Nachtgestalten

Graf D. saß, sich mondend, im Garten,

die Schwüle der Nacht abzuwarten.

Eine Fledermaus

flog grußlos ums Haus.

Wohin, wollte sie nicht verraten.

***

Zugegeben: Vorstehende Verse, Beitrag zum Blogprojekt ABC-Etüden, sind von der lyrischen Qualität her eher flachwurzelnd, andererseits unter Berücksichtigung ihres spontanen Entstehens während einer schlaflosen nächtlichen Stunde vielleicht gar nicht so übel.

Woche 27: Der Taubenvergrämer von Malaucène

Montag: Zum Konzert mit dem Tenor Andrea Bocelli in der Köln-Arena schreibt der Bonner General-Anzeiger: „Aber die Strahlkraft seiner Stimme, das, was uns dazu bringt, tief in uns hineinzuhorchen, um dann, endlich, all das preiszugeben, daran zu leiden und es gleichzeitig zu genießen, was in uns schlummert und um Süße, Sehnsuchtserfüllung und Vergebung bettelt, ist noch immer da.“ Ja, da möchte man schmerzerfüllt um Vergebung betteln. In einem anderen Artikel wird die Sängerin Bonnie Tyler als „Rock-Röhre“ bezeichnet. Das ist mindestens so fade-verstaubt (oder „asbach“, wenn Ihnen das lieber ist), wie jemandem, der die Satire beherrscht, zu bescheinigen, er bringe die Dinge „mit spitzer Feder“ auf den Punkt.

Nicht einmal der SPIEGEL ist bereit, auf abgenutzte Synonyme und schiefe Bilder zu verzichten: Ein (ansonsten sehr lesenswerter) Artikel über Österreich kann nicht ohne das Wort „Alpenrepublik“ verfasst werden, und zum Ableben von Joseph Jackson, dem Vater von Michael, Janet, La Toya und einigen weiteren muss man lesen, er habe seine Kinder „durch ein Stahlbad“ geschickt, was auch immer das bedeuten mag.

Leider ist meine Feder nicht annähernd so spitz wie die des Meisters der Überleitung, Max Goldt. Daher nun ein etwas unsanfter Themenwechsel:

In der Bar, wo wir immer unser Nachmittagsbier einnehmen, lief Fußball im Fernseher, die Franzosen sind ja noch dabei. Auch wenn es mich nicht interessiert, musste ich doch ab und zu hinschauen. Dieser brasilianische Fußballstar, dessen Name mir aus Sicherheits- und rechtlichen Gründen gerade entfallen ist, erinnert mich an ein lackiertes, dressiertes Äffchen.

Dienstag: Am Morgen nahm ich nach sechs Jahren Abschied von meinem mittlerweile von reichlich Silberstoppeln durchsetzen Mehrtagesbart. Erstmal vorläufig, vielleicht nur vorübergehend. Ich weiß es noch nicht. Das entscheide ich kommende Woche.

Mit großer Freude darf ich darauf hinweisen, dass mir am 10. August erneut die Ehre zuteil wird, ein paar Zeilen aus meinem Schaffen verlesen zu dürfen. Einzelheiten dazu hier: https://4xmi.de/

Mittwoch: Nachdem bereits gestern am frühen Abend ein Gewitter die Stadt umzogen hatte, war in der Nacht erneut ein leichtes, fernes Grollen zu vernehmen, was sich ungünstig auf die Qualität meines Schlafes auswirkte. Freundlicherweise blieb es in der Ferne und verstummte bald wieder.

Während in der heimischen Ferne die lieben Kollegen damit beschäftigt sind, die Welt zu retten, oder wenigstens das „EBIT“ des Unternehmens, während in Berlin Frau Merkel mit Herrn Seehofer zankt, sitze ich im Schatten vor unserem Urlaubsdomizil und gebe mich genüsslich der Lektüre des von mir sehr geschätzten, bereits oben erwähnten Max Goldt hin, von dem ich extra für den Urlaub in der Buchhandlung meines Vertrauens (und nicht bei Amazon, trotz EBIT, oder gerade deswegen, die Ansichten darüber gehen zurzeit auseinander) drei weitere Bücher erstanden habe. (Vor einiger Zeit las ich, er schreibt nicht mehr, weil ihm nichts mehr einfällt. Stimmt das? Das wäre sehr zu bedauern.) Doch der Anschein der Ruhe trügt, nur eine Armlänge von meinem bequemen Stuhl entfernt tobt Krieg: Zwei Ameisenvölker liefern sich wilde Schlachten, wobei ich nicht erkenne, welches Volk im Vorteil ist. Während die einen durch ihre Körpergröße beeindrucken, sind die anderen in der Überzahl. Als zum Katastrophisieren neigender Mensch rechne ich nun damit, dass sie sich verbünden und ich morgens eine dunkle, kribbelnde Masse auf der Bettdecke vorfinde.

Donnerstag: Rote Mückenstich-Placken verunzieren Bein und Fuß. Das ist unschön, jedoch besser, als von Ameisen verzehrt zu werden. Die sind inzwischen verschwunden. Entweder haben sie sich gegenseitig umgebracht, oder die Flucht ergriffen, nachdem der Liebste großräumig Katzenvergrämungsspray ausgebracht hat wegen der Köttel unter dem Frühstückstisch.

Übrigens: Auch in Malaucène, dem lieblichen Ort in der nördlichen Provence, in welchem wir zurzeit in unsere Urlaubstage hineinzuleben das Vergnügen haben, gibt es jetzt einen Taubenvergrämer. Nur handelt es sich hier nicht um eine populäre Twitter-Figur, sondern einen im Baumwipfel angebrachten Lautsprecher, der in regelmäßigen Abständen Schreie von Greifvögeln und anderem Getier verlauten lässt und damit nicht nur Tauben, sondern augenscheinlich auch den einen oder anderen Tourist auf Abstand hält.

Freitag: Es ist schon bemerkenswert, wenn der Vorstandsvorsitzende eines Konzerns das 232-fache „verdient“ von dem, was alle anderen Beschäftigten des Unternehmens im Durchschnitt bekommen. Erst recht dann, wenn dieser Konzern kürzlich noch eine Gewinnwarnung herausgegeben hat unter anderem wegen zu hoher Personalkosten. Aber wahrscheinlich ist es eine menschliche Gewohnheit, immer mehr haben zu wollen, auch wenn man schon genug hat.

Zu den unschönen menschlichen Gewohnheiten gehört auch die öffentliche Nasenreinigung ohne Taschentuch: Man hält sich das eine Nasenloch zu und schnaubt das Sekret aus dem anderen in die Umgebung. Bislang beobachtete ich das nur bei Radfahrern, was es nicht akzeptabler macht, heute sah ich indes auch einen Fußgänger auf der Straße dergleichen tun. Zum Glück befand sich gerade niemand in seiner unmittelbaren Umgebung, auch ging er während des Schnaubens nicht an einem Obststand entlang. Und ja: Ich benutze Stofftaschentücher, aus Gewohnheit und Überzeugung, und ich wüsste nicht, was es darüber zu diskutieren gibt.

Samstag: Während eines Ausflugs um und über den Mont Ventoux ließ in der Nähe des Ortes Sault, welcher durch Lavendel verarbeitendes Gewerbe Touristen aus Nah und Fern lockt, ein Lavendelfeld, das den Eindruck erweckte, es sei nur für die Produktion der einschlägigen Provence-Postkartenmotive angelegt worden, welches grober gewebte Charaktere mit wenig Sinn für Schönes womöglich gar als kitschig bezeichnen würden, die Motivklingeln unser Mobilgeräte aufs Heftigste ausschlagen, oder bellen, wie der Brite sagen würde, müsste er nicht gerade Fußball schauen. Die Eindrücke möchte ich Ihnen nicht vorenthalten:

Apropos Fußball: Das Albernste bei den Spielen sind ja diese Werbewände, die anschließend eiligst aufgestellt werden, um Spieler davor zu zerren und zu zwingen, sinnlose Dinge zu sagen.

Sonntag: Heute ist nichts Nennenswertes geschehen. Also es ist bestimmt schon einiges passiert: Donald Trump hat wahrscheinlich irgendwas Blödes getwittert, in Russland wird ein Ball in ein Netz geflogen sein, und vielleicht hat „Astro-Alex“ wieder etwas Sympathisches gesagt oder getan, woraufhin ihm die Herzen der Welt in seine Umlaufbahn zuflogen, ein interessantes Bild, aus dem ein Comiczeichner oder Zeichentrickfilmer sicher was machen könnte. Also mir ist jedenfalls nichts zu Gesicht oder -hör gekommen, was notierenswert erschiene. Weitere Informationen zum Tag entnehmen Sie daher bitte den von Ihnen bevorzugten Medien.

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Woche 26: Und jetzt?

Montag: Anlässlich eines Außentermins am Vormittag sprintete ich zweimal vor dem Gebäude meines Arbeitgebers hin und her. Zuerst – da ich das Hinweisschild erst kurz vor der planmäßigen Abfahrtszeit bemerkte -, von der Bushaltestelle zu der aufgrund einer Baustelle etwa hundert Meter vorher eingerichteten Ersatzhaltestelle, dann, als der Bus an der Ersatzhaltestelle vorbei fuhr, um an der ursprünglichen zu halten, wieder zurück. Das war bestimmt sehr lustig anzusehen.

Dienstag: Eine besondere Spezies, die stets einen lächerlichen Anblick bietet, sind Läufer, zumeist männlich, die beim Laufen einen dreirädrigen Hochleistungskinderwagen vor sich herschieben. Als hätten sie das Kind eigens zu diesem Zweck in die Welt gefi gesetzt.

Eine in meinen Augen sehr sympathische Spezies ist die Hummel. Als der Liebste und ich am späteren Abend, kurz nach halb zehn, beim Abendglas auf dem Balkon saßen, war noch eine an unseren Balkonblumen tätig. Musste wohl Überstunden machen wegen Personalmangels.

Mittwoch: Anscheinend veranstaltete McKinsey heute einen Wandertag.

„Ich wüsste wirklich gerne, was ihr da den ganzen Tag macht“, sagte der Geliebte anlässlich einer für mich normalerweise unüblichen Plauderei über meine Arbeitsstelle. Ja, das wüsste ich manchmal auch gerne.

Aus gegebenem Anlass fielen die Autokorsos nach dem WM-Spiel erfreulich zurückhaltend aus. Übrigens: Falls jemand Verwendung hat für schwarz-rot-gelbe Wolldecken, Regenschirme und eine Fahne, möge er sich melden.

Donnerstag: Ein Zettel in der Etagen-Kaffeeküche zeugt von Ratlosigkeit.

Allerdings bezieht sich der Hinweis weder auf „unser“ Ausscheiden aus der Fußballweltmeisterschaft noch auf die wirtschaftliche Lage des Unternehmens, sondern auf eine größere Menge schmutzigen Geschirrs, welches in die Spülmaschine einzuräumen versäumt wurde.

Freitag: Wir werden alle sterben – das hat in gewisser Weise auch was Tröstliches. Nehmen wir beispielsweise diesen Typen, der mir in der Bahn gegenüber saß: Braungebrannt, Glatze mit Rauschebart, was ja stets irgendwie falsch herum wirkt, bullig aufgepumpt mit Anabolika oder so ’nem Zeugs, Oberarme wie eine norditalienische Fleischereifachverkäuferin, großflächig tätowiert an Armen und Hals (und wahrscheinlich auch anderen Stellen, derer ich glücklicherweise nicht ansichtig wurde), dazu Jogginghose (natürlich hackenfrei) und ein knappes Leibchen. Während er da so saß und mit flach vor dem Mund gehaltenen Telefon und reichlich Sch-Lauten telefonierte, drängte sich mir folgende Frage auf: Müssten wir nicht viel mehr als den Tod oder das Welken der eigenen Jugend den schrecklichen Moment fürchten, wenn uns unsere eigene Lächerlichkeit bewusst wird?

Samstag: „Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum. Wir tun es“, las ich auf der Autobahn an der Rückwand eines Wohnmobils aus dem Kreis Rottweil, welches in etwa die Abmessungen eines Linienbusses hatte. Das stellt wohl eine abgemilderte Variante von „Eure Armut kotzt mich an“ dar.

Sonntag: Genug – eine gute und sinnvolle Initiative gegen den allgegenwärtigen Wachstums- und Konsumwahn: https://www.genug.de/ Nur mit einer Aussage stimme ich nicht völlig überein: „Wenn wir unsere Ressourcen weiter plündern, entscheiden wir uns für den Krieg der Menschen untereinander und mit der Erde.“ Dem halte ich entgegen: Der Erde ist das völlig egal. In erdgeschichtlichen Maßstäben sind wir weniger als ein Mückenstich, von dem sie sich nach unserem Verschwinden schnell erholen wird.

Woche 25: Schalten Sie auch nächste Woche wieder ein

Montag: Nichts benötigt man bei Wochenanfangslaune weniger, als gefragt zu werden, ob man schlecht gelaunt sei.

Dienstag: Wenig gute Laune erzeugt auch ein Bericht in der Zeitung, wonach die neue italienische Regierung beabsichtigt, die in Italien lebenden Roma zu zählen mit dem Ziel, möglichst vielen von ihnen auszuweisen. Diejenigen mit italienischer Staatsangehörigkeit müsse das Land „leider behalten“, so der Innenminister. Das erinnert an vergangenen, dunkle Zeiten. Als Angehöriger einer anderen Minderheit, der in besagten dunklen Zeiten ebenfalls nicht gerade Wertschätzung entgegengebracht wurde, schaudert es mich beim Lesen des Artikels, auch wenn Angehörige „meiner“ Minderheit es inzwischen zu Ministern, Oberbürgermeistern und Konzernvorständen bringen. Das kann sich ganz schnell wieder ändern.

Erheiternd dagegen die Anordnung Donald Trumps, eine amerikanische Weltraumarmee zu schaffen. „Wir müssen den Weltraum dominieren“, so der Präsident. Das ist zu befürworten, vielleicht ergibt sich dadurch ja die Gelegenheit, ihn und ein paar andere auf den Mond zu schießen. „Schalten Sie auch nächste Woche wieder ein, wenn Sie Onkel Donald sagen hören …“

Besprechung am Vormittag. Bei manchen Menschen frage ich mich, woher sie die vielen Buchstaben nehmen. Hier sollte die Evolution mal eine natürliche Limitierung einrichten. Ist ja auch ein Überlebensvorteil: Wer zu viel quatscht, läuft Gefahr, gefressen zu werden. Oder erschlagen.

Mittwoch: Notierte ich vergangenen Dienstag, die Kosten für die Sanierung der Bonner Beethovenhalle beliefen sich auf neunundsiebzig Millionen Euro? Weit gefehlt, vergessen Sie es schnell. Nach neuen Erkenntnisse sind es siebenundachtzig Millionen, wie heute zu lesen ist.

KW25 - 1

An den Busfahrer der Rhein-Sieg-Verkehrsgesellschaft, der dem Fahrgast das Verlassen des Wagens an der vorderen Tür verweigerte und ihn stattdessen nach hinten schickte, weil dort nunmal der Ausstieg ist: Schön, dass es noch Menschen mit Prinzipien gibt.

Donnerstag: Trotz Desinteresse lässt es sich nicht immer vermeiden, ab und zu etwas von der Fernseh-Berichterstattung über die Fußballweltmeisterschaft mitzubekommen. Was mich als regelmäßigen und begeisterten Zuschauer der heute-Show dabei irritiert, ist die Moderation durch Oliver Welke. Noch mehr irritiert mich, als „Experten“ diesen Kahn-Titanen an seiner Seite zu sehen und nicht Olaf Schubert.

Freitag: „Berufspendler empfinden den Arbeitsweg als deutlich angenehmer, wenn sie mit ihrem Sitznachbarn plaudern“, schreibt die von mir geschätzte Psychologie Heute. Auf meine Person bezogen, möchte ich dazu den von mir ebenfalls geschätzten Eugen Roth zitieren: „Das mag vielleicht als Regel gelten / Ausnahmen aber sind nicht selten.“

Samstag: Die Digitalisierung macht unser Leben einfacher. Auch bei uns: Früher legten wir eine CD ein, wenn wir Musik hören wollten, heute diskutieren wir minutenlang mit einer unsichtbaren, schwerhörigen Dame namens Siri.

Sonntag: Nach einem gepflegten Wirkungstrinken am Vortag erschien mir heute Nachmittag ein Spaziergang angebracht. Dabei sah ich eine telefonierende Radfahrerin. Das ist an sich nichts Besonderes, sieht man doch immer mehr Radfahrer, die während der Fahrt telefonieren oder, für mich unverständlich, auf das Display schauen anstatt auf den Verkehr. Sollte ich jemals Zeuge werden, wie zwei radelnde Datensklaven ineinander fahren, könnte ich ein Grinsen wohl nicht unterdrücken. Warum ich der eingangs erwähnten Dame hier nun ein paar Zeilen widme: Die lindgrüne Telefonhülle war perfekt abgestimmt auf den gleichfarbigen Sturzhelm. Schon erstaunlich, auf was die Leute alles achten.

Woche 24: In bestem gegenseitigen Einvernehmen

Montag: Ein Kollege hat mir einen Youtube-Film zum Thema Blockchain zugeschickt. Der junge Erklärer darin sagt unverständliche Sachen wie „Es gibt Meiner, die meinen nur“, woraufhin ich das Schauen verwirrt abbrach und Feierabend machte.

Ähnlich verwirrend erscheint mir die Feststellung der Wissenschaft, dass die Milchstraße 1824 Quadrilliarden Tonnen wiegt. Dagegen erscheint die Zahl neunundsiebzig Millionen geradezu niedlich. So viele Euro kostet nach neuesten, gar nicht wissenschaftlichen und erst recht nicht abschließenden Erkenntnissen die Sanierung der Bonner Beethovenhalle. Ich meine ja nur.

Dienstag: Es ist an der Zeit, mal wieder ein wenig über Werbung zu lästern. Etwa dieses: „Früher habe ich mich so geschämt“, sagt die Frau in der Reizdarmreklame. „Warten Sie nur, wie Sie sich erst in einigen Jahren schämen werden, wenn Sie dann diesen Werbespot zufällig noch einmal sehen“, möchte man ihr zurufen. Oder hier: „Egal wie das Wetter wird – zu Hause will man sich wohlfühlen. Deshalb nutzt Frosch auch Wirkstoffe aus heimischem Anbau“, so die Werbung für eine Reinigungsmittelserie. Mit Logik haben diese Lurche es offenbar nicht so. Apropos Logik: Eher zufällig stieß ich auf eine Anzeige für Barfußschuhe. Hä? (oder: hallo??) Kommt als nächstes die Nacktjacke? Oder endlich die optische Gitarre?

Wo wir gerade bei Werbung sind: Fast alle Busse der Stadtwerke Bonn fahren inzwischen – im Gegensatz zu Formel-Eins-Fahrern – ohne Außenreklame durch die Gegend, wie mir kürzlich auffiel. Bemerkenswert. Dafür trinken Formel-Eins-Fahrer nach einem Sieg jetzt den Sekt aus ihrem Schuh. Das ist auch bemerkenswert, aber in einem anderen Sinne.

Auch was mit Werbung, las ich heute in einem Artikel: „Mit Kennzahlen wie Unique Followern, der optimierten Aussteuerung von Influencer Postings und KPI-Benchmarks wollen wir gemeinsam Influencer Marketing auf ein neues Level heben.“ Dazu fällt mir ein Satz ein, den ich neulich aufschnappte: „Würde ich mir nicht die Eier rasieren, fielen mir jetzt die Haare aus.“

Mittwoch: Man habe sich „in bestem gegenseitigen Einvernehmen auf ein vorzeitiges Ausscheiden“ geeinigt, eine oft gelesene und bewährte Konzernkommunikationsfloskel dafür, dass jemand mit dem Stecken vom Hof gejagt wurde. Mir ist bewusst, es ist eine Charakterschwäche, wenn man sich freut, weil jemand am Boden liegt. Da der Betroffene beziehungsweise Liegende in diesem Fall jedoch zuvor vor allem durch Selbstherrlichkeit und Größenwahn auffiel, kann ich eine gewisse Genugtuung nicht leugnen. Werter G, für Ihre weitere Zukunft wünsche ich Ihnen dennoch alles Gute, bitte jedoch um Verständnis für meine Hoffnung, niemals mehr für dasselbe Unternehmen zu arbeiten wie Sie, wobei die Wahrscheinlichkeit dafür äußerst gering ist. Aber man weiß ja nie. Jedenfalls war es mir heute ein außerordentliches Vergnügen, Ihren Namen aus meiner externen geschäftlichen Mailsignatur zu entfernen.

Donnerstag: Seit Tagen piesackt mich ein Schmerz in der linken Schulter. Vielleicht treibt inzwischen der Vergang der Jahre seinen Zahn in mein welkes Fleisch. Doch wie sagte kürzlich eine kluge Dame: Wo nichts ist, wohnt auch keiner.

Laut einem Zeitungsbericht verzichten Männer wieder zunehmend darauf, ihrer Brustbehaarung mit einer Klinge zu Leibe zu rücken. Ein zarter Lichtstrahl im dräuenden Gewölk schlechter Nachrichten der letzten Zeit.

Freitag: Büro, Büro — jeder macht irgendwas. Alle haben schrecklich viel zu tun. Und am Freitag weiß keiner, was er die ganze Woche über gemacht hat. Nach einem nicht allzu späten Feierabend zog mich jähe Müdigkeit auf das Sofa. Schlafen ist niemals vertane Zeit. Kann gar nicht. Im Gegenteil, ich bin mir sicher: Diese Welt wäre eine bessere, schliefen die Menschen mehr, anstatt ihre Zeit dafür zu verwenden, zu überlegen, für welchen Unfug sie Geld ausgeben oder wie sie anderen auf die Nerven gehen können.

Samstag: Zum ersten Mal mit einem Gasgrill gegrillt. Kann man machen. Muss man aber nicht.

Sonntag: „Wo schaust du dir das Spiel an?“ Ich verstehe die Frage nicht. Konsequentes Desinteresse an Fußball ist in dieser Gesellschaft in etwa so akzeptiert wie Asexualität. Vielleicht ist ersteres ja tatsächlich eine spezielle Form des Zweiten.

Fuball

 

Zimmer frei

„Wenn all‘ die Maden, Motten, Mücken,

die wir vergaßen zu zerdrücken,

von selber sterben, dann glaub mir:

Jetzt steht der Winter vor der Tür.“

.

So dichtete, vor vielen Jahren,

ein Mann mit Brille, wenig Haaren.

Heinz Erhardt hieß er, und er war

zu seiner Zeit ein echter Star.

.

Die Motten, Mücken gibts nicht mehr,

zumindest sind es weniger.

Als Ungeziefer einst gedisst,

wird heut das Kerbtier sehr vermisst.

.

(Für Schmetterlinge gilt das eher,

für Mücken jedoch nicht so sehr.

Auch hat man Wanze, Zecke, Laus

nicht allzu gern bei sich im Haus.)

.

Die Wissenschaft hat festgestellt,

dass die Insekten auf dem Feld,

in Wald und Flur, im Stall vom Rind

zum größten Teil verschwunden sind.

.

Mit Akribie tat man sie zählen

mit der Erkenntnis: viele fehlen.

Den Schwund von fast achtzig Prozent 

die Forschung diesbezüglich nennt.

.

Die Windschutzscheibe bleibt heut‘ leer,

auch zwickt und beißt und sticht nichts mehr.

Wer glaubt, das sei doch wunderbar

verkennt und sieht nicht die Gefahr.

.

Denn ohne die Bestäubungstat

der Bauer nichts zu ernten hat.

Da hilft dann auch keine Chemie,

ohn‘ Kirsche gibts kein Mon Chéri.

.

Als Ursach‘ man gefunden hat

Monokultur und Glyphosat.

Auch fehlen Mauerritzen, Hecken,

wo sich der Käfer kann verstecken.

.

Darum sei jedermann geraten,

er bringe an in seinem Garten

oder zur Not auf dem Balkon

eine Insektenpension.

.

So hängt bei uns an freier Stelle

ein Häuschen, wo die Prachtlibelle

ins Röhrchen legen kann das Ei.

Indes: Es sind noch Zimmer frei.

Insekten - 1

Woche 23: Heim und Arbeit passen nicht zusammen

Montag: Ein Witzbold hat in den Kühlschrank der Kaffeeküche ein Objekt in Form eines Miniaturfußballs gestellt, welches bei jeder Türöffnung „Olee, oleoleolee…“ ertönen lässt. Als ob das alles nicht so schon schlimm genug wäre.

Dienstag: Der Kollege von der Ressourcensteuerung, das ist der Bereich, der immer und überall prüft, wo und wieviel man noch an Mensch und Material sparen kann, kommt mit einem Rotstift in der Brusttasche zur Besprechung. Zufrieden lächelnd räkelt sich das kleine Klischee in seinem Sessel.

Mittwoch: In der Inneren Nordstadt sah ich den Lieferwagen eines Unternehmens aus Bergisch Gladbach, dort ansässig in einer Straße mit dem ulkigen Namen „Olefant“. Das wäre doch ein schöner Spitzname für einen Menschen namens Ole, der mit einem voluminösen Körper oder ungewöhnlich großen Ohren ausgestattet ist, oder mit einem sehr langen … lassen wir das. Vielleicht liegt es an der Hitze, wenn die Phantasie manchmal mit mir durchgeht.

Donnerstag: Meldung des Tages: Im Tierpark von Hodenhagen ist der Biber … nein, der Ex-Affe von Justin Bieber Vater geworden. Das ist möglicherweise das kleinere Übel, verglichen mit der Fortpflanzung des Ex-Besitzers.

Freitag: Aus Anlass der Inempfangnahme einer Palette voll vergorenem Traubenmost aus Frankreich verrichtete ich heute meine geschäftliche Tätigkeit am heimischen Küchentisch statt im Büro. „Homeoffice“, wie es auf neudeutsch heißt (und weder neu noch deutsch ist). Einmal mehr stelle ich fest: Heim und Arbeit passen für mich zusammen wie Wasser und Öl.

Auch der Bayer-Konzern nahm etwas in Empfang, nämlich bereits gestern das Unternehmen Monsanto. Laut Zeitungsbericht geißelt das katholische Hilfswerk Misereor die Übernahme als „reine Gewinnmaximierung“. Ja was denn sonst?

Samstag: In einem Zeitungsartikel über die Vorruhestandsregelung für Beamte lese ich das wunderbare Wort „Vercouchungsgefahr“. Wieso Gefahr?

In einem anderen Artikel las ich von Promenadologie, das ist die Lehre vom Spazierengehen. Das könnte mir gefallen. Wenn ich erstmal im Vorruhestand bin.

Sonntag: „Monsanto folgt höchsten ethischen Standards“, wird der zuständige Agrar-Chef von Bayer in der FAS zitiert. Es ist ja schon mal eine gute Nachricht, wenn den Standards gefolgt wird. Noch besser wäre es freilich, wenn sie auch erreicht würden.