Woche 47/2021: Mehr China wagen

Montag: Heute wurde die nächste Weihnachtsfeier abgesagt und durch ein Bildschirm-Event ersetzt. Da mich solche Veranstaltungen zutiefst deprimieren, sicher erwähnte ich das schon, ohne mich. Es ist und bleibt mir ein Rätsel, wie man Freude daran haben kann, mit dem dienstlichen Laptop auf dem Büffet, angeleitet durch einen Bildschirmkoch in der heimischen Küche etwas zuzubereiten, um es anschließend gemeinsam mit den ebenfalls nur im Monitor mitessenden Kollegen zu verzehren.

Dienstag: Wie empirisch ermittelt wurde, entstehen Träume von Blasendruck häufig durch Blasendruck.

Dem weihnachtlichen Schenkdruck stehe ich seit geraumer Zeit eher ablehnend gegenüber, deshalb bin ich sehr dankbar für unser diesjähriges Weihnachtsgabenverzichtsabkommen. Das heißt nicht, dass ich mich nicht über Geschenke freue, am meisten, wenn sie unerwartet eingehen, so wie heute gleich zwei. Das erste war ein Paket mit sechs Flaschen unterschiedlicher Biersorten, die der Rücksendung eines von mir verliehenen Buches beigefügt waren. Da ich weiß oder wenigstens annehme, dass die Schenkerin hier mitliest, auf diesem Wege nochmals: Liebe N., ich danke Ihnen ganz herzlich für die Sendung, ich werde sie genießen! Das zweite völlig überraschende Geschenk machte mir der Geliebte, auch hierüber freue ich mich außerordentlich:

Da zurzeit nicht absehbar ist, wie lange es noch geht, waren der Liebste und ich abends auf den Bonner Weihnachtsmarkt. Es war nicht sehr voll und auch sonst fühlte es sich anders an als gewohnt, inklusive einem diffusen Unbehagen. Immerhin wurden unsere Impfnachweise kontrolliert und Ordnungskräfte patrouillierten.

Mittwoch: Immer bemerkenswert, wenn jemand wegen irgendeiner ihn erregenden Unpässlichkeit „einen Hals bekommt“. Hatte er vorher keinen, oder hat er danach zwei? Beides nicht sehr schön.

Ähnlich wie die Halsbekommer empfinde ich stets, wenn ein stehendes Kraftfahrzeug ohne Fahrer mit laufendem Motor irgendwo herumemissioniert. Auf einer (immer noch nicht angelegten) Liste der Dinge, die ich noch tun will, ehe für mich das Licht ausgeht, stünde, in ein solches Auto einzusteigen und es um die nächste Straßenecke zu fahren. Heute Abend, auf dem Weg vom Einkaufen, wäre wieder dazu die Gelegenheit gewesen. Man ist einfach zu ängstlich.

Donnerstag: Heute war wieder „Inseltag“, das heißt ein Tag Urlaub zwischendurch, nur so für mich, ohne besonderen Anlass. Das ursprüngliche Vorhaben, die Wahner Heide zu durchqueren, wurde verschoben zugunsten a) eines Frühstücks im Café (mit Kontrolle von Impfnach- und Personalausweis, sehr lobenswert) und b) einer Begehung der nicht mehr betriebenen Industriebahn von Beuel nach Hangelar, was ich schon lange vorhatte. Im höchst unwahrscheinlichen Fall, dass Sie etwas über diese Bahn wissen wollen, schauen Sie gerne hier. Hier einige Eindrücke:

Am Bahnsteig links konnte man bis 2019 während der Großkirmes „Pützchens Markt“ von und nach Bonn-Beuel und Hangelar an- und abreisen. Angesichts der maroden Gleise und der aktuellen Lage schwer vorstellbar, dass das jemals wieder möglich sein wird.
Bahnhof Hangelar, Blick auf das heutige Streckenende. Früher ging es weiter bis Großenbusch. Müssen Sie auch nicht unbedingt kennen.

Freitag: »Die Vertrauensstellung zwischen dieser Arbeitsstation und der primären Domäne konnte nicht hergestellt werden«, meldete der Werksrechner beim ersten Anmeldeversuch am Morgen. Beim zweiten Versuch war das Vertrauen wieder hergestellt, die Hoffnung auf einen frühen Feierabend zerstört.

Das Wort „Omikron“ erscheint noch etwas ungewohnt; wir werden uns sehr schnell daran gewöhnen.

„Wer wird die Menschheit retten?“, fragt die Werbung für das Buch eines Drogeriehändlers. Die Antwort mag manchem die Laune trüben: Niemand. Wir sind nicht mehr zu retten. Unser natürlich Unvermögen, zugunsten eines langfristigen Wohlergehens kurzfristig auf etwas zu verzichten, wird uns in absehbarer Zeit auslöschen.

Samstag: Alle Jahre wieder – es knirschte etwas im Gebälk des häuslichen Harmoniegefüges, als Weihnachtsdekorationseuphorie sich an Lichterkettenskepsis rieb. Das Wort „Weihnachtsa…loch“ fiel wieder.

Fahrräder rasen auf Fußwegen, Fußgänger bummeln auf Radwegen, Autos parken auf Rad- und Fußwegen, Geschwindigkeitskontrollen sind ein Angriff auf die persönliche Freiheit; Menschen wollen sich nicht impfen lassen und keine Maske tragen; Müll wird am Straßenrand entsorgt; Bahnstrecken und Stromleitungen werden nicht ausgebaut, weil sich Menschen und Lurche gestört fühlen. Vielleicht sollten wir manchmal etwas mehr China wagen.

»Man sollte wirklich nicht alles mit sich selbst verarbeiten, sondern manchmal eine kleine Beschwerde führen, damit man so freundlich zurechtgewiesen und über sich selbst aufgeklärt würde.«

Johann Wolfgang von Goethe

Sonntag: „#Wegistdasziel“ steht auf einem Werbeplakat für Zigaretten. Abgesehen von der Frage, warum das noch immer erlaubt ist: Wo ist das Ziel hin?

Noch drei Bilder der Woche:

„Individuelle Wohnkonzepte“ – früher auch bekannt als Wohnhäuser

Kommen Sie gut durch die Woche und möglichst konfliktfrei durch die Adventszeit.

Woche 43/2021: Liebe, Wanderlust und Uhrenumstellung

Montag: Im Werks-Maileingang zwei Nachrichten von mittelmäßiger Wichtigkeit, eine von Samstag, 21:13, die andere von Sonntag, 17:45 Uhr. Was führen die Versender für ein Leben?

In einem Artikel über Egoisten in der aktuellen Ausgabe der PSYCHOLOGIE HEUTE wurde ich auf den „Dark Factor“ aufmerksam. Er misst „die Ausprägung des dunklen Kerns der Persönlichkeit. Unter Personen mit hohem D-Faktor sind solche, die den Schaden anderer nicht sehen, ihn billigend in Kauf nehmen, und solche, die andere absichtlich schädigen.“ Echte Arschlöcher also. Man kann die eigene Charakterdunkelheit hier selbst bestimmen, was ich sogleich tat. Das Ergebnis überrascht – mit einem Wert von 1,77 auf der Skala von 1 (hell) bis 5 (dunkel) scheine ich verträglicher zu sein als selbst geahnt.

Dienstag: Die Sängerin Nena, vor geraumer Zeit durch zweifelhafte Äußerungen in Misskredit geraten, sang einst, als sie noch beliebt war, von neunundneunzig Luftballons am Horizont, die fast den befürchteten Atomkrieg ausgelöst (andere würden schreiben für einen Atomkrieg gesorgt) hätten. Ähnliches trug sich am frühen Abend bei uns zu, nachdem der in jeder Hinsicht harmlose Postkartengruß eines alten Freundes erst in die falschen Hände, dann in den falschen Hals geriet und so fast zu einem Eklat mit Polizeieinsatz geführt hätte. „Nichts ist so unlogisch wie die Liebe“, wird Florian Illies im SPIEGEL zitiert.

Mittwoch: In der Kantine verlangte vor mir einer nach einer „richtigen Männerportion“ und schaute sich anschließend beifallheischend um. Ich verdrehte (nur innerlich) die Augen und tat ansonsten so, als hätte ich es nicht gehört, was mich nicht daran hindert, es nun aufzuschreiben.

Aufgeschrieben und mir gesendet (also nicht nur mir, sondern allen, die es abonniert haben) hat Kurt Kister von der Süddeutschen Zeitung folgendes, unter anderem über die allgemein oder wenigstens in meiner Generation bekannte und beliebte Männerportion eines Nudel-Fertiggerichts:

»Es war diese gelbe Pappschachtel, deren Namen ich nicht nenne, weil ich sonst ein Influencer wäre, was ich auf keinen Fall sein möchte. Als ich Matthes die Alutüte aufschneiden sah und er das Tomatenmark in den Topf gab, schmeckte ich 342 einsame Abendessen in möblierten oder nichtmöblierten Wohnungen. Als er die Würzmischung über das Mark streute, wusste ich, dass man aufpassen muss, dass der Herd nicht so weit aufgedreht ist, weil sonst Blasen in der Tomatensauce entstehen. Und als er dann die rote Sauce über die irgendwie leichengelben Nudeln schüttete, roch ich diesen… nennen wir es mal wider besseres Wissen: Duft, und ich spürte schon das Völlegefühl im Magen, das man hat, wenn man die drei Portionen, wie es auf der Schachtel heißt, alleine aß. Ich habe sie immer alleine gegessen.«

Weiter schreibt er zu einen ganz anderen Thema:

»Es sind die Retro-Shows, und sie haben gerne Titel wie „Die 80er Show“. Man sieht irgendwelche Ausschnitte von Songs, Ereignissen oder Werbeclips. Dazwischen labern dann mehr oder weniger bekannte Menschen, oft in einer Ecke des Bildschirms, was sie gerade für Assoziationen hatten oder wie sie es damals erlebt haben. Dafür nimmt man gerne in den Sechzigerjahren geborene lustige Menschen, die vor 20 Jahren entweder mal etwas prominent waren oder auch nur deswegen heute prominent sind, weil sie immer aus der Bildschirmecke heraus was über Led Zeppelin oder Helmut Kohl sagen.«

Als in den Sechzigerjahren geborenem, wenn auch weder besonders lustigem noch (zum Glück) auch nur ansatzweise prominentem Menschen gefällt mir beides außerordentlich gut. Wenn Ihnen das auch gefällt und sie so etwas jeden Mittwoch in Ihrem Maileingang vorfinden möchten, klicken Sie hier und wählen Sie „Deutscher Alltag“ aus.

Donnerstag: »FDP-Chef Christian Lindner (42) und seine Lebensgefährtin Franca Lehfeldt (32) haben sich verlobt und wollen nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur heiraten«, steht in der Zeitung. Es liegt mir fern, das alte Gleichnis von Topf und Deckel erneut zu strapazieren, die Dame wird schon wissen, was sie tut, zudem wird sie ihn ohnehin nicht allzu oft auf dem heimischen Sofa herumzulungern haben, wenn er demnächst Minister ist. Viel bemerkenswerter finde ich die zusätzliche Klarstellung durch die DPA, dass die beiden auch heiraten wollen; bislang ging ich davon aus, diese Absicht wohne einer jeden Verlobung inne.

Von Liebesbanden zu Wanderlust: Heute war wieder einer dieser zahlreichen „letzten schönen Tage des Jahres“, den ich dank Inseltag nutzte, um die vierte Rheinsteig-Etappe von Linz am Rhein nach Bad Hönningen zu erwandern. Streckenweise ging es recht steil bergauf, deswegen heißt es ja auch Rheinsteig und nicht -weg oder -pfad. Doch die Mühe lohnt sich.

Letzter Dunst verzieht sich langsam
Nicht nur Wasser sucht sich seinen Weg.
Drogenanbau

Oberhalb von Bad Hönningen verließ ich den Rheinsteig in Richtung Innenstadt und Bahnhof. Krasser konnte der Gegensatz nicht sein: Streichelten zuvor Wälder, Felder und Reben des Wanderers Auge, führte der Weg nun durch eine deprimierende Neubausiedlung mit wenig Grün, viel Pflaster und Schotter vor den Häusern, die nahtlos in ein nicht minder hässliches Industrie- und Gewerbegebiet überging.

Beachtenswert die Hinweise auf Waffen und Gebotsschilder

Die letzten Meter führten durch eine pittoreske Unterführung, die direkt am Bahnhof endete. Da die nächste Bahn in Richtung Bonn in wenigen Minuten abfuhr und keine einladende Gastronomie in Sichtweite war, verzichtete ich gar auf das traditionelle Belohnungsbier.

Hier unversehrt durchzukommen beeilen sich vermutlich sogar Rocker und Hooligans

Freitag: »Sorge vor Krawatten in Köln«, las ich morgens in der Zeitung. So sehr ich das langsame Ende dieses überflüssigen Halsschmuckes auch begrüße – nach nochmaligem Nachlesen galt die Sorge vielmehr Krawallen anlässlich einer größeren Demonstration gegen das Versammlungsgesetz. Wobei auch Krawatten und Versammlungen nicht vollkommen wesensfremd sind.

Apropos Ende: Alle Jahre wieder kommt nicht nur das Christuskind, sondern auch der Schreck, wenn im Büro beim Abreißen der Blätter des Dreimonatswandkalenders das Wort „Dezember“ erscheint. Nehmen wir es mit Lebkuchen und Humor, was bleibt uns übrig.

Welche Art von Humor hier den Programmierer trieb, wissen wir nicht.

Samstag: »Stadt Bonn stellt Opernhaus auf den Prüfstand«, titelt die Zeitung. Das wäre wirklich sehenswert.

An einem Informationsstand von Amnesty International in der Innenstadt sah ich im Vorbeigehen – an solchen Ständen, seien es Tier-, Natur-, Kinder- oder Wasauchimmer-Schützer gehe ich stets besonders schnell vorbei, um nicht vollgequatscht zu werden – einen jungen Mann mit zwei langen, geflochtenen Zöpfen, gleichsam die Greta für Verfolgte. Das war so ziemlich das Lächerlichste, was ich seit langem gesehen habe, was ich kaum zu verbergen vermocht hätte, hätte er mich in der üblichen Weise („Hättest du [die glauben immer, einen duzen zu dürfen] kurz Zeit für …“) angesprochen. Hat er zum Glück nicht.

Uhrenumstellung im Haushalt K: Hier werden nicht einfach die Zeiger um eine Stunde zurückgedreht, vielmehr wurden beim Versandhändler meines Misstrauens neue Wanduhren bestellt.

Sonntag: An den Restaurantbesuch gestern Abend erinnere ich mich aufgrund der Fülle an Begleitgetränken nicht in allen Details. Da der Geliebte am Ende keine Schuhe mehr anhatte, wird es ganz gut gewesen sein.

Vor der Kirche in der Inneren Nordstadt steht diese Säule:

Beachten Sie den unfreundlichen Hinweis im orangen Feld, dem ich Folge leistete. Die Verse 26 und 27 lauten: »26 Darum lieferte Gott sie entehrenden Leidenschaften aus: Ihre Frauen vertauschten den natürlichen Verkehr mit dem widernatürlichen; 27 ebenso gaben auch die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau auf und entbrannten in Begierde zueinander; Männer treiben mit Männern Unzucht und erhalten den ihnen gebührenden Lohn für ihre Verirrung.« Irgendwer hat ja immer was zu nörgeln.

Während des Spaziergangs am Nachmittag sah ich an einer Bushaltestelle eine junge Dame stehen, ins Datengerät vertieft, mit einem aufgesetzten Plüsch-Heiligenschein, ansonsten hatte sie nur wenig Engelhaftes an sich. Erst später ging mir auf, dass heute wieder dieses Halloween gefeiert wird.

Zum Schluss noch dieses:

»Aus dem Leben und der Kriminalstatistik weiß ich, dass man in der Regel nicht von einem dunkel durch den Garten huschenden Schatten ermordet wird, sondern von Menschen, zu denen man zu einem früheren Zeitpunkt einmal ,Liebling‘ oder ‚Schatz‘ gesagt hat.«

Denis Scheck in der PSYCHOLOGIE HEUTE

Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche voller Liebe, Humor und – wenn Sie mögen – Begleitgetränken.

Woche 11: Bitte fühlen Sie sich mitgedacht!

Montag: Also gut. Vielleicht ist das mit dem generischen Maskulinum ja doch gar nicht so völlig in Ordnung. Als Zeichen des guten Willens und der Bereitschaft, mich weiter zu entwickeln habe ich deshalb beschlossen, dieses Blog in gendergerechte Sprache zu überführen, jedenfalls probehalber und bis auf Weiteres, sagen wir, zunächst bis Ende April, dann sehen wir weiter. Nun erwarten Sie bitte kein Binnen-I, -Sternchen, -Unterstrich oder Doppelpunkt, und erst recht kein generisches Femininum; das alles empfinde ich nach wir vor als den Lesefluss hemmend und irritierend. Stattdessen verwende ich das von der Schriftstellerin Gitta Edelmann erdachte Gender-i, und damit es was Eigenes ist, ergänzt um ein »’« am Ende. Das irritiert das Auge beim Lesen nicht allzu sehr, beim Sprechen erfordert es keine Petra-Gerster-Pause, und es umfasst sämtliche Geschlechter. Das sieht dann so aus: das (Sg.) / die (Pl.) Lehreri‘, Kollegi‘, Mitarbeiteri‘, Chefi‘, Stahlträgeri‘, Spaghetti‘. (Finde den Fehler.) – Liebe Leseri‘, bitte fühlen Sie sich umfassend mitgedacht!

Der journalistische Synonymzwang hat eine (mir) neue Blüte hervorgebracht: In der Tageszeitung wird Schweden als „Abba-Nation“ bezeichnet. Zu ihrer Verteidigung sei erwähnt, dass es ein Artikel über den diesjährigen schwedischen ESC-Teilnehmer mit dem etwas seltsamen Namen „Tusse“ war. Oder Teilnehmeri‘? Wer weiß.

Die katholische Kirche hat von höchster Stelle, also natürlich nur im irdischen Sinne, die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare untersagt. Wer etwas anderes erwartet hat, glaubt wohl an Wunder und das Osterhasi‘. Segnete dieselbe Kirche nicht schon Kriegswaffen bis hin zur Atombombe? Um Gotti‘ Willen.

Dienstag: Nicht Gender-Sternchen, sondern „Corona-Schutzmasken mindern je nach Typ in unterschiedlicher Weise die Sprachverständlichkeit. Das hat eine Studie an der Technischen Hochschule Köln ergeben“, steht in der Zeitung. Wer hätte das gedacht.

Eine WhatsApp-Gruppe, der ich angehöre, lädt zu einem Zoom-Umtrunk ein. Da mich solche virtuellen Ersatz-Treffen nach wie vor sehr deprimieren, verzichte ich auf eine Teilnahme.

Mittwoch: Die Impfungen mit AstraZeneca wurden in Deutschland ausgesetzt, nachdem es nach 1,7 Millionen Impfungen zu drei Todesfällen kam, die möglicherweise auf den Impfstoff zurückzuführen sind. Das entspricht knapp 0,0002 Prozent. Zum Vergleich: Von den bislang 2,6 Millionen mutmaßlich ungeimpft Infizierten sind bislang rund 74.000 gestorben, das sind 2,8 Prozent. Warum genau darf das Zeug jetzt nicht gespritzt werden?

Am späteren Abend rief meine Mutter an, um uns zum „kleinen“ Hochzeitstag zu gratulieren, an den wir selbst mal wieder nicht gedacht hatten. (Vor drei Jahren wurde die „Eingetragene Lebenspartnerschaft“ amtlich und ohne große Feier und kirchlichen Segen in eine Ehe umgewandelt.)

„Erst auf Händen getragen, dann auf Kakteen gebettet.“ Der Geliebte hat es nicht leicht.

Apropos Hände: Vor ziemlich genau einem Jahr schüttelte ich zum letzten Mal welche. Man muss in allem auch das Gute sehen.

Donnerstag: Das Datengerät meldete den Geburtstag meines Onkels, der bereits vor ein paar Jahren gestorben ist. Da ich ihn sehr mochte, bringe ich es nicht übers Herz, den Kalendereintrag zu löschen. Das folgende Bild zeigt den Onkel (rechts) und den Neffen in den Siebzigerjahren, dazwischen sein Käfer, auf den er sehr stolz war, wie man vielleicht nicht nur an der farblichen Harmonie zwischen Wagen und T-Shirt erkennen kann.

Heute hatte ich einen sogenannten Inseltag, das heißt einen Urlaubstag zwischendurch ohne besonderes Vorhaben, einfach nur so. Da auch der Liebste nichts Wichtiges zu tun hatte, machten wir eine Ausfahrt in die Eifel mit Blick über den Laacher See.

Gelesen hier:

„Es gab nämlich eine Menge Leichen im Keller und wenn ich die komplett verschwiegen hätte, dann hätte mich das Leichengift noch in den nächsten 10 Jahren einholen können. Deshalb habe ich in der Erklärung alles offengelegt, aber für jede Leiche auch sofort eine gute Erklärung für einen natürlichen Tod mitgeliefert.“

Freitag: AstraZeneca darf nun wieder verabreicht werden. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Attila Hildmann oder das Querspinneri‘ Ihres Vertrauens.

Mitteilung des IT-Bereichs: Wegen Wartungsarbeiten kann es am Sonntagmorgen zwischen 2 und 4 Uhr zu kurzfristigen Ausfällen beim Zugriff auf die Mailpostfächer kommen. Irgendwas ist ja immer.

Samstag: Am frühen Nachmittag war ich kurz in der Stadt. (Ich weiß, von der Formulierung her ist das unsauber – auch jetzt, da ich dieses schreibe, bin ich in der Stadt, da ich dort wohne. Aus alter Gewohnheit, als Bett und Tisch noch in Bielefelder Vororten standen, gehe/fahre ich „in die Stadt“, wenn ich die Fußgängeri’zone meine. So wie der Geliebte „nach Bonn“ fährt, wenn er Bonn-Bad Godesberg in Richtung Bonn-Zentrum verlässt. Wobei das vielleicht noch etwas anderes ist: Die Godesbergeri‘ haben es auch noch zweiundfünfzig Jahren nicht verwunden, zu Bonn zu gehören, wohingegen ich mich in Stieghorst und Quelle [das gibt es wirklich, hat nichts mit Schickedanz zu tun] stets als Bielefelder fühlte.) Leichte Melancholie befiel mich: Trotz recht vieler Menschen auf den Straßen war es doch ganz anders als früher – Masken überall, viele Geschäfte geschlossen, vor anderen lange Schlangen, keine Gastronomie. Ich bin weit davon entfernt, zu fordern, sofort wieder alles zu öffnen, wie manche das für richtig halten, und doch frage ich mich, wie lange das so noch weiter geht. Uns geht es gut, keine Frage, wir leiden keinen Mangel. Manchmal indes, so wie heute, denke ich, so langsam könnte es doch mal gut sein. Aber das wird es noch lange nicht, im Gegenteil, in Kürze wird vermutlich alles wieder geschlossen, weil es nicht anders geht, weil die Zahlen wieder stark steigen. Man muss sich gedulden und das Beste daraus machen, zum Beispiel, aber nicht unbedingt, so:

(Gesehen heute in der Friedrichstraße)

Ob danach wirklich ALLES wieder so sein soll wie vorher, daran habe ich große Zweifel.

Randnotiz:* Während ich dieses notiere, höre ich Musik (unter anderem diese) über meine gute alte Stereoanlage, die schon meine Wohnung in Bielefeld-Quelle beschallte. Die mag ich sehr, weil sie Knöpfe und Regler hat für an/aus, laut/leise und einiges Anderes. Wenn meine Lieben hingegen Musik oder Radio hören wollen, diskutieren sie minutenlang mit einer unsichtbaren, schwerhörigen, begriffsstutzigen Dame namens Siri. Daran will und werde ich mich niemals gewöhnen.

* Fußnote zur Randnotiz: Vielleicht wohnt mir bisweilen eine gewisse Rückwärtsgewandtheit inne, gerade auch gegenüber der digitalen Welt. Dennoch frage ich, mal so unter uns Blogschreiberi‘: Wenn ein Blogbeitrag von mir in einem anderen erwähnt und verlinkt wird, ist es dann nicht das Mindeste, dass ich mich dort per Kommentar kurz dafür bedanke, oder ist das oldschool? Nur ein Gedanke.

Sonntag: Beim Zähneputzen morgens erfuhr ich beiläufig, dass die Sängerin dieses Liedes, das wohl fast jeder kennt, Ce Ce Peniston heißt. Ein kleiner Zotenteufel in mir zwingt mich, das Wort „Peniston“ in zwei Bestandteile zu zerlegen, diese sogleich in neuem Sinnzusammenhang wieder aneinander zu fügen und pubertär zu grinsen, ich kann da wirklich nichts für.

Gelesen:

„… belassen wir es dabei, dass ich mich an keinen Zeitpunkt in meinem Leben erinnern kann, da mir das, was mich umgab, nicht als mindestens seltsam, manchmal bizarr, gar absurd vorkam, auf jeden Fall einer Nachfrage wert.“

Terèzia Mora, Schriftstellerin, in der PSYCHOLOGIE HEUTE

Woche 36: #nochwasliegenbleiben

Montag: Große Dramen menschlicher Existenz sind häufig darin begründet, dass man sich dort befindet, wo man nicht sein will, zum Beispiel an einem Montag im Büro. Wie der Postillon berichtet, hat die deutsche Gerichtsbarkeit nun zur Linderung dieser Not ein wegweisendes Urteil gefällt.

Bleiben wir noch etwas bei seriösen Presseerzeugnissen. Das der Tageszeitung beigelegte Wirtschaftsmagazin „Bilanz“ berichtet über die tausend reichsten Deutschen. Während ich gelangweilt durch das Heft blättere, blicke ich in lauter Antlitze von Leuten, die so sind, wie ich niemals sein möchte.

Verwirrend das Werbeplakat eines Gerüstbauers, welches mir auf dem Heimweg in den Blick geriet:

KW36 - 1

Der Werbespruch stünde einem auf hochpreisige Immobilen spezialisierten Makler oder einem Anbieter unterleibserfreuender, sado-masochistischer Dienstleistungen gut zu Gesicht. Aber welche Grenze bestimme ich als Gerüstbenutzer?

Dienstag: Wie kann man freiwillig einer Bewegung mit dem Namen „#aufstehen“ beitreten? Eine Initiative“#nochwasliegenbleiben“ hätte indessen gute Chancen, mich als Mitstreiter zu gewinnen. Siehe Eintrag vom vergangenen Sonntag.

Google wird heute zwanzig. Wenn man dort das Rezept für Chili con Carne recherchieren will, sollte man laut WDR 2 „Rezept für Chili con Carne“ eingeben. Da hat sich die Zahlung der Rundfunkgebühr doch schon wieder gelohnt.

Apropos Futter: Darf man eigentlich noch „Studentenfutter“ sagen, oder gilt das inzwischen auch als irgendwie diskriminierend? Nicht diskriminierend, dafür schlicht falsch ist jedenfalls, „Studenten Futter“ zu schreiben.

KW36 - 1 (2)

Mittwoch: Lange nichts Neues zur Sanierung der Beethovenhalle gehört und gelesen. Bis heute, das Warten hat sich gelohnt: Nach neuesten Erkenntnissen belaufen sich die Kosten nun auf vorläufig 95 Millionen Euro. (Zur Erinnerung: zuletzt 87, ursprünglich veranschlagt 61.) Unbestätigten Meldungen zufolge werden nun Wetten angenommen, ob die 100-Millionen-Grenze noch in diesem Jahr überschritten wird.

Wie nennt man eigentlich diesen Wichtigtuer-Buchstaben, den manche Menschen zwischen Vor- und Nachname zu führen für hübsch halten, zum Beispiel „Karl G. Schoren“? Binnen-Initiale? Trotz intensiver (etwa fünfminütiger) Netzrecherche fand ich darauf keine Antwort. Egal – laut interner Mitteilung hat nun ein sich mit einem solchen Buchstaben schmückender Mensch das Unternehmen verlassen, „um sich neuen Herausforderungen außerhalb des Konzerns zu widmen.“ Eine weitere Perle der Unternehmenskommunikation.

Auf dem Weg zur Chorprobe hörte ich in Köln-Deutz einen jungen Mann dieses in sein Mobilgerät sprechen: „Check das mal ab, wäre echt nice!“ Das musste ich natürlich sofort notieren, um es der Nachwelt zu erhalten, weil es so nice ist.

Auf der Rückfahrt nach Bonn, müde vom Gesang und in freudiger Erwartung der Arme des Liebsten und des Bettuches, fuhr an meiner Bahn ein Nachtzug vorbei: erst die Schlaf- und Liegewagen, dahinter die Transportwagen für die Autos der Schlafenden und Liegenden. Darauf ein PKW, der im Sekundentakt hupte und blinkte, als hätte er Angst so alleine in der Nacht auf einem schaukelnden Eisenbahnwaggon. Das war auch ziemlich nice, jedenfalls aber niedlich.

Donnerstag: Inseltag. Einfach mal zwischendurch ohne besonderen Anlass einen Tag freinehmen, ausschlafen, frühstücken im Café, danach ein paar kleinere Dinge erledigen (Frisörbesuch, Schuhbänder kaufen und austauschen, was ins Mitmachblog schreiben) und ansonsten die Stunden mehr oder weniger sinnlos vergeuden (Schranke der Modelleisenbahn reparieren, einen alten Bus fotografieren, zwei Textrohlinge notieren, Musik von alten Kassetten hören). Das ist wie ein kleiner Urlaub.

KW36 - 1 (1)

Freitag: Noch zwei Kommunikationsperlen: „Unsere Belegschaft ist der Schlüssel zur Erreichung der Ziele der Strategie 2020. Sie sind ein bedeutender Teil davon.“ – „Bei uns ist die Can Do-Einstellung Teil unserer DNA.“ Da steht man doch morgens noch motivierter auf.

Samstag: „Ständig und überall wird aus riesigen Plastikflaschen Wasser getrunken, als hätten frühere Generationen gefährlich an der Grenze zum Verdursten operiert. Das Fitness-Studio braucht einen Aufzug aus der Tiefgarage. Und wenn die Abenteuerreise in die Taklamakan-Wüste mit 20 Minuten Flugverspätung endet, erwägt der wutentbrannte Weltenbummler von heute gleich eine Zivilklage.“ (Martin Wein im Bonner General-Anzeiger über die „Generation Y“)

Es ist mir übrigens vollkommen wurscht, wenn sich jedes Jahr Leute über den Verkauf von Weihnachtssüßigkeiten ab August aufregen. Es zwingt euch doch niemand. Ich jedenfalls habe heute im Rewe das erste Marzipanbrot gekauft, und ich werde es ganz sicher weit vor dem ersten Advent vertilgen.

Sonntag: Es gibt, von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen, grundsätzlich niemals einen Grund, unhöflich zu werden, so meine Überzeugung. Insofern tut es mir sehr leid, wie ich die Call-Center-Mitarbeiterin, die mich am späteren Morgen im Auftrag einer Meinungsumfrage aus dem Bett klingelte, anraunzte, schließlich machte sie nur ihre Arbeit. Dennoch wäre ich allen Meinungsforschungsinstituten und anderen Einrichtungen, die ungefragt Leute telefonisch belästigen, sehr dankbar, wenn sie mich nie mehr anriefen, weder am Sonntagmorgen noch sonst.

Die fortschreitende allgemeine Verblödung macht auch vor der Gastronomie nicht halt: „Wenn ein Restaurant jeden Tag sowieso so tolle Gerichte zaubert, ist es doch total schade, die nicht auf Instagram zu teilen“, wird eine gewisse Justine Müller (26) in der FAS zitiert. Wie es schmeckt, ist unwichtig, Hauptsache es sieht gut aus und wird von vielen geleikt.