Woche 16: Grün und Blüh

Montag: Immer noch Ostern. Erst gegen elf verließen wir das Schlafgemach, was nicht weiter schlimm war, da keine besonderen Aktivitäten anstanden und das Wetter gegenüber den letzten Tagen deutlich eingetrübt und abgekühlt war. Nach spätem Frühstück machte ich einen langen Spaziergang bis zur Siegmündung; den dortigen Auenwald mit hohen Pappeln und baumpilzbewachsenem Totholz empfinde ich nach wie vor als einen magischen Ort, vermutlich erwähnte ich das schon mal.

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Da das Wetter zwischenzeitlich wieder aufgeheitert war, zog es auch zahlreiche andere Menschen und ihre Hunde ins Grüne. Des Hundemögens weitgehend unverdächtig wurde ich von einem (natürlich unangeleinten) Exemplar angekläfft, das von seiner Besitzerin nur halbherzig zur Ordnung gerufen wurde, was meiner ohnehin geringen Sympathie für Hunde und Halter wenig förderlich war.

Gehört: „An welchem Fluss liegt nochmal Flensburg?“ – „An der Flönz.“ Worüber wohl nur Rheinländer lachen können.

Dienstag: Da heute kein Draußenwetter war, verbrachte ich längere Zeit auf meinem Lieblingsplatz im Glaserker über der Straße, wo man auch ohne zu frieren in der Sonne sitzen kann, wenn sie sich zeigt.

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Vielleicht können Sie sich mich in dem Stuhl sitzend denken, sehen können Sie mich dort nicht, da ich ja gerade das Foto mache. Nur die Quantenphysik kennt Teilchen, die sich gleichzeitig an verschiedenen Orten befinden, soweit ich das verstanden habe, in diesem Fall auf dem Stuhl und hinter der Kamera, sicher ist das jetzt stark vereinfacht dargestellt. Selbstverständlich hätte ich den Liebsten bitten können, mich in dem Stuhl zu fotografieren, doch wollte ich ihn nicht nur zum Zweck schnöder Selbstbespiegelung von seinem Lieblingsplatz, dem Sofa nebenan, treiben.

Ich las dort übrigens (nicht zum ersten Mal) das auf dem kleinen Tischchen liegende Buch „QQ“ von Max Goldt fertig, das mit einem wunderbaren Satz endet: „Immer schön ist es hingegen, wenn jemand endlich schweigt.“ In diesem Sinne schließe ich für heute.

Mittwoch: Zur Unzeit aufgestanden, jedenfalls für Urlaubsverhältnisse, weil ich um acht einen Zahnarzttermin hatte, nichts Schlimmes, die übliche regelmäßige Untersuchung des Esszimmers mit Reinigung. Den hatte ich schon vor Monaten vereinbart, als weder der Urlaub noch die Krise geplant waren. Es wäre ein Leichtes gewesen, den Termin zu verschieben, aber warum. Er brachte ein wenig Normalität in diese Zeiten, eine Redewendung, die mittlerweile unter vergleichbarer Abgedroschenheit leidet wie der allgegenwärtige Imperativ „Bleiben Sie gesund“.

Laut Zeitungsbericht sollen in den Formularen zur Steuererklärung künftig die Bezeichnungen „Ehemann“ und „Ehefrau“ durch „Person A“ und „Person B“ ersetzt werden, um auch gleichgeschlechtliche Paare genderkorrekt erfassen zu können. Dazu zürnt der FDP-Politiker Markus Herbrand: „Trotz des langen und in vielen Punkten erfolgreichen Weges zur Gleichberechtigung bestehen nach wie vor noch Ungerechtigkeiten bei der steuerlichen Gleichbehandlung. Es ist mir schleierhaft, warum die Bundesregierung so lange braucht, um längst überfällige Anpassungen diskriminierungsfreier Steuerformulare vorzunehmen“. Lieber Herr Herbrand, nun beruhigen Sie sich mal und lassen Sie das Finanzamt im Dorf, die Bundesregierung hat sich gerade um ein paar wichtigere Dinge zu kümmern. Mir ist das im Übrigen vollkommen wurscht, wie mich die Finanzverwaltung in ihren Formularen anredet, immer noch besser als von Ikea und anderen unerlaubt geduzt zu werden. Hauptsache ist doch, die Kohle kommt irgendwann.

Donnerstag: Morgens noch im Bett als erstes einen Friseurtermin für den 5. Mai reserviert. Ich bin gespannt, ob es diesmal klappt. Und wie ich bis dahin frisurtechnisch aussehe.

Nach dem Frühstück machten der Liebste und ich eine Autotour ins Ahrtal zum Weinerwerb. Dort war es schön wie immer: frühlingsgrüne Bäume, noch kahle Weinreben. Und doch mit all den geschlossenen Ausflugslokalen und Gaststätten ganz anders als sonst.

Auf dem Hinweg wurde im Radio darüber debattiert, ob nun Markus Söder oder Armin Laschet in der aktuellen Diskussion die bessere Figur abgebe, als ob das von Relevanz wäre, zumal im Moment niemand weiß, ob mehr oder weniger Lockerung der richtige Weg ist. Ja, auch ich hätte mir gewünscht, dass die Restaurants wieder öffnen dürfen, vielleicht mit Auflagen und Einschränkungen, aber wer bin ich, das zu beurteilen.

Apropos Essen: „Ein Tag ohne Kartoffelsalat ist kulinarisch betrachtet ein verlorener Tag“, lässt uns die Radiowerbung wissen. Ich mag durchaus gerne Kartoffelsalat, gerne an Heiß- oder Weißwurst, Backfisch, Frikadelle, gegrilltem Schweinesteak oder Wiener Schnitzel. Aber doch bitte nicht jeden Tag.

Spontaner Beschluss: Morgen werde ich wandern, alleine, den Rheinsteig von Bonn bis Königswinter, wenn mich nicht vorher die Kraft oder Lust oder beides verlässt. Ich werde berichten.

Freitag: Wie gestern beschlossen, wanderte ich heute die erste Etappe des Rheinsteigs. Jetzt tun mir die Füße weh und ich habe Muskelkater, aber das ist es allemal wert, es war wunderbar und weckte Appetit auf Fortsetzung. Statt der veranschlagten sieben Stunden benötigte ich nur sechs ein Viertel, nicht weil ich so ein toller Schnellwanderer bin, sondern weil die Schleife über den Geisberg wegen Forstarbeiten gesperrt war und ich deshalb eine (kürzere) Umleitung gehen musste. Ein detaillierter Bericht folgt, wenn ich dazu komme. Dann gibts auch Bilder, für diese Woche haben Sie hier genug Grün und Blüh gesehen.

Samstag: Die Zeitung berichtet eine halbe Seite lang über große Empörung im Bonner Stadtteil Hardtberg, wo die Stadt neue Ortsein- bzw. -ausgangsschilder aufgestellt hat. „Abenteuerlich“, „fassungslos“, „total wütend“, „So ein Unsinn“, so die Bürger; „Falsch und gar nicht witzig“, so die Zeitung. Worum es genau geht, will ich hier gar nicht erläutern, es ist völlig belanglos. Was mich immer wieder erstaunt: Worüber sich Menschen (nicht nur in diesen Zeiten) aufregen, und, noch mehr, dass die Zeitung darüber so breit berichtet und sogar kommentiert. Vielleicht als Kontrastprogramm zur täglichen Krisenberichterstattung?

Ich habe übrigens angefangen, „Der Schwarm“ von Frank Schätzling noch einmal zu lesen. So weit ich mich erinnere, geht es auf knapp tausend Seiten darum, wie die Natur sich auf geheinnisvolle, unheimliche Weise gegen den Menschen zur Wehr setzt, nachdem er jahrzehntelang ihre Zerstörung betrieben hat. Diese Lektüre erscheint mit in diesen Zeiten recht passend.

Sonntag: Der Sonntagsspaziergang fiel heute sehr kurz aus. Ich wollte ihn mit einem Gang zur Sankt-Marien-Kirche in der Inneren Nordstadt verbinden, wo bislang ein Häuschen aufgestellt war, in das man Kleidung, Hausrat und anderes bringen konnte, was zu schade zum Wegwerfen ist und was andere vielleicht noch gebrauchen können. Dorthin wollte ich eine gut erhaltene Deckenleuchte und ein paar Aufbewahrungsbehältnisse bringen, die durch Restrukturierungsmaßnahmen in unserer Küchenzeile überflüssig geworden sind. Es blieb beim Wollen, denn das Häuschen ist leider weg, vielleicht auch wegen der Seuche, ich weiß es nicht. Da ich mit dem Zeug nicht stundenlang durch die Gegend laufen wollte und kein Mensch bin, der anderen ungefragt Hausrat in den Hauseingang stellt (wie vom Geliebten später vorgeschlagen), bin ich wieder direkt nach Hause gegangen. Auch nicht schlimm, so hatte ich mehr Zeit, mich mit meinem neuen MacBook Air anzufreunden. Ich glaube, das wird eine innige Freundschaft.

Woche 5: Eine Bahnreise und ein Brückenschaden

Montag: Fünf ist Trümpf – heute vor fünfundzwanzig Jahren führte die Deutsche Bundespost die fünfstellige Postleitzahl ein. Der von manchen zuvor befürchtete Untergang der westlichen Zivilisation ist bislang nicht eingetreten, jedenfalls nicht aufgrund der Postleitzahl (von Vorgenannten aufgrund ihrer pessimistischer Erwartungen auch gerne als „Postleidzahl“ bezeichnet). Dass hingegen nicht aller guten Dinge drei sind, zeigt ein Fall aus Pinneberg: Die dortige Kreisverwaltung gestattete kürzlich zum Zwecke der Familienzusammenführung der Zweitfrau eines syrischen Flüchtlings die Einreise nach Deutschland. Skandal. Die sozialen Hetzwerke schäumen vor Empörung, ein Kommentator des Bonner General-Anzeigers sieht den Vorfall auf einer Qualitätsstufe mit Rauschgiftschmuggel. Polygamie in Deutschland, das geht gar nicht. – Warum eigentlich nicht? Wenn schon Ehe für alle, dann richtig!

Dienstag: Eine Bahnreise von Bonn nach Dresden dauert alles in allem ungefähr doppelt so lange wie der Flug, ist jedoch mindestens zehnmal schöner.

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Mittwoch: „Edition Team / No. 25-01-Reg. Brand – Follow the unique route.“ Was auf Hemden von Camp David halt so draufsteht.

Donnerstag: Notiz an mich: Ein Hase ist kein Kater, und umgekehrt. (Das müssen Sie jetzt nicht verstehen.)

Freitag: An die menschliche Fehleinschätzung, es für angemessen zu halten, sich während einer längeren Zugfahrt der Schuhe zu entledigen, sind wir hinreichend gewöhnt. Für mich neu war bis heute, dass es Menschen gibt, die dergleichen auch in Besprechungen tun, was meiner zugegebenermaßen unmaßgeblichen Ansicht nach nicht einmal durch den Freitagnachmittag zu rechtfertigen ist.

Samstag: Offenbar verlor in der Nacht jemand eine weiße Kommode auf dem Gehweg gegenüber dem Nachbarhaus. Ich bin nun gespannt, ob sich jemand ihrer erbarmt oder ob sich bald weiterer Hausrat hinzugesellt.

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In gehobener Gastronomie wurde ich abends Zeuge gepflegter Konversation am Nebentisch: „Wenn ich weiter so viel saufe, habe ich noch acht Jahre zu leben.“ – „Das ist viel.“

Sonntag: Natürlich freue auch ich mich über Glückwunschbekundungen am Geburtstag. Aber das ist doch kein Grund, vor elf Uhr das Telefon schellen zu lassen! Ansonsten verbrachte ich aufgrund eines Brückeneinsturzes mehrere Stunden in einer zahnärztlichen Notfallpraxis, was mich an ein Gedicht von Heinz Erhardt erinnerte: „Die alten Zähne wurden schlecht / und man begann, sie auszureißen / Die neuen kamen gerade recht / um mit ihnen ins Gras zu beißen.“