Woche 44: Womöglich peinlich berührt

Montag: Es ist kalt geworden, weshalb ich wieder mit der Bahn statt mit dem Fahrrad zum Werk fahre, die, am Rande gelobt, bezüglich Zuverlässigkeit heute keinen Grund zur Beanstandung bot. Stattdessen zwei Erkenntnisse bei der Betrachtung der Mitreisenden. Erstens: Die schlimmsten Entstellungen entstehen oft durch Frisuren. Zweitens: Es ist kein Wunder, wenn die Welt, in der alle nur noch auf ein Datengerät starren, immer bekloppter wird.

Dienstag: In einer Besprechung höre ich mehrfach das Wort „Zielbild“. Was soll das sein? Ein Bild von einem Ziel? Etwas, das nur wie ein Ziel aussieht?

„Wir haben uns dazu intensiv zusammengesetzt„, sagt ein anderer. Darüber möchte man auch nicht näher nachdenken.

Mittwoch: Statt Ziel- hier ein Herbstbild, entstanden kurz vor Ankunft im Werk:

KW44 - 1

Für gewöhnlich werden öffentlich geführte Telefonate von Unbeteiligten als eher störend empfunden. Nicht so heute Abend im Bonner Hauptbahnhof. Nachdem der Zugansager den Regionalexpress nach Koblenz angesagt hatte, vergaß er offenbar, das Mikrofon zu deaktivieren, oder sich zu muten, wie Menschen es auszudrücken pflegen, wenn sie sich smart fühlen wollen. Was sonst eine Zumutung ist, zauberte zahlreichen Menschen auf den Bahnsteigen ein Lächeln ins Gesicht, als sie hörten, wie der Ansager mit Nicki oder Micki telefonierte, etwa so: „Alles klar bei dir, Nicki? … Ja … Nein, nicht? Dann ist das eben so, Nicki …“ und so weiter. Also nichts für fremde Ohren Interessantes oder gar Intimes, mehr so das Übliche, was man auf der Straße und in der Bahn täglich zu hören bekommt und was keiner Notiz würdig erschiene. Doch in dieser Situation gereichte es zahlreichen Menschen zur Freude. Bald verstummte der Lautsprecher mitten im Satz, der Sprechende hatte wohl seinen Fehler bemerkt und – womöglich peinlich berührt – schnell den Mikrofonknopf gedrückt, wohingegen das Lächeln der Wartenden noch etwas länger anhielt.

Donnerstag: Heute lächelte ich bereits am frühen Morgen beim Rasieren, obwohl das aus unlängst genannten Gründen seit geraumer Zeit in einer inhäusigen Baustelle erfolgt. Der Grund für meine Freude kam aus dem Radio, ich beschrieb ihn schon mal hier.

Auch die Lektüre der Tageszeitung hob mir die Mundwinkel ein wenig: „Drei Wochen nach dem Anschlag in Halle hat das Bundeskabinett ein Neun-Punkte-Paket beschlossen, um Betroffene von Hass und Drohungen im Netz, aber auch real vor der Haustür besser zu schützen.“ Haustüren sind ja schon lange eine völlig unterschätzte Quelle des Ungemachs.

„Staat muss mit weniger Geld auskommen“, steht auf der Titelseite derselben Ausgabe, bereits drei Seiten weiter diese Überschrift: „Mehr Geld für den Bund“. Die Zeiten sind sehr schnelllebig geworden.

Freitag: Allerheiligen. Ich muss nicht ins Werk, weil die Katholiken heute irgendwas feiern. Da mir als bekennendem Agnostiker nichts besonders heilig ist, mache ich es mir auf dem Sofa bequem, schaue dem jungen November zu, wie er mit Regen, Wind und Herbstestrübe Einzug hält, und lese. Nämlich in der Kulturbeilage des SPIEGEL ein Interview mit dem norwegischen Schriftsteller Jo Nesbø, wo er dieses sagte:

„Ein Schriftsteller wie ich besitzt keinen besseren Zugang zu Wissen und Informationen als seine Mitmenschen. Das macht es ein bisschen altmodisch und lächerlich, Schriftsteller nach ihrer Meinung zu wichtigen Weltproblemen zu fragen.“

Danach beendete ich die Lektüre des Buches „Das Ende vom Ende der Welt“ von Jonathan Franzen, von dem ich mir mehr oder was anders versprochen hatte, weshalb es demnächst Ihrer Abholung aus einem öffentlichen Bücherschrank anheim gestellt wird. Dennoch fand ich auch darin zwei zitierenswerte Sätze:

„Es stimmt, dass die effektivste Einzelmaßnahme, die ein Mensch treffen kann, nicht nur im Kampf gegen den Klimawandel, sondern auch zur Erhaltung der Biodiversität, darin besteht, keine Kinder zu kriegen.“

[…]

„Selbst in einer Welt, in der alles stirbt, wächst neue Liebe nach.“

Den zweiten Satz könnte ich mir gut in meiner Todesanzeige oder auf meinem Grabstein vorstellen. Wobei – der erste passte auch.

Samstag: Apropos Grabstein – „Stirb, du Hund“, hörte ich jemanden sagen, der mir in der Fußgängerzone begegnete. Da ich ihn nicht kannte und mir auch sonst keiner Schuld bewusst bin, durch was ich seinen Groll auf mich gezogen haben könnte, nehme ich an, die Anrede galt nicht mir, sondern war Teil der Unterhaltung mit seiner Begleiterin. Aber man weiß ja nie in dieser immer bekloppteren Welt.

Sonntag: WDR 2 sendet mittags den „Tatort-Check“ als Appetitanreger auf den „Tatort“ am Abend auf ARD, wo Millionen ihn mit großer Begeisterung anschauen und am Montag im Büro darüber reden. Einen Porno-Check hörte ich indessen noch nie, weder öffentlich-rechtlich noch privat, denn Porno ist bäh. „Porno hat mit echtem Sex nichts zu tun“ – „Porno zeigt nicht die Wirklichkeit“ – Ich mag es nicht mehr hören und lesen! Porno bedeutet gerade nicht, dass Frauen mit hochhackigen Schuhen spitze Schreie ausstoßen, während sie von dickbäuchigen Männern mit schmierigen Haaren von hinten an der Küchenanrichte penetriert werden, und auch nicht, dass alte Männer mit haarigem Rücken schlanken körperrasierten Jünglingen ihren Dings in Körperöffnungen treiben. Es gibt auch gute Pornos, die der Wirklichkeit sehr nahe kommen, und es gibt echten Sex, der gefilmt einen ziemlich guten Porno ergäbe, glauben Sie mir, ich kann das beurteilen, ohne prahlerisch wirken zu wollen. Was sagt das über uns aus, wenn die Betrachtung heimtückischer Morde breite gesellschaftliche Anerkennung findet, während es die Jugend gefährdet, anzusehen, wie zwei oder mehr Menschen den natürlichsten Spaß der Welt miteinander haben?

Woche 43: Frühstück auf dem Gleis und Feuer in der Hose

Montag: „Er gehört zu mir, wie mein Name an der Tür“, sang Marianne Rosenberg einst. Dieser unter meinesgleichen in den Neunzigern überaus beliebte und gerne mitintonierte Schlager („Nananana nanaaa na …“) kam mir heute Morgen in den Sinn, als ich das neue Türschild an meinem Büro erblickte. Offenbar wurde das in der vergangenen Woche provisorisch angebrachte am Wochenende gegen die offizielle ausgetauscht. Einziger Schönheitsfehler: Mein Name fehlt darauf, wohingegen die beiden künftigen Zellengenossen, die ab dieser Woche einziehen, gut lesbar ausgewiesen sind. Mein Chef versicherte auf Anfrage einigermaßen glaubhaft, es handele sich um ein Missverständnis aufgrund ursprünglich anderer Raumplanung. Als grundsätzlich das Gute im Menschen Vermutender glaube ich ihm selbstverständlich. Vorsichtshalber habe ich ein neues Türschild beauftragt.

Eine geänderte Raumplanung hat vom Guten weniger Beseelte möglicherweise dazu bewogen, neben einem Parkplatz bei Ahrweiler eine Küche zu entsorgen. „Es handelt sich um eine 1991 produzierte Küche mit Eichenfront sowie einer Arbeitsplatte mit einer Edelstahleinbauspüle“, so die Zeitung. Falls ein Leser an einer Übernahme interessiert sein sollte, nehme ich an.

Dieses Blog kennen Sie nun, aber haben Sie schon mal was über den Blob gehört oder gelesen? Ich vorher auch nicht. Interessant, aber in gewisser Weise auch unheimlich, nicht nur wegen der 720 Geschlechter.

Dienstag: Das neue Türschild, nun mit meinem Namen, wurde angebracht. Ich werde das im Auge behalten.

Es wird Sie vielleicht nicht sonderlich interessieren, es stand heute in der Zeitung: Die Philippinen bestehen aus 7.641 einzelnen Inseln. Ist dann jede davon eine Philippine?

Gelesen in einem Blog für Berufspendler, was ja an sich ein blödes Wort ist, ich denke dabei immer als erstes an einen Hypnotiseur, der anderen Menschen einen an einem Faden hängenden Gegenstand vor den Augen hin und her schwingen lässt und sie mit leiser, beschwörender Stimme dazu bringt, einzuschlafen oder merkwürdige Dinge zu tun, aber das nur am Rande:

„Besser ist in Ruhe daheim zu frühstücken, hier kann man sich in Ruhe etwas hinrichten (vll. schon Tag zuvor mit deiner Abendroutine). Es ist auch gemütlicher als irgendwo am Bahnhof auf dem Gleis zu stehen und mit klebrigen Fingern etwas zu essen.“

Wer auf dem Gleis sein Frühstück einzunehmen pflegt, hat bezüglich Hinrichtung schon recht gut vorgesorgt.

Mittwoch: Bonn wurde nun als eine der schönsten Städte weltweit in den Lonely-Planet-Reiseführer aufgenommen. Völlig zu recht.

KW43 - 1

Gehört: „Wie ist Rapunzel eigentlich gestorben? An einem Apfel, oder? Ach nee, das war die Schlange.“ Diverse Bücher müssen wohl umgeschrieben werden.

Donnerstag: „Mistarbeiter“ steht in einer Präsentation. Das muss nicht zwingend ein Schreibfehler sein.

Aus einer Zeitungsmeldung: „… als gegen 10.45 Uhr ein 28-jähriger Polizeibeamter und seine 34-jährigen Kollegin vom Ordnungsamt vorbeikamen.“ Gerne hätte ich noch die Sternzeichen, Telefonnummern und Bankverbindungen der beiden erfahren.

Ein regelmäßig von mir gelesenes Blog schließt den Tagesbeitrag heute so:

„Verehrter Leser, ich danke abermals für das Lesen dieses Textes gerade in Zeiten, in denen sich Radikale aufmachen, unser System mit demokratischen Mitteln zu zerlegen, bevor wir dann von undemokratischen Mitteln zerlegt werden. So lange das Wort noch frei ist – ein Zustand, den ich allen Ernstes für zeitlich begrenzt halte -, sollten wir das Geschriebene genießen!“

Das gefällt mir so gut, dass ich es ungefragt wiedergebe, bei Aufforderung durch den Verfasser selbstverständlich umgehend zu löschen mich bereit erkläre. Hinzufügen wäre noch die freie Meinung, die zunehmend nur noch geäußert werden darf (und wird), wenn sie möglichst wenig abweicht von dem, was eine breite Mehrheit als korrekt und sagbar erachtet. Das finde ich sehr bedenklich.

Freitag: „Es gibt nichts, was mich mehr an den Untergang der Menschheit erinnert, als eine Touristengruppe auf Segways“, schrieb Alexander Osang vor einigen Wochen im SPIEGEL, was ich sofort notierte und danach vergaß. Heute fiel es mir wieder ein, als mir auf dem Heimweg vom Werk eine solche Gruppe am Rhein begegnete. Aus nämlichem Artikel notierte ich weiterhin den Satz „Wie immer haben die größten Idioten die breitesten Reifen“, den ich Ihnen ob seiner allgemeinen Gültigkeit auch ohne konkreten Bezug zum heutigen Tag zur Kenntnis zu geben mir erlaube.

Samstag: In Los Angeles (oder „Äl Ääy“, wie affektierte Scheinkosmopoliten gerne sagen) ist eine Villa mit einundzwanzig Badezimmern für vierundneunzig Millionen Dollar verkauft worden. Wir hingegen haben seit nunmehr einem Monat gar kein Bad. Vielen Dank an die namhafte Versicherung aus der süddeutschen Lebkuchenstadt, die uns im Zeichen der Burg seit Wochen hängen lässt, weil der zuständige Schadensregulierer Urlaub hat. Vielleicht ist er in Äl Ääy.

„Du bist so sexy! Du hast ein Feuer in meiner Hose gemacht“, schreibt mir ein(e) Unbekannte(r) per Mail. Gern geschehen.

Sonntag: Letzte Nacht träumte ich, so ein orange gekleideter Essensausfahrer hätte mich mit seinem Fahrrad umgefahren. Als ich am Boden lag, stieg er ab, trat mich zusätzlich in die Seite und rief: „Und das war für den Speisesklaven!“

Kürzlich verhinderten Demonstranten in Göttingen eine Lesung des ehemaligen Bundesinnenministers. Dazu schreibt heute die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: „Unterstützt wurde die Blockade von der Göttinger Ortsgruppe von Fridays for Future, die neben dem Klima jetzt auch die nordsyrischen Kurden vor Thomas de Maizière schützen will.“

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die zu heute erfolgte Zeitumstellung die letzte ihrer Art sein sollte.

Woche 42: Wieder ist die Welt etwas unübersichtlicher geworden

Montag: „Bauhof in Gutenstetten ist nun elektrisch unterwegs„, steht über einem Zeitungsartikel. Stellen Sie sich mal einen in einer Straßenbahn reisenden Bauhof vor!

Gleichsam unterwegs waren heute auch zahlreiche Kollegen und ich, da ein Gebot von höherer Stelle ausging, auf dass ein jeder umziehe in ein anderes Büro in einem anderen Gebäude, warum auch immer das sein muss. Statt aus der 27. Etage auf den Rhein blicke ich nun aus dem zweiten Stock in einen Hinterhof. Doch will ich dessen nicht klagen, immerhin habe ich noch ein Büro, was ja nicht mehr selbstverständlich ist in diesen agilen Zeiten.

Dienstag: Konnte ich im bisherigen Büro während langweiliger Telefonkonferenzen Schiffe auf dem Rhein zählen, so kann ich nun Halsbandsittiche (Pfeil) beobachten. Auch nicht schlecht.

Mittwoch: Apropos komische Vögel – ein echter Vorteil des neuen Büros: Ich muss mir nicht bereits am frühen Morgen und auch sonst nicht im Aufzug das Gelaber irgendwelcher wichtig-witziger Businesskasper anhören.

Ganz andere Probleme heute bei Porsche: Wie aus einer Meldung hervorgeht, war dort nach einer IT-Störung die Produktion lahmgelegt. Das ist nun wirklich nicht sehr schlimm.

Donnerstag: Ähnlich überflüssig wie ein Porsche sind Elektroroller. „Rollern ist töricht“, klebt an einem solchen, ganz im Stil der bekannten Warnhinweise auf Zigarettenschachteln. Sehr nette Aktion, wo erhält man diese Aufkleber? Vielleicht gibt es demnächst auch die passenden Schockbilder dazu, Motive wären reichlich denkbar. Vielleicht wird in tausend Jahren, wenn wir uns längst erfolgreich ausgerottet haben, eine intelligente Spezies zu der Erkenntnis gelangen, dass das Ende des „Homo Sapiens“ zeitlich in etwa zusammenfiel mit dem Aufkommen dieser Roller, wer weiß. Wir werden es nie erfahren.

Freitag: Die Bonner Stadtbahnlinie 66 steht seit längerem wegen Unpünktlichkeit, Ausfällen und überfüllter Züge in der Kritik. Laut einem Zeitungsbericht zum Thema erwägt ein Unternehmensberater aus Montabaur deswegen gar, seinen Arbeitsplatz in Bonn zu kündigen. Liebe Stadtwerke, soweit darf es nicht kommen, jeder Verlust eines Unternehmensberaters ist ein Verlust zu viel!

Seit Jahren fahre ich fast täglich mit der 66, bislang konnte ich die angeprangerten Missstände nur eingeschränkt nachvollziehen: Meistens kam die Bahn, wenn auch oft ein paar Minuten später, egal, und fast immer fand ich einen Sitzplatz. Nicht so diese Woche: Von fünf Fahrten nachmittags nach Hause entfielen drei, eine fiel laut Anzeige aus, kam dann aber doch, und eine endete bereits am Hauptbahnhof. Sollte ich deswegen in das allgemeine Bahnbeschimpfen einstimmen? Nein. Gibt es doch eine wunderbare Alternative: Zu Fuß gehen. So wie heute. Aus der U-Bahn hätte ich nicht des Morgens Röte erblickt.

Oder das Werbeplakat des bekannten Süßbrauseherstellers. Früher war Fanta gelb und Cola dunkel. Laut der Werbung gibt es jetzt auch dunkle Fanta. Wieder ist die Welt etwas unübersichtlicher geworden.

Gelesen bei Herrn Firla über Uhren:

»Das Akustische wie auch das analog Optische der symbolträchtigen Zeiger sind fast verschwunden. Zur bloßen Zahlenfolge wegdigitalisiert. Und wie Fotoapparat und Telefon hat sich die Taschen- und Armbanduhr längst in eine Multifunktionsflachbox zurückgezogen, der wir als Monstranz menschlicher Allmacht vertrauensvoll folgen.«

Samstag: „Immobilenverkauf ohne Makler ist wie Bonn ohne Beethoven“, behauptet ein Plakat der Maklerinnung. So lange ich auch darauf herumdenke: Das ist und bleibt Unfug.

Das hier auch:

KW42 - 1

Sonntag: Von morgens bis abends Regen, was mich nicht vom sonntäglichen Spaziergang abhielt. Ich mag es sehr, wenn mir beim Flanieren durch die Nordstadt nur wenige Menschen unter Schirmen begegnen. Nur die radelnden Speisesklaven mit den riesigen Tornistern, die in durchnässter oranger Arbeitskleidung den Appetit und die Bequemlichkeit derer bedienen, die bei Regen nicht vor die Tür gehen, tun mir etwas leid.

Woche 41: Unglückliche Kühe und zweifelhafte Geschäftsmodelle

Montag: Eine neue Folge von „Büro, Büro“ – „Beste Grüße aus Ibiza“ steht unter einer Mail, die ich als Antwort auf eine von mir versandte Nachricht von geringer Wichtigkeit erhielt. Manchen Menschen ist nicht zu helfen; die lesen und beantworten vermutlich auch noch vom Totenbett aus Mails, vielleicht sogar darüber hinaus.

Auch sonst weitet sich die Digitatur aus: In Bonn gibt es jetzt digitale Abfalleimer. Wenn der Bürger einen vollen Behälter bemerkt, soll er mit seinem Datengerät den dort angebrachten QR-Code scannen, woraufhin sich die Seite des städtischen „Mängelmelders“ öffnet. Dort gibt er dann die Standort-ID und sein Anliegen ein, möglichst mit Foto, woraufhin die Stadtreinigung Wirkung walten lässt. Ganz so pleite scheint Bonn demnach nicht zu sein, wenn für so etwas Geld da ist. Auch vertraut man darauf, dass es noch Leute mit sehr viel Zeit gibt.

Dienstag: Dienstreise nach Bremen, vielleicht und hoffentlich die letzte in diesem Jahr. Während ich auf dem Bonner Bahnhof auf meinen Zug wartete, setzte sich ein Mann neben mich, zeigte mir eine ausgedruckte Reiseinformation und fragte, ob er auf dem richtigen Bahnsteig sei, das heißt, eigentlich fragte er nur: „Zug hier?“ oder so etwas, ich bejahte. Als sein Zug wenige Minuten später einfuhr und direkt vor uns zum Stehen kam, machte ich ihn darauf aufmerksam. Er nickte nur stumm, blieb sitzen und zündete sich eine Zigarette an. Vielleicht wollte er gar nicht verreisen, wartete vielmehr auf jemanden, den er vom Zug abholen wollte, was weiß ich, welche Beweggründe Menschen zum Bahnhof treiben. Als der Zug abfuhr, entfernte sich auch der Mann aus meinem Blickfeld. Erst als mein Zug einfuhr, stand er wieder neben mir und sagte, fast vorwurfsvoll: „Jetzt habe ich meinen Zug verpasst.“

Mittwoch: In Bremen in einem bayrischen Wirtshaus pfälzer Rosé zu trinken ist auch eine Form von Multikultur.

Donnerstag: „Ihr Partner fürs Parken der Zukunft“, sehe ich bei der Durchfahrt von Osnabrück an ein Parkhaus geschrieben. Partner fürs Parken – Parken der Zukunft – die Welt ist voller Rätsel.

Während eilender Fahrt mit viertelstündiger Verspätung durch das Münsterland geraten grasende Rinder ins Blickfeld. Kurz blitzt in hinteren Hirnwindungen die Mär von glücklichen Kühen auf, doch verwerfe ich die Idee umgehend. Glückliche Kühe? Ich bitte Sie – ein Wesen, das wir lebenslang in Gefangenschaft halten, um es gnadenlos auszubeuten und hinterher aufzuessen oder zu Hundefutter zu verarbeiten, dem wir in jungen Jahren die Hörner wegätzen und später die Kinder gleich nach der Geburt wegnehmen, hat wohl wenig Anlass zum glücklich sein.

Hinter Münster schleicht ein Flaschensammler durch die Reihen auf der Suche nach Pfandgut, in Wuppertal sehe ich ihn mit zwei mäßig vollen Plastiktüten den Bahnsteig entlanggehen. Sein Geschäftsmodell erscheint mir wenig tragfähig: Wie viele Flaschen muss er wohl sammeln, um sich einen IC-Fahrschein von Münster nach Wuppertal kaufen zu können?

Freitag: Manch anderes Geschäftsmodell ist einfach nur widerwärtig:

„Die Fran­zo­sen wür­den es als Af­front be­trach­ten, wenn sie Märk­te wie die Golf­re­gi­on we­gen ei­nes deut­schen Ve­tos nicht mehr be­lie­fern dürf­ten. […] Deutsch­land be­grün­det das mit sei­ner Ge­schich­te. Frank­reich oder Eng­land se­hen sich in ei­ner an­de­ren Rol­le. Dort ist in der Be­völ­ke­rung fest ver­an­kert, dass man zum Schutz der De­mo­kra­tie so­wie der ei­ge­nen Frei­heit auch eine leis­tungs­star­ke und in­ter­na­tio­nal wett­be­werbs­fä­hi­ge Ver­tei­di­gungs­in­dus­trie braucht.“

(Dirk Hoke, Chef der Rüstungs-Sparte bei Airbus, im SPIEGEL-Interview über die angebliche Zurückhaltung Deutschlands bei Waffenlieferungen ins Ausland)

Samstag: Aufgrund einer unbedachten Äußerung meinerseits nach der zweiten Flasche Wein am Vorabend blies heute ganztägig zwischenmenschlicher Mistral gegen die fragilen Zeltbahnen meines Harmoniebedürfnisses, der sich trotz mehrfacher Entschuldigungsgesuche erst zum Abend hin legte.

Sonntag: Die Angst, dass der Wein ausgeht, heißt übrigens Novinophobie. Eine Gefahr, die in diesem Haushalt bis auf weiteres nicht droht.

Ein anderes schönes Wort ist „Schwebedeckel“. So wurden in der DDR Frisbee-Scheiben bezeichnet. Leider fiel das Wort der Wiedervereinigung zum Opfer.

Ansonsten war es heute recht schön:

Woche 40: Singende Schwimmdamen mit Verspätung

Montag: Zum Thema Tempolimit auf deutschen Autobahnen schrieb Wolfgang F. aus Bonn in einem Leserbrief an den General-Anzeiger:

Aber das Lobby-Kartell aus Automobilclubs, Autoherstellern und Mineralölkonzernen scheint so mächtig zu sein, dass nicht einmal die Grünen mehr über Tempolimits diskutieren. Das in Verbindung mit dem rücksichtslosen Verhalten zu vieler macht deutlich: Was den US-Amerikanern ihre Waffen sind, sind den Deutschen ihre Autos – und oft ihre Autos als Waffe

Könnte man dort ein Gefällt-mir-Sternchen anbringen, hätte ich es getan.

Hier auch – was mit Liebe:

KW40 - 1

Dienstag: Nun wird also die Lebensmittel-Ampel mit dem appetitabregenden Namen „Nutri-Score“ eingeführt. Schön und gut. Das beste: Es wird nur grüne Ampeln geben, da die Kennzeichnung freiwillig erfolgt. Eine verbindliche Einführung ist den Herstellern von Chips und Süßgetränken offenbar nicht zuzumuten.

Eine Zumutung auch der Anblick mancher Krawatte: Würde ein Preis für bizarre Binder ausgelobt, wäre der  heute-Sprecher Christian Sievers ein sicherer Anwärter dafür.

Laut Nachrichtenlage ist Hongkong zurzeit kein zu empfehlendes Reiseziel. Trouble gabs dort schon 1976:

Mittwoch: „1959 fiel Gott als Zwanzigjähriger bei ersten Nachwuchswettbewerben als talentierter Sänger auf“, steht in einer Meldung. Natürlich meinen sie nicht den Allmächtigen – was der vor achtzig Jahren herausragendes leistete, entzieht sich meiner Kenntnis. Vielmehr geht es um den gleichnamigen, großartigen Karel, der heute von uns ging.

„Zug fährt schlafen“, steht abends in der Zielanzeige eines Triebzuges von National Express, der in Köln auf dem Nebengleis fährt. Ich auch.

Donnerstag: „Gott war nie überheblich, war bodenständig und bescheiden, auch wenn er sich natürlich seiner Ausnahmestellung bewusst war“, schreibt die Zeitung aus gegebenem traurigen Anlass.

Ansonsten fuhren wir heute mit dem Chor nach Berlin, deswegen:

Singen macht glücklich. Anderen beim Singen zuzuhören auch. Morgen Abend sind wir dann dran.

Freitag: Unser Hotel, ein Haus der bekannten türkisen Kette, bestätigt um kurz nach halb zehn morgens meine Vorbehalte gegen Frühstücksbuffets in Hotels: Zu wenig Platz für zu viele morgenhungrige Menschen (allerdings angemessen große Saftgläser, um auch das Positive zu benennen). Den Barbereich mit tiefen Sesseln und wackelnden runden Tischchen morgens als Frühstückssaal zu nutzen, mag betriebswirtschaftliche Vorteile bringen, aus Kundensicht ist es eher zweifelhaft.

Den Vormittag nutzte ich für eine individuelle Stadtrundfahrt, und das im wahrsten Sinne: Mit der S-Bahn bis Ostkreuz, dort in die Ring-S-Bahn 41 (oder 42) gestiegen, die wie Satelliten die Stadt umrunden, darin sitzen geblieben, bis man wieder am Ausgangspunkt Ostkreuz ankam. Man sieht dabei sehr viel von Berlin und Berlinern, vor allem in Fahrtrichtung links, wo üblicherweise die Bahnsteige sind. Das ganze für lächerliche sieben Euro für eine Tageskarte, also weniger als ein Kinobesuch.

Ein beliebtes Motiv für Komiker nach Art eines Mario Barth ist das Rätsel über den Inhalt von Damenhandtaschen. Für mich betrachte ich diese Frage als beantwortet: In der S-Bahn saß mir eine junge Dame gegenüber, deren Tasche aufgrund der transparenten Hülle Einblick auf den Inhalt gewährte. Überraschendem wurde ich dabei nicht ansichtig.

Apropos Handtaschen: Zurück nahm ich ab Warschauer Straße die U-Bahn bis Wittenbergplatz, wo ich dem berühmten Kaufhaus des Westens einen Besuch abstattete. Im Erdgeschoss befinden sich die Läden von Gucci, Prada, Louis Vuitton und so weiter. Aus Gründen, die ich nur vermuten kann, verzichtet man dort auf die Preisauszeichnungen an Taschen, Schuhen und all dem anderen schillernden Luxusrat, den kein normaler Mensch benötigt.

Gemessen am Applaus und den lobende Worten, die uns erreichten, lief unser Auftritt abends zufriedenstellend, man selbst kann das als auf der Bühne stehender ja meistens nicht sicher beurteilen.

Samstag: Erkenntnis aus einer Liedzeile eines mitwirkenden Damenchores: „Nur wer vögelt, kann auch fliegen“. Weshalb mein bevorzugtes Verkehrsmittel die Bahn ist.

Neuen Verkehrsmitteln gegenüber bewahrt sich der Hauptstädter augenscheinlich eine gewisse Distanz:

Ansonsten finden sich auch im Gewühl der großen Stadt Oasen der Ruhe und Einkehr.

Sonntag: Fazit der letzten vier Tage in Berlin: Diese Stadt wird nie aufhören, mich zu faszinieren, wenngleich ich hier nicht meinen Lebensmittelpunkt wissen möchte.

Rückfahrt im ICE mit eineinhalb Stunden Verspätung und einer alkohollauten Damenschwimmgruppe aus Lüdinghausen im Wagen. Leider ohne Chorgesang – trotz mehrfacher Aufforderung der Damen ließen sich meine Mitsänger nicht bewegen, die Stimme zu erheben. Stattdessen sangen die Damen schließlich selbst. Kennen Sie auch diese Momente, in denen man sich nichts sehnlicher wünscht als Stille und Einsamkeit?

Die Verspätung resultierte übrigens aus (in dieser Reihenfolge): technischer Störung am Zug, Polizeieinsatz in Wolfsburg, Personen im Gleis bei Hamm und Warten auf den Lokführer in Dortmund. Niemals zuvor hörte ich während einer Bahnfahrt so häufig den Unheil verkündenden Dreifachpiepton.

Woche 39: Es hört nie auf

Montag: „Bitte denken Sie an Ihre Verantwortung für die natürlichen Ressourcen, bevor Sie diese E-Mail ausdrucken“, lese ich unter einer Nachricht. Lieber Versender, bitte denken Sie an meine persönlichen Ressourcen, bevor Sie mir eine Mail schicken.

Proaktiv mache ich jetzt erstmal keinen Aufschlag„, steht in einer anderen Mail. Das geht schon sehr an die Ressourcen.

Auch lesenswert: „Eine hohe Präsenz der Sicherheitskräfte [sorgte] dafür, dass sich der Freitag nicht am Samstag wiederholte.“ (Stand so im General-Anzeiger)

Am frühen Abend kletterte auf dem Spielplatz gegenüber mit sichtlichem Vergnügen ein Kind in den Wipfeln des Gesträuches. Ein bemerkenswerter Vorgang aus zwei Gründen: Zum einen halten sich auf diesem Spielplatz nur selten Kinder auf, stattdessen zweifelhafte Gestalten zum Zwecke des Konsums diverser Genussmittel. Zum anderen sieht man in Zeiten, da Kinder ob überall dreuender Gefahren ohne elterliche Begleitung kaum noch einen Fuß vor die Tür setzen dürfen, selten welche bei gefahrgeneigtem Spiel.

Hier kam noch hinzu, dass die augenscheinlich Erziehungsberechtigte das Spiel nicht unterband oder gar die Feuerwehr rief, sondern gelassen abwartete, bis der Nachwuchs zu Ende gespielt hatte und unversehrt herab kletterte.

Dienstag: „Ich glaube, wenn man Physik erstmal verstanden hat, wird es ziemlich einfach sein“, höre ich in der Bahn einen Schüler sagen. Ein kluges Kind. Eines Tages wird es erkennen: Das gilt nicht nur für Physik, sondern für so ziemlich alles im Leben.

Mittwoch: Aus einer Mail: „In a nutshell geht es darum…“ – Zusammengefasst: Ihr geht mir auf die Nüsse.

Gespräch in der Bahn mitgehört: „Ich hätte heute Morgen zwei Stunden länger schlafen können.“ – „Was hast du stattdessen gemacht?“ – „Am Handy Sachen gelesen.“ Kein Zweifel: Wir leben in einer Digitatur. Jedenfalls einige von uns.

Donnerstag: In der Frühe entzückte ein Regenbogen über der Inneren Nordstadt das morgenmüde Auge.

KW39 - 1

Anderer Leute Renovierungesarbeiten und innerhäuslichen Baustellen begegne ich üblicherweise mit Desinteresse, unaufgefordert gezeigte Bilder von aufgerissenen Küchen und Bädern nehme ich maximal halbäugig zur Kenntnis. Da ich annehme, dass es Ihnen da nicht anders geht, verschone ich Sie vor detaillierten Schilderungen des Ausnahmezustandes, mit dem wir uns nach einem vorangegangenen Wasserschaden in den nächsten Wochen ohne Bad arrangieren müssen. Auch bemühe ich mich, meine diesbezügliche Larmoyanz auf das Nötigste zu beschränken. Vielleicht erzählte ich es schon, falls ja, wiederhole ich es aus gegebenem Anlass: Meine Großeltern mütterlicherseits lebten bis in die Siebzigerjahre in einem alten Bahnwärterhaus ohne Bad. Zur Körperreinigung wurde einmal wöchentlich in der Waschküche Wasser in einem großen Kessel über Holzfeuer erwärmt und anschließend in eine lange Zinkwanne geschöpft. Das Wasserklosett im Haus wurde erst in den Fünfzigerjahren installiert. Statt behaglicher Brille musste man zum Müssen bis dahin über den Hof in einen unbeheizten Schuppen, wo man sich zur Entleerung auf das runde Loch eines Holzkastens („Donnerbalken“) setzte, unter dem sich eine dunkle, Gerüche gebärende Grube befand. Auch nachts, bei Regen und im Winter. Auch in meiner weit zurückliegenden Kindheit war das tägliche Brausebad keinesfalls üblich. Stattdessen war samstags Badetag, an dem die ganze vierköpfige Familie mit einer Wannenfüllung auskam. Wenn ich an der Reihe war, schwammen kleine weiße Flöckchen an der Wasseroberfläche, denken wir nicht weiter darüber nach.

Wannenspa

Insofern: Alles Bestens hier.

Freitag: „Wichtig ist, dass wir das bridgen können.“ Es hört nie auf.

Anlässlich von Bauarbeiten werden manchmal interessante Dinge gefunden: historische Münzen, antike Scherben, Fossilen bislang unbekannter Urfische, verloren geglaubte Eheringe, solche Sachen halt. In Bad Oeynhausen wurde nun laut Zeitungsbericht unter der Terrasse einer Bäckerei eine männliche Leiche entdeckt. „Nach der Obduktion bleibt offen, ob es sich um ein Tötungsdelikt handelt“, so die Zeitung. Man benötigt schon sehr viel Phantasie, um auf eine alternative Todesursache zu kommen. Hiermit lade ich zu einer Blogparade ein: Schreiben Sie auf, wie der Mann ohne Fremdeinwirkung zu Tode gekommen und unter die Terrasse geraten ist.

Samstag: Das Wochenende verbrachte ich in Gütersloh. Statt vieler Worte:

Ist sie nicht wunderschön?

Sonntag: Zur gefälligen Kenntnisnahme.

Woche 38: Whitney Houston würde sich im Grabe umdrehen

Montag: Werte Frau Lavinia, fast hätten Sie mich überzeugt, „diese einmalige Gelegenheit“ wahrzunehmen, doch auch, wenn es Sie schrecklich betroffen macht: Die Anführungszeichen ließen mich im letzten Moment zweifeln und von der Aussicht auf ein schillerndes Leben Abstand nehmen.

KW38

Ich bin mir sicher, die Entscheidung war richtig.

Im Zusammenhang mit der Automesse las ich zum ersten Mal das Wort „Host“ als männliches Gegenstück zur bekannten Hostess. Das sind so Dinge, über die man sich vorher nie Gedanken gemacht hat. Oder haben Sie sich schon einmal gefragt, für was „Kaninchen“ die Verniedlichungsform ist?

Dienstag: Mein Telekommunikationsanbieter schreibt:

Eher ginge ich in die Hölle.

Mittwoch: Verflucht sei der Synonymzwang im Journalismus. Aus einem Zeitungsartikel in der Neuen Westfälischen: »Auch in Paderborn […] Für die Domstadt müsse deshalb wohl eine Lösung „gestrickt werden“. Der City-Manager hofft, in den kommenden Wochen ein Modell für die Paderstadt präsentieren zu können.«

Bei der Einfahrt mit der Bahn in Köln sehe ich mehrere Meter ungrafittierter Lärmschutzwand. So etwas sieht man ja seltener als eine Sternschnuppe, gerade in unserer lichtdurchfluteten Welt. Darf ich mir jetzt was wünschen?

Donnerstag: „Es ist auch in der Comedy nicht alles erlaubt, was nicht explizit verboten wurde“, schreibt ausgerechnet Hans Witzmann in einem Leserbrief an den General-Anzeiger.

Eines meiner Lieblingsärgernisse ist hier ganz vorzüglich auf den Punkt gebracht:

„Zum anderen brausen gefühlt jeden Tag noch mehr getunte Superbrummer um die Blöcke, Sportwagen der allerhöchsten Leistungs- und Tuningklasse, die ihren Sprit laut schlürfend in Tempo-30-Zonen vergurgeln. Die sorgen hauptsächlich für Geräusch, und dieser Sound wabert dann so durch die Straßen und die Bebilderung erfolgt durch die SUVs, in der Kombination ergibt das so eine Endzeit-Ausstrahlung, kurz bevor die Autos verschwinden, kurz vor dem Untergang, muss alles, alles noch einmal gezeigt und vorgeführt werden.“

Besonders bedanke ich mich für das Wort „vergurgeln“.

Freitag: Manchmal lohnt es, den Blick von Bildschirm oder Display zu lösen und nach oben zu schauen. Da war heute ganz schön was los.

KW39 - 1

KW39 - 1 (1)

KW39 - 1 (2)

KW39 - 1 (3)

Samstag: Nachdem das Kimapäckchen gepackt und abgeschickt ist, widmet sich der Gesetzgeber laut Zeitungsbericht weiteren bedeutenden Themen. Unter anderem berät man eine Senkung der Tamponsteuer, die Bestrafung unbefugten Fotografierens unter Damenröcke sowie ein Verbot von Terrorwerbung, wobei mit letzterem die Werbung für Terror gemeint ist und nicht der Terror, der von Werbung ausgeht. Der bleibt selbstverständlich weiterhin erlaubt.

„Hosen laufen komischerweise immer am Bund ein, nie in der Länge.“ Vom Leben versteht er was, der Geliebte.

Abends waren wir nach längerem mal wieder im Kino, Downton Abbey, sehr sehenswert, jedenfalls wenn man die Serie kennt und mag. Zitat Lady Voilet, Dowager Countess of Grantham: „Ich streite nicht, ich erkläre.“ Muss ich mir merken.

Sonntag: Ein warmer Spätsommertag, der die Singstar-Krähe von gegenüber veranlasst, bei geöffnetem Fenster die Siedlung zu beschallen. Whitney Houston würde sich im Grabe umdrehen.

Nicht „Sing mit“, sondern „Denk mit“, so könnte der Titel einer Broschüre lauten, die Heranwachsende zum kritischen Hinterfragen anhalten möchte, wenn ihnen jemand beispielsweise ein „schillerndes Leben“ in Aussicht stellt, oder eines Rätselmagazins für Senioren. Warum allerdings ausgerechnet die Reinigungsmittelserie einer Drogeriekette so heißt, will mir auch bei intensivem Mit- und Nachdenken nicht einleuchten.