Woche 11: Ja, unbedingt!

Montag: Wie heute bekannt wurde, ist Jan Loh gestorben, den Bonnern bekannt als der „Alle-mal-malen-Mann“. Vielleicht portraitiert er nun Engel. Auch ich widmete ihm schon vor längerer Zeit einige Zeilen.

Dienstag: Nicht nur der bekannte Kleinkünstler Marc-Uwe Kling teilt sich die Wohnung mit einem Känguru, laut einem Zeitungsbericht ist ein solches Beuteltier auch voll integriertes Mitglied einer Celler Familie. Das ist dem örtlichen Veterinäramt ein Dorn im Auge, nach dessen Auffassung der Garten der Familie viel zu klein zur artgerechten Haltung des Tieres sei. In denselben Beutel greift die Leiterin des Nabu-Artenschutzzentrums: „Ich finde es gruselig, ein Känguru zu Hause zu halten. Stellen Sie sich mal vor, Sie werden ihr Leben lang zu Gorillas gesperrt, ohne Kommunikation mit Artgenossen,“ so die Artenschützerin. Was auch immer daran gruselig sein soll: Millionen von Mastschweinen, -puten und Legehennen, die einen Mangel an artgenössischer Kommunikation vermutlich nicht als ihr Hauptproblem ansehen, dürften sich darüber kaputt lachen, läsen sie Zeitung. Ob das Urteil der Dame milder ausfiele, könnte das Celler Känguru sprechen, so wie das Klingsche?

Mittwoch: Und wieder bewahrheitet sich: Sei immer nett zu jedermann / Schon morgen er dein Chef sein kann.

Donnerstag: Aus einem Zeitungsbericht über einen Bonner, der sich für Flüchtlinge engagiert: „Schon früher habe er jungen Leuten mit Lernschwierigkeiten beim Schreiben von Bewerbung und Lebenslauf geholfen. Seit Jahrzehnten im Personalwesen für Führungskräfte des Post-Konzerns tätig, kann er das aus dem Effeff.“

Freitag: Aus einem Interview in der PSYCHOLOGIE HEUTE: „Manchmal ist Nichtstun das Verhalten der Wahl.“ Dem stimme ich vorbehaltlos zu.

Samstag: Apropos Nichtstun: Wir müssen lernen, öfter „Nein“ zu sagen. Heute jedoch war nicht der richtige Tag zum Neinsagen, stattdessen sagte ich: Ja, unbedingt!

Sonntag: Ich bin mir völlig sicher: Dass seit knapp einer Stunde Roland Kaiser mit seinem „Warum hast du nicht nein gesagt“ mein inneres Ohr wurmt, ist nur eine alberne Laune irgendeiner abseitigen Hirnwindung, der keinerlei Bedeutung beizumessen ist. Oder, in Politiker- und Managersprache ausgedrückt: Diese Frage stellt sich nicht.

Die Vernunft ist weiblich

Eine der Hauptbeschäftigungen liegt heute darin, sich zu empören. Zurzeit wohl beliebtestes Empörungsobjekt ist der sogenannte Sexismus: Von der Wand einer Hochschule muss ein harmloses Gedicht entfernt werden, weil sich Frauen durch die vom Dichter ihnen, Blumen und Alleen entgegen gebrachte Bewunderung angegriffen fühlen; Gemälde in Museen werden verhüllt oder abgehängt, weil jetzt, nach Jahrhunderten, jemand Anstoß nimmt an einer blanken Brust. Kaum vergeht ein Tag, an dem nicht ein Prominenter angeprangert wird, weil er in der Vergangenheit mal eine schlüpfrige Bemerkung fallen ließ oder auch nur einen unzüchtigen Gedanken hegte.

Besonders die Sprache steht immer wieder im Zentrum der Kritik. An amerikanischen Universitäten soll es mittlerweile sogar Hinweise am Anfang von Texten geben, die vor möglicher Erwachsenensprache warnen, ähnlich der Warnung auf diversen Lebensmittelverpackungen vor möglichen Erdnussspuren. Wie schnell ist der junge Mensch traumatisiert, weil er in einem Botanik-Fachbuch unvorbereitet auf das Wort „Vergeilung“ stieß *.

Zugegeben: Auch ich empöre mich immer wieder gerne, manchmal mit geradezu kindischem Eifer, über schludrigen Sprachgebrauch, wie fehlende Bindestriche („Deppen Leerzeichen“) oder falschen Genus des Possessivpronomens („Qualität hat seinen Preis“). Niemals schriebe ich ein Wort mit Binnen-I, Gender-Sternchen oder -Unterstrich (und welche unschönen Varianten es sonst noch gibt), wenn eindeutig ist, was gemeint ist. Ein Mensch ist ein Mensch, eine Person ist eine Person und ein Mitglied ist ein Mitglied. (Irgendein SPD-Heini sprach neulich im Fernsehen von „Mitgliedern und Mitgliederinnen“.)

Weiterhin rege ich mich immer wieder gerne auf über fingerhutgroße Saftgläser bei Hotel-Frühstücksbüffets und das Unvermögen der Bahnindustrie, moderne Züge zu bauen, bei denen jeder Fensterplatz wirklich einen Blick nach draußen ermöglicht statt gegen eine graue Innenverkleidung. (Entstanden ist dieser Aufsatz übrigens in einem ICE, Sie ahnen vielleicht, wo ich währenddessen saß.) Doch fiele es mir nicht ein, wegen solcher Quisquilien, die dem allgemeinen Lebens-Unbill zuzurechnen sind wie Glatteis oder Max Giesinger, vor Gericht zu ziehen.

Genau das tat eine Dame aus dem Saarland, die dort zu erreichen suchte, in Formularen der Sparkasse künftig als „Kundin“ angesprochen zu werden und nicht länger allgemein als „Kunde“. „Ich sehe das überhaupt nicht mehr ein, dass ich als Frau totgeschwiegen werde“, so ihre Argumentation, die ein wenig an Frau Hoppenstedt in dem bekannten Loriot-Sketch erinnert, nachdem der Reporter von Radio Bremen sie gefragt hat, was ausgerechnet sie als Frau dazu bewogen habe, das Jodeldiplom zu machen. Die Saarländerin klagte über mehrere Instanzen bis zum Bundesgerichtshof.

Doch es gibt Lichtblicke im dichter werdenden Nebel der Vernunftsverschleierung:

Unsere Bundeskanzlerin daselbst (ohne Binnen-Dings) wies erst kürzlich das Ansinnen der Gleichstellungsbeauftragten des Familienministeriums ab, unsere Nationalhymne umzudichten; unter anderem sollte „Vaterland“ zu „Heimatland“ werden (was ich persönlich nicht besonders schlimm fände, und Herr Seehofer als zuständiger Minister vermutlich auch nicht).

Und der Bundesgerichtshof hat die oben genannte Klage aus dem Land der Kramp-Karrenbauers nun abgewiesen. Die seit jeher gebräuchliche männliche Kollektivform sei auf Formularen klar und ausreichend. Das Hinzufügen des weiblichen Geschlechts (und konsequenterweise weiterer) würde Formulare und Texte unnötig verkomplizieren.

Allen Damen, die mir nun böse sind, sei gesagt: Ich erkenne an und hege keinen Zweifel daran, dass die Vernunft weiblich ist.

(Im Übrigen hätte auch ich allen Grund, mich diskriminiert zu fühlen: Wann sieht man mal eine Werbung, in der zwei oder drei Männer oder Frauen eindeutig als Lebens- und Liebespartnerschaft in Erscheinung treten? Stattdessen immer nur Vater, Mutter, zwei Kinder und der Hund in einem weißen Neubaugebiet-Eigenheim, oder junge Hetero-Paare mit Dreitagebart (er) und entblößten Fesseln (beide), die sich mit Fotogrinsen gegenseitig Lebensmittel in den Mund schieben. Komisch, dagegen wettert niemand.)

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Siehe hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Vergeilung

Woche 10: Was so geschwätzt wird

Montag: Sie: „Ich muss pipi – Ich auch – dann sind sie aufs Klo gegangen.“ – Er: „Nee, alles fein.“ – Was im Aufzug so geschwätzt wird.

Dienstag: »Selbst Manager müssen meditieren, damit sie als Führungskräfte besser „performen“ (um mal das Beispiel eines Wortes zu nennen, auf das wirklich zu verzichten wäre).« DER SPIEGEL

Mittwoch: „Das Kaskadierende Kommunikationsvorgehen erlaubt ein frühes Abholen aller beteiligten Adressaten.“ Poesie per Präsentation.

Donnerstag: »Justin Timberlake – Alles, was der macht, ist state of the art«, sagt die Frau im Radio. Sie muss es wissen. Augenscheinlich nicht ganz auf der Höhe der Zeit ist der Uniclub Bonn, wo auch heute, fast Mitte März, noch immer die Lichterkette in der Tanne erstrahlt.

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Aber möglicherweise ist das auch Absicht, weil sich wieder irgendwer diskriminiert fühlen könnte, wenn der Baum nur von Ende November bis Anfang Januar brennt. Die Menschen sind ja heutzutage so empfindlich und empören sich aus den absurdesten Gründen, am liebsten im Netz. Dabei spielen sich die wahren Dramen immer noch in der Realität ab, zum Beispiel in der Kaffeeküche einer örtlichen Konzernzentrale:

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Freitag: Amazons Alexa, so wird berichtet, bekommt plötzliche und grundlose Lachanfälle, manchmal auch mitten in der Nacht. Laut dem Lieferanten der Lausch- und Laberdose handelt es sich um einen technischen Fehler, an dessen Beseitigung gearbeitet wird. (Ob „mit Hochdruck“, wie bei solchen Gelegenheiten sonst gerne betont wird, ist nicht bekannt.) Vielleicht freut sie sich einfach, weil Jeff Bezos nun reichster Mensch der Welt ist. Ich kenne übrigens Kollegen, die ebenfalls immer wieder mitten im Gespräch augenscheinlich grundlos und fern jeder Komik auflachen. Vielleicht sollte deren Verdrahtung auch mal überprüft werden.

Samstag: Egal, wieviel Wein du konsumiert hast: Wenn dich, während du auf dem Klo sitzt, vom Rand der Badewanne das Quietscheentchen anzwinkert, ist es Zeit, ins Bett zu gehen.

Sonntag: Aus einer Buchbesprechung in der FAS: „Da kramen die Punks der Zukunft in dem digitalen Müll, den wir hinterlassen haben, schauen sich Videos an davon, wie andere Menschen ein Videospiel spielen, und begreifen nicht, warum jemand so etwas einst gefilmt hat. (Es ist ja auch kaum zu begreifen.)“

Woche 9: Kaum macht man es richtig, schon klappt es

Montag: Dienstreise mit der Bahn nach Ulm. Warum die Plätze in Vierergruppen mit Tisch so begehrt sind, erscheint mir ebenso rätselhaft wie die Systematik der Sitzplatznummerierung. Angeblich kann man dort besonders gut arbeiten. Ich war indessen vor allem damit beschäftigt, mit einem fremden Menschen um den Fußraum zu kämpfen.

Sollte es einen Aufruf zur Nennung von Kandidaten für die Hitliste der verbraucherunfreundlichsten Verpackungen geben, schlüge ich die Zahncreme Meridol vor. Die jungfräuliche Tube ist mit einem Stopfen versehen, dem ohne technische Hilfsmittel nicht beizukommen ist, jedenfalls nicht mit denen, die einem am späten Abend in einem Hotelzimmer zur Verfügung stehen. Wenig hilfreich ist der winzig kleine Hinweis „Sicherung mit Verschlusskappe abdrehen“ am Tubenfuß, da er es immer noch der Phantasie und Kreativität des Anwenders überlässt, wie genau er dabei vorgehen muss.

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Dienstag: Eher zufällig fand ich am Morgen die Lösung des Meridol-Rätsels. Auf der Außenseite der Verschlusskappe befindet sich eine Einbuchtung, die genau auf den gezahnten Sicherheitsstopfen der Tube passt, so dass er sich mühelos abdrehen lässt. Es sei denn, man hat zuvor im Zuge der Öffnungsversuche mit der Nagelschere die Zähne zerstört. Mike Krüger lässt grüßen.

Mittwoch: „Was glaubst du, wie du einst sterben wirst?“ Diese Frage las ich neulich irgendwo in des Netzes Weiten. Das ist natürlich schwer zu beantworten, da es tausende Möglichkeiten dafür gibt. Zudem gehe ich keiner besonders gefahrgeneigter Tätigkeit nach, auch mein Tabakkonsum geht stark zurück. Vielleicht lache ich mich ja irgendwann tot, etwa über Hinweise im ICE wie den, der die Reisenden wissen lässt, Bahncard-Inhaber seien in allen IC und ICE CO2-frei unterwegs. Also nur Vollbezahler dürfen ungehemmt ausatmen, oder wie? Das wäre jedenfalls nicht die schlechteste Todesursache.

Donnerstag: Ich bin mir der politischen Unkorrektheit und der Gefahr eines Fäkaliensturmes durchaus bewusst, aber ich kann es nicht ändern: Sobald ein sehr dicker Mensch vor mir hergeht, ertönen in meinem Kopf Kesselpauken wie in der Einleitung von „Also sprach Zaratustra“.

Freitag: Laut PSYCHOLOGIE HEUTE kann jedes beliebige Geräusch als Musik empfunden werden, wenn man es nur oft und lange genug hört. Das kann ich bestätigen. Das Schnarchen des Liebsten erscheint mir wie der zweite Satz von Bruckners neunter Sinfonie: nicht besonders schön, aber es gehört dazu. — Warum wird Silvio Berlusconi von den Medien eigentlich ständig als »Cavaliere« bezeichnet, also Ritter? Das ist so, als schmückten sie Alfred Gauland mit dem Titel »Schöngeist«.

Samstag: Laut einer Radiomeldung ist im Netz möglicherweise weniger Hass unterwegs als befürchtet. — Jedenfalls muss man Menschen schon sehr mögen, wenn man an einem Samstag bei IKEA unterwegs ist und von Gewaltphantasien verschont bleibt.

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(Finde den Fehler)

Sonntag: Für die Montage von IKEA-Möbeln gilt wir für IT-Anwendungen und Zahnpastatuben: Kaum macht man es richtig, schon klappt es.

Woche 8: Gold für die Quote und Steuererhöhung für Fußball

Montag: „Heute ist ein komischer Tag“, sagte die Dame an der Kasse in der Kantine, womit sie sicher recht hat. Ist nicht jeder Tag auf seine Weise komisch? Im Rewe beispielsweise wirbt eine Tafel für die „Aktion Biotonne Deutschland“. Wenn das nicht komisch ist, weiß ich es auch nicht. – Am Nachmittag rauchte ich meine vorläufig letzte Zigarette, wobei dem Wort „vorläufig“ keine überzogene Bedeutung beizumessen ist, sagen wir also: bis Mittwoch, oder vielleicht Freitag. Man soll sich herausfordernde, gleichwohl erreichbare Ziele setzen.

Dienstag: „Heutzutage sind Tattoos Ergebnis freier Willensentscheidung“, steht in der PSYCHOLOGIE HEUTE. Angesichts manch tätowierter Wade gewinnt da die Idee Auftrieb, der freie menschliche Wille könnte doch nur eine Illusion sein.

Mittwoch: Im allgemeinen Geschrei um die verzögerte Fertigstellung der Bonner Beethoven-Halle ist mit Hallenkrise ein neues Wort geboren. Die vorläufige Kostenschätzung liegt nun bei 79 Millionen Euro, Tendenz steigend. – Am Abend gab es Alkohol aus dienstlicher Veranlassung, was zu einer absehbaren Unterbrechung der Tabakabstinenz führte, siehe Montag. Nein, es gibt keinen freien Willen.

Donnerstag: Da denkt man, bekloppter kann es nicht werden, und dann fordert Donald Trump ernsthaft die Bewaffnung von Lehrern.

Freitag: „In der freien Natur grunzen Eber, um Rivalen zu vertreiben. Im sicheren Stall grunzen Schweine weniger, weil sie bedroht werden, sondern aus grundsätzlicher Unzufriedenheit, und daher kommt die Vorstellung, dass Grunzen ziemlich unwichtig und sinnlos sei. Menschen grunzen ebenfalls in ihren Verschlägen, jammern in der Kaffeeküche oder murren und meckern im Pendlerzug nach Hause.“ (Tiffany Watt Smith, „Das Buch der Gefühle“, zum Stichwort „Mitarbeiterfrust“)

Samstag: „Viele in den Medien lieben Schulmassaker. Nicht die Tragödie, aber die Einschaltquoten. Weinende weiße Mütter sind Gold für die Quote“, so Dana Loesch, Sprecherin der National Rifle Association (NRA). Wo wir gerade bei Wahnsinn aus Amerika sind: Die Ankündigung einer gewissen, mir gänzlich unbekannten Kylie Jenner auf Twitter, künftig Snapchat nicht mehr zu nutzen, lässt den Kurs der Snap-Aktie um sechs Prozent fallen.

Sonntag: Es ist kalt, aber das macht nichts: Im Ofen brennt das Feuer, ich muss heute nicht mehr raus und habe meine beiden Lieblingsmenschen um mich.

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Unterdessen erwägt laut einem Zeitungsbericht die Stadt Kaiserslautern, die Vergnügungssteuer zu erhöhen, um ihren örtlichen Fußballverein vor dem Untergang zu bewahren. Verrückter wird es diese Woche hoffentlich nicht mehr.

Ameisen wird es wohl immer geben

Zunehmend wächst in mir eine diffus-ablehnende, leicht wie Hass schimmernde Haltung gegenüber den modern-menschlichen Gewohnheiten, mit einem Kaffeebecher durch die Gegend zu laufen, ständig auf das Telefon zu schauen oder ohne Not in der Öffentlichkeit zu telefonieren, oder jeden Mist ohne weiter nachzudenken bei Amazon zu bestellen. Keine Frage, und sei sie noch so unwichtig, bleibt heute unbeantwortet, weil irgendwer immer sofort Siri oder Google befragt. Ständig erreichen uns Filmchen, Bilder und Sprüche, die wir lustig oder niedlich finden sollen, dazu hält uns ständig irgendwer ungefragt ein Display vor die Nase und sagt „kuck mal“. An manchen Tagen liegt meine größte Leistung darin, meine Verachtung gegenüber diesen Dingen nicht allzu deutlich werden zu lassen.

Dabei tun mir diese Menschen nichts, auch stören sie mich eigentlich nicht, nicht einmal mehr die Telefonierer, im Gegenteil, liefern doch gerade sie mir immer wieder Stoff für meine niedergeschriebenen Alltagsbeobachtungen, wenn sie in der Bahn solche Sätze sagen wie „Der ist zwar gerade erst verheiratet, aber das heißt ja gar nix“ oder „Da kaufe ich nicht, die laufen mir werbetechnisch zu oft über den Weg“, oder „Samstag kann ich nicht, die bin ich geburtstagstechnisch unterwegs“. Ich selbst vermeide es, wenn immer möglich, in Anwesenheit Fremder zu telefonieren. Abgesehen davon, dass ich ohnehin kein Freund des Ferngespräches bin: Nicht etwa, um andere nicht zu belästigen, sondern vielmehr, weil ich es nicht ertrage, wenn sie mir dabei zuhören. Man selbst merkt es ja oft erst als letzter, wenn man dummes Zeug redet.

„Die ideale Welt ist menschenleer“, so war neulich im SPIEGEL zu lesen. Das mag, nicht zuletzt angesichts der oben genannten Gewohnheiten, stimmen; die Frage ist dann nur: ideal für wen? Ameisen? Feldhamster? Kleine Hufeisennasen? Seeanemonen? Miesmuscheln? Sind wir denen nicht bereits heute vollkommen egal? Eins immerhin ist klar: Für jeden von uns ist das Todesurteil bereits gefällt, so gesund, abstinent, vegan, nachhaltig oder politisch korrekt wir uns auch durch unser Leben bewegen.

Ich glaube übrigens nicht, dass die Menschheit durch einen Atomkrieg ausgelöscht wird. Vielmehr erscheint mir hierbei das Zusammenspiel mehrerer Faktoren als Ursache wahrscheinlich. Erstens: Wir werden krank, weil es keine saubere Luft zum Atmen mehr gibt. (Hauptsache, der Autoindustrie geht es gut, denken Sie nur an die Arbeitsplätze.) Zweitens: Es wird nicht mehr genug Trinkwasser geben. (Hauptsache, Obstplantagen in Wüstengebieten werden bewässert, damit wir das ganze Jahr frische Erdbeeren essen können.) Drittens: Die Stromversorgung wird zusammenbrechen, weil der Bedarf an Elektrizität immer mehr steigt. (Hauptsache, der Digitalisierungswahnsinn wird nicht aufgehalten, auf dass wir auch weiterhin streamen, chatten, posten und unsere Zimmerbeleuchtung, Klospülung und Heizung per App bedienen können.) Hinzu kommen Religionen, Größenwahn, Gier und Werbung.

Vielleicht entsteht auch ein extrem resistentes Virus, das sich rasend schnell weltweit über die Luft verbreitet und verhindert, dass menschliche Eizellen und Spermien zueinander finden. Schon nach wenigen Monaten werden keine Kinder mehr geboren, so sehr die Menschen auch dagegen anvögeln. Nach spätestens zwanzig Jahren bricht das Chaos aus, weil es zunächst nicht mehr genug, später gar keine Ärzte, Pflegekräfte, Polizisten, Bauern und Arbeitskräfte in Kraftwerken und anderen Versorgungsbetrieben mehr gibt. Atomkraftwerke und andere Industrieanlagen explodieren reihenweise, weil niemand mehr da ist, der sie wartet. Globalisierung, Multi Kulti, Digitalisierung, Märkte, Wachstum und Flexibilität sind dann nur noch bedeutungslose Begriffe aus einer vergangenen Zeit.

Etwa hundert Jahre später verschwindet der letzte Mensch von der Bildfläche. Keine tausend Jahre später sind die meisten unserer Spuren von Sand, Wasser, Eis und Pflanzen verdeckt, und die Erde kann in aller Ruhe weiter ihre – nach menschlichem Ermessen – unendlichen Bahnen um die Sonne ziehen. Jedenfalls so lange, bis sich eine neue, vom Wahnsinn getriebene Spezies bildet, oder aus den Tiefen des Alls angeflogen kommt und die Erde besiedelt, weil auf ihrem eigenen Planeten Maschinen, Roboter und Algorithmen die Macht übernommen haben. Ameisen wird es dann hier wie dort vielleicht immer noch geben.

DAS wäre mal Stoff für einen Thriller, den ich lesen oder notfalls sogar streamen würde.

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(Übrigens lese ich gerade QualityLand von Marc-Uwe Kling. Digitalskeptikern sehr zu empfehlen.)

Woche 7: Fisch muss schwimmen

Montag: „Der Flughafen ist sehr gut unterwegs, was den freiwilligen Lärmschutz angeht“, wird NRW-Verkehrsminister Wüst in einem Zeitungsinterview zitiert. Ich persönlich finde die Vorstellung eines von Haus zu Haus ziehenden, Prospektmaterial für Schallschutzfenster austeilenden Flughafens auch am Rosenmontag recht verstörend.

Dienstag: Ist es nicht, also nur mal rein sprachlich betrachtet, Unsinn, jemandem gute Besserung zu wünschen? Was wäre das Gegenteil: schlechte Besserung? schlechte Verschlimmerung? Vor allem soll es doch schnell gehen. Schnelle Besserung sagt indes niemand. Schön- und Korrektheit gehen eben nicht immer Hand in Hand. Hauptsache, die Genesung tritt irgendwann ein, egal ob gut, schnell oder wie auch immer.

Mittwoch: Politischer Aschermittwoch = Kasperletheater für Große

Donnerstag: Die nach herrschender Meinung unerfindlichen Wege des Herrn führten mich heute zunächst in eine Zahnarztpraxis, danach in eine Besprechung. Der Zahnarzttermin war ohne Frage das kleinere Übel. – Unterdessen Entsetzen in Bonn: Nach neuesten Erkenntnissen wird die Beethoven-Halle auf keinen Fall bis zum Jubiläumsjahr 2020 fertig, und teurer wird es (natürlich) auch mal wieder.

Freitag: Es gab Fisch. Wie bestimmte, humorbegabte Kreise nicht müde werden zu betonen, muss Fisch schwimmen.

Samstag: Rückblickend auf den vorangegangenen Abend befürworte ich eine gesetzliche Regelung zum maximalen Füllstand von Weingläsern, verbunden mit strengen Kontrollen und empfindlich Sanktionen bei Überschreitung.

Sonntag: Der Begriff Muzak war mir bis heute unbekannt. Er bezeichnet dieses entfernt an Musik erinnernde Geräusch, welches unter anderem in Supermärkten, Aufzügen, Telefonwarteschleifen und Pornofilmen zu hören ist mit dem Ziel, uns einzulullen, zu animieren oder unsere Körpergeräusche zu übertönen. Zitat FAS: »Überall wird man bedudelt, so dass es kaum wundert, wenn die Generation der „Digital Natives“ ihre bekloppten Kopfhörer gar nicht mehr abnimmt.«