Vielleicht kommt es ganz anders

Vorbemerkung: Dies ist meine persönliche Chronik der Corona-Pandemie, die ich Anfang April zu schreiben begonnen habe, so wie viele es bereits getan haben oder immer noch tun. Daher empfehle ich Ihnen nicht unbedingt, es zu lesen, Sie werden nicht sehr viel Neues darin finden, das sie nicht – vielleicht besser – schon in anderen Blogs und Artikeln gelesen oder selbst geschrieben haben, außerdem ist es sehr lang geraten, wer liest heutzutage schon gerne lange Texte. Weiterhin ist es nur ein Zwischenstand, die Seuche ist ja noch längst nicht vorüber. Aber auch eine Idee für einen Thriller, falls Sie sowas mögen. (Wenn nicht, sollten Sie ab dem Bild mit den blühenden Kastanien nicht weiterlesen.)

Im Laufe der Zeit wird der Text immer wieder an die aktuellen Entwicklungen angepasst, soweit es mir möglich ist; man weiß ja nie. Im Übrigen wäre dieses Blog, das ja dazu dient, den alltäglichen Wahnsinn zu dokumentieren, ohne eine Chronik dieser ungewöhnlichen Zeit unvollständig. Falls es in zehn oder zwanzig Jahren mal jemand lesen sollte, sofern es dann das Blog noch gibt, und jemanden, der es lesen will und kann.

(Letzte Aktualisierung: 7. Januar 2021)

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Als es um den Jahreswechsel 2019/2020 herum hieß, in China sei eine neuartige, rätselhafte Lungenkrankheit ausgebrochen, die zu Todesfällen führt und sich schnell ausbreitet, da war das ungefähr so weit weg wie der Sack Reis, der in China immer wieder mal umfällt. Millionenstädte wurden abgeriegelt, Reisen untersagt, was nur in einem totalitären Staat wie eben China denkbar schien. Die Fernsehbilder von zahlreichen Baggern, die sich scheinbar unkoordiniert auf einer durchwühlten Fläche drehten, angeblich, um innerhalb weniger Tage ein Notkrankenhaus zu errichten, tat ich zunächst als Propaganda der Regierung ab, um der Welt zu zeigen: Wir tun was, haben die Sache im Griff. Dann wurde klar: Die bauen wirklich ein Krankenhaus, nicht nur eins. Die Sache war offenbar ernst.

Kurz darauf wurde vor Reisen nach China, vor allem in die betroffenen Gebiete, offiziell gewarnt. Die menschliche Rationalität erfuhr erste Aussetzer, wie so oft, wenn Unheil droht, wenn auch zunächst diffus und unbestimmbar: Menschen aus China, egal aus welcher Region, Menschen mit asiatischer Physiognomie, egal woher, wurden plötzlich angefeindet und diskriminiert.

Bei uns, wie auch sonst überall außerhalb Chinas, ging das Leben unterdessen seinen gewohnten Gang: Wir fuhren zur Arbeit, auf den Autobahnen die täglichen Staus, wir konsumierten, reisten, machten Kreuzfahrten, feierten Karneval, Partys, spielten und schauten Fußball, machten Skiurlaub, natürlich mit Apres Ski. Die Kalender waren voll mit Terminen, privat wie beruflich: geplante Urlaube, Wochenendausflüge, Dienstreisen. Politiker beschimpften sich wie üblich, die Wirtschaft wuchs, weil Wachstum wichtig ist, Menschen wurden wegen ihres Glaubens, ihrer Hautfarbe oder aus anderen Gründen getötet oder in die Flucht getrieben; der ganz normale Wahnsinn.

Dann kam das Virus näher: Norditalien, Spanien, Österreich, Frankreich. Menschen erkrankten, manche schwer, einige starben. Man relativierte: Schließlich starben jährlich Tausende an der Grippe, im Straßenverkehr und an den Folgen des Rauchens und von Alkohol, da würde es schon nicht so schlimm sein. Dennoch waren Corona und Covid-19 nun jedermann ein Begriff. Es erinnerte an vergangene Epidemien wie Schweinegrippe, Sars, H1N1, EHEC, und wie sie alle hießen, längst vergessen, wann war das nochmal gewesen … Damals hatte es auch geheißen: Husten und Niesen nur in die Armbeuge, Hände möglichst gründlich waschen. Auf Toiletten hingen nun wieder bebilderte Anleitungen zum korrekten Händewaschen. Das ganze hatte etwas von einem Thriller, wie „Der Schwarm“ von Frank Schätzling: Man liest es mit einer Art angenehmem Schauder, ist aber selbst nicht betroffen, weil entweder Fiktion oder weit weg.

Aber so weit weg war es nicht mehr, die ersten Fälle nun auch in Deutschland. In Nordrhein-Westfalen, Kreis Heinsberg, das war nun wirklich nah! Jetzt wurden nicht nur Menschen mit asiatischem Aussehen angefeindet, sondern auch die mit „HS“ als Kfz-Kennzeichen, wenn sie sich über ihre Kreisgrenze wagten. Unterdessen die ersten Einschränkungen des öffentlichen und geschäftlichen Lebens in Italien, Spanien, Österreich und Frankreich, um die weitere Verbreitung des Virus aufzuhalten oder wenigstens zu verlangsamen. Menschen durften sich dort nicht mehr frei bewegen, Geschäfte, die nicht lebensnotwendig waren, mussten schließen, bald auch Kneipen und Restaurants. Krankenhäuser waren überfüllt, Ärzte und Personal an ihren Grenzen. Nicht mehr allen Erkrankten konnte geholfen werden, viele starben, vor allem Alte mit Vorerkrankungen, aber bei Weitem nicht nur die. Drohte uns das bald auch in Deutschland?

Bei uns wurden zunächst Veranstaltungen ab tausend Personen untersagt, kleinere blieben erlaubt; allenfalls wurde empfohlen, darauf zu verzichten. Auch wir fragten uns: Sollten wir wirklich noch zur Feier des sechzigsten Geburtstags des Schwagers nach Bünde fahren? Wir fuhren, es war vorläufig unsere letzte Reise und die letzte größere Ansammlung von Menschen, deren Teil wir waren. Es ging gut, und doch fühlte es sich falsch an, verboten. Das Hotel, in dem wir übernachtet hatten, musste kurz darauf für privat Reisende schließen, wie alle Hotels. In Bünde sah ich erstmals leergekaufte Supermarktregale. Der Thriller wurde realer.

Die menschliche Vernunft ging weiter zurück: Viele hielten sich nicht an die Kontaktbeschränkungen, manche feierten sogar „Corona-Partys“. Und sie kauften Unmengen Toilettenpapier, als hinge ihr Leben davon ab; wochenlang war es Glückssache, noch eine Packung zu erstehen. Außerdem Nudeln und Mehl, warum ausgerechnet Mehl, was machten sie damit? Dabei gab es keine Engpässe in der Versorgung, wie Handel und Politiker nicht müde wurden zu betonen, es war grundsätzlich genug von allem für alle da. Oder wäre gewesen, wenn jeder nur so viel gekauft hätte, wie er benötigte. Der Konjunktiv bekam Konjunktur in diesem Jahr. Das, was wir „zivilisiertes Verhalten“ nennen, erwies sich als ein dünner Faden, der schnell reißt, sobald wir glauben, die Kontrolle zu verlieren, uns übervorteilt oder bedroht fühlen oder schlicht Angst haben.

Ein wenig erinnerte mich die Situation an 1986, als aus Tschernobyl die radioaktive Wolke zu uns kam und wir sehr verunsichert waren wegen dieser unsichtbaren Gefahr, ängstlich unter das nächste Dach liefen, sobald ein paar Regentropfen fielen, kein Wild und keine Waldpilze mehr aßen. Und doch war ich jetzt guter Hoffnung, es würde mich und mir nahestehende Personen nicht treffen. Allein von den Fallzahlen her war die Wahrscheinlichkeit einer Infektion mit schwerem Krankheitsverlauf gering. Noch.

Die Woche darauf verkündete die Bundeskanzlerin erst in einer Pressekonferenz, dann in einer Ansprache ans Volk weitreichende Einschränkungen auch bei uns: Keine Veranstaltungen, keine unnötigen Reisen wie Urlaub, keine Restaurantbesuche, die Wohnung nur noch verlassen, wenn es unvermeidbar ist, wie zur Arbeit oder zum Einkaufen; grundsätzlich maximal zu zweit und mit mindestens eineinhalb Meter Abstand zueinander. Abstand wurde zu einem der meist gebrauchten Wörter des Jahres. Viele Geschäfte mussten nun auch in Deutschland schließen, zudem alle Kneipen, Bars, Theater, Museen, Friseure, Universitäten und Schulen. Keine Konzerte, Gottesdienste, Sportveranstaltungen, sogar die Fußball-Europameisterschaft und Bundesliga wurden abgesagt. Kurz: Alles, wo Menschen zusammenkamen aus nicht lebenswichtigen Gründen. Die meisten Grenzen zu den Nachbarländern wurden geschlossen und Mecklenburg-Vorpommern ließ niemanden aus anderen Bundesländern mehr rein. Der Stillstand bekam einen eigenen Namen, nein zwei: wahlweise „Lockdown“ oder „Shutdown“. Irgendwer fing damit an, bald plapperten es alle nach.

Viele Firmen ordneten, soweit möglich, Heimarbeit an, oder sie stellten den Geschäftsbetrieb ganz ein, wie die großen Autohersteller. Ich selbst wollte und durfte weiterhin ins Büro fahren, fuhr nur noch mit dem Fahrrad dorthin, auch bei Regen und Kälte. Die Stadtbahn mied ich, obwohl die Bahnen anfangs fast leer durch die Gegend fuhren, sicher ist sicher. Ich war froh, noch ins Büro zu dürfen, obwohl ich ebenfalls zu Hause hätte arbeiten können. Es gab meinen Tagen Struktur und die mir wichtige Trennung Arbeit – Privat blieb erhalten. Der Autoverkehr auf den Straßen ging drastisch zurück, die Staumeldungen im Radio fielen ungewohnt kurz aus.

Die Reise- und Tourismusbranche kam fast zum Erliegen, die meisten Flugzeuge blieben am Boden, Kreuzfahrtschiffe lagen fest. Die Natur konnte ein wenig aufatmen. Wie mochte es jetzt in Playa del Ingles auf Gran Canaria sein, wo wir früher so oft waren, einem Ort, der fast ausschließlich aus Hotels und Ferienappartements und einer rein auf den Tourismus ausgelegten Infrastruktur bestand? Gespenstisch leer vermutlich, vor allem nachts.

Ich fragte mich, wie lange die Bevölkerung noch ruhig und zu Hause blieb, den Empfehlungen der Regierung folgte, die beschlossenen und verkündeten Maßnahmen und Einschränkungen akzeptierte. Kam es irgendwann zu Unruhen, Gewalt, Plünderungen? Die Menschen bereiteten mir viel mehr Sorgen als das Virus. Wie lange war die Versorgung mit Lebensmitteln sichergestellt? Hielten die Menschen in den sogenannten „systemrelevanten“ Berufen – Ärzte, Polizisten, Verkäufer, Zusteller, Feuerwehr und andere – noch lange durch? Was passierte, wenn nicht?

Anfang April lebten wir seit drei Wochen im Ausnahmezustand, der mit großer Wahrscheinlichkeit noch einige Wochen anhalten würde, auch wenn die Stimmen nicht nur aus der Wirtschaft laut wurden, dass wir das nicht mehr lange durchhielten. Aber was war die Alternative? Die Zahl der Infektionen stieg weiter, fast 100.000 Fälle und 1.500 Tote, aber immerhin auch 26.000 Genesene in Deutschland; über letztere wurde in den Medien wenig berichtet.

Persönlich empfand ich mich nur wenig eingeschränkt, vielmehr konnte ich der Situation auch durchaus Gutes abgewinnen: In absehbarer Zeit gab es keine Dienstreisen, fast alle privaten Verpflichtungen waren ausgesetzt oder ganz gestrichen. Ich musste abends nicht mehr raus zu Vereinsaktivitäten, die mir schon vor der Pandemie zunehmend lästig geworden waren. Früher waren freie Wochenenden ohne Termine ein Geschenk, nun wurden sie zur Regel. Ich durfte weiterhin spazieren gehen und war gewissermaßen gezwungen, regelmäßig Fahrrad zu fahren. Und ich habe keine Kinder, die ich nun den ganzen Tag bespaßen und beschulen musste, weil sie nicht zur Schule gehen konnten. („Homeschooling“ ist auch eins dieser unsäglichen, nachgeplapperten Wörter, die dieses Jahr hervorgebracht hat.) Ich glaube, wenn ich Kinder hätte, käme ich nachts nicht in den Schlaf aus Sorge um deren Zukunft, auch wenn diese Seuche irgendwann vorüber sein sollte; andere Krisen, allen voran der Klimawandel, gehen weiter.

Natürlich gab es einiges, was ich vermisste: Die Woche Urlaub in Südfrankreich nach Ostern. Die gebuchte Schifffahrt zu „Rhein in Flammen“ Anfang Mai. Restaurantbesuche. Mit Freunden ins Ahrtal fahren, mit anschließender (W)Einkehr. Aber was waren das für Probleme, verglichen mit denen Anderer? Die infiziert oder erkrankt waren. Die bereits Angehörige verloren hatten. Die ihre Lieben im Krankenhaus oder Pflegeheim nicht besuchen durften. Die sich Sorgen um ihre berufliche Zukunft machen mussten. Die irgendwo in einem fernen Land oder auf einem Kreuzfahrtschiff festsaßen und nicht nach Hause konnten. Die in einem Flüchtlingslager lebten. Obdachlose. Nein, uns ging es gut, es fehlte an nichts.

Die Maßnahmen wirkten: Die Zahl der Neuinfektionen ging zurück, im Mai wurden die Einschränkungen teilweise aufgehoben. („Lockerungen“ wurde ein weiteres Wort des Jahres.) Läden, Restaurants, Friseure, Schulen und Kirchen öffneten wieder, unter strengen Auflagen: Sie durften nur mit Mund-Nasen-Schutzmaske betreten werden, deren Wirksamkeit noch wenige Wochen zuvor bei Politikern und Wissenschaftlern umstritten war, was vielleicht auch daran lag, dass es anfangs nicht genug Masken für alle gab. Nun gab es sie in rauen Mengen, von einfachen Einwegmasken bis hin zu modischen Designerstücken mit lustigen Motiven. Beim Betreten der Läden musste man sich die Hände desinfizieren, in Restaurants Namen und Kontaktdaten hinterlassen, zur „Kontaktpersonennachverfolgung“, eine weitere Wortgeburt dieses Jahres. Wir durften also wieder raus, Leute treffen, in die Büros, mit Einschränkungen reisen. Auch Fußballspiele vor reduziertem Publikum waren wieder möglich. Die „neue Normalität“ wurde ausgerufen. Man fuhr und flog wieder in den Urlaub, nach Mallorca, Italien, in die Türkei – die meisten jedoch blieben im Inland. Nord- und Ostseeküste erlebten einen Andrang wie lange nicht mehr.

In der Bevölkerung regte sich Widerstand gegen die angeordneten Maßnahmen, die weiterhin Bestand hatten, allen voran die Maskenpflicht. Das reichte von „ist doch nicht viel schlimmer als eine Erkältung“ bis hin zu absurden Verschwörungstheorien, wonach das Virus nur eine ausgedachte Gefahr war, um das Volk zu versklaven. In Berlin, Stuttgart und anderen Städten gingen die Leute deswegen auf die Straßen, Regenbogenfahnen marschierten neben Reichskriegsflaggen.

Der Sommer wurde heiß, viele junge Leute pfiffen weiterhin auf die Regelungen und Abstand, trafen sich, da Diskos und Clubs geschlossen waren, in Parks, auf Plätzen, am Rheinufer; tranken, feierten, sahen es überhaupt nicht ein, sich einschränken zu lassen. Mehrfach löste die Polizei Ansammlungen auf, was häufig auf Widerstand stieß und immer wieder Gewalt auslöste.

Einige Staatspräsidenten verharmlosten die Gefahr und weigerten sich, Masken zu tragen, gerade solche mit besonders hohen Infektionszahlen in ihrem Land, etwa Brasilien, Großbritannien, die USA oder Weißrussland. Folgerichtig fingen sie sich selbst das Virus ein, wobei nur Boris Johnson, der britische Premierminister, nennenswerte Symptome aufwies, während die anderen – Trump, Bolsonaro, Lukaschenko -, glimpflich davonkamen und hinterher umso überzeugter verkündeten, das Virus sei ungefährlich, obwohl bereits Tausende aus ihrer Bevölkerung daran gestorben waren.

Die meisten jedoch waren vernünftig und hielten sich an die Einschränkungen. Aber was nützte das alles, solange es keine Impfung und kein Medikament gab? Wahrscheinlich müssten wir bestimmte Vorsichtsmaßnahmen noch lange Zeit beibehalten: Hände häufig waschen, keine Umarmungen und Küsschen zur Begrüßung, keine Hände schütteln, Abstand halten. Immerhin: Wenn Händeschütteln durch diese Krise dauerhaft abgeschafft würde, hätte sie wenigstens etwas Gutes bewirkt.

Große Veranstaltungen wurden abgesagt: das Oktoberfest in München, die Karnevals-Session, Weihnachtsmärkte. Dennoch galt es, einen weiteren Stillstand um jeden Preis zu vermeiden, weil man befürchtete, große Teile der Wirtschaft würden den nicht überstehen.

Im Herbst, nach Rückkehr der Urlauber, stiegen die Infektionszahlen wieder an. Zunächst langsam, bald rasant. Fast alle angrenzenden Länder wurden zu Risikogebieten erklärt, wer dorthin reiste, musste hinterher einen negativen Corona-Test vorweisen oder sich in Quarantäne begeben. Einige Länder verschärften die Maßnahmen wieder drastisch, verhängten Ausgangssperren. Auch immer mehr Regionen in Deutschland waren betroffen. Die Bundeskanzlerin beriet sich mit den Ministerpräsidenten der Länder, was zu tun sei, doch es gelang zunächst nicht, sich auf einheitliche Regelungen zu einigen. Die Maskenpflicht wurde verschärft, auch draußen sind seitdem Mund und Nase zu bedecken überall dort, wo viele Menschen sind, vor allem in Fußgängerzonen. Als Brillenträger läuft man nun noch häufiger im Nebel herum. Für die Gastronomie wurde die Sperrstunde eingeführt. Immerhin gab es noch Gastronomie.

Zum November einigten sich Bund und Länder auf neue Beschränkungen, nicht ganz so drastisch wie im Frühjahr: Befristet für zunächst vier Wochen mussten Gaststätten wieder schließen, Veranstaltungen wurden untersagt, maximal fünf Personen aus unterschiedlichen Haushalten durften sich öffentlich treffen. Immerhin gab es keine Ausgangssperren wie in anderen Ländern, zum Beispiel Frankreich. Geschäfte und Schulen blieben geöffnet, der Profisport durfte ohne Zuschauer weiter betrieben werden, vermutlich ließ sich damit auch so noch genug Geld verdienen.

Es gab Hoffnung: Im November meldeten mehrere Unternehmen, einen wirksamen Impfstoff entwickelt zu haben. Doch der musste erstmal zugelassen, in erforderlicher Anzahl hergestellt und verteilt werden.

Die Neuinfektionen gingen unterdessen nicht zurück, täglich meldete das Robert-Koch-Institut eine fünfstellige Zahl an neu Infizierten, auch die Zahl der „an oder mit“ Corona Gestorbenen stieg an. Daher einigten sich Bundeskanzlerin und Ministerpräsidenten auf eine Verlängerung der Maßnahmen, erst bis Ende Dezember (das Weihnachtsgeschäft!), dann bis Anfang Januar; über Weihnachten und Silvester sollte es leichte Lockerungen geben, statt fünf sollten sich vorübergehend zehn Personen treffen dürfen. Einige Städte verhängten nächtliche Ausgangssperren. Die Verrückten demonstrierten unterdessen weiter und faselten von „Diktatur“.

Anfang Dezember mahnten führende Wissenschaftler dringend weitere Beschränkungen an. Gleichzeitig wurden in Großbritannien die ersten Menschen geimpft, was zu Diskussionen und Unverständnis führte, da die EU sich mit der Zulassung noch etwas Zeit ließ; erst nach Weihnachten sollten auch hier die ersten Spritzen gesetzt werden. Unterdessen wurden aufgrund der weiter steigenden Infektionszahlen die Maßnahmen weiter verschärft. Über die Weihnachtstage gab es nur noch geringfügige Lockerungen, die derart kompliziert formuliert waren, dass sie keiner verstand, zu Silvester wurden Ansammlungen in der Öffentlichkeit und der Verkauf von Feuerwerk untersagt.

Die früheren Impfungen nützten den Briten zunächst wenig: Eine Woche vor Weihnachten trat eine neue Variante des Virus auf, die bis zu siebzig Prozent ansteckender sein sollte, nach ersten Erkenntnissen jedoch weder zu schwereren Krankheitsverläufen noch einer erhöhten Sterblichkeit führte. Zur Sicherheit stellten zahlreiche europäische Länder vorübergehend den gesamten Reise- und Frachtverkehr mit Großbritannien ein; kurz darauf stauten sich tausende von LKWs vor Dover. Konsumfreude kollidierte mit Naturgewalt.

Kurz vor dem nächsten Jahreswechsel freuten sich viele, weil dieses schlimme Jahr vorüber ging, obwohl das Ende des vorläufigen Dauerzustandes noch lange nicht absehbar ist. Weiterhin meldet das Robert-Koch-Institut für Deutschland täglich Neuinfektionen in fünfstelliger Zahl. Weltweit hatten sich fast 83 Millionen Menschen mit dem Virus infiziert, über 1,8 Millionen davon sind gestorben. Deutschland stand mit rund 1,7 Millionen Infizierten und dreiunddreißigtausend Toten noch vergleichsweise gut da. Einige klagten vor Gericht, weil sie zu Silvester keine Raketen abfeuern durften und bekamen sogar Recht, weil die Richter keinen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Feuerwerk, Infektions- und erhöhter Knallkörperverletzungsgefahr sahen.

Immerhin: Der Stuttgarter Initiator der zweifelhaften Bewegung, die sich selbst als „Querdenker“ bezeichnet, hatte angekündigt, bis auf weiteres auf Demonstrationen zu verzichten. Die LKW, die sich vor Weihnachten in England stauten, durften ihre Fahrt fortsetzen. Und in Europa sind die Impfungen angelaufen, als erstes alte Menschen in Pflegeheimen und medizinisches Personal; in den Nachrichtensendungen wird ungefähr alle zwei Minuten eine Nadel in einen Oberarm getrieben.

Schon kurz nach Weihnachten wurden Zweifel laut, dass die Beschränkungen wie geplant nach dem 10. Januar teilweise zurückgenommen werden können. Anfang Januar trafen sich wieder Bundeskanzlerin und Ministerpräsidenten und sie beschlossen, die Maßnahmen bis Ende Januar zu verlängern, mehr noch: Nun durften wir uns nur noch mit einer haushaltsfremden Person treffen und man erwog, den Bewegungsradius von Menschen in besonders stark betroffenen Gebieten auf einen Umkreis von fünfzehn Kilometer um den Wohnort zu beschränken. Das wurde heftig kritisiert, da weder klar war, ob mit Wohnort die konkrete Adresse des Einzelnen oder die Gemeinde-/Stadtgrenzen gemeint waren, noch wie das durchzusetzen und zu kontrollieren sei. Heftig kritisiert wurde auch der Gesundheitsminister, weil die Impfungen wegen zu wenig Impfstoff nur schleppend anliefen. Unterdessen starben in Deutschland täglich mehr als tausend Menschen wegen Corona.

Irgendwann, vielleicht in einem halben Jahr, vielleicht später, könnte das Virus besiegt sein und wir gehen wieder über zum üblichen Irrsinn, machen weiter wie vorher, reisen, konsumieren, zerstören die Umwelt, wandeln das Klima, Hauptsache wir haben Wachstum. Reiche werden reicher, Arme ärmer, und wir Menschen werden immer mehr. Alles wie gehabt.

Aber vielleicht kommt es ganz anders. Hätte ich Talent und Lust, einen Thriller zu schreiben, dann etwa so:

Es gibt mehr als sieben Milliarden Menschen auf der Erde, mit den bekannten Auswirkungen auf Natur und Klima, und es werden immer mehr. Dabei vermehren sich augenscheinlich diejenigen besonders stark, die es sich am wenigsten leisten können: die Ärmsten in Afrika, RTL-Zielgruppenzugehörige, die sich durch absurde Frisuren und Haarfärbungen, Tätowierungen bis zum Hals und Metallteilen in verschiedensten Körperteilen selbst den Weg zu großen Teilen des Arbeitsmarktes verbauen; selbst in Flüchtlingslagern, wo Menschen teilweise seit Jahren festsitzen und vermutlich andere Sorgen als die Arterhaltung haben, werden neue Menschen geboren.

Vielleicht ist Corona nur ein Auftakt, ein Vorgeschmack auf etwas kommendes Großes. Durch Kontaktbeschränkung und Impfungen mag es gelingen, die weitere Ausbreitung erst zu verlangsamen, dann zu stoppen. Doch kaum, dass wir die Krise überwunden glauben und da weitermachen, wo wir vorher aufgehört haben, entsteht eine neue Mutation des Virus. Zunächst unbemerkt, da über Monate keine Symptome auftreten, breitet es sich rasend schnell aus. Als man begreift, dass wiederum ein Virus die Ursache für eine neue, rätselhafte Erkrankung ist, ist es zu spät. Man kann ihm nicht entgehen, nirgendwo, es ist nahezu auf der ganzen Welt. Reihenweise erkranken die Menschen weltweit schwer, anders als bei Covid-19, wo ein hoher Anteil nur leichte oder gar keine Symptome zeigte, trifft die neue Form alle, die sich infiziert haben. Innerhalb weniger Tage bricht das Gesundheitssystem zusammen, die Sterblichkeit liegt bei über fünfzig Prozent. Geschäftliche Aktivitäten werden in kürzester Zeit eingestellt, die Grundversorgung mit Strom, Internet, Wasser und Lebensmitteln kommt zum Erliegen. Das, was wir Zivilisation nennen, hört auf zu existieren, es herrscht einzig das Recht des Stärkeren. Staat und Politik lösen sich auf, auch auf die „Rechten“ und „Querdenker“, die anfangs noch Schuldige ausgemacht hatten und einfache Lösungen wussten, hört niemand mehr. Globalisierung und Gendersternchen sind nur noch Begriffe ohne irgendeine Bedeutung.

Während in den Parks die Kastanien in voller Blüte stehen, sterben innerhalb weniger Wochen mehrere Milliarden Menschen, vor allem in den hoch entwickelten, technikabhängigen Industrieländern. Ganze Städte sind menschenleer, stattdessen wühlen Wildschweine in den Vorgärten der Villenviertel.

Vielleicht erleben wir gerade das Ende der Menschheit, wir wissen es nur noch nicht. Nicht der Klimawandel oder ein Atomkrieg löscht uns aus, sondern ein Virus. Sieben Milliarden Menschen, die sich benehmen, als wären sie die einzige Spezies von Bedeutung, der sich alles andere unterzuordnen hat, die sich immer weiter vermehren und so tun, als gäbe es kein Morgen – vielleicht ist es damit bald vorbei, und die Weltherrschaft geht über an Ameisen oder Ratten. Vielleicht beherrschen die auch längst die Welt, wir haben es nur noch nicht bemerkt.

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Nachbemerkung für den unwahrscheinlichen Fall, dass Sie bis hierher gelesen haben: Ich wünsche Ihnen, uns und mir ein erfreuliches Jahr 2021, auf dass es gut ausgehen möge.

Woche 52: So schlimm nun wirklich nicht

Montag: „Vielen Dank euch für das wunderschöne Jahr“, sagte der Projektleiter in einer kurzen Weihnachtsansprache. Motivation kann er.

Statt Weihnachtsmarkt und anschließendem Restaurantbesuch traf sich unsere Abteilung abends auf dem Monitor, erstmals mit bewegten Bildern, woanders längst an der Tagesordnung, von mir bislang nicht vermisst. Zunächst plauderten wir ein wenig und empfingen chefliches Lob, begleitet von Eierlikör, den der Geliebte diskret von der Seite reichte und den ich aus Gründen des Anstandsanscheins außerhalb der Kamerareichweite einnahm. Danach nahmen wir an einem dreistündigen Event teil, bei dem es galt, einen reichlich absurden Kriminalfall um eine entführte Weinkönigin zu lösen, was Menschen so tun und zu bezahlen bereit sind, wenn sie viel Zeit haben. Bereits nach weniger als zehn Minuten verlor ich aufgrund der zahlreichen handelnden Personen und bereitgestellten Informationen erst den Überblick, dann das Interesse an einer Mitwirkung, was nur zu einem sehr geringen Teil auf den Eierlikör zurückzuführen war. Ich glaube, für manches bin ich einfach zu alt, das ist nicht schlimm. Übrigens versagte unsere Gruppe kläglich: Am Ende verglomm die Weinkönigin in einer Explosion und die gesamte Weinernte der Region Rheinhessen wurde durch ein rätselhaftes Gift vernichtet. Wie gesagt, reichlich absurd das ganze. Und drei Stunden können sehr lang sein.

Dienstag: „Was macht das mit den Menschen?“, fragte morgens die Radiotante auf WDR 2 den Bundesgesundheitsminister. Ich habe einen zeitweise empfindlichen Zahn, der dritte oder vierte unten links. An manchen Tagen, ich weiß nicht, wovon es abhängt, vielleicht vom Wetter, dem Luftdruck, dem Hormonhaushalt, was auch immer; an diesen Tagen also durchzieht ihn ein kurzes Stechen, wenn er mit etwas Warmen in Berührung kommt. Dauerhaft hingegen wohnt in mir eine Empfindlichkeit gegen die Frage, was irgendetwas mit irgendwem macht. Jedes Mal, wenn ich das hören oder lesen muss, durchzieht mich ein kurzer, heftiger Schmerz in einer nicht näher zu lokalisierenden Hirnregion.

Sehr gefreut habe ich mich hierüber: „In einem anderen, sehr geschätzten Blog fand ich heute ein kleines Zitat rund um meinen kreativen Umgang mit Personalpronomen und gendergerechten Sprachkonstrukten und ich möchte dazu feststellen: Doch doch, nattürlich lese ich mit!“

Apropos sehr geschätztes Blog – auch schön: „Andere Menschen machen ja überhaupt vieles anders, das ist immer wieder irritierend.“ Gelesen hier.

Mittwoch: Gestern Abend schrieb mir Nachbar- und Leserin M., in diesem Blog würde nur gemeckert und kritisiert. Das liegt mir fern, vielmehr sehe ich mich als einen überwiegend ausgeglichenen und optimistischen Menschen, aber das ist ja immer so eine Sache mit Fremd- und Selbstbild. Nur gibt es halt immer wieder mitmenschliche Verhaltensweisen und Wortgeklingel, die unkommentiert zu lassen mir schwer fällt.

Im Übrigen stimmen Sie mir vielleicht zu, wenn ich behaupte, „In der Weihnachtsbäckerei“ ist ein ganz besonders unnötiges Lied.

Donnerstag: „Das Virus kennt keine Feiertage“, sagte mal wieder einer. Ja. Ich glaube, allmählich haben wir das verstanden und möchten es nicht mehr hören. – „Schöne Freiertage“ war der Verschreiber des Tages; glücklicherweise bemerkte ich ihn vor Absenden der Mail, man weiß ja nie, wie Leute auf sowas reagieren, auch wenn es unbeabsichtigt geschieht.

Den letzten Arbeitstag dieses Jahres beendete ich, wie schon die drei vorausgegangenen, dank ausreichend gefülltem Gleitzeitkonto und weitgehend abgearbeiteter Aufgabenliste frühzeitig, daher kam ich mittags noch vor dem einsetzenden Kaltregen zu Hause an, wo meine Lieben, deren letzte Arbeitstage schon länger zurück lagen, den Frühstückstisch bereitet hatten.

Nun also Heiligabend. In diesem Jahr auffallend ruhig draußen, keine Autos, die sich in unserer engen Straße auf dem Weg in die und aus der Tiefgarage böse gegenseitig anhupen, keine Menschen, die mit vollgepackten Taschen vorübereilen. Nur der Paketbube brachte mittags zwei letzte Pakete, davon eins für mich, worüber ich mich sehr gefreut habe, da es ein unerwartetes Kollegengeschenk enthielt.

Drinnen dagegen zeitweise leichtes Knistern, da Raumpflegedrang und Essensvorbereitungen ein brisant-interessantes Spannungsfeld bildeten.

Doch zog bald festliche Harmonie ein. Am frühen Abend kam es gar zu Gesang mit der Nachbarschaft, selbstverständlich unter Beachtung der gebotenen Abstandsregeln. Auch wenn es sich aufgrund der Qualität nicht unbedingt für die Verbreitung per Tonaufnahme eignete, bereitete es den unmittelbar Beteiligten Freude, aus einem fernen Fenster kam gar Applaus. Wer weiß, vielleicht war das der Auftakt für eine Tradition, die entstehen ja nicht selten aus den seltsamsten Anlässen, siehe Weihnachten.

Freitag: Dieses Weihnachten würde das schlimmste der Nachkriegszeit, hatte unser Ministerpräsident kürzlich behauptet. Statt familiärer Besuchspflichten heute ein Spaziergang, Sofa und Tee. Das ist so schlimm nun wirklich nicht.

Nachmittags wurde ein neues Haushaltsgerät in Betrieb genommen, das seit gestern den heimischen Maschinenpark bereichert.

Samstag: Vor dreißig Jahren, als ich noch evangelischer war, blies ich Trompete im Posaunenchor des CVJM Bielefeld-Stieghorst. Am schönsten fand ich das immer zur Weihnachtszeit; eines der großartigsten Stücke, mit dem traditionell an Heiligabend der Haupt-Gottesdienst um achtzehn Uhr eröffnet wurde (und vielleicht immer noch wird beziehungsweise in diesem Konjunktiv-zwei-Jahr worden wäre), war „Hoch tut euch auf“ von Christoph Willibald Gluck. Noch heute geht mir beim Hören das Herz auf und leichte Feuchte umspielt die Augen. Hören Sie selbst, vielleicht verstehen Sie, was ich meine.

Sonntag: Die Weihnachtswoche endete appetitlos, trübe, kalt und regnerisch. Das hielt mich nicht vom Sonntagsspaziergang ab, wenn auch nur kurz runter an den Rhein und durch die Nordstadt zurück. Ein Sonntag ohne Spaziergang ist für mich mittlerweile so unvollständig wie für andere Weihnachten ohne Amazon. Am Rhein saßen die Möwen zusammen mit ein paar Enten und Tauben, allesamt vom Wind sorgsam in Richtung Süden ausgerichtet, als schauten sie dem Gebläse entgegen und dächten: Menno (oder was Vögel so denken, wenn sie mit der Situation unzufrieden sind), wann hört das endlich auf?

Dies ist gleichzeitig mein voraussichtlich letzter Beitrag zur Blogaktion „Foto der Woche“ von Aequitas et Veritas, die am kommenden Donnerstag endet.

Woche 51: Durch Wald und Feld

Montag: Die Zeitung berichtet von einem Street-Food-Drive-In, der am Samstag irgendwo stattgefunden hat. Wenn ich das richtig verstanden habe, konnte man sich dort Häppchen ins Kraftfahrzeug reichen lassen, um sie andernorts zu verzehren; was Menschen halt so tun, wenn Langeweile sie in die Verzweiflung treibt. Allein schon wegen des Namens wäre ich nicht dort hin gefahren, sonst höchstwahrscheinlich auch nicht.

Im Werk ist es üblich, neue Kollegen mit einem per Mail versandten Steckbrief vorzustellen, eine sinnvolle Einrichtung nicht nur während kontaktarmer Perioden. In einem solchen las ich heute als Hobbys angegeben: „Fußball, Snowboarden und Reisen“. Was würde ich dort angeben? Nichts von vorstehenden, keine Frage; aber was stattdessen? „Lesen, Bloggen, Spazierengehen und Modelleisenbahn“ sind wohl weder sexy noch karriereförderlich; „Porno“ wäre sexy, könnte aber zu Fragen führen.

Ein Kollege kam verspätet in die Skype-Besprechung mit der Begründung „Mein Rechner mag mich heute nicht.“ Das kenne ich, wobei es bei mir meistens umgekehrt ist.

Dienstag: Die Baumärkte bleiben also ab morgen für Gewerbetreibende geöffnet. Das veranlasste WDR 2-Hörer Kevin Pannemann, der vielleicht auch anders hieß, so genau habe ich mir den Namen nicht gemerkt, über das Radio zu fragen, ob das auch für ihn gelte, wenn er noch schnell ein Gewerbe anmelde. Ich werde gelegentlich recherchieren, ob es das Wort „Deppenschläue“ schon gibt.

„Nicht, dass wir uns damit ein Osterei unter den Tannenbaum legen“, hörte ich in einer Besprechung und dachte: warum nicht?

Hier gelesen: „… festgestellt, dass die kleinen Irritation rund um gegenderte Sprache, um das generische Feminium und die gezielt platzierten Brüche im altbekannten Sprachgebrauch ihre Wirkung nicht verfehlen und sogar in anderen Blogs besprochen werden.“ Ich nehme nicht an, gemeint zu sein, da der Verfasser hier vermutlich nicht liest; dennoch fühle ich mich geehrt.

J. K. Rowling ein neues Buch geschrieben und keinen interessiert es, steht im SPIEGEL. Ich weiß nicht, der wievielte Artikel es ist, den ich über ihren angeblichen moralischen Untergang gelesen habe, und doch verstehe ich immer noch nicht, wodurch sie derart in Ungnade gefallen ist. Soweit ich es verstanden zu haben glaube: Sie spricht sich dafür aus, Frauen als solche zu bezeichnen (und nicht, wie welche fordern, als „Menschen, die menstruieren“). Also etwas – ich muss mal eben eine Zahl aus der Luft greifen, bitte warten Sie kurz … schwupp, da hab ich schon eine: Siebenundneunzig – etwas, woran nach meiner unmaßgeblichen Schätzung mindestens siebenundneunzig Prozent aller Frauen (und Männer) keinen Anstoß nehmen. Ja, es gibt Menschen, die allein aufgrund körperlicher Merkmale nicht eindeutig einem der beiden Geschlechter zuzuordnen sind (weshalb [und nicht nur deshalb] ich auch nicht verstehe, warum es in Gaststätten geschlechterseparate Toiletten geben muss, in Zügen geht das ja auch irgendwie so), und welche, die sich im falschen Körper fühlen. Das ziehe ich weder in Zweifel noch ins Lächerliche; gerade das mit dem falschen Körper muss grausam sein. Aber deswegen nicht mehr „Frauen“ und „Männer“ sagen dürfen? Ich bitte Sie.

Mittwoch: Laut Zeitung lehnen die Nato-Staaten einen Vertrag über das Verbot von Atomwaffen ab, „da er das zunehmend schwierige internationale Sicherheitsumfeld nicht widerspiegelt und im Widerspruch zur bestehenden Nichtverbreitungs- und Abrüstungsarchitektur steht“; verbales Schaumgebäck in reinster Form. Doch sorget euch nicht: „Wir unterstützen weiterhin das Endziel einer Welt ohne Atomwaffen“, erklärt der Nato-Rat. Endziel? Heißt das nicht, dass dieses erst erreicht ist, wenn alle Atomwaffen verballert sind? Dieses Jahr ist indes wegen des Böllerverbots nicht mehr damit zu rechnen.

Seine kleine Tochter hätte ihn und seine Frau in der vergangenen Nacht nicht zur Ruhe kommen lassen, berichtete der Neuvater in der Besprechung. Man liest in diesen Tagen immer wieder die Frage, was es schöneres geben könne als „in leuchtende Kinderaugen“ zu schauen. Dazu hätte ich Vorschläge: ein guter Wein aus Châteauneuf-du-Pape; am Wochenende ausschlafen; ein großer Topf Grünkohl mit Kohlwurst; das Herunterfahren des Rechners am Freitagnachmittag; eine Wanderung durch Wald und Feld; nach zehn Stunden Autofahrt die erste Pizza im südfranzösischen Urlaubsort; das erste Glas Saft am sonntäglichen Frühstückstisch. Vieles mehr fiele mir dazu ein.

Auch nach einem Arbeitstag mit neun Besprechungsterminen erwarten die Lieben daheim zu recht noch eine gewisse verbale Zuwendung. Der antinatalistisch geprägte Hedonist in mir fragt sich: Wie schaffen das eigentlich Eltern täglich, ohne die Beherrschung zu verlieren?

Donnerstag: Bekanntlich nehmen Radiosender selten Rücksicht auf des sensiblen Hörers Befindlichkeit. Das gilt auch und besonders für den Redakteur meines Hirnradios, umgangssprachlich auch Ohrwurm genannt. Von daher ertrug ich das stundenlang tönende Lied vom rotnäsigen Rentier namens Rudolph in resigniertem Gleichmut.

Freitag: Ein gewissenhafter Arbeitnehmer baut Urlaub noch im laufenden Jahr ab. Als ich aus diesem Grunde vor zwei Wochen diesen Tag dafür vorsah, war dessen sonnige Milde nicht absehbar. Als ich vor acht Wochen die Wahner Heide durchwanderte, beschloss ich: Hier war ich nicht zum letzten Mal. Was lag näher, als beides zu verbinden, und allso tat ich. Mit der (angenehm leeren) Bahn fuhr ich bis Rösrath, von dort aus durchquerte ich die mittlerweile weitgehend entlaubte Heide bis Troisdorf. Trotz teilweise schlammiger Pfade war es beglückend. Doch sehen Sie selbst.

Samstag: Während des Brausebades am Morgen sang im Radio Chris Rea sein „Driving Home For Christmas“. Da dachte ich: Dieses Jahr nicht, und lächelte kurz.

Sonntag: In meinen Notizen steht das Wort „Glühweindebatte“ als Themenidee für den Fall, dass mir der Blogstoff ausgeht; allerdings erinnere ich mich nicht mehr, warum ich es notierte, ist doch zum Thema Glühwein als typisch deutsches Kulturgut, von den einen geliebt, den anderen verschmäht, in zahlreichen Kolumnen alles Wesentliche geschrieben, dem habe ich nichts Neues hinzuzufügen. Weder bin ich ein glühender Verehrer dieses Trunks, noch lehne ich ihn ab; nach dem zweiten Becher fällt die persönliche Genusskurve üblicherweise ab, daher vermisse ich ihn in diesem Jahr nicht besonders. Und das mit diesen „Glühwein-Wanderwegen“ hat sich ja auch inzwischen erledigt.

Ansonsten in dieser Woche gehört & notiert:

„Dann ist aber Schlesien geschlossen!“ (als Alternative zu „Polen offen“)

„Da warste wieder auf mich ein am reden wie ein krankes Pferd.“ (Rheinisches Partizip)

Foto der Woche: Danke!

Die Aktion „Foto der Woche“ von Aequitas et Veritas läuft bis zum 31. Dezember. Jede Woche zeigt man ein Foto und schreibt was dazu, etwa wann und wo man es gemacht hat, warum man es zeigt oder welche Gedanken man damit verknüpft.

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Immer noch stolz zeugt der Adler an der Wand des alten Paketpostamts am Kaiser-Karl-Ring von der Zeit, als die Post eine Bundesbehörde war. Seine Zukunft ist indes ungewiss wie die des Gebäudes – die Post hat keine Verwendung mehr dafür; Fenster und Türen sind mit Sperrholzplatten verrammelt, die Wände beschmiert. Vielleicht ist er ja auch stolz auf die zahlreichen gelben Wagen, die an ihm vorbeifahren, und auf deren Fahrer, die in diesen Tagen Unglaubliches leisten. Und er denkt: Danke!

Woche 50: Et nütz jo nix

Montag: „Grundlos betrübt“ wäre die Antwort gewesen, hätte man mir ein Mikrofon entgegengehalten mit der Aufforderung, meine Tagesstimmung in zwei Worten zu beschreiben. Solche Tage darf es auch geben, auch und gerade in Zeiten allgegenwärtigen Lichterglanzes. Ja ich weiß, „Weihnachtsa…loch“ und so.

Woanders hingegen beste Laune: „Ski und Rodel gut“ vermeldet die Schweiz, die nicht daran denkt, ihre Skigebiete zu schließen, warum auch, ist ja alles ganz sicher. Woher kommt eigentlich diese lahme Phrase, die seit ewigen Zeiten von so vielen, allen voran Journalisten, nachgeplappert wird, und was bedeutet sie? Wohl nicht dieses: „Jetzt ist es aber auch mal gut damit.“ Etwas mehr Phantasie beweisen die, die dazu heute nämliches in die Zeitung schrieben: „Skiorte gelten vielen Gesundheits-Experten als potenzielle Virusdrehscheiben.“ Virusdrehscheibe – das ist doch mal ein schönes Wort. Wer denkt da nicht sofort an die bekannte Kugel mit den lustigen Nöppchen, vielleicht versehen mit einem frechen Gesicht, wie sie, von einer Schneekanone berieselt, auf einem rotierenden Teller sitzt und „Huiii …“ ruft?

Dienstag: Die Wissenschaft fordert die Politik auf, die Kontaktbeschränkungen massiv zu verschärfen. Ich hege die vage Ahnung, demnächst viel mehr Zeit zu Hause zu verbringen.

Das hält andere nicht davon ab, weitere Büros zu bauen, wobei auch und gerade in der Immobilienbranche ein gesundes Selbstbewusstsein kein Nachteil sein muss.

Mittwoch: Morgens kurz nach Abfahrt ins Werk bemerkte ich, dass ich mein Telefon auf dem Küchentisch liegen gelassen hatte. Weder verspürte ich den unbezwingbaren Drang, deswegen umzukehren, noch trieb mich tagsüber Versäumnisangst in den Wahnsinn, was ich als Zeichen einer gewissen analogen Robustheit werte. Die Angst, ohne Mobiltelefon zu sein, heißt übrigens „Nomophobie“.

Ein anderes schönes Wort, das ich heute lernte, ist das Adjektiv „bacchantisch“, es bedeutet ausgelassen, überschäumend, trunken. Also das Gegenteil von Montagmorgen.

Wie ich schon ausführte, begegne ich dem Bemühen um möglichst geschlechtsneutrale Sprache durchaus mit Verständnis, auch wenn ich an dem sich zunehmender Unbeliebtheit ausgesetzt sehenden General-Maskulinum nichts Anstößiges erkenne. Das sich stattdessen immer größerer Beliebtheit erfreuende weibliche Pendant finde ich hingegen – freundlich ausgedrückt – gewöhnungsbedürftig. In einem Blog las ich nun diese zweifelhafte Mischform: „Wenn Sie also mit einem Menschen zu tun haben, die vielleicht ausweichend antwortet …“. Bitte verzeihen Sie mir, wenn ich vorläufig weiterhin männlich schreibe, auch wenn ich beides meine. Das ist weder böse noch abwertend gemeint.

Donnerstag: Wie der Zeitung zu entnehmen ist, heißt der Baden-Württembergische Umweltminister Franz Untersteller. Ob der Name wohl ausschlaggebend für seine Berufswahl zum Politiker war? Vielleicht hatte er auch zunächst eine Karriere als Staatsanwalt erwogen. (Ja ja, schon gut, man macht sich nicht über Namen lustig, ich weiß. Wo ich gerade dabei bin: Im Fernsehen tat kürzlich der Kulturwissenschaftler Peter Peter sein Wissen kund. Entweder hatten seine Eltern einen sehr speziellen Humor oder sie waren zu beschäftigt, einen separaten Vornamen auszuwählen. Wenigstens muss er sich niemals fragen lassen, welches der Vorname ist, im Gegensatz dazu, wenn man etwa Karl Arnold oder Martin Simon heißt.)

Kälte war morgens mein Begleiter auf dem Fußweg ins Werk.

So wie der Naturfreund kein Unkraut sondern nur Wildkraut kennt, kenne ich als begeisterter Fußgänger keinen Umweg, nur den Mehrweg. Dazu schrieb einst ein gewisser Tom Hodgkinson:

„Der Fußgänger ist die höchste und mächtigste aller Daseinsformen: Er geht aus Vergnügen zu Fuß, er beobachtet, aber mischt sich nicht ein, er ist ohne Eile, er ist glücklich in der Gesellschaft seines eigenen Verstandes, er schlendert distanziert, weise und fröhlich dahin, göttergleich. Er ist frei.“

(Gelesen in: „Warten – Eine verlernte Kunst“ von Timo Reuter, meiner derzeitigen Bettlektüre)

Frau Kraulquappe macht sich ihre Gedanken (unter anderem) über das allgegenwärtige Wir-wollen-im-Hier-und-Jetzt-leben-Postulat, Achtsamkeitsfreunde und Hier&Jetzt-Streber. Dem ist zuzustimmen: Selten nur befinde ich mich im Hier und Jetzt, stattdessen oft im Damals und Bald. Meistens aber im Was-wäre-wenn.

Freitag: „W. hat zwar Urlaub, kümmert sich aber darum“, hörte ich in einer Besprechung. Arbeiten trotz Urlaub. Kann man machen, wenn Menschen in Gefahr sind. Aber auch nur dann.

Samstag: Besuch der Mutter in Bielefeld, da wir uns in diesem Jahr zu Weihnachten nicht sehen werden. Ich gestehe: mit Umarmung zur Begrüßung und zum Abschied. Vielleicht bin ich mitschuldig daran, wenn die Zahlen weiter ansteigen? Wobei zu meiner Verteidigung geschrieben sei, das war die einzige haushaltsferne Umarmung seit vielen Wochen, ich bin ja sonst, auch außerhalb von Seuchenzeiten, ein großer Freund berührungsfreier Begrüßung, was ausdrücklich auch für das Händeschütteln gilt; mein letzter Handschlag liegt Monate zurück.

Dazu in der aktuellen Ausgabe der PSYCHOLOGIE HEUTE:

„Aber wie geht Begrüßung ohne Berührung überhaupt? Und wird sich der körperliche Kontakt vielleicht sogar dauerhaft als verzichtbar erweisen? […] Eine bereits kurz vor Corona publizierte Studie kam zu dem Ergebnis, dass Menschen deutlich häufiger Hände schütteln, als sie dies wünschen.“

Dieses „Nein“ zur gereichten Hand beabsichtige aus verschiedenen Gründen für die Zukunft beizubehalten. Falls Sie ähnliches erwägen: Haben Sie sich dafür bereits eine freundliche Entgegnung ausgedacht, und wenn ja, wie lautet sie?

Ohnehin sollte ich öfter Mut zum „Nein“ beweisen. Auf der Rückfahrt von Bielefeld sprang ich über den Schatten meiner Harmoniesucht, indem ich eine Mailanfrage der Nachbarin freundlich, aber abschlägig beantwortete. Das wird unserem früher sehr harmonischen Verhältnis einen weiteren Stich versetzen, aber et nütz jo nix, wie der Rheinländer sagt.

Sonntag: Nun also wieder Stillstand bis zum 10. Januar. Wenn ich es richtig verstanden habe, bedeutet das ruhige Weihnachten und ein wenig bacchantisches Silvester ohne pyrotechnische Belästigung, was mir persönlich absolut verschmerzbar erscheint. Alles andere haben wir ja bereits von März bis Mai hinreichend geprobt.

Ein Argument gegen das bereits am Mittwoch besprochene, sich ausbreitende generische Femininum fand ich in der Sonntagszeitung: „Besondere Gefahr geht vom jungen Partygänger aus, der Freundinnen trifft und das Virus im Bekanntenkreis verbreitet.“ Lese nur ich darin einen anderen Sinn, der an ein ganz anderes Virus denken lässt als hier gemeint ist?

Ansonsten in dieser Woche gehört:

„Das Ei fällt nicht weit vom Huhn.“ Eine durchaus brauchbare Alternative zum Gewohnten.

„Du musst nicht noch Zucker in die Wunde streuen.“

Foto der Woche: Fraglich

Die Aktion „Foto der Woche“ von Aequitas et Veritas läuft bis zum 31. Dezember. Jede Woche zeigt man ein Foto und schreibt was dazu, etwa wann und wo man es gemacht hat, warum man es zeigt oder welche Gedanken man damit verknüpft.

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An nur wenigen Orten erscheint die Bezeichnung „Homo Sapiens“ für diese Spezies fraglicher denn an Altglascontainern.

(Gesehen in der Bonner Nordstadt. Ähnliches lässt sich indes an nahezu allen Sammelstellen beobachten. Der „zivilisierte“ Mensch ist so.)

Woche 49: Unflätige Worte und echte Satzperlen von absurder Schönheit

Montag: Morgens klagte der Geliebte, weil er sich im letzten Wochenrückblick nicht angemessen durch den Kakao gezogen fühlte. Ich gelobe Besserung.

Mittags gab es in der Kantine tomatisierten Eintopf. Dieses Wort war mir bis heute ohne die Vorsilbe „au“ unbekannt, wobei es mit bei Eintopf wenig Sinn ergäbe.

Ansonsten war es heute sehr kalt, was mich indes nicht davon abhielt, gleichsam wie ein Mann mit dem Fahrrad ins Werk und zurück zu fahren. Zum Auftauen wurde abends gegen nur geringen Widerstand des Geliebten nach langer Zeit mal wieder der Ofen angeheizt.

Angeheizt auch die Stimmung am vergangenen Wochenende auf dem AfD-Parteitag. Dazu der General-Anzeiger: „Mag der Schnelle Brüter in Kalkar auch nie in Betrieb gegangen sein, der AfD-Chef erbringt den Nachweis, dass an dieser Stelle gleichwohl gewaltige Kettenreaktionen möglich sind.“ Manchmal finden sich in der Zeitung echte Satzperlen.

Dienstag: Morgens sprach ich mit Kollegen A, der ein festes Abonnement ausschließlich auf Themen zu haben scheint, deren Inhalt und Umfang nur in unflätigen Worten einigermaßen treffend zu klassifizieren sind. Ohne Sie mit konkreten Inhalten zu langweilen – in solchen Momenten merke ich, wie zufrieden ich mit meinen Arbeitsinhalten sein kann und auch bin. Dessen sollte man sich öfter bewusst sein, wenn das nächste Wochenende, der Urlaub oder der Ruhestand mal wieder in unerreichbarer Ferne erscheinen.

Manche Sätze sind von absurder Schönheit wie dieser, den Marcel Proust geschrieben haben soll: „Kenntnis der Notausgänge ist das schönste Welttheater.“

Vom Welt- zurück ins Bürotheater: „Alles tutti“, sagte die Kollegin, die auch „Joy Fixe“ sagt. Auch ganz schön. Nicht so schön dagegen: „Das sollten wir im Nachgang bilateral besprechen.“

Groteskes Theater in Thüringen: Abends in den heute-Nachrichten wurde in Hildburghausen, wo die Viren gerade eine wilde Party feiern, eine Frau wegen Ihrer Meinung zu Coronatests befragt, woraufhin sie sinngemäß allso sprach: „Das muss ja schließlich jeder selbst entscheiden. Außerdem …“ – mit Blick auf ihre kleine Tochter – „wenn ich mir vorstelle, so eine kleine Maus kriegt dieses Stäbchen in den Rachen gesteckt – also ich weiß nicht.“ In solchen Momenten möchte ich die Leute bilateral in unflätigen Worten anschreien.

Mittwoch: Unflätige Gedanken kamen mir am Morgen, nachdem den vorderen Fahrradreifen die Luft verlassen hatte, fast genau an derselben Stelle wie dreizehn Wochen zuvor den hinteren. Mehrere Kilometer zuvor war ich im Dunkel über etwas gefahren, das im Überfahren bedenklich knirschte und knackte, und da dachte ich schon: oh oh …

Die Kantine des Werks verkauft zurzeit nur zum Mitnehmen, ich berichtete unlängst, und Sicherheitspersonal wacht darüber, auf dass sich niemand ungebührlich lange dort aufhält. Das ist unschön, indes während des vorläufigen Dauerzustandes nicht zu beanstanden. Augenscheinlich erlaubt war hingegen, das Mitgenommene im Foyer des Mutterhauses zu verzehren, wo Einzeltische in großen Abständen platziert sind, wenngleich ich mich schon fragte, warum man hier sitzen durfte und dort nicht. Nun dachte ich so: Was nicht verboten ist, ist erlaubt, und was erlaubt ist, ist unbedenklich. Seit heute muss ich nicht länger darüber nachdenken, auch das Foyer ist nun abgesperrt.

Die Paketdienstleister bewältigen in diesen Tagen Rekordmengen. Früher feierten die Menschen zu Weihnachten die Geburt von Jesus. Heute den Gedeih von Bezos.

Abends flossen Tränen, nachdem ich meiner Skepsis gegen saisonales Lichterkettenwettrüsten, Konsumsucht und Geschenkewahn Ausdruck verliehen (nicht geschenkt) hatte. Das tut mir leid und war nicht beabsichtigt, gleichwohl stehe ich dazu, wobei ich es selbstverständlich akzeptiere, wenn viele Menschen es lieben und als notwendig erachten. Weihnachten ist auch in diesem Haushalt ein emotional geladenes Thema, wer hätte das gedacht. Und mit dem Titel „Weihnachtsa…loch“ kann ich leben, auch wenn er mir von einem verliehenen wurde, der glaubt, die Heiligen Drei Könige hätten Salbei, Dingsbums und Mürrisch gebracht.

Donnerstag: In vorübergehender Ermangelung eines Fahrrades und wegen eines unzeitig frühen Termins fuhr ich morgens nach längerer Zeit mal wieder mit der Bahn ins Werk. Die kam sieben Minuten zu spät; während ich in morgendlicher Bahnsteigmelancholie vor mich hin fror, formulierte ich einen weiteren Eintrag in der ungeschriebenen Liste der Dinge, die ich seit Monaten überhaupt nicht vermisse. Immerhin war die Bahn nicht besonders voll.

Als ich abends mit dem genesenen Fahrrad vor einer roten Ampel wartete, querte vor mir eine ältere Frau (keine Dame, wie Sie gleich lesen werden) die Straße, zog die Maske nach unten, schaute mich böse an und rief: „Asis!“ Ehe ich mich nach dem Grund ihrer Schmähung erkundigen konnte, war sie bereits um die Ecke verschwunden. Voll Asi, ey.

Es gibt Tage, an denen es scheinbar nichts zu bloggen gibt. Nun ist es nicht so, dass an diesen Tagen nichts passiert, nur eben nichts, was des Aufschreibens wert erscheint. Das kennt auch Thomas, er schreibt dazu diesen wunderschönen Satz: »Und “nichts erleben” kann man schließlich gar nicht, so lange man morgens aufwacht.«

Freitag: „Du musst dazu keine Powerpoint erstellen, eine Mail reicht mir“, wurde mir am Morgen bedeutet. Manchmal geschehen noch kleine Wunder.

Die Kantine bot Minutensteak an. Sekundenschlaf, Minutensteak, Stundenhotel, Tagesschau, Wochenbett, Monatsblutung, Quartalssäufer, Jahreswagen, Jahrhunderthochwasser, Jahrtausendwende – irgendwas ist immer.

Ansonsten allüberall „Mimimimi … kein Skiurlaub … mimimi …“

Samstag: Im Iran wurde das Todesurteil gegen zwei Männer aufgehoben, das gegen sie verhängt worden war, weil sie gegen hohe Benzinpreise demonstriert hatten. Solches sollten die Anti-Corona-Verquerdenker bedenken, bevor sie das nächste Mal was von „Diktatur“ phantasieren.

(Gesprüht unter der Kennedy-Brücke)

Verspüren Sie auch manchmal das Bedürfnis, sich künstlerisch-kreativ zu betätigen, verwerfen das Vorhaben jedoch, weil Sie glauben, es nicht zu können? Man kann alles erlernen, es muss ja nicht gleich zur Darstellung der Mona Lisa gereichen. Oft führen schon einfache Übungen zu ersten kleinen Erfolgserlebnissen.

(Gesehen heute in der Nordstadt)

Sonntag: Gelesen in der PSYCHOLOGIE HEUTE:

„Das japanische Zenwort wabi-sabi bezeichnet eine andere Art von Schönheit: eine Ästhetik des Nichtperfekten, Betagten, Verwitterten. Das vom Zerfall Gezeichnete, etwa eine Burgruine, hat seinen ganz eigenen Reiz, suggeriert Geheimnis und Bedeutung.“

Das sollte ich auf den Badezimmerspiegel kleben.

Zufällig fand ich dieses, in optischer wie akustischer Hinsicht sehr schön:

Foto der Woche: Glühwein und Trübe

Die Aktion „Foto der Woche“ von Aequitas et Veritas läuft bis zum 31. Dezember. Jede Woche zeigt man ein Foto und schreibt was dazu, etwa wann und wo man es gemacht hat, warum man es zeigt oder welche Gedanken man damit verknüpft.

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Ja, ich bin spät dran mit dem Wochenfoto. Wobei ich zunächst unschlüssig war, welches Bild ich zeigen soll. Ein möglicher Kandidat war die Aufnahme eines Papierkorbes am Rheinufer, der überquillt von Pappbechern, ebenso all seine Kollegen in der näheren Umgebung; teilweise liegen die Becher schon daneben, weil die Behälter überfüllt sind. Ursache ist die Gaststätte am Fähranleger, die Glühwein verkauft, natürlich nur zu Mitnehmen oder „To go“, wenn Ihnen das lieber ist. Dieser Verkauf findet erheblichen Zuspruch, ungefähr jeder zweite, der mir heute am Rhein begegnete, hielt so einen Becher in der Hand. Manchmal glaube ich, Geenpeace, Fridays For Future, BUND und wie sie alle heißen können ihre Aktivitäten wegen Aussichtslosigkeit einstellen. Wir sind nicht mehr zu retten.

Da volle Müllbehälter kein schöner Anblick sind, habe ich mich indes für ein anderes Motiv entschieden, ebenfalls auf meinem heutigen Spaziergang fotografiert.

Sie sehen die Poppelsdorfer Allee in spätherbstlicher Trübe, die heute während des gesamten Tages über der Stadt lag. Die Kastanien, die die Allee im Frühling mit weißen und hellroten Blüten erleuchten lassen, haben längst ihr Laub verloren. Ich mag solche Tage und hoffe, die Möglichkeit solcher Spaziergänge wird nicht demnächst eingeschränkt, weil zu viele Leute draußen Glühwein trinken mussten.