Woche 19: Schädliche Zurückhaltung und zweifelhafte Charaktere

Montag: Die Vorsitzende des Verbandes der Deutschen Automobilindustrie heißt Hildegard Müller, womit widerlegt ist, man benötige einen ungewöhnlichen Namen, um es im Leben zu was zu bringen. Laut Zeitungsbericht findet Frau Müller, wir müssten mehr Autos kaufen, dazu fordert sie staatliche Kaufprämien für Kraftfahrzeuge. Andernfalls drohe „eine für die Industrie schädliche Zurückhaltung der Konsumenten“. Schöner kann man die Perversion unserer Konsumkultur kaum auf den Punkt bringen.

Die Bestellbestätigungsmail der Kantine endet mit „Bleiben Sie gesund“. Einen Zusammenhang mit der Qualität der Speisen unterstelle ich nicht, kann ihn aber nicht völlig ausschließen.

Lockerungen auch im Bundesviertel: Der Altkanzler kann wieder unmaskiert das Brausen der Bundesstraße betrachten, vgl. Eintrag vom vergangenen Montag.

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Dienstag: Schädliche Zurückhaltung der Konsumenten muss die Rüstungsindustrie nicht beklagen, irgendwo ist schließlich immer Krieg – die deutschen Kriegswaffenexporte sind um vierzig Prozent gestiegen, vermutlich ohne staatliche Kaufprämien. Da staunen die armen Autohersteller. Vielleicht sollten sie Panzer und Kampfflugzeuge ins Programm aufnehmen, am besten mit umweltschonenden Elektroantrieben.

Vorschlag für das Unwort des Jahres: „Nukleare Teilhabe“.

Abends war ich beim Friseur, der mich abwechselnd siezte und duzte, was mich nicht störte, das Ergebnis ist trotz Maskenpflicht zufriedenstellend ausgefallen. Neben mir wurden einem kleinen Jungen die Haare geschnitten. Ich nehme an, er saß nur deshalb still, weil Mami währenddessen vor seinen Augen einen Film vom Telefon abspielte.

Mittwoch: Seit geraumer Zeit fahre ich mit dem Fahrrad ins Werk, dabei führt mich der Weg morgens am Hofgarten vorbei durch die Stockenstraße zur Adenauerallee/B9, die Einmündung ist ampelbewehrt. Bislang wechselte die Ampel jeden Morgen genau in dem Moment auf grün und ermöglichte so ein haltloses Einbiegen in die B9, wenn ich mich ihr auf wenige Meter genähert hatte; kurz nachdem ich die in den Asphalt eingelassene Kontaktschleife passierte, wechselte das Licht mit großer Verlässlichkeit zu meinen Gunsten. Wechselte, Präteritum, Vergangenheit: Seit zwei Tagen bleibt die Ampel rot und zwingt mich zum Halten (im Gegensatz zu den meisten anderen Radfahrern, die derartiges Leuchten ignorieren beziehungsweise als nicht ernst zu nehmenden Vorschlag auffassen, halte ich wirklich vor roten Ampeln, auch wenn mir dadurch verständnislose Blicke und manchmal Verwünschungen sicher sind). Ich beklage das nicht, nehme Momente des Wartens dankbar an, man wird ja nicht jünger. Außerdem wird sie ihre Gründe haben.

„Gerade jetzt ist Mundhygiene besonders wichtig“, sagt der Mann in der Reklame. Warum gerade jetzt und sonst nicht so, sagt er nicht.

Donnerstag: „Florian Schneider ist tot“, lässt mich der Geliebte am frühen Morgen kurz nach dem Zähneputzen (Mundhygiene ist wichtig) wissen. In vorübergehender Unkenntnis darüber, wer das ist beziehungsweise war, zumal die Glut meiner Verehrung für die Gruppe Kraftwerk allenfalls ein fernes, schwaches Glimmen ist, und der unzutreffenden Annahme, es handelte sich hierbei aufgrund des Namens um einen jüngeren Mann, gab ich zur Antwort: „Ja ja, die Guten gehen immer zuerst.“ – „Na dann haben wir an dir ja noch länger was“, so der Geliebte. Das kommt alles auf die Lorbas-Liste, die ich irgendwann anlegen werden.

Freitag: Hochzeitstag – seit nunmehr achtzehn Jahren bin ich glücklich verheiratet. Von Herzen danke ich dem Liebsten, dass er es immer noch mit mir aushält und mich nicht längst vom Hof gejagt hat; rückblickend, ohne ins Detail zu gehen, hätte er vielleicht den einen oder anderen Grund dazu gehabt. (Bitte denken Sie sich hier eine geigenschwangere Kussszene.) Der achtzehnte Hochzeitstag heißt übrigens Türkishochzeit. „Der Halbedelstein gilt als Schutzstein und soll Verführungen von der Ehe fernhalten“, lese ich dazu. Möge er dabei weiterhin erfolgreich sein.

In der Mittagspause sah ich einen, der in sommerlicher Freizeitkleidung einen Kinderwagen schob und in sein Kabeldings sagte: „Die Agenda habe ich noch nicht erhalten, aber die IT macht langsam Druck.“ Das nennt man wohl Parkoffice.

Fünfundsiebzig Jahre Kriegsende (oder Kapitulation, Befreiung; zweifelhafte Charaktere sprechen auch von Niederlage). Immer das gleiche Bild bei den zu solchen Anlässen üblichen Kranzniederlegungen: Politiker schreiten zu dem bereits niedergelegten Kranz, bücken sich und zupfen an den Schleifen herum, jedesmal, immer. Ist das eine Art Übersprungshandlung, oder legen die Helfer die Kränze zuvor bewusst unordentlich aus, damit die Politiker während des Gedenkens Beschäftigung vorweisen können?

Samstag: Eine echte und sinnvolle Innovation, nicht nur in viruslastigen Zeiten, wären Mundschutzmasken in schalldichter Ausführung, vor allem in Verbindung mit einer gesetzlichen Tragepflicht für bestimmte Personen. Um juristische Imponderabilien zu vermeiden verzichte ich darauf, Namen zu nennen, obschon mir spontan einige einfielen.

Sonntag: Da mich der Geliebte einer gewissen Geschwätzigkeit hier im Blog bezichtigt, verzichte ich für heute auf weitere Ausführungen.

 

Woche 18: Detonierende Detraktoren und Humus auf die Faust

Montag: Nach langem, verstörendem Traum mit mehreren Fortsetzungen und ständig sich wandelnden Fakten, dessen Inhalt ich nicht wiedergegeben könnte (so weit ich mich erinnere ging es um viel Geld und die Suche nach einem Schuldigen), bin ich fast froh, dass die Nacht vorüber ist und eine neue Woche grüßt. Aber eben nur fast, geht es doch im Werk oft auch um viel Geld und Fingerpointing, auch wenn letzteres gerne und regelmäßig bestritten wird.

„Normalerweise sind wir Experten darin, unsere Kunden auf allen Ebenen zu verwöhnen“, schreibt der Friseursalon meines Vertrauens. Bislang nahm ich seine Dienste vornehmlich zum Haarschnitt in Anspruch, bin allerdings gerne bereit für neue Erfahrungen auf anderen Ebenen.

In einem Zeitungsbericht über Brandanschläge auf Funkmasten lese ich „Täter mit mobilfunkkritischem Hintergrund“, welch wunderbares Wort. Ich frage mich, was an den Dingern brennen kann und wie man die bei entsprechender Entzündungsabsicht in Brand setzt, also wirklich nur interessehalber, nicht dass sie denken, ich würde aufgrund meines nicht zu leugnenden mobilfunkkritischen Hintergrundes derartiges erwägen oder auch nur gutheißen.

Auf der Rückfahrt vom Werk sah ich den maskierten Altbundeskanzler, fuhr zunächst mit dem Fahrrad daran vorbei, kehrte um und machte ein Foto, das ich Ihnen hiermit zur Kenntnis gebe.

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Augenscheinlich vermuten übrigens viele den Hauptzweck solcher Masken darin, das Kinn zu schützen.

Seit nun genau einem Jahr rauche ich nicht mehr, das sollte auch mal Erwähnung finden. Ansonsten ist dazu bereits alles geschrieben, daran hat sich im Wesentlichen nichts geändert.

Dienstag: „Dieser 30. April kommt zu früh“, wird Regierungssprecher Seibert in der Zeitung zitiert. Wann käme ihm der 30. April denn gelegener, vielleicht Mitte Juli?

Mittwoch: Es ist wohl ein Merkmal beneidenswerter Gemütsruhe, wenn jemand dreiundzwanzig Minuten nach dem geplanten Ende einer für eine halbe Stunde angesetzten Besprechung sagt: „Wir haben schon ein wenig überzogen.“

Donnerstag: So langsam wird es Zeit, dass die Friseure wieder öffnen, zunehmend verweigern sich die Haare jeglicher Infrisurnahme.

Im Fernsehen äußert sich die Sprecherin der FDP für Verteidigungs- und Kommunalpolitik mit dem wundervollen Doppel-Doppelnamen Marie-Agnes Strack-Zimmermann zu irgendwas, das mir schon wieder entfallen ist. Ebenfalls entfallen ist mir, wo ich kürzlich den nicht minder interessanten Namen Kai Kreisköther las, soweit ich mich erinnere, ist er Sprecher oder Vorsitzender oder beides irgendeines Verbandes, natürlich könnte ich das jetzt recherchieren. Womöglich war der Weg seiner Kindheit aufgrund des Namens von zahlreichen Despektierlichkeiten gesäumt, andererseits ist es wohl der Sprecher- oder Vorsitzenderwerdung nicht abträglich, wenn man in der Jugend das Stahlbad der Schulhof-Schmähungen durchschwommen und zudem einen ungewöhnlichen Namen im Ausweis und an der Bürotür stehen hat.

Es gibt übrigens Wörter, die ich nicht schreiben kann, ohne mich mindestens einmal zu vertippen: Wochenende, Packstation. Und mindestens eins, das ich nicht sagen kann, ohne mich zu versprechen: unmittelbar.

Außerdem habe ich in einer Präsentation ein mir neues Wort gelesen: Detraktor. Im aktuellen Duden steht es nicht, dafür weiß ich nun, dass detonieren nicht nur die Bedeutung von „explodieren“ haben kann, sondern auch „unrein singen/spielen“. Wenn ich also detoniere, kann das also heißen, ich tobe ob der Frechheiten des Geliebten, oder ich übe Trompete. Und was heißt nun Detraktor? Vielleicht ein in Deutschland hergestelltes landwirtschaftliches Nutzfahrzeug? Man kann es nur erahnen, denn eine Definition habe ich bei meiner zugegeben nicht übertriebenen Recherche auch im Netz nicht gefunden. Das englische Wort „detractor“ bezeichnet eine Person, die kritisiert, lästert, schlechtredet, verleumdet. Ein Detraktor kann demnach sowohl detonieren als auch jemanden des Detonierens bezichtigen.

Freitag: Die während des Spaziergangs gesehenen Maibäume für Sven, Lukas, Leslie, Max, Mats, Mattis, Yara, Fredi und Felix fallen in diesem Jahr auffallend klein aus, da sie behördlicher Weisung folgend nur mit maximal zwei Personen aufgestellt werden durften. Noch vor wenigen Monaten hätte sich wohl niemand vorstellen können, dass so etwas mal der behördlichen Regelung bedarf.

Weiterhin kam ich an einem Café vorbei, das laut Tafel Humus zum Mitnehmen anbietet, oder „auf die Faust“, wie man früher sagte, heute heißt das nur noch „to go“. Humus also. Warum auch nicht, es ist Pflanzzeit.

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Einen gewissen Hang zur Albernheit lässt #Wolfi in der Inneren Nordstadt erkennen:

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Samstag: Trotz mobilfunkkritischem Hintergrund lässt es sich nicht ganz vermeiden, Mitglied mehrerer WhatsApp-Gruppen zu sein. Noch weniger lässt es sich dann vermeiden, ungefragt „lustige“ Filmchen und Sprüche zugesandt zu bekommen, letztere zumeist in Form einer zweifelhaften Grafik. Ich weiß nicht woran es liegt – mich deprimieren derartige Zusendungen zumeist mehr, als dass sie mich erheitern. Beliebt ist zurzeit ein Gedicht, das Heinz Erhardt zugeschrieben wird, es beginnt mit „Weil wir doch am Leben kleben / muss man abends einen heben / So ein Virus ist geschockt / wenn man ihn mit Whiskey block …“, so witzig geht es weiter, ich erspare Ihnen den Rest, vielleicht haben sie es auch schon erhalten. Nun bin ich seit Jugendjahren ein großer Verehrer von Heinz Erhardt, kann einige seiner Gedichte auswendig deklamieren und habe sehr viele gelesen. Vielleicht irre ich mich, aber ich bin mir ziemlich sicher, diese Virusverse stammen nicht aus seiner Feder, sie passen einfach nicht zu ihm. In den Weiten des Netzes habe ich auch keinen überzeugenden Beleg gefunden. Sollte ich mich irren, wäre ich für einen Hinweis dankbar.

Sonntag: Queen hat mit Adam Lambert eine neue Version von „We Are The Champions“ herausgebracht, schauen und hören Sie hier. Indes: Warum verzichteten die Herren May und Taylor beim Einspielen auf das Tragen einer Hose, und hat Roger Taylor wirklich derart hässlich tätowierte Beine, oder trägt er nur eine unvorteilhafte Strumpfhose?

 

Woche 17: Nicht ästhetisch unbedenklich, aber meistens sehenswert

Montag: Seit heute dürfen viele Geschäfte wieder öffnen und locken die Menschen in die Stadt. Ob das richtig oder falsch ist – man wird sehen. Vor dem Starbucks am Münsterplatz standen sie Schlange, immerhin im gebotenen Abstand. Obwohl ich mich aufgrund einer nicht zu erklärenden tiefen Abneigung nicht zur Zielgruppe der Kaffeekette gehörig fühle, hatte es doch etwas Tröstliches – solange Menschen bereit sind, für einen überteuerten Kaffee im Pappbecher Schlange zu stehen, kann die Not nicht allzu groß sein.

Auch mich zog es in die Fußgängerzone, gleich zweimal, weil ich beim ersten Mal das Portemonnaie vergessen hatte, man wird nicht jünger. Nicht jünger, sondern älter wurde auch der Liebste, der heute runden Geburtstag feiert. Na ja, vielleicht nicht feiert, aber hat. Ob sein Geschenk, ein bereits im Januar gebuchter dreitägiger Aufenthalt an der Mosel mit Weinverkostung Ende Mai eingelöst werden kann, ist fraglich, auch hier wird man sehen.

Warum heißt das eigentlich „runder Geburtstag“, wenn das doch immer eine gerade Zahl ist?

Dienstag: Aus dem aktuellen SPIEGEL:

„Wie will eine Kanz­le­rin, wie wol­len Prä­si­den­ten und Pre­mier­mi­nis­te­rin­nen, die gan­ze Völ­ker un­ter Haus­ar­rest stel­len kön­nen, den Bür­ge­rin­nen und Bür­gern künf­tig er­klä­ren, dass sie ein schnel­les Ver­bot von Plas­tik­tü­ten lei­der, lei­der nicht hin­be­kom­men?“

Mittwoch: „Weil Ihr Home jetzt mehr Office braucht“, wirbt ein Telekommunikationsanbieter. Ganz bestimmt nicht!

Die gute Nachricht des Tages: Die Kantine hat wieder geöffnet, natürlich nur zum Verzehr außer Haus. Immerhin besser als täglich Bütter- und Äpfelchen.

Auf dem Rückweg vom Werk kam mir ein Omnibus entgegen, dessen Zielanzeige „Cool unterwegs“ lautete. Vielleicht ein Fahrzeug mit Kimaanlage.

Donnerstag: Dank endlich wieder geöffneter Kantine eine warme Mahlzeit zum Mittag (Allgäuer Käsespätzle mit Röstzwiebeln), wenn auch nur zum Mitnehmen in einer unter Umweltaspekten fragwürdigen Aluschale (was immerhin den Arbeitsplatz des Liebsten stützt), aber ich habe sie unter freiem Himmel sehr genossen.

Zum ersten Mal trug ich eine Schutzmaske, wie sie nun im Werk außerhalb der Büros vorgeschrieben ist (was sich augenscheinlich noch nicht bei allen Kollegen herumgesprochen hat, denn in der Kantine sah ich mehrere Unmaskierte), nicht irgendeine, sondern eine vom Geliebten blau gefärbte, durchaus elegant, sofern dieses Attribut hier angebracht ist. Dennoch sehr gewöhnungsbedürftig, weil sofort die Brille beschlägt. Muss das so, oder bin ich nur zu blöd, die Maske richtig zu tragen?

„Ich freue mich sehr auf die neue Herausforderung“, lese ich in einer internen Mitteilung. Warum lösen solche Sätze bei mir sofortige Übelkeit aus?

Ein Kollege ließ uns während einer Skype-Konferenz wissen, er sitze in Unterhose vor dem Rechner. Immer wieder liest man von Videokonferenzen, in denen Kollegen freiwillig Einblicke in ihr privates Umfeld gewähren, was nicht in allen Fällen ästhetisch unbedenklich, aber meistens sehenswert sei. Ich bin dankbar, einem Arbeitgeber zu dienen, bei dem Videokonferenzen (noch?) nicht üblich sind, bislang besprechen wir uns ausschließlich ohne bewegte Bilder. Ich muss die meisten Fratzen auch nicht unbedingt sehen, andere Körperregionen schon gar nicht, von höchst seltenen Ausnahmen abgesehen.

Freitag: Hat Trump wirklich vorgeschlagen, den Infizierten Desinfektionsmittel zu spritzen, um der Virus zu töten, oder habe ich mich nur verhört? Vielleicht sollte man ihm stattdessen Entkalker verabreichen, das nützt ebenfalls nichts, schadet andererseits auch nicht.

Als ich mein Mittagessen (Fischstäbchen mit Kartoffeln und Remoulade) aus der Kantine abholte, klappte das mit der Maske schon besser, ohne beschlagene Brille, wobei ich nicht sagen könnte, was ich heute anders gemacht habe als gestern.

Samstag: Manchmal fällt es einem wie Schuppen aus den Haaren, wie Schmalz aus den Ohren, Tomaten von den Augen, ein Brett vom Kopf oder was auch immer irgendwo heraus- oder herabfallen kann, ich will da jetzt auch nicht zu sehr ins Detail gehen. 2008, das war das Jahr, als ich mit dem Bau meiner Modelleisenbahn begann und nebenbei viel Radio hörte, damals ertrug ich noch den Sender 1Live, erschien das Liedchen „Allein allein“ von Polarkreis 18. Damals wie heute kann ich nicht behaupten, es besonders zu mögen, auch wenn die Jungs recht dekorativ schienen; jedenfalls es gab eine Stelle jeweils in der Strophe, an der ich dachte: Das kenne ich, das haben die geklaut oder jedenfalls geliehen, hören Sie selbst, z.B. ab Minute 0:45:

Und, kommen Sie drauf? Ich nicht, seit nunmehr zwölf Jahren quälte es mich, wann immer ich es hörte. Bis es mir heute endlich einfiel, als mein Hirnradio während kurzen Spazierens dieses spielte:

Da ist es, ab 0:38. Erkennen Sie die Melodie?

Nicht nur die Länge männlicher Geschlechtsteile wird einschlägigen Witzen zufolge häufig von deren Trägern überschätzt. Betrachtet man die Menschen draußen, entsteht der Eindruck, auch ein Meter fünfzig sei viel weniger als bislang angenommen.

Sonntag: Wie ich der Sonntagszeitung entnehme, ist das Wort „Homeoffice“ keineswegs ein englischer Begriff, der das Arbeiten zu Hause bezeichnet. Vielmehr ist es Pseudoenglisch, wie „Handy“, also ein weiterer Beleg für unser Unvermögen oder fehlenden Willen, einen angemessenen deutschen Begriff für etwas zu Bezeichnendes uns auszudenken, als Weltgewandtheit verkleidete Faulheit. „Home Office“ gibt es im Englischen schon, es bedeutet Innenministerium. Wohl nur wenige denken morgens, wenn sie am Küchentisch den Rechner einschalten, an Horst Seehofer. Jedenfalls ist es niemandem zu wünschen. Auch kann es zu witzigen Irritationen führen, wenn man einem Engländer erklärt, man arbeite nun daheim.

Während des Sonntagsspaziergangs sah ich in Poppelsdorf dieses vergessene Plakat:

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Vielleicht lassen sie es auch bewusst hängen, als Erinnerung an eine vergangene Epoche.

Apropos vergangene Epoche: Noch was auf die Ohren gefällig? Die Rolling Stones haben was Neues, das spielen sie sogar auf Radio Nostalgie, wo sonst nur olle Kamellen zu hören sind. Gut, die Jüngsten sind die Herren ja auch nicht mehr.

Woche 16: Grün und Blüh

Montag: Immer noch Ostern. Erst gegen elf verließen wir das Schlafgemach, was nicht weiter schlimm war, da keine besonderen Aktivitäten anstanden und das Wetter gegenüber den letzten Tagen deutlich eingetrübt und abgekühlt war. Nach spätem Frühstück machte ich einen langen Spaziergang bis zur Siegmündung; den dortigen Auenwald mit hohen Pappeln und baumpilzbewachsenem Totholz empfinde ich nach wie vor als einen magischen Ort, vermutlich erwähnte ich das schon mal.

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Da das Wetter zwischenzeitlich wieder aufgeheitert war, zog es auch zahlreiche andere Menschen und ihre Hunde ins Grüne. Des Hundemögens weitgehend unverdächtig wurde ich von einem (natürlich unangeleinten) Exemplar angekläfft, das von seiner Besitzerin nur halbherzig zur Ordnung gerufen wurde, was meiner ohnehin geringen Sympathie für Hunde und Halter wenig förderlich war.

Gehört: „An welchem Fluss liegt nochmal Flensburg?“ – „An der Flönz.“ Worüber wohl nur Rheinländer lachen können.

Dienstag: Da heute kein Draußenwetter war, verbrachte ich längere Zeit auf meinem Lieblingsplatz im Glaserker über der Straße, wo man auch ohne zu frieren in der Sonne sitzen kann, wenn sie sich zeigt.

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Vielleicht können Sie sich mich in dem Stuhl sitzend denken, sehen können Sie mich dort nicht, da ich ja gerade das Foto mache. Nur die Quantenphysik kennt Teilchen, die sich gleichzeitig an verschiedenen Orten befinden, soweit ich das verstanden habe, in diesem Fall auf dem Stuhl und hinter der Kamera, sicher ist das jetzt stark vereinfacht dargestellt. Selbstverständlich hätte ich den Liebsten bitten können, mich in dem Stuhl zu fotografieren, doch wollte ich ihn nicht nur zum Zweck schnöder Selbstbespiegelung von seinem Lieblingsplatz, dem Sofa nebenan, treiben.

Ich las dort übrigens (nicht zum ersten Mal) das auf dem kleinen Tischchen liegende Buch „QQ“ von Max Goldt fertig, das mit einem wunderbaren Satz endet: „Immer schön ist es hingegen, wenn jemand endlich schweigt.“ In diesem Sinne schließe ich für heute.

Mittwoch: Zur Unzeit aufgestanden, jedenfalls für Urlaubsverhältnisse, weil ich um acht einen Zahnarzttermin hatte, nichts Schlimmes, die übliche regelmäßige Untersuchung des Esszimmers mit Reinigung. Den hatte ich schon vor Monaten vereinbart, als weder der Urlaub noch die Krise geplant waren. Es wäre ein Leichtes gewesen, den Termin zu verschieben, aber warum. Er brachte ein wenig Normalität in diese Zeiten, eine Redewendung, die mittlerweile unter vergleichbarer Abgedroschenheit leidet wie der allgegenwärtige Imperativ „Bleiben Sie gesund“.

Laut Zeitungsbericht sollen in den Formularen zur Steuererklärung künftig die Bezeichnungen „Ehemann“ und „Ehefrau“ durch „Person A“ und „Person B“ ersetzt werden, um auch gleichgeschlechtliche Paare genderkorrekt erfassen zu können. Dazu zürnt der FDP-Politiker Markus Herbrand: „Trotz des langen und in vielen Punkten erfolgreichen Weges zur Gleichberechtigung bestehen nach wie vor noch Ungerechtigkeiten bei der steuerlichen Gleichbehandlung. Es ist mir schleierhaft, warum die Bundesregierung so lange braucht, um längst überfällige Anpassungen diskriminierungsfreier Steuerformulare vorzunehmen“. Lieber Herr Herbrand, nun beruhigen Sie sich mal und lassen Sie das Finanzamt im Dorf, die Bundesregierung hat sich gerade um ein paar wichtigere Dinge zu kümmern. Mir ist das im Übrigen vollkommen wurscht, wie mich die Finanzverwaltung in ihren Formularen anredet, immer noch besser als von Ikea und anderen unerlaubt geduzt zu werden. Hauptsache ist doch, die Kohle kommt irgendwann.

Donnerstag: Morgens noch im Bett als erstes einen Friseurtermin für den 5. Mai reserviert. Ich bin gespannt, ob es diesmal klappt. Und wie ich bis dahin frisurtechnisch aussehe.

Nach dem Frühstück machten der Liebste und ich eine Autotour ins Ahrtal zum Weinerwerb. Dort war es schön wie immer: frühlingsgrüne Bäume, noch kahle Weinreben. Und doch mit all den geschlossenen Ausflugslokalen und Gaststätten ganz anders als sonst.

Auf dem Hinweg wurde im Radio darüber debattiert, ob nun Markus Söder oder Armin Laschet in der aktuellen Diskussion die bessere Figur abgebe, als ob das von Relevanz wäre, zumal im Moment niemand weiß, ob mehr oder weniger Lockerung der richtige Weg ist. Ja, auch ich hätte mir gewünscht, dass die Restaurants wieder öffnen dürfen, vielleicht mit Auflagen und Einschränkungen, aber wer bin ich, das zu beurteilen.

Apropos Essen: „Ein Tag ohne Kartoffelsalat ist kulinarisch betrachtet ein verlorener Tag“, lässt uns die Radiowerbung wissen. Ich mag durchaus gerne Kartoffelsalat, gerne an Heiß- oder Weißwurst, Backfisch, Frikadelle, gegrilltem Schweinesteak oder Wiener Schnitzel. Aber doch bitte nicht jeden Tag.

Spontaner Beschluss: Morgen werde ich wandern, alleine, den Rheinsteig von Bonn bis Königswinter, wenn mich nicht vorher die Kraft oder Lust oder beides verlässt. Ich werde berichten.

Freitag: Wie gestern beschlossen, wanderte ich heute die erste Etappe des Rheinsteigs. Jetzt tun mir die Füße weh und ich habe Muskelkater, aber das ist es allemal wert, es war wunderbar und weckte Appetit auf Fortsetzung. Statt der veranschlagten sieben Stunden benötigte ich nur sechs ein Viertel, nicht weil ich so ein toller Schnellwanderer bin, sondern weil die Schleife über den Geisberg wegen Forstarbeiten gesperrt war und ich deshalb eine (kürzere) Umleitung gehen musste. Ein detaillierter Bericht folgt, wenn ich dazu komme. Dann gibts auch Bilder, für diese Woche haben Sie hier genug Grün und Blüh gesehen.

Samstag: Die Zeitung berichtet eine halbe Seite lang über große Empörung im Bonner Stadtteil Hardtberg, wo die Stadt neue Ortsein- bzw. -ausgangsschilder aufgestellt hat. „Abenteuerlich“, „fassungslos“, „total wütend“, „So ein Unsinn“, so die Bürger; „Falsch und gar nicht witzig“, so die Zeitung. Worum es genau geht, will ich hier gar nicht erläutern, es ist völlig belanglos. Was mich immer wieder erstaunt: Worüber sich Menschen (nicht nur in diesen Zeiten) aufregen, und, noch mehr, dass die Zeitung darüber so breit berichtet und sogar kommentiert. Vielleicht als Kontrastprogramm zur täglichen Krisenberichterstattung?

Ich habe übrigens angefangen, „Der Schwarm“ von Frank Schätzling noch einmal zu lesen. So weit ich mich erinnere, geht es auf knapp tausend Seiten darum, wie die Natur sich auf geheinnisvolle, unheimliche Weise gegen den Menschen zur Wehr setzt, nachdem er jahrzehntelang ihre Zerstörung betrieben hat. Diese Lektüre erscheint mit in diesen Zeiten recht passend.

Sonntag: Der Sonntagsspaziergang fiel heute sehr kurz aus. Ich wollte ihn mit einem Gang zur Sankt-Marien-Kirche in der Inneren Nordstadt verbinden, wo bislang ein Häuschen aufgestellt war, in das man Kleidung, Hausrat und anderes bringen konnte, was zu schade zum Wegwerfen ist und was andere vielleicht noch gebrauchen können. Dorthin wollte ich eine gut erhaltene Deckenleuchte und ein paar Aufbewahrungsbehältnisse bringen, die durch Restrukturierungsmaßnahmen in unserer Küchenzeile überflüssig geworden sind. Es blieb beim Wollen, denn das Häuschen ist leider weg, vielleicht auch wegen der Seuche, ich weiß es nicht. Da ich mit dem Zeug nicht stundenlang durch die Gegend laufen wollte und kein Mensch bin, der anderen ungefragt Hausrat in den Hauseingang stellt (wie vom Geliebten später vorgeschlagen), bin ich wieder direkt nach Hause gegangen. Auch nicht schlimm, so hatte ich mehr Zeit, mich mit meinem neuen MacBook Air anzufreunden. Ich glaube, das wird eine innige Freundschaft.

Woche 15: In Zeiten des Konjunktivs

Montag: Es gibt Menschen mit bemerkenswerten Namen. Am vergangenen Wochenende sah ich in der Zeitung ein Interview mit einer Dame namens Ebba Herfs-Röttgen. Ich gebe zu, das Interview nicht gelesen zu haben, auch sonst kenne ich die Befragte nicht und erlaube mir daher nicht das geringste Urteil über ihre Kompetenzen und Kenntnisse. Vermutlich ist sie auf ihrem Fachgebiet brillant und gegenüber hingehaltenen Mikrofonen zu eloquenten Ausführungen in der Lage. Gleichwohl unterstelle ich, allein aufgrund des Namens haben ihre Worte mehr Gewicht als die etwa einer Mechthild Müller, die ich ebenfalls nicht kenne, weshalb ich mich auch hier von einer Beurteilung ihrer Stärken und Schwächen fernhalte. Auch Orte mit außergewöhnlichen Namen gibt es, denken Sie an 56368 Katzenelnbogen, 63589 Linsengericht oder 5121 Fucking (Österreich). Gelegentlich liest man auch Straßennamen, die einen „Na sowas“ wenigstens denken, wenn nicht gar ausrufen lassen: Wie ich heute erfuhr, gibt es in Bochum eine Straße mit dem Namen „Fröhliche Morgensonne“. Fröhlich. In Bochum.

Auf dem Rückweg vom Werk sah ich einen ansehnlichen, sommerlich gekleideten jungen Mann mit einem großen Surfbrett unter dem Arm in Richtung Rhein gehen. Seitdem spielt mein Hirnradio ununterbrochen Beach Boys. Das ist immerhin besser als Max Giesinger, wenngleich auch der durchaus sehenswert ist.

Dienstag: Ein WDR 2-Hörer fragte ernsthaft, ob man durch viel Trinken eine Corona-Infektion vermeiden kann, was erwartungsgemäß verneint wurde. Wie kommen die Leute nur auf sowas? Andererseits schade, angesichts unseres gut gefüllten Weinkellers.

Nachdem eine Skype-Konferenz fehlgeschlagen war, schrieb der Einladende per Mail an alle Teilnehmer: „Ich komme nicht rein.“ Antwort Teilnehmer 1 an alle: „Ich auch nicht.“ Teilnehmer 2: „Ich auch nicht.“ Teilnehmer 3: „Ich auch nicht.“ [usw.] Teilnehmer 8 verschickte endlich einen neuen Link, so fanden wir doch noch zueinander. Nach wie vor bin ich der Meinung, die unüberlegte Nutzung der Allen-antworten-Funktion in Mailprogrammen sollte ernste arbeitsrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen.

Mittwoch: Mittags wurde ich im Rheinauenpark Zeuge einer erschreckenden Missachtung des derzeit geltenden Abstandsgebotes.

Nachmittags wurde mir die unzweifelhafte Ehre zuteil, als unbedeutender Werksknecht einer Skype-Konferenz mit Vorstand und Bereichsleitern beizuwohnen. Dabei hatte es vermutlich nur technische Gründe, dass des Vorstandes Stimme als einzige mit leichtem Hall hinterlegt war, welcher gleichwohl eine gewisse göttliche Anmutung eindrucksvoll unterstrich.

Donnerstag: Die Zeitung lobt einen unbekannten Trompeter, der allabendlich die Nachbarschaft mit seinem Spiel erfreut. Ich bin es nicht, vielmehr ist sicher: Hielte ich meine beulige Tröte schallungedämpft aus dem Fenster, um Etüden in die Siedlung zu blasen, fiele das Lob deutlich schmalspuriger aus.

Freitag: Über den Karfreitag ist alles Wesentliche geschrieben, gemeint und gemalt. Zudem dürfte sich in diesem Jahr die allgemeine Empörung über kirchliche Vergnügungsverbote in Grenzen halten.

Die Tagesschau kommt nun aus dem Heimstudio.

Samstag: Grundsätzlich halte ich das Wort „eigentlich“ für überflüssig, aber in diesen vom Konjunktiv beherrschten Zeiten ist vieles anders. So wären wir ab heute eigentlich für eine Woche in Südfrankreich. Sind wir aber nicht. Schade. Mir bleibt somit nur, Trost in Bildern früherer Aufenthalte suchen, was auch unter Zuhilfenahme eines guten Côte-du-Rhone nur mit Mühe gelingt.

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Anknüpfend an den Eintrag vom Montag komme ich noch einmal auf bemerkenswerte Namen zurück. Für die heute-Nachrichten wurden Leute auf der Straße befragt, wie sie mit den Kontaktbeschränkungen zu Ostern (heißt das nun „Shutdown“ oder „Lockdown“?) zurecht kämen, womöglich mussten sie sich dazu gar die überaus dämliche Frage „Was macht das mit Ihnen?“ stellen lassen, ich weiß es nicht, da jeweils nur die Antworten gesendet wurden. Eine der Befragten, eine Dame reiferen Alters, erklärte sich unfroh darüber, während der Feiertage die Kinder und Enkel nicht sehen zu können; laut Einblendung hieß sie Undine Uhrig-Steckeweh, welch toller Name! Vermutlich dauerte sein korrektes Aufschreiben in den Notizblock des Reportes wegen mehrmalig erforderlicher Rückfragen („Wie die Uhr? – Mit h? – Schauen Sie mal: so richtig geschrieben?“ und so weiter) länger als die Befragung selbst.

Sonntag: Nun also Balkon statt Provence, was nur geringen Anlass zum Jammern und Bedauern bietet, immerhin habe ich meine Lieblingsmenschen um mich („Ich schlag dich tot“, sagt der Geliebte aus hier nicht näher zu erörternden Gründen), und der Himmel über Bonn ist fast so blau wie über Malaucène.

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Hier wie dort genieße ich es, die Zeit lesend im Liegestuhl zu verbringen, zum Beispiel in einem Zeitungsartikel über Gelassenheit in Krisen folgenden, dem Philosophen Seneca zugeschriebenen Satz: „Die Balance zwischen Muße und Aktion, gepaart mit frischer Luft und mäßigem Weingenuss, wirken Wunder.“ So gesehen mache ich wohl einiges richtig, jedenfalls bei zurückhaltender Interpretation von „Aktion“ und großzügiger Auslegung des Begriffes „mäßig“.

Nun also eine Woche Urlaub zu Hause. Ich bin mir sicher, es wird nicht langweilig. Und wenn mir gar nichts mehr einfällt, recherchiere ich den Unterschied zwischen „Shutdown“ und „Lockdown“.

Frohe Ostern!

 

 

Woche 14: Hinweise aus Friedenszeiten und funktionslose Damen am Bühnenrand

Montag: Nach zehn Jahren des Zwitscherns überdrüssig löschte ich vor gut einem Jahr mein Twitterkonto @PlanC_. Eher zufällig bemerkte ich nun, dass es unter einem neuen Betreiber wiedereröffnet wurde. Es kommt mir spanisch vor.

Zu meinen beruflichen Obliegenheiten gehört es, Verbesserungsvorschläge aus dem betrieblichen Vorschlagswesen zu begutachten. Heute musste ich wieder einen Vorschlag ablehnen, wobei ich versichere, der Name der Verfasserin war dafür nicht ausschlaggebend. Sie hieß P. Unfug.

Dienstag: „Nach 31 Jahren schafft die EU die Milchstraße ab“, lese ich in der Zeitung. Bei nochmaligem Lesen ging es doch nur um die Milchquote.

Kein Lesefehler: Zum ersten Mal lese ich „HomeOffice“, in dieser verunglückten Marketing-Schreibweise ohne Bindestrich oder wenigstens Leerzeichen. (Bindestriche erwarte ich ohnehin schon lange nicht mehr.) Irgendwann musste das ja kommen.

Nicht gelesen, sondern gehört: „Du vergleichst Äpfel mit Birnen.“ – „Obst ist Obst!“

Mittwoch: Aus einem Zeitungsbericht über den bekannten Virologen Christian Drosten, der mittlerweile den Medien mit wachsender Skepsis begegnet: „… und schließlich ist Drosten auch noch Direktor des Instituts für Virologie an der Berliner Charité. Von 2007 bis 2017 war er in gleicher Funktion auf dem Bonner Venusberg unterwegs.“ Wer hätte da kein Verständnis für seine Skepsis.

Zahlreiche Medienberichte enthalten heute übrigens den Hinweis „kein Aprilscherz“.

Donnerstag: Dieses Mal hat mich die Sommerzeit heftig getroffen: Morgens komme ich schlecht aus dem Bett, gegen 14 Uhr falle ich müde in ein tiefes Lustloch und spätestens um 20 Uhr fallen mir die Augen zu. Dabei habe ich noch die Worte eines gewissen Herrn Junker im Ohr, der da (ver)sprach: „Die Leute wollen das, und wir machen das“, gemeint war die Abschaffung der Zeitumstellung. Ob ich das noch vor meinem Ruhestand erleben werde?

Oder geregelte Arbeitstage mit mittäglichem Kantinenbesuch? Stattdessen aßen wir mit wenigen im Werk verbliebenen Kollegen zu Mittag auf dem immerhin sonnigen Bürobalkon, selbstverständlich im Stehen und unter Wahrung der gebotenen Abstände. Bei mir gabs mitgebrachte Bütterchen und Apfel, ein Kollege hatte sich überteuerte Maultaschen von einem fliegenden Händler geholt.

„Maultaschen gehen immer“, las ich auf einem Werbeplakat, als ich am späten Nachmittag kühlem Wind entgegen velocipedierte. Liebe Marketing-Kasper (oder, wenn euch das lieber ist: MarketingKasper), ich weiß nicht, wie ihr zu diesem Axiom gefunden habt, mir hingegen fielen, wenn ich mich ein wenig bemühte, zahlreiche Situationen ein, in denen Maultaschen gar nicht gehen. Hier eine kleine spontane Auswahl: beim Trompetensolo, in öffentlichen Verkehrsmitteln, während Besprechungen (soweit sie irgendwann nicht mehr nur auf telekommunikativem Wege erfolgen, sonst schon), im Theater, während einer Beerdigung (danach schon), beim Liebesspiel. Wobei, Liebesspiel, warum nicht …

Freitag: „Wir haben nur diesen einen Planeten“, sagt die Umweltministerin. Antwort des Universums: „Welch Glück.“

Noch einmal Marketing-Geschwätz: „Food ist unser Business“, las ich morgens auf dem Weg ins Werk an einem mich überholenden Lastwagen. Da verging mir sogleich der Appetit, nicht nur auf Maultaschen.

Der Sänger Bill Withers ist heute gestorben. Nicht, dass ich ein glühender Fan von ihm gewesen wäre, aber dieses Lied fand ich Ende der Achtziger aus hier nicht näher zu erörternden Gründen ziemlich gut:

(Durch die beiden zappelnden, ansonsten weitgehend funktionslosen Damen am linken Bühnenrand lassen Sie sich bitte nicht stören.)

Samstag: Heute Morgen gegen elf klang es aus der Stube: „Hey Siri, spiel Musik.“ – (Musik) – „Hey Siri, lauter.“ – (lautere Musik) – „Hey Siri, lauter.“ (noch lautere Musik) – „Hey Siri, noch lauter.“ – (ganz laute Musik. Das Telefon klingelt.) – „Hey Siri, leiser. – Hey Siri, leiser. – Hey Siri…“ Irgendwann drehe ich hier durch, und dieses Teil fliegt aus dem Fenster.

Irritierend: Während die Busse der Stadtwerke Bonn nur noch durch die hinteren Türen betreten und verlassen werden dürfen, um die Fahrer vor menschlichen Kontakten zu schützen, befinden sich an den hinteren Türen der Busse der Rhein-Sieg-Verkehrsgesellschaft nach wie vor die Hinweise aus Friedenszeiten, zum Einstieg ausschließlich die vordere Tür zu nutzen. Sind die Fahrer im Rhein-Sieg-Kreis resistenter?

Aus besseren Zeiten offenbar auch das folgende Bild in einer Werbeanzeige:

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Man darf die an der Pommesbude erstandene Currywurst noch an Ort und Stelle verputzen und muss keine Abstände zu anderen Personen halten. Dabei wäre der junge Sparkassenangestellte Gerrit W. (Mitte) wohl gerade froh über etwas Distanz: Der erste warme Tag des Jahres, soeben hat er seine Mittagspause begonnen, als dieser Typ mit der gelben Jacke, der ihn schon seit Tagen wegen seiner Aktionfonds nervt, auftaucht und ihn sogleich finanzthematisch vollquatscht, weshalb W. das Plakatgrinsen nur so halbwegs gelingt. Ich fühle mit ihm.

Auch Herr B ist müde.

Sonntag: Alle Jahre wieder … Für alle, die es sich in diesem Jahr aus gegebenem Anlass nicht persönlich anschauen können:

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Im Übrigen ein schöner Beweis, dass die Phrase „Danach wird nichts mehr sein wie es war“ Unfug ist.

Woche 13: Jeder darf mal einen schlechten Tag haben

Montag: Eisiger, na gut, vielleicht nicht gerade eisig, aber doch ziemlich kühler, also für die Erhaltung meines Wohlbefindens viel zu kalter Gegenwind trübte morgens die Freude an der Fahrradfahrt ins Werk (sofern bei der Fahrt ins Werk an einem Montagmorgen überhaupt so etwas wie Freude aufzukommen vermag). Ab morgen also mit Mützchen und Winterjacke.

„Ich bereite unsere To Dos für das Meeting charttechnisch vor“, lese ich in einer Mail. Er kann einfach nicht anders, ansonsten kommt man gut mit ihm aus.

Meine persönliche Stimmung war heute eher mittelmäßig. Bis mir das am vergangenen Freitag zu etwa drei Viertel aufgegessene Marzipanei einfiel, dessen Rest in der Schreibtischschublade auf Verzehr wartete. Danach hellte die Stimmung etwas auf.

Abends auf der Rückfahrt war der Wind nicht viel weniger kalt, um hier den völlig unangebrachten Begriff „wärmer“ zu vermeiden. Wenigstens war er so freundlich, im Laufe des Tages nicht gedreht zu haben, wodurch ich ihn im Rücken hatte, das hat man ja als Radfahrer ganz gerne.

Dienstag: „Oh Kleinkind, ich liebe deinen Weg jeden Tag“ – aus der Reihe „Liedtexte, die allenfalls auf englisch zu ertragen sind“.

Auf der Rückfahrt vom Werk wurde ich beinahe von einem braunen Paketzustellfahrzeug übergefahren. Ja, er fuhr ziemlich schnell, andererseits fährt man nunmal auch mit dem Fahrrad durch enge Einbahnstraßen mit unübersichtlichen Kurven nicht gegen den Strich.

Hier eine erschütternde Vorschau darauf, was passiert, wenn die Friseure nicht in absehbarer Zeit wieder ihre Tätigkeit aufnehmen dürfen.

Mittwoch: Die wichtigsten Regeln menschlichen Zusammenlebens, nicht nur in Krisenzeiten, lassen sich auf drei einfache Punkte bringen: 1.) Ruhe bewahren, 2.) freundlich bleiben, 3.) Hände waschen. Wobei 4.) zu Hause bleiben auch viele Probleme lösen würde beziehungsweise gar nicht erst aufkommen ließe.

Donnerstag: „Kann es sein, dass da die Flinte im Korn liegt?“, fragt einer. Ja, kann sein.

„Das klären wir auf Arbeitsebene“, sagt ein anderer. Ja wo denn sonst?

Erstmals hörte ich jemanden Naturgeräusche wie etwa Vogelgesang, der unter den gegebenen Umständen zurzeit nicht allzu sehr vom Rauschen der Kraftfahrzeuge übertönt wird, als „Biolärm“ bezeichnen. Fallen menschliche Flatulenzgeräusche auch darunter?

Gespräch beim Abendessen: „Ist das Knochenschinken?“ – „Eifeler Schinken.“ – „Die Eifel ist groß.“ – „Der ist luftgetrocknet.“ – „Ach so.“

Freitag: Jeder darf mal einen schlechten Tag haben. Warum nicht auch ein Architekt.

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Ansonsten erscheint die Welt hier und da noch immer ganz schön.

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Nun hat es also auch Boris Johnson erwischt. „Der Premierminister zeigt nur leichte Symptome“, heißt es. Leicht? Na ich weiß nicht.

Samstag: Aus der Beschreibung eines Weines im General-Anzeiger:

„Die Spuren, die die Herkunft in einem Wein hinterlässt, sind wie die Partitur eines Musikstückes. Sie sind tiefer, komplexer und spannender, als ein Mensch sie erschaffen könnte. Der Winzer muss sie verstehen lernen und sie hegen, damit das Vibrato im Wein zum Klingen gebracht wird. Später, etwa so wie ein Dirigent, kann der Weinmacher seiner Kreativität dann freien Lauf lassen durch die Kunst der Assemblage. […] Das Temperament bringt Mourvèdre ein. Die Rebsorte, die vor allem in Südfrankreich und Spanien zu Hause ist, kann in einem Wein bisweilen wie eine Pauke wirken. […] Das Tannin ist supersanft und seidig und überträgt der Säure die Aufgabe als treibende Kraft. Es ist ein Chorus aus all diesen Facetten, der eine geradezu beruhigende und trostvolle Vorstellung gibt.“

Das mit der Pauke gefällt mir am besten.

In der noch geöffneten Lebensmittelabteilung des Kaufhofs gibt es Oster-Naschwerk zu stark reduzierten Preisen, unter anderem eine Schachtel mit edler Schokolade, deren regulärer Preis von 9,90 Euro um fünfzig Prozent reduziert wurde, weiterhin liegt jeder Packung ein Warengutschein von fünf Euro bei. Mit dem Erwerb macht man also ein rechnerisches Plus von fünf Cent. Doch müssen Sie sich beeilen, da meine beiden Lieblingsmenschen gerade dabei sind, alles aufzukaufen; unsere Wohnung ähnelt bereits einer Lindt-Filiale.

Sonntag: Naturbeobachtungen am Morgen. „Kuck mal, das Rotkehlchen ist wieder da.“ – „Wo soll es denn hin, das darf ja auch nicht weg.“

Fazit am Ende der zweiten Woche im Krisenmodus: Noch ist die Stimmung ganz gut. Vielleicht betrachten wir es einfach als ein gigantisches sozialwissenschaftliches Experiment, an dem wir gerade teilnehmen, wenn auch nicht ganz freiwillig.

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Zum Schluss was Schönes, bald ist es wieder so weit:

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Woche 12: Apfelbäumchen und so

Montag: Morgens diskutierte ich mit dem Geliebten darüber, ob die Sonntagszeitung entsorgt oder für bestimmte Notsituationen vorerst aufbewahrt werden sollte.

Ins Werk fuhr ich zur Meidung öffentlicher Verkehrsmittel mit dem Fahrrad, was ich für die nächsten Wochen beizubehalten beabsichtige. Wie konsequent, wird sich zeigen, wenn es regnet. Der Geliebte ist in dieser Hinsicht seit Monaten leuchtendes Vorbild.

Im Werk war es noch sehr ruhig, sämtliche Termine laufen per Skype, viele arbeiten zu Hause. Der meistgehörte Satz heute: „Bleib / bleiben Sie gesund“, und das klang immer genauso gemeint, nicht wie ein sonst automatisch und pflichtgemäß hingeworfenes „Guten Morgen“, „Frohes neues Jahr“ oder „Mahlzeit“. Nunmehr ergibt es einen Sinn, „Gesundheit“ zu wünschen, nicht nur im Niesefall.

Was ich mir indessen nicht angewöhnen werde sind diese komischen Ellenbogenstupser und Fußtritte zur Begrüßung. Die finde ich mindestens so überflüssig wie Händeschütteln und Küsschen-links-Küsschen-rechts, und worin liegt der Sinn, wenn anstatt zweier Hände nun zwei vollgenieste Armbeugen in Kontakt kommen?

Einer der wenigen eher positiven Effekte des Ausnahmezustands: ZDF-heute verzichtet auf einen separaten Nachrichtensprecher für Sport und nutzt die Zeit stattdessen für Wichtiges. Wobei – eigentlich gibt es ja zurzeit nur ein Thema.

Dienstag: Auch die Tagung, die heute und morgen in Berlin stattfinden sollte, wird per Skype durchgeführt. Als kleine akustische Auflockerung das Hintergrundtschilpen der Wellensittiche eines Vortragenden, der von heimischer Stube aus teilnahm.

In der Kantine wurde das Speisen- und Sitzplatzangebot stark reduziert. An den Tischreihen fehlt jeder zweite Stuhl, und nur noch jede zweite Vierer-Nische darf benutzt werden. Das hält manche Kollegen nicht davon ab, sich wie gewohnt zu viert in eine Nische zu kuscheln. Sie haben es wohl nicht verstanden.

Nach dem Mittagessen schaute ich durch den Rheinauenpark spazierend dem Frühling beim Erwachen zu.

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Ein Lichtblick in dieser unsicheren Zeit: Tagsüber unterbrach der Liebste seine Heimarbeit und ging in den Supermarkt. Auf die Frage an den Marktleiter, wie viel Toilettenpapier er mitnehmen dürfe, wurde ihm beschieden: So viel er wolle, es sei genug da. Er beschränkte sich den allgemeinen Aufrufen folgend auf eine haushaltsübliche Zehnerpackung. Somit kann die Sonntagszeitung entsorgt werden.

Um dem Tag ein wenig Normalheit zu verleihen, vereinbarte ich einen Frisörtermin in drei Wochen, der auch bestätigt wurde. Sie wissen schon, Weltuntergang, Apfelbäumchen und so.

Abends gabs Champagner. Nur so, ohne besonderen Anlass. Zudem: Mit was kann man angemessener auf die Gesundheit anstoßen?

Mittwoch: Frühmorgens singen die Amseln, als wenn nichts wäre.

Erst beim Morgenkaffee am Küchentisch fiel mir ein, dass wir gestern unseren Hochzeitstag vergessen haben, wenn auch nur den „kleinen“, also die amtliche Umwandlung der eingetragenen Lebenspartnerschaft vor zwei Jahren. Insofern war der gestrige Champagner doch nicht anlasslos, sondern instinktiv notwendig.

Seit Montag besucht mich jeden Morgen gegen halb neun eine Taube vor dem Bürofenster. Sie trippelt (heißt das so bei Tauben?) einmal die äußere Fensterbank entlang, schaut kurz zu mir herein und verschwindet wieder. Vielleicht ist die vom Arbeitgeber beauftragt, zu kontrollieren, ob weisungsgemäß in jedem Büro maximal eine Person anwesend ist.

In der Online-Ausgabe des General-Anzeigers fand ich dieses:

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Donnerstag: Über kollegiale Gedankenlosigkeiten in der Kantine muss ich mir seit heute auch keine Gedanken mehr machen. Bis auf Weiteres ist sie geschlossen. Also ab morgen Bütterchen und Apfel zu Mittag.

Da die Proben des Musikcorps unserer Karnevalsgesellschaft bis mindestens nach Ostern ausgesetzt sind, reduziere ich meine täglichen Trompetenübungen. So können vielleicht auch die Nachbarn der Krise ein klein wenig Gutes abgewinnen.

Gelesen bei fragmente:

Es hilft, ins Büro zu gehen, weil es mich einschnürt in ein Korsett aus Gewohnheiten, das mich hält. Es scheint nicht möglich, dass sich der Lauf der Welt ändern könnte, wenn doch die Abfolge der Alltäglichkeiten so ist wie immer.

Ja, noch darf auch ich täglich ins Büro fahren. Aber vermutlich nicht mehr lange. Und dann wird es mir sehr fehlen. Hätte nie gedacht, das mal zu schreiben.

Freitag: Möglichst zu Hause bleiben, unnötige Kontakte meiden, klar. In den Ärmel niesen und husten, sicher. Abstand halten, logo. Wie ich morgens im Radio hörte, rät das Gesundheitsamt Dortmund zudem dringend davon ab, Pakete abzulecken. Das geht nun wirklich etwas zu weit.

In einer werksinternen Mitteilung wird indessen auf die Empfehlungen des Roland-Koch-Instituts verwiesen.

„Wir haben da kein stake“, hörte ich in einer (natürlich per Skype durchgeführten) Besprechung. Mangels Kantine hatte auch ich kein Steak, dafür Butterbrot und Apfel. Daran muss ich mich noch etwas gewöhnen. Da fällt mir ein, kürzlich las ich einen Artikel über sogenannte Bento-Boxen. Das sind von urbanen Müttern, die offenbar sonst nichts Wichtiges zu bedenken haben, kunstvoll für die Kinder angerichtete Pausenfutterdosen mit Instagrampflicht. Hat sich ja auch erstmal erledigt.

Samstag: Den Beginn des Frühlings erkennt man nicht nur an Amselgesang in der Frühe, der kurz bevorstehenden Kirschblüte in der Inneren Nordstadt, die in diesem Jahr wohl wesentlich weniger Betrachter anlocken wird als sonst, sondern auch am Geschrei der Singstar-Krähe von gegenüber, die nun wieder bei geöffnetem Fenster die Siedlung beschallt. Heute im Angebot: „Who wants to live forever“.

Abends unterstützten wir die örtliche Gastronomie, indem wir uns etwas vom Außerhausverkauf unseres Lieblingsitalieners holten. Das werden wir in der nächsten Zeit wohl öfter tun. Den als Aperitif erforderlichen Aperol Spritz nahmen wir zuvor zu Hause ein, den Grappa als Digestif reichte uns der Wirt vorab während des Wartens durch das Fenster. Man muss flexibel sein in diesen Zeiten.

Sonntag: Mittlerweile erfährt der Satz „Bleib / bleiben Sie gesund“ erste Abnutzungserscheinungen.

Wie am frühen Abend gemeldet wurde, müssen nun auch Frisöre in NRW schließen, soviel zum Thema Apfelbäumchen. Was wird jetzt aus den jungen Männern mit den strengen Scheitelfrisuren?

Nicht nur dieses Blog drehte sich in dieser Woche überwiegen um das Virus und seine Auswirkungen. (Übrigens kann man laut Duden, genau wie bei Blog, der oder das Virus sagen/schreiben, nur so nebenbei.) Obwohl zu erwarten ist, dass wir erst am Anfang stehen und uns in den kommenden Wochen und Monaten noch einiges bevorsteht, werde ich versuchen, künftig wieder etwas weniger virenlastig zu schreiben. Ob das gelingt, kann ich Ihnen leider nicht versprechen, bitte bleiben Sie mir trotzdem treu. Vielen Dank und alles Gute!

Woche 11: Marzipan und Maibock

Montag: Es gibts nichts zu meckern. Die Bahn am Morgen war absolut pünktlich, und der Kollege, der dort in meinem Sichtfeld saß (und ich folglich in seinem), was ich erst bemerkte, nachdem ich saß, verzichtete freundlicherweise darauf, das Gespräch zu suchen. Vielleicht sah er mich einfach nicht, oder ihm sind kollegiale Gespräche vor neun Uhr und dem ersten Kaffee genauso zuwider wie mir.

In der Kantine gibt es wieder Dessert, was mich der Versöhnung mit der Welt ein gutes Stück näher bringt. Vermutlich gab es das vergangene Woche auch schon, nur sah ich es nicht, weil es nicht wie in Vor-Virus-Zeiten frei zugänglich einem Buffet zu entnehmen ist, sondern man an einem Ausgabeschalter danach fragen muss und dann das Gewählte von den freundlichen Mitarbeitern gereicht bekommt. Ist mir auch recht.

Abends erhielt ich bei eBay den Zuschlag für einen Modell-Güterwagen desselben Typs, der kürzlich samstags Totalschaden erlitt. Das ist einerseits erfreulich, andererseits nicht, da ich erst gestern, als das Angebot bei eBay längst abgegeben war, eher zufällig einen gleichen Wagen auf der Modellbahnbörse in Bad Godesberg zu einem wesentlich günstigeren Preis erstand. Was solls – nun habe ich halt zwei davon. Wer weiß, wann die nächste Katastrophe über den Bahnhof Barlingerode Ost hinweg zieht.

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Wo wir gerade Bahnhof verstehen: Der Gesundheitsminister empfiehlt den Verzicht auf unnötige Reisen und größere Veranstaltungen. Recht hat er, ich reise ohnehin ungern und größere Menschenmengen bereiten mir seit jeher Unbehagen. Ein Verzicht auf unnötiges Reden könnte auch helfen.Vielleicht nicht gegen das Virus, aber gegen vieles anderes.

Dienstag: Aus der PSYCHOLOGIE HEUTE: „Greta Thunberg bringt es auf den Punkt: 2050 habe ich die Hälfte meines Lebens hinter mir, und dann bin ich nach aller wissenschaftlicher Erkenntnis in Lebensgefahr auf diesem Globus.“ Da holen wir mal schnell den Taschenrechner hervor und stellen fest: 2050 ist Frau Thunberg siebenundvierzig. In dem Alter werden die meisten Menschen die zweite Lebenshälfte ohnehin betreten haben – früher, heute wie in dreißig Jahren. Und in Lebensgefahr befinden wir uns ohnehin ständig, spätestens seit dem Moment unserer Zeugung.

Ein neues Wort gelernt: „holistisch“, Bedeutung: ganzheitlich. Benötige ich beides nicht, daher stelle ich es gleich wieder dem Vergessen anheim, um Platz zu halten für so schöne Wörter wie „Belehrmuskel“, gelesen bei Frau Brüllen.

Mittwoch: Einem mir nicht näher bekanntem Rapper wird laut Zeitungsbericht „Beleidigung auf sexueller Grundlage“ vorgeworfen. Auch eine sehr schöne Formulierung.

Zum ersten Mal seit bestimmt zwanzig Jahren sah ich ein Briefing-Dokument an den Bereichsvorstand, das nicht in Powerpoint sondern in Word verfasst war, mit Fließtext ohne überflüssige Bildchen und sonstigen Formatierungszierrat. Daraus auf einen Kulturwandel zu schließen erscheint mir verfrüht, dennoch ein winziges Knösplein der Hoffnung auf eine bessere Arbeitswelt.

Donnerstag: Italien hat nun wegen des Virus landesweit das öffentliche Leben weitgehend eingeschränkt. Auch hier bei uns kommen die Einschläge der persönlichen Betroffenheit näher: Dienstreisen fallen aus, der Liebste muss bis auf Weiteres zu Hause arbeiten, und unser Chor sagt das für Mai geplante Konzert ab.

Überhaupt sind fast alle dienstlichen und privaten Termine in meinem Kalender jetzt mit einem Fragezeichen versehen, was nicht in allen Fällen zu beklagen ist.

Freitag: Heute wurden zwei weitere berufliche Termine abgesagt. Ein privater Wochenendtermin hingegen nicht. Man kann nicht alles haben.

Samstag: Entgegen aller Empfehlungen und vielleicht auch Vernunft fuhren wir ins ostwestfälische Bünde, wo der Schwager seinen 60. Geburtstag feierte. Dies war vermutlich die vorerst letzte größere Reise und Menschenansammlung, an der ich teilnahm.

Während der Fahrt überholten wir einen Mehllaster, der vermutlich zurzeit gut ausgelastet ist. Vielleicht muss der demnächst unter Polizeischutz fahren, wenn die Lage bedrohlicher und die Menschen noch bekloppter werden.

Im Radio sagte ein Sportreporter (dessen Zunft zurzeit deutlich weniger ausgelastet ist als Mehllaster) dieses: „Es macht keinen Sinn, den Spielbetrieb im Profifußball aufrechtzuerhalten.“ Ein Satz, den ich auch außerhalb von Krisenzeiten unterschreiben würde, wobei ich über den Gebrauch des Wortes „macht“ in diesem Fall hinwegzusehen bereit wäre. Besondere Situationen erfordern in solchen Dingen eine gewisse Großzügigkeit.

Der französische Philosoph Blaise Pascal wird in der Zeitung zitiert: „…dass alles Unglück der Menschen von einem Einzigen herkommt: dass sie es nämlich nicht verstehen, in Ruhe in einem Zimmer zu bleiben.“ Das würde ich auch jederzeit unterschreiben.

Da zwischen unserer Ankunft in Bünde und dem Beginn der Feier noch Zeit war, suchten wir einen großen örtlichen Supermarkt auf, um unsere Vorräte unter anderem an Spannbetttüchern, Marzipan und Maibock zu ergänzen. Wie zu erwarten war Toilettenpapier komplett ausverkauft (als ob dazu keine Alternativen gäbe), Nudeln und einige Konserven waren stark dezimiert.

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Andere Artikel des täglichen Bedarfes waren in ausreichender Menge vorrätig:

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Sie können sich sicher vorstellen, welches Gesprächsthema auf der Geburtstagsfeier besonders präsent war. Einmal tanzte ich sogar, bezeichnenderweise zu „Hells Bells“.

Sonntag: Nach Rückkehr machte ich einen langen Spaziergang an den Rhein, wie viele andere auch bei dem sonnigen Wetter. Wer weiß, wie lange das noch in dieser Selbstverständlichkeit möglich ist, siehe Italien und Spanien, wo inzwischen weitreichende Ausgangssperren verhängt worden sind. Die derzeitige Situation erinnert mich ein wenig an 1986, nachdem klar geworden war, dass die radioaktive Wolke aus Tschernobyl auch uns erreichen würde. Wir waren verunsichert über eine drohende Gefahr, die man nicht sehen, hören oder riechen kann und die daher in ihrer Auswirkung reichlich diffus blieb. Bei jedem Regenschauer sahen wir schnell zu, unter ein Dach zu kommen, und wir mieden lange Zeit den Verzehr von Waldpilzen, Wild und Gemüse aus dem eigenen Garten. Die Älteren unter Ihnen erinnern sich sicher.

Hoffen wir, dass dieser Spuk ein baldiges und gutes Ende finden wird. Bis dahin und darüber hinaus wünsche ich Ihnen alles Gute!

 

Woche 10: Man verzichtet aufs Händeschütteln

Montag: „Wir werden alle sterben“, sagte der Geliebte, als morgens die Lichter angingen. Das ist wohl so ziemlich das einzige, was noch einigermaßen sicher ist.

Wegen der Erkältung schlecht geschlafen. Traum: Über Nacht hat Amazon meinen Arbeitgeber mit allen Konzernbereichen und Tochterunternehmen übernommen. Als ich morgens ins Werk komme, sehe ich zahlreiche Männer in schwarzen Anzügen mit Aktenrollkoffern und gegelten Scheitelfrisuren über die Flure huschen, vor meinem Büro wartet auch schon einer. Noch bevor ich mir einen Kaffee holen kann, interviewt er mich auf Englisch und tippt die Antworten sofort in sein Tablet ein. Unsere Chefs, Personalabteilung und Betriebsrat scheinen sich unterdessen aufgelöst zu haben, niemand ist erreichbar. Stattdessen höre ich im Telefon in Endlosschleife eine Frauenstimme, die in klebrig-lächelndem Werbeton Amazon-Angebote gegen Erkältung anpreist, dazu wiederholt sie ständig: „Jetzt Prime-Kunde werden, wenn Sie weiterhin wie gewohnt am Leben teilnehmen wollen. Möchten Sie sich jetzt registrieren lassen?“ – „Nein!“, schreie ich ins Telefon. – „Vielen Dank und herzlichen Glückwunsch, Sie können nun alle Vorzüge als Prime-Kunde nutzen.“

Im Laufe des Tages wird uns mitgeteilt, wer bleiben darf und wer gehen muss, die Nachricht erhalten wir per Paket. Nachmittags kommt der Bote, über der DHL-Jacke trägt er die grelle Weste von Amazon Logistics. Nachdem er mir die Sendung übergeben hat, verwandelt er sich in einen Halsbandsittich und filmt von draußen durch das Fenster, wie ich das Paket öffne; dies soll später als lustiges Unboxing-Video in den internen Kommunikationsmedien und auf Amazon Prime Video veröffentlicht werden, erst jetzt wird mir klar, dass ich morgens beim Interview mein Einverständnis dazu erteilt habe. Bevor ich das Paket öffnen konnte, wachte ich verstört auf und schlief nicht mehr ein.

Später, als der Chef wieder erreichbar war, meldete ich mich krank.

Dienstag: Sehr gut und lange geschlafen, es wird langsam besser. Einer versuchsweisen Umbettung ins Werk ab morgen steht demnach voraussichtlich nichts entgegen.

Dabei könnte ich mich durchaus daran gewöhnen: Bis mittags schlafen, nach Bad und knappem Frühstück aufs Sofa, Tee, Musik hören, Lesen in alten Tagebüchern und Herrndorfs „Arbeit und Struktur“ (wahrlich keine leichte Lektüre). Außerdem habe ich endlich mit der hoffentlich letzten Überarbeitung meines Bestsellers begonnen. Und wer weiß – was bitte nicht bedeuten soll, dass ich es herbei wünsche – die Quarantäne kann noch kommen, weil man Kontakt hatte mit jemanden, der Kontakt hatte mit … Sie wissen schon.

Mittwoch: Meinen Zustand als vollständig genesen zu bezeichnen wäre übertrieben, gleichwohl ging es einigermaßen im Werk. Das Schlimmste: Vermutlich zur Vermeidung der Virenverbreitung war das Dessertbuffet in der Kantine nicht befüllt. Kein Nachtisch nach köstlichem Spießbraten! Wie soll man da die Ruhe bewahren und nicht in Panik verfallen?

Donnerstag: Eine Bildunterschrift aus einem Zeitungsartikel zur Wahl in Thüringen: „Nach seiner Wahl und Vereidigung verweigerte Bodo Ramelow (links) dem rechten AfD-Vorsitzenden Björn Höcke den Handschlag.“ Man stelle sich vor, der zuständige Redakteur hätte eine Rechts-Links-Schwäche oder das Bild wäre von der anderen Seite aus gemacht worden.

Nach einem Tag Heimarbeit (nicht wegen Quarantäne, sondern weil ein Handwerker an der weiteren Vollendung unseres Bades wirkte, das noch immer nicht ganz fertig ist und dadurch langsam wie eine Miniatur der Elbphilharmonie oder des Berliner Flughafens anmutet, jedenfalls bezüglich des Zeit-, hoffentlich nicht Kostenrahmens, und der viel länger für die Montage eines Waschtischunterschrankes und eines Handwaschbeckens benötigte als er und ich dachten, was mir einen ganzen Arbeitstag zu Hause bescherte statt wie gehofft nur ein paar Stunden) stelle ich erneut fest: Kann man mal machen, muss aber nicht sein.

Und weil der Handwerker es nicht richtig gemacht hat – als nebenberufliche Bauaufsicht eigne ich mich nicht, habe ich auch nie behauptet – arbeitete der Geliebte abends nochmal einiges nach. Sie bauen auf, sie reißen nieder / So gibt es Arbeit immer wieder.

Freitag: Gehört: „Hüftschwung hast du keinen. Jedenfalls nicht beim Tanzen.“

Wie ich nachmittags erfuhr, fällt in der kommenden Woche aus bekanntem Grund die Veranstaltung aus, die für mich eine Dienstreise in die Nähe von Ulm bedeutet hätte. Niemals in den mittlerweile zahlreichen Jahren meines Lebens erlebte ich etwas, das vergleichbare Auswirkungen auf das öffentliche und geschäftliche Leben hatte wie dieses Virus. Was mag passieren, wenn sich mal eines ausbreitet, das wirklich bedrohlich ist? Positiv: Man verzichtet aufs Händeschütteln.

Zugegeben – ein großer Kinderfreund war ich nie. Und doch würde ich keinem Kind wissend und wollend Leid antun (ebenso den meisten Erwachsenen nicht). Bei dem schrecklichen Blag aus der Kijimea-Reklame könnte ich mir allerdings vorstellen, eine Ausnahme zu machen.

Aus der Zeitung: „Statt Wasser sprudelte Wein aus den Leitungen: Ein technischer Defekt beim Abfüllen spülte Lambrusco von einer lokalen Kellerei in einige Häuser von Castelvetro di Modena in der Emilia-Romagna.“ Technischer Defekt – das ist noch unplausibler als die kürzlich schon erwähnte Geschichte des Mannes, der mit einer Banane im Anus zum Arzt kommt, weil er angeblich nach dem Duschen ausgerutscht und in die Obstschale gestolpert ist, Sie erinnern sich vielleicht.

Samstag: Glückwunsch dem Mann im Radio, nachdem auch er bemerkt hat, dass Torn von Ava Max Elemente von ABBA enthält.

Sonntag: Italien sperrt weite Teile im Norden ab, um der Ausbreitung des Virus Einhalt zu gebieten. Dessen ungeachtet wirbt eine vermutlich nicht ganz günstige ganzseitige Anzeige in der heutigen Sonntagszeitung: „Dolce Vita und jahrtausendealte Kultur, aber auch imposante Landschaften und idyllische Dörfer locken in Italien. Bleibt die Frage: Wo bitte soll man bei dieser Fülle nur anfangen?“ Inzwischen dürfte der Inserent die Frage wohl anders formulieren.