Woche 44/2026: Manchmal ergeben sich die Dinge unerwartet

Montag: In einem Kommentar zum letzten Wochenrückblick wurde ich auf ein sprachliches Phänomen aufmerksam gemacht, das mir bislang nicht aufgefallen war, gleichwohl jetzt, da ich darauf gestoßen wurde, umso mehr: der zunehmende Gebrauch von „gerne“ anstelle von „bitte“, etwa wenn es heißt „Besucht gerne meine Seite“ oder „Bei Fragen meldet euch gerne“. Zitat Kommentator: „Offenbar wird nicht mehr um etwas gebeten. In der Lage eines Bittenden sieht sich niemand mehr. Stattdessen wird gewährt.“

Herr Levin mag nicht den inflationären Gebrauch von „sehr gerne“, etwa im Einzelhandel und der Gastronomie. Dem ist zuzustimmen, auch wenn ich es selbst gelegentlich sage. Daran ist zu arbeiten.

In eine ähnliche Richtung geht „magst du“ anstelle von „kannst du bitte“, erst heute wieder gelesen. Ich mag es überhaupt nicht.

Sehr gerne ging ich abends wieder zur Chorprobe. Im Anschluss prüfte der Chorleiter meine Eignung als dauerhaftes Chormitglied, indem ich ihm kurz vorsingen durfte. Dabei ging es darum, wie hoch bzw. tief ich komme und ob ich die richtigen Töne treffe. Sie melden sich.

Dienstag: Morgens las ich auf einem im Übrigen deutschsprachigen Plakat das Wort „Wellbeing“ und fragte mich wieder mal: Muss das sein? Ist das überhaupt ein echtes englisches Wort oder nur Marketingesäusel?

Etwas weller scheint es dem Rhein zu gehen, sofern ein Fluss so etwas wie Wohlergehen empfindet, jedenfalls ist der Pegel nach monatelangem Tiefstand sichtbar ein wenig angestiegen.

Zur Erhaltung des eigenen Wohlergehens ließ ich mir vormittags eine betriebsärztliche Grippeschutzimpfung verabreichen. Der Hinweis der nadelführenden Ärztin, heute keinen Sport zu treiben, hielt mich nicht davon ab, wie fast jeden Tag nach dem Mittagessen über die Treppen zum Büro hochzugehen. Es sind ja nur 487 Stufen.

Auf dem Rückweg schien der Vollmond knapp über dem Beueler Horizont. Das sah beeindruckend aus, ließ sich mit einer herkömmlichen Datengerätkamera allerdings nur unzureichend festhalten.

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Der Chor hat sich bereits am späten Nachmittag per Mail gemeldet. Offenbar traf ich den Ton, ich darf bleiben. Das freut mich sehr, auf dem Rückweg vom Werk kaufte ich sogleich einen Aktenordner für die Noten.

Der Wikipedia-Artikel des Tages widmet sich dem Scurra, einer – sehr verkürzt ausgedrückt – antiken Witzfigur. Aus dem Artikel: „In der späten Republik und der Kaiserzeit scheinen die scurrae auch eine Berufsgruppe gewesen zu sein.“ Nicht nur damals, möchte ich aus täglicher Anschauung hinzufügen.

Mittwoch: Nach einem Tag ohne zumindest in meinem persönlichen Sichtbereich nennenswerte Ereignisse nahm ich am Abend gleich zwei Anthologien entgegen, an denen mitzuwirken ich die Ehre und das Vergnügen hatte: „The Cozy Inn“ von Stephanie Müller als Herausgeberin und „BonnTastik VII“ von der Bonner Regionalgruppe des Bundesverbandes junger Autoren BVjA. (Ja ich weiß, jung ist relativ. Ich bin jedenfalls nicht der Älteste dort.) Bei Interesse an den Büchern klicken Sie gerne bitte die Links an. Falls Sie übrigens am Sonntag, 8. November in Bonn sind und nichts besseres zu tun haben, kommen Sie doch am Nachmittag ins Kult41. Dort lesen dann sieben Autorinnen und ein Autor ihre Geschichten aus der BonnTastik VII vor.

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Abendsichtungen:

Besser eine Pizza in der Hand als ein Döner auf dem Kopf
Bald ist wieder Weihnachtsmarkt. (Zur Erläuterung: Unter der zugeteerten runden Fläche befindet sich an zehn Monaten des Jahres der Brunnen vor dem Tore, konkret dem Sterntor am Bottlerplatz. An den zwei anderen Monaten auch, nur nicht sichtbar, auf dass der Glühwein- oder Eierpunschgenießer nicht ins Straucheln gerät. Also jedenfalls nicht hier.)

In den übrigen zehn Monaten sieht es so aus:

Serviervorschlag; meistens ohne Auto. Dass der Fahrer des Fahrzeugs unter dem Einfluss von Glühwein oder Eierpunsch stand, kann aufgrund des Aufnahmezeitpunkts im März dieses Jahres mit hoher Sicherheit ausgeschlossen werden.

Donnerstag: Der Satz des Tages kam bereits morgens vom Geliebten, der am vergangenen Sonntag Geburtstag hatte: „Jetzt bin ich einundfünfzig und schon ist wieder Donnerstag.“

Ansonsten hatte ich heute frei, der Leifsteilteilzeit sei Dank. Das nutzte ich für eine Wanderung im Ahrtal, namentlich die Ahrschleife „WeinBergBlicke“ ab und bis Ahrweiler. Aus praktischen Erwägungen ging ich die Runde gegen den Uhrzeigersinn, das erläutere ich gleich. Auch sonst erwies sich die Entscheidung als richtig: Mit mir stieg bei Ankunft in Ahrweiler eine große Rentnerwandergruppe aus der Bahn, die dann zum Glück in die andere Richtung ging.

Trotz der üblen MarketingSchreibWeise ist das eine sehr schöne, angenehm zu gehende Strecke. Die Wanderstöcke hatte ich zur Sicherheit dabei und nutzte sie, die Tour ist auch ohne gut zu schaffen. Nur drei kurze, steile Treppen unterhalb der Bunten Kuh erfordern etwas Vorsicht. Mittagspause machte ich in der augenscheinlich ganz neuen, noch gänzlich unbeschmierten und -schriebenen Schutzhütte im Geisbachtal. Kurz vor dem Ende wird es nochmal richtig schön: Statt links in das schon in Sichtweite befindliche Ahrweiler abzubiegen, geht es vorher rechts ab durch die idyllische Maibachklamm, deren namensgebender Bach dabei mehrfach über kleine Holzbrücken überquert wird. Das letzte Stück führt durch die Innenstadt von Ahrweiler, wo ich den letzten freien Tisch vor einem Gasthaus am Markt bekam und des Wanderers Mühen mit Döppekuchen und Weizenbier belohnte, zum Nachtisch ein Glas Ahr-Rotwein. (Deshalb die Runde gegen den Uhrzeigersinn, siehe oben.) Außerdem nutzte ich die Zeit zum Schreiben einer zuvor erstandenen Postkarte.

Das Wetter war perfekt: Lagen bei der Hinfahrt die Wipfel des Siebengebirges noch im Nebel, ließ ab Ankunft in Ahrweiler die Sonne vom blauen Himmel Wald und Weinberge herbstgülden leuchten, dazu angenehme, außengastronomiegeeignete Temperatur. Sehen Sie:

Oberhalb von Walporzheim
Weinbergeblick bei Walporzheim
Für Lotte
In der Maibachklamm
Lobenswert auch die vollständige Wegmarkierung

Im Zusammenhang mit dem Verkauf eines Gutshofs im Bonner Westen, der seit Jahren leer steht und dem Verfall preisgegeben ist, war in der Zeitung das schöne Wort „Vernachlässigungs-Patina“ zu lesen. Das lässt sich nicht nur auf Gebäude anwenden.

Freitag: Der Tag begann nebelig.

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Abends eröffnete unsere Karnevalsgesellschaft die Session mit dem Ordensfest. Ich wurde geehrt für elfjährige Zugehörigkeit. (Karnevalisten rechnen in Elferschritten, fragen Sie nicht, ich weiß auch nicht, warum.) Hätte mir vor zwölf Jahren jemand prophezeit, ich stünde bald in grün-weißer Uniform auf einer Bühne, hätte ich ihn wohl für verrückt erklärt. Manchmal ergeben sich die Dinge eben unerwartet.

Aus der Zeitung – Ist das wirklich so schwierig?:

(General-Anzeiger Bonn online)

Samstag: Nachdem leichte Nachwirkungen des Ordensfestes ausgeschlafen waren, hatte ich Zeit für das Blogstöckchen von Frau Kaltmamsell. Voila:

1. Welches war dein erstes Stofftier und was verbindest du damit?
Stofftiere hatte ich viele, ich erinnere mich an mehrere Teddybären, einen Pinguin, eine Schildkröte, ein Dromedar, einen Koalabären und ein Mon Chichi. Ohne Kuscheltier konnte ich nicht schlafen, entsprechend zerkuschelt sahen sie nach einiger Zeit aus. Mein erstes Stofftier war ein Teddybär von Steiff, der noch heute, inzwischen einäugig, auf dem Nachtschrank sitzt. Mit ihm verbinde ich die Erinnerung an meinen Großvater väterlicherseits, der ihn mir einst schenkte, der häufig mit mir spazieren ging und der viel zu früh, als erster von vier Großeltern, starb.

2. Wie stelltest du dir als Kind dein Erwachsenenleben vor?
Konkrete Vorstellungen über das Erwachsensein hatte ich nicht, fand vielmehr die Themen, über die sich die Erwachsenen unterhielten, etwa Rasenmähen oder Reifenwechsel, langweilig. Auch einen klaren Berufswunsch hatte ich nicht, während andere schon im Kindergartenalter wussten, dass sie mal Arzt, Lokführer oder Fußballprofi werden wollen. Erst viel später wusste ich, dass ich Beamter werden will. Was mir indes von Anfang an abwegig erschien, war, irgendwann selbst Kinder zu haben. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Vielleicht bin ich nie erwachsen geworden. Woran merkt man das?

3. Warst du ein eher leises oder eher lautes Kind?
Vermutlich eher leise, am besten fragen Sie das meine Mutter. Allerdings nicht immer, ich erinnere mich an einen Tag, an dem mir fünf Mark in Aussicht gestellt wurden, wenn ich am Mittagstisch mal die Klappe halte. Das Geld bekam ich. Vielleicht war das der Auslöser für eine gewisse Redeunwilligkeit, die mir bis heute unterstellt wird.

4. Gab es etwas in deiner Kindheit, das du heute sehnsüchtig vermisst?
Ja. Zum einen die LGB-Eisenbahn in unserem Garten. Jahrelang hatte ich mir die gewünscht und dafür gespart. Als ich dann den ersten Zug mit Gleisen kaufte und er seine Runden auf dem Teppich im Wohnzimmer drehte, war ich wohl das glücklichste Kind der Welt. Wenn ich mich damit beschäftige, war alles andere um mich herum vergessen. Nach dem Auszug aus dem Elternhaus und späterem Umzug nach Bonn entschied ich mich schweren Herzens, alles zu verkaufen. Nur die erste Lokomotive von 1977 habe ich noch. Sie steht mit zwei Wagen auf dem Schrank und wird mangels Platz wohl nie wieder fahren. Weiteres dazu steht hier.

Das andere, was ich vermisse, ist das Haus meiner Großeltern mütterlicherseits bei Göttingen. Darüber ist hier ausführlich geschrieben.

5. Welches Verhältnis hattest du als Kind zu Musik?
In unserem Wohnzimmer stand eine Musiktruhe, eine Art Anrichte mit integriertem Radio und Plattenspieler. In die Mitte des Plattentellers konnte man einen Dorn stecken, auf dessen Spitze man einen Stapel Singles legte. Durch eine wundersame Mechanik fiel die jeweils unterste Platte auf den Teller; nachdem sie abgespielt und der Tonarm wieder in Ruheposition war, fiel die nächste automatisch runter und wurde abgespielt, und so weiter, bis der Stapel abgearbeitet war. Das fand ich faszinierend. Meine erste Single war übrigens „Monika“ von Uli Martin, die ich mir von meinem Patenonkel gewünscht hatte. Ich war ein komisches Kind.

Im Musikunterricht in der Grundschule besprachen wir ausführlich Die Moldau von Smetana. Die Schallplatte hatten wir auch zu Hause, eine zeitlang hörte ich sie fast täglich und kann sie auch jetzt noch jederzeit vollständig im Geiste abspielen.

Ebenfalls zur Grundschulzeit wurde ich an das aktive Musizieren herangeführt, indem mich meine Eltern zum Blockflötenkurs anmeldeten. Dafür bin ich ihnen dankbar, meine Freude am Musikmachen hat sich bis heute gehalten. Im übrigen ist auch hierüber alles Wesentlich bereits geschrieben.

Im übrigen ist auch hierüber alles Wesentlich bereits geschrieben.

Sonntag: Meine Befürchtung aus dem Spätsommer, dieses Jahr könnte die Herbstfärbung spärlich ausfallen, weil die Bäume die meisten Blätter schon vorher abgeworfen haben, hat sich zum Glück nicht bewahrheitet. Während des Spaziergangs am Nachmittag wurden die Augen mehrfach erfreulich gestreichelt.

Am Poppelsdorfer Schloss / Botanischen Garten
Südstadt

Laut Beschilderung auf dem Münsterplatz wird ab morgen der Weihnachtsmarkt aufgebaut. War das in den letzten Jahren auch immer schon Anfang November? Es kommt mir sehr früh vor, siehe auch die Brunnenabdeckungsbetrachtung am Mittwoch.

Was schön war in dieser Woche: eine Chorzusage, ein freier Tag mit Wanderung, ein Restaurantbesuch (gestern Abend) und Herbstfarben.

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche.

19:00

Woche 48/2025: Halbwegs heiter

Montag: Beginnen wir die Woche zur Abwechslung unter der Gürtellinie, bezugnehmend auf drei Kommentare zum Rückblick der vergangenen Woche. Zum dort thematisierten ärztlichen Hodengriff anlässlich der Musterung junger Männer schrieb Lothar: „Rückblickend frage ich mich allerdings, ob diese Grenzüberschreitung tatsächlich der Prüfung des Vorhandenseins von Testikeln oder vielmehr des männlichen Wurmfortsatzes diente. (In diesem Fall bekäme der Begriff „Stabs“arzt eine ganz andere Bedeutung.) Denn meines Wissens bewirkt das Fehlen von Hoden nicht die Treffgenauigkeit beim Schießen oder die Exerzierfähigkeit.“

Zum Rückblick auf frühere Nächte in Köln meint Jens: „Risiko! — solche Gedanken sollte man sich frühestens im Frühling machen. Das ist in der „dunklen Jahreszeit“ ganz dünnes emotionales Eis.“ Dem ist zu entgegnen: Zum einen bin ich mittlerweile und glücklicherweise dem Alter entwachsen, wo es mich in derartige Etablissements zöge, allein schon aus Gründen der Bequemlichkeit, zum anderen waren diese ganzjährig geöffnet, so dass bei Kesselbrummen auch im Winter Abhilfe geschaffen werden konnte und – ich habe es nicht recherchiert, gehe aber davon aus – weiterhin kann.

Zum Movember, der Männer veranlasst, sich aus durchaus edlem Grund vorübergehend einen Schnauzbart wachsen zu lassen, ergänzt Thomas: „Stichwort Movember: Dieser Monat wird für allerlei illustre Monatsaufgaben genutzt. Da wären zum Beispiel der NaNoWriMo für das regelmäßge Schreiben und der No Nut November gegen das regelmäßige Onanieren. Beides auf ihre Art große Herausforderungen.“

Vielen Dank dafür!

Dienstag: Unterhalb des Büroturms verläuft parallel zum Rhein eine wenig befahrene Straße mit Gehwegen an den Seiten. Dort klingelte mich morgens von hinten ein (noch) älterer Radfahrer an. Da ich auf Gehwegen grundsätzlich nicht auf Fahrradklingeln reagiere, klingelte er mehrfach erneut und ohne Erfolg. Erst als er mich ansprach, auf dass ich ihn durchließe, drehte ich mich um und machte ihn darauf aufmerksam, dass wir uns nicht auf einem Radweg befanden. Das sah er anders und behauptete, er dürfe hier fahren, da am Anfang des Weges kein Verbotsschild stünde, ich solle mich da mal erkundigen; „Ich bin Jurist“ beendete er seine Ausführungen. Offensichtlich nicht für Straßenverkehrsrecht, sonst wüsste er, dass nur das hier nicht vorhandene Verkehrszeichen 240, das den Weg als gemeinsamen Geh- und Radweg ausweist, oder wenigstens das Zusatzzeichen 1022-10 „Radfahrer frei“ dazu berechtigen, einen Fußweg – in Schrittgeschwindigkeit – mit dem Rad zu befahren; das alleinige Fehlen des Verkehrszeichens 254 „Verbot für Radfahrer“ begründet dieses Recht hingegen nicht. Das hätte ich erwidern können, wenn es mir nicht erst später eingefallen wäre. (Gut, die Nummern der Verkehrszeichen musste ich recherchieren.)

Mittags in der Kantine gab es Grünkohl. Ich liebe dieses in Ostwestfalen auch als „Lippische Palme“ bekannte Wintergemüse. Indes wird der Liebste es gerne lesen: Wenn er Grünkohl zubereitet, mit lippischer Kohlwurst gar, schmeckt es besser.

Ausgelesen habe ich „Haus zur Sonne“ von Thomas Melle, ein düsterer Roman über Leben und Tod, vor allem letzteren. Dennoch habe ich es gerne gelesen, nur der Schluss hat mir nicht gefallen und eine gewisse Ratlosigkeit hinterlassen.

Mittwoch: Der Tag begann kühl-trüb-feucht und blieb es auch. Allerdings nur meteorologisch, die Gemütslage war halbwegs heiter. Vielleicht war der Grund die Vorfreude auf morgen, dann habe ich frei, beziehungsweise, um mal Futur zwei zu verwenden, man kommt doch selten dazu, werde ich, wenn Sie das lesen, frei gehabt haben.

„Andersherum wird ein Schuh daraus“ sagte eine in einer Besprechung, diese regelmäßig zu hörende Phrase, die sinngemäß ausdrücken soll, dass etwas genau umgekehrt ist als zuvor behauptet. Erstmals fragte ich mich heute, warum Leute das sagen, woher das kommt mit dem Schuh. Eine kurze Netzrecherche ergab: In früheren Zeiten war es bei der Herstellung von Schuhen üblich, dass sich die Naht innen befand, zu einem bestimmten Fertigungszeitpunkt wurde das Werkstück also umgestülpt. Das mag sein und ist auch nachvollziehbar, dennoch verwunderlich, dass sich ausgerechnet das bis heute als Redewendung erhalten hat. Immerhin haben wir wieder was gelernt, wenn auch was ziemlich Unnützes; andererseits waren nach meiner Erfahrung mindestens achtzig Prozent des Schulstoffes im Nachhinein ebenfalls nutzlos, so kommt es darauf auch nicht mehr an.

Donnerstag: Der freie Tag begann mit einem externen Frühstück im Kaufhof-Restaurant. Ideales Wanderwetter war nicht zu erwarten, ab dem frühen Nachmittag leichter Regenfall angekündigt. Deshalb entschied ich mich für eine nur kurze Wanderung, nämlich die Godesberg-Runde durch den Kottenforst ab und bis – Sie ahnen es – Bad Godesberg. Nachdem ich das Sausen und Brausen der Godesberger Innenstadt hinter mir gelassen hatte und mich dem Wald näherte, hörte ich erste Gewehrschüsse. Kurz darauf sah ich ein Warnschild „Achtung Jagd“. Wenig später vernahm ich den ersten Jäger auf seinem Hochsitz, schon von weitem durch eine orange Warnweste gut zu erkennen. Warum tragen die Warnwesten? Um die Tiere zu warnen, vielleicht eine weitere absurde PETA-Forderung? Oder damit sie nicht von ihren Mitjägern versehentlich niedergestreckt werden? Erst jetzt fiel mir wieder ein, was ich am Vortag in der Zeitung gelesen hatte: Nicht weit von hier im Ortsteil Hardtberg sind in größerer Anzahl Wildschweine gesichtet worden. Hatte sich da vorne nicht gerade etwas Braunes bewegt? Schon knallte der nächste Schuss, ohrenscheinlich nicht weit entfernt von mir, und hallte im Forst nach. Hoffentlich hatten die Jäger darauf verzichtet, gegen die Kälte mit alkoholhaltigem Zielwasser vorzubeugen; ich sah mich schon von einer Schrotladung oder Kugel oder was auch immer durchbohrt und anschließend von einer wütenden Wildschweinrotte zerfetzt.

Doch nichts dergleichen geschah, knapp zwei Stunden nach Abmarsch blickte ich nach der nächsten Biegung schon wieder auf Bad Godesberg, wo noch ein kurzer Aufstieg zur Godesburg zu bewältigen war, ehe die Wanderung auf dem Godesberger Weihnachtsmarkt mit Currywurst und einem Glühwein abgeschlossen wurde. Pünktlich mit Ankunft fiel auch der erste Niesel.

Auf dem Rückweg beobachtete ich an einer Kreuzung mit Rechts-vor-links-Regelung eine klassische Führerscheinprüfungsfragebogensituation: Aus allen vier Richtungen kamen ungefähr gleichzeitig Fahrzeuge und blieben stehen. Es dauerte einige Zeit, bis man sich durch Handzeichen und Blinken geeinigt hatte. Zufällig waren drei davon Fahrschulwagen.

Das Schwan’sche Haus wurde Ende der Siebziger im Zuge der Sanierung (eher: Planierung) der Godesberger Altstadt ab- und an anderer Stelle wieder aufgebaut. „Translozieren“ nennt das der Experte.
Godesberger Bach im Marienforster Tal
Kurz hinter Gut Marienforst
Winterwald
Mein Lieblingsbaum
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Blick von der Godesburg auf Bad Godesberg, dahinter das Siebengebirge

Freitag: „Wir müssen darüber jetzt gar nicht länger reden“ hieß es in einer Besprechung. Doch statt zum nächsten Thema zu wechseln, wurde über das bisherige munter weiter geplappert mit mehreren inhaltlichen Wiederholungen. Das sind die Momente, wo ich aus dem Fenster schaue, die Aussicht über die Stadt genieße und mir sage: Bleib ruhig, sie bezahlen dich sehr gut dafür und es ist zu hundert Prozent ruhegehaltfähig.

Gelesen als Signatur unter einer Teams-Chatnachricht, wobei ich bis heute nicht wusste, dass es sowas überhaupt gibt und nicht wüsste, wofür man das braucht: „Es gibt kein Versuchen! Tue es oder tue es nicht!“ Ich erwäge nun eine Erweiterung meiner Mailsignatur, kann mich nur noch nicht entscheiden zwischen „Träume nicht dein Leben sondern lebe deinen Traum!“, „Lebe jeden Tag so, als sei es der letzte!“, „Altes Brot ist nicht hart – kein Brot, das ist hart!“ und „Die Hoffnung stirbt zuletzt“. Weitere Vorschläge sind willkommen.

Passend zum Vorstehenden schreibt Kurt Kister – zufällig heute – in seiner lesenswerten Wochenkolumne „Deutscher Alltag“ lesenswerte Gedanken über Sinnsprüche.

Samstag: Die Nacht endete samstagsunangemessen früh, da eine Fahrt nach Aachen anstand. Dort traf sich eine Abteilung unserer Godesberger Karnevalsgesellschaft zu Stadtführung, Weihnachtsmarktbesuch und Abendessen. Der Aufstehzeit entsprechend war meine persönliche Stimmung zunächst spätnovemberlich, hellte aber im Laufe des Vormittags auf, spätestens ab dem ersten Begrüßungsgetränk an der Hotelbar vor Aufbruch der Gruppe in die Innenstadt.

Unser Präsident, gebürtiger Aachener, oder Öcher, wie sie sich selbst nennen, führte uns kenntnisreich durch die Stadt, sparte dabei nicht mit Superlativen (der/die/das älteste / größte / kleinste / schönste / einzige …), wie es häufig auf Stadtführungen vor allem durch Eingeborene zu erleben ist. Das Wetter war gnädig, es blieb weitgehend trocken, was in Aachen nicht selbstverständlich ist (während meiner meisten früheren Aufenthalte dort hatte es geregnet) und die Kälte der vergangenen Tage war milderer Temperatur gewichen. Das hinderte uns nicht daran, innere Wärme durch Glühwein zu suchen und zu finden. Auch den Dom besuchten wir, ein nicht nur durch Decken-Mosaike und Kirchenfenster beeindruckender Bau, der mir innen kleiner erschien als erwartet.

Gegen Abend gesellte sich eine kleine Delegation eines Aachener Karnevalsvereins zu uns, gemeinsam aßen wir im zweiten Stock eines Restaurants mit Aussicht auf den menschenvollen, lichterkettenhellen Marktplatz und das historische Rathaus. Nach dem Essen ging es zurück ins etwas außerhalb gelegene Hotel. Da es nur knapp zwei Kilometer vom Marktplatz entfernt ist, schlug ich vor, zu Fuß zurück zu gehen, immerhin vier weitere schlossen sich an, die anderen nahmen Taxis und kamen nur unwesentlich früher am Hotel an, wo der Barausschank noch geöffnet war, was wir angemessen würdigten. Anschließend war ich menschenmüde und froh, als ich im Bett lag.

Dunkel wurde es im Zimmer erst, nachdem wir die Zimmerkarte aus dem Schlitz neben der Tür entfernt hatten. Vorher brannte wahlweise entweder die Lampe im Eingangsbereich oder über dem Bett, egal welcher Schalter wie betätigt wurde. Entweder ein Defekt oder wir waren zu blöd, es zu bedienen. (Zu alkoholisiert nicht, auch heute Morgen bei weitgehend klarem Verstand schafften wir es nicht.) Weiterer Kritikpunkt: auch hier keine Jackenhaken im Zimmer.

Gelernt: „Au hur“, ein universell einsetzbarer Öcher Ausruf. Ursprünglich wohl aus „Alte Hure“ hervorgegangen, wird es heute verwendet unter anderem statt „Oh nein“, „Auch das noch“, „Sagenhaft“, „Donnerwetter“, „Du liebe Güte“, „Boah ey“, „Ach was“, „oooh“ oder, für die Jüngeren, „Alter“ und „Oh my God“. Vielleicht auch „wallah“.

Nebenwirkung der Besinnlichkeit auf dem Aachener Marktplatz

Sonntag: Nach dem Frühstück im Hotel (positiv: ausreichend große Saftgläser) verließen wir Aachen und kamen mittags in Bonn an. Hier holte ich einen gewissen Mangel an Alleinzeit auf durch einen langen Spaziergang auf die andere Rheinseite, derweil sich die Innenstadt zur Feier des verkaufsoffenen Sonntags füllte. Es erstaunt mich immer wieder, mit welcher Selbstverständlichkeit Autos im absoluten Halteverbot geparkt werden und wie wenig dagegen unternommen wird.

In Schwarzrheindorf auf der anderen Rheinseite, wo nur wenig Lichterkettengedöns leuchtet, sah ich vier Junge Männer Hausrat aus einem Miet-Transporter ausladen und in ein Haus schaffen. Wieder war ich dankbar für mein fortgeschrittenes Alter und die damit verbundene hohe Wahrscheinlichkeit oder wenigstens Hoffnung, nie mehr in meinem Leben eine Klausur schreiben oder umziehen zu müssen, jedenfalls nicht lebend.

Wie auch in den Blogs zutreffend festgestellt wird, ist dieser November am Ende. Die meisten Blätter sind gefallen, die Natur beziehungsweise das, was wir so nennen, präsentiert sich neben blassem Grün in Braun-, Beige- und Ockertönen. Der Tag war trübe und trotz laut Thermometer elf Grad handkalt, immerhin trocken. In den nun blätterlosen Baumkronen nahe der Schwarzrheindorfer Kläranlage saß eine größere Ansammlung Rabenkrähen, immer wieder kollektiv aufkäckernd, dazwischen sekundenlang Ruhe, als schauten sie gemeinsam einen lustigen Film oder lauschten einem Kabarettisten. Morgen beginnt also der zwölfte Monat. Auch der geht vorüber.

Letztes Laub in Beuel
Farben der Saison
Schild an der Baustelle auf der Nordbrücke. Vermutlich war die Autobahn GmbH die ständigen Beschwerden leid, weshalb die Fahrspur gesperrt sei, obwohl niemand arbeitet.
Rabenkrähen am Rheinufer

Apropos zwölf: Zurzeit kreist mal wieder ein Fragenkatalog durch die Blogs, in Fachkreisen auch „Blogstöckchen“ genannt, über das man virtuell springt. Eigentlich wollte ich nicht springen, weil es vermutlich niemanden interessiert. Da das jedoch auf das meiste hier Geschriebene zutrifft, mache ich doch mit. Alors, hier zwölf völlig belanglose Fakten über mich:

Benutzt du Zahnseide? Ganz selten, wenn sich in einem bestimmten Zahnzwischenraum oben links etwas festgesetzt hat, das anders nicht zu entfernen ist.

Tee, Kaffee oder Wasser? Und statt oder. Mehr Kaffee als Tee.

Welche Schuhe trägst du am liebsten? Kommt auf den Anlass an. Meistens Turnschuhe. Aber auch gerne die maßgefertigten, sehr bequemen Lederschuhe. Und die Wanderschuhe, denn wenn ich die trage, habe ich Freizeit.

Dein Lieblingsdessert? Roter oder grüner Wackelpudding. Und Illes flottantes, ein französisches Dessert, bestehend aus Eischneebrocken in Vanillesoße.

Was machst du als erstes, wenn du aufwachst? Das Ende der Nacht beklagen und den Radiowecker nach den Nachrichten ausschalten.

In welchem Alter würdest du gerne bleiben? Bleiben auf gar keinen Fall, ich bin sehr einverstanden damit, dass für mich irgendwann das Licht ausgeht. Aber die Zeit so Mitte dreißig war schon ziemlich gei… lebenswert.

Wie viele Hüte besitzt du? Zwei: einen Strohhut für den Sommer und einen Dreispitz zur Karnevalsuniform. Seit Jahren erwäge ich den Erwerb eines richtigen Filzhutes, habe mich aber noch nicht getraut.

Beschreibe das letzte Foto, dass du gemacht hast? Die Adventsbeleuchtung über der Friedrichstraße aus roten Herrnhuter Sternen und Lichterketten in den Bäumen. Ach schauen Sie doch einfach selbst:

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Die schlechteste Fernsehsendung? Weiß ich nicht, weil ich kaum fernsehe. Vermutlich irgendwas auf RTL oder Pro7.

Was war als Kind dein Berufswunsch im Erwachsenenalter? Unter anderem Lokführer. Mein Bruder wurde es später.

Etwas auf deiner Wunschliste, das du nicht rechtfertigen kannst zu kaufen? Eine Armbanduhr von Lange & Söhne, Glashütte. Die sind schon schön. Aber teeeeeuer …

Welcher Jahreszeit fühlst du dich am meisten verbunden? Mittlerweile dem Herbst.

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche und in den Dezember.

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