Woche 32: Wenn man sich die Finger wund schreibt

Montag: „Das zu bundeln macht schon Sinn, oder?“, wurde ich während einer Besprechung in einer Phase geistiger Abwesenheit gefragt. Ohne den leisesten Schimmer über den Sinn der Frage, erst recht des Wortes „bundeln“, nickte ich stumm und ergab mich der Hoffnung, man möge die um meinen Kopf kreisenden Fragezeichen nicht allzu sehr sehen. Während der Abwesenheit dachte ich über eine Frage nach, die zwar belanglos war, in dem Moment aber interessanter erschien als das Besprechungsthema, ohne eine Antwort darauf zu finden. Muss ich später mal im Netz recherchieren, so mein Plan. Leider hatte ich später die Frage vergessen. Vielleicht ist die künstliche Intelligenz ja bald so weit, dass man recherchieren kann, nach was man im Laufe des Tages recherchieren wollte. Ich könnte Alexa fragen, wenn wir eine hätten. Siri ist dafür eindeutig zu blöd. Aber Alexa kommt mir nicht ins Haus, niemals.

Dienstag: Heute war wieder so ein Tag, an dem ich den Kolleginnen ehrlicherweise einen Münzfernsprecher ins Büro wünsche und dazu ein sehr begrenztes Kleingeldbudget.

Geräuschentwicklung auch am Abend: Nachdem die Singstar-Krähe von Gegenüber seit geraumer Zeit ausgeflogen scheint, erfreut nun der Nachbar nebenan mit Gesang. Doch zürne ich darüber nicht, so ist das eben, wenn man mitten in der Stadt wohnt. Zudem übe ich ja selbst regelmäßig Trompete, und jeder weiß: Wenn ein Anfänger oder Wiedereinsteiger Trompete übt, ist das die Hölle. Für alle unmittelbar und mittelbar Beteiligten.

Mittwoch: „Die Spitze des Eisbergs ist noch nicht erreicht“, las ich heute in einem Artikel über zu erwartende Entgelterhöhungen bei Briefen und Paketen. Ich liebe schiefe Bilder.

Lehrt man die Schüler heute eigentlich das Wort „Entgelt“? Wenn ja, wie lange dauert es, bis sie nicht mehr „Endgeld“ in ihr Diktatheft schreiben? Lässt man heute überhaupt noch Diktate schreiben? Oder Aufsätze? Und in welchem Zusammenhang sollten sie es gebrauchen? Vielleicht „Talentgeltungsdrang“, ein Wort, welches beim Scrabble mit hoher Punktzahl belohnt, jedoch zu einer vergleichbaren Diskussion führen würde wie „Schwanzhund“ und „Quallenknödel“.

Donnerstag: Aus Gründen, welche darzulegen hier den Rahmen sprengte, die Sie aber nachlesen können, nehme ich an, jedes Tier, welches meine Nähe sucht, ist ein gestorbener Verwandter. Deshalb habe ich stets größte Skrupel, eine Fliege totzuschlagen, so lästig sie auch ist. Wer wollte sich schon nachsagen lassen, er hätte seine Großmutter umgebracht.

Freitag: Wenn man sich hier Woche für Woche die Finger wund schreibt, freut man sich, wenn es mal jemand liest, oder noch besser: sich vorlesen lässt. Am Abend hatte ich erneut das Vergnügen und die Ehre, als einer von vier Vorlesern an der #Mimimimi-Sommerlesung teilzunehmen. Schön wars! Vielen Dank an die Organisatoren, die Mitwirkenden mit Wort und Ukulele, und das Publikum!

Nochmal zum Nachlesen:

Homer Simpson und der Alle-mal-malen-Mann

Kein Schmähgedicht

Loblied auf die Tüchtigen

Schöner Träumen

Samstag: Nachtrag zu Donnerstag: Die zahlreichen Wespen, die zurzeit mit uns frühstücken, stellen meine Friedfertigkeit auf eine harte Probe.

Laut SPIEGEL produzieren Träger von Boxershorts fünfundzwanzig Prozent mehr Spermien gegenüber denen, die eng anliegende Schlüpfer bevorzugen. Gut zu wissen.

Gegenüber den für die kommende Nacht erwarteten Sternschnuppen legt der Geliebte eine eher unromantisch-nüchterne Haltung an den Tag: „Na super, dann haben wir den Dreck auch noch.“

Sonntag: Da der Liebste heute blümeranzbedingt etwas länger im Bett blieb, war es an mir, Brötchen zu holen, warum auch nicht, kann ich ja auch mal machen. Auf dem Weg zum Bäcker sah ich an einem Laternenpfahl einen Aufkleber: „Sunday Morning Sex“. Dem ist fürderhin nicht zu widerraten. Ein paar Meter weiter erreichte aus einem Fenster eine Vorleserstimme mein Ohr: „Die kleine Raupe Nimmersatt …“ Mit ganz viel schräger Phantasie kann man zwischen beidem möglicherweise einen Zusammenhang konstruieren, wenn man sich ganz doll Mühe gibt.

Wenn man die Sonntagszeitung durch, aber noch keine Lust hat, trotz zahlreicher Wespen den Liegestuhl auf dem Balkon zu verlassen, kann man noch etwas Zeit damit verbringen, Werbeprospekte zu studieren, die die Post am Vortag brachte.

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„Sieh nur, Liebling, dieses Früchtchen hier, an was erinnert es mich bloß?“

„Schatz, lass mich eben dieses Kartoffel fertig schälen, dann helfe ich deiner Erinnerung auf die Sprünge, he he.“

Merke: Nicht nach den Wespen schlagen.

Dann ist es wieder so schön

Es sei der heißeste Tag des Jahres, heißt es, aber wer weiß das schon so genau, einige Tage haben wir ja noch vor uns bis Silvester. Ganz Deutschland stöhnt und jammert. Nein: ganz Europa. Vielmehr: die gesamte nördliche Halbkugel. Vor allem die Bauern, die haben ja immer was zu nörgeln. Akute Pommesverkürzung droht, weil die Kartoffeln in diesem Jahr kleiner ausfallen wegen der Trockenheit. Nicht nur das: Die Tannenkinder verdorren in der Schonung und werfen ihr Nadelkleid ab, die Weihnachtsbaumversorgung ist gefährdet, Entspannung droht im Lichterkettenwettrüsten. Ventilatoren sind Mangelware, heißt es im Radio. Anscheinend setzt auch langsam die kollektive Hirnschmelze ein.

Nur die Biergärtner und Eisdieler sind zufrieden. Und die Winzer: 2018 verspricht ein ausgezeichneter Jahrgang zu werden. Wer braucht da Pommes und Weihnachtsbäume? „Denk doch mal an die Kinder“, höre ich sie rufen. Ja ja, schon gut, geht spielen.

Kommt im Juni nicht der Sommer, meckern alle über Kälte, Regen und trüben Himmel. „Wann wirds mal wieder richtig Sommer“, sang Rudi Carell einst. Kommt er dann im Juli endlich, also der Sommer, nicht Rudi, meckern sie auch wieder, jetzt über die unerträgliche Hitze. Ich meckere nicht, ich liebe den Sommer mit all seinen Begleiterscheinungen: Wochenlang Temperaturen über dreißig Grad, brennende Sonne, Biergarten, laue Abende auf dem Balkon, die Stadt voller Leben, auch nachts, kurzbehoste Menschen in den Straßen, warme Nächte, in denen man kaum richtig schlafen kann.

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Jeden Abend auf dem Balkon eine Flasche Rosé, mit dem Wein kommt die Lust auf Zigaretten, die Stimme der Vernunft, welche gemahnt, besser ins Bett zu gehen, wird ignoriert, es ist ja noch so schön gerade. Am nächsten Morgen mit Müdigkeit ins (wohlklimatisierte) Büro, und mit dem festen Vorsatz, heute früher ins Bett zu gehen, aber dann ist es wieder so schön, siehe oben.

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Szenenwechsel.

Mittagshitze liegt über dem Ort. Die alten Häuser aus beigem Stein scheinen unter verwitterten Dachziegeln zu schlafen, haben ihre Augen mit lavendelblauen oder lindgrünen Fensterläden geschlossen. Auf der Straße, in den Gassen fast keine Menschen, nur in dem kleinen Restaurant in der Mitte des Dorfs Geschäftigkeit, Mittagszeit, der junge Kellner trägt Speisen, Wasser, Weinflaschen und Kaffee an die Tische unter den Platanen, fast Festtagsstimmung an einem normalen Dienstagmittag in der Provence. Das gelbe Auto von La Poste fährt vorbei, ohne anzuhalten.

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Selbst ein Montag muss nicht beschwerlich sein, jedenfalls nicht, wenn man fernab des Büros in einem Liegestuhl sitzt, umgeben vom Sommer. Im Schatten der Dachterrasse, mit Blick auf die Berge, den blauen Himmel und die Dächer befinden wir uns mittendrin und doch fern von allem. Die Arbeit ist erfreulich weit weg, auch gedanklich.

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Leichter, lauer Wind umbläst den unbetuchten Körper, Vögel zwitschern, eine Taube ruft ihr „Bubuubu, bubuubu…“, in der Ferne fröhliches Kindergeschrei. Arbeitsgeräusche von den Handwerkern in der Nachbarschaft nehme ich erst wahr, als sie abbrechen. Mir wäre es jetzt zu warm zum arbeiten; gelähmt durch eine Art Umgebungslobotomie kann ich mir kaum vorstellen, diesen Liegestuhl überhaupt jemals wieder zu verlassen. Irgendwann werden mich Hunger, Durst oder die Blase daraus vertreiben, aber das hat noch Zeit.

In einem Spalt des alten Holzbalkens über mir schläft eine Fledermaus, sie hat sich verraten durch die Kotbröckchen auf dem Terrassenboden unter dem Spalt. Wie beneidenswert: den ganzen Tag schlafen und kacken. Das ist natürlich Unfug, ich weiß. Denn heute Nacht, wenn ich im Arm des Liebsten hoffentlich angenehmen Träumen entgegenschlummere, muss sie raus aus ihrem Spalt, Motten und Mücken jagen, damit sie auch morgen was zu kacken hat.

Damit ist das Leben umfassend beschrieben – schlafen, jagen und kacken. So gesehen ist der Unterschied zwischen Mensch und Fledermaus nur gering.

***

(Teilweise bereits früher erschienen, aber das merkt bei der Hitze eh keiner.)

Woche 31: Das Leben in vollen Zügen genießen

Montag: Mein armer, geschundener Körper mutet an wie ein Testgelände für Stechungeziefer aller Art. Das ist jedoch ein Luxusproblem gegenüber einer Meldung in den Nachrichten: Aufgrund der sommerlichen Dürre fallen die Kartoffeln in diesem Jahr kleiner aus, weswegen eine erhebliche Verkürzung der Pommes Frites zu befürchten ist, was eher schlichte Gemüter veranlassen könnte, „Armes Deutschland“ zu rufen.

Dienstag: Gerade der Sommer bietet reichlich Gelegenheiten, das Leben in vollen Zügen zu genießen. So auch heute während der Rückreise von einer Tagung nahe Ulm, der Stadt mit der höchsten Kirchturmspitze. Ich könnte mich nun ausführlich auslassen über verspätete und ausgefallene Züge, Verzögerungen im Betriebsablauf, ausgefallene Klimaanlagen, eingeschränkten gastronomischen Service ohne Sachertorte, dafür mit ungekühlten Kaltgetränken, aber das will nun wirklich niemand mehr lesen. Sensation des Tages war die auf die Minute pünktliche Abfahrt des ICE 514 um 18:36 Uhr ab Mannheim. Das war so ziemlich das einzige, was funktionierte.

Dem Bahnhofsvorsteher von Celle

war abhanden gekommen die Kelle.

So laut er auch pfiff:

Die Lokomotiv’,

bewegte sich nicht von der Stelle.

(Eigenproduktion, daher urheberrechtlich unbedenklich.)

Ein Teilnehmer der Tagung war mit einem Namen gestraft, der mich noch am Abend innerlich zum Grinsen veranlasst, welchen hier niederzuschreiben ich jedoch aus Gründen des Anstandes nicht für angebracht halte. Nur soviel: Seine Jugend dürfte dadurch nicht immer unbeschwert gewesen sein.

Mittwoch: Heute beendete ich auf der Rückfahrt vom Werk meine derzeitige Stadtbahnlektüre: „Es ist nur eine Phase, Hase“ von Maxim Leo und Jochen Gutsch (Das sind vergleichsweise viele Autoren für gerade mal einhundertdreiundvierzig Seiten). Das Büchlein widmet sich, knapp zusammengefasst, den Befindlichkeiten von Menschen um die fünfzig, die mit dem Fortschreiten ihrer Jahre hadern und deshalb als Ablenkungsmanöver seltsame Dinge tun wie Marathon laufen oder Marmelade kochen, von den Autoren als „Alterspubertierende“ bezeichnet. Es ist recht witzig geschrieben, an manchen Stellen dachte ich: stimmt, kenne ich (selbstverständlich nur von anderen, nicht von mir selbst). Dennoch bleibt rätselhaft, warum sich das Buch seit Wochen auf der SPIEGEL-Bestsellerliste hält.

Passend dazu bot mir heute in der Bahn erstmals eine junge Dame ihren Sitzplatz an. Vielleicht hatte sie auch nur einen Wadenkrampf und wollte deshalb stehen. Das war sehr nett, und doch irritierend.

Donnerstag: Laut Zeitungsbericht verbietet nun auch Dänemark die Verhüllung des Gesichtes in der Öffentlichkeit. Das Verbot bezieht sich auch auf falsche Bärte. Was zur Frage führt: Wann gilt ein Bart als falsch im Sinne von ästhetisch unvorteilhaft? Fragte man mich, gäbe ich zu Protokoll: alles ab zehn Millimeter Länge, zudem alleinstehende Schnauz- und Kinnbärte – aber da gehen die Meinungen wohl auseinander. Und müssen Nikolaus und Weihnachtsmann ihr Werk in Dänemark ab sofort glattrasiert verrichten?

Freitag: Es liegt mir fern, mich zu beklagen, aber ein Schreibtisch am Baggersee statt im Büro wäre in diesen Tagen nicht das schlechteste. Sind jetzt Menschen, die in der Kühle einer Fischkonservenfabrik ihrem Tagwerk nachgehen, zu beneiden? Am besten hat man da einen Job im Wasser, vielleicht als Muschelzähler oder Unterwasserkönig.

Apropos warm: Heute in einer Woche werde ich helfen, die Luft mit Worten weiter anzuwärmen: https://4xmi.de/ – es gibt noch Plätze!

Samstag: „Tarzan verlässt Oberhausen“, plärrt die Radioreklame. Das wäre mal ein nicer Filmtitel. Die Geschichte: Tarzan, einst der Liebe wegen ins Ruhrgebiet gezogen, musste nach einer Räumungsklage sein Baumhaus am Autobahnkreuz Oberhausen-West verlassen, wo er sich nach der Trennung von der Angebeteten, die jetzt mit Cheetah zusammenlebt, wohnlich eingerichtet hatte, mit Ornament-Tapete, Biedermeierschränkchen und anderem Firlefanz. Er zieht weiter in die Oberlausitz, wo er sich einem Wolfsrudel anschließt und fortan zusammen mit den neuen Freunden des nachts Schafe reißt. Das bringt die PEGIDA-Bewegung gegen ihn auf, die bereits nach einer Fußfessel schreit, aber wann hat es je zu etwas Sinnvollem geführt, weil man auf Geschrei gehört hat?

Auch wir verlassen heute, nicht Oberhausen, sondern Bonn, und das auch nur bis morgen, da die Schwiegerfamilie in Ostwestfalen zu Feierlichkeiten gerufen hat.

„Alles Unglück der Menschen kommt davon her, dass sie nicht verstehen, sich ruhig in einer Stube zu halten.“ (Blaise Pascal, Philosoph)

Sonntag: Auf die Frage von WDR 2, was die Hörer in diesem Sommer besonderes machen, lässt Norbert B. aus H. wissen, er sitze in Unterwäsche vor seinem Rechner und surfe im Internet herum, was dem WDR 2-Slogan „Infos, die ich brauche“ einen besonderen Unterstrich verleiht.

Einigermaßen angemessen bekleidet sitze ich ebenfalls vor dem Rechner und bringe meine Betrachtungen dieser Woche zum Abschluss. Besonderes Vergnügen bereitete mir dieses Mal, diese mit der aktuellen Wochenaufgabe der ABC-Etüden zu verknüpfen, wobei ich alle Wörter unterzubringen geschafft habe außer Ohrring, Federkleid und Tanztee (welche dann hiermit, wenn auch in etwas unsportlicher Weise, ebenfalls noch Erwähnung gefunden haben.)

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Woche 30: Summer in the city

Montag: Wann und wo wurde eigentlich festgeschrieben, dass Motorräder laut zu sein haben? Trotzdem sollte ich mir vielleicht mal abgewöhnen, ihnen jedesmal „Fahr zur Hölle!“ hinterherzurufen. Das Lächerlichste, das ich in diesem Zusammenhang heute sah beziehungsweise hörte, war ein äußerlich aufdekorierter Fiat 500, dessen Motor beim Anfahren blubberte wie ein Büsumer Krabbenkutter.

Dienstag: Geschäftliche Angelegenheiten erfordern meine Anwesenheit in Hannover und Berlin. Erkenntnisse einer Bahnfahrt: In Wuppertal gibt es nicht nur eine Herrenboutique und eine Schwebebahn, sondern auch ein Bibelmuseum. Warum auch nicht. Die Hannoversche Kläranlage wirbt um Sympathien mit der angeschriebenen Ansage: „Wir klären das.“

Sehr sympathisch dann in Berlin auch diese Reklame für sittenlos-unterleibserfreuendes Spielzeug, wie man sie in Stuttgart oder Paderborn wohl vergeblich suchen würde:

(Die Unschärfe des Bildes bitte ich zu verzeihen. Sie ist nicht meiner durch jähe Lustwallungen zitternden Hand geschuldet, sondern der hauptstädtischen Straßenlage.)

Mittwoch: Bleiben wir noch etwas beim Thema Sex. „Der Frage, ob Eheleute mit oder ohne Kondom, mit oder ohne Pille Sex haben sollen, wird heute in der Kirche einige Bedeutung zugemessen, während die Gesellschaft sich längst anderen Fragen widmet. Das dezente Einsetzen einer Kommission durch den Papst deutet bereits auf die Stoßrichtung hin.“, steht in der Zeitung. Ho ho ho, „Stoßrichtung“!

Durchsage in Wolfsburg: Die Weiterfahrt des Zuges verzögert sich um wenige Minuten, da hierfür eine „Fahrplanmitteilung“ benötigt wird. Eine erfrischende Alternative zu den sonst üblichen „Verzögerungen im Betriebsablauf“.

Donnerstag: Summer in the city – Es ist in jeder Hinsicht heiß.

Freitag: „Der Timer läuft nicht“, teilt die Stubensiri ungefragt mit. Was auch immer sie uns damit sagen will. Vielleicht ist auch ihr einfach nur heiß. Klingt jedenfalls hoffnungserweckender als „Deine Zeit ist abgelaufen“. Das wirft die Frage auf, die man sich irgendwann stellt: Was soll mal auf meinem Grabstein stehen? Ist mir völlig wurscht. Was möglicherweise draufstehen wird: „Der wohl erfolgloseste Blogger und Instagramer aller Zeiten.“ Oder: „Seine bevorzugte Farbe war blau, sowohl was seine Kleidung betraf als auch seinen vorherrschenden Zustand.“

Samstag: Apropos Siri: Ich gebe zu, Neuerungen nicht immer mit offenen Armen entgegenzutreten. So war ich lange Zeit davon überzeugt, Grillen verdiene nur dann diese Bezeichnung, wenn dabei Holzkohle verbrannt wird, auch auf dem Balkon in dichter Besiedelung; mag sein, dass die Nachbarn neben und über uns dazu eine andere Meinung vertreten. Heute suchten wir ein großes Fachgeschäft in Köln-Deutz auf, welches in einer ehemaligen Fabrikhalle unzählige Grills und Zubehör in allen Größen anbietet, vom kleinen transportablen Taschengrill als sinnvolle Alternative zu den unsäglichen, müllerzeugenden Einweg-Grills, bis hin zu Apparaten vom Aussehen und den Ausmaßen einer mittleren Dampflokomotive. Ziel unseres Besuches war der Erwerb eines Gasgrills, nachdem die Nachbarn nicht mehr grüßen und panikartig alle Fenster schließen, sobald auch nur jemand unseren Balkon betritt.

Nach kurzer, vergeblicher Diskussion über die Größe des zu erwerbenden Geräts („Der ist doch nur acht Zentimeter breiter, dafür hat er drei Brenner“, so die Argumentation des Liebsten) entschieden wir uns für einen Grill mit den Abmessungen einer Heimorgel, für den zuvor Platz auf dem Balkon geschaffen worden war. Die Montage gestaltete sich unkompliziert, bald stand das gute Stück an seinem neuen Platz, und nach Anschluss der Gasflasche erfolgte das erste Probeheizen.

Am Abend Angrillen – Würstchen, Spieße, Steaks, Kartoffeln, Paprika. Ich bin begeistert: In kürzester Zeit ist der Grill betriebsbereit, die Temperatur lässt sich komfortabel per Drehknopf regeln, und die Rauchentwicklung ist so marginal, dass die Nachbarn vielleicht demnächst wieder grüßen. Und wenn nicht, ist das auch nicht schlimm.

Manchmal muss ich wohl zu meinem Glück getrieben werden. Ich bin eben auch nur ein Mensch aus Fleisch und Wurst.

Sonntag: Nachbarschaftliche Belästigung kann nicht nur per Grilldunst erfolgen, sondern auch per Geräusch. Der Nachbar zur Linken beherrscht es perfekt: Seit Stunden hört er bei gekipptem Fenster zweifelhafte Musik und begleitet sie mit eigenem, jammerndem Gesang.

Belästigung auch aus dem Radio: „Und wenn sie tanzt …“, wird Giesinger nicht müde, uns vorzujammern, man mag es nicht mehr hören. Oder wie der Geliebte es auf den Punkt bringt: „Die ficken sich in jungen Jahren die Bude voll, und wir müssen es dann ertragen!“

Woche 29: Wiedereingliederung für Urlaubsrückkehrer

Montag: „Ich habe heute Morgen total intensiv an dich gedacht“, rief am Morgen eine mir unbekannte Frau einer anderen auf dem Weg ins Werk zu. Woran ich heute früh total intensiv dachte, ich mir entfallen. Vielleicht an meine Abneigung gegen die unsägliche Begrüßung „Der Urlauber ist wieder da“, wenn man zurück ist. Kam dann auch. Ansonsten war der erste Tag erträglich. Nach Sichtung meiner etwa zweihundertfünfzig Mails hätte ich indes nichts dagegen gehabt, wieder zu gehen. Warum gewährt man Urlaubsrückkehrern nicht eine Wiedereingliederung, also zunächst einige Tage lang maximal zwei Stunden Anwesenheit, dann langsam steigern, bis man wieder urlaubsreif ist?

Urlaubsreif ist vielleicht auch ein Redakteur des Bonner General-Anzeigers, der  zum Thema französischer Nationalfeiertag dieses schrieb: „Vor zwei Jahren hatte ein Attentäter in Nizza Feiernde mit einem Lastwagen über den Haufen gefahren und 86 Menschen getötet“. Passenderweise äußert sich zwei Seiten weiter ein Bonner Linguist über angemessene und unangemessene Metaphern. Ich freue mich schon auf die Leserbriefe dazu.

Dienstag: Erkenntnis der Morgenstunde: Es gibt gute Gründe, den sommerlauen Montagabend nicht mit einer Flasche Rosé zu veredeln. Allerdings gibt es ebensogute Gründe, genau das zu tun.

Gewitter am Abend. „Schwacher Brummler“, „Mittlerer Roller“, „Starker Knaller“ – das sind nicht etwa Drogensorten, sondern so lautet die kachelmannsche Klassifizierung für Blitze. Diese ließe sich ohne besondere Phantasie auch auf Geräusche übertragen, welche dem menschlichen Körper gelegentlich entfahren, wobei dann noch der „Leise Stinker“ hinzuzufügen wäre.

Mittwoch: Manchmal sehe ich jemanden und denke: Es gibt aber auch hässliche Vögel. Im Übrigen bin ich der Meinung, es gibt keine Grund, außerhalb von Schwimmbädern oder fern eines Badestrandes öffentlich seine Füße zur Ansicht zu stellen.

Doch gibt es nicht nur ästhetisch benachteiligte Menschen, sondern auch – zurückhaltend formuliert – seltsame Namen. In dieses Regalfach würde ich Answer legen. Laut Zeitung haben Menschen, die so heißen, heute Namenstag. Dazu habe ich keine weiteren Fragen.

Donnerstag: Wie ich am Morgen während des Fußweges ins Werk sah, hat sich jemand die Mühe gemacht, fast alle Laternenpfähle am Rheinufer mit einem Aufkleber zu versehen:

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(Für Nicht-Bonner: eine ironische Anspielung auf das offizielle Stadt-Motto „Freude. Joy. Joie. Bonn.“ Er hätte auch wählen können: „Stadt. Land. Fluss. Bonn.“) Irgendwann werden städtische Mitarbeiter ähnliche Mühe aufwenden, diese Aufkleber wieder von den Pfählen abzuknibbeln. So geht die Arbeit niemals aus, hat ja auch sein Gutes.

An der Arbeitsstelle angekommen, las ich dann in der Mail eines Kollegen, der vermutlich nicht in einer Gehaltsklasse über mir liegt, dieses: „Da ich ab Dienstag im Urlaub bin, kannst du mich bei Rückfragen auch gerne per Handy erreichen.“ Das ist wohl dieses „Work-Life-Blending“.

Was geht nur vor in diesen Menschen?

Freitag: Die Digitalisierung ist „Chefsache“ und nicht aufzuhalten, werden sie zu verkünden nicht müde. Wer wollte dem widersprechen. Wie ich las, werden einem gewissen Douglas Adams, Science-Fiction-Autor von Beruf, folgende Axiome zugeschrieben:

„1. Alles, was es schon gibt, wenn du auf die Welt kommst, ist normal und üblich und gehört zum selbstverständlichen Funktionieren der Welt dazu.

2. Alles, was zwischen deinem 15. und 35. Lebensjahr erfunden wird, ist neu, aufregend und revolutionär.

3. Alles, was nach deinem 35. Lebensjahr erfunden wird, richtet sich gegen die natürliche Ordnung der Dinge.“

Dazu erlaube ich mir zu ergänzen:

1. Es ist nicht zu beanstanden, abwegige Ideen zu haben.

2. Es ist erstaunlich bis bedenklich, wenn solche Ideen verwirklicht werden.

3. Es ist unfassbar, wie viele Menschen sich so ein Zeugs in die Wohnung holen.

Samstag: Laut Zeitungsbericht fürchtet der Wehrbeauftragte, „dass der Gesellschaft das Militärische fremd wird“. Das wäre ja nun wirklich nicht das Schlechteste.

Sonntag: Den Seinen gibts der Herr im Schlaf. Demnach ist es um meine göttliche Gunst nicht allzu schlecht bestellt, denn vergangene Nacht fiel mir im Traum ein äußerst origineller, tiefsinniger Aphorismus ein, dessen Qualität sich bonmottechnisch nicht hinter Äußerungen von Oscar Wilde, Mark Twain und Robert Lembke zu verstecken brauchte, der sie vielleicht gar hätte denken lassen: Brillant, warum ist mir das nicht eingefallen? Vor Begeisterung wachte ich auf und dachte: Wirklich gut, musst du gleich morgen früh notieren. Am Morgen hatte sich der Sinnspruch leider in Nichts aufgelöst, daher kann ich ihn Ihnen nicht zur Kenntnis bringen und muss mich bezüglich meiner Berühmtheit als Bonmoteur noch ein wenig in Geduld üben. Sollte er mir wieder einfallen, werden Sie die ersten sein, die ihn lesen, versprochen.

In der Bäckerei in der Inneren Nordstadt, wo ich am Morgen Brötchen für die Lieblingsmenschen und mich holte, zeigte die Leuchtschrift der Registrierkasse an: „Es bedient Sie S. Sen“. Passend dazu das Schild in der Eingangstür eines Friseursalons: „Inhaber Karl G. Schoren“, welches ich allerdings nirgendwo gesehen, sondern mir soeben ausgedacht habe.

Woche 28: Seltsame Botschaften

Montag: Zweite Urlaubswoche in der Provence. Der Liebste und die junge Nachbarshündin sind augenscheinlich in großer gegenseitiger Angetanheit verbunden. Es fehlt nicht mehr viel, und am Freitag fährt statt meiner das Tier mit zurück ins heimische Bonn. Die Irritationen an meinem Arbeitsplatz, wenn dann am Montag an meiner Stelle der Hund ins Büro kommt, könnte sich bald legen, wenn sie merken, dass sowohl der Unterhaltungswert als auch die Arbeitsergebnisse des Hundes meinen in nichts nachstehen.

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„Na der Unterhaltungswert des Hundes dürfte wohl größer sein“, höre ich Sie nun denken. Danke dafür! Haben Sie nichts besseres zu tun? Haben Sie der EU schon mitgeteilt, was sie von der Zeitumstellung halten? Das geht hier: https://ec.europa.eu/eusurvey/runner/2018-summertime-arrangements?surveylanguage=DE

Von Zeitumstellung zur Zeitung, die ich dank moderner Technik auch hier lese: Dort steht heute, Klebstoffe werden teuer. Auch das noch.

Dienstag: Klebstoff guter Geschäftsbeziehungen ist der informelle Austausch im Rahmen guter Gastlichkeit. So brachten meine Verpflichtungen als Unternehmergattin heute ein Abendessen mit einem befreundeten Winzerpaar mit sich. Die Tischkommunikation erfolgte überwiegend auf französisch und etwas englisch. Während der mir angetraute Monsieur les Importateur die französische Sprache recht gut beherrscht, bin ich leider immer noch nicht dazu gekommen, sie mir in einer konversationsgeeigneten Weise anzueignen. Aber letztlich fühle ich mich in der Rolle des schweigenden Begleiters grundsätzlich recht wohl.

Mittwoch: Vergangene Nacht träume ich, ein unbekannter Mann klaute das Mobilgerät des Liebsten aus der Küche unserer Urlaubsunterkunft und verlässt das Haus. Auf der Straße knurrt ihn die Hündin der Nachbarin an. Ich denke: Lass das doch das Känguru machen. Aus dem Hund wird daraufhin das Känguru (das von Marc-Uwe Kling) mit roten Boxhandschuhen. Es sagt: „Bring das besser wieder zurück, Freundchen!“ Der Mann gehorcht.

Apropos gehorchen: Aufgrund scharfer Kritik einer Person, deren Gunst mir besonders am Herzen liegt, erkläre ich das in der vergangenen Woche erwähnte Experiment der Bartlosigkeit für beendet. Dunkle und graue Stoppeln zieren nun wieder wie ehedem mein Antlitz.

Donnerstag: Wie einer ganzseitigen Zeitungsanzeige zu entnehmen ist, heißt der Textilhändler SinnLeffers ab 1. August nur noch Sinn, Werbeslogan: „Das macht Sinn“. Andererseits: Da selbst die Lektoren von Schriftstellern wie Bodo Kirchhoff und Max Goldt, Autoren meiner Urlaubslektüre, es ihnen durchgehen lassen, wenn sie „meint“ anstelle von „bedeutet“ schreiben, scheine ich mich in manchen Dingen etwas anzustellen. „Sprache wandelt sich eben“, höre ich sie wieder raunen. Ja. Leider nicht immer zum Guten.

In Stuttgart wird es ab dem kommenden Jahr Fahrverbote für Dieselfahrzeuge geben. Ausnahmen sollen es unter anderem für entsprechend gekennzeichnete Oldtimer geben, also mit die größten Dreckschleudern überhaupt. Das macht weder Sinn, noch ergibt es einen.

Wo wir gerade bei Sinnen sind: Zu den schönsten Urlaubsmomenten zählen die Abendstunden mit dem Liebsten vor unserem Haus. Manches kann man sehen, aber nicht im Bild festhalten, etwa den im Kerzenlicht tanzenden Schatten des Roséglases an der Hauswand. Anderes kann man hören, aber nicht sehen, wie das Knistern und Knacken, wenn der Eiswürfel in den Rosé eintaucht. Oft liegt der Reiz ja gerade in dem, was man nicht sieht.

Herr Buddenbohm findet, es wird zu wenig über die kleinen alltäglichen Gescheh- und Erlebnisse gebloggt, „Blogsport“ nennt er das. Ich finde das auch.

Freitag: Rückfahrt nach Bonn. Es liegt mir fern, ganze Bevölkerungsgruppen zu bezichtigen. Dennoch erscheint die Vermutung nicht völlig abwegig, belgische Autofahrer betrachteten Straßenverkehrsregeln, insbesondere solche, die sich auf zulässige Höchstgeschwindigkeiten beziehen, maximal als Vorschlag.

„Fressen, fressen und vermehren: Darin besteht für den aus Nordamerika eingeschleppten Kalikokrebs der Sinn des Lebens“, schreibt der General-Anzeiger. Das ließe sich mühelos auf zahlreiche andere Lebewesen übertragen, einschließlich nicht weniger Exemplare der selbsternannten Krone der Schöpfung, wo dann noch Aufmerksamkeit, Gier und Machterhalt zu ergänzen wären. Wurde schon untersucht, ob sich der gepanzerte Geselle zum menschlichen Verzehr eignet? So weit ich mich erinnere, sind die Berliner da vor nicht allzu langer Zeit mit gutem Beispiel vorangegangenen.

Apropos Zeit: So wie zwei Wochen Urlaub immer viel zu schnell vergehen, so verstreichen auch zehn Autostunden rasch, wenn am Zielort jemand ist, auf den man sich sehr freut.

Samstag: Musikalische Verpflichtungen einer Sonder-Chorprobe erforderten schon am Vormittag meine Anwesenheit in Köln. Nach zwei Wochen Provence fällt es noch etwas schwer, die spröde Schönheit der Landschaft zwischen Bonn und Köln zu erkennen, aber das wird schon wieder.

Eine seltsame Botschaft gegenüber dem Bonner Hauptbahnhof bei Rückkunft:

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Manchmal denkt man ja: In dessen Haut möchte ich jetzt nicht stecken. Zum Beispiel in der desjenigen, der verantwortlich war für die Ausrüstung der Flugzeuge, die anlässlich des französischen Nationalfeiertags über Paris hinwegflogen, mit diesen farbigen Rauchschwaden, die sie hinter sich herziehen, um die „Trikolore“ an das Firmament zu malen. Vielleicht stand man unter Zeitdruck, oder blau war knapp, jedenfalls zog das äußere von drei Flugzeugen, welche einen blauen Streifen hätte zeichnen müssen, vor den Augen der Welt stattdessen einen roten hinter sich her, was der Trikolore einen eigenwilligen Anstrich verlieh.

Sonntag:  Ein fauler Tag auf dem Balkon als Urlaubsausklang ist wohl nicht das schlechteste. „Es gibt viele Beschwerlichkeiten, die die jahrzehntelange Existenz in einem Einweg-Bio-Zylinder unseren zarten Seelen aufbürdet. Aber als kohlenstoffbasiertes Wesen darf man auch nicht viel erwarten. Es ist ja mehr oder minder ein glücklicher Zufall, dass man wenigstens kein Diamant geworden ist, der sein Dasein am Ringfinger einer betrogenen Ehefrau fristen muss.“ Diese wunderbaren Zeilen schrieb Thomas Glavinic in der FAS zum Thema „Körper“.

Nachbemerkung: Frankreich ist nun Fußballweltmeister. So gesehen vielleicht gar nicht schlecht, zurück in Bonn zu sein.

Nachtgestalten

Graf D. saß, sich mondend, im Garten,

die Schwüle der Nacht abzuwarten.

Eine Fledermaus

flog grußlos ums Haus.

Wohin, wollte sie nicht verraten.

***

Zugegeben: Vorstehende Verse, Beitrag zum Blogprojekt ABC-Etüden, sind von der lyrischen Qualität her eher flachwurzelnd, andererseits unter Berücksichtigung ihres spontanen Entstehens während einer schlaflosen nächtlichen Stunde vielleicht gar nicht so übel.