Woche 35: Verständnis für Antinatalisten und textilfreie Jagden

Montag: Obwohl ich am Morgen das Radio bereits nach dem ersten Takt von Giesingers Song über die frustrierte, tanzende Mutter abschaltete, verfolgte er mich als Ohrwurm noch über mehrere Stunden. Eine Woche kann wahrlich schöner starten.

Aus einer werksinternen Mitteilung: „Sich an eine sich stetig ändernde Zukunft anzupassen gehört inzwischen zum Alltag.“ Eine sich stetig ändernde Zukunft? Na ich weiß nicht.

Aus einem Zeitungsbericht über Waldbrände in Sibirien: „Mangels Sprit für Löschflugzeuge und -mannschaften neigten die Beamten dazu, mögliche Verluste kleinzurechnen.“ Demnach wird in Russland der Wodka knapp?

Dienstag: Dienstreise ins württembergische Aalen. „Wer niemals träumt verschläft sein Leben“, steht in meinem Hotelzimmer an der Wand über dem Bett. Dem sei entgegnet: Wer niemals schläft, kann auch nicht träumen. Und wer langweilige Kalendersprüche an Hotelzimmerwände pinselt, achte auf korrekte Kommasetzung.

Mittwoch: „Ich freue mich wahnsinnig, Sie alle hier zu begrüßen“, heißt es zur Eröffnung der Tagung. Dass die Leute immer so übertreiben müssen.

Donnerstag: Nach einer Stunde Fahrt im Intercity mit Dauerbeschallung aus dem Kleinkinderbereich ist mein Verständnis für Antinatalisten, das sind Menschen, die dem menschlichen Fortpflanzungsdrang mit Skepsis begegnen, ein weiteres Stück gewachsen.

Durchaus Verständnis habe ich auch für Leute, die eine Halle in einem Gewerbegebiet nahe Stuttgart aufsuchen, die laut Außenanschrift eine „FKK-Safari“ beherbergt, wenngleich mir die konkrete Vorstellungen fehlt, was innerhalb ihrer Mauern geschieht. Eine textilfreie Jagd auf wilde Tiere wohl eher nicht, jedenfalls nicht auf vierbeinige.

Freitag: „Das müssen wir noch etwas streamlinen„, höre ich in einer Besprechung.

„T verlässt den Konzern im besten gegenseitigen Einvernehmen, um eine neue berufliche Herausforderung wahrzunehmen“, so eine interne Mitteilung. Mit anderen Worten: T hatte die Schnauze voll und hat sich was anderes gesucht, vermutlich nicht, ohne eine schwindelerregend hohe Abfindung abzusahnen.

In der Bahn sitzt mir eine junge Dame gegenüber mit einem mir neuen Accessoire: Die Hülle ihres Datengerätes ist an der Unterseite mit zwei Ösen versehen, durch die ein Halsband geführt ist, so dass das Gerät bei (seltenem) Nichtgebrauch vor der Brust baumelt und bei Bedarf sofort griffbereit ist. Das sieht zwar seltsam aus, ist für die Generation Google aber sehr praktisch.

Das finnische Wort „Kalsarikännit“ bezeichnet den Wunsch, lieber zu Hause zu bleiben, statt auszugehen, was mir mit jedem weiteren Lebensjahr sympathischer erscheint. Doch gesellschaftliche Verpflichtungen erforderten abends meine Anwesenheit im Rheinauen-Biergarten, wo Enge, Menschenmassen und Lärm mein Wohlempfinden dämpften. Eher rustikal auch die Darreichungsform für Rosé:

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Samstag: Apropos Rosé: „… eine quicklebendige Säure, die flirrend und flirtend mit etwas Restzucker anbändelt“, lese ich in einer Besprechung. Woher nehmen die nur immer diese albernen Formulierungen, gibt es dafür einen speziellen Weinkennerphrasengenerator? (Ein weiteres Wort mit hohem Punktepotential bei Scrabble.)

Sonntag: Aus einem Kommentar in der FAS über die Bielefeld-Verschwörung: „Es ist beinahe unwiderstehlich, Bielefeld zu leugnen, denn wann sonst hat man schon Gelegenheit, wissentlich Unsinn zu erzählen, und alle anderen stimmen zu?“ Nun, beinahe täglich, jedenfalls wenn man Staatspräsident, Konzernvorstand oder Fußballfan ist.

Unsinnig auch dieses Schild, welches im Bonner Norden ohne erkennbaren Grund und Durchgang vor einem Gebüsch steht, was nicht völlig unkommentiert blieb, siehe Randbeschriftung.

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Darauf muss man auch erstmal kommen. Und dann auch noch Zeit und Geld erübrigen, um entsprechende Aufkleber fertigen zu lassen.

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(Gesehen auf der Friedrich-Ebert-Brücke)

Woche 34: Fliegende Delfine und ein großes A

Montag: „Gestern war bei uns einiges los, so unwettermäßig„, sagt einer im Aufzug zu einem anderen.

Bei uns ist übrigens bald ist wieder Weinprobe, so rauschmäßig. Weinprobe mit Ausspucken ist schließlich ungefähr so schön wie ein Coitus interruptus.

Dienstag: Nach Tier nun also auch Lime. Der SPIEGEL über Elektroroller: „Transportmittel, bei dem sich das Nutzlose mit dem Unangenehmen innig verbindet.“

Apropos Tier: Laut einem Zeitungsbericht erlauben die amerikanischen Flugbestimmungen bei Inlandsflügen die kostenlose Mitnahme von Tieren in der Kabine,  wenn es sich um sogenannte „Service Animals“ handelt wie Blindenhunde, oder „Emotional Support Animals“, die geeignet sind, emotionale Imponderabilien ihres Besitzers zu lindern. Zugelassen sind nicht nur Hunde und Katzen – auch Pferde, Eichhörnchen, Enten und Schweine wurden schon an Bord begrüßt. Demnächst dann vielleicht der erste Delfin. Wieder fühle ich mich bestätigt in der Überzeugung, die Amerikaner sind hochgradig bekloppt.

„Wir können weiterhin das Spitzenlastkraftwerk bleiben“, lese ich in einer Mail. Ein wunderbares Wort, welches bei Scrabble eine erhebliche Punktzahl erzielte, wenn auch vermutlich erst nach längerer Diskussion.

Mittwoch: „Da muss man den Arsch in der Hose haben“, fordert der Chefchef. Ja wo denn sonst?

„Hast du dir die Ohren vergrößern lassen?“, fragt der Geliebte den Liebsten. Echte Liebe hält auch solche Fragen aus.

Donnerstag: Im Radio wird ein Liedchen mit dem Titel „Senorita“ zum sogenannten Sommerhit erklärt, was auch immer das sein soll. Nie hörte ich von Frühlings-, Herbst- oder Winterhit, wobei „Last Christmas“ vielleicht als ewiger Winterhit durchginge. Wie auch immer, nicht auszudenken, dieses „Senorita“ sollte sich eines Tages bei mir als Ohrwurm einnisten.

Freitag: „Damit habe ich keinen Touchpoint„, sagt der Kollege in einer Besprechung. Das klingt natürlich wesentlich weltgewandter als „Mir doch egal“.

Während einer eher langweiligen Skype-Besprechung beobachte ich einen großen, goldenen Luftballon in Form eines „A“ über dem Rhein schweben. Was will er mir sagen? „Achtung“? „Augen auf beim Apfelkauf“? „Ach was“? Keine Ahnung. Weitere Buchstaben, die Klarheit hätten bringen können, kamen nicht geflogen.

Samstag: Vermutlich erwähnte ich bereits, dass ich den Gebrauch von Kaugummis ablehne (erst recht den Verzehr, wovon ohnehin abzuraten ist, jedenfalls in größeren Mengen). Das sinnlose Dauerkauen dieses Weichplastiks verleiht Menschen zumeist den – nicht immer gerechtfertigten – Anschein einer gewissen Dümmlichkeit. Vor allem stellt sich bei Kaumüdigkeit die Frage: Wohin mit dem Ding? Gewissenlose Gemüter spucken es einfach aus, auf den Gehweg, die Straße, den Rasen, innerraums vielleicht auch in die Auslegeware, mit dem Convenience-Argument „Na und, das machen doch alle so“. Um diesem Wildspucken zu begegnen, stellt die Stadt Bonn nun in der Innenstadt zwanzig Vorrichtungen auf, wo ausgezehrte Kaugummis aufgeklebt werden sollen anstatt sie aufs Pflaster zu speien. Die Bezeichnung „Gum-Wall“ für diese Entsorgungsstationen mutet ebenfalls eher dümmlich an, ein besseres Wort kann ich indes spontan auch nicht anbieten. „Kaugummiaufklebestation“ dürfte die Motivation der Kauer jedenfalls nicht heben, Ausschau nach der nächstgelegenen amtlichen Entsorgungsstelle zu halten, anstatt das Gekaute wie gewohnt dem Nächsten vor die Füße zu spucken.

Das erinnert ein wenig an die Deutsche Bahn, die vor einigen Jahren in der Nähe größerer Bahnhöfe weiße Plakatwände aufstellte mit der sinngemäßen Aufschrift „Bitte hier sprühen“. Sie erhoffte sich hierdurch weniger von Graffiti beschmutzte Züge, indem sie die Kreativität der Sprayer auf diese Wände umzulenken suchte. Nach kurzer Zeit wurden sie wieder abgebaut. Wir werden sehen, wie lange es die „Gum-Walls“ geben wird.

Abends gab es Wein in nennenswerten Mengen, ohne Ausspucken.

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(Man beachte den eher missglückten Versuch, dem Klimawandel Positives zuzuschreiben.)

Sonntag: Yuval Noah Harari schreibt in »21 Lektionen für das 21. Jahrhundert«:

„Zwar hat die Globalisierung die kulturellen Unterschiede auf unserem Planeten enorm reduziert, gleichzeitig hat sie es jedoch deutlich leichter gemacht, Fremden zu begegnen und sich über deren Eigenheiten aufzuregen.“ 

Noel Gallagher in einem Zeitungsinterview:

„Aber heute ist es auch ziemlich leicht, jemanden zu beleidigen. Die Leute sind so verdammt empfindlich heute. Es ist, als würde die ganze Gesellschaft nur darauf warten, beleidigt zu sein.“ 

Woche 33: Zur gefälligen Kenntnisnahme

Montag: Dienstreise nach Leipzig als Beifahrer im Auto. Knödelkenner sollten gelegentlich Heichelheim besuchen, wo sich laut Hinweisschild an der Autobahn die Thüringer Kloßwelt dreht. Lärmempfindliche Menschen (wie ich) machen hingegen um Apolda besser einen größeren Bogen, da es sich nach eigenem Bekunden um die Glockenstadt handelt.

Dienstag: „Der etwas andere Friseur mit der Wartenummer“ steht an einem Salon in der Leipziger Innenstadt, nahe unserem Tagungshotel. Ein Friseur mit Schweigegelübte – DAS wäre mal ein lockendes Alleinstellungsmerkmal.

Ich bin mir übrigens sicher, über neunzig Prozent derjenigen, die heute in Bonn gegen einen umstrittenen Textildiscounter demonstrieren, bestellen jeden Mist beim großen Onlinehändler mit dem A, ohne sich die geringsten Gedanken zu machen über die Arbeitsbedingungen derjenigen, die anschließend ihre Pakte packen und ausliefern.

Mittwoch: Ich mag es, wenn Berliner „jetze“ sagen. Den Anblick bloßer Männerfüße in Flipflops auf Tagungen hingegen nicht so. Auch nicht, wenn sie Bestandteil eines Berliners sind.

Weiterreise nach Celle. Der Mann im Radio warnt mehrfach vor „Flitzerblitzern“. Das ist hart an der Grenze des Erträglichen und unterstreicht ein weiteres Mal die Frage, warum es Radiosendern überhaupt erlaubt ist, auf Geschwindigkeitskontrollen hinzuweisen. Ein vor uns fahrender LKW transportiert laut Aufschrift Sportpferde. Was will uns das sagen? Dass die reisenden Tiere keine Speisepferde sind?

Heute ist übrigens Tag des Rosé. Das erscheint etwas absurd. Die Frage ist doch eher: Welcher ist der Rosé des Tages?

Donnerstag: Celle-Groß Hehlen ist eher keine Perle architektonisch-landschaftlicher Schönheit, also nicht so pittoresk, dass einer Instagram-Influencerin bei dessen Anblick der lackierte Zehnagel zuckte. Dennoch war ein kurzer Spaziergang durch den Regen nach Feierabend einer der schönen Momente des Tages.

Freitag: Die Rückfahrt nach Bonn im ICE verlief ohne nennenswerte Störungen und fast pünktlich, seltsamerweise ohne Halt in Hagen; aber wer will schon nach Hagen, wird doch seitens der Bahn von einem Ausstieg abgeraten, wie nachfolgendes Archivbild belegt.

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Auch die kurz hinter Bielefeld von einer netten Bahndame an die Kinder einer gegenüber reisenden Familie verteilten Lutscher mit integrierter Schaffnerpfeife wurden nur kurz ausprobiert und verstummten nach elterlicher Ermahnung umgehend.

„Nichts wird jemals konkret, erst recht nicht die Musik aus der Grabbelkiste der Singer-Songwriter-Floskeln“, schreibt der General-Anzeiger über das Konzert von Max Giesinger. Die scheinen diese Art von Musik auch nicht sonderlich zu mögen.

Das heutige Blatt des Loriot-Kalenders zur gefälligen Kenntnisnahme:

Samstag: „Wie heißt nochmal dieses Mischtier: Vorne Pferd, hinten … Dings.“ – „Die Eier legende Wollmilchsau.“ – „Genau.“ Was beim Frühstück so gesprochen wird.

Als wäre ich die letzten beiden Wochen nicht schon genug außer Haus gewesen, fahren wir heute nach Ostwestfalen, wo die Schwiegerfamilie feiert. Obschon ich die Schwiegerfamilie sehr mag, wäre ein ruhiges Wochenende zu Hause eine akzeptable Alternative gewesen.

Sonntag: Rückfahrt im Regen nach Bonn, wo das eigene Bett und die heimische Klobrille sehnsüchtig warten. Neben der Autobahn sehe ich eine größere Ansammlung von Windrädern, die allesamt stillstehen. Ein seltsamer Anblick und gleichsam ein angenehmer Kontrast zu meiner derzeitigen Reiseunruhe, welche sich in den kommenden Wochen fortsetzen wird.

„J’EXISTE“ hat jemand augenscheinlich vor längerer Zeit an einen Brückenpfeiler plakatiert. Mittlerweile ist das Plakat in abblätternder Auflösung begriffen, worin bei näherem Nachdenken womöglich eine gewisse Symbolik für diverse Auflösungserscheinungen unserer Zeit zu erkennen ist. Übrigens sah ich niemals zuvor so viele sterbende oder bereits abgestorbene Bäume wie in diesem Jahr. Sehr erschreckend.

Woche 32: Wischbezug und Seitenlage in Schaufensternähe

Montag: Was, E-Scooter-Fahrer halten sich nicht an die Verkehrsregeln? Damit konnte, nach all den guten Erfahrungen bislang mit Verkehrsteilnehmern aller Art, ja nun wirklich niemand rechnen.

„Die Vergangenheit wertzuschätzen heißt zugleich, die Sucht nach dem Neuen zu mildern und nebenbei die Gegenwart zu entschleunigen. Das sogenannte Neue kommt ja oft im Gewand des „ganz Anderen“ daher. Der lebendige Kontakt zu dem, was bereits zurückliegt und vergangen ist, kann einem helfen, dies als Trugbild zu entlarven und den ständigen Reiz des Neuen zu entzaubern. Es ist ja, von wenigen wirklichen (meist technischen) Neuerungen abgesehen, als Mode, Masche oder Idee in den meisten Fällen eine mehr oder weniger gelungene Variation des Alten. […] Das würde bedeuten, so etwas wie eine kreative Ignoranz zu entwickeln, die sich bestimmten Entwicklungen zwar nicht verschließt, aber dem Hype gegenüber skeptisch bleibt.“

(Gelesen bei Olaf Georg Klein – „Tagebuch schreiben“)

Dienstag: „Ist ja schön, dass man es nicht aus Versehen macht, aber ganz so oft muss es ja nun auch nicht sein“, höre ich in einer Skype-Besprechung. Keine Ahnung, was die liebe Kollegin meinte.

Das Leben ist bunt und aller guten Dinge sind drei – heute seit nunmehr fünf Jahren ❤

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Vor vier Jahren schrieb ich:

„Heute bin ich mit mir und dem Leben an sich in etwa so zufrieden, wie zu sein mir vor dreißig Jahren erstrebenswert erschien. Wobei ich vor dreißig Jahren nicht annahm, dass es bis dahin so lange dauern würde.“

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Mittwoch: Dienstreise mit dem Kraftwagen nach Kassel. Auf der Autobahn überholen wir den Lastwagen eines Unternehmens, dessen Geschäftszweck augenscheinlich im Vertrieb von Miet-Wischbezug-Systemen liegt. Gestern wusste ich noch nicht um Existenz und Zweck von Wischbezügen, heute immerhin um deren Mietbarkeit.

Ansonsten ist Kassel (Pfeil) sehr schön.

Donnerstag: Mal wieder die Nacht zur Tagung gemacht mit dienstlich veranlasster Alkoholzufuhr. Nach vorzeitigem Erwachen denke ich darüber nach, ob die aktuelle Blümeranz in angemessenem Verhältnis zum Vergnügen des Vorabends steht, komme zu einem leicht positiven Ergebnis. Dennoch verzichte ich auf das Frühstück, um den Zeitpunkt, da mich wieder plappernde Menschen umgeben, möglichst weit nach hinten zu schieben.

Falls Sie eine berufliche Veranderung erwagen und selbstsandiges Arbeiten mogen, ist das hier vielleicht das Richtige fur Sie:

(Gesehen im General-Anzeiger Bonn)

Freitag: In der U-Bahn-Haltestelle hockt in der Ecke eine Gruppe Punks (m/w/d) mit bunten Haaren, Bierflaschen und schräbbeliger Punkmusik aus einem Abspielgerät, jedenfalls nehme ich an, dass das Punkmusik war, bin da nicht der Experte. Erblickte ich während eines Spazierganges durch Wald und Flur eine Ansammlung von Maikäfern, fiele meine Überraschung ähnlich aus wie beim Anblick der Punks: Sieh an, die gibt es auch noch.

Auf dem Weg zum Frisör komme ich an einem Bettengeschäft vorbei, wo in Schaufensternähe ein Herr gerade die Seitenlage ausprobiert, daneben stehen seine weibliche Begleitung und die Verkäuferin. Ob letztere den Namen Hallmackenreuter an ihrem heimischen Briefkasten angebracht hat, konnte ich auf die Schnelle nicht erkennen.

“Wie der Hengst im Karpfenteich. Ach nee, das war die Forelle oder?” Wie es der Geliebte immer wieder schafft, mir Lachtränen zu entlocken.

Samstag: „Trump droht Deutschland mit Truppenabzug“, lese ich in der Zeitung. Als nächstes droht dann wohl der Weihnachtsmann mit Geschenken.

Sonntag: Während des Spaziergangs sprach mich ein Autofahrer mit auswärtigem Kennzeichen an: „Kennen Sie sich hier aus?“ – Ich: „Ja.“ – Autofahrer: „Ist das hier ein Behindertenparkplatz?“ Dabei zeigte er auf das Schild, welches die Stellfläche eindeutig als solchen kennzeichnete. Wie mögen Behindertenparkplätze in „BM“ gekennzeichnet sein?

Woche 31: Einhändiges Händewaschen und schnurloses Dosentelefon

Montag: Was mich – neben manch anderem – zunehmend aggressiv macht, sind grinsende Gesichter auf Werbeplakaten, welche Menschen in Situationen zeigen, die von sich aus wenig Grinsegrund bieten, zum Beispiel auf dem Datengerät die Mitteilung über den Versand einer Bestellung lesend.

Dienstag: Abendtermin in Köln. Ich weiß nicht, wer Felix-Rexhausen war, aber gemessen an dem nach ihm benannten urindunstigen Platz hinter dem Hauptbahnhof wird er eher eine Randfigur der rheinischen Prominenz gewesen sein. „Watt willste maache“, sagt die Blumenverkäuferin am Eigelstein.

Nach dem Termin drängte mich ein Bedürfnis, welches mich die Toiletten des Kölner Hauptbahnhofs aufsuchen ließ, die jetzt bekannt-dümmlich Mc Clean heißen. Nach erfolgreicher Verrichtung wurde ich dort Zeuge eines seltsamen Schauspiels: Ein junger Mann trat neben mich an das Handwaschbecken, in der Linken den Griff seines Rucksacks. Mit der Rechten betätigte er den Seifenspender, zerrieb die Tropfen kurz mit den Fingerkuppen in der Handfläche, dann drückte er den Wasserknopf, hielt die geseifte Hand unter den Strahl, schließlich zupfte er ein Papiertuch aus dem Schlitz und zerknüllte es, so gut es ging, zum Zwecke oberflächlicher Trocknung in der rechten Hand. Die linke Hand erfuhr unterdessen keine Reinigung, sie musste ja den Rucksack halten. Ich hätte zu gerne gesehen, wie er zuvor sein Geschäft erledigt hatte.

Mittwoch: Eine Meldung, die man eher im Postillion vermutet statt im Bonner General-Anzeiger, einem grundseriösen Medium (womit dem Postillion keineswegs die Seriosität abgesprochen sei): Anlässlich der Forderung der Deutschen Umwelthilfe nach einem Verbot privater Silvesterfeuerwerke geht der Siegburger Bürgermeister einen Schritt weiter. Er verlangt die Abschaffung der professionellen Feuerwerke zu „Rhein in Flammen“, „Kölner Lichter“ und „Pützchens Markt“. Konsequenterweise müssten die beiden erstgenannten Veranstaltungen dann umbenannt werden. Vorschlag: „Rhein im Dunklen“ und „Kölner Dämmer“.

Am Abend lagen Hell und Dunkel vor unserer Haustür nicht weit auseinander.

„Der Ofen ist gut, stellste ein ,Pizza‘, dann macht der Pizza. Musste natürlich vorher eine reintun“, sagt der Geliebte. Logik kann er.

Donnerstag: Nachtrag zu gestern, ebenfalls aus dem General-Anzeiger: Laut dem Geschäftsführenden Gesellschafter einer Eitorfer Feuerwerksfabrik seien die Zahlen der Deutschen Umwelthilfe (DUH) über die Feinstaubbelastung völlig aus der Luft gegriffen. Beim Postillion sähe die Meldung wohl so aus:

+++ Aus der Luft gegriffen: Umwelthilfe legt falsche Zahlen zur Feinstaubbelastung vor +++

Schreck am Morgen: Die Zugangskontrollsperre im Werk verweigerte mir den Einlass. Umgehend stellte sich wieder schlechtes Gewissen ein: Habe ich zu laut über den Vorstand gelästert oder etwas Unflätiges ins Blog geschrieben? Indes war nur zum 1. August mein Mitarbeiterausweis abgelaufen. Man ließ mich dann doch noch hinein, um dem Tagwerk zu frönen.

Freitag: „Schlaf gut“, sagt der Geliebte, als er mich morgens ins Werk verabschiedet. Das ist natürlich ein Scherz: Ich bekomme kein Auge zu, weil der Kollege im Nachbarbüro pausenlos telefoniert in einer Lautstärke, als bediente er sich dazu eines schnurlosen Dosentelefons.

Samstag: „Man sollte den Löwen reiten, so lange er sich reiten lässt“, wird der SPD-Politiker Johannes Kahrs in der Zeitung zitiert. Was soviel heißt wie: „Man sollte den Fliegenpilz essen, so lange er essbar ist.“

Sonntag: „Ich freue mich wie ein Schnitzel“, sagt der Mann im Radio. Vor oder nach dem Braten?

Die Innere Nordstadt bietet immer wieder Fotomotive, man muss nur die Augen aufhalten.

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Woche 30: Wenn es warm ist

Montag: Gut geschlafen von gestern 23:00 bis heute 6:30 Uhr. Das sind siebeneinhalb Stunden Schlaf, somit fast so lang wie ein normaler Arbeitstag. Warum nur muss sich ein Arbeitstag so viel länger hinziehen als eine in sanften Träumen durchschlummerte Nacht?

Die erste Hälfte des Tages verbrachte ich mit ziemlich sinnlosem Kästchenausfüllen, was für einen Montag gleichwohl die angenehmere Tätigkeit ist gegenüber der von Halbwissen und Unlust getrübten Überarbeitung einer Prozessbeschreibung.

Dienstag: Skype-Konferenz. Die Einladende kommt sieben Minuten zu spät und fragt: „Wer ist denn schon alles da?“

„Das Projekt läuft im grünen Fahrwasser“, sagt der Projektleiter und freut sich selbst über die Formulierung. Sofort stellen sich Bilder algenbedeckter, übel riechender Tümpel ein.

Mittwoch: Es ist warm. Sehr warm. Und es soll noch wärmer werden. Ich mag es, wenn es warm ist. Und ich beneide Leute, die dann so ins Werk gehen können:

Donnerstag: Ja, es ist heiß.

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Am kühlsten ist es zurzeit übrigens im Büro, wo die werksinterne Temperaturregelung bestens funktioniert. Das kann natürlich kein hinreichender Grund sein, sich dort länger aufzuhalten als unbedingt nötig.

Freitag: Abends beim Aperol im Garten. Der Liebste: „Kuck mal, die Hortensien sind von der Hitze auch schon ganz ausgeblichen.“ – Ich: „Ja, tatsächlich!“ – Er: „Nicht die, das sind Weiße!“ Ornithologie ist nicht so meins.

Samstag: Gunild Lohmann schreibt im General-Anzeiger über Narzissten:

Was fehlt in diesem unserem egomanen Zeitalter, sind die stillen Wasser. Die sind nämlich tief. Und spiegelglatt. Und an jedem stillen Teich könnte ein Trump, Johnson oder Bohlen sich selbst anschmachten, bis er sich in eine Narzisse verwandelt. Wir hätten blühende Landschaften.

Abends aßen wir im Außenbereich eines griechischen Restaurants in der Fußgängerzone. Am Nachbartisch eine französische Familie mit zwei Jungs von etwa sechs bis acht Jahren. Während der Wartezeiten spielten die beiden auf der Straße vor dem Restaurant: Der eine balancierte einen Plastikteller auf einer Stange, so wie man das früher öfter im Fernsehen sah, der andere schleuderte mit einem Seil einen sich nach innen verjüngenden runden Gegenstand in die Luft und fing ihn mit dem Seil wieder auf. Ihr Essen verzehrten sie ohne Geplärre oder Streit, auch aßen sie ohne elterliche Ermahnung ihre Teller leer. Danach widmeten sie sich wieder dem Spiel auf der Straße. Warum ich das notiere: Nicht ein einziges Mal schauten sie, weder Eltern noch die Jungs, auf ein Datengerät. Vielleicht hatten sie gar keins.

Sonntag: Die Hitzewelle ist erstmal abgeebbt.

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Entdeckt im Kundenmagazin der Lufthansa:

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„Hochwasserhose“ steht wohl auch bald in einem Lexikon der aussterbenden Wörter.

Hier lesenswerte Gedanken zum Thema Urlaub.

Woche 29: Rolltreppen und andere Herausforderungen

Montag: Die Kombination aus Rolltreppen und Menschen ist immer wieder ein Quell komischer Szenen. Wie heute auf dem Heimweg: In der Stadtbahnhaltestelle Heussallee gibt es „einspurige“ Rolltreppen, die sowohl rauf als auch runter rollen, also nicht eine für jede Richtung, wie man es von Karstadt kennt. Das heißt, wenn niemand hoch- oder runterrollen will, steht die Treppe still, wird zur stillen Treppe, oder Standtreppe, oder einfach zur Treppe. Erst wenn sie jemand betritt, rollt sie los, derweil am anderen Ende eine Leuchtanzeige zum Warten anhält. Hat der Nutzer sein Ziel erreicht und kommt keiner nach, der die Treppe in nämlicher Richtung nutzen will, rollt sie noch eine gewisse Zeit weiter, ehe sie wieder im Stillstand verharrt. Erst dann kann sie in der anderen Richtung genutzt werden, ich hoffe, Sie können mir folgen. Heute nun beobachtete ich drei augenscheinlich nicht sonderlich gehbehinderte Menschen mit Rollkoffern von überschaubarer Größe, die vom Bahnsteig nach oben wollten. Aber ach, die Treppe rollte gerade herab, auch mehrere Versuche, sie durch Bitten, Beschimpfen oder Betreten der Kontaktschwelle anzuhalten, liefen zunächst ins Leere. Endlich hielt sie an und beförderte die Leute anschließend nach oben. Das ganze dauerte ein Mehrfaches dessen, als wenn sie einfach die direkt daneben liegende Steintreppe benutzt hätten, trotz der Koffer. Menschen sind komisch, immer wieder.

Von Frosch gibt es jetzt sensitives Duschgel. Laut Duden also von übersteigerter Feinfühligkeit, überempfindlich. Brauche ich nicht, überempfindlich bin ich selbst.

Dienstag: Herr Levin schreibt über das Schreiben:

„… denn das erste Werk ist aus der Rückschau immer peinlich und schlimm.“ – „… und schließlich die vielen, denen irgendwo unterwegs die Luft ausgeht mit drölf versandeten Romananfängen in der Schublade.“

Das kommt mir alles sehr bekannt vor. Dennoch: Irgendwann wird mein Bestseller erscheinen.

Mittwoch: Gehört in einer Besprechung: „Ich habe ja öfter schon heureka gerufen, und dann ist trotzdem wieder ein Panzer über mich drüber gefahren.“

Gehört im Aufzug: „Der ist aber auch ein bisschen sportlich unterwegs “

Donnerstag: Nun also AKK. Natürlich ist es einfach und häufig auch gerechtfertigt, auf Politiker zu schimpfen. Aber wie lange wird es noch gute und fähige Leute geben, die diesen harten Job auf sich nehmen, anstatt lieber Werbung zu machen für Hundefutter oder Mittel gegen nächtlichen Harndrang? Zu Risiken und Nebenwirkungen schauen Sie nach Großbritannien, Italien oder in die USA. (Wobei ich nicht behaupte, AKK für gut und fähig zu halten.)

Freitag: „Mama, bekomme ich einen Keks?“ – „Wo isst man denn um diese Zeit schon Kekse?“ – „Na hier.“ So zitiert WDR 2 am Morgen einen per Facebook zugegangenen Mutter-Kind-Dialog. Goldig. Infos die brauche, und für die Rundfunkgebühren zu entrichten als süße Pflicht, ja als pures Vergnügen erscheint.

Samstag: „Wir bieten Herausforderungen“, steht in einer Stellenanzeige. Vermutlich würde ich mich dort nicht bewerben.

Eine Herausforderung der menschlichen Vernunft stellt die aktuelle Anzeige für ein SUV dar:

„Von null auf 100 km/h in 3,7 Sekunden. … Ein kurzer Druck auf den roten Startknopf und Gänsehaut-Feeling stellt sich ein. … hat die Power unter der markanten Motorhaube, von der jeder Autofan träumt. 522 kW (710 PS) Leistung … Das eindrucksvolle Ergebnis sind ein faszinierendes Fahrerlebnis und einer der atemberaubendsten Sprints, die man in einem SUV erleben kann … Kein Wunder, dass der Fahrer … die allermeisten Verkehrsteilnehmer überwiegend im Rückspiegel sieht. … Nappaleder-Sportsitze, die so geformt sind, dass sie Fahrer und Passagiere selbst bei schnellen Kurvenmanövern sicher in Position halten können. … vierflutige Auspuffanlage … Ein SUV, das sich sehen lassen kann und das man fühlen und hören muss.“

Das mit dem hören müssen ist wohl traurige Wahrheit, wenn so ein Autoposeräffchen in der Stadt die vierflutige Auspuffanlage einem überdimensionierten Knallfurz gleich aufbrausen lässt, um sogleich wieder abzubremsen, weil die zehn Meter vor ihm liegende Ampel rot zeigt. Irgendwie scheinen die bei Jeep die Zeichen der Zeit noch nicht erkannt zu haben.

Sonntag: Manchmal wüsste ich zu gerne die dahinter stehende Geschichte.

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