Woche 18/2026: Fresse halten, fröhlich sein

Montag: Die neue, kurze Arbeitswoche begann durchgehend sonnig und ohne nennenswerten Verdruss. Die Morgentemperaturen sind vier Tage vor Mai noch steigerungsfähig; das wird schon, wenn die Wetteraussichten zutreffen. Bis dahin gibt es Handschuhe. Mittags in der Kantine gab es Spargel, erstaunlicherweise ohne olfaktorische Auswirkungen hinterher, Sie wissen schon. Ob sich daraus etwas über die Qualität der Erdgemüsestangen folgern lässt, weiß ich nicht. Ansonsten endete der Arbeitstag wegen des letzten Physio-Termins für den weiterhin genesenden Ellenbogen zeitig, was sich ungefähr mit meiner Arbeitslust deckte.

Dienstag: In der Nacht, vielleicht war es schon früher Morgen, ich schaute nicht auf die Uhr, lärmte ein Hubschrauber über der Siedlung, was mich aus dem Tuche nötigte, um das Fenster zu schließen. Wie die Zeitung heute berichtete, suchte die Polizei eine vermisste Jugendliche. Für mich ist es immer wieder ein Rätsel, wie es mithilfe eines Hubschraubers gelingt, in einer Stadt eine Person zu finden, aber es gelang wohl. Übertitelt ist der kurze Artikel mit „Deshalb kreiste am frühen Dienstagmorgen ein Hubschrauber über Bonn“. Keine Artikelüberschrift in Onlinemedien kommt heute noch ohne dieses Deshalb aus oder Das (z.B. „sind die Gründe“), beliebt auch Warum (z.B. „die Spritpreise weiter steigen)“. Wie auch berichtet wird, kontaktierten wegen des Hubgeschraubes mehrere Personen die Zeitung. Warum tut man das? Ähnlich verwunderlich immer wieder, wenn irgendwo die Erde bebt und die Leute deswegen die Polizei anrufen. Was soll die tun?

Dienstagsüblich ging ich zu Fuß ins Werk. In Turmnähe sind seit Jahren rätselhafte Zeichen auf die Gehwege gemalt, ein C und ein R, dazwischen ein Pfeil. Diese Markierungen, die regelmäßig nachgepinselt werden wie eine auf Dauer angelegte Schnitzeljagd, reichen mindestens bis in den Rheinauenpark. Wer weiß, vielleicht wartet am Ziel ein Schatz für CR, also Carsten Rainer. Vielleicht sogar kann ich als einziger diese Zeichen sehen, wie Harry Potter das Gleis 9 3/4. Irgendwann nehme ich mir mal die Zeit, dieser Spur systematisch zu folgen. Wenn dann am Endpunkt statt einer Truhe Gold ein Biergarten liegt, wäre das auch nicht schlecht.

Sehen Sie es?

Dass gut gemeint und gut gemacht oft auseinanderliegen, lässt sich neben dem Turm besichtigen. Dort liegt neben einer flachstufigen Treppe eine ebenfalls ansteigende Rasenfläche, die in der Vergangenheit regelmäßig von Fahrrädern, manchmal augenscheinlich auch Kraftfahrzeugen befahren wurde. In einem entsprechenden Zustand befand sie sich, gerade nach Regenwetter. Um dem zu begegnen, wurden dort vor einiger Zeit Felssteine aufgereiht, allerdings in einem derart großzügigen Abstand, der Fahrrädern kein ernsthaftes Hindernis bietet. Das könnte sich die derzeit amtierende Bundesregierung ausgedacht haben: Hauptsache, irgendwas machen, egal, ob es wirkt. Immerhin müssen und dürfen Kraftfahrzeuge nun die Treppe befahren, worauf ein Schild ausdrücklich hinweist.

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Morgens schaute kurz nach Ankunft im Büro eine länger nicht gesehene Kollegin, die auch schon lange dabei ist, bei mir rein mit den Worten „Wie lange noch?“, womit sie nicht wissen wollte, wann ich heute zu gehen beabsichtigte. Nachdem wir uns gegenseitig einstellige Zahlen genannt hatten, gingen wir zufrieden an die anstehenden Gewerke. Es gehört wohl zum guten Ton unter Kollegen über fünfzig, einander diese Frage zu stellen, ich merke es an mir selbst zunehmend.

Dazu passend und gleichwohl zufällig traf ich bei der Heimkehr den jungen Nachbarn, der seiner Freude über den beendeten Arbeitstag Ausdruck verlieh und diese mit dem Satz „Noch neunundzwanzig Jahre“ abrundete. Als ich mit meiner deutlich niedrigeren Zahl entgegnete, war ein gewisser Neid nicht zu übersehen; seine Antwort „Das hätte ich jetzt nicht gedacht“ werte ich als Kompliment betreffend mein gut erhaltenes Äußeres, danke dafür.

Auf dem Rückweg vorher gönnte ich mir einen Maibock vor dem bayrischen Wirtshaus in der Innenstadt und las dabei die Blogs. Obwohl ich nicht sehr schnell trank, reichte die Zeit eines halben Liters nicht, um alles zu lesen; die Mitblogger waren zu produktiv in den vorangegangenen zwölf Stunden oder ich lese zu langsam, weil ich mich immer wieder von vorbeigehenden Passanten ablenken lasse. Vielleicht sollte ich das Lesen beim Biertrinken überhaupt unterlassen und nur schauen. In Erinnerung geblieben ist mir nur ein älterer Herr im Anzug, der große Ähnlichkeit mit Opa Hoppenstedt aufwies und eine Pfeife im Mund trug, der allerdings kein erkennbarer Rauch entstieg. Pfeifenraucher sind selten geworden, stattdessen werden diese Elektrodinger gedampft, auch als Talahonflöten bezeichnet, wie ich vor längerer Zeit irgendwo las.

Mittwoch: Morgens fuhr ich an einem Plakat vorbei, das für eine Dinosaurier-Ausstellung wirbt. Wie das manchmal so ist, Sie kennen das vielleicht, sofort hatte ich dieses Lied im Kopf, den es in den nächsten Stunden nicht wieder verließ.

Um nicht selbst in den Ruf eines Dinosauriers zu geraten, zudem motiviert durch die Schulung vergangene Woche versuchte ich mich vormittags erstmals ernsthaft am Gebrauch künstlicher Intelligenz, namentlich dem bei uns zu verwendenden Copilot. Die Aufgabenstellung war nicht sehr kompliziert, er sollte ein vorhandenes Dokument in eine andere Form bringen, die ich ihm als Word-Vorlage hochlud. Inhaltlich war im Wesentlichen nichts zu ändern, auch die Kapitelüberschriften stimmten größtenteils überein, nur die Reihenfolge der Kapitel wich von der Ursprungsfassung ab. Ein Schülerpraktikant ohne fachliches Hintergrundwissen hätte es mühelos hinbekommen. Nicht so der Copilot: In der ersten Fassung war das Format ein anderes, die Inhalte der Kapitel waren nur rudimentär übertragen. Darauf hingewiesen, gab er mir recht, erging sich in Ausflüchte und versprach, nunmehr eine vollständige, korrekt formatierte Fassung zu erstellen. Und also befahl ich ihm. Die nächste Fassung hatte optisch gewisse Ähnlichkeit mit dem Gewünschten, inhaltlich blieb sie mager. Das ging noch einige Male so, bis ich immer trauriger wurde und von weiteren Versuchen absah. Anschließend kopierte ich die Inhalte selbst in das Zieldokument, was nur unwesentlich länger dauerte als die Zeit, die ich zuvor dem gepriesenen elektronischen Assistenten gewidmet hatte. Es dauert wohl noch etwas, bis wir Freunde werden. Wahrscheinlich lag es nur an meiner Unfähigkeit, richtig zu prompten.

Donnerstag: Für den heutigen Inseltag war die Bewanderung der sechsten Ahrsteig-Etappe von Walporzheim bis Bad Neuenahr geplant. Dem stand zunächst nichts im Wege, nach dem Frühstück im Bäckerei-Café am Bahnhof saß ich im Zug nach Ahrbrück, als die Durchsage kam: Wegen einer Störung im Stellwerk von Oberwinter (wozu gibt es dort immer noch ein Stellwerk?) verzögere sich die Abfahrt um unbestimmte Zeit. Wenig später die Durchsage: Aus vorgenanntem Grund fällt die Fahrt aus, man wisse nicht, wann der Oberwinterer Stellwerk wieder stellbereit ist, was auch immer es zu stellen hat. Nicht ausfallen musste deswegen mein Wandertag: Statt ins Ahrtal fuhr ich mit der Stadtbahn bis Alfter, um die Heimatblick-Runde durch das Vorgebirge und die Ville zu gehen; immer gut, wenn man ein paar Touren in Reserve gespeichert hat.

Kurz nach Start begann Komoot wieder zu phantasieren und die geplante Tour zu verstümmeln, schon vorletzte Woche beklagte ich das. Doch wie so oft ist der Anwender das Problem: Bei Neustart entdeckte ich den Schalter „Automatisch umplanen“, der sofort deaktiviert wurde, von da an lief die App zuverlässig; auf was man alles achten muss. Mein Vertrauen in die künstliche Intelligenz ist ein weiteres Mal erschüttert. In Alfter standen schon einige geschmückte Maibäume an den Fassaden, was mich wunderte, bislang nahm ich an, die würden erst in der Nacht zum 1. Mai aufgestellt. Vielleicht gelten diesbezüglich im Vorgebirge andere Regeln als in Bonn.

Die Wanderung bei Sonnenschein war wieder erbaulich. Ungefähr die erste Hälfte führt durch Wiesen und Felder mit Blick („Heimatblick“) über die Rheinebene, die zweite durch den Ville-Wald. Auch an einem Lavendelfeld kam ich vorbei; dass es in der Gegend eins geben soll, las ich vor längerer Zeit, seit heute weiß ich, wo. Kurz danach vernahm ich ein Geräusch, das Kuhglocken recht nahe kam, die Quelle konnte ich nicht ermitteln. Wozu also noch in die Provence oder ins Allgäu reisen, wenn es das alles vor der Haustür gibt? Ansonsten ist die Strecke wenig anspruchsvoll, ohne größere Steigungen und Unwegsamkeiten mit Stolperpotenzial. Das traf sich gut, die letzte Woche erstandenen Wanderstöcke hatte ich aus logistischen Gründen nicht dabei, weil der für deren Transport erforderliche Rucksack mit entsprechenden Halterungen noch nicht eingetroffen war. Auch Freunde schmaler Pfade könnten enttäuscht sein, meistens geht es über breite Wege, in der ersten Hälfte überwiegend asphaltiert.

Während des Gehens dachte ich über den Tod nach, was ich nicht schlimm finde; mit kurz vor sechzig darf man das. Er gehört dazu, ob wir das wollen oder nicht, irgendwann geht für jeden das Licht aus, für mich, für meine Lieben, für alle. Die Frage ist nur, wann und in welcher Reihenfolge die Sense mäht. Ich finde das ausgesprochen tröstlich, erwarte für danach nichts, kein Himmelreich, kein ewiges Leben, um Himmels Willen. Und wenn unser aller Atome schon lange woanders eingebunden sind, grünt der Wald der Ville Ende April aller Voraussicht nach immer noch frühlingfrisch, Vögel singen, Zitronenfalter flattern und Frösche sonnen sich in den Tümpeln, ist das nicht schön.

Nach knapp vier Stunden erreichte ich wieder Alfter, fuhr mit der Stadtbahn zurück nach Bonn und belohnte mich bei einer Gaststätte des Vertrauens mit Allgäuer Bier. Auf die übliche Currywurst verzichtete ich in Erwartung eines gemeinsamen Abendessens mit meinen Lieben.

Schloss Alfter
Lavendel
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Für Lotte
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Belohnung

Freitag: Der Mai ist gekommen und schenkt uns, obwohl er „Tag der Arbeit“ heißt, einen arbeitsfreien Tag; jedes Jahr erfreue ich mich erneut an diesem Paradoxon, auch dieses Jahr lasse ich Sie an meiner Freude teilhaben. Um den Tag nicht untätig verstreichen zu lassen, unternahmen der Liebste und ich eine Radtour durch die zu dieser Jahreszeit besonders schönen Siegauen. Wie man sich denken kann, waren wir nicht die einzigen mit dieser Idee, wobei sich die Anzahl der sonst üblichen Rennrad-Irren in Grenzen hielt. Das Wetter war sonnig-warm, selbst für einen Fröstling wie mich kurzärmelig und ohne Jacke gut auszuhalten. Umso mehr wunderte ich mich, wie viele Radfahrer in hochgeschlossener Daunenjacke entgegenkamen. Ziel war die „Sieglinde“, eine gar zauberhafte Gaststätte mit Biergarten direkt an der Sieg nahe Hennef, wo wir Glück hatten und zwei freie Plätze fanden.

Nach ausreichender Stärkung fuhren wir auf der rechten Siegseite zurück, freundlich angeschoben vom Wind, der uns auf dem Hinweg kräftig entgegen geblasen hatte. Auf halber Strecke verließen wir den vorgesehenen Radweg auf der Deichkrone und bewegten uns auf holprigen Pfaden, im wörtlichen Sinne über Stock und Stein. Eine wunderschöne Strecke, die dazu einlädt, ohne Fahrrad erwandert zu werden.

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Bei Thomas las ich das Wort „Facepalm“, recherchierte dessen Bedeutung und vergrub augenblicklich das Gesicht entsetzt in der Handfläche.

Beim Wirtshausbesuch mit den Lieben am Abend gehört: „Fresse halten, fröhlich sein“. Das erscheint mir als Lebensmotto durchaus geeignet. Oder als Spruch für die Todesanzeige.

Samstag: Einer relativ spontanen Eingebung folgend kaufte ich mir eine leichte Jacke für die Sommermonate, um die Daunenjackensaison beenden zu können. Nicht, dass ich keine besäße, mehrere sogar, doch manchmal überkommt auch einen Konsummuffel wie mich das Verlangen nach etwas Neuem. Erst im dritten Geschäft fand ich eine, die bei ansprechendem Design und akzeptablem Preis die Anforderungen erfüllt: nicht zu kurz, damit sie bei Bedarf auch über einem Anzug bzw. Sakko getragen werden kann, und, ganz wichtig: zwei Innentaschen für Portemonnaie und Notizbuch. Die meisten zuvor gesehenen Jacken, die mir gefielen, hatten entweder nur eine oder gar keine.

Sonntag: In letzter Zeit bin ich davon abgekommen, einmal wöchentlich eine Frage von der Liste der 1000 Fragen zu beantworten. Das soll so nicht bleiben, deshalb heute die nächste.

Frage 674 lautet: „Wann hast du Mühe, dir selbst in die Augen zu schauen?“ Das gelingt mir bislang mühelos, selbst dann, wenn es am Vorabend etwas heftiger war, weil der Geliebte meinte, irgendeine Flasche müsste leer werden. Falls die Frage im übertragenen Sinne gemeint ist, also wenn ich etwas getan oder gesagt habe, das meiner Überzeugung widerspricht, auch dann kann ich mir in die Augen schauen, ein Spiegel vorausgesetzt. Wie sollte ich mich sonst mit einem tadelnden Blick strafen?

Apropos Fragen: Manche Menschen wissen auf alles sofort die Antwort, auch auf Fragen, die gar nicht gestellt wurden.

Die Poppelsdorfer Allee in voller Blüte

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Ich werde sie aus beruflichen Gründen größtenteils außerhalb von Bonn verbringen, erst in Dresden, dann in Ostbevern bei Münster.

18:00

Woche 17/2026: Bewaffnete Reptilien und invasive Arten

Montag: Zu Tagesbeginn war ich ohne besonderen Grund auffallend schlechtlaunig, manchmal ist das so, gerade zum Wochenbeginn. Auch der außerplanmäßige Fußweg ins Werk änderte daran zunächst wenig. Zum Arbeiten kam ich kaum, da der Arbeitstag im Wesentlichen mit einer KI-Schulung gefüllt war. Dabei wurden immerhin auch die Schattenseiten dieser vielgepriesenen Technologie angesprochen wie hoher Energieverbrauch* und das zu befürchtende Unvermögen der Nutzer, die Ergebnisse kritisch zu hinterfragen. Auch wenn die Inhalte der Schulung meiner unmaßgeblichen Einschätzung nach in weniger als drei Stunden zu vermitteln gewesen wären statt der tatsächlichen sechs, war es interessant und ich fühle mich motiviert, es mal auszuprobieren oder wenigstens im Tagesgeschäft darüber nachzudenken, wie ich es nutzen könnte.

*Wie neulich in der Sonntagszeitung zu lesen war, stimmt das gar nicht. Ein mehrminütiges Brausebad und der Stand-by-Betrieb eines Fernsehers über einen Tag verbrauchen demnach wesentlich mehr Energie als ein durchschnittlicher Prompt.

Grund für den Fußweg statt Radfahrt war der heutige Geburtstag des Liebsten. Im Anschluss an die Arbeit wollte ich Blumen für ihn kaufen, die ich auf dem Fahrrad schlecht transportieren konnte, ohne unschöne Abknickungen zu riskieren. So konnte ich nach Büroschluss mit der Bahn zurück fahren und die erstandenen Blumen unbeschädigt nach Hause schaffen. Die örtlichen Fachgeschäfte für Emotionsfloralien waren heute allerdings geschlossen, doch erstand ich beim Blumenhändler auf dem Markt einen passablen Strauß, mutmaßlich für einen wesentlich günstigeren Preis. Der Liebste zeigte sich angetan, was will man mehr.

Morgens, bei Sonnenschein und schlechter Laune

Zur Feier des Tages gab es abends Champagner, auch das für einen Montag eher ungewöhnlich, indes erforderlich und angemessen.

Dienstag: Vormittags fuhren wir nach Höxter zur dreitägigen Abteilungstagung, was heute „Offsite“ heißen muss. Der Kollege war wieder so nett, mich im Auto mitzunehmen; mit der Bahn wäre es auch möglich gewesen, hätte aber wesentlich länger gedauert. Obwohl wir wegen verkehrlicher Verzögerungen gut eine halbe Stunde später als geplant losgefahren waren, kamen wir pünktlich zum Mittagessen am Hotel an, das „Niedersachsen“ heißt, obwohl Höxter in Nordrhein-Westfalen liegt, wenn auch am äußersten östlichen Rande, somit in Ostostwestfalen, Niedersachsen immerhin direkt nebenan.

Der Weg von der Rezeption zu meinem äußerst geräumigen, mit Jackenhaken ausgestatteten Zimmer ist weit, zunächst ein Stockwerk runter, dann einen langen Gang entlang, dann vier Stockwerke hoch; wenn man es einmal gegangen ist, geht es.

Zwischen Ende des ersten Tagungstages und Abendvergnügen im Wirtshaus unternahm ich einen Spaziergang an die Weser und durch die fachwerkhübsche Stadt, die mir bislang nur vom Durchfahren bekannt war, wenn wir früher von Bielefeld aus die Verwandtschaft in und um Göttingen besuchten.

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Mittwoch: Morgens erfüllte ein Laubbläser den Platz vor dem Hotelfenster mit seinem lieblichen Klang, was auch immer es zu dieser Jahreszeit zu blasen gab.

Das Tagungsprogramm endete nicht sehr spät, danach gingen wir zum in fußläufiger Nähe befindlichen Kloster bzw. Schloss Corvey, das in Teilen zum Weltkulturerbe gehört und dessen Geschichte und von einer fachkundigen Dame erzählt wurde. Danach gingen wir gemütlich entlang der Weser zurück und bereiteten uns auf das Abendprogramm, namentlich Essen und Trinken im Hotel, vor.

Donnerstag: Dritter und letzter Tagungstag in Höxter. Zwischendurch musste ich mich ins Hotelzimmer zurückziehen, da ich dem Gesamtbetriebsrat per Teams was zu präsentieren hatte. Kurz vor Beginn des Termins meldete das Laptop bei angeschlossenem Ladegerät einen fast leeren Akku, der sich auch nach mehrfachem Aus- und Einstöpseln nicht laden lassen wollte. Darauf wies ich die Teilnehmer zu Beginn der Präsentation hin, der Akku hielt jedoch durch und man zeigte sich anschließend ausreichend informiert.

Freitag: Zurück im gewohnten Büroalltag, wo in einer offiziellen Anleitung, wie man Zugang zu einem System erlangt, dieses zu lesen ist: „Solltest Du selbst oder deine Kolleg*innen noch nicht über die passenden Berechtigungen verfügen, bitten wir Sie, die benötigten Rechte über den Standard‑Request zu beantragen.“ Es ging dann noch mit groben Rechtschreibfehlern weiter. Wieder frage ich mich: Liest sich sowas keiner durch, bevor es veröffentlicht wird, oder ist das in Zeiten, da die Unterscheidung zwischen Du und Sie nur noch geringe Relevanz hat, einfach egal?

Versehentlich, durch eine Unachtsamkeit bei der Handhabung des iPads, habe ich das Blog E Büttche bunt von Frau Marie aus meiner Leseliste entfernt, seitdem ist es weg und es gelingt mir nicht, es per Recherche wiederzufinden. Auch die Künstliche Intelligenz konnte nicht helfen. Liebe Marie, selbstverständlich möchte ich weiterhin Ihre Geschichten aus Märchenschloss und Karneval lesen, deshalb schreiben Sie mir bitte einen kurzen Kommentar. Vielen Dank.

Gelesen bei Frau Kaltmamsell:

Sollte sich jemand von meiner extremen und aggressiven Unlust zu leben, seit ich mich erinnern kann, persönlich getroffen fühlen: Zeigen Sie mir gerne jederzeit einen Weg, mit dem ich mein Leben einer anderen, todkranken Person spende, die es liebt (Ihres? das eines lieben Menschen?), und wir kommen zusammen. 

Zur Nachfeier des Liebsten Geburtstages verbrachten wir den Abend im französischen Lieblingsrestaurant, unter anderem gab es ausgezeichneten Spargel, denken Sie sich gerne entsprechende Essensbilder, wenn Sie sowas mögen, sowohl Spargel als auch Essensbilder. Der Chef des Hauses beklagte Rückenprobleme; wenn Franzosen „Hexenschuss“ sagen, klingt das ein bisschen nach bewaffneten Reptilien.

Samstag: Morgens sichtete der Geliebte auf dem Balkon ein großes, wespenartiges Insekt, das sich daran machte, die hölzerne Sichtschutzverkleidung aufzuessen. Wie die Recherche im allwissenden Netz ergab, handelte es sich um eine Asiatische Hornisse, eine sogenannte invasive Art, deren Sichtung man melden soll. Als gehorsamer Staatsbürger suchte und fand ich die zuständige Meldestelle, scheiterte allerdings daran, dass sich der Fundort nicht auf der Karte markieren ließ, weil sich die Karte nicht öffnet. Dann eben nicht, ich habe es versucht. Im Übrigen, wenn alle invasiven Arten eliminiert würden, wäre es das gewesen mit der Menschheit.

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Nachmittags kaufte ich aus Alters- und Sicherheitsgründen in einem örtlichen Sportgeschäft Wanderstöcke für die nächste Wanderung, eine Anschaffung, die ich schon lange vorhatte. Dort wurde ich freundlich und kompetent von einem Mitarbeiter beraten, man glaubt ja nicht, wie viele unterschiedliche Modelle und Preisklassen es da gibt mit ihren Vor- und Nachteilen. All das wusste er zu erklären und ich staunte über sein Wissen, schließlich führt das Geschäft vermutlich tausende Artikel, von denen Wanderstöcke nur einen geringen Teil ausmachen.

Sonntag: Heute vor vierzig Jahren wurde das Atomkraftwerk Tschernobyl auf einen Schlag weltbekannt. Einige Tage später schrieb ich ins Tagebuch: „Samstag vor einer Woche ist in Rußland* ein Kernreaktor explodiert. Auch bei uns hat das Auswirkungen, der Boden und die Luft sind radioaktiv belastet. Angeblich brauchen wir uns keine Sorgen zu machen, aber irgendwie finde ich es beunruhigend, habe aber Hoffnung, daß sich die Lage bald wieder normalisiert.“ Gut erinnere ich mich an das Unbehagen, wenn es regnete und jeder Tropfen eine potenzielle Gefahr für die Gesundheit war. Eine diffuse Gefahr, die man nicht sehen, riechen oder sonst wahrnehmen konnte. Ähnlich fühlte es sich vierunddreißig Jahre später an, als das Corona-Virus die Welt heimsuchte und man noch nicht so genau wusste, was da auf uns zukam. Auch das schon wieder erstaunlich weit entfernt, sowohl zeitlich als auch gedanklich.

*Dass die Ukraine nicht Russland ist, sei einem Neunzehnjährigen in den Achtzigern nachgesehen; Sowjetunion halt.

Nachmittags flanierte ich durch Bonn-Beuel auf der anderen Rheinseite. Das Wetter kann sich noch nicht entscheiden zwischen warm und kühl, optisch ist es wärmer als empfunden. Jedenfalls von mir, der sich in leichter Daunenjacke immer noch ganz wohl fühlt, während andere in kurzen Hosen und T-Shirts schon weiter sind. Als Etappe war der Bayrische Biergarten am Beueler Ufer vorgesehen. Dort war zwar noch Platz, allerdings auch eine lange Warteschlange vor der Getränkeausgabe. Da mir die Gefahr zu groß erschien, dass die letzten freien Plätze belegt seien von den vor mir gewartet habenden, wenn ich endlich an der Reihe bin, und ich dann da stehe mit meinem Bier, mich irgendwo dazusetzen, womöglich gar mit Fremden sprechen müsste, ging ich ein Lokal weiter, wo es zwar keinen Maibock gab, dafür genug freie Plätze. Und ein Weißbier schmeckt auch mal ganz gut.

Manche behaupten, Kristallweizen sei gar kein richtiges Weißbier. Damit komme ich klar.

Aus der Sonntagszeitung: Machen Sie auch diese Steintürmchen aggressiv, die gerne zur Illustration von Achtsamkeitsgeschwafel herangezogen werden; überkommt Sie latente Zerstörungslust, wenn Sie derlei irgendwo in echt sehen, vielleicht an einem Flussufer? Ich weiß nicht, wie der britische Künstler Adrian Gray dazu steht, seine Steinskulpturen beeindrucken jedenfalls sehr, wie hier zu sehen ist.

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Meine Arbeitswoche wird angenehm kurz, weil sich an den dank Leifsteil-Teilzeit freien Donnerstag der Maifeiertag anschließt.

Woche 16/2026: Schienenersatzverkehr nach Siegburg und Unzucht in Euskirchen

Vorab herzlichen Dank für die freundlichen Kommentare zum letzten Wochenrückblick, Sie sehen mich stets bemüht.

Montag: Wegen Regenerwartung fuhr ich mit der Stadtbahn in die Wertschöpfung und zurück. Zurzeit fährt sie wegen Gleisbauarbeiten nur zwischen Stadthaus und Bad Honnef, während in Richtung Siegburg Schienenersatzverkehr eingerichtet wurde, auch eines der schönen Wörter, die unsere Sprache ermöglicht. Für mich war das praktisch, weil ich dann nicht bei kühlem Bahnsteigwind auf die Bahn aus Siegburg warten musste, sondern einfach in den bereitstehenden Zug einsteigen konnte. Der Regen kam pünktlich im Laufe der Vormittags und hielt sich bis zum Nachmittag, mit der Verkehrsmittelwahl lag ich richtig.

Der Arbeitstag war nicht sehr montäglich und ziemlich kurz, weil nachmittags ein Physio-Termin anstand zur weiteren Genesung des kürzlich operierten Ellenbogens. Dem geht es weiterhin gut, es tut nichts weh und die Bewegung ist nicht eingeschränkt. Fast frage ich mich, wozu er überhaupt physiotherapeutischer Anwendungen bedarf, es wird dadurch nichts besser, jedenfalls nicht erkennbar, immerhin auch nicht schlechter. Zudem ist Bewegung nie verkehrt. Bis ich wieder – in derselben Stätte – Sport an Geräten machen kann, dauert es noch einige Wochen, hoffentlich habe ich mich bis dahin nicht an die diesbezügliche Untätigkeit gewöhnt, sowas geht ja schnell und die Lust darauf muss danach erst wieder mühsam angewöhnt werden.

Ungeachtet des usseligen, wenig frühlingshaften Wetters werden in Büsum die Strandkörbe aufgestellt.

Siehe hier: https://www.buesum.de/buesum-erleben/webcams/gruenstrand

Dienstag: Morgens beim Fußweg ins Werk lag Nebel über dem Rhein, im Laufe des Tages zeigte sich das Wetter wieder frühlingsfreundlich. Die ewige Baustelle am Rheinufer lässt leichte Fortschritte erkennen.

Nach Rückkehr lagen im Briefkasten gleich zwei Briefe meiner Brieffreundschaften, was mich sehr freute und bislang noch nicht vorkam. Somit habe ich nun drei Briefe zu beantworten, was so bald wie möglich erledigt wird, indes noch einige Tage dauern kann. Ich bitte um Geduld.

Liebe Kinder, wie wir Alten in Zeiten vor Strieming Musik hörten, hat der liebe Onkel Nicolay hier sehr anschaulich aufgeschrieben. Eine Stereoanlage mit Plattenspieler und Kassettendeck, Schallplatten und Kassetten besitze ich noch heute und ich sehe keinen Grund, mich davon zu trennen, auch wenn ich sie nur noch selten benutze.

Morgens
„Gegen Abend ist mit zunehmender Dunkelheit zu rechnen“ – Immer wieder schön, wenn Offensichtliches per Schild gleichsam amtlich wird

Mittwoch: In einer Besprechung wurde der Begriff „Gesamtwohlfahrtsmaximierung“ erläutert. Wenn ich es richtig verstanden habe, bezeichnet er ein Wirtschaftsprinzip, das vorhandene Mittel so aufteilt bzw. einsetzt, dass möglichst alle möglichst viel davon haben. Vielleicht habe ich es auch falsch verstanden, jedenfalls ein weiteres wunderbares Wort.

In einer anderen, einstündigen Besprechung zur Mittagszeit führte ich, um nicht einzuschlafen, Strichliste darüber, wie häufig „ich sag mal“ und „tatsächlich“ gesagt wurde. Ergebnis: 76 mal „ich sag mal“ einschließlich der Varianten „ich sag jetzt mal“ und „sag ich mal“, dagegen nur siebenmal „tatsächlich“. Außerdem ungezählte Male „quasi“ und ein paar mal „genau“.

Nachmittags herrschte in der Bonner Innenstadt Verkehrschaos, weil eine Autobahn gesperrt ist und eine Rheinbrücke für die nächsten Jahre, bis zu ihrem Abriss und Neubau, nicht mehr von LKW und Bussen befahren werden darf. Dazu wurde intensiv gehupt, weil das bekanntlich immer hilft. Als Radfahrer ist man klar im Vorteil, als Fußgänger sowieso.

Donnerstag: Kleine Woche, Inseltag, Wandertag. Heute ab Siegburg über den Heideweg, eine Etappe der Erlebniswege Sieg. Die gut zweiundzwanzig Kilometer lange Runde beginnt und endet im Nordwesten von Siegburg, führt über Lohmar und durch die östliche Wahner Heide. Wie am Montag schon erwähnt, fahren zwischen Bonn und Siegburg zurzeit keine Stadtbahnen, stattdessen ist Schienenersatzverkehr mit Gelenkbussen eingerichtet, die im Takt weniger Minuten pendeln. Da ich ahnte, dass das länger dauert als die Bahn, stand ich bereits zur normalen Werktagszeit auf und fuhr zeitig los. Das war eine richtige Entscheidung, trotz großzügiger Auslegung der geltenden Vorfahrts- und Geschwindigkeitsregelungen durch den Busfahrer dauerte die Fahrt fast eine Stunde, die Bahn wäre in gut zwanzig Minuten am Ziel gewesen. Immer wieder standen wir im Stau, was wieder einmal zeigt, es gibt viel zu viele Menschen, die meinen, auf das Auto angewiesen zu sein.

Während der Fahrt zogen von Nordwesten dunkle Wolken auf, die sich bald als heftiger Regen ergossen. Das war der Wanderlust nicht abträglich; nach Ankunft in Siegburg frühstückte ich in der Bäckerei am Bahnhof, danach fuhr ich mit einem anderen Bus, den nur die App der Verkehrsbetriebe, jedoch nicht die örtliche Anzeige kannte, zum Ausgangspunkt der Wanderung, von da an regnete es nicht mehr. Später schien die Sonne.

In Lohmar-Heide, etwa auf halber Strecke, ließ mich die Komoot-App wieder im Stich, indem sie die angezeigte Tour einfach dort enden ließ. Grundsätzlich lässt sich der Heideweg auch ohne Navigation gehen, weil er gut markiert ist (weißes S auf rotem Grund), doch ausgerechnet in Heide war auch die Markierung mangelhaft, oder ich zu blind, sie zu sehen, kann ja auch sein. Dieses Mal war ich immerhin so schlau, die Navigation abzubrechen und die Tour neu zu starten, bis zum Ende hielt Komoot dann durch. Trotzdem halte ich sie inzwischen für eine Mist-App; falls Sie mir eine bessere Alternative empfehlen können, sehr gerne.

Bei Heide gibt es einen Friedwald, mit Schildchen an den Bäumen statt Grabsteinen. Etwas abseits des Weges wurde eine Beisetzung abgehalten, dazu wurde „Und die Chöre singen für dich“ von Mark Foster gespielt. Ich bin nicht gerade ein Fan von ihm, doch finde ich diese Art der letzten Ehrerweisung sehr ansprechend. Auch wenn es mir, wie bereits geschrieben, völlig egal ist, auf welche Weise mein Kadaver dereinst entsorgt wird. Sollte es zu einer Trauerfeier kommen, wünsche ich mir dafür als musikalische Begleitung, auch wenn ich dann nichts mehr davon habe, „The Show Must Go On“ von Queen und die Arie „Ebben? Ne andrò lontana“ aus der Oper La Wally, gesungen von den Kölner Spitzbuben:

Das wäre schön.

Zurück ins Leben: Bei Lohmar gibt es einen Campingplatz, direkt an der Agger sehr schön gelegen, allerdings in unmittelbarer Nähe und Hörweite die Autobahn 3, darüber die Ausflugschneise des Flughafens Köln / Bonn. Man muss Camping schon sehr mögen und dazu möglichst schwerhörig sein, um dort zu verweilen. Daran gemessen war der Platz gut belegt.

Zur Wanderstrecke: Die erste Hälfte führt überwiegend durch Wald, allerdings zum größeren Teil auf breiten, über längere Strecken geraden Wegen. Hinter Lohmar in der Wahner Heide wird es etwas wilder und abwechslungsreicher. Kurz vor Siegburg traf ich überraschend auf ein zugewachsenes Bahngleis, einst die Bahnstrecke von Siegburg nach Lohmar, die bereits 1989 stillgelegt wurde. Umso erstaunlicher, dass das Gleis immer noch liegt. Ab hier wich ich von der vorgesehenen Route ab und folgte dem Weg neben dem Gleis bis zu seinem Ende kurz vor Siegburg, ab da führt der Weg auf der ehemaligen Bahntrasse bis in die Siegburger Innenstadt.

Zum ersten Mal seit ich weiß nicht wie vielen Jahren sah ich eine Blindschleiche, die sich über den Weg schlängelte.

Nach ziemlich genau fünf Stunden erreichte ich wieder den Bahnhof Siegburg, von wo ich mit einem Schienenersatzbus zurück nach Bonn fuhr. Ich hätte vorher in Siegburg die übliche Belohnungscurrywurst essen können, doch erschien es mir klüger, direkt zurück zu fahren, ehe der Berufsverkehr einsetzt und der Bus im Stau steht. Die Currywurst gab es dann wieder vor der Gaststätte auf dem Bonner Marktplatz. Von meinem Platz aus beobachtete ich, wie ein Rettungswagen mit Blaulicht und Martinshorn vorfuhr und vor dem Fitness-Studio gegenüber hielt. Die drei Sanitäter gingen dann ohne erkennbare Eile hinein. Es war wohl nicht so dringend. Oder es hatte sich erledigt. The show must go on.

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Die Zeitung berichtet über Unzucht in Euskirchen und erfreut mit einem weiteren Symbolbild aus der Hölle:

(General-Anzeiger Bonn online)

Freitag: Am Ende des für einen Freitag gar nicht mal so kurzen Arbeitstages blieb vieles unerledigt, unter anderem weil mich Besprechungen und ein einstündiger Info Call mal wieder von der Arbeit abhielten. Nächste Woche wird es nicht besser. „Das kommt davon, wenn man lieber durch die Gegend läuft, anstatt ins Büro zu gehen“, könnten Sie nun nach dem freien Tag gestern einwenden. Dem ist zu entgegnen: Das ist es mir wert. Was auch immer liegen bleibt, niemand kommt dadurch zu Schaden.

Onkel Michael macht sich, wie ich finde, kluge Gedanken über akzeptierten Sprachgebrauch. Kostprobe:

„Darf ich das so sagen?“, „Ist das noch zulässig?“, „Gibt es dafür inzwischen ein besseres Wort?“ – und während man noch innerlich Formulare ausfüllt, ist der ursprüngliche Gedanke längst verhungert. Das ist kein Verbot, das ist Dressur. Und zwar eine ziemlich effektive.

Das Ergebnis ist eine Sprache, die immer glatter, immer vorsichtiger, immer risikofreier wird. Eine Sprache, die niemanden beleidigt – und dabei zunehmend auch niemanden mehr interessiert. Sie ist korrekt, sauber, gut gemeint und ungefähr so lebendig wie ein Beipackzettel.

Dagegen sind Besprechungssätze wie „Lass uns bilateral sprechen wegen der Zeitschiene“, „Ich muss da Erwartungsmanagement betreiben“ oder „Das werde ich später racapen“ völlig unzensiert möglich. Leider, bin ich versucht, hinzuzufügen.

Samstag: Die Nacht endete früh, da ich nach Bielefeld zu fahren beabsichtigte, um die Mutter zu besuchen, wie üblich und trotz allem mit der Bahn. Das fing schon gut an, denn, wie die Bahn-App morgens meldete, fiel die vorgesehene Fahrt mit dem RE 6 aus. Das war nicht so schlimm, ich war früh genug aufgestanden, um eine frühere Verbindung zu erreichen, die mit erfreulicher Pünktlichkeit verlief.

„Ganz Köln ist ein Drecksloch“, sagte eine Dame hinter mir bei Erreichen der Stadt zu ihrem Begleiter. Nun ist Köln wohl nicht die schönste aller Städte, auch wenn Kölner das anders sehen, doch sie in ihrer Gesamtheit derart zu bezeichnen erscheint mir übertrieben. (Da fällt mir ein alter Witz ein, der nur gesprochen seine Komik entfaltet: „Köln ist ein Drecksloch? Mainz sollten Sie mal sehen.“ – Tusch.)

Ab Oelde füllte sich der Zug mit Menschen, die blau-weiß-schwarz gekleidet und beschalt waren, den Farben des örtlichen Bielefelder Fußballvereins. Einige waren mit Bierflaschen ausgestattet, immerhin verhielten sie sich ruhig. Dennoch befürchtete ich im Falle eines Sieges akustisches Ungemach für die Rückfahrt.

Während die Mutter nach dem Mittagessen eine halbe Stunde ruhte, unternahm ich einen Spaziergang durch den Stadtteil, in dem ich aufgewachsen bin und der sich seitdem naturgemäß stark verändert hat, wie ich auch. Einiges ist geblieben, etwa das Einkaufszentrum im Waschbeton-Charme der frühen Siebzigerjahre. Auch einige Geschäfte darin haben sich bis heute gehalten, etwa die Lottoannahmestelle, die Sparkasse, das Restaurant und der Friseursalon. Auch dem Vater stattete ich auf dem Friedhof einen kurzen Besuch ab.

Meine Befürchtung bezüglich Fußballfangelärmes auf der Rückfahrt war unbegründet. Der Bahnsteig gegenüber an Gleis 8 war dicht bevölkert mit Blau-Weiß-Schwarzen, Gesang schallte herüber, ehe sie sich in die viel zu kurze Regionalbahn nach Paderborn quetschten. Mein Mitgefühl galt den weniger fußballbegeisterten Mitreisenden. Mit meinem Zug in Richtung Köln fuhr nur eine kleine Gruppe Fußballfreunde, allerdings nicht blau-weiß-schwarz sondern irgendwas mit rot. Auch sie stimmten während der Fahrt kurz Gesang an, allerdings einen Wagen weiter, somit kaum störender als das übliche Geplapper in einem Zug. Die Rückfahrt verlief im Übrigen ebenfalls pünktlich, zweimal vier Stunden reichten dann auch.

Sonntag: „Ich glaube, mich streift ein Bus“ sagte man früher, um seiner Verwunderung oder Empörung Ausdruck zu verleihen. Ob dem Autofahrer dieser Spruch bekannt ist, weiß ich nicht, jedenfalls erlebte er beziehungsweise sein Wagen ein solches Ereignis heute Nachmittag, wie ich beim Spaziergang beobachtete. Bus und Auto warteten in der Weststadt nebeneinander vor einer Ampel, links der Bus, rechts der Wagen. Dann war ein unschöner Knall zu hören, Glas splitterte, der Bus fuhr über die Kreuzung und hielt dahinter warnblinkend an. Der Busfahrer verließ sein Fahrzeug nicht, vielleicht stand er unter Schock. Dem Auto waren der linke Rückspiegel und die Vorderfront weggerissen, am Bus war eine Scheibe der hinteren Tür zersplittert. Menschen kamen dem Anschein nach nicht zu Schaden, gleichwohl dürfte für die Beteiligten der Sonntag gelaufen sein. Auch die Busfahrgäste haben heute was zu erzählen.

Im Übrigen ließen dunkle Wolken im Norden und erste Regentropfen die Beendigung der Spaziergangs nach einer Stunde ratsam erscheinen. Somit auch heute kein Freiluftgetränk im Lieblingsbiergarten, das ist nicht schlimm.

Während an der Poppelsdorfer Allee die ersten Kastanien blühen …
… ist die Kirschblüte in der Inneren Nordstadt bald durch

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Für mich ist sie mit einer sechsstündigen KI-Schulung und einer dreitägigen Dienstreise nach Höxter verbunden, auf letztere freue ich mich ein wenig.

19:00

Woche 15/2026: Maibock, Marmelade und Mindestgeschwindigkeit für Fußgänger in Engstellen

Zunächst ein Nachtrag zur vergangenen Woche:

1) Vielen Dank für die Kommentare zu dem mir bis dahin unbekannten, während der Wanderung am Donnerstag fotografierten Gewächs am Wegesrand, die dieses als jungen Schachtelhalm identifiziert haben.

2) Während des Abendessens gestern kamen wir irgendwie auf diese alte amerikanische Spielfilmkomödie mit der grandiosen Autoverfolgungsjagd gegen Ende zu sprechen, wie hieß sie noch: „Is´ was, Doc?“ mit Barbra Streisand, nein: „Eine total, total verrückte Welt“ mit Spencer Tracy. Den schauten wir dann nach dem Essen. Als am Ende die Autojagd begann, merkte ich: Es wäre doch „Is‘ was, Doc?“ gewesen. Das ist nicht schlimm, ich habe den falschen Film bestimmt seit dreißig bis vierzig Jahren nicht mehr gesehen und Tränen gelacht. Dann müssen wir den anderen eben auch noch die Tage anschauen. Deshalb. Und deshalb.

Montag: Auch heute blieben wir lange im Bett und frühstückten spät, warum auch nicht. Um die Ostertage nicht nur essend, trinkend und schlafend zu verbringen, unternahmen der Liebste und ich nachmittags eine Radtour nach Brühl. Das Wetter zeigte sich anfänglich jackenkühl mit Sonnenschein, somit bestens für eine Radtour. Und also fuhren wir durch Felder und recht idyllische Orte wie Bornheim-Sechtem, das ich bislang nur vom Vorbeifahren mit der Bahn kannte. Die Rapsblüte schreitet voran, für mich immer wieder ein Grund, anzuhalten und zu fotografieren, obwohl es doch jedes Jahr gleich aussieht, wäre ja auch seltsam, wenn er plötzlich, sagen wir blau blühen würde. Die Bonner Kirschblüte ist ja auch immer gleich, dennoch strömen sie jedes Jahr in Scharen durch die Innere Nordstadt, die wir heute bewusst mieden, die Menschenmassen nahmen wir nur im Vorbeifahren aus den Augenwinkeln wahr. Zurück in die Bornheimer Felder: Auch der Flieder steht kurz vor der Blüte, nur die Kastanien brauchen noch etwas, bis sie sich mit ihren prächtigen weißen und roten Dolden schmücken. Für mich ist diese Phase der möglichst gleichzeitigen Raps-, Flieder und Kastanienblüte stets die schönste Zeit des Jahres, vermutlich schrieb ich es schon mehrfach, sehen Sie es mir bitte nach. Erstaunt war ich, dass der Rhabarber schon geerntet wird, auf dass die Produktion von Rhabarberkuchen, -schorle und -likör nichts ins Stocken gerät.

Ziel unserer Tour waren die Brühler Schlösser Augustusburg und Falkenlust. Ersteres besuchte und besichtigte ich letztmals vor schätzungsweise fünfundzwanzig Jahren, zweiteres noch nie. Wie das so ist, wenn man so etwas gleichsam vor der Haustür hat. In der Außengastronomie bei Schloss Falkenlust stärkten wird uns: ich mit Weißbier, der Liebste mit einem Cappuccino. Er war schon immer der Vernünftigere von uns.

Vor Roisdorf
Alles gelb
Schloss Augustusburg
Schloss Falkenlust
Der Verfasser in guter Verfassung (Foto: der Liebste)
Bahnromatik bei Brühl
Bahnromatik in Bonn-Buschdorf

Dienstag: Nach fünf arbeitsfreien Tagen gibt es schöneres, als morgens ins Büro zu gehen. Doch möchte ich nicht klagen, so schlimm war es nicht. Eine Besprechung wurde abgesagt mit der Begründung „obsolet“. Wenn doch alle obsoleten Besprechungen abgesagt würden. Eine weitere endete nach vier Minuten, weil wir da bereits aligned waren, wie es hieß. Auch die war zweifellos obsolet.

Angenehmer Fußweg hin und zurück, morgens mit Handschuhen, nachmittags mit offener Jacke und Rast beim bayrischen Wirtshaus, wo wieder Maibock im Ausschank ist. Auf den freue ich mich jedes Jahr ungefähr so sehr wie auf die Blüte von Raps, Flieder und Kastanien.

Wie der Zeitung zu entnehmen ist, darf ab Sommer Marmelade genannt werden, was bislang nur als Fruchtaufstrich oder Konfitüre bezeichnet werden durfte, nämlich Produkte aus Nichtzitrusfrüchten. Bis heute war mir nicht bekannt, dass nur Zitrusfrüchte als Marmeladenbasis zugelassen sind, es somit Erdbeer- und Kirschmarmelade streng genommen gar nicht gibt, obwohl es jeder sagt; nun ist es auch egal. Oder wie es die Vertreterin des Bundeszentrums für Ernährung genderkorrekt ausdrückt: „Am Frühstückstisch der Verbrauchenden ändert das wohl wenig.“

Mittwoch: Mit dem Bürokollegen sprach ich über Träume. Also nicht im Sinne von unerfüllbaren oder bislang unerfüllten Wünschen, sondern über das, was während des nächtlichen Hirnfegens so in einem vorgeht. Erstaunlich fanden wir beide die dabei immer wieder erlebte Selbstverständlich absurdester Situationen, Sie kennen das sicher. Am Ende kam uns die Idee, vielleicht auch dieses Gespräch nur zu träumen, gleich daraus zu erwachen und sich zu fragen, wer der seltsame Vogel am Schreibtisch gegenüber war.

Für nach der Arbeit hatte ich einen Brötchenholauftrag für das Abendessen erhalten. Es gibt eine Bäckerei in Büronähe, doch deren Produkte sind meinen Lieben nicht gut genug, es muss unbedingt die Bäckerei M. sein, die in der Innenstadt drei Filialen betreibt. Keine davon ist tagsüber mit dem Fahrrad gut zu erreichen, das heißt an Fahrradtagen wie heute: Fahrrad abstellen und abschließen, die Tasche vom Gepäckträger nehmen, Brötchen kaufen, einpacken, Tasche wieder auf den Gepäckträger, aufschließen und im Schritttempo durch die menschenvolle Fußgängerzone nach Hause. Sehr umständlich. Nächstes Mal fahre ich wieder erst nach Hause, stelle das Fahrrad ab und gehe dann zu Fuß zum Bäcker. Das mag einige Minuten länger dauern, ist aber wesentlich entspannter.

Zeitvertreib ist auch so ein unnützes Wort: Welchen Sinn sollte es haben, Zeit zu vertreiben?

Ein interessantes Wort ist auch „Höhentief“. Ein solches ist laut Wettervorhersage für morgen zu erwarten.

Donnerstag: „Abstand rettet Leben“ stand auf dem Trikotrücken des Radfahrers, der nachmittags mit robustem Tempo durch die zahlreichen Fußgänger in der baustellenbedingten Engstelle am Rheinufer slalomierte. Im Übrigen erscheint mir so wünschenswert wie ein Tempolimit auf Autobahnen eine Mindestgeschwindigkeit für Fußgänger in Engstellen.

Freitag: Letzte Woche beklagte ich, dass sich der Bürorechner nicht mehr über den Schalter an der Dockingstation starten lässt, sondern ich dazu das Laptop aufklappen und dessen Einschaltknopf drücken muss. Zwar halte ich es für sehr unwahrscheinlich, dass die Verantwortlichen bei Microsoft oder HP dieses Blog lesen, jedenfalls funktioniert es seit heute wieder auch über die Dockingstation. Vielleicht war es eine vorübergehende Systemunpässlichkeit.

Zum Abendessen suchten wir die andere Rheinseite auf. Zurück sah es so aus:

..

Samstag: Morgens frühstückten wir vor dem Restaurant in der Fußgängerzone, wo die Frühstückslingssonne schon recht ordentlich wärmte.

Ab mittags beausflugte ich mit Leuten des Kölner Eisenbahnfreundevereins die Ahrtalbahn, die nach der Flutkatastrophe im Sommer 2021 seit vergangenem Dezember wieder durchgängig und nunmehr elektrisch befahren wird, ich berichtete. Zunächst fuhren wir bis zum Endpunkt in Ahrbrück, dann gleich wieder zurück bis Altenahr. Ab dort bewanderten wir sonnenbeschienen ein Stück des Rotweinwanderwegs, vorbei an noch blattlosen Reben und ohne Rotwein. Wobei das Wort Wanderung übertrieben wäre, Ziel war das nur etwa fünf Kilometer entfernte Mayschoß. Dort kehrten wir ein in die Bahnhofsgaststätte, und weil sich ein Ahrtalbesuch ohne Weinverzehr unvollständig anfühlt, wurden mehrere Flaschen Blanc de Noir geordert und geleert. Danach brachte uns, weiterhin im Vollbesitz der geistigen und körperlichen Kräfte, die Ahrtalbahn zurück nach Bonn, wo beim Abschied Einigkeit darüber herrschte, einen schönen Nachmittag miteinander verbracht zu haben.

In Bonn regnete es inzwischen, was den Liebsten nicht davon abhielt, für uns zu grillen. Dazu gab es Rotwein von der Ahr. Anschließend schauten wir „Is‘ was, Doc?“ und lachten sehr, nicht nur bei der Autoverfolgung, wobei da besonders.

Ahrbrück – Auch die RB 30 fährt nun elektrisch
Beim ungefähr dritten Glas (Foto: H. Hitzel)

Sonntag: Nach nicht sehr spätem Frühstück und Sonntagszeitungslektüre machte ich mich auf zum tagesüblichen Spaziergang. Es war kühler als gestern, die Sonne ließ sich nur zeitweise blicken. Im Rucksack einige Bücher für den öffentlichen Bücherschrank, sowohl gelesene als auch einige vom Stapel der ungelesenen, die ich irgendwann mal aus einem solchen Schrank mitgenommen, seitdem jedoch mangels Zeit nicht gelesen hatte. Außerdem hatte ich mein Schreibbuch eingesteckt, weil mir inzwischen eine Idee gekommen ist, wie die letzte Woche erwähnte Kurzgeschichte für die Anthologie weitergehen und zu Ende gebracht werden kann. Geplant war, mich damit in den Lieblingsbiergarten am Rheinufer zu setzen und bei einer Halben die Worte fließen zu lassen. Oder field writing zu betreiben, wie der Mitblogger aus Duisburg es zu nennen pflegt. Das scheiterte daran, dass der Biergarten nicht geöffnet war, vielleicht wegen des Wetters, das ich als durchaus draußenbiertauglich empfand, vielleicht wegen Krankheit, Reichtum oder Unlust. Schade, dann eben nicht. Da mir keine andere Gaststätte in gleicher Weise schreibtauglich erschien, ging ich nach Hause und schrieb dort weiter, ging auch.

Die Zierkirschen in der Inneren Nordstadt haben begonnen, ihre Blüten abzuwerfen und das Straßenpflaster mit rosa Konfetti zu bestreuen; der Regen des Vorabends hat indes noch reichlich Blüten oben gelassen, daher sind die beiden Straßen auch heute noch für Autos gesperrt und gefüllt vom flanierenden Instagramvolk. Auch die Kastanien machen sich bereit für die baldige Pracht.

In einer Seitenstraße sah ich einen Kleinwagen mit der Beschriftung „Heidis Orgelmobil“ an den Seiten, dazu stilisierte Orgelpfeifen. Falls es Sie interessiert, welcher Profession Heidi nachgeht, recherchieren Sie bitte selbst, eine von mir – zugegeben nicht sehr intensiv durchgeführte – Suche brachte dazu keine Erkenntnis. Jedenfalls klingt es lustig.

Lange dauert es nicht mehr

***

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Ich freue mich auf eine kleine Woche mit freiem Donnerstag, dessen Nutzung als Wandertag laut aktueller Wettervorhersage nichts im Wege steht.

19:30

Woche 14/2026: Wirsing, Wanderlust und Weltfrieden

Montag: Die Müdigkeit am ersten Arbeitstag in Sommerzeit war nicht größer als sonst. Wobei der Begriff „Sommerzeit“ angesichts der derzeit herrschenden Kühle unangebracht erscheint.

Beklagte ich vergangene Woche ein deutliches Zuviel an Besprechungen, so begann diese diesbezüglich moderat. Nur ein für eine halbe Stunde angesetzter Regeltermin, der bereits nach einer Viertelstunde endete, beanspruchte meine Zeit, und selbst der hätte nicht sein müssen. Ließe man ihn dauerhaft ausfallen, hätte das keinerlei schädliche Auswirkung. Vielleicht sollte ich das dem Initiator gelegentlich vorschlagen. Doch stellt dieser Tag eine Ausnahme dar, ab morgen ist der Kalender schon wieder reichlich gefüllt.

In die Kantine ging ich erst spät, weil dann die Chance auf ungestörtes Alleinessen, wonach mir heute war, größer ist. Dort wählte ich das „Wirsinggemüse untereinander mit Rinderhackfleisch und Kartoffeln“. Die Optik des Gerichtes war sehr unvorteilhaft, eine gräuliche-brockige Pampe von breiiger Konsistenz; die darübergestreuten Lauchschnipsel vermochten kaum die deutliche Ähnlichkeit mit bereits Gegessenem, wie es sonntagmorgens gelegentlich auf Gehwegen und in Hauseingängen vorzufinden ist, zu kaschieren. Geschmacklich war es hingegen einwandfrei. Aus demselben Grund aß ich früher weder Wurstebrei noch Labskaus, weigerte mich, es nur zu probieren. Mittlerweile esse ich beides gerne.

Im Briefkasten lag nachmittags die Karte von DPD, das Paket aus München konnte auch im zweiten Versand nicht auf Anhieb zugestellt werden. Weiß der Himmel, wie DHL, Hermes und Amazon das fast immer schaffen. Laut Benachrichtigung kann ich es wieder im nahegelegenen Laden abholen. Morgen Abend der nächste Versuch.

Dienstag: „Ei-nmalige Deals“ las ich morgens auf einem mit Hase und bunten Eiern dekorierten Plakat in einem Schaufenster. Da kann man froh sein, dass Ostern bald vorüber ist.

Vorüber auch das Warten auf das Paket aus München: Heute Abend konnte ich es endlich aus dem Laden abholen. Es enthielt mehrere Flaschen Bier aus der berühmten Klosterbrauerei am Ammersee. Liebe N., herzlichen Dank dafür, mindestens eine Flasche davon trinke ich auf Ihr Wohl!

Eine weitere, unerwartete Sendung erreichte mich: Abends lag ein Brief aus Bonn-Lannesdorf im Briefkasten, über den ich mich ebenfalls freue. Darin unter anderem dieser Satz über Anzüge: „Ich finde, Anzüge sollten entweder komplett abgeschafft werden oder wieder mehr zum Standard gehören.“ Die Oder-Option ist mir deutlich sympathischer. – Lieber T., herzlichen Dank! Antwort kommt.

Mittwoch: An diesem 1. April blieb ich von Aprilscherzen aller Art verschont, jedenfalls bis zum Zeitpunkt der Notiz am frühen Abend. Vielleicht habe ich es auch nur nicht gemerkt und nahm Tageserlebnisse ernst, die als Spaß gedacht waren, wobei mir tagesrückblickend nichts einfällt, das anzuzweifeln wäre, jedenfalls nicht mehr als an anderen Tagen. Generell scheinen Aprilscherze in den letzten Jahren aus der Mode gekommen zu sein, was wenig verwundert in Zeiten, da man ohnehin nicht mehr weiß, was wahr ist und was gelogen beziehungsweise halluziniert.

Seit der neuen Windows-Version weist der Bürorechner eine kleine Verschlechterung auf: Bislang startete ich ihn bei zugeklapptem Deckel über einen Knopf der Docking-Station. Wenn ich das nun versuche, erscheint auf dem Monitor der Sicherheitswolf, ansonsten passiert nichts. Ich muss vielmehr das Laptop aufklappen und über dessen Einschaltknopf starten. Erst dann kann ich es wieder zuklappen. Meine Kollegen machen das schon immer so, lange vor dem neuen Windows, viele von ihnen lassen das Laptop den ganzen Tag aufgeklappt, zusätzlich zum großen Monitor, was ich nie recht verstanden habe. So hat ein jeder seine Gewohnheiten. Vorteil der neuen Version: Um den Bildschirm zu entsperren, muss man vor Eingabe von Nutzerkennung und Passwort nicht mehr Strg + Alt + Entf drücken, es genügt irgendeine Taste. Immerhin das ist eine kleine Verbesserung, wie ich in der letzten Woche mit bewegungsbeschränkter Hand merkte.

Im Büro bekam ich ansonsten einiges geschafft, weil mein Tatendrang von nur zwei Besprechungen unterbrochen wurde, deren letzte allerdings sehr spät lag und auch noch überzogen wurde. Dadurch geriet der Arbeitstag recht lang, worüber hinwegtröstet, dass es für mich der letzte dieser Woche war; morgen habe ich frei, danach beschert uns das Christentum vier freie Tage, jedenfalls denjenigen, die das Privileg der gewöhnlichen Fünftagewoche genießen. Gepriesen sei der Herr.

An erfreulichem privaten Posteingang herrscht momentan kein Mangel; zurzeit pflege ich vier aktive Brieffreundschaften mit Mitbloggern, das finde ich sehr schön. Heute erhielt ich wieder eine Postkarte aus Duisburg, die mich in einen gewissen Zugzwang bringt, da der kürzlich erhaltene Brief desselben Absenders noch der Beantwortung harrt. Ich weiß, er nimmt es mir nicht übel, in den nächsten Tagen finde ich hoffentlich Zeit dafür. Lieber M., herzlichen Dank!

Donnerstag: Auch diesen freien Tag nutzte ich für eine Wanderung. Wegen eines Gesundheitstermins am Nachmittag durfte sie nicht zu lang und nicht mit einer längeren An- und Abreise verbunden sein. Auch sollte sie wegen des genesenden Ellenbogens möglichst geringe Stolper- und Sturzgefahr aufweisen. Somit kamen Rhein-, Sieg- und Ahrsteig nicht in Frage. Stattdessen fuhr ich nach dem Frühstück in einem Bäckereicafé mit der Straßenbahn nach Bonn-Oberkassel, eine Viertelstunde später konnte es losgehen. Der knapp 17 Kilometer lange Rundweg führte über den Ennert, eine Erhebung östlich von Bonn, durch Wälder, Felder und die Dörfer Vinxel und Oberholtorf. Es ist ohne größere Anstrengung zu schaffen, das erhoffte Wanderglücksgefühl erfüllte mich schon nach wenigen Kilometern. Dazu trug das überwiegend sonnige Wetter bei milder Temperatur bei, erst gegen Ende zog es sich zu, blieb jedoch trocken. Und: Endlich beginnt es deutlich und augerfreuend zu grünen, vielen Bäumen sprießen die Blätter, auch die Rapsfelder hinter dem Hügel deuten erstes Gelb an. Über den Feldern zwitschern die Lerchen ihr Frühlingslied (ich muss immer nachschauen, ob es „Lerchen“ oder „Lärchen“ geschrieben wird, nicht dass ich Ihnen was von fliegenden Nadelbäumen erzähle und Sie dann denken: Jetzt wird der auch bekloppt), bei Vinxel umspielte unaufdringliche Landluft die Nase. Knapp vier Stunden später, einschließlich Mittagspäuschen auf einer Bank bei Niederholtorf mit Blick auf eine wenig pittoreske Neubausiedlung, erreichte ich wieder Oberkassel und fuhr mit der Stadtbahn zurück.

Im letzten Viertel der Runde verließ mich Komoot, indem die Anzeige der geplanten Tour einfach abbrach, nicht zum ersten Mal erlebte ich das mit dieser App. Das war nicht schlimm, dank weiterhin angezeigter Karte konnte ich die letzten Kilometer problemlos improvisieren. Dennoch frage ich mich, wieso ich Geld bezahlt habe für eine App, die nicht zuverlässig funktioniert und den Wanderer im wahrsten Sinne im Wald stehen lässt.

Oberkassel, Ausgangs- und Endpunkt
Endlich grün
Blick vom Ennert über Bonn
Aussichtsbühne über Oberkassel
Bei Vinxel
Weiher mit Reiher bei Vinxel
Bei Vinxel
Seltsames Gewächs am Wegesrand. Weiß jemand, was das ist bzw. werden will?
Obstblüte in Vinxel
Ein Aufkleber mit doppelter Interpretationsmöglicheit: 1) Leider, wir tun es trotzdem, steter Tropfen und so, 2) Deshalb lasst es sein.
Mit herzlichen Grüßen nach Augsburg
Der Dornheckensee oberhalb von Oberkassel, ein ehemaliger Basaltsteinbruch, heute beliebtes Ausflugsziel für Männer, die gerne Männer treffen
Von ihr können wir was lernen in unserer hektischen Welt. Oder ihm, wer weiß das schon so genau.

Die wandertagsübliche Pflichtcurrywurst mit Bier gab es nach dem Gesundheitstermin auch noch. Da wollen wir nichts einreißen lassen.

Freitag: Das „Kar“ in Karfreitag kommt vom althochdeutschen Wort kara für Klage und Kummer, wie unter anderem hier nachzulesen ist. Und nicht von K wie Kreuzigung, dem zur besseren Verschriftlichung ar angehängt wurde, damit man nicht „Kfreitag“ schreiben muss. Gewiss, K-Freitag oder Kafreitag würde dann auch gehen, für Freunde des Deppen Leerzeichens auch K Freitag, für MarketingKasper KFreitag.

Das darf auch in diesem Jahr nicht fehlen

Bleiben wir noch ein wenig bei K: Die Kirschblüte in der Inneren Nordstadt hat begonnen, ungefähr ein Drittel der rosafarbenen Blüten sind aufgegangen, die schon fleißig instagramiert werden. Erstmals in diesem Jahr wurden Straßenabsperrungen installiert, damit die erwarteten Menschenmassen an den Hauptblühtagen nicht von Kraftfahrzeugen belästigt werden. Wer dort wohnt und in der Zeit aufs Autofahren nicht verzichten will oder kann, hat Pech gehabt, was zieht er auch in dieses Viertel. Eine dieser Absperrvorrichtungen befindet sich an der Kreuzung nahe unserer Wohnung. Heute war sie noch heruntergeklappt, so dass Fahrzeuge passieren können. Vielleicht ist sie defekt oder falsch montiert, denn jedes Mal, wenn ein Auto darüber fährt, entsteht ein Geräusch, wie wenn Flaschen in einen Altglascontainer eingeworfen werden, nur lauter. Das kann für die unmittelbaren Anwohner noch heiter werden in den nächsten Nächten.

Symbolbild

Von Kar zu De – Gunkl schrieb: „Man kann sich überlegen, wie denn, wenn „de-“ eine verneinende Vorsilbe ist, wie der jeweilige Grundzustand vor einer Dekoration oder Dekorierung aussieht.“ Oder einer Demokratie. Oder eines Deodorants.

Spaziergangssichtung

Samstag: Das Frühstück nahmen wir im Bäckereicafé zu uns. Dabei wurden wir Zeuge des folgenden, nur sinngemäß wiedergegebenen Dialogs:

Kunde: „Einen Café zum Mitnehmen bitte. – Wie heißt’n du überhaupt?“

Verkäuferin: „Sandra*.“

Kunde: „Hallo Sandra, ich bin der Bob*.“

Sandra: (Gibt ihm den Kaffee)

Bob: (Bezahlt und geht)

*Namen geändert bzw. nicht gemerkt

Mittags verband ich die Altglas- und Leergutentsorgung (die Lieferung vom Dienstag ist bereits vollständig verzehrt, nochmals vielen Dank nach München) mit einem Spaziergang an den Rhein, ein wenig auch aus Gründen der Prokrastination. Zum einen stand für heute Fahrradpflege im Kalender, zum anderen wollte ich weiter an der Kurzgeschichte für die Anthologie-Ausschreibung arbeiten. Während ich das Fahrrad direkt im Anschluss an den Spaziergang putzte, tue ich mich mit der Geschichte schwer. Je mehr ich schreibe, desto weniger gefällt sie mir. Ich fürchte, mir fiktive Geschichten auszudenken fällt mir nicht halb so leicht wie Beobachtetes und tatsächlich Erlebtes aufzuschreiben. Das ist vermutlich auch der Grund, warum ich an meinem Romandings nicht weiterkomme. Die Figuren bleiben blass, die Konflikte und ihre Auflösung harmlos. Bis Ende dieses Monats habe ich noch Zeit, vielleicht streift mich ja noch der Muse Kuss. Vielleicht überlasse ich es lieber anderen, die es besser können.

Immerhin gelang es mir bereits gestern, den am Mittwoch erwähnten fälligen Brief zu schreiben und einzuwerfen.

Sonntag: Der Liebste ließ es sich nicht nehmen, uns mit österlicher Schokolade in größerer Menge zu beschenken, was auch im mittlerweile fortgeschrittenen Alter immer noch Freude bereitet. Das schöne am diesjährigen Ostern ist, es ist für uns mit keinerlei Unternehmungen, Reisen und Besuchspflichten verbunden. Daher war dieser Ostersonntag von einem gewöhnlichen Sonntag mit lange Schlafen, Frühstück, Sonntagszeitung und Spaziergang kaum zu unterscheiden. Der Spazierweg führte auch durch die Innere Nordstadt, wo ich kurz den zahlreichen Menschen beim Kirschblütenkucken zuschaute, ehe ich weiterzog in Richtung Weststadt, Endenich und Poppelsdorf. Unterwegs hoffte ich auf Inspiration, die oben genannte Kurzgeschichte betreffend. Leider vergeblich.

Was mir keine Freude bereitet: Bin ich eigentlich der einzige, der es ärgerlich findet, wenn sich beim Aufruf eines Links kein neuer Tab öffnet und man nur über den Zurück-Button des Browsers wieder zur vorherigen Seite gelangt?

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche.

17:00