Woche 43: Frühstück auf dem Gleis und Feuer in der Hose

Montag: „Er gehört zu mir, wie mein Name an der Tür“, sang Marianne Rosenberg einst. Dieser unter meinesgleichen in den Neunzigern überaus beliebte und gerne mitintonierte Schlager („Nananana nanaaa na …“) kam mir heute Morgen in den Sinn, als ich das neue Türschild an meinem Büro erblickte. Offenbar wurde das in der vergangenen Woche provisorisch angebrachte am Wochenende gegen die offizielle ausgetauscht. Einziger Schönheitsfehler: Mein Name fehlt darauf, wohingegen die beiden künftigen Zellengenossen, die ab dieser Woche einziehen, gut lesbar ausgewiesen sind. Mein Chef versicherte auf Anfrage einigermaßen glaubhaft, es handele sich um ein Missverständnis aufgrund ursprünglich anderer Raumplanung. Als grundsätzlich das Gute im Menschen Vermutender glaube ich ihm selbstverständlich. Vorsichtshalber habe ich ein neues Türschild beauftragt.

Eine geänderte Raumplanung hat vom Guten weniger Beseelte möglicherweise dazu bewogen, neben einem Parkplatz bei Ahrweiler eine Küche zu entsorgen. „Es handelt sich um eine 1991 produzierte Küche mit Eichenfront sowie einer Arbeitsplatte mit einer Edelstahleinbauspüle“, so die Zeitung. Falls ein Leser an einer Übernahme interessiert sein sollte, nehme ich an.

Dieses Blog kennen Sie nun, aber haben Sie schon mal was über den Blob gehört oder gelesen? Ich vorher auch nicht. Interessant, aber in gewisser Weise auch unheimlich, nicht nur wegen der 720 Geschlechter.

Dienstag: Das neue Türschild, nun mit meinem Namen, wurde angebracht. Ich werde das im Auge behalten.

Es wird Sie vielleicht nicht sonderlich interessieren, es stand heute in der Zeitung: Die Philippinen bestehen aus 7.641 einzelnen Inseln. Ist dann jede davon eine Philippine?

Gelesen in einem Blog für Berufspendler, was ja an sich ein blödes Wort ist, ich denke dabei immer als erstes an einen Hypnotiseur, der anderen Menschen einen an einem Faden hängenden Gegenstand vor den Augen hin und her schwingen lässt und sie mit leiser, beschwörender Stimme dazu bringt, einzuschlafen oder merkwürdige Dinge zu tun, aber das nur am Rande:

„Besser ist in Ruhe daheim zu frühstücken, hier kann man sich in Ruhe etwas hinrichten (vll. schon Tag zuvor mit deiner Abendroutine). Es ist auch gemütlicher als irgendwo am Bahnhof auf dem Gleis zu stehen und mit klebrigen Fingern etwas zu essen.“

Wer auf dem Gleis sein Frühstück einzunehmen pflegt, hat bezüglich Hinrichtung schon recht gut vorgesorgt.

Mittwoch: Bonn wurde nun als eine der schönsten Städte weltweit in den Lonely-Planet-Reiseführer aufgenommen. Völlig zu recht.

KW43 - 1

Gehört: „Wie ist Rapunzel eigentlich gestorben? An einem Apfel, oder? Ach nee, das war die Schlange.“ Diverse Bücher müssen wohl umgeschrieben werden.

Donnerstag: „Mistarbeiter“ steht in einer Präsentation. Das muss nicht zwingend ein Schreibfehler sein.

Aus einer Zeitungsmeldung: „… als gegen 10.45 Uhr ein 28-jähriger Polizeibeamter und seine 34-jährigen Kollegin vom Ordnungsamt vorbeikamen.“ Gerne hätte ich noch die Sternzeichen, Telefonnummern und Bankverbindungen der beiden erfahren.

Ein regelmäßig von mir gelesenes Blog schließt den Tagesbeitrag heute so:

„Verehrter Leser, ich danke abermals für das Lesen dieses Textes gerade in Zeiten, in denen sich Radikale aufmachen, unser System mit demokratischen Mitteln zu zerlegen, bevor wir dann von undemokratischen Mitteln zerlegt werden. So lange das Wort noch frei ist – ein Zustand, den ich allen Ernstes für zeitlich begrenzt halte -, sollten wir das Geschriebene genießen!“

Das gefällt mir so gut, dass ich es ungefragt wiedergebe, bei Aufforderung durch den Verfasser selbstverständlich umgehend zu löschen mich bereit erkläre. Hinzufügen wäre noch die freie Meinung, die zunehmend nur noch geäußert werden darf (und wird), wenn sie möglichst wenig abweicht von dem, was eine breite Mehrheit als korrekt und sagbar erachtet. Das finde ich sehr bedenklich.

Freitag: „Es gibt nichts, was mich mehr an den Untergang der Menschheit erinnert, als eine Touristengruppe auf Segways“, schrieb Alexander Osang vor einigen Wochen im SPIEGEL, was ich sofort notierte und danach vergaß. Heute fiel es mir wieder ein, als mir auf dem Heimweg vom Werk eine solche Gruppe am Rhein begegnete. Aus nämlichem Artikel notierte ich weiterhin den Satz „Wie immer haben die größten Idioten die breitesten Reifen“, den ich Ihnen ob seiner allgemeinen Gültigkeit auch ohne konkreten Bezug zum heutigen Tag zur Kenntnis zu geben mir erlaube.

Samstag: In Los Angeles (oder „Äl Ääy“, wie affektierte Scheinkosmopoliten gerne sagen) ist eine Villa mit einundzwanzig Badezimmern für vierundneunzig Millionen Dollar verkauft worden. Wir hingegen haben seit nunmehr einem Monat gar kein Bad. Vielen Dank an die namhafte Versicherung aus der süddeutschen Lebkuchenstadt, die uns im Zeichen der Burg seit Wochen hängen lässt, weil der zuständige Schadensregulierer Urlaub hat. Vielleicht ist er in Äl Ääy.

„Du bist so sexy! Du hast ein Feuer in meiner Hose gemacht“, schreibt mir ein(e) Unbekannte(r) per Mail. Gern geschehen.

Sonntag: Letzte Nacht träumte ich, so ein orange gekleideter Essensausfahrer hätte mich mit seinem Fahrrad umgefahren. Als ich am Boden lag, stieg er ab, trat mich zusätzlich in die Seite und rief: „Und das war für den Speisesklaven!“

Kürzlich verhinderten Demonstranten in Göttingen eine Lesung des ehemaligen Bundesinnenministers. Dazu schreibt heute die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: „Unterstützt wurde die Blockade von der Göttinger Ortsgruppe von Fridays for Future, die neben dem Klima jetzt auch die nordsyrischen Kurden vor Thomas de Maizière schützen will.“

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die zu heute erfolgte Zeitumstellung die letzte ihrer Art sein sollte.

Über Meinungsfreiheit

„Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten […]“, so steht es im Artikel 5 Absatz 1 unseres Grundgesetzes. Das ist gut und richtig. Doch gibt es anscheinend nicht wenige Zeitgenossen, die in dem Recht zur Meinungsäußerung gleichsam eine Pflicht erkennen: In Leserbriefen werden die Nebeneinkünfte des SPD-Kanzlerkandidaten oder das Unkraut im Stadtpark kommentiert; taucht in der Fußgängerzone ein Kamerateam des WDR oder von RTL auf, stürzen sie sich darauf, um ihre Ansichten zu Urheberecht oder Zölibat in die Welt zu bringen (ich selbst mache seit jeher einen großen Bogen um Fernsehleute in Fußgängerzonen), und kein Internetforum, in welchem auf einen Beitrag etwa über die Preiserhöhung der Post nicht seitenlang Kommentare folgen, die spätestens nach dem dreizehnten Eintrag absolut gar nichts mehr mit dem Ursprungsbeitrag zu tun haben – Stille Post 2.0 gewissermaßen.

Ich frage mich: wen interessiert das? Wer will wirklich wissen, welche Meinung wildfremde Menschen zu einem bestimmten Thema haben? Die Leserbriefe in der Tageszeitung überblättere ich genau so schnell wie den Sportteil, und Diskussionen in Internetforen finde ich so spannend wie einer Kohlmeise beim Kacken zuzuschauen.

Kein Zweifel, die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, nicht umsonst an prominenter Stelle in unserer Verfassung geschützt. Für mich bedeutet Meinungsfreiheit aber auch die Freiheit von einer Meinung, mit anderen Worten: ich muss nicht zu allem und jedem eine eigene Meinung haben. So ist es mir egal, ob jüdische und muslimische Jungs beschnitten werden dürfen, und ,Bundesligatabelle‘ ist für mich nur ein Wort wie ,Kompostbeschleuniger‘ – ich habe eine ungefähre Vorstellung, was es bezeichnet, jedoch fehlt mir jedes Interesse, mich damit zu befassen.

Selbstverständlich gibt es viele Themen, zu denen auch ich eine Meinung habe, doch nehme ich mir gerne die Freiheit, diese für mich zu behalten. Die vorstehenden Zeilen zum Beispiel sind nichts weiter als eine persönliche Meinungsäußerung meinerseits. Wenn Sie ähnlicher oder anderer Meinung sind, scheuen Sie sich bitte nicht, einen Kommentar zu hinterlassen!