Woche 32: Ästhetische Grundbedürfnisse an warmen Tagen

Montag: Morgens auf dem Weg ins Werk hielt vor einer roten Ampel ein anderer Radfahrer direkt neben mir, Abstand unter einem Meter. Wäre ich nicht so konfliktscheu und hätte er zudem nicht gewisse ästhetische Grundbedürfnisse bei mir angesprochen, also der hätte was zu hören bekommen!

Die erste Hälfte des Tages war von geradezu schmerzhafter Unlust begleitet, nach dem Mittagessen wurde es nur geringfügig besser. Erst der Abend zu Hause mit den Lieben und Begleitgetränk auf dem Balkon war ganz schön. Dieses Konzept „Arbeiten um zu leben“ bedarf der Nachbesserung.

Einen wesentlichen Teil meines inneren Friedens ziehe ich wohl daraus, mich nicht allzu sehr dafür zu interessieren, was andere Leute tun oder denken. Dazu gehört auch, abweichende Meinungen auszuhalten. Gleichwohl fand ich es sehr irritierend, von jemandem, den ich ansonsten sehr schätze, solches zu hören: „Das ist doch alles völlig überzogen.“ – „Was soll schon passieren, es ist nicht schlimmer als eine Grippe.“ – „Eine unglaubliche Einschränkung meiner Freiheit.“ – „Muss doch jeder selbst entscheiden, ob er eine Maske trägt und Abstand hält.“ – „Impfen bringt sowieso nichts.“ – „Wer weiß, was da wirklich hintersteckt.“ – „Es trifft doch fast nur die Alten.“ – „Italien? Das italienische Gesundheitswesen ist halt desolat.“

Noch einmal ästhetische Grundbedürfnisse: „Brauchst du eine kalte Dusche?“ lautete die Frage des Tages bei Quergeföhnt. Ja, abends im Rewe hätte sie zur Linderung einschlägiger Gedanken beitragen können, leider war gerade keine im Angebot.

KW32 - 1

Dienstag: Erstmals las ich in der Zeitung das Wort „Fußgehende“ als gendergerechte Bezeichnung für Menschen, die Wege zu Fuß zurücklegen. Ich weiß nicht recht – nicht gerade eine prachtvolle Rose im Wörtersee.

Wie ich nämlicher Zeitung entnahm, beklagt ein gewisser Damian Hardung, mir bislang unbekannter Schauspieler, häufige Belästigungen durch unverlangt zugesandte Zuschriften und Anfragen sittenlosen Inhalts. Nach kurzer Bildrecherche im Netz verstehe ich.

Mittwoch: Morgens auf dem Weg ins Werk sah ich einen, der mit einem Laubbläser den halben Hofgarten in eine Staubwolke hüllte. War wohl eher ein Staubbläser. (Ja ich weiß, humoristisch eher flachwurzelnd.)

Donnerstag: „Manche führen, manche folgen“, stand auf dem hinteren Nummernschildträger eines sterntragenden Wagens, der vor dem Werk parkte. Manche spinnen, erlaube ich mir zu ergänzen.

„Es gibt keine Amseln mit Brustwarzen“, stellte der Geliebte am Abend klar, was wohl nicht einmal der derzeit amtierende amerikanische Präsident anzweifeln würde, sofern er weiß, was eine Amsel ist; Brustwarzen wird er wohl kennen. Später beklagte er sich, also der Geliebte, nicht der Präsident, worüber, sei dahingestellt: „… und ich werde wieder an den Pranger genagelt.“

Freitag: Schiefe Bilder auch im Werk. Aus einer Besprechung: „Wir müssen sehen, ob wir da einen Schuh dran kriegen.“

Die letzte Besprechung des Tages zog sich bis nach siebzehn Uhr hin. Während andere sich bereits kühlenden Wochenendgetränken widmeten, saß ich noch immer im warmen Büro und sah per Skype zu, wie jemand anderes eine Präsentation erstellte.

Hier eine kleine Serviceleistung für die warmen Tage:

(Mein erstes selbst erstelltes Gif, entstanden während einer Besprechung, die nicht meiner vollen Aufmerksamkeit bedurfte. Bitte beachten Sie die Fliege am Fenster.)

Abends waren wir zum ersten Mal beim Griechen im Rosenthal. Jahrelang waren wir auf dem Weg zum und vom Lieblingsbiergarten immer nur daran vorbei gegangen; nie sahen wir die Taverne gut besucht, was möglicherweise Rückschlüsse auf Qualität, Freundlichkeit oder andere Mängel zuließ. Auf nachbarliche Empfehlung hin hielten wir nun Einkehr und waren sehr zufrieden: Das Essen war reichhaltig und wohlschmeckend, der Service freundlich, die Preise moderat; nur der Ouzo des Hauses hätte kälter sein dürfen, dafür bekam jeder zwei. Da werden wir ganz bestimmt wieder hingehen.

Samstag: Es ist zu warm für viele Worte. Daher heute nur ein Archivbild aus kühleren Zeiten.

KW4 - 1

(Aufgenommen bei Göttingen am 21. Januar dieses denkwürdigen Jahres)

Sonntag: Der Sonntagsspaziergang fiel hitzebedingt kurz aus, anschließend mied ich den Balkon und zog mich in mein abgedunkeltes Zimmer zurück, um in Ventilatorbegleitung die Sonntagszeitung zu lesen. Sie können davon ausgehen: Wenn es selbst mir zu warm zum Spazieren und Balkonsitzen ist, dann ist es verdammt warm.

Die Zeitungslektüre war ebenfalls verkürzt, nicht wegen der Hitze, sondern weil nachts ein Irrer unseren Briefkasten und einige andere aufgebrochen und die Inhalte teilweise zerrissen in die Einfahrt verstreut hat, darunter auch die Zeitung. Was hat der zu erbeuten gehofft? Warum tut man sowas?

Außerdem habe ich mir den kurzen Beitrag von Dieter Nuhr für die DFG-Aktion „Gemeinsam #für das Wissen“ angehört, um den in den letzten Tagen soviel Geschrei gemacht wurde, Sie wissen schon, Meinungsfreiheit und so, siehe auch Montag. Ich kann an der Stellungsnahme absolut nichts Erregenswertes erkennen. Im übrigen schätze ich Dieter Nuhr sehr, sowohl auf der Bühne als auch als Autor, gerade weil er gerne mal eine abweichende Meinung vertritt.

Aus der Erklärung der DFG dazu:

In verschiedenen Bereichen unserer Gesellschaft hat sich eine Debattenkultur entwickelt, in der oft nicht das sachliche und stärkere Argument zählt, in der weniger zugehört und nachgefragt, sondern immer häufiger vorschnell geurteilt und verurteilt wird. An die Stelle des gemeinsamen Dialogs treten zunehmend polarisierte und polarisierende Auseinandersetzungen.

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Woche 6: Kanapee statt Karneval

Montag: Aufgrund einer akuten körperlichen Indisponiertheit, in welcher zarter besaitete Gemüter vielleicht eine letal endende Männergrippe sehen, fehlt mir heute die Kraft, mich über irgendetwas zu wundern. Außer vielleicht über meine persönliche Fehleinschätzung, es dennoch für angebracht gehalten zu haben, die geplante Dienstreise nach Celle anzutreten.

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Dienstag: Laut einem Zeitungsbericht ist die Deutschen Real Estate Funds (DREF) auf Mikro Living spezialisiert. Ich hoffe, es ist nur eine kleine Bildungslücke, wenn ich diesen Begriff nie zuvor las oder hörte. Derselben Zeitung ist zu entnehmen, dass Josef Ackermann zufrieden auf seine Zeit als Chef der Deutschen Bank zurück blickt. Alles andere wäre auch sehr verwunderlich. Mikro Living war seins jedenfalls nicht. – Abends Pfefferminztee statt Spätburgunder, und Tischgespräche, die an mir vorbeigehen. Kennen Sie das, wenn sie sich sagen, während ein Wörtersee auf Sie hernieder prasselt: Hätte ich doch bloß nicht gefragt.

Mittwoch: Das Lengenfelder Viadukt, eine Eisenbahnbrücke in Nordthüringen, durfte wegen Baufälligkeit bis 1992 nur noch in Schrittgeschwindigkeit befahren werden, danach wurde die Strecke stillgelegt. Eine ähnliche Brückensituation findet sich seit Sonntag in meinem rechten Oberkiefer vor, nur hoffe ich, dass meine Stilllegung noch nicht ansteht.

Donnerstag: Zurück in Bonn, Urlaub bis Dienstag. Leider hält die am Montag beschriebene Indisponiertheit unvermindert an. Daher oxidiere ich den Tag auf dem Sofa herum, statt mit den anderen Karneval zu feiern. So egal mir das vor wenigen Jahren noch gewesen wäre, so sehr schmerzt es mich jetzt. Sobald im Fernsehen oder irgendwo draußen et Trömmelsche jeht, schießen mir Tränen in die Augen.

Freitag: Der Arzt meint, es müsste bald überstanden sein. Wenn nicht: siehe Mittwoch, letzter Satz. Unterdessen zerlegt sich die SPD kurz vor dem Ziel durch Postenquerelen. Wir erinnern uns: Der Koalitionsvertrag sollte bis Karneval stehen, um den Jecken nicht so viel Angriffsfläche für Spott zu bieten. Und jetzt das. Dennoch würde mich nicht wundern, wenn Martin Schulz demnächst verlauten lässt, zufrieden auf seine Zeit als Parteivorsitzender zurückzublicken. Politiker und Manager sind so.

Samstag: Geträumt von einem Comic-Heft, das der Bundesverband der Rasierklingenhersteller herausgegeben hat, um bereits Jugendliche dazu zu verleiten, sich die Achseln zu rasieren. Titel des Heftes: „Axel H muss weg“.

Sonntag: Sollte ich dieser Woche etwas Positives abgewinnen, dann vielleicht dieses: Wer nie krank wird, weiß nicht, wie es sich anfühlt, wieder gesund zu werden. Und am Ende ist der Godesberger Zoch doch nicht ohne mich losgegangen. Fastelovend zosamme!

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