Woche 50: Et nütz jo nix

Montag: „Grundlos betrübt“ wäre die Antwort gewesen, hätte man mir ein Mikrofon entgegengehalten mit der Aufforderung, meine Tagesstimmung in zwei Worten zu beschreiben. Solche Tage darf es auch geben, auch und gerade in Zeiten allgegenwärtigen Lichterglanzes. Ja ich weiß, „Weihnachtsa…loch“ und so.

Woanders hingegen beste Laune: „Ski und Rodel gut“ vermeldet die Schweiz, die nicht daran denkt, ihre Skigebiete zu schließen, warum auch, ist ja alles ganz sicher. Woher kommt eigentlich diese lahme Phrase, die seit ewigen Zeiten von so vielen, allen voran Journalisten, nachgeplappert wird, und was bedeutet sie? Wohl nicht dieses: „Jetzt ist es aber auch mal gut damit.“ Etwas mehr Phantasie beweisen die, die dazu heute nämliches in die Zeitung schrieben: „Skiorte gelten vielen Gesundheits-Experten als potenzielle Virusdrehscheiben.“ Virusdrehscheibe – das ist doch mal ein schönes Wort. Wer denkt da nicht sofort an die bekannte Kugel mit den lustigen Nöppchen, vielleicht versehen mit einem frechen Gesicht, wie sie, von einer Schneekanone berieselt, auf einem rotierenden Teller sitzt und „Huiii …“ ruft?

Dienstag: Die Wissenschaft fordert die Politik auf, die Kontaktbeschränkungen massiv zu verschärfen. Ich hege die vage Ahnung, demnächst viel mehr Zeit zu Hause zu verbringen.

Das hält andere nicht davon ab, weitere Büros zu bauen, wobei auch und gerade in der Immobilienbranche ein gesundes Selbstbewusstsein kein Nachteil sein muss.

Mittwoch: Morgens kurz nach Abfahrt ins Werk bemerkte ich, dass ich mein Telefon auf dem Küchentisch liegen gelassen hatte. Weder verspürte ich den unbezwingbaren Drang, deswegen umzukehren, noch trieb mich tagsüber Versäumnisangst in den Wahnsinn, was ich als Zeichen einer gewissen analogen Robustheit werte. Die Angst, ohne Mobiltelefon zu sein, heißt übrigens „Nomophobie“.

Ein anderes schönes Wort, das ich heute lernte, ist das Adjektiv „bacchantisch“, es bedeutet ausgelassen, überschäumend, trunken. Also das Gegenteil von Montagmorgen.

Wie ich schon ausführte, begegne ich dem Bemühen um möglichst geschlechtsneutrale Sprache durchaus mit Verständnis, auch wenn ich an dem sich zunehmender Unbeliebtheit ausgesetzt sehenden General-Maskulinum nichts Anstößiges erkenne. Das sich stattdessen immer größerer Beliebtheit erfreuende weibliche Pendant finde ich hingegen – freundlich ausgedrückt – gewöhnungsbedürftig. In einem Blog las ich nun diese zweifelhafte Mischform: „Wenn Sie also mit einem Menschen zu tun haben, die vielleicht ausweichend antwortet …“. Bitte verzeihen Sie mir, wenn ich vorläufig weiterhin männlich schreibe, auch wenn ich beides meine. Das ist weder böse noch abwertend gemeint.

Donnerstag: Wie der Zeitung zu entnehmen ist, heißt der Baden-Württembergische Umweltminister Franz Untersteller. Ob der Name wohl ausschlaggebend für seine Berufswahl zum Politiker war? Vielleicht hatte er auch zunächst eine Karriere als Staatsanwalt erwogen. (Ja ja, schon gut, man macht sich nicht über Namen lustig, ich weiß. Wo ich gerade dabei bin: Im Fernsehen tat kürzlich der Kulturwissenschaftler Peter Peter sein Wissen kund. Entweder hatten seine Eltern einen sehr speziellen Humor oder sie waren zu beschäftigt, einen separaten Vornamen auszuwählen. Wenigstens muss er sich niemals fragen lassen, welches der Vorname ist, im Gegensatz dazu, wenn man etwa Karl Arnold oder Martin Simon heißt.)

Kälte war morgens mein Begleiter auf dem Fußweg ins Werk.

So wie der Naturfreund kein Unkraut sondern nur Wildkraut kennt, kenne ich als begeisterter Fußgänger keinen Umweg, nur den Mehrweg. Dazu schrieb einst ein gewisser Tom Hodgkinson:

„Der Fußgänger ist die höchste und mächtigste aller Daseinsformen: Er geht aus Vergnügen zu Fuß, er beobachtet, aber mischt sich nicht ein, er ist ohne Eile, er ist glücklich in der Gesellschaft seines eigenen Verstandes, er schlendert distanziert, weise und fröhlich dahin, göttergleich. Er ist frei.“

(Gelesen in: „Warten – Eine verlernte Kunst“ von Timo Reuter, meiner derzeitigen Bettlektüre)

Frau Kraulquappe macht sich ihre Gedanken (unter anderem) über das allgegenwärtige Wir-wollen-im-Hier-und-Jetzt-leben-Postulat, Achtsamkeitsfreunde und Hier&Jetzt-Streber. Dem ist zuzustimmen: Selten nur befinde ich mich im Hier und Jetzt, stattdessen oft im Damals und Bald. Meistens aber im Was-wäre-wenn.

Freitag: „W. hat zwar Urlaub, kümmert sich aber darum“, hörte ich in einer Besprechung. Arbeiten trotz Urlaub. Kann man machen, wenn Menschen in Gefahr sind. Aber auch nur dann.

Samstag: Besuch der Mutter in Bielefeld, da wir uns in diesem Jahr zu Weihnachten nicht sehen werden. Ich gestehe: mit Umarmung zur Begrüßung und zum Abschied. Vielleicht bin ich mitschuldig daran, wenn die Zahlen weiter ansteigen? Wobei zu meiner Verteidigung geschrieben sei, das war die einzige haushaltsferne Umarmung seit vielen Wochen, ich bin ja sonst, auch außerhalb von Seuchenzeiten, ein großer Freund berührungsfreier Begrüßung, was ausdrücklich auch für das Händeschütteln gilt; mein letzter Handschlag liegt Monate zurück.

Dazu in der aktuellen Ausgabe der PSYCHOLOGIE HEUTE:

„Aber wie geht Begrüßung ohne Berührung überhaupt? Und wird sich der körperliche Kontakt vielleicht sogar dauerhaft als verzichtbar erweisen? […] Eine bereits kurz vor Corona publizierte Studie kam zu dem Ergebnis, dass Menschen deutlich häufiger Hände schütteln, als sie dies wünschen.“

Dieses „Nein“ zur gereichten Hand beabsichtige aus verschiedenen Gründen für die Zukunft beizubehalten. Falls Sie ähnliches erwägen: Haben Sie sich dafür bereits eine freundliche Entgegnung ausgedacht, und wenn ja, wie lautet sie?

Ohnehin sollte ich öfter Mut zum „Nein“ beweisen. Auf der Rückfahrt von Bielefeld sprang ich über den Schatten meiner Harmoniesucht, indem ich eine Mailanfrage der Nachbarin freundlich, aber abschlägig beantwortete. Das wird unserem früher sehr harmonischen Verhältnis einen weiteren Stich versetzen, aber et nütz jo nix, wie der Rheinländer sagt.

Sonntag: Nun also wieder Stillstand bis zum 10. Januar. Wenn ich es richtig verstanden habe, bedeutet das ruhige Weihnachten und ein wenig bacchantisches Silvester ohne pyrotechnische Belästigung, was mir persönlich absolut verschmerzbar erscheint. Alles andere haben wir ja bereits von März bis Mai hinreichend geprobt.

Ein Argument gegen das bereits am Mittwoch besprochene, sich ausbreitende generische Femininum fand ich in der Sonntagszeitung: „Besondere Gefahr geht vom jungen Partygänger aus, der Freundinnen trifft und das Virus im Bekanntenkreis verbreitet.“ Lese nur ich darin einen anderen Sinn, der an ein ganz anderes Virus denken lässt als hier gemeint ist?

Ansonsten in dieser Woche gehört:

„Das Ei fällt nicht weit vom Huhn.“ Eine durchaus brauchbare Alternative zum Gewohnten.

„Du musst nicht noch Zucker in die Wunde streuen.“

2 Gedanken zu “Woche 50: Et nütz jo nix

  1. Konsequenterweise hätte es wenigstens heißen sollen: „Besondere Gefahr geht vom jungen Partygänger aus, der Freundinnen trifft und das Virus im Bekanntinnenkreis verbreitet.“
    Ich grüße Sie herzlich und wünsche Ihnen eine gute Woche, möglichst ohne grundlose, aber auch ohne begründete Eintrübung und fühle mich geehrt (oder so ähnlich, denn mit Ehre & Stolz hab ich’s an sich gar nicht, bin grad nur zu müde für Wortsuche) ob der Erwähnung und Verlinkung!

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