Woche 33: Harmonische Dreisamkeit im Mausehaus

Montag: „Zu tun gibt es ja immer was“, sagte der Mann in der Radioreklame, die mich morgens angenehmen Träumen entriss. Blöder kann man wohl nicht in eine neue Woche starten.

Als ich vor gut zwanzig Jahren im Mutterhaus die Arbeit aufnahm, waren Anzug oder wenigstens Jacket und Krawatte eine ungeschriebene Selbstverständlichkeit für männliche Büroknechte. Auch freitags. Wer ohne Krawatte ins Büro kam, konnte sich einer entsprechenden Bemerkung des Chefs sicher sein, es sei denn, die Temperaturen lagen wie zurzeit über dreißig Grad – dann verzichteten sogar Chefs auf den Halsbinder, manche öffneten gar den zweiten Hemdenknopf, auch nicht immer schön. Die Damen hatten es da deutlich besser – leichte Sommerkleider und offene Schuhe waren nie Gegenstand des Anstoßes. In dieser Hinsicht hat sich vieles zum deutlich Besseren verändert: Zunächst entfiel an Freitagen die Krawattenerwartung – womit widerlegt ist, so ungern ich das zugebe, alles, was aus Amerika kommt, sei schlecht – später auch an den übrigen Tagen. Inzwischen sind Krawattenträger klar in der Minderzahl, und das ist gut so. Sogar Männer – auch Abteilungsleiter – in kurzen Hosen zeigen mittlerweile mehr oder weniger wohlgeratene Beine. Auch das ist gut, wobei ich selbst so weit noch nicht bin. Kommt vielleicht noch, wenn ich demnächst der letzte auf dem Flur in langen Beinkleidern bin. ‪Doch so warm der Sommer auch glüht – für Kaffee ist es nie zu heiß.‬

Nicht zu heiß, trotz Anzug und Krawatte und in ganz anderer Hinsicht, war es vergangenen Samstag Florian Schroeder in Stuttgart, der für mich ab sofort zu den ganz Großen dieser Zeit zählt. Deswegen.

Ich habe übrigens beschlossen, mich nicht länger aufzuregen, wenn andere das mit dem Abstand nicht begreifen oder einfach nicht wollen; es würde meine allgemeine Lebensqualität zu sehr beeinträchtigen. Ich kann nur weiterhin für mich selbst darauf achten. Mehr kann ich für mich und andere nicht tun.

Dienstag: Vergangene Nacht schlief ich wärmebedingt schlecht, hinzu kamen akustische und olfaktorische Unwägbarkeiten von der Nebenmatratze, auf die ich nicht näher eingehen möchte. Während einer längeren Wachphase überlegte ich: Erreichen Florian Schroeder nach seinem Auftritt in Stuttgart nun wohl wüste Beschimpfungen und Morddrohungen? Wie geht man mit so etwas um? Droht mir ähnliches, nachdem ich für ihn Sympathie bekundete? Eher nicht, weil das hier nicht viele lesen. Vorteil des Kleinbloggers.

Tagsüber schrieb man mir per Mail: „Bitte geh du hier in den Lead.“ Soll ich jetzt singen, oder was?

Laut Zeitung rüsten die Stadtwerke Bonn ihre Busflotte derzeit mit Anti-Infektionsschutzwänden aus. Maschendraht?

Abends grummelte in der Nähe ein Gewitter, das etwas Regen schickte. Auch zwischenmenschlich grummelte es ein wenig, ohne konkret erkennbare Ursache; manchmal ist das so, wenn Menschen zusammen leben. Womöglich auch eine Folge der Hitze.

Mittwoch: Kurz nach Mitternacht kam das nächste Gewitter. Zunächst ein fernes Dauergrollen, das scheinbar nur sehr langsam sich näherte. Später erhellten Blitze den Nachthimmel über der Stadt und Donner rollte um die Häuser. Nicht wenige Menschen behaupten, sie schliefen besonders gut, wenn über ihnen die Naturgewalten toben; vielleicht haben sie dann auch besonders guten Sex, warum auch nicht, in dieser Hinsicht gibt es ja wenig, was es nicht gibt. Bei mir gilt das nur für nächtlichen Regen ohne Gewitter (also das mit dem Schlafen, mit dem anderen will ich Sie nicht unnötig langweilen). Eine Art erhalten gebliebener Urrespekt aus der Kindheit hält mich bei Gewitter wach. Immerhin, statt mir, bis es vorbei ist, die Bettdecke über den Kopf zu ziehen, wo bald Erstickung droht, stehe ich mittlerweile auf und schaue es mir vom Fenster aus an. Dann zähle ich die Sekunden zwischen Blitz und Donner. Wie weit ist es weg? Kommt es näher? Alte Faustregel, wenn ich nicht irre: Anzahl Sekunden geteilt durch drei gleich Entfernung in Kilometern. Um kurz nach halb zwei war es vorbei. Kurz vor drei kam das nächste, recht schnell und bald wieder vorbei, dafür mit starkem Regen. Dieses Mal blieb ich im Bett und schlief dann doch noch ganz gut.

Nach einem weiteren heißen Tag zog am Abend das nächste Unwetter mit Gewitter, Sturm und viel Regen über die Stadt und richtete (zum Glück nicht bei uns) größeres Unheil an. Vorher sah das vom Balkon so aus:

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Hinterher nach vorne hinaus so:

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Auch die interne Gewitterneigung war noch nicht ganz abgeklungen, weil Tief C sich aus nach wie vor unerfindlichen Gründen noch immer nicht aufgelöst hatte. Hingegen harmonische Dreisamkeit am späten Abend in unserem VogelMausehaus:

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Donnerstag: Badgespräch am Morgen: „Stehst du schon wieder hinter mir!“ – „Nein, du stehst vor mir.“

Billie Eilish – laut Zeitung der zweitwichtigste Teenager der Welt. Nie gehört. Nachteil des Boomerdaseins. Oder Vorteil, wer weiß.

In den Medien wird behauptet, die demokratische Kandidatin für das US-Vizepräsidentenamt, Kamala Harris, sei „schwarz“. Verstehe ich nicht. Sie ist doch mindestens so „weiß“ wie Donald Trump, wenn man die Bilder vergleicht.

Freitag: Nur kurz Regen am Abend. Überhaupt regnet es zu wenig in letzter Zeit, manche Kommunen haben schon Schwierigkeiten mit der Wasserversorgung. Die Schwimmbecken sind voll, aber der Duschkopf bleibt trocken. Dagegen war die Klopapierkrise ein Witz.

Ist Ihnen mal aufgefallen, dass es in Filmen selten regnet ohne Gewitterbegleitung, einfach nur Regen? Befürchten die Filmemacher, der Zuschauer würde den Regen sonst nicht bemerken? Darüber regt sich mal wieder niemand auf.

Samstag: „Die Vorstellung, dass an irgendeiner Stelle des Internets gesiezt wird, ist geradezu abwegig“, steht im General-Anzeiger zum Schwinden des „Sie“. Der Schreiber scheint dieses Blog nicht zu kennen. Warum sollte er auch.

Sonntag: Zwei notierenswerte Sätze aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung:

„Nichts verpufft schneller als die öffentliche Empörung.“
(Rainer Hank über integres Handeln von Unternehmen)

„Heute kommen Menschen aus allen Kontinenten, um Paderborn weiträumig zu umfahren.“
(Oliver Maria Schmitt über Paderborn)

In der PSYCHOLOGIE HEUTE las ich einen interessanten Artikel über sogenannte Spätblüher, das sind Leute, die erst im fortgeschrittenen Alter ihre wahre Berufung finden. Das gibt mir Hoffnung, doch noch Karriere zu machen als erfolgreicher, angesehener … wasweißich.

Am späteren Abend nach Einbruch der Dunkelheit werkelte der Nachbar gegenüber etwas Undefinierbares auf seiner Terrasse herum, wie so häufig. Dass wir ihm offensichtlich dabei zuschauen, störte ihn nicht. Kennen Sie das, wenn Sie jemanden bei seinem unablässigen Tun betrachten und sich fragen: Was treibt ihn nur?

Woche 32: Ästhetische Grundbedürfnisse an warmen Tagen

Montag: Morgens auf dem Weg ins Werk hielt vor einer roten Ampel ein anderer Radfahrer direkt neben mir, Abstand unter einem Meter. Wäre ich nicht so konfliktscheu und hätte er zudem nicht gewisse ästhetische Grundbedürfnisse bei mir angesprochen, also der hätte was zu hören bekommen!

Die erste Hälfte des Tages war von geradezu schmerzhafter Unlust begleitet, nach dem Mittagessen wurde es nur geringfügig besser. Erst der Abend zu Hause mit den Lieben und Begleitgetränk auf dem Balkon war ganz schön. Dieses Konzept „Arbeiten um zu leben“ bedarf der Nachbesserung.

Einen wesentlichen Teil meines inneren Friedens ziehe ich wohl daraus, mich nicht allzu sehr dafür zu interessieren, was andere Leute tun oder denken. Dazu gehört auch, abweichende Meinungen auszuhalten. Gleichwohl fand ich es sehr irritierend, von jemandem, den ich ansonsten sehr schätze, solches zu hören: „Das ist doch alles völlig überzogen.“ – „Was soll schon passieren, es ist nicht schlimmer als eine Grippe.“ – „Eine unglaubliche Einschränkung meiner Freiheit.“ – „Muss doch jeder selbst entscheiden, ob er eine Maske trägt und Abstand hält.“ – „Impfen bringt sowieso nichts.“ – „Wer weiß, was da wirklich hintersteckt.“ – „Es trifft doch fast nur die Alten.“ – „Italien? Das italienische Gesundheitswesen ist halt desolat.“

Noch einmal ästhetische Grundbedürfnisse: „Brauchst du eine kalte Dusche?“ lautete die Frage des Tages bei Quergeföhnt. Ja, abends im Rewe hätte sie zur Linderung einschlägiger Gedanken beitragen können, leider war gerade keine im Angebot.

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Dienstag: Erstmals las ich in der Zeitung das Wort „Fußgehende“ als gendergerechte Bezeichnung für Menschen, die Wege zu Fuß zurücklegen. Ich weiß nicht recht – nicht gerade eine prachtvolle Rose im Wörtersee.

Wie ich nämlicher Zeitung entnahm, beklagt ein gewisser Damian Hardung, mir bislang unbekannter Schauspieler, häufige Belästigungen durch unverlangt zugesandte Zuschriften und Anfragen sittenlosen Inhalts. Nach kurzer Bildrecherche im Netz verstehe ich.

Mittwoch: Morgens auf dem Weg ins Werk sah ich einen, der mit einem Laubbläser den halben Hofgarten in eine Staubwolke hüllte. War wohl eher ein Staubbläser. (Ja ich weiß, humoristisch eher flachwurzelnd.)

Donnerstag: „Manche führen, manche folgen“, stand auf dem hinteren Nummernschildträger eines sterntragenden Wagens, der vor dem Werk parkte. Manche spinnen, erlaube ich mir zu ergänzen.

„Es gibt keine Amseln mit Brustwarzen“, stellte der Geliebte am Abend klar, was wohl nicht einmal der derzeit amtierende amerikanische Präsident anzweifeln würde, sofern er weiß, was eine Amsel ist; Brustwarzen wird er wohl kennen. Später beklagte er sich, also der Geliebte, nicht der Präsident, worüber, sei dahingestellt: „… und ich werde wieder an den Pranger genagelt.“

Freitag: Schiefe Bilder auch im Werk. Aus einer Besprechung: „Wir müssen sehen, ob wir da einen Schuh dran kriegen.“

Die letzte Besprechung des Tages zog sich bis nach siebzehn Uhr hin. Während andere sich bereits kühlenden Wochenendgetränken widmeten, saß ich noch immer im warmen Büro und sah per Skype zu, wie jemand anderes eine Präsentation erstellte.

Hier eine kleine Serviceleistung für die warmen Tage:

(Mein erstes selbst erstelltes Gif, entstanden während einer Besprechung, die nicht meiner vollen Aufmerksamkeit bedurfte. Bitte beachten Sie die Fliege am Fenster.)

Abends waren wir zum ersten Mal beim Griechen im Rosenthal. Jahrelang waren wir auf dem Weg zum und vom Lieblingsbiergarten immer nur daran vorbei gegangen; nie sahen wir die Taverne gut besucht, was möglicherweise Rückschlüsse auf Qualität, Freundlichkeit oder andere Mängel zuließ. Auf nachbarliche Empfehlung hin hielten wir nun Einkehr und waren sehr zufrieden: Das Essen war reichhaltig und wohlschmeckend, der Service freundlich, die Preise moderat; nur der Ouzo des Hauses hätte kälter sein dürfen, dafür bekam jeder zwei. Da werden wir ganz bestimmt wieder hingehen.

Samstag: Es ist zu warm für viele Worte. Daher heute nur ein Archivbild aus kühleren Zeiten.

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(Aufgenommen bei Göttingen am 21. Januar dieses denkwürdigen Jahres)

Sonntag: Der Sonntagsspaziergang fiel hitzebedingt kurz aus, anschließend mied ich den Balkon und zog mich in mein abgedunkeltes Zimmer zurück, um in Ventilatorbegleitung die Sonntagszeitung zu lesen. Sie können davon ausgehen: Wenn es selbst mir zu warm zum Spazieren und Balkonsitzen ist, dann ist es verdammt warm.

Die Zeitungslektüre war ebenfalls verkürzt, nicht wegen der Hitze, sondern weil nachts ein Irrer unseren Briefkasten und einige andere aufgebrochen und die Inhalte teilweise zerrissen in die Einfahrt verstreut hat, darunter auch die Zeitung. Was hat der zu erbeuten gehofft? Warum tut man sowas?

Außerdem habe ich mir den kurzen Beitrag von Dieter Nuhr für die DFG-Aktion „Gemeinsam #für das Wissen“ angehört, um den in den letzten Tagen soviel Geschrei gemacht wurde, Sie wissen schon, Meinungsfreiheit und so, siehe auch Montag. Ich kann an der Stellungsnahme absolut nichts Erregenswertes erkennen. Im übrigen schätze ich Dieter Nuhr sehr, sowohl auf der Bühne als auch als Autor, gerade weil er gerne mal eine abweichende Meinung vertritt.

Aus der Erklärung der DFG dazu:

In verschiedenen Bereichen unserer Gesellschaft hat sich eine Debattenkultur entwickelt, in der oft nicht das sachliche und stärkere Argument zählt, in der weniger zugehört und nachgefragt, sondern immer häufiger vorschnell geurteilt und verurteilt wird. An die Stelle des gemeinsamen Dialogs treten zunehmend polarisierte und polarisierende Auseinandersetzungen.

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Woche 31: Gehört, gelesen, notiert und runtergescribbelt

Montag: „Dazu hätte ich gerne noch etwas Input, aber das können wir hinterher offline machen.“ Was schlaue Menschen in Meetings so sagen.

Apropos offline: Zu den deprimierendsten Anblicken zähle ich jenen junger Eltern, die Kinderwagen schiebend gelangweilt auf ihr Datengerät schauen.

„Polizei blitzt im Kreis“, steht in der Zeitung. Ein physikalisches Wunder offenbar.

Dienstag: Was ich gestern über junge Eltern anmerkte, gilt sinngemäß auch für viele Kantinenbesucher, denen es offenbar nicht möglich ist, in Ruhe eine Mahlzeit zu sich zu nehmen, ohne dass mindestens zwei Mobiltelefone neben dem Teller liegen, auf die sie während der Nahrungsaufnahme im Minutentakt draufzuschauen gezwungen sind.

Mittwoch: „Pop up“ ist das neue „Mal eben“. Auch so ein dummer Coronanglizismus, den viele für alles Mögliche nachplappern. Demnach ist ein Wochenmarkt wohl eine Pop up Shopping Mall.

Donnerstag: Heute ist Weltpostkartentag. Warum auch nicht, irgendwas ist ja immer.

„Ich bin auf Dienstreise“ lässt jemand nicht per Postkarte, sondern Mail-Abwesenheitsmeldung wissen. Das habe ich lange nicht mehr gelesen.

„Das beißt sich ein bisschen von vorne bis hinten in den Schwanz, wie man auf neudeutsch sagt“, sagt einer in der Besprechung. Altdeutsch dann wohl in den Schweif.

Freitag: Mittags beobachtete ich in der Kantine interessante Szenen. Dort herrscht seuchenbedingt eine klare Einbahnstraßenregelung: Vorne rein und hinten raus, von Sicherheitsleuten streng überwacht und durchgesetzt; wer einmal den Saal verlassen hat, darf nicht wieder rein, jedenfalls nicht durch den Ausgang. Nun befinden sich aber die beliebtesten Plätze auf der Terrasse, also draußen, wie bei Terrassen üblich. Dort ist das Platzangebot, wie drinnen auch, aus bekannten Gründen zurzeit stark eingeschränkt. Das hielt die Gernedraußenesser nicht davon ab, mit ihrem Tablett direkt raus zu marschieren, wo trotz Hitze bald alles belegt war, wodurch Nachkommende keinen Platz mehr fanden. Was tun? Klar: Wieder rein. Doch halt, dieser Weg war aus oben genannten Gründen versperrt, die Sicherheitsleute verweigerten gnadenlos den Rückweg in den Saal. Somit blieb den armen Hungrigen nichts anderes übrig, als mit dem Tablett in der Hand, auf dem das Mittagsmahl langsam erkaltete, zu warten, bis jemand fertig war und Platz machte. Irgendwann merkten die Sicherheitsleute das und wiesen weitere Leute auf dem Weg nach draußen auf die Aussichtslosigkeit ihres Vorhabens hin, woraufhin sie vor Verlassen des Gebäudes umkehrten und drinnen aßen. – Ich frage mich: Warum essen wir, und da schließe ich mich selbst mit ein, so gerne draußen, trotz unbeschatteter Sonnenglut, Wespenflug und „nur Kännchen“, im Winter auch durch Heizpilze oder -strahler gewärmt? Immerhin unterbinden mittlerweile immer mehr Städte aus gutem Grund letzteres.

Ansonsten in dieser Arbeitswoche gehört, gelesen und notiert: „Das ist ein klassischer Sonderweg.“ – „Ich scribbel das mal runter.“ – „Digitalisierung wird bei [uns] groß geschrieben.“ – “ Wir dürfen nicht nur den Happy Flow betrachten.“

Samstag: In einem amüsanten Leserbrief an den General-Anzeiger schreibt Lothar S. zum Thema „Toskana in Deutschland“:

Werden doch schon seit vielen Jahren alle nur erdenklichen mehr oder weniger reizvolle Gegenden Deutschlands von einfallslosen Tourismus-Marketing-Leuten so tituliert. So finden sich in Deutschland nach meinen Recherchen Toskanen von der Uckermark im Osten über den Kraichgau, auch „badische Toskana“ genannt, bis hin zum Markgräflerland im Westen, der „deutschen Toskana zwischen Freiburg und Basel“. In Nord-Süd-Richtung finden sich Toskanen von Schleswig-Holstein irgendwo um Grömitz herum über Rheinhessen bis zum Hegau am Bodensee. Der Prozess der Toskanisierung deutscher Tourismus-Regionen scheint in Kürze abgeschlossen zu sein.

Über die Wörter „Toskanen“ und „Toskanisierung“ habe ich mich sehr gefreut.

Sonntag: Zu den unschönen, sich gleichwohl größerer Beliebtheit erfreuenden Schottergärten in Vorstadtsiedlungen schreibt die FAS:

Vom Wohnen auf einer Autobahnbaustelle unterscheidet sich das umschotterte Einfamilienhaus nur dadurch, dass es keinen begrünten Mittelstreifen hat.

Unschön auch die Geräusche aus dem Nebenhaus. Offenbar hat sich der Nachbar angewöhnt, sein Husten in ein ekelerregend-lautstarkes Würgen münden zu lassen, woran er uns seit ein paar Tagen etwa im Zehnminutentakt teilhaben lässt. Dann lieber die Singstarkrähe von gegenüber, die in dieser Woche allerdings auf gesangliche Darbietungen verzichtete.

Das Thema Wohnqualität liegt augenscheinlich auch den Parteien am Herzen; zur bevorstehenden Kommunalwahl in Bonn plakatieren sie:

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Sprachlich ähnlich geglückt auch diese Werbung einer anderen Partei:

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Eher keine Empfehlung zur Wahl ist in diesem Schild zu vermuten, wenngleich sich Bezüge zu bestimmten Parteien herstellen ließen:

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Im Übrigen verlief die Woche weitgehend in Harmonie. Aufkommende atmosphärische Störungen lösten sich schnell auf, wie diese: „Reißt du dich jetzt mal zusammen?“ – „Nein, ich bin schon zusammengerissen.“

Woche 30: Vielleicht bleibt das erstmal für immer so

Montag: „Die Bedingungen in der fleischverarbeitenden Industrie sind weder menschenwürdig noch tiergerecht“, wird die BUND-Geschäftsführerin in der Zeitung zitiert. Im Zusammenhang mit Fleischerzeugung überhaupt von „tiergerecht“ und „Tierwohl“ zu sprechen ist schon ziemlich abwegig.

Bleiben wir noch ein wenig beim Thema Fleisch: Auf dem Weg in die Kantine, wo es Königsberger Klopse mit einem seltsam roten, indes wohlschmeckenden Püree gab, sah ich an einer Bushaltestelle eine barfüßige Frau mitsamt Fahrrad in den Bus steigen, den sie kurz darauf wieder verließ; vielleicht hatte der Busfahrer sie freundlich über die Zweckbestimmung eines Fahrrades aufgeklärt. Während sie das Rad aus dem Bus trug, stieß sie lautstark üble Beschimpfungen gegen den Fahrer aus, deren Wortlaut ich hier nicht wiedergeben möchte, weil das vermutlich gegen die Bestimmungen von WordPress verstieße. Sie war noch zu hören, als ich die Haltestelle längst hinter mir gelassen hatte und der Bus schon lange außer Sichtweite war. Ob sie ihren Weg schimpfradelnd fortsetzte, habe ich nicht weiter verfolgt. Wäre es nicht unter meinem ohnehin nicht allzu hohen Niveau, dieses F-Wort, das auf -otze endet, zu benutzen: Für diese Person wäre es wohl passend gewesen.

Ansonsten war der Tag geprägt von zähem Fluss und Müdigkeit. Doch auch für solche Tage hat die Natur oder das Universum oder wer sonst dafür zuständig ist ein Ende vorgesehen.

Dienstag: Augen auf bei der Brauenpflege. Merke: Stufe fünf des Haarschneiders bedeutet nicht zwangsläufig fünf Millimeter. Was solls, wächst ja nach.

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Im Werk gibt es ein Benutzerverwaltungssystem mit deutscher Bezeichnung, abgekürzt wird es BVOK. Das ist zunächst unspektakulär und hier kaum der Erwähnung wert. Was allerdings auffällt: Alle sprechen es „Bi-Wok“ aus, als ginge es um einen geschlechtlich flexiblen asiatischen Gemüsebräter. Vermutlich hat irgendwann ein anglophiler Berater damit angefangen, seitdem plappern es alle ohne nachzudenken nach, wie so oft.

Mittwoch: „Seine blauen Augen leuchten, seine Kopfform erinnert an die von Lord Voldemort, dem Bösewicht aus Harry Potter“, schreibt der General-Anzeiger über Stephan B., den Attentäter von Halle. War der Redakteur früher für die Bild-Zeitung tätig, oder produzierte er zweifelhafte Groschenromane?

Abends erforderten Vereinspflichten meine Anwesenheit in Köln. Während des Wartens auf dem Bahnsteig lauschte ich den Coronaparolen der Bahn aus dem Lautsprecher: „Bitte halten Sie Abstand. – Tragen Sie einen Mund-Nasen-Schutz. – Bleiben Sie gesund.“ Ich versuche es. Was hätten wir wohl gedacht, wenn uns vor einem Jahr jemand gesagt hätte: „In einem Jahr müssen wir alle eine Maske tragen, wenn wir mit der Bahn fahren.“  Heute kann ich mir fast nicht mehr vorstellen, dass das irgendwann wieder ohne möglich ist. Vielleicht bleibt das erstmal für immer so.

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Während der Fahrt blickte ich auf eine Böschung, dicht bewachsen mit Brombeersträuchern voller schwarzer Früchte, teilweise griffen ihre Zweige bis auf den Gleisschotter. Übernehmen irgendwann, wenn die Menschheit sich erfolgreich eliminiert hat, also vielleicht schon bald, Brombeersträucher die Weltherrschaft? Das wäre jedenfalls besser als Durian, von der ich letztens las, auch Stink- oder Kotzfrucht genannt.

Donnerstag: Auf dem Weg ins Werk ereilte mich auf dem Fahrrad ein Stich in den Rücken, der mich seitdem treu begleitet. Manchmal möchte ich den HERRN anrufen und sagen: „Nimm hin diesen alten, geschundenen Körper und schaffe aus seinen Atomen etwas Sinnvolles: Bienen, Ameisen oder Brombeersträucher.“ Immerhin entschleunigt so ein Rückenschaden den Alltag erheblich.

Erfahrung des Tages: Bevor du in einer Skypekonferenz einem Teilnehmer eine lästerliche Nachricht schickst, die nur für ihn bestimmt ist, achte unbedingt darauf, dass er nicht gerade seinen Bildschirm präsentiert.

Gehört: „Ich habe nächste Woche zwei Tage Urlaub, weil mein Sohn Geburtstag hat.“ Klingt eher nach Orgie denn Kindergeburtstag.

Freitag: Im Rücken zwickt es noch immer, aber schon weniger als gestern. Vielleicht sollte ich mit dem Anruf des Herrn noch etwas warten.

Ansonsten in Besprechungen gehört: „Das beheben wir minimalinvasiv“ (Kenne ich, ist wesentlicher Bestandteil meines Lebensprinzips), „trilaterale Abstimmung“ (kenne ich auch, täglich zu Hause) und „Erstell dazu mal ein factbook“ (kenne ich nicht, ist laut Leo kein gebräuchliches Wort).

Abends bekamen wir im Vogelhaus Besuch. Dazu wussten meine Lieben: „Das ist keine Hausmaus, sondern eine Feldmaus, hat K [unser Nachbar, Anm. d. Chronisten] gesagt.“ – „Woher weiß der das?“ – „Der kommt doch aus der Ecke.“ Im Übrigen zeigte sich das Tier durch unsere Anwesenheit und das grelle Licht der Kamera wenig beeindruckt.

Samstag: Nachmittags debattierten wir über die Ästhetik von Bauchnabeln, ein weites Feld, über das sich vieles sagen und schreiben ließe, wie dieses: „Das ist wie beim Obst – da gibt es schöne Gurken und schlechte Gurken.“

Als wir abends vom Essen heimkehrten, saß die Maus wieder im Vogelhäuschen und naschte Körner. Nicht nur das: Ein weiteres Exemplar war in die Falle getappt. Sie sind also mindestens zu zweit.

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Selbstverständlich entließen wir das Mäuschen umgehend in die Freiheit des Gartens, ein baldiges Wiedersehen ist somit wahrscheinlich.

Sonntag: Das schottische Wort „Tartle“ bezeichnet laut dem Buch „Einzigartige Wörter“ den Moment des Zögerns, wenn man jemanden trifft, dessen Name man vergessen hat. Zurzeit beschäftigt mich indessen der umgekehrte Fall. Ohne Anlass, also ohne ihn in letzter Zeit gehört oder irgendwo gelesen zu haben, ist mir wieder ein Name eingefallen, den ich nicht mehr mit der zugehörigen Person in Verbindung zu bringen vermag. Das wenige, was ich noch weiß oder wenigstens zu erinnern glaube: Es war eine männliche Person mutmaßlich „mit Migrationshintergrund“ *, mit der ich vor über zwanzig Jahren im Raum Bielefeld in vermutlich beruflichem Umfeld zu tun hatte. Es bedurfte damals einiger Übung, bis ich den Namen fehlerfrei aussprechen konnte. Mehr fällt mir dazu nicht ein, doch lässt es mir keine Ruhe. Ob die Schotten dafür auch ein Wort unter ihren Röcken tragen? Aber nein, angeblich tragen die darunter ja nix, ein anderes Thema. Lieber Herr Delialioglu, falls Sie das hier zufällig lesen, scheuen Sie sich nicht, eine Nachricht zu hinterlassen, es würde mich freuen.


* Laut Sonntagszeitung ist diese Bezeichnung inzwischen auch nicht mehr politisch korrekt; eine zeitgemäße Alternative wird leider nicht angeboten.

Woche 29: Überwiegend angenehm in gewohnter Geschäftigkeit

Liebe Leserinnen und Leser, hier der Rückblick auf die wichtigsten Ereig- und Erkenntnisse der Woche vom 13. bis 19. Juli 2020.

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Montag: „Abstand ist angesagt“, steht auf einem Plakat des Landes NRW. Für Teile von Mallorca galt am vergangenen Wochenende indes eher: „Anstand ist abgesagt“.

Der erste Arbeitstag nach dem Urlaub enthielt zwei weitgehend entbehrliche halbstündige Besprechungen und einen mittäglichen Spaziergang durch die Rheinauen, ansonsten keine nennenswerten Imponderabilien. Was verlangt man von einem Montag dem 13. mehr.

Dienstag: Treffen sich zwei EU-Beamte. (Warum beginnen Witze eigentlich immer mit dieser sprachlich äußerst fragwürdigen Einleitung? Warum sagt man nicht „Ein Mann kam zum Arzt“ statt „Kommt ein Mann zum Arzt und sagt »Herr Doktor, Herr Doktor …« [Einschub: Kein Mensch geht zum Arzt und sagt »Herr Doktor, Herr Doktor«] – Egal, das soll jetzt nicht Gegenstand der Betrachtung sein, also weiter im Text.) Sagt der eine: „Mir ist so langweilig.“ Darauf der andere: „Mir auch. Los, lass uns die Mindesthaltbarkeit von Mineralwasser regeln.“ – „Au ja!“

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Mittwoch: Der Tag verlief überwiegend angenehm in gewohnter Geschäftigkeit ohne notierenswerte Ereignisse. Allenfalls wäre zu beklagen gewesen, dass laut Zeitung die Ausfuhr von Kriegswaffen aus Deutschland gestiegen ist, doch möchte ich mich nicht ständig wiederholen.

Abends war leichtes Theatergrummeln zu vernehmen, weil der Liebste zuvor ein wenig Nachbarschaftspflege betrieben hatte. (Nein, keine sexuelle Belustigung.)

Donnerstag: Kennen Sie das, wenn Sie einen Satz oder Begriff hören, den Sie anschließend ständig leise vor sich hin flüstern und dabei jedes Mal kichern müssen? So erging es mir heute, als ich von der „Spielvereinigung Pittenhart e.V.“ Kenntnis erhielt. Was mag dort gespielt werden? Man möchte Mäuschen spielen.

Nicht gespielt sondern echt die Maus bei uns im Haus. Erstmals gesichtet haben wir sie vor einer Woche abends auf unserem Balkon, wie auch immer sie dorthin gelangt ist, sie scheint über beachtliche Kletterkünste zu verfügen. Daraufhin besorgte der Liebste eine Mausefalle – nicht so ein brutales Modell mit Drahtbügel, der mit Federkraft dem armen Tier das Genick bricht, sondern eine für Mausverhältnisse geräumige, fellschonende, durchsichtige Plastikröhre, die sie in Gewahrsam nimmt, auf dass wir sie anschließend unversehrt fern des Hauses in die Freiheit entlassen könnten. Entweder mag sie keinen Käse, keine Nusscreme noch Körner, oder sie ist sehr klug; jedenfalls blieb die Röhre bislang mausmäßig unbetreten, daher nahmen wir schon an, sie hätte den Balkon wieder verlassen. Irrtum: Heute sah der Liebste sie durch das Schlafzimmer huschen, mit wenig Bereitschaft zur Gefangennahme. Das kommt davon, wenn die Balkontür ständig geöffnet ist, aber auf mich hört ja keiner. Nun steht die Falle also im Schlafzimmer. Immerhin geht von ihr keine Unfallgefahr für Zehen aus.

Nachtrag: Am späteren Abend durchquerte die Maus die Küche und verschwand zunächst hinter dem Kühlschrank. Kurz darauf verließ sie durch die geöffnete Balkontür freiwillig die Wohnung. Sicher ist: Sie wird wiederkommen, wenn die Tür das nächste Mal offen steht. Also sehr bald.

Freitag: Als ich morgens als zweiter in die Küche kam, war die Balkontür schon wieder weit geöffnet. Ich erwäge, der Maus im Wohnzimmer eine Ecke einzurichten, mit Futterstelle und Grasfläche, falls sie dauerhaft bei uns wohnen möchte. Vielleicht bringt sie noch ein paar Freunde mit.

Häufigster Satz in Skype-Besprechungen: „……………………. Sorry, ich war noch gemutet.“

Ansonsten gehört: „Wenn man sich mit anderen unterhält, denkt man, das ist so ne Art Psychologie, aber dann verstehen die das und geben einem recht.“

Samstag: „Tsundoku“ ist ein japanisches Wort, es bedeutet, ein frisch gekauftes Buch zu den anderen ungelesenen zu legen. Solches zu tun war mir heute vergönnt, nachdem ich in der Buchhandlung meines Vertrauens nicht ein Buch erstanden habe, sondern vier.

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Sonntag: Das seit März in großen Mengen gekaufte Toilettenpapier geht mit Ablauf dieser Woche zu neige, ab Montag müssen die Deutschen wieder nachkaufen. Das wollen Marktforscher laut Sonntagszeitung herausgefunden haben.

Während des Spaziergangs begegnete mir ein Mädchen auf einem Einrad. Für mich, der ich nicht mal in der Lage bin, freihändig Fahrrad zu fahren, immer noch eines der größten Rätsel. Warum funktioniert das, und wie ist es Menschen möglich, das zu erlernen? Und wer hat sich das ausgedacht? Das erscheint mir wesentlich interessanter als die Klopapierbestände in deutschen Haushalten.

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Ich wünsche Ihnen eine angenehme neue Woche mit ausreichend Toilettenpapier und auch sonst ohne nennenswerte Mängel!

Woche 28: Der Urmeter muss wegen akuter Verkürzung neu definiert werden

Liebe Leserin, lieber Leser, hier mein persönlicher, absolut subjektiver und in keiner Weise maßgeblicher Rückblick auf die Woche vom 6. bis 12. Juli 2020.

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Montag: Letzter Tag auf dem Schiff. Nach kurzem Zwischenhalt in Winningen, einem recht schönen, touristisch nicht allzu überbelichteten Moselort, erreichten wir nachmittags Bonn, wo für uns die Reise endete.

„Genießen Sie die letzten Züge“, sagte der Kreuzfahrtleiter nach Ablegen in Winningen zum überwiegend älteren Publikum. Wie immer war er gekleidet in weißer Hose, weißen Sportschuhen und Polohemd in der türkisen Unternehmensfarbe. In Verbindung mit der Schutzmaske erinnerte er an einen Pfleger, was ja hier nicht völlig abwegig war. „Ich meinte natürlich die letzten Züge Ihres Urlaubs“, fügt er vorsichtshalber hinzu, man weiß ja nie, wer da wieder was in den falschen Hals kriegt.

Das überwiegend osteuropäische Personal an Bord weckte übrigens zum Teil gewisse Assoziationen. Vielleicht habe ich in früheren Jahren einfach zu viele tschechische Pornos gekuckt.

Auf die allerletzte Etappe nach Köln am nächsten Morgen in urlaubsunublicher Frühe verzichteten wir aus naheliegenden Gründen, das Abendessen an Bord nahmen wir selbstverständlich noch mit, ist ja bezahlt.

Fazit: Sehr zu empfehlen, machen wir wieder.

Das vergangene Woche gezeigte Brückenlimbo in Wehlen wurde vom Liebsten hier noch einmal in bewegten Bildern festgehalten.

Dienstag: In Nachschau auf unsere Reise träumte ich vergangene Nacht vom Bordrestaurant. Zum Abendessen wurden Kaninchenhälse angeboten. „Da könnte ich mich reinlegen“, sagte die Tischnachbarin.

„Was Deutschland angeht: Corona ist vorbei. Das Thema ist durch. Ich persönlich bin nicht bereit, bei einer solchen „Infektionslage“ (und so kann man sie ja kaum noch bezeichnen) eine Maske anzuziehen“, schreibt Guido M aus B in einem Leserbrief an den General-Anzeiger. Der Mann hat offenbar die Welt verstanden, nun erklärt er sie allen.

Dazu passend schreibt Frau Nessy:

„Diese seit Jahren zunehmende Erwartung, von jeglichem Ungemach frei zu sein – auf Kosten Anderer. Auf dem Fahrradweg parken, damit man nicht 300 Meter weit laufen muss. Mit dem Auto in die Stadt fahren, weil man den ÖPNV als ranzig empfindet. Drei Flugreisen im Jahr unternehmen, weil man auch wirklich mal ausspannen möchte. Keine Maske im Geschäft tragen, weil es darunter so stickig wird. Dieses wehleidige Gejammer der Privilegierten – ich krieg’n Hals. Setzt eure Masken auf, Desirée und Frank-Dieter! Und wenn ihr schwitzt: Denkt halt an was Kaltes.“

Aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, die ich mit zwei Tagen Verspätung durchblätterte: „Unfallchirurgen schlagen Alarm: Dank der Hochleistungsmedizin überleben immer mehr Schwerverletzte.“ Erschreckend.

Mittwoch: Jair Bolsonaro ist positiv auf Covid-19 getestet worden. Somit einer von zwei Menschen auf der Welt, bei denen ich glaube, es hat den richtigen getroffen; wer der andere ist, können Sie sich vielleicht denken. Wobei, wenn ich darüber nachdenke, fallen mir noch ein paar weitere ein, Deutsche sind nicht unter den Opfern. Was Bolsonaro betrifft, hoffe ich auf ein paar unerquickliche Symptome. Andernfalls stellt er sich hin und behauptet, er habe es ja gleich gesagt, nur eine leichte Erkältung, mehr nicht. Das wäre ein fatales Signal nicht nur für Menschen wie Guido M aus B.

„Hey ich bins, Janine Kunze“, kräht die Frau in der Radioreklame. Früher wusste ich nicht, wie man Janine Kunze schreibt, heute frage ich mich: Wer ist Janine Kunze?

Donnerstag: Kürzlich wütete ich hier über Radfahrer, die während der Fahrt auf ihr Datengerät schauen. Heute sah ich eine Radfahrerin, die in der Fußgängerzone mit beachtlicher Geschwindigkeit neben sich einen großen vierrädrigen Rollkoffer bewegte. Das hat mich dann doch ein wenig beeindruckt.

Im Zusammenhang mit Fahrradunfällen durch Autofahrer, die beim Öffnen der Tür nicht auf Radfahrer achten, las ich zum ersten Mal den Begriff „Dooring“. Wer hat sich das nun wieder ausgedacht?

KW28 - 1 (5)

Mittags brachen wir auf zum Elternkurzbesuch nach Ostwestfalen. Ein Spaziergang mit meiner Mutter führte zu dem Wäldchen nicht weit vom Elternhaus im Bielefelder Osten, wo wir als Kinder gerne hingingen, unbegleitet von Erwachsenen und mobil unerreichbar, von wo wir manchmal erst zum Abendessen zurückkehrten, undenkbar heute. Inzwischen sind die Wege im Wald zugewuchert, anscheinend geht da keiner mehr hin.

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Nach wochenlanger Autobahnabstinenz merkte ich einmal mehr, wie sehr mich das Fahren Rasen und Drängeln auf deutschen Autobahnen anstrengt, auch als Beifahrer. Fragte mich die bekannte Fee nach den drei Wünschen, so trüge ich ihr dieses auf: 1) ein generelles Tempolimit von 120 km/h; 2) strenge Kontrollen des Tempos, der Abstände, der Geräuschentwicklung (letztere vor allem bei Motorrädern und Poseräffchenwagen) und der Benutzung von Datengeräten am Steuer; 3) saftige Strafen bei Verstößen, mindestens Geldstrafen, die richtig wehtun, bis hin zu temporären und dauerhaften Fahrverboten. Unterdessen hörte ich im Autoradio, die kürzlich beschlossene Verschärfung des Bußgeldkataloges wurde ausgesetzt, angeblich wegen Formfehlern. Wann tritt dieser besch Scheuer endlich zurück?

„Fußball lebt durch seine Fans“, erkannte ich aus den Augenwinkeln an einen Brückenpfeiler geschrieben. Spontan fielen mir dazu die Bilder in der Tagesschau neulich ein nach dem Spiel von Werden Bremen, glaube ich, gegen wasweißich, kenne mich da nicht aus und es interessiert mich auch nicht. Jedenfalls ließen die dort gezeigten „Fans“ einige Schlüsse über das „Leben“ des Fußballs zu.

Genug gewütet für heute.

Freitag: Am letzten Urlaubstag verließ ich freiwillig und problemlos um sieben Uhr des Bettes Behaglichkeit und nahm mir eine mehrstündige Alleinzeit, die ich waldwandernd auf der zweiten Etappe des Rheinsteig-Wanderwegs von Königswinter nach Bad Honnef verbrachte. Nach dem Drachenfels fuhren zwei mittelalte* Herren auf Mountainbikes** an mir vorbei, nach einigen hundert Metern hielten sie an und kuckten irgendwas an einem der Räder. Als ich mit kurzem Gruß an ihnen vorbeiging, bemerkte ich, es waren elektrische Fahrräder, wie diese rasenden Elektrorentner sie haben, nur eben als Mountainbike. Was es alles gibt.


* Also unwesentlich älter als ich

** Ein von mir als weitgehend alternativlos akzeptierter Anglizismus. „Bergfahrrad“ klingt jedenfalls ziemlich blöde.

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Ein Männlein grinst im Walde

Samstag: Am frühen Nachmittag besuchte ich das Bonner Stadtmuseum, um mir die Ausstellung „Fotografien aus dem Corona-Alltag“ anzuschauen. Sehenswert.

Auf dem Weg dorthin beobachtete ich die Leute in der Fußgängerzone beim ein-Meter-fünfzig-Abstand-halten. 2020 wird wohl auch als das Jahr in die Geschichte eingehen, in dem der Pariser Urmeter wegen akuter Verkürzung neu definiert werden musste. (Dasselbe gilt für Autos, die Fahrräder überholen.)

Sonntag: Ansonsten gehört und notiert:

„Du brauchst hier gar nicht rumzubrüllen, man bekommt dich ja gar nicht übertönt!“

„Abends werden die alten faul … oder wie heißt das?“

„Bist du allergisch gegen Bienenstich?“ – „Nein, den esse ich ganz gerne.“

„Deswegen geht ihr auch an meine Cremes. Ich sehe aus wie ein Scheißhaus, und ihr habt den perfekten Taint.“

Gelesen im SPIEGEL:

„Eine große Schwäche von mir ist, dass ich mich schwertue, andere Menschen zu ertragen. Vor allem wenn sie in größeren Gruppen auftauchen.“

(Hans Joachim Schellnhuber, Klimaforscher)

Zur aktuellen Rassismusdebatte in Amerika:

„Was wir tun können? Weiterhin diskutieren und nicht automatisch empört sein, wenn jemand eine andere Meinung äußert. Wir werden nie alle einig sein können.“

(Daniel Kehlmann, Schriftsteller)

„Als würde Helene Fischer aus Protest gegen Überfischung auf ihren Nachnamen verzichten.“

***

Ich wünsche Ihnen einen guten Start in eine möglichst angenehme neue Woche.

Woche 27: Einfach nur sitzen und kucken – Brückenlimbo und Silberlocken

Montag: Zwei Wochen Urlaub, wie schön. Entgegen sonstiger Gewohnheit werden wir die Zeit nicht in Südfrankreich verbringen, nicht wegen der Seuche, sondern wegen schlechter Erfahrungen im Vorjahr mit der Hitze, die uns zum vorzeitigen Abbruch zwang. Was wir stattdessen tun, darüber berichte ich ab morgen.

„Es gibt keinen Plan“, ist in diesem Aufsatz zu lesen, den ich Ihnen empfehle. Sein Fazit: „Das heißt, Sie können einfach machen, was immer Sie wollen. Auch wenn es zu Fehlern führt. Das macht überhaupt nichts, denn Sie haben zwar keinen Plan – die anderen alle aber auch nicht. Es fällt nicht weiter auf. Machen Sie einfach irgendwas.“

Womöglich hat unser Nachbar gegenüber den Aufsatz ebenfalls gelesen und verinnerlicht. Von Beruf ist er Lehrer, was keinesfalls ab- oder in sonstiger Weise wertend gemeint ist, vielmehr soll es nur als Erklärung dienen, warum auch er Urlaub hat. Seit Stunden hämmert, sägt und flext er auf seiner Terrasse herum, ohne dass der Zweck seines Tuns erkennbar wäre.

Ob die Verfasserin des umstrittenen Artikels in der „taz“, der die Entsorgung von Polizisten auf Mülldeponien empfiehlt, ebenfalls einen Plan verfolgte oder einfach nur von allen guten Geistern verlassen ist, weiß ich nicht. Dabei gebe ich zu bedenken: Müll landet heute üblicherweise nicht mehr auf Deponien, sondern in Müllverbrennungsanlagen. So weit wollte sie dann vielleicht doch nicht gehen. Laut Zeitungsbericht sieht sie sich inzwischen heftigen Schmähungen und Bedrohungen ausgesetzt. Das heiße ich selbstverständlich nicht gut, kann es allerdings nachvollziehen.

Dienstag: Der Liebste und ich stachen heute in See, oder besser: in Fluss; statt Südfrankreich dieses Jahr eine Woche auf Rhein und Mosel. Ab 14 Uhr war am Bonner Ufer die Einschiffung, ein Wort, das ein wenig an Inkontinenz erinnert, was mit einer gewissen Boshaftigkeit eine passende Überleitung auf das Durchschnittsalter der Mitreisenden wäre, das wie erwartet erkennbar über unserem liegt, oder, wie der Geliebte es in der ihm eigenen Charmanz ausdrücken würde: „Kommen die alle zum Sterben hierher?“

Da unser Schiff, die „Andrea II“, nagelneu ist, wurde sie heute erst getauft. Die Champagnerflasche zerschellte auf Anhieb an der vorgesehenen Stelle, ohne größeren Schaden anzurichten, wodurch die allzeit eine Hand breit Wasser unter dem Kiel hoffentlich mindestens für die nächsten sieben Tage gewährleistet ist.

Zur Sicherheitsbelehrung wurde Sekt gereicht (auch für den Kapitän). Da kann man nicht meckern, was selbstverständlich manche nicht davon abhalten wird, es dennoch zu tun.

Pünktlich um 19 Uhr legten wir ab. Dem Kalenderseitenspruch „Auch jede große Reise beginnt mit einem kleinen Schritt“ folgend endete die erste Etappe bereits nach einer Stunde in Königswinter (nicht davor und nicht dahinter, ha ha), wo wir einen kurzen Landgang auf ein Glas Wein machten.

Bis jetzt zwei kleine Kritikpunkte. Erstens: Zum Essen wurde uns ein Vierertisch zugewiesen, was meiner westfälischen Abneigung, mich mit fremden Leuten unterhalten zu müssen, zuwiderläuft, wobei anzumerken ist, unsere Tischnachbarn, ein Paar aus Bayern, sind sehr nett. Zweitens: Frühstück gibt es nur bis 9:30 Uhr, was ein für Urlaubsverhältnisse unangemessen frühes Aufstehen erfordert.

Nachts um zwei legten wir in Königswinter ab, nächster Halt: Braubach.

Mittwoch: Vergangene Nacht träumte ich erst von intensivem Maschinenlärm im Norden von Gütersloh, der bis Bielefeld zu hören war, dann vom lauten Abbruch eines Wohnblocks neben meinem Elternhaus, begleitet von äußerst lustigen Dialogen der Abbrucharbeiter, die ich leider nicht wiedergeben kann, da vergessen. Interessanterweise spielt noch immer ein großer Teil meiner Träume in Bielefeld, und es wird wohl noch einige Zeit dauern, bis auch die für die Traumerzeugung zuständige Hirnregion endlich im Rheinland ankommt. Grund für die geräuschthematischen Träume war übrigens das recht laute Brummen des Schiffs, das sich nachts stromaufwärts gen Braubach kämpfte. Daran muss ich mich noch etwas gewöhnen, oder zur Schlafvorbereitung ein Glas Wein mehr trinken.

Nach dem Frühstück machten wir einen kurzen Spaziergang durch Braubach, danach begaben wir uns auf das Sonnendeck, wo sich ein Mitreisender darüber empörte, dass kein Kellner heraufkommt. „Dann muss du eben unten bescheid sagen“, sagte seine Begleitung. „Das ist für mich nicht interessant“, seine Antwort. Einer hat halt immer was zu pissen.

Aus der Zeitung: „Jetzt müssen und können wir beweisen, dass Karneval auch ohne Alkohol und laute Musik geht“, sagt die Präsidentin des Festausschusses Bonner Karneval. Karneval ohne Alkohol und Musik. Das ist einen Tusch wert, wenn nicht gar eine Rakete.

Gegen zwölf Abfahrt nach Rüdesheim. Alle paar Meter eine Burg oder Ruine, dazu Erklärungen aus dem Bordlautsprecher. Wenn man hört, wann die von wem und wozu errichtet und wieder zerstört wurden, kann man nur zu dem Schluss kommen, früher waren die Menschen nicht weniger bekloppt als heute, nur anders.

Erkenntnis zu Rüdesheim: Wenn in ohnehin deprimierenden Touristenorten die Touristen ausbleiben, wirken sie nochmal so deprimierend. Dennoch hielten wir Einkehr für einen vorzüglichen Riesling.

(Die berühmte, sonst menschendurchtoste Drosselgasse)

Das Fotografierverbot, das ich erst jetzt bemerke, könnte ein Hinweis darauf sein, wie sehr man sich selbst schämt, so einen Unrat zu verkaufen.

Donnerstag: In den frühen Morgenstunden fuhr das Schiff nach Koblenz, wo es am Peter-Altmeier-Ufer festmachte. Falls Sie sich wundern wie ich zunächst: Nicht der amtierende Wirtschaftsminister ist Namensgeber, sondern ein früherer Ministerpräsident, wie der Liebste zu recherchieren so freundlich war.

Ansonsten gehen in Koblenz die Uhren anders.

Mittags setzten wir die Reise fort über die Mosel bis Cochem. Ich kann stundenlang oben auf dem Aussichtsdeck sitzen und, ob sonnenbestrahlt oder windumpustet, nichts weiter tun als in die Gegend zu kucken. Wenn man damit Geld verdienen könnte, gerne auch hauptberuflich.

Im Übrigen gilt für die touristische Attraktivität von Cochem ähnliches wie für Rüdesheim. Grundsätzlich sind das schöne Orte. Leider wurden deren Grelle und Lautstärke viel zu weit aufgedreht.

Freitag: Am Morgen Weiterfahrt in Richtung Trier. Einfach nur sitzen und kucken.

(Brückenlimbo in Bullay)

Eine Runde Extrem-Brückenlimbo in Wehlen:

Die Präzision, mit welcher der Schiffsführer die zahlreichen Schleusen durchfährt mit jeweils nur wenigen Zentimetern Platz zu den Seiten, ist bewundernswert. Vermutlich würde er auch ziemlich großen Ärger mit dem Eigner bekommen, wenn er in das neue Schiff eine Macke fährt.

Ankunft im Industriehafen zu Trier zwei Stunden vor Plan. Auch schön hier.

Samstag: Hier und da Unmutsäußerungen der Mitreisenden ob des wenig pittoresken Liegeplatzes im Hafen, fern der Trierer Innenstadt, die immerhin mit einem vom Veranstalter organisierten Bustransfer zu erreichen ist. Oder: „Aufstand der Silberlocken“, wie der Liebste es treffend ausdrückt.

Mir bereitet es unterdessen keinerlei Verstimmung, wenn beim Sitzen und Kucken der Blick nur auf ein Hafenbecken mit wenig Betrieb fällt. „Hafen Trier – unser Hafen bringts!“, steht an einem hohen Bunker. Ein Satz, der zum Nachdenken anregt.

Nachmittags Bus-Ausflug nach Luxemburg. Augenscheinlich eine sehr schöne Stadt, die wir nochmals besuchen wollen, gerne auch ohne eine geführte Tour, also mit mehr sehen, weniger hören. Bei Stadtführungen wird für für meinen Geschmack ja generell zu viel erzählt und zu wenig gegangen. Alle paar hundert Meter bleibt man stehen, da ist dann irgendein bedeutendes Bauwerk, eine geschichtsträchtige Gaststätte, eine wichtige Kirche oder ein Denkmal, und man wird mit wenig merkenswerten Fakten beworfen. Immerhin weiß ich nun, dass die Luxemburgische Flagge rot-weiß-himmelblau ist. Himmel-, nicht hellblau; hellblau kann ja jeder.

Sonntag: Aufgewacht in Bernkastel-Kues, wo freundlicherweise schon für uns geflaggt wurde.

Das Wetter zeigte sich zunächst leicht betrübt, die persönliche Stimmung indessen bestens.

Weinanbau, so weit das Auge reicht. Wie würde man das einem Außerirdischen erklären?

Wurde eigentlich schon untersucht, warum einander fremde Menschen winken, sobald sich ein Teil von ihnen auf einem Schiff befindet?

Woche 26: Dünenunkenntnis ist ein leicht zu behebender Mangel

Montag: Infolge eines noch nicht genauer erforschten Naturgesetzes gibt es immer dann, wenn ich mich morgens für ein weißes Hemd entschieden habe, was eher die Ausnahme ist, in der Kantine etwas mit roter Soße, heute Spaghetti Bolognese. Durch geschickte Wahl des weniger farbintensiven Gnocchi-Gerichts konnte Schlimmeres vermieden werden.

Viele Menschen, so auch ich, stören sich regelmäßig am unnötigen Gebrauch von Anglizismen. Für Vermeider französischer Begriffe (by the way bzw. au fait: Wie nennt man die, Franzismen?) entdeckte ich erst heute eine bereits am vergangenen Freitag bekanntgegebene wunderbare Liste mit deutschen Entsprechungen.  Eine Auswahl:

Aubergine: Schaumgurke

Fetischist: Sonderlüstling

Friseur: Schopfgärtner

Hommage: Beschleimigung

Parfüm: Riechwürze

Quarantäne: Siechhaft

Rosé: Rötelwein

Sommelier: Rebenschwelger

Voyeur: Brunftzeuge

Nun habe ich doch mal nachgeschaut. Man nennt sie Gallismen oder Französismen. Wieder was gelernt.

In der Zeitung steht heute: „Sicher ist jedoch, dass das Coronavirus uns nicht mehr verlassen wird.“ Ein wenig erschrecke ich über mich selbst, weil ich das aus Sicht meiner eigenen Bequemlichkeit nicht ausschließlich schlecht finde.

Zum Thema Anglizismenwut: Abends rief meine Mutter (83) an, die in Bielefeld wohnt, kommende Woche einen Arztbesuch in Gütersloh hat und aufgrund der dortigen Entwicklungen wissen wollte, was Lockdown, Shotdown und Hotspot bedeuten. Das sagt einiges über den weitgehend akzeptierten Umgang mit unserer Sprache aus.

Dienstag: Gedanke während einer Skypekonferenz am (für meine Verhältnisse) frühen Morgen: Was kann langweiliger sein als umfangreiche Excel-Dateien voller Zahlen?

Menschen in der Kantine. Aus bekannten Gründen stehen an den Tischreihen, wo sonst acht Hungrige Platz finden, nur zwei Stühle in großem Abstand. Das hält manche nicht davon ab, Stühle vom Nachbartisch zu ziehen und sich zu dritt oder viert an den Tisch zu setzen, am besten direkt gegenüber, wie soll man sich sonst beim Essen unterhalten. Wenn dann der Mann vom Sicherheitsdienst kommt und sie freundlich auf die geltenden Abstandsregeln hinweist, schauen sie völlig empört. Ist das wirklich so schwierig?

Derweil wurden aus gegebenem Anlass in den Kreisen Gütersloh und Warendorf die Kontaktbeschränkungen wieder verschärft, nennen Sie es Lock- oder Shutdown, völlig wurscht (ha ha, kleines Wortspiel, Sie wissen schon). Vielleicht auch, weil Menschen beim Essen billigen Fleisches unbedingt gegenüber sitzen mussten.

Mittwoch: Nach ungezählten Wochen und vorläufig voraussichtlich zum letzten Mal fuhr ich abends mal wieder mit der Bahn nach Köln. Was mir dabei auffiel: 1) Nördlich des Bonner Hauptbahnhofs gibt es jetzt ein Autokino. Das war mir bislang entgangen, zumal mir ein Aufenthalt darin innerhalb wie außerhalb kontaktarmer Zeiten wenig reizvoll erscheint und ich nicht annehme, es könne mir Genuss und Vergnügen bereiten, durch die Windschutzscheibe des Autos einen Film, ein Konzert oder was auch immer für eine Veranstaltung anzuschauen. – 2) Die Stadtbahnhaltestelle „Tannenbusch Süd“ wurde umbenannt in „Tannenbusch Düne“. Für Nicht-Bonner: Im ansonsten wenig pittoresken Stadtteil Tannenbusch (der Name trügt – statt Nadelholz überwiegt hier Beton) gibt es eine richtige Düne, wobei ich es in den nunmehr über zwanzig Jahren, die ich in Bonn wohne, immer noch nicht geschafft habe, sie mir mal anzuschauen. Kommt mit auf die Liste der Dinge, die ich irgendwann erledigen will. – 3) Die Gleisbaufirma, die am Bahnhof Roisdorf residiert, hat ein neues Gleis. Wäre ja auch ein zweifelhaftes Renommee für eine Gleisbaufirma, wenn sie ihre Baumaschinen und Waggons auf krummen, rostigen Schienen präsentierte.

Ansonsten war es in Köln ganz schön; was zu erledigen war, wurde zu meiner vollen Zufriedenheit erledigt.

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An die Wand des Abgangs zur Bonner Stadtbahn hat einer was geschrieben:

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Falls Sie es nicht lesen können, dort steht in für Wandbeschriftungen bemerkenswerter Fehlerfreiheit: „Krass, dass du dir die Zeit nimmst, das hier zu lesen. Viele sehen ihre Umgebung gar nicht mehr.“ Darin steckt jedenfalls mehr Wahrheit und Niveau als in dem während meiner Jugend sich größerer Beliebtheit erfreuenden „Wer das liest ist doof“.

Donnerstag: Ein beliebter Hinweis unter Mailsignaturen lautet in etwa so: „Bitte denken Sie an Ihre Verantwortung für die Umwelt, bevor Sie diese Nachricht ausdrucken.“ Aus gegebenem Anlass erwäge ich einen anderen Signaturzusatz: „Bitte denken Sie an die Nerven Ihrer Mitmenschen, bevor Sie auf »Allen antworten« drücken.“

Heute mal kein Alkohol, so der Vorsatz am Morgen, seit Tagen. Interessanterweise war dann abends doch wieder eine Flasche Rosé geleert. Andererseits, jeden Samstag zum Altglascontainer zu latschen gibt dem Leben ja auch eine Struktur.

Während wir in sommerlicher Balkon-Abendmilde die vorstehend genannte Flasche leerten, grillten die Nachbarn, wobei schwer zu beurteilen war, um welche Art Grillgut es sich handelte. Dem Geruch nach Kuhfladen an Autoreifenfilets.

Zu meiner Freude flatterte die Fledermaus wieder ums Haus. Ich war schon in Sorge, jemand hätte ihr was angetan; Fledermäuse sind zurzeit ja arg bezichtigt.

Freitag: Laut Zeitung werden zwei Corona-Testergebnisse in Gütersloh als „leicht positiv“ bewertet. Was heißt das nun wieder?

„Ich habe fast doppelt so viele Pakete hinten drin wie sonst“, zitiert die Bild der Frau einen Zusteller.

Ich halte mich für absolut friedfertig, einen der friedlichsten Menschen auf der Welt, zudem überzeugter Pazifist bis auf die Knochen. Wenn ich jedoch, wie heute Mittag, so einen Tuppes sehe, der beim Radfahren auf sein Datengerät schaut, möchte ich ihn erst anschreien und dann vom Fahrrad treten. Mache ich natürlich nicht, siehe oben.

Samstag: Meine Friedfertigkeit legte eine kurze Pause ein, als ich am Altglascontainer einen Mann beobachtete, der in Begleitung eines kleinen Jungen die zerbrochene Scheibe aus einem Bilderrahmen herauspulte und die Scherben in den Behälter (immerhin den für Weißglas) einwarf *, anschließend legte er den entglasten Rahmen auf dem Container ab. Auf meinen Hinweis, er könne das auch im Müll entsorgen, reagierte er sehr ungehalten, natürlich mache er das, er sei ja noch nicht fertig, was ich überhaupt wolle, also wirklich, das ist ja wohl … und so weiter, kaum zu beruhigen, der Gute. Vielleicht war mein Ton nicht so freundlich ausgefallen wie beabsichtigt, was ich nicht ausschließen kann, in diesem Fall bitte ich ausdrücklich um Verzeihung; vielleicht wollte er sich im Beisein seine Sohnes nicht von einem Fremden maßregeln lassen; vielleicht fühlte er sich ertappt. Den Rahmenrest warf er anschließend in die nächste Mülltonne. Geht doch.


* Hier will ich nicht kleinlich sein, streng genommen gehören derartige Scherben nicht in den Altglascontainer, auch nicht ins Weißglas

Im SPIEGEL heute ein Bild von Friedrich M.

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Bemerken Sie die Komik?

Das vierte Paket des Tages erreichte uns heute übrigens schon um 15 Uhr, vgl. letzte Woche Samstag.

Aus der Reihe Sprichwort-Variationen des Geliebten: „Abends werden die Alten faul.“

Sonntag: Gar nicht faul war ich heute. Da die am Mittwoch beschriebene Dünenunkenntnis ein leicht zu behebender Mangel war, entschied ich heute spontan, den Sonntagsspaziergang nach Tannenbusch zu machen.

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Wenngleich die Erhebung nur wenig Ähnlichkeit mit ihren großen Schwestern auf Wangerooge, Föhr und Gran Canaria hat, weist sie doch einiges an Idylle auf.

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Sie ist der Rest eines Dünengebiets, das vor etwa elftausend Jahren am Ende der Eiszeit aus angewehtem Rheinsand entstanden ist, daher ist sie als Naturschutzgebiet ausgewiesen. Bei Interesse an weiteren Informationen bitte hier entlang.

Übrigens möchte ich den Stadtteil Tannenbusch aufgrund meiner am Mittwoch geäußerten Despektierlichkeiten bezüglich seiner Schönheit um Verzeihung bitten. Wie ich heute feststellte, gibt es dort, auch außerhalb der Düne, durchaus hübsch zu nennende Straßenzüge mit viel Grün.

Seit einer Woche haben wir Sommer. Die Tage werden nun wieder kürzer. Wenn Weihnachtsmarkt wäre, wäre bald Weihnachtsmarkt.

Woche 25: In artgerechter Haltung

Montag: Vergangene Woche ließ ich mich ein wenig über Businesskasper aus. Hierzu ein sehenswerter Nachtrag, vielen Dank an Frau Kraulquappe dafür.

„Für mich fein“ schrieb mir heute ein Businesskasper lieber Kollege. Nach meiner Antwort „Das ist fein“ merkte er es selbst.

Ansonsten muss ein Montag nicht grundsätzlich schlecht sein. Eine gute Nachricht des Chefs hob meine persönliche Tageslaune erheblich.

Eine örtliche Partei wirbt anlässlich der bevorstehenden Kommunalwahl mit der Inaussichtstellung von „Sicherheit und Sauberkeit“ um Stimmen. Ich weiß ja nicht, klingt ein wenig nach „Zucht und Ordnung“ oder schlimmerem.

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Wobei ich die Werbung einer anderen, zurzeit noch etwas größeren Partei auch nicht besonders überzeugend finde. Wie, was machen? Was macht das mit mir?

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Dienstag: Nachdem es seit gestern wieder möglich ist, machten sich die Nachbarn heute auf den Weg zu ihrem Haus in Südfrankreich. Mit ihnen, vielleicht im Handschuhfach, eine ganz kleine Prise Neid meinerseits, wobei ich ihnen die Reise und den Aufenthalt dort ohne jede Einschränkung gönne.

Am Abend auf der Rückfahrt vom Werk wurde ich vom Regen etwas nass, was meine nach wie vor ausgezeichnete Laune nicht zu trüben vermochte. Dafür fand ich daheim meine Lieblingsmenschen ohne erkennbaren Grund übellaunig vor. Ich erkläre mich unschuldig daran. Während der eine seine Verstimmung mit dem Staubsauger bekämpfte, ging der andere einkaufen. Ich verschanzte mich unterdessen in meinem Zimmer und notierte vorstehendes. Jeder hat so seine Strategie, atmosphärischen Störungen zu begegnen.

Mittwoch: Der Regen hat aufgehört, es bleibt trübe. Während der Fahrt ins Werk sah ich auf der anderen Straßenseite einen mit Sonnenbrille. Affiger als das Tragen von Sonnenbrillen ist wohl nur, es ohne Sonnenschein zu tun, oder in geschlossenen Räumen.

Der innerhäusliche Mistral hat sich erfreulicherweise auch wieder einigermaßen gelegt.

„anyway“ sagt einer. Sei es drum.

Chorproben sind noch bis mindestens Ende August nicht möglich, erfahre ich. Anyway.

Chorproben würden der Singstar-Krähe von gegenüber vermutlich auch nicht helfen. Am frühen Abend kreischte sie solo Fetzen eines unerkannten Liedes in die Siedlung.

Später kam es erneut zu nennenswerten meteorologischen Unruhen mit Blitz und Donner. Zum Glück nur draußen.

Donnerstag: Abends besuchte uns eine Taube. Sie betrat die Wohnung durch die geöffnete Balkontür, durchquerte zu Fuß unbemerkt die Küche und kam ins Wohnzimmer, wo ich auf dem Sofa in Lektüre vertieft war. Als wir uns gegenseitig bemerkten und etwa gleichzeitig erschraken, begann sie wild zu flattern, ihre Flucht nach draußen scheiterte jedoch an der geschossenen Fensterscheibe vorne raus, und auf die Idee, die Wohnung einfach wieder durch die Küche und die Balkontür zu verlassen, kam sie augenscheinlich nicht. Dabei las ich mal, Tauben seien sehr klug; vermutlich gibt es auch da, wie bei uns Menschen, solche und solche. Schließlich ergriff der Geliebte die Initiative und den Vogel und setzte ihn durch das Fenster an die Luft. Der Grund ihres Besuches blieb unbekannt. Hoffentlich ist sie gut nach Hause gekommen.

Interessante Entwicklung in der Fernsehreklame: Die reifere Dame, die im Beisein ihrer vorlauten vermeintlichen Enkeltochter für ein Darmbeschwerden linderndes Mittel wirbt, sagt nicht mehr „Für die Kleine war ich gar nicht mehr die Alte“. Anscheinend haben sie es gemerkt.

Freitag: Besonders aufregend war der Tag nicht, jedenfalls nicht für mich. Für die Karstadt-Mitarbeiter hingegen schon: Wie ihnen abends mitgeteilt wurde, ist ihr Bonner Kaufhaus eins von denen, die geschlossen werden. Das tut mir sehr leid. Bei solchen Nachrichten wird mir bewusst: Meine heile Welt ist ein sehr fragiler Planet ist, der jederzeit untergehen kann.

„Du machst so lange, bis der Kelch am Brunnen bricht.“ Mit Sprichwörtern hat es der Geliebte nicht so, was immer wieder zu notierenswerten Varianten führt.

Samstag: Während die Mitarbeiter der Kaufhäuser ihre Jobs verlieren oder darum bangen, erhielten wir im Laufe des Tages (Stand 17:14 Uhr) vier Pakete von vier Paketdiensten zugestellt. Irgendwas läuft schief.

Sonntag: Die meiste Zeit des Tages verbrachte ich in artgerechter Haltung im Liegestuhl auf dem Balkon, wo ich in der FAS diesen schönen Satz las und ihn sogleich notierte: „An den meisten Stränden gilt spärliche Bekleidung schon lange als banal und unter sittlichen, wenn auch nicht immer unter ästhetischen Vorzeichen als unproblematisch.“ Ähnliches gilt für Fußgängerzonen, sei ergänzt.

Woche 24: Schiefe Bilder und seltsame Erscheinungen

Montag: Aus der beliebten Reihe Schiefe Bilder: „Das ist schon in der Pipeline eingestielt“, sagt jemand in der Besprechung. Ein anderer sagt zum Abschied „Okidoki“. Jedesmal wenn jemand „Okidoki“ sagt, stirbt irgendwo ein Phrasenkasper.

Während der Rückfahrt vom Werk wurde ich am Rheinufer geblitzt, bei mittlerer Geschwindigkeit auf dem Fahrrad, von so einer mobilen Blitzanlage im Gebüsch am Radweg, deren Standorte absurderweise wöchentlich in der Zeitung veröffentlicht werden. Auf das Knöllchen bin ich gespannt.

Ansonsten hat der Liebste unseren Urlaub gebucht, eine Flusskreuzfahrt auf Rhein und Mosel. Wenngleich nicht unwahrscheinlich ist, dass wir durch unsere Teilnahme das Durchschnittsalter an Bord um ungefähr fünf Minuten senken werden, so freue ich mich doch sehr darauf.

Dienstag: Vergangene Nacht träumte ich von einer Wohnung, vollgestopft mit tausenden von Büchern, Heften und losen Blättern; ob es meine eigene war oder die meiner Eltern oder eine ganz andere, ist schwer zu sagen, sowas wechselt in Träumen ja oft minütlich. Ich war auf der Suche nach einigen bestimmten Büchern, die ich mal gekauft, aber noch nicht gelesen habe, um sie demnächst mit in den Urlaub zu nehmen. Eins davon hieß, soweit ich mich erinnere, „Mein Leben mit Harald“, wer auch immer Harald ist; die mir bekannten Personen dieses Namens sind sehr angenehme Menschen, als literarische Figuren indes nur bedingt geeignet. Neben Büchern fand ich in der Wohnung übrigens größere Mengen an in Klarsichtfolie abgepackten Roastbeefscheiben, laut Aufschrift haltbar bis Oktober 2010, äußerlich jedoch noch von rosiger Färbung und gut erhalten. Falls Sie ein Talent für Traumdeutungen haben und Vorstehendes zu erklären wissen, schreiben Sie bitte eine Nachricht.

Aus einem Gespräch des SPIEGEL mit der Historikerin Jill Lepore:

Die traut sich was.

Außerdem fragt der SPIEGEL: „Was macht das An­geln mit dem Ang­ler?“ Antwort A: Fischers Fritz fischt frische Fische. Oder Antwort B: Düdüüü düdüdü.

Im Zusammenhang mit der Entscheidung des Bundesverfassungsgericht darüber, inwieweit der Innenminister die AfD beschimpfen darf, habe ich ein (mir) neues Wort gehört: „Meinungskampf“. Es passt gut in die Zeit, da alle meinen, irgendwas meinen und kundtun zu müssen, und abweichende Meinungen umgehend auf Empörnis stoßen.

Mittwoch: §1 Absatz 1 Coronaschutzverordnung des Landes Nordrhein-Westfalen:

„Jede in die Grundregeln des Infektionsschutzes einsichtsfähige Person ist verpflichtet, sich im öffentlichen Raum so zu verhalten, dass sie sich und andere keinen vermeidbaren Infektionsgefahren aussetzt.“

Die Menschen draußen hingegen demonstrieren und pfeifen auf Abstandhalten, als wollten sie die zweite Welle auf keinen Fall verpassen. Im Werk geht unterdessen alles seine geregelten Wege.

Wahrscheinlich beschrieb ich es schon mal, als Chronist des Alltäglichen verliert man ja manchmal den Überblick, ob man etwas schon notierte oder nur dachte: Viren treten nicht nur als biogene Kleinstkörper auf, sondern auch in verbaler Form, sie breiten sich besonders in Besprechungen aus. Ein Teilnehmer wirft ein bestimmtes, zumeist überflüssiges Wort in den Raum, rasch springt es auf andere über, und bald wird kein Satz mehr gesagt, in dem es nicht vorkommt. Verbreitete Verbalviren sind: „quasi“ und „tatsächlich“, eine bekannte Mutationen ist „genau“. Ein Impfstoff ist nicht in Aussicht. Warum ich das (erneut) schreibe: Heute rutschte mir in einer Besprechung dieses Füll-„tatsächlich“ raus, woraufhin ich mir am liebsten die Zunge abgebissen hätte. Hat aber wohl keiner gemerkt.

Donnerstag: Feiertag, die Christen feiern wieder „Fronleichnam“, weil Jesus vor gut achthundert Jahren einer Nonnen erschienen sein soll, um sie darauf hinzuweisen, im Kirchenjahr fehle noch ein Feiertag, weiß der Himmel. Vielleicht lag es auch nur am Messwein, den die Gute zuvor in unbekömmlicher Menge gekostet hatte, danach hat man ja schon mal seltsame Erscheinungen. Wie auch immer – bemerkenswerterweise beschert uns dieses Märchen bis heute einen arbeitsfreien Donnerstag, wer wollte das beklagen, im Gegenteil: Jesus dürfte gerne öfter erscheinen, ein paar weitere Feiertage würde mein Jahr ganz gut vertragen.

Diejenigen, die nicht feiern oder wie ich zu faul sind für nennenswerte Aktivitäten, würden heute normalerweise zum Einkaufen in benachbarte (Bundes-)Länder fahren, weil das, was wir „Wohlstand“ nennen, nun einmal im Wesentlichen darauf basiert, möglichst viel Zeug zu kaufen, das man nicht benötigt. Jetzt wäre Gelegenheit, darüber nachzudenken, ob das für immer so bleiben muss, stattdessen wünschen sich viele nichts sehnlicher zurück als genau das. Eine Lösung dafür weiß ich auch nicht.

Freitag: Man informiert übrigens nicht mehr, sondern man „teilt“, so wie Sankt Martin den Mantel, Jesus Fische und Brot und der heilige Sankt Nikolaus die Schokoladenfiguren.

„Alle für alle“ teilt das große Flugzäpfchen, das dieser Tage über Bonn seine Runden dreht.

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Samstag: Der Gebrauch von Anglizismen in Businesskasperkreisen* wird hier regelmäßig belästert. Aber auch manche Verfasser* von mir regelmäßig und gerne gelesenen Blogs (ich vermeide bewusst den Begriff „Kollegen*“, das wäre vermessen, es sind zum Teil echte Bloggrößen mit großer Leserschaft*, nicht so Kleinschreiber wie ich, was man mir bitte nicht als Neid auslegen möchte, ich bin tatsächlich sehr zufrieden) flechten immer wieder englische Einsprengsel in ihre ansonsten lesenswerten, auf Deutsch verfassten Texte ein. Warum tun die das? I do not like that.

* Einige von ihnen haben es sich zudem zur Gewohnheit gemacht, stets die weibliche Form zu nutzen, wenn sie beides meinen, also zum Beispiel „Leserinnen“ statt „~innen“ und „~er“. Damit setzen sie ein Zeichen gegen das hergebrachte und durch nichts zu rechtfertigende General-Maskulinum, was ich durchaus nachvollziehbar und sympathisch finde, zumal leserlicher als Binnen-I, -Sternchen und ähnliche Inklusionsformen. Dennoch sehen Sie es mir bitte nach, wenn ich mich ihnen diesbezüglich nicht anschließe.

Sonntag: „Lästig sind all jene, die wir nicht ignorieren können, selbst wenn wir es wollen“, zitiert die PSYCHOLOGIE HEUTE den amerikanischen Psychologen Joe Palca zum Thema Dinge, die uns auf die Nerven gehen.

Ansonsten gilt: Besuch am Sonntag ist besonders willkommen, wenn er woanders stattfindet.