Woche 22/2026: Regelkonform auch im Verstoß

Montag: An diesem Pfingstmontag blieben wir lange im Bett, da der Heilige Geist etwas auf den Schädel drückte. Vielleicht war es auch nur der Geist des Weines vom Vorabend.

In die vielfach zu hörenden und lesenden Klagen über die derzeitige Hitze stimme ich nicht ein, wobei ich anerkenne, heißer als um die dreißig Grad muss es nicht werden, darüber empfinde auch ich es als anstrengend. So unternahm ich nachmittags mit großem Genuss einen langen Spaziergang an die andere Rheinseite, soweit möglich im Schatten. Der Weg führte vorbei am Freibad, wo Becken und Rasenflächen dicht mit mehr oder weniger stark tätowierten Menschen belegt waren, vor dem Eingang immer noch eine Warteschlange, der Parkplatz voll. Jeder, wie er mag. Ich mochte lieber nicht, besuchte stattdessen den ebenfalls gut besuchten Biergarten, fand im unteren Bereich direkt an der Uferpromenade Platz, wo ich mich bei einem Hellen dem Vergnügen des Leutekuckens hingab.

Solche Montage darf es gerne öfter geben.

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Rabenvater

Dienstag: Die erste Meldung in den Radionachrichten am Morgen war, dass irgendein drittligriger Fußballverein irgendein Spiel gewonnen hat. Immer wieder erstaunt mich die Prioritätensetzung der Redakteure. Anderseits vielleicht ein Zeichen, dass es diesem Land gar nicht so schlecht geht wie oft behauptet wird.

Der erste Arbeitstag war wenig montäglich, was vielleicht auch am angenehmen Fußweg dorthin lag. Die Gewerke gingen mir gut von der Hand, die Zeit verging rasch. So soll es sein.

Aus einem Zeitungsbericht über einen Dönerwurf aus Streitsuchtgründen:

Wie die Polizei mitteilte, hatte eine 14-Jährige während eines Streits eine Portion des Fast Foods auf eine gleichaltrige Kontrahentin geworfen. Als die Eltern der beiden Jugendlichen sich am Sonntagabend trafen, um die Situation gemeinsam mit den beiden Streithähnen zu klären, sei die Situation eskaliert.

Muss das nicht Streithennen heißen?

Abends am Rhein

Mittwoch: Kantinengedanke zur Mittagszeit: An warmen Tagen gehen die Leute ins Büro, wie sie vor zwanzig Jahren, als zumindest hier in der Zentrale die äußerste akzeptierte Erleichterung der Verzicht auf die Krawatte war, allenfalls ein AIDA-Schiff betreten hätten. Keine Bewertung, nur Beobachtung.

In einer Mail begegnete mir der Name Hinsch. Dabei fiel mir der Dauertelefonstreich von Bart Simpson ein und ich musste über einen längeren Zeitraum grinsen.

Donnerstag: Eigentlich wäre dies eine kleine Woche, somit hätte ich heute frei. Konjunktiv. Im Indikativ ging ich dennoch ins Büro, da die Woche wegen Pfingsten auch so nicht sehr groß war. Außerdem beginnt in einer Woche der Urlaub, bis dahin soll noch einiges in der Liste abgearbeitet werden. Zudem ist es für die inseltagsübliche Wanderung etwas zu warm, dennoch wäre mir der freie Tag ganz sicher nicht langweilig geworden. Überhaupt kann ich mir nicht vorstellen, dass es mir ohne Arbeit je langweilig werden könnte, jedenfalls nicht langweiliger als ein Arbeitstag voller zäher Besprechungen.

Eher kurz und informell ein Gespräch am Nachmittag, in dem ich über eine organisatorische Kleinmaßnahme informiert wurde, die mich unmittelbar betrifft. Ob ich das gut oder eher solala finden soll, weiß ich noch nicht. Jedenfalls zu geringfügig, um dagegen aufzubegehren.

Was erfreuliches: Ich erhielt eine Postkarte aus Bremen, die mich in angenehmen Zugzwang bringt. Das ist nämlich so: Erst kürzlich erhielt ich vom selben Absender einen netten Brief, den ich noch nicht beantwortet habe. Nun muss ich. Und da ich gerne Briefe und Postkarten schreibe, finde ich das gut. Ich weiß nicht, ob Sie das nachvollziehen können; wenn nicht, ist das nicht schlimm.

Onkel Michael über den Wal:

Ruhe ist dem modernen Menschen unerträglich geworden. Er muss alles zerreden, zerfilmen, vertwittern und emotional ausschlachten, bis selbst die Möwen genervt den Strand verlassen. Einst jagten die Menschen Wale mit Harpunen; heute jagen sie sie mit Mikrofonen. Früher wurde Tran aus ihnen gewonnen, heute Content.

[…]

Ahab selbst wäre wohl beschämt gewesen. Der Mann opferte wenigstens nur sein Schiff und seine Mannschaft seinem Walwahn. Heute dagegen opfert man dem Spektakel ganze Nachrichtentage, kollektive Vernunft und die letzten Reste gesellschaftlicher Gelassenheit.

Gelesen im Feldlilien-Blog und sehr (zustimmend) gelacht.

Ich glaube, ich war ein dämliches Kind. Ich habe doch tatsächlich in der Schule das Lied „Spannenlanger Hansel, nudeldicke Dirn“ gelernt, und mir ist nie aufgefallen, dass es da um Bodyshaming geht.

[…]

… hier eine absolut klinisch reine Version (jedenfalls zur heutigen Zeit. Kann natürlich sein, dass in drei Jahren die Verwendung des Buchstaben „E“ irgendwie politisch unkorrekt ist): 
„Zwei Personen, deren Geschlechtszugehörigkeit, ob physisch oder psychisch, hier mal nicht genannt wird, weil sie zum Sachverhalt eigentlich absolut nichts beiträgt, mit einem grundsätzlich einander gegenteiligen äußeren Erscheinungsbild, aber wen interessiert das schon, gehen zusammen Lebensmittel retten.“

Tralala.

Freitag: Ein gutes Gespräch mit dem Chef brachte zufriedenstellende Klarheit über eine gestern entstandene Irritation meinerseits.

Nachmittags war ich beim Hörtest. Wenig überraschend wurde eine Hörschwäche festgestellt, vor allem links, das war mir bislang nicht bewusst. (Dass der Liebste üblicherweise links von mir schläft, dürfte damit in keinem Zusammenhang stehen.) Zur Probe trage ich nun Hörgeräte, die ich bis nach dem Urlaub testen darf. Was sie mir auf Anhieb sympathisch macht: Sie sind recht unauffällig und man kann darüber Musik hören, sogar telefonieren, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Ob sie auch ihren eigentlichen Zweck erfüllen, nämlich wieder bei Hintergrundgeräuschen Gesprächen folgen zu können, werden die nächsten Tage und Wochen zeigen. Jedenfalls sind die Dinger ganz schön teuer, deshalb besser keins verlieren.

Gelesen bei Kurt Kister:

Zu den sehr seltsamen Merkmalen der neuen Zeit gehören nicht nur Donald Trump, Kinnbärte und die Vermenschlichung von Computerprogrammen. Auch die Eigenart von Leuten, sich überall dort, wo sich andere in eher lächerlichen Posen mit dem Telefon fotografieren, auch so zu fotografieren, ist enorm gegenwartsprägend.

Abends gingen heftige Gewitter über das Land. Während des Wochenend-Einstimmungsgetränks auf dem Balkon zogen im Südwesten dunkle Wolken auf und anhaltendes Donnergrummeln war aus der Richtung zu vernehmen, das sich langsam näherte, schließlich fielen dicke Regeltropfen auf den Balkontisch. Später, als wir unter dem Sonnenschirm vor dem Wirtshaus saßen, zog erneut ein beeindruckender Schauer mit Blitz, Donner und starkem Regen über uns hinweg. Entgegen der Vernunft und im Vertrauen darauf, dass schon nichts passieren wird, blieben wir noch eine Weile dort sitzen. Das war gleichzeitig der erste Praxistest der Hörgeräte. Durchaus positiv.

Der Zeppelin ist wieder da. Darüber freue ich mich jedes Jahr so wie andere über die Ankunft der Mauersegler.

Samstag: Die Gewitter des Vorabends brachten leichte Abkühlung, jedoch ist es immer noch warm genug für kurze Hosen. Nach dem Frühstück unternahm ich den wöchentlichen Gang zum Altglascontainer. Dort war der Behälter für Weißglas voll, deshalb standen bereits mehrere Flaschen und eine volle Tragetasche davor, während die Behälter für Grün- und Braunglas noch aufnahmefähig waren. Menschen halt, zudem deutsche: regelkonform auch im Verstoß. Da ich davon ausgehe, dass farblose Flaschen die Wiederverwertung von Grünglas nicht beeinträchtigen, warf ich sie dort ein und schloss einen längeren Spaziergang an den Rhein an. Mein Eindruck: Die großflächige Tätowierung von Menschen bis etwa vierzig hat nochmal zugenommen.

Zeit für die nächste Frage.

Nr. 16 lautet: „Wie alt möchtest du gern werden?“ Ich glaube, das habe ich in anderen Zusammenhängen schon mal beantwortet; war da nicht diese seltsame Partei, die auf ihren Wahlplakaten die Möglichkeit in Aussicht stellte, fünfhundert Jahre alt zu werden oder älter? Welch grauenhafte Vorstellung. Also: Ich hänge nicht am Leben, strebe kein hohes Alter an; die Ziele der sogenannten Longevity-Bewegung teile ich nicht. Auch habe ich keine Nachkommen, deren Wohlergehen von meinem abhängt. So als Richtwert würde ich mich über fünfundsiebzig Jahre freuen. Wenn es mir dann gut geht und ich das Leben aufgrund innerer und äußerer Umstände noch als lebenswert empfinde, meinetwegen auch ein paar Jahre mehr. Den Ruhestand würde ich ganz gerne erleben. Wenn es früher endet, dann ist das eben so.

Der Astronom Harald Lesch in einem Zeitungsinterview: „Wir Deutschen leben scheinbar im Lamentozän, dem Erdzeitalter des Lamentierens.“

Abends waren wir zum ersten Mal im Contra-Kreis-Theater, wo das Stück „S.O.S. im Paradies“ gespielt wurde, mit viel Witz, etwas Tragik und gut gesungener ABBA-Musik. Wir lachten viel, fühlten uns bestens unterhalten und waren bestimmt nicht zum letzten Mal dort.

Auf dem Rückweg verliebte ich mich spontan in einen Anzug im Schaufenster eines Bekleidungsgeschäftes. Auch wenn ich eigentlich keinen neuen Anzug benötige: Vielleicht schaue ich am Dienstag Abend mal ganz unverbindlich rein, vielleicht habe ich ja Glück und es gibt ihn nicht in meiner Größe.

Sonntag: Mittags erreichte mich per Mail die Nachricht, dass meine eingereichte Geschichte in die Anthologie aufgenommen wird. Damit hatte ich nicht gerechnet, habe ich doch beim Schreiben gemerkt, dass es mir wesentlich schwerer fällt, mir eine Geschichte auszudenken als Erlebtes und Beobachtetes aufzuschreiben. Umso mehr freut es mich.

Weil es am Montag so schön gewesen war, führte der Sonntagsspaziergang auch heute ans andere Rheinufer, auf einer etwas anderen Route. Gar nicht zufällig führte der Rückweg am Lieblingsbiergarten vorbei, der heute weniger stark besucht war.

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Für uns endet die Arbeitswoche am Mittwoch, danach beginnt der Urlaub. Ich werde selbstverständlich berichten.

17:30

Woche 6/2026: Immerhin wurde nicht Happy Birthday gesungen

Montag: Heute streikte der ÖPNV, was ich nicht kritisiere und was mich auch nicht stört, weil ich montags grundsätzlich mit dem Fahrrad zur Wertschöpfung fahre. Es sei denn, es regnet. Das tat es morgens, doch passend zur Abfahrt war der Regen, bis auf wenige Resttropfen, durch. Manchmal passt es einfach.

„Die IT ist manchmal ein Eichhörnchen“ sagte eine in der Besprechung. Ich habe nicht den Hauch einer Idee, was sie damit ausdrücken wollte, war aber nicht genug daran interessiert, um nachzufragen und verbuche es unter der Rubrik Was so geredet wird.

Wie meine Mutter am Telefon mitteilte, ist ein alter Kollege von mir gestorben. Alt ist wörtlich zu nehmen, er muss weit über achtzig gewesen sein, schon vor mehr als dreißig Jahren ging er in den wohlverdienten Ruhestand. (Selten hört oder liest man das Wort ohne dieses Attribut, egal ob es stimmt oder nicht. In diesem Fall stimmte es.) Seitdem haben wir uns nicht mehr gesehen. Ich schätzte den Kollegen sehr, sowohl fachlich als auch menschlich, er war stellvertretender Leiter der Dienstelle in Bielefeld gewesen, in der ich mich sehr wohl fühlte. Wir duzten uns nie, das war früher nicht so üblich wie heute. Er wird mir in guter Erinnerung bleiben.

Dienstag: Der Fußweg ins Werk und zurück war begleitet von ungemütlich feuchter Kaltluft, morgens kam noch etwas Regen hinzu. Das hielt einen entgegenkommenden Läufer nicht davon ab, seinen Frühsport in kurzen Hosen und T -Shirt zu absolvieren, soweit nicht ungewöhnlich und der Notiz wert; sobald die Temperatur zweistellig ist, wird er wieder auf das T-Shirt verzichten. Allerdings trug er heute dazu Handschuhe, was in der Kombination recht putzig aussah.

Einige hundert Meter weiter legten mehrere Personen im Ruderboot am Rheinufer ab und ruderten flussaufwärts. Als Gelegenheitsmodell- und ehemals aktiver Museumseisenbahner, außerdem Karnevalist sollte ich mich in Zurückhaltung üben bei der Beurteilung der Freizeitgestaltung anderer; als Blogger seien mir diese Zeilen gestattet.

Blick auf Beuel, morgens

Während eines natürlichen Bedürfnisses staunte ich über den jungen Kollegen am Nebenurinal, der während der Verrichtung auf sein Datengerät schaute. „Du Opfer“ flüsterte ich nur innerlich, er wird es nicht vernommen haben.

Spontaner Gedanke beim Lesen des Wortes Architekt*innen: Muss das nicht Innen*Architekt heißen? Verzeihung, ich bin etwas albern.

Auf dem Rückweg regnete es

Mittwoch: Wieder ein Jahr älter und dem Ruhestand näher, um auch das Positive an der zunehmenden Alterung nicht aus dem Blick zu verlieren. Wie üblich an diesem Tag nahm ich zahlreiche Gratulationen entgegen im persönlichen Gespräch, telefonisch und über die elektronischen Kommunikationsmedien, deren Beantwortung gewisse (Arbeits-)Zeit beanspruchte, der Kanzler wird es nicht gerne hören. Auch nicht im Kanzlersinne: Zunehmend kommt in diesen Konversationen die Frage „Wie lange noch“ vor. Immerhin wurde nicht Happy Birthday gesungen.

Jemand hatte stapelweise mutmaßlich selbstgebackene Waffeln mitgebracht und auf dem Tisch im Büroflur platziert, dazu ein Glas Kirschen, Puderzucker und Sprühsahne. Wer es war und warum, blieb im Dunkel, es lag kein Zettel daneben. Um nicht unberechtigt im Lichte der Großzügigkeit zu erscheinen, wies ich alle persönlichen Gratulanten vorsorglich darauf hin, dass ich nicht der Spender war. Kurz war ich versucht, einen entsprechenden Hinweiszettel anzubringen, etwa „Von mir sind die Waffeln nicht, lasst sie euch dennoch schmecken”, verwarf die Idee jedoch wieder. Sie schmeckten übrigens gut, danke dafür, falls der- oder diejenige mitliest.

Mein persönliches Selbstgeschenk war ein frühes Arbeitsende kurz nach dem Mittagessen. Zu Hause beantwortete ich in Sofalage zu den Klängen von Bruckners fünfter Sinfonie weitere Gratulationen, die über WhatsApp reingekommen waren, nahm – entgegen meiner Abneigung gegen das Telefonieren, wenigstens einmal im Jahr muss es gehen – weitere Anrufe entgegen, dann war der Nachmittag fast schon wieder vorüber und ich ging zum Sport, wo das Telefon in der Umkleide verblieb.

Neben den üblichen Wünschen für Glück, Gesundheit und ein langes Leben wünschte mir eine Gratulantin weniger Strenge mir selbst gegenüber. Das fand ich erstaunlich, erscheint mir doch etwas mehr Disziplin durchaus angebracht, gerade hinsichtlich meines gelegentlichen Alkoholkonsumes nicht nur zur Karnevalszeit; so wird das nichts mit einem langen Leben. Muss auch nicht; dieses Longevity, von dem so viele reden, kann mich mal.

Vor fünf Jahren hatte ich auch schon Geburtstag
Auch nur eine Zahl

Donnerstag: Werbespruch aus der Hölle: „Iss mal ne Fairnane“, gelesen morgens auf einem Plakat. Das waren noch Zeiten, als die Werbung ewig währende Weisheiten hervorbrachte wie „Mühe allein genügt nicht“ (Frau Sommer) oder „Da weiß man, was man hat“ (Persilmann).

Wie zu erfahren war, hatte die Waffeln ein Kollege mitgebracht, der gestern ebenfalls Geburtstag hatte. Wäre das auch geklärt.

Freitag: Es widerstrebt mir, Menschen mit ihrem Spitz- oder verkürzten Vornamen (wie Chris, Flo, Basti usw.) anzureden, wenn ich sie nicht gut kenne. Selbst dann, wenn sie sich mir mit genau diesem Namen vorgestellt haben beziehungsweise von allen anderen so nennen lassen.

Werbung im Netz:

Welches Gas mag dort verheizt werden?

Samstag: Während weite Teile des Landes unter Schnee- und Eislast ächzen, nahm unsere Karnevalsgesellschaft bei Sonnenschein und fast frühlingshafter Milde am großen Sternmarsch* mehrerer regionaler Corps in der Bonner Innenstadt teil, wo in diesem Jahr zweihundert Jahre Bonner Karneval gefeiert werden. Das war schön. Danach mussten wir uns erholen, um abends fit zu sein für das Nachgeburtstagsessen beim Franzosen unseres Vertrauens.

Auf dem Marktplatz mit Blick auf der Alte Rathaus, von wo der Oberbürgermeister seine Rede vom Blatt ablas

*Von manchen auch Sternenmarsch genannt, obwohl sich aus tageszeitlichen Gründen keine Sterne blicken ließen. Stern deshalb, weil die verschiedenen Corps aus unterschiedlichen Richtungen gleichsam sternförmig zum Marktplatz marschierten.

Sonntag: Der Vorabend im Restaurant war wieder sehr schön und wirkte noch ein wenig nach. Ansonsten verlief der Tag weitgehend wie ein normaler Sonntag mit Ausschlafen, kleinem Frühstück, langem Spaziergang (heute durch Beuel), Sofalesezeit und ohne besondere Bemerknisse oder Pointe.

Müsste das nicht Karneval’ssamstag/-sonntag geschrieben werden?
Postfrevel in Beuel

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Wenn Sie mögen, mit Alaaf, Helau oder wie auch immer das bei Ihnen heißt.

19:30

Woche 47/2025: Beeindruckende Aussichten und winterliche Kälte

Montag: Appetit kommt beim Essen, Inspiration beim Schreiben, so jedenfalls die Hoffnung. Heute kam nicht viel, was nichts über die Qualität des Tages aussagt. Der war insgesamt nicht schlecht, bot allerdings wenig Notierenswertes. Dass es wie angekündigt kälter geworden ist, haben Sie vermutlich selbst mitbekommen.

Vielleicht noch dieses: Die Kessler-Zwillinge sind gestorben, beide am selben Tag, neunundachtzig sind sie geworden. Ich selbst verband wenig mit ihnen, hatte sie vor Jahren in der einen oder anderen Fernsehshow zur Kenntnis genommen und hätte bis gestern nicht mit Bestimmtheit sagen können, ob sie noch lebten. Soweit man weiß, wählten sie den assistierten Freitod. Wer wollte es den beiden Damen verdenken, dass sie, nachdem sie ihr gesamtes Leben gemeinsam verbracht hatten, auch zusammen diese Welt verlassen wollten.

Büroblick, nachmittags

Dienstag: Die scheinbar ewige Baustelle am Rheinufer hat mal wieder eine neue Gestalt angenommen. Dadurch war ich genötigt, den Fußweg ins Werk, erstmals wieder in MSH-Ausstattung (Mütze, Schal, Handschuhe), zunächst ein Stück in Gegenrichtung zu gehen, ehe er dem Ziel entgegen fortgesetzt werden konnte. Ich bin gespannt, ob das noch vor meinem Ruhestand fertig wird.

Die Bäume am Rheinufer haben in den letzten Tagen die meisten Blätter abgeworfen, nur die Pappeln sind in der unteren Hälfte noch nicht kahl, ähnlich Männern im fortschreitenden Alter, deren Haupt nur ein schütterer Haarkranz ziert. (Bei Frauen kommt das selten vor, wenigstens hier sind sie im Vorteil.) Was letze Woche noch golden leuchtete, liegt heute braun am Boden, mit lärmenden Geräten zusammengeblasen, darauf der erste Rauhreif. (Ja, Rechtschreibprüfung, mach nur deine Strichelchen darunter, ich schreibe es trotzdem weiterhin mit h.) Nun beginnt wieder die lange blätterlose Zeit, mindestens bis März. Ehe die Bäume wieder grünen, bin ich an der Zahl ein Jahr älter, immerhin auch dem Ruhestand etwas näher.

Vormittags machte ich von der Möglichkeit der Grippeschutzimpfung durch den Betriebsarzt Gebrauch. Bis zum Zeitpunkt der Niederschrift ist keine Nachwirkung zu spüren, das darf gerne so bleiben.

Auf dem Rückweg besuchte ich ein Café am Marktplatz, wo ich mir zur Abwechslung und passend zum Wetter einen Minztee bringen ließ. Ab Freitag, wenn der Weihnachtsmarkt eröffnet ist, gibt es wieder andere temperaturangemessene Rückwegsgetränke.

Morgenrot. Auf dem (unbearbeiteten) Foto wirkt es dramatischer als in Wirklichkeit.
Morgentau

Mittwoch: Da für nachmittags Regen angekündigt war, fuhr ich mit der Stadtbahn zum Werk. Weiterhin in MSH-Ausstattung staunte ich an der Haltestelle über ein junges Mädchen in Rock und T-Shirt auf dem Bahnsteig gegenüber sowie einen jüngeren Burschen neben mir, der seine großflächig tätowierten Beine in kurzen Hosen präsentierte. Vielleicht war deren Einfärbung so teuer, dass sie unmöglich unter wärmenden Hosenbeinen verborgen bleiben dürfen.

Am Hauptbahnhof stieg ein Jüngling zu und setzte sich mir schräg gegenüber. Kaum saß er, tat er, was Leute in seinem Alter zu tun gezwungen sind: Er zückte das Datengerät und schaute darauf. Währenddessen – mutmaßlich war die Kamera aktiviert – zupfte er seine aufwendige Lockenpracht zurecht, korrigierte hier und da eine Tolle, anschließend schaute er noch einmal prüfend ins spiegelnde Fenster der Bahn und legte ein letztes Mal Hand an; das ganze ohne ein für den Betrachter erkennbares Resultat, danach sah er genauso aus wie vorher. Vermutlich fand er den älteren Typen schräg gegenüber, der ihn beobachtete und was in ein Notizbuch schrieb, mindestens genauso seltsam.

„Wo Licht endet, beginnt das Abenteuer“, wird in den U-Bahn-Stationen für eine Ausstellung in der Bundeskunsthalle geworben. Leicht wehmütig denke ich dabei an längst vergangene Nächte in Köln zurück und befinde: Stimmt.

Donnerstag: Obwohl die Temperatur morgens im niedrig-einstelligen Celsiusbereich lag, erschien es mir auf dem Fußweg ins Werk nicht so kalt wie nachmittags zurück. Ich beobachte es öfter und schrieb es vermutlich schon, dass es mir morgens weniger kalt erscheint als nachmittags. Als ob mein Körper über einen inneren Nachtspeicherofen verfügt, der sich im Schlaf aufheizt und bis in den Vormittag nachwärmt.

„CITY-STROLL GO-TO LOOK“ schreit den Strollenden ein Schriftzug am Schaufenster eines Herrenmodegeschäfts in der Innenstadt an. Ob das zum Konsum animiert, sei angezweifelt. (Ich musste die Bedeutung von „stroll“ recherchieren: bummeln, spazieren; wobei ich da und auch sonst mit meinen schmalen Englischkenntnissen kein Maßstab bin.)

Per Teams-Chatnachricht schickte mir jemand unbekanntes, der mich gleichwohl und wie mittlerweile üblich duzte, eine knappe Frage zu einer E-Mail, die ich womöglich irgendwann geschickt hatte und an deren Inhalt ich mich nicht erinnerte. Erledigte Angelegenheiten werden in meinem Kopf bald gelöscht; ich bin weit über fünfzig und muss mit meinen Hirnkapazitäten haushalten. Nun hätte ich in Outlook nach der betreffenden Mail suchen oder ebenfalls per Chat rückfragen können, was genau sein Begehr sei. Doch warum sollte ich das tun? Warum schickte er seine Frage nicht einfach als Antwort auf die betreffende Mail?

Mit leichter Sorge nehme ich in unserem Geschäftsbereich eine zunehmende Verschnauzbartung der jüngeren Kollegen wahr.

Nicht mit Sorge, indes Bedauern nehme ich zur Kenntnis, dass der Rheinpavillon, der auf meinem Arbeitsweg liegt, wohl auch in diesem Jahr auf eine eigene Glühweinbude verzichtet. Das ist schade, aber zum Glück gibt es ab morgen Alternativen.

Ab kommenden Jahr werden junge Männer, mit und ohne Schnauzbart, wieder zur Musterung geladen, wird gemeldet. Dabei wird auch gerne, oft mit einem Augenzwinkern, der ärztliche Griff in primäre Geschlechtsorgane, verbunden mit der Aufforderung zum Husten genannt, der wohl beibehalten werden soll. Meine Musterung war Mitte der Achtziger. Auch ich wurde dabei – soweit ich mich erinnere von einer Ärztin – aufgefordert, die Unterhose herabzulassen. Jedoch, da bin ich mir sicher, griff sie nicht zu, sondern schaute nur kurz und war mit dem Vorgefundenen offenbar zufrieden.

Freitag: Die aufgehende Sonne streute goldenes Licht über die Stadt, was mich veranlasste, noch etwas öfter aus dem Fenster meines Büros zu schauen als sonst.

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Sie sei „geistig versumpft“ gewesen begründete eine Besprechungsteilnehmerin ihr nur geringfügiges Zuspätkommen. Eine sympathische Alternative zu busy oder rabbit hole und ähnlichem Verbalgefuchtel.

Wie ich auf Befragung eines der oben genannten Schnauzbartträger erfuhr, tun sie das nicht einfach so, sondern im Rahmen des Movembers. Von mir aus, wenn es nützt. Ansonsten greift die allgemeine Infantilisierung weiter um sich. Die Intranetseite, auf der man IT-Störungen melden kann, ist mit diesem Bild illustriert:

Bei dem Kollegen wäre eine IT-Störung wohl das geringste Problem.

Beeindruckende Aussichten spätnachmittags auch an der Nordseeküste vor Büsum, gesehen durch die örtliche Webcam:

https://www.buesum.de/buesum-erleben/webcams/gruenstrand

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass wir abends den heute eröffneten Bonner Weihnachtsmarkt aufsuchten. Bitte stellen Sie sich entsprechende Bilder brennender Feuerzangenbowle selbst vor.

Samstag: Als wahrer Meister im Zeigen völlig sinnloser Artikelbilder zeigt sich auch immer wieder der General-Anzeiger Online, wie hier wieder zu sehen ist:


Zusammenhangloser Gedanke zwischendurch: Viel Leid wäre der Welt erspart geblieben, hätte der HERR stattdessen Adam und Egon erschaffen.

Sonntag: Bloggen verbindet. Es freut mich immer wieder besonders, Mitblogger und -innen persönlich zu treffen anstatt sich nur gegenseitig zu lesen, vielleicht ein Gefallensherzchen oder einen freundlichen Kommentar zu hinterlassen, bestenfalls das andere Blog zu zitieren. Heute traf ich mich mit Thomas, der vielen von Ihnen auch als Schreiblehrling bekannt sein dürfte. Winterliche Kälte hielt uns nicht von einem gemeinsamen Spaziergang auf die andere Rheinseite ab, Ziel war der Biergarten Zum Blauen Affen, wobei ich nicht annahm, dass dieser geöffnet wäre, vielmehr war der Weg das Ziel. War er aber doch, der Sitzbereich war mit Zeltplanen umhaust und ein Gasbrenner brachte eine gewisse Behaglichkeit leicht unterhalb üblicher Biertrinktemperatur. Für Glühwein reichte es.

Auf dem Rückweg zogen von Westen dunkle Wolken auf. Deshalb änderten wir unseren Plan, eine Gaststätte in Beuel aufzusuchen und wechselten zunächst wieder die Rheinseite. Dort fanden wir Platz in einem gut besuchten Café in Innenstadtnähe, wo wir durch unsere Anwesenheit den Altersschnitt geringfügig senkten und es uns bei Kaffee und Kuchen gutgehen ließen, derweil draußen Schnee fiel und stellenweise sogar liegen blieb.

Schnee im Anflug

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. Kommen Sie gut durch die hoffentlich nicht zu kalte Woche.

19:30

Woche 22/2025: Mit angemessener Sorgfalt

Montag: In einem SPIEGEL-Interwiu über Kirche und Körperwonnen las ich das Wort „Partner*innenschaft“ und verdrehte darob innerlich die Augen. Ob es wirklich Menschen gibt, die beim Hören des herkömmlichen Begriffs „Partnerschaft“ vor allem an eine wie auch immer geartete Verbindung ausschließlich männlicher Personen denkt? Manchmal geht es mir echt auf den Zeiger. Viel mehr gibt es über den Wochenbeginn nicht zu berichten, das ist nicht schlimm. Auf einer Wohlfühlskala von eins bis zehn gäbe ich dem Tag eine Sieben, das ist für einen Montag ganz passabel.

Dienstag: Da auch dieser Tag, insgesamt zufriedenstellend und ohne nennenswertes Ungemach, wenig Inspiration zum Aufschrieb bot, sei mir bereits heute die nächste Antwort auf eine der tausend Fragen gestattet.

Nachmittags beim Feierabendgetränk: 602

Frage 602 lautet: „Worauf achtest du bei jemandem, dem du zum ersten Mal begegnest?“ Das kann ich generell nicht beantworten, es kommt sehr auf die jeweilige Situation und Person an. Grundsätzlich nehme ich als erstes, naheliegend, das Äußere wahr, männliche Personen werden dabei meistens und weitgehend situationsunabhängig einer automatischen Attraktivitätsbewertung unterzogen, da bin ich sehr einfach gestrickt; was einen Mann in meinen Augen attraktiv erscheinen lässt, führe ich jetzt nicht weiter aus. Rasierte und tätowierte Waden jedenfalls nicht. Ein beachtetes Kriterium ist bei Mann wie Frau auch die Stimme, die sehr angenehm, aber auch anstrengend sein kann. Bedeutend ist auch das mit der Stimme Produzierte: Benutzt die Person Anglizismen, sagt sie häufig „genau“ oder „tatsächlich“, findet sie Dinge „spannend“? Im Übrigen ist es immer erfreulich, wenn etwas sinnvoll ist oder Sinn ergibt, jedoch nicht Sinn macht.

Mittwoch: In einer Mail schrieb ich zunächst „mimimieren“, bemerkte den Fehler dank Rechtschreibprüfungsunterstrichelung und korrigierte ihn. Das Wort notierte ich jedoch zur späteren Verwendung in larmoyanten Zusammenhängenden.

Eine liebe Kollegin hatte den letzter Arbeitstag vor dem Ruhestand. Aus diesem Anlass gab es mittags Sekt und Kuchen, dabei wurde über alte, vordigitale Zeiten mit Faxgeräten und V.d.A.-/N.d.A.-Vermerken geplaudert. V.d.A.? N.d.A.? Das, liebe Kinder, war so: Wenn die Zentrale etwas anzuweisen oder mitzuteilen hatte, wurde nicht einfach eine Mail rausgehauen. Vielmehr wurde mit angemessener Sorgfalt ein Schreiben verfasst. Bevor es rausging, wurde der Entwurf allen Stellen vorgelegt, die bei dem Thema mitzureden hatten. Dazu wurde in den Kopf des Entwurfs „V.d.A.“ (= „Vor dem Absenden“) geschrieben, darunter alle Stellen bzw. Abteilungen, die den Entwurf absegnen sollten. Per Umlauf ging der Entwurf dann von Stelle zu Stelle, die ihre gefällige Kenntnisnahme jeweils durch Namenskürzel eines Befugten und Datum dokumentierte. Erst wenn der Entwurf mit allen Abzeichnungen wieder zurück beim Verfasser war, wurde das Schreiben, die sogenannte Reinschrift, abgeschickt. So konnten zwischen Verfassen und Absenden einige Tage, manchmal Wochen vergehen. Wenn das Schreiben raus war, wurde unter den Entwurf „N.d.A.“ (= „Nach dem Absenden“) geschrieben, darunter alle Stellen, die es nur zur Kenntnis nehmen sollten. Wenn der Entwurf danach wieder beim Verfasser ankam, nahm er ihn zu den Akten (Z.d.A.). Früher war eben nicht alles besser, nur vieles anders. Ging aber auch irgendwie, nur nicht so schnell. Irgendwann wird man auch keine Mails mehr schreiben, dann wird nur noch per Teams-Chat kommuniziert. Hoffentlich bin ich dann auch im Ruhestand.

Nach der Arbeit war ich verabredet zu einem Treffen mit anderen Schreiberinnen, um unsere Romanbaustellen zu besprechen. Letztlich waren wir nur zu zweit, weil zwei andere kurzfristig abgesagt hatten. Es war dennoch, vielleicht gerade deshalb sehr produktiv, die zwei Stunden vergingen schnell. Zufrieden bin ich mit meinem Werk noch nicht: Der Anfang bzw. ungefähr das erste Drittel und das Ende stehen, aber dazwischen fehlt noch einiges. Ich komme zurzeit nicht weiter, weil mir noch die zündende Idee fehlt, um die Lücke literarisch zu füllen. Deshalb erhoffe ich mir aus diesen Treffen einiges.

RTL sendet demnächst keine Spätnachrichten mehr, steht in der Zeitung. Grund: „RTL optimiert den Audience Flow in der Primetime.“

Gesehen:

Früher schnitten wir uns einfach ein Stück von der Wäscheleine ab.

Donnerstag: Heute ist Christi Vatertag, deshalb blieben wir lange im Bett, wo ich unter anderem den gestrigen Tag nachbloggte. Nach spätem Frühstück unternahmen der Liebste und ich eine Radtour durch die Siegauen bis nach Hennef-Geistingen. Auf dem Weg begegneten wir zahlreichen kleineren und größeren Gruppierungen junger Männer, tagesüblich ausgestattet mit Bollerwagen, Bier und Bassgetöse zweifelhafter Musikbegleitung. Außerdem teilten wir die Strecke mit den üblichen Rennradkaspern, die in bunten Strampelanzügen und mit verkniffenem Blicke in irrwitziger Geschwindigkeit die Ausflügler zu Fuß und Rad umkurvten. Ich habe es inzwischen aufgegeben, ihnen jedes Mal „Fahr zur Hölle!“ zuzurufen. Sie werden ihr Verhalten nicht ändern.

In Geistingen stärkten wir uns auf der Dorfkirmes mit Bratwurst und Bier, ehe wir die Rückfahrt auf direktem Weg über Niederpleis und Hangelar antraten. Die Sonne zeigte sich heute nicht, kurzzeitig tröpfelte es andeutungsweise. Zum Radfahren genau richtig.

Siegauen kurz vor Hennef

Freitag: Über Nacht ist der Sommer zurück gekehrt, schon morgens auf dem Fahrrad war es deutlich wärmer als an den Vortagen, mit Jacke noch geradeso angenehm.

Für einen Brückentag waren erstaunlich viele Kollegen in den Büros, die aber nicht weiter störten, das ist nicht selbstverständlich. Gut gelaunt beendete ich zeitig die Arbeitswoche und radelte nicht minder gut gelaunt nach Hause, jetzt mit Jacke auf dem Gepäckträger.

Der Modemacher Harald G. wird 60, berichtet die Presse. Er wisse nicht, wie viele Schönheitsoperationen er bereits hinter sich habe. Ob der Schönheitsbegriff hier angebracht ist, mag jeder für sich entscheiden.

Riesenbärenklau neben den Gleisen. Mal sehen, wie lange, ehe er aus nachvollziehbaren Gründen geköpft wird.

Samstag: Der Wecker weckte früh, weil ein Besuch der Mutter in Bielefeld im Kalender stand. Auf dem Weg zum Bahnhof genoss ich die besondere Stimmung am Morgen, wenn nur wenige Menschen und Autos auf den Straßen sind, die nur an Sams-, Sonn- und Feiertagen zu erleben ist. Oder ganz früh morgens, dann hält sich der Genuss aber in Grenzen.

Die Bahn war pünktlich und nicht sehr voll, erst ab Düsseldorf füllte es sich merklich. Mir war es recht, ich hatte meinen Fenstersitzplatz und konnte rauskucken, meine liebste Beschäftigung während Bahnreisen. Dazu kam ich allerdings intensiv erst ab Kamen, vorher waren auf dem iPad Zeitung und Blogs zu lesen. Die Bordklimaanlage kühlte unterdessen auf kurz vor Gänsehautgrenze, jedenfalls nach meinem persönlichen, diesbezüglich nicht repräsentativen Empfinden.

Lörning des Tages: Offenbar hatte ich am Vorabend das Telefon nicht richtig auf die induktive Ladevorrichtung gelegt, morgens betrug der Ladestand nur rund fünfzig Prozent. Daher versuchte ich, es über das mitgeführte Ladegerät im Zug zu speisen. Aber ach, der Stecker wollte nicht in der Steckdose unter den Sitzen halten, er fiel immer wieder heraus. Ich versuchte es an einer anderen Sitzreihe, auch dort fand ich keinen Anschluss. Offenbar eine Fehlkonstruktion, mindestens eine Nichtkompatibilität. Da die Ladung voraussichtlich bis Bielefeld reichen würde, wo ich das Telefon in der Mutterwohnung füttern konnte, verzichtete ich auch auf den Einsatz der ebenfalls mitgeführten Powerbank. In Hamm setzte sich ein junges Mädchen zu mir und fragte, ob sie die Steckdose kurz nutzen könnte, in der Hand hielt sie ein identisches Ladegerät wie meins. Ich bejahte und dachte: Sag mal nichts. Das Mädchen dankte und steckte das Gerät in den Stecker, wo es mit deutlichem Geräusch einrastete. Ich hatte nicht stark genug gedrückt. Manchmal ist man echt dusselig.

Während des erfreulichen Besuchs mit Kaffee und Kuchen auf dem Balkon teilte mir die Bahn-App mit, meine geplante Rückfahrt mit dem Regionalexpress verspätete sich um wenige Minuten. Kurz darauf meldete sie sich wieder, aus den wenigen Minuten wurde eine Viertelstunde. Schließlich meldete sie den Ausfall der Fahrt. Daher entschied ich mich für einen Intercity, der Bielefeld pünktlich verließ und nach einer Umleitung über Düsseldorf wegen in den Gleisen spielender Kinder bei Solingen mit etwa viertelstündiger Verspätung Köln erreichte, wo ich den direkten Anschluss nach Bonn verpasste. Statt mich darüber zu ärgern, erfreute ich mich an den Durchsagen des Zugführers, der wie Hoche Gonzalez klang, aber ganz anders aussah. Man kann nicht alles haben. Bonn erreichte ich dann auch noch zu angemessener Gastronomiezeit mit den Lieben.

Die Bahn renoviert zahlreiche Bahnhöfe, lässt sie uns per Plakat wissen. Dadurch werden sie zu „Zukunftsbahnhöfen“, ein tolles Wort, klingt ein wenig nach Science Fiction und Zeitreisen.

Sonntag: In der Nacht hatte es gewittert und stark geregnet. Zu meinem Erstaunen erfuhr ich davon erst am Morgen, als der Liebste berichtete und ich es in der Wetter-App nachschaute; ich selbst hatte es glatt verschlafen. Normalerweise wache ich auf und ziehe mir die Decke über den Kopf, bis es vorbei ist. Nächtliche Gewitter sind mir unheimlich, das wird sich wohl nicht mehr ändern.

Nach Ausschlafen, Balkonfrühstück mit den Lieben und Lektüre der Sonntagszeitung unternahm ich einen längeren Spaziergang auf die andere Rheinseite. Zahlreiche Pfützen auf den Wegen zeugten noch vom nächtlichen Wettertosen. Heute hingegen bestes Kurze-Hosen-Wetter, allerdings erst, nachdem ich losgegangen war. Trost fand ich auf dem Rückweg im Lieblingsbiergarten, wo erstaunlich wenig Betrieb herrschte.

Bonn-Beuel, noch bewölkt

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche.

(Redaktionsschluss: 17:45)

#WMDEDGT im Juli: Nicht mein Tag


Heute ist der fünfte Juli, am Fünften eines jeden Monats ruft die geschätzte Mitbloggerin Frau Brüllen zur Pflege der Tagebuchblogkultur auf. Hierzu schreibt der geneigte Teilnehmer einen Aufsatz zum Thema „Was machst du eigentlich den ganzen Tag?“, kurz #WMDEDGT, und verlinkt ihn hier.

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„Röttgen fordert Rückzug Bidens“ lese ich auf der Titelseite der Tageszeitung während des Morgenkaffees. Das Interesse des US-Präsidenten an der Forderung eines deutschen Oppositionspolitikers dürfte sich in homöopathischen Größenordnungen bewegen.

„Atemlos durch die Macht“ ist ein anderer Artikel über Ursula von der Leyens Wiederwahlwunsch als EU-Kommisionspräsidentin übertitelt. So geht seriöser Journalismus. Der damit verbundene Ohrwurm wurde zum Glück nach kurzer Zeit vom frühen Vogel vertilgt.

Während der Radfahrt ins Werk musste ich hinter einem Müllwagen anhalten, der durch ein anderes Fahrzeug auf dem Marktplatz aufgehalten wurde. Als er geräuschlos wenige Zentimeter vorrückte, bemerkte ich, dass es sich um ein Elektrofahrzeug handelte, woraufhin ich mit den begleitenden Müllwerkern (heißt das so?) kurz ins Plaudern kam. Mit dem neuen Fahrzeug zeigten sie sich unzufrieden, da es wegen des hohen Gewichts der Batterien weniger Zuladung hat. So hat alles seine Vor- und Nachteile.

Auf dem weiteren Weg musste ich wegen Baustellen mehrfach den komfortablen Radweg an der Adenauerallee verlassen und auf die Autofahrbahn wechseln. Das war nicht so schlimm, es war nicht viel los, freitags arbeiten viele lieber zu Hause. Außer Leute mit richtigen Berufen, wie Müllwerker. Ab Montag wähle ich dann die Alternativstrecke mit leichtem Umweg.

Während einer Teams-Besprechung ohne bewegte Bilder am Morgen verzehrte ich die letzten drei Aprikosen, die wir letzte Woche aus Südfrankreich mitgebracht hatten. Das wurde höchste Zeit, sie wurden langsam matschig. Ansonsten bot die Besprechung viel Fensterblickzeit, während andere ihre Sätze mit zahlreichen „quasi“ und „tatsächlich“, aber nur wenigen „genau“ garnierten, was Rückschlüsse auf das Durchschnittsalter der Runde zulässt.

Der Speiseplan der Kantine war heute nicht online einsehbar, daher ließ ich mich mittags überraschen. Einer christlichen – es ist doch eine christliche? – Tradition folgend gab es Fisch, konkret Heringsfilets mit Sahnesoße und Kartoffeln. Trotz Bekenntnis zum Agnostikertum entschied ich mich dafür und war sehr zufrieden, wenn auch nicht übermäßig satt. Am Tisch für einen Freitag ungewöhnlich viele Mitesser, siehe oben.

Alle reden über Fußball. Heute Abend spielt Wir gegen Spanien, wenn ich das richtig mitbekommen habe. Da dieser Text aus zeitlichen Gründen vor dem Ergebnis ins Netz geht, weiß ich zum Zeitpunkt der Niederschrift nicht, wie es ausgehen wird, und es ist mir auch herzlich egal.

Nach dem Mittag überkam mich schwere Müdigkeit, der ich durch Hochfahren der Schreibtischplatte und Arbeiten im Stehen entgegenzuwirken suchte. Der Fisch?

Nachmittags rief ein ehemaliger Kollege an, der seit geraumer Zeit den Ruhestand genießt, das Interesse an Unternehmensdingen indes nicht verloren hat. Wir plauderten ein wenig und wünschten uns zum Abschied gegenseitig alles Gute. Beneide ich ihn? Höchstens ein bisschen. Noch sieben Jahre und acht Monate, maximal.

Eine halbe Stunde vor Beginn des Fußballspiels hatte ich einen Friseurtermin. Der war nach gut zehn Minuten zu meiner vollen Zufriedenheit erledigt, einschließlich Augenbrauenkürzung.

Zurzeit bereiten wir uns mit Sektbegleitung auf das Wochenende vor. Nebenbei schaut der Liebste Fußball, aus dem Wohnzimmer kommt „Oooh“, „Boah“, „Nein“, „Uiuiui“, dazu die aufgedrehte Reporterstimme. Bis jetzt noch kein Tor.

Nachher werden wir was essen gehen, vielleicht beim persischen Italiener. Hauptsache irgendwo, wo kein Fußball läuft.

Laut kleiner kalender ist heute Tag der Workaholics. Also nicht mein Tag.