Woche 39: Es hört nie auf

Montag: „Bitte denken Sie an Ihre Verantwortung für die natürlichen Ressourcen, bevor Sie diese E-Mail ausdrucken“, lese ich unter einer Nachricht. Lieber Versender, bitte denken Sie an meine persönlichen Ressourcen, bevor Sie mir eine Mail schicken.

Proaktiv mache ich jetzt erstmal keinen Aufschlag„, steht in einer anderen Mail. Das geht schon sehr an die Ressourcen.

Auch lesenswert: „Eine hohe Präsenz der Sicherheitskräfte [sorgte] dafür, dass sich der Freitag nicht am Samstag wiederholte.“ (Stand so im General-Anzeiger)

Am frühen Abend kletterte auf dem Spielplatz gegenüber mit sichtlichem Vergnügen ein Kind in den Wipfeln des Gesträuches. Ein bemerkenswerter Vorgang aus zwei Gründen: Zum einen halten sich auf diesem Spielplatz nur selten Kinder auf, stattdessen zweifelhafte Gestalten zum Zwecke des Konsums diverser Genussmittel. Zum anderen sieht man in Zeiten, da Kinder ob überall dreuender Gefahren ohne elterliche Begleitung kaum noch einen Fuß vor die Tür setzen dürfen, selten welche bei gefahrgeneigtem Spiel.

Hier kam noch hinzu, dass die augenscheinlich Erziehungsberechtigte das Spiel nicht unterband oder gar die Feuerwehr rief, sondern gelassen abwartete, bis der Nachwuchs zu Ende gespielt hatte und unversehrt herab kletterte.

Dienstag: „Ich glaube, wenn man Physik erstmal verstanden hat, wird es ziemlich einfach sein“, höre ich in der Bahn einen Schüler sagen. Ein kluges Kind. Eines Tages wird es erkennen: Das gilt nicht nur für Physik, sondern für so ziemlich alles im Leben.

Mittwoch: Aus einer Mail: „In a nutshell geht es darum…“ – Zusammengefasst: Ihr geht mir auf die Nüsse.

Gespräch in der Bahn mitgehört: „Ich hätte heute Morgen zwei Stunden länger schlafen können.“ – „Was hast du stattdessen gemacht?“ – „Am Handy Sachen gelesen.“ Kein Zweifel: Wir leben in einer Digitatur. Jedenfalls einige von uns.

Donnerstag: In der Frühe entzückte ein Regenbogen über der Inneren Nordstadt das morgenmüde Auge.

KW39 - 1

Anderer Leute Renovierungesarbeiten und innerhäuslichen Baustellen begegne ich üblicherweise mit Desinteresse, unaufgefordert gezeigte Bilder von aufgerissenen Küchen und Bädern nehme ich maximal halbäugig zur Kenntnis. Da ich annehme, dass es Ihnen da nicht anders geht, verschone ich Sie vor detaillierten Schilderungen des Ausnahmezustandes, mit dem wir uns nach einem vorangegangenen Wasserschaden in den nächsten Wochen ohne Bad arrangieren müssen. Auch bemühe ich mich, meine diesbezügliche Larmoyanz auf das Nötigste zu beschränken. Vielleicht erzählte ich es schon, falls ja, wiederhole ich es aus gegebenem Anlass: Meine Großeltern mütterlicherseits lebten bis in die Siebzigerjahre in einem alten Bahnwärterhaus ohne Bad. Zur Körperreinigung wurde einmal wöchentlich in der Waschküche Wasser in einem großen Kessel über Holzfeuer erwärmt und anschließend in eine lange Zinkwanne geschöpft. Das Wasserklosett im Haus wurde erst in den Fünfzigerjahren installiert. Statt behaglicher Brille musste man zum Müssen bis dahin über den Hof in einen unbeheizten Schuppen, wo man sich zur Entleerung auf das runde Loch eines Holzkastens („Donnerbalken“) setzte, unter dem sich eine dunkle, Gerüche gebärende Grube befand. Auch nachts, bei Regen und im Winter. Auch in meiner weit zurückliegenden Kindheit war das tägliche Brausebad keinesfalls üblich. Stattdessen war samstags Badetag, an dem die ganze vierköpfige Familie mit einer Wannenfüllung auskam. Wenn ich an der Reihe war, schwammen kleine weiße Flöckchen an der Wasseroberfläche, denken wir nicht weiter darüber nach.

Wannenspa

Insofern: Alles Bestens hier.

Freitag: „Wichtig ist, dass wir das bridgen können.“ Es hört nie auf.

Anlässlich von Bauarbeiten werden manchmal interessante Dinge gefunden: historische Münzen, antike Scherben, Fossilen bislang unbekannter Urfische, verloren geglaubte Eheringe, solche Sachen halt. In Bad Oeynhausen wurde nun laut Zeitungsbericht unter der Terrasse einer Bäckerei eine männliche Leiche entdeckt. „Nach der Obduktion bleibt offen, ob es sich um ein Tötungsdelikt handelt“, so die Zeitung. Man benötigt schon sehr viel Phantasie, um auf eine alternative Todesursache zu kommen. Hiermit lade ich zu einer Blogparade ein: Schreiben Sie auf, wie der Mann ohne Fremdeinwirkung zu Tode gekommen und unter die Terrasse geraten ist.

Samstag: Das Wochenende verbrachte ich in Gütersloh. Statt vieler Worte:

Ist sie nicht wunderschön?

Sonntag: Zur gefälligen Kenntnisnahme.

Geheimnisvolle Zeichen in Bad Godesberg

Eine bemerkenswerte Diskussion geht in diesen Tagen durch Bonn, genauer: Bad Godesberg. Nun scheint den Bad Godesberger eine gegenüber den Bewohnern anderer Stadtteile erhöhte Larmoyanz auszuzeichnen, jedenfalls gewinnt man diesen Eindruck beim Lesen des Lokalteils in der Zeitung: Ungepflegte Blumenkübel, nicht gemähte Rasenflächen oder versiegte Springbrunnen sind die Themen, welche geeignet sind, den Godesberger – Verzeihung: BAD Godesberger, so viel Zeit muss sein – in den Zustand unfroher Gemütslage zu versetzen; Probleme also, die in Bonn-Tannenbusch oder -Auerberg nur geringes Erregungpotential entfalten und allenfalls mit einem gelangweilten „Heul doch“ quittiert würden. Oder in Gelsenkirchen oder Hanau. Vielleicht sind die Bad Godesberger auch immer noch sauer über ihre Eingemeindung nach Bonn im Jahre 1969.

Gleichwohl stimmt der mediale Eindruck überhaupt nicht überein mit meinen persönlichen Erfahrungen aus Begegnungen mit echten Menschen aus Bad Godesberg einschließlich Friesdorf: Die sind sehr nett, meckern und jammern nicht mehr als andere auch. Manches ist ja auch zum Beklagen, zum Beispiel das optische Erscheinungsbild der Godesberger Innenstadt nach der Sanierung, oder besser: Planierung in den Sechzigerjahren.

Was zurzeit den Bürger von Bad Godesberg bedrückt, sind arabische Schriftzeichen auf Werbeschildern und Ladenbeschriftungen. Der Bürger Bund Bonn sieht Handlungsbedarf und verlangt eine Satzungsänderung, wonach Waren und der Geschäftszweck eines Ladens stets vorrangig in deutscher Schrift anzubringen sind. Ich sehe ebenfalls Handlungsbedarf, und zwar dringenden, nämlich zur Rettung des Bindestrichs, nicht nur beim Bürger Bund.

Auch ist das Thema Quelle der Inspiration für das Verfassen von Leserbriefen im General-Anzeiger (immerhin mit Bindestrich). Frau Kerstin K. fühlt sich als Deutsche ausgegrenzt angesichts der arabischen Schriften. „Oftmals werden die Schaufenster darüber hinaus auch noch mit Stoffen und Gardinen blickdicht gemacht, so dass man keine Rückschlüsse auf das Angebot im Ladenlokal ziehen kann.“ Empörend.

Ich befürworte das Begehren des Bürger Bund, jedoch unter zwei Bedingungen. Erstens: Neben den arabischen Schriftzeichen verschwinden auch die Begriffe „Sale“ und „Coffee to go“ für alle Zeiten von Schildern und aus deutschen Schaufenstern. Zweitens: Der Bürger Bund legt sich endlich den verdammten Bindestrich zu.