Woche 9: Jecke und Irre

Montag: Laut Zeitungsbericht streben über neunzig Prozent der älteren Arbeitnehmer einen vorgezogenen Ruhestand an. Umgekehrt bedeutet das, fast zehn Prozent wollen bis zum Schluss arbeiten. Was mag bei denen schief gelaufen sein?

„Und – noch Spaß am Beruf?“ fragte früher ein Kollege, der längst den Ruhestand genießt.  Selbstverständlich, lautete auch heute noch meine Antwort. Auch wenn manches vorstellbar ist, das ich noch lieber täte, als mich morgens ins Werk zu schleppen.

Dienstag: „Theresa May gerät weiter unter Druck“, so die Nachrichten. Es fehlt nicht mehr viel, und sie ist zu einem Diamanten gepresst.

Ein Juwel ist auch der Liebste, denn er hat Getränke gekauft. Natürlich nicht nur deswegen, aber auch das ist eine Facette des Schliffes. Am Abend tragen wir die Kästen vom Auto hoch in die Wohnung. Er einen, ich drei. Auf dieses Ungleichgewicht angesprochen, bekomme ich zur Antwort: „Du bist manchmal etwas bequem.“ Vermutlich hat er recht.

Mittwoch: Den zweiten Morgen in Folge bin ich vor dem Wecker wach und stehe auf. Kommt jetzt diese präsenile Bettflucht? Was unterdessen immer deutlichere Gestalt annimmt, ist der Drang zur Büroflucht.

Donnerstag: „Schlechte Sänger sind immer schlecht, da helfen weder Bier noch Wein“, lese ich in der Zeitung. Ethanolhaltige Getränke schaden in dem Falle aber auch nicht, füge ich hinzu. In diesem Sinne gebe ich heute bei sechs Auftritten mein Bestes. Alaaf!

KW9

(Foto: Anja Profitlich)

Auf der Rückfahrt nach Hause ist es eher nützlich, ein wenig dem Alkohol zugesprochen zu haben: Unser Taxifahrer liefert sich auf der B9 ein Rennen mit einem von einem Testosteronäffchen gelenkten, auspuffknallenden „Sportwagen“. Nüchtern hätte ich womöglich unter mich gelassen.

Freitag: In den Medienberichten über das Treffen von Donald Trump und Kim Jong Un wird der eine stets als „Präsident“, der andere als „Machthaber“ bezeichnet. Als ob Trump von der Mehrheit der Bürger gewählt und damit der Gute sei, nur Kim hingegen durch dunkle Machenschaften die Herrschaft ergriffen hätte. Insofern erscheint eine einheitliche Bezeichnung angemessen. Vielleicht „Jeck“. Aber damit kämen sie wohl zu gut weg. Eher „Irrer“.

Samstag: Der Rheinmetall-Konzern freut sich über eine dank voller Auftragsbücher fast fünfzigprozentige Steigerung des Betriebsgewinns in der Militärsparte. Mir fällt spontan nur weniges ein, das geeignet wäre, mich noch mehr anzuwidern.

Den karnevalsfreien Tag nutze ich für einen längeren Spaziergang auf die andere Rheinseite durch die Schwarzrheindorfer Auen, unter anderem um den Kopf freizubekommen von ein paar beruflichen Dingen, die ich entgegen sonstiger Gewohnheit mit ins Karnevalswochenende genommen habe, was nicht gut ist und nicht sein sollte, auf welche ich indes nicht näher eingehe, es würde Sie langweilen. Auf der noch ungeschriebenen Liste der Dinge, die ich tun würde, wenn ich nicht mehr ins Werk müsste, steht dieser Gang als tägliche Übung weit oben. Neben Singen macht auch Gehen glücklich. Singen beim Gehen erst recht, wobei das auf Außenstehende befremdlich wirken mag. Der Besitz eines Hundes steht nicht auf der Liste, was vermutlich noch zu einigen Diskussionen führen wird.

Auf dem Rückweg sehe ich am Radweg vor der Kennedybrücke einen „fliegenden“ Anbieter von Dienstleistungen zur Fahrradwartung: Ein Campingtisch mit diversen Flick- und Putzutensilien, davor und dahinter jeweils eine große Tafel mit Anpreisung des Wartungsservices. Eine ebensolche Tafel hält der Betreiber des Standes jedem Radfahrer entgegen, der vorbeikommt. Leider ohne Erfolg, keiner hält an, anscheinend ist der Bedarf an fliegender Fahrradwartung nur gering. Vielleicht sollte der Mann sein Geschäftsmodell noch einmal überdenken. Kleiner Tipp: Das Ausbringen von Nägeln im Abstand von ein- bis zweihundert Metern vor dem Stand könnte dem Geschäft Anschub verleihen. Das ist zwar ein wenig fragwürdig, aber immer noch viel sympathischer als Rheinmetall.

Sonntag: De Zoch kütt in Bad Godesberg. Ich bin übrigens der Grün-weiße mit der schräg klingenden Trompete. Das kann ich nämlich auch nicht.

Ausgedachtes: Noch einmal Sommer

IMG_2295 19.51.18Angesichts des schönen Spätsommerwetters, welches uns dieses Wochenende vergoldete, erinnerte ich mich einer Geschichte, die ich bereits vor längerer Zeit schrieb. Hier das erste Kapitel. Ich wünsche viel Vergnügen!

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An diesem Samstag schien der Herbst eine Pause einzulegen und dem Sommer einen letzten Auftritt zu gewähren: Die Sonne strahlte vom wolkenlosen Himmel und ließ das Laub der Straßenbäume gelb leuchten, das Thermometer am Küchenfenster zeigte schon vormittags vierundzwanzig Grad, und die Menschen in der Stadt zeigten sich noch einmal in kurzen Hosen und Röcken, T-Shirts und Sandalen, die sie längst für den nächsten Sommer in ihren Schränken verstaut hatten, ließen noch einmal, vielleicht zum letzten Mal in diesem Jahr, die Sonne an die schon wieder bleiche Haut.

Schon morgens, als er die Tageszeitung und die Post aus dem Briefkasten holte, war Günther Aschheim der Kastenwagen mit der Beschriftung eines bekannten Autovermieters aufgefallen, der vor dem Haus nebenan stand, die geöffneten Heckklappen gaben den Blick frei auf Möbel, Kartons und anderen Hausrat, vier Jungs im Studentenalter schleppten die Sachen ins Haus. Kein ungewöhnlicher Anblick, das Haus war überwiegend von Studenten bewohnt, die Bewohner wechselten häufig. Nur der alte Herr Bruchsal, dem das Haus gehörte, wohnte seit eh und je dort, Hochparterre links, und würde es wohl bis an sein Lebensende tun, ein eigenartiger, doch stets gut gelaunter Kauz, seit vielen Jahren verwitwet, das Zusammenwohnen mit den jungen Leuten schien auch ihn jung zu halten, zudem konnte er von den Mieteinnahmen offenbar gut leben; das Einsammeln von Pfandflaschen aus den öffentlichen Papierkörben, bei dem man ihn regelmäßig beobachten konnte, war wohl mehr Marotte als Notwendigkeit.

Aschheim war um kurz nach sieben wach und sofort aufgestanden, so wie fast vierzig Jahre lang, als er jeden Morgen zur Universität ging, daran hatte sich seit seinem Ruhestand nichts geändert. Erika, seine Frau, war gerne immer noch ein bis zwei Stunden liegen geblieben. Aschheim bereitete ihnen dann das Frühstück, holte Brötchen, kochte Kaffee und las in der Zeitung, bis Erika aus dem Bad kam. Er genoss diese ruhige Stunde morgens, alleine, in der er mit niemandem sprechen musste.

Seine Arbeit, die dem Tag Struktur gab, fehlte ihm sehr, und das Gefühl, als Größe in seinem Fachgebiet der Chemie anerkannt zu sein, gefragt zu werden. Vor allem aber vermisste er die jungen Leute, die Studenten, die seine Vorlesungen besucht hatten, die Doktoranden, die er betreute – er war beliebt und begehrt als Dozent und Doktorvater, das wusste er, noch heute hielt er Kontakt zu mehreren seiner ehemaligen Doktoranden, die längst selbst an Hochschulen lehrten oder sich in gehobenen Positionen großer Chemiekonzernen befanden; wenn sich einer von ihnen bei ihm meldete, sei es, weil er Rat suchte, oder nur, um den Kontakt zu pflegen, spürte Aschheim etwas in ihm aufblühen.

Seit vier Jahren war er nun raus aus dem aktiven Unibetrieb, hielt sich jedoch über das Internet fachlich auf dem Laufenden, betreute eine Zeit lang noch einige Forschungsprojekte und veröffentlichte hin und wieder Artikel in Fachzeitschriften, auch hielt er noch ein paar wenige Vorlesungen als Gastdozent, doch je länger er raus war, desto weniger Anfragen kamen. Das Buchprojekt „Chemie im Alltag“, das er begonnen hatte, kam nicht so recht voran, er spürte, wie seine Energie nachließ, und das beunruhigte ihn. Nein, er wollte noch kein altes Eisen, Schrott sein, fühlte sich noch nicht wie ein Rentner, der die Vorzüge und Bequemlichkeiten des Ruhestandes genoss.

Bis zu ihrer Trennung ging es ihnen gut, sie waren gesund, abgesehen von den üblichen Verschleißerscheinungen und ein paar nicht erstzunehmenden Wehwehchen, das Haus war längst abbezahlt, ebenso das Ferienhaus auf Gran Canaria, und zu seinen nicht gerade schmalen Pensionsbezügen kamen noch die Honorare, die Erika für ihre Tätigkeit als Klavierlehrerin an der Jugendmusikschule und ihre Publikationen über Johannes Brahms bekam. Ihren Beruf als Lehrerin am Gymnasium hatte sie schon vor Jahren aufgegeben, weil ihr irgendwann die Kraft fehlte, zwischen renitenten Schülern, statusbesessenen Eltern und der Schulverwaltung zerrieben zu werden. Stattdessen arbeitete sie nun freiberuflich, gab dreimal die Woche Klavierunterricht und konnte bereits mehrere Artikel in Fachzeitschriften und Magazinen platzieren, ihr Buch über Brahms verkaufte sich gut, auch für den WDR war sie schon tätig.

Ihre Kinder, Felix, der ältere, und Katja hatten das Elternhaus längst verlassen, waren verheiratet und hatten selbst Kinder, Felix arbeitete als Personalreferent bei einem großen Unternehmen in Hamburg, Katja als Anwältin in Leipzig. Sie konnten stolz auf die beiden sein, und waren es auch. Und dass sie sich außer zu Weihnachten sonst nur noch unregelmäßig, vielleicht vier- oder fünfmal im Jahr, sahen, damit hatten sie sich abgefunden, das war eben so.

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Zum Gesamtwerk bitte hier entlang: http://www.netnovela.de/noch-einmal-sommer#.VFZXPocYmlV