Woche 37: Mopsbett aus Textilleder

Montag: „Ey, voll geiles Bücherregal, Alter!“ – Was die Jugend so redet, wenn sie in der Bahn mit ihren Datengeräten beschäftigt ist.

In der vergangenen Woche fragte ich, ob es eine Bezeichnung gibt für die Binnen-Initiale (wie „Hans A. Meise“), die manche sich für bedeutend haltende Menschen in ihrem Namen führen, was auf ein gewisses Echo meiner verehrten Leserschaft stieß. Der schönste Vorschlag kam von Thomas mit „Namensblinddarm“. Danke dafür!

Dienstag: „Chillen mit Sinn“ heißt eine sogenannte Demokratieplattform, die regelmäßig in Bonn stattfindet und Menschen miteinander ins Gespräch bringen soll. Etwas despektierlicher ausgedrückt könnte man es auch eine öffentliche Laberrunde nennen, mache ich natürlich nicht. Nun ist „chillen“ ja so ein Wort, welches zu hören mir nicht gerade Lustgefühle bereitet. Aber ich will nicht meckern: Wenigstens heißt die Aktion nicht „Chillen macht Sinn“.

To chill heißt ja (unter anderem) entspannen und abkühlen. Ersteres kann man wunderbar in unserem Lieblingsbiergarten am Rhein. Dort waren der Liebste und ich am Abend, vielleicht zum letzten Mal in diesem Jahr, bevor es abkühlt (und die allgegenwärtigen, schrecklichen Halbarmhemden endlich in den Schränken sowie Tätowierungen unter Textilien verschwinden). Vielleicht auch nicht.

Mittwoch: „Bis nächste Woche, ich freue mich auf den Termin“, höre ich die Kollegin am Telefon sagen. Die Welt ist so schrecklich verlogen.

In der Zeitung ist der Entwurf für den Bundeshaushalt 2019 abgebildet:

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Wieviel Hoffnung soll man noch für dieses Land, diese Welt, die Menschheit haben, wenn für Kriegsspiele fast zweiundzwanzig mal mehr Geld ausgegeben wird als für Umweltschutz?

Wenig Zuversicht wächst auch daraus, dass Bahnhofstoiletten nun „rail & fresh“ heißen, wie ich am Abend im Bahnhof Köln-Deutz sah. Nun gut – eine „Bahnamtliche Bedürfnisanstalt“ steigert auch nicht gerade den Harndrang.

Donnerstag: Auch wenn die Aktivitäten der Waldschützer im Hambacher Forst wohl gegen geltendes Recht verstoßen (und laut RWE bald bei uns die Lichter ausgehen, wenn die darunter befindliche Braunkohle nicht abgebaggert werden kann), so empfinde ich doch große Sympathien für ihr Tun und ihre Ziele, daraus mache ich kein Geheimnis. Indes erscheint mir ihre Kampfparole „Hambi bleibt“ verniedlichend, verharmlosend, geradezu lächerlich. Wie dem auch sei – ich wünsche ihnen und allen anderen, die für ein Ende dieses Wahnsinns eintreten, Erfolg und alles Gute.

Freitag: Ja, ich freue mich.

Gefreut hat mich auch dieser Dialog meiner beiden Lieblingsmenschen anlässlich des bevorstehenden Herbstes: „Die Gänse sind schon auf dem Weg in den Süden.“ — „Ja, und Weihnachten kommen sie zurück.“

Samstag: Aus einem Zeitungsbericht über Accessoires für anspruchsvolle Vierbeiner:

„Marie, ihre vorletzte Hündin, war mittelgroß und hatte ein großes Problem, wenn sie mit Frauchen unterwegs war. Es gab keine schönen und praktischen tragbaren Hundebetten.“ — „Vielmehr geht es um artgerechte Ernährung und Haltung. Daher gibt es unter dem Sir-Henry-Label auch ein Mopsbett aus Textilleder, schließlich soll Tier nicht Tier tragen.“ — „Sein Kallebanana-Keks beispielsweise ist, wie alle anderen Leckerlis hausgemacht und tierproduktfrei, besteht aus Banane, Apfel, Dinkelvollkornmehl, Haferflocken, Olivenöl und einer Prise Salz, sein Kalleefree mit Soja-und Reismehl ist glutenfrei.“ — „… wärmende Hundebekleidung, die sich zwar modisch an das anpasst, was Frauchen trägt, aber eben auch einen Sinn hat, etwa der Outdoorkleidung für Menschen entlehnt ist. Gerade kleine exotische Hunde bräuchten derlei wegen ihrer Fellstruktur.“

Ich fühle mich bestätigt in meiner Überzeugung, Hundehalter haben einen an der Waffel. Hausgemacht und Glutenfrei.

Sonntag: Wie eine sonntägliche Fahrradfahrt am Rhein offenbart, lassen sich radfahrende Rentner in zwei Klassen einteilen. Während mich die einen, elektrisch unterstützt, mit müheloser Leichtigkeit auch an engeren Stellen im Tiefflug überholen, bewegen sich die anderen vor mir nahe der Geschwindigkeitsgrenze, ab der das Rad aus Gründen der Physik umfällt.

Woche 36: #nochwasliegenbleiben

Montag: Große Dramen menschlicher Existenz sind häufig darin begründet, dass man sich dort befindet, wo man nicht sein will, zum Beispiel an einem Montag im Büro. Wie der Postillon berichtet, hat die deutsche Gerichtsbarkeit nun zur Linderung dieser Not ein wegweisendes Urteil gefällt.

Bleiben wir noch etwas bei seriösen Presseerzeugnissen. Das der Tageszeitung beigelegte Wirtschaftsmagazin „Bilanz“ berichtet über die tausend reichsten Deutschen. Während ich gelangweilt durch das Heft blättere, blicke ich in lauter Antlitze von Leuten, die so sind, wie ich niemals sein möchte.

Verwirrend das Werbeplakat eines Gerüstbauers, welches mir auf dem Heimweg in den Blick geriet:

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Der Werbespruch stünde einem auf hochpreisige Immobilen spezialisierten Makler oder einem Anbieter unterleibserfreuender, sado-masochistischer Dienstleistungen gut zu Gesicht. Aber welche Grenze bestimme ich als Gerüstbenutzer?

Dienstag: Wie kann man freiwillig einer Bewegung mit dem Namen „#aufstehen“ beitreten? Eine Initiative“#nochwasliegenbleiben“ hätte indessen gute Chancen, mich als Mitstreiter zu gewinnen. Siehe Eintrag vom vergangenen Sonntag.

Google wird heute zwanzig. Wenn man dort das Rezept für Chili con Carne recherchieren will, sollte man laut WDR 2 „Rezept für Chili con Carne“ eingeben. Da hat sich die Zahlung der Rundfunkgebühr doch schon wieder gelohnt.

Apropos Futter: Darf man eigentlich noch „Studentenfutter“ sagen, oder gilt das inzwischen auch als irgendwie diskriminierend? Nicht diskriminierend, dafür schlicht falsch ist jedenfalls, „Studenten Futter“ zu schreiben.

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Mittwoch: Lange nichts Neues zur Sanierung der Beethovenhalle gehört und gelesen. Bis heute, das Warten hat sich gelohnt: Nach neuesten Erkenntnissen belaufen sich die Kosten nun auf vorläufig 95 Millionen Euro. (Zur Erinnerung: zuletzt 87, ursprünglich veranschlagt 61.) Unbestätigten Meldungen zufolge werden nun Wetten angenommen, ob die 100-Millionen-Grenze noch in diesem Jahr überschritten wird.

Wie nennt man eigentlich diesen Wichtigtuer-Buchstaben, den manche Menschen zwischen Vor- und Nachname zu führen für hübsch halten, zum Beispiel „Karl G. Schoren“? Binnen-Initiale? Trotz intensiver (etwa fünfminütiger) Netzrecherche fand ich darauf keine Antwort. Egal – laut interner Mitteilung hat nun ein sich mit einem solchen Buchstaben schmückender Mensch das Unternehmen verlassen, „um sich neuen Herausforderungen außerhalb des Konzerns zu widmen.“ Eine weitere Perle der Unternehmenskommunikation.

Auf dem Weg zur Chorprobe hörte ich in Köln-Deutz einen jungen Mann dieses in sein Mobilgerät sprechen: „Check das mal ab, wäre echt nice!“ Das musste ich natürlich sofort notieren, um es der Nachwelt zu erhalten, weil es so nice ist.

Auf der Rückfahrt nach Bonn, müde vom Gesang und in freudiger Erwartung der Arme des Liebsten und des Bettuches, fuhr an meiner Bahn ein Nachtzug vorbei: erst die Schlaf- und Liegewagen, dahinter die Transportwagen für die Autos der Schlafenden und Liegenden. Darauf ein PKW, der im Sekundentakt hupte und blinkte, als hätte er Angst so alleine in der Nacht auf einem schaukelnden Eisenbahnwaggon. Das war auch ziemlich nice, jedenfalls aber niedlich.

Donnerstag: Inseltag. Einfach mal zwischendurch ohne besonderen Anlass einen Tag freinehmen, ausschlafen, frühstücken im Café, danach ein paar kleinere Dinge erledigen (Frisörbesuch, Schuhbänder kaufen und austauschen, was ins Mitmachblog schreiben) und ansonsten die Stunden mehr oder weniger sinnlos vergeuden (Schranke der Modelleisenbahn reparieren, einen alten Bus fotografieren, zwei Textrohlinge notieren, Musik von alten Kassetten hören). Das ist wie ein kleiner Urlaub.

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Freitag: Noch zwei Kommunikationsperlen: „Unsere Belegschaft ist der Schlüssel zur Erreichung der Ziele der Strategie 2020. Sie sind ein bedeutender Teil davon.“ – „Bei uns ist die Can Do-Einstellung Teil unserer DNA.“ Da steht man doch morgens noch motivierter auf.

Samstag: „Ständig und überall wird aus riesigen Plastikflaschen Wasser getrunken, als hätten frühere Generationen gefährlich an der Grenze zum Verdursten operiert. Das Fitness-Studio braucht einen Aufzug aus der Tiefgarage. Und wenn die Abenteuerreise in die Taklamakan-Wüste mit 20 Minuten Flugverspätung endet, erwägt der wutentbrannte Weltenbummler von heute gleich eine Zivilklage.“ (Martin Wein im Bonner General-Anzeiger über die „Generation Y“)

Es ist mir übrigens vollkommen wurscht, wenn sich jedes Jahr Leute über den Verkauf von Weihnachtssüßigkeiten ab August aufregen. Es zwingt euch doch niemand. Ich jedenfalls habe heute im Rewe das erste Marzipanbrot gekauft, und ich werde es ganz sicher weit vor dem ersten Advent vertilgen.

Sonntag: Es gibt, von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen, grundsätzlich niemals einen Grund, unhöflich zu werden, so meine Überzeugung. Insofern tut es mir sehr leid, wie ich die Call-Center-Mitarbeiterin, die mich am späteren Morgen im Auftrag einer Meinungsumfrage aus dem Bett klingelte, anraunzte, schließlich machte sie nur ihre Arbeit. Dennoch wäre ich allen Meinungsforschungsinstituten und anderen Einrichtungen, die ungefragt Leute telefonisch belästigen, sehr dankbar, wenn sie mich nie mehr anriefen, weder am Sonntagmorgen noch sonst.

Die fortschreitende allgemeine Verblödung macht auch vor der Gastronomie nicht halt: „Wenn ein Restaurant jeden Tag sowieso so tolle Gerichte zaubert, ist es doch total schade, die nicht auf Instagram zu teilen“, wird eine gewisse Justine Müller (26) in der FAS zitiert. Wie es schmeckt, ist unwichtig, Hauptsache es sieht gut aus und wird von vielen geleikt.

Woche 35: Tragik und Komik liegen manchmal nahe beieinander

Montag: Laut Papst sollen Eltern homosexueller Kinder ihre Brut in psychiatrische Behandlung geben. Hat wohl etwas zu viel am Weihrauch geschnuppert, der Gute.

Dienstag: Am Morgen stand in der Stadtbahnhaltestelle Heussallee die Rolltreppe zwischen Bahnsteig- und Zwischenebene still. Obwohl sie dadurch immer noch einen Aufstieg ermöglichte, benutzen alle die direkt daneben liegende, in Stein gemeißelte Treppe; selbst diejenigen, die zunächst, abgelenkt von Müdigkeit oder Datengerät, den Stillstand nicht bemerkten und, wie jeden Morgen, auf die Rolltreppe zugingen, machten im letzten Moment einen Schlenker nach links auf ihre steinerne Schwester. Aus unerfindlichen Gründen meiden Menschen eine stehende Rolltreppe wie der Papst die Gaysauna oder ich die Sportstätte, als ginge von ihr eine Gefahr aus, oder als gehörte es sich einfach nicht, sie zu benutzen.

„Ihre Meinung ist richtungsweisend“, steht auf den Plakaten zur diesjährigen Mitarbeiterbefragung. Lassen wir mal offen, in welche Richtung meine Meinung das Unternehmenswohl weisen würde.

„Schlafen im Büro ist sinnvoll“, steht in der Zeitung. Dem stimme ich zu und versichere, dass eine entsprechende Ruhemöglichkeit nach dem Mittagessen meine Meinung rolltreppenartig nach oben bewegen würde. Dabei sollten zwei bis drei Stündchen täglich ausreichen.

Mittwoch: „Bitte geben Sie mir einen Ping, wenn Sie noch Anmerken dazu haben.“ – „Go for it“ – „Es wäre sehr hilfreich, wenn Sie mir im Vorfeld Ihre Erwartungshaltung dazu kommunizieren könnten.“ Es sind immer wieder Sätze wie diese, welche das Lesen geschäftlicher Mails zu einem literarischen Erlebnis erheben.

Donnerstag: „Alle Sky Konferenzen der UEFA Champions League jetzt bei Telekom Sport mit Sky Sport Kompakt!“, preist man mir per Kurznachricht an. Eher würde ich mir einen kotbeschmierten, rostigen Blecheimer über den Kopf stülpen und stundenlang mit einem hölzernen Kochlöffel dagegen schlagen.

Tragik und Komik liegen manchmal nahe beieinander:

(General-Anzeiger Bonn)

Freitag: Sebastian ist ein wirklich schöner Name, nach meinem unmaßgeblichen Dafürhalten einer der schönsten überhaupt, allemal schöner als Max-Luca, Elias, Justin oder Ben. Menschen, deren Eltern bei der Namensauswahl sich dahingehend entschieden, sind zu beneiden und ihren Erzeugern zu lebenslangem Dank verpflichtet. Insofern ist mir unbegreiflich, wie es Menschen einfallen kann, diesen Namen auf ein hingerotztes „Basti“ zu verkürzen, sei es in der Anrede oder gar in der Selbstbezeichnung. Was geht in ihnen vor, warum tun sie das? Nämliches gilt auch für den auf einen „Flo“ reduzierten Florian.

Samstag: Wahre Schönheit kann nichts entstellen, auch nicht eine ins Bild gerückte Tragetasche eines Einkaufszentrums (oder Mall, wie man heute unter dem Zwang zweifelhafter Modernität auch dazu sagt). Dem jungen Mann möchte man sagen: „Jetzt hast du so viel Geld für die Frisur ausgegeben. Warum hast du dir keine schöne machen lassen?“

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Übrigens: Wer glaubt, bei Vergleichen schlecht abzuschneiden, vergleicht sich vielleicht mit den Falschen.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Männer sich nicht die Achseln rasieren sollten.

Sonntag: Vertreibung aus dem Paradies? Kenne ich. Erlebe ich täglich in dem Moment, da ich das Bett verlassen muss. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Vertreibung um 6:30 oder erst um 11 Uhr erfolgt.

Woche 34: Sorge um den Weltfrieden ist angebracht

Montag: Nachtrag zum zurückliegenden Wochenende: Dieses verbrachte ich mit der Eisenbahn spielend in Gütersloh-Isselhorst, wo die Dampf-Kleinbahn Mühlenstroth ihr 45-jähriges Bestehen feierte. In jungen Jahren verbrachte ich dort, in dieser ganz eigenen kleinen Welt, zahlreiche Wochenenden mit vielen glücklichen Stunden, heute komme ich aus verschiedenen Gründen kaum noch dazu. Auch so etwas, wo ich jedes Mal denke, wenn ich wieder dort war: Das sollte ich öfter machen. Und es dann aus verschiedenen Gründen doch nicht tue.

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Hier eine Zugfahrt in bewegten Bildern.

Zurück in der Wirklichkeit, wurde meine Liebe zu schienengebundenen Verkehrsmitteln an diesem Morgen auf die Probe gestellt: Meine Bahn ins Werk entfiel mal wieder. Scheint jetzt montags eine regelmäßige Einrichtung zu sein.

Dienstag: Nicht nur die Bahn hat bisweilen Verspätung, sondern offenbar auch die Wirkung des Giftes, welches mir bereits am Sonntagnachmittag eine Wespe in den Finger injizierte. Erst heute machen sich Schwellung und juckender Schmerz bemerkbar.

Die Wolken der Mittagsmüdigkeit lichteten sich kurz, als mich ein Artikel des Handelsblattes schmunzeln ließ (wenngleich ich das Wort „schmunzeln“ wirklich schlimm finde, gleiches gilt für „schlemmen“ und „schlendern“). Er widmete sich einem Manager, der sich im Hause nicht allzu großer Beliebtheit erfreut, darin nämliches zu lesen:

»„B verbreitet Angst und Schrecken“, sagt ein Mitarbeiter. Er schraube die Ziele in unglaubliche Höhen. „Und wenn jemand Bedenken anmeldet, wird B cholerisch“, schildert [der Mitarbeiter] die Ausfälle seines Vorgesetzten. „Sein Gesicht wird rot wie eine Tomate, und er fängt an zu schreien.“«

Nein, geschmunzelt habe ich nicht, sondern – trotz der journalistischen Fragwürdigkeit des Artikels – laut gelacht. Ob der Beschriebene ebenfalls lachte oder schrie, ist nicht überliefert.

„Irgendwann ist die Zeit gekommen, dass ein Arschloch erfährt, dass es ein Arschloch ist“, las ich irgendwo. Keine Ahnung, wie ich da jetzt drauf komme, ischwör.

In Köln beginnt heute die Gamescom. So viel Aufwand für so einen Unfug. (Ja ich weiß, das kann man über den Betrieb einer Dampfkleinbahn auch denken. [Im Gegensatz zu „schmunzeln“ mag ich „Unfug“ als Wort übrigens sehr.])

Wie ich eher zufällig sah, habe ich genau 1.000 Follower bei Twitter. Das ist hinsichtlich meiner Aktivitäten dort eine immer noch erstaunlich hohe Zahl. Vor einer Woche waren es dreißig mehr. Ein derart hoher Abgang hätte mich vor einigen Jahren in eine tiefe Krise gestürzt, heute bekräftigt es meinen Entschluss, dort bald die Biege zu machen. Zumal Twitter seit Donald Trump und Horst Seehofer für mich endgültig die Unschuld verloren hat.

Mittwoch: „Shop shop, Hurra“, endet eine Radioreklame. Sind nicht – neben Kreuzfahrtschiffen, Kohlekraftwerken und SUV-Fahrern – Werber die schlimmsten Umweltverschmutzer?

Donnerstag: Wie man auch ohne kulinarische Kenntnisse und Infrastruktur den Ruf eines Spitzenrestaurants erlangen kann, können Sie hier nachlesen.

Freitag: Laut einem Zeitungsbericht wirbt die Bundeswehr am Rande der Gamescom (und des guten Geschmacks) mit Plakaten um Nachwuchs. Auf diesen sei unter anderem zu lesen: „Double Kill, Multi Kill, Ultra Kill, Rampage, M-M-M-Monster-Kill!“. Es entzieht sich meiner Kenntnis, was „Rampage“ ist und „M-M-M“, auch fühle ich mich zu matt, dies zu recherchieren. (Gut, zu „M-M-M“ lässt meine sittenlose Phantasie das eine oder andere Bild aufleuchten, indes gehe ich nicht davon, dass das hier gemeint ist.) Sollte sich hierdurch ernsthaft jemand animiert fühlen, der Truppe beizutreten, wäre wohl große Sorge um den Weltfrieden angebracht.

Samstag: Unter der Rubrik „Was macht eigentlich …“ geht die Zeitung dem Verbleib der ausgeschiedenen Bundesminister der letzten Regierung nach. Während wir den Meinungsäußerungen von Sigmar Gabriel auch heute ebensowenig entgehen können wie dem Verbalunrat von Alexander Dobrindt, ist es eher still geworden um Thomas de Maizière. Wie er verlauten lässt, nutze er die Zeit, um „seinen Lebensrhythmus an die neuen Gegebenheiten anzupassen“. Ein Satz, den es sich zu merken lohnt.

Nicht merken muss man sich unterdessen das Wort „Mutzensteinvieh“, mit welchem ich am frühen Abend bezeichnet wurde.

KW33

Sonntag: Alles hat ein Ende, nicht nur die Woche, sondern auch die Sommerferien. Das heißt, ab morgen sind sie alle wieder da, auf den Straßen, in den Bahnen und Büros; erholt, voller Tatendrang und mit neuen Ideen. Mir graut ein wenig.

Woche 33: Diverse Unwägbarkeiten

Montag: Regen am Morgen. So sehr ich des Sommers Hitze schätze, so sehr kann ich mich auch für Regen begeistern. „Regenmöger“ als Bezeichnung meiner Person wäre daher nicht deplatziert, ebenso Warmduscher. Ich wüsste wirklich nicht, was an einem Brausebad unter angewärmtem Wasser Anlass zur Geringschätzung bietet.

Meine Bahn entfällt. Komme ich also später ins Werk, da gibt es wohl schlimmeres. Die Bahnhaltestelle ist überdacht und ich habe ein Buch dabei.

Die größte Herausforderung an Montagen liegt ja oft darin, nach dem Wochenende das Interesse wieder auf Dinge zu lenken, für welche zu interessieren man mich entlohnt.

„Die Lösung ist nicht ganz so fancy„, hörte ich in einer Besprechung und notierte es umgehend.

Dienstag: Nachtrag zu letzter Woche: Franzi hat einen schönen Text (unter anderem) zum Thema „Leben in der eigenen Welt“ geschrieben, den sie letzten Freitag auf der #Mimimimi-Lesung vortrug. Zitat: »Warum ist „Du lebst in deiner eigenen Welt“ nicht ganz offiziell eines der schönsten Komplimente, die man einem anderen Menschen machen kann?« Recht hat sie. Jeder hat das Recht, wenn nicht die Pflicht, in seiner eigenen Welt zu leben. Jedenfalls zeitweise.

In einer sehr eigenen Welt leben wohl auch Menschen, die sich Wörter wie „Eisenbahn-Inbetriebnahmegenehmigungsverordnung“ ausdenken.

Mittwoch: Jan Ullrich, Ende der Neunziger bekannt geworden als Radrennprofi und Werbeträger eines großen Telekommunikationsanbieters, zieht zurzeit aufgrund diverser persönlicher Unwägbarkeiten das Interesse zahlreicher Medien auf sich. Dabei ist das nur mäßig bis gar nicht interessant. Warum lassen die ihn nicht einfach in Ruhe?

Donnerstag: Heute war ich ziemlich müde den ganzen Tag über, vielleicht ein Glas Rosé zu viel am lauen Vorabend. Deshalb heute Weißwein.

Ich habe jetzt einen Rückspiegel am Fahrrad. Das ist wohl so ziemlich das uncoolste, was man haben kann, und doch wesentlich lebenserleichternder als so manche absurde App.

Herbert Reul beweist seine hervorragende Eignung als Innenminister von NRW, indem er verlangt, Gerichtsentscheidungen müssten auch das „Rechtsempfinden der Bevölkerung“ berücksichtigen. Nur: Was soll das sein? Was die Bild-Zeitung schreibt? Oder was bei Facebook gepostet wird? Oder was am lautesten geschrien wird?

Apropos Düsseldorf: „Dort gibt es Läden, in denen man gebrauchte Baby-Kleidung kaufen und gleichzeitig einen smoothie trinken kann. Das ist genau die Lebenswelt, die ich abstoßend und verachtenswert finde“, schreibt Seppo. Ich verstehe gut, was er meint.

Freitag: In gewisser Weise erscheint mit der Brückeneinsturz von Genua wie ein Symbol unserer Gesellschaft und ihrem Umgang mit der Natur: Viele wissen, dass dringend etwas getan werden muss, doch die, die was tun müssten, tun nichts. Bis zum Zusammenbruch. Dann haben die, die zuvor nichts taten, es ja immer gewusst.

Samstag und Sonntag: (Wird aus Zeitgründen nachgereicht.)

Woche 32: Wenn man sich die Finger wund schreibt

Montag: „Das zu bundeln macht schon Sinn, oder?“, wurde ich während einer Besprechung in einer Phase geistiger Abwesenheit gefragt. Ohne den leisesten Schimmer über den Sinn der Frage, erst recht des Wortes „bundeln“, nickte ich stumm und ergab mich der Hoffnung, man möge die um meinen Kopf kreisenden Fragezeichen nicht allzu sehr sehen. Während der Abwesenheit dachte ich über eine Frage nach, die zwar belanglos war, in dem Moment aber interessanter erschien als das Besprechungsthema, ohne eine Antwort darauf zu finden. Muss ich später mal im Netz recherchieren, so mein Plan. Leider hatte ich später die Frage vergessen. Vielleicht ist die künstliche Intelligenz ja bald so weit, dass man recherchieren kann, nach was man im Laufe des Tages recherchieren wollte. Ich könnte Alexa fragen, wenn wir eine hätten. Siri ist dafür eindeutig zu blöd. Aber Alexa kommt mir nicht ins Haus, niemals.

Dienstag: Heute war wieder so ein Tag, an dem ich den Kolleginnen ehrlicherweise einen Münzfernsprecher ins Büro wünsche und dazu ein sehr begrenztes Kleingeldbudget.

Geräuschentwicklung auch am Abend: Nachdem die Singstar-Krähe von Gegenüber seit geraumer Zeit ausgeflogen scheint, erfreut nun der Nachbar nebenan mit Gesang. Doch zürne ich darüber nicht, so ist das eben, wenn man mitten in der Stadt wohnt. Zudem übe ich ja selbst regelmäßig Trompete, und jeder weiß: Wenn ein Anfänger oder Wiedereinsteiger Trompete übt, ist das die Hölle. Für alle unmittelbar und mittelbar Beteiligten.

Mittwoch: „Die Spitze des Eisbergs ist noch nicht erreicht“, las ich heute in einem Artikel über zu erwartende Entgelterhöhungen bei Briefen und Paketen. Ich liebe schiefe Bilder.

Lehrt man die Schüler heute eigentlich das Wort „Entgelt“? Wenn ja, wie lange dauert es, bis sie nicht mehr „Endgeld“ in ihr Diktatheft schreiben? Lässt man heute überhaupt noch Diktate schreiben? Oder Aufsätze? Und in welchem Zusammenhang sollten sie es gebrauchen? Vielleicht „Talentgeltungsdrang“, ein Wort, welches beim Scrabble mit hoher Punktzahl belohnt, jedoch zu einer vergleichbaren Diskussion führen würde wie „Schwanzhund“ und „Quallenknödel“.

Donnerstag: Aus Gründen, welche darzulegen hier den Rahmen sprengte, die Sie aber nachlesen können, nehme ich an, jedes Tier, welches meine Nähe sucht, ist ein gestorbener Verwandter. Deshalb habe ich stets größte Skrupel, eine Fliege totzuschlagen, so lästig sie auch ist. Wer wollte sich schon nachsagen lassen, er hätte seine Großmutter umgebracht.

Freitag: Wenn man sich hier Woche für Woche die Finger wund schreibt, freut man sich, wenn es mal jemand liest, oder noch besser: sich vorlesen lässt. Am Abend hatte ich erneut das Vergnügen und die Ehre, als einer von vier Vorlesern an der #Mimimimi-Sommerlesung teilzunehmen. Schön wars! Vielen Dank an die Organisatoren, die Mitwirkenden mit Wort und Ukulele, und das Publikum!

Nochmal zum Nachlesen:

Homer Simpson und der Alle-mal-malen-Mann

Kein Schmähgedicht

Loblied auf die Tüchtigen

Schöner Träumen

Samstag: Nachtrag zu Donnerstag: Die zahlreichen Wespen, die zurzeit mit uns frühstücken, stellen meine Friedfertigkeit auf eine harte Probe.

Laut SPIEGEL produzieren Träger von Boxershorts fünfundzwanzig Prozent mehr Spermien gegenüber denen, die eng anliegende Schlüpfer bevorzugen. Gut zu wissen.

Gegenüber den für die kommende Nacht erwarteten Sternschnuppen legt der Geliebte eine eher unromantisch-nüchterne Haltung an den Tag: „Na super, dann haben wir den Dreck auch noch.“

Sonntag: Da der Liebste heute blümeranzbedingt etwas länger im Bett blieb, war es an mir, Brötchen zu holen, warum auch nicht, kann ich ja auch mal machen. Auf dem Weg zum Bäcker sah ich an einem Laternenpfahl einen Aufkleber: „Sunday Morning Sex“. Dem ist fürderhin nicht zu widerraten. Ein paar Meter weiter erreichte aus einem Fenster eine Vorleserstimme mein Ohr: „Die kleine Raupe Nimmersatt …“ Mit ganz viel schräger Phantasie kann man zwischen beidem möglicherweise einen Zusammenhang konstruieren, wenn man sich ganz doll Mühe gibt.

Wenn man die Sonntagszeitung durch, aber noch keine Lust hat, trotz zahlreicher Wespen den Liegestuhl auf dem Balkon zu verlassen, kann man noch etwas Zeit damit verbringen, Werbeprospekte zu studieren, die die Post am Vortag brachte.

KW32 - 1

„Sieh nur, Liebling, dieses Früchtchen hier, an was erinnert es mich bloß?“

„Schatz, lass mich eben dieses Kartoffel fertig schälen, dann helfe ich deiner Erinnerung auf die Sprünge, he he.“

Merke: Nicht nach den Wespen schlagen.

Dann ist es wieder so schön

Es sei der heißeste Tag des Jahres, heißt es, aber wer weiß das schon so genau, einige Tage haben wir ja noch vor uns bis Silvester. Ganz Deutschland stöhnt und jammert. Nein: ganz Europa. Vielmehr: die gesamte nördliche Halbkugel. Vor allem die Bauern, die haben ja immer was zu nörgeln. Akute Pommesverkürzung droht, weil die Kartoffeln in diesem Jahr kleiner ausfallen wegen der Trockenheit. Nicht nur das: Die Tannenkinder verdorren in der Schonung und werfen ihr Nadelkleid ab, die Weihnachtsbaumversorgung ist gefährdet, Entspannung droht im Lichterkettenwettrüsten. Ventilatoren sind Mangelware, heißt es im Radio. Anscheinend setzt auch langsam die kollektive Hirnschmelze ein.

Nur die Biergärtner und Eisdieler sind zufrieden. Und die Winzer: 2018 verspricht ein ausgezeichneter Jahrgang zu werden. Wer braucht da Pommes und Weihnachtsbäume? „Denk doch mal an die Kinder“, höre ich sie rufen. Ja ja, schon gut, geht spielen.

Kommt im Juni nicht der Sommer, meckern alle über Kälte, Regen und trüben Himmel. „Wann wirds mal wieder richtig Sommer“, sang Rudi Carell einst. Kommt er dann im Juli endlich, also der Sommer, nicht Rudi, meckern sie auch wieder, jetzt über die unerträgliche Hitze. Ich meckere nicht, ich liebe den Sommer mit all seinen Begleiterscheinungen: Wochenlang Temperaturen über dreißig Grad, brennende Sonne, Biergarten, laue Abende auf dem Balkon, die Stadt voller Leben, auch nachts, kurzbehoste Menschen in den Straßen, warme Nächte, in denen man kaum richtig schlafen kann.

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Jeden Abend auf dem Balkon eine Flasche Rosé, mit dem Wein kommt die Lust auf Zigaretten, die Stimme der Vernunft, welche gemahnt, besser ins Bett zu gehen, wird ignoriert, es ist ja noch so schön gerade. Am nächsten Morgen mit Müdigkeit ins (wohlklimatisierte) Büro, und mit dem festen Vorsatz, heute früher ins Bett zu gehen, aber dann ist es wieder so schön, siehe oben.

sommer - 1 (4)

Szenenwechsel.

Mittagshitze liegt über dem Ort. Die alten Häuser aus beigem Stein scheinen unter verwitterten Dachziegeln zu schlafen, haben ihre Augen mit lavendelblauen oder lindgrünen Fensterläden geschlossen. Auf der Straße, in den Gassen fast keine Menschen, nur in dem kleinen Restaurant in der Mitte des Dorfs Geschäftigkeit, Mittagszeit, der junge Kellner trägt Speisen, Wasser, Weinflaschen und Kaffee an die Tische unter den Platanen, fast Festtagsstimmung an einem normalen Dienstagmittag in der Provence. Das gelbe Auto von La Poste fährt vorbei, ohne anzuhalten.

sommer - 1 (2)

Selbst ein Montag muss nicht beschwerlich sein, jedenfalls nicht, wenn man fernab des Büros in einem Liegestuhl sitzt, umgeben vom Sommer. Im Schatten der Dachterrasse, mit Blick auf die Berge, den blauen Himmel und die Dächer befinden wir uns mittendrin und doch fern von allem. Die Arbeit ist erfreulich weit weg, auch gedanklich.

sommer - 1

Leichter, lauer Wind umbläst den unbetuchten Körper, Vögel zwitschern, eine Taube ruft ihr „Bubuubu, bubuubu…“, in der Ferne fröhliches Kindergeschrei. Arbeitsgeräusche von den Handwerkern in der Nachbarschaft nehme ich erst wahr, als sie abbrechen. Mir wäre es jetzt zu warm zum arbeiten; gelähmt durch eine Art Umgebungslobotomie kann ich mir kaum vorstellen, diesen Liegestuhl überhaupt jemals wieder zu verlassen. Irgendwann werden mich Hunger, Durst oder die Blase daraus vertreiben, aber das hat noch Zeit.

In einem Spalt des alten Holzbalkens über mir schläft eine Fledermaus, sie hat sich verraten durch die Kotbröckchen auf dem Terrassenboden unter dem Spalt. Wie beneidenswert: den ganzen Tag schlafen und kacken. Das ist natürlich Unfug, ich weiß. Denn heute Nacht, wenn ich im Arm des Liebsten hoffentlich angenehmen Träumen entgegenschlummere, muss sie raus aus ihrem Spalt, Motten und Mücken jagen, damit sie auch morgen was zu kacken hat.

Damit ist das Leben umfassend beschrieben – schlafen, jagen und kacken. So gesehen ist der Unterschied zwischen Mensch und Fledermaus nur gering.

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(Teilweise bereits früher erschienen, aber das merkt bei der Hitze eh keiner.)