Woche 27/2026: Kollektives Aufatmen und irgendwas mit Fußball

Montag: Über Nacht ist es etwas – nun ja, kühler wäre das falsche Wort, mit unter dreißig Grad immerhin etwas weniger warm geworden; überall, in Gesprächen, Nachrichten, den Blogs ist kollektives Aufatmen zu vernehmen. Bis zur nächsten Hitzewelle, die ganz sicher kommen wird. (Vorstehendes schrieb ich nur aus chronistischen Gründen, falls ich oder irgendwer anderes das irgendwann nachlesen sollte. Zum Zeitpunkt, wenn Sie es lesen werden, also in einer Woche, werden Sie es schon mehrfach woanders gelesen oder gehört, vor allem selbst bemerkt haben. Oder wie Herr Fischer schrieb:

[Irgendwas mit Abkühlung und willkommen und so] Nur, damit ich es auch geschrieben hab.

Klammer zu.)

Auch im Büro ist es wieder deutlich kühler als vergangene Woche, zeitweise überzog leichte Gänsehaut die kurzbeärmelten Arme, was nicht viel bedeutet, manchmal fröstelt es mich auch bei vierundzwanzig Grad.

Schweißtreibend dagegen nachmittags der Sport im überraschend vollen Studio, nach zwei Runden durch den Parcours war mein Bewegungsdrang befriedigt.

Gunkl meint: »Um der Beschreibung der Welt etwas Positives hinzuzufügen, sollte es gegenüber von „leider“ auch das Wort „freuder“ geben, finde ich.« Finde ich auch.

Dienstag: Nachts wachte ich auf durch regelmäßige wiederkehrendes Gruppengeschrei aus der erweiterten Nachbarschaft, das wechselnd nach Jubel und Entsetzen klang, wobei sich, wie wir wissen, letzteres durchsetzte. Ich blieb unentsetzt, blieben uns doch stundenlang durch die Stadt lärmende Autokorsos erspart.

In einer Mail las ich AFAIU und musste recherchieren, was es bedeutet: „As far as I understand“. Woraufhin der Sprachnerv etwas zuckte.

Auf dem Fuß-Rückweg vom Werk sah ich auf einem Bildschirm vor einer Gaststätte einen Experten sprechen, ich glaube Thomas Hitzelsperger, kenne mich da nicht so aus. Vermutlich beantwortete er die bei Sportreportern so beliebte Frage, woran es gelegen habe. Niemand der Gäste hörte hin.

Feierabend am Rheinpavillon. Denken Sie sich gerne ein Erfrischungsgetränk dazu.
Abendbalkonblick. Hier dürfen Sie ebenfalls ein Begleitgetränk mitdenken.

Mittwoch: Und schon ist das erste Halbjahr ver- und die Welt nicht untergangen. In wenigen Wochen wird wieder Klage geführt wegen in Supermärkten erhältlicher Dominosteine, als hätte die amtierende Wirtschaftsministerin einen Kaufzwang verordnet.

Aus gegebenem Anlass nochmals Gunkl: „Irgendwie ist oder war gerade etwas mit Gruppenphase. Näheres entnehmen Sie bitte der Fachpresse.“

Vor vier Wochen, in unserer ersten Urlaubswoche, notierte ich meine Beobachtung bezüglich radfahrender Paare, bei denen meistens das Männchen vorneweg fährt. Hierzu ist bei Herrn Pesch gleichsam die Innenansicht eines solchen Paares nachzulesen.

Es ist immer wieder beruhigend, wenn man für sich eine Frage, die mit „Bin ich eigentlich der einzige, der …“ beginnt, mit Nein beantworten kann: Der Mitblogger aus Hamburg teilt meine tiefe Abneigung gegen den zunehmenden Bindestrichverzicht. Hier ein besonders schmerzhaftes Beispiel aus der Inneren Nordstadt:

Archivbild

Donnerstag: Morgens auf dem Weg ins Werk sah ich neben den Wohnhäusern am Rhein eine Frau stehen, mir den Rücken zugekehrt und rauchend. Sie trug ein quergestreiftes Oberteil, das auffallend mit den heruntergelassenen Jalousien vor dem Fenster daneben harmonierte. Leider bemerkte ich das erst richtig, als ich schon an ihr vorbeiging, für ein Foto war es da zu spät; bitte denken Sie sich ein entsprechendes Bild.

An den Laternenpfählen am Rheinufer werden per Plakaten Selbstverteidigungskurse für Frauen* angeboten, wie vorstehend mit Sternchen hinter „Frauen“. Wofür das Sternchen steht, ist zumindest für mich nicht zu erkennen, es verweist nicht auf eine Fußnote. Vermutlich wird vorausgesetzt, dass modern-urbane Menschen auch ohne Fußnote den Unterschied zwischen besternten und unbesternten Frauen kennen.

Der ersten Besprechung des Tages trat ich mit mehrminütiger Verspätung bei, weil ich zuvor während der Bearbeitung eines Gewerkes in eine Art Flow-Zustand geraten war, der mich die Zeit vergessen ließ. Bald war klar, dass ich nichts verpasst hatte, wie man in versäumten Regel-Besprechungen ohnehin selten etwas verpasst.

Dort hörte ich erstmals das Wort „Impediment“ als Synonym für Hindernis, wie eine kurze Recherche ergab. Vier Silben für den pseudogebildeten Begriff, immerhin eine weniger als „Herausforderung“, dafür zwei mehr als das in Berater- und Geschäftskreisen geächtete „Problem“. Werde ich mir wohl nicht merken.

Freitag: Laut kleiner kalender beginnen heute die Ehrentage der Klimaanlage, warum auch nicht, irgendwas ist bekanntlich immer. Eher Mitgefühl empfinde ich für das mobile Klimagerät im Kiosk um die Ecke, das wie Sisyphus seinen Auftrag nicht erfüllen kann, weil die Ladentür den ganzen Tag offen steht.

Samstag: Für den Abend waren wir zur Feier eines hundertdreißigsten Geburtstags eingeladen: Die Kollegin wurde sechzig, ihr Gatte, ebenfalls ehemaliger Kollege, siebzig. Gefeiert wurde in einer Gaststätte im rechtsrheinischen Ortsteil Niederholtorf, von uns aus mit dem Bus bestens zu erreichen, auch wenn er auf dem Rückweg wegen irgendwas mit Fußball im Stau stand und wir deshalb ab Beuel zu Fuß weitergingen, was uns einen angenehmen Spaziergang bescherte. Wir hätten auch im Bus sitzen bleiben können, er traf fast exakt zur selben Zeit bei der Zielhaltestelle ein wie wir zu Fuß, nur wäre uns dann der Spaziergang entgangen.

Unter den Gästen der Feier waren mehrere teils länger nicht gesehene Kolleginnen, davon zwei bereits im Ruhestand, die glaubhaft versicherten, dass ihnen die Arbeit überhaupt nicht fehle, ach was. Musikalisch begleitet wurde der Abend zeitweise durch eine örtliche Hobbyband, die mit großer Ausdauer und ansprechender Qualität Hits aus vergangenen Zeiten spielte. Wobei ich mir auch hier die bereits früher geäußerte Anmerkung erlaube, manche Lieder sollten nicht nachgespielt werden, die Band kann dabei nur verlieren, in diesem Fall „Music“ von John Miles. Meine ebenfalls mehrfach geäußerte grundsätzliche Abneigung gegen Livemusik als Störfaktor auf Veranstaltungen, wo man sich mit anderen Menschen unterhalten möchte, schlug nicht an, da die Band drinnen im Saal spielte, während wir mit den Kolleginnen im Außenbereich saßen und uns bestens unterhielten. Sehr entgegen kam mir auch der Wunsch der Gastgeber, statt eines Geschenks eine Spende für den Verein „Lebensqualität im Alter“ zu hinterlassen. Liebe A., lieber J., vielen Dank für den schönen Abend bei und mit euch!

Sonntag: Apropos hundertdreißig – Zeit für die nächste Frage aus der Liste. Nummer 130 lautet: „Welcher Tag der Woche ist dein Lieblingstag?“ Ganz klar der Samstag. Ich kann (meistens) ausschlafen, weil ich nicht ins Büro muss, und der ebenfalls freie Sonntag liegt noch vor uns. Den Sonntag mag ich auch sehr, zumal mittlerweile nur noch sehr selten ab dem späten Nachmittag das Vorgrauen (mir fiel kein besseres Wort für das Gegenteil von Vorfreude ein) auf den Montag die Stimmung trübt.

Zu einem gelungenen Sonntag gehört der in der Regel mehrstündige Spaziergang am Nachmittag. Der führte heute rüber nach Beuel, um Straßenbahnen zu fotografieren. (Wiederum nur für die Chronik, die meisten von Ihnen wird es nicht interessieren, lesen Sie deshalb gerne nach der Klammer weiter: Wegen Bauarbeiten wird die Stadtbahnlinie 66 in Richtung Königswinter / Bad Honnef zurzeit umgeleitet über Beuel, Limperich und Küdinghofen. Deshalb fahren vorübergehend die großen Stadtbahnzüge durch die Beueler Innenstadt, wo sonst ausschließlich Niederflur-Straßenbahnwagen verkehren.)

..

Da die Autobahnbrücke im Bonner Norden weiterhin gesperrt ist, hat die Stadt Maßnahmen ergriffen, um die daraus resultierenden Verkehrstumulte zu lindern. Eine davon ist, dass die Fahrradspuren auf der Kenndybrücke nur noch in jeweils eine Richtung benutzt werden dürfen: die nördliche nach Bonn, die südliche nach Beuel. Zu meinem großen Erstaunen halten sich die meisten Radfahrer daran, während zweimaliger Brückenüberquerung zählte ich insgesamt nur vier Falschfahrer.

Am Straßenrand in Beuel parkte ein Wagen mit der Anschrift „Gesellschaft für Endlagererkundung“. Vielleicht das Dienstfahrzeug der örtlichen Friedhofsverwaltung.

Es ist mit um die zweiundzwanzig Grad deutlich kühler geworden, zeitweise fiel etwas Regen. Man sieht wieder Leute in Jacken, vereinzelt sogar Daunenjacken. Sicher ist es sinnvoll, auf Unbill vorbereitet zu sein. Der Schneeschieber neben einem Hauseingang erschien mir indes etwas übertrieben.

Auch in Beuel

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Mein Lieblingstag außerhalb des Wochenendes ist übrigens der Donnerstag, vor allem in kleinen Wochen, wenn ich frei habe. Wie in der kommenden, voraussichtlich bei Wanderwetter.

18:00

Woche 26/2026: Die Salzernte des Bürokraten

Montag: Der erste Arbeitstag nach dem Urlaub war nicht schlecht, der Maileingang recht üppig, doch ohne Imponderabilien. Mittags in der Kantine gab es Currywurst an Pommes, nach der gehobenen Restaurantkost der zurückliegenden Wochen ein Genuss. Dank ausreichender Kühlung des Turmes war es nur draußen sehr warm.

Vergangene Woche äußerte ich einen gewissen Neid gegenüber bretonischen Salzbauern, weil sie am Ende eines Arbeitstages das Ergebnis ihrer Arbeit vor sich sehen. Mir gelang es heute immerhin, die Zahl der unbearbeiteten bzw. ungelesenen Mails von fast vierhundert auf einen niedrigen zweistelligen Wert zu bringen, gleichsam die Salzernte des Bürokraten.

Nachdem der Ellenbogen wieder weitgehend genesen ist, hatte ich schon vor dem Urlaub beschlossen, danach wieder regelmäßig zum Training zu gehen. Daran hielt ich heute trotz Hitze fest. Die Geräte kannten mich sogar noch, als ich den Armbandchip an den Sensor hielt. Nur die Frage, ob ich aufgewärmt sei, während mir die Sonne durch das Glasdach auf den Schädel brannte und der Schweiß schon vor der ersten Bewegung rann, hätten sie sich sparen können. Maschinenhumor.

Dienstag: Morgens auf dem Fußweg ins Werk wurde ich fast Zeuge einer Kollision von zwei Radfahrern. Fast, weil ich erst hinschaute, nachdem es gescheppert hatte, die Fahrräder samt (unbehelmten) Fahrern bereits auf der Straße lagen und sich letztere gegenseitig mit wenig freundlichen Worten bedachten, denen zu entnehmen war, dass einer den anderen beim Rechtsabbiegen noch rechts zu überholen versucht hatte. Wenn ich sehe, wie manche Fahrrad fahren, wundert es mich, nicht öfter Zeuge solcher Vorfälle zu sein.

Im Büro war es nachmittags mit achtundzwanzig Grad ungewöhnlich warm. In früheren Sommern saß ich dort bei vergleichbaren Außentemperaturen mit Gänsehaut am Schreibtisch. Kein Kühlturm mehr, jedoch noch gut auszuhalten.

„Die Konfiguration wurde konfiguriert“ hieß es in der Mitteilung über die Behebung einer IT-Störung. Manchmal scheint die Lösung einfach zu sein.

Auf dem Rückweg brachte ich nach vereinbarter Erprobungszeit die Hörgeräte zurück zum Akustikfachgeschäft. Mein persönliches Fazit: Eine gewisse Verbesserung bringen sie; das Hauptproblem, bei lauten Hintergrundgeräuschen wie im Restaurant einem Gespräch folgen zu können, lösen sie nicht, jedenfalls nicht so deutlich, dass ich bereit wäre, so viel Geld dafür zu bezahlen. Ich bleibe dran, es hat keine Eile.

Danach genehmigte ich mir, auch wenn es bei über dreißig Grad nicht von Vernunft zeugt, in innerstädtischer Außengastronomie ein Feierabendbier. (Also gut: zwei, weil der nette Kellner so freundlich fragte.) Dabei sah ich mehrere radelnde Speisesklaven, die mit schwarzen Ganzgesichtsverhüllungen ihre Lieferungen besorgten. Warum, vor allem bei der Hitze? Apropos: Die absurdesten Dinge sind aus der Bequemlichkeit der Menschen geboren, etwa Essenslieferdienste.

Heute vor zehn Jahren schrieb ich ins Blog:

Erdogan, Putin, Kaczynski, Orban, Kim Jong Un, demnächst womöglich Trump. Da die Fäden der Macht zunehmend von den Händen Wahnsinniger gezogen werden, erscheint es fast das Vernünftigste, sich keine Sorgen um die Zukunft zu machen, stattdessen sofort die Arbeit einzustellen, die Ersparnisse zu verprassen und ganz entspannt auf das Eintreffen der Atomraketen zu warten. Oder darauf, dass sie mich abholen kommen, aus welchem Grund auch immer.

Wenn man Kaczynski, Orban und „demnächst womöglich“ streicht, passt es auch heute noch, wobei ich mir bei Kaczynski nicht ganz sicher bin.

Mittwoch: Vielleicht liegt es an der Wärme – die heute noch um einige Grad zugelegt hat, was nicht als Klage zu verstehen ist – dass mir zum Tage nichts ein- oder aufgefallen ist, was aufzuschreiben wäre.

Donnerstag: Es empfiehlt sich nicht, bereits in der ersten Arbeitswoche nach dem Urlaub wieder Vollgas zu geben, weil dann die Gefahr besteht, dass die Erholung verpufft und man schon wieder neuen Urlaub benötigt. Da trifft es sich gut, dass der Wiedereinstieg in eine kleine Woche fällt mit einem freien Inseltag, heute. Da es zum Wandern viel zu warm werden sollte, verzichtete ich darauf. Stattdessen frühstückte ich nach nicht sehr spätem Ausschlafen ausführlich auswärts unter schattigen Bäumen in der Innenstadt, nebenbei Zeitung-/Blogslesen und Leutekucken.

Vom ursprünglichen Plan, mich danach ins Sportstudio zu begeben, weil es dann dort vielleicht noch nicht so warm ist, nahm ich Abstand, weil ich vom Montagssport noch leichten Muskelkater in den Schultern hatte und es doch schon wieder sehr warm war. Auch hier erst langsam wieder steigern.

Vielmehr erschien es mir an sportlicher Betätigung genug, mit dem Fahrrad an den Strand zu fahren, also zur Lieblingsstelle am Rheinufer vor Bonn-Oberkassel, wo ich das zusammensteckbare, fahrradtransportable Liegestühlchen im Schatten der hohen Pappeln platzierte und, während leichter Lufthauch über die Haut strich, das Dasein mit Schiffekucken, Lesen und etwas Schreiben genoss. Ab und zu erforderten wandernde Schattenlöcher einen Platzwechsel um wenige Meter, doch schadet es ja nicht, auch an solchen Tagen etwas in Bewegung zu bleiben.

Aus dieser Liegestuhlperspektive gefällt mir der Turm besonders gut

Freitag: Meine grundsätzliche Skepsis gegen eingeschaltete Kameras in Teamskonferenzen sah ich heute wieder bestätigt. Während ein Teilnehmer sich im ärmellosen Unterhemd zeigte, bestellte ein anderer, im ICE sitzend, für alle anderen einschließlich Chef hör- und sichtbar beim Servicepersonal ein Weizenbier. Vielleicht sehe ich das auch zu eng.

Lange hatte ich nicht mehr diese Stehrolldinger gesehen, Segways heißen die wohl, Sie wissen schon, diese einachsigen Fahrzeuge, auf denen vor geraumer Zeit regelmäßig Touristen- und Rentnergruppen im Stehen am Rheinufer und durch die Stadt rollerten. Heute sah ich auf der Rückfahrt vom Werk eine größere Anzahl davon vor dem Rheinpavillon abgestellt, wo sich ihre Nutzer vermutlich innerlich kühlten.

Gedanke, als wir abends durch die weiterhin warme Stadt gingen, wo vor den Gaststätten auf großen Bildschirmen Fußball lief: Wenn dort stattdessen Dallas gezeigt würde, wäre das Public Ewing.

Samstag: Der Regionalzugbetreiber National Express stellt am Nachmittag auf mehreren Linien den Betrieb ein, weil die Klimaanlagen der Züge bei der Hitze auszufallen drohen (es ist eine irrige Annahme, genau dafür seien sie da), gestern musste aus diesem Grund bei Bonn ein Zug evakuiert werden*. Wie bereits früher angemerkt: Gewiss bin ich kein Anhänger der Früher-war-alles-besser-Bewegung, doch zu Zeiten der Deutschen Bundesbahn hatten die Züge zwar keine Klimaanlagen, dafür Fenster, die sich öffnen ließen. Auch das ist eine der zahlreichen technischen Pessimierungen der letzten Jahre, die uns als Innovationen verkauft werden.

Die Klimaanlage in unserer Wohnung läuft hingegen tadellos, das ist sehr erfreulich.

*Wie mich der Liebste später aufklärte, war nicht vordergründig der Ausfall der Klimaanlage der Grund, sondern hitzebedingtes Versagen der Bremssysteme. Das macht es nicht besser.

Sonntag: Das iPad zeigt regelmäßig oben rechts auf dem Startbildschirm ein zufälliges Bild an, das ein geheimnisvoller Algorithmus aus meinen Fotos ausgewählt hat. Heute Morgen war dort mein alter Freund C. zu sehen, den ich längere Zeit nicht sah, aufgenommen vor noch viel längerer Zeit während eines gemeinsamen Urlaubs auf Gran Canaria. Vielleicht Zufall, vielleicht hat der Algorithmus in meinen Kalender geschaut: Heute Abend, nach Blog-Redaktionsschluss, bin ich mit eben diesem C. auf ein Getränk verabredet. Darauf freue ich mich.

Der Geliebte hat als hitzeangemessene Kleidung den Kaftan entdeckt, vorläufig nur innerhalb der Wohnung. Das sieht noch etwas gewöhnungsbedürftig aus, scheint aber zu funktionieren. (Aus Persönlichkeitsschutzgründen wird nicht darauf eingegangen, was er darunter trägt und ob überhaupt etwas.)

Dass ich ein alter Sack geworden bin, wurde ein weiteres Mal deutlich während des Spaziergangs durch die Südstadt, wo am Straßenrand ein Golf III geparkt war. Mit H-Kennzeichen.

Südstadt-Idyll in der Argelanderstraße
Linden-Hinterlassenschaften in der Lessingstraße

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. Kommen Sie gut in den Juli und durch die voraussichtlich nicht mehr ganz so heiße Woche.

16:30

Woche 25/2026: Kontemplatives Salzschieben und maschinelles Flaschendrehen

Montag: Die Urlaubswoche begann mit einer kleinen Wanderung durch Le Croisic. Zunächst erkundete ich den Parc De Penn Avel nahe unserem Hotel, danach ging ich entlang der südlichen Küste. Kurz vor Ende der Landzunge bog ich nördlich ab, der Weg führte nun durch heideartige Landschaft mit Sand, Büschen und Hainen, nur ohne Heide, bis zur nördlichen Küste. Dort wollte ich über die lange Hafenmole bis zum Leuchtturm am Ende gehen, ging aber nicht, weil die Mole wegen irgendwelcher Arbeiten gesperrt war. Daher vollendete ich die Runde bis zum Park am Bahnhof, wo ich auf einer schattigen Bank rastete und die Blogs las.

Vor dem Park hielt ein Reisebus aus Saarbrücken mit der Anschrift: „Wir machen Urlaub – 365 Tage im Jahr“. Offenbar ist das Unternehmen auf reiche Rentner als Zielgruppe spezialisiert, wer sonst könnte ganzjährig Urlaub machen. Für diese Annahme sprach, dass die Personen, die dem Bus entstiegen, augenscheinlich das Erwerbsleben hinter sich hatten.

Es gibt hier im Ort schöne alte, teils villenartige Häuser. Viele von ihnen haben einen Namen, der an der Hausfront angeschrieben ist. Mehrere davon beginnen mit „Ker“, Bretonisch für Haus, Hof, wie eine kurze Recherche ergab. Das erinnert mich an meinen Vater, der gerne „Ker, Ker, Ker …“ sagte, wenn er sinngemäß „Das kann ja wohl nicht wahr sein“ meinte, das hatte ich fast vergessen. Nach ihm ist mir niemand mehr begegnet, der das Wort benutzt. Meine Vermutung: Das kommt aus dem Ruhrgebiet (mein Vater wurde in Gelsenkirchen geboren), vielleicht verkürzend für „Kerl“. Kann das jemand aus der Region bestätigen?

Im Park
Südküstenweg
Suchbild mit Bär
Durch die Hüchten
Mole, gesperrt
Kein Alkohol am Lenker!
Ker Meno

Dienstag: Heute unternahmen wir einen Ausflug auf die Île de Noirmoutier, unter anderem bekannt für den Anbau wohlschmeckender Kartoffeln. Der Hinweg führte durch La Baule, wo sich gegenüber dem langen Sandstrand über mehrere Kilometer Hotels und Appartementhäuser aneinanderreihen, dazwischen einzelne alte Villen. Beeindruckend anzuschauen, doch ob ich da Urlaub machen möchte – ich weiß es nicht.

Auf die Insel gelangt man über eine hohe Brücke, freilich nicht so hoch wie die über die Loire-Mündung, siehe vergangene Woche. Ansonsten ist die Insel völlig flach, ebenso die vorgelagerte Vendée; beim Durchfahren fühlte ich mich an Dithmarschen erinnert, mit Meersalzgewinnung statt Kohlanbau. Als Alternative zur Brücke gibt es die Passage du Gois, eine Straße durch das Wattenmeer (oder wie das hier heißt), die bei Beauvoir-sur-Mer auf das Festland trifft. Befahrbar nur bei Ebbe, sonst liegt sie unter Wasser, so leider auch heute, als wir zurück fuhren. Vorher kaufte der Liebste, wo wir schon mal da waren, ein Kistchen Kartoffeln. Die fallen nicht durch, wie der Geliebte zu sagen pflegt.

Es ist immer gut, wenn man in der Lage ist, seine Meinung zu ändern. Äußerte ich mich vergangene Woche noch zurückhaltend bis ablehnend über Austern, so muss ich mich korrigieren. Nachdem ich ihnen gestern und heute eine weitere Chance gab, empfinde ich inzwischen durchaus Genuss bei ihrem Verzehr. Vielleicht ist das auch nur der bekannte Urlaubseffekt wie bei dem einen Wein, der im Restaurant auf Mallorca so gut geschmeckt hatte, sich zu Hause indessen als schale Plörre erweist. (Ausgedachtes Beispiel, Sie wissen vermutlich, was ich meine.)

Ansonsten hat Onkel Michael wieder einen lesenswerten Aufsatz geschrieben über Toleranz, Demokratie und Empfindlichkeiten. Kostprobe:

Nicht mehr die Frage, ob etwas wahr ist, steht häufig im Mittelpunkt öffentlicher Debatten, sondern die Frage, ob sich jemand durch diese Wahrheit verletzt fühlen könnte. Das subjektive Empfinden wird zum Richter über objektive Aussagen. Die Kränkbarkeit erhebt Anspruch auf Vorrang vor der Erkenntnis.

Jemand hat vergangenen Monat das Buch gekauft, teilte mir epubli mit. Dafür herzlichen Dank.

Mittwoch: In früher Morgenstunde wurde die Nachtruhe gestört durch einen technischen Signalton, der mit „Piepton“ unzureichend beschrieben wäre, eher ähnlich einem Tropfen, der in ein mit Wasser gefülltes Gefäß fällt. Nicht laut, doch deutlich zu hören, jedenfalls wenn man wach ist, alle Paar Minuten, das Wiedereinschlafen verhindernd. Zunächst ließ es sich nicht zuordnen: Meine mitgeführten Datengeräte (iPhone, iPad, MacBook) machen nicht ein solches Geräusch, zudem waren sie stumm- bzw. ausgeschaltet. Daher verdächtigte ich zunächst die Ladevorrichtung der Hörgeräte und schaffte diese ins Nebenzimmer. Es tropfte weiterhin. Nun nahm sich der Liebste der Sache an und ermittelte als Übeltäter das Hoteltelefon, das anscheinend ein Akkuproblem hatte. Nach Entfernen aus der Ladeschale war Ruhe und wir schliefen wieder ein, wenn auch nicht lange, inzwischen war sieben Uhr durch.

Nach dem Frühstück unternahmen wir eine Ausfahrt durch die Salzfelder östlich von Le Croisic, wo in hunderten, vielleicht tausenden angelegten Becken Salz aus Meerwasser gewonnen wird. Dazu wird das Wasser bei Flut über ein ausgeklügeltes System aus Kanälen und Teichen in die flachen, rechteckigen Becken geleitet, wo das Salz nach Verdunstung des Wassers kristallisiert und sich absetzt, entweder an der Wasseroberfläche, wo es als kostbares Fleur de Sel vorsichtig abgeschöpft wird, oder am Boden, wo die Salzbauern es mit Rechen an langen Stielen zusammenschieben zu weißen Haufen, die nach dem Trocknen in Schubkarren abgefahren werden.

In meiner touristisch-naiven Vorstellung ein wunderbarer Beruf: Man ist draußen, hat seine Ruhe, von gaffenden und fotografierenden Touristen abgesehen, an die man sich vermutlich gewöhnt. Das Tempo wird nicht vorgegeben durch Termine und Detleins, sondern einzig durch die Verdunstung des Wassers; so lange wie es dauert, dauert es eben. Und, was ich bei meiner (vermutlich wesentlich besser bezahlten) Bürotätigkeit immer wieder vermisse, ich schrieb es mehrfach: Am Ende sieht man, was man geschafft hat, man kann es sogar anfassen.

Mit Sicherheit hat der Beruf seine Schattenseiten: Die Produktion funktioniert nur bei warmem, trockenem Wetter, dann allerdings rund um die Uhr oder „24/24“, wie das bei uns gebräuchliche „24/7“ in Frankreich heißt, nix mit Achtstundentag, Fünftage-Vierzigstundenwoche, Gleit- und Teilzeit; was am Monatsende finanziell dabei rauskommt, weiß ich auch nicht. Und vielleicht wollen die Leute irgendwann kein Salz mehr, weil es als ungesund gilt oder aus anderen Gründen in Verruf gerät, das geht ja manchmal schnell, siehe Zucker, des Salzes süßer Bruder. Daran denkt man nicht, wenn man als Tourist mit Strohhut und Kamera am Beckenrand steht und dem Bauern (oder wie das heißt) entzückt beim kontemplativen Salzschieben zuschaut.

Nach Navi-Darstellung führt man auf schmalen Pfaden durch das Wasser …
… in echt nicht ganz so dramatisch

Nachmittags saßen wir wieder auf dem Balkon des Hotelzimmers und genossen den letzten Tag in der Bretagne, ehe wir morgen zur letzten Urlaubsetappe in die Champagne aufbrechen. Spontaner Gedanke, als sich in der Ferne auf dem Meer zwei Boote begegneten: Gleich stoßen sie zusammen, mit Radöngel und Feuerball. Ging dann aber gut, sie fuhren mutmaßlich mit reichlich Abstand aneinander vorbei.

Donnerstag: Ein Gruß aus der Symbolbildhölle:

(Gereral-Anzeiger Bonn Online)

Nach dem Frühstück verließen wir Le Croisic bei angenehmen zweiundzwanzig Grad. Fünf Stunden später wurden wir bei um die vierzig Grad Außentemperatur in Paris Teil des Verkehrschaos, das ich bei unserem Besuch der Stadt vor einem Monat bestaunt hatte. Weitere zwei Stunden später erreichten wir unser Hotel bei Vinay, südwestlich von Épernay. Auch wenn der Liebste die ganze Zeit gefahren war, wofür ich ihm sehr dankbar bin, war mein Bedarf an Auto(mit)fahren gedeckt; die Unberechenbarkeit anderer Verkehrsteilnehmer wie plötzliche Fahrstreifenwechsel direkt vor oder gar neben uns ohne zu blinken macht mich zunehmend nervös. Während ich in anderen Verkehrsmitteln wie Schiff und Bahn problemlos stundenlang sitzen und kucken kann, siehe vergangene Woche, bin ich bei Autofahrten stets froh, wenn sie zu Ende sind, egal, ob als Beifahrer oder schlimmstenfalls als Fahrer.

Im Gegensatz zu unserem letzten Aufenthalt hier wurde zur Begrüßung kein Glas Champagner gereicht. Bei immer noch über dreißig Grad vermutlich besser so. Im Übrigen wäre es ungerecht, das zu kritisieren: Das Haus spendierte uns eine ganze Flasche, die wir bei Bezug des Zimmers vorfanden, indes ungeöffnet ließen für den späteren Gebrauch.

Abends brachte ein Gewitter Regen und etwas Abkühlung …

Freitag: … die nicht lange anhielt, morgens wurde es wieder warm. Da empfiehlt es sich, sich an kühle Orte zu begeben wie die Keller eines Champagnererzeugers. Einen solchen suchten wir vormittags in Pierry auf, wo der Liebste bereits letzte Woche einen Besuch organisiert hatte. Eine freundliche junge Dame führte uns durch die Stationen der Produktion und erklärte die Arbeitsschritte von der Traubenpresse über Fass-, dann Flaschengärung und maschinelles Flaschendrehen bis zum Degorgieren. Danach probierten wir Erzeugnisse des Hauses und, Sie ahnen es, erwarben einige Flaschen.

Nach Rückkehr am Hotel begaben wir uns auf schattige Liegen im Garten, wo ich vorstehende Zeilen niederschrieb. Zudem unternahm ich eine kleine Wanderung durch den nahen Wald, allerdings nur gedanklich auf der Karte; für weiteres war es viel zu warm.

Schon vor längerer Zeit entnahm ich in Bonn einem öffentlichen Bücherschrank das Buch „GLOSSEN II oder: Den Kern freilegen, ohne die Haut zu verletzen“ von Rochus Spiecker, erschienen bereits 1962. Darin las ich während des Liegens folgenden schönen Satz über Beziehungen:

Braucht nicht auch die ausgewachsene Liebe ab und zu ihr häusliches Scharmützel, um sich zu vergewissern, daß weder Temperament noch Charakter im Gehege gegenseitiger Gewöhnung abgeschliffen sind?

Dabei fällt mir ein Gedanke ein, der mir vor einigen Tagen während einer nächtlichen Wachphase kam, ebenfalls obiges Thema betreffend und, ich versichere, völlig ohne aktuell-persönlichen Bezug ist: Phasen der Beziehung: 1) Begehren, 2) Gewöhnen, 3) Ertragen

Samstag: Im Frühstücksraum wechselten wir den Tisch, weil sich nebenan mehrere Amerikanerinnen lautstark und tischübergreifend unterhielten, was ich zu früher Stunde noch nicht zu ertragen bereit war; später vermutlich auch nicht.

Nach stauloser Fahrt über erstaunlich freie Autobahnen und Straßen erreichten wir am späten Nachmittag Bonn, wo wie überall die derzeitige Sommerhitze beklagt wird. Die einzig nennenswerte Verzögerung ist nicht nennenswert wegen der Dauer, sondern des Grundes. Während uns Frau Navi in Belgien auf längeren Strecken über die Dörfer lotste, mussten wir anhalten wegen einer Kuhherde, die offenbar von ihrer Weide ausgebüxt war und sich mit nicht besonders großer Entschlossenheit anschickte, die Straße zu queren, wo der Schatten eines großen Baumes lockte. Bis der Bauer kam und das Vieh zurück trieb.

Belgische Autobahn

Abends besuchten wir das französische Restaurant unseres Vertrauens. Zum ersten Gang bestellte ich Austern. Sie schmecken immer noch.

Sie mögen es nicht, wenn andere Menschen versuchen, Sie von ihrer Religion zu überzeugen, möchten aber nicht unhöflich erscheinen? Darauf hat Frau Kaltmamsell die passende Antwort:

“Es freut mich für Sie, dass sie etwas erfunden haben, das Sie glücklich macht, weiterhin alles Gute.”

Sonntag: Mit diesem Sonntag endet der Urlaub endgültig, wie immer verging die Zeit schnell. Doch sind es nur neun Wochen bis zum nächsten, die erfahrungsgemäß auch schnell vergehen werden. Da es nicht gut wäre, wenn Zufriedenheit nur aus arbeitsfreien Wochen entsteht, erfreue ich mich bis dahin an den kleinen Freuden des Alltags wie Fußwege ins Werk (und zurück), freie Donnerstage mit und ohne Wanderung, Abende auf dem Balkon mit den Lieben. Und die meisten Arbeitstage sind auch nicht so schlecht, dass sich darin keine erfreulichen Momente finden ließen, manchmal, wenn auch selten sogar montags.

Zu den regelmäßigen kleinen Freuden zählt auch der Spaziergang am Sonntagnachmittag, an dem mich die Sommerhitze nicht hinderte. Heute durch die Nordstadt bis zur gesperrten Nordbrücke, wo das Geschrei aus dem gut besuchten Freibad nicht länger konkurrieren muss mit dem Brausen der Autobahn daneben. Daran wird sich auf absehbare Zeit nichts ändern, weil die Brücke in Teilen abgerissen und neu gebaut werden muss, bevor wieder Autos darüber fahren dürfen. Statt im Freibad kühlte ich mich auf andere Weise im Biergarten am Rhein, auch das immer wieder erfreulich.

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Falls Sie ebenfalls aus dem Urlaub zurückkehren, einen guten Start in die Werktätigkeit.

19:30

Woche 24/2026: Orte mit Wasserturm und Balkon mit Seeblick

Montag: Es ist ein beglückendes Gefühl, morgens zur gewohnten Zeit aufzuwachen und noch zwei Wochen Urlaub vor uns zu wissen. Weiterhin sind wir in Beaune im Burgund, morgen fahren wir weiter an die Loire. Zu einem Aufenthalt in Beaune gehört für mich ein Spaziergang über die Remparts, den zu etwa zwei Drittel erhaltenen Wall um die historische Innenstadt. Das erledigte ich vormittags, während der Liebste einige weitere Einkäufe tätigte; so tat ein jeder, woran er Freude hat.

Gegen Mittag trübte es sich ein und leichter Regen fiel. Das hinderte uns nicht an einem weiteren Spaziergang zum Cité des Climats et vins de Bourgogne, einem architektonisch interessanten Rundbau südlich außerhalb der Innenstadt, darin eine Art Museum, das sich thematisch der Weinerzeugung im Burgund widmet. Der Rückweg führte durch die ebenfalls überwiegend altbebaute, dabei wesentlich weniger pittoreske Vorstadt. Anschließend lockte leichter Bierappetit ins Bistrot. Es muss nicht immer Wein sein.

Rempart Saint-Jean
Cité des Climats et vins de Bourgogne
Rue du Faubourg Perpreuil, südliche Vorstadt

Dienstag: Vormittags verließen wir Beaune, fast fiel der Abschied von diesem mittlerweile vertrauten Ort schwer. Doch der Urlaub geht weiter. Zwischenziel war der Weltkulturerbe-Ort Vézelay, wo wir uns nach einem kurzen Anstieg die Kirche anschauten. Ich war wieder angemessen beeindruckt von dem Bauwerk, auch wenn ich bei solchen Gelegenheiten jedes Mal denke: Welch ein Aufwand wegen dieser Legende, die Menschen vor ein paar Tausend Jahren mal aufgeschrieben haben. Mehr zu Vézelay bei Bedarf hier.

Anschließend fuhren wir abseits der Autobahnen durch Wälder, Felder und Orte mit Wassertürmen, teils über Straßen, die sich über mehrere Kilometer lichtstrahlgerade durch die Landschaft ziehen. Unter anderem führte der Weg durch die Stadt Clamecy, deren Pracht schon seit geraumer Zeit vergangen zu sein scheint und die erstaunlich auto- und menschenleer war, was vielleicht auch an der Mittagszeit lag.

Weiter ging es über die Loire, mit kleinem pique-nique am Hafen von Châtillon-sur-Loire. Ziel der heutigen Reise war das Hotel Les Hayes en Sologne in der Nähe von Fontaines-en-Sologne, in einem idyllisch gelegenen Schlösschen mit großem Garten, umgeben von Wald. Nach Ankunft und Auspacken unternahmen wir einen kleinen Spaziergang durch den Park, der am Restaurant endete, wo ein Ankunftsgetränk angemessen und erforderlich erschien.

Chicane in Billy-sur-Oisy
D 957 zwischen Entrains-sur-Nohain und Bouhy
Bouhy
Vannes-sur-Cosson
Zufahrt zum Hotel
Das Hotelschlösschen
Ein gutes Haus

Mittwoch: Die Loire-Region ist bekannt für ihre zahlreichen Schlösser. Eines davon besuchten und besichtigten wir heute: Chambord. Als Kind baute ich Burgen aus Sand mit viel Wasser. Wenn man das Sand-Wasser-Gemisch aus der Faust träufeln ließ, türmten sich daraus kleine Säulen von ungleichmäßiger Struktur. Daran fühlte ich mich erinnert, als ich heute das Château mit seinen zahlreichen Türmchen und Schornsteinen sah, Neuschwanstein ist ein nüchterner Zweckbau dagegen. Architektonische Besonderheit ist die doppelte Wendeltreppe im Zentrum des Bauwerks, zwei umeinander verschlungene Wendeln innerhalb des Turmes. Im Übrigen gilt das gleiche wie gestern über Kathedralen geäußert: riesiger Aufwand für eine Legende, in diesem Fall die, dass bestimmte Menschen allein aufgrund ihrer Geburt über anderen stehen und sich deshalb zu rein repräsentativen Zwecken solche Schlösser bauen lassen konnten, während das Volk schuften und darben musste.

Château Chambord

Danach fuhren wir nach Blois, eine dem Anschein nach recht große, von der Einwohnerzahl unter fünfzigtausend indes erstaunlich kleine Stadt an der Loire, von der ich noch nie gehört hatte. Das ist selbstverständlich nicht von Bedeutung, die wenigsten Franzosen werden je von beispielsweise Rheda-Wiedenbrück oder Buxtehude gehört haben.

Nach Rückkehr im Hotel begaben wir uns in im Garten bereitstehende Liegestühle, wo vorstehende Zeilen notiert wurden. Zur Perfektion des Urlaubsglückes fehlte nur ein Glas Rosé. Man kann nicht alles haben.

Nachtrag: Kann man doch. Man muss nur seine Hemmungen überwinden, dem Personal womöglich Umstände zu bereiten, und danach fragen.

Donnerstag: Nach dem Frühstück verließen wir das Hotelschlösschen in Richtung Bretagne. Wieder mieden wir Autobahnen, über eine längere Strecke fuhren wir auf dem Damm neben der Loire. Etwa fünf Stunden später, nach Überquerung der Loire-Mündung über die Brücke bei Saint-Nazaire, erreichten wir unser nächstes Ziel Le Croisic direkt am Atlantik, wo wir eine Woche verweilen werden. Die Sonne scheint, noch weht kühler Wind über den Balkon des Hotelzimmers mit Meerblick, doch die weiteren Wetteraussichten sind vielversprechend.

La Chapelle-sur-Loire
Brücke über die Loire-Mündung
Hotelbalkonblick
Unser Balkon

Freitag: Die erste Nacht in Le Croisic schlief ich sehr gut und wachte bewusst erstmals nach sechs Uhr auf, vielleicht liegt es an der Seeluft. Das Hotel bietet kein Frühstücksbüffet an, stattdessen bestellt man das Gewünschte am Vortag mit einem Formular, auf Wunsch wird es dann morgens im Frühstücksraum serviert oder ins Zimmer gebracht. Wir entschieden uns heute für die zweite Variante und frühstückten windgeschützt auf der rückwärtigen Terrasse des Zimmers.

Nach dem Frühstück sogleich die erste Aktivität: eine kleine Wanderung um die Landzunge, auf der Le Croisic liegt. Mein Hirnradio spielte dazu „An der Nordseeküste“ von Klaus & Klaus, man kann es sich nicht immer aussuchen. Am Hafen stärkten wir uns in einer Crêperie mit – Überraschung: Crêpes, dazu eine Flasche Cidre; wie bereits am Montag geschrieben: Es muss nicht immer Wein sein. Mein Crêpe war gefüllt mit Frangipane, einer mir bis dahin unbekannten, mit Rum angereicherten Mandelcreme. Köstlich. Zurück zum Hotel ging es dann wesentlich schneller, durch den Ort gleichsam quer über die Zungenwurzel. Das Wetter war heute noch unentschieden, nicht sehr warm und nicht kalt, ab und zu leichter Niesel, zwischendurch lugte kurzzeitig die Sonne durch die Wolkendecke und ließ es augenblicklich warm erscheinen.

Bitte denken Sie sich links den Atlantik
Hafen von Le Croisic

Wir sind nicht die einzigen Deutschen hier. Während der Notiz vorstehender Zeilen auf dem Balkon radelten zwei jüngere Männer vorüber, leicht bergan und gegen den Wind. „Wir können heute Abend doch mit den Fahrrädern fahren“, schlug der hintere vor. „Auf gar keinen Fall“ lautete die Antwort des vorderen.

Das Abendessen fand heute auf dem Balkon mit Seeblick statt, der Liebste hatte dafür etwas eingekauft, dazu gab es den Champagner, den uns die Hotelleitung in Beaune geschenkt hatte. Nach den zahlreichen Restaurantbesuchen der letzten Tage war so ein kleines Abendessen eine willkommene Abwechslung. Während wir also saßen und aßen, stand ein paar hundert Meter entfernt auf einem der vorgelagerten Felsen ein hell gekleideter Mann mit dem Rücken zum Meer, den Arm vor sich ausgestreckt, offenbar machte er Selfies oder ein Video. Dabei zeigte er beeindruckende Ausdauer, schätzungsweise eine Stunde verharrte er so, wechselte ab und zu den Arm, bewegte sich jedenfalls nicht von der Stelle. Vielleicht ein YouTube-Prominenter oder Influencer, was weiß ich; er wird seine Gründe gehabt haben. Erst als aus Westen Nebel aufzog, verließ er seinen Standort, drehte sich am Ufer eine Zigarette und verschwand schließlich in Richtung Stadt.

Suchbild mit Nebel und Influencer

Mit dem Nebel kam auch deutliche Kühle auf, die uns vom Balkon nach drinnen vertrieb, wo wir in behaglicher Zimmerwärme und weiterhin mit vernebeltem Seeblick den Champagner leerten. Morgen soll es bis zu siebenundzwanzig Grad warm werden. So recht glauben kann ich es nicht, wir werden sehen beziehungsweise fühlen.

Samstag: Die Wettervorhersage hat nicht zu viel versprochen, seit dem Mittag ist es warm. Morgens zog noch etwas Dunst über das Meer und auf dem Weg vormittags in die Markthalle war ein Jäckchen angebracht, das änderte sich dann rasch. Den Nachmittag verbrachte ich in leichter Sommerkleidung auf dem Balkon und widmete mich der Schreiberei, während in meinem Blickfeld Menschen in den Fluten planschten und Menschen in Deutschland eine unsommerliche Kühle beklagen.

Auch hier gibt es Ebbe und Flut, mit einem Tidehub von vier Metern und darüber hinaus wesentlich ausgeprägter als in Büsum und anderswo an der Nordsee. Und doch fällt es dort mehr auf. Während sich da das Wasser bei Ebbe um hunderte Meter zurückzieht und großflächig das Watt freilegt, sind es hier nur einige -zig Meter und die Felsen ragen etwas mehr aus dem Wasser.

Apropos Meer: Abends ließen wir uns im Bistrot gegenüber eine Meeresfrüchteplatte kommen. Dazu wurden Werkzeuge gereicht, deren Anblick sonst auf Esstischen zumindest für einen Kulinarikbanausen wie mich ungewohnt ist. Nun denn: Die Austern ließen sich auch vom Ungeübten mit der Gabel aus ihrer Halbschale heben, wobei ich mich nach wie vor frage, was die Menschheit oder wenigstens ein Teil davon so toll an diesem salzigen Schleim findet. Auch die Schnecken in zwei Größen – klein und ganz klein – ließen sich mit dem beiliegenden Stechwerkzeug recht einfach aus den Häuschen zerren. Schwieriger wurde es bei den Riesengarnelen (oder wie die hier heißen), bei denen ich alles vergessen konnte, was ich einst in Büsum über das Krabbenpulen gelernt habe. Erst bei der vierten (von fünf) hatte ich es einigermaßen raus, wobei der Aufwand, die paar Fleischfasern aus den Ärmchen zu lösen, in keinem vertretbaren Verhältnis zum Ertrag steht. Schließlich der halbierte Riesen-Taschenkrebs (auch hier fehlt mir gerade die korrekte regionale Bezeichnung) im Zentrum der Platte: Aus dem Körper quoll eine unappetitliche graue Masse, die ich unangerührt ließ, dem Rest war unter Zuhilfenahme der Nussknackerzange und dem Stecheisen einigermaßen beizukommen. Immerhin war ich am Ende zwar nicht übersättigt, indes auch nicht mehr hungrig. Fazit: Kann man mal machen, gerne aber nicht oft.

Essbesteck

Während wir uns durch das Meeresgetier kämpften, planschte nebenan eine Gruppe aus jungen Leuten und einem riesigen aufblasbaren Schwan im zurück gehenden Wasser, dazu legten einige der Jungs das altersübliche Balzgehabe an den Tag. Ein anderes junges Paar erregte meine Aufmerksamkeit: Sie gingen langsam in Richtung Wasser, das Mädchen trug einen Badeanzug, der Junge war bekleidet mit Schuhen und hochgezogenen Socken, Shorts, die zumindest aus der Ferne nicht nach Badehose aussahen und einem langärmeligen Pullover. So gingen sie, bis ihnen das Wasser ungefähr bis zum Bauch reichte, verharrten dort einige Minuten, dann gingen sie zurück bis zum Strand unterhalb der Promenade, legten sich dort noch einige Zeit in den Sand und verschwanden schließlich. Womöglich war er etwas schamhaft, in jungen Jahren ist das ja nicht ungewöhnlich, man kennt es vielleicht aus eigener Erfahrung.

Gruppenbild mit Schwan

Apropos Meeresfrüchte: Laut einem Zeitungsbericht droht Deutschland wegen der EU-Sanktionen gegen Russland bald eine Fischstäbchenkrise. Auch das noch, möchte man entsetzt ausrufen. Unterstützung der Ukraine schön und gut, aber doch nicht unter Gefährdung der Fischstäbchenversorgung!

Apropos Konsequenz: Dem Vernehmen nach hat die Fußballweltmeisterschaft begonnen. In den Blogs zahlreiche Artikel, die aus nachvollziehbaren Gründen – Geldgier des einen, Geltungssucht des anderen – fordern, die Spiele zu ignorieren. Auch ich werde mir kein Spiel anschauen, auch nicht, wenn Wir spielt, wie bei jedem Turnier. Nicht in erster Linie aus oben genannten Gründen, vielmehr weil es mich von Natur aus nicht interessiert. Andere werden es tun, viele auch bereit sein, die horrenden Preise für Anreise, Hotel und Tickets zu zahlen, um leif dabei zu sein, einfach weil sie sich für Fußball begeistern. Es liegt mir fern, sie dafür zu tadeln; ich wäre der letzte, der sich dafür rühmt, stets konsequent zu handeln.

Sonntag: Zu den Situationen, in denen ich stundenlang sitzen und untätig schauen kann, ohne mich auch nur eine Sekunde zu langweilen, gehört neben Bahnfahren und Kaminfeuer eine Schifffahrt. Die unternahmen wir heute, und zwar ab Vannes etwa drei Stunden lang durch den Golf von Morbihan. Dazu mussten wir eine Stunde früher aufstehen als üblich, es hat sich gelohnt. Manchmal muss man Opfer bringen.

Balkonblick, morgens. Am Horizont leuchten die Hochsee-Windkraftanlagen, nach meiner Zählung 71 an der Zahl
Golf von Morbihan
Darinnen zahlreiche Inseln, hier die Île de Berder
Geradeaus der Atlantik

Zum Abendessen waren wir in einer im besten Sinne „einfachen“ Brasserie am Hafen von Le Croisic. Nach dem gestrigen Meeresfrüchtegemetzel habe ich die Bratwurst mit Pommes sehr genossen.

***

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Für uns bricht die letzte Urlaubswoche an, bis Mittwoch weiterhin hier in Le Croisic, danach weiter in die Champagne.

23:30

Woche 23/2026: In Zeiten zunehmender Infantilisierung

Montag: Nun also schon wieder Juni. Wenn es irgendetwas nützen würde, könnte ich darüber lamentieren, dass die Zeit immer schneller zu vergehen scheint. Nützt aber nichts, deshalb lasse ich es und wechsle lieber, wie an jedem Monatsersten, die Armbanduhr.

Morgens verspürte ich Anzuglaune, deshalb trug ich heute Anzug und fühlte mich wie stets sehr wohl darin. Mit den dazu getragenen weißen Sniekern fühlte ich mich wie so ein smarter, Latte Macchiato trinkender Startapper, nur in alt mit Hörgeräten.

Vormittags schickte ich einen Brief und eine Postkarte auf die Reise, mittags kaufte ich frische Briefmarken, weil der Bestand verbraucht war. An mir soll es nicht liegen, wenn das Briefpostgeschäft schwächelt.

Bei der ersten Teams-Besprechung der Test, ob sich Hörgeräte und Kopfhörer vertragen. Ergebnis: Tun sie. Warum sollten sie auch nicht. Erstmals über die Hörgeräte (oder -Systeme, wie das wohl heißt) telefoniert. Klingt etwas nuschelig, geht aber.

Ein Kollege verkündete per Rundmail seinen Wechsel in eine andere Abteilung, um „… eine neue Herausforderung zu beginnen“. Sei ihm viel Erfolg dabei gewünscht.

Dienstag: Eine Initiative fordert auf Plakaten die Wiederinbetriebnahme des Melbbades, ein Freibad im Bonner Südwesten, das seit der Coronazeit geschlossen ist und als Lost Place dahingammelt und zuwächst. In Zeiten zunehmender Infantilisierung muss man dankbar sein, dass nicht gefordert wird, „Melbi“ wieder zu öffnen.

„Das ist in grünen Tüchern“ hörte ich in einer Besprechung und notierte es sogleich, auf dass auch Sie es erfreue.

Wie berichtet habe ich mich vergangenen Samstag in einen Anzug in einem Schaufenster verliebt. Wie zudem angekündigt suchte ich heute das Geschäft auf, um ihn wenigstens mal anzuprobieren. Dabei kam es zu einem Zwischenfall: Direkt hinter dem Vorhang, wo ich die Anprobekabine vermutete, befindet sich eine Tür. Ohne weiter weiter darüber nachzudenken öffnete ich sie, woraufhin eine Alarmanlage in einer äußerst gemeinen Tonlage alle drei Stockwerke erfüllte; erst jetzt sah ich, dass sich die gesuchte Umkleidezelle links von dem Vorhang befindet, wohingegen die Tür in ein Treppenhaus führt. Den Angestellten gelang es zunächst nicht, den Alarm zu beenden, erst nach einem Anruf bei einem Kollegen, vielleicht dem Filialleiter, kam eine Mitarbeiterin mit einem Plastiknupsi, den sie über die Bedieneinheit der Alarmanlage strich und sie damit verstummen ließ. Da mir das angemessen peinlich war und der Anzug passt, kaufte ich ihn. „Jetzt wissen wir wenigstens, wie man das abschaltet“, so die versöhnlichen Worte an der Kasse, nachdem ich nochmals mein Bedauern zum Ausdruck gebracht hatte.

Mittwoch: Der neue Anzug wurde sogleich angezogen. Sehr bequem zu tragen, ein guter Spontankauf. Der letzte Arbeitstag vor dem Urlaub endete nicht allzu spät, die wesentlichen Gewerke waren bearbeitet und mit gutem Gewissen schaltete ich erst den Rechner, dann das dienstliche Telefon aus; zur Sicherheit nahm ich den Rechner entgegen sonstiger Gewohnheit mit nach Hause, man weiß nie. Selbstverständlich nehme ich ihn morgen nicht mit nach Frankreich.

Wie nachmittags gemeldet wurde, musste die Bonner Nordbrücke über den Rhein kurzfristig wegen zunehmender Risse für den gesamten Verkehr gesperrt werden, wie lange, weiß man nicht. Auch für Fußgänger, erst vergangenen Sonntag spazierte ich noch darüber. Die Folge ist ein umfangreiches Verkehrschaos in der Stadt und drumherum, in der Rathausgasse stauen sich die Linienbusse in langer Reihe.

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Wie gut, wenn man nicht auf das Auto angewiesen ist: Ich ging (außerplanmäßig, weil ich morgens wegen Regens mit der Bahn statt mit dem Fahrrad gefahren war) zu Fuß nach Hause und genehmigte mir beim Rheinpavillon ein Urlaubseinstiegsbier.

Horst Schulte schrieb über das Bloggen:

Bloggen war für mich nie eine Eintrittskarte in eine Szene. Es war immer ein eigenes Zimmer im Netz. Eine kleine, widerspenstige Parzelle. Kein Palast, eher Gartenlaube. Aber meine.

Und wenn dort nicht die große Blogprominenz vorbeikommt, dann ist das zu verschmerzen. Manchmal ist es sogar angenehm. Denn am Ende zählt nicht, ob man auf der richtigen Blogrolle steht. Am Ende zählt, ob man noch etwas zu sagen hat.

Und ob man es sagt.

Als Kleinblogger im Schatten der vermeintlichen Eliten fühle ich mich verstanden.

Donnerstag: Nach dem Frühstück im französischen Café fuhren wir los in Richtung Beaune, der ersten Urlaubsetappe. Mein Wohlwollen den Hörgeräten gegenüber erfuhr erste Risse, nachdem das linke mir immer wieder hochfrequente Töne ins Ohr blies. Daher nahm ich sie kurz nach Abfahrt raus. Ansonsten lief die Fahrt gut, kurz vor Langres nötigte uns heftiger Regen zu verminderter Geschwindigkeit. Regen können die hier in Frankreich. Gut sechs Stunden später erreichten wir unser vertrautes Hotel, wo wir mit ehrlicher oder wenigstens sehr gut gespielter Wiedersehensfreude und einer Flasche Champagner im Zimmer begrüßt wurden. Erstmals kommt der mobile Jackenhaken zum Einsatz.

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Nach Ankunft und wohnlicher Einrichtung gingen wir in die Stadt, die wir weitgehend so vorfanden, wie wir sie Ende letzten Jahres verlassen hatten. Das regnerisch-jackenkühle Wetter, mehrfach war die Kombination aus Daunenjacke mit kurzen Hosen zu beobachten, vermochte den Genuss des ersten Rosés nicht zu trüben.

Der Verfasser im Zustand großer Zufriedenheit (Foto: der Liebste)
Abendhimmel

Freitag: Die Wetteraufheiterung erlaubte es, das ersten Frühstück des Urlaubs auf der Hotelterrasse einzunehmen. Obwohl die Temperatur laut Wetter-App nur fünfzehn Grad betrug, war es auch für einen Fröstling wie mich gut im kurzärmeligen Polohemd auszuhalten.

Nach dem Frühstück fuhr der Liebste zum Einkaufen in den Supermarkt, ich spazierte in den nahen Parc de la Bouzaise, wo ich auf einer Bank die Bonner Zeitung und die Blogs las. Dabei erwies sich das übergezogene Jäckchen als sinnvoll, da die Sonne immer wieder hinter Wolken verschwand und sofort kühler Wind aufblies, als gäbe es zwischen ihnen eine meteorologische Absprache.

Es ist immer wieder erbaulich, von der herrschenden Meinung abweichende Gedankengänge anderer zu lesen, die meinem eigenen Empfinden vollständig entsprechen. Bald geraten wieder große Teile der Menschheit in kollektiven Wahnsinn wegen der als Fußballweltmeisterschaft bezeichneten kommerziellen Großveranstaltung. Zum Thema Sportkucken schrieb Frau Anje treffend:

Dass aber Leute von passivem Sport besessen sind, also selber nur zugucken, wie andere Sport machen und das dann toll finden, da fehlt mir nicht nur das Verständnis, sondern auch die Akzeptanz, zumindest wenn es sich um Menschen in meiner direkten, inneren Umgebung handelt.

Seit einiger Zeit meldet mir WordPress Blogbeiträge, die ich an diesem Tag in vergangenen Jahren schrieb. Demnach waren wir vor genau drei Jahren auch hier in Beaune, allerdings in einem anderen Hotel. Hier im Hotel scheint man uns inzwischen zu kennen. Das gilt auch für das angeschlossene Restaurant, das wir abends besuchten und wo wir begrüßt und behandelt wurden wie alte Bekannte. Der Digestif ging aufs Haus.

Das Hotel gehört der eher höherpreisigen Kategorie an. Das bitte ich nicht angeberisch aufzufassen, es ist keineswegs unser gewöhnlicher Standard, in solchen Häusern unterzukommen, im Urlaub gönnen wir uns das gerne mal. Auch neben den vorfahrenden Kraftfahrzeugen anderer Gäste wirkt unser Passat eher schäbig. Das hält manche von ihnen nicht davon ab, in Jogginghosen in der Bar zu erscheinen. Aber was weiß ich schon – vielleicht ist so eine Bollerbuxe teurer als der gesamte Inhalt meines Koffers.

Samstag: Nach dem Frühstück liehen wir uns die Fahrräder des Hotels und unternahmen eine Radtour durch die Weinberge in Richtung Süden über Pommard, Volnay, Meursault, Gamay bis Saint-Aubin. Kurz dahinter, in einer langen Steigung, entschieden wir uns, die geplante Tour abzukürzen, nicht weil uns die Lust oder Puste ausgegangen wäre, mit elektrischer Unterstützung sind solche Strecken gut zu bewältigen. Genau darin lag das Problem: Der Akku des Liebsten Fahrrades zeigte nur noch um die vierzig Prozent Ladung an, mutmaßlich zu wenig, um es nach weiterer Bergfahrt zurück nach Beaune zu schaffen oder die letzten Kilometer nur noch mit reiner Muskelkraft; man hat ja Urlaub und will sich nicht verausgaben. Zurück fuhren wir dann über Chassagne-Montrachet und Puligny-Montrachet, insgesamt immerhin dreiundvierzig Kilometer.

Wir waren an diesem sonnig-warmen Tag nicht die einzigen Radfahrer auf der gut ausgeschilderten Strecke. Es gibt eine Kreuzung, an der der Radweg Vorrang vor dem Straßenverkehr hat, die Autos halten sogar an. Im autoverliebten Deutschland wäre das undenkbar. Keine neue Erkenntnis, nur erneut bestätigt: Bei augenscheinlich gemischtgeschlechtlichen Paaren zu Rad fährt zu achtzig Prozent das Männchen vorweg und das Weibchen hinterher. Ich werte das nicht als Zeichen männlicher Überlegenheit, vielmehr weiblicher Klugheit. Soll der Alte doch schauen, wo wir langfahren. Er fühlt sich gut dabei, mir ist es egal. Das leitet über zu der lange nicht gehörten, gleichwohl dämlichsten Frage, die man einem männlich-gleichgeschlechtlichen Paar stellen kann, nämlich wer bei ihnen die Frau sei; hiermit ist sie für uns endlich beantwortet: Ich bin das wohl, jedenfalls beim gemeinsamen Radfahren.

Das Hörgerät piept nicht mehr und leistet recht gute Dienste, während des Radfahrens war ansatzweise eine Unterhaltung möglich.

Westlich von Beaune
Meursault

Aus der Zeitung:

(General-Anzeiger Bonn online)

Sonntag: Auch heute zeigte sich das Wetter sehr urlaubsfreundlich. Nach dem Frühstück fuhren wir mit dem Wagen nach Chagny, wo wir den Wochenmarkt besuchten und Gougères, Radieschen und Minisalamis für ein beabsichtigtes pique-nique kauften. Anschließend fuhren wir zum Canal du Centre, ein 112 Kilometer langer Kanal für kleine Schiffe zwischen Chalon-sur-Saône und Digoin, erbaut zwischen 1783 und 1793. (Wie lange würde man heute für ein ähnliches Vorhaben in Deutschland brauchen? Wobei sich die Planung des Kanals laut französischer Wikipedia auch etwas hinzog.) Entlang des Kanals spazierten wir rund drei Kilometer bis zur Schleuse von Rully, wo wir Frösche und blaue Libellen antrafen und auf einem Rastplatz die Markteinkäufe verzehrten. Auf dem Rückweg erhielten wir die Gelegenheit, einem von Touristen gelenkten Boot beim Schleusen zuzuschauen.

Markt
Canal du Centre mit Wasserlinsen, auch als Entengrütze bekannt
Eine der zahlreichen Schleuse zwischendrin
Schleuse bei Rully

Zum Schluss sei mir eine weitere, subjektive und somit völlig unmaßgebliche Textilanmerkung erlaubt: Als Mann über vierzig sollte man nicht das Hemd außerhalb der Hose tragen, jedenfalls nicht in Verbindung mit einem Sakko. Wenigstens nicht im Restaurant. Und bitte keine Slipper ohne Socken, das gilt auch für Untervierzigjährige außerhalb von Restaurants. Am besten überhaupt keine Slipper. Die Welt wäre etwas besser.

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Einen schönen Urlaub, falls Sie gerade ebenfalls welchen haben.

18:00