Unbekannt verzogen

Irgendwann in der großen Pause war er Martin aufgefallen. Er hatte etwas an sich, das ihn von den anderen abhob, etwas, das Martin in seinen Bann zog, ohne bestimmen zu können, was es war: vielleicht das Gesicht mit den ungewöhnlich zarten Zügen und den Grübchen, wenn er lachte oder sein Pausenbrot aß; die modische Frisur mit der Haartolle, die ihm über die Stirn fiel; die Art, wie er sich bewegte, wenn er in der Pause mit den anderen Jungs auf dem Schulhof Fußball spielte, so lange, bis ihnen, weil verboten, der Ball vom Aufsicht führenden Lehrer abgenommen wurde.

Martin war inzwischen im elften Schuljahr angekommen, nur noch knapp Zwei Jahre bis zum Abitur. Der Junge mit den Grübchen musste im neunten sein. In den Pausen suchte Martin auf dem Schulhof seine Nähe, natürlich im Rahmen der gebotenen Distanz, was hätte der denn von ihm denken sollen? Das wusste er ja selbst nicht. Mit der Zeit bekam er heraus, dass er Manuel hieß, weil ein Klassenkamerad ihn so gerufen hatte. Manuel – dieser Name klang für Martin fortan wie Musik, auch wenn ihm einige Jahre zuvor erst durch Caterina Valente mit dem gleichnamigen Lied und wenig später durch die Kinderkombo Pony mit dem „Lied von Manuel“ schwerer Schaden zugefügt worden war.

Wie gerne hätte er mit ihm gesprochen, oder ihn wenigstens bei ihren Begegnungen im Flur gegrüßt, hallo Manuel, wie gehts, aber man quatschte ja einen anderen Schüler, mit dem man nichts zu tun hatte, nicht einfach so an, schon gar nicht einen aus einer niedrigeren Jahrgangsstufe.

Martin konnte dieses Gefühl, welches ihn beim Anblick des Bewunderten jedesmal befiel wie eine jähe Verwirrung, nicht deuten. Can you tell me why?, sang Jimmy Sommerville im Radio. Dieses Sehnen blieb sein täglicher Begleiter, immer wieder; wenn er alleine in seinem Zimmer saß, bei den Hausaufgaben, schweiften seine Gedanken ab. Was mochte Manuel jetzt tun? Hatte er vielleicht eine Freundin? Ein aus unerfindlichen Gründen grausamer Gedanke, hätte Martin doch selbst gerne eine Freundin gehabt, so wie inzwischen viele Jungs aus seiner Jahrgangsstufe, nur wusste er nicht, wie er das anstellen sollte. Aber wahrscheinlich hatte Manuel keine, und wenn doch, ging sie auf eine andere Schule, denn nie sah Martin ihn in Begleitung eines Mädchens.

Eher zufällig entdeckte Martin, wo Manuel wohnte. Als er eines Morgens mit dem Fahrrad zur Schule fuhr, sah er Manuel aus einem Reihenhaus kommen, das an Martins Schulweg lag, neben ihm ein Mädchen, das ihm sehr ähnlich sah, und ein Mann, vermutlich ihr Vater. Sie stiegen in einen weißen Mercedes ein, mit dem Manuel und seine Schwester wohl zur Schule gebracht wurden (schon in den Achtzigern gab es die Eltern-Taxis, wenn auch bei weitem nicht so ausgeprägt wie heute). Von nun an fuhr Martin morgens und mittags auf dem Rückweg besonders langsam an dem Haus vorbei, vielleicht sah er ja seinen Schwarm, oder der ihn.

Besonders schlimm waren die Ferien, wenn Martin den seltsam Begehrten wochenlang nicht sah. Wie kein anderer Schüler sehnte er das Ferienende herbei und freute sich auf den ersten Schultag, ab dem er Manuel wieder nahe sein konnte, wenn auch nur räumlich, und auch wenn die Wahrscheinlichkeit, dass Manuel sich ebenfalls freute oder überhaupt nur von ihm Notiz nahm, sehr gering war.

Als Martin am ersten Tag nach den Herbstferien, inzwischen war er im dreizehnten Schuljahr, an dem Reihenhaus vorbei radelte, stand der weiße Mercedes nicht vor der Garage. Das war nichts Ungewöhnliches, nicht jeden Morgen stand er dort, wie Martin wusste. Vielleicht musste der Vater dann früher zur Arbeit, oder war auf Geschäftsreise. Manuel fuhr ohnehin inzwischen jeden Tag mit einem roten Vespa-Roller zur Schule. Als Martin sein Fahrrad am Abstellplatz vor der Schule  anschloss, sah er die rote Vespa nicht. Auch das bedeutete nichts, oft kam Manuel erst ein paar Minuten später.

Als endlich der Gong zur ersten großen Pause tönte, eilte Martin als erster aus dem Klassenraum auf den Schulhof. In der Ecke, wo Manuel sich üblicherweise mit den Leuten aus seiner Klasse aufhielt, sah Martin die bekannten Gesichter, indes nicht das eine, auf das zu sehen er sich so freute. Wo war Manuel? Martin ging den Schulhof zweimal auf und ab, nicht zu finden. War er krank? Was fehlte ihm? Am liebsten hätte er einen von Manuels Klassenkameraden gefragt.

Als Martin nach Schulschluss nach Hause fuhr, stand vor der Garage, wo sonst der weiße Mercedes stand, der Wagen eines Malereibetriebs. An sämtlichen Fenstern waren die Gardinen abgehängt und in der Küche im Erdgeschoss sah Martin jemanden eine Wand anstreichen. Was war da los, die sind doch nicht etwa …?

Martins Ahnung wurde Gewissheit, als ein paar Tage später ein blauer Passat vor der Garage stand, andere Gardinen angebracht waren und ein Mann, der nicht Manuels Vater war, den Rasen des Vorgartens mähte. Kein Zweifel mehr, sie waren weg. Unbekannt verzogen. Wie konnte er ihm das antun? Martin sah Manuel nie wieder.

Noch viele Jahre später, als Martin schon lange glücklich liiert war, fragte er sich manchmal, was aus Manuel geworden sein mag. Wo lebte er, und wie? Hatte er eine eigene Familie? Wie sah er jetzt aus, immer noch so verdammt gut wie damals, nur eben zwanzig Jahre älter? Oder war er unansehnlich aus der Form geraten, wie man es so oft bei Männern beobachten konnte, nachdem sie den sicheren Hafen der Ehe erreicht hatten? 

Noch immer zuckte etwas in ihm zusammen, wenn er irgendwo den Namen Manuel hörte oder las.  Dann hatte er wieder das zarte Gesicht mit den Grübchen vor Augen. Das würde sich wohl niemals ändern. Die Kfz-Kennzeichen des Mercedes und der roten Vespa wusste er noch heute.

Woche 41: Mehr Glück wäre kaum zu ertragen

Montag: „Wir sind auf dem Weg, uns als Spe­zi­es aus­zu­rot­ten. Das geht bei dem schwie­ri­gen Zu­sam­men­kom­men von Mann und Frau los und setzt sich fort mit der ver­hee­ren­den Auf­merk­sam­keit, die wir Te­le­fo­nen schen­ken. Ein­ge­hen­de Nach­rich­ten sind im­mer wich­ti­ger als das Ge­spräch, das wir ge­ra­de mit je­man­dem füh­ren“, wird eine gewisse Li­de­wij Edel­ko­ort im SPIEGEL zitiert.

Ich bin mir sicher: In weniger als fünftausend Jahren wird es keine Menschen mehr geben, weil sich diese wahnsinnige Lebensform dann selbst eliminiert hat. Ein paar tausend Jahre lang muss die Welt danach noch mit so unschönen Folgeerscheinungen wie Atommüll und Plastikabfällen in den Meeren klarkommen, aber da wird die Natur, wie immer, einen Weg finden. Danach hat sie uns überstanden. Mag sein, dass die Welt ohne Menschen eine bessere wird. Nur ist dann niemand mehr da, der es bemerkte und aufschreiben könnte.

Dienstag: Zufällig entdeckte ich im Bücherregal unseres Urlaubsdomizils zwischen Krimis, die mich von Natur aus nicht interessieren, das Buch „strohfeuer“ von Sascha Lobo, Sie kennen ihn vielleicht, den Digitalerklärer im schwarzen Anzug mit dem roten Irokesenkamm auf ansonsten kahlgeschorenem Kopf. Bislang war er mir als Romanautor nicht in Erscheinung getreten, daher weckte das Buch mein Interesse. Es gefällt mir gut: Die Geschichte, herrlich gespickt mit Anglizismen und Businesskasperphrasen, spielt um die Jahrtausendwende im Milieu von „Dotcom“-Unternehmen und Werbeagenturen. Wenngleich mir diese Welt persönlich unbekannt ist, so entdecke ich doch immer wieder Parallelen zum Gehabe mancher Personen in einer mir recht gut vertrauten Konzernzentrale. Auch erotische Elemente sind enthalten, Zitat: „Wir gerieten ins Vögeln.“ (Diesbezüglich sehe ich allerdings nur sehr geringe Assoziationen zu besagter Konzernzentrale.)

Mittwoch: Aus einem Zeitungsbericht zum Thema Abschaffung der Zeitumstellung:

»Der Chronobiologe Till Roenneberg vom Institut für Medizinische Psychologie der Universität München sprach von einem „Cloxit“: Es werde „riesige Probleme“ wie Depressionen, Diabetes und Schlafschwierigkeiten geben, sollten die Uhren dauerhaft auf die Sommerzeit umgestellt werden. „Wir Europäer werden dicker, dümmer und grantiger.“«

Na na na, möchte man da sagen, nun mal langsam mit den jungen Wilden. Das mit dem „grantiger“ ist sicher richtig, indes wohl kaum auf die ausbleibende Zeitumstellung zurückzuführen.

Provencalisches Regenwetter ließ nur wenige Argumente erkennen, viel Zeit außerhalb des Hauses zu verbringen, was ich keineswegs bedauere und was mir Gelegenheit gab, das Lobo-Buch innerhalb von zwei Tagen durchzulesen. Ein Großteil des Lesevergnügens entstand durch die Schilderung testosteronärer Charaktere, welche ich im echten Leben mit allen Fasern meines bescheidenen Daseins aus tiefstem Herzen verabscheue. Und durch Sätze wie diesen:

»“Immerhin“ war mein Lieblingswort geworden, mit einem eingestreuten „immerhin“ konnte ich mich über die kleinen Dinge freuen, wenn die großen implodierten.«

Donnerstag: Im Gegensatz zu gestern lockten uns heute milde Temperaturen und Sonnenschein aus dem Haus zu einem längeren Spaziergang durch die Umgebung.

Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Herbst ist eine wundervolle Jahreszeit.

Freitag: Laut Glücksatlas der Deutschen Post sind die Menschen im Rheinland besonders glücklich. Ich habe es immer geahnt. Mehr Glück wäre kaum zu ertragen.

Samstag: Rückfahrt ins glückliche Bonn mit Zwischenhalt in der nach Paul Bocuse benannten Markthalle zu Lyon. Die in einem verruchten Hinterzimmer meiner Hirnwindungen erwachenden Ideen, während ich die jungen Fleischereiverkäufer bei ihrem Tun betrachte, lassen keinen Zweifel daran aufkommen, dass ich in den Neunzigern zu viele Cadinot-Filme geschaut habe.

Sonntag: Noch einmal ausschlafen. Es gibt nur sehr wenige triftige Gründe, ein Bett vor neun Uhr in der Frühe zu verlassen. Stundenlang in einem Büro auf einen Bildschirm zu starren gehört definitiv nicht dazu.

Passend dazu schreibt David Graeber im von mir mit größtem Vergnügen gelesenen Buch Bullshit-Jobs:

»Experte für etwas Unnötiges zu sein, ist, wie man sich leicht vorstellen kann, nicht allzu erfüllend. Am liebsten wäre es mir, wenn ich Romane und Meinungsartikel schreiben könnte. In meiner Freizeit tue ich das auch, aber ich fürchte, wenn ich meinen Bullshit-Job aufgebe, würde es hinten und vorne nicht mehr reichen.«

(Bitte denken Sie sich hier ein zustimmendes Seufzen meinerseits.)

Woche 40: Nunmehr

Montag: „In einer idealen Welt ist es so, dass sich jeder eine Checkliste macht.“ – „Wie kriegen wir einen Anpack da dran?“ Gerade in Besprechungen werden Wahrheiten schonungslos ausgesprochen und die richtigen Fragen gestellt.

Den letzten Haken in seiner Lebens-Checkliste hat heute der großartige Charles Aznavour gesetzt. Ich verneige mich vor seiner Kunst.

(Tipp: So laut wie möglich aufdrehen und genießen.)

Apropos désormais*: Heute ist der Abend, an dem die Große Koalition „zur Sacharbeit zurückkehrt“, so die Nachrichten. Wünschen wir ihr einen griffigen Anpack.

Dienstag: Am Morgen erhalten Bürger im Radio Gelegenheit, den Namen ihres Autos einer interessieren Öffentlichkeit kund zu tun. Manchmal frage ich mich, ob den Leuten bei WDR 2 nichts Sinnvolles mehr einfällt, was die Zahlung der Rundfunkgebühr rechtfertigt. Eine Frau lässt uns wissen, ihr kleiner hellblauer Wagen heiße Olav, „mit v“, wie sie betont. Aaha. Wie mögen die Poseräffchen wohl ihre Lärmkarren nennen? Herkules? Thor? Martha? Vielleicht aber auch Mechthild, wer weiß schon, was in deren Äffchenhirnen vorgeht.

Mittwoch: „Wenn wir uns begegnen, dann leuchten wir auf wie Kometen“ – Auch wenn Max Giesinger heute dreißig wird, wozu ihm herzlich gratuliert sei, so hätte dennoch der vorstehende Vers auf meiner ungeschriebenen Liste der dümmsten Liedzeilen einen unauslöschlichen Platz im oberen Drittel.

Zu gratulieren ist anscheinend auch Ronaldo, der laut Zeitungsbericht ein „fünfmaliger Weltfußballer“ ist, was auch immer das bedeutet.

Donnerstag: „Viele Großunternehmen unterhalten beispielsweise eigene Hauszeitschriften oder sogar Fernsehkanäle, die angeblich den Zweck haben, die Mitarbeitenden über interessante Nachrichten und Entwicklungen auf dem neuesten Stand zu halten; in Wirklichkeit existieren sie aber in den meisten Fällen aus keinem anderen Grund als dazu, dass die Manager das warme, angenehme Gefühl genießen können, das sich einstellt, wenn man eine freundliche Geschichte über sich selbst in den Medien liest, oder vielleicht wollen sie auch wissen, wie es sich anfühlt, wenn man von Menschen interviewt wird, die wie Reporter aussehen und handeln, aber niemals unbequeme Fragen stellen.“ (Aus: David Graeber, BULL SHIT JOBS) – Ja, das kommt mir sehr bekannt vor.

Der Liebste redet seit Stunden auf unsere Stuben-Siri ein, die sich mit immer derselben, freundlich vorgebrachten Antwort („Oh, ich habe Schwierigkeiten, das zu spielen …“) beharrlich weigert, die gewünschte Musik zu spielen. In solchen Momenten frage ich mich, ob das mit dieser Digitalisierung wirklich so eine gute Idee war.

„So ein Beruf stört einfach bei allem, beim Denken, bei der Freizeitgestaltung und bei der Terminplanung“, lese ich am Abend hier. Da ist was dran.

Freitag: Am Morgen wurde ich beim Verlassen des Aufzugs in der Annahme bestätigt, nur in dunklen Anzug gehüllte und mit Krawatte geschmückte männliche Personen von Bedeutung beziehungsweise sich für von Bedeutung haltend verwenden den inhaltlich seltsamen Abschiedsgruß „Auf Wiederschauen“.

Samstag: Weil es so schön ist, noch eine Woche Provence. Die französische Radiowerbung ist schon Teil des Urlaubsgefühls, obwohl sie dort noch hektischer plappern als bei uns. Ihr Vorteil ist, ich verstehe fast nichts davon.

Bei Ostermann hingegen würde ich schon deshalb keine Möbel kaufen, weil ich fürchte, dass dort alle so aufgeregt herumschreien wie der Reklamesprecher im Radio. Auch würde ich nicht zu Netto gehen, nur weil mich ein ungezogenes Kind brüllend dazu auffordert.

Sonntag: In der Nacht fiel schlaffördernd Regen auf unser Haus. Also natürlich nicht nur auf unseres, sondern auf Stadt, Land, Fluss, wenn es hier einen gäbe. Am Morgen sah es dann so aus:

Perfekt, um den Tag in wundervoller Untätigkeit zu verbringen.


* von nun an, nunmehr

Woche 39: Schau nicht im Ärger zurück

Montag: „Ich bin heute nur sehr eingeschränkt erreichbar“, lese ich in einer Abwesenheitsnachricht. Das gilt auch für mich – besser ist meine montägliche Befindlichkeit nicht auf den Punkt zu bringen.

Herbstbedingt verließ ich am Morgen, zum ersten Mal seit Monaten, das Haus in eine Jacke gehüllt. Auf dem Heimweg kam mir, von kalten Winden umtost, ein Herr mit Sonnenbrille und in kurzer Hose entgegen. Einer von uns beiden schien irgendetwas nicht mitbekommen zu haben.

Dienstag: „Ich kann nicht er­ken­nen, was wir jetzt an­ders ma­chen sol­len“, sprach Angela Merkel nach der letzten Bundestagswahl. Nun jedoch, nach gleichsam erzwungener Rücknahme der Strafbeförderung von Verfassungsschutzpräsident Maaßen, hörte man von der Bundeskanzlerin erstmals so etwas wie Selbstkritik und ein Eingeständnis von Fehlern, was derart bemerkenswert erscheint, dass die Medien es auf die Titelseiten setzen. Was bemerkenswerter Weise kaum Erwähnung findet: Diese Lösung, für die sie sich in Berlin nun gegenseitig auf die Schulter klopfen, kommt den Steuerzahler viel teurer als die ursprünglich gedachte, wurde doch zur allgemeinen und insbesondere Seehoferschen Gesichtswahrung extra ein neuer Posten geschaffen. Wie dem auch sei – schon in wenigen Monaten wird sich kaum noch jemand an diese zweifelhafte Komödie erinnern.

Zurück von der großen Politik in heimische Gefilde. Seit Sonntag weilt der Liebste auf Geschäftsreise in Amerika. Neben dem Vermissen, das sich sofort nach Verlassen des Hauses einstellte, ergreifen mich nun, wie immer, wenn ich mich allein wähne, Selbstgespräche, die an Unsinnigkeit das, was Sie hier üblicherweise zu lesen bekommen, weit in den Schatten stellen.

Mittwoch: Wem die Natur wohlgeformte Fesseln schenkte, der sollte diese – auch und gerade als Mann – nicht aus falsch verstandener Scham oder wegen scheinbar ungeeigneter Witterung verhüllen.

Donnerstag: „Was Frisöre können, das können nur Frisöre“, so lautete mal ein Werbespruch der schneidenden Zunft. Vielleicht waren es auch nicht Frisöre, sondern eine andere Berufsgruppe, die mir eine Freude macht, wie es früher bei „Was bin ich?“ hieß, etwa Metzger, Dachdecker, Pornodarsteller oder Tortenheber, so genau erinnere ich mich nicht. Was ich aber weiß: Was die beste Band aller Zeiten kann, das kann nur Oasis. Oder konnte, leider. Heute Morgen schaffte sie es, mich direkt nach dem Aufstehen vor dem Badezimmerspiegel zum Singen zu bringen. Wer wollte da im Ärger zurückschauen? Die Araber nennen die durch Musik verursachte Ekstase oder Verzauberung übrigens „Tarab“. Ob sie auch ein Wort für Tortenheber haben, entzieht sich meiner Kenntnis.

Freitag: „Wir sind verpflichtet, unsere Beziehungen auf Basis beiderseitiger Interessen und fern von irrationalen Befürchtungen vernunftorientiert fortzuführen“, sagt Erdogan anlässlich seines Deutschlandbesuchs. Das klang kürzlich noch ganz anders, als er uns wenig vernunftorientiert der Nazimethoden bezichtigte. Ach Schwamm drüber, nur der Kleingeist ist nachtragend.

Apropos anders: Thomas Anders, ehedem eine Hälfte von Modern Talking, Sie wissen schon, der mit der NORA-Kette, lässt uns per Zeitungsinterview wissen, er besitze eine eigene Sonnenbank. Zunächst las ich „Samenbank“, was Fragen aufwarf: Wozu benötigt ein ehemaliger Modern-Talker eine eigene Samenbank? Befüllt er die selbst? Und welche Rückschlüsse auf meinen Charakter lässt dieser Verleser zu? „Hin und wieder wärme ich mich da im Winter auf, wenn ich frierend nach Hause komme“, so Anders. Was in einer Samenbank zweifellos weniger behaglich wäre.

Samstag: Ein lesenswerter Aufsatz über Moral und Lust: https://amandalears.wordpress.com/2018/09/27/der-tag-an-dem-ich-meine-moral-verlor/

Das Wort zum Sonntag:

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Pessimismus ist nach meiner Erfahrung angebracht, wenn um einen Film, eine Serie oder ein sonstiges Medienereignis viel Geschrei gemacht wird. Diese Annahme sah ich bestätigt, als wir am Abend die mit reichlich Vorschuss-Buhei geschmückte Serie „Babylon Berlin“ im Fernsehen anschauten. Was für ein Unfug.