Woche 46/2021: Besser nicht alles glauben

Montag: In der PSYCHOLOGIE HEUTE las ich erstmals das Wort „Dezivilisation“. Es bezeichnet die zunehmende Neigung zu irrationalem, emotionalem Verhalten und nachlassende Bereitschaft zu sachlicher Diskussion, Annahme von Kritik, Einhaltung von Regeln, Rücksicht, Höflichkeit, Aushalten abweichender Meinungen. Stattdessen Hass, Polarisierung, Aggression und Angst. Laut dem Artikel erfolgt die Dezivilisation innerhalb von nur Jahren oder Jahrzehnten, Auslöser sind gesellschaftliche Krisen. Verrichten wir unsere Notdurft bald auf der Straße anstatt im heimischen Sanitär? Wundern würde es mich nicht.

Dezivilisation auch im Rheinauenpark

„Bleibe negativ!“ las ich unter einer Mail als zeitgemäß-originelle Alternative zum mittlerweile recht ausgefransten „Bleiben Sie gesund“.

Dienstag: Mein Mitgefühl gilt auch allen, die Issues haben.

Apropos: Gibt es ein Wort für den Zwang, mit der Zunge ständig die Stelle im Gebiss abzutasten, wo sich am Vorabend eine Zahnkrone verabschiedet hat?

Gelesen und für gut, nein, sehr gut befunden:

»In meiner radikal antisozialen, vollkommen empathiefreien und autismusnahen Universalmeinung fehlt mir jedes Verständnis für Menschen, die nicht gegen die Seuche geimpft sind. Gleichzeitig würde ich aber auch niemanden zwingen, sich impfen zu lassen, ich würde nur für erkrankte Ungeimpfte wieder sowas wie früher die Pesthäuser neu erfinden, da können sie dann liegen und mitsamt ihrer Überzeugung und ihrem freien Willen entspannt unter Ihresgleichen vor sich hin coronieren, chacun à son goût, aber dass sie wegen ihrem freien Willen und ihrer freien Entscheidung anderen zusätzlich Arbeit machen und für unfreiwillig Erkrankte die Intensivbetten blockieren – nun, das finde ich halt genauso wenig okay, wie die Einführung einer Impfpflicht.

[…]

Ich bin der festen Überzeugung, dass die heute so modernen moralischen Befindlichkeiten weder in der Natur noch in der Realität eine stabile Mehrheit haben, sondern schlicht nur dekadente Auswüchse einer extrem realitätsfernen intellektuellen Schickeria sind, die sich von den tatsächlichen Alltagsproblemen der Mehrheit der Menschen soweit entfernt haben, dass es schon fast an die Naivität einer Marie-Antoinette heranreicht.«

Laut Radio sind die Preise für Opium gestiegen. Auch das noch.

Mittwoch: Der Buß- und Bettag wurde 1995 zur Finanzierung der Pflegeversicherung als gesetzlicher Feiertag abgeschafft. Außer in Sachsen, dort wird heute weiterhin gebüßt und gebetet. Das erscheint auch dringend geboten.

Heute öffnet nicht nur der Weihnachtsmarkt in Bonn, auch gilt in großen Teilen der Innenstadt wieder Maskenpflicht. Vielen Dank an alle, die im Recht auf Impfverzicht einen wesentlichen und unverhandelbaren Bestandteil ihrer persönlichen Freiheit und körperlichen Selbstbestimmung sehen.

Man beachte die medizinische Maskenpflicht.

In der Zeitung fand ich übrigens das Wort „gewissensarm“, ich finde, Sie sollten das auch mal gelesen haben.

Donnerstag: Donnerstag ist Zu-Fuß-ins-Werk-geh-Tag. Wer geht, sieht mehr. Ich sah und hörte morgens eine Nilgans, die auf dem Hinterdeck der am Rheinufer festgemachten MS „Beethoven“ saß und von dort aus in etwa halbsekündlich ausgestoßenen Rufen die Welt beschimpfte: Nak, nak, nak, nak, nak …, minuten,- vielleicht stundenlang, so viel Zeit hatte ich nicht. Ob sie wirklich die Welt beschimpfte, kann ich, der Geflügelsprache nur unzureichend mächtig, natürlich nicht beurteilen, besonders froh klang sie jedenfalls nicht. Vielleicht galt jedes einzelne „Nak“ einem entfernten Art- beziehungsweise Gattungsgenossen, der in den letzten Tagen als Martinsgans sein Gänseleben beendete oder einer Zukunft als Weihnachtsgans entgegensieht. Auf dem Rückweg am Abend sah ich die „Beethoven“ (warum gilt eigentlich für Wasserfahrzeuge, ob Schiff, Kahn oder Fähre, seit jeher das generische Femininum?) noch immer am selben Platz vertäut, freilich ohne die erregte Gans auf dem Hinterdeck. Irgendwann hat auch so ein Großvogel mal Feierabend oder einfach den Schnabel voll.

Ebenfalls auf dem Heimweg gönnte ich mir im Außenbereich eines Lokals am Rheinufer, fernab des Weihnachtsmarktgedränges und ohne fremde Menschen in unmittelbarer Nähe, den ersten Glühwein des Jahres, zur Geschmacksveredelung mit einem Hauch Amaretto versehen. Das war sehr schön, ich freue mich schon auf den übernächsten Donnerstag (am nächsten habe ich Urlaub, auf den freue ich mich auch).

(Triggerwarnung: Der folgende Absatz könnte Boomerblödfinder ärgern.) Skandal: An Schulen spielen die Kinder laut Zeitungsbericht Szenen aus der Netflix-Serie „Squid Game“ nach. Ich kenne sie nicht und werde sie mangels Netflix-Anschluss und Desinteresse in dieser Serie im Speziellen und Serien im Allgemeinen voraussichtlich auch nicht kennen lernen. Wie zu lesen ist, müssen dort Menschen am Ende sterben, also wie im Tatort (den ich konsequent auch nicht anschaue), nur dass man dort üblicherweise nicht am Ende, sondern innerhalb der ersten Minuten stirbt und die Sendung nur selten einen Skandal hervorruft, und in der Bibel, die bis heute direkt und indirekt zahlreiche Skandale auslöst, was hier auszuführen indes zu weit führte. »Es sei richtig, dass Erzieher und Lehrkräfte Alarm schlügen, wenn sie erlebten, dass Kinder brutale Szenen nachstellten«, heißt es in dem Artikel. – Wir spielten als Kinder, nachdem wir im Fernsehen „Bonanza“ und „Rauchende Colts“ gesehen hatten und als das noch als moralisch unbedenklich galt und es den Begriff der „kulturellen Aneignung“ noch nicht gab, Cowboy und Indianer. Da wurde auch schon mal einer erschossen, was nicht immer gelang: „Peng, du bist tot.“ – „Bin ich gar nicht!“ – „Menno, dann spiele ich nicht mehr mit dir!“ Soweit ich mich erinnere, schlug deswegen niemand Alarm.

Freitag: Eine Kollegin hat sich nun auch dieses Tatsächlich-Virus eingefangen. Womöglich ursprünglich aus dem Angelsächsischen stammend, hat es sich, neben dem Unterwegs-Virus, rasend verbreitet durch Gebrauch und unbedachtes Nachplappern vor allem in Besprechungen. Zu bekämpfen ist es tatsächlich nur durch bewusste Wahrnehmung und Vermeidung. Möge dieser Absatz einen Beitrag dazu leisten.

Aus einer Studie zum Thema Glück: »Je höher die Infektionszahlen und je strikter die Maßnahmen, desto niedriger das Glücksniveau.« Wer hätte das gedacht.

Samstag: In der Fußgängerzone sah ich ein Pappschild mit der Aufschrift »Wer an den Sohn des HERRN glaubt, der wird ewig leben.« Daneben zwei Personen, die versuchten, den Vorübergehenden Druckerzeugnisse in die Hand zu drücken, mit geringem Erfolg; alle gingen weiter, die meisten ordnungsgemäß maskiert, ohne ein segensreiches Exemplar abzugreifen. Auch ich beschleunigte, wie stets, wenn mir jemand unaufgefordert etwas aushändigen oder mich gar ansprechen will, meine Schritte. Zudem erscheint mir ewiges Leben wenig erstrebenswert, daher besser nicht alles glauben.

Sonntag: »Die Ampelkoalition will den Zugbetrieb vom Schienennetz trennen«, steht in der Sonntagszeitung. Eines meiner wiederkehrenden Traummotive: Ein Zug verlässt an einem Bahnübergang die Schienen und fährt über die Straße weiter. Jedesmal stehe staunend daneben und frage mich, wie der wohl gelenkt wird. Wobei es so etwas ja schon gegeben hat.

Ein gestern in der Tageszeitung gelesener Artikel über Schlüsseldienste scheint in meinem Unterbewusstsein etwas ausgelöst zu haben. So verließ ich die Wohnung heute zum Spaziergang ohne Schlüssel, was mir noch nie zuvor passiert ist, vielmehr erfolgt stets vor Schließen der Wohnungstür ein automatisierter Prüfgriff nach Portmonee, Telefon, Notizbuch und Schlüsselbund. Doch musste ich nach Rückkehr keinen Schlüsseldienst beauftragen, nur klingeln und des Geliebten Gemurre über mich ergehen lassen.

Zum Schluss weitere Bilder der Woche:

Abendstimmung am Mutterhaus

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Gute Basssänger werden von vielen Chören mittlerweile dringend gesucht.

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Donnerstagabend, kurz vor Glühwein

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Während der Nachstunden sowie an Sonn- und Feiertagen geht von dem Virus keine Gefahr aus.

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Kann ja mal passieren.

Ansonsten notierte ich gestern am späteren Abend das Wort „Belfast“, weiß aber nicht mehr, warum. Irgendwas mit schnell bellenden Hunden, meine ich mich dunkel zu erinnern – die Notiz erfolgte nach der ersten Flasche Wein. Sollte es mir wieder einfallen, reiche ich es nach.

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Ihnen eine angenehme neue Woche, bleiben Sie im positiven Sinne negativ!

Vielleicht kommt es ganz anders

Vorbemerkung: Dies ist meine persönliche Chronik der Corona-Pandemie, die ich Anfang April 2020 zu schreiben begonnen habe, so wie viele es bereits getan haben oder immer noch tun. Daher empfehle ich Ihnen nicht unbedingt, es zu lesen, Sie werden nicht sehr viel Neues darin finden, das sie nicht – vielleicht besser – schon in anderen Blogs und Artikeln gelesen oder selbst geschrieben haben, außerdem ist es sehr lang geraten, wer liest heutzutage schon gerne lange Texte. Weiterhin ist es nur ein Zwischenstand, die Seuche ist ja noch längst nicht vorüber. Aber auch eine Idee für einen Thriller, falls Sie sowas mögen. (Wenn nicht, sollten Sie ab dem Bild mit den blühenden Kastanien nicht weiterlesen.)

Im Laufe der Zeit wird der Text immer wieder an die aktuellen Entwicklungen angepasst, soweit es mir möglich ist; man weiß ja nie. Im Übrigen wäre dieses Blog, das ja dazu dient, den alltäglichen Wahnsinn zu dokumentieren, ohne eine Chronik dieser ungewöhnlichen Zeit unvollständig. Falls es in zehn oder zwanzig Jahren mal jemand lesen sollte, sofern es dann das Blog noch gibt, und jemanden, der es lesen will und kann.

(Letzte Aktualisierung: 20. November 2021)

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Als es um den Jahreswechsel 2019/2020 herum hieß, in China sei eine neuartige, rätselhafte Lungenkrankheit ausgebrochen, die zu Todesfällen führt und sich schnell ausbreitet, da war das ungefähr so weit weg wie der Sack Reis, der in China immer wieder mal umfällt. Millionenstädte wurden abgeriegelt, Reisen untersagt, was nur in einem totalitären Staat wie eben China denkbar schien. Die Fernsehbilder von zahlreichen Baggern, die sich scheinbar unkoordiniert auf einer durchwühlten Fläche drehten, angeblich, um innerhalb weniger Tage ein Notkrankenhaus zu errichten, tat ich zunächst als Propaganda der Regierung ab, um der Welt zu zeigen: Wir tun was, haben die Sache im Griff. Dann wurde klar: Die bauen wirklich ein Krankenhaus, nicht nur eins. Die Sache war offenbar ernst.

Kurz darauf wurde vor Reisen nach China, vor allem in die betroffenen Gebiete, offiziell gewarnt. Die menschliche Rationalität erfuhr erste Aussetzer, wie so oft, wenn Unheil droht, wenn auch zunächst diffus und unbestimmbar: Menschen aus China, egal aus welcher Region, Menschen mit asiatischer Physiognomie, egal woher, wurden plötzlich angefeindet und diskriminiert.

Bei uns, wie auch sonst überall außerhalb Chinas, ging das Leben unterdessen seinen gewohnten Gang: Wir fuhren zur Arbeit, auf den Autobahnen die täglichen Staus, wir konsumierten, reisten, machten Kreuzfahrten, feierten Karneval, Partys, spielten und schauten Fußball, machten Skiurlaub, natürlich mit Apres Ski. Die Kalender waren voll mit Terminen, privat wie beruflich: geplante Urlaube, Wochenendausflüge, Dienstreisen. Politiker beschimpften sich wie üblich, die Wirtschaft wuchs, weil Wachstum wichtig ist, Menschen wurden wegen ihres Glaubens, ihrer Hautfarbe oder aus anderen Gründen getötet oder in die Flucht getrieben; der ganz normale Wahnsinn.

Dann kam das Virus näher: Norditalien, Spanien, Österreich, Frankreich. Menschen erkrankten, manche schwer, einige starben. Man relativierte: Schließlich starben jährlich Tausende an der Grippe, im Straßenverkehr und an den Folgen des Rauchens und von Alkohol, da würde es schon nicht so schlimm sein. Dennoch waren Corona und Covid-19 nun jedermann ein Begriff. Es erinnerte an vergangene Epidemien wie Schweinegrippe, Sars, H1N1, EHEC, und wie sie alle hießen, längst vergessen, wann war das nochmal gewesen … Damals hatte es auch geheißen: Husten und Niesen nur in die Armbeuge, Hände möglichst gründlich waschen. Auf Toiletten hingen nun wieder bebilderte Anleitungen zum korrekten Händewaschen. Das ganze hatte etwas von einem Thriller, wie „Der Schwarm“ von Frank Schätzling: Man liest es mit einer Art angenehmem Schauder, ist aber selbst nicht betroffen, weil entweder Fiktion oder weit weg.

Aber so weit weg war es nicht mehr, die ersten Fälle nun auch in Deutschland. In Nordrhein-Westfalen, Kreis Heinsberg, das war nun wirklich nah! Jetzt wurden nicht nur Menschen mit asiatischem Aussehen angefeindet, sondern auch die mit „HS“ als Kfz-Kennzeichen, wenn sie sich über ihre Kreisgrenze wagten. Unterdessen die ersten Einschränkungen des öffentlichen und geschäftlichen Lebens in Italien, Spanien, Österreich und Frankreich, um die weitere Verbreitung des Virus aufzuhalten oder wenigstens zu verlangsamen. Menschen durften sich dort nicht mehr frei bewegen, Geschäfte, die nicht lebensnotwendig waren, mussten schließen, bald auch Kneipen und Restaurants. Krankenhäuser waren überfüllt, Ärzte und Personal an ihren Grenzen. Nicht mehr allen Erkrankten konnte geholfen werden, viele starben, vor allem Alte mit Vorerkrankungen, aber bei Weitem nicht nur die. Drohte uns das bald auch in Deutschland?

Bei uns wurden zunächst Veranstaltungen ab tausend Personen untersagt, kleinere blieben erlaubt; allenfalls wurde empfohlen, darauf zu verzichten. Auch wir fragten uns: Sollten wir wirklich noch zur Feier des sechzigsten Geburtstags des Schwagers nach Bünde fahren? Wir fuhren, es war vorläufig unsere letzte Reise und die letzte größere Ansammlung von Menschen, deren Teil wir waren. Es ging gut, und doch fühlte es sich falsch an, verboten. Das Hotel, in dem wir übernachtet hatten, musste kurz darauf für privat Reisende schließen, wie alle Hotels. In Bünde sah ich erstmals leergekaufte Supermarktregale. Der Thriller wurde realer.

Die menschliche Vernunft ging weiter zurück: Viele hielten sich nicht an die Kontaktbeschränkungen, manche feierten sogar „Corona-Partys“. Und sie kauften Unmengen Toilettenpapier, als hinge ihr Leben davon ab; wochenlang war es Glückssache, noch eine Packung zu erstehen. Außerdem Nudeln und Mehl, warum ausgerechnet Mehl, was machten sie damit? Dabei gab es keine Engpässe in der Versorgung, wie Handel und Politiker nicht müde wurden zu betonen, es war grundsätzlich genug von allem für alle da. Oder wäre gewesen, wenn jeder nur so viel gekauft hätte, wie er benötigte. Der Konjunktiv bekam Konjunktur in diesem Jahr. Das, was wir „zivilisiertes Verhalten“ nennen, erwies sich als ein dünner Faden, der schnell reißt, sobald wir glauben, die Kontrolle zu verlieren, uns übervorteilt oder bedroht fühlen oder schlicht Angst haben.

Ein wenig erinnerte mich die Situation an 1986, als aus Tschernobyl die radioaktive Wolke zu uns kam und wir sehr verunsichert waren wegen dieser unsichtbaren Gefahr, ängstlich unter das nächste Dach liefen, sobald ein paar Regentropfen fielen, kein Wild und keine Waldpilze mehr aßen. Und doch war ich jetzt guter Hoffnung, es würde mich und mir nahestehende Personen nicht treffen. Allein von den Fallzahlen her war die Wahrscheinlichkeit einer Infektion mit schwerem Krankheitsverlauf gering. Noch.

Die Woche darauf verkündete die Bundeskanzlerin erst in einer Pressekonferenz, dann in einer Ansprache ans Volk weitreichende Einschränkungen auch bei uns: Keine Veranstaltungen, keine unnötigen Reisen wie Urlaub, keine Restaurantbesuche, die Wohnung nur noch verlassen, wenn es unvermeidbar ist, wie zur Arbeit oder zum Einkaufen; grundsätzlich maximal zu zweit und mit mindestens eineinhalb Meter Abstand zueinander. Abstand wurde zu einem der meist gebrauchten Wörter des Jahres. Viele Geschäfte mussten nun auch in Deutschland schließen, zudem alle Kneipen, Bars, Theater, Museen, Friseure, Universitäten und Schulen. Keine Konzerte, Gottesdienste, Sportveranstaltungen, sogar die Fußball-Europameisterschaft und Bundesliga wurden abgesagt. Kurz: Alles, wo Menschen zusammenkamen aus nicht lebenswichtigen Gründen. Die meisten Grenzen zu den Nachbarländern wurden geschlossen und Mecklenburg-Vorpommern ließ niemanden aus anderen Bundesländern mehr rein. Der Stillstand bekam einen eigenen Namen, nein zwei: wahlweise „Lockdown“ oder „Shutdown“. Irgendwer fing damit an, bald plapperten es alle nach.

Viele Firmen ordneten, soweit möglich, Heimarbeit an, oder sie stellten den Geschäftsbetrieb ganz ein, wie die großen Autohersteller. Ich selbst wollte und durfte weiterhin ins Büro fahren, fuhr nur noch mit dem Fahrrad dorthin, auch bei Regen und Kälte. Die Stadtbahn mied ich, obwohl die Bahnen anfangs fast leer durch die Gegend fuhren, sicher ist sicher. Ich war froh, noch ins Büro zu dürfen, obwohl ich ebenfalls zu Hause hätte arbeiten können. Es gab meinen Tagen Struktur und die mir wichtige Trennung Arbeit – Privat blieb erhalten. Der Autoverkehr auf den Straßen ging drastisch zurück, die Staumeldungen im Radio fielen ungewohnt kurz aus.

Die Reise- und Tourismusbranche kam fast zum Erliegen, die meisten Flugzeuge blieben am Boden, Kreuzfahrtschiffe lagen fest. Die Natur konnte ein wenig aufatmen. Wie mochte es jetzt in Playa del Ingles auf Gran Canaria sein, wo wir früher so oft waren, einem Ort, der fast ausschließlich aus Hotels und Ferienappartements und einer rein auf den Tourismus ausgelegten Infrastruktur bestand? Gespenstisch leer vermutlich, vor allem nachts.

Ich fragte mich, wie lange die Bevölkerung noch ruhig und zu Hause blieb, den Empfehlungen der Regierung folgte, die beschlossenen und verkündeten Maßnahmen und Einschränkungen akzeptierte. Kam es irgendwann zu Unruhen, Gewalt, Plünderungen? Die Menschen bereiteten mir viel mehr Sorgen als das Virus. Wie lange war die Versorgung mit Lebensmitteln sichergestellt? Hielten die Menschen in den sogenannten „systemrelevanten“ Berufen – Ärzte, Polizisten, Verkäufer, Zusteller, Feuerwehr und andere – noch lange durch? Was passierte, wenn nicht?

Anfang April lebten wir seit drei Wochen im Ausnahmezustand, der mit großer Wahrscheinlichkeit noch einige Wochen anhalten würde, auch wenn die Stimmen nicht nur aus der Wirtschaft laut wurden, dass wir das nicht mehr lange durchhielten. Aber was war die Alternative? Die Zahl der Infektionen stieg weiter, fast 100.000 Fälle und 1.500 Tote, aber immerhin auch 26.000 Genesene in Deutschland; über letztere wurde in den Medien wenig berichtet.

Persönlich empfand ich mich nur wenig eingeschränkt, vielmehr konnte ich der Situation auch durchaus Gutes abgewinnen: In absehbarer Zeit gab es keine Dienstreisen, fast alle privaten Verpflichtungen waren ausgesetzt oder ganz gestrichen. Ich musste abends nicht mehr raus zu Vereinsaktivitäten, die mir schon vor der Pandemie zunehmend lästig geworden waren. Früher waren freie Wochenenden ohne Termine ein Geschenk, nun wurden sie zur Regel. Ich durfte weiterhin spazieren gehen und war gewissermaßen gezwungen, regelmäßig Fahrrad zu fahren. Und ich habe keine Kinder, die ich nun den ganzen Tag bespaßen und beschulen musste, weil sie nicht zur Schule gehen konnten. („Homeschooling“ ist auch eins dieser unsäglichen, nachgeplapperten Wörter, die dieses Jahr hervorgebracht hat.) Ich glaube, wenn ich Kinder hätte, käme ich nachts nicht in den Schlaf aus Sorge um deren Zukunft, auch wenn diese Seuche irgendwann vorüber sein sollte; andere Krisen, allen voran der Klimawandel, gehen weiter.

Natürlich gab es einiges, was ich vermisste: Die Woche Urlaub in Südfrankreich nach Ostern. Die gebuchte Schifffahrt zu „Rhein in Flammen“ Anfang Mai. Restaurantbesuche. Mit Freunden ins Ahrtal fahren, mit anschließender (W)Einkehr. Aber was waren das für Probleme, verglichen mit denen Anderer? Die infiziert oder erkrankt waren. Die bereits Angehörige verloren hatten. Die ihre Lieben im Krankenhaus oder Pflegeheim nicht besuchen durften. Die sich Sorgen um ihre berufliche Zukunft machen mussten. Die irgendwo in einem fernen Land oder auf einem Kreuzfahrtschiff festsaßen und nicht nach Hause konnten. Die in einem Flüchtlingslager lebten. Obdachlose. Nein, uns ging es gut, es fehlte an nichts.

Die Maßnahmen wirkten: Die Zahl der Neuinfektionen ging zurück, im Mai wurden die Einschränkungen teilweise aufgehoben. („Lockerungen“ wurde ein weiteres Wort des Jahres.) Läden, Restaurants, Friseure, Schulen und Kirchen öffneten wieder, unter strengen Auflagen: Sie durften nur mit Mund-Nasen-Schutzmaske betreten werden, deren Wirksamkeit noch wenige Wochen zuvor bei Politikern und Wissenschaftlern umstritten war, was vielleicht auch daran lag, dass es anfangs nicht genug Masken für alle gab. Nun gab es sie in rauen Mengen, von einfachen Einwegmasken bis hin zu modischen Designerstücken mit lustigen Motiven. Beim Betreten der Läden musste man sich die Hände desinfizieren, in Restaurants Namen und Kontaktdaten hinterlassen, zur „Kontaktpersonennachverfolgung“, eine weitere Wortgeburt dieses Jahres. Wir durften also wieder raus, Leute treffen, in die Büros, mit Einschränkungen reisen. Auch Fußballspiele vor reduziertem Publikum waren wieder möglich. Die „neue Normalität“ wurde ausgerufen. Man fuhr und flog wieder in den Urlaub, nach Mallorca, Italien, in die Türkei – die meisten jedoch blieben im Inland. Nord- und Ostseeküste erlebten einen Andrang wie lange nicht mehr.

In der Bevölkerung regte sich Widerstand gegen die angeordneten Maßnahmen, die weiterhin Bestand hatten, allen voran die Maskenpflicht. Das reichte von „ist doch nicht viel schlimmer als eine Erkältung“ bis hin zu absurden Verschwörungstheorien, wonach das Virus nur eine ausgedachte Gefahr war, um das Volk zu versklaven. In Berlin, Stuttgart und anderen Städten gingen die Leute deswegen auf die Straßen, Regenbogenfahnen marschierten neben Reichskriegsflaggen.

Der Sommer wurde heiß, viele junge Leute pfiffen weiterhin auf die Regelungen und Abstand, trafen sich, da Diskos und Clubs geschlossen waren, in Parks, auf Plätzen, am Rheinufer; tranken, feierten, sahen es überhaupt nicht ein, sich einschränken zu lassen. Mehrfach löste die Polizei Ansammlungen auf, was häufig auf Widerstand stieß und immer wieder Gewalt auslöste.

Einige Staatspräsidenten verharmlosten die Gefahr und weigerten sich, Masken zu tragen, gerade solche mit besonders hohen Infektionszahlen in ihrem Land, etwa Brasilien, Großbritannien, die USA oder Weißrussland. Folgerichtig fingen sie sich selbst das Virus ein, wobei nur Boris Johnson, der britische Premierminister, nennenswerte Symptome aufwies, während die anderen – Trump, Bolsonaro, Lukaschenko -, glimpflich davonkamen und hinterher umso überzeugter verkündeten, das Virus sei ungefährlich, obwohl bereits Tausende aus ihrer Bevölkerung daran gestorben waren.

Die meisten jedoch waren vernünftig und hielten sich an die Einschränkungen. Aber was nützte das alles, solange es keine Impfung und kein Medikament gab? Wahrscheinlich müssten wir bestimmte Vorsichtsmaßnahmen noch lange Zeit beibehalten: Hände häufig waschen, keine Umarmungen und Küsschen zur Begrüßung, keine Hände schütteln, Abstand halten. Immerhin: Wenn Händeschütteln durch diese Krise dauerhaft abgeschafft würde, hätte sie wenigstens etwas Gutes bewirkt.

Große Veranstaltungen wurden abgesagt: das Oktoberfest in München, die Karnevals-Session, Weihnachtsmärkte. Dennoch galt es, einen weiteren Stillstand um jeden Preis zu vermeiden, weil man befürchtete, große Teile der Wirtschaft würden den nicht überstehen.

Im Herbst, nach Rückkehr der Urlauber, stiegen die Infektionszahlen wieder an. Zunächst langsam, bald rasant. Fast alle angrenzenden Länder wurden zu Risikogebieten erklärt, wer dorthin reiste, musste hinterher einen negativen Corona-Test vorweisen oder sich in Quarantäne begeben. Einige Länder verschärften die Maßnahmen wieder drastisch, verhängten Ausgangssperren. Auch immer mehr Regionen in Deutschland waren betroffen. Die Bundeskanzlerin beriet sich mit den Ministerpräsidenten der Länder, was zu tun sei, doch es gelang zunächst nicht, sich auf einheitliche Regelungen zu einigen. Die Maskenpflicht wurde verschärft, auch draußen sind seitdem Mund und Nase zu bedecken überall dort, wo viele Menschen sind, vor allem in Fußgängerzonen. Als Brillenträger läuft man nun noch häufiger im Nebel herum. Für die Gastronomie wurde die Sperrstunde eingeführt. Immerhin gab es noch Gastronomie.

Zum November einigten sich Bund und Länder auf neue Beschränkungen, nicht ganz so drastisch wie im Frühjahr: Befristet für zunächst vier Wochen mussten Gaststätten wieder schließen, Veranstaltungen wurden untersagt, maximal fünf Personen aus unterschiedlichen Haushalten durften sich öffentlich treffen. Immerhin gab es keine Ausgangssperren wie in anderen Ländern, zum Beispiel Frankreich. Geschäfte und Schulen blieben geöffnet, der Profisport durfte ohne Zuschauer weiter betrieben werden, vermutlich ließ sich damit auch so noch genug Geld verdienen.

Es gab Hoffnung: Im November meldeten mehrere Unternehmen, einen wirksamen Impfstoff entwickelt zu haben. Doch der musste erstmal zugelassen, in erforderlicher Anzahl hergestellt und verteilt werden.

Die Neuinfektionen gingen unterdessen nicht zurück, täglich meldete das Robert-Koch-Institut eine fünfstellige Zahl an neu Infizierten, auch die Zahl der „an oder mit“ Corona Gestorbenen stieg an. Daher einigten sich Bundeskanzlerin und Ministerpräsidenten auf eine Verlängerung der Maßnahmen, erst bis Ende Dezember (das Weihnachtsgeschäft!), dann bis Anfang Januar; über Weihnachten und Silvester sollte es leichte Lockerungen geben, statt fünf sollten sich vorübergehend zehn Personen treffen dürfen. Einige Städte verhängten nächtliche Ausgangssperren. Die Verrückten demonstrierten unterdessen weiter und faselten von „Diktatur“.

Anfang Dezember mahnten führende Wissenschaftler dringend weitere Beschränkungen an. Gleichzeitig wurden in Großbritannien die ersten Menschen geimpft, was zu Diskussionen und Unverständnis führte, da die EU sich mit der Zulassung noch etwas Zeit ließ; erst nach Weihnachten sollten auch hier die ersten Spritzen gesetzt werden. Unterdessen wurden aufgrund der weiter steigenden Infektionszahlen die Maßnahmen weiter verschärft. Über die Weihnachtstage gab es nur noch geringfügige Lockerungen, die derart kompliziert formuliert waren, dass sie keiner verstand, zu Silvester wurden Ansammlungen in der Öffentlichkeit und der Verkauf von Feuerwerk untersagt.

Die früheren Impfungen nützten den Briten zunächst wenig: Eine Woche vor Weihnachten trat eine neue Variante des Virus auf, die bis zu siebzig Prozent ansteckender sein sollte, nach ersten Erkenntnissen jedoch weder zu schwereren Krankheitsverläufen noch einer erhöhten Sterblichkeit führte. Zur Sicherheit stellten zahlreiche europäische Länder vorübergehend den gesamten Reise- und Frachtverkehr mit Großbritannien ein; kurz darauf stauten sich tausende von LKWs vor Dover. Konsumfreude kollidierte mit Naturgewalt.

Kurz vor dem nächsten Jahreswechsel freuten sich viele, weil dieses schlimme Jahr vorüber ging, obwohl das Ende des vorläufigen Dauerzustandes noch lange nicht absehbar ist. Weiterhin meldet das Robert-Koch-Institut für Deutschland täglich Neuinfektionen in fünfstelliger Zahl. Weltweit hatten sich fast 83 Millionen Menschen mit dem Virus infiziert, über 1,8 Millionen davon sind gestorben. Deutschland stand mit rund 1,7 Millionen Infizierten und dreiunddreißigtausend Toten noch vergleichsweise gut da. Einige klagten vor Gericht, weil sie zu Silvester keine Raketen abfeuern durften und bekamen sogar Recht, weil die Richter keinen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Feuerwerk, Infektions- und erhöhter Knallkörperverletzungsgefahr sahen.

Immerhin: Der Stuttgarter Initiator der zweifelhaften Bewegung, die sich selbst als „Querdenker“ bezeichnet, hatte angekündigt, bis auf weiteres auf Demonstrationen zu verzichten. Die LKW, die sich vor Weihnachten in England stauten, durften ihre Fahrt fortsetzen. Und in Europa sind die Impfungen angelaufen, als erstes alte Menschen in Pflegeheimen und medizinisches Personal; in den Nachrichtensendungen wird ungefähr alle zwei Minuten eine Nadel in einen Oberarm getrieben.

Schon kurz nach Weihnachten wurden Zweifel laut, dass die Beschränkungen wie geplant nach dem 10. Januar teilweise zurückgenommen werden können. Anfang Januar trafen sich wieder Bundeskanzlerin und Ministerpräsidenten und sie beschlossen, die Maßnahmen bis Ende Januar zu verlängern, mehr noch: Nun durften wir uns nur noch mit einer haushaltsfremden Person treffen und man erwog, den Bewegungsradius von Menschen in besonders stark betroffenen Gebieten auf einen Umkreis von fünfzehn Kilometer um den Wohnort zu beschränken. Das wurde heftig kritisiert, da weder klar war, ob mit Wohnort die konkrete Adresse des Einzelnen oder die Gemeinde-/Stadtgrenzen gemeint waren, noch wie das durchzusetzen und zu kontrollieren sei. Heftig kritisiert wurde auch der Gesundheitsminister, weil die Impfungen wegen zu wenig Impfstoff nur schleppend anliefen. Unterdessen starben in Deutschland täglich mehr als tausend Menschen wegen Corona.

Da im Laufe des Februars die Zahlen sanken, wurden Lockerungen ab Anfang März beschlossen, die kaum einer richtig verstand, mit „Notbremse“ bei schlechter Entwicklung. Friseure durften wieder Haare schneiden (was für manche Menschen scheinbar wichtiger war als Lebensmittel und Klopapier), Einzelhändler durften wieder ihre Läden öffnen, allerdings nur nach Terminvereinbarung, wofür das nächste Wortungetüm „Click & Meet“ geschaffen wurde. Gegen jede Vernunft und ohne ausreichende Testmöglichkeiten wurden Schüler wieder zum Präsenzunterricht einberufen. Unterdessen lief das Impfen weiterhin sehr schleppend; während andere Länder wie Israel, sogar Amerika und England schon sehr weit waren und unter anderem Außengastronomie ermöglichten, stritt man in Deutschland darüber, wer wann wen wo und womit impfen durfte. Vor allem fehlte es nach wie vor an ausreichend Impfstoff. Hinzu kam ein Skandal, weil mehrere CDU-Abgeordnete im vergangenen Jahr in unlautere Geschäfte mit Schutzmasken verstrickt waren, die sie ihr Mandat und die Partei erhebliche Stimmen bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz kosteten.

Während Urlaubsreisen im Inland weiterhin nicht möglich waren, galt Mallorca nicht mehr als Risikogebiet, woraufhin sich Tausende auf den Weg dorthin machten, trotz Maskenpflicht und ab dem frühen Abend geschlossenen Kneipen und Restaurants. Hauptsache mal raus. Die Festland-Spanier durften ihre Städte und Regionen unterdessen weiterhin nicht verlassen.

Wenig überraschend stieg die Zahl der Neuinfektionen im März wieder stark an, vor allem auch wegen der neuen Virus-Varianten. Daher zogen Bundeskanzlerin und Ministerpräsidenten Mitte März die Notbremse, die sie nach heftiger Kritik aus der Wirtschaft bereits zwei Tage später wieder etwas lockern mussten. Erstmals in der Geschichte äußerten sie unverblümt Selbstkritik und baten für ihre Fehlentscheidung um Entschuldigung. Das Vertrauen der Bevölkerung in die Politiker war schwer beschädigt und niemand wusste mehr genau, was noch erlaubt war und was nicht.

Deshalb wurde Ende April das Bundesinfektionsschutzgesetz angepasst, wieder war ein neues Wort geboren: die „Bundesnotbremse“. Unter anderem galt nun einheitlich für Städte und Kreise mit einem Inzidenzwert über 100 Infizierte je 100.000 Einwohner (somit fast alle) eine nächtliche Ausgangssperre zwischen 22 und 5 Uhr, wobei spazieren und laufen auch noch bis 24 Uhr erlaubt war. Die meisten Geschäfte durften Waren nur noch zur Abholung anbieten, andere wie Friseure durften nur mit einem tagesaktuellen negativen Testergebnis betreten werden. Arbeitnehmer waren grundsätzlich zur Heimarbeit verpflichtet, wenn es die Tätigkeit zuließ.

Unterdessen breitete sich in Indien nach religiös-rituellen Massenbädern im Ganges eine neue Variante aus, die täglich zu tausenden Neuinfektionen und Toten führte. Das Gesundheitssystem kollabierte, man kam kaum noch hinterher, die Leichen zu verbrennen.

Bei uns hingegen zeigte die „Bundesnotbremse“ Wirkung – die Zahl der Neuinfektionen ging zurück, zunächst nur langsam, dann deutlich. Gleichzeitig stieg die Zahl der Geimpften, zumal neben den Impfzentren auch Haus- und Betriebsärzte endlich impfen durften. Läden und Außengastronomie öffneten wieder, vorläufig durften sie nur mit einem aktuellen negativen Testergebnis betreten werden. Deshalb öffnete an jeder zweiten Straßenecke eine Teststation, offenbar ein einträgliches Geschäft, was manche Betreiber motivierte, es mit der Zahl der gemeldeten Tests nicht allzu genau zu nehmen und großzügig aufzurunden.

Mit weiter sinkenden Zahlen entfiel die Testpflicht für Geschäfte und Gastronomie, im Freien mussten keine Schutzmasken mehr getragen werden – einige taten es erstaunlicherweise dennoch weiterhin. Arbeitnehmer durften wieder in die Büros zurückkehren, viele arbeiteten dennoch lieber weiterhin zu Hause, wenn ihre Chefs sie ließen. Und man fuhr und flog wieder in den Urlaub in andere Länder. Fast fühlte es sich wieder „normal“ an, was immer mehr Leute dazu brachte, ihren zweiten Impftermin nicht wahrzunehmen; an manchen Tagen war bei den Impfstellen mehr Impfstoff vorhanden als Impfwillige. Ein neuer Begriff war geboren: „Impfschwänzer“.

Anders entwickelten sich die Zahlen in anderen Ländern, etwa England und Portugal, wo sich die hochansteckende indische Variante, inzwischen umbenannt in „Delta“, um die Inder nicht zu diskreditieren, schnell ausbreitete. Das hielt die UEFA nicht davon ab, die im letzten Jahr verschobene Europameisterschaft nachzuholen, vor Publikum in teilweise voll besetzten Stadien. Fußballfans ohne Masken jubelten und fielen sich in die Arme, zogen später in Feierlaune durch die Städte. Immerhin, dank der Impfungen stieg die Zahl der schweren Erkrankungen und Todesfälle nicht stark an.

Für den Herbst rechnete man indessen fest mit einer vierten Welle. Zu recht: Dank Delta rollte sie bereits ab August über uns hinweg. So richtig schien das trotz stark ansteigender Neuinfektionen vor allem bei jüngeren Menschen niemanden mehr zu kratzen; von möglichen Einschränkungen sprach kurz vor der Bundestagswahl niemand, für die sogenannten „3G“ (Genesene, Geimpfte und Getestete) standen wieder alle Türen offen, was Unmut bei den Impfunwilligen erzeugte. Die Zahl der schweren Krankheitsverläufe und Todesfälle stieg weiterhin nur moderat.

Unterdessen wurde darüber gestritten, ob Arbeitgeber zur Planung von Präventionsmaßnahmen bei ihren Mitarbeitern den Impfstatus erfragen dürfen. Laut Gegnern verstieß diese Frage gegen die persönliche Selbstbestimmung und sie könnte die weit befürchtete „Impfpflicht durch die Hintertür“ fördern.

Das änderte sich, als im November die Zahlen dramatisch anstiegen. Während am Elften im Elften Fernsehbilder von Straßen und Plätzen voller bunt kostümierter Narren und Jecken in Köln verstörten, meldete das Robert-Koch-Institut erstmals Tageswerte von über 50.000 Neuinfektionen, und das war erst der Anfang. Die Krankenhäuser beklagten wieder volle Intensivstationen, notwendige Verschiebungen von Operationen und Pflegekräfte am Ende ihrer Kräfte, wenn sie noch nicht gekündigt hatten. Noch immer waren viel zu viele Menschen ungeimpft, obwohl genug Impfstoffe für alle vorhanden war; manche hatten immer noch Bedenken wegen vermeintlicher Spätfolgen, andere sahen in einer Impfung einen unzulässigen Angriff auf die persönliche Freiheit und körperliche Unversehrtheit. Besonders dramatisch war die Lage in Sachsen und Bayern, deshalb wurden dort, ebenso wie in Österreich und den Niederlanden, wieder weitreichende Einschränkungen des öffentlichen Lebens und Schließungen angeordnet, Weihnachtsmärkte abgesagt, bereits aufgestellte Buden wieder abgebaut. In Österreich und Holland kam es wegen der Maßnahmen zu teilweise schweren Ausschreitungen.

Nicht nur Ungeimpfte, auch zweifach Geimpfte infizierten sich, das neue Wort „Impfdurchbruch“ verbreitete sich. Immerhin verhinderte die Impfung zumeist schwerere Krankheitsverläufe und Todesfälle. Wie sich zeigte, reichte „3G“ nicht aus, um die weitere Ausbreitung zu verhindern. Selbst auf Veranstaltungen mit „2G“, also nur Geimpfte und Genesene hatten Zutritt, kam es zu Ausbrüchen. Daher wurden viele Veranstaltungen unter „2G Plus“ durchgeführt, also geimpft oder genesen und zusätzlich getestet. Ein Problem war die oft nur lückenhafte Kontrolle der Maßnahmen.

Die Anordnung von „2G Plus“ zeigte Wirkung: Vor Impfstationen und -bussen bildeten sich lange Schlangen, Hausärzte konnten die Anfragen kaum bewältigen. Die Impfzentren waren unterdessen bereits größtenteils abgebaut worden. Viele Menschen ließen sich, zunächst nur für Ältere und Gefährdete, später für alle empfohlen, zum dritten Mal impfen; hierfür etablierte sich der Begriff „Boosterimpfung“ bzw. „boostern“.

Die „Politik“ agierte hilflos und zögerlich. Auch, weil nach der Bundestagswahl im September die alte Bundesregierung nur noch geschäftsführend und wenig ambitioniert im Amt war, während sich die neue „Ampelkoalition“ noch in der Findung befand. Immerhin schaffte man es, ein neues Infektionsschutzgesetz zu beschließen. Erstmals war die Impfpflicht, zumindest für bestimmte Berufsgruppen, kein Tabu mehr, und Arbeitgeber duften ihre Mitarbeiter zum Impfstatus befragen, zudem mussten sie „3G“ am Arbeitsplatz sicherstellen und wieder Heimarbeit ermöglichen.

Für den Bonner Weihnachtsmarkt, der immerhin stattfand, galt „2G“, für die Innenstadt wurde wieder die generell Maskenpflicht angeordnet. Die Gastronomie litt, weil viele Weihnachtsfeiern sowie Karnevalsveranstaltungen abgesagt wurden. Die Aussichten für das bevorstehende Weihnachtsfest und die Karnevalssession waren wenig optimistisch.

***

Irgendwann könnte das Virus besiegt sein und wir gehen wieder über zum üblichen Irrsinn, machen weiter wie vorher, reisen, konsumieren, zerstören die Umwelt, wandeln das Klima, Hauptsache wir haben Wachstum. Reiche werden reicher, Arme ärmer, und wir Menschen werden immer mehr. Alles wie gehabt.

Aber vielleicht kommt es ganz anders. Hätte ich Talent und Lust, einen Thriller zu schreiben, dann etwa so:

Es gibt mehr als sieben Milliarden Menschen auf der Erde, mit den bekannten Auswirkungen auf Natur und Klima, und es werden immer mehr. Dabei vermehren sich augenscheinlich diejenigen besonders stark, die es sich am wenigsten leisten können: die Ärmsten in Afrika, RTL-Zielgruppenzugehörige, die sich durch absurde Frisuren und Haarfärbungen, Tätowierungen bis zum Hals und Metallteilen in verschiedensten Körperteilen selbst den Weg zu großen Teilen des Arbeitsmarktes verbauen; selbst in Flüchtlingslagern, wo Menschen teilweise seit Jahren festsitzen und vermutlich andere Sorgen als die Arterhaltung haben, werden neue Menschen geboren.

Vielleicht ist Corona nur ein Auftakt, ein Vorgeschmack auf etwas kommendes Großes. Durch Kontaktbeschränkung und Impfungen mag es gelingen, die weitere Ausbreitung erst zu verlangsamen, dann zu stoppen. Doch kaum, dass wir die Krise überwunden glauben und da weitermachen, wo wir vorher aufgehört haben, entsteht eine neue Mutation des Virus. Zunächst unbemerkt, da über Monate keine Symptome auftreten, breitet es sich rasend schnell aus. Als man begreift, dass wiederum ein Virus die Ursache für eine neue, rätselhafte Erkrankung ist, ist es zu spät. Man kann ihm nicht entgehen, nirgendwo, es ist nahezu auf der ganzen Welt. Reihenweise erkranken die Menschen weltweit schwer, anders als bei Covid-19, wo ein hoher Anteil nur leichte oder gar keine Symptome zeigte, trifft die neue Form alle, die sich infiziert haben. Innerhalb weniger Tage bricht das Gesundheitssystem zusammen, die Sterblichkeit liegt bei über fünfzig Prozent. Geschäftliche Aktivitäten werden in kürzester Zeit eingestellt, die Grundversorgung mit Strom, Internet, Wasser und Lebensmitteln kommt zum Erliegen. Das, was wir Zivilisation nennen, hört auf zu existieren, es herrscht einzig das Recht des Stärkeren. Staat und Politik lösen sich auf, auch auf die „Rechten“ und „Querdenker“, die anfangs noch Schuldige ausgemacht hatten und einfache Lösungen wussten, hört niemand mehr. Globalisierung und Gendersternchen sind nur noch Begriffe ohne irgendeine Bedeutung.

Während in den Parks die Kastanien in voller Blüte stehen, sterben innerhalb weniger Wochen mehrere Milliarden Menschen, vor allem in den hoch entwickelten, technikabhängigen Industrieländern. Ganze Städte sind menschenleer, stattdessen wühlen Wildschweine in den Vorgärten der Villenviertel.

Vielleicht erleben wir gerade das Ende der Menschheit, wir wissen es nur noch nicht. Nicht der Klimawandel oder ein Atomkrieg löscht uns aus, sondern ein Virus. Sieben Milliarden Menschen, die sich benehmen, als wären sie die einzige Spezies von Bedeutung, der sich alles andere unterzuordnen hat, die sich immer weiter vermehren und so tun, als gäbe es kein Morgen – vielleicht ist es damit bald vorbei, und die Weltherrschaft geht über an Ameisen oder Ratten. Vielleicht beherrschen die auch längst die Welt, wir haben es nur noch nicht bemerkt.

Woche 45/2021: Nicht mehr blasfähig

Montag: „Da sind wir auf dem wachsenden Ast unterwegs“, hörte ich in einer Besprechung. Beinahe wäre mir daraufhin ebenfalls ein Ast … lassen wir das.

Gelesen und, da für sehr schön befunden, zum Nachlesen empfohlen: Am Anfang war das Wort.

Dienstag: Es ist des Alltagsbloggers höchstes Vergnügen, aus der Flut der täglichen Wahrnehmungen diejenigen herauszufiltern, die des Notierens würdig erscheinen. Eine solche war der Satz, den vor Jahren ein Kollege zum Ende eines Gesprächs aussprach: Statt der in Momenten des Scheidens üblichen Floskel „Einen schönen/angenehmen/erfolgreichen Tag noch“ wünschte er einen „hohen Wirkungsgrad“, was sogleich aufgeschrieben und später dem geneigten Leser zur Kenntnis gegeben wurde. Manches davon merkt man sich, um es womöglich selbst gelegentlich anzubringen, anderes, wie in vorstehendem Fall, vergisst man aus gutem Grund bald wieder. Bis heute Abend, als mir jemand per Mail mitteilte, bei der Recherche nach genau jener Phrase (warum recherchiert man sowas?) sei er auf dieses Blog gestoßen, und er kenne genau zwei Personen, die derlei sagen, auch deren Namen nannte er mir, ob auch ich einen der beiden kenne, wir somit gar einen gemeinsamen Bekannten hätten. Haben wir nicht, mein Kollege trägt einen anderen Namen, was ihn indes nicht vom Gebrauch dieser ungewöhnlichen Abschiedsformel abhält.

Wie vielleicht bereits erwähnt, laufe ich zur Erhaltung des persönlichen Wirkungsgrades wieder regelmäßig, zweimal in der Woche abends, seit der Zeitumstellung am vorletzten Wochenende im Dunkeln, was nicht ganz ungefährlich ist. Musste der späte Läufer in früheren Zeiten fürchten, von wilden Tieren oder Räuberbanden heimgesucht zu werden, geht die größte Gefahr heute von achtlos in den Weg gestellten oder gelegten Elektrotretrollern aus.

ABBA ist seit dem neuen Album wieder in aller Munde, so lief am Abend im Fernsehen eine mehrstündige Dokumentation, aus der ich unter anderem mir bis dahin Unbekanntes erfuhr, nämlich dass sie sich mit dem Lied „Ring Ring“ bereits im Jahre 1973 für den Grand Prix Eurovision de la Chanson (für die Jüngeren: heute Eurovision Song Contest bzw. ESC) beworben hatten und damit durchfielen, ehe ihnen ein Jahr später mit „Waterloo“ der große Durchbruch gelang. Auch im aktuellen SPIEGEL ist ein Gespräch mit Björn Ulvaeus zu lesen, in dem er sagte: »Und ich habe ein Vibrationsgerät, mit dem ich, Sie wissen schon, Sachen mache.« Bis das schöne Gefühl kommt, von der Erzeugung schöner Gefühle verstehen die vier bis heute was. Es ging übrigens um so ein Geräte, das angeblich in der Lage ist, per Vibration Muskeln aufzubauen. Manche Leute glauben ja die abwegigsten Dinge, denken Sie nur an eingeimpfte Mikrochips oder Homöopathie.

Mittwoch: „Das ist fein für mich“, schrieb jemand in einer Mail. Eine dieser sinnlosen Phrasen, die zu sagen/schreiben irgendwann mal einer angefangen hat, seitdem von zahlreichen Businesskasperjargonliebhabern in Wort und Schrift vielfach nachgeplappert.

Auch fein, gehört in einer größeren Besprechungsrunde, als es darum ging, ob ein Seitenthema nicht besser in kleinerer Runde diskutiert werden sollte: „Das ist für die meisten hier vielleicht nicht langweilig, aber an der Grenze zur Relevanz.“ Das wiederum möchte ich mir gerne für die spätere Verwendung merken, siehe gestern.

Donnerstag: Heute ist der Elfte im Elften, ein für den Rheinländer wichtiges Datum (wohingegen für den Ostwestfalen einfach Donnerstag ist), oder „Double Eleven“, wie ich erstmals in völlig anderem, kommerziellen Zusammenhang las. (Meine Irritation über die Fernsehbilder dicht gedrängter Jecken in Köln möchte ich nicht weiter ausführen. Möglicherweise sehen wir noch interessanten Wochen und Monaten entgegen.)

Außerdem ist heute Martinstag: Auf dem Rückweg vom Werk sah und hörte ich am anderen Rheinufer einen Martinsumzug mit Trompetenspiel, meines Wissens eine katholische Angelegenheit. In meiner ostwestfälisch-evangelisch geprägten Kindheit – auch ich war mal Christ – gingen wir stattdessen, soweit ich mich erinnere einen Tag vor den Katholiken, zum „Martin-Luther-Singen“: In kleineren Gruppen, anfangs in Elternbegleitung mit echtkerzenbeleuchteten Papierlaternen, später unbeaufsichtigt und unbeleuchtet, liefen wir, mit Plastiktüten ausgestattet, von Haus zu Haus, klingelten, sangen ein im Rückblick seltsames Lied, danach warfen uns die Besungenen Süßigkeiten in die damals noch gänzlich unbescholtenen Kunststoffbeutel; das reichte von extra für diesen Tag beschaffter Neuware eines namhaften Bonner Herstellers bis hin zu klebrigen Bonbons, die vermutlich schon seit Generationen jedes Jahr zu „Martin Luther“ weitergereicht wurden.

Das Lied ging ungefähr so, wobei meine Erinnerung Lücken aufweist: „Martin Luther, Martin singen wir / Wir treten hervor das goldene Tor / Wer uns was gibt, und nicht vergisst / der kriegt eine goldene Krone / Die Krone reicht so weit, so weit / bis über die ganze Christenheit / Guten Aaabend, guten Aaabend / Lasst uns nicht so lange steh’n / wir woll’n noch ein Häuschen weiter geh’n / von hier bis nach Kööölle / Kölle ist ne große Stadt / da geben uns alle Leute wat / [beim Folgenden bin ich mir sehr unsicher, so ähnlich ging es jedenfalls, und zwar gesprochen/gerufen:] Schnick-schnack-Hosenmatz / [ab hier wieder etwas sicherer:] Schöne Jungfrau (!) gib uns was / Gib uns einen Apfel, der liegt bei dir im Schapfel (?) / Gib uns eine Nuss, dann gehen wir wieder nach Huss.“ – Rückblickend unbegreiflich, dass die Leute sich das bis zum Ende anhörten und mit Süßigkeiten belohnten. Gibt es das heute noch? Dann vermutlich mit Stoffbeuteln, LED-Laternen, veganem Naschwerk und Obst und nichtsexistischem Text. Zudem werden die Kids selbstverständlich mit dem SUV von Haus zu Haus gefahren, alles andere wäre viel zu gefährlich. Die Ausbeute wird dann per Instagram geteilt, natürlich nur in der Bedeutung von neidheischend verbreitet, nicht im Sinne von Sankt Martin und seinem Mantel.

Wo ich gerade ins Martinsplaudern geraten bin, verzeihen Sie bitte, vielleicht haben Sie noch etwas Zeit, morgen fasse ich mich wieder kürzer, versprochen: Das letzte Martin-Luther-Singen absolvierte ich mit siebzehn oder achtzehn. Genau genommen war es ein Martin-Luther-Blasen, in keiner Weise anstößig, wie Sie sogleich lesen werden: Mit fünf Jungs, allesamt Mitglieder des örtlichen Posaunenchores, zogen wir mit unseren Instrumenten durch die Gemeinde, bauten uns mit Notenständern vor den Hauseingängen auf und spielten beziehungsweise bliesen statt des oben zitierten Lutherliedes „Nehmt Abschied, Brüder, ungewiss ist alle Wiederkehr“ (auch bekannt unter dem Titel „Should auld acqaintance be forgot“). Warum ausgerechnet dieses Lied, weiß ich nicht mehr, war aber auch egal: Die Leute waren begeistert, besonders wegen der riesigen Tuba von Matthias B, beschenkten uns statt mit Süßigkeiten mit Applaus, Münzen, Zugabewünschen und Spirituosen; ein Mietshaus in der Allensteiner Straße verließen wir erst nach ungefähr einer Stunde. Blasfähig waren wir danach nicht mehr.

Übrigens: Wenn es heißt, jemand sei „praktizierender Christ“, ist wohl Vorsicht geboten.

Freitag: „Am liebsten liest man ja Texte, die sich um einen selbst drehen“, schrieb gestern Der Tagesspiegel. Das stimmt, und noch viel lieber schreibe ich sie.

Eine Einladung zur „Employee Appreciation Week“ wurde umgehend gelöscht wegen akuter Unlust, die Bedeutung von „Appreciation“ nachzuschlagen.

Samstag: Karnevals-Sessionseröffnung in Bad Godesberg, wo auch unser Verein zugegen war. Nicht nur wegen des zeitweise niedergehenden Regens und kalter Füße, trotz großzügig bemessener Abstände und Bützverzicht fühlte es sich irgendwie unrichtig an. Ich fürchte, das wird sich so bald nicht ändern.

Seit heute gibt es wieder kostenlose Covid-Schnelltests. Dazu sei die Anmerkung gestattet: Nein, die sind mitnichten kostenlos. Bezahlt werden sie von uns allen, ungeimpft wie geimpft.

Ansonsten konnten wir in dieser Woche in Glasgow der Hoffnung beim Sterben zuschauen.

Sonntag: Während des Spaziergangs durch den Bonner Norden sah ich mindestens sieben an unterschiedlichen Orten wild entsorgte alte Kühlschränke, entweder an den Straßenrand gestellt oder in öffentliche Grünflächen gelegt. Was ist nur los mit diesen Menschen? Auch sonst will es mir heute nicht gelingen, Erfreuliches niederzuschreiben, mir fällt nichts ein, vielmehr bin ich von einem gewissen Grundpessimismus ergriffen, einer Art Endzeitahnung, bitte verzeihen Sie mir, das vergeht wieder.

Um den Rückblick nicht ganz so schlechtlaunig zu beenden, ein paar Bilder der Woche:

(Montag, Rheinauenpark)
(ebenfalls)
(auch noch)
(Donnerstagmorgen war es nebelig und ziemlich kalt)
(Abends nur noch kalt)

Ach ja, eins noch: In der Sonntagszeitung las ich einen Artikel über den zunehmenden Duz-Zwang, nicht nur in der Werbung, auch im beruflichen Umfeld. Tenor: Nicht immer ist das Du angebracht, das Sie hat durchaus hier und da noch seine Daseinsberechtigung. Dem stimme ich voll und ganz zu. Daher werde ich Sie hier weiterhin konsequent siezen, schließlich kennen wir uns kaum.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine angenehme neue Woche mit möglichst viel Optimismus.

Woche 44/2021: Liebesglück und Linseneintopf

Montag: Allerheiligen. Ist es nicht schön, in einem Land zu leben, in dem es auch Agnostikern und Atheisten ohne geistliche Notlage gestattet ist, an solchen Tagen dem Werk fern zu bleiben? So verbrachte ich nach Ausschlafen und Frühstück mit den Lieben große Teile des Tages lesend auf meinem heimischen Lieblingsplatz. Etwa dieses vom Soziologen Ulrich Beck im SPIEGEL: »Grenzwerte sind eine Verständigung auf kollektive Normalvergiftung«. Von ihm stammt auch jenes: »Verbale Aufgeschlossenheit bei weitgehender Verhaltensstarre«, passend zur aktuellen Klimadebatte, das ich bereits vor längerer Zeit notierte und noch keine Gelegenheit fand, es zu zitieren, was hiermit nachgeholt sei. Vielleicht lohnt es sich, Werke des Herrn Beck auf die Bücher-Wunschliste zu setzen. Empfehlungen nehme ich gerne entgegen.

Dienstag: Quasimontag. Erster Lichtblick des Tages beziehungsweise sein akustisches Pendant, mir fällt gerade kein Wort dafür ein: Morgens im Radio spielten sie „Music“ von John Miles. Was auch immer danach kommt – nach Verklingen des Schlussakkordes von „Music“ kann es nur blass erscheinen.

Weder blass noch fahl, sondern durchaus wohlschmeckend, wenn auch ungewöhnlich: Mittags in der Kantine gab es Linseneintopf mit Rindfleischstreifen.

Mittwoch: Der November zeigte sich kalt, nass und trübe, doch liegt das Glück ja oft darin, auch im Nasskalt-Trüben das Schöne zu sehen.

Aus der Tageszeitung:

(General-Anzeiger Bonn)

In derselben Zeitung stand auch dieses: »Eine Familie im australischen Bundesstaat Queensland hat in seiner Klimaanlage zwei sich paarende Schlangen entdeckt.« Den Tieren sei das Liebesglück gegönnt, aber warum hat der Bundesstaat eine Klimaanlage? (Einer meiner Lieblingsaufregegründe, neben fahrradfahrenden Aufsdatengerätschauenden, ist, wie Ihnen möglicherweise nicht entgangen ist, falls Sie hier gelegentlich lesen, wenn das Geschlecht des Possessivpronomens abweicht vom Substantiv, auf das es sich bezieht, insbesondere in einem Medium gewissem Qualitätsanspruch.Vielleicht sollten auch Possessivpronomen konsequent gegendert werden.)

Donnerstag: Auch in Nordrhein-Westfalen steigen die Bierpreise, war morgens im Radio zu hören. Auf dem Weg ins Werk sah ich, thematisch zumindest ein bisschen dazu passend, dieses:

(Üblicherweise ignoriere ich – einer persönlichen Bequemlichkeit, vereint mit mangelhaften Fremdsprachkenntnissen folgend – nahezu alles, was nicht in deutscher Sprache verfasst ist. Hier mache ich indes eine Ausnahme, wobei ich zunächst die Bedeutung von „refuse“ nachschlagen musste. Was uns dieser Hinweis sagen will, ist mir dennoch nicht ganz klar.)

Zahlreiche Plakate am Wegesrand weisen auf baldige öffentliche Veranstaltungen hin, auch der private Kalender füllt sich nach monatelanger Unbeflecktheit wieder mit Terminen, die nicht nur am Bildschirm stattfinden. In Anbetracht der gerade wieder dramatisch ansteigenden Infektionszahlen denke ich: abwarten. Oder wie ein prominenter, aus mir unerfindlichen Gründen bis vor geraumer Zeit, ehe er in Ungnade fiel, als „Kaiser“ bezeichneter Fußballkasper zu sagen pflegte: Schau’n mir mal.

Freitag: In einem Anschreiben beschwerte sich ein Kunde über etwas, das ich hier weder bewerten noch inhaltlich näher beschreiben werde. Der Grund des Erwähnens ist mein Gefallen an der Formulierung „mit Befremden“, mit der er seine Anstoßnahme zum Ausdruck brachte, und die in geradezu erfreulichem Kontrast zum Üblichen steht in diesen Zeiten voller Hass, Empörung und Ausrufezeichen.

Was anderes, ich weiß nicht, wie ich darauf jetzt komme: Haben Sie auch manchmal das unerklärliche Bedürfnis, jemandem wortlos den Gehkaffeebecher aus der Hand zu reißen und ihm vor die Füße zu werfen?

„Abends werden die Müden faul“, sagte einer, wobei es natürlich heißen musste „… die Faulen müde“.

Samstag: Der Tag begann schön, weil beim Brausebad dieses im Radio lief.

Beim Frühstück hörte ich erstmals das neue ABBA-Album. Die Zeitung bemerkt dazu kritisch, die vier seien im Jahr 1979 stehen geblieben, hätten sich nicht weiterentwickelt. Ja genau. Deshalb finde ich das Album wunderbar und freue mich sehr darüber.

Gefreut habe ich mich auch über dieses, gelesen bei Frau Novemberregen: »im Theater erschien mir googeln situationsfern«, besonders über das Wort „situationsfern“.

Sonntag: Ein paar Spaziergangsbilder, denn Bilder sagen mehr als Worte.

(Sie können gerne den angezeigten Link aufrufen, ich habe mich nicht getraut und übernehme selbstverständlich keine Haftung für eventuelle Schäden oder moralische Unwägbarkeiten.)

Was ich noch sah, jedoch nicht fotografierte, war ein älteres Paar, das am Rhein spazierte. Sie trugen die gleichen Jacken, vorne blauer Stepp, hinten sowie Ärmel grau, soweit ich mich erinnere, ist nicht wichtig und nicht ungewöhnlich bei sich zusammengehörig fühlenden Menschen. Bemerkens- und notierenwert fand ich indes die identischen Frisuren – er hatte wie sie lange graue, zu einem Pferdeschwanz gebundene Haare. (Übrigens halte ich die Theorie, wonach Hund und Herr-/Frauchen sich im Laufe der Jahre immer mehr angleichen, trotz wiederkehrender Behauptung für an den Haaren herbeigezogen.)

Kommen Sie gut durch die Woche!

Woche 43/2021: Liebe, Wanderlust und Uhrenumstellung

Montag: Im Werks-Maileingang zwei Nachrichten von mittelmäßiger Wichtigkeit, eine von Samstag, 21:13, die andere von Sonntag, 17:45 Uhr. Was führen die Versender für ein Leben?

In einem Artikel über Egoisten in der aktuellen Ausgabe der PSYCHOLOGIE HEUTE wurde ich auf den „Dark Factor“ aufmerksam. Er misst „die Ausprägung des dunklen Kerns der Persönlichkeit. Unter Personen mit hohem D-Faktor sind solche, die den Schaden anderer nicht sehen, ihn billigend in Kauf nehmen, und solche, die andere absichtlich schädigen.“ Echte Arschlöcher also. Man kann die eigene Charakterdunkelheit hier selbst bestimmen, was ich sogleich tat. Das Ergebnis überrascht – mit einem Wert von 1,77 auf der Skala von 1 (hell) bis 5 (dunkel) scheine ich verträglicher zu sein als selbst geahnt.

Dienstag: Die Sängerin Nena, vor geraumer Zeit durch zweifelhafte Äußerungen in Misskredit geraten, sang einst, als sie noch beliebt war, von neunundneunzig Luftballons am Horizont, die fast den befürchteten Atomkrieg ausgelöst (andere würden schreiben für einen Atomkrieg gesorgt) hätten. Ähnliches trug sich am frühen Abend bei uns zu, nachdem der in jeder Hinsicht harmlose Postkartengruß eines alten Freundes erst in die falschen Hände, dann in den falschen Hals geriet und so fast zu einem Eklat mit Polizeieinsatz geführt hätte. „Nichts ist so unlogisch wie die Liebe“, wird Florian Illies im SPIEGEL zitiert.

Mittwoch: In der Kantine verlangte vor mir einer nach einer „richtigen Männerportion“ und schaute sich anschließend beifallheischend um. Ich verdrehte (nur innerlich) die Augen und tat ansonsten so, als hätte ich es nicht gehört, was mich nicht daran hindert, es nun aufzuschreiben.

Aufgeschrieben und mir gesendet (also nicht nur mir, sondern allen, die es abonniert haben) hat Kurt Kister von der Süddeutschen Zeitung folgendes, unter anderem über die allgemein oder wenigstens in meiner Generation bekannte und beliebte Männerportion eines Nudel-Fertiggerichts:

»Es war diese gelbe Pappschachtel, deren Namen ich nicht nenne, weil ich sonst ein Influencer wäre, was ich auf keinen Fall sein möchte. Als ich Matthes die Alutüte aufschneiden sah und er das Tomatenmark in den Topf gab, schmeckte ich 342 einsame Abendessen in möblierten oder nichtmöblierten Wohnungen. Als er die Würzmischung über das Mark streute, wusste ich, dass man aufpassen muss, dass der Herd nicht so weit aufgedreht ist, weil sonst Blasen in der Tomatensauce entstehen. Und als er dann die rote Sauce über die irgendwie leichengelben Nudeln schüttete, roch ich diesen… nennen wir es mal wider besseres Wissen: Duft, und ich spürte schon das Völlegefühl im Magen, das man hat, wenn man die drei Portionen, wie es auf der Schachtel heißt, alleine aß. Ich habe sie immer alleine gegessen.«

Weiter schreibt er zu einen ganz anderen Thema:

»Es sind die Retro-Shows, und sie haben gerne Titel wie „Die 80er Show“. Man sieht irgendwelche Ausschnitte von Songs, Ereignissen oder Werbeclips. Dazwischen labern dann mehr oder weniger bekannte Menschen, oft in einer Ecke des Bildschirms, was sie gerade für Assoziationen hatten oder wie sie es damals erlebt haben. Dafür nimmt man gerne in den Sechzigerjahren geborene lustige Menschen, die vor 20 Jahren entweder mal etwas prominent waren oder auch nur deswegen heute prominent sind, weil sie immer aus der Bildschirmecke heraus was über Led Zeppelin oder Helmut Kohl sagen.«

Als in den Sechzigerjahren geborenem, wenn auch weder besonders lustigem noch (zum Glück) auch nur ansatzweise prominentem Menschen gefällt mir beides außerordentlich gut. Wenn Ihnen das auch gefällt und sie so etwas jeden Mittwoch in Ihrem Maileingang vorfinden möchten, klicken Sie hier und wählen Sie „Deutscher Alltag“ aus.

Donnerstag: »FDP-Chef Christian Lindner (42) und seine Lebensgefährtin Franca Lehfeldt (32) haben sich verlobt und wollen nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur heiraten«, steht in der Zeitung. Es liegt mir fern, das alte Gleichnis von Topf und Deckel erneut zu strapazieren, die Dame wird schon wissen, was sie tut, zudem wird sie ihn ohnehin nicht allzu oft auf dem heimischen Sofa herumzulungern haben, wenn er demnächst Minister ist. Viel bemerkenswerter finde ich die zusätzliche Klarstellung durch die DPA, dass die beiden auch heiraten wollen; bislang ging ich davon aus, diese Absicht wohne einer jeden Verlobung inne.

Von Liebesbanden zu Wanderlust: Heute war wieder einer dieser zahlreichen „letzten schönen Tage des Jahres“, den ich dank Inseltag nutzte, um die vierte Rheinsteig-Etappe von Linz am Rhein nach Bad Hönningen zu erwandern. Streckenweise ging es recht steil bergauf, deswegen heißt es ja auch Rheinsteig und nicht -weg oder -pfad. Doch die Mühe lohnt sich.

Letzter Dunst verzieht sich langsam
Nicht nur Wasser sucht sich seinen Weg.
Drogenanbau

Oberhalb von Bad Hönningen verließ ich den Rheinsteig in Richtung Innenstadt und Bahnhof. Krasser konnte der Gegensatz nicht sein: Streichelten zuvor Wälder, Felder und Reben des Wanderers Auge, führte der Weg nun durch eine deprimierende Neubausiedlung mit wenig Grün, viel Pflaster und Schotter vor den Häusern, die nahtlos in ein nicht minder hässliches Industrie- und Gewerbegebiet überging.

Beachtenswert die Hinweise auf Waffen und Gebotsschilder

Die letzten Meter führten durch eine pittoreske Unterführung, die direkt am Bahnhof endete. Da die nächste Bahn in Richtung Bonn in wenigen Minuten abfuhr und keine einladende Gastronomie in Sichtweite war, verzichtete ich gar auf das traditionelle Belohnungsbier.

Hier unversehrt durchzukommen beeilen sich vermutlich sogar Rocker und Hooligans

Freitag: »Sorge vor Krawatten in Köln«, las ich morgens in der Zeitung. So sehr ich das langsame Ende dieses überflüssigen Halsschmuckes auch begrüße – nach nochmaligem Nachlesen galt die Sorge vielmehr Krawallen anlässlich einer größeren Demonstration gegen das Versammlungsgesetz. Wobei auch Krawatten und Versammlungen nicht vollkommen wesensfremd sind.

Apropos Ende: Alle Jahre wieder kommt nicht nur das Christuskind, sondern auch der Schreck, wenn im Büro beim Abreißen der Blätter des Dreimonatswandkalenders das Wort „Dezember“ erscheint. Nehmen wir es mit Lebkuchen und Humor, was bleibt uns übrig.

Welche Art von Humor hier den Programmierer trieb, wissen wir nicht.

Samstag: »Stadt Bonn stellt Opernhaus auf den Prüfstand«, titelt die Zeitung. Das wäre wirklich sehenswert.

An einem Informationsstand von Amnesty International in der Innenstadt sah ich im Vorbeigehen – an solchen Ständen, seien es Tier-, Natur-, Kinder- oder Wasauchimmer-Schützer gehe ich stets besonders schnell vorbei, um nicht vollgequatscht zu werden – einen jungen Mann mit zwei langen, geflochtenen Zöpfen, gleichsam die Greta für Verfolgte. Das war so ziemlich das Lächerlichste, was ich seit langem gesehen habe, was ich kaum zu verbergen vermocht hätte, hätte er mich in der üblichen Weise („Hättest du [die glauben immer, einen duzen zu dürfen] kurz Zeit für …“) angesprochen. Hat er zum Glück nicht.

Uhrenumstellung im Haushalt K: Hier werden nicht einfach die Zeiger um eine Stunde zurückgedreht, vielmehr wurden beim Versandhändler meines Misstrauens neue Wanduhren bestellt.

Sonntag: An den Restaurantbesuch gestern Abend erinnere ich mich aufgrund der Fülle an Begleitgetränken nicht in allen Details. Da der Geliebte am Ende keine Schuhe mehr anhatte, wird es ganz gut gewesen sein.

Vor der Kirche in der Inneren Nordstadt steht diese Säule:

Beachten Sie den unfreundlichen Hinweis im orangen Feld, dem ich Folge leistete. Die Verse 26 und 27 lauten: »26 Darum lieferte Gott sie entehrenden Leidenschaften aus: Ihre Frauen vertauschten den natürlichen Verkehr mit dem widernatürlichen; 27 ebenso gaben auch die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau auf und entbrannten in Begierde zueinander; Männer treiben mit Männern Unzucht und erhalten den ihnen gebührenden Lohn für ihre Verirrung.« Irgendwer hat ja immer was zu nörgeln.

Während des Spaziergangs am Nachmittag sah ich an einer Bushaltestelle eine junge Dame stehen, ins Datengerät vertieft, mit einem aufgesetzten Plüsch-Heiligenschein, ansonsten hatte sie nur wenig Engelhaftes an sich. Erst später ging mir auf, dass heute wieder dieses Halloween gefeiert wird.

Zum Schluss noch dieses:

»Aus dem Leben und der Kriminalstatistik weiß ich, dass man in der Regel nicht von einem dunkel durch den Garten huschenden Schatten ermordet wird, sondern von Menschen, zu denen man zu einem früheren Zeitpunkt einmal ,Liebling‘ oder ‚Schatz‘ gesagt hat.«

Denis Scheck in der PSYCHOLOGIE HEUTE

Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche voller Liebe, Humor und – wenn Sie mögen – Begleitgetränken.