Woche 39: Schau nicht im Ärger zurück

Montag: „Ich bin heute nur sehr eingeschränkt erreichbar“, lese ich in einer Abwesenheitsnachricht. Das gilt auch für mich – besser ist meine montägliche Befindlichkeit nicht auf den Punkt zu bringen.

Herbstbedingt verließ ich am Morgen, zum ersten Mal seit Monaten, das Haus in eine Jacke gehüllt. Auf dem Heimweg kam mir, von kalten Winden umtost, ein Herr mit Sonnenbrille und in kurzer Hose entgegen. Einer von uns beiden schien irgendetwas nicht mitbekommen zu haben.

Dienstag: „Ich kann nicht er­ken­nen, was wir jetzt an­ders ma­chen sol­len“, sprach Angela Merkel nach der letzten Bundestagswahl. Nun jedoch, nach gleichsam erzwungener Rücknahme der Strafbeförderung von Verfassungsschutzpräsident Maaßen, hörte man von der Bundeskanzlerin erstmals so etwas wie Selbstkritik und ein Eingeständnis von Fehlern, was derart bemerkenswert erscheint, dass die Medien es auf die Titelseiten setzen. Was bemerkenswerter Weise kaum Erwähnung findet: Diese Lösung, für die sie sich in Berlin nun gegenseitig auf die Schulter klopfen, kommt den Steuerzahler viel teurer als die ursprünglich gedachte, wurde doch zur allgemeinen und insbesondere Seehoferschen Gesichtswahrung extra ein neuer Posten geschaffen. Wie dem auch sei – schon in wenigen Monaten wird sich kaum noch jemand an diese zweifelhafte Komödie erinnern.

Zurück von der großen Politik in heimische Gefilde. Seit Sonntag weilt der Liebste auf Geschäftsreise in Amerika. Neben dem Vermissen, das sich sofort nach Verlassen des Hauses einstellte, ergreifen mich nun, wie immer, wenn ich mich allein wähne, Selbstgespräche, die an Unsinnigkeit das, was Sie hier üblicherweise zu lesen bekommen, weit in den Schatten stellen.

Mittwoch: Wem die Natur wohlgeformte Fesseln schenkte, der sollte diese – auch und gerade als Mann – nicht aus falsch verstandener Scham oder wegen scheinbar ungeeigneter Witterung verhüllen.

Donnerstag: „Was Frisöre können, das können nur Frisöre“, so lautete mal ein Werbespruch der schneidenden Zunft. Vielleicht waren es auch nicht Frisöre, sondern eine andere Berufsgruppe, die mir eine Freude macht, wie es früher bei „Was bin ich?“ hieß, etwa Metzger, Dachdecker, Pornodarsteller oder Tortenheber, so genau erinnere ich mich nicht. Was ich aber weiß: Was die beste Band aller Zeiten kann, das kann nur Oasis. Oder konnte, leider. Heute Morgen schaffte sie es, mich direkt nach dem Aufstehen vor dem Badezimmerspiegel zum Singen zu bringen. Wer wollte da im Ärger zurückschauen? Die Araber nennen die durch Musik verursachte Ekstase oder Verzauberung übrigens „Tarab“. Ob sie auch ein Wort für Tortenheber haben, entzieht sich meiner Kenntnis.

Freitag: „Wir sind verpflichtet, unsere Beziehungen auf Basis beiderseitiger Interessen und fern von irrationalen Befürchtungen vernunftorientiert fortzuführen“, sagt Erdogan anlässlich seines Deutschlandbesuchs. Das klang kürzlich noch ganz anders, als er uns wenig vernunftorientiert der Nazimethoden bezichtigte. Ach Schwamm drüber, nur der Kleingeist ist nachtragend.

Apropos anders: Thomas Anders, ehedem eine Hälfte von Modern Talking, Sie wissen schon, der mit der NORA-Kette, lässt uns per Zeitungsinterview wissen, er besitze eine eigene Sonnenbank. Zunächst las ich „Samenbank“, was Fragen aufwarf: Wozu benötigt ein ehemaliger Modern-Talker eine eigene Samenbank? Befüllt er die selbst? Und welche Rückschlüsse auf meinen Charakter lässt dieser Verleser zu? „Hin und wieder wärme ich mich da im Winter auf, wenn ich frierend nach Hause komme“, so Anders. Was in einer Samenbank zweifellos weniger behaglich wäre.

Samstag: Ein lesenswerter Aufsatz über Moral und Lust: https://amandalears.wordpress.com/2018/09/27/der-tag-an-dem-ich-meine-moral-verlor/

Das Wort zum Sonntag:

kw39-1

Pessimismus ist nach meiner Erfahrung angebracht, wenn um einen Film, eine Serie oder ein sonstiges Medienereignis viel Geschrei gemacht wird. Diese Annahme sah ich bestätigt, als wir am Abend die mit reichlich Vorschuss-Buhei geschmückte Serie „Babylon Berlin“ im Fernsehen anschauten. Was für ein Unfug.

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