswert erscheinen, so war es später die Suche nach dem libidinösen Abenteuer oder gar der großen Liebe. Das Internet stand mir zum Zwecke convenienter Anbahnung derartiger Bedürfnisse noch nicht zur Verfügung, man musste dazu vor die Tür.

Was ich schon damals nicht verstand: Warum wurde das immer erst so spät voll im EXIT, im Heat, in Muttis Bierstube, wie meine bevorzugten Abenteuerspielplätze in Bielefeld hießen? Warum hatte es keinen Zweck, vor dreiundzwanzig Uhr das Haus zu verlassen, begleitet von Mutters Frage „Wo willst du denn jetzt noch hin?“

Dort saß ich dann, stundenlang, nächtelang bei Bier oder, je nach gewähltem Verkehrsmittel, Cola an der Theke und schaute dem Barmann beim Gläserspülen zu, während mein Traumprinz jeden Moment eintreffen musste. Manchmal kam ich ins Gespräch, seltener zum Abenteuer, nach dessen Vollzug ich zumeist ohne jede Euphorie, dafür eher mit der Frage „War das jetzt wirklich nötig?“ in der Nacht nach Hause fuhr, manchmal noch einsamer als am Abend zuvor losgefahren. Die große Liebe fand ich dort nie. Die fand ich erst viel später, bei ganz anderer Gelegenheit bei Tageslicht, aber das ist eine andere Geschichte.

1999 zog ich mit dem Liebsten nach Bonn. Dort liegt Köln mit seiner großen Szene gleichsam vor der Haustür oder, je nach Betrachtungsweise, Bonn vor den Toren Kölns. Die Suche nach der großen Liebe hatte sich glücklicherweise inzwischen erledigt, das gelegentliche Interesse an Spaß und Abenteuer war hingegen noch nicht ganz verklungen und gemäß gegenseitiger Vereinbarung auch erlaubt. Oft nahmen wir den Zug um kurz nach halb elf, zusammen mit anderem feierfreudigem Jungvolk, zu dem wir uns auch noch zählten. Vom Bahnhof Köln Süd liefen wir zum Rudolfplatz, wo unsere Kneipen waren, erster Anlaufpunkt das Corner. Irgendwann kam der Punkt, wo unser Bedarf an Schlagermusik gedeckt war und uns der Sinn nach „ernsterer“ Unterhaltung war. Diese fanden wir im Midnight Sun, einem Etablissement, dessen Zweck detailliert zu beschreiben die Richtlinien von WordPress in moralisch-sittlicher Hinsicht möglicherweise überschreiten würde.

Oft war ich auch alleine dort, weil der Liebste nach Kölsch, Corner und Kuhn* des Vergnügens müde mit dem nächsten Zug zurück nach Bonn fuhr, während ich noch ein paar Stündchen blieb. Nicht selten war es bereits wieder hell draußen, wenn für mich die Mitternachtssonne untergegangen war und ich von Bier und Befriedigung beschwingt gen Südbahnhof ging.

Das Midnight Sun gibt es nicht mehr. Irgendwann wurde es umbenannt in Basement, aber da hatte ich schon die Lust an durchkreuzten Nächten weitgehend verloren. Inzwischen ist auch das Basement Geschichte, letzten Herbst wurde es gar als Lagerraum angeboten.

Mittlerweile habe ich das Alter jener Herren erreicht, bei deren Anblick ich mich in all den Spelunken fragte: Was will der alte Sack denn noch hier? Ja, ich bin nun selbst ein alter Sack, und wissen Sie was? Das ist herrlich! Mit meinem Spiegelbild bin ich noch einigermaßen zufrieden, selbst am Montagmorgen. Ohne Wehmut schaue ich auf die oben geschilderten Nächte zurück, in denen ich vieles erlebte. Doch die ruhigen Frei- und Samstagabende, die ich jetzt mit meinen beiden Lieben zu Hause verbringe, möchte ich nicht dagegen tauschen. Rausch und Abenteuer inbegriffen, manchmal bis in die Morgenstunden, wenn auch anders.

Dafür bin ich sehr dankbar.

——

* Kuhn, Dieter-Thomas, Schlagersänger; beliebt nicht nur im Corner, aber dort besonders: „… schillernd wie ein Regenboooooooooohogen …“

Woche 5: Der Lack ist ab

Montag: Vielleicht drückten Gott ja Gram und Sorgen, als er schuf den Montagmorgen.

Dienstag: Trotz des spektakulären Rücktritts von Rüdiger B. Grube verlief die Bahnfahrt nach Neu-Ulm erfreulich angenehm, pünktlich und in korrekter Wagenreihung. Hierzu erschien mir ein Begleitgetränk angemessen.

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Neu-Ulm liegt übrigens in Bayern, im Gegensatz zum benachbarten Ulm, welches in Baden-Württemberg liegt. Nun können Sie wieder mit Wissen glänzen. Gerngeschehen.

Mittwoch: Auf der Liste der ewigen Ärgernisse stehen nach wie vor die stets lächerlich winzigen Saftgläser bei Hotelfrühstücksbuffets ziemlich weit oben.

Donnerstag: Warum stehen ältere Menschen im Zug immer schon eine Viertelstunde vor Erreichen ihres Zielbahnhofs von den Sitzplätzen auf? Aber vielleicht mache ich das ja auch bald. Ab übermorgen.

Freitag: Manchmal, wirklich nur manchmal, wäre ich gerne ein paar Tage lang alleine in einem kleinen Haus auf einer Hallig.

Samstag: Letztlich ist 50 auch nur eine Zahl. Trotzdem klingt 39k weniger dramatisch.

Sonntag: Das neue Lebensjahrzehnt startet mit Husten und Schnupfen. Kein Zweifel, der Lack ist ab.

Woche 4: Luft in Dosen

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Dienstag: Evian ist laut Verbraucherzentrale die Mogelpackung des Jahres. Stellt nicht allein schon das Abfüllen und Verkaufen von stillem Wasser in Flaschen eine der frechsten Dreistigkeit der letzten hundert Jahre dar? Gibt es demnächst Luft in Dosen?

Mittwoch: Beim Mittagessen in der Kantine Diskussion darüber, wer nach einem Lottogewinn noch am nächsten Tag ins Büro ginge. Während es alle anderen für sich ausschließen, bin ich mir nicht völlig sicher. Was stimmt nicht mit mir?

Donnerstag: In einem Artikel las ich heute dieses Kleinod journalistischer Wortkunst: „Christof E., Head of Corporate Communications and Responsibility, begegnet den Herausforderungen und Chancen des digitalen Zeitalters mit der funktionsübergreifenden Integration von strategischem Reputationsmanagement und mit systematischem Stakeholder-Engagement. Dabei spielt die Entwicklung und Implementierung einer nachhaltigen Kommunikationsstrategie mit Hilfe agiler Managementmethoden ebenso eine Schlüsselrolle wie die Bereitstellung eigener meinungsführender Inhalte auf klassischen und digitalen Medienplattformen.“ Besser kann man es nicht auf den Punkt bringen.

Freitag: In der Bahn belauschte ich eine japanische Familie. Diese Sprache scheint völlig ohne Konsonanten auszukommen und klingt dadurch wesentlich freundlicher als der an Sch-Lauten schwangere Dialekt bestimmter Jugendkreise.

Samstag: Vereinsverpflichtungen veranlassten mich am Morgen zu einer Fahrt nach Ostwestfalen, wo ich bei unerwartet frühlingshafter Milde dem Auto entstieg. Dennoch fuhr ich am Abend durchaus gerne wieder zurück.

Sonntag: Allen Aquilins, Poppos und Radegunds dieser Welt meine herzliche Gratulation zum Namenstag.

Woche 3: Manchmal muss man vom gewohnten Weg abweichen

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Montag: „Schreib deinen Namen quer über mein Herz, ich möchte, dass du mein Säugling bist.“ Liedzeilen, die nur auf Englisch möglich sind.

Erst im Büro bemerkte ich mein Versäumnis, am Morgen keinen Hosengürtel angelegt zu haben. Ich mag mir nicht ausmalen, was als nächstes kommt.

Dienstag: Als Mensch, der den Sinn von Graffiti grundsätzlich in Frage stellt, erscheint mir deren Anbringen inmitten von U-Bahn-Tunneln besonders zweifelhaft.

Mittwoch: Als ich mich kurz vor dem Erfrierpunkt der Arbeitsstelle nähere, weckt ein am Straßenrand stehender Werkstattwagen eines Kälteanlagenbauers kurzfristig Gewaltphantasien in mir.

Donnerstag: Einen Tag vor der Krönung Donald Trumps zum König der Amerikaner wurde die Bekronung meines Backenzahns vorbereitet.

Freitag: Manchmal muss man vom gewohnten Weg abweichen. Ich zum Beispiel heute morgen auf dem Weg von der Bahn ins Büro, als plötzlich eine Kollegin vor mir her ging mit akuter Ansprechgefahr.

Samstag: Achtsamkeit beim Essen lernt man am besten durch ein Zahnprovisorium im Mund.

Sonntag: Ein am vergangenen Sonntag in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erschienener Artikel zum Thema „Katzensteuer“ ruft heftige Reaktionen bei der katzenliebenden Leserschaft hervor, welche in der heutigen Ausgabe der Zeitung nachzulesen sind. Herr Dr. Michael B. teilt elektroschriftlich mit: „Wenn eine von ihnen (seinen Katzen) wirklich mal einen Singvogel erwischt, war er alt oder krank.“ Noch besser Herr Willy M., der ebenfalls elektroschriftlich über seinen eher robusten Umgang mit dem Kater schreibt: „An Singvögel geht er nicht ran, weil ich ihn in jungen Jahren einmal mit einem noch lebenden Vogel erwischte. Ich warf meinen Kater in die Regentonne, er ging unter, der Vogel flatterte weg. Das hat der Kater sich gemerkt.“ Darin dürften die Katzenliebhaber einen weiteren Empörungsvorschlag sehen. Bis nächsten Sonntag.

Nicht genehmigungsfähig in einer mitfühlenden Stadt

Ich bin mir nicht sicher, ob ich über das, was vergangene Woche in der Zeitung stand, traurig oder wütend sein soll. Dort war zu lesen über den Kölner Sven Lüdecke, der in seiner Freizeit und auf eigene Kosten kleine bewegliche Holzhäuschen baut. Die schenkt er Menschen, denen es nicht vergönnt ist, sich nach Feierabend in die warme Wohnung auf das Sofa zurückzuziehen.

Die Obdachlosen – darf man das noch schreiben oder ist das inzwischen auch irgendwie diskriminierend? – die Menschen ohne feste Bleibe also nehmen die Häuschen gerne an, haben sie doch eine Tür, hinter die sie sich mal ungestört und wettergeschützt zurückziehen können.

Doch o weh, der Häuschenbauer hat nicht die Stadt Köln gefragt, und die mag die Häuschen nicht. Die Begründung könnte deutscher nicht klingen: Bei den Häuschen handele es sich um „ei­ne Un­ter­kunft oh­ne Strom, Was­ser, Ka­nal, Hei­zung und oh­ne aus­rei­chen­de Steh­hö­he“, so eine Pressesprecherin, daher seien sie „für die dau­er­haf­te Nut­zung als Wohn­raum […] nicht ge­neh­mi­gungs­fä­hig.“ Gewiss. Zudem fehlen schnelles Internet, Flachbildfernseher, Whirlpool, Wintergarten und Stuckdecken. Auch verstoßen sie vermutlich gegen geltende Energiesparnormen für Neubauten. Daher ist es besser, die Menschen weiterhin im Freien schlafen zu lassen, frische Luft ist ja auch gesund.

„Köln ist ei­ne mit­füh­len­de Stadt“, sagt die Pressesprecherin und verweist auf „ei­ne gro­ße Viel­falt von An­ge­bo­ten für die­sen Per­so­nen­kreis“. Diese Meinung teilt dieser Personenkreis jedoch nicht uneingeschränkt, weil er in den Unterkünften schlechte Erfahrungen mit Diebstahl und auch Gewalt gemacht hat.

Aber vielleicht haben sich auch einige Wohlfühlanspruchsbürger beschwert, weil diese Kisten in Sichtweite ihrer Villa standen? Oder Vermieter, die nun befürchten, ihre überteuerten Wohnungen nicht mehr loszuwerden, weil plötzlich alle in so einem Häuschen wohnen wollen? Und denkt bitte mal einer an die Kinder? Kinder leiden ja immer am meisten.

„So­bald Bo­xen auf städ­ti­schem Grund ste­hen, wer­den sie ab­ge­räumt“, so eine Sprecherin. Hoffentlich können die Bewohner die Häuschen dann rechtzeitig verlassen, bevor die Sperrmüllpresse sie in Sondermüll umwandelt.

Liebe Stadt Köln, ich vermisse die rheinische Gelassenheit! Unterstützt lieber diese Initiative, stellt Material zur Verfügung, vielleicht sogar etwas Geld; vor allem aber: Weist Flächen aus, wo die Häuschen aufgestellt werden dürfen! Es muss ja nicht gleich die Domplatte sein.

Klar: Die Häuschen lösen nicht das Problem Obdachlosigkeit. Und doch lassen sie vielleicht einen Hoffnungsschimmer erahnen, auf dass das Leben auf der Straße, im Zelt oder unter der Brücke ein klein wenig besser werde. Nicht nur in Köln.

Inzwischen hat Sven Lüdecke einen Verein gegründet. Wenn Sie, liebe Leser, dieses Projekt unterstützen möchten, können Sie das hier tun:

Little Home Köln
Spendenkonto:
IBAN DE96 3705 0198 1933 6044 47
BIC COLSDE33XXX

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Hier noch ein paar Links dazu:

https://www.welt.de/vermischtes/article161022780/Wie-2-8-Quadratmeter-fuer-Obdachlose-eine-Stadt-spalten.html

http://www.huffingtonpost.de/sven-luedecke/

http://www.ksta.de/koeln/innenstadt/soziales-projekt-koelner-verschenkt-wohnboxen-an-obdachlose-25041460