Woche 21: Wenn man mit einem Kater aufwacht

Montag: Es mag ein Zeichen gewisser Unreife sein, aber jedes Mal, wenn ich von Boxspringbetten höre oder lese, stelle ich mir ziemlich bizarre Liebesspielpraktiken vor und kichere innerlich wie ein Teenager.

Dienstag: Laut Hermann Hesse wohnt jedem Anfang ein Zauber inne. Dem möchte ich entgegenhalten: Aller Anfang ist schwer, allen voran der Wochenbeginn an einem Dienstag, der sich pfingstbedingt wie ein Montag anfühlt. Ebenfalls deprimierend sind inszenierte erste Spatenstiche für Gewerbebauten. Jedenfalls strahlen Pressefotos, die den Firmenvorstand, den Bürgermeister und ein paar andere mehr oder weniger Prominente beim Schaufeln in einem nur für diesen Zweck aufgefahrenen Sandhaufen zeigen, eine erhebliche Lächerlichkeit aus, vor allem, wenn sie dazu auch noch mit Schutzhelmen ausgestattet wurden.

Mittwoch: Netter Versuch.

KW21 - 1

Übrigens, oder by the way, wie eine gute Freundin, die durch gelegentliches Einflechten englischer Fragmente in ihre wörtliche Rede gerne Bildung und Weltgewandtheit zum Ausdruck zu bringen sucht, jetzt vielleicht sagen würde: Ich habe gar kein PayPal-Konto.

Donnerstag: Hinweis an die junge Dame, die mich auf der Straße ansprach: Bitte werten Sie mein stummes Kopfverneinungszeichen nicht als naturgegebene Unhöflichkeit, aber meine Neigung, mir von hyperaktiven jungen Tier-, Kinder-, Natur- oder Was-auch-immer-Schützern etwas aufschwatzen zu lassen, ist äußerst flachwurzelnd.

Freitag: Am Morgen sah ich in der Bahn einen jungen Mann mit Rastalocken, diesen filzartigen Haarschlangen, die einst auch Momo Zenkers Haupt zierten; vielleicht tun sie das auch heute noch, ich weiß es nicht, weil ich aufgrund medialer Interessenverschiebung die Lindenstraße seit Jahren nicht mehr gesehen habe. (Daher merke ich auch gerade jetzt erst, da ich es niederschreibe, dass er Momo Sperling hieß, nicht Zenker, er possierte nur mit der jungen Zenkers, so weit ich mich erinnere. Außerdem hatte er einen entsetzlich farblosen Bruder, Philipp hieß der, glaube ich.) Das Besondere an dem Sperling, also dem Vogel in der Bahn, war nicht sein Haupthaar, sondern seine Beschäftigung: er strickte. Damit war er gleichsam ein erfreulicher Farbtupfer im allgemeinen Grau der auf ihr Display starrenden Mitreisenden.

Eigentlich müsste ich heute laufen. Eigentlich laufe ich zweimal in der Woche, jeweils dienstags und freitags. Heute ist es einfach zu warm dafür. Dienstag war ich zu müde. Immerhin läuft mein Gründegenerator tadellos.

Samstag: Die trotz hoher Temperatur erstaunlich gut besuchte Weinprobe am Abend nahm zu späterer Stunde einen gewissen Partycharakter an. Partybilder verabscheue ich übrigens genauso wie offensichtlich gestellte Pressefotos. Wenn es sich mal nicht vermeiden lässt: Ich bin der, der nicht in die Kamera schaut.

Sonntag: Wenn man mit einem Kater aufwacht, sind seltsame Gedanken manchmal der Begleiter. Zum Beispiel die Frage, was dabei herauskäme, wenn man eine Amsel mit einer Elster kreuzte. Vielleicht eine Alster? Der Tag wurde dann aber doch noch ganz passabel. Es gibt übrigens ein Deutsches Vogelschlagkomitee, wie ich in einem Zeitungsartikel las. Was machen die wohl den ganzen Tag? Nebenbei bemerkt: Die Angst vor Vögeln heißt Ornithophobie. Und das hat wirklich gar nichts mit Boxspringbetten zu tun.

Troisdorf von oben

Letzte Nacht hatte ich einen Klartraum. Vor geraumer Zeit beschrieb ich es schon einmal: Das sind diese Träume, in denen man weiß, dass man träumt, ohne aufzuwachen. Angeblich kann man das trainieren und nach ausreichender Übung sogar das Geschehen aktiv beeinflussen, was grenzenlose Möglichkeiten für Vergnügungen und Abenteuer aller Art bietet, ohne zuvor viel Geld auszugeben für Flugreisen oder Drogen, oder stundenlang in einer Warteschlange anstehen zu müssen. Unbeschäftigt auf etwas warten zu müssen ist ja für viele Menschen ohnehin eine der schlimmsten Zumutungen.

Gemäß einschlägiger Literatur* funktioniert das mit dem Klarträumen so:

Zunächst muss man sich des Träumens bewusst werden. Steht man zum Beispiel gerade in unvorteilhafter Unterwäsche in einem Supermarkt, oder man vernimmt die Nachricht, Donald Trump sei freiwillig vom Amt des Präsidenten zurückgetreten, ist die Wahrscheinlichkeit relativ hoch. Im meinem aktuellen Fall saß ich, ausgestattet mit Trikot und Fanschal, in einem Fußballstadion und jubelte begeistert meiner Mannschaft zu, was mir im wachen Leben nicht im Traume einfiele, nicht unter Androhung einer hohen Strafe bei Weigerung oder nach Inaussichtstellung einer hohen Belohnung.

Als nächstes vergewissere man sich, dass man wirklich träumt. Hierzu kann man kurz hochspringen. Verharrt man für einige Sekunden in der Luft, statt der Schwerkraft folgend sogleich wieder auf dem Boden der Tatsachen zu landen, befindet man sich entweder auf dem Mond, oder man träumt. Vielleicht träumt man auch, man sei auf dem Mond, aber betrachten wir diese Variante hier nicht weiter, um das ganze nicht unnötig zu verkomplizieren. Ich wählte stattdessen eine andere von Experten empfohlene Methode: Ich hielt mir Mund und Nase zu und versuchte, einzuatmen. Da die Luft trotz Verschluss der dazu erforderlichen Öffnungen in die Nüstern strömte, konnte ich mir des Träumens sicher sein. Das Wichtigste ist, jetzt nicht aufzuwachen.

Dann geht es los: Wie ein Regisseur kann man nun ins Geschehen eingreifen, die Ereignisse nach Belieben lenken. Ich riss mir die blöden Fußballfanklamotten vom Leib und beschloss, einen Flug über Troisdorf zu machen, weiß der Himmel, warum ausgerechnet Troisdorf. In einer beliebten Sendereihe im Fernsehen zeigen sie ja gerne alles mögliche von oben: Berlin, Nordrhein-Westfalen, Deutschland, Australien, die schönsten Müllhalden, was auch immer. Doch niemals sah ich einen Programmhinweis auf die Folge „Troisdorf von oben“; diese Lücke zu schließen mag mich beflügelt haben.

Übrigens, für Nichtrheinländer, spricht man es ohne das i aus, stattdessen wird das o gedehnt, also „Troosdorf“. Im Gegensatz zum nicht weit entfernten linksrheinischen Roisdorf, einem Ortsteil der Spargelschälerstadt Bornheim: Hier wird das i mitgesprochen, also wie „Räusdorf“. Menschen mit zweifelhaftem Humor sagen auch „Trostlos“, wenn sie Troisdorf meinen, Sie wissen schon, diejenigen, mit denen man sich nicht so gerne umgibt, weil sie auch „zum Bleistift“, „Spaßkasse“, oder „Schlepptop“ sagen.

Zurück zu meinem Klartraum. Zunächst gelang mein Flug ganz gut, ich musste meine Flügel nur wenig bewegen, um mich in der Luft zu halten, Troisdorf lag unter mir wie ein (nicht ganz so spektakulärer) Teil des Miniaturwunderlandes. Doch dann kam mir über einem Gewerbegebiet Peter Altmaier entgegen geflogen. Nackt. Als er mich nach dem Weg zum „Mäc Doof“ von „Roosdorf“ fragte, wachte ich umgehend auf und benötigte längere Zeit, bis ich wieder einschlief. Mit Klarträumen war leider erstmal aus der Traum.

Ich muss noch viel üben.

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* Zum Bleistift: „Klartraum – Wie Sie Ihre Träume bewusst steuern können“ von Jens Thiemann, Rowohlt-Verlag

Woche 20: Irgendwas mit Alkohol

Montag: Der Tag begann mit einer Radiomeldung über fünf Wasserbüffel, die auf der Autobahn drei bei Leverkusen unterwegs waren. Vermutlich fordern Nabu und Peta bald die dauerhafte Sperrung des Autobahnabschnitts, um die Tiere in ihrer natürlichen Umgebung nicht zu stören. Wo wir gerade bei absurden Nachrichten sind: Irgendein höheres Tier eines großen Kirchenkonzerns sieht in Religionen „nicht Ursache von Krieg, sondern Motor des Friedens“, wie er laut Zeitung auf dem Katholikentag in Münster verkündete.

Ansonsten bildete die Umwölkung meines Büros ganz gut meinen inneren Gemütszustand am Vormittag ab.

KW20 - 1

Dienstag: Morgens stieg am Hauptbahnhof wieder ein sehr spezieller Fahrgast in die Sechsundsechzig ein. Wegen eines offensichtlichen Verdrahtungsfehlers, vielleicht einer Form des Tourette-Syndroms, schreit er stets los, als hinge sein Leben und das aller anderen Fahrgäste davon ab, wenn die Bahn nach seinem Zustieg nicht augenblicklich losfährt: „Nun fahr doch endlich ab!“, dazu üble Beschimpfungen gegen den Fahrer.  Natürlich ist das nichts, worüber zu erheitern es sich geziemt. Dennoch kann ich dann ein Zucken der Mundwinkel nicht ganz vermeiden, und glaube es auch bei anderen Fahrgästen zu vernehmen.

Ein anderer komischer Vogel saß heute mit mir in einem Seminar. Obwohl der Generation Displayboy längst entwachsen, beschäftigte er sich fast während der gesamten Dauer der Veranstaltung mit seinem Tablet. Ich weiß nicht, was mich mehr irritierte: sein Verhalten oder das Ausbleiben mahnender Worte durch die Seminarleitung.

Weisheit des Tages: „Ein Hamsterrad sieht nur von innen aus wie eine Karriereleiter.“

Mittwoch: Fahrschüler benötigen heute immer länger bis zur Führerscheinreife, sagt das Radio am Morgen. Als eine Ursache wurde die zunehmende Unfähigkeit erkannt, die Umgebung korrekt wahrzunehmen und Situationen richtig einzuschätzen. Wer hätte das gedacht.

Donnerstag: Warum fahren Männer bis etwa Mitte dreißig eigentlich so gerne aufrecht stehend Rad, auch in flachster Ebene, anstatt vom Sattel Gebrauch zu machen? Was haben die davon?

Freitag: „Endspurt“ rufen sich die Kollegen im Aufzug zu, gleichsam das „Mahlzeit“ zum Wochenende. Dessen ungeachtet lege ich den Hinweis des Facility Managements, dass das Bürogebäude am Samstag gesperrt ist, in der Schublade „unnützes Wissen“ ab. Ähnlich unnütz erscheint mir der Kunstpreis in Höhe von 1.968 Euro, den der Kunstverein Ahlen für ein vergoldetes Schamhaar eines gewissen Rainer Langhans verliehen hat.

Samstag: „Die Royalen gehen mir royal am Arsch vorbei“, sagt am Vormittag die zu erratende Prominente im Radio. Dem habe ich nichts hinzuzufügen.

Sonntag: Auch in religiösen Fragen mit nicht allzu großen Kenntnissen gesegnete Menschen wissen üblicherweise, dass Jesus der christlichen Legende nach zu Weihnachten geboren und zu Ostern erst getötet wurde, dann auferstanden ist. Doch was war nochmal zu Pfingsten passiert? Irgendwas mit wirrem Gerede, nachdem der heilige Geist in ein paar bedauernswerte Menschen gefahren war. Also irgendwas mit Alkohol. Vielleicht liegen die pfingsbezogenen Unkenntnisse auch darin begründet, dass dieses Ereignis nicht durch Tannenbäume, Marzipan, Glühwein, opulentes Essen, Geschenke-Irrsinn, Hasen und Eier gestützt wird. Apropos Eier: Aus gegebenem Anlass, welchen näher zu erläutern ich Ihnen erspare, lege ich Wert auf die Feststellung, dass ich keinen Eizahn habe!

„Kultur bedeutet heute, dass man zwar, statt Bücher zu lesen, seine Zeit auf Facebook verbringt, aber dafür weiß, welcher Wein zur Dorade passt.“ (Thomas Glavinic in der FAS)

Woche 19: Ein Rosé geht immer

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Montag: Wenn Ihnen nach spätestens zweihundert Metern Autofahrt auf der Landstraße ein weißer Lieferwagen an der Stoßstange klebt, dann sind Sie vermutlich in Südfrankreich.

Dienstag: Während die Franzosen heute das Ende des Zweiten Weltkriegs mit einem Feiertag würdigen, begehen der Liebste und ich den sechzehnten Hochzeitstag, laut einer Liste im Netz, deren Richigkeit ich nicht beurteilen kann, die Saphierhochzeit. Wie auch immer: Danke, dass du es noch immer mit mir aushältst! Passend dazu ist laut Zeitungsbericht in China heute der Tag des Lächelns. Das ist bemerkenswert, mir war nicht bekannt, dass es im Land des Lächelns dazu noch eines besonderen Tages bedarf.

Ungeachtet aller Feierlichkeiten berichtet der Liebste hier über unsere derzeitige Geschäftsreise.

Die Post steht zurzeit in der Kritik wegen ihrer Personalpolitik zur Übernahme von Mitarbeitern in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis. Ich kann nicht erkennen, was falsch daran sein soll, hierfür bestimmte Kriterien wie Krankheitstage festzulegen, jede Firma würde (und sollte) das tun. Den Ausführungen von Nicolai Levin hierzu stimme ich daher zu. Bis auf einen Punkt: Warum müssen es immer gutaussehende junge Damen sein, die am Empfang als Blickfang dienen? Ist das nicht auch ein klein wenig diskriminierend?

Mittwoch: Notiz an mich: Nicht immer „super“ sagen, wenn mir etwas ganz gut gelungen erscheint. Auch nicht bei einem äußerst wohlschmeckenden Wein aus Vacqueyras.

Donnerstag: „Selfieccino“ heißt das neueste Steinchen im großen Mosaik, welches die Verblödung der Menschheit abbildet. In einem Londoner Café kann man sich laut Zeitungsbericht nun ein Bildnis des eigenen Antlitzes auf den Kaffeeschaum sprühen lassen, nicht etwa mit Kakaopulver, sondern geschmackloser Lebensmittelfarbe. Wie nicht anders zu erwarten, stehen die Leute Schlange und füllen Instagram mit ihren Kaffeeportraits. Weitere Steinchen (unter vielen vielen anderen) sind: Filme mit Computerspiele spielenden Menschen auf Youtube anschauen und Selfiestangen.

Freitag: Ausflug nach Avignon, Sie wissen schon, die Stadt mit der besungenen, vom Sehenswert meines Erachtens jedoch völlig überbewertete halbe Brücke über die Rhône (welche strenggenommen der Rhône heißen müsste, denn die Eingeborenen nennen den Fluß le Rhône). Ansonsten ist die Stadt gerade an warmen Tagen immer wieder sehr schön. Erkenntnis des Tages: Ein Rosé geht immer.

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Was nicht geht, sind lustige Filmchen, die ein Bekannter seit Tagen regelmäßig in eine Whatsapp-Gruppe „postet“, welcher ich zufällig angehöre. Stets bleiben sie von mir unangesehen, weil sie mich nicht interessieren. Sollte mir jemals Herr Zuckerberg begegnen, und ich hätte drei Wünsche frei, so wünschte ich mir als erstes eine Filterfunktion für Whatsapp, die mich von unverlangt zugesandten Filmchen verschont. Die beiden anderen Wünsche mir zu überlegen, erübrigt sich, da mir Herr Zuckerberg mit hoher Wahrscheinlichkeit niemals begegnen wird.

Samstag: Rückfahrt im mit Wein und weiteren Lebensmitteln vollgeladenen Wagen von der Provence in heimatlich-rheinische Gefilde. Schon nach wenigen Kilometern meldet das Auto Druckverlust in einem Reifen. Je älter ich werde, desto lästiger erscheinen mir Abweichungen vom gewohnten Regelablauf. Glücklicherweise stellte sich die Meldung als nicht dramatisch dar und wir kamen nach Luftaufnahme an der nächsten Tankstelle ohne weitere Zwischenfälle zu Hause an.

Sonntag: Das Wohlgefühl der ersten Nacht im eigenen Bett nach einer Reise ist mit Geld nicht zu bezahlen. Als ich nach dem Aufstehen aus dem Fenster blickte und den Regen auf unseren Balkontisch prasseln sah, lächelte ich und dachte, ganz ohne Ironie und Bitterkeit: Wie schön!

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Woche 18: Wenn beim ersten Pastis das Lächeln zurückkehrt

Montag: Zu den Dingen, die wohl niemals enden werden, gehört meine Furcht vor nächtlichen Gewittern. Auf stürmische Nacht folgte ein lahmer, ereignisarmer Tag. Das Produktivste, was ich heute leistete, waren zwei Flecken, die ich während des Mittagessens per soßengetränkter Nudeln auf mein Hemd kleckerte.

Dienstag: Der wohl paradoxeste Feiertag ist der 1. Mai, muss man doch ausgerechnet am „Tag der Arbeit“ nicht ins Büro; indes liegt es mir fern, dieses zu beklagen. Laut bekanntem Volkslied schlagen ab heute die Bäume aus. Passend dazu steht im aktuellen SPIEGEL: »… das Verhältnis der Deutschen zur Farbe Grün ist ein besonders intensives. Zurzeit äußert es sich darin, dass man Bücher kauft, in denen Bäume ein geheimes Leben führen. Und diese Bücher womöglich bei Amazon bestellt, woraufhin Bäume ihr geheimes Leben früher beenden müssen, weil Amazon Logistikhallen unfassbaren Ausmaßes braucht …«

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Apropos Rodung: Nachfolgende Bilder aus einer Werbeanzeige auf Instagram lassen mich fassungslos aufschreien: WARUM?

 

Verstehe einer die Jungen Männer von heute: Sie lassen sich die absurdesten Rauschebärte wachsen, bei deren Anblick Räuber Hotzenplotz, der Almöhi und Wolfgang Thierse vor Neid ergrünen würden, doch unterhalb der Halskrause wird jedes Häärchen entfernt.

Mittwoch: Dienstreise nach Frickenhausen am Main. Während der Zugfahrt las ich im Kundenmagazin der Bahn die Kolumne eines gewissen Thilo Mischke, der unter der Überschrift „Mein neuer Nachbar“ jeden Monat darüber schreibt, wie er Fahrgäste im Zug belästigt, indem er ihnen ein Gespräch aufzwingt. Träfe er dazu eines Tages auf mich, fiele die nächste Kolumne aufgrund meiner naturgegeben-ostwestfälischen Abneigung gegen Unterhaltungen mit fremden Menschen sehr knapp aus. Aus demselben Grund war ich auch sehr froh darüber, in Würzburg trotz knappem Übergang den Busanschluss erreicht zu haben, anstatt ein Taxi nehmen zu müssen. Die Busfahrt führte durch malerische fränkische Orte, deren Namen ich noch nie hörte und sogleich wieder vergaß.

Donnerstag: Im Bad des Hotelzimmers stand dieses an der Wand:

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Mit vom Vergang der Jahre etwas ausgeblichenem Enthusiasmus möchte ich den Satz mal umformulieren: Ich stehe morgens auf, und der Tag verhöhnt mich.

Verhöhnt dürften sich auch die Fahrgäste dieses Omnibusses fühlen, den ich am Würzburger Hauptbahnhof sah:

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Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen, plädiere ich für den Boykott aller Produkte, deren Werbeanzeigen großflächig die Sicht durch Bahn- und Busfenster verhindern.

Freitag: „Was meint zum Beispiel Officer?“, fragt Frau Dr. Walburga F.-G. in ihrem Leserbrief an den General-Anzeiger, mit welchem sie den häufigen und unnötigen Gebrauch von Anglizismen beklagt. Finde den Fehler.

Samstag: Ich liebe den Moment, wenn nach zwölfstündiger Autofahrt mit vielen Staus, einem Beinahezusammenstoß und unerwartetem Öldurst des Motors beim ersten Pastis das Lächeln ins Gesicht zurückkehrt.

Lächeln dürften auch zahlreiche Kinder im niederländischen Utrecht, nachdem die dortige Staatsanwaltschaft festgestellt hat, dass Cowboy-und-Indianer-Spiele rassismusunverdächtig und somit straffrei zu betreiben sind.

Sonntag: Ausflug zur Weinmesse „Rhône Éclat“ in Orange. Das angekündigte Regenwetter mit Gewitter gestaltete sich angenehm sonnig und warm. Ich bleibe dabei: Tätowierte Waden sehen scheiße aus. Immer und bei jedem.

Woche 17: Dirndl als Dienstkleidung

Montag: „Was würdest du tun, wenn für dein Einkommen gesorgt wäre?“, lese ich am Morgen auf einem am Laternenpfahl angebrachten Aufkleber. Es gibt wohl keinen besseren Moment, über diese Frage nachzudenken, als den Montagmorgen.

Vielleicht fragen sich dies auch täglich die beiden Fahrrad-Speisesklaven eines bekannten Essenslieferanten, die am frühen Abend auf einer Bank am Rhein saßen und aßen. Spontan fragte ich mich, ob sie ihr Essen zuvor in einem Restaurant geordert und sich anschließend selbst, oder gegenseitig, beliefert hatten.

Dienstag: „Gelbe Plage“, so eine Artikelüberschrift im General-Anzeiger. Meine erste Vermutung, im Folgenden eine weitere Verunglimpfung meines Arbeitgebers lesen zu müssen, bestätigte sich nicht. Es ging stattdessen um Blütenpollen, die in diesen Tagen alles bestauben.

Apropos Natur: Der Tatsache, dass ausgerechnet als Folge einer Klimakonferenz Teile des Rheinauen-Parks der Renaturierung bedürfen, ist eine besondere Ironie nicht abzusprechen. Renaturierung, welch wunderbares Wort: eine Mischung aus Schöpfungsgeschichte und Renate.

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Mittwoch: Apropos gelb: Raps ist einerseits umstritten aufgrund der zunehmenden monokulturellen Inbeschlagnahme von Ackerflächen, andererseits ein vielfältiger Freudenbringer. Zurzeit erfreut er, sonnenbeschienen leuchtend, das Auge, später dann Gaumen und Gasgebefuß. (Leider habe ich gerade kein aktuelles Rapsbild zur Hand.)

Donnerstag: In Bayern wurde angeordnet, in allen Landesbehörden ein Kreuz aufzuhängen. Laut dem aktuell amtierenden Bayernkönig Ludwig Söder symbolisiere es jedoch nicht eine Religion, sonders es verkörpere die bayrische Identität und Kultur. Wie gewöhnlich gut unterrichtete Kreise, die ihren Namen nicht in diesem Blog lesen möchten, verlauten ließen, wurde von der ursprüngliche Idee, alle Landesbediensteten anzuweisen, Lederhose beziehungsweise Dirndl als Dienstkleidung zu tragen, Abstand genommen. Entgegen aller Kritik, Häme und Spott lobt der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Bedford-Strohm, die Maßnahme mit der interessanten These, das Kreuz stehe für Humanität. Hoffentlich erfährt das nicht Donald Trump, sonst twittert er Nämliches bald zu Atomraketen, Schnellfeuergewehren und Giftspritzen.

Unterdessen zanken sich deutsche Christen weiterhin darüber, ob im Vaterunser der Satz „Und führe uns nicht in Versuchung“ stehen darf. Haben die eigentlich nichts zu tun? Ach hätten wir doch echte Religionsfreiheit! Also eine, die uns endlich von allen Religionen befreit!

Übrigens gibt es Selbstmordattentäter nicht nur in zweibeiniger Form, sondern auch im Tierreich: Auf Borneo wurde nun die Amok-Ameisenart Colobopsis explodens entdeckt, die sich bei Gefahr selbst in die Luft sprengt und angelegentlich der Mikrodetonation eine giftige Flüssigkeit gegen den Feind versprüht. Ob ihr dafür im Insektenhimmel eine gewisse Anzahl von Jungameisinnenen in Aussicht gestellt wird, ist noch nicht erforscht.

Freitag: Am Abend gelaufen. Wenn Blicke jucken könnten, dann hätten sich heute wieder einige Jungs am Bein gekratzt.

Samstag: Ausflug mit den Lieblingsmenschen und Freunden ins Ahrtal.

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Aufgrund meiner Dusseligkeit verpassten wir am Abend unseren Zug ab Dernau und mussten etwa eine Dreiviertelstunde auf den nächsten warten, was die gute Stimmung jedoch nicht trübte und mich nicht unter Beschimpfungsbeschuss brachte. Stattdessen kamen wir mit dem jungen, überaus freundlichen Fahrdienstleiter des Bahnhofs Dernau ins Gespräch, der uns mit sichtlicher Begeisterung die über hundert Jahre alte, aber tadellos funktionierende mechanische Stellwerkstechnik erläuterte, welche sich hier (und außerdem noch in den Bahnhöfen Bad Bodendorf, Bad Neuenahr, Ahrweiler, Walporzheim und Kreuzberg) bis heute halten konnte.

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In wenigen Jahren werden auch diese Arbeitsplätze wegdigitalisiert sein, statt schwerer Hebel werden dann Bildschirme den Zugverkehr der Ahrtalbahn sichern helfen.

Aus dem Bonner General-Anzeiger: »In einem Graffiti-Workshop können Kinder ab zehn Jahren einmal selbst die Sprühdose in [die] Hand nehmen und ein Graffiti ganz nach ihren Vorstellungen entwerfen. Doch auch die Vorbereitungen zum ersten eigenen Graffiti-Kunstwerk gehören gleichermaßen dazu: Es werden zunächst Schablonen mithilfe eines „Cutters“ erstellt und erst dann wird gesprayed.« Das ist zu loben, nur so kann die Qualität der Verzierungen von Hauswänden und Eisenbahnwaggons auf dem gewohnt hohen Niveau gehalten werden.

Sonntag: Während meines Spazierganges am frühen Nachmittag kam es in der Inneren Nordstadt zu einem sonderbaren Vorfall, als eine Dame schwer zu bestimmenden Alters, vielleicht ein paar Jahre jünger als ich, mich ansprach und um etwas Essbares oder, alternativ, Bargeld anhielt. Da sie äußerlich nicht besonders bedürftig wirkte, eher wie der typische, leicht alternativ angehauchte Altstadtbewohner, glaubte ich zunächst, sie sammle für eine Veranstaltung, Tafel oder ähnliches, daher fragte ich nach, an was genau sie denn dachte und erfuhr, dass sie für sich selbst fragte. Da ich gerade keine abgebbaren Nahrungsmittel mit mir führte und dem Ansinnen fremder Menschen zur Überlassung von Bargeld auf der Straße stets mit großem Misstrauen begegne, verneinte ich höflich. Darauf wandte sich die Dame ab und rief mir im Gehen zu: „Warum verwickeln Sie mich dann in ein längeres Gespräch? Das ist unangenehm!“ Ja, das war in der Tat unangenehm.

Woche 16: Konjektaneen aus dem Thesengenerator

Montag: Laut Zeitungsbericht wird Sankt Martin in Nordrhein-Westfalen nun als immaterielles Kulturerbe anerkannt. Warum ausgerechnet in NRW, geht aus dem Artikel nicht hervor. Weiterhin wurden anerkannt: das Brieftaubenwesen, die Haubergswirtschaft (was auch immer das ist), der Köln-Düsseldorf-Konflikt, die Bolzplatz-„Kultur“ sowie das Knüpfen von Flechthecken. (Eines davon habe ich mir ausgedacht, Sie dürfen gerne raten, was. Tipp: Die Flechthecken sind es nicht.)

Dienstag: Am Morgen in der Bahn sah ich einen etwa zehnjährigen Jungen, der, anstatt sich mit seinem Telefon zu beschäftigen, einen klassischen, analogen Zauberwürfel zu ordnen suchte. Mir ging das Herz auf, und mein Hirnradio spielte Don’t you forget about me.

Mittwoch: Sensation: Eine Zeitungsannonce verkündet die Eröffnung(!) eines neuen Teppichhaus in Bonn.

Das neueste Tröpflein im konzerninternen Floskelgewölk scheint „agil“ zu sein, das nächste große Digitalding „Blockchain“. Nach allem, was ich bisher darüber gelesen habe, weiß ich nur, dass ich nicht den Hauch einer Ahnung habe, was das ist und kann und wozu es gut ist. Der Junge mit dem Zauberwürfel von gestern könnte es mir bestimmt erklären.

Donnerstag: „Geduld ist auch eine Art von Energie“, stand neulich irgendwo. So gesehen war der Energieaufwand für die von Verzögerungen im Betriebsablauf arg gebeutelte Bahnfahrt im RE 1 von Dortmund nach Köln immens, während derer ich aus dem Fenster schaute und nämliches zusammenhangloses Wortgemisch in mein Notizbuch schrieb: alte Industriehalle, warm, Böschung, Kontrolle, grün, Hochspannungsmast, Dortmund-Marten Süd, blühende Zierkirsche, Graffiti, Regenrückhaltebecken, Sendemast, Beton, stillgelegte Bahntrasse, Forsythien, Fabrikschornstein, langsam, Öltanks, Kleingärten, Reklame, Stellwerk, Bochum-Langendreer, Silo, Gartencenter, hässliches Haus, Sonnenkollektoren, heruntergekommen, Siedlung, schneller, Felder, Autobahn, Sonnenschirm, Hochhaus, Mülltonnen, Brücke, Fachwerk, Gestrüpp, wilder Müll, Bochum Hbf, Gleisbauzug, „Mäckes“, Musical, hackenfrei, warten, Apotheke, kurze Hosen, weiter, abellio, Hotspot, Parkhaus, Kastanie, Kirchturm, trostlos, Container, Diesellok der Baureihe 261 (V 60) in ozeanblau-beige, Tennisplätze, Durst, Stahl, Wattenscheid, Birken, Baumarkt, Kopfhörer, Baracken, Fitnesscenter, Lärmschutzwand, Halde, Siedlung, Friedhof, Tankstelle, Umspannwerk, Essen, Beine, Haare, persönliche Gegenstände, Aldi, Neubau, Altbauten, Straßenbahn, Müllcontainer, Andrang, Kinderwagen, voll, Krawatte, warten, Raucherbereich, weiter, Postamt, Kran, Lagerhaus, Mauer, Gasometer, Moschee, Wald, Teich, blauer Himmel, Mülheim an der Ruhr, Mietfahrräder, Pferdeschwanz, Schrotthändler, Mannesmann, Styrum, Windrad, Kanal, Bunker, Duisburg, Balkone, Satellitenschüssel, Eurobahn, Garagen, Martini, Fernsehturm, Pfeifen, Strohhut, wech, Güterhallen (verfallen), Loveparade, Straßenbahndepot, Kühltürme, Sonne, Vollbremsung, Kreuzung, Ziegenpeter, Torwand, Paletten, Spedition, Paketzusteller, Allee, Rapsfeld, Misteln, Pferde, Strohballen, Traktor, Kopfsteinpflaster, Flughafen, Skytrain, Stacheldraht, Tunnel, dunkel, Aufzug, Rollkoffer, Anzugträger, Sommerflieder (vertrocknete Blüten), jabbelndes Kind, warten, Durchsage (keine), Überholung durch ICE, Düsseldorf, Verspätung, Löwensenf, nun plärrendes Kind,  Fußballplatz, Park, Gärten, Plastikmüll, Benrath, Autohaus, Tannenschonung, Bauernhof, Trinkhalle, See, Leverkusen, Tristesse, Packstation, Drahtfabrik, Köln-Mülheim (hach), Monobloc-Stühle, Dixiklo, Deutz, Messehallen, Rhein, Liebesschlösser.

Freitag: „Mit Fremden unterhält man sich nur, wenn es absolut nicht zu vermeiden ist oder wenn man betrunken ist“, so schrieb Max Goldt in seinem Buch „Die Chefin verzichtet“. Ebenfalls bei Max Goldt las ich folgenden Satz, den er einem gewissen Dieter Steinmann zuschreibt: „Sich unerwünschter Gespräche einigermaßen anstrengungslos verweigern zu lernen, das sollte Schulfach sein.“ Wie richtig beide Aussagen sind, zeigte sich am Abend gegen Ende unseres Restaurantbesuchs anlässlich des Liebsten Geburtstages. Während sich die Wirtin beim Servieren des Desserts uns gegenüber positiv-neutral über die nebenan untergebrachten Flüchtlinge äußerte, glaubte die Dame vom Nebentisch, Teil eines Ehepaares im Pensionsalter aus Bad Godesberg, sich einmischen zu müssen mit Konjektaneen aus dem AfD-Thesengenerator. Kostproben: „Die sollen erstmal unser Grundgesetz lesen.“ – „Wenn das so weitergeht, herrscht bei uns bald die Scharia.“ – „Haben Sie Unterwerfung von Houellebecq gelesen? So wird es hier bald sein, wenn wir nicht aufpassen!“ Es liegt mir fern, anderen Menschen ihre Meinung abzusprechen, und wenn sie noch so abweichend ist. Das verpflichtet mich jedoch nicht, mit ihnen zu diskutieren, schon gar nicht nach vorzüglichem Mahl. Zum Glück kam bald das Taxi, das die beiden in ihre Villa brachte, wo sie vielleicht Steuern hinterziehen.

Samstag: „Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung“, so der Titel eines Films in den Siebzigern oder Achtzigern, so genau weiß ich das nicht mehr, die Zeit vergeht ja so schnell. Man hört ein Lied im Radio, denkt sich, kuck an, oder: hör nur, bestimmt auch schon zwanzig Jahre alt, dann, weil man gerade nichts besseres zu tun hat, vielleicht sind die Kinder schon aus dem Haus oder man verzichtete ganz auf Nachzucht, recherchiert man ein wenig und stellt fest, der Song lief schon vor über dreißig Jahren. Man denkt darüber nach, was vor dreißig Jahren sonst noch war: In wen war man verliebt, mit wem zog man durch die Kneipen, was war gut, was schlecht, welche Weichen stellte man richtig, welche falsch, das Leben glich weichentechnisch ja eher noch dem Gleisvorfeld des Kölner Hauptbahnhofs (wohingegen es heute eher einer eingleisige Strecke in Richtung Sonnenuntergang ähnelt); oder einer Backmischung, bei der man die eine Zutat weglässt, dafür die andere hinzufügt, weil man zum Beispiel Kokosflocken verschmäht, dafür Rosinen liebt. Man überlegt, was damals sonst los war in der großen Welt, sofern man sich in jungen Jahren schon dafür interessierte. Wobei ich glaube: Jeder lebt in seiner eigenen Welt. Offenbar hatte ich bei der Zuteilung meiner ziemlich großes Glück. Heute morgen um sieben war sie jedenfalls in Ordnung. Um elf aber auch noch.

Sonntag: Meine Abneigung gegen den übermäßigen Gebrauch des Wörtchens „okay“ brachte ich schon zum Ausdruck. Während ich es in der klassischen Verwendung als Bestätigungs- und Verstänsnislaut durch Businesskasper und Angehörige der „Generation Genau“ kaum noch wahrnehme, vielleicht ist es inzwischen auch zu einer Gewöhnungslapalie verkümmert, lese und höre ich es immer häufiger in der attributiven Verwendung, zum Beispiel „Ich hatte einen ganz okayen Tag“. Obzwar der aktuelle Duden meint, das sei okay, finde ich es nach wie vor recht unschön.

KW16 - 1