Woche 21: Nicht weniger leiden die Büropflanzen

Montag: Das sogenannte Bundesbüdchen ist nach rund zwanzig Jahren am vergangenen Wochenende in die Nähe seines früheren Standplatzes am ehemaligen Bundestag zurückgekehrt, wo es bis zum Umzug der „Politik“ nach Berlin der Nahversorgung diverser Bonner Politiker diente.

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Bei Bedarf kann man darüber streiten, ob die für die Wiederherrichtung erforderlichen 400.000 Euro vielleicht sinnvoller auszugeben gewesen wären, darüber möchte ich gar nicht befinden. Interessanter dagegen die Frage, wie lange es dauern wird, bis Irre das Häuschen beschmiert und beschädigt haben.

Dienstag: „Damit unterstützt die Bundesrepublik seine Wirtschaft in der aktuellen Corona-Krise mit mehr Geld als alle anderen EU-Staaten zusammen“, steht im General-Anzeiger. Wessen Wirtschaft, geht aus dem Artikel nicht hervor.

Wesentlich besser, auch weil fehlerfrei, gefällt mir dieser Satz von Prof. Clemens Albrecht, Universität Bonn: „Moralisierung des eigenen Lebensstils ist der erste Grad der Verspießerung.“

Mittwoch: „Das war für uns so nicht visibel“ las ich in einer Mail und habe wieder eine neue Variante gelernt, mehr Silben als erforderlich zu verwenden, um gebildet zu erscheinen.

„Am meisten leiden die Kinder“, heißt es oft. Nicht weniger leiden im Moment wohl die Büropflanzen, weil die, die sie sonst gießen, zu Hause arbeiten. An die denkt mal wieder keiner.

Donnerstag: Die Christen feiern heute Himmelfahrt, die Väter sich selbst, oder auch nicht; testosteronlautes Bollerwagengeziehe erscheint ja im Moment unangebracht. Was feiern christliche Väter? Egal, verkomplizieren wir das ganze nicht unnötig.

Ich blieb lieber zu Hause, wo ich auf dem Balkon einen vor mehreren Tagen begonnenen Aufsatz über Kindheitserinnerungen an einen Glücksort zu Ende brachte. „Ich merke, meine ursprüngliche Absicht, [dem Thema] einen 10-Minuten-Aufsatz zu widmen, lässt sich nicht umsetzen, zu viel fällt mir dazu ein, das aufgeschrieben sein will, wobei das Glücksgefühl beim Aufschreiben fast so groß ist wie das, welches ich als Kind dort empfand.“ Den Rest gibts irgendwann demnächst hier zu lesen.

Freitag: „Audi – das sind doch die Sozenkarren von dem Schröder, das sieht man schon an den vier Ringen, für jede Ehe von dem einer. Eigentlich müssten es fünf sein, aber die wissen noch nicht, wohin mit dem fünften.“ Die Weltanschauungsideen des Geliebten müssen sich hinter den aktuellen Verschwörungstheorien keineswegs verstecken.

Samstag: »Die „Bussi-Bussi-Gesellschaft“ hat sich ausgeküsst, ein Umstand, den manche klammheimlich begrüßen, die überschwengliche Begrüßungsrituale von entfernteren Bekannten und sich gar nicht so Nahestehenden stets als übergriffig empfunden haben, aber ein Nein nicht auszusprechen wagten«, steht im General-Anzeiger. Ich fühle mich gemeint, wobei von „klammheimlich“ keine Rede sein kann, ich bekenne, dieses Getue überhaupt nicht zu vermissen. Sich für irgendetwas gegenseitig abzuklatschen ist im Übrigen auch so eine ebenso dümmliche wie überflüssige Geste, die bei der Gelegenheit gleich mit entsorgt gehört.

Dank rechtzeitiger Einschränkung der Einschränkungen verbrachten wir, wie schon länger geplant, das Wochenende an der Mosel mit Hotelübernachtung in Brauneberg, einem kleinen Ort, dessen pittoreske Anmutung einem Fotografen wohl die Motivklingel anschlagen und manchen Maler zum Pinsel greifen ließe.

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Wenn auch vielleicht nicht an allen Stellen, jedenfalls bliebe nachfolgendes Motiv in den Ansichtskartendrehständern einschlägiger Geschäfte vermutlich länger vorrätig.

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Abends im aus unserer Sicht ausgezeichneten Hotelrestaurant gewährten die Gäste am Nebentisch einen Blick auf die Schattenseite menschlichen Umgangs. Vorausschicken muss ich, da das Hotel erst am Montag zuvor seinen Betrieb wieder aufgenommen hat, war es personell schwach besetzt: das sehr freundliche Betreiber-Ehepaar und ein Koch. Nach dem Essen nun baten diese Gäste die Dame des Hauses an den Tisch, um ihr freundlich gemeinte „konstruktive Kritik“ zukommen zu lassen. Erstens: Man habe es versäumt, Brot zu bringen. Zweitens, beim Frühstück sei das doch bestellte Rührei nicht serviert worden. Unfreundlich waren sie dabei nicht, aber: Was ist so schwer daran, kurz nach dem Vermissten zu fragen, anstatt es hinterher für alle im Raum hörbar als „konstruktive Kritik“ anzubringen? Merke: Ratschläge sind auch Schläge.

Sonntag: Während der Rückfahrt nach Hause hörte ich zum ersten Mal nach Längerem wieder Bundesliga-Berichterstattung im Radio. Was habe ich das nicht vermisst.

Zum Schluss noch was mit Liebe, gelesen in der aktuellen Ausgabe der PSYCHOLOGIE HEUTE: „Ebenso wie zum Glauben gehört zur Liebe das Mysterium des Nichtverstehens.“ Und: „Sexualität ist ein Medium der Kommunikation.“ Stimmt schon, wir sollten mehr miteinander reden. In diesem Sinne wünsche Ihnen eine angenehme neue Woche mit viel Liebe und erbaulicher Kommunikation.

Woche 20: Kontaktpersonennachverfolgung

Montag: Es mag Zeichen einer gewissen Weicheiigkeit meinerseits sein, die ich gar nicht in Abrede zu stellen versuche, jedenfalls nutzte ich heute wegen Regens zum ersten Mal seit sieben Wochen statt Fahrrad wieder die immer noch ziemlich leere Stadtbahn, um ins Werk zu gelangen, selbstverständlich mit der vorgeschriebenen Schutzmaske.

Ziemlich leer blieben auch die Plätze der Außengastronomie, die seit heute wieder öffnen darf, was ich in erster Linie auf das unfreundliche Wetter zurückführe. Wie auch immer – schön, dass sie wieder geöffnet haben. (Ich erspare mir und Ihnen hier einen Satz, in dem „ein Schritt in Richtung Normalität“ vorkommt.)

Der normale Wahnsinn auch im Werk: „Ich schicke euch dazu noch Slides und Co.“, sagt der Projektleiter.

Dienstag: „Heute Abend hätte ich gerne überbackene Camembertspitzen mit Preißelbeeren“, sagte der Geliebte am Morgen. Anscheinend hatte er wieder was Komisches geträumt. Oder wir sollten ihn nicht immer so verwöhnen.

Dass die Österreicher einen sehr speziellen Humor haben, wissen wir spätestens seit der Krimiserie „Kottan ermittelt“. Ein weiterer Beleg geht aus Pressemeldungen (nicht im Postillon) hervor, demnach dürfen in Österreich Blasmusiker wieder spielen – mit Mundschutz. Vielleicht sind unter derselben Voraussetzung bald auch Pornoproduktionen wieder erlaubt.

„Bleib stark – kauf vor Ort“, las ich abends in den Schaufenstern mehrer Geschäfte in der Innenstadt. Während ich überlegte, was das eine mit dem anderen zu tun hat, ob es sich nicht vielmehr gegenseitig ausschließt, erfordert es doch für viele Menschen eine gewisse Stärke, gerade nichts zu kaufen, sah ich vor der Filiale einer großen Textilkette junge Menschen in einer langen Schlange stehen. Da verstand ich.

Irritierende Bildunterschrift in der Zeitung: „Die Villa am Kurpark in Bad Godesberg blickt auf fast 50 Jahre erfolgreiches Lernen zurück.“ Was mag sie in der Zeit gelernt haben?

Mittwoch: Immer wieder möchte ich aus der Haut fahren, wenn in einer Besprechung für Zuspätkommer alles bisher Gesagte nochmal wiederholt wird.

Aus der Haut fahren wollte auch eine Kollegin, nur drückte sie es etwas anders aus: „Da kriege ich Schnappgeräusche!“, sagte sie. Eine Kostprobe ersparte sie uns freundlicherweise, auch wenn das bestimmt einen gewissen Unterhaltungswert gehabt hätte.

Wer glaubt, das Attribut „atmungsaktiv“ sei bestimmten Kleidungsstücken vorbehalten, irrt. Laut Mitteilung des Chorverbandes sind Proben in „atmungsaktiven Fächern“, insbesondere Gesang und – im Gegensatz zu Österreich – Blasinstrumente, bis auf weiteres nicht erlaubt. Somit sind meine freien Abende mittwochs und donnerstags erstmal gesichert, was zu beklagen mir fernliegt.

Donnerstag: Seit einigen Wochen bietet die Kantine nur Essen zum Mitnehmen in eingeschränkter Auswahl an, ich berichtete. Hatte man sonst die Wahl zwischen sechs oder sieben Gerichten plus Pizza, großer Salatbar und Dessertbuffet, gibt es nun neben Pizza und fertig portioniertem Salat genau ein täglich wechselndes Tagesgericht, das ich konsequent nehme. So esse ich ab und zu Sachen, die ich früher wohl eher nicht gewählt hätte, und stelle fest: Vor allem die vegetarischen Gerichte schneiden geschmacklich sehr gut ab. Nur die Dessertauswahl vermisse ich etwas.

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Vor der Kantine begegnete mir einer, der in Anzug und mit Krawatte völlig aus der Zeit gefallen schien.

Freitag: Die gute Nachricht des Tages verkündet, ab kommender Woche kann man wieder in der Kantine essen, wenn auch mit eingeschränktem Angebot und unter den bekannten Abstandsregelungen.

Zufällig entdeckt: Die Mutter aller Imagefilme.

Samstag: Seit einiger Zeit fühle ich mich beim Duschen irgendwie beobachtet.

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Abends aßen wir erstmals seit Wochen wieder in einem Restaurant in der Innenstadt, was hatte ich mich darauf gefreut! In der Annahme, andere freuten sich ebenso, hatte ich tagsüber extra für uns reserviert und erwartete abends ein im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten volles Haus. Jedoch war erstaunlich wenig los, was mich etwas irritierte. Trauen sich die Leute noch nicht?

Sonntag: Das erste Weizenbier unter freiem Himmel, auf das ich mich nicht minder gefreut hatte, nahm ich heute im Rahmen des Sonntagsspaziergangs auf dem Münsterplatz zu mir.

Zuvor muss man zur „Kontaktpersonennachverfolgung“, ein wunderbares Wort, einen Zettel ausfüllen mit Name und Telefonnummer. Die Richtigkeit der Angaben wird nicht geprüft, man könnte also irgendwas schreiben, mache ich natürlich nicht. Schräg hinter mir saßen zwei an einem Tisch. Als ein dritter dazukam, fragte die Bedienung: „Wohnen Sie zusammen?“ Vor kurzem hätte das zur Gegenfrage „Was geht Sie das denn an?“ geführt, heute ist es selbstverständlich.

Mit einer neuen Selbstverständlichkeit gab ich dem Bettler, der an meinen Tisch trat, einen Euro, weil ich annehme, die haben es jetzt besonders schwer. Vielleicht ist das Unsinn, leicht hatten die es vorher auch nicht.

Skurril: Ein Mann lief in Socken über den Platz, seine Schuhe trug er materialschonend an den Schnürsenkeln baumelnd in der Hand. Vielleicht ein Leisetreter.

 

Woche 19: Schädliche Zurückhaltung und zweifelhafte Charaktere

Montag: Die Vorsitzende des Verbandes der Deutschen Automobilindustrie heißt Hildegard Müller, womit widerlegt ist, man benötige einen ungewöhnlichen Namen, um es im Leben zu was zu bringen. Laut Zeitungsbericht findet Frau Müller, wir müssten mehr Autos kaufen, dazu fordert sie staatliche Kaufprämien für Kraftfahrzeuge. Andernfalls drohe „eine für die Industrie schädliche Zurückhaltung der Konsumenten“. Schöner kann man die Perversion unserer Konsumkultur kaum auf den Punkt bringen.

Die Bestellbestätigungsmail der Kantine endet mit „Bleiben Sie gesund“. Einen Zusammenhang mit der Qualität der Speisen unterstelle ich nicht, kann ihn aber nicht völlig ausschließen.

Lockerungen auch im Bundesviertel: Der Altkanzler kann wieder unmaskiert das Brausen der Bundesstraße betrachten, vgl. Eintrag vom vergangenen Montag.

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Dienstag: Schädliche Zurückhaltung der Konsumenten muss die Rüstungsindustrie nicht beklagen, irgendwo ist schließlich immer Krieg – die deutschen Kriegswaffenexporte sind um vierzig Prozent gestiegen, vermutlich ohne staatliche Kaufprämien. Da staunen die armen Autohersteller. Vielleicht sollten sie Panzer und Kampfflugzeuge ins Programm aufnehmen, am besten mit umweltschonenden Elektroantrieben.

Vorschlag für das Unwort des Jahres: „Nukleare Teilhabe“.

Abends war ich beim Friseur, der mich abwechselnd siezte und duzte, was mich nicht störte, das Ergebnis ist trotz Maskenpflicht zufriedenstellend ausgefallen. Neben mir wurden einem kleinen Jungen die Haare geschnitten. Ich nehme an, er saß nur deshalb still, weil Mami währenddessen vor seinen Augen einen Film vom Telefon abspielte.

Mittwoch: Seit geraumer Zeit fahre ich mit dem Fahrrad ins Werk, dabei führt mich der Weg morgens am Hofgarten vorbei durch die Stockenstraße zur Adenauerallee/B9, die Einmündung ist ampelbewehrt. Bislang wechselte die Ampel jeden Morgen genau in dem Moment auf grün und ermöglichte so ein haltloses Einbiegen in die B9, wenn ich mich ihr auf wenige Meter genähert hatte; kurz nachdem ich die in den Asphalt eingelassene Kontaktschleife passierte, wechselte das Licht mit großer Verlässlichkeit zu meinen Gunsten. Wechselte, Präteritum, Vergangenheit: Seit zwei Tagen bleibt die Ampel rot und zwingt mich zum Halten (im Gegensatz zu den meisten anderen Radfahrern, die derartiges Leuchten ignorieren beziehungsweise als nicht ernst zu nehmenden Vorschlag auffassen, halte ich wirklich vor roten Ampeln, auch wenn mir dadurch verständnislose Blicke und manchmal Verwünschungen sicher sind). Ich beklage das nicht, nehme Momente des Wartens dankbar an, man wird ja nicht jünger. Außerdem wird sie ihre Gründe haben.

„Gerade jetzt ist Mundhygiene besonders wichtig“, sagt der Mann in der Reklame. Warum gerade jetzt und sonst nicht so, sagt er nicht.

Donnerstag: „Florian Schneider ist tot“, lässt mich der Geliebte am frühen Morgen kurz nach dem Zähneputzen (Mundhygiene ist wichtig) wissen. In vorübergehender Unkenntnis darüber, wer das ist beziehungsweise war, zumal die Glut meiner Verehrung für die Gruppe Kraftwerk allenfalls ein fernes, schwaches Glimmen ist, und der unzutreffenden Annahme, es handelte sich hierbei aufgrund des Namens um einen jüngeren Mann, gab ich zur Antwort: „Ja ja, die Guten gehen immer zuerst.“ – „Na dann haben wir an dir ja noch länger was“, so der Geliebte. Das kommt alles auf die Lorbas-Liste, die ich irgendwann anlegen werden.

Freitag: Hochzeitstag – seit nunmehr achtzehn Jahren bin ich glücklich verheiratet. Von Herzen danke ich dem Liebsten, dass er es immer noch mit mir aushält und mich nicht längst vom Hof gejagt hat; rückblickend, ohne ins Detail zu gehen, hätte er vielleicht den einen oder anderen Grund dazu gehabt. (Bitte denken Sie sich hier eine geigenschwangere Kussszene.) Der achtzehnte Hochzeitstag heißt übrigens Türkishochzeit. „Der Halbedelstein gilt als Schutzstein und soll Verführungen von der Ehe fernhalten“, lese ich dazu. Möge er dabei weiterhin erfolgreich sein.

In der Mittagspause sah ich einen, der in sommerlicher Freizeitkleidung einen Kinderwagen schob und in sein Kabeldings sagte: „Die Agenda habe ich noch nicht erhalten, aber die IT macht langsam Druck.“ Das nennt man wohl Parkoffice.

Fünfundsiebzig Jahre Kriegsende (oder Kapitulation, Befreiung; zweifelhafte Charaktere sprechen auch von Niederlage). Immer das gleiche Bild bei den zu solchen Anlässen üblichen Kranzniederlegungen: Politiker schreiten zu dem bereits niedergelegten Kranz, bücken sich und zupfen an den Schleifen herum, jedesmal, immer. Ist das eine Art Übersprungshandlung, oder legen die Helfer die Kränze zuvor bewusst unordentlich aus, damit die Politiker während des Gedenkens Beschäftigung vorweisen können?

Samstag: Eine echte und sinnvolle Innovation, nicht nur in viruslastigen Zeiten, wären Mundschutzmasken in schalldichter Ausführung, vor allem in Verbindung mit einer gesetzlichen Tragepflicht für bestimmte Personen. Um juristische Imponderabilien zu vermeiden verzichte ich darauf, Namen zu nennen, obschon mir spontan einige einfielen.

Sonntag: Da mich der Geliebte einer gewissen Geschwätzigkeit hier im Blog bezichtigt, verzichte ich für heute auf weitere Ausführungen.

 

Woche 18: Detonierende Detraktoren und Humus auf die Faust

Montag: Nach langem, verstörendem Traum mit mehreren Fortsetzungen und ständig sich wandelnden Fakten, dessen Inhalt ich nicht wiedergegeben könnte (so weit ich mich erinnere ging es um viel Geld und die Suche nach einem Schuldigen), bin ich fast froh, dass die Nacht vorüber ist und eine neue Woche grüßt. Aber eben nur fast, geht es doch im Werk oft auch um viel Geld und Fingerpointing, auch wenn letzteres gerne und regelmäßig bestritten wird.

„Normalerweise sind wir Experten darin, unsere Kunden auf allen Ebenen zu verwöhnen“, schreibt der Friseursalon meines Vertrauens. Bislang nahm ich seine Dienste vornehmlich zum Haarschnitt in Anspruch, bin allerdings gerne bereit für neue Erfahrungen auf anderen Ebenen.

In einem Zeitungsbericht über Brandanschläge auf Funkmasten lese ich „Täter mit mobilfunkkritischem Hintergrund“, welch wunderbares Wort. Ich frage mich, was an den Dingern brennen kann und wie man die bei entsprechender Entzündungsabsicht in Brand setzt, also wirklich nur interessehalber, nicht dass sie denken, ich würde aufgrund meines nicht zu leugnenden mobilfunkkritischen Hintergrundes derartiges erwägen oder auch nur gutheißen.

Auf der Rückfahrt vom Werk sah ich den maskierten Altbundeskanzler, fuhr zunächst mit dem Fahrrad daran vorbei, kehrte um und machte ein Foto, das ich Ihnen hiermit zur Kenntnis gebe.

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Augenscheinlich vermuten übrigens viele den Hauptzweck solcher Masken darin, das Kinn zu schützen.

Seit nun genau einem Jahr rauche ich nicht mehr, das sollte auch mal Erwähnung finden. Ansonsten ist dazu bereits alles geschrieben, daran hat sich im Wesentlichen nichts geändert.

Dienstag: „Dieser 30. April kommt zu früh“, wird Regierungssprecher Seibert in der Zeitung zitiert. Wann käme ihm der 30. April denn gelegener, vielleicht Mitte Juli?

Mittwoch: Es ist wohl ein Merkmal beneidenswerter Gemütsruhe, wenn jemand dreiundzwanzig Minuten nach dem geplanten Ende einer für eine halbe Stunde angesetzten Besprechung sagt: „Wir haben schon ein wenig überzogen.“

Donnerstag: So langsam wird es Zeit, dass die Friseure wieder öffnen, zunehmend verweigern sich die Haare jeglicher Infrisurnahme.

Im Fernsehen äußert sich die Sprecherin der FDP für Verteidigungs- und Kommunalpolitik mit dem wundervollen Doppel-Doppelnamen Marie-Agnes Strack-Zimmermann zu irgendwas, das mir schon wieder entfallen ist. Ebenfalls entfallen ist mir, wo ich kürzlich den nicht minder interessanten Namen Kai Kreisköther las, soweit ich mich erinnere, ist er Sprecher oder Vorsitzender oder beides irgendeines Verbandes, natürlich könnte ich das jetzt recherchieren. Womöglich war der Weg seiner Kindheit aufgrund des Namens von zahlreichen Despektierlichkeiten gesäumt, andererseits ist es wohl der Sprecher- oder Vorsitzenderwerdung nicht abträglich, wenn man in der Jugend das Stahlbad der Schulhof-Schmähungen durchschwommen und zudem einen ungewöhnlichen Namen im Ausweis und an der Bürotür stehen hat.

Es gibt übrigens Wörter, die ich nicht schreiben kann, ohne mich mindestens einmal zu vertippen: Wochenende, Packstation. Und mindestens eins, das ich nicht sagen kann, ohne mich zu versprechen: unmittelbar.

Außerdem habe ich in einer Präsentation ein mir neues Wort gelesen: Detraktor. Im aktuellen Duden steht es nicht, dafür weiß ich nun, dass detonieren nicht nur die Bedeutung von „explodieren“ haben kann, sondern auch „unrein singen/spielen“. Wenn ich also detoniere, kann das also heißen, ich tobe ob der Frechheiten des Geliebten, oder ich übe Trompete. Und was heißt nun Detraktor? Vielleicht ein in Deutschland hergestelltes landwirtschaftliches Nutzfahrzeug? Man kann es nur erahnen, denn eine Definition habe ich bei meiner zugegeben nicht übertriebenen Recherche auch im Netz nicht gefunden. Das englische Wort „detractor“ bezeichnet eine Person, die kritisiert, lästert, schlechtredet, verleumdet. Ein Detraktor kann demnach sowohl detonieren als auch jemanden des Detonierens bezichtigen.

Freitag: Die während des Spaziergangs gesehenen Maibäume für Sven, Lukas, Leslie, Max, Mats, Mattis, Yara, Fredi und Felix fallen in diesem Jahr auffallend klein aus, da sie behördlicher Weisung folgend nur mit maximal zwei Personen aufgestellt werden durften. Noch vor wenigen Monaten hätte sich wohl niemand vorstellen können, dass so etwas mal der behördlichen Regelung bedarf.

Weiterhin kam ich an einem Café vorbei, das laut Tafel Humus zum Mitnehmen anbietet, oder „auf die Faust“, wie man früher sagte, heute heißt das nur noch „to go“. Humus also. Warum auch nicht, es ist Pflanzzeit.

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Einen gewissen Hang zur Albernheit lässt #Wolfi in der Inneren Nordstadt erkennen:

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Samstag: Trotz mobilfunkkritischem Hintergrund lässt es sich nicht ganz vermeiden, Mitglied mehrerer WhatsApp-Gruppen zu sein. Noch weniger lässt es sich dann vermeiden, ungefragt „lustige“ Filmchen und Sprüche zugesandt zu bekommen, letztere zumeist in Form einer zweifelhaften Grafik. Ich weiß nicht woran es liegt – mich deprimieren derartige Zusendungen zumeist mehr, als dass sie mich erheitern. Beliebt ist zurzeit ein Gedicht, das Heinz Erhardt zugeschrieben wird, es beginnt mit „Weil wir doch am Leben kleben / muss man abends einen heben / So ein Virus ist geschockt / wenn man ihn mit Whiskey block …“, so witzig geht es weiter, ich erspare Ihnen den Rest, vielleicht haben sie es auch schon erhalten. Nun bin ich seit Jugendjahren ein großer Verehrer von Heinz Erhardt, kann einige seiner Gedichte auswendig deklamieren und habe sehr viele gelesen. Vielleicht irre ich mich, aber ich bin mir ziemlich sicher, diese Virusverse stammen nicht aus seiner Feder, sie passen einfach nicht zu ihm. In den Weiten des Netzes habe ich auch keinen überzeugenden Beleg gefunden. Sollte ich mich irren, wäre ich für einen Hinweis dankbar.

Sonntag: Queen hat mit Adam Lambert eine neue Version von „We Are The Champions“ herausgebracht, schauen und hören Sie hier. Indes: Warum verzichteten die Herren May und Taylor beim Einspielen auf das Tragen einer Hose, und hat Roger Taylor wirklich derart hässlich tätowierte Beine, oder trägt er nur eine unvorteilhafte Strumpfhose?

 

Woche 17: Nicht ästhetisch unbedenklich, aber meistens sehenswert

Montag: Seit heute dürfen viele Geschäfte wieder öffnen und locken die Menschen in die Stadt. Ob das richtig oder falsch ist – man wird sehen. Vor dem Starbucks am Münsterplatz standen sie Schlange, immerhin im gebotenen Abstand. Obwohl ich mich aufgrund einer nicht zu erklärenden tiefen Abneigung nicht zur Zielgruppe der Kaffeekette gehörig fühle, hatte es doch etwas Tröstliches – solange Menschen bereit sind, für einen überteuerten Kaffee im Pappbecher Schlange zu stehen, kann die Not nicht allzu groß sein.

Auch mich zog es in die Fußgängerzone, gleich zweimal, weil ich beim ersten Mal das Portemonnaie vergessen hatte, man wird nicht jünger. Nicht jünger, sondern älter wurde auch der Liebste, der heute runden Geburtstag feiert. Na ja, vielleicht nicht feiert, aber hat. Ob sein Geschenk, ein bereits im Januar gebuchter dreitägiger Aufenthalt an der Mosel mit Weinverkostung Ende Mai eingelöst werden kann, ist fraglich, auch hier wird man sehen.

Warum heißt das eigentlich „runder Geburtstag“, wenn das doch immer eine gerade Zahl ist?

Dienstag: Aus dem aktuellen SPIEGEL:

„Wie will eine Kanz­le­rin, wie wol­len Prä­si­den­ten und Pre­mier­mi­nis­te­rin­nen, die gan­ze Völ­ker un­ter Haus­ar­rest stel­len kön­nen, den Bür­ge­rin­nen und Bür­gern künf­tig er­klä­ren, dass sie ein schnel­les Ver­bot von Plas­tik­tü­ten lei­der, lei­der nicht hin­be­kom­men?“

Mittwoch: „Weil Ihr Home jetzt mehr Office braucht“, wirbt ein Telekommunikationsanbieter. Ganz bestimmt nicht!

Die gute Nachricht des Tages: Die Kantine hat wieder geöffnet, natürlich nur zum Verzehr außer Haus. Immerhin besser als täglich Bütter- und Äpfelchen.

Auf dem Rückweg vom Werk kam mir ein Omnibus entgegen, dessen Zielanzeige „Cool unterwegs“ lautete. Vielleicht ein Fahrzeug mit Kimaanlage.

Donnerstag: Dank endlich wieder geöffneter Kantine eine warme Mahlzeit zum Mittag (Allgäuer Käsespätzle mit Röstzwiebeln), wenn auch nur zum Mitnehmen in einer unter Umweltaspekten fragwürdigen Aluschale (was immerhin den Arbeitsplatz des Liebsten stützt), aber ich habe sie unter freiem Himmel sehr genossen.

Zum ersten Mal trug ich eine Schutzmaske, wie sie nun im Werk außerhalb der Büros vorgeschrieben ist (was sich augenscheinlich noch nicht bei allen Kollegen herumgesprochen hat, denn in der Kantine sah ich mehrere Unmaskierte), nicht irgendeine, sondern eine vom Geliebten blau gefärbte, durchaus elegant, sofern dieses Attribut hier angebracht ist. Dennoch sehr gewöhnungsbedürftig, weil sofort die Brille beschlägt. Muss das so, oder bin ich nur zu blöd, die Maske richtig zu tragen?

„Ich freue mich sehr auf die neue Herausforderung“, lese ich in einer internen Mitteilung. Warum lösen solche Sätze bei mir sofortige Übelkeit aus?

Ein Kollege ließ uns während einer Skype-Konferenz wissen, er sitze in Unterhose vor dem Rechner. Immer wieder liest man von Videokonferenzen, in denen Kollegen freiwillig Einblicke in ihr privates Umfeld gewähren, was nicht in allen Fällen ästhetisch unbedenklich, aber meistens sehenswert sei. Ich bin dankbar, einem Arbeitgeber zu dienen, bei dem Videokonferenzen (noch?) nicht üblich sind, bislang besprechen wir uns ausschließlich ohne bewegte Bilder. Ich muss die meisten Fratzen auch nicht unbedingt sehen, andere Körperregionen schon gar nicht, von höchst seltenen Ausnahmen abgesehen.

Freitag: Hat Trump wirklich vorgeschlagen, den Infizierten Desinfektionsmittel zu spritzen, um der Virus zu töten, oder habe ich mich nur verhört? Vielleicht sollte man ihm stattdessen Entkalker verabreichen, das nützt ebenfalls nichts, schadet andererseits auch nicht.

Als ich mein Mittagessen (Fischstäbchen mit Kartoffeln und Remoulade) aus der Kantine abholte, klappte das mit der Maske schon besser, ohne beschlagene Brille, wobei ich nicht sagen könnte, was ich heute anders gemacht habe als gestern.

Samstag: Manchmal fällt es einem wie Schuppen aus den Haaren, wie Schmalz aus den Ohren, Tomaten von den Augen, ein Brett vom Kopf oder was auch immer irgendwo heraus- oder herabfallen kann, ich will da jetzt auch nicht zu sehr ins Detail gehen. 2008, das war das Jahr, als ich mit dem Bau meiner Modelleisenbahn begann und nebenbei viel Radio hörte, damals ertrug ich noch den Sender 1Live, erschien das Liedchen „Allein allein“ von Polarkreis 18. Damals wie heute kann ich nicht behaupten, es besonders zu mögen, auch wenn die Jungs recht dekorativ schienen; jedenfalls es gab eine Stelle jeweils in der Strophe, an der ich dachte: Das kenne ich, das haben die geklaut oder jedenfalls geliehen, hören Sie selbst, z.B. ab Minute 0:45:

Und, kommen Sie drauf? Ich nicht, seit nunmehr zwölf Jahren quälte es mich, wann immer ich es hörte. Bis es mir heute endlich einfiel, als mein Hirnradio während kurzen Spazierens dieses spielte:

Da ist es, ab 0:38. Erkennen Sie die Melodie?

Nicht nur die Länge männlicher Geschlechtsteile wird einschlägigen Witzen zufolge häufig von deren Trägern überschätzt. Betrachtet man die Menschen draußen, entsteht der Eindruck, auch ein Meter fünfzig sei viel weniger als bislang angenommen.

Sonntag: Wie ich der Sonntagszeitung entnehme, ist das Wort „Homeoffice“ keineswegs ein englischer Begriff, der das Arbeiten zu Hause bezeichnet. Vielmehr ist es Pseudoenglisch, wie „Handy“, also ein weiterer Beleg für unser Unvermögen oder fehlenden Willen, einen angemessenen deutschen Begriff für etwas zu Bezeichnendes uns auszudenken, als Weltgewandtheit verkleidete Faulheit. „Home Office“ gibt es im Englischen schon, es bedeutet Innenministerium. Wohl nur wenige denken morgens, wenn sie am Küchentisch den Rechner einschalten, an Horst Seehofer. Jedenfalls ist es niemandem zu wünschen. Auch kann es zu witzigen Irritationen führen, wenn man einem Engländer erklärt, man arbeite nun daheim.

Während des Sonntagsspaziergangs sah ich in Poppelsdorf dieses vergessene Plakat:

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Vielleicht lassen sie es auch bewusst hängen, als Erinnerung an eine vergangene Epoche.

Apropos vergangene Epoche: Noch was auf die Ohren gefällig? Die Rolling Stones haben was Neues, das spielen sie sogar auf Radio Nostalgie, wo sonst nur olle Kamellen zu hören sind. Gut, die Jüngsten sind die Herren ja auch nicht mehr.

Woche 16: Grün und Blüh

Montag: Immer noch Ostern. Erst gegen elf verließen wir das Schlafgemach, was nicht weiter schlimm war, da keine besonderen Aktivitäten anstanden und das Wetter gegenüber den letzten Tagen deutlich eingetrübt und abgekühlt war. Nach spätem Frühstück machte ich einen langen Spaziergang bis zur Siegmündung; den dortigen Auenwald mit hohen Pappeln und baumpilzbewachsenem Totholz empfinde ich nach wie vor als einen magischen Ort, vermutlich erwähnte ich das schon mal.

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Da das Wetter zwischenzeitlich wieder aufgeheitert war, zog es auch zahlreiche andere Menschen und ihre Hunde ins Grüne. Des Hundemögens weitgehend unverdächtig wurde ich von einem (natürlich unangeleinten) Exemplar angekläfft, das von seiner Besitzerin nur halbherzig zur Ordnung gerufen wurde, was meiner ohnehin geringen Sympathie für Hunde und Halter wenig förderlich war.

Gehört: „An welchem Fluss liegt nochmal Flensburg?“ – „An der Flönz.“ Worüber wohl nur Rheinländer lachen können.

Dienstag: Da heute kein Draußenwetter war, verbrachte ich längere Zeit auf meinem Lieblingsplatz im Glaserker über der Straße, wo man auch ohne zu frieren in der Sonne sitzen kann, wenn sie sich zeigt.

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Vielleicht können Sie sich mich in dem Stuhl sitzend denken, sehen können Sie mich dort nicht, da ich ja gerade das Foto mache. Nur die Quantenphysik kennt Teilchen, die sich gleichzeitig an verschiedenen Orten befinden, soweit ich das verstanden habe, in diesem Fall auf dem Stuhl und hinter der Kamera, sicher ist das jetzt stark vereinfacht dargestellt. Selbstverständlich hätte ich den Liebsten bitten können, mich in dem Stuhl zu fotografieren, doch wollte ich ihn nicht nur zum Zweck schnöder Selbstbespiegelung von seinem Lieblingsplatz, dem Sofa nebenan, treiben.

Ich las dort übrigens (nicht zum ersten Mal) das auf dem kleinen Tischchen liegende Buch „QQ“ von Max Goldt fertig, das mit einem wunderbaren Satz endet: „Immer schön ist es hingegen, wenn jemand endlich schweigt.“ In diesem Sinne schließe ich für heute.

Mittwoch: Zur Unzeit aufgestanden, jedenfalls für Urlaubsverhältnisse, weil ich um acht einen Zahnarzttermin hatte, nichts Schlimmes, die übliche regelmäßige Untersuchung des Esszimmers mit Reinigung. Den hatte ich schon vor Monaten vereinbart, als weder der Urlaub noch die Krise geplant waren. Es wäre ein Leichtes gewesen, den Termin zu verschieben, aber warum. Er brachte ein wenig Normalität in diese Zeiten, eine Redewendung, die mittlerweile unter vergleichbarer Abgedroschenheit leidet wie der allgegenwärtige Imperativ „Bleiben Sie gesund“.

Laut Zeitungsbericht sollen in den Formularen zur Steuererklärung künftig die Bezeichnungen „Ehemann“ und „Ehefrau“ durch „Person A“ und „Person B“ ersetzt werden, um auch gleichgeschlechtliche Paare genderkorrekt erfassen zu können. Dazu zürnt der FDP-Politiker Markus Herbrand: „Trotz des langen und in vielen Punkten erfolgreichen Weges zur Gleichberechtigung bestehen nach wie vor noch Ungerechtigkeiten bei der steuerlichen Gleichbehandlung. Es ist mir schleierhaft, warum die Bundesregierung so lange braucht, um längst überfällige Anpassungen diskriminierungsfreier Steuerformulare vorzunehmen“. Lieber Herr Herbrand, nun beruhigen Sie sich mal und lassen Sie das Finanzamt im Dorf, die Bundesregierung hat sich gerade um ein paar wichtigere Dinge zu kümmern. Mir ist das im Übrigen vollkommen wurscht, wie mich die Finanzverwaltung in ihren Formularen anredet, immer noch besser als von Ikea und anderen unerlaubt geduzt zu werden. Hauptsache ist doch, die Kohle kommt irgendwann.

Donnerstag: Morgens noch im Bett als erstes einen Friseurtermin für den 5. Mai reserviert. Ich bin gespannt, ob es diesmal klappt. Und wie ich bis dahin frisurtechnisch aussehe.

Nach dem Frühstück machten der Liebste und ich eine Autotour ins Ahrtal zum Weinerwerb. Dort war es schön wie immer: frühlingsgrüne Bäume, noch kahle Weinreben. Und doch mit all den geschlossenen Ausflugslokalen und Gaststätten ganz anders als sonst.

Auf dem Hinweg wurde im Radio darüber debattiert, ob nun Markus Söder oder Armin Laschet in der aktuellen Diskussion die bessere Figur abgebe, als ob das von Relevanz wäre, zumal im Moment niemand weiß, ob mehr oder weniger Lockerung der richtige Weg ist. Ja, auch ich hätte mir gewünscht, dass die Restaurants wieder öffnen dürfen, vielleicht mit Auflagen und Einschränkungen, aber wer bin ich, das zu beurteilen.

Apropos Essen: „Ein Tag ohne Kartoffelsalat ist kulinarisch betrachtet ein verlorener Tag“, lässt uns die Radiowerbung wissen. Ich mag durchaus gerne Kartoffelsalat, gerne an Heiß- oder Weißwurst, Backfisch, Frikadelle, gegrilltem Schweinesteak oder Wiener Schnitzel. Aber doch bitte nicht jeden Tag.

Spontaner Beschluss: Morgen werde ich wandern, alleine, den Rheinsteig von Bonn bis Königswinter, wenn mich nicht vorher die Kraft oder Lust oder beides verlässt. Ich werde berichten.

Freitag: Wie gestern beschlossen, wanderte ich heute die erste Etappe des Rheinsteigs. Jetzt tun mir die Füße weh und ich habe Muskelkater, aber das ist es allemal wert, es war wunderbar und weckte Appetit auf Fortsetzung. Statt der veranschlagten sieben Stunden benötigte ich nur sechs ein Viertel, nicht weil ich so ein toller Schnellwanderer bin, sondern weil die Schleife über den Geisberg wegen Forstarbeiten gesperrt war und ich deshalb eine (kürzere) Umleitung gehen musste. Ein detaillierter Bericht folgt, wenn ich dazu komme. Dann gibts auch Bilder, für diese Woche haben Sie hier genug Grün und Blüh gesehen.

Samstag: Die Zeitung berichtet eine halbe Seite lang über große Empörung im Bonner Stadtteil Hardtberg, wo die Stadt neue Ortsein- bzw. -ausgangsschilder aufgestellt hat. „Abenteuerlich“, „fassungslos“, „total wütend“, „So ein Unsinn“, so die Bürger; „Falsch und gar nicht witzig“, so die Zeitung. Worum es genau geht, will ich hier gar nicht erläutern, es ist völlig belanglos. Was mich immer wieder erstaunt: Worüber sich Menschen (nicht nur in diesen Zeiten) aufregen, und, noch mehr, dass die Zeitung darüber so breit berichtet und sogar kommentiert. Vielleicht als Kontrastprogramm zur täglichen Krisenberichterstattung?

Ich habe übrigens angefangen, „Der Schwarm“ von Frank Schätzling noch einmal zu lesen. So weit ich mich erinnere, geht es auf knapp tausend Seiten darum, wie die Natur sich auf geheinnisvolle, unheimliche Weise gegen den Menschen zur Wehr setzt, nachdem er jahrzehntelang ihre Zerstörung betrieben hat. Diese Lektüre erscheint mit in diesen Zeiten recht passend.

Sonntag: Der Sonntagsspaziergang fiel heute sehr kurz aus. Ich wollte ihn mit einem Gang zur Sankt-Marien-Kirche in der Inneren Nordstadt verbinden, wo bislang ein Häuschen aufgestellt war, in das man Kleidung, Hausrat und anderes bringen konnte, was zu schade zum Wegwerfen ist und was andere vielleicht noch gebrauchen können. Dorthin wollte ich eine gut erhaltene Deckenleuchte und ein paar Aufbewahrungsbehältnisse bringen, die durch Restrukturierungsmaßnahmen in unserer Küchenzeile überflüssig geworden sind. Es blieb beim Wollen, denn das Häuschen ist leider weg, vielleicht auch wegen der Seuche, ich weiß es nicht. Da ich mit dem Zeug nicht stundenlang durch die Gegend laufen wollte und kein Mensch bin, der anderen ungefragt Hausrat in den Hauseingang stellt (wie vom Geliebten später vorgeschlagen), bin ich wieder direkt nach Hause gegangen. Auch nicht schlimm, so hatte ich mehr Zeit, mich mit meinem neuen MacBook Air anzufreunden. Ich glaube, das wird eine innige Freundschaft.

Woche 15: In Zeiten des Konjunktivs

Montag: Es gibt Menschen mit bemerkenswerten Namen. Am vergangenen Wochenende sah ich in der Zeitung ein Interview mit einer Dame namens Ebba Herfs-Röttgen. Ich gebe zu, das Interview nicht gelesen zu haben, auch sonst kenne ich die Befragte nicht und erlaube mir daher nicht das geringste Urteil über ihre Kompetenzen und Kenntnisse. Vermutlich ist sie auf ihrem Fachgebiet brillant und gegenüber hingehaltenen Mikrofonen zu eloquenten Ausführungen in der Lage. Gleichwohl unterstelle ich, allein aufgrund des Namens haben ihre Worte mehr Gewicht als die etwa einer Mechthild Müller, die ich ebenfalls nicht kenne, weshalb ich mich auch hier von einer Beurteilung ihrer Stärken und Schwächen fernhalte. Auch Orte mit außergewöhnlichen Namen gibt es, denken Sie an 56368 Katzenelnbogen, 63589 Linsengericht oder 5121 Fucking (Österreich). Gelegentlich liest man auch Straßennamen, die einen „Na sowas“ wenigstens denken, wenn nicht gar ausrufen lassen: Wie ich heute erfuhr, gibt es in Bochum eine Straße mit dem Namen „Fröhliche Morgensonne“. Fröhlich. In Bochum.

Auf dem Rückweg vom Werk sah ich einen ansehnlichen, sommerlich gekleideten jungen Mann mit einem großen Surfbrett unter dem Arm in Richtung Rhein gehen. Seitdem spielt mein Hirnradio ununterbrochen Beach Boys. Das ist immerhin besser als Max Giesinger, wenngleich auch der durchaus sehenswert ist.

Dienstag: Ein WDR 2-Hörer fragte ernsthaft, ob man durch viel Trinken eine Corona-Infektion vermeiden kann, was erwartungsgemäß verneint wurde. Wie kommen die Leute nur auf sowas? Andererseits schade, angesichts unseres gut gefüllten Weinkellers.

Nachdem eine Skype-Konferenz fehlgeschlagen war, schrieb der Einladende per Mail an alle Teilnehmer: „Ich komme nicht rein.“ Antwort Teilnehmer 1 an alle: „Ich auch nicht.“ Teilnehmer 2: „Ich auch nicht.“ Teilnehmer 3: „Ich auch nicht.“ [usw.] Teilnehmer 8 verschickte endlich einen neuen Link, so fanden wir doch noch zueinander. Nach wie vor bin ich der Meinung, die unüberlegte Nutzung der Allen-antworten-Funktion in Mailprogrammen sollte ernste arbeitsrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen.

Mittwoch: Mittags wurde ich im Rheinauenpark Zeuge einer erschreckenden Missachtung des derzeit geltenden Abstandsgebotes.

Nachmittags wurde mir die unzweifelhafte Ehre zuteil, als unbedeutender Werksknecht einer Skype-Konferenz mit Vorstand und Bereichsleitern beizuwohnen. Dabei hatte es vermutlich nur technische Gründe, dass des Vorstandes Stimme als einzige mit leichtem Hall hinterlegt war, welcher gleichwohl eine gewisse göttliche Anmutung eindrucksvoll unterstrich.

Donnerstag: Die Zeitung lobt einen unbekannten Trompeter, der allabendlich die Nachbarschaft mit seinem Spiel erfreut. Ich bin es nicht, vielmehr ist sicher: Hielte ich meine beulige Tröte schallungedämpft aus dem Fenster, um Etüden in die Siedlung zu blasen, fiele das Lob deutlich schmalspuriger aus.

Freitag: Über den Karfreitag ist alles Wesentliche geschrieben, gemeint und gemalt. Zudem dürfte sich in diesem Jahr die allgemeine Empörung über kirchliche Vergnügungsverbote in Grenzen halten.

Die Tagesschau kommt nun aus dem Heimstudio.

Samstag: Grundsätzlich halte ich das Wort „eigentlich“ für überflüssig, aber in diesen vom Konjunktiv beherrschten Zeiten ist vieles anders. So wären wir ab heute eigentlich für eine Woche in Südfrankreich. Sind wir aber nicht. Schade. Mir bleibt somit nur, Trost in Bildern früherer Aufenthalte suchen, was auch unter Zuhilfenahme eines guten Côte-du-Rhone nur mit Mühe gelingt.

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Anknüpfend an den Eintrag vom Montag komme ich noch einmal auf bemerkenswerte Namen zurück. Für die heute-Nachrichten wurden Leute auf der Straße befragt, wie sie mit den Kontaktbeschränkungen zu Ostern (heißt das nun „Shutdown“ oder „Lockdown“?) zurecht kämen, womöglich mussten sie sich dazu gar die überaus dämliche Frage „Was macht das mit Ihnen?“ stellen lassen, ich weiß es nicht, da jeweils nur die Antworten gesendet wurden. Eine der Befragten, eine Dame reiferen Alters, erklärte sich unfroh darüber, während der Feiertage die Kinder und Enkel nicht sehen zu können; laut Einblendung hieß sie Undine Uhrig-Steckeweh, welch toller Name! Vermutlich dauerte sein korrektes Aufschreiben in den Notizblock des Reportes wegen mehrmalig erforderlicher Rückfragen („Wie die Uhr? – Mit h? – Schauen Sie mal: so richtig geschrieben?“ und so weiter) länger als die Befragung selbst.

Sonntag: Nun also Balkon statt Provence, was nur geringen Anlass zum Jammern und Bedauern bietet, immerhin habe ich meine Lieblingsmenschen um mich („Ich schlag dich tot“, sagt der Geliebte aus hier nicht näher zu erörternden Gründen), und der Himmel über Bonn ist fast so blau wie über Malaucène.

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Hier wie dort genieße ich es, die Zeit lesend im Liegestuhl zu verbringen, zum Beispiel in einem Zeitungsartikel über Gelassenheit in Krisen folgenden, dem Philosophen Seneca zugeschriebenen Satz: „Die Balance zwischen Muße und Aktion, gepaart mit frischer Luft und mäßigem Weingenuss, wirken Wunder.“ So gesehen mache ich wohl einiges richtig, jedenfalls bei zurückhaltender Interpretation von „Aktion“ und großzügiger Auslegung des Begriffes „mäßig“.

Nun also eine Woche Urlaub zu Hause. Ich bin mir sicher, es wird nicht langweilig. Und wenn mir gar nichts mehr einfällt, recherchiere ich den Unterschied zwischen „Shutdown“ und „Lockdown“.

Frohe Ostern!