Woche 29: Urban Rocker

Montag: Seit ich heute früh, nach einem zweiwöchigen Urlaub in der Provence, auf dem Weg ins Büro zwei Mitarbeiter eines Gartenfachbetriebs sah, die damit begannen, den Lavendel in der Heinrich-Brüning-Straße zurückzuschneiden, hängt mein Glaube an Zufälle nur noch an einem sehr dünnen Faden.

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Dienstag: Wie ich am Morgen im Radio hörte, gibt es in NRW wieder mehr Störche. Möglicherweise wirkt die damit einhergehende Geburtensteigerung dem in der darauf folgenden Radiomeldung thematisierte Problem nicht besetzter Lehrstellen mittelfristig entgegen.

Mittwoch: Heute können vereinzelt Gewitter aufkommen, aber man weiß noch nicht, ob sie Potential abrufen, so der Wetterflüsterer im Radio. (Immerhin hat er nicht gesagt, sie seien unterwegs.) – Ab etwa sechzehn Uhr riefen sie ihr Potential dann ab, insbesondere in Köln und dem Rheinland. Und das nicht zu knapp.

Donnerstag: Welcher zweifelhaften Lobby verdanken wir eigentlich Steuervergünstigungen für die ältesten Schrottkarren aufgrund eines H-Kennzeichens?

Freitag: Augenscheinlich gibt es in Bonn nur noch wenige öffentliche Sitzbänke, vor denen nicht mehrere Kilogramm Pistazienspäne verstreut sind.

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Samstag: Wie ich heute las, wird die geschlechter- und temperaturunabhängige Zurschaustellung bloßer Fußfesseln in Modekreisen als Flanking bezeichnet.

Sonntag: Ein innenstädtisches Frisörgeschäft wirbt für eine (selbstverständlich bindestrichfreie) Urban Rocker Frisur, wobei im Unklaren bleibt, ob das zur Schau gestellte, einer Conchita Wurst sehr ähnliche Muster den Zustand vor oder nach der Behandlung abbildet.

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Im Wald

Bevor ich zu meinem eigentlichen Anliegen komme, möchte ich meiner Freude darüber Ausdruck verleihen, heute als 50. Abonnenten meiner bescheidenen Zeilen Frau Schwarzbrot begrüßen zu dürfen. Seien Sie herzlich willkommen!

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Nun aber:

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Im Wald

Im Wald, da sind die Räuber, so ein altes Volkslied kündet,

auch Räuber Hotzenplotz man dort in seiner Höhle findet.

Nun wissen wir aus Fernsehen, Funk, des Netzes Offenbarung,

oder, im allerschlimmsten Fall, aus eigener Erfahrung:

Der echte Dieb verschmäht den Wald, denn dort ist nichts zu holen.

(Es sei denn, er ist Nesträuber und frisst die Brut der Dohlen.)

 

Die wahren Gauner sind bei uns, in Stadt und auf dem Land.

Sie rauben, was uns lieb und wert. Nicht nur den Diamant.

Doch heute kommen sie nicht nur durch Fenster oder Tür:

Auch holst du sie, per Mausklick, App, tagtäglich heim zu dir.

Sie wollen nicht dein Hab und Gut, man achte auf den Stern*,

sie wollen deine Daten nur. Du Trottel gibst sie gern.

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* Sie gehören auch zu den Menschen, die die Kenntnisnahme der Datenschutzbestimmungen von Amazon, Google, Facebook, Payback und wie sie alle heißen meistens ungelesen bestätigen? Zugegeben, ich auch. Et hätt noch emmer joot jejange, so Artikel 3 des Rheinischen Grundgesetzes.

Woche 28: Zurück in die rheinische Realität

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Montag: Auch auf die Gefahr hin, tausende ehrenhafter Autofahrer in zweifelhaftes Licht zu rücken, so komme ich dennoch nicht umhin, große, mattschwarz lackierte Kraftfahrzeuge stets in der Nähe eines gewissen Zuhältertums zu vermuten.

Auf dem Flohmarkt in Malaucène erstand ich ein Stück Jugend.

Im Netz fand ich diesen Artikel zum G20-Gipfel, dem ich voll und ganz zustimme: http://seppolog.com/2017/07/10/g20/

Dienstag: Älter werden heißt auch: Ich muss Unbekannten nicht gefallen. Es genügt, wenn sie mir einige erfreuliche Anblicke bieten. Gleichwohl: Es mag einem Fünfzigjährigen in glücklichem Beziehungsgefüge unwürdig erscheinen, doch was gäbe ich für DIESE Beine … o Herr, warum nur prüfest du mich so hart?

Mittwoch: Chaussée déformée – in Frankreich klingen selbst einfachste Verkehrshinweise wie ein Chanson d’amour von Charles Aznavour.

Donnerstag: Wenn der Abwasch des Frühstücksgeschirrs größere Befriedigung hinterlässt als ein paar Haken in der Outlook-Aufgabenliste am Ende eines Arbeitstages, dann ist Urlaub. – „40 Hinweise nach Angriff auf U-Bahn-Treppe“ steht in der Zeitung. Wer greift eine U-Bahn-Treppe an, und warum?

Freitag: Zurück aus der provencalischen Postkartenidylle in die rheinische Realität. Es muss kein schlechter Urlaub gewesen sein, an dessen Ende man sich auf zu Hause freut, und sei es, weil dort jemand ist, den man sehr vermisst hat.

Samstag: Das Wort Gezellig kommt aus dem Niederländischen und bezeichnet das tiefe Gefühl der Geborgenheit, wenn man Zeit mit seinen Lieben verbringt (aus: „Einzigartige Wörter“ von David Tripolina,) – Apropos: Was es alles gibt

Sonntag: Manchmal, ganz selten, frage ich mich beim Betrachten von Instagram-Bildern, warum die Abbildung einer Tiefkühlpizza mehr Zuspruch findet als alle meine Fotos zusammen.

Zum Abend

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Lang genug geschienen habend

senkt die Sonne sich am Abend.

Sie hat vollendet ihren Lauf,

drum hört sie nun zu scheinen auf.

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Anmerkung: Der ursprüngliche Verfasser vorstehender Zeilen ist mir nicht bekannt, ich bin es jedenfalls nicht. Manfred S., mein alter Deutschlehrer am Heeper Gymnasium, der seine Unterrichtsstunden gerne mal mit einem Kopfstand oder der Präsentation seiner Kriegsverletzung an der Wade auflockerte und auch sonst eine gewisse Verhaltensauffälligkeit nicht zu verbergen vermochte, rezitierte sie des öfteren. Es ist eines von zwei Gedichten aus der Schulzeit, die ich bis heute auswendig aufsagen kann (das andere ist Der Zahnarzt von Eugen Roth). Seltsam, welche Prioritäten das Hirn manchmal setzt.

Woche 27: „Nein!“ – „Doch.“ – „Oooh…“


Montag: In der Provence soll die Millionärsdichte besonders hoch sein. Wie ermittelt man die? Werden die Wohlhabenden gezählt wie Weißstörche oder Flamingos, und bekommen sie anschließend einen Ring an den Knöchel?

Dienstag: „Hätte unser Herrgott die Homo-Ehe gewollt, hätte er nicht Adam und Eva erschaffen, sondern als erste Menschen Adam und Klaus oder Eva und Bettina.“ So schreibt Ortwin B. aus Niederkassel-Mondorf in seinem Leserbrief an den General-Anzeiger. Die Frage, warum sein Herrgott die gleichgeschlechtliche Liebe überhaupt gewollt hat oder sie zumindest billigend in Kauf nimmt, bleibt indes offen.

Mittwoch: Das Pont de l’Orme, ein wunderbares Restaurant an einem magischen Ort etwas außerhalb von Malaucène, hat unter neuer Führung wieder geöffnet. Satt und zufrieden sind wir mit der Welt ein weiteres Stückchen versöhnt.

Donnerstag: Wie ich der Zeitung entnehme, scheint das Leben als Pandabär nicht das schlechteste zu sein. Vielleicht sollte ich meine Idee der Wiedergeburt als Schwarzer Kellerpilz in einem Spitzenweingut noch einmal überdenken.

Freitag: „Wir sind berühmt dafür, die beste militärische Ausrüstung der Welt herzustellen. Wenn Sie an Militärausrüstung denken, dann denken Sie hoffentlich nur an die USA.“ Also sprach Donald Trump vor Vertretern der zwölf Mitgliedsstaaten der sogenannten Three-Seas-Initiative. Vergleichbare Sätze erwartete man bislang nur von Vertriebschefs von Tempo, Tesa, Vorwerk, Miele und Verpoorten.

Tatort Malaucène: Am Nachmittag erschien der Dorfpolizist vor unserem Haus, teilte uns mit, in der Nachbarschaft sei eine Dame zu Tode gekommen und fragte, ob uns etwas aufgefallen sei. Wenig später wurde ihr Gatte von der Gendarmerie abgeholt. Seitdem geht mir die Titelmusik von „Hasch mich, ich bin der Mörder“ nicht aus dem Kopf.


Samstag: „… den dienstbaren Geist pflegt man nur zu sehen, wenn man ihn braucht, so wie man eine Lampe anschaltet, um das Licht zu empfangen, ohne aber die Lampe selbst wirklich wahrzunehmen oder sie gar zu würdigen.“ (Aus: „Monsieur Jean und sein Gespür für Glück“ von Thomas Montasser.) Vielleicht sollte man das viel öfter beherzigen, zum Beispiel wenn der Paketzusteller an einem heißen Sommertag mal wieder die Bestellung in den fünften Stock schleppt.

Sonntag: Nach langer Zeit mal wieder Urlaubskarten geschrieben, so richtige aus Pappe und mit Briefmarke. Fühlt sich gut an.

Woche 26: Ja, ich will

Montag: Ich weiß nicht, woran es liegt, jedenfalls empfinde ich eine tiefe Abneigung dagegen, mir unaufgefordert auf WhatsApp zugesandte Filmchen anzusehen.

Dienstag: „Sag mal, würdest du mich eigentlich auch heiraten?“ – Die süßeste Frage der Woche erreichte mich heute beiläufig per Telefon.

Mittwoch: Links gehen, rechts stehen. Es ist schön, in einem Land zu leben, wo alles so wunderbar geregelt ist. – Die Sanierung der Beethovenhalle wird wieder teurer.

Donnerstag: Seit einigen Tagen sitzt morgens, wenn ich zum Tagwerk aufbreche, auf der Treppe am Ende unserer Straße ein mittelalter, etwas schwermütig, jedoch nicht ungepflegt wirkender Mann und trinkt Bier. Da ich seinen Namen nicht weiß und bislang kein Verlangen spürte, ihn danach zu fragen, nenne ich ihn bis auf weiteres den Treppentrinker.

Freitag: Ja ich will! (Mein ausdrücklicher Dank gilt dem Deutschen Bundestag, und es ist mir völlig schnuppe, welche wahltaktischen Erwägungen zu der kurzfristigen Abstimmung geführt haben. Hauptsache, ich darf den Kerl endlichen richtig heiraten.) Uwe Schummer, CDU-Abgeordneter in NRW, bringt es auf den Punkt: „Außerdem wird keine Ehe zwischen Mann und Frau gefährdet, weil zwei Frauen oder zwei Männer in der Nachbarschaft zusammenleben.“

Samstag: Tour de France. Die erste Etappe führte heute von Bonn nach Malaucène, Ankunft kurz nach halb sieben. Die zweite Etappe schloss sich eine Stunde später an: von der Rue des Trois Visages über die Bar Le Casino in die weltbeste Pizzeria und zurück.

Sonntag: Der Mistral lutscht die Wolken rund.

Reisen heißt auch Vermissen. Was ich hier indes nicht vermisse, sind Fernseher und Geschirrspüler.