Woche 44/2026: Manchmal ergeben sich die Dinge unerwartet

Montag: In einem Kommentar zum letzten Wochenrückblick wurde ich auf ein sprachliches Phänomen aufmerksam gemacht, das mir bislang nicht aufgefallen war, gleichwohl jetzt, da ich darauf gestoßen wurde, umso mehr: der zunehmende Gebrauch von „gerne“ anstelle von „bitte“, etwa wenn es heißt „Besucht gerne meine Seite“ oder „Bei Fragen meldet euch gerne“. Zitat Kommentator: „Offenbar wird nicht mehr um etwas gebeten. In der Lage eines Bittenden sieht sich niemand mehr. Stattdessen wird gewährt.“

Herr Levin mag nicht den inflationären Gebrauch von „sehr gerne“, etwa im Einzelhandel und der Gastronomie. Dem ist zuzustimmen, auch wenn ich es selbst gelegentlich sage. Daran ist zu arbeiten.

In eine ähnliche Richtung geht „magst du“ anstelle von „kannst du bitte“, erst heute wieder gelesen. Ich mag es überhaupt nicht.

Sehr gerne ging ich abends wieder zur Chorprobe. Im Anschluss prüfte der Chorleiter meine Eignung als dauerhaftes Chormitglied, indem ich ihm kurz vorsingen durfte. Dabei ging es darum, wie hoch bzw. tief ich komme und ob ich die richtigen Töne treffe. Sie melden sich.

Dienstag: Morgens las ich auf einem im Übrigen deutschsprachigen Plakat das Wort „Wellbeing“ und fragte mich wieder mal: Muss das sein? Ist das überhaupt ein echtes englisches Wort oder nur Marketingesäusel?

Etwas weller scheint es dem Rhein zu gehen, sofern ein Fluss so etwas wie Wohlergehen empfindet, jedenfalls ist der Pegel nach monatelangem Tiefstand sichtbar ein wenig angestiegen.

Zur Erhaltung des eigenen Wohlergehens ließ ich mir vormittags eine betriebsärztliche Grippeschutzimpfung verabreichen. Der Hinweis der nadelführenden Ärztin, heute keinen Sport zu treiben, hielt mich nicht davon ab, wie fast jeden Tag nach dem Mittagessen über die Treppen zum Büro hochzugehen. Es sind ja nur 487 Stufen.

Auf dem Rückweg schien der Vollmond knapp über dem Beueler Horizont. Das sah beeindruckend aus, ließ sich mit einer herkömmlichen Datengerätkamera allerdings nur unzureichend festhalten.

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Der Chor hat sich bereits am späten Nachmittag per Mail gemeldet. Offenbar traf ich den Ton, ich darf bleiben. Das freut mich sehr, auf dem Rückweg vom Werk kaufte ich sogleich einen Aktenordner für die Noten.

Der Wikipedia-Artikel des Tages widmet sich dem Scurra, einer – sehr verkürzt ausgedrückt – antiken Witzfigur. Aus dem Artikel: „In der späten Republik und der Kaiserzeit scheinen die scurrae auch eine Berufsgruppe gewesen zu sein.“ Nicht nur damals, möchte ich aus täglicher Anschauung hinzufügen.

Mittwoch: Nach einem Tag ohne zumindest in meinem persönlichen Sichtbereich nennenswerte Ereignisse nahm ich am Abend gleich zwei Anthologien entgegen, an denen mitzuwirken ich die Ehre und das Vergnügen hatte: „The Cozy Inn“ von Stephanie Müller als Herausgeberin und „BonnTastik VII“ von der Bonner Regionalgruppe des Bundesverbandes junger Autoren BVjA. (Ja ich weiß, jung ist relativ. Ich bin jedenfalls nicht der Älteste dort.) Bei Interesse an den Büchern klicken Sie gerne bitte die Links an. Falls Sie übrigens am Sonntag, 8. November in Bonn sind und nichts besseres zu tun haben, kommen Sie doch am Nachmittag ins Kult41. Dort lesen dann sieben Autorinnen und ein Autor ihre Geschichten aus der BonnTastik VII vor.

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Abendsichtungen:

Besser eine Pizza in der Hand als ein Döner auf dem Kopf
Bald ist wieder Weihnachtsmarkt. (Zur Erläuterung: Unter der zugeteerten runden Fläche befindet sich an zehn Monaten des Jahres der Brunnen vor dem Tore, konkret dem Sterntor am Bottlerplatz. An den zwei anderen Monaten auch, nur nicht sichtbar, auf dass der Glühwein- oder Eierpunschgenießer nicht ins Straucheln gerät. Also jedenfalls nicht hier.)

In den übrigen zehn Monaten sieht es so aus:

Serviervorschlag; meistens ohne Auto. Dass der Fahrer des Fahrzeugs unter dem Einfluss von Glühwein oder Eierpunsch stand, kann aufgrund des Aufnahmezeitpunkts im März dieses Jahres mit hoher Sicherheit ausgeschlossen werden.

Donnerstag: Der Satz des Tages kam bereits morgens vom Geliebten, der am vergangenen Sonntag Geburtstag hatte: „Jetzt bin ich einundfünfzig und schon ist wieder Donnerstag.“

Ansonsten hatte ich heute frei, der Leifsteilteilzeit sei Dank. Das nutzte ich für eine Wanderung im Ahrtal, namentlich die Ahrschleife „WeinBergBlicke“ ab und bis Ahrweiler. Aus praktischen Erwägungen ging ich die Runde gegen den Uhrzeigersinn, das erläutere ich gleich. Auch sonst erwies sich die Entscheidung als richtig: Mit mir stieg bei Ankunft in Ahrweiler eine große Rentnerwandergruppe aus der Bahn, die dann zum Glück in die andere Richtung ging.

Trotz der üblen MarketingSchreibWeise ist das eine sehr schöne, angenehm zu gehende Strecke. Die Wanderstöcke hatte ich zur Sicherheit dabei und nutzte sie, die Tour ist auch ohne gut zu schaffen. Nur drei kurze, steile Treppen unterhalb der Bunten Kuh erfordern etwas Vorsicht. Mittagspause machte ich in der augenscheinlich ganz neuen, noch gänzlich unbeschmierten und -schriebenen Schutzhütte im Geisbachtal. Kurz vor dem Ende wird es nochmal richtig schön: Statt links in das schon in Sichtweite befindliche Ahrweiler abzubiegen, geht es vorher rechts ab durch die idyllische Maibachklamm, deren namensgebender Bach dabei mehrfach über kleine Holzbrücken überquert wird. Das letzte Stück führt durch die Innenstadt von Ahrweiler, wo ich den letzten freien Tisch vor einem Gasthaus am Markt bekam und des Wanderers Mühen mit Döppekuchen und Weizenbier belohnte, zum Nachtisch ein Glas Ahr-Rotwein. (Deshalb die Runde gegen den Uhrzeigersinn, siehe oben.) Außerdem nutzte ich die Zeit zum Schreiben einer zuvor erstandenen Postkarte.

Das Wetter war perfekt: Lagen bei der Hinfahrt die Wipfel des Siebengebirges noch im Nebel, ließ ab Ankunft in Ahrweiler die Sonne vom blauen Himmel Wald und Weinberge herbstgülden leuchten, dazu angenehme, außengastronomiegeeignete Temperatur. Sehen Sie:

Oberhalb von Walporzheim
Weinbergeblick bei Walporzheim
Für Lotte
In der Maibachklamm
Lobenswert auch die vollständige Wegmarkierung

Im Zusammenhang mit dem Verkauf eines Gutshofs im Bonner Westen, der seit Jahren leer steht und dem Verfall preisgegeben ist, war in der Zeitung das schöne Wort „Vernachlässigungs-Patina“ zu lesen. Das lässt sich nicht nur auf Gebäude anwenden.

Freitag: Der Tag begann nebelig.

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Abends eröffnete unsere Karnevalsgesellschaft die Session mit dem Ordensfest. Ich wurde geehrt für elfjährige Zugehörigkeit. (Karnevalisten rechnen in Elferschritten, fragen Sie nicht, ich weiß auch nicht, warum.) Hätte mir vor zwölf Jahren jemand prophezeit, ich stünde bald in grün-weißer Uniform auf einer Bühne, hätte ich ihn wohl für verrückt erklärt. Manchmal ergeben sich die Dinge eben unerwartet.

Aus der Zeitung – Ist das wirklich so schwierig?:

(General-Anzeiger Bonn online)

Samstag: Nachdem leichte Nachwirkungen des Ordensfestes ausgeschlafen waren, hatte ich Zeit für das Blogstöckchen von Frau Kaltmamsell. Voila:

1. Welches war dein erstes Stofftier und was verbindest du damit?
Stofftiere hatte ich viele, ich erinnere mich an mehrere Teddybären, einen Pinguin, eine Schildkröte, ein Dromedar, einen Koalabären und ein Mon Chichi. Ohne Kuscheltier konnte ich nicht schlafen, entsprechend zerkuschelt sahen sie nach einiger Zeit aus. Mein erstes Stofftier war ein Teddybär von Steiff, der noch heute, inzwischen einäugig, auf dem Nachtschrank sitzt. Mit ihm verbinde ich die Erinnerung an meinen Großvater väterlicherseits, der ihn mir einst schenkte, der häufig mit mir spazieren ging und der viel zu früh, als erster von vier Großeltern, starb.

2. Wie stelltest du dir als Kind dein Erwachsenenleben vor?
Konkrete Vorstellungen über das Erwachsensein hatte ich nicht, fand vielmehr die Themen, über die sich die Erwachsenen unterhielten, etwa Rasenmähen oder Reifenwechsel, langweilig. Auch einen klaren Berufswunsch hatte ich nicht, während andere schon im Kindergartenalter wussten, dass sie mal Arzt, Lokführer oder Fußballprofi werden wollen. Erst viel später wusste ich, dass ich Beamter werden will. Was mir indes von Anfang an abwegig erschien, war, irgendwann selbst Kinder zu haben. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Vielleicht bin ich nie erwachsen geworden. Woran merkt man das?

3. Warst du ein eher leises oder eher lautes Kind?
Vermutlich eher leise, am besten fragen Sie das meine Mutter. Allerdings nicht immer, ich erinnere mich an einen Tag, an dem mir fünf Mark in Aussicht gestellt wurden, wenn ich am Mittagstisch mal die Klappe halte. Das Geld bekam ich. Vielleicht war das der Auslöser für eine gewisse Redeunwilligkeit, die mir bis heute unterstellt wird.

4. Gab es etwas in deiner Kindheit, das du heute sehnsüchtig vermisst?
Ja. Zum einen die LGB-Eisenbahn in unserem Garten. Jahrelang hatte ich mir die gewünscht und dafür gespart. Als ich dann den ersten Zug mit Gleisen kaufte und er seine Runden auf dem Teppich im Wohnzimmer drehte, war ich wohl das glücklichste Kind der Welt. Wenn ich mich damit beschäftige, war alles andere um mich herum vergessen. Nach dem Auszug aus dem Elternhaus und späterem Umzug nach Bonn entschied ich mich schweren Herzens, alles zu verkaufen. Nur die erste Lokomotive von 1977 habe ich noch. Sie steht mit zwei Wagen auf dem Schrank und wird mangels Platz wohl nie wieder fahren. Weiteres dazu steht hier.

Das andere, was ich vermisse, ist das Haus meiner Großeltern mütterlicherseits bei Göttingen. Darüber ist hier ausführlich geschrieben.

5. Welches Verhältnis hattest du als Kind zu Musik?
In unserem Wohnzimmer stand eine Musiktruhe, eine Art Anrichte mit integriertem Radio und Plattenspieler. In die Mitte des Plattentellers konnte man einen Dorn stecken, auf dessen Spitze man einen Stapel Singles legte. Durch eine wundersame Mechanik fiel die jeweils unterste Platte auf den Teller; nachdem sie abgespielt und der Tonarm wieder in Ruheposition war, fiel die nächste automatisch runter und wurde abgespielt, und so weiter, bis der Stapel abgearbeitet war. Das fand ich faszinierend. Meine erste Single war übrigens „Monika“ von Uli Martin, die ich mir von meinem Patenonkel gewünscht hatte. Ich war ein komisches Kind.

Im Musikunterricht in der Grundschule besprachen wir ausführlich Die Moldau von Smetana. Die Schallplatte hatten wir auch zu Hause, eine zeitlang hörte ich sie fast täglich und kann sie auch jetzt noch jederzeit vollständig im Geiste abspielen.

Ebenfalls zur Grundschulzeit wurde ich an das aktive Musizieren herangeführt, indem mich meine Eltern zum Blockflötenkurs anmeldeten. Dafür bin ich ihnen dankbar, meine Freude am Musikmachen hat sich bis heute gehalten. Im übrigen ist auch hierüber alles Wesentlich bereits geschrieben.

Im übrigen ist auch hierüber alles Wesentlich bereits geschrieben.

Sonntag: Meine Befürchtung aus dem Spätsommer, dieses Jahr könnte die Herbstfärbung spärlich ausfallen, weil die Bäume die meisten Blätter schon vorher abgeworfen haben, hat sich zum Glück nicht bewahrheitet. Während des Spaziergangs am Nachmittag wurden die Augen mehrfach erfreulich gestreichelt.

Am Poppelsdorfer Schloss / Botanischen Garten
Südstadt

Laut Beschilderung auf dem Münsterplatz wird ab morgen der Weihnachtsmarkt aufgebaut. War das in den letzten Jahren auch immer schon Anfang November? Es kommt mir sehr früh vor, siehe auch die Brunnenabdeckungsbetrachtung am Mittwoch.

Was schön war in dieser Woche: eine Chorzusage, ein freier Tag mit Wanderung, ein Restaurantbesuch (gestern Abend) und Herbstfarben.

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche.

19:00

Woche 47/2025: Beeindruckende Aussichten und winterliche Kälte

Montag: Appetit kommt beim Essen, Inspiration beim Schreiben, so jedenfalls die Hoffnung. Heute kam nicht viel, was nichts über die Qualität des Tages aussagt. Der war insgesamt nicht schlecht, bot allerdings wenig Notierenswertes. Dass es wie angekündigt kälter geworden ist, haben Sie vermutlich selbst mitbekommen.

Vielleicht noch dieses: Die Kessler-Zwillinge sind gestorben, beide am selben Tag, neunundachtzig sind sie geworden. Ich selbst verband wenig mit ihnen, hatte sie vor Jahren in der einen oder anderen Fernsehshow zur Kenntnis genommen und hätte bis gestern nicht mit Bestimmtheit sagen können, ob sie noch lebten. Soweit man weiß, wählten sie den assistierten Freitod. Wer wollte es den beiden Damen verdenken, dass sie, nachdem sie ihr gesamtes Leben gemeinsam verbracht hatten, auch zusammen diese Welt verlassen wollten.

Büroblick, nachmittags

Dienstag: Die scheinbar ewige Baustelle am Rheinufer hat mal wieder eine neue Gestalt angenommen. Dadurch war ich genötigt, den Fußweg ins Werk, erstmals wieder in MSH-Ausstattung (Mütze, Schal, Handschuhe), zunächst ein Stück in Gegenrichtung zu gehen, ehe er dem Ziel entgegen fortgesetzt werden konnte. Ich bin gespannt, ob das noch vor meinem Ruhestand fertig wird.

Die Bäume am Rheinufer haben in den letzten Tagen die meisten Blätter abgeworfen, nur die Pappeln sind in der unteren Hälfte noch nicht kahl, ähnlich Männern im fortschreitenden Alter, deren Haupt nur ein schütterer Haarkranz ziert. (Bei Frauen kommt das selten vor, wenigstens hier sind sie im Vorteil.) Was letze Woche noch golden leuchtete, liegt heute braun am Boden, mit lärmenden Geräten zusammengeblasen, darauf der erste Rauhreif. (Ja, Rechtschreibprüfung, mach nur deine Strichelchen darunter, ich schreibe es trotzdem weiterhin mit h.) Nun beginnt wieder die lange blätterlose Zeit, mindestens bis März. Ehe die Bäume wieder grünen, bin ich an der Zahl ein Jahr älter, immerhin auch dem Ruhestand etwas näher.

Vormittags machte ich von der Möglichkeit der Grippeschutzimpfung durch den Betriebsarzt Gebrauch. Bis zum Zeitpunkt der Niederschrift ist keine Nachwirkung zu spüren, das darf gerne so bleiben.

Auf dem Rückweg besuchte ich ein Café am Marktplatz, wo ich mir zur Abwechslung und passend zum Wetter einen Minztee bringen ließ. Ab Freitag, wenn der Weihnachtsmarkt eröffnet ist, gibt es wieder andere temperaturangemessene Rückwegsgetränke.

Morgenrot. Auf dem (unbearbeiteten) Foto wirkt es dramatischer als in Wirklichkeit.
Morgentau

Mittwoch: Da für nachmittags Regen angekündigt war, fuhr ich mit der Stadtbahn zum Werk. Weiterhin in MSH-Ausstattung staunte ich an der Haltestelle über ein junges Mädchen in Rock und T-Shirt auf dem Bahnsteig gegenüber sowie einen jüngeren Burschen neben mir, der seine großflächig tätowierten Beine in kurzen Hosen präsentierte. Vielleicht war deren Einfärbung so teuer, dass sie unmöglich unter wärmenden Hosenbeinen verborgen bleiben dürfen.

Am Hauptbahnhof stieg ein Jüngling zu und setzte sich mir schräg gegenüber. Kaum saß er, tat er, was Leute in seinem Alter zu tun gezwungen sind: Er zückte das Datengerät und schaute darauf. Währenddessen – mutmaßlich war die Kamera aktiviert – zupfte er seine aufwendige Lockenpracht zurecht, korrigierte hier und da eine Tolle, anschließend schaute er noch einmal prüfend ins spiegelnde Fenster der Bahn und legte ein letztes Mal Hand an; das ganze ohne ein für den Betrachter erkennbares Resultat, danach sah er genauso aus wie vorher. Vermutlich fand er den älteren Typen schräg gegenüber, der ihn beobachtete und was in ein Notizbuch schrieb, mindestens genauso seltsam.

„Wo Licht endet, beginnt das Abenteuer“, wird in den U-Bahn-Stationen für eine Ausstellung in der Bundeskunsthalle geworben. Leicht wehmütig denke ich dabei an längst vergangene Nächte in Köln zurück und befinde: Stimmt.

Donnerstag: Obwohl die Temperatur morgens im niedrig-einstelligen Celsiusbereich lag, erschien es mir auf dem Fußweg ins Werk nicht so kalt wie nachmittags zurück. Ich beobachte es öfter und schrieb es vermutlich schon, dass es mir morgens weniger kalt erscheint als nachmittags. Als ob mein Körper über einen inneren Nachtspeicherofen verfügt, der sich im Schlaf aufheizt und bis in den Vormittag nachwärmt.

„CITY-STROLL GO-TO LOOK“ schreit den Strollenden ein Schriftzug am Schaufenster eines Herrenmodegeschäfts in der Innenstadt an. Ob das zum Konsum animiert, sei angezweifelt. (Ich musste die Bedeutung von „stroll“ recherchieren: bummeln, spazieren; wobei ich da und auch sonst mit meinen schmalen Englischkenntnissen kein Maßstab bin.)

Per Teams-Chatnachricht schickte mir jemand unbekanntes, der mich gleichwohl und wie mittlerweile üblich duzte, eine knappe Frage zu einer E-Mail, die ich womöglich irgendwann geschickt hatte und an deren Inhalt ich mich nicht erinnerte. Erledigte Angelegenheiten werden in meinem Kopf bald gelöscht; ich bin weit über fünfzig und muss mit meinen Hirnkapazitäten haushalten. Nun hätte ich in Outlook nach der betreffenden Mail suchen oder ebenfalls per Chat rückfragen können, was genau sein Begehr sei. Doch warum sollte ich das tun? Warum schickte er seine Frage nicht einfach als Antwort auf die betreffende Mail?

Mit leichter Sorge nehme ich in unserem Geschäftsbereich eine zunehmende Verschnauzbartung der jüngeren Kollegen wahr.

Nicht mit Sorge, indes Bedauern nehme ich zur Kenntnis, dass der Rheinpavillon, der auf meinem Arbeitsweg liegt, wohl auch in diesem Jahr auf eine eigene Glühweinbude verzichtet. Das ist schade, aber zum Glück gibt es ab morgen Alternativen.

Ab kommenden Jahr werden junge Männer, mit und ohne Schnauzbart, wieder zur Musterung geladen, wird gemeldet. Dabei wird auch gerne, oft mit einem Augenzwinkern, der ärztliche Griff in primäre Geschlechtsorgane, verbunden mit der Aufforderung zum Husten genannt, der wohl beibehalten werden soll. Meine Musterung war Mitte der Achtziger. Auch ich wurde dabei – soweit ich mich erinnere von einer Ärztin – aufgefordert, die Unterhose herabzulassen. Jedoch, da bin ich mir sicher, griff sie nicht zu, sondern schaute nur kurz und war mit dem Vorgefundenen offenbar zufrieden.

Freitag: Die aufgehende Sonne streute goldenes Licht über die Stadt, was mich veranlasste, noch etwas öfter aus dem Fenster meines Büros zu schauen als sonst.

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Sie sei „geistig versumpft“ gewesen begründete eine Besprechungsteilnehmerin ihr nur geringfügiges Zuspätkommen. Eine sympathische Alternative zu busy oder rabbit hole und ähnlichem Verbalgefuchtel.

Wie ich auf Befragung eines der oben genannten Schnauzbartträger erfuhr, tun sie das nicht einfach so, sondern im Rahmen des Movembers. Von mir aus, wenn es nützt. Ansonsten greift die allgemeine Infantilisierung weiter um sich. Die Intranetseite, auf der man IT-Störungen melden kann, ist mit diesem Bild illustriert:

Bei dem Kollegen wäre eine IT-Störung wohl das geringste Problem.

Beeindruckende Aussichten spätnachmittags auch an der Nordseeküste vor Büsum, gesehen durch die örtliche Webcam:

https://www.buesum.de/buesum-erleben/webcams/gruenstrand

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass wir abends den heute eröffneten Bonner Weihnachtsmarkt aufsuchten. Bitte stellen Sie sich entsprechende Bilder brennender Feuerzangenbowle selbst vor.

Samstag: Als wahrer Meister im Zeigen völlig sinnloser Artikelbilder zeigt sich auch immer wieder der General-Anzeiger Online, wie hier wieder zu sehen ist:


Zusammenhangloser Gedanke zwischendurch: Viel Leid wäre der Welt erspart geblieben, hätte der HERR stattdessen Adam und Egon erschaffen.

Sonntag: Bloggen verbindet. Es freut mich immer wieder besonders, Mitblogger und -innen persönlich zu treffen anstatt sich nur gegenseitig zu lesen, vielleicht ein Gefallensherzchen oder einen freundlichen Kommentar zu hinterlassen, bestenfalls das andere Blog zu zitieren. Heute traf ich mich mit Thomas, der vielen von Ihnen auch als Schreiblehrling bekannt sein dürfte. Winterliche Kälte hielt uns nicht von einem gemeinsamen Spaziergang auf die andere Rheinseite ab, Ziel war der Biergarten Zum Blauen Affen, wobei ich nicht annahm, dass dieser geöffnet wäre, vielmehr war der Weg das Ziel. War er aber doch, der Sitzbereich war mit Zeltplanen umhaust und ein Gasbrenner brachte eine gewisse Behaglichkeit leicht unterhalb üblicher Biertrinktemperatur. Für Glühwein reichte es.

Auf dem Rückweg zogen von Westen dunkle Wolken auf. Deshalb änderten wir unseren Plan, eine Gaststätte in Beuel aufzusuchen und wechselten zunächst wieder die Rheinseite. Dort fanden wir Platz in einem gut besuchten Café in Innenstadtnähe, wo wir durch unsere Anwesenheit den Altersschnitt geringfügig senkten und es uns bei Kaffee und Kuchen gutgehen ließen, derweil draußen Schnee fiel und stellenweise sogar liegen blieb.

Schnee im Anflug

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. Kommen Sie gut durch die hoffentlich nicht zu kalte Woche.

19:30