Woche 35: Unwissen schafft Freizeit

Montag: Morgens wurde eine Oberleitungsstörung zwischen Düsseldorf und Duisburg gemeldet. „Die Züge, die dort unterwegs sind, fallen heute aus“, sagte die Frau im Radio. Wahrscheinlich bin ich mal wieder der einzige, der das komisch findet.

Erstmals nach warmen Wochen zog ich wieder eine Jacke an. Ich beklage das nicht, bin ja eher ein Jackenmensch, bietet sie doch Platz für wichtige Gegenstände des täglichen Gebrauchs wie Telefon, Portemonnaie, Notizbuch, Kugelschreiber, Schlüssel und Altoids, welche sonst eine separate Umhängetasche erfordern, will man sie nicht in diversen Hosentaschen unterbringen, was nur unvollständig gelingt und zudem sehr unbequem und optisch unvorteilhaft ist.

In einer internen Werks-Mitteilung wird mal wieder „unsere gemeinsame DNA“ besungen. Das mag man auch nicht mehr hören noch lesen.

Dienstag: Mittags in der Kantine erfuhr mein kulinarischer Horizont eine wertvolle Erweiterung, weiß ich doch seitdem: Gewöhnliche Kartoffelsuppe wird zu „Berliner Kartoffelsuppe“, wenn man einige Nürnberger Rostbratwürste darin versenkt. Was soll’s, Hauptsache es schmeckt, und das hat es durchaus. (Da es mir in höchstem Maße albern erscheint, sein Essen zu fotografieren, kann ich nicht mit einem Bild dienen. Denken Sie sich als Serviervorschlag einfach eine Suppenschale voller deftigem Kartoffeleintopf mit drei kleinen Bratwürsten darin, das ganze verziert mit Petersilienstreuseln.)

Wie mir beim Blick aus dem Fenster während einer mehrstündigen Skype-Veranstaltung auffiel, sind die Halsbandsittiche zurück, nachdem sie sich wochenlang nicht blicken ließen. Vielleicht war es ihnen zu warm. Die Spatzen auf dem Fenstersims sind hingegen verschwunden. Wo mögen sie hin sein?

Mittwoch: Tief „Kirsten“ zog mit Sturm über das Land hinweg, zeigte sich im Raum Bonn jedoch gnädig, daher konnte ich auch heute von meteorologischer Unbill unbehelligt mit dem Rad ins Werk und wieder zurück fahren. Nur die Halsbandsittiche waren vorübergehend weggeblasen. Kollegin Kirsten, mit der ich telefonierte, zeigte sich hingegen freundlich wie immer. Eine launige Bemerkung wie „Was bist du heute stürmisch“ verkniff ich mir, vermutlich hatte sie dergleichen im Laufe des Tages schon mehrfach gehört und dazu gequält gelächelt.

Donnerstag: Ich bin bestimmt nicht der König der Effizienz. Wenn ich indessen sehe, wie viel Zeit manche Kollegen täglich verquatschen, wundert mich kaum, wenn sie mit ihrer Arbeitszeit nicht hinkommen.

Ansonsten bestätigte sich mal wieder in erfreulicher Weise: Manches erledigt sich von selbst, wenn man nicht auf jedes Anliegen umgehend reagiert. Merke: Unwissen schafft Freizeit.

Nur zwölf Prozent aller Bahnhöfe haben laut Zeitungsbericht kostenfreies WLAN. Auch so ein Skandal, dessen Empörungspotential mir allenfalls für ein „Heul doch“ gereicht.

Freitag: Erster Termin des Tages war beim Zahnarzt. Seit ich zu diesem gehe, ist alles Unbehagen gegenüber seinem Berufsstand verflogen. In all den Jahren hat er mir trotz mancher erforderlicher Maßnahme noch niemals weh getan. Ich empfehle ihn sehr. Wenn ich da an den „Sadisten“ meiner Kindheit in Bielefeld-Stieghorst denke … Der war schon schlechtlaunig, wenn ich mit nicht reinlichst geputzten Zähnen ihn aufzusuchen wagte, was er mich umgehend mit dem Bohrgerät spüren ließ. „Behaglich schnurrend mit dem Rädchen / dringt vor er bis zum Nervenfädchen“ dichtete Eugen Roth einst dazu.

Herr Emil freut sich über „eine übereinstimmende Feststellung der nicht gegebenen Sinnhaftigkeit einer Maßnahme“. Das verstehe ich gut und würde mich auch sehr freuen; leider kommen derartige Feststellungen in unserem Werk nur selten vor: Statt sich von einem augenscheinlich sinnlosen Vorhaben zu verabschieden, werden seitenlange, bunt bebilderte Präsentationen dazu erstellt. Wobei ich mich bei manchen text- und bildschwangeren Präsentationen frage, ob der Ersteller nur eine Sekunde lang an die Zielgruppe gedacht hat.

„Ach, ich bin derzeit insgesamt nicht annähernd so ruhig und ausgeglichen wie es vielleicht wirken mag“, lese ich bei Frau Myriade. Sie schreiben mir aus der Seele, meine Liebe! Jedenfalls ein bisschen im Moment.

Ein neues Wort legte der Liebste in die Wortschatztruhe: „Fernschlechtsehe“ als originelle Alternative zu „Kurzsichtigkeit“.

Samstag: Die Kirchen beklagen laut Zeitungsbericht mehr als eine halbe Million Austritte im vergangenen Jahr, nur sechzehn Prozent vertrauen noch der Katholischen Kirche als Institution, wie eine Forsa-Umfrage ergibt. Wobei, das sind eigentlich noch ganz schön viele, wenn man bedenkt: Die Menschheit ist in der Lage, Raumsonden auf Asteroiden zu landen, Atome zu spalten und Gene zu manipulieren; irgendwann wird vielleicht gar das Sitzplatznumerierungssystem der Bahn entschlüsselt sein. Gleichzeitig streiten sich erwachsene, gebildete Menschen darüber, ob sich ein kleines Plättchen trockenen Mehlgebäcks in den „Leib Christi“ verwandelt, und durch wen.

Sonntag: In den Tiefen meines Inneren bewundere ich Leute, die sich für Fußball oder Formel-Eins-Gebrause begeistern können. Also eher so eine irritierte Bewunderung statt einer neiderfüllten; nicht von der Art, wie man sie für jemanden empfindet, der beispielsweise gut Klavier spielen oder sich auf Französisch verständigen kann, sondern so eine, die man einer Person entgegen bringt, die vielleicht mit den Ohren wackeln oder mit Fürzen Melodien erzeugen kann.

Ansonsten erfreulich in dieser Woche waren: diverse Kelche, die an mir vorübergingen, ein Stein, der nicht flog, eine Stimmungsaufhellung, eine konfliktlösende Maßnahme, ein Restaurantbesuch, ein erster Hauch von Herbstluft und ein langer Spaziergang ans andere Ufer, also Rheinufer, meine ich.

Woche 34: Eine gute Wahl

Montag: „Blöder kann man wohl nicht in eine neue Woche starten“, schrieb ich hier vor genau einer Woche. Doch, kann man: Bereits um zwanzig nach drei in der Frühe schreckten wir hoch von drei Schüssen irgendwo draußen auf der Straße oder in den Höfen, wie soll man das in dem Moment so genau wissen. Nachdem am Morgen keine Leiche und keine Einschusslöcher in den Fassaden auszumachen waren, nehme ich an, dass ein Irrer ein neues Spielzeug hat. (Bereits am frühen Samstagmorgen hatte es fünfmal in gleicher Weise geknallt.) Eher unwahrscheinlich, dass jemand denkt: „Hier wohnt doch dieser K, den wecke ich jetzt mal, damit er was zu bloggen hat, dem fällt ja sonst nix Gescheites ein.“ Bloggerschicksal: Während meine Lieben schon wieder in sanften Träumen weilten, lag ich noch länger wach und dachte über die Formulierung nach.

Dienstag: Morgens brüllte am Wegesrand ein Laubbläser. Geht schneller als mit einem Rechen, klar. Aber was genau ist beim Laubklauben eilbedürftig?

Abends gab es was zu sehen, in gewisser Weise eine optische Wiedergutmachung für das vorgenannte Gelärme.

Spätabends vermeldete der Geliebte die Sichtung der vierten Maus im Vogelhaus. Das macht nichts, es bietet genug Platz für noch einige mehr. Wir schaffen das, wie die Kanzlerin sagen würde.

Mittwoch: Als ich morgens zum Werk kam, versperrte ein Auto den Zuweg zum Fahrradständer, weil die Fahrerin direkt vor der daneben befindlichen Packstation parkte, um ein Paket abzuholen. Das Angebot an sie, meine Kollegen zu fragen, ob sie nicht eine Packstation entwickeln wollen, in die man ganz hineinfahren kann, verkniff ich mir.

Während einer größeren Skype-Veranstaltung verbreitete sich ein Verbalvirus, Sie erinnern sich vielleicht, was ich meine: Jemand sagt ein bestimmtes Wort wie „quasi“, „genau“ oder „tatsächlich“, daraufhin taucht es in jedem weiteren gesprochenen Satz auf. Heute war es „natürlich“. Dummerweise bemerkte ich es erst, nachdem ich es selbst einige Male gesagt hatte.

Die Nachbarn von unten sind aus dem Urlaub zurück, einen Tag früher als erwartet. Das ist grundsätzlich nicht schlimm, andererseits erfordert es vom Geliebten umgehende Verhaltensanpassung dahingehend, ab sofort keine Krümel und andere Gegenstände mehr kurzerhand über die Balkonbrüstung auf deren Terrasse zu entsorgen.

Donnerstag: Mitschrift aus einem Vortrag mit anschließender Diskussion: 62 mal „natürlich“, 48 mal „entsprechend“, 46 mal „Ich sag mal“, 15 mal „genau“, 14 mal „im Endeffekt“, 14 mal „quasi“, (nur) 11 mal „tatsächlich“, 11 mal „irgendwie“, 6 mal „an der Stelle“, 5 mal „am Ende des Tages“, je 4 mal „(agil) unterwegs“ und „vertesten“, je 3 mal „ehrlicherweise“ und „im Nachgang“, je 2 mal „im Prinzip“, „Zeitleiste“ und „wie gesagt“, und je einmal „Range“, „im Vorfeld“, „ausspeichern“ und „on point“.

Freitag: Die Briefwahlunterlagen für die Kommunalwahl sind eingetroffen. Wen ich nicht wählen werde ist klar. Aber wo soll ich mein Kreuzchen machen? Gar nicht so einfach.

Eine gute Wahl ist hingegen die neue Weinbar, die unweit unserer Wohnung neu eröffnet hat. (Zuvor befand sich in den Räumlichkeiten eine Billigbäckerei mit dem etwas albernen Namen „Back Oven“.) Sehr zu empfehlen, wobei sich die geringe Entfernung aufgrund des von uns vertesteten Angebots vor allem für den Rückweg günstig auswirkte.

Samstag: Heute ist „Erdüberlastungstag“, also der Tag, an dem die Menschen die natürlichen Ressourcen für dieses Jahr verballert haben und gewissermaßen auf Kredit weiter aasen. Warum der ausgerechnet heute ist und nicht gestern oder morgen, weiß die Wissenschaft, irgendwelche klugen Leute haben das mit vermutlich hochkomplizierten Methoden ermittelt. Jedenfalls ist das auch so ein stiller Feiertag, den kaum jemand zur Kenntnis nimmt, es passiert ja nichts Spektakuläres, also nicht mehr als an anderen Tagen. Die Erde könnte sich ja melden mit Orkanen, Erdbeben, Vulkanausbrüchen oder Tsunamis, seht her ihr doofen Menschen, was ihr mir antut. Stattdessen leidet sie still vor sich hin. Wobei ich glaube, sie leidet nicht, vielmehr ist es ihr vollkommen egal, wann wir uns endlich ausgerottet haben.

Jährlich werden alleine in Deutschland etliche Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen, davon ein nennenswerter Anteil aus unserem Haushalt, weil der Liebste manchmal einkauft, als gelte es, eine fünfköpfige Bergarbeiterfamilie nach einer anstrengenden Bergwanderung zu sättigen. Ich prangere das regelmäßig an, was heute mal wieder leichte zwischenmenschliche Spannungen erzeugte, die aber abends in erfreulicher Weise unter anderem mit einem Restaurantbesuch abgebaut werden konnten.

Sonntag: Michael Spehr schreibt in der F.A.S. über Freisprech-Telefonierer:

„Das Freisprechgeplärre ist die aggressive akustische Besetzung eines Raumes, den man nicht hat. Noch nie ließen sich Frechheit und Selbstgefälligkeit so einfach zur Schau stellen. Man muss dazu noch nicht einmal auf eine dieser neuerdings modischen Idioten-Demos zu gehen, sondern benötigt nur ein Smartphone und die Dreistigkeit der Dummen.“

Nämliches gilt für diese plärrenden Lautsprecher-Dinger, die sich Leute ans Fahrrad oder den Rucksack hängen, um damit ungefragt ihr Umfeld mit zweifelhafter Musik zu belästigen.

Ebenfalls nicht besonders leise, von manch unfrohen Naturen gar als Belästigung empfunden ist der Karneval. Zurzeit wird recht laut darüber nachgedacht, die bevorstehende Session aus aktuellem Anlass ausfallen zu lassen. Für mich persönlich habe ich diese Entscheidung längst getroffen, und ich gehe nicht davon aus, es allzu sehr zu vermissen.

Wie ich nachmittags während des Sonntagsspazierganges feststellte, hat der Ekelgrad der Schnellgastronomie augenscheinlich eine neue Stufe erreicht. Was zum Teufel ist das? Es sieht ziemlich widerlich aus.

Ich bin ein schwacher Mensch. Deswegen bin ich rückfällig geworden. Nein, ich rauche nicht wieder, das nicht. Aber ähnlich: Ich habe mir wieder ein Twitterprofil angelegt, vorletzte Woche schon, bitte fragen Sie nicht warum, es überkam mich. Doch besteht Hoffnung: Bereits heute weiß ich wieder, weshalb ich mich erst im letzten Jahr nach zehn Jahren Aktivität dort verabschiedet hatte. Insofern gehe ich nicht davon aus, dass das neue Profil lange bestehen wird.

Redaktioneller Hinweis: Dieser Wochenrückblick entstand nicht ganz freiwillig mit dem neuen Editor von WordPress, den ich als arg gewöhnungsbedürftig empfinde und noch nicht durchblicke. Für etwaige Qualitätsmängel in der Gestaltung bitte ich um Nachsicht. Ursachen für mögliche inhaltliche Mängel sind indes nicht dem Editor anzulasten sondern wie immer demjenigen, der ihn nutzt.

Ihnen eine angenehme neue Woche!

Woche 33: Harmonische Dreisamkeit im Mausehaus

Montag: „Zu tun gibt es ja immer was“, sagte der Mann in der Radioreklame, die mich morgens angenehmen Träumen entriss. Blöder kann man wohl nicht in eine neue Woche starten.

Als ich vor gut zwanzig Jahren im Mutterhaus die Arbeit aufnahm, waren Anzug oder wenigstens Jacket und Krawatte eine ungeschriebene Selbstverständlichkeit für männliche Büroknechte. Auch freitags. Wer ohne Krawatte ins Büro kam, konnte sich einer entsprechenden Bemerkung des Chefs sicher sein, es sei denn, die Temperaturen lagen wie zurzeit über dreißig Grad – dann verzichteten sogar Chefs auf den Halsbinder, manche öffneten gar den zweiten Hemdenknopf, auch nicht immer schön. Die Damen hatten es da deutlich besser – leichte Sommerkleider und offene Schuhe waren nie Gegenstand des Anstoßes. In dieser Hinsicht hat sich vieles zum deutlich Besseren verändert: Zunächst entfiel an Freitagen die Krawattenerwartung – womit widerlegt ist, so ungern ich das zugebe, alles, was aus Amerika kommt, sei schlecht – später auch an den übrigen Tagen. Inzwischen sind Krawattenträger klar in der Minderzahl, und das ist gut so. Sogar Männer – auch Abteilungsleiter – in kurzen Hosen zeigen mittlerweile mehr oder weniger wohlgeratene Beine. Auch das ist gut, wobei ich selbst so weit noch nicht bin. Kommt vielleicht noch, wenn ich demnächst der letzte auf dem Flur in langen Beinkleidern bin. ‪Doch so warm der Sommer auch glüht – für Kaffee ist es nie zu heiß.‬

Nicht zu heiß, trotz Anzug und Krawatte und in ganz anderer Hinsicht, war es vergangenen Samstag Florian Schroeder in Stuttgart, der für mich ab sofort zu den ganz Großen dieser Zeit zählt. Deswegen.

Ich habe übrigens beschlossen, mich nicht länger aufzuregen, wenn andere das mit dem Abstand nicht begreifen oder einfach nicht wollen; es würde meine allgemeine Lebensqualität zu sehr beeinträchtigen. Ich kann nur weiterhin für mich selbst darauf achten. Mehr kann ich für mich und andere nicht tun.

Dienstag: Vergangene Nacht schlief ich wärmebedingt schlecht, hinzu kamen akustische und olfaktorische Unwägbarkeiten von der Nebenmatratze, auf die ich nicht näher eingehen möchte. Während einer längeren Wachphase überlegte ich: Erreichen Florian Schroeder nach seinem Auftritt in Stuttgart nun wohl wüste Beschimpfungen und Morddrohungen? Wie geht man mit so etwas um? Droht mir ähnliches, nachdem ich für ihn Sympathie bekundete? Eher nicht, weil das hier nicht viele lesen. Vorteil des Kleinbloggers.

Tagsüber schrieb man mir per Mail: „Bitte geh du hier in den Lead.“ Soll ich jetzt singen, oder was?

Laut Zeitung rüsten die Stadtwerke Bonn ihre Busflotte derzeit mit Anti-Infektionsschutzwänden aus. Maschendraht?

Abends grummelte in der Nähe ein Gewitter, das etwas Regen schickte. Auch zwischenmenschlich grummelte es ein wenig, ohne konkret erkennbare Ursache; manchmal ist das so, wenn Menschen zusammen leben. Womöglich auch eine Folge der Hitze.

Mittwoch: Kurz nach Mitternacht kam das nächste Gewitter. Zunächst ein fernes Dauergrollen, das scheinbar nur sehr langsam sich näherte. Später erhellten Blitze den Nachthimmel über der Stadt und Donner rollte um die Häuser. Nicht wenige Menschen behaupten, sie schliefen besonders gut, wenn über ihnen die Naturgewalten toben; vielleicht haben sie dann auch besonders guten Sex, warum auch nicht, in dieser Hinsicht gibt es ja wenig, was es nicht gibt. Bei mir gilt das nur für nächtlichen Regen ohne Gewitter (also das mit dem Schlafen, mit dem anderen will ich Sie nicht unnötig langweilen). Eine Art erhalten gebliebener Urrespekt aus der Kindheit hält mich bei Gewitter wach. Immerhin, statt mir, bis es vorbei ist, die Bettdecke über den Kopf zu ziehen, wo bald Erstickung droht, stehe ich mittlerweile auf und schaue es mir vom Fenster aus an. Dann zähle ich die Sekunden zwischen Blitz und Donner. Wie weit ist es weg? Kommt es näher? Alte Faustregel, wenn ich nicht irre: Anzahl Sekunden geteilt durch drei gleich Entfernung in Kilometern. Um kurz nach halb zwei war es vorbei. Kurz vor drei kam das nächste, recht schnell und bald wieder vorbei, dafür mit starkem Regen. Dieses Mal blieb ich im Bett und schlief dann doch noch ganz gut.

Nach einem weiteren heißen Tag zog am Abend das nächste Unwetter mit Gewitter, Sturm und viel Regen über die Stadt und richtete (zum Glück nicht bei uns) größeres Unheil an. Vorher sah das vom Balkon so aus:

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Hinterher nach vorne hinaus so:

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Auch die interne Gewitterneigung war noch nicht ganz abgeklungen, weil Tief C sich aus nach wie vor unerfindlichen Gründen noch immer nicht aufgelöst hatte. Hingegen harmonische Dreisamkeit am späten Abend in unserem VogelMausehaus:

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Donnerstag: Badgespräch am Morgen: „Stehst du schon wieder hinter mir!“ – „Nein, du stehst vor mir.“

Billie Eilish – laut Zeitung der zweitwichtigste Teenager der Welt. Nie gehört. Nachteil des Boomerdaseins. Oder Vorteil, wer weiß.

In den Medien wird behauptet, die demokratische Kandidatin für das US-Vizepräsidentenamt, Kamala Harris, sei „schwarz“. Verstehe ich nicht. Sie ist doch mindestens so „weiß“ wie Donald Trump, wenn man die Bilder vergleicht.

Freitag: Nur kurz Regen am Abend. Überhaupt regnet es zu wenig in letzter Zeit, manche Kommunen haben schon Schwierigkeiten mit der Wasserversorgung. Die Schwimmbecken sind voll, aber der Duschkopf bleibt trocken. Dagegen war die Klopapierkrise ein Witz.

Ist Ihnen mal aufgefallen, dass es in Filmen selten regnet ohne Gewitterbegleitung, einfach nur Regen? Befürchten die Filmemacher, der Zuschauer würde den Regen sonst nicht bemerken? Darüber regt sich mal wieder niemand auf.

Samstag: „Die Vorstellung, dass an irgendeiner Stelle des Internets gesiezt wird, ist geradezu abwegig“, steht im General-Anzeiger zum Schwinden des „Sie“. Der Schreiber scheint dieses Blog nicht zu kennen. Warum sollte er auch.

Sonntag: Zwei notierenswerte Sätze aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung:

„Nichts verpufft schneller als die öffentliche Empörung.“
(Rainer Hank über integres Handeln von Unternehmen)

„Heute kommen Menschen aus allen Kontinenten, um Paderborn weiträumig zu umfahren.“
(Oliver Maria Schmitt über Paderborn)

In der PSYCHOLOGIE HEUTE las ich einen interessanten Artikel über sogenannte Spätblüher, das sind Leute, die erst im fortgeschrittenen Alter ihre wahre Berufung finden. Das gibt mir Hoffnung, doch noch Karriere zu machen als erfolgreicher, angesehener … wasweißich.

Am späteren Abend nach Einbruch der Dunkelheit werkelte der Nachbar gegenüber etwas Undefinierbares auf seiner Terrasse herum, wie so häufig. Dass wir ihm offensichtlich dabei zuschauen, störte ihn nicht. Kennen Sie das, wenn Sie jemanden bei seinem unablässigen Tun betrachten und sich fragen: Was treibt ihn nur?

Woche 32: Ästhetische Grundbedürfnisse an warmen Tagen

Montag: Morgens auf dem Weg ins Werk hielt vor einer roten Ampel ein anderer Radfahrer direkt neben mir, Abstand unter einem Meter. Wäre ich nicht so konfliktscheu und hätte er zudem nicht gewisse ästhetische Grundbedürfnisse bei mir angesprochen, also der hätte was zu hören bekommen!

Die erste Hälfte des Tages war von geradezu schmerzhafter Unlust begleitet, nach dem Mittagessen wurde es nur geringfügig besser. Erst der Abend zu Hause mit den Lieben und Begleitgetränk auf dem Balkon war ganz schön. Dieses Konzept „Arbeiten um zu leben“ bedarf der Nachbesserung.

Einen wesentlichen Teil meines inneren Friedens ziehe ich wohl daraus, mich nicht allzu sehr dafür zu interessieren, was andere Leute tun oder denken. Dazu gehört auch, abweichende Meinungen auszuhalten. Gleichwohl fand ich es sehr irritierend, von jemandem, den ich ansonsten sehr schätze, solches zu hören: „Das ist doch alles völlig überzogen.“ – „Was soll schon passieren, es ist nicht schlimmer als eine Grippe.“ – „Eine unglaubliche Einschränkung meiner Freiheit.“ – „Muss doch jeder selbst entscheiden, ob er eine Maske trägt und Abstand hält.“ – „Impfen bringt sowieso nichts.“ – „Wer weiß, was da wirklich hintersteckt.“ – „Es trifft doch fast nur die Alten.“ – „Italien? Das italienische Gesundheitswesen ist halt desolat.“

Noch einmal ästhetische Grundbedürfnisse: „Brauchst du eine kalte Dusche?“ lautete die Frage des Tages bei Quergeföhnt. Ja, abends im Rewe hätte sie zur Linderung einschlägiger Gedanken beitragen können, leider war gerade keine im Angebot.

KW32 - 1

Dienstag: Erstmals las ich in der Zeitung das Wort „Fußgehende“ als gendergerechte Bezeichnung für Menschen, die Wege zu Fuß zurücklegen. Ich weiß nicht recht – nicht gerade eine prachtvolle Rose im Wörtersee.

Wie ich nämlicher Zeitung entnahm, beklagt ein gewisser Damian Hardung, mir bislang unbekannter Schauspieler, häufige Belästigungen durch unverlangt zugesandte Zuschriften und Anfragen sittenlosen Inhalts. Nach kurzer Bildrecherche im Netz verstehe ich.

Mittwoch: Morgens auf dem Weg ins Werk sah ich einen, der mit einem Laubbläser den halben Hofgarten in eine Staubwolke hüllte. War wohl eher ein Staubbläser. (Ja ich weiß, humoristisch eher flachwurzelnd.)

Donnerstag: „Manche führen, manche folgen“, stand auf dem hinteren Nummernschildträger eines sterntragenden Wagens, der vor dem Werk parkte. Manche spinnen, erlaube ich mir zu ergänzen.

„Es gibt keine Amseln mit Brustwarzen“, stellte der Geliebte am Abend klar, was wohl nicht einmal der derzeit amtierende amerikanische Präsident anzweifeln würde, sofern er weiß, was eine Amsel ist; Brustwarzen wird er wohl kennen. Später beklagte er sich, also der Geliebte, nicht der Präsident, worüber, sei dahingestellt: „… und ich werde wieder an den Pranger genagelt.“

Freitag: Schiefe Bilder auch im Werk. Aus einer Besprechung: „Wir müssen sehen, ob wir da einen Schuh dran kriegen.“

Die letzte Besprechung des Tages zog sich bis nach siebzehn Uhr hin. Während andere sich bereits kühlenden Wochenendgetränken widmeten, saß ich noch immer im warmen Büro und sah per Skype zu, wie jemand anderes eine Präsentation erstellte.

Hier eine kleine Serviceleistung für die warmen Tage:

(Mein erstes selbst erstelltes Gif, entstanden während einer Besprechung, die nicht meiner vollen Aufmerksamkeit bedurfte. Bitte beachten Sie die Fliege am Fenster.)

Abends waren wir zum ersten Mal beim Griechen im Rosenthal. Jahrelang waren wir auf dem Weg zum und vom Lieblingsbiergarten immer nur daran vorbei gegangen; nie sahen wir die Taverne gut besucht, was möglicherweise Rückschlüsse auf Qualität, Freundlichkeit oder andere Mängel zuließ. Auf nachbarliche Empfehlung hin hielten wir nun Einkehr und waren sehr zufrieden: Das Essen war reichhaltig und wohlschmeckend, der Service freundlich, die Preise moderat; nur der Ouzo des Hauses hätte kälter sein dürfen, dafür bekam jeder zwei. Da werden wir ganz bestimmt wieder hingehen.

Samstag: Es ist zu warm für viele Worte. Daher heute nur ein Archivbild aus kühleren Zeiten.

KW4 - 1

(Aufgenommen bei Göttingen am 21. Januar dieses denkwürdigen Jahres)

Sonntag: Der Sonntagsspaziergang fiel hitzebedingt kurz aus, anschließend mied ich den Balkon und zog mich in mein abgedunkeltes Zimmer zurück, um in Ventilatorbegleitung die Sonntagszeitung zu lesen. Sie können davon ausgehen: Wenn es selbst mir zu warm zum Spazieren und Balkonsitzen ist, dann ist es verdammt warm.

Die Zeitungslektüre war ebenfalls verkürzt, nicht wegen der Hitze, sondern weil nachts ein Irrer unseren Briefkasten und einige andere aufgebrochen und die Inhalte teilweise zerrissen in die Einfahrt verstreut hat, darunter auch die Zeitung. Was hat der zu erbeuten gehofft? Warum tut man sowas?

Außerdem habe ich mir den kurzen Beitrag von Dieter Nuhr für die DFG-Aktion „Gemeinsam #für das Wissen“ angehört, um den in den letzten Tagen soviel Geschrei gemacht wurde, Sie wissen schon, Meinungsfreiheit und so, siehe auch Montag. Ich kann an der Stellungsnahme absolut nichts Erregenswertes erkennen. Im übrigen schätze ich Dieter Nuhr sehr, sowohl auf der Bühne als auch als Autor, gerade weil er gerne mal eine abweichende Meinung vertritt.

Aus der Erklärung der DFG dazu:

In verschiedenen Bereichen unserer Gesellschaft hat sich eine Debattenkultur entwickelt, in der oft nicht das sachliche und stärkere Argument zählt, in der weniger zugehört und nachgefragt, sondern immer häufiger vorschnell geurteilt und verurteilt wird. An die Stelle des gemeinsamen Dialogs treten zunehmend polarisierte und polarisierende Auseinandersetzungen.

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Woche 31: Gehört, gelesen, notiert und runtergescribbelt

Montag: „Dazu hätte ich gerne noch etwas Input, aber das können wir hinterher offline machen.“ Was schlaue Menschen in Meetings so sagen.

Apropos offline: Zu den deprimierendsten Anblicken zähle ich jenen junger Eltern, die Kinderwagen schiebend gelangweilt auf ihr Datengerät schauen.

„Polizei blitzt im Kreis“, steht in der Zeitung. Ein physikalisches Wunder offenbar.

Dienstag: Was ich gestern über junge Eltern anmerkte, gilt sinngemäß auch für viele Kantinenbesucher, denen es offenbar nicht möglich ist, in Ruhe eine Mahlzeit zu sich zu nehmen, ohne dass mindestens zwei Mobiltelefone neben dem Teller liegen, auf die sie während der Nahrungsaufnahme im Minutentakt draufzuschauen gezwungen sind.

Mittwoch: „Pop up“ ist das neue „Mal eben“. Auch so ein dummer Coronanglizismus, den viele für alles Mögliche nachplappern. Demnach ist ein Wochenmarkt wohl eine Pop up Shopping Mall.

Donnerstag: Heute ist Weltpostkartentag. Warum auch nicht, irgendwas ist ja immer.

„Ich bin auf Dienstreise“ lässt jemand nicht per Postkarte, sondern Mail-Abwesenheitsmeldung wissen. Das habe ich lange nicht mehr gelesen.

„Das beißt sich ein bisschen von vorne bis hinten in den Schwanz, wie man auf neudeutsch sagt“, sagt einer in der Besprechung. Altdeutsch dann wohl in den Schweif.

Freitag: Mittags beobachtete ich in der Kantine interessante Szenen. Dort herrscht seuchenbedingt eine klare Einbahnstraßenregelung: Vorne rein und hinten raus, von Sicherheitsleuten streng überwacht und durchgesetzt; wer einmal den Saal verlassen hat, darf nicht wieder rein, jedenfalls nicht durch den Ausgang. Nun befinden sich aber die beliebtesten Plätze auf der Terrasse, also draußen, wie bei Terrassen üblich. Dort ist das Platzangebot, wie drinnen auch, aus bekannten Gründen zurzeit stark eingeschränkt. Das hielt die Gernedraußenesser nicht davon ab, mit ihrem Tablett direkt raus zu marschieren, wo trotz Hitze bald alles belegt war, wodurch Nachkommende keinen Platz mehr fanden. Was tun? Klar: Wieder rein. Doch halt, dieser Weg war aus oben genannten Gründen versperrt, die Sicherheitsleute verweigerten gnadenlos den Rückweg in den Saal. Somit blieb den armen Hungrigen nichts anderes übrig, als mit dem Tablett in der Hand, auf dem das Mittagsmahl langsam erkaltete, zu warten, bis jemand fertig war und Platz machte. Irgendwann merkten die Sicherheitsleute das und wiesen weitere Leute auf dem Weg nach draußen auf die Aussichtslosigkeit ihres Vorhabens hin, woraufhin sie vor Verlassen des Gebäudes umkehrten und drinnen aßen. – Ich frage mich: Warum essen wir, und da schließe ich mich selbst mit ein, so gerne draußen, trotz unbeschatteter Sonnenglut, Wespenflug und „nur Kännchen“, im Winter auch durch Heizpilze oder -strahler gewärmt? Immerhin unterbinden mittlerweile immer mehr Städte aus gutem Grund letzteres.

Ansonsten in dieser Arbeitswoche gehört, gelesen und notiert: „Das ist ein klassischer Sonderweg.“ – „Ich scribbel das mal runter.“ – „Digitalisierung wird bei [uns] groß geschrieben.“ – “ Wir dürfen nicht nur den Happy Flow betrachten.“

Samstag: In einem amüsanten Leserbrief an den General-Anzeiger schreibt Lothar S. zum Thema „Toskana in Deutschland“:

Werden doch schon seit vielen Jahren alle nur erdenklichen mehr oder weniger reizvolle Gegenden Deutschlands von einfallslosen Tourismus-Marketing-Leuten so tituliert. So finden sich in Deutschland nach meinen Recherchen Toskanen von der Uckermark im Osten über den Kraichgau, auch „badische Toskana“ genannt, bis hin zum Markgräflerland im Westen, der „deutschen Toskana zwischen Freiburg und Basel“. In Nord-Süd-Richtung finden sich Toskanen von Schleswig-Holstein irgendwo um Grömitz herum über Rheinhessen bis zum Hegau am Bodensee. Der Prozess der Toskanisierung deutscher Tourismus-Regionen scheint in Kürze abgeschlossen zu sein.

Über die Wörter „Toskanen“ und „Toskanisierung“ habe ich mich sehr gefreut.

Sonntag: Zu den unschönen, sich gleichwohl größerer Beliebtheit erfreuenden Schottergärten in Vorstadtsiedlungen schreibt die FAS:

Vom Wohnen auf einer Autobahnbaustelle unterscheidet sich das umschotterte Einfamilienhaus nur dadurch, dass es keinen begrünten Mittelstreifen hat.

Unschön auch die Geräusche aus dem Nebenhaus. Offenbar hat sich der Nachbar angewöhnt, sein Husten in ein ekelerregend-lautstarkes Würgen münden zu lassen, woran er uns seit ein paar Tagen etwa im Zehnminutentakt teilhaben lässt. Dann lieber die Singstarkrähe von gegenüber, die in dieser Woche allerdings auf gesangliche Darbietungen verzichtete.

Das Thema Wohnqualität liegt augenscheinlich auch den Parteien am Herzen; zur bevorstehenden Kommunalwahl in Bonn plakatieren sie:

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Sprachlich ähnlich geglückt auch diese Werbung einer anderen Partei:

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Eher keine Empfehlung zur Wahl ist in diesem Schild zu vermuten, wenngleich sich Bezüge zu bestimmten Parteien herstellen ließen:

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Im Übrigen verlief die Woche weitgehend in Harmonie. Aufkommende atmosphärische Störungen lösten sich schnell auf, wie diese: „Reißt du dich jetzt mal zusammen?“ – „Nein, ich bin schon zusammengerissen.“