Woche 28/2026: Unangemessene Schadenfreude und geschmolzene Tomaten

Montag: In einem Mailverkehr bat jemand nur edukativ um eine Auskunft in einer hier mangels allgemeinen Interesses nicht näher auszuführenden Angelegenheit. Edukativ, ein mir bislang unbekanntes Wort, der Duden kennt es auch nicht. Wie ich anschließend im allwissenden Netz recherchierte, bedeutet es sinngemäß: informierend, erhellend. Wenigstens bat er nicht darum, man möge ihn aufschlauen. Und ich habe wieder ein neues Wort gelernt.

Auch der müde Montag bietet bisweilen Erheiterung, heute dieses, gelesen im Kieselblog:

Der Spielplatz ist hier, weil es auch drei Hochhäuser mit Wohnungen hier gibt und nach der Düsseldorfer Spielplatzverordnung muss ab soundso viel Privathaushalten ein Kinderspielplatz her. Jetzt müssen die Leute in ihren sündhaft teuren Appartements noch den Spielplatz vollvögeln. Da der Platz nur aus einem schmalen Streifen mit wenigen Spielgeräten besteht, dürfte sich der Aufwand in gewissen Grenzen halten.

Dienstag: Weiterhin ist wegen der gesperrten Nordbrücke der Verkehr zeitungfüllendes Thema in Bonn. Einige Redaktierende des General-Anzeigers berichten über ihre täglichen Arbeitswege. Einer schreibt: „Fahrtzeit 30 Minuten Minimum, manchmal 40 oder 50 Minuten für sieben Kilometer. Viel Zeit zum Nachdenken.“ Ja, vielleicht darüber, ob für diese Strecke das Auto die richtige Wahl ist. Hat er wohl auch: Wie später in dem Artikel zu lesen ist, hat er sich inzwischen ein Fahrrad gekauft.

Gewiss, nicht alle haben es so gut wie ich, der zu Fuß zur Arbeitsstätte gehen kann, so wie heute. Auf dem Radweg am Rheinufer herrschte Hochbetrieb, darunter nicht wenige, die ohne erkennbare Hirnaktivität rasten, überholten und einbogen. Meine Beobachtung als regelmäßiger Radfahrer und Fußgänger, nicht erst seit der Brückensperrung: Die schlimmsten sind die Renn- und Lastenradfahrer (m/w/d), die augenscheinlich meinen, mit dem hohen Anschaffungspreis ihres Rades hätten sie sich auch Vorrang vor allen anderen Verkehrsteilnehmern erkauft.

Nachmittags ging ich mit leichter und völlig unangemessener Schadenfreude am stehenden Autoverkehr auf der Rheinuferstraße vorbei. Wenig später hörte ich einen darüber klagen, er hätte eine halbe Stunde vom Friedensplatz gebraucht. Vermutlich mit dem Auto, zu Fuß ist die Strecke auch bei bequemen Gehen zwischen fünf und zehn Minuten zu schaffen.

Bloggen verbindet, Teil 1: Im Briefkasten lag eine Postkarte aus Oldenburg, über die ich mich freue. Soweit ich mich erinnere, war ich einmal in Oldenburg, in den Achtzigern mit der Bahn von Bielefeld über Osnabrück, ab Oldenburg weiter über Delmenhorst zurück nach Bielefeld. Dabei stand aus Hobbygründen die Bahnfahrt im Vordergrund, von Oldenburg habe ich nur den Bahnhof und allenfalls sein Umfeld gesehen, daher kann ich mir über die Stadt kein Urteil erlauben; dem Vernehmen nach soll sie ganz schön sein.

Bloggen verbindet, Teil 2: Ebenfalls gefreut habe ich mich über eine WhatsApp-Nachricht aus München, die die Möglichkeit eines Treffens in absehbarer Zeit in Aussicht stellt. Darüber würde ich mich besonders freuen.

Mittwoch: Vorteil, wenn die Leute mit ihren Datengeräten beschäftigt sind: Im Aufzug wird nicht mehr so viel dummes Zeug gequatscht.

In der Kantine gab es was mit geschmolzenen Tomaten. Ab welcher Temperatur schmelzen Tomaten?

In einer Besprechung am späteren Nachmittag schlug jemand in völlig unreligiösem Zusammenhang vor, eine Sache agnostisch* anzugehen. Während der Besprechung schaute ich dem Verkehrsgewühl unterhalb des Turmes zu: Neben den planmäßigen drei Buslinien verkehren auf der zweispurigen Straße zurzeit auch die Schienenersatzverkehre für zwei Stadtbahnlinien in Richtung Bad Godesberg und den RE 5 Köln – Koblenz. Für die Stadtbahnersatzbusse ist außerdem vor der Deutschen Welle eine Pausenhaltestelle eingerichtet, so dass während der mehrminütigen Pausen der Busse die übrige Verkehr über die Gegenfahrbahn daran vorbei fahren muss. Wenn sie mal frei ist. Die Planung dazu erfolgte offensichtlich auch agnostisch.

*Dazu der Duden: den Agnostizismus betreffend, ihn vertretend, von ihm ausgehend. – Agnostizismus: Weltanschauung, nach der die Möglichkeit einer Existenz des Göttlichen bzw. Übersinnlichen rational nicht zu klären ist, also weder bejaht noch verneint wird

Abends war ich im Sportstudio. Dort wurde ich kurz unwirsch, das kam so: Das Zirkeltraining im Parcours funktioniert, sobald mehrere Personen trainieren, nur, wenn sich alle an die recht einfache Regel halten, nach jeder einminütigen Einheit im Uhrzeigersinn an das nächste Gerät zu wechseln. Für die, die das noch nicht wissen, ist das auf mehreren Schildern beschrieben. Nun gibt es immer wieder welche, die trotzdem nach einem nicht nachvollziehbaren Zufallsprinzip das Gerät belegen, worauf sie gerade Lust haben, gerne auch für mehrere Einheiten nacheinander sitzen bleiben. So einer war heute da. Als ich mit vorwurfsvollem Blick an das von ihm belegte Gerät trat, weil es für mich das nächste in der Folge war, fragte er: „Willst du hier ran?“ Nachdem ich diese völlig überfüssige Frage bejaht hatte, sagte er „Hm …“, schaute mich nochmal kurz an, wohl in der vergeblichen Hoffnung, dass ich sage „Bleiben Sie gerne sitzen, ich mache solange am nächsten Gerät weiter“, und gab schließlich den Platz für mich frei. Zwei Geräte später dasselbe: „Willst du hier ran?“ In nicht allzu freundlichen Worten erklärte ich ihm das Prinzip Zirkeltraining, er sagte „Ist ja gut, nicht so laut …“ und zog weiter. Vielleicht sehe ich das auch zu eng.

Donnerstag: Den freien Inseltag nutze ich für eine Wanderung auf der siebten Etappe des Natursteig Sieg von Herchen nach Schladern. Wie alle anderen bisher bewanderten Etappen ist auch diese landschaftlich schön und abwechslungsreich, zum großen Teil durch Wälder. Abwechslungsreich auch die Wege, von (wenigen) asphaltierten Abschnitten bis zu schmalsten Pfaden, gesäumt von Brennnesseln, Disteln und Brombeerranken, die dem geschundenen Körper einige Schrammen und Schmerzen zufügten.

Am Siegufer bei Hoppengarten säumen riesige Herkulesstauden den Weg, immerhin in sicherem Abstand, so dass man nicht damit in Berührung kommt. Ihre Blätter sollen bei Hautkontakt eine Art Sonnenbrand auslösen, weshalb man sie üblicherweise beseitigt. Hier im Naturschutzgebiet lässt man sie ungeschoren. Ich finde sie faszinierend und mag sie, trotz ihrer Unbeliebtheit.

Auch hat es die Strecke mit Steigungen und einigen Stolperstellen in sich. Komoot klassifiziert sie mit „schwer“, was nicht unbedingt viel bedeutet, oft wird eine eher anspruchslose Strecke allein aufgrund ihrer Länge als schwer eingestuft. Doch diese ist wirklich schwer, insbesondere der schmale Weg bei Dattenfeld – das Warnschild am Anfang verspricht nicht zu viel: Rechts geht es steil hoch, links steil runter -, sowie der steile Anstieg nach der Siegbrücke in Dreisel. Erstmals kamen die Wanderstöcke zum Einsatz, die sich bestens bewährten; vermutlich hätte ich die Strecke ohne sie nicht geschafft. Als ich nach fünfdreiviertel Stunden den Bahnhof von Schladern erreichte, war ich geschafft, durchgeschwitzt und sehr zufrieden. Die anschließende Currywurst mit Bierbegleitung auf dem Bonner Marktplatz fand ich sehr verdient.

Fazit: eine empfehlenswerte Wanderung, möglichst nur mit Stöcken zu gehen und nicht unbedingt an so warmen Tagen wie heute. Wobei mir das Wetter gnädig war: Bis zum späten Mittag war es bewölkt und trocken, erst dann kam die Sonne raus.

Die öffentlichen Verkehrsmittel nach Herchen und von Schladern funktionierten bestens. (Nur für die Chronik: Seit dieser Woche fahren auch auf der 66 die neueren „Plastikbahnen“ von 2003, die bisher nur auf der 16 und 63 eingesetzt wurden.)

Herkulesstauden oder Riesenbärenklau. Jedenfalls groß.
Warnschild in Dattenfeld
Kurz nach dem Schild
Ein Männlein steht im Walde
Mit sowas kenne ich mich aus
Über die Sieg bei Dreisel
Schmaler Pfad
Zurück in Bonn – geschafft

Auch ein Wandertag entbindet nicht von der täglichen Bloglesepflicht. Heute gelesen bei Herrn Schwenzel:

des­halb ist es viel­leicht am bes­ten, dring­lich­keit mit sorg­falt zu be­geg­nen, dann ver­mehrt sich dring­lich­keit auch nicht.

Einer meiner Grundsätze im Büroalltag.

(Ich habe mir erlaubt, ein Komma zu ergänzen und ein überzähliges z zu entfernen, ich hoffe, das ist in Ordnung.)

Freitag: Bonnie Tyler ist gestorben, entnahm ich morgens der Zeitung; freundlicherweise verzichtete die Berichterstattung auf das im Zusammenhang mit der Sängerin häufig verwendete Wort „Rockröhre“. Für mich ein weiterer Och-nö-Moment. Des weiteren wird verwiesen auf ihre großen Hits „Total Eclipse Of The Heart“ und „Holding Out For A Hero“. Ich persönlich mochte das nicht so bekannte „Loving You’s A Dirty Job“ lieber, das sie 1985 zusammen mit Todd Rundgren sang.

„Falls es euer aktueller Workload zulässt…“ schrieb einer in einer Mail. Was mich daran erinnert, es wird höchste Zeit, die Liste zu aktualisieren.

Samstag: Apropos Liste – Zeit für die nächste Frage aus der Liste der tausen Fragen.

Frage 161 lautet: „Was ist dein größtes Defizit?“ Vermutlich meine äußerst lückenhaften Englischkenntnisse. Nach der Schulzeit, wo ich das Fach frühzeitig abwählte, benötigte ich es nur selten, seitdem ist es verkümmert. Es mangelt an Vokabelkenntnissen, vor allem fällt es mir schwer, jemanden englisch sprechenden zu verstehen, selbst wenn er mir bekannte Wörter verwendet. Ähnliches gilt für Französisch, wobei ich das nicht in der Schule gelernt habe, weil ich mich damals aus heute nicht nachvollziehbaren Gründen für Latein entschieden hatte, sogar als Abiturfach. Beides, Englisch- wie Französischkenntnisse könnte ich heute gut gebrauchen, ersteres zunehmend immer und überall, und sei es, um ohne nachzuschlagen zu wissen, was mit Workload und ähnlichem Verbalunrat gemeint ist, zweiteres in Frankreich, wo wir seit nunmehr zwanzig Jahren mindestens einmal jährlich Urlaub machen. „Dann lern es doch“, mögen Sie jetzt einwenden. Da schlägt das nächste Defizit zu: Mir fehlt die Begabung, Sprachen zu lernen, Erlerntes zu behalten und in der Praxis umzusetzen. Hinzu kommt eine gehörige Portion Bequemlichkeit, mich ernsthaft zu bemühen. Vielleicht ist das mein größtes Defizit.

Sonntag: In der Sonntagszeitung ein Interview mit dem Kabarettisten Jochen Busse, der sich entschieden hat, sich aus Gesundheits- und Altersgründen (er ist fünfundachtzig) zurückzuziehen und in einer Seniorenresidenz zu leben. Das ist schade, ich sah ihn gerne, mag seine näselnde Stimme, auf der ein Teil seiner Komik beruhte. Er wird fehlen.

Ein anderer Satiriker macht weiter, auch wenn er umstritten ist und gelegentlich aneckt: Dieter Nuhr. Manchmal denke auch ich: Ui, das war heftig, der traut sich was. Erst kürzlich wurde er wieder kritisiert wegen angeblicher Verharmlosung von Gewalt gegen Frauen, unter anderem im SPIEGEL. Dazu der Leserbrief von Andreas D.: »Die aus Ihrer Sicht primitiven und „traurigen“ Anhänger von Dieter Nuhr lachen über dessen sprachlich eloquente, inhaltlich überspitzte Darstellung von Lebenswirklichkeiten, nicht über die Opfer von Femiziden. Das nennt man gemeinhin Satire, auch wenn er Befindlichkeiten im links-ideologischen Glaubensbereich verletzt.« Dem habe ich nichts hinzuzufügen und schaue ihn mir weiterhin gerne an.

Daraus würde er vielleicht auch was machen: Nachmittags beim Spaziergang entstand ein etwas seltsamer Dialog zwischen mir und dem offenbar migrationhintergründigen Wirt der Gaststätte in der Südstadt, wo ich mir ein Bier gönnte. Als ich beim Bezahlen nach Kartenzahlung fragte, sagte er, nein, das gehe nicht, da müsse er ja Gebühren zahlen. Auf meinen Einwand, stattdessen müsse er sich dann eben mit Bargeld plagen, kam er irgendwie auf die schlechte Luftqualität in Deutschland, soweit ich mich erinnere über eine Aussage ähnlich „Irgendwas ist immer“. Er überlege sogar, zurück nach Afghanistan zu gehen. Meine Antwort „Da ist es bestimmt besser“ erwiderte er mit „Jedenfalls die Luft.“ Das ließ ich so im Raume stehen, mein Spaziergangsbier werde ich wohl künftig woanders trinken.

Poppelsdorfer Allee

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Es wird wieder warm, daher vergessen Sie nicht, viel zu trinken.

18:00

Woche 27/2026: Kollektives Aufatmen und irgendwas mit Fußball

Montag: Über Nacht ist es etwas – nun ja, kühler wäre das falsche Wort, mit unter dreißig Grad immerhin etwas weniger warm geworden; überall, in Gesprächen, Nachrichten, den Blogs ist kollektives Aufatmen zu vernehmen. Bis zur nächsten Hitzewelle, die ganz sicher kommen wird. (Vorstehendes schrieb ich nur aus chronistischen Gründen, falls ich oder irgendwer anderes das irgendwann nachlesen sollte. Zum Zeitpunkt, wenn Sie es lesen werden, also in einer Woche, werden Sie es schon mehrfach woanders gelesen oder gehört, vor allem selbst bemerkt haben. Oder wie Herr Fischer schrieb:

[Irgendwas mit Abkühlung und willkommen und so] Nur, damit ich es auch geschrieben hab.

Klammer zu.)

Auch im Büro ist es wieder deutlich kühler als vergangene Woche, zeitweise überzog leichte Gänsehaut die kurzbeärmelten Arme, was nicht viel bedeutet, manchmal fröstelt es mich auch bei vierundzwanzig Grad.

Schweißtreibend dagegen nachmittags der Sport im überraschend vollen Studio, nach zwei Runden durch den Parcours war mein Bewegungsdrang befriedigt.

Gunkl meint: »Um der Beschreibung der Welt etwas Positives hinzuzufügen, sollte es gegenüber von „leider“ auch das Wort „freuder“ geben, finde ich.« Finde ich auch.

Dienstag: Nachts wachte ich auf durch regelmäßige wiederkehrendes Gruppengeschrei aus der erweiterten Nachbarschaft, das wechselnd nach Jubel und Entsetzen klang, wobei sich, wie wir wissen, letzteres durchsetzte. Ich blieb unentsetzt, blieben uns doch stundenlang durch die Stadt lärmende Autokorsos erspart.

In einer Mail las ich AFAIU und musste recherchieren, was es bedeutet: „As far as I understand“. Woraufhin der Sprachnerv etwas zuckte.

Auf dem Fuß-Rückweg vom Werk sah ich auf einem Bildschirm vor einer Gaststätte einen Experten sprechen, ich glaube Thomas Hitzelsperger, kenne mich da nicht so aus. Vermutlich beantwortete er die bei Sportreportern so beliebte Frage, woran es gelegen habe. Niemand der Gäste hörte hin.

Feierabend am Rheinpavillon. Denken Sie sich gerne ein Erfrischungsgetränk dazu.
Abendbalkonblick. Hier dürfen Sie ebenfalls ein Begleitgetränk mitdenken.

Mittwoch: Und schon ist das erste Halbjahr ver- und die Welt nicht untergangen. In wenigen Wochen wird wieder Klage geführt wegen in Supermärkten erhältlicher Dominosteine, als hätte die amtierende Wirtschaftsministerin einen Kaufzwang verordnet.

Aus gegebenem Anlass nochmals Gunkl: „Irgendwie ist oder war gerade etwas mit Gruppenphase. Näheres entnehmen Sie bitte der Fachpresse.“

Vor vier Wochen, in unserer ersten Urlaubswoche, notierte ich meine Beobachtung bezüglich radfahrender Paare, bei denen meistens das Männchen vorneweg fährt. Hierzu ist bei Herrn Pesch gleichsam die Innenansicht eines solchen Paares nachzulesen.

Es ist immer wieder beruhigend, wenn man für sich eine Frage, die mit „Bin ich eigentlich der einzige, der …“ beginnt, mit Nein beantworten kann: Der Mitblogger aus Hamburg teilt meine tiefe Abneigung gegen den zunehmenden Bindestrichverzicht. Hier ein besonders schmerzhaftes Beispiel aus der Inneren Nordstadt:

Archivbild

Donnerstag: Morgens auf dem Weg ins Werk sah ich neben den Wohnhäusern am Rhein eine Frau stehen, mir den Rücken zugekehrt und rauchend. Sie trug ein quergestreiftes Oberteil, das auffallend mit den heruntergelassenen Jalousien vor dem Fenster daneben harmonierte. Leider bemerkte ich das erst richtig, als ich schon an ihr vorbeiging, für ein Foto war es da zu spät; bitte denken Sie sich ein entsprechendes Bild.

An den Laternenpfählen am Rheinufer werden per Plakaten Selbstverteidigungskurse für Frauen* angeboten, wie vorstehend mit Sternchen hinter „Frauen“. Wofür das Sternchen steht, ist zumindest für mich nicht zu erkennen, es verweist nicht auf eine Fußnote. Vermutlich wird vorausgesetzt, dass modern-urbane Menschen auch ohne Fußnote den Unterschied zwischen besternten und unbesternten Frauen kennen.

Der ersten Besprechung des Tages trat ich mit mehrminütiger Verspätung bei, weil ich zuvor während der Bearbeitung eines Gewerkes in eine Art Flow-Zustand geraten war, der mich die Zeit vergessen ließ. Bald war klar, dass ich nichts verpasst hatte, wie man in versäumten Regel-Besprechungen ohnehin selten etwas verpasst.

Dort hörte ich erstmals das Wort „Impediment“ als Synonym für Hindernis, wie eine kurze Recherche ergab. Vier Silben für den pseudogebildeten Begriff, immerhin eine weniger als „Herausforderung“, dafür zwei mehr als das in Berater- und Geschäftskreisen geächtete „Problem“. Werde ich mir wohl nicht merken.

Freitag: Laut kleiner kalender beginnen heute die Ehrentage der Klimaanlage, warum auch nicht, irgendwas ist bekanntlich immer. Eher Mitgefühl empfinde ich für das mobile Klimagerät im Kiosk um die Ecke, das wie Sisyphus seinen Auftrag nicht erfüllen kann, weil die Ladentür den ganzen Tag offen steht.

Samstag: Für den Abend waren wir zur Feier eines hundertdreißigsten Geburtstags eingeladen: Die Kollegin wurde sechzig, ihr Gatte, ebenfalls ehemaliger Kollege, siebzig. Gefeiert wurde in einer Gaststätte im rechtsrheinischen Ortsteil Niederholtorf, von uns aus mit dem Bus bestens zu erreichen, auch wenn er auf dem Rückweg wegen irgendwas mit Fußball im Stau stand und wir deshalb ab Beuel zu Fuß weitergingen, was uns einen angenehmen Spaziergang bescherte. Wir hätten auch im Bus sitzen bleiben können, er traf fast exakt zur selben Zeit bei der Zielhaltestelle ein wie wir zu Fuß, nur wäre uns dann der Spaziergang entgangen.

Unter den Gästen der Feier waren mehrere teils länger nicht gesehene Kolleginnen, davon zwei bereits im Ruhestand, die glaubhaft versicherten, dass ihnen die Arbeit überhaupt nicht fehle, ach was. Musikalisch begleitet wurde der Abend zeitweise durch eine örtliche Hobbyband, die mit großer Ausdauer und ansprechender Qualität Hits aus vergangenen Zeiten spielte. Wobei ich mir auch hier die bereits früher geäußerte Anmerkung erlaube, manche Lieder sollten nicht nachgespielt werden, die Band kann dabei nur verlieren, in diesem Fall „Music“ von John Miles. Meine ebenfalls mehrfach geäußerte grundsätzliche Abneigung gegen Livemusik als Störfaktor auf Veranstaltungen, wo man sich mit anderen Menschen unterhalten möchte, schlug nicht an, da die Band drinnen im Saal spielte, während wir mit den Kolleginnen im Außenbereich saßen und uns bestens unterhielten. Sehr entgegen kam mir auch der Wunsch der Gastgeber, statt eines Geschenks eine Spende für den Verein „Lebensqualität im Alter“ zu hinterlassen. Liebe A., lieber J., vielen Dank für den schönen Abend bei und mit euch!

Sonntag: Apropos hundertdreißig – Zeit für die nächste Frage aus der Liste. Nummer 130 lautet: „Welcher Tag der Woche ist dein Lieblingstag?“ Ganz klar der Samstag. Ich kann (meistens) ausschlafen, weil ich nicht ins Büro muss, und der ebenfalls freie Sonntag liegt noch vor uns. Den Sonntag mag ich auch sehr, zumal mittlerweile nur noch sehr selten ab dem späten Nachmittag das Vorgrauen (mir fiel kein besseres Wort für das Gegenteil von Vorfreude ein) auf den Montag die Stimmung trübt.

Zu einem gelungenen Sonntag gehört der in der Regel mehrstündige Spaziergang am Nachmittag. Der führte heute rüber nach Beuel, um Straßenbahnen zu fotografieren. (Wiederum nur für die Chronik, die meisten von Ihnen wird es nicht interessieren, lesen Sie deshalb gerne nach der Klammer weiter: Wegen Bauarbeiten wird die Stadtbahnlinie 66 in Richtung Königswinter / Bad Honnef zurzeit umgeleitet über Beuel, Limperich und Küdinghofen. Deshalb fahren vorübergehend die großen Stadtbahnzüge durch die Beueler Innenstadt, wo sonst ausschließlich Niederflur-Straßenbahnwagen verkehren.)

..

Da die Autobahnbrücke im Bonner Norden weiterhin gesperrt ist, hat die Stadt Maßnahmen ergriffen, um die daraus resultierenden Verkehrstumulte zu lindern. Eine davon ist, dass die Fahrradspuren auf der Kenndybrücke nur noch in jeweils eine Richtung benutzt werden dürfen: die nördliche nach Bonn, die südliche nach Beuel. Zu meinem großen Erstaunen halten sich die meisten Radfahrer daran, während zweimaliger Brückenüberquerung zählte ich insgesamt nur vier Falschfahrer.

Am Straßenrand in Beuel parkte ein Wagen mit der Anschrift „Gesellschaft für Endlagererkundung“. Vielleicht das Dienstfahrzeug der örtlichen Friedhofsverwaltung.

Es ist mit um die zweiundzwanzig Grad deutlich kühler geworden, zeitweise fiel etwas Regen. Man sieht wieder Leute in Jacken, vereinzelt sogar Daunenjacken. Sicher ist es sinnvoll, auf Unbill vorbereitet zu sein. Der Schneeschieber neben einem Hauseingang erschien mir indes etwas übertrieben.

Auch in Beuel

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Mein Lieblingstag außerhalb des Wochenendes ist übrigens der Donnerstag, vor allem in kleinen Wochen, wenn ich frei habe. Wie in der kommenden, voraussichtlich bei Wanderwetter.

18:00

Woche 26/2026: Die Salzernte des Bürokraten

Montag: Der erste Arbeitstag nach dem Urlaub war nicht schlecht, der Maileingang recht üppig, doch ohne Imponderabilien. Mittags in der Kantine gab es Currywurst an Pommes, nach der gehobenen Restaurantkost der zurückliegenden Wochen ein Genuss. Dank ausreichender Kühlung des Turmes war es nur draußen sehr warm.

Vergangene Woche äußerte ich einen gewissen Neid gegenüber bretonischen Salzbauern, weil sie am Ende eines Arbeitstages das Ergebnis ihrer Arbeit vor sich sehen. Mir gelang es heute immerhin, die Zahl der unbearbeiteten bzw. ungelesenen Mails von fast vierhundert auf einen niedrigen zweistelligen Wert zu bringen, gleichsam die Salzernte des Bürokraten.

Nachdem der Ellenbogen wieder weitgehend genesen ist, hatte ich schon vor dem Urlaub beschlossen, danach wieder regelmäßig zum Training zu gehen. Daran hielt ich heute trotz Hitze fest. Die Geräte kannten mich sogar noch, als ich den Armbandchip an den Sensor hielt. Nur die Frage, ob ich aufgewärmt sei, während mir die Sonne durch das Glasdach auf den Schädel brannte und der Schweiß schon vor der ersten Bewegung rann, hätten sie sich sparen können. Maschinenhumor.

Dienstag: Morgens auf dem Fußweg ins Werk wurde ich fast Zeuge einer Kollision von zwei Radfahrern. Fast, weil ich erst hinschaute, nachdem es gescheppert hatte, die Fahrräder samt (unbehelmten) Fahrern bereits auf der Straße lagen und sich letztere gegenseitig mit wenig freundlichen Worten bedachten, denen zu entnehmen war, dass einer den anderen beim Rechtsabbiegen noch rechts zu überholen versucht hatte. Wenn ich sehe, wie manche Fahrrad fahren, wundert es mich, nicht öfter Zeuge solcher Vorfälle zu sein.

Im Büro war es nachmittags mit achtundzwanzig Grad ungewöhnlich warm. In früheren Sommern saß ich dort bei vergleichbaren Außentemperaturen mit Gänsehaut am Schreibtisch. Kein Kühlturm mehr, jedoch noch gut auszuhalten.

„Die Konfiguration wurde konfiguriert“ hieß es in der Mitteilung über die Behebung einer IT-Störung. Manchmal scheint die Lösung einfach zu sein.

Auf dem Rückweg brachte ich nach vereinbarter Erprobungszeit die Hörgeräte zurück zum Akustikfachgeschäft. Mein persönliches Fazit: Eine gewisse Verbesserung bringen sie; das Hauptproblem, bei lauten Hintergrundgeräuschen wie im Restaurant einem Gespräch folgen zu können, lösen sie nicht, jedenfalls nicht so deutlich, dass ich bereit wäre, so viel Geld dafür zu bezahlen. Ich bleibe dran, es hat keine Eile.

Danach genehmigte ich mir, auch wenn es bei über dreißig Grad nicht von Vernunft zeugt, in innerstädtischer Außengastronomie ein Feierabendbier. (Also gut: zwei, weil der nette Kellner so freundlich fragte.) Dabei sah ich mehrere radelnde Speisesklaven, die mit schwarzen Ganzgesichtsverhüllungen ihre Lieferungen besorgten. Warum, vor allem bei der Hitze? Apropos: Die absurdesten Dinge sind aus der Bequemlichkeit der Menschen geboren, etwa Essenslieferdienste.

Heute vor zehn Jahren schrieb ich ins Blog:

Erdogan, Putin, Kaczynski, Orban, Kim Jong Un, demnächst womöglich Trump. Da die Fäden der Macht zunehmend von den Händen Wahnsinniger gezogen werden, erscheint es fast das Vernünftigste, sich keine Sorgen um die Zukunft zu machen, stattdessen sofort die Arbeit einzustellen, die Ersparnisse zu verprassen und ganz entspannt auf das Eintreffen der Atomraketen zu warten. Oder darauf, dass sie mich abholen kommen, aus welchem Grund auch immer.

Wenn man Kaczynski, Orban und „demnächst womöglich“ streicht, passt es auch heute noch, wobei ich mir bei Kaczynski nicht ganz sicher bin.

Mittwoch: Vielleicht liegt es an der Wärme – die heute noch um einige Grad zugelegt hat, was nicht als Klage zu verstehen ist – dass mir zum Tage nichts ein- oder aufgefallen ist, was aufzuschreiben wäre.

Donnerstag: Es empfiehlt sich nicht, bereits in der ersten Arbeitswoche nach dem Urlaub wieder Vollgas zu geben, weil dann die Gefahr besteht, dass die Erholung verpufft und man schon wieder neuen Urlaub benötigt. Da trifft es sich gut, dass der Wiedereinstieg in eine kleine Woche fällt mit einem freien Inseltag, heute. Da es zum Wandern viel zu warm werden sollte, verzichtete ich darauf. Stattdessen frühstückte ich nach nicht sehr spätem Ausschlafen ausführlich auswärts unter schattigen Bäumen in der Innenstadt, nebenbei Zeitung-/Blogslesen und Leutekucken.

Vom ursprünglichen Plan, mich danach ins Sportstudio zu begeben, weil es dann dort vielleicht noch nicht so warm ist, nahm ich Abstand, weil ich vom Montagssport noch leichten Muskelkater in den Schultern hatte und es doch schon wieder sehr warm war. Auch hier erst langsam wieder steigern.

Vielmehr erschien es mir an sportlicher Betätigung genug, mit dem Fahrrad an den Strand zu fahren, also zur Lieblingsstelle am Rheinufer vor Bonn-Oberkassel, wo ich das zusammensteckbare, fahrradtransportable Liegestühlchen im Schatten der hohen Pappeln platzierte und, während leichter Lufthauch über die Haut strich, das Dasein mit Schiffekucken, Lesen und etwas Schreiben genoss. Ab und zu erforderten wandernde Schattenlöcher einen Platzwechsel um wenige Meter, doch schadet es ja nicht, auch an solchen Tagen etwas in Bewegung zu bleiben.

Aus dieser Liegestuhlperspektive gefällt mir der Turm besonders gut

Freitag: Meine grundsätzliche Skepsis gegen eingeschaltete Kameras in Teamskonferenzen sah ich heute wieder bestätigt. Während ein Teilnehmer sich im ärmellosen Unterhemd zeigte, bestellte ein anderer, im ICE sitzend, für alle anderen einschließlich Chef hör- und sichtbar beim Servicepersonal ein Weizenbier. Vielleicht sehe ich das auch zu eng.

Lange hatte ich nicht mehr diese Stehrolldinger gesehen, Segways heißen die wohl, Sie wissen schon, diese einachsigen Fahrzeuge, auf denen vor geraumer Zeit regelmäßig Touristen- und Rentnergruppen im Stehen am Rheinufer und durch die Stadt rollerten. Heute sah ich auf der Rückfahrt vom Werk eine größere Anzahl davon vor dem Rheinpavillon abgestellt, wo sich ihre Nutzer vermutlich innerlich kühlten.

Gedanke, als wir abends durch die weiterhin warme Stadt gingen, wo vor den Gaststätten auf großen Bildschirmen Fußball lief: Wenn dort stattdessen Dallas gezeigt würde, wäre das Public Ewing.

Samstag: Der Regionalzugbetreiber National Express stellt am Nachmittag auf mehreren Linien den Betrieb ein, weil die Klimaanlagen der Züge bei der Hitze auszufallen drohen (es ist eine irrige Annahme, genau dafür seien sie da), gestern musste aus diesem Grund bei Bonn ein Zug evakuiert werden*. Wie bereits früher angemerkt: Gewiss bin ich kein Anhänger der Früher-war-alles-besser-Bewegung, doch zu Zeiten der Deutschen Bundesbahn hatten die Züge zwar keine Klimaanlagen, dafür Fenster, die sich öffnen ließen. Auch das ist eine der zahlreichen technischen Pessimierungen der letzten Jahre, die uns als Innovationen verkauft werden.

Die Klimaanlage in unserer Wohnung läuft hingegen tadellos, das ist sehr erfreulich.

*Wie mich der Liebste später aufklärte, war nicht vordergründig der Ausfall der Klimaanlage der Grund, sondern hitzebedingtes Versagen der Bremssysteme. Das macht es nicht besser.

Sonntag: Das iPad zeigt regelmäßig oben rechts auf dem Startbildschirm ein zufälliges Bild an, das ein geheimnisvoller Algorithmus aus meinen Fotos ausgewählt hat. Heute Morgen war dort mein alter Freund C. zu sehen, den ich längere Zeit nicht sah, aufgenommen vor noch viel längerer Zeit während eines gemeinsamen Urlaubs auf Gran Canaria. Vielleicht Zufall, vielleicht hat der Algorithmus in meinen Kalender geschaut: Heute Abend, nach Blog-Redaktionsschluss, bin ich mit eben diesem C. auf ein Getränk verabredet. Darauf freue ich mich.

Der Geliebte hat als hitzeangemessene Kleidung den Kaftan entdeckt, vorläufig nur innerhalb der Wohnung. Das sieht noch etwas gewöhnungsbedürftig aus, scheint aber zu funktionieren. (Aus Persönlichkeitsschutzgründen wird nicht darauf eingegangen, was er darunter trägt und ob überhaupt etwas.)

Dass ich ein alter Sack geworden bin, wurde ein weiteres Mal deutlich während des Spaziergangs durch die Südstadt, wo am Straßenrand ein Golf III geparkt war. Mit H-Kennzeichen.

Südstadt-Idyll in der Argelanderstraße
Linden-Hinterlassenschaften in der Lessingstraße

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. Kommen Sie gut in den Juli und durch die voraussichtlich nicht mehr ganz so heiße Woche.

16:30

Woche 25/2026: Kontemplatives Salzschieben und maschinelles Flaschendrehen

Montag: Die Urlaubswoche begann mit einer kleinen Wanderung durch Le Croisic. Zunächst erkundete ich den Parc De Penn Avel nahe unserem Hotel, danach ging ich entlang der südlichen Küste. Kurz vor Ende der Landzunge bog ich nördlich ab, der Weg führte nun durch heideartige Landschaft mit Sand, Büschen und Hainen, nur ohne Heide, bis zur nördlichen Küste. Dort wollte ich über die lange Hafenmole bis zum Leuchtturm am Ende gehen, ging aber nicht, weil die Mole wegen irgendwelcher Arbeiten gesperrt war. Daher vollendete ich die Runde bis zum Park am Bahnhof, wo ich auf einer schattigen Bank rastete und die Blogs las.

Vor dem Park hielt ein Reisebus aus Saarbrücken mit der Anschrift: „Wir machen Urlaub – 365 Tage im Jahr“. Offenbar ist das Unternehmen auf reiche Rentner als Zielgruppe spezialisiert, wer sonst könnte ganzjährig Urlaub machen. Für diese Annahme sprach, dass die Personen, die dem Bus entstiegen, augenscheinlich das Erwerbsleben hinter sich hatten.

Es gibt hier im Ort schöne alte, teils villenartige Häuser. Viele von ihnen haben einen Namen, der an der Hausfront angeschrieben ist. Mehrere davon beginnen mit „Ker“, Bretonisch für Haus, Hof, wie eine kurze Recherche ergab. Das erinnert mich an meinen Vater, der gerne „Ker, Ker, Ker …“ sagte, wenn er sinngemäß „Das kann ja wohl nicht wahr sein“ meinte, das hatte ich fast vergessen. Nach ihm ist mir niemand mehr begegnet, der das Wort benutzt. Meine Vermutung: Das kommt aus dem Ruhrgebiet (mein Vater wurde in Gelsenkirchen geboren), vielleicht verkürzend für „Kerl“. Kann das jemand aus der Region bestätigen?

Im Park
Südküstenweg
Suchbild mit Bär
Durch die Hüchten
Mole, gesperrt
Kein Alkohol am Lenker!
Ker Meno

Dienstag: Heute unternahmen wir einen Ausflug auf die Île de Noirmoutier, unter anderem bekannt für den Anbau wohlschmeckender Kartoffeln. Der Hinweg führte durch La Baule, wo sich gegenüber dem langen Sandstrand über mehrere Kilometer Hotels und Appartementhäuser aneinanderreihen, dazwischen einzelne alte Villen. Beeindruckend anzuschauen, doch ob ich da Urlaub machen möchte – ich weiß es nicht.

Auf die Insel gelangt man über eine hohe Brücke, freilich nicht so hoch wie die über die Loire-Mündung, siehe vergangene Woche. Ansonsten ist die Insel völlig flach, ebenso die vorgelagerte Vendée; beim Durchfahren fühlte ich mich an Dithmarschen erinnert, mit Meersalzgewinnung statt Kohlanbau. Als Alternative zur Brücke gibt es die Passage du Gois, eine Straße durch das Wattenmeer (oder wie das hier heißt), die bei Beauvoir-sur-Mer auf das Festland trifft. Befahrbar nur bei Ebbe, sonst liegt sie unter Wasser, so leider auch heute, als wir zurück fuhren. Vorher kaufte der Liebste, wo wir schon mal da waren, ein Kistchen Kartoffeln. Die fallen nicht durch, wie der Geliebte zu sagen pflegt.

Es ist immer gut, wenn man in der Lage ist, seine Meinung zu ändern. Äußerte ich mich vergangene Woche noch zurückhaltend bis ablehnend über Austern, so muss ich mich korrigieren. Nachdem ich ihnen gestern und heute eine weitere Chance gab, empfinde ich inzwischen durchaus Genuss bei ihrem Verzehr. Vielleicht ist das auch nur der bekannte Urlaubseffekt wie bei dem einen Wein, der im Restaurant auf Mallorca so gut geschmeckt hatte, sich zu Hause indessen als schale Plörre erweist. (Ausgedachtes Beispiel, Sie wissen vermutlich, was ich meine.)

Ansonsten hat Onkel Michael wieder einen lesenswerten Aufsatz geschrieben über Toleranz, Demokratie und Empfindlichkeiten. Kostprobe:

Nicht mehr die Frage, ob etwas wahr ist, steht häufig im Mittelpunkt öffentlicher Debatten, sondern die Frage, ob sich jemand durch diese Wahrheit verletzt fühlen könnte. Das subjektive Empfinden wird zum Richter über objektive Aussagen. Die Kränkbarkeit erhebt Anspruch auf Vorrang vor der Erkenntnis.

Jemand hat vergangenen Monat das Buch gekauft, teilte mir epubli mit. Dafür herzlichen Dank.

Mittwoch: In früher Morgenstunde wurde die Nachtruhe gestört durch einen technischen Signalton, der mit „Piepton“ unzureichend beschrieben wäre, eher ähnlich einem Tropfen, der in ein mit Wasser gefülltes Gefäß fällt. Nicht laut, doch deutlich zu hören, jedenfalls wenn man wach ist, alle Paar Minuten, das Wiedereinschlafen verhindernd. Zunächst ließ es sich nicht zuordnen: Meine mitgeführten Datengeräte (iPhone, iPad, MacBook) machen nicht ein solches Geräusch, zudem waren sie stumm- bzw. ausgeschaltet. Daher verdächtigte ich zunächst die Ladevorrichtung der Hörgeräte und schaffte diese ins Nebenzimmer. Es tropfte weiterhin. Nun nahm sich der Liebste der Sache an und ermittelte als Übeltäter das Hoteltelefon, das anscheinend ein Akkuproblem hatte. Nach Entfernen aus der Ladeschale war Ruhe und wir schliefen wieder ein, wenn auch nicht lange, inzwischen war sieben Uhr durch.

Nach dem Frühstück unternahmen wir eine Ausfahrt durch die Salzfelder östlich von Le Croisic, wo in hunderten, vielleicht tausenden angelegten Becken Salz aus Meerwasser gewonnen wird. Dazu wird das Wasser bei Flut über ein ausgeklügeltes System aus Kanälen und Teichen in die flachen, rechteckigen Becken geleitet, wo das Salz nach Verdunstung des Wassers kristallisiert und sich absetzt, entweder an der Wasseroberfläche, wo es als kostbares Fleur de Sel vorsichtig abgeschöpft wird, oder am Boden, wo die Salzbauern es mit Rechen an langen Stielen zusammenschieben zu weißen Haufen, die nach dem Trocknen in Schubkarren abgefahren werden.

In meiner touristisch-naiven Vorstellung ein wunderbarer Beruf: Man ist draußen, hat seine Ruhe, von gaffenden und fotografierenden Touristen abgesehen, an die man sich vermutlich gewöhnt. Das Tempo wird nicht vorgegeben durch Termine und Detleins, sondern einzig durch die Verdunstung des Wassers; so lange wie es dauert, dauert es eben. Und, was ich bei meiner (vermutlich wesentlich besser bezahlten) Bürotätigkeit immer wieder vermisse, ich schrieb es mehrfach: Am Ende sieht man, was man geschafft hat, man kann es sogar anfassen.

Mit Sicherheit hat der Beruf seine Schattenseiten: Die Produktion funktioniert nur bei warmem, trockenem Wetter, dann allerdings rund um die Uhr oder „24/24“, wie das bei uns gebräuchliche „24/7“ in Frankreich heißt, nix mit Achtstundentag, Fünftage-Vierzigstundenwoche, Gleit- und Teilzeit; was am Monatsende finanziell dabei rauskommt, weiß ich auch nicht. Und vielleicht wollen die Leute irgendwann kein Salz mehr, weil es als ungesund gilt oder aus anderen Gründen in Verruf gerät, das geht ja manchmal schnell, siehe Zucker, des Salzes süßer Bruder. Daran denkt man nicht, wenn man als Tourist mit Strohhut und Kamera am Beckenrand steht und dem Bauern (oder wie das heißt) entzückt beim kontemplativen Salzschieben zuschaut.

Nach Navi-Darstellung führt man auf schmalen Pfaden durch das Wasser …
… in echt nicht ganz so dramatisch

Nachmittags saßen wir wieder auf dem Balkon des Hotelzimmers und genossen den letzten Tag in der Bretagne, ehe wir morgen zur letzten Urlaubsetappe in die Champagne aufbrechen. Spontaner Gedanke, als sich in der Ferne auf dem Meer zwei Boote begegneten: Gleich stoßen sie zusammen, mit Radöngel und Feuerball. Ging dann aber gut, sie fuhren mutmaßlich mit reichlich Abstand aneinander vorbei.

Donnerstag: Ein Gruß aus der Symbolbildhölle:

(Gereral-Anzeiger Bonn Online)

Nach dem Frühstück verließen wir Le Croisic bei angenehmen zweiundzwanzig Grad. Fünf Stunden später wurden wir bei um die vierzig Grad Außentemperatur in Paris Teil des Verkehrschaos, das ich bei unserem Besuch der Stadt vor einem Monat bestaunt hatte. Weitere zwei Stunden später erreichten wir unser Hotel bei Vinay, südwestlich von Épernay. Auch wenn der Liebste die ganze Zeit gefahren war, wofür ich ihm sehr dankbar bin, war mein Bedarf an Auto(mit)fahren gedeckt; die Unberechenbarkeit anderer Verkehrsteilnehmer wie plötzliche Fahrstreifenwechsel direkt vor oder gar neben uns ohne zu blinken macht mich zunehmend nervös. Während ich in anderen Verkehrsmitteln wie Schiff und Bahn problemlos stundenlang sitzen und kucken kann, siehe vergangene Woche, bin ich bei Autofahrten stets froh, wenn sie zu Ende sind, egal, ob als Beifahrer oder schlimmstenfalls als Fahrer.

Im Gegensatz zu unserem letzten Aufenthalt hier wurde zur Begrüßung kein Glas Champagner gereicht. Bei immer noch über dreißig Grad vermutlich besser so. Im Übrigen wäre es ungerecht, das zu kritisieren: Das Haus spendierte uns eine ganze Flasche, die wir bei Bezug des Zimmers vorfanden, indes ungeöffnet ließen für den späteren Gebrauch.

Abends brachte ein Gewitter Regen und etwas Abkühlung …

Freitag: … die nicht lange anhielt, morgens wurde es wieder warm. Da empfiehlt es sich, sich an kühle Orte zu begeben wie die Keller eines Champagnererzeugers. Einen solchen suchten wir vormittags in Pierry auf, wo der Liebste bereits letzte Woche einen Besuch organisiert hatte. Eine freundliche junge Dame führte uns durch die Stationen der Produktion und erklärte die Arbeitsschritte von der Traubenpresse über Fass-, dann Flaschengärung und maschinelles Flaschendrehen bis zum Degorgieren. Danach probierten wir Erzeugnisse des Hauses und, Sie ahnen es, erwarben einige Flaschen.

Nach Rückkehr am Hotel begaben wir uns auf schattige Liegen im Garten, wo ich vorstehende Zeilen niederschrieb. Zudem unternahm ich eine kleine Wanderung durch den nahen Wald, allerdings nur gedanklich auf der Karte; für weiteres war es viel zu warm.

Schon vor längerer Zeit entnahm ich in Bonn einem öffentlichen Bücherschrank das Buch „GLOSSEN II oder: Den Kern freilegen, ohne die Haut zu verletzen“ von Rochus Spiecker, erschienen bereits 1962. Darin las ich während des Liegens folgenden schönen Satz über Beziehungen:

Braucht nicht auch die ausgewachsene Liebe ab und zu ihr häusliches Scharmützel, um sich zu vergewissern, daß weder Temperament noch Charakter im Gehege gegenseitiger Gewöhnung abgeschliffen sind?

Dabei fällt mir ein Gedanke ein, der mir vor einigen Tagen während einer nächtlichen Wachphase kam, ebenfalls obiges Thema betreffend und, ich versichere, völlig ohne aktuell-persönlichen Bezug ist: Phasen der Beziehung: 1) Begehren, 2) Gewöhnen, 3) Ertragen

Samstag: Im Frühstücksraum wechselten wir den Tisch, weil sich nebenan mehrere Amerikanerinnen lautstark und tischübergreifend unterhielten, was ich zu früher Stunde noch nicht zu ertragen bereit war; später vermutlich auch nicht.

Nach stauloser Fahrt über erstaunlich freie Autobahnen und Straßen erreichten wir am späten Nachmittag Bonn, wo wie überall die derzeitige Sommerhitze beklagt wird. Die einzig nennenswerte Verzögerung ist nicht nennenswert wegen der Dauer, sondern des Grundes. Während uns Frau Navi in Belgien auf längeren Strecken über die Dörfer lotste, mussten wir anhalten wegen einer Kuhherde, die offenbar von ihrer Weide ausgebüxt war und sich mit nicht besonders großer Entschlossenheit anschickte, die Straße zu queren, wo der Schatten eines großen Baumes lockte. Bis der Bauer kam und das Vieh zurück trieb.

Belgische Autobahn

Abends besuchten wir das französische Restaurant unseres Vertrauens. Zum ersten Gang bestellte ich Austern. Sie schmecken immer noch.

Sie mögen es nicht, wenn andere Menschen versuchen, Sie von ihrer Religion zu überzeugen, möchten aber nicht unhöflich erscheinen? Darauf hat Frau Kaltmamsell die passende Antwort:

“Es freut mich für Sie, dass sie etwas erfunden haben, das Sie glücklich macht, weiterhin alles Gute.”

Sonntag: Mit diesem Sonntag endet der Urlaub endgültig, wie immer verging die Zeit schnell. Doch sind es nur neun Wochen bis zum nächsten, die erfahrungsgemäß auch schnell vergehen werden. Da es nicht gut wäre, wenn Zufriedenheit nur aus arbeitsfreien Wochen entsteht, erfreue ich mich bis dahin an den kleinen Freuden des Alltags wie Fußwege ins Werk (und zurück), freie Donnerstage mit und ohne Wanderung, Abende auf dem Balkon mit den Lieben. Und die meisten Arbeitstage sind auch nicht so schlecht, dass sich darin keine erfreulichen Momente finden ließen, manchmal, wenn auch selten sogar montags.

Zu den regelmäßigen kleinen Freuden zählt auch der Spaziergang am Sonntagnachmittag, an dem mich die Sommerhitze nicht hinderte. Heute durch die Nordstadt bis zur gesperrten Nordbrücke, wo das Geschrei aus dem gut besuchten Freibad nicht länger konkurrieren muss mit dem Brausen der Autobahn daneben. Daran wird sich auf absehbare Zeit nichts ändern, weil die Brücke in Teilen abgerissen und neu gebaut werden muss, bevor wieder Autos darüber fahren dürfen. Statt im Freibad kühlte ich mich auf andere Weise im Biergarten am Rhein, auch das immer wieder erfreulich.

***

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Falls Sie ebenfalls aus dem Urlaub zurückkehren, einen guten Start in die Werktätigkeit.

19:30

Woche 24/2026: Orte mit Wasserturm und Balkon mit Seeblick

Montag: Es ist ein beglückendes Gefühl, morgens zur gewohnten Zeit aufzuwachen und noch zwei Wochen Urlaub vor uns zu wissen. Weiterhin sind wir in Beaune im Burgund, morgen fahren wir weiter an die Loire. Zu einem Aufenthalt in Beaune gehört für mich ein Spaziergang über die Remparts, den zu etwa zwei Drittel erhaltenen Wall um die historische Innenstadt. Das erledigte ich vormittags, während der Liebste einige weitere Einkäufe tätigte; so tat ein jeder, woran er Freude hat.

Gegen Mittag trübte es sich ein und leichter Regen fiel. Das hinderte uns nicht an einem weiteren Spaziergang zum Cité des Climats et vins de Bourgogne, einem architektonisch interessanten Rundbau südlich außerhalb der Innenstadt, darin eine Art Museum, das sich thematisch der Weinerzeugung im Burgund widmet. Der Rückweg führte durch die ebenfalls überwiegend altbebaute, dabei wesentlich weniger pittoreske Vorstadt. Anschließend lockte leichter Bierappetit ins Bistrot. Es muss nicht immer Wein sein.

Rempart Saint-Jean
Cité des Climats et vins de Bourgogne
Rue du Faubourg Perpreuil, südliche Vorstadt

Dienstag: Vormittags verließen wir Beaune, fast fiel der Abschied von diesem mittlerweile vertrauten Ort schwer. Doch der Urlaub geht weiter. Zwischenziel war der Weltkulturerbe-Ort Vézelay, wo wir uns nach einem kurzen Anstieg die Kirche anschauten. Ich war wieder angemessen beeindruckt von dem Bauwerk, auch wenn ich bei solchen Gelegenheiten jedes Mal denke: Welch ein Aufwand wegen dieser Legende, die Menschen vor ein paar Tausend Jahren mal aufgeschrieben haben. Mehr zu Vézelay bei Bedarf hier.

Anschließend fuhren wir abseits der Autobahnen durch Wälder, Felder und Orte mit Wassertürmen, teils über Straßen, die sich über mehrere Kilometer lichtstrahlgerade durch die Landschaft ziehen. Unter anderem führte der Weg durch die Stadt Clamecy, deren Pracht schon seit geraumer Zeit vergangen zu sein scheint und die erstaunlich auto- und menschenleer war, was vielleicht auch an der Mittagszeit lag.

Weiter ging es über die Loire, mit kleinem pique-nique am Hafen von Châtillon-sur-Loire. Ziel der heutigen Reise war das Hotel Les Hayes en Sologne in der Nähe von Fontaines-en-Sologne, in einem idyllisch gelegenen Schlösschen mit großem Garten, umgeben von Wald. Nach Ankunft und Auspacken unternahmen wir einen kleinen Spaziergang durch den Park, der am Restaurant endete, wo ein Ankunftsgetränk angemessen und erforderlich erschien.

Chicane in Billy-sur-Oisy
D 957 zwischen Entrains-sur-Nohain und Bouhy
Bouhy
Vannes-sur-Cosson
Zufahrt zum Hotel
Das Hotelschlösschen
Ein gutes Haus

Mittwoch: Die Loire-Region ist bekannt für ihre zahlreichen Schlösser. Eines davon besuchten und besichtigten wir heute: Chambord. Als Kind baute ich Burgen aus Sand mit viel Wasser. Wenn man das Sand-Wasser-Gemisch aus der Faust träufeln ließ, türmten sich daraus kleine Säulen von ungleichmäßiger Struktur. Daran fühlte ich mich erinnert, als ich heute das Château mit seinen zahlreichen Türmchen und Schornsteinen sah, Neuschwanstein ist ein nüchterner Zweckbau dagegen. Architektonische Besonderheit ist die doppelte Wendeltreppe im Zentrum des Bauwerks, zwei umeinander verschlungene Wendeln innerhalb des Turmes. Im Übrigen gilt das gleiche wie gestern über Kathedralen geäußert: riesiger Aufwand für eine Legende, in diesem Fall die, dass bestimmte Menschen allein aufgrund ihrer Geburt über anderen stehen und sich deshalb zu rein repräsentativen Zwecken solche Schlösser bauen lassen konnten, während das Volk schuften und darben musste.

Château Chambord

Danach fuhren wir nach Blois, eine dem Anschein nach recht große, von der Einwohnerzahl unter fünfzigtausend indes erstaunlich kleine Stadt an der Loire, von der ich noch nie gehört hatte. Das ist selbstverständlich nicht von Bedeutung, die wenigsten Franzosen werden je von beispielsweise Rheda-Wiedenbrück oder Buxtehude gehört haben.

Nach Rückkehr im Hotel begaben wir uns in im Garten bereitstehende Liegestühle, wo vorstehende Zeilen notiert wurden. Zur Perfektion des Urlaubsglückes fehlte nur ein Glas Rosé. Man kann nicht alles haben.

Nachtrag: Kann man doch. Man muss nur seine Hemmungen überwinden, dem Personal womöglich Umstände zu bereiten, und danach fragen.

Donnerstag: Nach dem Frühstück verließen wir das Hotelschlösschen in Richtung Bretagne. Wieder mieden wir Autobahnen, über eine längere Strecke fuhren wir auf dem Damm neben der Loire. Etwa fünf Stunden später, nach Überquerung der Loire-Mündung über die Brücke bei Saint-Nazaire, erreichten wir unser nächstes Ziel Le Croisic direkt am Atlantik, wo wir eine Woche verweilen werden. Die Sonne scheint, noch weht kühler Wind über den Balkon des Hotelzimmers mit Meerblick, doch die weiteren Wetteraussichten sind vielversprechend.

La Chapelle-sur-Loire
Brücke über die Loire-Mündung
Hotelbalkonblick
Unser Balkon

Freitag: Die erste Nacht in Le Croisic schlief ich sehr gut und wachte bewusst erstmals nach sechs Uhr auf, vielleicht liegt es an der Seeluft. Das Hotel bietet kein Frühstücksbüffet an, stattdessen bestellt man das Gewünschte am Vortag mit einem Formular, auf Wunsch wird es dann morgens im Frühstücksraum serviert oder ins Zimmer gebracht. Wir entschieden uns heute für die zweite Variante und frühstückten windgeschützt auf der rückwärtigen Terrasse des Zimmers.

Nach dem Frühstück sogleich die erste Aktivität: eine kleine Wanderung um die Landzunge, auf der Le Croisic liegt. Mein Hirnradio spielte dazu „An der Nordseeküste“ von Klaus & Klaus, man kann es sich nicht immer aussuchen. Am Hafen stärkten wir uns in einer Crêperie mit – Überraschung: Crêpes, dazu eine Flasche Cidre; wie bereits am Montag geschrieben: Es muss nicht immer Wein sein. Mein Crêpe war gefüllt mit Frangipane, einer mir bis dahin unbekannten, mit Rum angereicherten Mandelcreme. Köstlich. Zurück zum Hotel ging es dann wesentlich schneller, durch den Ort gleichsam quer über die Zungenwurzel. Das Wetter war heute noch unentschieden, nicht sehr warm und nicht kalt, ab und zu leichter Niesel, zwischendurch lugte kurzzeitig die Sonne durch die Wolkendecke und ließ es augenblicklich warm erscheinen.

Bitte denken Sie sich links den Atlantik
Hafen von Le Croisic

Wir sind nicht die einzigen Deutschen hier. Während der Notiz vorstehender Zeilen auf dem Balkon radelten zwei jüngere Männer vorüber, leicht bergan und gegen den Wind. „Wir können heute Abend doch mit den Fahrrädern fahren“, schlug der hintere vor. „Auf gar keinen Fall“ lautete die Antwort des vorderen.

Das Abendessen fand heute auf dem Balkon mit Seeblick statt, der Liebste hatte dafür etwas eingekauft, dazu gab es den Champagner, den uns die Hotelleitung in Beaune geschenkt hatte. Nach den zahlreichen Restaurantbesuchen der letzten Tage war so ein kleines Abendessen eine willkommene Abwechslung. Während wir also saßen und aßen, stand ein paar hundert Meter entfernt auf einem der vorgelagerten Felsen ein hell gekleideter Mann mit dem Rücken zum Meer, den Arm vor sich ausgestreckt, offenbar machte er Selfies oder ein Video. Dabei zeigte er beeindruckende Ausdauer, schätzungsweise eine Stunde verharrte er so, wechselte ab und zu den Arm, bewegte sich jedenfalls nicht von der Stelle. Vielleicht ein YouTube-Prominenter oder Influencer, was weiß ich; er wird seine Gründe gehabt haben. Erst als aus Westen Nebel aufzog, verließ er seinen Standort, drehte sich am Ufer eine Zigarette und verschwand schließlich in Richtung Stadt.

Suchbild mit Nebel und Influencer

Mit dem Nebel kam auch deutliche Kühle auf, die uns vom Balkon nach drinnen vertrieb, wo wir in behaglicher Zimmerwärme und weiterhin mit vernebeltem Seeblick den Champagner leerten. Morgen soll es bis zu siebenundzwanzig Grad warm werden. So recht glauben kann ich es nicht, wir werden sehen beziehungsweise fühlen.

Samstag: Die Wettervorhersage hat nicht zu viel versprochen, seit dem Mittag ist es warm. Morgens zog noch etwas Dunst über das Meer und auf dem Weg vormittags in die Markthalle war ein Jäckchen angebracht, das änderte sich dann rasch. Den Nachmittag verbrachte ich in leichter Sommerkleidung auf dem Balkon und widmete mich der Schreiberei, während in meinem Blickfeld Menschen in den Fluten planschten und Menschen in Deutschland eine unsommerliche Kühle beklagen.

Auch hier gibt es Ebbe und Flut, mit einem Tidehub von vier Metern und darüber hinaus wesentlich ausgeprägter als in Büsum und anderswo an der Nordsee. Und doch fällt es dort mehr auf. Während sich da das Wasser bei Ebbe um hunderte Meter zurückzieht und großflächig das Watt freilegt, sind es hier nur einige -zig Meter und die Felsen ragen etwas mehr aus dem Wasser.

Apropos Meer: Abends ließen wir uns im Bistrot gegenüber eine Meeresfrüchteplatte kommen. Dazu wurden Werkzeuge gereicht, deren Anblick sonst auf Esstischen zumindest für einen Kulinarikbanausen wie mich ungewohnt ist. Nun denn: Die Austern ließen sich auch vom Ungeübten mit der Gabel aus ihrer Halbschale heben, wobei ich mich nach wie vor frage, was die Menschheit oder wenigstens ein Teil davon so toll an diesem salzigen Schleim findet. Auch die Schnecken in zwei Größen – klein und ganz klein – ließen sich mit dem beiliegenden Stechwerkzeug recht einfach aus den Häuschen zerren. Schwieriger wurde es bei den Riesengarnelen (oder wie die hier heißen), bei denen ich alles vergessen konnte, was ich einst in Büsum über das Krabbenpulen gelernt habe. Erst bei der vierten (von fünf) hatte ich es einigermaßen raus, wobei der Aufwand, die paar Fleischfasern aus den Ärmchen zu lösen, in keinem vertretbaren Verhältnis zum Ertrag steht. Schließlich der halbierte Riesen-Taschenkrebs (auch hier fehlt mir gerade die korrekte regionale Bezeichnung) im Zentrum der Platte: Aus dem Körper quoll eine unappetitliche graue Masse, die ich unangerührt ließ, dem Rest war unter Zuhilfenahme der Nussknackerzange und dem Stecheisen einigermaßen beizukommen. Immerhin war ich am Ende zwar nicht übersättigt, indes auch nicht mehr hungrig. Fazit: Kann man mal machen, gerne aber nicht oft.

Essbesteck

Während wir uns durch das Meeresgetier kämpften, planschte nebenan eine Gruppe aus jungen Leuten und einem riesigen aufblasbaren Schwan im zurück gehenden Wasser, dazu legten einige der Jungs das altersübliche Balzgehabe an den Tag. Ein anderes junges Paar erregte meine Aufmerksamkeit: Sie gingen langsam in Richtung Wasser, das Mädchen trug einen Badeanzug, der Junge war bekleidet mit Schuhen und hochgezogenen Socken, Shorts, die zumindest aus der Ferne nicht nach Badehose aussahen und einem langärmeligen Pullover. So gingen sie, bis ihnen das Wasser ungefähr bis zum Bauch reichte, verharrten dort einige Minuten, dann gingen sie zurück bis zum Strand unterhalb der Promenade, legten sich dort noch einige Zeit in den Sand und verschwanden schließlich. Womöglich war er etwas schamhaft, in jungen Jahren ist das ja nicht ungewöhnlich, man kennt es vielleicht aus eigener Erfahrung.

Gruppenbild mit Schwan

Apropos Meeresfrüchte: Laut einem Zeitungsbericht droht Deutschland wegen der EU-Sanktionen gegen Russland bald eine Fischstäbchenkrise. Auch das noch, möchte man entsetzt ausrufen. Unterstützung der Ukraine schön und gut, aber doch nicht unter Gefährdung der Fischstäbchenversorgung!

Apropos Konsequenz: Dem Vernehmen nach hat die Fußballweltmeisterschaft begonnen. In den Blogs zahlreiche Artikel, die aus nachvollziehbaren Gründen – Geldgier des einen, Geltungssucht des anderen – fordern, die Spiele zu ignorieren. Auch ich werde mir kein Spiel anschauen, auch nicht, wenn Wir spielt, wie bei jedem Turnier. Nicht in erster Linie aus oben genannten Gründen, vielmehr weil es mich von Natur aus nicht interessiert. Andere werden es tun, viele auch bereit sein, die horrenden Preise für Anreise, Hotel und Tickets zu zahlen, um leif dabei zu sein, einfach weil sie sich für Fußball begeistern. Es liegt mir fern, sie dafür zu tadeln; ich wäre der letzte, der sich dafür rühmt, stets konsequent zu handeln.

Sonntag: Zu den Situationen, in denen ich stundenlang sitzen und untätig schauen kann, ohne mich auch nur eine Sekunde zu langweilen, gehört neben Bahnfahren und Kaminfeuer eine Schifffahrt. Die unternahmen wir heute, und zwar ab Vannes etwa drei Stunden lang durch den Golf von Morbihan. Dazu mussten wir eine Stunde früher aufstehen als üblich, es hat sich gelohnt. Manchmal muss man Opfer bringen.

Balkonblick, morgens. Am Horizont leuchten die Hochsee-Windkraftanlagen, nach meiner Zählung 71 an der Zahl
Golf von Morbihan
Darinnen zahlreiche Inseln, hier die Île de Berder
Geradeaus der Atlantik

Zum Abendessen waren wir in einer im besten Sinne „einfachen“ Brasserie am Hafen von Le Croisic. Nach dem gestrigen Meeresfrüchtegemetzel habe ich die Bratwurst mit Pommes sehr genossen.

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Für uns bricht die letzte Urlaubswoche an, bis Mittwoch weiterhin hier in Le Croisic, danach weiter in die Champagne.

23:30