Woche 5/2026: Toleranzen und Okularität

Montag: Die Woche begann kalt, auch hier im Rheinland, wo es üblicherweise stets ein paar Grad weniger kalt ist als in anderen Gegenden. Während (nicht nur) Ostwestfalen unter einer dichten Schneedecke liegt, wie die Mutter morgens am Telefon berichtete, puderten in Bonn erst im Laufe des Vormittags einige Flocken die Dächer und Rasenflächen; die Straßen blieben indes frei, so dass ich gut mit dem Fahrrad ins Werk kam und nach einem besprechungsreichen, ansonsten recht angenehmen Arbeitstag wieder zurück.

Abends packte ich für die Dienstreise morgen nach München, mit dem Packen stellte sich wieder die bei mir übliche Nervosität vor längeren Bahnreisen ein, selbst wenn eine verspätete Ankunft kein größeres Unglück wäre. Das wird sich wohl nicht mehr ändern, mit dem Alter werde ich wunderlich, merke ich selbst.

Dienstag: Wie der erste Blick in die Bahn-App morgens zeigte, gab es eine „technische Störung am Zug“, dennoch sollte er laut Anzeige pünktlich in Siegburg/Bonn abfahren. Bei Ankunft in Siegburg zeigte die Anzeige am Bahnsteig, mittlerweile auch die App, eine Verspätung von vierzehn Minuten an, schließlich fuhren wir zwanzig Minuten verspätet ab. Das war nicht schlimm, bei weiteren Bahnreisen plane ich inzwischen eine Verzögerung von mindestens einer Stunde ein. Zudem war es eine bequeme Direktverbindung ohne Umsteigen. Was mich mehr störte: Ganz sicher hatte ich bei der Platzreservierung einen Reihenplatz am Wagenende gewählt, stattdessen bekam ich einen der von mir verhassten Plätze mit Tisch in der Vierergruppe. Ein junger Anzugträger neben mir bearbeitete auf dem Laptop eine Tabelle, während auf seinem Telefon ein Spielfilm lief. Beeindruckend, welche Fähigkeiten die jungen Leute entwickelt haben. Ein weiterer Anzugträger mir gegenüber kramte kurz vor Frankfurt Flughafen ein Paar Schuhe aus dem Rucksack und zog sie sich an.

Immerhin, in Frankfurt wurde der Zug deutlich leerer und ich konnte auf einen freien Reihensitz wechseln, von dem aus ich Fußfreiheit und die Fahrt durch überwiegend verschneite Landschaften und Orte mit malerischen Namen wie Großkotzenburg* genießen konnte. Um den Genuss zu verlängern, wuchs die Verspätung ohne nähere Begründung (wie Signalstörung oder Personen im Gleis) bis München schließlich auf fast eine Stunde an; im Sinne der oben genannten Kalkulation erreichte ich das Ziel somit pünktlich und der weitere Tag verlief ohne nennenswerte Ereignisse.

„Anwalt ist die beste Verteidigung“ wirbt ein Anbieter für Rechtsschutzversicherungen auf Plakaten. Das ist doch endlich mal wieder eine originelle Reklame.

*Ein Verleser im Vorbeifahren, wie sich im Nachhinein heraus stellte. Der Ort heißt Großkrotzenburg. Es ist allerdings nicht auszuschließen, dass er von Bewohnern unwohlmeinender Nachbargemeinden wie oben ausgesprochen wird.

Bei Dettingen am Main

Mittwoch: Heute kein Eintrag, weil …

Donnerstag: … es abends spät wurde und ich keine Lust mehr zum Schreiben hatte, das kommt auch nicht oft vor. Das Problem bei Dienstreisen, gerade in Orten wie München: Man bekommt nicht viel mit von der besuchten Stadt außer der Strecke zwischen Hotel und Tagungsort in Oberhaching und abends dem Weg zum Abendessen und socializing im Wirtshaus am Bavariapark, der immerhin Gelegenheit für zwei etwa halbstündige Fußmärsche bot. Obwohl es in ethanolischer Hinsicht völlig im akzeptablen Rahmen blieb, zog ich mich danach sofort ins Hotelzimmer zurück, während die meisten anderen noch ein Häuschen weiter zogen auf einen Absacker. Ich war müde, schreibunwillig und ein klein wenig stolz auf meine ungewöhnliche Vernunft.

Das Hotel in unmittelbarer Nähe zum Hauptbahnhof war gut, es lag in einer Straße, deren Anlieger ausschließlich Hotels und Schmuckgeschäfte zu sein schienen. Zum Frühstück standen Saftgläser in drei Größen zur Verfügung, einzig an Jackenhaken im Zimmer wurde mal wieder gespart, was mich wieder daran erinnert, endlich nach einem Reisejackenhaken Ausschau zu halten.

Über Nacht hatte es geschneit, durch tauenden Schneematsch ging ich zum Bahnhof, wo mein ICE schon bereit stand und München pünktlich verließ. Nach dreiundzwanzig Kilometern verließ ihn die Pünktlichkeit, wegen einer „nicht näher definierten Störung“ standen wir in verschneiter Gegend. Mir war es recht, ich hatte Zeit, einen Fensterplatz und genug zum Lesen dabei, die Zugheizung funktionierte tadellos. Das einzige, was mir passieren konnte, war, mangels Platzreservierung und ausgefallener Reservierungsanzeigen irgendwann von meinem Platz vertrieben zu werden.

Ende der Pünktlichkeit

Unvertrieben vom Platz kam ich mit gut halbstündiger Verspätung schließlich in Siegburg/Bonn an. Der Zugführer, der zwischen München und Nürnberg die Durchsagen machte, sprach übrigens stets von „Toleranz“ statt Verspätung. Ob er sich das selbst ausgedacht hat oder es sich um einen neuen bahnsprachlichen Euphemismus handelt, weiß ich nicht. Gegen letzteres spricht, dass sein Ablöser ab Nürnberg wieder Verspätung sagte. Hauptursache für die Verzögerung war nach meiner Beobachtung, dass der Zug über weite Strecken langsamer fuhr als der Fahrplan vorsah, vielleicht wegen des Schnees. Sogar auf der Schnellfahrstrecke zwischen Frankfurt und Siegburg, wo freie Fahrt herrschte, kamen nochmal acht Minuten hinzu.

Wie auch immer, ich war mehr als rechtzeitig zu Hause, um mich in aller Ruhe umzukleiden für den Neujahrsempfang des Arbeitgebers im Maritim-Hotel.

Freitag: „Bedenke, dass du ein Mensch bist“ flüsterte einst während des Triumphzuges im alten Rom ein Sklave dem siegreichen Centurio zu. „Bedenke, dass du ein alter Sack bist“ flüsterte mir hingegen nach längerem mein Rücken zu, der seit gestern Abend wieder deutlich zwickt. Kurz nach Rückkehr von der Neujahrssause fing es an, einen Zusammenhang vermute ich nicht. Die war übrigens sehr schön und kurzweilig mit Essen, (nicht zu viel) Trinken und angenehmen Gesprächen. Zudem hielten sich fast alle an die in der Einladung geäußerte Bitte, in gepflegter Abendkleidung zu erscheinen. Schon lange sah ich nicht mehr so viele Kolleginnen und Kollegen in einer Weise bekleidet, wie sie bis vor wenigen Jahren noch büroüblich war, ehe mit der Coronaseuche eine neue textile Üblichkeit eintrat. Ich werde wohl künftig morgens wieder öfter zu Anzug oder Sakko greifen.

Entgegen der Üblichkeit ging ich heute zu Fuß ins Werk. Zum einen war ich in dieser Woche durch die Dienstreise nur wenig gegangen, außerdem war ich mir nicht sicher, ob der Rücken das schmerzlose Auf- und Absteigen aufs und vom Fahrrad erlaubt hätte. Auf dem Rückweg hörte ich mir das Album Circles & Squares von Malcolm F. an, das der geschätzte Mitblogger Christian erschaffen hat. Wenn Sie elektronische Instrumentalmusik mögen, empfehle ich es Ihnen, mir hat es gut gefallen. Im übrigen, nicht als Hörempfehlung, vielmehr ein für Sie irrelevantes Bemerknis, entspricht die Spieldauer des Albums exakt meiner Wegezeit vom Turm bis nach Hause.

Kurt Kister schrieb: „Aber was macht man, wenn eine rechtsradikale Politikerin einen so stechenden Blick hat, dass man gar nicht umhinkommt, ihre Okularität mit ihren Überzeugungen zu verknüpfen?“ Okularität muss ich mir merken.

Samstag: Ein angenehm ruhiger Tag mit aushäusigem Frühstück, einem Spaziergang und ansonsten ohne terminliche Pflichten und karnevalistische Aktivitäten. Auch der Rücken piesackt nicht mehr, vielleicht hatte er gestern nur einen schlechten Tag, kann man ja mal haben in diesen Zeiten.

Ein weiteres schönes Wort ist das Verb „ennuyieren“, gelesen hier, das statt langweilen, ärgerlich machen, lästig werden benutzt werden kann und für das sich vor allem in letzterer Bedeutung sicherlich Verwendung finden wird.

Sonntag: Und schon ist wieder Februar. Damit auch diese Woche nicht gänzlich karnevalsfrei endet, hatten wir nachmittags einen Auftritt in Euskirchen. Zum Treffpunkt, wo der Bus abfahren sollte, fuhren wir mit einer Uberdroschke. Bemerkenswert fand ich die Anmerkungen des palästinensischen Fahrers, der sich ausführlich über zu viele Ausländer in Deutschland beklagte, dabei mehrfach das unschöne Wort „entartet“ benutzte. Das empfand ich als äußerst ennuyierend (das ging schnell); aus eben diesem Grund meide ich stets unnötige Gespräche mit Taxifahrern und anderen fremden Menschen.

***

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche und lassen Sie sich nicht ennuyieren.

20:00

Schreib mal wieder

Erik hat wieder zu einer Blogparade aufgerufen. Dieses Mal geht es um schriftliche Kommunikation. Da Schrift meine bevorzugte Art der Kommunikation ist, wohingegen ich nur ungern telefoniere beziehungsweise, je nach Tageszeit, überhaupt ungern spreche, ist das genau mein Thema.

Ich komme noch aus einer Zeit, da schriftliche Kommunikation bedeutete, das Mitzuteilende mit Stift oder Schreibmaschine, bestenfalls einer elektrischen, auf Papier zu schreiben und dann ab die Post. Telefax, E-Mail, Kurznachricht und Messanger kamen erst später. Entsprechend war das erwartete Antwortverhalten: nicht innerhalb von Stunden, Minuten oder sofort, sondern Tage oder Wochen. Wer es eiliger hatte, musste ein Telegramm verschicken. Dazu suchte man das nächste Postamt auf, schrieb die zu übermittelnde Nachricht in ein amtliches Formular und bezahlte je Wort, lange Wörter kosteten doppelt. Danach gab der Postbeamte die Nachricht telefonisch weiter an die Telegrafie, die wiederum rief das zuständige Postamt im Zielgebiet an, wo die Nachricht wieder zu Papier gebracht und durch einen Eilboten zugestellt wurde.

„Schreib mal wieder“ lautete der Werbespruch der Deutschen Bundespost. Heute werden immer weniger Briefe geschrieben, die dänische Post hat deshalb die Briefbeförderung Anfang dieses Jahres ganz eingestellt. Ich schreibe noch gerne Briefe und Postkarten, wenn auch nur selten. Zurzeit unterhalte ich drei Brieffreundschaften, allerdings schreiben wir uns nur unregelmäßig, ich wüsste nicht mal, wer als nächstes dran ist mit Schreiben. Außer bei M., von dem ich kürzlich eine Postkarte erhielt, die zu beantworten ich mir schon lange vornehme, aber man kommt ja zu nichts.

Die ersten E-Mails schrieb ich Ende der Neunziger mit aufkommender Vernetzung, zunächst beruflich, etwas später auch privat. Seitdem ist das mein am häufigsten genutzter Kommunikationskanal. Ich finde Outlook sehr praktisch, man kann Ordner anlegen und per Mausklick aus einer Mail eine Aufgabe erzeugen, das nutze ich sehr rege. Worüber ich mich regelmäßig aufrege, ist der unüberlegte Gebrauch der Allen-antworten-Funktion, etwa wenn ein einfaches „Danke“ an einen großen Verteiler statt nur an den gemeinten Absender geht.

Fax oder Telefax, wie es korrekt heißt beziehungsweise hieß, nutzte ich nur selten. Ab und zu beruflich, privat mangels entsprechendem Endgerät gar nicht, im Gegensatz zu Freunden, die zu Hause ein Faxgerät hatten. Mittlerweile hat es sich weitgehend ausgefaxt, das Wort Fax wird gerne genutzt als Synonym, wenn nicht Schimpfwort für Rückständigkeit. Ich vermisse es nicht mit seinem rasselnden Gefiepe.

Mit Ausweitung der Mobiltelefonie auch auf Normalverdiener in den Neunzigern wurde die Kurznachricht, die SMS geboren. Das war bis zur Erfindung des Smartphones ein mühsames Unterfangen: Jeweils mehrere Buchstaben und Sonderzeichen waren einer Zifferntaste zugeordnet, die entsprechend oft schnell hintereinander gedrückt werden musste (soweit ich mich erinnere, musste man viermal die neun drücken, um ein S zu schreiben); war man zu langsam, wurde der falsche Buchstabe gesetzt und der Curser sprang zum nächsten. Später unterstützte eine wundersame Technik namens „T9“ beim Schreiben, damit musste jede Taste nur einmal gedrückt werden und eine rätselhafte Intelligenz erkannte, welches Wort man schreiben wollte. Wenn man Glück hatte. Wenn nicht, siehe oben. SMS zu schreiben machte wenig Spaß, außerdem war es teuer. Deshalb nutzte ich sie nur für wirklich kurze Nachrichten. Mit den Smartphones und ihrer Buchstabentastatur verbesserte sich die Nutzerfreundlichkeit deutlich. Als iPhone-Besitzer schreibe ich Kurznachrichten heute fast ausschließlich an iPhone-Nutzer, weil es dann nichts kostet.

Für alle anderen gibt es WhatsApp. Ja ich weiß, WhatsApp ist böse, weil es zum Meta-Konzern gehört, der unsere Daten absaugt. Aber es ist nunmal am weitesten verbreitet, bislang war ich zu bequem, mich um eine Alternative zu kümmern. Nicht nur die meisten meiner Bekannten nutzen es, auch bin ich in ein paar Gruppen, von deren Kommunikation ich sonst ausgeschlossen wäre. Das ist manchmal durchaus wünschenswert, etwa wenn ein Gruppenmitglied sich krank meldet und alle anderen ihre Genesungswünsche darbringen, jeweils immer an die ganze Gruppe. Zum Glück kann man Gruppenchats vorübergehend oder dauerhaft stummschalten.

Chat-Nachrichten per Teams werden auch zunehmend Teil der Bürokommunikation. Statt einer Mail, die man bei Bedarf weiterleiten oder zum späteren Wiederfinden geordnet ablegen kann, werden immer mehr Nachrichten per Chat durch die Gegend gejagt, auch solche, die weit über die Frage hinausgehen, ob ich mitkomme zum Mittagessen oder kurz Zeit habe für ein Gespräch. Gewöhnlich reagiere ich nur auf Chatnachrichten, die ich sofort beantworten kann. Alle anderen geraten schnell in Vergessenheit, spätestens nach einer Woche sind sie unauffindbar verloren im Strom des allgemeinen Geplappers, wohingegen ich den Maileingang in Outlook für gewöhnlich komplett abarbeite, da (und nicht nur da) bin ich altmodisch. Vermutlich kann man auch Teams-Nachrichten weiterleiten und in Ordner ablegen, doch fehlte es mir bislang an Lust, mich näher damit zu befassen. Mal sehen, wie lange ich das durchhalte.

Falls Sie mir einen Brief oder eine Postkarte schreiben möchten, sehr gerne, ich würde mich sehr darüber freuen. Meine Adresse finden Sie im Impressum. Ich werde auf jeden Fall antworten, es kann nur etwas dauern.

Woche 4/2026: Am besten kuckt man keine Nachrichten mehr

Montag: Die nach den Ausschweifungen des vergangenen Wochenendes erwartete trübe Montäglichkeit blieb weitgehend aus. Ich kam ganz gut aus dem Bett, die Gewerke gingen gut von der Hand, der recht lange Arbeitstag verging rasch; der Treppenstieg im Turm nach dem Mittagessen war unbeschwerlich, ebenso die drei Sportrunden durch den Parcours am Abend. Es gab schon wesentlich betrübtere Wochenbeginne nach wesentlich ruhigeren Wochenenden. Woher auch immer die Energie kam – manchmal ist es wie verhext. Vielleicht die Vorfreude auf den freien Donnerstag, es ist kleine Woche.

Dienstag: Die Zeitung berichtet über einen rot eingefärbten Bussard, der in Bonn gesichtet wurde und über dessen Färbung nur gemutmaßt werden kann, etwa durch einen verärgerten Geflügelhalter, dessen Hühnern er sich unangemessen genähert haben könnte. Vielleicht – das stand nicht in der Zeitung – feiert er auch nur Karneval.

Anlassloser Gedanke während des Fußwegs ins Werk: Ich glaube, wir leben gerade in sehr zerbrechlichen Zeiten, über die Historiker in hundert Jahren einiges zu vermerken haben werden. Wenn es dann noch Historiker gibt. Von Angela Merkel soll der Satz stammen, den ich schon vor längerer Zeit notierte: „Vielleicht sind Krisen der Normalfall menschlichen Lebens und wir hatten bloß einige Jahre, die eine Besonderheit waren.“

Aus dem Artikel des Tages bei Wikipedia über Askese: „Die auffälligste Auswirkung auf die Lebenspraxis besteht im freiwilligen Verzicht auf bestimmte Bequemlichkeiten und Genüsse, die der Asket für hinderlich und mit seinem Lebensideal unvereinbar hält. Meist betrifft der Verzicht in erster Linie die Bereiche Genussmittel und Sexualität.“ Demnach bin ich ganz sicher kein Asket. Jedenfalls nicht in Bezug auf Genussmittel.

Mittwoch: „Kann sein, dass das challanging wird“, hörte ich in einem Vortrag, später stellte derselbe, mutmaßlich hochbezahlte Vortragende in Aussicht, dass etwas, das ich mir nicht gemerkt habe, „noch fancyger“ werden könnte. Vielen Dank für das Blogfutter, beziehungsweise den Content.

Vielen Dank übrigens auch an die Mitblogger und -innen für zahlreiche Bilder der Polarlichter in den vergangenen Nächten, etwa hier, da und dorten. Als Innenstadtbewohner in einer tiefergelegten Wohnstraße und mit frühem Zubettgehbedürfnis bekommt man so etwas leider nicht in natura zu sehen.

Donnerstag: Inseltag. Für die erste Wanderung des Jahres wählte ich eine Tour nahe Bonn, die keine längere Anreise erforderte, um nicht nach Beendigung womöglich längere Zeit in der Kälte eines Bahnsteigs auf eine verspätete Regionalbahn warten zu müssen. (Das waren noch Zeiten, als auch jeder kleine Landbahnhof über einen beheizten Warteraum verfügte.) So fuhr ich mit der Stadtbahn bis Sankt Augustin, von dort mit dem Bus weiter nach Niederpleis, wo ich in der Bäckerei frühstückte. Am Nebentisch erörterten zwei Rentner die aktuelle Nachtichtenlage mit Trump, Grönland, Putin und Zugunglücken in Spanien. Bis sie zum Resümee kamen, das immer öfter zu hören ist: Am besten kuckt man keine Nachrichten mehr. Zwischendurch wünschte mir einer von den beiden mehrfach guten Appetit, stets gefolgt von dem Hinweis, mich nicht stören zu wollen. Ich lächelte freundlich und aß schweigend weiter.

Von Frühstück und guten Wünschen für den Tag gestärkt wanderte ich bei Sonnenschein durch die überwiegend bewaldete Gegend östlich von Sankt Augustin / Hangelar, die Strecke hatte mir die ebenfalls wanderbegeisterte Kollegin bereits vor längerer Zeit empfohlen. Eine angenehme, abwechslungsreiche und nicht sehr anstrengende Tour von knapp neunzehn Kilometern Länge.

Winterwald bei Hennef-Geistingen
Teich bei Birlinghoven
Licht am Ende des Tunnels unter der A 3 und der ICE-Strecke Köln – Frankfurt
Dieser schöne Trafoturm oberhalb von Birlinghoven hat ausgedient, sein Nachfolger steht schon daneben
Schloss Birlinghoven. Die doppelte Strauchreihe davor sind Rhododendren, ein Grund, im Frühling wiederzukommen
Durch die Hüchten zwischen Birlinghoven und Niederpleis
Kurz vor Niederpleis

Etwa vier Stunden später war wieder Niederpleis erreicht, von wo mich bald ein Bus zur Stadtbahn in Sankt Augustin brachte. Wenig später war ich zurück in der Bonner Innenstadt, wo ich mich für des Tages Mühen statt mit Currywurst heute mal mit Linseneintopf belohnte.

Abends schwänzte ich die Musikprobe, weil der Liebste und ich den Neujahrsmarsch der Ehrengarde der Stadt Bonn begleiteten. Das war trotz kalter Hände – ich hatte Handschuhe vergessen und konnte kaum das Kölschglas halten – und einsetzendem Regen sehr beeindruckend.

Der Marktplatz ist erreicht

Freitag: „Da sind wir noch in der Forensik“ sagte einer in einer Besprechung und meinte wohl sinngemäß, man sei noch in der Klärung des Themas. Laut Duden bedeutet Forensik: 1) Gerichtsmedizin – passt hier nicht; 2) Klinik für psychisch kranke Straftäter – auch wenn manche Kollegen gelegentlich auffälliges Verhalten zeigen, so weit würde ich nicht gehen; 3) Teilgebiet der Informationstechnologie, das sich mit Problemen befasst, die für die Rechtspflege von Bedeutung sind – nein, mit Rechtspflege hat das Thema nichts zu tun. Nun bin ich gespannt, ob sich das irgendwann durch gedankenloses Nachplappern ausbreitet und ein weiterer Eintrag in der Liste des Grauens wird.

Die Kollegin hat heute Geburtstag, deshalb hielten es mehrere Teilnehmer der regelmäßigen Teams-Runde für angebracht, für sie Happy Birthday zu singen, unter dem bei diesem Lied üblichen Verzicht auf gemeinsames Tempo und einheitliche Tonart. „Es klang sehr interessant“, so ihr anschließender Kommentar. Das war sehr freundlich ausgedrückt.

In einem Blogtext las ich „ein*e Scherzkeks*in“ und unterstelle, der Verfasser meint es ironisch. Ganz sicher bin ich mir nicht.

Auch dieser Tag endete karnevalistisch im Zeughaus der Beueler Stadtsoldaten, wo sich mehrere Gesellschaften aus Bonn und Umgebung trafen und sich mit Tanz und Musik auf der Bühne präsentieren, während die anderen Kölsch tranken. Vermutlich waren keine Asketen anwesend.

Samstag: Die Anschrift an der örtlichen Filiale einer Schnitzelbrätereikette gilt Rätsel auf:

Wie viele sind es? 15? 17? 236?

Abends besuchten wir – ohne eigenen Auftritt, daher im leichten Bieranzug – die Bürgersitzung der Ehrengarde Bonn im großen Saal des Maritim-Hotels. Als am Ende die Blaskapelle Domstädter mit Unterstützung einer Gruppe Dudelsackspieler „Du bes die Stadt“ spielte, bekam ich feuchte Augen. Ich weiß nicht warum, Dudelsack-Musik geht mir regelmäßig auf die Tränendrüse.

Kurz nach dem Aufmarsch

Während der Sitzung wurden Fotos von Besuchern gemacht, die hinterher im Foyer ausgehängt wurden und für neun Euro das Stück erstanden werden konnten. Mich wundert, dass dieses Geschäftsmodell in Zeiten, da nahezu jeder eine Kamera mit sich trägt, immer noch funktioniert. Jedenfalls wies die Fotowand schon Lücken auf.

Sonntag: Während auf der Promenade die Pfützen eingefroren sind, saß eine Frau im Schneidersitz auf dem Kies des Rheinufers und las ein Buch, wie ich beim Spaziergang sah. „Verkühl dir nicht die Eierstöcke“ pflegte mein Vater früher zu meiner Mutter zu sagen, wenn sie sich auf eine kalte Fläche setzte. Das fiel mir beim Anblick der Frau wieder ein.

Durch einen Kommentar wurde ich auf einen längst vergessenen Text über Glockengeläut in Bonn aufmerksam, den ich bereits 2014 auf Bundesstadt.com geschrieben habe. Vielen Dank dafür.

Auch dieser Tag sollte nicht ohne karnevalistische Aktivität vergehen: Abends begleitete unsere Gesellschaft den Godesberger Prinz nebst Godesia auf der Prunksitzung der Godesberger Stadtsoldaten, ebenfalls im Maritim-Hotel. Als später die Uniform wieder am Haken hing, reichte es erstmal mit Alaaf. Bis nächsten Sonntag.

***

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Nach längerer Zeit werde ich mal wieder eine Dienstreise machen, und zwar von Dienstag bis Donnerstag nach München. Ein wenig freue ich mich drauf. Bitte drücken Sie mir die Daumen, dass die Bahn funktioniert.

21:15

Woche 3/2026: Satiriker sind nicht zu beneiden

Montag: Laut Wetterwarnung sollten nächtliche Niederschläge zu erheblicher Glatteisbildung führen. (Oder für Glatteis sorgen, wie bei liederlichem Sprachgebrauch auch gerne gesagt und geschrieben wird.) Als ich morgens das Haus verließ, gab es mehrere rutschige Stellen auf den Fußwegen, doch im Großen und Ganzen sind wir zumindest hier in Bonn mal wieder glimpflich davon gekommen, den Turm erreichte ich ungestürzt. Da die Schulen wegen der erwarteten Glätte landesweit geschlossen blieben, war die Bahn morgens angenehm leer, auch viele Arbeitnehmer wirkten ob der Warnung wohl lieber im Heimbüro. Dennoch trafen im Laufe des Vormittags mehr Kollegen ein als ich erwartet hätte.

Gerne wird in diesem Zusammenhang das Wort „spiegelglatt“ verwendet. Soweit ich mich erinnere, wandelte ich noch niemals auf einem Spiegel, doch gehe ich davon aus, das ist weniger dramatisch als einen vereisten Gehweg zu betreten.

Eine der wichtigsten Tätigkeiten im Büro war heute, die für dieses Jahr geplanten Urlaube ins Zeiterfassungssystem eingetragen. Man soll die Woche positiv beginnen.

Dienstag: Mildere Temperaturen und der Regen am Vorabend haben Schnee und Eis der letzten Tage gründlich beseitigt. Auf dem Fußweg ins Werk sah ich auf dem Spielplatz am Hofgarten einen Jungen mit Kopfhörern und augenscheinlich großem Vergnügen schaukeln. (Vielleicht war es auch ein Mädchen oder nichts von beidem, so ganz genau war das auf die Entfernung nicht zu erkennen.) Dabei holte er weit aus, vor, zurück, bis die Seile waagerecht in der Luft standen. Während andere ihre Marktstände aufbauen, Papierkörbe leeren, zu Hause die Laptops aufklappen oder ihren mehr oder weniger sinnlosen Bürojobs entgegenstreben; während dies- und jenseits des Atlantiks Staatschefs überlegen, wie sie andere Länder und Menschen noch mehr drangsalieren können; während vielleicht ein bislang unerkannter Riesen-Meteorit oder ein Sonnensturm in nie dagewesener Heftigkeit Kurs nimmt auf die Erde, während sich vielleicht unter dem Yellowstone-Nationalpark, den Phlegräischen Feldern oder dem Laacher See eine vulkanische Katastrophe zusammen braut, schaukelt der Bursche einfach. Morgens um halb acht.

Bei Ankunft im Büro ein kurzer Schreck: Meine Bürotasse war weg, nur noch der Unterteller stand an seinem Platz. Es ist nicht irgendeine Tasse, sondern die, die mir der Liebste vor mehr als fünfundzwanzig Jahren zu Weihnachten geschenkt hat, mit der ich sehr eigen bin und die ich nur mit der Hand spüle, die ich zu Urlaubszeiten im Schrank verwahre und gleichsam als Glücksbringer betrachte. Vermutlich hatte ich sie am Vorabend nach dem Spülen in der Kaffeeküche vergessen, weil ich danach noch wohin musste, Sie wissen schon. So war es: Jemand hatte sie bereits in die noch nicht eingeschaltete Spülmaschine gesteckt, der ich sie mit großer Erleichterung entnahm.

Wohlbehalten zurück

Auf dem Rückweg kam mir auf dem Rhein ein Frachtschiff entgegen, das vorne steuerbord den Namen „Luv“ angeschrieben hatte. Ob auf der anderen Seite „Lee“ stand, konnte ich von der Uferpromenade aus nicht sehen. Vermutlich eher nicht.

Mittwoch: Zu den Dingen, die man niemals verlernt, gehört bekanntlich Fahrradfahren. Das kann ich bestätigen, heute fuhr ich erstmals nach Weihnachten wieder mit dem Rad zum Büro, weil es nicht regnete, schneite, stürmte oder eiste. (Immer wieder erstaunlich, welche Wörter, hier „eiste“, die Rechtschreibprüfung unbeanstandet durchgehen lässt.)

In der Kaffeeküche waren morgens Muffins (kennt die Rechtschreibprüfung offenbar nicht) in größerer Menge aufgestellt, dazu ein Dankschreiben des Unternehmens. Hintergrund war eine Spendenaktion Ende letzten Jahres zugunsten einer unternehmensinternen Einrichtung, die sich um in Not geratene Kollegen kümmert; da gibt man gerne, könnte man doch selbst mal der Hilfe bedürfen. Dabei war unsere Etage offenbar besonders spendabel, deshalb die Muffins. Vielen Dank dafür.

Am späten Nachmittag während der Rückfahrt lag dichter Nebel über dem Rhein, und zwar nur direkt oberhalb des Wassers, während die nebenliegende Uferpromenade unbenebelt (auch hier strichelt die Rechtschreibprüfung) war. Das war bezaubernd anzusehen, indes war ich zu bequem, anzuhalten und zu fotografieren; leider zähle ich nicht zu denen, die das mühelos und unfallfrei während der Fahrt tun können. Bitte denken Sie sich ein entsprechendes Bild von einem Frachtschiff, das nur schemenhaft auszumachen ist.

Donnerstag: Es ist sicher zu loben und ganz im Sinne des Bundeskanzlers, wenn unproduktive Wegzeiten für das Wohl der Firma genutzt werden. Das gilt nicht nur für den Geschäftsreisenden, der während der Bahnfahrt eine Präsentation erstellt oder zur Freude der Mitreisenden an einer Teamskonferenz teilnimmt, sondern auch den Läufer, der mich heute Morgen mit japsender Stimme telefonierend am Rheinufer überholte, dabei von worst case und Level zwei sprach, und die auf dem Radweg nebenan vorbeifahrende Radfahrerin, die das Kontingent besang. Also das übliche Geschwätz, das ich mir regelmäßig erst nach Ankunft im Werk anhören darf.

Freitag: Trump hat den Friedensnobelpreis erhalten, den er sich so sehr gewünscht hatte. Zwar nicht vom dafür zuständigen Komitee, sondern von der amtierenden Preisträgerin, aber das ist in diesen immer verrückter werdenden Zeiten kaum von Bedeutung. Des Kaisers neue Kleider 2.0. Satiriker sind nicht zu beneiden, deren Job es ist, solches noch mit Überspitzung anzureichern.

Der Arbeitstag begann und endete früh, da ab dem Nachmittag eine angenehme karnevalistische Pflicht zu erfüllen war: die große Prunksitzung unserer Gesellschaft im Beueler Brückenforum. Die war durchaus in die Rubrik „Was schön war“ einzuordnen; besonders die Redner Guido Cantz, Willi & Ernst und Lieselotte Lotterlappen waren großartig, ich lachte heftig. Mich wundert es immer, wenn bei solchen Vorträgen nicht angemessene Ruhe im Saal herrscht und die Leute einfach weiterquatschen, schließlich haben sie doch Geld dafür bezahlt. Die Vortragenden schien es nicht zu stören, vermutlich sind sie es gewohnt.

Auch das Godesberger Prinzenpaar machte seine Aufwartung

Samstag: Aufgewacht mit leichter Todessehnsucht, der Vorabend wirkte unschön nach. Das Bett verließen wir erst gegen Mittag. Nach einem längeren Spaziergang bei Sonnenschein und milder Luft sowie anschließender Sofazeit ging es wieder einigermaßen. In diesem Leben werde ich wohl nicht mehr lernen, dass auch Kölsch nur bis zu einer gewissen Menge verträglich ist.

Spaziergangsbild

„Warum die MS Godesia Bad Godesberg verlassen muss“ übertitelt der General-Anzeiger online einen Artikel, in dem es darum geht, dass ein stadtbekanntes Ausflugsschiff nach vierzig Jahren Einsatz auf dem Rhein verkauft werden soll. Genaues weiß man nicht, gerüchteweise soll es nach Speyer gehen, der Betreiber möchte sich nicht öffentlich äußern, auch potentielle Käufer in Speyer schweigen. Jedenfalls, so der Bericht, sei der Verkauf Stadtgespräch, auch aus Facebook-Posts dazu wird zitiert. Das einzige, was wir nicht erfahren: Warum die MS Godesia Bad Godesberg verlassen muss, wie die Überschrift erwarten lässt. Auch dieses Medium wird immer schlechter.

Sonntag: Morgens vor dem Aufstehen las ich die Blogs der anderen nach. Gleich in drei Texten stolperte ich über das Wort „Challenge“ und wunderte mich über dessen offensichtliche Beliebtheit.

„Früher war beileibe nicht alles besser, früher war alles nur irgendwie … früher.“ Erst heute las ich diesen Satz in diesem Text, den ich Ihnen zur Lektüre sehr empfehle.

Bei Kurt Kister las ich das Wort „Widerfährtigkeiten“, als Substantiv zu „wiederfahren“. Wenngleich auch hier die Rechtschreibprüfung meckert, betrachte ich es als Bereicherung des Wortschatzes.

Seit dieser Woche ist „Man kann auch in die Höhe fallen“ von Joachim Meyerhoff meine Bettlektüre, ein wunderbares Buch. An einer Stelle musste ich aus hier nicht näher darzulegenden Gründen heftig grinsen:

„Du weißt ja, ich hab hier auf der Wiese seit Jahren immer die gleichen drei Graugänse. Eine Ménage-à-trois. Toll, aber die streiten sich ununterbrochen.“

***

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. Kommen Sie gut durch die Woche, möglichst ohne Unbill und Widerfährtigkeiten.

21:00

Woche 2/2026: Kein Ernteglück in Erndtebrück

Montag: Da für den Nachmittag stärkerer Schneefall in Aussicht stand, verzichtete ich auch heute auf das Fahrrad und fuhr mit der Bahn in die neue Arbeitswoche. Eine gute Wahl, wie ich zwischen Ausstieg und Turm bemerkte, als mir eisiger Wind ins Gesicht blies. Macht sich da eine gewisse Verweichlichung bemerkbar?

Nach der Ruhe der vergangenen Woche kommt wieder Geschäftigkeit auf. Das erste Füll-„tatsächlich“ des Jahres hörte ich in einer Besprechung um 9:47 Uhr.

Wie versprochen begann es kurz vor Arbeitsende heftig zu schneien, die Wahl des Verkehrsmittels war die richtige Entscheidung. Nach Rückkehr fand ich im heimischen Briefkasten eine Postkarte aus Duisburg vor und freute mich, nicht nur über die Karte, sondern auch über die Tatsache, nicht in Dänemark zu wohnen, wo die Beförderung von Briefsendungen durch die Post seit diesem Jahr eingestellt ist. Zufällig habe ich gerade heute frische Briefmarken gekauft.

Anschließend suchte ich das Sportstudio auf. Ja, ich mache das immer noch, zweimal wöchentlich, Sie dürfen mich gerne loben. Gegen Ende meiner dritten und letzten Parcours-Runde wurde es relativ voll, innerhalb weniger Minuten trafen mehrere Personen ein, als wäre ein Bus vorgefahren. Vielleicht die guten Vorsätze für das neue Jahr.

Dienstag: Auf dem Fußweg ins Werk bei Schnee und Minusgraden staunte ich über die Läufer am Rheinufer, nicht nur über den einen in T-Shirt und kurzen Hosen, sondern vor allem, dass sie überhaupt liefen, es war stellenweise ziemlich rutschig.

Die Büros im Turm sind wieder bevölkert, die (nach-)weihnachtliche Ruhe endgültig vorüber. „Frohes neues Jahr, kann man wohl noch sagen.“ Ja, kann man. Muss man aber nicht.

Ab dem Mittag fiel Schnee

Auf dem Rückweg schaute ich, ob der Dreikönigsmarkt auf dem Remigiusplatz wirklich noch geöffnet war.

Ja, war er.

Aus der Zeitung:

WC im Keller (im benachbarten Migrapolis-Haus gibt es eine rollstuhlgerechte Toilette, die genutzt werden kann bei Anmeldung im Restaurant einen Tag zuvor).

Winter in Europa: Selbst Spanier frieren bei Minusgraden

(General-Anzeiger online)

Mittwoch: Mit der täglichen Blognotiz ist das so eine Sache. An manchen Tagen kommt die erste Inspiration schon mit den ersten Radionachrichten, an anderen fällt mir bis zum späteren Abend nichts Mitteilenswertes auf oder ein. So ein anderer Tag war heute. Ich könnte berichten über einen planmäßigen Zahnreinigungstermin morgens, erneut schneebedingte ÖPNV-Nutzung, Erbseneintopf zum Mittagessen, die unruhige Kollegin nebenan und den einen jungen Kollegen, der bei Begegnung auf dem Flur oder in der Kaffeeküche weiterhin nicht grüßt oder auch nur Notiz nimmt, weiteren Schneefall ab dem frühen Abend und ausgefallenen Sport, weil die Sportstätte krankheitsbedingt ab nachmittags schloss, doch möchte ich Sie damit nicht unnötig langweilen. (Kann man auch nötig langweilen?)

Den ausgefallenen Sport hole ich morgen nach (bzw. werde ich, wenn Sie es lesen, morgen nachgeholt haben), denn morgen habe ich frei und das Wetter soll ab mittags äußerst unwanderlich werden. Und den sozialinkompetenten Kollegen werde ich künftig konsequent ignorieren. Das wird ihn nicht interessieren, trotzdem.

Donnerstag: Seit gestern Abend haben die Stadtteile im Südwesten von Berlin wieder Strom, nachdem bereits am vergangenen Wochenende irgendwelche linken Vollidioten mutwillig eine Stromleitung zerstört hatten, um nach eigenem Bekenntnis den Wohlhabenden das Licht auszuknipsen oder wie auch immer sie zu schwadronieren beliebten. Wieder einmal wurde deutlich, wie sehr unser Wohlergehen im Zeitalter fortschreitender Elektrifizierung und Digitalisierung von einer zuverlässigen Stromversorgung abhängt und wie leicht sie anzugreifen ist, nicht nur durch linke oder rechte Spinner. Dafür weiß ich keine Lösung, fordere keineswegs die Rückkehr zu Pferdefuhrwerk, Dampfmaschine und Petroleumlampe. Doch eine gewisse Skepsis sei gestattet.

Keine neue Erkenntnis, dennoch der Notiz wert: Es bedarf keiner besonderen Aktivität wie Wandern, um einen freien Tag angenehm zu verbringen, ohne auch nur für einen Augenblick so etwas wie Langeweile zu empfinden. Vielmehr genügt länger schlafen, gemütliches Frühstück außer Haus, hier schauen, dort flanieren, etwas Sport, etwas Computer, etwas Sofa, und schon wird es wieder dunkel. Mehrerer Stunden im Büro bedarf es dazu nicht, des daraus resultierenden Lohnes freilich schon.

In Erndtebrück ist eine Cannabisplantage aufgeflogen, hieß es in den Radionachrichten. Alle Pflanzen fliegen hoch, kein Ernteglück in Erndtebrück.

Unterdessen erwartet Deutschland das Sturmtief Elli, das uns ab dem Abend mit Schnee und Eisglätte heimsuchen soll. Die Deutsche Bahn stellt vorsorglich teilweise den Betrieb ein. Auch wenn es ein Alter-weißer-Mann-Satz sein mag oder, wie der Hamburger Mitblogger es auszudrücken pflegt, Krückstockgefuchtel: Das hätte es bei der Deutschen Bundesbahn nicht gegeben, die fuhr so lange, bis nichts mehr ging. Und da ging einiges.

Bis zum späteren Abend brachte Miss Elli zumindest in Bonn vor allem Regen bei etwas milderer Temperatur.

Freitag: Nachmittags wurde in einer Besprechung ein neues Projekt vorgestellt, das Anfang 2027 abgeschlossen sein soll. Währenddessen erwischte ich mich im Hinblick auf die aktuelle Weltlage bei dem Gedanken: Wer weiß, was bis dahin ist. Ich sollte gelegentlich meinen Optimismus optimieren.

Was schön war: der Fußweg ins Werk morgens, kein Schneesturm, jedenfalls nicht hier, und Grünkohl abends auf der anderen Rheinseite.

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Samstag: Mittags stand eine karnevalistische Vereinspflicht in Bad Godesberg-Pennenfeld an, wo unsere Garde einen Auftritt hatte und von uns Musikern begleitet wurde. Auf größeres Unverständnis einer nahestehenden Person stieß meine Wahl des Verkehrsmittels. Gewiss, mit dem Auto wäre ich schneller dort und wieder zurück gewesen, praktischer wäre es wegen der Uniform und der Trommel auch gewesen. Aber meine Abneigung gegen das Autofahren und die Aussicht auf einen Fußweg zwischen Stadtbahnhaltestelle und Veranstaltungsort, zudem die Möglichkeit, das Gelingen des Auftritts anschließend guten Gewissens mit einem Bier zu begießen, waren für mich die stärkeren Argumente.

Man muss nicht alles wissen, ich finde es überhaupt nicht schlimm, wenn eine zufällig aufgekommene Frage unbeantwortet bleibt und greife deswegen nicht sofort zum Datengerät, um das allwissende Netz zu befragen. Ähnlich sieht es Gunkl, der da schreibt:

Wenn ich einmal wissen will, ob es so ist, werde ich recherchieren, ob es ein Telephonzellenmuseum gibt. Bislang bin ich mit der Ungewißheit, was das angeht, einigermaßen zufrieden.

Sonntag: Um mir nicht die Stimmung zu trüben, mied ich bei der Lektüre der Sonntagszeitung alle Artikel, in denen es um Trump, seine Leute und Launen ging.

Die Nacht war sehr kalt, auch tagsüber blieb die Temperatur knapp unter dem Gefrierpunkt. Das hinderte mich nicht am sonntagsüblichen Spaziergang, heute wieder auf die andere Rheinseite durch die Auen vor Schwarzrheindorf. Dort war erhöhtes Spaziergängeraufkommen, mit und ohne Hunde; vermutlich lockte der weiterhin liegende Schnee die Leute nach draußen. Erneut wunderte ich mich über das Temperaturempfinden mancher Menschen, dieses Mal ein junger Radfahrer in sommerlich kurzen Hosen und T-Shirt. Ist das ein neuer Trend oder irgendeine Schellensch, die mal wieder an mir vorbeigegangen ist?

Zurück auf dieser Rheinseite, beobachtete ich unter der Nordbrücke eine Frau und ihren mutmaßlichen Sohn, die Sperrmüll aus dem Kofferraum ihres Autos holten und neben den dortigen Altglas- und Altkleidercontainern ablegten. Sollte ich sie ansprechen? Sie dabei filmen oder wenigstens fotografieren? Was hätte das gebracht, außer Ärger? Zumal der ganze Bereich um die Container und unter der Brücke ohnehin großflächig vermüllt ist, da kommt es auf die paar Sachen auch nicht an. Ja ich weiß, nichts zu tun ist da nicht richtig und ich ärgere mich auch etwas über meine fehlende Courage. Immerhin habe ich mir das Kfz-Kennzeichen notiert, vielleicht überlege ich es mir noch und melde es dem Ordnungsamt.

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Und bleiben Sie zuversichtlich.