Woche 11: Bitte fühlen Sie sich mitgedacht!

Montag: Also gut. Vielleicht ist das mit dem generischen Maskulinum ja doch gar nicht so völlig in Ordnung. Als Zeichen des guten Willens und der Bereitschaft, mich weiter zu entwickeln habe ich deshalb beschlossen, dieses Blog in gendergerechte Sprache zu überführen, jedenfalls probehalber und bis auf Weiteres, sagen wir, zunächst bis Ende April, dann sehen wir weiter. Nun erwarten Sie bitte kein Binnen-I, -Sternchen, -Unterstrich oder Doppelpunkt, und erst recht kein generisches Femininum; das alles empfinde ich nach wir vor als den Lesefluss hemmend und irritierend. Stattdessen verwende ich das von der Schriftstellerin Gitta Edelmann erdachte Gender-i, und damit es was Eigenes ist, ergänzt um ein »’« am Ende. Das irritiert das Auge beim Lesen nicht allzu sehr, beim Sprechen erfordert es keine Petra-Gerster-Pause, und es umfasst sämtliche Geschlechter. Das sieht dann so aus: das (Sg.) / die (Pl.) Lehreri‘, Kollegi‘, Mitarbeiteri‘, Chefi‘, Stahlträgeri‘, Spaghetti‘. (Finde den Fehler.) – Liebe Leseri‘, bitte fühlen Sie sich umfassend mitgedacht!

Der journalistische Synonymzwang hat eine (mir) neue Blüte hervorgebracht: In der Tageszeitung wird Schweden als „Abba-Nation“ bezeichnet. Zu ihrer Verteidigung sei erwähnt, dass es ein Artikel über den diesjährigen schwedischen ESC-Teilnehmer mit dem etwas seltsamen Namen „Tusse“ war. Oder Teilnehmeri‘? Wer weiß.

Die katholische Kirche hat von höchster Stelle, also natürlich nur im irdischen Sinne, die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare untersagt. Wer etwas anderes erwartet hat, glaubt wohl an Wunder und das Osterhasi‘. Segnete dieselbe Kirche nicht schon Kriegswaffen bis hin zur Atombombe? Um Gotti‘ Willen.

Dienstag: Nicht Gender-Sternchen, sondern „Corona-Schutzmasken mindern je nach Typ in unterschiedlicher Weise die Sprachverständlichkeit. Das hat eine Studie an der Technischen Hochschule Köln ergeben“, steht in der Zeitung. Wer hätte das gedacht.

Eine WhatsApp-Gruppe, der ich angehöre, lädt zu einem Zoom-Umtrunk ein. Da mich solche virtuellen Ersatz-Treffen nach wie vor sehr deprimieren, verzichte ich auf eine Teilnahme.

Mittwoch: Die Impfungen mit AstraZeneca wurden in Deutschland ausgesetzt, nachdem es nach 1,7 Millionen Impfungen zu drei Todesfällen kam, die möglicherweise auf den Impfstoff zurückzuführen sind. Das entspricht knapp 0,0002 Prozent. Zum Vergleich: Von den bislang 2,6 Millionen mutmaßlich ungeimpft Infizierten sind bislang rund 74.000 gestorben, das sind 2,8 Prozent. Warum genau darf das Zeug jetzt nicht gespritzt werden?

Am späteren Abend rief meine Mutter an, um uns zum „kleinen“ Hochzeitstag zu gratulieren, an den wir selbst mal wieder nicht gedacht hatten. (Vor drei Jahren wurde die „Eingetragene Lebenspartnerschaft“ amtlich und ohne große Feier und kirchlichen Segen in eine Ehe umgewandelt.)

„Erst auf Händen getragen, dann auf Kakteen gebettet.“ Der Geliebte hat es nicht leicht.

Apropos Hände: Vor ziemlich genau einem Jahr schüttelte ich zum letzten Mal welche. Man muss in allem auch das Gute sehen.

Donnerstag: Das Datengerät meldete den Geburtstag meines Onkels, der bereits vor ein paar Jahren gestorben ist. Da ich ihn sehr mochte, bringe ich es nicht übers Herz, den Kalendereintrag zu löschen. Das folgende Bild zeigt den Onkel (rechts) und den Neffen in den Siebzigerjahren, dazwischen sein Käfer, auf den er sehr stolz war, wie man vielleicht nicht nur an der farblichen Harmonie zwischen Wagen und T-Shirt erkennen kann.

Heute hatte ich einen sogenannten Inseltag, das heißt einen Urlaubstag zwischendurch ohne besonderes Vorhaben, einfach nur so. Da auch der Liebste nichts Wichtiges zu tun hatte, machten wir eine Ausfahrt in die Eifel mit Blick über den Laacher See.

Gelesen hier:

„Es gab nämlich eine Menge Leichen im Keller und wenn ich die komplett verschwiegen hätte, dann hätte mich das Leichengift noch in den nächsten 10 Jahren einholen können. Deshalb habe ich in der Erklärung alles offengelegt, aber für jede Leiche auch sofort eine gute Erklärung für einen natürlichen Tod mitgeliefert.“

Freitag: AstraZeneca darf nun wieder verabreicht werden. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Attila Hildmann oder das Querspinneri‘ Ihres Vertrauens.

Mitteilung des IT-Bereichs: Wegen Wartungsarbeiten kann es am Sonntagmorgen zwischen 2 und 4 Uhr zu kurzfristigen Ausfällen beim Zugriff auf die Mailpostfächer kommen. Irgendwas ist ja immer.

Samstag: Am frühen Nachmittag war ich kurz in der Stadt. (Ich weiß, von der Formulierung her ist das unsauber – auch jetzt, da ich dieses schreibe, bin ich in der Stadt, da ich dort wohne. Aus alter Gewohnheit, als Bett und Tisch noch in Bielefelder Vororten standen, gehe/fahre ich „in die Stadt“, wenn ich die Fußgängeri’zone meine. So wie der Geliebte „nach Bonn“ fährt, wenn er Bonn-Bad Godesberg in Richtung Bonn-Zentrum verlässt. Wobei das vielleicht noch etwas anderes ist: Die Godesbergeri‘ haben es auch noch zweiundfünfzig Jahren nicht verwunden, zu Bonn zu gehören, wohingegen ich mich in Stieghorst und Quelle [das gibt es wirklich, hat nichts mit Schickedanz zu tun] stets als Bielefelder fühlte.) Leichte Melancholie befiel mich: Trotz recht vieler Menschen auf den Straßen war es doch ganz anders als früher – Masken überall, viele Geschäfte geschlossen, vor anderen lange Schlangen, keine Gastronomie. Ich bin weit davon entfernt, zu fordern, sofort wieder alles zu öffnen, wie manche das für richtig halten, und doch frage ich mich, wie lange das so noch weiter geht. Uns geht es gut, keine Frage, wir leiden keinen Mangel. Manchmal indes, so wie heute, denke ich, so langsam könnte es doch mal gut sein. Aber das wird es noch lange nicht, im Gegenteil, in Kürze wird vermutlich alles wieder geschlossen, weil es nicht anders geht, weil die Zahlen wieder stark steigen. Man muss sich gedulden und das Beste daraus machen, zum Beispiel, aber nicht unbedingt, so:

(Gesehen heute in der Friedrichstraße)

Ob danach wirklich ALLES wieder so sein soll wie vorher, daran habe ich große Zweifel.

Randnotiz:* Während ich dieses notiere, höre ich Musik (unter anderem diese) über meine gute alte Stereoanlage, die schon meine Wohnung in Bielefeld-Quelle beschallte. Die mag ich sehr, weil sie Knöpfe und Regler hat für an/aus, laut/leise und einiges Anderes. Wenn meine Lieben hingegen Musik oder Radio hören wollen, diskutieren sie minutenlang mit einer unsichtbaren, schwerhörigen, begriffsstutzigen Dame namens Siri. Daran will und werde ich mich niemals gewöhnen.

* Fußnote zur Randnotiz: Vielleicht wohnt mir bisweilen eine gewisse Rückwärtsgewandtheit inne, gerade auch gegenüber der digitalen Welt. Dennoch frage ich, mal so unter uns Blogschreiberi‘: Wenn ein Blogbeitrag von mir in einem anderen erwähnt und verlinkt wird, ist es dann nicht das Mindeste, dass ich mich dort per Kommentar kurz dafür bedanke, oder ist das oldschool? Nur ein Gedanke.

Sonntag: Beim Zähneputzen morgens erfuhr ich beiläufig, dass die Sängerin dieses Liedes, das wohl fast jeder kennt, Ce Ce Peniston heißt. Ein kleiner Zotenteufel in mir zwingt mich, das Wort „Peniston“ in zwei Bestandteile zu zerlegen, diese sogleich in neuem Sinnzusammenhang wieder aneinander zu fügen und pubertär zu grinsen, ich kann da wirklich nichts für.

Gelesen:

„… belassen wir es dabei, dass ich mich an keinen Zeitpunkt in meinem Leben erinnern kann, da mir das, was mich umgab, nicht als mindestens seltsam, manchmal bizarr, gar absurd vorkam, auf jeden Fall einer Nachfrage wert.“

Terèzia Mora, Schriftstellerin, in der PSYCHOLOGIE HEUTE

Woche 36: #nochwasliegenbleiben

Montag: Große Dramen menschlicher Existenz sind häufig darin begründet, dass man sich dort befindet, wo man nicht sein will, zum Beispiel an einem Montag im Büro. Wie der Postillon berichtet, hat die deutsche Gerichtsbarkeit nun zur Linderung dieser Not ein wegweisendes Urteil gefällt.

Bleiben wir noch etwas bei seriösen Presseerzeugnissen. Das der Tageszeitung beigelegte Wirtschaftsmagazin „Bilanz“ berichtet über die tausend reichsten Deutschen. Während ich gelangweilt durch das Heft blättere, blicke ich in lauter Antlitze von Leuten, die so sind, wie ich niemals sein möchte.

Verwirrend das Werbeplakat eines Gerüstbauers, welches mir auf dem Heimweg in den Blick geriet:

KW36 - 1

Der Werbespruch stünde einem auf hochpreisige Immobilen spezialisierten Makler oder einem Anbieter unterleibserfreuender, sado-masochistischer Dienstleistungen gut zu Gesicht. Aber welche Grenze bestimme ich als Gerüstbenutzer?

Dienstag: Wie kann man freiwillig einer Bewegung mit dem Namen „#aufstehen“ beitreten? Eine Initiative“#nochwasliegenbleiben“ hätte indessen gute Chancen, mich als Mitstreiter zu gewinnen. Siehe Eintrag vom vergangenen Sonntag.

Google wird heute zwanzig. Wenn man dort das Rezept für Chili con Carne recherchieren will, sollte man laut WDR 2 „Rezept für Chili con Carne“ eingeben. Da hat sich die Zahlung der Rundfunkgebühr doch schon wieder gelohnt.

Apropos Futter: Darf man eigentlich noch „Studentenfutter“ sagen, oder gilt das inzwischen auch als irgendwie diskriminierend? Nicht diskriminierend, dafür schlicht falsch ist jedenfalls, „Studenten Futter“ zu schreiben.

KW36 - 1 (2)

Mittwoch: Lange nichts Neues zur Sanierung der Beethovenhalle gehört und gelesen. Bis heute, das Warten hat sich gelohnt: Nach neuesten Erkenntnissen belaufen sich die Kosten nun auf vorläufig 95 Millionen Euro. (Zur Erinnerung: zuletzt 87, ursprünglich veranschlagt 61.) Unbestätigten Meldungen zufolge werden nun Wetten angenommen, ob die 100-Millionen-Grenze noch in diesem Jahr überschritten wird.

Wie nennt man eigentlich diesen Wichtigtuer-Buchstaben, den manche Menschen zwischen Vor- und Nachname zu führen für hübsch halten, zum Beispiel „Karl G. Schoren“? Binnen-Initiale? Trotz intensiver (etwa fünfminütiger) Netzrecherche fand ich darauf keine Antwort. Egal – laut interner Mitteilung hat nun ein sich mit einem solchen Buchstaben schmückender Mensch das Unternehmen verlassen, „um sich neuen Herausforderungen außerhalb des Konzerns zu widmen.“ Eine weitere Perle der Unternehmenskommunikation.

Auf dem Weg zur Chorprobe hörte ich in Köln-Deutz einen jungen Mann dieses in sein Mobilgerät sprechen: „Check das mal ab, wäre echt nice!“ Das musste ich natürlich sofort notieren, um es der Nachwelt zu erhalten, weil es so nice ist.

Auf der Rückfahrt nach Bonn, müde vom Gesang und in freudiger Erwartung der Arme des Liebsten und des Bettuches, fuhr an meiner Bahn ein Nachtzug vorbei: erst die Schlaf- und Liegewagen, dahinter die Transportwagen für die Autos der Schlafenden und Liegenden. Darauf ein PKW, der im Sekundentakt hupte und blinkte, als hätte er Angst so alleine in der Nacht auf einem schaukelnden Eisenbahnwaggon. Das war auch ziemlich nice, jedenfalls aber niedlich.

Donnerstag: Inseltag. Einfach mal zwischendurch ohne besonderen Anlass einen Tag freinehmen, ausschlafen, frühstücken im Café, danach ein paar kleinere Dinge erledigen (Frisörbesuch, Schuhbänder kaufen und austauschen, was ins Mitmachblog schreiben) und ansonsten die Stunden mehr oder weniger sinnlos vergeuden (Schranke der Modelleisenbahn reparieren, einen alten Bus fotografieren, zwei Textrohlinge notieren, Musik von alten Kassetten hören). Das ist wie ein kleiner Urlaub.

KW36 - 1 (1)

Freitag: Noch zwei Kommunikationsperlen: „Unsere Belegschaft ist der Schlüssel zur Erreichung der Ziele der Strategie 2020. Sie sind ein bedeutender Teil davon.“ – „Bei uns ist die Can Do-Einstellung Teil unserer DNA.“ Da steht man doch morgens noch motivierter auf.

Samstag: „Ständig und überall wird aus riesigen Plastikflaschen Wasser getrunken, als hätten frühere Generationen gefährlich an der Grenze zum Verdursten operiert. Das Fitness-Studio braucht einen Aufzug aus der Tiefgarage. Und wenn die Abenteuerreise in die Taklamakan-Wüste mit 20 Minuten Flugverspätung endet, erwägt der wutentbrannte Weltenbummler von heute gleich eine Zivilklage.“ (Martin Wein im Bonner General-Anzeiger über die „Generation Y“)

Es ist mir übrigens vollkommen wurscht, wenn sich jedes Jahr Leute über den Verkauf von Weihnachtssüßigkeiten ab August aufregen. Es zwingt euch doch niemand. Ich jedenfalls habe heute im Rewe das erste Marzipanbrot gekauft, und ich werde es ganz sicher weit vor dem ersten Advent vertilgen.

Sonntag: Es gibt, von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen, grundsätzlich niemals einen Grund, unhöflich zu werden, so meine Überzeugung. Insofern tut es mir sehr leid, wie ich die Call-Center-Mitarbeiterin, die mich am späteren Morgen im Auftrag einer Meinungsumfrage aus dem Bett klingelte, anraunzte, schließlich machte sie nur ihre Arbeit. Dennoch wäre ich allen Meinungsforschungsinstituten und anderen Einrichtungen, die ungefragt Leute telefonisch belästigen, sehr dankbar, wenn sie mich nie mehr anriefen, weder am Sonntagmorgen noch sonst.

Die fortschreitende allgemeine Verblödung macht auch vor der Gastronomie nicht halt: „Wenn ein Restaurant jeden Tag sowieso so tolle Gerichte zaubert, ist es doch total schade, die nicht auf Instagram zu teilen“, wird eine gewisse Justine Müller (26) in der FAS zitiert. Wie es schmeckt, ist unwichtig, Hauptsache es sieht gut aus und wird von vielen geleikt.