Woche 13/2026: Gefangen in Besprechungsketten

Montag: Der erste Arbeitstag nach fast zwei Wochen Unterbrechung gelang einigermaßen zufriedenstellend, auch wenn ich aufgrund schon wieder viel zu vieler Besprechungen kaum dazu kam, Liegengebliebenes abzuarbeiten. Als hätten sie nur auf meine Rückkehr gewartet, um mich mit unnötigem Gequatsche zu drangsalieren. Zum Gelingen trug auch ein frühes Arbeitsende bei, weil nachmittags eine ärztliche Nachschau des operierten Ellenbogens anstand. Die Heilung schreitet in erfreulicher Weise voran.

Erfreulich auch der private Posteingang: ein Brief aus Duisburg und ein Paket aus München, letzteres zunächst nur in Form einer roten Benachrichtigung im Briefkasten. Das hole ich dann morgen auf dem Heimweg ab, so bleibt noch etwas Vorfreude. – In abgehender Richtung schrieb ich abends einen Brief nach Greven, der morgen auf die Reise geht.

Dienstag: Gegen halb sechs wachte ich morgens aus bizarren Träumen, deren Inhalt ich mangels Erinnerung nicht wiedergeben kann, auf und mein Körper oder Geist oder wer auch immer beschloss, genug geschlafen zu haben und also bis zum Wecker eine Dreiviertelstunde später wach zu liegen.

Auf dem Fußweg ins Werk blies mir kalter Wind entgegen, der Handschuhe angebracht erscheinen ließ, die ich nicht dabei hatte und deren linker mir am weiterhin bis über den Handrücken geschienten Arm im Übrigen nichts genützt hätte. Man macht was mit. Am Rheinufer wurden von einem Wagen mit Hubbühne aus, der auf der Radspur platziert worden war, die Bäume geschnitten. Das veranlasste die Radfahrer, sich entweder über den verbliebenen schmalen Streifen zwischen Hubbühne und Wegesrand zu quetschen oder vorübergehend auf den Fußweg zu wechseln. Dabei kam es nur wenigen von ihnen in den Sinn, die Geschwindigkeit zu reduzieren. Da mir keiner zu nahe kam, sah ich ab von Beschimpfungen. Die Baumschneider auf der Bühne interessierte es nicht, während des Stutzens hörten sie lautstark das Karnevalsmaus-Lied, das sich anschließend in meinem Kopf bis in den Nachmittag hinein als Ohrwurm hielt, auch als Hirnmutante „Ich bin der Karnevalsklaus“.

Auch heute schaffte ich nur wenig weg im Büro, weil ich wieder in einer durchgehenden Besprechungskette gefangen war, und morgen wird es voraussichtlich nicht besser. Ich sollte Besprechungsanfragen öfter mal ablehnen, so geht es nicht weiter. Vorsorglich habe ich für kommende Woche im Outlook-Kalender mehrere Lücken mit Eigenterminen geblockt.

Als ich abends das Paket im Laden abholen wollte, ließ man sich meinen Ausweis geben und glich meinen Namen mehrfach mit mehreren handgeschriebenen Listen ab. Leider ohne Erfolg. Somit hält die Vorfreude noch etwas länger an.

Mittwoch: Wegen einer geschäftbereichsinternen Veranstaltung („Townhall Meeting“) kam ich nicht nur wie erwartet zu nichts, auch waren deswegen heute besonders viele Kollegen anwesend, weshalb ich wiederum besonders oft die Frage nach dem verbundenen Arm beantwortet habe. Ich weiß, die Frage ist jeweils freundlich gemeint, dennoch bin ich nicht zuletzt auch deshalb froh, wenn ich die Schiene endlich los bin. Voraussicht- und hoffentlich morgen Nachmittag.

Eine andere Vorfreude, nämlich die auf das Paket aus München erfüllte sich leider nicht. Als ich den Code auf der Benachrichtigung nochmals scannte, teilte mir DPD mit, die Sendung konnte leider nicht zugestellt werden, deshalb würde sie nun an den Versender zurück gesandt. Scheißverein würde das Känguru sagen. Ich nenne es: eine äußerst liederliche Leistung.

Dafür kam der Brief, den ich gestern abgeschickt hatte, bereits heute in Greven an, wie mir die Empfängerin per Mail mitteilte. Auf die Post ist Verlass.

Donnerstag: Die Rheinpromenade in Richtung Süden ist gesäumt von Linden, deren junge Triebe zurzeit beschnitten werden, siehe Eintrag vom Dienstag. Warum man das gerade jetzt macht, wo die Zweige erste Blattknospen hervorbringen, wird seine botanischen Gründe haben. Einer der hunderten von Bäumen stach hervor durch eine im Gegensatz zu seinen Artgenossen deutlich fortgeschrittene Begrünung. Damit erinnerte er mich an meinen früheren Mitschüler Oliver S., der bereits in der Mittelstufe eine beachtliche Körperbehaarung aufwies, die beim Umziehen vor und nach den Schwimmstunden beeindruckte, während wir anderen Jungs noch überwiegend kindlich kahl waren.

Weg ins Werk

Während einer Besprechung erwischte ich mich dabei, zum Ausdruck von Zustimmung „absolut“ zu sagen. Das ist dringend zu vermeiden und darf keinesfalls zur Gewohnheit werden. Immerhin gut, dass ich es selbst gemerkt habe. Andere sagen zum Ende einer Besprechung gerne „super“, „perfekt“ und ähnliche Gefallensbekundungen, auch wenn das Besprechungsergebnis dazu keinen Anlass bietet. Ich sage maximal „Tschüs“ und freue mich ansonsten still, dass es vorüber ist.

Vormittag zogen aus Nordwesten dunkle Wolken auf, aus denen es schneite. Der April ist nicht mehr fern.

Der Arbeitstag endete zeitig, weil nachmittags die Fäden der Operationswunde gezogen wurden, auch die lästige Gipsschiene durfte ich in der Praxis zurücklassen. Da ist super und perfekt durchaus angebracht.

In der Bonner Inneren Nordstadt blühen bald wieder die berühmten Zierkirschen, die instagramaffine Menschenmassen aus aller Welt anlocken. Bei southpark las ich das Wort „Verdachtskirsche“ und freute mich darüber angemessen.

Freitag: Zahlreiche Kollegen wünschten schon heute frohe Ostern und verabschiedeten sich in den Urlaub ab nächster Woche. Es sei ihnen gegönnt; wer urlaubt, nervt nicht mit Besprechungsanfragen.

Was schön war: Morgens ohne fremde Hilfe geduscht. Mit dem Fahrrad zum Büro und zurück gefahren, wegen der Kälte mit Handschuhen. Nach jedem Toilettengang die Hände gründlich gewaschen. Mittags in der Kantine Matjesfilet mit Messer und Gabel und ohne gesprächige Mitesser gegessen. Es bedurfte der zweiwöchigen Stilllegung eines Armes, um mich danach an solchen Alltäglichkeiten zu erfreuen. – Damit soll zu diesem Thema auch genug geschrieben sein.

Samstag: Den heutigen laut kleiner kalender Etwas-am-Stiel-Tag verbrachte ich weitgehend stiellos zunächst auf dem Sofa, dann mit Samstäglichkeiten ohne besonderen Erwähnenswert.

Sonntag: Wegen der Umstellung auf die Sommerzeit (seit wie vielen Jahren will die EU die abschaffen? – Egal) frühstückten wir erst mittags, dafür draußen vor dem französischen Café. Das war zwar etwas kühl, dafür mit Leutekucken recht unterhaltsam. Unter anderem trug ein Vorbeigehender in einer kleinen Gruppe junger Männer einen Zylinderhut aus Kuhfell oder Kuhfellimitat, weiß-schwarz gefleckt. Warum auch nicht, jeder, wie er mag. Der Geliebte über eine andere Person: „Bei dem passt nichts zusammen. Wenn der liebe Gott den geschaffen hat, müsste man ihm den um die Ohren hauen.“

Direkt im Anschluss unternahm ich den Sonntagsspaziergang an den Rhein und durch die Südstadt. Eine der ewigen Bonner Baustellen, die Neugestaltung des Rheinufers unterhalb der Innenstadt, zeigt – jedenfalls mir – weiterhin nur geringes Vorankommen, weiterhin knubbeln sich Fußgänger und Radfahrer auf einem gemeinsamen schmalen Pfad, gerade an Tagen wie heute. Warum dauert das so lange? Auf ein Spaziergangsgetränk verzichtete ich: Draußen war es entweder (im Schatten) zu kühl oder (in der Sonne) zu voll, nach Drinnenbier war mir nicht der Sinn. Muss auch nicht, das Wochenende war wieder alkoholisch genug.

Mauerblümchen und Moos in der Südstadt

Die Fliegenden Bretter über den nun wohl doch nicht geretteten Wal in der Lübecker Bucht:

Derweil sich halb Deutschland einen Kopf macht um das arme Tier, rollen Tag für Tag 3,6 Millionen Tiere in Tiertransporten durch eben jenes Deutschland, um dann als Produkte in Bedien- und SB-Theken zu landen. Nun bin ich bekanntlich weder Vegetarier noch Veganer, aber bin ich der einzige, dem das ein kleines Bisschen befremdlich dünkt?

Nein, ist er nicht.

Wie die Freundin aus München mitteilte, hat sie einen erneuten Versand des Paketes veranlasst. Auch dieses Mal mit DPD, der Versender ließ sich nicht davon abbringen. Vielleicht schaffen sie es dieses Mal. Andere können es ja auch.

***

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche und in den April. Wenn Sie welchen haben, wünsche ich einen schönen Urlaub. Wenn Sie wie ich arbeiten dürfen: Auch diese Woche endet, für mich dank Leifsteil-Teilzeit und anschließenden Osterfeiertagen bereits am Mittwoch. Das ist ja nun auch nicht schlecht.

19:00

Woche 27/2025: Auch gegenüber Nervensägen immer höflich bleiben

Montag: Die Büros waren für einen Montag ungewöhnlich stark belegt, was daran liegen mag, dass der Turm gut gekühlt ist, während draußen das früher sogenannte schöne Wetter vor sich hin glüht. Die Rückfahrt mit dem Rad war dementsprechend mühsam, irgendwas ist ja immer.

Nach Rückkehr holte ich in der nicht minder heißen Innenstadt Brötchen für das Abendessen. Dabei kam ich mal wieder an einem Stand junger Aktivisten vorbei, die unschuldigen Passanten ein Gespräch über ihr Anliegen aufzuzwingen suchten, vielleicht Kinder-, Tier- oder Klimaschutz, ich habe nicht so genau darauf geachtet. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, das sind wichtige Anliegen, aber diese Leute sind unangenehm anstrengend. Als ich mich also näherte, winkte mir eine Aktivistin zu und rief mit der üblichen aufgesetzten Fröhlichkeit „Halloho!“ Da ich als überzeugter Passivist solchen Gesprächsgesuchen gegenüber nicht an einer Konversation interessiert war, erwiderte ich das Halloho nicht minder fröhlich und ging weiter meines Weges. Auch gegenüber Nervensägen immer höflich bleiben.

Früher lag die Macht in der Familie beim Besitzer der Fernseherfernbedienung. Heute ist es das Bedienaggregat für die Klimaanlage. (Geschrieben mit steifgefrorenen Fingern.)

Dienstag: Als ich morgens zu Fuß ins Werk ging, saß auf einer Bank am Rheinufer eine junge Frau und übte Blockflöte. Vor ihr stand ein Notenständer, die Noten waren daran mit Klammern befestigt, damit sie nicht vom bereits morgens sehr warmen Südwind fortgeblasen wurden. Sie spielte nicht schlecht, doch begann sie das mir unbekannte Stück mehrfach von vorn. Ganz offensichtlich spielte sie nicht für Publikum oder mit dem Ziel, dafür von Passanten Münzen zu beziehen, jedenfalls stand kein Sammelbecher vor ihr. Warum sie als Ort für ihr Üben das Rheinufer anstatt der heimischen Stube wählte, weiß ich nicht. Vielleicht ist es dort zu warm oder sie hat geräuschsensible Nachbarn. Ähnliches gilt vermutlich für den schon vor einiger Zeit erwähnten Trompetenspieler, der täglich mittags in der Tiefgarage des Mutterhauses übt, wo es schön hallt, aus den Schächten herausschallt und weithin zu hören ist. Nein, nicht schön: Nie hörte ich ihn ein Lied oder wenigstens Teile davon spielen, immer nur wiederkehrende, öde Tonfolgen. Dabei erreicht er erstaunliche Höhen, jedenfalls manchmal, wenn er den Ton trifft. Gleichwohl, hören möchte man es nicht. Dagegen war die Flötistin richtig gut.

In einer Stellungnahme las ich das schöne Wort „Erwachsenenunterhaltung“ als Umschreibung für unterleibserfreuende Anregungsmedien und notierte es für alle Fälle.

Heimweg durch Schatten
Heiß

Aus der Zeitung:

(General-Anzeiger Bonn)

Aufgrund einer spontanen Idee des Liebsten gab es zum Abendessen Sushi, für mich zum ersten Mal. Hat gut geschmeckt, gerne wieder. Und das mit den Stäbchen versuchen wir beim nächsten Mal.

Mittwoch: Heute sei der heißeste Tag des Jahres, sagte morgens der Mann im Radio. Anfang Juli eine eher gewagte Prognose.

Nachmittags hatte ich einen Termin in einem anderen Gebäude unweit des Mutterhauses. Der Weg dorthin und zurück fühlte sich an, als würde ich von einem riesigen, unsichtbaren Fön auf höchster Temperaturstufe angeblasen. Um dem ganzen noch eine gewisse Absurdität zu verleihen, trug ich eine Fleecejacke im Unternehmesdesign mit mir für einen Fototermin, die dann doch nicht gebraucht wurde.

„Jetzt müssen wir aber wirklich was gegen den Klimawandel tun“ ist mal wieder überall zu hören. Morgen wird es kühler, dann sind die Benzinpreise wieder wichtiger. Wohlstand, Wachstum, Wirtschaft und so. Und die nächste Urlaubsreise in sonnige Gefilde, die haben wir uns nun wirklich verdient.

Letzten Freitag schrieb ich: „Für die Rückfahrt mit dem Fahrrad war ich genötigt, eine neue Strecke zu nehmen, weil die bisherige Route inklusive möglicher Varianten wegen mehrerer Baustellen zurzeit nicht nutzbar ist. Ging auch. Mal sehen, wie lange, ehe auch diese wegen neuer Bautätigkeiten unpassierbar wird.“ Raten Sie mal, was heute auf der Rückfahrt den Weg versperrte. Immerhin kann man die neue Baustelle über die Auto-Fahrbahn umfahren. Dafür sind auf der Zu-Fuß-Strecke zwei Baustellen beendet, wie ich bereits gestern mit freudigem Staunen zur Kenntnis nahm.

„China drängt nach Europa“, so der Titel eines Zeitungsartikels. Liest sich nach einem größeren tektonischen Vorhaben.

Donnerstag: Auf vielfachen Wunsch einer einzelnen Person habe ich meine freien Donnerstage auf die geraden Wochen verlegt. Was nicht heißt, dass ich heute ins Werk führe, vielmehr ergeben sich durch die Änderung zwei freie Donnerstage in Folge.

Am Vorabend brachte eine Kaltfront mit Gewittern, die um Bonn freundlicherweise herum zogen, eine gewisse Abkühlung, so wurde es heute nicht wärmer als fünfundzwanzig Grad: Wanderwetter. Das nutzte ich für eine Wanderung durch den (oder das?) Königsforst östlich von Köln, eine Tour, die mir die liebe Kollegin schon vor längerer Zeit empfohlen hat.

Die Anfahrt mit der Bahn gestaltete sich gewohnt abenteuerlich – eine Regionalbahn verschwand ohne Begründung plötzlich von der Anzeige, die nächste war verspätet. Aber ich hatte Zeit und erreichte vor der Mittagsstunde die Zielhaltestelle.

Die ersten Kilometer der Wanderung erschienen zunächst etwas eintönig mit geraden, breiten Wegen, doch dann wurde es deutlich abwechslungsreicher. Für warme Tage ist die Strecke ideal: überwiegend im Wald, keine nennenswerten Steigungen und Stolperstellen, und mit achtzehn Kilometern nicht zu lang. Höhepunkt der Tour, jedenfalls geografisch, ist der Monte Troodelöh, laut Beschilderung der höchste Punkt Kölns. Es gibt sogar ein Gipfelbuch, in das ich mich selbstverständlich eintrug. Im Gegensatz zur Zugspitze, wo wegen des hohen Andrangs kürzlich ein zweites Gipfelkreuz aufgestellt wurde, wie dieser Tage zu lesen ist, war hier nichts los.

Insgesamt war es wieder beglückend. Die Rückfahrt mit der Bahn verlief pünktlich. Einziges Bemerknis war ein Jungvater ein paar Reihen weiter, der lautstark offenbar mit Frau und Kind videotelefonierte und dabei immer wieder die Fragen „Wo ist Luca? – Wo ist der Papa?“ Für jedermann hörbar ins Abteil stellte. Sie konnten nicht abschließend geklärt werden, weil der Papa noch was arbeiten und deshalb Schluss machen musste. Ein allgemeines Aufatmen ging durch den voll besetzten Wagen. Nach Ankunft in Bonn wie üblich Currywurst und Bier, letzteres ungegrillt, siehe oben.

Sonstige Erkenntnisse des Tages:

1) Schön an einer Wanderung alleine sind stets die Selbstgespräche, ohne dass jemand „Was?“ sagt.

2) Im Kölner Ortsteil Heumar gibt es eine Straßenbahnhaltestelle „Autobahn“. Warum? Warum gerade dort? Köln ist umringt von Autobahnen, wer Zeit und Lust hat kann gerne recherchieren, an wie vielen Stellen diese von einer Straßenbahnlinie gekreuzt werden. Gibt es in Heumar nichts anderes, das als Haltestellennamensgeber herhalten kann?

Sehen Sie:

Birken
Gipfelschild
Mit dem Link ist das wie bei Hunden, die an jede Laterne urinieren müssen
An diesem Weiher nahm ich das Mittagessen zu mir, derweil das Telefon sich an der Pauerbenk labte
Suchbild mit Fröschen
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Freitag: Jemand schreibt „der Zustellende“ statt „der Zusteller“. Wenn die Gendersprache im Singular regelmäßig an ihre Grenzen stößt. Mehr gibt es über den Tag nicht zu berichten, es war ja auch gestern genug.

Samstag: Über Nacht hatte sich das iPhone nahezu vollständig entladen, vielleicht hatte ich es am Vorabend nach dem letzten Glas Rosé nicht korrekt auf die induktive Ladefläche gelegt. Daher musste ich das Gerät zurücklassen, als wir aushäusig frühstücken gingen. Das fühlte sich erstaunlich normal an, ich habe es nicht vermisst und geriet ob der Offleinigkeit nicht in Unruhe. Das finde ich beruhigend.

Heute ist schon der 186. Tag des Jahres. Anstatt diese unabänderliche Tatsache zu beklagen, beantworte ich lieber eine weitere der tausend Fragen. Frage Nr. 186 lautet: „Worüber grübelst du häufig?“ Das kann ich kurz machen: gar nichts. Oder länger: Ich neige nicht dazu, meine Gedanken längere Zeit um ein Problem kreisen zu lassen ohne Aussicht auf eine Lösung. Vielleicht weil ich zum Zeitpunkt der Niederschrift in der glücklichen Situation bin, von größeren Sorgen ungeplagt zu sein, weder finanzieller noch gesundheitlicher oder beruflicher Natur. Auch gelingt es mir ganz gut, die großen Krisen der Welt, die ich nicht beeinflussen kann, nicht allzu nah an mich heranzulassen. Zudem habe ich keine Kinder, um deren Zukunft ich mich sorgen müsste. Auch das ist sehr beruhigend.

Sonntag: Nach strukturellem Biertrinken auf dem Godesberger Parkfest am Vortag, wo die Karnevalsgesellschaft mit Getränkeausschank und Grillstand vertreten war, blieben wir heute etwas länger liegen. Dabei verpassten wir nichts, es regnete den ganzen Tag und es hat sich deutlich auf unter zwanzig Grad abgekühlt. Das war kein Grund, auf den Spaziergang am Nachmittag zu verzichten, der mit einer Runde durch die Nordstadt und an den Rhein etwas kürzer ausfiel und gastronomisch unbegleitet blieb. Etwa auf halber Strecke bemerkte ich, dass es eine ganz gute Idee gewesen wäre, die wasserdichten Wanderschuhe anzuziehen, leider zu spät. Trotz riesigem Regenschirm, unter dem eine vierköpfige Familie Platz hätte, gelingt es mir nie, die Füße trocken zu halten. Nur wenige Menschen zog es bei dem Wetter nach draußen, die Rheinpromenade war nahezu menschen- und fahrradleer, das Tor zum Lieblingsbiergarten verschlossen. Bedauerlich war das Wetter für die Teilnehmer an der heutigen CSD-Parade in Köln, die dadurch die Wahl hatten zwischen Frieren und weniger Haut zu zeigen.

Promenade, menschenleer

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die voraussichtlich nicht zu warme Woche.

Woche 39: Es hört nie auf

Montag: „Bitte denken Sie an Ihre Verantwortung für die natürlichen Ressourcen, bevor Sie diese E-Mail ausdrucken“, lese ich unter einer Nachricht. Lieber Versender, bitte denken Sie an meine persönlichen Ressourcen, bevor Sie mir eine Mail schicken.

Proaktiv mache ich jetzt erstmal keinen Aufschlag„, steht in einer anderen Mail. Das geht schon sehr an die Ressourcen.

Auch lesenswert: „Eine hohe Präsenz der Sicherheitskräfte [sorgte] dafür, dass sich der Freitag nicht am Samstag wiederholte.“ (Stand so im General-Anzeiger)

Am frühen Abend kletterte auf dem Spielplatz gegenüber mit sichtlichem Vergnügen ein Kind in den Wipfeln des Gesträuches. Ein bemerkenswerter Vorgang aus zwei Gründen: Zum einen halten sich auf diesem Spielplatz nur selten Kinder auf, stattdessen zweifelhafte Gestalten zum Zwecke des Konsums diverser Genussmittel. Zum anderen sieht man in Zeiten, da Kinder ob überall dreuender Gefahren ohne elterliche Begleitung kaum noch einen Fuß vor die Tür setzen dürfen, selten welche bei gefahrgeneigtem Spiel.

Hier kam noch hinzu, dass die augenscheinlich Erziehungsberechtigte das Spiel nicht unterband oder gar die Feuerwehr rief, sondern gelassen abwartete, bis der Nachwuchs zu Ende gespielt hatte und unversehrt herab kletterte.

Dienstag: „Ich glaube, wenn man Physik erstmal verstanden hat, wird es ziemlich einfach sein“, höre ich in der Bahn einen Schüler sagen. Ein kluges Kind. Eines Tages wird es erkennen: Das gilt nicht nur für Physik, sondern für so ziemlich alles im Leben.

Mittwoch: Aus einer Mail: „In a nutshell geht es darum…“ – Zusammengefasst: Ihr geht mir auf die Nüsse.

Gespräch in der Bahn mitgehört: „Ich hätte heute Morgen zwei Stunden länger schlafen können.“ – „Was hast du stattdessen gemacht?“ – „Am Handy Sachen gelesen.“ Kein Zweifel: Wir leben in einer Digitatur. Jedenfalls einige von uns.

Donnerstag: In der Frühe entzückte ein Regenbogen über der Inneren Nordstadt das morgenmüde Auge.

KW39 - 1

Anderer Leute Renovierungesarbeiten und innerhäuslichen Baustellen begegne ich üblicherweise mit Desinteresse, unaufgefordert gezeigte Bilder von aufgerissenen Küchen und Bädern nehme ich maximal halbäugig zur Kenntnis. Da ich annehme, dass es Ihnen da nicht anders geht, verschone ich Sie vor detaillierten Schilderungen des Ausnahmezustandes, mit dem wir uns nach einem vorangegangenen Wasserschaden in den nächsten Wochen ohne Bad arrangieren müssen. Auch bemühe ich mich, meine diesbezügliche Larmoyanz auf das Nötigste zu beschränken. Vielleicht erzählte ich es schon, falls ja, wiederhole ich es aus gegebenem Anlass: Meine Großeltern mütterlicherseits lebten bis in die Siebzigerjahre in einem alten Bahnwärterhaus ohne Bad. Zur Körperreinigung wurde einmal wöchentlich in der Waschküche Wasser in einem großen Kessel über Holzfeuer erwärmt und anschließend in eine lange Zinkwanne geschöpft. Das Wasserklosett im Haus wurde erst in den Fünfzigerjahren installiert. Statt behaglicher Brille musste man zum Müssen bis dahin über den Hof in einen unbeheizten Schuppen, wo man sich zur Entleerung auf das runde Loch eines Holzkastens („Donnerbalken“) setzte, unter dem sich eine dunkle, Gerüche gebärende Grube befand. Auch nachts, bei Regen und im Winter. Auch in meiner weit zurückliegenden Kindheit war das tägliche Brausebad keinesfalls üblich. Stattdessen war samstags Badetag, an dem die ganze vierköpfige Familie mit einer Wannenfüllung auskam. Wenn ich an der Reihe war, schwammen kleine weiße Flöckchen an der Wasseroberfläche, denken wir nicht weiter darüber nach.

Wannenspa

Insofern: Alles Bestens hier.

Freitag: „Wichtig ist, dass wir das bridgen können.“ Es hört nie auf.

Anlässlich von Bauarbeiten werden manchmal interessante Dinge gefunden: historische Münzen, antike Scherben, Fossilen bislang unbekannter Urfische, verloren geglaubte Eheringe, solche Sachen halt. In Bad Oeynhausen wurde nun laut Zeitungsbericht unter der Terrasse einer Bäckerei eine männliche Leiche entdeckt. „Nach der Obduktion bleibt offen, ob es sich um ein Tötungsdelikt handelt“, so die Zeitung. Man benötigt schon sehr viel Phantasie, um auf eine alternative Todesursache zu kommen. Hiermit lade ich zu einer Blogparade ein: Schreiben Sie auf, wie der Mann ohne Fremdeinwirkung zu Tode gekommen und unter die Terrasse geraten ist.

Samstag: Das Wochenende verbrachte ich in Gütersloh. Statt vieler Worte:

Ist sie nicht wunderschön?

Sonntag: Zur gefälligen Kenntnisnahme.