Luxus

Am Samstag waren wir von Freunden zum Essen ins Restaurant eingeladen. Mit der Einladung ein paar Tage zuvor ging die Frage einher, ob wir Hummer mögen. Nun zähle ich nicht zu den regelmäßigen Essern dieses kostbaren Krustentieres, doch erinnerte ich mich des zarten wohlschmeckenden Fleisches, welches gereicht wurde, als wir vor längerer Zeit mit unseren Nachbarn aßen, daher sagten wir ja (beziehungsweise in diesem Fall oui).

Leichtes Misstrauen meinerseits kam auf, als das Besteck aufgelegt wurde, welches geeignet schien, damit eine mittelkomplizierte Kieferoperation auszuführen – neben Messer, Gabel und Löffel umfasste es auch eine massive Zange und ein nicht näher zu bezeichnendes Kratz- und Stechwerkzeug. Auch das Kettchen mit den Klammern an jedem Ende, welches dazu diente, die Serviette vor die Brust zu hängen, so wie beim Zahnarzt zum Schutze der Kleidung vor spritzendem Blut, bevor er mit der Wurzelbehandlung beginnt, trug nicht zur Zerstreuung meiner Bedenken bei.

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Dann wurde es ernst, zunächst für die Hummer: Eine Küchenkraft trat an das in Sichtweite stehende Aquarium und fischte mit einer großen Schöpfkelle zwei Tiere aus dem Becken. Ob sie wohl ahnten, was ihnen bevorstand? Schlechtes Gewissen überkam mich, fast glaubte ich, den anklagenden Blick in den Hummeräuglein zu erkennen.

Wenig später wurden vier halbe Hummer aufgetischt, also am Stück, nur eben halbiert. Nun war es an mir, herauszufinden, wo sich innerhalb roter Kruste, Beinen, Fühlern und Scheren die essbaren Bestandteile versteckten. Im Hummerverzehr weitgehend ungeübt, schaute ich, was die anderen machten. Was ich beobachtete, erinnerte eher an das Gemetzel einer ausgehungerten Raubkatze gegen die gerissene Antilope, als an ein gepflegtes Mahl in gehobener Gastronomie: Mit geübten Handgriffen und doch brachialer Gewalt zerrissen sie das eben noch friedlich im Aquarium seiner kulinarischen Bestimmung entgegendämmernde Tier, kratzten hier, lutschten dort, Schmatzen und Krachen der berstenden Schalen lagen in der Luft.

Ich versuchte, es ihnen gleichzutun, doch so sehr ich mich auch mühte, das Biest erwies sich als verdammt stabil, die Zange glischte mir aus meinen schmierigen Händen und die umstehenden Weingläser waren bald mit Soße bespritzt. Trotz der ausgezeichneten Klimatisierung des Restaurants standen mir Schweißperlen auf der Stirn. Nach und nach landeten die abgerissenen Hummerteile in der großen Abfallschüssel in Tischmitte, ab und zu stieß ich auf einzelne Fleischfasern, die mir zum Verzehr geeignet schienen.

Auch die Hummerschere landete schließlich in der Schüssel, nachdem es mir nicht gelungen war, dieser mit den zur Verfügung stehenden Hilfsmitteln beizukommen; Schraubstock, Meißel und Säge gehörten leider nicht zur Ausstattung meines Platzes. „Bist du des Wahnsinns“, herrschte mich der Liebste von der Seite an, „die Schere ist das beste!“ Er barg sie aus der Schüssel und zupfte mit geschicktem Werkzeugeinsatz und unter lautem Knacken das darin befindliche Fleisch heraus.

Zum Glück umfasste das Mahl einen zweiten Gang: Die anschließend gereichten Lammnüsschen (was keine schafkindlichen Hoden sind) bereiteten mir einen deutlich größeren Genuss, auch gelang es mir, diese ohne fremde Hilfe, Nussknacker und nennenswerte Verschmutzung der Umgebung zu mir zu nehmen.

Fazit: Hummerfleisch ist wohlschmeckend, sofern man seiner habhaft wird, auch sollte man nicht allzu hungrig sein – trotz einer gewissen phonetischen Ähnlichkeit schließen sich Hummer und Hunger aus. Vor mir muss jedenfalls kein Hummer mehr um sein Leben fürchten.

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