Woche 18/2026: Fresse halten, fröhlich sein

Montag: Die neue, kurze Arbeitswoche begann durchgehend sonnig und ohne nennenswerten Verdruss. Die Morgentemperaturen sind vier Tage vor Mai noch steigerungsfähig; das wird schon, wenn die Wetteraussichten zutreffen. Bis dahin gibt es Handschuhe. Mittags in der Kantine gab es Spargel, erstaunlicherweise ohne olfaktorische Auswirkungen hinterher, Sie wissen schon. Ob sich daraus etwas über die Qualität der Erdgemüsestangen folgern lässt, weiß ich nicht. Ansonsten endete der Arbeitstag wegen des letzten Physio-Termins für den weiterhin genesenden Ellenbogen zeitig, was sich ungefähr mit meiner Arbeitslust deckte.

Dienstag: In der Nacht, vielleicht war es schon früher Morgen, ich schaute nicht auf die Uhr, lärmte ein Hubschrauber über der Siedlung, was mich aus dem Tuche nötigte, um das Fenster zu schließen. Wie die Zeitung heute berichtete, suchte die Polizei eine vermisste Jugendliche. Für mich ist es immer wieder ein Rätsel, wie es mithilfe eines Hubschraubers gelingt, in einer Stadt eine Person zu finden, aber es gelang wohl. Übertitelt ist der kurze Artikel mit „Deshalb kreiste am frühen Dienstagmorgen ein Hubschrauber über Bonn“. Keine Artikelüberschrift in Onlinemedien kommt heute noch ohne dieses Deshalb aus oder Das (z.B. „sind die Gründe“), beliebt auch Warum (z.B. „die Spritpreise weiter steigen)“. Wie auch berichtet wird, kontaktierten wegen des Hubgeschraubes mehrere Personen die Zeitung. Warum tut man das? Ähnlich verwunderlich immer wieder, wenn irgendwo die Erde bebt und die Leute deswegen die Polizei anrufen. Was soll die tun?

Dienstagsüblich ging ich zu Fuß ins Werk. In Turmnähe sind seit Jahren rätselhafte Zeichen auf die Gehwege gemalt, ein C und ein R, dazwischen ein Pfeil. Diese Markierungen, die regelmäßig nachgepinselt werden wie eine auf Dauer angelegte Schnitzeljagd, reichen mindestens bis in den Rheinauenpark. Wer weiß, vielleicht wartet am Ziel ein Schatz für CR, also Carsten Rainer. Vielleicht sogar kann ich als einziger diese Zeichen sehen, wie Harry Potter das Gleis 9 3/4. Irgendwann nehme ich mir mal die Zeit, dieser Spur systematisch zu folgen. Wenn dann am Endpunkt statt einer Truhe Gold ein Biergarten liegt, wäre das auch nicht schlecht.

Sehen Sie es?

Dass gut gemeint und gut gemacht oft auseinanderliegen, lässt sich neben dem Turm besichtigen. Dort liegt neben einer flachstufigen Treppe eine ebenfalls ansteigende Rasenfläche, die in der Vergangenheit regelmäßig von Fahrrädern, manchmal augenscheinlich auch Kraftfahrzeugen befahren wurde. In einem entsprechenden Zustand befand sie sich, gerade nach Regenwetter. Um dem zu begegnen, wurden dort vor einiger Zeit Felssteine aufgereiht, allerdings in einem derart großzügigen Abstand, der Fahrrädern kein ernsthaftes Hindernis bietet. Das könnte sich die derzeit amtierende Bundesregierung ausgedacht haben: Hauptsache, irgendwas machen, egal, ob es wirkt. Immerhin müssen und dürfen Kraftfahrzeuge nun die Treppe befahren, worauf ein Schild ausdrücklich hinweist.

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Morgens schaute kurz nach Ankunft im Büro eine länger nicht gesehene Kollegin, die auch schon lange dabei ist, bei mir rein mit den Worten „Wie lange noch?“, womit sie nicht wissen wollte, wann ich heute zu gehen beabsichtigte. Nachdem wir uns gegenseitig einstellige Zahlen genannt hatten, gingen wir zufrieden an die anstehenden Gewerke. Es gehört wohl zum guten Ton unter Kollegen über fünfzig, einander diese Frage zu stellen, ich merke es an mir selbst zunehmend.

Dazu passend und gleichwohl zufällig traf ich bei der Heimkehr den jungen Nachbarn, der seiner Freude über den beendeten Arbeitstag Ausdruck verlieh und diese mit dem Satz „Noch neunundzwanzig Jahre“ abrundete. Als ich mit meiner deutlich niedrigeren Zahl entgegnete, war ein gewisser Neid nicht zu übersehen; seine Antwort „Das hätte ich jetzt nicht gedacht“ werte ich als Kompliment betreffend mein gut erhaltenes Äußeres, danke dafür.

Auf dem Rückweg vorher gönnte ich mir einen Maibock vor dem bayrischen Wirtshaus in der Innenstadt und las dabei die Blogs. Obwohl ich nicht sehr schnell trank, reichte die Zeit eines halben Liters nicht, um alles zu lesen; die Mitblogger waren zu produktiv in den vorangegangenen zwölf Stunden oder ich lese zu langsam, weil ich mich immer wieder von vorbeigehenden Passanten ablenken lasse. Vielleicht sollte ich das Lesen beim Biertrinken überhaupt unterlassen und nur schauen. In Erinnerung geblieben ist mir nur ein älterer Herr im Anzug, der große Ähnlichkeit mit Opa Hoppenstedt aufwies und eine Pfeife im Mund trug, der allerdings kein erkennbarer Rauch entstieg. Pfeifenraucher sind selten geworden, stattdessen werden diese Elektrodinger gedampft, auch als Talahonflöten bezeichnet, wie ich vor längerer Zeit irgendwo las.

Mittwoch: Morgens fuhr ich an einem Plakat vorbei, das für eine Dinosaurier-Ausstellung wirbt. Wie das manchmal so ist, Sie kennen das vielleicht, sofort hatte ich dieses Lied im Kopf, den es in den nächsten Stunden nicht wieder verließ.

Um nicht selbst in den Ruf eines Dinosauriers zu geraten, zudem motiviert durch die Schulung vergangene Woche versuchte ich mich vormittags erstmals ernsthaft am Gebrauch künstlicher Intelligenz, namentlich dem bei uns zu verwendenden Copilot. Die Aufgabenstellung war nicht sehr kompliziert, er sollte ein vorhandenes Dokument in eine andere Form bringen, die ich ihm als Word-Vorlage hochlud. Inhaltlich war im Wesentlichen nichts zu ändern, auch die Kapitelüberschriften stimmten größtenteils überein, nur die Reihenfolge der Kapitel wich von der Ursprungsfassung ab. Ein Schülerpraktikant ohne fachliches Hintergrundwissen hätte es mühelos hinbekommen. Nicht so der Copilot: In der ersten Fassung war das Format ein anderes, die Inhalte der Kapitel waren nur rudimentär übertragen. Darauf hingewiesen, gab er mir recht, erging sich in Ausflüchte und versprach, nunmehr eine vollständige, korrekt formatierte Fassung zu erstellen. Und also befahl ich ihm. Die nächste Fassung hatte optisch gewisse Ähnlichkeit mit dem Gewünschten, inhaltlich blieb sie mager. Das ging noch einige Male so, bis ich immer trauriger wurde und von weiteren Versuchen absah. Anschließend kopierte ich die Inhalte selbst in das Zieldokument, was nur unwesentlich länger dauerte als die Zeit, die ich zuvor dem gepriesenen elektronischen Assistenten gewidmet hatte. Es dauert wohl noch etwas, bis wir Freunde werden. Wahrscheinlich lag es nur an meiner Unfähigkeit, richtig zu prompten.

Donnerstag: Für den heutigen Inseltag war die Bewanderung der sechsten Ahrsteig-Etappe von Walporzheim bis Bad Neuenahr geplant. Dem stand zunächst nichts im Wege, nach dem Frühstück im Bäckerei-Café am Bahnhof saß ich im Zug nach Ahrbrück, als die Durchsage kam: Wegen einer Störung im Stellwerk von Oberwinter (wozu gibt es dort immer noch ein Stellwerk?) verzögere sich die Abfahrt um unbestimmte Zeit. Wenig später die Durchsage: Aus vorgenanntem Grund fällt die Fahrt aus, man wisse nicht, wann der Oberwinterer Stellwerk wieder stellbereit ist, was auch immer es zu stellen hat. Nicht ausfallen musste deswegen mein Wandertag: Statt ins Ahrtal fuhr ich mit der Stadtbahn bis Alfter, um die Heimatblick-Runde durch das Vorgebirge und die Ville zu gehen; immer gut, wenn man ein paar Touren in Reserve gespeichert hat.

Kurz nach Start begann Komoot wieder zu phantasieren und die geplante Tour zu verstümmeln, schon vorletzte Woche beklagte ich das. Doch wie so oft ist der Anwender das Problem: Bei Neustart entdeckte ich den Schalter „Automatisch umplanen“, der sofort deaktiviert wurde, von da an lief die App zuverlässig; auf was man alles achten muss. Mein Vertrauen in die künstliche Intelligenz ist ein weiteres Mal erschüttert. In Alfter standen schon einige geschmückte Maibäume an den Fassaden, was mich wunderte, bislang nahm ich an, die würden erst in der Nacht zum 1. Mai aufgestellt. Vielleicht gelten diesbezüglich im Vorgebirge andere Regeln als in Bonn.

Die Wanderung bei Sonnenschein war wieder erbaulich. Ungefähr die erste Hälfte führt durch Wiesen und Felder mit Blick („Heimatblick“) über die Rheinebene, die zweite durch den Ville-Wald. Auch an einem Lavendelfeld kam ich vorbei; dass es in der Gegend eins geben soll, las ich vor längerer Zeit, seit heute weiß ich, wo. Kurz danach vernahm ich ein Geräusch, das Kuhglocken recht nahe kam, die Quelle konnte ich nicht ermitteln. Wozu also noch in die Provence oder ins Allgäu reisen, wenn es das alles vor der Haustür gibt? Ansonsten ist die Strecke wenig anspruchsvoll, ohne größere Steigungen und Unwegsamkeiten mit Stolperpotenzial. Das traf sich gut, die letzte Woche erstandenen Wanderstöcke hatte ich aus logistischen Gründen nicht dabei, weil der für deren Transport erforderliche Rucksack mit entsprechenden Halterungen noch nicht eingetroffen war. Auch Freunde schmaler Pfade könnten enttäuscht sein, meistens geht es über breite Wege, in der ersten Hälfte überwiegend asphaltiert.

Während des Gehens dachte ich über den Tod nach, was ich nicht schlimm finde; mit kurz vor sechzig darf man das. Er gehört dazu, ob wir das wollen oder nicht, irgendwann geht für jeden das Licht aus, für mich, für meine Lieben, für alle. Die Frage ist nur, wann und in welcher Reihenfolge die Sense mäht. Ich finde das ausgesprochen tröstlich, erwarte für danach nichts, kein Himmelreich, kein ewiges Leben, um Himmels Willen. Und wenn unser aller Atome schon lange woanders eingebunden sind, grünt der Wald der Ville Ende April aller Voraussicht nach immer noch frühlingfrisch, Vögel singen, Zitronenfalter flattern und Frösche sonnen sich in den Tümpeln, ist das nicht schön.

Nach knapp vier Stunden erreichte ich wieder Alfter, fuhr mit der Stadtbahn zurück nach Bonn und belohnte mich bei einer Gaststätte des Vertrauens mit Allgäuer Bier. Auf die übliche Currywurst verzichtete ich in Erwartung eines gemeinsamen Abendessens mit meinen Lieben.

Schloss Alfter
Lavendel
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Für Lotte
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Belohnung

Freitag: Der Mai ist gekommen und schenkt uns, obwohl er „Tag der Arbeit“ heißt, einen arbeitsfreien Tag; jedes Jahr erfreue ich mich erneut an diesem Paradoxon, auch dieses Jahr lasse ich Sie an meiner Freude teilhaben. Um den Tag nicht untätig verstreichen zu lassen, unternahmen der Liebste und ich eine Radtour durch die zu dieser Jahreszeit besonders schönen Siegauen. Wie man sich denken kann, waren wir nicht die einzigen mit dieser Idee, wobei sich die Anzahl der sonst üblichen Rennrad-Irren in Grenzen hielt. Das Wetter war sonnig-warm, selbst für einen Fröstling wie mich kurzärmelig und ohne Jacke gut auszuhalten. Umso mehr wunderte ich mich, wie viele Radfahrer in hochgeschlossener Daunenjacke entgegenkamen. Ziel war die „Sieglinde“, eine gar zauberhafte Gaststätte mit Biergarten direkt an der Sieg nahe Hennef, wo wir Glück hatten und zwei freie Plätze fanden.

Nach ausreichender Stärkung fuhren wir auf der rechten Siegseite zurück, freundlich angeschoben vom Wind, der uns auf dem Hinweg kräftig entgegen geblasen hatte. Auf halber Strecke verließen wir den vorgesehenen Radweg auf der Deichkrone und bewegten uns auf holprigen Pfaden, im wörtlichen Sinne über Stock und Stein. Eine wunderschöne Strecke, die dazu einlädt, ohne Fahrrad erwandert zu werden.

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Bei Thomas las ich das Wort „Facepalm“, recherchierte dessen Bedeutung und vergrub augenblicklich das Gesicht entsetzt in der Handfläche.

Beim Wirtshausbesuch mit den Lieben am Abend gehört: „Fresse halten, fröhlich sein“. Das erscheint mir als Lebensmotto durchaus geeignet. Oder als Spruch für die Todesanzeige.

Samstag: Einer relativ spontanen Eingebung folgend kaufte ich mir eine leichte Jacke für die Sommermonate, um die Daunenjackensaison beenden zu können. Nicht, dass ich keine besäße, mehrere sogar, doch manchmal überkommt auch einen Konsummuffel wie mich das Verlangen nach etwas Neuem. Erst im dritten Geschäft fand ich eine, die bei ansprechendem Design und akzeptablem Preis die Anforderungen erfüllt: nicht zu kurz, damit sie bei Bedarf auch über einem Anzug bzw. Sakko getragen werden kann, und, ganz wichtig: zwei Innentaschen für Portemonnaie und Notizbuch. Die meisten zuvor gesehenen Jacken, die mir gefielen, hatten entweder nur eine oder gar keine.

Sonntag: In letzter Zeit bin ich davon abgekommen, einmal wöchentlich eine Frage von der Liste der 1000 Fragen zu beantworten. Das soll so nicht bleiben, deshalb heute die nächste.

Frage 674 lautet: „Wann hast du Mühe, dir selbst in die Augen zu schauen?“ Das gelingt mir bislang mühelos, selbst dann, wenn es am Vorabend etwas heftiger war, weil der Geliebte meinte, irgendeine Flasche müsste leer werden. Falls die Frage im übertragenen Sinne gemeint ist, also wenn ich etwas getan oder gesagt habe, das meiner Überzeugung widerspricht, auch dann kann ich mir in die Augen schauen, ein Spiegel vorausgesetzt. Wie sollte ich mich sonst mit einem tadelnden Blick strafen?

Apropos Fragen: Manche Menschen wissen auf alles sofort die Antwort, auch auf Fragen, die gar nicht gestellt wurden.

Die Poppelsdorfer Allee in voller Blüte

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Ich werde sie aus beruflichen Gründen größtenteils außerhalb von Bonn verbringen, erst in Dresden, dann in Ostbevern bei Münster.

18:00

Woche 16/2026: Schienenersatzverkehr nach Siegburg und Unzucht in Euskirchen

Vorab herzlichen Dank für die freundlichen Kommentare zum letzten Wochenrückblick, Sie sehen mich stets bemüht.

Montag: Wegen Regenerwartung fuhr ich mit der Stadtbahn in die Wertschöpfung und zurück. Zurzeit fährt sie wegen Gleisbauarbeiten nur zwischen Stadthaus und Bad Honnef, während in Richtung Siegburg Schienenersatzverkehr eingerichtet wurde, auch eines der schönen Wörter, die unsere Sprache ermöglicht. Für mich war das praktisch, weil ich dann nicht bei kühlem Bahnsteigwind auf die Bahn aus Siegburg warten musste, sondern einfach in den bereitstehenden Zug einsteigen konnte. Der Regen kam pünktlich im Laufe der Vormittags und hielt sich bis zum Nachmittag, mit der Verkehrsmittelwahl lag ich richtig.

Der Arbeitstag war nicht sehr montäglich und ziemlich kurz, weil nachmittags ein Physio-Termin anstand zur weiteren Genesung des kürzlich operierten Ellenbogens. Dem geht es weiterhin gut, es tut nichts weh und die Bewegung ist nicht eingeschränkt. Fast frage ich mich, wozu er überhaupt physiotherapeutischer Anwendungen bedarf, es wird dadurch nichts besser, jedenfalls nicht erkennbar, immerhin auch nicht schlechter. Zudem ist Bewegung nie verkehrt. Bis ich wieder – in derselben Stätte – Sport an Geräten machen kann, dauert es noch einige Wochen, hoffentlich habe ich mich bis dahin nicht an die diesbezügliche Untätigkeit gewöhnt, sowas geht ja schnell und die Lust darauf muss danach erst wieder mühsam angewöhnt werden.

Ungeachtet des usseligen, wenig frühlingshaften Wetters werden in Büsum die Strandkörbe aufgestellt.

Siehe hier: https://www.buesum.de/buesum-erleben/webcams/gruenstrand

Dienstag: Morgens beim Fußweg ins Werk lag Nebel über dem Rhein, im Laufe des Tages zeigte sich das Wetter wieder frühlingsfreundlich. Die ewige Baustelle am Rheinufer lässt leichte Fortschritte erkennen.

Nach Rückkehr lagen im Briefkasten gleich zwei Briefe meiner Brieffreundschaften, was mich sehr freute und bislang noch nicht vorkam. Somit habe ich nun drei Briefe zu beantworten, was so bald wie möglich erledigt wird, indes noch einige Tage dauern kann. Ich bitte um Geduld.

Liebe Kinder, wie wir Alten in Zeiten vor Strieming Musik hörten, hat der liebe Onkel Nicolay hier sehr anschaulich aufgeschrieben. Eine Stereoanlage mit Plattenspieler und Kassettendeck, Schallplatten und Kassetten besitze ich noch heute und ich sehe keinen Grund, mich davon zu trennen, auch wenn ich sie nur noch selten benutze.

Morgens
„Gegen Abend ist mit zunehmender Dunkelheit zu rechnen“ – Immer wieder schön, wenn Offensichtliches per Schild gleichsam amtlich wird

Mittwoch: In einer Besprechung wurde der Begriff „Gesamtwohlfahrtsmaximierung“ erläutert. Wenn ich es richtig verstanden habe, bezeichnet er ein Wirtschaftsprinzip, das vorhandene Mittel so aufteilt bzw. einsetzt, dass möglichst alle möglichst viel davon haben. Vielleicht habe ich es auch falsch verstanden, jedenfalls ein weiteres wunderbares Wort.

In einer anderen, einstündigen Besprechung zur Mittagszeit führte ich, um nicht einzuschlafen, Strichliste darüber, wie häufig „ich sag mal“ und „tatsächlich“ gesagt wurde. Ergebnis: 76 mal „ich sag mal“ einschließlich der Varianten „ich sag jetzt mal“ und „sag ich mal“, dagegen nur siebenmal „tatsächlich“. Außerdem ungezählte Male „quasi“ und ein paar mal „genau“.

Nachmittags herrschte in der Bonner Innenstadt Verkehrschaos, weil eine Autobahn gesperrt ist und eine Rheinbrücke für die nächsten Jahre, bis zu ihrem Abriss und Neubau, nicht mehr von LKW und Bussen befahren werden darf. Dazu wurde intensiv gehupt, weil das bekanntlich immer hilft. Als Radfahrer ist man klar im Vorteil, als Fußgänger sowieso.

Donnerstag: Kleine Woche, Inseltag, Wandertag. Heute ab Siegburg über den Heideweg, eine Etappe der Erlebniswege Sieg. Die gut zweiundzwanzig Kilometer lange Runde beginnt und endet im Nordwesten von Siegburg, führt über Lohmar und durch die östliche Wahner Heide. Wie am Montag schon erwähnt, fahren zwischen Bonn und Siegburg zurzeit keine Stadtbahnen, stattdessen ist Schienenersatzverkehr mit Gelenkbussen eingerichtet, die im Takt weniger Minuten pendeln. Da ich ahnte, dass das länger dauert als die Bahn, stand ich bereits zur normalen Werktagszeit auf und fuhr zeitig los. Das war eine richtige Entscheidung, trotz großzügiger Auslegung der geltenden Vorfahrts- und Geschwindigkeitsregelungen durch den Busfahrer dauerte die Fahrt fast eine Stunde, die Bahn wäre in gut zwanzig Minuten am Ziel gewesen. Immer wieder standen wir im Stau, was wieder einmal zeigt, es gibt viel zu viele Menschen, die meinen, auf das Auto angewiesen zu sein.

Während der Fahrt zogen von Nordwesten dunkle Wolken auf, die sich bald als heftiger Regen ergossen. Das war der Wanderlust nicht abträglich; nach Ankunft in Siegburg frühstückte ich in der Bäckerei am Bahnhof, danach fuhr ich mit einem anderen Bus, den nur die App der Verkehrsbetriebe, jedoch nicht die örtliche Anzeige kannte, zum Ausgangspunkt der Wanderung, von da an regnete es nicht mehr. Später schien die Sonne.

In Lohmar-Heide, etwa auf halber Strecke, ließ mich die Komoot-App wieder im Stich, indem sie die angezeigte Tour einfach dort enden ließ. Grundsätzlich lässt sich der Heideweg auch ohne Navigation gehen, weil er gut markiert ist (weißes S auf rotem Grund), doch ausgerechnet in Heide war auch die Markierung mangelhaft, oder ich zu blind, sie zu sehen, kann ja auch sein. Dieses Mal war ich immerhin so schlau, die Navigation abzubrechen und die Tour neu zu starten, bis zum Ende hielt Komoot dann durch. Trotzdem halte ich sie inzwischen für eine Mist-App; falls Sie mir eine bessere Alternative empfehlen können, sehr gerne.

Bei Heide gibt es einen Friedwald, mit Schildchen an den Bäumen statt Grabsteinen. Etwas abseits des Weges wurde eine Beisetzung abgehalten, dazu wurde „Und die Chöre singen für dich“ von Mark Foster gespielt. Ich bin nicht gerade ein Fan von ihm, doch finde ich diese Art der letzten Ehrerweisung sehr ansprechend. Auch wenn es mir, wie bereits geschrieben, völlig egal ist, auf welche Weise mein Kadaver dereinst entsorgt wird. Sollte es zu einer Trauerfeier kommen, wünsche ich mir dafür als musikalische Begleitung, auch wenn ich dann nichts mehr davon habe, „The Show Must Go On“ von Queen und die Arie „Ebben? Ne andrò lontana“ aus der Oper La Wally, gesungen von den Kölner Spitzbuben:

Das wäre schön.

Zurück ins Leben: Bei Lohmar gibt es einen Campingplatz, direkt an der Agger sehr schön gelegen, allerdings in unmittelbarer Nähe und Hörweite die Autobahn 3, darüber die Ausflugschneise des Flughafens Köln / Bonn. Man muss Camping schon sehr mögen und dazu möglichst schwerhörig sein, um dort zu verweilen. Daran gemessen war der Platz gut belegt.

Zur Wanderstrecke: Die erste Hälfte führt überwiegend durch Wald, allerdings zum größeren Teil auf breiten, über längere Strecken geraden Wegen. Hinter Lohmar in der Wahner Heide wird es etwas wilder und abwechslungsreicher. Kurz vor Siegburg traf ich überraschend auf ein zugewachsenes Bahngleis, einst die Bahnstrecke von Siegburg nach Lohmar, die bereits 1989 stillgelegt wurde. Umso erstaunlicher, dass das Gleis immer noch liegt. Ab hier wich ich von der vorgesehenen Route ab und folgte dem Weg neben dem Gleis bis zu seinem Ende kurz vor Siegburg, ab da führt der Weg auf der ehemaligen Bahntrasse bis in die Siegburger Innenstadt.

Zum ersten Mal seit ich weiß nicht wie vielen Jahren sah ich eine Blindschleiche, die sich über den Weg schlängelte.

Nach ziemlich genau fünf Stunden erreichte ich wieder den Bahnhof Siegburg, von wo ich mit einem Schienenersatzbus zurück nach Bonn fuhr. Ich hätte vorher in Siegburg die übliche Belohnungscurrywurst essen können, doch erschien es mir klüger, direkt zurück zu fahren, ehe der Berufsverkehr einsetzt und der Bus im Stau steht. Die Currywurst gab es dann wieder vor der Gaststätte auf dem Bonner Marktplatz. Von meinem Platz aus beobachtete ich, wie ein Rettungswagen mit Blaulicht und Martinshorn vorfuhr und vor dem Fitness-Studio gegenüber hielt. Die drei Sanitäter gingen dann ohne erkennbare Eile hinein. Es war wohl nicht so dringend. Oder es hatte sich erledigt. The show must go on.

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Die Zeitung berichtet über Unzucht in Euskirchen und erfreut mit einem weiteren Symbolbild aus der Hölle:

(General-Anzeiger Bonn online)

Freitag: Am Ende des für einen Freitag gar nicht mal so kurzen Arbeitstages blieb vieles unerledigt, unter anderem weil mich Besprechungen und ein einstündiger Info Call mal wieder von der Arbeit abhielten. Nächste Woche wird es nicht besser. „Das kommt davon, wenn man lieber durch die Gegend läuft, anstatt ins Büro zu gehen“, könnten Sie nun nach dem freien Tag gestern einwenden. Dem ist zu entgegnen: Das ist es mir wert. Was auch immer liegen bleibt, niemand kommt dadurch zu Schaden.

Onkel Michael macht sich, wie ich finde, kluge Gedanken über akzeptierten Sprachgebrauch. Kostprobe:

„Darf ich das so sagen?“, „Ist das noch zulässig?“, „Gibt es dafür inzwischen ein besseres Wort?“ – und während man noch innerlich Formulare ausfüllt, ist der ursprüngliche Gedanke längst verhungert. Das ist kein Verbot, das ist Dressur. Und zwar eine ziemlich effektive.

Das Ergebnis ist eine Sprache, die immer glatter, immer vorsichtiger, immer risikofreier wird. Eine Sprache, die niemanden beleidigt – und dabei zunehmend auch niemanden mehr interessiert. Sie ist korrekt, sauber, gut gemeint und ungefähr so lebendig wie ein Beipackzettel.

Dagegen sind Besprechungssätze wie „Lass uns bilateral sprechen wegen der Zeitschiene“, „Ich muss da Erwartungsmanagement betreiben“ oder „Das werde ich später racapen“ völlig unzensiert möglich. Leider, bin ich versucht, hinzuzufügen.

Samstag: Die Nacht endete früh, da ich nach Bielefeld zu fahren beabsichtigte, um die Mutter zu besuchen, wie üblich und trotz allem mit der Bahn. Das fing schon gut an, denn, wie die Bahn-App morgens meldete, fiel die vorgesehene Fahrt mit dem RE 6 aus. Das war nicht so schlimm, ich war früh genug aufgestanden, um eine frühere Verbindung zu erreichen, die mit erfreulicher Pünktlichkeit verlief.

„Ganz Köln ist ein Drecksloch“, sagte eine Dame hinter mir bei Erreichen der Stadt zu ihrem Begleiter. Nun ist Köln wohl nicht die schönste aller Städte, auch wenn Kölner das anders sehen, doch sie in ihrer Gesamtheit derart zu bezeichnen erscheint mir übertrieben. (Da fällt mir ein alter Witz ein, der nur gesprochen seine Komik entfaltet: „Köln ist ein Drecksloch? Mainz sollten Sie mal sehen.“ – Tusch.)

Ab Oelde füllte sich der Zug mit Menschen, die blau-weiß-schwarz gekleidet und beschalt waren, den Farben des örtlichen Bielefelder Fußballvereins. Einige waren mit Bierflaschen ausgestattet, immerhin verhielten sie sich ruhig. Dennoch befürchtete ich im Falle eines Sieges akustisches Ungemach für die Rückfahrt.

Während die Mutter nach dem Mittagessen eine halbe Stunde ruhte, unternahm ich einen Spaziergang durch den Stadtteil, in dem ich aufgewachsen bin und der sich seitdem naturgemäß stark verändert hat, wie ich auch. Einiges ist geblieben, etwa das Einkaufszentrum im Waschbeton-Charme der frühen Siebzigerjahre. Auch einige Geschäfte darin haben sich bis heute gehalten, etwa die Lottoannahmestelle, die Sparkasse, das Restaurant und der Friseursalon. Auch dem Vater stattete ich auf dem Friedhof einen kurzen Besuch ab.

Meine Befürchtung bezüglich Fußballfangelärmes auf der Rückfahrt war unbegründet. Der Bahnsteig gegenüber an Gleis 8 war dicht bevölkert mit Blau-Weiß-Schwarzen, Gesang schallte herüber, ehe sie sich in die viel zu kurze Regionalbahn nach Paderborn quetschten. Mein Mitgefühl galt den weniger fußballbegeisterten Mitreisenden. Mit meinem Zug in Richtung Köln fuhr nur eine kleine Gruppe Fußballfreunde, allerdings nicht blau-weiß-schwarz sondern irgendwas mit rot. Auch sie stimmten während der Fahrt kurz Gesang an, allerdings einen Wagen weiter, somit kaum störender als das übliche Geplapper in einem Zug. Die Rückfahrt verlief im Übrigen ebenfalls pünktlich, zweimal vier Stunden reichten dann auch.

Sonntag: „Ich glaube, mich streift ein Bus“ sagte man früher, um seiner Verwunderung oder Empörung Ausdruck zu verleihen. Ob dem Autofahrer dieser Spruch bekannt ist, weiß ich nicht, jedenfalls erlebte er beziehungsweise sein Wagen ein solches Ereignis heute Nachmittag, wie ich beim Spaziergang beobachtete. Bus und Auto warteten in der Weststadt nebeneinander vor einer Ampel, links der Bus, rechts der Wagen. Dann war ein unschöner Knall zu hören, Glas splitterte, der Bus fuhr über die Kreuzung und hielt dahinter warnblinkend an. Der Busfahrer verließ sein Fahrzeug nicht, vielleicht stand er unter Schock. Dem Auto waren der linke Rückspiegel und die Vorderfront weggerissen, am Bus war eine Scheibe der hinteren Tür zersplittert. Menschen kamen dem Anschein nach nicht zu Schaden, gleichwohl dürfte für die Beteiligten der Sonntag gelaufen sein. Auch die Busfahrgäste haben heute was zu erzählen.

Im Übrigen ließen dunkle Wolken im Norden und erste Regentropfen die Beendigung der Spaziergangs nach einer Stunde ratsam erscheinen. Somit auch heute kein Freiluftgetränk im Lieblingsbiergarten, das ist nicht schlimm.

Während an der Poppelsdorfer Allee die ersten Kastanien blühen …
… ist die Kirschblüte in der Inneren Nordstadt bald durch

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Für mich ist sie mit einer sechsstündigen KI-Schulung und einer dreitägigen Dienstreise nach Höxter verbunden, auf letztere freue ich mich ein wenig.

19:00

Woche 4/2026: Am besten kuckt man keine Nachrichten mehr

Montag: Die nach den Ausschweifungen des vergangenen Wochenendes erwartete trübe Montäglichkeit blieb weitgehend aus. Ich kam ganz gut aus dem Bett, die Gewerke gingen gut von der Hand, der recht lange Arbeitstag verging rasch; der Treppenstieg im Turm nach dem Mittagessen war unbeschwerlich, ebenso die drei Sportrunden durch den Parcours am Abend. Es gab schon wesentlich betrübtere Wochenbeginne nach wesentlich ruhigeren Wochenenden. Woher auch immer die Energie kam – manchmal ist es wie verhext. Vielleicht die Vorfreude auf den freien Donnerstag, es ist kleine Woche.

Dienstag: Die Zeitung berichtet über einen rot eingefärbten Bussard, der in Bonn gesichtet wurde und über dessen Färbung nur gemutmaßt werden kann, etwa durch einen verärgerten Geflügelhalter, dessen Hühnern er sich unangemessen genähert haben könnte. Vielleicht – das stand nicht in der Zeitung – feiert er auch nur Karneval.

Anlassloser Gedanke während des Fußwegs ins Werk: Ich glaube, wir leben gerade in sehr zerbrechlichen Zeiten, über die Historiker in hundert Jahren einiges zu vermerken haben werden. Wenn es dann noch Historiker gibt. Von Angela Merkel soll der Satz stammen, den ich schon vor längerer Zeit notierte: „Vielleicht sind Krisen der Normalfall menschlichen Lebens und wir hatten bloß einige Jahre, die eine Besonderheit waren.“

Aus dem Artikel des Tages bei Wikipedia über Askese: „Die auffälligste Auswirkung auf die Lebenspraxis besteht im freiwilligen Verzicht auf bestimmte Bequemlichkeiten und Genüsse, die der Asket für hinderlich und mit seinem Lebensideal unvereinbar hält. Meist betrifft der Verzicht in erster Linie die Bereiche Genussmittel und Sexualität.“ Demnach bin ich ganz sicher kein Asket. Jedenfalls nicht in Bezug auf Genussmittel.

Mittwoch: „Kann sein, dass das challanging wird“, hörte ich in einem Vortrag, später stellte derselbe, mutmaßlich hochbezahlte Vortragende in Aussicht, dass etwas, das ich mir nicht gemerkt habe, „noch fancyger“ werden könnte. Vielen Dank für das Blogfutter, beziehungsweise den Content.

Vielen Dank übrigens auch an die Mitblogger und -innen für zahlreiche Bilder der Polarlichter in den vergangenen Nächten, etwa hier, da und dorten. Als Innenstadtbewohner in einer tiefergelegten Wohnstraße und mit frühem Zubettgehbedürfnis bekommt man so etwas leider nicht in natura zu sehen.

Donnerstag: Inseltag. Für die erste Wanderung des Jahres wählte ich eine Tour nahe Bonn, die keine längere Anreise erforderte, um nicht nach Beendigung womöglich längere Zeit in der Kälte eines Bahnsteigs auf eine verspätete Regionalbahn warten zu müssen. (Das waren noch Zeiten, als auch jeder kleine Landbahnhof über einen beheizten Warteraum verfügte.) So fuhr ich mit der Stadtbahn bis Sankt Augustin, von dort mit dem Bus weiter nach Niederpleis, wo ich in der Bäckerei frühstückte. Am Nebentisch erörterten zwei Rentner die aktuelle Nachtichtenlage mit Trump, Grönland, Putin und Zugunglücken in Spanien. Bis sie zum Resümee kamen, das immer öfter zu hören ist: Am besten kuckt man keine Nachrichten mehr. Zwischendurch wünschte mir einer von den beiden mehrfach guten Appetit, stets gefolgt von dem Hinweis, mich nicht stören zu wollen. Ich lächelte freundlich und aß schweigend weiter.

Von Frühstück und guten Wünschen für den Tag gestärkt wanderte ich bei Sonnenschein durch die überwiegend bewaldete Gegend östlich von Sankt Augustin / Hangelar, die Strecke hatte mir die ebenfalls wanderbegeisterte Kollegin bereits vor längerer Zeit empfohlen. Eine angenehme, abwechslungsreiche und nicht sehr anstrengende Tour von knapp neunzehn Kilometern Länge.

Winterwald bei Hennef-Geistingen
Teich bei Birlinghoven
Licht am Ende des Tunnels unter der A 3 und der ICE-Strecke Köln – Frankfurt
Dieser schöne Trafoturm oberhalb von Birlinghoven hat ausgedient, sein Nachfolger steht schon daneben
Schloss Birlinghoven. Die doppelte Strauchreihe davor sind Rhododendren, ein Grund, im Frühling wiederzukommen
Durch die Hüchten zwischen Birlinghoven und Niederpleis
Kurz vor Niederpleis

Etwa vier Stunden später war wieder Niederpleis erreicht, von wo mich bald ein Bus zur Stadtbahn in Sankt Augustin brachte. Wenig später war ich zurück in der Bonner Innenstadt, wo ich mich für des Tages Mühen statt mit Currywurst heute mal mit Linseneintopf belohnte.

Abends schwänzte ich die Musikprobe, weil der Liebste und ich den Neujahrsmarsch der Ehrengarde der Stadt Bonn begleiteten. Das war trotz kalter Hände – ich hatte Handschuhe vergessen und konnte kaum das Kölschglas halten – und einsetzendem Regen sehr beeindruckend.

Der Marktplatz ist erreicht

Freitag: „Da sind wir noch in der Forensik“ sagte einer in einer Besprechung und meinte wohl sinngemäß, man sei noch in der Klärung des Themas. Laut Duden bedeutet Forensik: 1) Gerichtsmedizin – passt hier nicht; 2) Klinik für psychisch kranke Straftäter – auch wenn manche Kollegen gelegentlich auffälliges Verhalten zeigen, so weit würde ich nicht gehen; 3) Teilgebiet der Informationstechnologie, das sich mit Problemen befasst, die für die Rechtspflege von Bedeutung sind – nein, mit Rechtspflege hat das Thema nichts zu tun. Nun bin ich gespannt, ob sich das irgendwann durch gedankenloses Nachplappern ausbreitet und ein weiterer Eintrag in der Liste des Grauens wird.

Die Kollegin hat heute Geburtstag, deshalb hielten es mehrere Teilnehmer der regelmäßigen Teams-Runde für angebracht, für sie Happy Birthday zu singen, unter dem bei diesem Lied üblichen Verzicht auf gemeinsames Tempo und einheitliche Tonart. „Es klang sehr interessant“, so ihr anschließender Kommentar. Das war sehr freundlich ausgedrückt.

In einem Blogtext las ich „ein*e Scherzkeks*in“ und unterstelle, der Verfasser meint es ironisch. Ganz sicher bin ich mir nicht.

Auch dieser Tag endete karnevalistisch im Zeughaus der Beueler Stadtsoldaten, wo sich mehrere Gesellschaften aus Bonn und Umgebung trafen und sich mit Tanz und Musik auf der Bühne präsentieren, während die anderen Kölsch tranken. Vermutlich waren keine Asketen anwesend.

Samstag: Die Anschrift an der örtlichen Filiale einer Schnitzelbrätereikette gilt Rätsel auf:

Wie viele sind es? 15? 17? 236?

Abends besuchten wir – ohne eigenen Auftritt, daher im leichten Bieranzug – die Bürgersitzung der Ehrengarde Bonn im großen Saal des Maritim-Hotels. Als am Ende die Blaskapelle Domstädter mit Unterstützung einer Gruppe Dudelsackspieler „Du bes die Stadt“ spielte, bekam ich feuchte Augen. Ich weiß nicht warum, Dudelsack-Musik geht mir regelmäßig auf die Tränendrüse.

Kurz nach dem Aufmarsch

Während der Sitzung wurden Fotos von Besuchern gemacht, die hinterher im Foyer ausgehängt wurden und für neun Euro das Stück erstanden werden konnten. Mich wundert, dass dieses Geschäftsmodell in Zeiten, da nahezu jeder eine Kamera mit sich trägt, immer noch funktioniert. Jedenfalls wies die Fotowand schon Lücken auf.

Sonntag: Während auf der Promenade die Pfützen eingefroren sind, saß eine Frau im Schneidersitz auf dem Kies des Rheinufers und las ein Buch, wie ich beim Spaziergang sah. „Verkühl dir nicht die Eierstöcke“ pflegte mein Vater früher zu meiner Mutter zu sagen, wenn sie sich auf eine kalte Fläche setzte. Das fiel mir beim Anblick der Frau wieder ein.

Durch einen Kommentar wurde ich auf einen längst vergessenen Text über Glockengeläut in Bonn aufmerksam, den ich bereits 2014 auf Bundesstadt.com geschrieben habe. Vielen Dank dafür.

Auch dieser Tag sollte nicht ohne karnevalistische Aktivität vergehen: Abends begleitete unsere Gesellschaft den Godesberger Prinz nebst Godesia auf der Prunksitzung der Godesberger Stadtsoldaten, ebenfalls im Maritim-Hotel. Als später die Uniform wieder am Haken hing, reichte es erstmal mit Alaaf. Bis nächsten Sonntag.

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Nach längerer Zeit werde ich mal wieder eine Dienstreise machen, und zwar von Dienstag bis Donnerstag nach München. Ein wenig freue ich mich drauf. Bitte drücken Sie mir die Daumen, dass die Bahn funktioniert.

21:15

Woche 50/2025: Menschen im Besinnlichkeitsrausch

Montag: Als ich morgens das Haus verließ, fiel unangekündigt Regen. Daher gönnte ich dem Fahrrad einen weiteren Ruhetag und ging direkt zur Stadtbahn. Privileg des Innenstadtbewohners.

Vergangene Woche äußerte ich mich über meine Wunschlosigkeit bezüglich Weihnachtsgeschenke. An mehreren Stellen las ich nun, wenn Leute sagen „Ich wünsche mir nichts“ meinen sie eigentlich: Ich wünsche mir sehr wohl etwas, und ich wünsche mir, dass du es herausfindest und mich damit überraschst. Daher sehe ich mich veranlasst, es noch einmal in aller Deutlichkeit klarzustellen: Ich wünsche mir wirklich nichts, würde mich über eventuelle Gaben dennoch angemessen erfreut und dankbar zeigen.

In einer Besprechung faselte einer was von „Informäischen owerlod“. In einer anderen Besprechung wurde wild durcheinander geredet. Ich hörte überwiegend schweigend zu und freute mich auf das nahe Arbeitsende.

Während der Rückfahrt informierten die Stadtwerke ihre Fahrgäste per Durchsage: In der Innenstadt seien Taschendiebe unterwegs, die Haltestelle Uni/Markt sei wegen einer Sperrung zurzeit nur in Richtung Kaiserplatz zu verlassen und am Wochenende seien Bereiche der Innenstadt zur Waffenverbotszone erklärt. Was genau die Verkehrsbetriebe den Kunden mit letzterem mitteilen wollen, wissen nur die Verkehrsbetriebe.

Aus der Zeitung:

Finde den Fehler. (General-Anzeiger online)

Dienstag: Gehört in einer Besprechung: „Ich bin im Büro und das ist hier alles ganz anders als zu Hause.“ Das ist der Kollegin jedenfalls sehr zu wünschen.

Nachmittags beim Heimweg hüllte die untergehende Sonne die Umgebung in freundliches Rosa. Wenn Sie mal schauen möchten:

..

Gesehen auf dem Weihnachtsmarkt:

„Mist, verschrieben! Nochmal. – Mist, schon wieder verschrieben! Egal, merkt niemand.“ Doch.

Mittwoch: Der Eintrag für diesen Tag erfolgte erst am Donnerstag, da es mir am Mittwoch zeitlich nicht möglich war. An den insgesamt angenehmen Arbeitstag ohne besonderen Aufschreibenswert schloss sich direkt ein abteilungsinternes Beisammensein auf dem Weihnachtsmarkt mit anschließendem Essen im Restaurant an. Das war trotz oder gerade wegen der nur kleinen Gruppe angenehm und der Abend endete nicht allzu rauschvoll. In der Glühweinhütte, wo der Kollege einen Tisch reserviert hatte, hörte ich erstmals in dieser Saison „Last Christmas“, das nur zur Information. Ich habe nichts gegen dieses Lied und stimme deshalb nicht ein in den vielstimmigen Chor der Wham!-Hasser; vielmehr freute ich mich, als ein anderer Kollege sagte, er sei unglücklich verliebt gewesen, als das Lied aktuell war. Mir ging es genauso und bis heute wüsste ich gerne, was aus meinem damaligen Objekt der Begierde geworden sein mag, das ich nach der Schulzeit für immer aus den Augen verlor. Im Übrigen gibt es sehr viel schlimmere Weihnachts-Popsongs, schalten Sie in diesen Tagen nur mal das Radio ein.

Am Nebentisch saß eine Gruppe junger Leute, ein Mädchen tippte auf einem Klapptelefon herum, wie ich eines Anfang der Zweitausender- (oder, wenn Ihnen das lieber ist, Nuller-)Jahre besaß, ehe das iPhone auch bei uns einzog, mit dem nicht nur eine ganz neue Ära der Mobiltelefonie begann, sondern die Verblödung der Menschheit erheblich beschleunigt wurde und wird.

Auf der Karte der Glühweinbude. Auch hier grassiert die zunehmend liederliche Auslassung von Bindestrichen.

„Aus Neptuns Küche“ las ich auf der Speisekarte des Restaurants und fragte mich, wie dieser sein Dasein unter Wasser fristende Typ wohl kocht.

Donnerstag: Dank umsichtigen Trinkens am Vorabend begann dieser freie Tag ohne ethanolische Nachwirkung. Trotz des dafür perfekten sonnigen Wetters verzichtete ich auf eine Wanderung, stattdessen frühstückte ich im Kaufhof-Restaurant und las dabei die Blogs von gestern nach. Anschließend ging ich zum Schauen über den Weihnachtsmarkt, der um diese Zeit angenehm unbelebt ist. Gleichwohl waren einige der Warmgetränkstände schon wieder gut besucht und es ist wohl keine unzulässige Unterstellung, dass es sich bei dem roten Getränk in den Tassen nicht um Hagebuttentee handelte. Dafür war es sogar mir noch etwas früh.

Aussicht aus dem Kaufhof-Restaurant

Ansonsten nutzte ich den freien Tag für die Abarbeitung einer Liste von Vorhaben, die ich für heute angelegt hatte, unter anderem Geschenke besorgen und einpacken (dass ich selbst nichts geschenkt haben möchte, bedeutet nicht, dass ich anderen nichts schenke, wenn ich was Passendes finde), den Tag gestern nachbloggen und den gestern ausgefallenen Sport nachholen. Dann nahte schon wieder der Abend und Hunger trieb mich nochmals raus in die Gaststätte auf dem Münsterplatz, die jetzt umstellt ist von Weihnachtsmarktbuden. Dort ließ ich mir die Inseltags-Currywurst schmecken, mit Blick auf die vielen Menschen im Besinnlichkeitsrausch draußen, das Bonner Riesenrad, das gar nicht riesig ist, schon deutlich größer als ein Rhönrad, doch ein Winzling gegen das auf Pützchens Markt im Herbst, und den Bonner Weihnachts Baum (genauso geschrieben), ein kegelförmiger Turm mit tausenden Lichtern und Ausschank im Erdgeschoss. Auf dem Weg hörte ich jemanden zu seiner Begleitung sagen: „Ich hasse es jetzt schon, die ganzen Menschen hier.“ Was hatte er wohl erwartet?

Besinnlichkeit

Freitag: Wie morgens im Radio gemeldet wurde, ist die Zahl junger Erwachsener mit einer Aufmerksamkeitsstörung in den letzten zehn Jahren stark gestiegen. Das wundert mich nicht sehr.

Was schön war: ein in Nachholung von gestern angenehmer Fußweg ins Werk und zurück.

Morgens

Abends berichtete die Tagesschau über die Menschen in Gaza, die in ihren notdürftige Zelten und Hütten nun zu allem Elend auch noch von Regen und Kälte heimgesucht werden. Es soll hier nicht darum gehen, zu befinden, wer in diesem Konflikt du Guten und die Bösen sind, darüber mögen sich gerne andere streiten, auch habe ich dazu keine abschließende Meinung, die ich äußern könnte oder wollte. Was mich jedenfalls irritierte, war eine Sequenz mit einer Familie, die den Tod eines frisch geschlüpften Säuglings beklagte. Ich bin gewiss kein Lustverächter, doch diese Menschen leben seit nunmehr zwei Jahren in Trümmern und in ständiger Gefahr, angegriffen oder vertrieben zu werden. Warum setzt man in dieser Situation Kinder in die Welt? Liegt es an meiner antinatalistischen Grundhaltung, dass ich das nicht verstehe?

Samstag: Was auch schön war beziehungsweise ist: Auf Anfrage schickte mir Frau K., die in ihrem LandLebenBlog regelmäßig und äußerst lesens- und sehenswert den Alltag im Odenwald und das Zusammenleben mit einer Hühnerschar beschreibt und bebildert, zwei Bilder von Trafotürmen, die meine Sammlung bereichern und die ich hier mit ihrer freundlichen Erlaubnis zeigen darf.

Fotos: Friederike Kroitzsch

Aus der Reihe „Völlig sinnlose Symbolbilder“:

(General-Anzeiger online)

Sonntag: Die Ahrtalbahn fährt wieder in voller Länge von Remagen bis Ahrbrück. Bei der großen Flut im Sommer 2021 wurde sie in großen Teilen zerstört, seitdem fuhren die Züge nur bis Walporzheim. Nun ist sie wieder aufgebaut und sogar durchgehend elektrifiziert, am Freitag wurde die Strecke feierlich und mit prominenter Begleitung durch Bahnchefin und Bundesverkehrsminister wiedereröffnet. Trotz Oberleitung fährt DB Regio die RB 30 zwischen Bonn und Ahrbrück vorerst weiterhin mit Dieseltriebzügen, vielleicht hat man bei der Bahn nicht mit der baldigen Eröffnung gerechnet und deshalb mit der Beschaffung neuer Elektrotriebzüge noch abgewartet. Elektrisch fahren hingegen die Züge der Transregio, allerdings zurzeit nur bis Altenahr, weil das zweite Gleis zwischen Remagen und Bad Neuenahr baustellenbedingt noch nicht in Betrieb ist, was das Zugangebot einschränkt. Auch hier gilt, wie so oft: Gut Ding will Weile haben.

Deshalb hatte ich beschlossen, mir heute die neue Ahrtalbahn per Mitfahrt anzuschauen. Etwas überrascht war ich, wie viele Menschen den gleichen Gedanken hatten und ohne konkreten Reisezweck bis Ahrbrück und nach kurzem Wendehalt sofort wieder zurück fuhren. Augenscheinlich nicht nur typische Eisenbahnfreunde, die man zumeist – Achtung: Selbstironie – an ihrem etwas irren Blick erkennt, wenn sie einen Zug sehen, sondern normale Menschen aller Altersstufen, vom Kind bis zum fortgeschrittenen Rentner. Die Fahrt verlief pünktlich – bis Bad Godesberg auf der Rückfahrt, wo sich die Weiterfahrt „wegen Reparatur an einem Signal“ um einige Minuten verzögerte. Die Wartezeit überbrückte ich mit Blogs Lesen auf dem Telefon, vermutlich ist auch das Ausdruck der oben genannten Verblödung, wenn auch eine eher milde Form. Als es weiterging, steckte ich das Telefon wieder weg, weil ich beim Bahnfahren gezwungen bin, aus dem Fenster zu schauen und mich deshalb nicht auf das Lesen konzentrieren kann, (nicht nur) da bin ich etwas eigen.

Eine andere Form der Verblödung ist der Zwang vieler Friseursalons und Fahrradläden, sich möglichst originelle Namen zu geben. In Remagen sah ich den Radgeber, in Bad Bodendorf ein Wortspiel mit Hair, das ich mir nicht gemerkt und notiert habe, Komm hair oder so ähnlich.

Um nicht auf den sonntäglichen Spaziergang verzichten zu müssen, stieg ich am Bahnhaltepunkt UN-Campus aus und ging über Kessenich, den Venusberg und die Südstadt nach Hause. Auch den Weihnachtsmarkt streifte ich, blieb jedoch standhaft und verzichtete auf einen Glühwein oder ein ähnliches Warmgetränk.

Ankunft in Ahrbrück
Blick vom Venusberg auf Bonn

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut und möglichst entspannt durch die Woche, bleiben Sie standhaft.

18:30

Woche 32/2025: Was so geschrieben und gesagt wird

Montag: „Zähle 30 Dinge auf, die dich glücklich machen“ lautet der Vorschlag des Tages hier in der Wörterpresse. Das ist schnell getan: Die dreißig arbeitsvertraglich festgelegten Urlaubstage im Jahr machen mich ziemlich glücklich, jeder einzelne davon. In vier Wochen die nächsten elf. Nicht minder lieb sind mir die freien Inseltage jeden zweiten Donnerstag. Wie der kommende.

Dienstag: Der dienstagsübliche Fußweg ins Werk fiel ins Wasser wegen Regens, zurück ging es auf trockenem Weg.

In einer langen Besprechung am Nachmittag sagte einer in etwa jedem vierten Satz „am Ende des Tages“, wie so oft übertrug es sich im Laufe des Gesprächs wie ein Verbalvirus auf weitere Teilnehmer.

Auch ins Wasser gefallen

Nicht am Ende des Tages, doch kurz davor trafen wir uns im kollegialen Rahmen im Biergarten. Aus der ursprünglich geplanten Dreierrunde wurden elf, wie immer öfter in letzter Zeit war ich der Älteste. Ich fand es anstrengend, es wurde viel geschäftliches gesprochen mit der für die Altersgruppe Mitte zwanzig bis Ende dreißig typischen Wortwahl wie „Die Pommes sind krass crunchy“ und „Der Salat ist echt nice„. Zunehmend erschwert nicht nur mein nachlassendes Gehör die Teilnahme an solchen Unterhaltungen, sondern auch meine lückenhaften Englischkenntnisse. Als sie begannen, sich damit zu brüsten, wieviel Zeit man im Büro verbringt („Stell dir vor, jedes Mal würde einer ’ne Pizza ausgeben, nur weil man nach 22 Uhr noch da ist“) wurde es Zeit für mich, zu gehen. Die Runde zu dritt wäre mir lieber gewesen. Wie bereits vergangene Woche sei nochmals Ernst Jandl zitiert: „das stück, darin / ich keine Rolle spiele / ist meines.“ „/ nicht mehr“, wäre zu ergänzen.

Mittwoch: Ein weiterer Grund, weshalb ich es gestern Abend bei zwei Bieren beließ, war der heute Morgen anstehende Zahnarztbesuch zur Kontrolle und Reinigung, da will man nicht mit einer Fahne herumdünsten, auch sonst sind Arbeitstage unter Restalkohol erfahrungsgemäß wenig erfreulich. Nachdem alles zur beiderseitigen Zufriedenheit kontrolliert und gereinigt war, radelte ich jackenlos durch noch deutliche Morgenkühle zum Turm.

Vormittags hatte ich anlässlich einer überraschenden Übung meinen ersten Einsatz als Brandschutzhelfer. Als das Alarmsignal ertönte, zog ich die bereithängende Warnweste über und setzte einen wichtigen Gesichtsausdruck auf, mit dem ich im mir zugewiesenen Gebäudeabschnitt von Büro zu Büro ging, um die Kollegen aus dem Gebäude zu scheuchen. Die gingen allerdings freiwillig, so dass keine scharfe Ansprache oder Gewaltanwendung meinerseits erforderlich war. Schließlich meldete ich telefonisch die Etage als geräumt, dann verließ ich selbst durch das Treppenhaus den Turm. Der nächste Brand kann kommen, muss aber nicht.

Donnerstag: Falls Sie in der Inneren Nordstadt in Bonn wohnen und morgens jemanden etwas schräg, dafür einigermaßen textsicher „Unchained Melody“ singen hörten, das war ich. Während des Brausebades kam es im Radio, der Mitgesang war ununterdrückbar.

Wie am Montag bereits angedeutet, hatte ich heute frei. Wie üblich nutzte ich den Tag für eine Wanderung. Da Wärme angekündigt war, wählte ich eine nicht zu lange, möglichst bewaldete Route ohne stärkere Steigungen: einen Rundweg durch die Ville ab dem Bahnhof Erftstadt entlang mehrerer Seen, die durch Braunkohle-Tagebau im 19. und 20. Jahrhundert entstanden sind; ich habe das kurz für Sie recherchiert, nicht dass es heißt, hier lerne man nichts. Diese Route hatte mir vor einiger Zeit die Nachbarin empfohlen; vielen Dank, liebe M., eine gute Empfehlung, es war sehr schön. Kurz vor dem Ziel bog ich an einer Stelle falsch ab, wodurch eine Extraschleife zu gehen war. Das war nicht schlimm, auch wenn ich dadurch eine Teilstrecke zweimal ging.

Wie schön es war, können Sie hier sehen:

Dschungelartige Vegetation
Obersee
Untersee
Uferweg am Untersee
Mittagessen mit Blick auf den Heider Bergsee
Namenloser Tümpel am Wegesrand mit Bewohnern
Karauschenweiher

Nach Rückkehr in Bonn, Sie ahnen es, folgte eine Stärkung durch Currywurst und Bier. Bei dieser Gelegenheit herzliche Grüße an Leser Christian K., der mich angeschrieben hatte, um Nähres über das Bonner Currywurstangebot zu erfahren. Als Kleinblogger freut es mich immer sehr, wenn Geschriebenes Anerkennung und Rückmeldung erfährt.

Freitag: Nach den vorgenannten Annehmlichkeiten eines Inseltages noch einmal zurück in die Bürosphäre, ehe das Wochenende anbricht. Eine Kollegin lässt mich per Mail wissen, dass sie mich „fyi reingeloopt“ hat. Was so geschrieben und gesagt wird, wenn es bisi wirken soll.

In einer Besprechung gehört und notiert: „Ich habe keine Meldung erhalten, dass etwas unrund läuft, anscheinend läuft alles geradeaus.“ Ja wie denn nun?

Ansonsten war es ein angenehmer, nicht zu langer Arbeitstag, was überleitet zur Rubrik „Was schön war“:

Nach Rückkehr vom Werk standen Kaffee und Kuchen auf dem Balkontisch bereit. Ich kam gerade rechtzeitig an, bevor meine Lieben alles aufgefuttert hatten. Danach war ich beim Friseur, jetzt habe ich wieder die Haare schön. Nach der (wirklich!) letzten Färbung ergrauen auch die Schläfen langsam wieder.

Schön auch der folgende Satz eines Mädchens zu seiner Begleiterin vor dem Schaufenster eines Bekleidungsgeschäfts, gehört auf dem Weg zur (ebenfalls schönen) Abendgastronomie: „Alter, kuck mal der Rock, der ist ja cute.“

Samstag: Nachdem Kulturstaatsminister Weimar innerhalb seiner Behörde die Benutzung von Gendersternen und ähnlichen Sonderzeichen untersagt hat, empfiehlt er dasselbe nun auch anderen öffentlich geförderten kulturellen Einrichtungen, was gleichsam als Anweisung ausgelegt wird. Öffentliche Empörung und Zustimmung dürften sich in etwa die Waage halten. Auch ich verzichte aus Gründen der Sprach- und Schriftästhetik auf Genderzeichen, sowohl hier im Blog als auch in beruflichen Schriftlichkeiten; bislang hat sich keiner niemand darüber beschwert. Auch amüsieren mich immer wieder groteske Wort- und Satzkonstruktionen, die demselben Zweck dienen sollen wie „der Mitarbeitende“, „Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber“ oder die Anrede „Liebe:r Carsten“. Irgenwo las ich mal, nachdem der Schreibende zuvor das Femininum genutzt hatte, den Klammerzusatz „(das gilt auch für nicht-weiblich gelesenen Personen)“. Und doch habe ich überhaupt nichts dagegen, wenn andere es als richtig und notwendig erachten, geschlechtsneutral zu schreiben und sprechen. Ein wenig stolpere ich immer noch darüber, doch ich werde mich daran gewöhnen. Daher halte ich Weimars Weisung zumindest für fragwürdig.

„Alter“ ist übrigens, obwohl männlich gelesen, geschlechtsneutral, siehe Eintrag von gestern.

Zeit für die nächste Frage.

Vergangenen Donnerstag am Mittelsee

Frage Nr. 12 lautet: „Was möchtest du dir unbedingt irgendwann einmal kaufen?“ Unbedingt, aber nicht irgendwann, sondern sobald es erhältlich ist, das neue Buch „Aber?“ von Max Goldt, bestellt ist es schon beim Buchhändler des Vertrauens (selbstverständlich nicht beim großen A.). Irgendwann, aber nicht unbedingt möchte ich mir einen Hut kaufen, wie ich schon gelegentlich erwähnte. Ansonsten habe ich alles erforderliche.

Sonntag: Ein angenehmer Sommersonntag ohne größeren Berichtenswert mit gewohntem Ablauf: Balkonfrühstück mit den Lieben, Sonntagszeitungslektüre, ein längerer Spaziergang auf die andere Rheinseite und innere Erquickung im Biergarten. Laut Wetterprognose bleibt es erstmal warm, ich habe nichts dagegen.

Spaziergangsbild
Innere Kühlung
Mentale Abkühlung für die, die den Sommer nicht mögen

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. Kommen Sie gut durch die warme Woche.

Redaktionsschluss: 17:00 Uhr