Woche 20/2026: Beeindruckt und übermenscht in Paris

Montag: Wie angekündigt kam über Nacht der Regen, der bis zum Nachmittag fiel und eisheilige Kühle mit sich brachte. Auch diese Woche beginnt mit einer Dienstreise, über zwei Tage nach Bad Breisig, wo wir aus demselben Anlass und im selben Hotel schon mehrfach tagten. Die Bahnfahrt morgens hierher verlief auf die Minute pünktlich, das darf man mal lobend hervorheben.

Vom Bahnhof zum Hotel ging ich zu Fuß über die Uferpromenade, vorbei an den Cafés und Restaurants mit Rheinblick, die zur verregneten Morgenstunde noch geschlossen waren und heute vermutlich keinen größeren Ansturm erwarteten.

Auf dass ein jeder Teilnehmer sein Laptop laben kann, waren im Tagungsraum Mehrfachsteckdosen ausgelegt in einer Weise, die jede Sicherheitsfachkraft grausen ließe. Doch es ging gut, weder ein Kabelbrand noch sonstiges Unbill störten den Verlauf.

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Das Tagungsprogramm verlief gut, gut auch die allgemeine Stimmung der Teilnehmer. Direkt im Anschluss an den geschäftlichen Teil wurde anlässlich der bevorstehenden Zurruhesetzung des Kollegen Schaumwein gereicht. Eine Woche kann auch ohne Regen wesentlich trüber beginnen.

Das Hotelzimmer ist geräumig, indessen insofern unpraktisch, als dass weder das Bett noch das Sofa über ein festes Kopfende verfügen, an das man zum Lesen und Schreiben den Kopf stützen könnte. Das Fehlen eines Jackenhakens möchte ich nicht schon wieder bejammern, allenfalls erwähnen. Macht man sich wohl der Sachbeschädigung schuldig, wenn man selbst einen mitbringt und an den Kleiderschrank schraubt?

Dienstag: Nach erfreulichem Verlauf auch des zweiten Tages der Tagung war ich kurz im Büro, wo ich einige Kleinigkeiten erledigte, anschließend ging ich zu Fuß nach Hause. Dort blieben mir knapp zwei Stunden zum Auspacken und zur Erledigung von Notwendigkeiten, dann musste ich mich schon wieder aus gleichsam beruflichem Anlass in die Gastronomie begeben, wohin der bereits gestern erwähnte ruhestandsnahe Kollege die Bonner Kollegen geladen hatte. Ein schöner Abend, dennoch bin ich froh, nun zu Hause zu sein und zur Abwechslung mal wieder im eigenen Bett schlafen zu können.

Per Post kam Werbung von einem Hörakustiker mit dem Angebot eines kostenlosen Hörtests. Die Gelegenheit nahm ich wahr, für Ende Mai einen Termin zu buchen. Vielleicht kann ich irgendwann wieder bei kollegialen und ähnlichen Zusammenkünften wie heute Abend den Gesprächen folgen, ohne dauernd „Wie bitte?“ sagen zu müssen.

Mittwoch: Zur Abwechslung mal wieder ein normaler Büroarbeitstag mit Aufarbeiten von Mailrückständen, Besprechungen, Kantinenessen und anschließendem Treppensteigen. Fast habe ich es vermisst nach zahlreichen Tagen außer Haus. Am Ende des Arbeitstages war noch etwas Arbeit übrig, das ist nicht schlimm, Montag komme ich wieder. Wenn mich bis dahin nicht der Schlag trifft oder eine andere Imponderabilie zuschlägt.

Doch das Reisen geht weiter. „Ich war noch niemals in New York“ sang einst der wunderbare Udo Jürgens. Ich auch nicht, will ich auch gar nicht. Allerdings war ich auch noch nie in Paris, das ändern wir morgen. Dafür wurden abends die Koffer gepackt, morgen früh fahren wir los, Sonntag kehren wir zurück. Ich freue mich darauf und bin sehr gespannt.

Donnerstag: Wie morgens im Radio gemeldet wurde, ist der Weinkonsum zurückgegangen. An mir liegt das nun wirklich nicht.

Das Verkehrsmittel der Wahl für die Fahrt nach Paris war das Auto, weil, wie der Liebste schon vor Monaten geschaut hatte, die Bahnfahrt für drei Personen an diesem verlängerten Wochenende über neunhundert Euro gekostet hätte. Die Fahrt verlief gut, die Autobahnen waren nicht so voll wie erwartet. Zwischendurch begleitete uns heftiger Regen.

Spontaner Gedanke beim Durchfahren eines Autobahnkreuzes: Das Wäldchen innerhalb eines Kleeblatts wäre der ideale Ort, um eine Leiche zu entsorgen, wohl niemand wird dort danach suchen. Vorausgesetzt, man schafft es, sie unbemerkt dort abzulegen. Daran könnte es scheitern, besser also, man möchte keine Leiche entsorgen. Ich weiß nicht, wie ich darauf kam, aktuell hege ich keinerlei derartigen Absichten.

Nach fünf Stunden erreichen wir mittags die Stadtgrenze von Paris, wenig später sah ich erstmals ganz kurz in der Ferne die Spitze des Eiffelturms, es gibt ihn wirklich. Eine halbe Stunde später fuhren wir am Hotel vor, wo wir zunächst nur die Koffer abgaben, das Zimmer war noch nicht fertig. Dann brachten wir das Auto in die nahe Tiefgarage und begaben uns anschließend zur leiblichen und geistigen Stärkung in ein Café.

Regen immer wieder auch hier in Paris, während wir nach oben erwähnter Stärkung eine erste Runde durch die Stadt gingen. Der Weg führte vorbei an zahlreichen Geschäften der bekannten Luxusanbieter, an den Türen jeweils Herren in dunklen Anzügen mit finsterem Blick und Knopf im Ohr. Das muss ein äußerst langweiliger Job sein, deswegen vielleicht der Blick.

Der erste Tag endete nach einem Restaurantbesuch an der Seine mit einer touristischen Schifffahrt auf dieser, zum Ende vorbei am beleuchteten Eiffelturm. Zweifellos ein beeindruckendes Bauwerk. Zurück zum Hotel fuhren wir mit dem Linienbus, der sich als echte Klapperkiste erwies. Bei der Fahrt über das Kopfsteinpflaster rappelten die Fenster, als wären die Scheiben nur lose mit viel Spiel eingefasst gewesen. Jedenfalls kamen wir unversehrt an und schlossen den Tag mit einem letzten Rosé in der Hotelbar ab. Auf dass der Weinkonsum wenigstens in Frankreich nicht in Schieflage gerät.

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Freitag: Der Vorteil, wenn man täglich was ins Blog schreibt und nur einmal wöchentlich veröffentlicht, ist, dass es an Tagen, an denen kaum Zeit zum Bloggen, geschweige denn andere Blogs zu lesen ist, genügt, einige Stichwörter zu vermerken, die dann später, spätestens bis zum Redaktionsschluss am Sonntagabend, notfalls auch erst bis montagfrüh zu ganzen Sätzen zusammengefügt werden können, sofern ich später noch weiß, was mit den Stichwörtern gemeint war. So ein Tag war heute.

Frühstück gibt es im Hotel bis zehn Uhr, das bedeutet auch heute zeitiges Aufstehen. Das Maison Astor im 8. Arrondissement ist gut und für Pariser Verhältnisse einigermaßen günstig, das Zimmer für drei Personen groß genug, mit Haken für Jacken. Nur das Bad ist unpraktisch, zwar geräumig, jedoch bietet es kaum Ablageflächen und Halterungen für Handtücher. Die Hotelbar für das abendliche Schlussgetränk ist gemütlich.

Nach dem Frühstück besichtigten wir die Kaufhäuser Printemps und Galleries Laffayette mit ihren beeindruckenden Glaskuppeln und Aussichtsterrassen. Wir waren bei weitem nicht die einzigen Touristen, die nur zum Kucken kamen und nichts kauften. Überhaupt ist die Stadt, wenig überraschend, an diesem Wochenende stark besucht, auch zahlreiche Deutsche unter den Touristen. An vielen Stellen bilden sich lange Warteschlangen: vor einigen Restaurants und Läden, nicht immer ist auf Anhieb zu erkennen, wofür man ansteht. Vielleicht weil dort unlängst irgendein bedeutender Instagrammer einen viralen Furz gelassen hat. Vor den bekannten Sehenswürdigkeiten sowieso, etwa vor der wieder aufgebauten Kathedrale Notre Dame, wo sich die Schlange mehrfach um den Vorplatz wand; ich bin meinen Lieben dankbar, wie ich keinen Wert darauf zu legen, ein solches Objekt zu besichtigen.

Kaufhaus Printemps
Blick von der Aussichtsterrasse des Printemps
Tinnef im Kaufhaus Galleries Laffayette

Mittags fuhren wir mit der Metro nach Pigalle, wo der Liebste eine Bouillon* für das Mittagessen ausgesucht hatte. Da sich auch davor bei unserer Ankunft bereits eine lange Schlange gebildet hatte, suchten und fanden wir ein anderes Lokal, wo wir gut und günstig aßen. Nur beim Digestif handelten wir unbedacht: Vierzehn Euro für einen Hauch Armagnac trieben auch dort die Rechnung in dreistellige Höhe. Man gönnt sich ja sonst nichts, wie es früher mal in der Werbung hieß.

*Nicht eine Brühe, sondern ein derart bezeichnetes traditionelles Restaurant.

Nach dem Essen gingen wir hoch nach Montmartre, vorbei an zahlreichen Geschäften mit Touristentinnef wie Eiffeltürme in allen Größen und Materialien, auch Plüsch, und Baskenmützen. Vor der Standseilbahn wieder eine lange Warteschlange ungefähr von derselben Länge wie die überwundene Strecke der Bahn. Also zu Fuß hoch, für mich dank werktäglichem Turmtreppensteigens kein Problem, auch die Lieben schafften es ohne nennenswerte Atemnot. Oben wieder Touristen in Massen, immerhin wird man mit einem passablen Blick über die Stadt belohnt. Zurück fuhren wir mit dem Bus, auch das wegen der engen, abfallenden Straßen und immer wieder beiseite gebimmelten Menschen ein Erlebnis.

Wartende auf die Standseilbahn zum Montmartre
Blick vom Montmartre

Zum Abendessen besuchten wir das Le Train Bleue im Gare de Lyon, ein riesiges, unbedingt sehenswertes Restaurant am Kopf des Bahnhofs mit aufwendiger Deckenmalerei, gutem Essen und Service, aufgrund der Größe nur etwas laut. Zurück fuhren wir mit dem Bus, der sich ohne größere Hemmungen seinen Weg durch den lebhaften Straßenverkehr bahnte. Nach Ankunft nahmen wir einen letzten Rosé in der Hotelbar, anschließend fiel ich erschöpft und reichlich übermenscht in tiefen Schlaf.

Le Train Bleue

Samstag: Vormittags fuhren wir mit dem Bus ins 4. Arrondissement, das architektonisch noch dem alten Paris entspricht, bevor im neunzehnten Jahrhundert alles platt gemacht und neu aufgebaut wurde. Auffallend viele Läufer liefen durch die Straßen, nicht gerade die ideale Laufstrecke, sie werden ihre Gründe gehabt haben.

Place des Vosges

Im 1. Arrondissement, an der Ecke Rue Saint-Honré / Rue des Prouvaires saß ein Rabe auf einer Balkonbrüstung und beschimpfte mit großer Freude die Touristen.

Mit der Metro fuhren wir zum Triumphbogen, auch der ein beeindruckendes Monument. Genauso beeindruckend der Wagemut, mit dem sich Kraftfahrzeuge aller Art, vom Kleinwagen bis zum Omnibus, hupend in den großen Kreisverkehr um das Bauwerk einfädeln. Auch hier gilt, was nicht nur für Paris, sondern fast jede Stadt und Autobahn gilt: Es gibt viel zu viele Autos.

Foto: der Geliebte

Der öffentliche Nahverkehr in Paris ist ausgezeichnet. Alle paar Minuten fährt ein Bus und eine Metro, mit dem bereits in Deutschland in die Wallet des Telefons geladenen Wochenticket kann man sie jederzeit nutzen. Man muss nur das Telefon an die Kontaktstellen in den Stationen und Bussen halten, ohne es vorher aufzuwecken. Sehr praktisch.

Metro-Station Solferino

Zum Abendessen suchten wir eine Bouillon auf der anderen Seineseite (der Kölner und Bonner würde sagen: op de Schäl Sick; ob die Pariser dergleichen sagen, weiß ich nicht) auf. Auch hier waren wir sehr zufrieden. Übrigens erlebten wir weder hier noch in den anderen besuchten Restaurants die Arroganz des Personals Auswärtigen gegenüber, von der regelmäßig zu hören ist. Überall war man sehr freundlich und sprach bei Bedarf englisch.

Als Nebenthema ergab sich eine Diskussion meine Kopfbedeckung betreffend. Das ist nämlich so: Zu meinem letzten Geburtstag bekam ich eine Mütze geschenkt, so ein Modell, das allgemein Schiebermütze genannt wird, vermutlich wissen Sie, was ich meine. Die trage ich in der Freizeit gerne. Nun ist die Frage, wann man sie auf- und wieder absetzt (für Rheinländer: an- und auszieht). Ich bin der Meinung, zusammen mit der Jacke, also Jacke an, Mütze auf, Jacke aus, Mütze ab. Der Liebste meint hingegen, in geschlossenen Räumen trägt Mann auf keinen Fall eine Kopfbedeckung, auf dem Weg vom Hotelzimmer bis zur Straße sei sie also in der Hand zu halten. Sie sehen, auch ich habe es nicht immer einfach.

Sonntag: Nach dem Frühstück verließen wir Paris über erstaunlich wenig befahrene Innenstadtstraßen. Dafür standen wir vor Aachen im Stau. Es gibt einfach zu viele … siehe oben. Das also war mein erster Besuch von Paris; ich hoffe, nicht der letzte. Au revoir. Und merci beaucoup an den Liebsten für die hervorragende Planung!

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Für mich steht die nächste Dienstreise an, dieses Mal von Dienstag bis Donnerstag in die Nähe von Ulm.

18:30

Woche 19/2026: Zwei Dienstreisen, fehlende Jackenhaken, eine Satin- und eine Silberhochzeit

Montag: Vormittags verließen wir Bonn in Richtung Dresden, wo wir nach zügiger, ansonsten ereignisarmer Autofahrt an zahlreichen blühenden Landschaften Rapsfeldern vorbei fünf Stunden später bei Sonnenschein und Vorsommerwärme ankamen und bis Mittwoch bleiben werden.

Das Hotel, direkt am Hauptbahnhof gelegen, macht einen guten Eindruck. Mein Zimmer hat dieselbe Nummer 345 wie das vor zwei Wochen in Höxter, was auch immer mir höhere Mächte damit sagen wollen. Vielleicht, wahrscheinlich wollen sie gar nicht und es ist nur Zufall. Einen Jackenhaken gibt es auch, das ist in vielen Häusern nicht selbstverständlich.

Einzig um das Haus-WLAN nutzen zu können, musste ich Mitglied in einem Hotelkettenclub werden und bekomme von nun an vermutlich regelmäßig Angebote per Mail zugesandt.

Ein gutes Haus

Dienstag: Lobenswert auch die angemessene Größe der Saftgläser beim Frühstücksbüffet.

Der erste Tag der ersten Dienstreisenetappe lief gut. Nur heute hatte ich eine Sprechrolle, morgen beschränkt sich meine Funktion überwiegend auf zuhörend-dekorative Teilnahme.

Die zwei Stunden zwischen Tagung und Abendvergnügen nutze ich für eine Runde durch die Stadt, unter anderem um eine Glückwunschkarte zu erstehen für die Silberhochzeit, zu der wir am Samstag eingeladen sind. Erster Anlaufpunkt war der Hauptbahnhof nebenan, wo ich eine Bahnhofsbuchhandlung mit Glückwunschkartensortiment vorzufinden hoffte. Die gibt es dort auch, die Kartenauswahl umfasst jedoch nur Geburtstage, Mutterschaft, Jugendweihe, allgemeiner Dank, Hochzeit und Goldene Hochzeit, jedoch nicht Silberhochzeit. Fündig wurde ich schließlich im großen Drogeriemarkt mit den zwei Buchstaben, konnte sogar zwischen verschiedenen Ausführungen wählen.

Danach ging ich weiter durch die Fußgängerzone, vorbei an mehreren riesigen Einkaufsstätten, bis zur Elbe. Auf dem Altmarkt ist zurzeit eine Art Weihnachtsmarkt, nur ohne Engel, Kunstschnee und Last Christmas; ob Glühwein ausgeschenkt wird, habe ich nicht geprüft. In Flussnähe kaufte ich örtliches Schokoladenkonfekt für die Lieben zu Hause, dann fuhr ich mit der Straßenbahn zurück, dank Deutschlandticket ohne mir Gedanken über den benötigten Fahrschein machen zu müssen.

Dann waren die zwei Stunden fast vorbei, es blieb nur noch Zeit für ein kurzes Telefonat mit dem Liebsten und diese Tagesnotiz.

Mittwoch: Nach dem Mittagessen verließen wir Dresden (bei Sonnenschein und Wärme) zur zweiten Etappe der Rundreise, die in Ostbevern bei Münster stattfindet. Staubedingt kamen wir erst recht spät (bei Himmelstrübe und Kühle) an, was kein Problem war, die Versorgung mit Essen und Trinken war jederzeit sichergestellt.

Das Hotel ist interessant (was bis auf den fehlenden Jackenhaken positiv gemeint ist), mehr dazu aus Zeitgründen (ich schreibe jetzt nicht, wann und bei welcher Verrichtung diese Zeilen notiert wurden) voraussichtlich morgen.

Donnerstag: Der erste Tag der zweiten Etappe verlief zufriedenstellend, ich fühlte mich kompetent und in meinen Vorträgen sicher, das ist ja auch mal ganz schön.

Danach, am späten Nachmittag, verspürte ich dringenden Alleinseibedarf und unternahm einen Spaziergang durch die umliegenden Felder. Es war trocken, ab und zu schaute die Sonne durchs Gewölk, dabei deutlich kühler als (vor-)gestern in Dresden, Jackenwetter. Ich bin übrigens verliebt in die neue Jacke, die ich wie berichtet letzten Samstag gekauft habe, ich finde, wir passen perfekt zueinander.

Das Hotel, teilweise in den historischen Räumlichkeiten einer ehemaligen Kaseinfabrik, liegt etwa fünf Kilometer nordwestlich von Ostbevern, umgeben von viel Gegend. Die Zimmer sind individuell nach Themen gestaltet, so gibt es unter anderem ein Musik-, Mittelalter-, König-Ludwig-, Reiter-, Fußball-, Nordsee-, Unterwasser-, Starwars-, Wein-, Ski- und ein Boxring-Zimmer. Meins nennt sich Lounge-Zimmer, außer einem Himmelbett in ungewöhnlichem Design weist es keine nennenswerten Besonderheiten auf, ich bin, vom fehlenden Jackenhaken abgesehen, zufrieden.

Loungezimmerbett
Hotelfensterblick
Unendliche Münsterlandweiten
Service für Frau Anje: Nicht weit von Ihrem Erstwohnsitz entfernt gibt es sechs Eier für 2,60€. Wenn sie nicht gerade ausverkauft sind.

So, jetzt entschuldigen Sie mich bitte, es gibt Abendessen.

Freitag: Wie üblich, wenn ich Teil einer größeren Gruppe in beruflichem Zusammenhang bin, verzichtete ich auf das Frühstück, um Gespräche vor neun Uhr auf das unbedingt notwendige Maß zu beschränken.

Vormittags erhielt ich eine Besprechungsanfrage für kommenden Montag. Da ich dann keine Zeit habe, wie für jedermann in meinem bestens gepflegten Outlook-Kalender sichtbar, lehnte ich ohne nähere Begründung ab. Mittags fragte die Einladerin per Mail an, ob ich vor dem 15. Zeit hätte, wenn ja, möge ich ihr eine Besprechungsanfrage senden. Warum sollte ich? Ich antworte knapp mit der Empfehlung, einen Blick in meinen oben genannten Kalender zu werfen, der am Mittwoch noch freie Lücken aufweist.

Als wir nach Ende der Tagung zum Parkplatz gingen, rollkofferte eine bunte Schaumweindamengruppe auf den Hoteleingang zu. Die mutmaßlich dazugehörigen Herren verweilten noch etwas bei den Kraftfahrzeugen, von wo laute Wummermusik schallte. Es wurde Zeit zur Abreise für uns.

Zurück in Bonn, besuchten wir abends die örtliche Gastronomie, wo wir auf den 24. Hochzeitstag anstießen, auch „Satinhochzeit“ genannt, auf dass ein jedes seinen Namen habe. Ohne Hochzeitstag wären wir sehr wahrscheinlich auch ausgegangen und hätten auf das Wochenende angestoßen, auf dass ein jedes seinen Anlass habe.

Samstag: Um gar nicht erst aus dem Reisetrott zu kommen, verließen wir zeitig die Schlafstätte, frühstücken im Sonnenschein beim französischen Café, danach fuhren wir mit dem Auto nach Bielefeld. Dort sammelten wir die Mutter ein und fuhren weiter nach Dransfeld bei Göttingen, wo die ehemals kleine Cousine und ihr Gatte zur Silberhochzeit geladen hatten, was einmal mehr verdeutlicht, wie sehr die Zeit rast.

Entgegen meiner sonstigen Gewohnheit hatte ich heute Lust, über Land von Bielefeld nach Dransfeld selbst zu fahren, da wir diese Strecke in meiner Kindheit und Jugend sehr oft gefahren waren, wenn wir die Großeltern am Rischenkrug besuchten. Doch gelang es nur noch abschnittsweise, die alte Route zu nehmen, da zwischenzeitlich viele neue Straßen gebaut worden sind, die früher durchfahrene Dörfer umgehen, wogegen die Anwohner vermutlich nichts einzuwenden haben; auch die Stadt Holzminden wird großräumig umfahren. Frau Navi hatte zudem häufiger eine andere Vorstellung von der besten Strecke als meine Erinnerung. Wie auch immer, nach angenehmer Fahrt, vorbei an leuchtenden Rapsfeldern und durch insbesondere hinter Holzminden idyllische Fachwerkdörfer (die noch keine Umgehungsstraße haben) erreichten wir zwei Stunden später das Ziel Dransfeld.

Dieses wunderschöne Exemplar steht in Güntersen
Dransfeld
Eine in der Region häufig anzutreffende Spezialität: mit Dachziegeln verkleidete Wände

Die Feier auf dem Saal war sehr schön, es war erfreulich, lange nicht gesehene Cousins, Cousinen sowie Onkel und Tanten wiederzutreffen, sofern sie nicht verhindert waren oder überhaupt noch leben. So ist nunmal der Lauf der Dinge, die Elterngeneration tritt nach und nach ab, meine Generation sieht dem Ruhestand entgegen oder hat ihn längst erreicht, die nächste hat ihrerseits schon Kinder. Spätestens da verliere ich den Überblick, wer zu wem gehört, wenn man sich nur alle paar Jahre sieht. Und wir müssen davon ausgehen, dass die nächsten Wiedersehen in diesem Kreise nicht nur erfreuliche Anlässe haben.

Einzig die Musik, die schon recht früh sehr laut gespielt wurde, empfand ich, und nicht nur ich, als störend, da sie Unterhaltungen stark erschwerte oder unmöglich machte, was uns wie so Raucher zeitweise in die Abendkühle vor die Halle trieb. Immerhin legte der Dietschäi mit Rücksicht auf uns Ältere immer wieder Musikpausen ein, auf dass genug gesprochen werden konnte.

Einer Unterhaltung war zu entnehmen, man sei zum Shoppen in Hameln gewesen. Nun finde ich den Gebrauch des Wortes Shoppen an sich schon affig-albern, der Zusammenhang mit Hameln setzt dem noch eine Sahnehäubchen auf, ohne den Besuchswert und die Attraktivität dieser Stadt in Frage stellen zu wollen, zumal ich sie nicht gut kenne.

Sonntag: Dank umsichtiger Alkoholzufuhr am Vorabend kamen wir gut und nachwirkungsfrei aus den Hotelbetten, mein drittes Hotel innerhalb einer Woche. (Keine Jackenhaken im Zimmer, kleine Saftgläser beim Frühstück, ansonsten in Ordnung.) Im Frühstücksraum hielten sich neben uns weitere Silberhochzeitsgäste auf, aus Hamburg, die sich entgegen dem gängigen Klischee die Bewohner dieser Stadt betreffend als gesprächig erwiesen, und zwar in durchaus angenehmer Weise.

Hotelfensterblick, morgens

Die Rückfahrt verlief gut, erst wieder, dieses Mal gemäß Frau Navi, über die Dörfer bis Bielefeld, wo wir die Mutter absetzten, dann weiter über die Autobahn bis Bonn. Hier kamen wir so zeitig an, dass noch Zeit blieb für einen Spaziergang an den Rhein, der gar nicht zufällig am Lieblingsbiergarten entlangführte.

Nach Rückkehr packte ich schon wieder den Rucksack für die nächste Dienstreise morgen und übermorgen nach Bad Breisig, also nicht sehr lang und nicht sehr weit. Hauptsache, immer in Bewegung bleiben.

Spaziergangsbild, nachmittags

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. Kommen Sie gut durch die Woche. Meine Arbeitswoche endet bereits am Mittwoch, dann steht die nächste Reise an: nach Paris. Keine Dienstreise.

19:30

Woche 18/2026: Fresse halten, fröhlich sein

Montag: Die neue, kurze Arbeitswoche begann durchgehend sonnig und ohne nennenswerten Verdruss. Die Morgentemperaturen sind vier Tage vor Mai noch steigerungsfähig; das wird schon, wenn die Wetteraussichten zutreffen. Bis dahin gibt es Handschuhe. Mittags in der Kantine gab es Spargel, erstaunlicherweise ohne olfaktorische Auswirkungen hinterher, Sie wissen schon. Ob sich daraus etwas über die Qualität der Erdgemüsestangen folgern lässt, weiß ich nicht. Ansonsten endete der Arbeitstag wegen des letzten Physio-Termins für den weiterhin genesenden Ellenbogen zeitig, was sich ungefähr mit meiner Arbeitslust deckte.

Dienstag: In der Nacht, vielleicht war es schon früher Morgen, ich schaute nicht auf die Uhr, lärmte ein Hubschrauber über der Siedlung, was mich aus dem Tuche nötigte, um das Fenster zu schließen. Wie die Zeitung heute berichtete, suchte die Polizei eine vermisste Jugendliche. Für mich ist es immer wieder ein Rätsel, wie es mithilfe eines Hubschraubers gelingt, in einer Stadt eine Person zu finden, aber es gelang wohl. Übertitelt ist der kurze Artikel mit „Deshalb kreiste am frühen Dienstagmorgen ein Hubschrauber über Bonn“. Keine Artikelüberschrift in Onlinemedien kommt heute noch ohne dieses Deshalb aus oder Das (z.B. „sind die Gründe“), beliebt auch Warum (z.B. „die Spritpreise weiter steigen)“. Wie auch berichtet wird, kontaktierten wegen des Hubgeschraubes mehrere Personen die Zeitung. Warum tut man das? Ähnlich verwunderlich immer wieder, wenn irgendwo die Erde bebt und die Leute deswegen die Polizei anrufen. Was soll die tun?

Dienstagsüblich ging ich zu Fuß ins Werk. In Turmnähe sind seit Jahren rätselhafte Zeichen auf die Gehwege gemalt, ein C und ein R, dazwischen ein Pfeil. Diese Markierungen, die regelmäßig nachgepinselt werden wie eine auf Dauer angelegte Schnitzeljagd, reichen mindestens bis in den Rheinauenpark. Wer weiß, vielleicht wartet am Ziel ein Schatz für CR, also Carsten Rainer. Vielleicht sogar kann ich als einziger diese Zeichen sehen, wie Harry Potter das Gleis 9 3/4. Irgendwann nehme ich mir mal die Zeit, dieser Spur systematisch zu folgen. Wenn dann am Endpunkt statt einer Truhe Gold ein Biergarten liegt, wäre das auch nicht schlecht.

Sehen Sie es?

Dass gut gemeint und gut gemacht oft auseinanderliegen, lässt sich neben dem Turm besichtigen. Dort liegt neben einer flachstufigen Treppe eine ebenfalls ansteigende Rasenfläche, die in der Vergangenheit regelmäßig von Fahrrädern, manchmal augenscheinlich auch Kraftfahrzeugen befahren wurde. In einem entsprechenden Zustand befand sie sich, gerade nach Regenwetter. Um dem zu begegnen, wurden dort vor einiger Zeit Felssteine aufgereiht, allerdings in einem derart großzügigen Abstand, der Fahrrädern kein ernsthaftes Hindernis bietet. Das könnte sich die derzeit amtierende Bundesregierung ausgedacht haben: Hauptsache, irgendwas machen, egal, ob es wirkt. Immerhin müssen und dürfen Kraftfahrzeuge nun die Treppe befahren, worauf ein Schild ausdrücklich hinweist.

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Morgens schaute kurz nach Ankunft im Büro eine länger nicht gesehene Kollegin, die auch schon lange dabei ist, bei mir rein mit den Worten „Wie lange noch?“, womit sie nicht wissen wollte, wann ich heute zu gehen beabsichtigte. Nachdem wir uns gegenseitig einstellige Zahlen genannt hatten, gingen wir zufrieden an die anstehenden Gewerke. Es gehört wohl zum guten Ton unter Kollegen über fünfzig, einander diese Frage zu stellen, ich merke es an mir selbst zunehmend.

Dazu passend und gleichwohl zufällig traf ich bei der Heimkehr den jungen Nachbarn, der seiner Freude über den beendeten Arbeitstag Ausdruck verlieh und diese mit dem Satz „Noch neunundzwanzig Jahre“ abrundete. Als ich mit meiner deutlich niedrigeren Zahl entgegnete, war ein gewisser Neid nicht zu übersehen; seine Antwort „Das hätte ich jetzt nicht gedacht“ werte ich als Kompliment betreffend mein gut erhaltenes Äußeres, danke dafür.

Auf dem Rückweg vorher gönnte ich mir einen Maibock vor dem bayrischen Wirtshaus in der Innenstadt und las dabei die Blogs. Obwohl ich nicht sehr schnell trank, reichte die Zeit eines halben Liters nicht, um alles zu lesen; die Mitblogger waren zu produktiv in den vorangegangenen zwölf Stunden oder ich lese zu langsam, weil ich mich immer wieder von vorbeigehenden Passanten ablenken lasse. Vielleicht sollte ich das Lesen beim Biertrinken überhaupt unterlassen und nur schauen. In Erinnerung geblieben ist mir nur ein älterer Herr im Anzug, der große Ähnlichkeit mit Opa Hoppenstedt aufwies und eine Pfeife im Mund trug, der allerdings kein erkennbarer Rauch entstieg. Pfeifenraucher sind selten geworden, stattdessen werden diese Elektrodinger gedampft, auch als Talahonflöten bezeichnet, wie ich vor längerer Zeit irgendwo las.

Mittwoch: Morgens fuhr ich an einem Plakat vorbei, das für eine Dinosaurier-Ausstellung wirbt. Wie das manchmal so ist, Sie kennen das vielleicht, sofort hatte ich dieses Lied im Kopf, den es in den nächsten Stunden nicht wieder verließ.

Um nicht selbst in den Ruf eines Dinosauriers zu geraten, zudem motiviert durch die Schulung vergangene Woche versuchte ich mich vormittags erstmals ernsthaft am Gebrauch künstlicher Intelligenz, namentlich dem bei uns zu verwendenden Copilot. Die Aufgabenstellung war nicht sehr kompliziert, er sollte ein vorhandenes Dokument in eine andere Form bringen, die ich ihm als Word-Vorlage hochlud. Inhaltlich war im Wesentlichen nichts zu ändern, auch die Kapitelüberschriften stimmten größtenteils überein, nur die Reihenfolge der Kapitel wich von der Ursprungsfassung ab. Ein Schülerpraktikant ohne fachliches Hintergrundwissen hätte es mühelos hinbekommen. Nicht so der Copilot: In der ersten Fassung war das Format ein anderes, die Inhalte der Kapitel waren nur rudimentär übertragen. Darauf hingewiesen, gab er mir recht, erging sich in Ausflüchte und versprach, nunmehr eine vollständige, korrekt formatierte Fassung zu erstellen. Und also befahl ich ihm. Die nächste Fassung hatte optisch gewisse Ähnlichkeit mit dem Gewünschten, inhaltlich blieb sie mager. Das ging noch einige Male so, bis ich immer trauriger wurde und von weiteren Versuchen absah. Anschließend kopierte ich die Inhalte selbst in das Zieldokument, was nur unwesentlich länger dauerte als die Zeit, die ich zuvor dem gepriesenen elektronischen Assistenten gewidmet hatte. Es dauert wohl noch etwas, bis wir Freunde werden. Wahrscheinlich lag es nur an meiner Unfähigkeit, richtig zu prompten.

Donnerstag: Für den heutigen Inseltag war die Bewanderung der sechsten Ahrsteig-Etappe von Walporzheim bis Bad Neuenahr geplant. Dem stand zunächst nichts im Wege, nach dem Frühstück im Bäckerei-Café am Bahnhof saß ich im Zug nach Ahrbrück, als die Durchsage kam: Wegen einer Störung im Stellwerk von Oberwinter (wozu gibt es dort immer noch ein Stellwerk?) verzögere sich die Abfahrt um unbestimmte Zeit. Wenig später die Durchsage: Aus vorgenanntem Grund fällt die Fahrt aus, man wisse nicht, wann der Oberwinterer Stellwerk wieder stellbereit ist, was auch immer es zu stellen hat. Nicht ausfallen musste deswegen mein Wandertag: Statt ins Ahrtal fuhr ich mit der Stadtbahn bis Alfter, um die Heimatblick-Runde durch das Vorgebirge und die Ville zu gehen; immer gut, wenn man ein paar Touren in Reserve gespeichert hat.

Kurz nach Start begann Komoot wieder zu phantasieren und die geplante Tour zu verstümmeln, schon vorletzte Woche beklagte ich das. Doch wie so oft ist der Anwender das Problem: Bei Neustart entdeckte ich den Schalter „Automatisch umplanen“, der sofort deaktiviert wurde, von da an lief die App zuverlässig; auf was man alles achten muss. Mein Vertrauen in die künstliche Intelligenz ist ein weiteres Mal erschüttert. In Alfter standen schon einige geschmückte Maibäume an den Fassaden, was mich wunderte, bislang nahm ich an, die würden erst in der Nacht zum 1. Mai aufgestellt. Vielleicht gelten diesbezüglich im Vorgebirge andere Regeln als in Bonn.

Die Wanderung bei Sonnenschein war wieder erbaulich. Ungefähr die erste Hälfte führt durch Wiesen und Felder mit Blick („Heimatblick“) über die Rheinebene, die zweite durch den Ville-Wald. Auch an einem Lavendelfeld kam ich vorbei; dass es in der Gegend eins geben soll, las ich vor längerer Zeit, seit heute weiß ich, wo. Kurz danach vernahm ich ein Geräusch, das Kuhglocken recht nahe kam, die Quelle konnte ich nicht ermitteln. Wozu also noch in die Provence oder ins Allgäu reisen, wenn es das alles vor der Haustür gibt? Ansonsten ist die Strecke wenig anspruchsvoll, ohne größere Steigungen und Unwegsamkeiten mit Stolperpotenzial. Das traf sich gut, die letzte Woche erstandenen Wanderstöcke hatte ich aus logistischen Gründen nicht dabei, weil der für deren Transport erforderliche Rucksack mit entsprechenden Halterungen noch nicht eingetroffen war. Auch Freunde schmaler Pfade könnten enttäuscht sein, meistens geht es über breite Wege, in der ersten Hälfte überwiegend asphaltiert.

Während des Gehens dachte ich über den Tod nach, was ich nicht schlimm finde; mit kurz vor sechzig darf man das. Er gehört dazu, ob wir das wollen oder nicht, irgendwann geht für jeden das Licht aus, für mich, für meine Lieben, für alle. Die Frage ist nur, wann und in welcher Reihenfolge die Sense mäht. Ich finde das ausgesprochen tröstlich, erwarte für danach nichts, kein Himmelreich, kein ewiges Leben, um Himmels Willen. Und wenn unser aller Atome schon lange woanders eingebunden sind, grünt der Wald der Ville Ende April aller Voraussicht nach immer noch frühlingfrisch, Vögel singen, Zitronenfalter flattern und Frösche sonnen sich in den Tümpeln, ist das nicht schön.

Nach knapp vier Stunden erreichte ich wieder Alfter, fuhr mit der Stadtbahn zurück nach Bonn und belohnte mich bei einer Gaststätte des Vertrauens mit Allgäuer Bier. Auf die übliche Currywurst verzichtete ich in Erwartung eines gemeinsamen Abendessens mit meinen Lieben.

Schloss Alfter
Lavendel
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Für Lotte
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Belohnung

Freitag: Der Mai ist gekommen und schenkt uns, obwohl er „Tag der Arbeit“ heißt, einen arbeitsfreien Tag; jedes Jahr erfreue ich mich erneut an diesem Paradoxon, auch dieses Jahr lasse ich Sie an meiner Freude teilhaben. Um den Tag nicht untätig verstreichen zu lassen, unternahmen der Liebste und ich eine Radtour durch die zu dieser Jahreszeit besonders schönen Siegauen. Wie man sich denken kann, waren wir nicht die einzigen mit dieser Idee, wobei sich die Anzahl der sonst üblichen Rennrad-Irren in Grenzen hielt. Das Wetter war sonnig-warm, selbst für einen Fröstling wie mich kurzärmelig und ohne Jacke gut auszuhalten. Umso mehr wunderte ich mich, wie viele Radfahrer in hochgeschlossener Daunenjacke entgegenkamen. Ziel war die „Sieglinde“, eine gar zauberhafte Gaststätte mit Biergarten direkt an der Sieg nahe Hennef, wo wir Glück hatten und zwei freie Plätze fanden.

Nach ausreichender Stärkung fuhren wir auf der rechten Siegseite zurück, freundlich angeschoben vom Wind, der uns auf dem Hinweg kräftig entgegen geblasen hatte. Auf halber Strecke verließen wir den vorgesehenen Radweg auf der Deichkrone und bewegten uns auf holprigen Pfaden, im wörtlichen Sinne über Stock und Stein. Eine wunderschöne Strecke, die dazu einlädt, ohne Fahrrad erwandert zu werden.

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Bei Thomas las ich das Wort „Facepalm“, recherchierte dessen Bedeutung und vergrub augenblicklich das Gesicht entsetzt in der Handfläche.

Beim Wirtshausbesuch mit den Lieben am Abend gehört: „Fresse halten, fröhlich sein“. Das erscheint mir als Lebensmotto durchaus geeignet. Oder als Spruch für die Todesanzeige.

Samstag: Einer relativ spontanen Eingebung folgend kaufte ich mir eine leichte Jacke für die Sommermonate, um die Daunenjackensaison beenden zu können. Nicht, dass ich keine besäße, mehrere sogar, doch manchmal überkommt auch einen Konsummuffel wie mich das Verlangen nach etwas Neuem. Erst im dritten Geschäft fand ich eine, die bei ansprechendem Design und akzeptablem Preis die Anforderungen erfüllt: nicht zu kurz, damit sie bei Bedarf auch über einem Anzug bzw. Sakko getragen werden kann, und, ganz wichtig: zwei Innentaschen für Portemonnaie und Notizbuch. Die meisten zuvor gesehenen Jacken, die mir gefielen, hatten entweder nur eine oder gar keine.

Sonntag: In letzter Zeit bin ich davon abgekommen, einmal wöchentlich eine Frage von der Liste der 1000 Fragen zu beantworten. Das soll so nicht bleiben, deshalb heute die nächste.

Frage 674 lautet: „Wann hast du Mühe, dir selbst in die Augen zu schauen?“ Das gelingt mir bislang mühelos, selbst dann, wenn es am Vorabend etwas heftiger war, weil der Geliebte meinte, irgendeine Flasche müsste leer werden. Falls die Frage im übertragenen Sinne gemeint ist, also wenn ich etwas getan oder gesagt habe, das meiner Überzeugung widerspricht, auch dann kann ich mir in die Augen schauen, ein Spiegel vorausgesetzt. Wie sollte ich mich sonst mit einem tadelnden Blick strafen?

Apropos Fragen: Manche Menschen wissen auf alles sofort die Antwort, auch auf Fragen, die gar nicht gestellt wurden.

Die Poppelsdorfer Allee in voller Blüte

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Ich werde sie aus beruflichen Gründen größtenteils außerhalb von Bonn verbringen, erst in Dresden, dann in Ostbevern bei Münster.

18:00

Woche 17/2026: Bewaffnete Reptilien und invasive Arten

Montag: Zu Tagesbeginn war ich ohne besonderen Grund auffallend schlechtlaunig, manchmal ist das so, gerade zum Wochenbeginn. Auch der außerplanmäßige Fußweg ins Werk änderte daran zunächst wenig. Zum Arbeiten kam ich kaum, da der Arbeitstag im Wesentlichen mit einer KI-Schulung gefüllt war. Dabei wurden immerhin auch die Schattenseiten dieser vielgepriesenen Technologie angesprochen wie hoher Energieverbrauch* und das zu befürchtende Unvermögen der Nutzer, die Ergebnisse kritisch zu hinterfragen. Auch wenn die Inhalte der Schulung meiner unmaßgeblichen Einschätzung nach in weniger als drei Stunden zu vermitteln gewesen wären statt der tatsächlichen sechs, war es interessant und ich fühle mich motiviert, es mal auszuprobieren oder wenigstens im Tagesgeschäft darüber nachzudenken, wie ich es nutzen könnte.

*Wie neulich in der Sonntagszeitung zu lesen war, stimmt das gar nicht. Ein mehrminütiges Brausebad und der Stand-by-Betrieb eines Fernsehers über einen Tag verbrauchen demnach wesentlich mehr Energie als ein durchschnittlicher Prompt.

Grund für den Fußweg statt Radfahrt war der heutige Geburtstag des Liebsten. Im Anschluss an die Arbeit wollte ich Blumen für ihn kaufen, die ich auf dem Fahrrad schlecht transportieren konnte, ohne unschöne Abknickungen zu riskieren. So konnte ich nach Büroschluss mit der Bahn zurück fahren und die erstandenen Blumen unbeschädigt nach Hause schaffen. Die örtlichen Fachgeschäfte für Emotionsfloralien waren heute allerdings geschlossen, doch erstand ich beim Blumenhändler auf dem Markt einen passablen Strauß, mutmaßlich für einen wesentlich günstigeren Preis. Der Liebste zeigte sich angetan, was will man mehr.

Morgens, bei Sonnenschein und schlechter Laune

Zur Feier des Tages gab es abends Champagner, auch das für einen Montag eher ungewöhnlich, indes erforderlich und angemessen.

Dienstag: Vormittags fuhren wir nach Höxter zur dreitägigen Abteilungstagung, was heute „Offsite“ heißen muss. Der Kollege war wieder so nett, mich im Auto mitzunehmen; mit der Bahn wäre es auch möglich gewesen, hätte aber wesentlich länger gedauert. Obwohl wir wegen verkehrlicher Verzögerungen gut eine halbe Stunde später als geplant losgefahren waren, kamen wir pünktlich zum Mittagessen am Hotel an, das „Niedersachsen“ heißt, obwohl Höxter in Nordrhein-Westfalen liegt, wenn auch am äußersten östlichen Rande, somit in Ostostwestfalen, Niedersachsen immerhin direkt nebenan.

Der Weg von der Rezeption zu meinem äußerst geräumigen, mit Jackenhaken ausgestatteten Zimmer ist weit, zunächst ein Stockwerk runter, dann einen langen Gang entlang, dann vier Stockwerke hoch; wenn man es einmal gegangen ist, geht es.

Zwischen Ende des ersten Tagungstages und Abendvergnügen im Wirtshaus unternahm ich einen Spaziergang an die Weser und durch die fachwerkhübsche Stadt, die mir bislang nur vom Durchfahren bekannt war, wenn wir früher von Bielefeld aus die Verwandtschaft in und um Göttingen besuchten.

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Mittwoch: Morgens erfüllte ein Laubbläser den Platz vor dem Hotelfenster mit seinem lieblichen Klang, was auch immer es zu dieser Jahreszeit zu blasen gab.

Das Tagungsprogramm endete nicht sehr spät, danach gingen wir zum in fußläufiger Nähe befindlichen Kloster bzw. Schloss Corvey, das in Teilen zum Weltkulturerbe gehört und dessen Geschichte und von einer fachkundigen Dame erzählt wurde. Danach gingen wir gemütlich entlang der Weser zurück und bereiteten uns auf das Abendprogramm, namentlich Essen und Trinken im Hotel, vor.

Donnerstag: Dritter und letzter Tagungstag in Höxter. Zwischendurch musste ich mich ins Hotelzimmer zurückziehen, da ich dem Gesamtbetriebsrat per Teams was zu präsentieren hatte. Kurz vor Beginn des Termins meldete das Laptop bei angeschlossenem Ladegerät einen fast leeren Akku, der sich auch nach mehrfachem Aus- und Einstöpseln nicht laden lassen wollte. Darauf wies ich die Teilnehmer zu Beginn der Präsentation hin, der Akku hielt jedoch durch und man zeigte sich anschließend ausreichend informiert.

Freitag: Zurück im gewohnten Büroalltag, wo in einer offiziellen Anleitung, wie man Zugang zu einem System erlangt, dieses zu lesen ist: „Solltest Du selbst oder deine Kolleg*innen noch nicht über die passenden Berechtigungen verfügen, bitten wir Sie, die benötigten Rechte über den Standard‑Request zu beantragen.“ Es ging dann noch mit groben Rechtschreibfehlern weiter. Wieder frage ich mich: Liest sich sowas keiner durch, bevor es veröffentlicht wird, oder ist das in Zeiten, da die Unterscheidung zwischen Du und Sie nur noch geringe Relevanz hat, einfach egal?

Versehentlich, durch eine Unachtsamkeit bei der Handhabung des iPads, habe ich das Blog E Büttche bunt von Frau Marie aus meiner Leseliste entfernt, seitdem ist es weg und es gelingt mir nicht, es per Recherche wiederzufinden. Auch die Künstliche Intelligenz konnte nicht helfen. Liebe Marie, selbstverständlich möchte ich weiterhin Ihre Geschichten aus Märchenschloss und Karneval lesen, deshalb schreiben Sie mir bitte einen kurzen Kommentar. Vielen Dank.

Gelesen bei Frau Kaltmamsell:

Sollte sich jemand von meiner extremen und aggressiven Unlust zu leben, seit ich mich erinnern kann, persönlich getroffen fühlen: Zeigen Sie mir gerne jederzeit einen Weg, mit dem ich mein Leben einer anderen, todkranken Person spende, die es liebt (Ihres? das eines lieben Menschen?), und wir kommen zusammen. 

Zur Nachfeier des Liebsten Geburtstages verbrachten wir den Abend im französischen Lieblingsrestaurant, unter anderem gab es ausgezeichneten Spargel, denken Sie sich gerne entsprechende Essensbilder, wenn Sie sowas mögen, sowohl Spargel als auch Essensbilder. Der Chef des Hauses beklagte Rückenprobleme; wenn Franzosen „Hexenschuss“ sagen, klingt das ein bisschen nach bewaffneten Reptilien.

Samstag: Morgens sichtete der Geliebte auf dem Balkon ein großes, wespenartiges Insekt, das sich daran machte, die hölzerne Sichtschutzverkleidung aufzuessen. Wie die Recherche im allwissenden Netz ergab, handelte es sich um eine Asiatische Hornisse, eine sogenannte invasive Art, deren Sichtung man melden soll. Als gehorsamer Staatsbürger suchte und fand ich die zuständige Meldestelle, scheiterte allerdings daran, dass sich der Fundort nicht auf der Karte markieren ließ, weil sich die Karte nicht öffnet. Dann eben nicht, ich habe es versucht. Im Übrigen, wenn alle invasiven Arten eliminiert würden, wäre es das gewesen mit der Menschheit.

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Nachmittags kaufte ich aus Alters- und Sicherheitsgründen in einem örtlichen Sportgeschäft Wanderstöcke für die nächste Wanderung, eine Anschaffung, die ich schon lange vorhatte. Dort wurde ich freundlich und kompetent von einem Mitarbeiter beraten, man glaubt ja nicht, wie viele unterschiedliche Modelle und Preisklassen es da gibt mit ihren Vor- und Nachteilen. All das wusste er zu erklären und ich staunte über sein Wissen, schließlich führt das Geschäft vermutlich tausende Artikel, von denen Wanderstöcke nur einen geringen Teil ausmachen.

Sonntag: Heute vor vierzig Jahren wurde das Atomkraftwerk Tschernobyl auf einen Schlag weltbekannt. Einige Tage später schrieb ich ins Tagebuch: „Samstag vor einer Woche ist in Rußland* ein Kernreaktor explodiert. Auch bei uns hat das Auswirkungen, der Boden und die Luft sind radioaktiv belastet. Angeblich brauchen wir uns keine Sorgen zu machen, aber irgendwie finde ich es beunruhigend, habe aber Hoffnung, daß sich die Lage bald wieder normalisiert.“ Gut erinnere ich mich an das Unbehagen, wenn es regnete und jeder Tropfen eine potenzielle Gefahr für die Gesundheit war. Eine diffuse Gefahr, die man nicht sehen, riechen oder sonst wahrnehmen konnte. Ähnlich fühlte es sich vierunddreißig Jahre später an, als das Corona-Virus die Welt heimsuchte und man noch nicht so genau wusste, was da auf uns zukam. Auch das schon wieder erstaunlich weit entfernt, sowohl zeitlich als auch gedanklich.

*Dass die Ukraine nicht Russland ist, sei einem Neunzehnjährigen in den Achtzigern nachgesehen; Sowjetunion halt.

Nachmittags flanierte ich durch Bonn-Beuel auf der anderen Rheinseite. Das Wetter kann sich noch nicht entscheiden zwischen warm und kühl, optisch ist es wärmer als empfunden. Jedenfalls von mir, der sich in leichter Daunenjacke immer noch ganz wohl fühlt, während andere in kurzen Hosen und T-Shirts schon weiter sind. Als Etappe war der Bayrische Biergarten am Beueler Ufer vorgesehen. Dort war zwar noch Platz, allerdings auch eine lange Warteschlange vor der Getränkeausgabe. Da mir die Gefahr zu groß erschien, dass die letzten freien Plätze belegt seien von den vor mir gewartet habenden, wenn ich endlich an der Reihe bin, und ich dann da stehe mit meinem Bier, mich irgendwo dazusetzen, womöglich gar mit Fremden sprechen müsste, ging ich ein Lokal weiter, wo es zwar keinen Maibock gab, dafür genug freie Plätze. Und ein Weißbier schmeckt auch mal ganz gut.

Manche behaupten, Kristallweizen sei gar kein richtiges Weißbier. Damit komme ich klar.

Aus der Sonntagszeitung: Machen Sie auch diese Steintürmchen aggressiv, die gerne zur Illustration von Achtsamkeitsgeschwafel herangezogen werden; überkommt Sie latente Zerstörungslust, wenn Sie derlei irgendwo in echt sehen, vielleicht an einem Flussufer? Ich weiß nicht, wie der britische Künstler Adrian Gray dazu steht, seine Steinskulpturen beeindrucken jedenfalls sehr, wie hier zu sehen ist.

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Meine Arbeitswoche wird angenehm kurz, weil sich an den dank Leifsteil-Teilzeit freien Donnerstag der Maifeiertag anschließt.

Woche 16/2026: Schienenersatzverkehr nach Siegburg und Unzucht in Euskirchen

Vorab herzlichen Dank für die freundlichen Kommentare zum letzten Wochenrückblick, Sie sehen mich stets bemüht.

Montag: Wegen Regenerwartung fuhr ich mit der Stadtbahn in die Wertschöpfung und zurück. Zurzeit fährt sie wegen Gleisbauarbeiten nur zwischen Stadthaus und Bad Honnef, während in Richtung Siegburg Schienenersatzverkehr eingerichtet wurde, auch eines der schönen Wörter, die unsere Sprache ermöglicht. Für mich war das praktisch, weil ich dann nicht bei kühlem Bahnsteigwind auf die Bahn aus Siegburg warten musste, sondern einfach in den bereitstehenden Zug einsteigen konnte. Der Regen kam pünktlich im Laufe der Vormittags und hielt sich bis zum Nachmittag, mit der Verkehrsmittelwahl lag ich richtig.

Der Arbeitstag war nicht sehr montäglich und ziemlich kurz, weil nachmittags ein Physio-Termin anstand zur weiteren Genesung des kürzlich operierten Ellenbogens. Dem geht es weiterhin gut, es tut nichts weh und die Bewegung ist nicht eingeschränkt. Fast frage ich mich, wozu er überhaupt physiotherapeutischer Anwendungen bedarf, es wird dadurch nichts besser, jedenfalls nicht erkennbar, immerhin auch nicht schlechter. Zudem ist Bewegung nie verkehrt. Bis ich wieder – in derselben Stätte – Sport an Geräten machen kann, dauert es noch einige Wochen, hoffentlich habe ich mich bis dahin nicht an die diesbezügliche Untätigkeit gewöhnt, sowas geht ja schnell und die Lust darauf muss danach erst wieder mühsam angewöhnt werden.

Ungeachtet des usseligen, wenig frühlingshaften Wetters werden in Büsum die Strandkörbe aufgestellt.

Siehe hier: https://www.buesum.de/buesum-erleben/webcams/gruenstrand

Dienstag: Morgens beim Fußweg ins Werk lag Nebel über dem Rhein, im Laufe des Tages zeigte sich das Wetter wieder frühlingsfreundlich. Die ewige Baustelle am Rheinufer lässt leichte Fortschritte erkennen.

Nach Rückkehr lagen im Briefkasten gleich zwei Briefe meiner Brieffreundschaften, was mich sehr freute und bislang noch nicht vorkam. Somit habe ich nun drei Briefe zu beantworten, was so bald wie möglich erledigt wird, indes noch einige Tage dauern kann. Ich bitte um Geduld.

Liebe Kinder, wie wir Alten in Zeiten vor Strieming Musik hörten, hat der liebe Onkel Nicolay hier sehr anschaulich aufgeschrieben. Eine Stereoanlage mit Plattenspieler und Kassettendeck, Schallplatten und Kassetten besitze ich noch heute und ich sehe keinen Grund, mich davon zu trennen, auch wenn ich sie nur noch selten benutze.

Morgens
„Gegen Abend ist mit zunehmender Dunkelheit zu rechnen“ – Immer wieder schön, wenn Offensichtliches per Schild gleichsam amtlich wird

Mittwoch: In einer Besprechung wurde der Begriff „Gesamtwohlfahrtsmaximierung“ erläutert. Wenn ich es richtig verstanden habe, bezeichnet er ein Wirtschaftsprinzip, das vorhandene Mittel so aufteilt bzw. einsetzt, dass möglichst alle möglichst viel davon haben. Vielleicht habe ich es auch falsch verstanden, jedenfalls ein weiteres wunderbares Wort.

In einer anderen, einstündigen Besprechung zur Mittagszeit führte ich, um nicht einzuschlafen, Strichliste darüber, wie häufig „ich sag mal“ und „tatsächlich“ gesagt wurde. Ergebnis: 76 mal „ich sag mal“ einschließlich der Varianten „ich sag jetzt mal“ und „sag ich mal“, dagegen nur siebenmal „tatsächlich“. Außerdem ungezählte Male „quasi“ und ein paar mal „genau“.

Nachmittags herrschte in der Bonner Innenstadt Verkehrschaos, weil eine Autobahn gesperrt ist und eine Rheinbrücke für die nächsten Jahre, bis zu ihrem Abriss und Neubau, nicht mehr von LKW und Bussen befahren werden darf. Dazu wurde intensiv gehupt, weil das bekanntlich immer hilft. Als Radfahrer ist man klar im Vorteil, als Fußgänger sowieso.

Donnerstag: Kleine Woche, Inseltag, Wandertag. Heute ab Siegburg über den Heideweg, eine Etappe der Erlebniswege Sieg. Die gut zweiundzwanzig Kilometer lange Runde beginnt und endet im Nordwesten von Siegburg, führt über Lohmar und durch die östliche Wahner Heide. Wie am Montag schon erwähnt, fahren zwischen Bonn und Siegburg zurzeit keine Stadtbahnen, stattdessen ist Schienenersatzverkehr mit Gelenkbussen eingerichtet, die im Takt weniger Minuten pendeln. Da ich ahnte, dass das länger dauert als die Bahn, stand ich bereits zur normalen Werktagszeit auf und fuhr zeitig los. Das war eine richtige Entscheidung, trotz großzügiger Auslegung der geltenden Vorfahrts- und Geschwindigkeitsregelungen durch den Busfahrer dauerte die Fahrt fast eine Stunde, die Bahn wäre in gut zwanzig Minuten am Ziel gewesen. Immer wieder standen wir im Stau, was wieder einmal zeigt, es gibt viel zu viele Menschen, die meinen, auf das Auto angewiesen zu sein.

Während der Fahrt zogen von Nordwesten dunkle Wolken auf, die sich bald als heftiger Regen ergossen. Das war der Wanderlust nicht abträglich; nach Ankunft in Siegburg frühstückte ich in der Bäckerei am Bahnhof, danach fuhr ich mit einem anderen Bus, den nur die App der Verkehrsbetriebe, jedoch nicht die örtliche Anzeige kannte, zum Ausgangspunkt der Wanderung, von da an regnete es nicht mehr. Später schien die Sonne.

In Lohmar-Heide, etwa auf halber Strecke, ließ mich die Komoot-App wieder im Stich, indem sie die angezeigte Tour einfach dort enden ließ. Grundsätzlich lässt sich der Heideweg auch ohne Navigation gehen, weil er gut markiert ist (weißes S auf rotem Grund), doch ausgerechnet in Heide war auch die Markierung mangelhaft, oder ich zu blind, sie zu sehen, kann ja auch sein. Dieses Mal war ich immerhin so schlau, die Navigation abzubrechen und die Tour neu zu starten, bis zum Ende hielt Komoot dann durch. Trotzdem halte ich sie inzwischen für eine Mist-App; falls Sie mir eine bessere Alternative empfehlen können, sehr gerne.

Bei Heide gibt es einen Friedwald, mit Schildchen an den Bäumen statt Grabsteinen. Etwas abseits des Weges wurde eine Beisetzung abgehalten, dazu wurde „Und die Chöre singen für dich“ von Mark Foster gespielt. Ich bin nicht gerade ein Fan von ihm, doch finde ich diese Art der letzten Ehrerweisung sehr ansprechend. Auch wenn es mir, wie bereits geschrieben, völlig egal ist, auf welche Weise mein Kadaver dereinst entsorgt wird. Sollte es zu einer Trauerfeier kommen, wünsche ich mir dafür als musikalische Begleitung, auch wenn ich dann nichts mehr davon habe, „The Show Must Go On“ von Queen und die Arie „Ebben? Ne andrò lontana“ aus der Oper La Wally, gesungen von den Kölner Spitzbuben:

Das wäre schön.

Zurück ins Leben: Bei Lohmar gibt es einen Campingplatz, direkt an der Agger sehr schön gelegen, allerdings in unmittelbarer Nähe und Hörweite die Autobahn 3, darüber die Ausflugschneise des Flughafens Köln / Bonn. Man muss Camping schon sehr mögen und dazu möglichst schwerhörig sein, um dort zu verweilen. Daran gemessen war der Platz gut belegt.

Zur Wanderstrecke: Die erste Hälfte führt überwiegend durch Wald, allerdings zum größeren Teil auf breiten, über längere Strecken geraden Wegen. Hinter Lohmar in der Wahner Heide wird es etwas wilder und abwechslungsreicher. Kurz vor Siegburg traf ich überraschend auf ein zugewachsenes Bahngleis, einst die Bahnstrecke von Siegburg nach Lohmar, die bereits 1989 stillgelegt wurde. Umso erstaunlicher, dass das Gleis immer noch liegt. Ab hier wich ich von der vorgesehenen Route ab und folgte dem Weg neben dem Gleis bis zu seinem Ende kurz vor Siegburg, ab da führt der Weg auf der ehemaligen Bahntrasse bis in die Siegburger Innenstadt.

Zum ersten Mal seit ich weiß nicht wie vielen Jahren sah ich eine Blindschleiche, die sich über den Weg schlängelte.

Nach ziemlich genau fünf Stunden erreichte ich wieder den Bahnhof Siegburg, von wo ich mit einem Schienenersatzbus zurück nach Bonn fuhr. Ich hätte vorher in Siegburg die übliche Belohnungscurrywurst essen können, doch erschien es mir klüger, direkt zurück zu fahren, ehe der Berufsverkehr einsetzt und der Bus im Stau steht. Die Currywurst gab es dann wieder vor der Gaststätte auf dem Bonner Marktplatz. Von meinem Platz aus beobachtete ich, wie ein Rettungswagen mit Blaulicht und Martinshorn vorfuhr und vor dem Fitness-Studio gegenüber hielt. Die drei Sanitäter gingen dann ohne erkennbare Eile hinein. Es war wohl nicht so dringend. Oder es hatte sich erledigt. The show must go on.

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Die Zeitung berichtet über Unzucht in Euskirchen und erfreut mit einem weiteren Symbolbild aus der Hölle:

(General-Anzeiger Bonn online)

Freitag: Am Ende des für einen Freitag gar nicht mal so kurzen Arbeitstages blieb vieles unerledigt, unter anderem weil mich Besprechungen und ein einstündiger Info Call mal wieder von der Arbeit abhielten. Nächste Woche wird es nicht besser. „Das kommt davon, wenn man lieber durch die Gegend läuft, anstatt ins Büro zu gehen“, könnten Sie nun nach dem freien Tag gestern einwenden. Dem ist zu entgegnen: Das ist es mir wert. Was auch immer liegen bleibt, niemand kommt dadurch zu Schaden.

Onkel Michael macht sich, wie ich finde, kluge Gedanken über akzeptierten Sprachgebrauch. Kostprobe:

„Darf ich das so sagen?“, „Ist das noch zulässig?“, „Gibt es dafür inzwischen ein besseres Wort?“ – und während man noch innerlich Formulare ausfüllt, ist der ursprüngliche Gedanke längst verhungert. Das ist kein Verbot, das ist Dressur. Und zwar eine ziemlich effektive.

Das Ergebnis ist eine Sprache, die immer glatter, immer vorsichtiger, immer risikofreier wird. Eine Sprache, die niemanden beleidigt – und dabei zunehmend auch niemanden mehr interessiert. Sie ist korrekt, sauber, gut gemeint und ungefähr so lebendig wie ein Beipackzettel.

Dagegen sind Besprechungssätze wie „Lass uns bilateral sprechen wegen der Zeitschiene“, „Ich muss da Erwartungsmanagement betreiben“ oder „Das werde ich später racapen“ völlig unzensiert möglich. Leider, bin ich versucht, hinzuzufügen.

Samstag: Die Nacht endete früh, da ich nach Bielefeld zu fahren beabsichtigte, um die Mutter zu besuchen, wie üblich und trotz allem mit der Bahn. Das fing schon gut an, denn, wie die Bahn-App morgens meldete, fiel die vorgesehene Fahrt mit dem RE 6 aus. Das war nicht so schlimm, ich war früh genug aufgestanden, um eine frühere Verbindung zu erreichen, die mit erfreulicher Pünktlichkeit verlief.

„Ganz Köln ist ein Drecksloch“, sagte eine Dame hinter mir bei Erreichen der Stadt zu ihrem Begleiter. Nun ist Köln wohl nicht die schönste aller Städte, auch wenn Kölner das anders sehen, doch sie in ihrer Gesamtheit derart zu bezeichnen erscheint mir übertrieben. (Da fällt mir ein alter Witz ein, der nur gesprochen seine Komik entfaltet: „Köln ist ein Drecksloch? Mainz sollten Sie mal sehen.“ – Tusch.)

Ab Oelde füllte sich der Zug mit Menschen, die blau-weiß-schwarz gekleidet und beschalt waren, den Farben des örtlichen Bielefelder Fußballvereins. Einige waren mit Bierflaschen ausgestattet, immerhin verhielten sie sich ruhig. Dennoch befürchtete ich im Falle eines Sieges akustisches Ungemach für die Rückfahrt.

Während die Mutter nach dem Mittagessen eine halbe Stunde ruhte, unternahm ich einen Spaziergang durch den Stadtteil, in dem ich aufgewachsen bin und der sich seitdem naturgemäß stark verändert hat, wie ich auch. Einiges ist geblieben, etwa das Einkaufszentrum im Waschbeton-Charme der frühen Siebzigerjahre. Auch einige Geschäfte darin haben sich bis heute gehalten, etwa die Lottoannahmestelle, die Sparkasse, das Restaurant und der Friseursalon. Auch dem Vater stattete ich auf dem Friedhof einen kurzen Besuch ab.

Meine Befürchtung bezüglich Fußballfangelärmes auf der Rückfahrt war unbegründet. Der Bahnsteig gegenüber an Gleis 8 war dicht bevölkert mit Blau-Weiß-Schwarzen, Gesang schallte herüber, ehe sie sich in die viel zu kurze Regionalbahn nach Paderborn quetschten. Mein Mitgefühl galt den weniger fußballbegeisterten Mitreisenden. Mit meinem Zug in Richtung Köln fuhr nur eine kleine Gruppe Fußballfreunde, allerdings nicht blau-weiß-schwarz sondern irgendwas mit rot. Auch sie stimmten während der Fahrt kurz Gesang an, allerdings einen Wagen weiter, somit kaum störender als das übliche Geplapper in einem Zug. Die Rückfahrt verlief im Übrigen ebenfalls pünktlich, zweimal vier Stunden reichten dann auch.

Sonntag: „Ich glaube, mich streift ein Bus“ sagte man früher, um seiner Verwunderung oder Empörung Ausdruck zu verleihen. Ob dem Autofahrer dieser Spruch bekannt ist, weiß ich nicht, jedenfalls erlebte er beziehungsweise sein Wagen ein solches Ereignis heute Nachmittag, wie ich beim Spaziergang beobachtete. Bus und Auto warteten in der Weststadt nebeneinander vor einer Ampel, links der Bus, rechts der Wagen. Dann war ein unschöner Knall zu hören, Glas splitterte, der Bus fuhr über die Kreuzung und hielt dahinter warnblinkend an. Der Busfahrer verließ sein Fahrzeug nicht, vielleicht stand er unter Schock. Dem Auto waren der linke Rückspiegel und die Vorderfront weggerissen, am Bus war eine Scheibe der hinteren Tür zersplittert. Menschen kamen dem Anschein nach nicht zu Schaden, gleichwohl dürfte für die Beteiligten der Sonntag gelaufen sein. Auch die Busfahrgäste haben heute was zu erzählen.

Im Übrigen ließen dunkle Wolken im Norden und erste Regentropfen die Beendigung der Spaziergangs nach einer Stunde ratsam erscheinen. Somit auch heute kein Freiluftgetränk im Lieblingsbiergarten, das ist nicht schlimm.

Während an der Poppelsdorfer Allee die ersten Kastanien blühen …
… ist die Kirschblüte in der Inneren Nordstadt bald durch

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Für mich ist sie mit einer sechsstündigen KI-Schulung und einer dreitägigen Dienstreise nach Höxter verbunden, auf letztere freue ich mich ein wenig.

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