Wäre es nach meinem älteren Bruder gegangen, hieße ich Rainer. So hieß wohl einer seiner Freunde, und so sollte bitte auch der neue Bruder heißen. Meine Eltern hingegen fanden, nachdem es beim zweiten Mal wieder ein Junge und kein Mädchen geworden ist, Carsten schöner. Nach Einwendungen meines Bruders – ich hatte noch kein Mitspracherecht – einigte man sich schließlich auf Carsten Rainer, so steht es auch in meinem Personalausweis und in einigen amtlichen Dokumenten. Niemand nennt mich so, einfach nur Carsten, wofür ich dankbar bin. Wobei ich überhaupt nichts gegen Rainer habe, ein früherer guter Schulfreund von mir, den ich nach dem Abitur leider aus den Augen verloren habe, hieß so; ein ebenfalls mittlerweile aus meinen Kontakten verschwundener früherer Kollege Reiner. (Sollte einer von beiden das hier wider Erwarten lesen, meldet euch gerne mal.)
So wie es bei Rainer/Reiner zwei Schreibweisen gibt, gibt es sie auch bei Carsten und Karsten. Ich persönlich finde die mit C etwas klangvoller, das ist Geschmacksache. Das erste Mal bewusst wurde mir das im Kindergarten, wo wir aus einer Knetmasse, die später im Backofen gehärtet wurde, Halsumhängedinger mit dem Anfangsbuchstaben bastelten. Als mich die Kindergärtnerin (so wurden Erzieherinnen früher genannt) fragte, ob ich mit C oder K geschrieben werde, war ich ahnungslos, Buchstaben kannte ich noch nicht. Zur Verdeutlichung malte sie mit dem Finger ein C und ein K in die Luft; da mir der Kringel sympathischer war als die eckigen Zuckungen, entschied ich mich für das C. Treffer. Die Frage, ob C oder K, kam später und kommt auch heute noch immer wieder auf. Etwa von den Kollegen meiner früheren Dienststelle. „Du schreibst dich mit C? Dann heißt du ja Zarsten.“ Witz komm raus. Von da an hatte ich den ersten Spitznamen weg, jedenfalls den ersten, von dem ich weiß. Sie liebten es, mich Zaaasten mit besonders langem a zu rufen. Von mir aus.
Noch heute habe ich regelmäßig Teams-Besprechungen, an denen neben mir Kollege Karsten teilnimmt. Immer wieder kommt es dabei mangels Spitznamen zu Unklarheiten, wenn der Name fällt („Welcher jetzt?“). Auf die alberne Idee mit Zarsten ist zum Glück noch keiner gekommen. Ein kleiner Nachteil, wenn sich überall nur noch geduzt wird. Mein Vorschlag, man möge doch Carsten K. und Karsten F. sagen, hat sich bislang nicht durchgesetzt. Eine Kollegin versuchte es mal mit „C-Carsten“ und „K-Karsten“, was jedoch von zweiterem wegen eines gewissen fäkalen Beiklangs abgelehnt wurde.
Eine zeitlang fand ich es übrigens schick, mit „Carsten R. Kubicki“ zu unterschreiben, bis ich selbst merkte, wie albern das ist.
Laut Wikipedia stammt der Name von Christian ab, was wiederum auf Jesus Christus zurückzuführen ist. Um Himmels Willen, auch das noch. Ansonsten haftet ihm wenig Prominenz an, mit den Herren Maschmeyer und Linnemann möchte ich ungern in Verbindung gebracht werden. Dasselbe gilt für Wolfgang Kubicki beim Nachnamen. Erst gestern wurde ich wieder nach etwaiger Verwandtschaft mit ihm gefragt, was ich heftig verneinte. Gäbe es eine, würde ich sie verleugnen.
Carsten ist ein typischer Name meiner Generation X, wie Stefan, Christian, Thomas, Ralf, Thorsten, Markus, Frank, Dirk und Rainer. Wie bereits ganz oben ausgeführt, es hätte schlimmer kommen können: Ein Freund meines Bruders hieß Traugott, in meiner Jahrgangsstufe gab es einen Siegmund und einen Horst. Alles nette Menschen, wegen der Namenswahl ihrer Eltern bedauerte ich sie ein wenig.
Hätte ich selbst einen Sohn, hätte ich ihn wohl Tobias, Florian oder Daniel genannt, auch auf die Gefahr hin, dass andere daraus Tobi, Flo bzw. Dani machen. Für Carsten gibt es hingegen keine gängige Abkürzung, jedenfalls keine mir bekannte. Ein früherer Mitsänger im Chor hatte Freude daran, mich Casi zu nennen, zum Glück eine Ausnahme, auch wenn der stets Kasi genannte Kasimir aus der Puppenserie „Hallo Spencer“ ein lieber Kerl war, vielleicht erinnern Sie sich.
Fazit: Mit meinem Vornamen bin ich im großen und ganzen zufrieden. Rainer wäre indes auch in Ordnung gewesen. Vielleicht hieße ich Kerstin, wenn ich ein Mädchen geworden wäre. Oder Reinhild, hätte sich dann mein Bruder durchgesetzt. Oder Kerstin-Reinhild, warum nicht.
Montag: Kürzlich äußerte ich mich über die wachsende Zahl an Baustellen in Bonn. Eine weitere macht derzeit eine schmale Durchgangsstraße in der Inneren Nordstadt, nicht weit von unserer Wohnung entfernt, vorübergehend zur Sackgasse, wie ich abends beim Gang zum Rewe sah. An der Einmündung ist sie ordnungsgemäß per Verkehrszeichen als solche gekennzeichnet, was zahlreiche Autofahrer nicht davon abhält, trotzdem reinzufahren, vielleicht ist es ja ein Scherz, vielleicht kommt man trotzdem durch, schließlich fährt man hier täglich durch, das wäre ja gelacht. Nicht gelacht, nur ein wenig gegrinst habe ich, als sie langsam rückwärts wieder rausrollten.
Ansonsten bleibt es spannend, nicht nur angesichts der Weltlage und der jüngsten Ereignisse im Nahen Osten. Gelesen in einem ansonsten lesenswerten Blogartikel über das Schwinden der Langeweile: „Psychologisch betrachtet, ist Langeweile ein extrem spannender Zustand.“ So weit ist es gekommen, nun ist sogar Langeweile spannend.
Apropos Weltlage, ein Gruß aus der Symbolbilder-Hölle:
(General-Anzeiger Bonn online)
Beim Blick aus dem Bürofenster über die sonnenbeschienene Stadt kam mir der alte Hit „Sun Of Jamaica“ in den Sinn und er blieb als Ohrwurm für längere Zeit. Sollte es Ihnen beim Lesen dieser Zeilen nun ähnlich ergehen, bitte ich um Entschuldigung.
Im Übrigen war der Beginn dieser aufgrund Leifsteil-Teilzeit kleinen Woche insgesamt angenehm, auch wenn der Arbeitstag erst nach siebzehn Uhr und damit für mein persönliches Empfinden viel zu spät endete. Das Gleitzeitkonto freut sich. Obschon ich dadurch später als gewöhnlich zu Hause war, suchte ich nicht sogleich das Sofa, sondern zuvor das Sportstudio auf. Ab und zu staune ich über mich selbst.
Dienstag: In größerer Runde stellten sich drei neue Kollegen vor, dabei nannten sie jeweils als erstes bereitwillig und ungefragt Familienstand und Anzahl der Kinder. Wie immer fragte ich mich: Warum tun die das?
„Alles gut“ hörte ich im Laufe des Tages in auffälliger Häufung von unterschiedlichen Personen, diese auch in Frageform erhältliche Floskel, gleichsam die moderne Variante von „Wie geht’s?“, von mir zumeist und situationsunabhängig mit „Hervorragend“ oder „Ausgezeichnet“ beantwortet, was regelmäßig zu Verwunderung oder Erheiterung führt. Nun ist nicht alles schlecht, aus meiner persönlichen Perspektive jedenfalls überwiegt das Gute bei weitem, dennoch erscheint mir „Alles gut“ mindestens so übertrieben wie „Ausgezeichnet“ und „Hervorragend“ am Montagmorgen.
Ohne Zweifel gut war der Fußweg in die Wertschöpfung und zurück, morgens noch etwas handkühl, nachmittags durch frühlingshafte Milde, die ich wegen eines anschließenden Termins nicht für ein Feierabendgetränk nutzte.
Mittwoch: Nach dem Mittagessen war ich zur Untätigkeit gezwungen, was für einen insichbeurlaubten Beamten besonders bitter ist. Das kam so: Vor ein paar Tagen wurde ein Windows-Update angekündigt, dessen Installation eine halbe bis eineinhalb Stunden dauern würde, währenddessen wäre der Rechner nicht nutzbar. Nachdem heute angezeigt wurde, dass das Update zur Installation bereitsteht, wählte ich die Mittagspause dafür, zumal ich vor dem Essen mit der Kollegin auf einen Spaziergang im Park verabredet war (selbstverständlich buchte ich mich dafür aus dem Zeiterfassungssystem aus), der Rechner sollte also genug Zeit für die Installation haben. Indes: Als ich nach knapp einer Stunde ins Büro zurückkehrte, zeigte der ansonsten schwarze Bildschirm nur den HP-Sicherheitswolf an, eine Aktivität war nicht erkennbar. Na gut, die maximal eineinhalb Stunden waren noch nicht rum. Als sich eine Stunde später immer noch nichts tat, rief ich den Helpdesk an, wo man mein Anliegen freundlich zur Kenntnis nahm und ein Ticket anlegte. Danach passierte weiterhin nichts. Dank dienstlichem iPhone konnte ich immerhin den Maileingang sichten und über Teams ein Gespräch führen, somit war ich nicht ganz untätig, vielmehr wie stets bemüht. Nach einer weiteren Stunde Schwarzsehens erlaubte ich mir entgegen der Anweisung, den Rechner aus- und wieder einzuschalten. Kurz darauf erschien wieder der Sicherheitswolf, darunter drehte sich nun das Rödelrädchen, das war vorher nicht da und ließ hoffen. Siehe da, nach weiteren zehn Minuten des Rödelns und Hoffens tat sich endlich was, schließlich erschien der Startbildschirm und ich konnte mich wieder anmelden. Da es inzwischen fast halb vier war, verzichtete ich auf die übliche Sichtung des Pressespiegels, arbeitete noch ein paar Sachen ab und verschob den Rest der offenen Aufgaben auf Freitag – morgen habe ich frei – und Montag. An mir hat es nicht gelegen.
Sicherheitswolf im Schneegestöber
Donnerstag: Am freien Tag frönte ich der Wanderlust. Nach dem Frühstück im Bäckereicafé am Hauptbahnhof fuhr ich mit der Bahn bis Bonn-Duisdorf. Ab da ging es durch das Vorgebirge* über die Orte Gielsdorf, Alfter, Brenig, Dersdorf, Waldorf bis Kardorf (nicht zu verwechseln mit Karstadt, hi hi), dort bog ich rechts ab, runter in die Rheinebene, durch das Eichenkamp-Wäldchen bis nach Uedorf, von dort mit der Stadtbahn zurück nach Bonn.
*Das klingt spektakulärer als es ist. So heißt die mäßig hohe Erhebung westlich des Rheins zwischen Bonn und Köln. Mehr dazu bei Bedarf hier.
Die erste Hälfte führt überwiegend durch rheinische Dörfer, es gibt es auch Abschnitte durch Wald und Feld. Das Wetter war bestens, schon nach einer halben Stunde wurde es so warm, dass die Daunenjacke im Rucksack verstaut wurde. Die Landschaft auf der zweiten Hälfte zwischen Vorgebirge und Rhein ist zunächst eintönig: Nachdem man ein tristes Gewerbegebiet mit viel Schotterfläche unterhalb von Kardorf hinter sich gelassen und die Vorgebirgsbahn (Stadtbahnlinie 18) überquert hat, flaniert man auf asphaltierten Wegen durch weite, ebene Felder ohne Baum und Strauch, dafür mit Hochspannungsmasten, ehe es ab der Rheinmittelterrassenkante (ein schönes Wort mit hohem Scrabblepunktepotential) wieder abwechslungsreicher wird. Zur Querung der Bahnstrecke Köln – Bonn muss man eine Anrufschranke passieren. Die ist grundsätzlich geschlossen, nur auf Anforderung per Knopfdruck an einer Gegensprechanlage wird sie geöffnet, falls nicht gerade ein Zug kommt. Wenn doch, sagt die freundliche Dame „Moment, eine Zugfahrt“, so wie bei mir heute, und öffnet anschließend. Ob am anderen Ende eine echte Eisenbahnerin sprach oder ein Bot (bzw. eine – wie heißt das – Botin?), war nicht klar zu erkennen. Egal, Hauptsache, man kommt über die Gleise und nicht unter die Räder.
Kurz vor dem Eichenkamp wich ich von der vorgegeben Route ab, weil die Karte eine schönere Strecke entlang des Bornheimer Baches in Aussicht stellte. Dazu überquerte ich die stark befahrene Landstraße 192 an einer nicht für Überquerungen vorgesehenen Stelle, es ging gut und hat sich gelohnt. Am Bach sah ich erstmals einen Eisvogel, jedenfalls glaube ich, dass es einer war, so ein blauglänzender. Im übrigen sah ich heute den ersten Schmetterling des Jahres, ob Tagpfauenauge oder Kleiner Fuchs war im Flattern nicht klar zu erkennen, und die erste Hummel.
Den Eichenkamp-Wald müssen erst kürzlich schwere Maschinen der Forstwirtschaft heimgesucht haben, einige Wege waren aufgewühlt, zum Glück wegen der Trockenheit der vergangenen Tage nicht mehr matschig. Ansonsten ist das Wäldchen erfüllt vom Dauerrauschen der Autobahn 555 in unmittelbarer Nähe.
Fazit: Eine schöne Wanderung, auch wenn die Freunde lauschiger Pfade durch wilde Wälder und Landschaften vielleicht etwas zu kurz kommen. Warum Komoot sie als „schwer“ klassifiziert, ist nicht nachvollziehbar. Mit gut zweiundzwanzig Kilometern ist sie nicht besonders lang, nennenswerte Steigungen und Wege mit Rutsch- und Stolpergefahr weist sie auch nicht auf, in fünf Stunden einschließlich Mittagsrast ist sie gut zu schaffen.
Blick von Gielsdorf auf die RheinebeneZwischen Gielsdorf und AlfterAlfterEbenfallsBrenigLinks die RheinmittelterrassenkanteAnrufschrankeUnendliche Weiten und HochspannungBornheimer BachIm EichenkampEbendorten
Freitag: Es ist immer wieder erstaunlich, wie viele Mails sich während eines freien Tages ansammeln können. Dadurch war ich heute gut beschäftigt mit Dingen, deren Inhalt und Notwendigkeit Außenstehenden, zum Beispiel Ihnen, nur schwer zu erklären wären, was nicht, dessen können Sie versichert sein, an Ihrer Intelligenz liegt. Das wichtigste: Es hängen keine Menschenleben davon ab.
Der Vormittag war wieder eine lückenlose Aneinanderreihung von Besprechungen. Es wird einfach zu viel gequatscht, diese Erkenntnis ist nicht neu und nicht als Klage zu verstehen; wie bereits mehrfach ausgeführt, werde ich dafür gut bezahlt. Auf zwischendurch per Teams-Chat eingehende Anfragen, ob ich kurz Zeit hätte, reagierte ich mit einem vor mich hin gemurmelten „Nein“, mein Redebedarf für den Tag war gedeckt, jedenfalls in Büroangelegenheiten. Zum Schluss war nicht alles abgearbeitet, auf dass kommende Woche auch noch was zu tun ist.
Samstag: Schon um sieben stand ich auf, da eine Reise nach Bielefeld anstand zum Besuch der Mutter. Auch wenn vorzeitiges Aufstehen wider meine Natur ist, gerade am Wochenende, so mag ich doch die ruhige Stimmung am Samstagmorgen in der Stadt, wenn noch wenige auf den Straßen sind. Nach pünktlicher Abfahrt in Bonn schaffte es die Bahn auch heute wieder, bis Bielefeld eine halbstündige Verspätung aufzubauen; vor nahezu jedem Halt blieben wir stehen und es kam die Ansage, unser Gleis sei noch belegt. Die Weiterfahrt verzögerte sich des öfteren, weil vor uns die Strecke noch nicht frei war. Als ob die ganze Zeit ein lästiger Bahntroll mit einer Handhebeldraisine vor uns her bummelte. Insgesamt dauerte es von Tür zu Tür fast fünfeinhalb Stunden, mit dem Auto hätte es, freie Autobahn vorausgesetzt, weniger als die Hälfte gedauert. Doch meine tiefe Abneigung gegen das Autofahren war stärker. (Diese Zeilen wurden während der Rückfahrt notiert, was als Wagenlenker nur schwierig zu bewerkstelligen wäre, wobei ich nicht ausschließe, dass viele Autofahrer diesbezüglich nur geringe Hemmungen haben, wenn man sieht, wie viele während der Fahrt auf ihr Datengerät schauen.)
Hier standen wir etwas länger wegen Überholung durch einen ICE
Die Rückfahrt verlief dagegen absolut pünktlich, es geht also doch manchmal. In Dortmund stieg jemand zu und setzte sich neben mich. Als er sein Notizbuch hervorholte und längere Zeit etwas hineinschrieb, anstatt aufs Datengerät zu schauen oder gar zu telefonieren, wurde er mir sogleich sympathisch. Aus Sympathiegründen holte ich ebenfalls mein Notizbuch aus der Tasche und notierte diese Beobachtung darin.
Sichtung während der Fahrt: Die Forsythien beginnen zu blühen. Jedes Jahr freue ich mich darüber, als ob etwas in mir fürchtete, sie könnten irgendwann die Blüte dauerhaft einstellen.
Sonntag: Die warme Frühlingssonne lockte zahlreiche Menschen zu Fuß und Rad nach draußen, auf den dicht bevölkerten Rheinuferwegen sah man viele Sonnenbrillen und über dem Arm getragene Jacken – ich hatte gar nicht erst eine angezogen -, vermehrt auch kurze Hosen. Auch ich unternahm den tagesüblichen, wetterunabhängigen Spaziergang, heute auf die andere Rheinseite, wo in den Auen vor Schwarzrheindorf die Mirabellen in voller Blüte stehen. Besonders erfreulich: Der Lieblingsbiergarten hat schon geöffnet. Daran konnte ich nicht vorbeigehen. Nach Rückkehr schien die Sonne auf unseren Balkon, so dass ich die Sonntagszeitung erstmals in diesem Jahr draußen lesen konnte. Bis sie hinter den Häusern verschwand und es sogleich kühler wurde.
MirabellenblüteUtepils
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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche.
Montag: Die Nacht endete um drei Uhr aus einem unspektakulären Traum heraus. Einfach so war ich plötzlich wach und schlief danach vorerst nicht wieder ein, laut an die Schlafzimmerdecke projizierte Uhrzeit (sehr praktisch dieses Gerät, auch wenn die Schrift aus unerfindlichen Gründen manchmal auf dem Kopf steht) immerhin zwei Stunden lang nicht. Weder Schmerz noch Kummer hinderten mich – zum Glück – am Wiedereinschlafen, allenfalls mäßiges Schnarchen von der Nebenmatratze. Das kommt vor, selten und unregelmäßig, irgendwas wird sich der Körper dabei denken. Wenn er es damit nicht übertreibt, von mir aus. Manchmal kommt mir in solch frühwachen Stunden eine Schreibidee, mit etwas Glück erinnere ich mich später noch daran und notiere sie. Dieses Mal küsste die Muse nicht, vermutlich schlief sie tief und fest, es sei ihr gegönnt.
Spontaner Gedanke später im Büro: „Ausbau“ ist ein interessantes (für Untervierzigjährige: spannendes) Wort. Zum einen bedeutet (für Untervierzigjährige: meint) es die Erweiterung von etwas, zum anderen genau das Gegenteil, dessen Beseitigung. Vermutlich kommt es dennoch selten zu Verwechslungen, etwa bei Dachböden oder Motoren. Was ich nun mit dieser Erkenntnis anfangen soll, weiß ich auch nicht.
Anderer Gedanke: Warum verwenden manche drei Silben auf „ongoing“, wenn sie auch einsilbig „läuft“ sagen könnten?
In einem Text gelesen und für unschön, außerdem falsch befunden: „Ein:e anonym:e Leser:in“
Lichtblick: Kurz vor Arbeitsende ging ein Regenschauer nieder, der bei gleichzeitig scheinender Sonne einen Regenbogen gebar.
Regenbogen, Teilansicht
Dienstag: Auf den Fußweg ins Werk durch weiterhin milde Luft und leichten Regen folgte ein Arbeitstag voller Besprechungen mit nur kurzen Unterbrechungen zur Erledigung von Anstehendem, an manchen Tagen ist das so. Die letzte Besprechung endete zum Glück eine halbe Stunde früher als geplant. Das kam mir sehr gelegen, weil ich nach der Arbeit einen früheren, schon länger pensionierten Kollegen im Krankenhaus zu besuchen beabsichtigte. Das wollte ich schon vergangene Woche tun, doch hatte mich, wie berichtet, erkältungsbedingte Bettlägerigkeit daran gehindert.
Weg ins Werk mit viel Wasser
Die Busfahrt zur Klinik auf dem Hardtberg war lang und interessant, sie führte durch Stadtteile, in denen ich noch niemals war, unter anderem Medinghoven, eine größere Ansammlung von Hochhäusern, die vor einigen Jahren zweifelhafte Bekanntheit erlangte, nachdem in der Silvesternacht eine größere Gruppe Irrer mit Böllern und Raketen auf Polizei und Rettungskräfte losgegangen war. Heute war alles friedlich. Die Fahrt erinnerte mich wieder an mein Vorhaben, nach und nach alle Bonner Buslinien zu bereisen, das ich in letzter Zeit etwas vernachlässigt habe. Immerhin kann ich jetzt die halbe 606 abhaken.
Den Kollegen, der nach einem schweren Autounfall wieder zusammengenäht wurde, traf ich unerwartet fidel an. Die Bilder, die er mir kürzlich zugesandt hat, hinterließen eher den Eindruck, am Unfall wäre ein Panzer beteiligt gewesen oder eines der beteiligten Fahrzeuge hätte eine größere Menge Sprengstoff geladen gehabt. Umso mehr freut es mich, dass es ihm wieder einigermaßen gut geht. Lieber R., falls du hier mitliest, weiterhin alles Gute!
Mittwoch: Der Tag erfreute mit Sonnenschein und frühlingshafter Temperatur, erstmals in diesem Jahr waren beim Radfahren keine Handschuhe erforderlich. Jedenfalls für mich, andere fahren schon bei deutlich niedrigerer Gradzahl in kurzen Hosen, auch so ein Trend, der nach meiner Beobachtung zunimmt und für den ich keine Erklärung habe. Auf dem Heimweg schob mich freundlicher Südwind an. Auch die Laune der Menschen schien deutlich aufgehellt.
In der Zeitung las ich morgens über das neue Buch von Martin Suter, in dem er sich Managern, Businesskaspern, deren Gehabe und Jargon widmet, genau mein Plaisir. Ich habe es sogleich in der Buchhandlung des Vertrauens bestellt und kann es schon morgen abholen.
Merke: Sätze wie „Service wird bei uns groß geschrieben“ bedeuten in achtzig von hundert Fällen nur die grundsätzliche Bereitschaft, die Regeln der deutschen Rechtschreibung anzuerkennen.
Donnerstag: Morgens hörte ich erstmals das Wort Friedfische als Gegenstück zu den karnivoren Raubfischen. Das finde ich bedenklich, hier wird in meines Erachtens unzulässiger Weise ein Bild von gut und böse gemalt, am Ende steht man als Schnitzel- und Currywurstesser am Pranger.
Auch dieser Arbeitstag war wieder überreich an Besprechungen, darunter ein zweimal zwei Stunden langer virtuellen Workshop, dessen Arbeitsergebnis in einem zweifelhaften Verhältnis zur Dauer steht. In der zweiten Hälfte, nach dem Mittagessen, legte sich schwere Müdigkeit über mich und ich war froh über die ausgeschalteten Kameras, so dass ich kurz unbeobachtet die Augen schließen konnte, selbstverständlich ohne dass meine Aufmerksamkeit litt, soweit ich mich erinnere.
Mitgeschrieben habe ich: Der Scope wurde geshiftet, man muss etwas challengen, das Ende der Fahnenstange ist noch nicht erreicht und irgendwas wurde spannend gefunden; zum Schluss zeigte sich der Initiator zufrieden mit dem Outcome. Das ist ja die Hauptsache, und auch hier gilt wie so oft: Ich werde sehr gut dafür bezahlt.
Auch heute war es frühlingshaft und sonnig, sowohl morgens als auch nachmittags begegneten mir am Rheinufer zahlreiche Kurzbehoste, während andere wie ich sich in Daunenjacke wohler fühlten. Auch die Außengastronomie war schon wieder gut besucht; mir blieb indessen keine Zeit für eine Einkehr, da ich für das Abendessen einzukaufen beauftragt war und zum Sport wollte. Außerdem holte ich das Suter-Buch ab, das für seinen Umfang von etwas über zweihundert Seiten einen mit sechsundzwanzig Euro stolzen Preis aufweist. Hoffentlich überzeugt der Inhalt, ich werde berichten. Zurzeit lese ich noch „Zu viel und nie genug – Wie meine Familie den gefährlichsten Mann der Welt erschuf“ von Mary L. Trump, das ich bereits vor mehreren Jahren einem öffentlichen Bücherschrank entnahm und erst jetzt zu lesen begonnen habe. Es bietet hochinteressante Innenansichten aus der Familie des amerikanischen Präsidenten. Ohne ihn verteidigen zu wollen: Leicht gehabt hat er es auch nicht.
Morgens..
Freitag: Vergangene Nacht starb ich mal wieder, das war interessant. Ich war nicht so richtig tot, vielmehr nahm ich mein Umfeld noch wahr und konnte mit ihm interagieren. Sogar ins Büro ging ich noch, man hat ja sonst nichts besseres zu tun als Leiche. Dennoch war allen, mich selbst eingeschlossen, klar, ich befand mich nun auf der anderen Seite. Bis mich der Radiowecker auf diese Seite zurück holte.
Einigermaßen lebendig ging ich anschließend im Büro den Geschäften nach, während draußen die Sonne schien und es vormittags in der fernen Müllverbrennungsanlage brannte, auch außerhalb der dafür vorgesehenen Öfen.
..
Nachmittags wurde mir per Anruf aus Bielefeld verdeutlicht, dass ich ein schlechter Sohn bin, der sich nicht genug um seine zurzeit unpässliche Mutter kümmert. Ich weiß das, spätestens seit ich in Bonn lebe, ist es so. Besser kann ich es nicht. (Dazu könnte und würde ich gerne noch viel mehr schreiben, doch das gehört hier nicht hin.)
Abends trafen wir uns im Wirtshaus mit mehreren ehemaligen Nachbarn, die in den letzten zwanzig Jahren in unserem Haus wohnten, dann aus Kinder- und anderen Gründen weggezogen sind. Zumeist Leute in unserem Alter. Auch die Gesprächsthemen waren altersgerecht, unter anderem Krankheiten, Beziehungstektoniken, Rente und Sterbehilfe. Danach war ich vom lauten Durcheinanderreden übermenscht und froh, wieder zu Hause zu sein.
Samstag: „Wer den Eindruck hat, schon alles erledigt zu haben, aber noch eine Aufgabe sucht, kann ein vierbändiges Werk über die Fahrwasserbetonnung von begehbaren Kleiderschränken verfassen.“ So die Tagesnotiz von Gunkl.
Aus der Zeitung:
(General-Anzeiger Bonn online)
Sonntag: Und schon ist wieder März, meteorologischer Frühlingsanfang. Irgendwer sollte es den Bäumen sagen, auf dass sie sich wieder in Blätter kleiden. Dessen ungeachtet zog ich nachmittags aus, um beim Spaziergang das erste Außenbier (oder Utepils, wie es in Norwegen heißt) der Saison zu trinken. Das erwies sich zunächst als gar nicht so einfach, obwohl fast alle Gaststätten wieder Tische und Stühle rausgestellt haben, sofern sie das nicht ohnehin ganzjährig haben. Beim ersten Lokal in der Südstadt kam keine Bedienung, stattdessen musste ich mir das kaum erträgliche Gelaber vom Nebentisch anhören, wo eine junge Frau ihre Freundin zumonologisierte und dabei nicht mit eingestreuten englischen Wörtern sparte. Auf dem sonnenbeschienenen Münsterplatz waren alle Außenplätze belegt, das bayrische Wirtshaus eine Straße weiter lag im Schatten und niemand saß draußen, auch hier ließ sich keine Bedienung blicken. Erst vor dem Café auf dem Marktplatz erhielt ich das Begehrte, leider hatte sich die Sonne inzwischen hinter die Häuser verzogen und kühler Wind kam auf. Ich ließ mir nichts anmerken, zog den Reißverschluss der Jacke höher und genoss es, die vorübergehenden Passanten in unterschiedlichen Bekleidungszuständen zu betrachten.
Weststadt unter blauem HimmelDas erste Utepils des Jahres
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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche und in den den Frühling.
Montag: Anlässlich des Rosenmontags wurde der freie Tag dieser kleinen Woche auf heute vorverlegt. Die aktive Karnevalssaison endete für mich mit der Teilnahme unseres Musik-Corps am Zug in Wachtberg-Niederbachem. Der erwartete Regen begann pünktlich mit Start des Umzugs, er fiel zum Glück nur kurzzeitig, anschließend ließ sich sogar die Sonne blicken. Dank Regenschutzhülle konnte er die Stimmung nicht wesentlich senken. Störender war unsere Platzierung direkt hinter einem Wagen, der die Umgebung aus großen Lautsprecherboxen mit Karnevalsmusik der nach meinem persönlichen, unmaßgeblichen Empfinden eher üblen Sorte beschallte. Das erschwerte uns das Spielen, auch dürfte für die Zuschauer am Straßenrand die Mischung aus Wackelkontakt und Ruetz-Marsch wenig erbaulich gewesen sein. Nach gut zwei Stunden war auch das überstanden. Das war es dann, in neun Monaten geht es wieder los. Ob schon oder erst, mag jeder für sich bewerten.
Der verpackte Chronist (Mitte) in voller Konzentration (Foto: Sandra Schmitz)
Abends vor dem Schlafen beendete ich die Lektüre von „Man kann auch in die Höhe fallen“ von Joachim Meyerhoff. Schade, ich hätte es gerne noch mehrere hundert Seiten weiter gelesen. Ein wunderbares Buch, auch wenn die teflonbeschichtete Robustheit der Mutter auf Dauer etwas anstrengend wird.
Bei Blogissimo las ich zum Thema Duzen und Siezen: „Blogger duzen sich natürlich auch untereinander.“ Nein, natürlich nicht. Ich werde Sie hier selbstverständlich weiterhin siezen, ungeachtet dessen, ob Sie bloggen oder nicht.
Dienstag: Morgens kurvten Kehrmaschinen lärmend durch die Fußgängerzone und fegten den Rosenmontag auf. Wie stets fragte ich mich, warum die Dinger so laut sein müssen.
Über dem ersten Arbeitstag der Woche lag Montagsmüdigkeit, was weniger auf ethanolische Nachwirkungen der Karnevalstage zurückzuführen war, vielmehr trübte eine aufkommende Erkältung das Wohlempfinden und den Arbeitseifer. Dennoch wies die Aufgabenliste zum Arbeitsende erstaunlich viele Erledigungshaken auf, wobei ich eine Aufgabe nach einer anstrengenden, das Thema betreffende Besprechung, in der alle durcheinander redeten und vieles mehrfach gesagt wurde, abhakte, indem ich mich für nicht mehr zuständig erklärte. Fühlt sich gut an, sollte ich öfter tun.
Weg ins WerkHeimweg
Abends, zum Zeitpunkt der Niederschrift dieser Tagesnotiz, fühle ich mich bematscht im Kopf und erwäge, mich morgen krank zu melden.
Mittwoch: Etwa ein Drittel der Frühnachrichten im Radio bestand aus Sport, erst Olympia, dann Fußball. Das zeigt mir ein weiteres Mal, wie sehr sich meine Welt von der der Mehrheit der Menschen unterscheidet, die das offenbar interessant und wichtig findet. Witzig fand ich die Meldung zum Aschermittwoch, an dem sich die Katholen ein Aschekreuz auf die Stirn malen lassen: Einige Kirchen boten es auch als Aschekreuz to go an, ohne vorher einen Gottesdienst über sich ergehen lassen zu müssen.
Trotz Erkältung schlief ich ganz gut. Einen Anteil daran hatte vielleicht der Schnaps, den mir der Geliebte vor dem Schlafengehen gereicht hatte („Trink den, Wick Medinait ist auch mit Alkohol, das ist nichts anderes.“) Beim Aufwachen war die Nase zu, auf den Ohren lag ein Sausen, daher beschloss ich, heute im Bett zu bleiben. Nachdem die Lieben aus dem Haus waren, schlief ich wieder ein und wachte erst gegen Mittag wieder auf.
Draußen schien freundlich die Sonne und ich beschloss, das Bett zu verlassen und nach Körperpflege und immerhin mit Appetit verzehrtem Mittagsfrühstück die weitere Genesung auf das Sofa zu verlagern, wo ich Musik hörte und diese Zeilen notierte. Mit zunehmender Müdigkeit zog ich mich wieder zurück ins Bett, wo ich den Nachmittag in angenehmer Weise verschlief.
Donnerstag: Da ich mich morgens nicht wesentlich besser fühlte, beschloss ich, auch heute der Werktätigkeit zu entsagen, dem Bundeskanzler zum Unwohlgefallen. Außerdem regnete es, für sich genommen selbstverständlich kein hinreichender Grund, der Arbeit fern zu bleiben.
Die meiste Zeit verbrachte ich schlafend im Bett, unterbrochen vom Mittagsfrühstück, außerdem bereinigte ich in wacher Stunde mein Kontaktverzeichnis. Auf die Löschung mancher Kontakte, deren dahinter stehenden Personen längst nicht mehr im Lichte wandeln, verzichtete ich; so richtig ist ein Mensch erst dann gestorben, wenn sein Kontakt aus allen Adressbüchern gelöscht wurde.
Mit Rückkehr des Geliebten am späten Nachmittag kehrte eine gewisse Geschäftigkeit ein und ich verlagerte, genug geschlafen habend, mein Dasein wieder vom Bett aufs Sofa. So kam ich doch noch zu einem freien Donnerstag, wenn auch ohne Auswärtsfrühstück, Wandern, Currywurst und Bier.
Morgen versuche ich es wieder mit Büro, so der Plan. Heimbüro scheidet aus, weil sich der Rechner am Arbeitsplatz befindet, zudem empfinde ich ohnehin eine tiefe Abneigung dagegen.
Freitag: Nach gut durchschlafener Nacht ohne läufige Nase fühlte ich mich morgens soweit genesen, dass ich einen Arbeitsversuch wagen konnte. Im Gegensatz zur Nase lief der Arbeitstag gut, die Müdigkeit war geringer als an einem durchschnittlichen Montag; kein Wunder bei der Schlafmenge der letzten Tage.
Im Laufe des Berufslebens lernt man viele spezifische Fachbegriffe, die es nur in der jeweiligen Firma gibt und die bei Außenstehenden auf Unverständnis stoßen oder gar Belustigung hervorrufen. Es ist wohl nicht übertrieben, wenn ich das heute gehörte Produktionsprodukt dazu zähle.
Aus einer internen Mitteilung über offene Stellen im Unternehmen: „Jetzt reinschauen – vielleicht wartet eine nächste spannende Herausforderung auf Dich!“ Danke, ich möchte für den Rest meiner Jahre einfach nur in Ruhe meine Arbeit machen. Und vor allem nicht von euch geduzt werden.
Was schön war: Der außerplanmäßige Fußmarsch zurück bei aufmildender Temperatur, nachdem ich morgens zur Schonung des genesen(d)en Körpers mit der Bahn statt dem Fahrrad ans Werk gefahren war.
Dialog des Abends: „Würdest du dir selbst trauen?“ – „Natürlich.“ – „Ich meine, wenn du ich wärst.“ – „Hm, da wäre ich vorsichtig.“ Wir mögen uns trotzdem immer noch sehr, meistens jedenfalls.
Samstag: Mittags war ich mit einer Gruppe verabredet, um gemeinsam das Haus der Geschichte zu besuchen, das seit geraumer Zeit nach Renovierung und mit aktualisierter Präsentation der Sammlung wieder geöffnet hat. Ohne dieses Gruppentreffen wäre ich wohl nicht so bald dorthin gekommen, als Bonner wohnt man einfach zu nah dran, Sie kennen das vielleicht, wenn Sie selbst in der Nähe einer Sehenswürdigkeit wohnen.
Vorher frühstückte ich im Bäckereigeschäft am Hauptbahnhof. Dort arbeitet ein stets auffallend freundlicher, gut gelaunter Verkäufer. Die Warteschlange kann noch so lang, die Kunden können noch so knurrig sein, er hat stets für jeden ein freundliches Wort; Stress scheint ihm fremd zu sein, er vermittelt den Eindruck, echte Freude an seiner Arbeit zu haben. Das erinnert mich an meinen früheren Kollegen Günther W., der am Schalter des Postamts in Bielefeld-Stieghorst arbeitete. Während Schalterbeamte der Post nicht gerade als die Verkörperung von Freundlichkeit galten, schon gar nicht die im Hauptpostamt am Bahnhof, zu deren Repertoire es gehörte, Postbenutzer (das Wort Kunden schien ihnen suspekt zu sein) zum Nebenschalter zu schicken, ohne einmal aus ihrer Zeitung aufzuschauen, war W. im ganzen Stadtteil wegen seiner fröhlichen Art bekannt und beliebt. Eine zeitlang saßen wir Schalter an Schalter, nach einem Tag kannte ich seine Sprüche. Jedenfalls verlor die Post mit seiner Pensionierung einen echten Sympathieträger, der einiges zur Verbesserung ihres Ansehen beigetragen hatte. An ihn musste ich heute beim Frühstück denken. Liebe Firma Merzenich, ich empfehle Ihnen, dem Mitarbeiter eine Prämie zu zahlen.
Ihnen empfehle ich die Ausstellung im Haus der Geschichte, sie ist unbedingt sehenswert. Sie bildet die deutsche Geschichte ab von der Kapitulation 1945 bis heute mit zeitgenössischen Dokumenten, unter anderem dem Schmierzettel von Günter Schabowski, als er 1989 versehentlich die sofortige Grenzöffnung der DDR auslöste, Filmen, Gegenständen und vielem mehr. Apropos Schabowski: Auch nach nunmehr sechsunddreißig Jahren erzeugen mir die Bilder der jubelnden Menschen, die ihr Glück kaum fassen können, als sie erstmals die Berliner Mauer passieren dürfen, feuchte Augen. Leider währte diese Freude für viele von ihnen nicht sehr lange, auch das wird ausführlich thematisiert, Stichwort Treuhand. Die Ausstellung endet mit Digitalisierung, Covid-19-Pandemie, Ukrainekrieg und der Ahrtalflut. Die Zeit verging sehr schnell, es ist kaum möglich, an einem Nachmittag alles zu sehen. Wenn Sie mal in Bonn sind oder gar hier wohnen, nehmen Sie sich die Zeit, es lohnt sich sehr.
Wussten Sie, dass die FDP 1949 per Wahlplakat forderte, jetzt müsse mal endlich ein Schlussstrich gezogen werden, wie heute ein gewisser Bernd Höcke?
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Nun ist wieder Fastenzeit. Bislang von mir weitgehend ignoriert, habe auch ich mir dieses Mal etwas vorgenommen: Das Wort „aber“ zu meiden. Weil es oft echt nervt, zuletzt fiel mir das wieder auf während der am Dienstag erwähnten Besprechung.
Sonntag: Nach dem Frühstück entfernten wir die Lichterketten auf dem Balkon, auch wenn der Geliebte meint, das lohnt sich nicht, weil wir sie ohnehin bald wieder anbringen werden, womit er nicht ganz unrecht hat; ähnliche Gedanken äußerte ich erst kürzlich, soweit ich mich erinnere.
Anschließend unternahm ich bei nahezu frühlingsmilder Temperatur, von Vogelgesang begleitet, einen Spaziergang bis nach Graurheindorf und am Rhein entlang zurück. Die Begrünung der Bäume lässt noch auf sich warten, so langsam muss mal ein Schlussstrich unter den Winter gezogen werden, finde ich. Immerhin setzte der Regen aus, erst während des letzten Viertels der Runde fielen ein paar Tropfen, die mit dem Schirm problemlos abzuwehren waren.
Hihi …Sie befinden sich hierHochwasser
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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut und möglichst gesund durch die Woche.
Montag: Als morgens um kurz vor sechs der Wecker zum ersten Mal piepte, war mein erster Gedanke: Das wird heute nix. Nicht, dass ich größeres Ungemach für den Tag erwartete, doch spürte ich eine umfangreiche intrinsische Unlust, sah mich schon montagsmüde im Büro sitzen, wo mich die Aufgaben von der Liste vorwurfsvoll anschauten, ohne das erforderliche Interesse in mir zu wecken, sie anzugehen.
So schlimm war es dann aber nicht. Aus dem Bett kam ich ganz gut, obwohl ich wegen geänderter Abläufe aufgrund eines Gerichtstermins, zu dem der Liebste als Zeuge geladen war, eine halbe Stunde früher raus musste. Die Radfahrt durch kühle Luft versorgte mich mit Frische, die erwartete Müdigkeit blieb bis zum Nachmittag weitgehend aus und es gelang, Anstehendes zu bearbeiten, mehr kann man nicht erwarten.
Das Mittagessen fand in größerer Runde statt, was ich zumeist meide, weil ab vier Personen regelmäßig mehrere gleichzeitige Gespräche entstehen, gerne auch über Kreuz, was mich zunehmend anstrengt. (Schrieb ich das schon mal? Jetzt, da es hier steht, kommt es mir bekannt vor. Egal.) Heute ging es aber. Auch war ich dieses Mal nicht wie sonst der letzte, der aufgegessen hatte. Es gab übrigens Bockwurst mit Kartoffelsalat, woanders gibt es das traditionell am Heiligabend. Ich mag diese „einfachen“ Gerichte, es sollte sie öfter geben, auch wenn die Kartoffeln etwas sehr al dente waren.
„Das ist kein No-Brainer“ hörte ich in einer Besprechung und musste die Bedeutung nachschlagen. Laut Duden eine „einfache Angelegenheit, über die nicht lange nachgedacht werden muss; Problem, das sich ohne große gedankliche Mühe lösen lässt“. Also ein pseudomodernes Wort für Pillepalle.
Dienstag: Die Resonanz auf den letzten Wochenrückblick hier im Blog ist auffallend gering. Das ist nicht schlimm und vermutlich völlig gerechtfertigt.
Das Regenband, das morgens über die Stadt zog, fand nur in der Wetter-App statt bis auf wenige Tropfen, für die es sich kaum lohnte, den Schirm aufzuspannen, der sich mal wieder als Regenverhinderungsschirm bewährte.
Weg ins Werk zur blauen Stunde
Zum Mittagessen (heute Lasagne von völlig matschiger Konsistenz, die formlos auf dem Teller auseinanderfloss und optisch an bereits Gegessenes erinnerte, immerhin geschmacklich zufriedenstellend) traf ich mich spontan mit der Kollegin. Da wir beide nicht mehr die Jüngsten sind, sprachen wir unter anderem über altersbedingte Hörschwäche. Keine Stunde später bekam ich per Mail Werbung für Hörgeräte auf mein Telefon, das während der Unterhaltung im Büro gelegen hatte. Manchmal ist es etwas unheimlich.
Auf dem Rückweg nahm ich am Rheinufer eine weitere, von rot-weißen Sperrbaken (oder wie die Dinger heißen, siehe unten) umrahmte Kleinbaustelle wahr. Ich weiß nicht, ob sie wirklich neu ist oder ob ich sie einfach bislang nicht wahrgenommen hatte, jedenfalls habe ich den Eindruck, die Baustellen, große wie kleine, werden ständig mehr, nie wird eine fertig. Auch das wird langsam etwas unheimlich, wobei es mir fernliegt, daraus eine Verschwörung oder ähnlich finstere Pläne abzuleiten.
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Bei Rückkehr lag eine Postkarte von M. aus Duisburg im Briefkasten, über die ich mich wie immer freute; nicht nur über die Karte an sich, sondern auch, dass sie mit einer Schreibmaschine erstellt war, so etwas bekommt man kaum noch zu sehen. Erst in der vergangenen Woche hatte ich den letzten Brief an M. eingeworfen, bereits heute traf die Antwort ein. Damit er nicht wieder wochenlang warten muss, antwortete ich direkt mit einer Postkarte, die morgen auf die Reise geht. Besser ist das, wer weiß, wann ich nach den Tollen Tagen sonst dazu gekommen wäre. (Lieber M., lass uns danach die Frequenz gerne wieder etwas verringern, wir wollen uns ja keinen Stress machen. Augenzwinkersmeili.)
Mittwoch: Heute war der letzte Arbeitstag dieser Woche, morgen ist Weiberfastnacht (nicht Altweiberfastnacht oder -fasching, wie es unter anderem im Apple-Kalender steht), dann begleitet unsere Gesellschaft das Godesberger Prinzenpaar auf mehrere Sitzungen, da ist dann keine Zeit für profanen Bürokram. Leider kann ich dadurch nicht zur werksinternen Karnevalsparty gehen, die üblicherweise ziemlich rauschend wird, aber man kann nicht überall sein. Freitag stehen zwar bislang keine karnevalistischen Pflichten an, dennoch ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass dann ein arbeitsfreier Tag sehr gelegen kommt.
Dem Anlass entsprechend hat der Geliebte die Küchenlampen mit Luftschlangen dekoriert, wie ich morgens sofort sah. Das erwähne ich extra, weil es mir schon mehrfach gelang, heimische Schönsteh-Gegenstände (rheinisch: Stehrömsche) nicht oder erst mit Verspätung wahrzunehmen, etwa frische Blumen auf der Küchentheke. Einmal bemerkte ich einen Weihnachtsbaum erst nach gut einer Woche. Es war kein besonders großer, eher ein Bäumchen, aber mit Schmuck und Lichtern auch bei Sehschwäche nicht zu übersehen. Da war vielleicht was los, als ich sagte: „Oh, wir haben einen Weihnachtsbaum.“
Für abends hatte die Bonner Ehrengarde in ihrem Zeughaus zum Reevkocheesse (für Außerrheinische: Reibekuchen-/Kartoffelpufferessen) eingeladen. Damit die Bratlinge nicht trocken verputzt werden mussten, gab es Musik und Getränk dazu.
Donnerstag: Da wir die Veranstaltung nicht allzu spät wieder verlassen hatten, wirkte sie am Morgen nicht nach. Abgesehen von diesem Karnevalsmaus-Lied, das sich als hartnäckiger Ohrwurm festsetzte.
Der Bus mit dem Prinzenpaar, der unsere Truppe aufsammeln und zu den Auftritten des Tages fahren sollte, traf mit einer Dreiviertelstunde Verspätung am Treffpunkt ein, das weitere Programm des Tages verzögerte sich entsprechend. Dadurch entfielen die sonst üblichen Wartezeiten vor den Auftritten, stattdessen ging es raus aus dem Bus, rauf auf die Bühne, Trallala, Blabla, Alaaf, runter von der Bühne, in den Bus, weiter. Der vorletzte Auftritt in Muffendorf wies gewisse Längen auf, weil die Godesia verstärkten Redebedarf hatte; Füße und Trommel wurden zunehmend schwerer. Beim letzten Auftritt, der unter beengten Verhältnissen im Zeughaus einer Nord-Godesberger Gesellschaft stattfand, versuchte ein Spinner, mir im Spiel die Trommelstöcke abzunehmen, lass mich mal, ich kann das auch. Nicht mit mir, niemand greift mir beim Spielen in die Trommelstöcke, auch dann nicht, wenn derjenige sich der Godesberger Karnevalsprominenz zugehörig fühlt. Das wäre ja noch schöner.
Effekt der verspätungsbedingt engen Taktung: Ich kam tagsüber kaum dazu, was zu trinken. Das holten wir beim anschließenden Ausklang in unserem Zeughaus gründlich nach. Als wir danach wieder zu Hause waren, fühlte ich mich übermenscht und ich war froh, als die Uniform wieder auf dem Bügel hing. Das Lied von der Karnevalsmaus hörte ich während des ganzen Tages nur zweimal, das fand ich erstaunlich, aber nicht schlimm.
Aus der Zeitung: „Was man zum neuen Quantencomputer in Garching wissen muss“ ist ein Artikel überschrieben. Ohne den Artikel gelesen zu haben bin ich mir sehr sicher, ich muss darüber gar nichts wissen.
Laut einem anderen Artikel wurde in den USA eine smarte Unterhose entwickelt, mit der sich die Furzfrequenz (das Wort steht so in der Zeitung) messen lässt. Damit soll erforscht werden, wie häufig den Menschen Darmwinde entfahren. Ob dabei auch Erkenntnisse über das jeweilige Aroma gewonnen werden, geht aus dem Artikel nicht hervor. Ziel ist es, die Ergebnisse in einem Pupsatlas darzustellen, wer auch immer den braucht. Ohne allzu sehr familiäre Interna preiszugeben, könnte der einen tiefroten Punkt am Rande der Inneren Nordstadt von Bonn enthalten.
Freitag: Apropos Luftverschmutzung: Der amerikanische Präsident erklärt Treibhausgase für ungefährlich. Wenn er demnächst, als logische Konsequenz, per Dekret den Klimawandel beendet, hat die Menschheit ein Problem weniger. Manches kann man nur noch mit einem Schulterzucken zur Kenntnis nehmen.
Vielleicht lag es am Freitag, dem dreizehnten, vielleicht ist es auch die natürliche Tektonik einer Beziehung. Aus hier nicht näher darzulegenden Gründen wünschte ich mir heute wieder ein Teinihaus nur für mich. Da das kurzfristig nicht zur Verfügung stand, unternahm ich zum Zwecke der Alleinzeit eine spontane Kleinwanderung über den Venusberg. Da es zu regnen begann und die Wege teils matschig waren, beendete ich die Tour in Dottendorf und fuhr mit der Straßenbahn zurück. Hinter mir in der Bahn telefonierte ein Mädchen. Was sie sagte war ohne Belang, es ging wohl um den gestrigen Abend. Nur wie sie sprach, wie sie die letzte Silbe jedes Satzes lang zog, so wie es junge Frauen häufig tun, ging mir etwas auf den Geist.
Abends half ich, Kamelle auf einen Wagen für den Zoch am Sonntag zu laden, was einige Stunden dauerte: Waren auseinander sortieren, Kartons auf den Wagen wuchten, die Süßigkeiten in Säcke packen, Kartons zerkleinern und entsorgen. Welch ein Aufwand, nur um das Zeug am Sonntag wieder herunter zu werfen.
Samstag: Der Tag begann mit einem ausführlichen Frühstück in einem Restaurant in der Innenstadt. Zur Feier des Tages mit Prosecco, auch wenn es nichts konkretes zu feiern gab außer einem freien Samstag ohne Termine und Pflichten.
Danach unternahm ich einen Spaziergang an den Rhein, dessen Pegel gegenüber den letzten Wochen deutlich gestiegen ist. Größere Gegenstände trieben darin gen Köln, ein Ast oder Baumstamm, und etwas, das wie ein Fass aussah. Währenddessen fielen einzelne Schneeflocken, zu wenige, um eine Schneedecke zu bilden, vielleicht war es dafür auch nicht kalt genug. Wobei es sich bei Windgebläse aus Richtung Norden deutlich kühler anfühlte als in den letzten Tagen. In der Nordstadt treiben erste grüne Blättchen an Sträuchern, während eine Straße weiter noch ein Weihnachtsmann mit Strickleiter an einer Fassade hängt. Vielleicht wurde er vergessen, vielleicht lassen sie ihn bewusst hängen, warum auch nicht: ein paarmal schlafen, schon werden bald wieder die Weihnachtsmarkthütten in der Innenstadt aufgebaut, das Lichterkettenwettrüsten beginnt und die Menschen überlegen, was sie verschenken sollen.
Gott würfelt nicht, hat Einstein einmal gesagt. Das stimmt nicht. Auch die Götter lieben das Glücksspiel als kurzweiligen Zeitvertreib. Aber sie spielen nicht um Münzgeld oder Jetons, sie spielen um ihre Schöpfungen, um ganze Planeten. Vor über tausend Jahren hat Gott die Erde im Spiel verloren. Seither herrscht ein fremder Gott über uns und er findet seinen Gefallen an grausamen Prüfungen. Erst hat er uns geblendet, als er uns zu Beginn des Mittelalters das gesamte Wissen des Altertums genommen hat. Er schickte uns Seuchen und Kriege, später gab er uns sinnlose Erfindungen, die uns von der Natur entfernten und entfremdeten. Heute sind die klügsten Köpfe unter uns ohne Hoffnung, der Rest vegetiert mit sinnlosem Zeitvertreib seinem Ende entgegen.
Sonntag: Aus zeitlichen Gründen muss dieser Eintrag bereits am Samstag geschrieben werden, daher in Futur zwei.
Morgens werden wir in Uniform und warmer Unterwäsche nach Bad Godesberg gefahren sein, um gegen Mittag beim Godesberger Zoch mitzulaufen/-fahren, bei Kälte und mit etwas Glück immerhin trockenem Wetter, vielleicht sogar Sonnenschein, jedenfalls stellt die Wetter-App den in Aussicht. Nach etwa vier Stunden wird unser Corps durchgefroren wieder an der Stadthalle eingetroffen sein, um sich und die überstandene Frostung zu feiern. Alles Weitere wird kommende Woche nachgereicht, falls der Chronist nicht erfroren sein wird.
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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Falls Sie ebenfalls Karneval feiern, treiben Sie es nicht zu dolle. Wenn Sie in karnevalistischer Hinsicht eher zu den Fadfindern zählen und stattdessen denken: Was soll der Quatsch?, haben Sie mein volles Verständnis. Vor zwölf Jahren dachte ich auch noch so. Und am Aschermittwoch ist bekanntlich alles vorbei.