Vorbemerkung: Wie schon mehrfach (von mir selbst) beklagt, sind hier neben den regelmäßigen Wochenrückblicken kaum noch längere Aufsätze zu lesen. Vielleicht ist es Bequemlichkeit oder Zeitmangel, vielleicht fällt mir nichts mehr ein. Deshalb sollen von nun an in unregelmäßigen Abständen, vielleicht einmal im Monat, ältere Texte, die mir auch heute noch einigermaßen gelungen erscheinen, mit behutsamen Anpassungen erneut veröffentlicht werden. Der folgende erschien erstmals am 8. September 2016, also vor ziemlich genau zehn Jahren.
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Wir müssen reden. So wie Hähne krähen, Störche, Klodeckel und Handwerk klappern, so muss der Mensch reden wo er geht und steht; der Rheinländer mehr, der Ostwestfale etwas weniger. Auch neigen die Damen nach meiner Beobachtung tendenziell etwas mehr zu wörtlicher Rede als die Herren, wobei mir Godesberger Frauen grundsätzlich ebenso lieb sind wie Gütersloher Herren.
Doch ist das fremde Wort oft eher eine Last denn ein Quell der Freude, insbesondere das mobil in den öffentlichen Raum gesprochene, erst recht an Orten wie Bus und Aufzug, wo ihm nicht zu entkommen ist. Dieses Lied ist bereits ausgiebig und oft gesungen worden, daher erübrigt es sich, eine weitere Strophe hinzuzufügen.
Gleichwohl, einige Erlebnisse mute ich Ihnen noch zu. Das erste begab sich bereits vor Jahren im Warteraum erster Klasse des Kölner Hauptbahnhofs, auch als „DB Lounge“ bezeichnet – damals spendierte mir mein Arbeitgeber noch eine erstklassige Bahncard, welche mich auch ohne Fahrschein zum Aufenthalt in selbigem berechtigte. In einem Sessel in der Ecke telefonierte ein Businesskasper lautstark und belästigte die Anwesenden mit albernem Geschäftsgedöns. Dann sprang er auf und sagte „Warte, ich geh mal raus, die hören hier alle zu, das geht mir extrem auf den Geist“. Sichtlich empört verließ er unter Applaus den Saal.
Das zweite Erlebnis war nur sehr kurz: Bis vor einigen Jahren lief ich noch regelmäßig ein- bis zweimal die Woche am Rhein entlang. Warum ich das seit längerem nicht mehr mache, kann ich nicht genau sagen, vielleicht sollte ich das mal wieder irgendwann … ich schweife ab. Also: Abends beim Laufen kam mir ein anderer Läufer entgegen, mit Telefon am Ohr. Im Moment unserer Begegnung hörte ich ihn sagen „… und die Leute labern so viel, boah…“
In diesem Zusammenhang ist schon länger ein bedenklicher Trend zu erkennen: Hielt der Sprecher vormals sein Gerät ans Ohr und sprach mehr oder weniger laut hinein, so aktiviert er heute den Lautsprecher und hält das Gerät beim Sprechen waagerecht wie ein Schmalzbrot ein bis zwei Hand breit vom Munde entfernt. Auf dass auch Unbeteiligte nunmehr in den Genuss kommen, das komplette Gespräch zu verfolgen und nicht nur eine Hälfte. Der Begriff Fernsprecher erfährt eine neue Bedeutung.
Noch unangenehmer als die unbeteiligt-unfreiwillige Zeugenschaft eines Ferngesprächs ist die auf offener Straße entgegen gebrachte Gesprächseinladung, beispielsweise von engagierten jungen Vertretern diverser Tier-, Kinder-, Natur-, Klima-, Palästina- oder was auch immer -schutzorganisationen. So ging ich einst gedankenversunken durch die Bonner Fußgängerzone, als sich mir ein weibliches Exemplar dieser Spezies in den Weg stellte. „Hallo, ich bin die Kathi“ sagte es hielt und mir die Hand entgegen. Das waren gleich drei Unverzeihlichkeiten: erstens mich auf der Straße anzuquatschen, zweitens mir einen Händedruck aufzunötigen und drittens dem Vornamen einen bestimmten Artikel voranzustellen. „Ja und?“ antwortete ich so höflich wie der Situation angemessen, die gereichte Hand ignorierend. „Magst du Tiere?“, fragte die Kathi. Ich gebe zu, je älter ich werde, desto mehr schmeichelt es mir, von jungen, mir unbekannten Menschen noch geduzt zu werden, was indes in diesem Fall den Grad des Belästigungsempfindens nur geringfügig schmälerte. Meine Antwort, das sei letztlich eine Frage der Zubereitung, beendete das Gespräch dann erfreulich schnell.
Einmal sprach mich ein junger Mann auf dem Bahnsteig des Bonner Hauptbahnhofes an: „Entschuldigen Sie, darf ich Sie ansprechen, oder möchten Sie lieber in Ruhe gelassen werden?“ Allein schon dafür hätte er sich den Euro verdient, um welchen mich anzuhalten ihm aufgrund der Oder-Option seiner Frage versagt blieb. An ihm sollten sich Anrufer aller Art und die Zeugen Jehovas ein Beispiel nehmen.
Aufgrund meines oben erwähnten fortgeschrittenen Alters lässt mein Gehör mittlerweile ein wenig nach, gerade bei lauten Hintergrundgeräuschen gelingt es mir manchmal nicht mehr, einem Gespräch zu folgen. Doch frage ich mich: Will ich das überhaupt, jedem Gespräch in meiner Umgebung lauschen? Ist es nicht vielmehr ein Attribut höherer Lebensqualität, manches Geschwätz gerade nicht zu verstehen, etwa vom Nebentisch in der Kantine?
Insgesamt hat die Natur den Menschen rein konstruktiv ganz gut hinbekommen, abgesehen davon, was in seinem Kopf vorgeht und zu welchen Handlungen und Gewohnheiten ihn das treibt wie Krieg, Religion oder Fußball. Doch eines ist zu bemängeln: Wir können jederzeit unsere Augen schließen, um beispielsweise dem Anblick tätowierter Waden junger Männer oder farbiger Frisuren gereifter Frauen zu entgehen. Warum geht das nicht mit den Ohren? Stellen Sie sich vor: Eine unerwünschte Geräuschquelle droht, zum Beispiel eine im hirnreduziert-aufgeregten Tonfall eines Sportreporters oder einer nordkoreanischen Nachrichtensprecherin vorgetragene Radiowerbung für ein Möbelhaus. Sie spannen einen Muskel an, und schon ist es mucksmäuschenstill. Wäre das nicht wunderbar?
Diese Ausführungen enden unvollständig, fehlt darin doch, was im Büroalltag während unzähliger Besprechungen so geredet wird, worüber hier ausführliche Buchführung zu finden ist. Doch das würde den Rahmen dieses Textes sprengen, allein über den unsinnigen Gebrauch der Wörter „tatsächlich“ und „genau“ ließen sich mehrere Seiten füllen. Vielleicht schreibe ich dazu mal einen separaten Aufsatz.
Montag: Die zweite und letzte Urlaubswoche begann mit einer Wanderung. Zwar war es dafür bei knapp dreißig Grad zu warm, doch da ich diese Wanderung unbedingt machen wollte und die Wettervorhersage für die verbleibende Zeit, die wir noch hier sind, keine kühleren Tage in Aussicht stellte, entschied ich, heute sollte Wandertag sein. Und also wanderte ich ab unserem Haus in östliche Richtung über den Berg bis Sainte-Marguerite, ab da den nächsten Berg hoch, den Hang entlang oberhalb von Les Valettes, durch eine landschaftlich beeindruckende Hochebene, schließlich der Abstieg bis Saint-Sébastien, zurück durch die Felder.
Erstaunlich die Komoot-Klassifizierung der Tour als „Moderat“. Sie weist erhebliche, lange Steigungen auf und auf der zweiten Hälfte ab Sainte-Marguerite grobsteinige Kraxel-Abschnitte mit Abrutsch- und Stolpergefahr, man muss vor allem bergab sehr aufpassen, der Gebrauch von Wanderstöcken ist dringend zu empfehlen. Es gibt nur wenige bequem zu gehende, halbwegs neigungsarme Strecken. Dafür bietet die Tour wunderbare Fernblicke unter anderem auf die Dentelles de Montmirail und den Mont Ventoux. Fazit: In dieser Form werde ich die Wanderung wohl nicht wiederholen, jedenfalls nicht die zweite Hälfte, die bis zum letzten Meter des Abstiegs anstrengend war; ständig aufpassen zu müssen, keinen falschen Schritt zu tun, trübte die Wanderlust ein wenig.
Erschwerend hinzu kamen Wärme und Sonnenglut, zum einen beim ersten Aufstieg, wo schattige Abschnitte die Ausnahme waren, zum anderen auf dem Rückweg durch die Felder. Aber das war meine eigene Schuld, ich musste ja heute unbedingt wandern. Nach einem Brausebad und dem ersten kühlen Getränk im Schatten vor dem Haus war ich wieder mit der Welt und der Sonne versöhnt.
Praktisch – neben den Wanderstöcken, ohne die ich nicht unversehrt zurückgekehrt wäre – war die Kopplung der Komoot-App mit den Hörgeräten. So wurde mir die Navigation direkt ins Ohr gesprochen. Nur einmal zeigte sich Frau K. unaufmerksam und ließ mich zunächst an einer Abzweigung vorbeigehen, um mir etwa hundert Meter später mitzuteilen, ich befände mich nicht mehr auf der Route. Beim zweiten Verläufer war es meine Schuld, weil ich in den vor mir liegenden Felsen zunächst den Pfad nicht erkannt hatte und eigenmächtig abgebogen war.
Während ich an der Chapelle Sainte-Marguerite vorbeiging, formulierte ich gedanklich eine Religionskritik, um sie später zu notieren. Wie mir der WordPress-Rückblick später zeigte, habe ich die längst aufgeschrieben, bereits vor sechs Jahren: „Die Menschheit ist in der Lage, Raumsonden auf Asteroiden zu landen, Atome zu spalten und Gene zu manipulieren; irgendwann wird vielleicht gar das Sitzplatznumerierungssystem der Bahn entschlüsselt sein. Gleichzeitig streiten sich erwachsene, gebildete Menschen darüber, ob sich ein kleines Plättchen trockenen Mehlgebäcks in den Leib Christi verwandelt, und durch wen.“
Statt zu wandern zog der Liebste es vor, währenddessen in Carpentras einen Supermarkt zu besichtigen. Eine bewährte Zutat aus dem Rezeptbuch für gelingende Partnerschaften: Jeder darf auch seins machen.
Fernblick auf die Dentelles de Montmirail und über MalaucèneModerate WegführungGruß nach Augsburg – hier wesentlich kleinblättriger als in rheinischen GefildenHochebeneSuchbild mit Mont-Ventoux-Gipfel
Dienstag: Erster September, meteorologisch beginnt meine mittlerweile liebste Jahreszeit, auch wenn hier in der Provence davon noch nicht viel zu spüren ist, die Sonne wärmt weiterhin vom wolkenlosen Himmel, die Bäume sind grün.
Heute vor vierzig Jahren Jahren war mein erster Arbeitstag. Der war nicht sehr lang, im Wesentlichen bestand er darin, in der Personalstelle bei verschiedenen Sachbearbeitern zahlreiche Formulare und Erklärungen zu unterschreiben. Höhepunkt des Tages war der zu leistende Amtseid, ich weiß nicht mehr genau, ob ihn der Stellenvorsteher der Personalstelle oder der Amtsvorsteher persönlich abnahm. Auch an den genauen Wortlaut erinnere ich mich nicht mehr, „in guten wie in schlechten Zeiten“ kam wohl nicht darin vor. Wohl aber optional die Schlussformel „so wahr mir Gott helfe“, worauf ich schon damals aus den gestern dargelegten Gründen verzichtete. Schließlich fuhr ich stolz mit einer Urkunde in der Tasche nach Hause, die mich als Beamtenanwärter des mittleren nichttechnischen Dienstes auswies.
Diesem Arbeitgeber, zwischenzeitlich von der Behörde zur Aktiengesellschaft gewandelt, verkaufe ich noch heute einen Teil meiner Zeit, und das überwiegend ganz gerne, stets im Bewusstsein, dass uns ein Arbeitsverhältnis verbindet und keine Liebesbeziehung. Karrieremäßig habe ich alles erreicht, was ich erreichen wollte und was vielleicht mehr ist, als ich vor vierzig Jahren erwartet und angestrebt hätte. Wenn sich an den Rahmenbedingungen nichts ändert, sehe ich den verbleibenden Jahren bis zum Ruhestand optimistisch entgegen.
Aus einem Artikel bei Spiegel Online über die Nosferatu-Spinne – es wird immer bekloppter:
VorherNachher
Ansonsten verbrachten wir den Tag mit etwas Liegestuhlzeit und einer Fahrt nach Nyons, um bestellte Oliven für der Bonner Lieblingsrestaurant zu kaufen. Abends folgten wir einer Einladung zum Grillen mit der Bonner Nachbarin und Freundinnen, die derzeit unten im Ort weilen.
Mittwoch: Geträumt: Ich befand mich irgendwo zusammen mit vielen anderen Menschen, vielleicht auf einer Party, einem Konzert oder in einer Großgastronomie. Als ein bekanntes Lied gespielt wurde (das mir inzwischen entfallen ist) fingen alle um mich herum an, im Takt der Musik die rechte Handkante gegen den linken Handteller zu schlagen und ich dachte: Aus welchem Film, den ich als mutmaßlich einziger nicht gesehen habe, ist das nun wieder?
Im übrigen übe ich mich heute nach zwei wortreichen Vortagen in vornehmer Kurzfassung. Nach einem kurzen Besuch des Wochenmarktes, wo es viel zu warm war zum längeren Verweilen, verbrachten wir nach mühsamem Rückweg durch sengende Sonne den Tag aufs Angenehmste am Haus in überwiegend sitzender Position. Nachmittags begab ich mich zur Abkühlung in die Piscine, wo ich einen Schmetterling insgesamt dreimal aus dem Wasser rettete, weil er, sobald die Flugfähigkeit wieder hergestellt war, immer wieder hineinflog. Vielleicht war er lebensmüde, auch für Schuppenflügler werden die Zeiten nicht besser. Vielleicht war ihm auch nur warm.
Dann war auch schon die Blaue Stunde.
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Donnerstag: An diesem vorletzten Urlaubstag brachten wir die Fahrräder zurück nach Vaison-la-Romaine. Das verbanden wir mit einer letzten Radtour über Le Barroux, Beaumes-de-Venise, Vacqueyras, Gigondas, Sablet und Séguret. Für letzteres gilt ebenfalls, was ich vergangene Woche schon über Brantes und Montbrun-les-Baines schrieb: Es ist sehr postkartenmotivtauglich an einen Berghang gebaut.
Meine Großeltern erlebten die Weltwirtschaftskrise und den Zweiten Weltkrieg. Aber auch die heutige Jugend steht vor großen Herausforderungen: Laktoseintoleranz und Nussallergie.
Freitag: Über dem letzten Urlaubstag liegt stets eine gewisse Melancholie, so auch heute. Zum letzten Mal Frühstück vor dem Haus, morgen früh werden wir ungefrühstückt abreisen. Alles, was heute nicht aufgebraucht ist oder mitgenommen werden soll, landet im Müll statt im Kühlschrank. Zum letzten Mal Liegestuhllesen im Garten mit Ausblick auf die Berge im Norden und das Dorf Crestet am Hang, während alle halbe Stunde der Glockenschlag des Uhrenturms unten in Malaucène leise zu vernehmen ist.
Der letzte Spaziergang zur Müll- und Glassammelstelle war nicht sehr vergnüglich, weil es nochmal sehr heiß geworden ist und in den nächsten Tagen bleiben soll, was den Abschiedsschmerz ein wenig lindert. Die letzte Schwimmrunde in der Piscine, der lebensmüde Falter von Mittwoch, ein Magerrasen-Perlmuttfalter, wie das Netz weiß, badete auch schon wieder; ab morgen muss er sehen, wer ihn rettet. Nachmittags wurden die Koffer gepackt und die meisten Sachen ins Auto verstaut, auf dass wir morgen zeitig aufbrechen können. Dieser schwebende Zustand zwischen nicht mehr richtig hier und noch nicht weg. Abends zum letzten Mal runter in den Ort zum Pizzaessen.
Letztmals Liegestuhlperspektive
Samstag: Gegen halb neun fuhren wir mit dem üblichen Bedauern ab und kamen nach stau- und ereignisarmer Fahrt zehn Stunden später in Bonn an. Die Temperaturen sind hier deutlich gemäßigter: Erstmals nach zwei Wochen trug ich wieder lange Hosen, in der Stadt waren abends zahlreiche Menschen in Jacken zu sehen, für das Abendessen beim spanischen Restaurant bevorzugten wir einen Tisch drinnen.
Wäre ich noch Schüler und der Lehrer diktierte mir ins Aufgabenheft, mein schönstes Ferienerlebnis aufzuschreiben (ich weiß nicht, ob Schüler heute überhaupt noch Aufsätze schreiben oder ob sich das durch die sogenannte künstliche Intelligenz erledigt hat), so fiele mir das schwer. Es gab viele schöne Momente: die Stunden im Liegestuhl, die Radtouren, der erste Kaffee nach Decken des Frühstückstisches, ehe der Liebste mit frischem Baguette aus dem Ort zurück kam, die Abende vor dem Haus, nachdem die Hitze mit der Sonne hinter dem Berg gegenüber verschwunden war und wir der Welt bei Rosé und Kerzenschein beim Dunkelwerden zuschauten, während über uns in niedriger Höhe die Fledermäuse hinweg sausten. Manchen mag diese Art von Urlaub fad erscheinen, für mich ist sie nahezu perfekt. Ich benötige keine spektakulären Abenteuer, mit denen ich mittags in der Kantine die Kollegen beeindrucken kann. In einem Jahr sind wir voraussichtlich wieder dort, wenn nichts dazwischen kommt. Menschen mit Talent zum Pessimismus mag da einiges einfallen.
Gedanke: Wenn sich dieser Urlaub ohne Rücksicht auf berufliche und sonstige Pflichten beliebig verlängern ließe oder aufgrund eines Defekts im Raum-Zeit-Gefüge nicht enden würde, wie lange würde es dauern, bis es langweilig wird und ich zurück nach Bonn möchte? Oder würde dieser Wunsch nie eintreten?
Sonntag: Nach womöglich etwas zu ausführlichem Begießen der Wiedersehensfreude mit dem Geliebten erwachte ich mit einem gewissen Todeswunsch. Überhaupt finde ich, der Sonntagmorgen nach einem Urlaub ist der ideale Zeitpunkt zum sterben. Da das Universum oder die für derlei zuständige Instanz diese Meinung offenbar nicht teilt, frühstückten wir recht spät beim Restaurant in der Innenstadt, wo ich mich freiwillig in die Sonne setzte, weil es im Schatten ungewohnt kühl war.
Anschließend las ich auf dem Balkon, weiterhin an der Gänsehautgrenze, die Sonntagszeitung. Darin ein interessantes Interview mit einer Psychologin, die empfiehlt, man möge sich eine „innere Oma“ (bzw. als männliche Person einen inneren Opa) zulegen, die man bei anstehenden Entscheidungen befragen kann. Also nicht: Was würde meine Oma dazu sagen?, sondern was mein Ich im hohen Alter raten würde. Ein interessanter Gedanke. Zur Verbildlichung möge man sich ein Foto von sich selbst im entsprechenden Alter erstellen lassen. Ich habe ChatGBT dazu beauftragt, das Ergebnis finde ich schmeichelhaft:
Mein innerer Opa
Zu einem Sonntag gehört ein Spaziergang am Nachmittag. Dieser führte durch die Nordstadt an den Rhein mit Visite des Biergartens. Ein Vorteil, wieder hier zu sein ist, ich kann wieder vollumfänglich ohne Sprachbarriere kommunizieren. Nachteil: Auch das Geschwätz vom Nebentisch verstehe ich wieder.
Ebenfalls der Sonntagszeitung war zu entnehmen, der Rheinpegel sei wieder gestiegen. Davon war nichts zu sehen, immer noch ragen steinige Landzungen großflächig weit ins Flussbett, teilweise mittlerweile begrünt. Auffallend grün auch wieder die Rasenflächen, nicht mehr so gelbverdörrt wie vor dem Urlaub. Für die Bäume lohnt es sich aus Herbstgründen indessen nicht mehr, nochmal zu ergrünen.
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Dieser Wochenrückblick schließt im Futur zwei: Nach Redaktionsschluss werden wir mit der Nachbarin unter uns und Freundinnen von ihr gegessen haben, dieselbe Nachbarin, die wir vergangenen Dienstag noch in Malaucène antrafen.
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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Falls Sie ebenfalls Urlaub hatten und noch berufstätig sind, wünsche ich einen guten Start.
Hinweis: Der folgende Wochenrückblick kann Wiederholungen in Text und Bild zu Vorjahren enthalten. Hierfür bitte ich um Verständnis.
Montag: Der Rosé des Vorabends wirkte etwas nach. Deshalb begab ich mich nach dem Frühstück zunächst zum Lesen mit dem Liegestuhl in den Zypressenschatten im Garten. Dort wachsen zurzeit seltsame braune Kugeln aus dem Boden, die (zum Glück nur optisch) eine gewisse Ähnlichkeit mit den Hinterlassenschaften von Pferden aufweisen. Wie das allwissende Netz erklärt, handelt es sich dabei um Exemplare des Gemeinen Erbsenstreulings, einer Pilzart.
Pisolithus arhizus
Mittags fuhren wir mit dem Bus nach Vaison-la-Romaine, wo der Liebste bei einem Fahrradverleih Räder reserviert hatte, etwa zum halben Preis wie die örtlichen Anbieter hier in Malaucène. Die Rückfahrt war trotz elektrischer Unterstützung anstrengend, da es wieder heiß geworden ist, dazu blies permanent warmer Gegenwind aus Süden. Aber man kann ja nicht zwei Wochen nur im Liegestuhl verbringen. Wobei: warum eigentlich nicht?
Gegen Abend wurde der Wind stärker und es bewölkte sich. Dabei wurde ein interessantes Schauspiel geboten: Während sich die oberste Wolkendecke gemächlich in Richtung Norden schob, zogen die Wolken darunter schneller nach Westen. Im Osten über dem Mont Ventoux verdunkelte sich der Himmel. Der angekündigte Regen traf etwas früher ein als erwartet und nötigte uns mit gegrilltem Abendessen unter das Dach der Terrasse, von wo aus wir gute Aussicht auf die Gewitter hatten, die mit beeindruckenden Blitzen südwestlich vorbeizogen.
Nicht ganz geglückter Versuch eines Blitzbildes
Dienstag: Die Gewitter brachten wenigstens vorübergehend etwas Abkühlung mit sich, die beim Frühstück ein leichtes Jäckchen erforderte, jedenfalls wenn man so fröstelig ist wie ich.
Nach dem Frühstück fuhren wir (mit dem Auto) nach Vaison, um dort auf dem Wochenmarkt Austern und anderes Meeresgetier zu kaufen. Der Markt war stark besucht, nur langsam bewegten wir uns mit den anderen Menschen, Kinderwagen und Hunden durch die schmalen Straßen, gesäumt von Ständen, die Textilien, Taschen und sonstigen Tinnef aller Art feilboten. In der Menge vor uns rief ein Mädchen ungefähr im Dreisekundentakt „Martine!“, offenbar war im Gewühl jemand verloren gegangen. Immer wieder blieben vor uns welche stehen, um die angebotenen Waren zu betrachten oder auf ihr Datengerät zu schauen, während ich befürchtete, von hinten einen Kinderwagen in die Hacken geschoben zu bekommen. Beim Fischhändler waren Austern aus, die erstanden wir später in erforderlicher Anzahl (für abends erwarteten wir Besuch) im Supermarkt.
Nach Rückkehr erledigte ich die Entsorgung von Abfall und Altglas, verband dies mit einem angenehmen Spaziergang. Auch im Urlaub darf die Erfüllung notwendiger Pflichten nicht vernachlässigt werden.
Mittwoch: Die erste größere Radtour des Urlaubs führte in die nördliche Umgebung über Entrecheaux, Mollans-sur-Ouvèze bis zum ehemaligen Eisenbahntunnel bei Pierrelongue, wo die örtliche Gastronomie aufgrund seltsamer Öffnungszeiten von Donnerstags bis Montags leider geschlossen war. Zurück ging es durch das Tal des Toulourenc und über den Berg zurück nach Malaucène. Die Parkplätze am Toulourenc, einem kleinen Fluss hinter dem Berg mit augenscheinlich hohem Erholungswert bei Touristen wie Eingeborenen, waren die Parkplätze belegt, was mehrere Fahrzeuglenker, auch Deutsche unter den Irren, nicht davon abhielt, auf der schmalen Straße nach Malaucène darauf zu warten, bis ein Platz frei wird, so dass man gerade so mit dem Fahrrad vorbeikam, jedoch keine anderen Kraftfahrzeuge. Zum Glück nicht unser Problem. Auch wenn ich mich wiederhole: In dieser Berg-und-Tal-Gegend begeistert mich die elektrische Unterstützung am Fahrrad immer wieder.
Kurz vor dem Ziel. Hinten der Tunnel der ehemaligen Schmalspurbahn von Orange nach Buis-les-BarronniesÜber den Berg
Die vergangene Woche noch vermisste Urlaubsstimmung ist inzwischen vollständig eingetroffen.
Donnerstag: Ein ruhiger Urlaubstag ohne Aktivitäten außerhalb des Grundstücks, das wir nicht einmal für ein Nachmittagsgetränk unten im Ort verließen. Es ist zu warm. Bereits gestern Abend deutete sich das an, als wir im Restaurant waren und mir erst dort auf der Außenterrasse einfiel, dass ich mein Jäckchen vergessen hatte, das ich an den Vorabenden bei Einsetzen der Abendkühle gerne überzog. Gestern brauchte ich es nicht; auch als wir wieder zurück waren bei unserem Haus, wo es üblicherweise etwas kühler ist als unten in Malaucène und den Tagesabschlussrosé öffneten, blieb es überraschend mild. Heute liegt eine drückende Schwüle über dem Land, der Himmel ist dunstig von Saharastaub, die Berge gegenüber erscheinen zunehmend schemenhafter, aus Süden bläst warmer Wind durch die Bäume neben dem Haus. Laut Vorhersage steht eine warme Nacht bevor, für morgen werden Gewitter erwartet.
Stattdessen, Sie ahnen es, verbrachte ich wieder längere Zeit im Liegestuhl lesend. Nachmittags nahm ich mir nach monatelanger Untätigkeit daran mal wieder die Romanbaustelle vor. Die Geschichte (was mit Eisenbahn, Leben und Sterben und gänzlich ohne Liebeswirren bzw. Kopulationsdrängen) gefällt mir gut, sie erscheint mir auch schlüssig. Einziges Manko: Der Umfang beträgt bislang nur knapp dreißig Seiten und ich habe keine Idee, wie ich ihn auf romanübliche ein- bis zweihundert Seiten ausdehnen kann.
Für heiße Sommertage haben Haus und Grundstück zwei große Vorzüge: erstens drinnen eine Klimaanlage und zweitens draußen ein Schwimmbecken, von dem wir nachmittags Gebrauch machten und das dank blickgeschützter Lage bedenkenlos auch ohne Badehose beplanscht werden kann. Ich bitte um Verständnis, davon keine Bilder zu zeigen, um die Bevölkerung nicht unnötig zu beunruhigen, oder wie der frühere Innenminister Thomas de Maizière, ich weiß nicht mehr, aus welchem Anlass, das mal ausdrückte.
Gleich muss ich grillen und die vom Dienstag übrig gebliebenen Austern knacken, denn, wie der Liebste es ausdrückt, ich bin nicht nur hier zum Lesen und Austernschlürfen.
Freitag: Die erwarteten Gewitter äußerten sich – jedenfalls hier – nur durch gelegentliches Grummeln in den frühen Morgenstunden und im Laufe des Vormittags. Nächtlicher Regen hinterließ bräunlichen Belag auf der Tischplatte vor dem Haus. Bis in den Nachmittag zogen dunkle, tiefliegende Wolken über die Gegend, die immer wieder einige Regentropfen abließen, deswegen wurde das Frühstück auf die überdachte Terrasse verlagert, wo wir danach vorläufig blieben.
Am späteren Nachmittag blaute der Himmel auf und die Sonne zeigte sich. Das veranlasste uns zu einer spontanen, kleinen Radtour in die nähere Umgebung durch Beaumont-du-Ventoux, Des Valettes und Sainte-Marguerite, die sich gut mit einem Abendanfangsbier in Malaucène verbinden ließ. Plötzlich war dann schon wieder Apérozeit und ich hatte bis dahin während des gesamten Tages nicht eine Sekunde lang auch nur eine Andeutung von Langeweile empfunden.
MittagsNachmittagsApéroAbendglimmen
Samstag: Auch heute unternahmen wir eine Radtour: über Le Barroux, Baumes-de-Venise, Lafare und Suzette, zurück nach Malaucène über den Col de la Chaine, wo die Lavendelfelder längst abgeerntet sind. (Das müssen Sie sich nicht alles merken oder gar auf einer Karte nachvollziehen, es wird nicht später abgefragt. Es dient nur der persönlichen Chronik, wenn ich es später nochmal nachlese.)
Kurz vor Suzette wird es sehr steil, dort mussten die Fahrräder zeigen, was sie können, auf einer Strecke von wenigen Kilo-, vielleicht auch nur Hundertmetern sank die Akkufüllung um mehr als zwanzig Prozent. Dabei ließ es sich ohne größere Anstrengung fahren. Nur die Arretierung meines Sattels hatte sich gelockert, vielleicht habe ich in den letzten Tagen an Gewicht zugelegt; er sank immer tiefer in den Rahmen ein, mit dem beigefügten Werkzeug ließ er sich nicht befestigen. Nach Rückkehr in Malaucène suchten wir eine der hier zahlreichen Fahrradwerkstätten auf, mit wenigen Handgriffen und gezielten Hammerschlägen wurde das Problem behoben, sogar gratuitement. Mit einem Scheinchen in die Kaffeekasse (oder wie das in Frankreich heißt) zeigte ich mich erkenntlich.
Auch wenn ich mich wiederhole, da sich auch die beschriebene Empfindung nach all den Jahren, in denen wir hier schon unsere Urlaube verbringen, stets wiederholt, ist es mir ein Bedürfnis, es nochmals aufzuschreiben: die beglückende Harmonie der Farben an solchen Tagen – die unterschiedlichen Grüntöne der Pinien, Kiefern, Eichen, Zypressen, Weinreben, Olivenbäume, Obstplantagen und was sonst noch fleucht; das Beige-Grau der Felsen und Steinmauern; die rötlichen Ziegeldächer und ocker-beigen Wände der alten Häuser; das Blau-weiß des Himmels über all dem. Im Frühsommer kommt noch das Violett der Lavendelfelder hinzu. Was ich auch schon mehrfach fragte: Bleibt das Entzücken ob dieser Schönheit bestehen, wenn man dauerhaft hier lebt? Auch hier gibt es einen Alltag mit seinen Verzwickungen und Prioritäten, die sich irgendwann über alles legen. Vielleicht freut man sich dann über zwei Wochen am Rhein mit Siebengebirge, Bonner Südstadt und Godesberger Villenviertel genauso.
Farbenspiel IFarbenspiel IIUnsere Rechnung nach dem Abendessen in Beaumont-du-Ventoux
Sonntag: Bei weiterhin farbenfrohem Wetter unternahmen wir eine Ausfahrt nördlich des Mont Ventoux und über ihn zurück, aus Zeit- und Bequemlichkeitsgründen mit dem Auto statt Fahrrädern. Ich weiß, zahlreiche Menschen machen in dieser Gegend Urlaub, gerade um mit dem Fahrrad über diesen Berg zu fahren, und zwar ohne elektrische Unterstützung; ein Kollege von mir bezwang den Gipfel an einem Tag gleich dreimal. Eine Freizeitbeschäftigung, die meiner Welt in etwa so fremd ist wie ungesichert in Felswänden zu klettern, nach Haien zu tauchen oder Fußballkucken. Ein jeder wie er mag. Während der Abfahrt kam uns ein Auto entgegen mit Fahrrad am Heck befestigt. Vielleicht erzählt der Fahrer nächste Wochen den Kollegen, er sei im Urlaub mit dem Fahrrad über den Mont Ventoux gefahren, gelogen wäre es nicht.
Die Fahrt führte (wieder nur für die Chronik) über Entrechaux, Eygaliers mit Abstecher nach Plaisans, Brantes, Montbrun-les-Bains, wo wir in einer Creperie kurze Einkehr hielten, und Sault, ab da über den Mont Ventoux zurück nach Malaucène. Bei manchen Orten wie Brantes und Montbrun ist man versucht, den Gründern zu unterstellen, die Häuser wären nur pittoresk an die Hänge geheftet worden, damit später daraus Motive für touristische Ansichtskarten und Instagram-Beträge entstehen.
BrantesMontbrun-les-Baines
Während der Fahrt über den Berg sahen wir nie zuvor so viele vor allem ältere Radfahrer, die auf den letzten Kilometern vor dem Gipfel, die steil durch schattenlose Schotterwüste führen, ihr Rad schoben; vielleicht hatten sie ihre Kräfte etwas überschätzt. Der Gipfel war voll von Menschen und Fahrzeugen, deshalb hielten wir gar nicht erst an. Ansonsten offenbarte die Fahrt wieder Einblicke in Abgründe menschlichen Verkehrsverhaltens, egal ob zu Rad, Motorrad oder Auto. Es wird ohne Helm zu Tal gerast, möglichst mit Pedalieren statt zu bremsen, es wird gedrängelt und vor unübersichtlichen Kurven überholt, als ob es irgendeinen Vorteil brächte.
Gipfel des Mont Ventoux in SichtGipfelblick
Nach Niederschrift dieses Eintrags begebe ich mich wieder in den Garten unter die Zypressen und freue mich, mit dem Liebsten weitere fünf Tage (Samstag ist Abreise, der zählt nicht mit) in dieser wunderschönen Gegend verbringen zu können, auch wenn meine Beine von Mücken zerstochen sind. Irgendwas ist ja immer.
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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche.
Montag: Was sich als Thema für Smoltok bewährt hat, gilt für Blogs gleichermaßen: Wetter geht immer. Die große Hitze scheint vorläufig vorüber zu sein, der Tag begann mit Regen, ein allgemeines Aufatmen, ein kollektives „Endlich“ war zu vernehmen.
Da ich ungern mit nassen Hosenbeinen im Büro sitze, fuhr ich nach längerer Zeit mit der Bahn zum Werk, die trotz weiterhin halber Zuglänge und dank Sommerferien nicht sehr voll war. Es bleibt zu hoffen, dass die Stadtwerke es bis zum Ende der Ferien schaffen, wenigstens einen Teil der sechzig immer noch außer Betrieb befindlichen Wagen wieder einzusetzen, auch hier wäre ein „Endlich“ dringend erforderlich.
Bei Ankunft im Turm waren die Jalousien am gesamten Gebäude weiterhin herabgelassen und sie ließen sich nicht hochfahren. Mein Anruf bei der Haustechnik wurde freundlich aufgenommen, man gebe es weiter. Nach dem Mittagessen ein weiterer Endlich-Moment: Sie fuhren hoch und erlaubten nach einer Woche im abgedunkelten Büro wieder den ungehinderten Blick nach draußen, was der Arbeitslust zuträglich war.
Mittags drang durch die geöffneten Fenster leichter Brandgeruch ein. Der große Waldbrand im Hohen Venn ist auch in Bonn präsent.
Da es nachmittags wieder trocken war, endete der Arbeitstag außerplanmäßig mit einem Fußmarsch nach Hause, heute ohne Weggetränk.
Dienstag: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Schirme. Da ich einen guten, recht großen habe, konnte mich der leichte Regen am Morgen nicht vom Fußweg ins Werk abhalten. Das war sehr erbaulich.
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Während des Mittagessens in der Kantine saß in meinem Blickfeld ein junger Kollege in alterstypischer Speisehaltung: links die Gabel, rechts das Datengerät, von dem er auch nicht abließ, als er fertig gegessen hatte und das Tablet zum Rückgabeband trug; auch beim Verlassen der Kantine klebte sein Blick auf dem Display. „Jung und europäisch“ lautete der Schriftzug auf dem Rücken seines T-Shirts. „Und digital versklavt“ rief ich ihm nach, selbstverständlich nur gedanklich.
Mittwoch: Im Berliner S-Bahn-Verkehr kam es morgens wegen einer Signalstörung zu Verzögerungen, ist in der Bonner Zeitung zu lesen. Das mag interessant sein für Menschen innerhalb des hauptstädtischen S-Bahn-Netzes, das ziemlich groß ist, jedoch nicht bis ins Rheinland reicht. Wozu also diese Meldung, sogar mit Bild? Muss das Sommerloch gefüllt werden? Berichtete die Zeitung auch nur im halben Umfang über jede Signalstörung zwischen Lindholm und Lindau, bliebe kein Raum für weitere Nachrichten, was an manchen Tagen vielleicht gar nicht so schlecht wäre.
„Da bin ich wohl ziemlich biased“ sagte einer in einer Besprechung. Vielleicht sagt man das jetzt in sich für modern haltenden Kreisen.
Donnerstag: Der Fußweg ins Werk führt üblicherweise am Groß-Frisiersalon Hagemann vorbei, bei dem auch ich längere Zeit zufriedener Kunde war und vermutlich immer noch wäre, wenn sich nicht inzwischen eine kostengünstigere Alternative in Wohnungsnähe gefunden hätte. Erst heute fiel mir im Vorbeigehen ein: Es ist wohl ein Zeichen von Professionalität, dass sie sich noch nicht umbenannt haben in Haargemann.
Der letzte Arbeitstag vor dem Urlaub endete mit der diffusen Sorge, irgendetwas Wichtiges vergessen zu haben. Das hielt mich nicht davon ab, zu angemessener Zeit den Rechner auszuschalten und im Schreibtischrollcontainer zu verstauen; mit ihm ließ ich auch fast jedes Interesse an all den Dingen, mit denen ich mich sonst von Montag bis Freitag im Büro beschäftige, zurück.
Auf dem Rückweg ging ich in der Fußgängerzone an zwei Greenpeace-Aktivisten vorbei, die augenscheinlich darauf lauerten, arglose Passanten zu belästigen. Obwohl ich direkt auf einen zuging und mich ihm auf weniger als einen Meter näherte, freilich unter strikter Vermeidung von Augenkontakt, sonst hat man bei denen schon verloren, blieb ich unangesprochen. Vielleicht sieht man mir inzwischen an, dass ich in Fußgängerzonen auf keinen Fall von angesprochen werden möchte. Vielleicht stehe ich in Aktivistenkreisen inzwischen auch auf einer Schwarzen Liste, mit Bild und dem Vermerk: Stets freundlich, aber zwecklos.
Zur Feier des Vorurlaubsabends begaben wir uns abends zum Restaurant am Friedensplatz. Auf dem Weg dorthin wurden wir Zeuge, wie ein Straßenbahnwagen aus der Thomas-Mann-Straße mit hoher Geschwindigkeit in den Berliner Platz einfuhr, offensichtlich nachdem er zuvor das Haltesignal missachtet hatte: Wenige Meter vor Erreichen der Fußgängerampel wechselte diese auf grün und die Passanten gingen los, ohne auf die Straßenbahn zu achten, warum auch, sie hatten ja grün. Der Fahrer betätigte die Glocke, ohne die Geschwindigkeit zu drosseln, woraufhin die Fußgänger zurück wichen. Das hätte böse enden können, daher bin ich geneigt, das den Stadtwerken, vielleicht auch der Polizei zu melden. Wagennummer und Uhrzeit habe ich vorsorglich notiert.
Freitag: Erster Urlaubstag. Nach dem Frühstück verließen wir Bonn mit Zwischenziel Beaune im Burgund, von wo aus es morgen weitergeht nach Malaucène. Während der Fahrt las ich (als Beifahrer) unter anderem die im Reader angesammelten Blogbeiträge, die Mitblogger waren wieder fleißig. Gerade als ich zum Blog „es regnet“ kam, schlugen Tropfen auf die Windschutzscheibe und ich sagte zum Liebsten völlig überflüssiger Weise, er sah es als Fahrer ja selbst: Es regnet.
Ansonsten sind auch in Frankreich die Folgen der Hitzewelle und Dürre nicht zu übersehen. Die Wiesen in der Lorraine erstrecken sich trocken-vergilbt über die Kuppen, darauf Kühe, bei denen nicht klar ist, was sie dort tun; grasen kann man es nicht nennen. Bei Dijon fuhren wir an einer beeindruckenden Gewitterfront vorbei, die die Trockenheit auch nicht zu lindern vermochte.
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Nach sechs Stunden Fahrt erreichten wir unser Stammhotel in Beaune, wo wir wieder wie alte Freunde begrüßt wurden. Es ist überraschend warm hier, nachdem das Thermometer während der Fahrt durch einen Regenschauer zwischenzeitlich fünfzehneinhalb Grad angezeigt hatte.
HotelfensterblickDer Chronist im Zustand größerer Zufriedenheit beim ersten Urlaubswein (Foto: der Liebste)
Samstag: Ein weiteres „Endlich“ ergab sich am Nachmittag, als wir Malaucène erreichten. Seit nunmehr zwanzig Jahren fahren wir mindestens einmal im Jahr nach Südfrankreich, seit neunzehn nach Malaucène und immerhin vier in dieses Haus mit dem großen Garten etwas außerhalb des Ortes. Der Himmel ist wolkenlos blau, die Temperatur unter dreißig Grad, im Kühlschrank kühlt Rosé. Zudem ist es hier auffallend grüner als erwartet.
Unsere Herberge im Abendlicht
Ob es Ausdruck guter Urlaubslaune ist weiß ich nicht, jedenfalls, da das mögliche Schadensereignis im Konjunktiv blieb, habe ich mich entschieden, den am Donnerstag beschriebenen Straßenbahnvorfall nicht zur Anzeige zu bringen. Vielleicht war der Fahrer gestresst, weil seine Bahn wegen des bonnüblichen Verkehrsgewühls bereits erhebliche Verspätung hatte und er deshalb von der Leitstelle angemahnt wurde, vielleicht braucht auch er Urlaub.
Sonntag: Einer guten Tradition folgend verbrachte ich den ersten Tag in Malaucène ohne größere Aktivität im beschatteten Liegestuhl. Ein angenehm warmer Windhauch streicht unter weiterhin blauem Himmel durch die Bäume und lässt deren Blätter rauschen, aus der Küche kommt leise Radio Nostalgi, in Hörweite hinter mir geht ein nervöses Insekt seinem Tagesgeschäft nach, ohne mein Nichtstun zu stören. Während der Niederschrift dieser Tagesnotiz testet der Liebste die Wassertemperatur der Piscine, wahrscheinlich mache ich das später auch noch. Auf all das habe ich mich seit Wochen gefreut, was auch diesen Tag mit einem „Endlich“ versieht. Dennoch will die gewohnte Urlaubsstimmung noch nicht so recht eintreten. Das kommt bestimmt noch.
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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche.
Montag: Seit einiger Zeit zeigt mir WordPress an, was ich heute vor x Jahren schrieb. Manchmal staune ich über mich selbst, denke bei aller Bescheidenheit: nicht schlecht. Vor sechs Jahren schrieb ich, was auch für den aktuellen Tag zutreffend wäre:
Die erste Hälfte des Tages war von geradezu schmerzhafter Unlust begleitet, nach dem Mittagessen wurde es nur geringfügig besser. Erst der Abend zu Hause mit den Lieben und Begleitgetränk auf dem Balkon war ganz schön. Dieses Konzept „Arbeiten um zu leben“ bedarf der Nachbesserung.
Erkenntnis während der ersten Besprechung des Tages: Es sind nicht nur die Jüngeren, die ständig und an unpassenden Stellen „tatsächlich“ sagen müssen, auch Leute in meinem Alter schaffen es, fast jeden gesprochenen Satz mit dem Wort zu verunzieren. Vielleicht wurden sie von den Jüngeren infiziert, womöglich gilt ähnliches schon bald für „genau“.
In Bonn herrscht weiterhin Verkehrschaos. Die Nerven liegen blank, öfter als sonst fahren Autos in belegte Kreuzungen ein und hupen sich dann an. Nachmittags sah ich, wie eine Straßenbahn in den Berliner Platz einbog, obwohl das Gleis von stauenden Autos blockiert war. Das fand ich gewagt, unmittelbar vor dem stehenden Zug wurde die Fußgängerampel grün und die Passanten passierten. Für die Weiterfahrt hätte der Fahrer ein Signal beachten müssen, um nicht mit einem Zug der vor ihm einmündenden Stadtbahnlinie zu kollidieren. Das konnte er nicht sehen, weil er daran schon vorbei war. Scheint aber gutgegangen zu sein, als ich dieselbe Stelle wenig später erneut passierte, hatte sich der Knoten aufgelöst.
Die Fliegenden Bretter über Jung-Evangelikale, die in der Fußgängerzone ungläubige Mitmenschen mit Bekehrungsversuchen belästigen:
Bei dergleichen aggressiv vorgetragener Frömmelei frage ich mich jedenfalls immer, ob die Christenverfolgungen der Antike wirklich eine rundheraus schlechte Idee waren.
Dienstag: An manchen Tagen fällt mir bis zum Abend nichts Blogbares ein. Nicht so heute, da diese Notiz schon beim ersten Morgenkaffee erfolgt: In den frühen Morgenstunden träumte ich, an einem Frühstücksbüffet gäbe es für den Kaffee nur Zucker mit Rucola-Blättern darin. Natursensible Menschen weisen gerne darauf hin, es gäbe kein Unkraut, es hieße Wildkräuter. Für Rucola lasse ich das nicht gelten, ich finde ihn (oder es?) höchst überflüssig. Während ich also die lästigen Langblätter aus dem Zucker entfernte, was einige Zeit in Anspruch nahm, da immer wieder neue nachwuchsen, dachte ich: Immerhin habe ich dann was zu bloggen. Da ich dieses Erlebnis nicht, wie sonst üblich, direkt nach dem Aufwachen vergaß, kann ich es nun aufschreiben, auch wenn es nur ein Traum war.
Mittwoch: Am frühen Abend wurde eine partielle Sonnenfinsternis gegeben. Von unserer Wohnung aus war davon außer einer leichten Verdunklung, von beginnender Dämmerung kaum zu unterscheiden, nicht viel zu bemerken, weil die zu verfinsternde Sonne sich da schon hinter die Häuser abgesenkt hatte. Bilder davon müssen Sie sich daher bei Bedarf anderswo suchen, Sie werden sicher welche finden. Wir hätten sie ohnehin nicht anschauen können, weil die dafür erforderlichen Sonnenfinsternisbetrachtungsbrillen, von Anhängern infantiler Abkürzungen auch Sofibri genannt, schon lange vergriffen waren.
Was ich leider auch nicht anschauen kann: Am 24. Oktober wird es in München eine Bloglesung geben, wie unter anderem hier nachzulesen ist. München ist etwas zu weit weg, um mal eben für einen Abend hinzufahren, auch habe ich nicht mehr genügend Urlaubstage übrig, um ein paar Tage zu verweilen, wenn ich schonmal dort bin. Vielleicht gibt es ähnliches mal irgendwann in erreichbarer Nähe, dann bin ich dabei. Übrigens, am 18. Oktober, dem Sonntag zuvor, darf ich selbst wieder was vorlesen. Weitere Informationen folgen in Kürze.
Donnerstag: Heute war es bis zum späten Abend viel zu heiß für längere Ausführungen. Nur so viel: Zwei wunderschöne Wörter sind mir heute begegnet. Das erste las ich in der Zeitung in einem Artikel über ein hässliches Bürogebäude nördlich der Innenstadt, das womöglich nicht zu einem Wohnhaus umgebaut werden kann, weil akuter Denkmalverdacht besteht.
Das zweite in einer Mail, die so endete: „Es gilt die Unschuldsbehauptung.“
Freitag: Aus vermutlich fürsorglichen Gründen waren am Büroturm während der gesamten Arbeitswoche ganztägig die Sonnenschutzjalousien heruntergefahren, so dass es während der Arbeitszeit kaum möglich war, dem Rhein beim weiteren Austrocknen zuzuschauen. Auch auf der Nordseite, die nie ein Sonnenstrahl trifft, falls sich das Gebäude nicht überraschend dreht. Ist ja nicht schlimm, ich werde nicht fürs Ausdemfensterschauen bezahlt.
Samstag: Auch heute war es drückend heiß, selbst mir etwas zu warm. Selbstverständlich kein Grund, die Wochenaltglasentsorgung nicht mit einem Spaziergang zu verbinden. Am Biergarten bewies ich Willensstärke und ging weiter.
Die PSD-Bank schreibt mir wortgirlandenreich, dass die Filiale in Bonn demnächst geschlossen wird und bezeichnet das als „Weiterentwicklung des Standorts“. Gewiss, so kann man es auch nennen.
Abends besuchten wir das Konzert von Roland Kaiser auf dem Kunst!Rasen in den Rheinauen. Er ist einer der letzten verbliebenen Künstler, die während meiner Jugendzeit regelmäßig in der Hitparade mit Dieter Thomas Heck auftraten, die meisten anderen sind entweder gestorben oder anderweitig verstummt. Neben ihm fallen mir als Denkmalverdächtige noch Vicky Leandros, Roberto Blanco und Howard Carpendale ein, wobei die nicht mehr so präsent sind wie er. Auch wenn ich kein ausgewiesener Fan von Roland Kaiser und seiner Musik bin, es war ein sehr unterhaltsamer Abend, der Altersdurchschnitt des Publikums lag (wie wir) deutlich in der zweiten Lebenshälfte. Dass die meisten seiner Liedtexte einen Kopulationsbezug haben, wie „Lieb‘ mich noch ein letztes Mal“, mag diesbezüglich sensible Naturen irritieren und aus dem Mund eines Vierundsiebzigjährigen etwas krindsch wirken, doch ist es allemal besser als über Krankheit, Mord und Todschlag oder frustriert tanzende Mütter zu singen. Womöglich ist ihm das bewusst: Während des Vortrags von „Warum hast du nicht Nein gesagt“, nicht mit Frau Kelly sondern einer bandinternen Sängerin, musste er mehrfach lachen. Ich finde ihn sehr sympathisch.
Der Kaiser in seinem natürlichen Lebensraum
Sonntag: Bislang nicht unter Denkmalverdacht steht die sogenannte Vorlandbrücke zur Nordbrücke, und wenn doch, wäre es jetzt zu spät: Den Spaziergang verband ich mit einer Besichtigung der Abbrucharbeiten, die in dieser Woche begonnen haben und bis November abgeschlossen sein sollen. Ende 2028 soll sie wieder befahrbar sein, was für deutsche Verhältnisse gleichsam wie „nächste Woche“ klingt. Wir werden sehen.
Kaputt
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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die voraussichtlich nicht mehr ganz so warme Woche.