Woche 30/2026: Es hört nie auf

Montag: Bis zum Abend eines kühlen, recht ruhigen und für mich persönlich ereignisarmen Wochenbeginns befürchtete ich, nichts hier aufschreibenswertes zu finden. Die Rettung brachte eine Auchdasnoch-Eilmeldung der Zeitung, die derzeit desolate Bonner Verkehrssituation betreffend: Wie in der vergangenen Woche hier berichtet, verkehren zurzeit viele Fahrten der Stadtbahn mit nur einem statt zwei Wagen. Ab morgen werden alle Stadtbahnwagen aus den Sieb-, Acht- und Neunzigerjahren wegen Sicherheitsbedenken sofort aus dem Betrieb genommen und einer Prüfung unterzogen. Insgesamt 60 von 75 Wagen sind betroffen. Zur Linderung stellen die Kölner Verkehrsbetriebe vorübergehend 20 Wagen zur Verfügung. Hoffentlich halten wenigstens die durch; es ist nicht anzunehmen, dass die Kölner ausgerechnet ihr neuestes Material schicken werden.

Archivbild

Dienstag: Als zur Verträglichkeit strebender Mensch wünsche ich niemanden etwas Schlechtes, von wenigen Staatsoberhäuptern und Fußballpräsidenten abgesehen. Würde ich jedoch Zeuge, wie ein regelwidrig auf dem Fußweg fahrender, ins Datengerät vertiefter Radfahrer in so eine Ansammlung unsachgemäß-hirnlos abgestellter Roller rast, könnte ich eine gewisse Erheiterung nicht leugnen. Es müssen ja nicht gleich Knochen brechen und Blut spritzen.

Morgens
Abends

In der Werkskaffeeküche lässt einer per Aushang wissen, er habe eben dort sein Headset verloren. Wenn man so busy ist, dass man unbedingt mit Headset die Kaffeeküche aufsuchen muss, warum setzt man es dann ausgerechnet dort ab und lässt es liegen?

Gelesen beim Kiezschreiber:

Es wurde schon immer gerne in Schubladen gedacht. Macht es für manche Leute einfacher, denen oberflächliche Zuordnungen genügen. Zum Beispiel: Generationen. Boomer, Generation X, Millenials usw. Meine These: Es gibt keine Unterschiede zwischen den Generationen. Jeder Jahrgang bringt kluge Menschen und Vollidioten hervor, nette Zeitgenossen und Arschlöcher, Linke und Rechte – überall auf der Welt. Man sollte es sich beim Nachdenken nicht bequem machen, sondern genauer hinschauen. Es lohnt sich, andere Menschen als Individuum zu betrachten.

Zum Thema Jens Spahn* haben andere bereits alles notwendige gesagt und geschrieben. Vielleicht noch dieses: Für mich zählte er bis vergangenen Samstag zu den Menschen, die sich alles erlauben können, ohne dass es ihnen etwas anhaben könnte. Bis zu einem gewissen Punkt. Der ist für Herrn Spahn nun erreicht; bei anderen – ich nenne keine Namen, es fällt Ihnen bestimmt jemand zutreffendes ein – müssen wir uns noch etwas gedulden.

*Nur für die Chronik, falls das in einigen Jahren noch jemand liest und nicht weiß, wer Jens Spahn ist: CDU-Politiker mit Ambitionen, bis 2021 Bundesgesundheitsminister, ab 2025 CDU/CSU-Fraktionsvorsitzender im Bundestag, auffällig geworden durch mehrere Mauscheleien. Zusammen mit seinem Ehemann buchte er die Dienste einer amerikanischen Leihmutter. In Deutschland ist das bislang verboten und sowohl die Union als auch Jens Spahn sprachen sich in der Vergangenheit dagegen aus, es zu legalisieren. Sein hilfloser Einwand, man müsse zwischen dem Politiker und der Privatperson unterscheiden, rettete ihn nicht vor dem Rücktritt.

Mittwoch: Ein weiterer Arbeitstag mit viel zu vielen Besprechungen, ich weiß nicht, was im Moment los ist. Dadurch bin ich abends noch redefauler als ohnehin.

„Dafür würde ich meine Hand nicht ins Feuer legen“ hörte ich in einer Besprechung, diese uralte Phrase, die häufig zu hören ist und über die ich noch nie nachgedacht habe. Bis heute. Es gibt nichts und niemanden, wofür ich meine Hand etwa in einen brennenden Ofen oder eine Schweißflamme halten würde. Wozu sollte das auch gut sein.

„Das ist ein ongoing task“ hörte ich in einer anderen Runde, was wohl in etwa heißt „Es hört nie auf“, nur viel neißer klingt.

Morgen habe ich frei, dann werde ich wandern. Dabei kann ich ausgiebig schweigen, allenfalls angenehme Selbstgespräche führen.

Donnerstag: Auslöser der Idee für die heutige Wanderung war ein Trafoturm. Was auch immer bei mir schiefgewickelt ist: Wenn ich einen Trafoturm sehe, will ich ihn fotografieren. Andere fotografieren Vögel oder Flugzeuge, ich Trafotürme, ein jeder ist auf seine Weise bekloppt. Dieser steht in Oberwinter am Rhein, ich sah ihn, wenn ich mit der Bahn Richtung Süden fuhr, wobei er sich aus dem Zug schlecht fotografieren ließ. Daher kam die Idee, Oberwinter als Ausgangspunkt einer Wanderung zu wählen, achtzehn Kilometer bis Bad Godesberg.

Morgens fuhr ich mit der Bahn nach Oberwinter, dort frühstückte ich vor einem Café im Ort. Währenddessen fuhren in größerer Anzahl blaubelichtete Motorräder und schwarze Limousinen der Feldjäger vorüber, die das Interesse der Bevölkerung weckten; mehrfach war die Frage zu hören, was denn hier los sei. Feldjäger, nicht zu verwechseln mit Landjägern, das sind doch die, die entlaufene Soldaten einfangen, oder?

Nach dem Frühstück begann die Wanderung, vorbei am Trafoturm, den ich von allen Seiten fotografierte. Gleich hinter dem Friedhof beginnt eine längere Steigung, ab da ist die Strecke überwiegend moderat. Sie führt durch Wälder, über den Rodderberg, durch Wachtberg-Niederbachem und -Ließem, vorbei an den Hochhäusern von Bonn-Heiderhof, auf mehr oder weniger breiten Wegen, wenigen asphaltierten Abschnitte, auch für Freunde schmaler Pfade ist was dabei. Wanderstöcke sind nicht erforderlich. Man geht überwiegend in angenehmer Ruhe, vom Brausen des Rheintals mit seinen Bundesstraßen und Bahnstrecken ist erstaunlich wenig zu hören.

Das Wetter war sehr wanderfreundlich, trocken, um die zwanzig Grad, bewölkt, erst am frühen Nachmittag kam die Sonne durch.

Nach viereinhalb Stunden angenehmen Wanderns erreichte ich die Godesberger Innenstadt, wo ich ein Lokal fand, das zufällig Currywurst und bayrisches Bier im Angebot hat.

Oberwinter
Der Trafoturm
Auch wenn man es nicht sieht – starke Steigung
Für Lotte
..
Blick vom Rodderberg in Richtung Bonn
Hohle Gasse hinter Niederbachem
Heiderhof
..
..

Freitag: Wieder endet eine Arbeitswoche, nur noch vier davon bis zum nächsten wohlverdienten Urlaub. In einer Besprechung wurden Leichtathletik und eine Blumenwiese als Vergleichsbilder für irgendwelche mäßig interessanten Sachverhalte herangezogen, immerhin eine Abwechslung zu den unsäglichen Fußballvergleichen. Um in einer anderen Besprechung nicht die Beherrschung zu verlieren, flüsterte ich mir selbst mehrfach zu: Bedenke, es ist bezahlte Arbeitszeit, als die Kollegin sich mehrfach wiederholte, jede neue Strophe mit „Also nochmal“ einleitend.

Samstag: Wie hier zu lesen ist, heißt es in sich für modern haltenden Kreisen nicht mehr „Gebrauchtes“, sondern „Preloved“. Anwendbar etwa auf Kraftfahrzeuge, Kleidungsstücke und verflossene Lebenspartner.

Sonntag: Mit Entsetzen habe ich die Nachricht über den Anschlag auf den Berliner CSD zur Kenntnis genommen. Ich fürchte, das wird nicht der letzte sein. Schon früher, als ich noch selbst regelmäßig den CSD in Köln besuchte, hatte ich oft ein mulmiges Gefühl, dass so ein Irrer zuschlägt. Die Zeiten für uns werden nicht besser.

(Hoffentlich kein) Symbolbild

Aufgrund erhöhten Außerhausbedarfes aus zwischenmenschlichen Gründen geriet der Spaziergang nachmittags etwas länger als sonntagsüblich. Mit dem Bus fuhr ich auf die andere Rheinseite bis Holtorf-Ungarten, von dort zu Fuß zurück über Oberholtorf, Ennert, Finkenberg und Beuel. Er endete am bayerischem Wirtshaus in der Innenstadt. Danach sah die Welt ein klein wenig besser aus.

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche.

19:30

Woche 28/2026: Unangemessene Schadenfreude und geschmolzene Tomaten

Montag: In einem Mailverkehr bat jemand nur edukativ um eine Auskunft in einer hier mangels allgemeinen Interesses nicht näher auszuführenden Angelegenheit. Edukativ, ein mir bislang unbekanntes Wort, der Duden kennt es auch nicht. Wie ich anschließend im allwissenden Netz recherchierte, bedeutet es sinngemäß: informierend, erhellend. Wenigstens bat er nicht darum, man möge ihn aufschlauen. Und ich habe wieder ein neues Wort gelernt.

Auch der müde Montag bietet bisweilen Erheiterung, heute dieses, gelesen im Kieselblog:

Der Spielplatz ist hier, weil es auch drei Hochhäuser mit Wohnungen hier gibt und nach der Düsseldorfer Spielplatzverordnung muss ab soundso viel Privathaushalten ein Kinderspielplatz her. Jetzt müssen die Leute in ihren sündhaft teuren Appartements noch den Spielplatz vollvögeln. Da der Platz nur aus einem schmalen Streifen mit wenigen Spielgeräten besteht, dürfte sich der Aufwand in gewissen Grenzen halten.

Dienstag: Weiterhin ist wegen der gesperrten Nordbrücke der Verkehr zeitungfüllendes Thema in Bonn. Einige Redaktierende des General-Anzeigers berichten über ihre täglichen Arbeitswege. Einer schreibt: „Fahrtzeit 30 Minuten Minimum, manchmal 40 oder 50 Minuten für sieben Kilometer. Viel Zeit zum Nachdenken.“ Ja, vielleicht darüber, ob für diese Strecke das Auto die richtige Wahl ist. Hat er wohl auch: Wie später in dem Artikel zu lesen ist, hat er sich inzwischen ein Fahrrad gekauft.

Gewiss, nicht alle haben es so gut wie ich, der zu Fuß zur Arbeitsstätte gehen kann, so wie heute. Auf dem Radweg am Rheinufer herrschte Hochbetrieb, darunter nicht wenige, die ohne erkennbare Hirnaktivität rasten, überholten und einbogen. Meine Beobachtung als regelmäßiger Radfahrer und Fußgänger, nicht erst seit der Brückensperrung: Die schlimmsten sind die Renn- und Lastenradfahrer (m/w/d), die augenscheinlich meinen, mit dem hohen Anschaffungspreis ihres Rades hätten sie sich auch Vorrang vor allen anderen Verkehrsteilnehmern erkauft.

Nachmittags ging ich mit leichter und völlig unangemessener Schadenfreude am stehenden Autoverkehr auf der Rheinuferstraße vorbei. Wenig später hörte ich einen darüber klagen, er hätte eine halbe Stunde vom Friedensplatz gebraucht. Vermutlich mit dem Auto, zu Fuß ist die Strecke auch bei bequemen Gehen zwischen fünf und zehn Minuten zu schaffen.

Bloggen verbindet, Teil 1: Im Briefkasten lag eine Postkarte aus Oldenburg, über die ich mich freue. Soweit ich mich erinnere, war ich einmal in Oldenburg, in den Achtzigern mit der Bahn von Bielefeld über Osnabrück, ab Oldenburg weiter über Delmenhorst zurück nach Bielefeld. Dabei stand aus Hobbygründen die Bahnfahrt im Vordergrund, von Oldenburg habe ich nur den Bahnhof und allenfalls sein Umfeld gesehen, daher kann ich mir über die Stadt kein Urteil erlauben; dem Vernehmen nach soll sie ganz schön sein.

Bloggen verbindet, Teil 2: Ebenfalls gefreut habe ich mich über eine WhatsApp-Nachricht aus München, die die Möglichkeit eines Treffens in absehbarer Zeit in Aussicht stellt. Darüber würde ich mich besonders freuen.

Mittwoch: Vorteil, wenn die Leute mit ihren Datengeräten beschäftigt sind: Im Aufzug wird nicht mehr so viel dummes Zeug gequatscht.

In der Kantine gab es was mit geschmolzenen Tomaten. Ab welcher Temperatur schmelzen Tomaten?

In einer Besprechung am späteren Nachmittag schlug jemand in völlig unreligiösem Zusammenhang vor, eine Sache agnostisch* anzugehen. Während der Besprechung schaute ich dem Verkehrsgewühl unterhalb des Turmes zu: Neben den planmäßigen drei Buslinien verkehren auf der zweispurigen Straße zurzeit auch die Schienenersatzverkehre für zwei Stadtbahnlinien in Richtung Bad Godesberg und den RE 5 Köln – Koblenz. Für die Stadtbahnersatzbusse ist außerdem vor der Deutschen Welle eine Pausenhaltestelle eingerichtet, so dass während der mehrminütigen Pausen der Busse die übrige Verkehr über die Gegenfahrbahn daran vorbei fahren muss. Wenn sie mal frei ist. Die Planung dazu erfolgte offensichtlich auch agnostisch.

*Dazu der Duden: den Agnostizismus betreffend, ihn vertretend, von ihm ausgehend. – Agnostizismus: Weltanschauung, nach der die Möglichkeit einer Existenz des Göttlichen bzw. Übersinnlichen rational nicht zu klären ist, also weder bejaht noch verneint wird

Abends war ich im Sportstudio. Dort wurde ich kurz unwirsch, das kam so: Das Zirkeltraining im Parcours funktioniert, sobald mehrere Personen trainieren, nur, wenn sich alle an die recht einfache Regel halten, nach jeder einminütigen Einheit im Uhrzeigersinn an das nächste Gerät zu wechseln. Für die, die das noch nicht wissen, ist das auf mehreren Schildern beschrieben. Nun gibt es immer wieder welche, die trotzdem nach einem nicht nachvollziehbaren Zufallsprinzip das Gerät belegen, worauf sie gerade Lust haben, gerne auch für mehrere Einheiten nacheinander sitzen bleiben. So einer war heute da. Als ich mit vorwurfsvollem Blick an das von ihm belegte Gerät trat, weil es für mich das nächste in der Folge war, fragte er: „Willst du hier ran?“ Nachdem ich diese völlig überfüssige Frage bejaht hatte, sagte er „Hm …“, schaute mich nochmal kurz an, wohl in der vergeblichen Hoffnung, dass ich sage „Bleiben Sie gerne sitzen, ich mache solange am nächsten Gerät weiter“, und gab schließlich den Platz für mich frei. Zwei Geräte später dasselbe: „Willst du hier ran?“ In nicht allzu freundlichen Worten erklärte ich ihm das Prinzip Zirkeltraining, er sagte „Ist ja gut, nicht so laut …“ und zog weiter. Vielleicht sehe ich das auch zu eng.

Donnerstag: Den freien Inseltag nutze ich für eine Wanderung auf der siebten Etappe des Natursteig Sieg von Herchen nach Schladern. Wie alle anderen bisher bewanderten Etappen ist auch diese landschaftlich schön und abwechslungsreich, zum großen Teil durch Wälder. Abwechslungsreich auch die Wege, von (wenigen) asphaltierten Abschnitten bis zu schmalsten Pfaden, gesäumt von Brennnesseln, Disteln und Brombeerranken, die dem geschundenen Körper einige Schrammen und Schmerzen zufügten.

Am Siegufer bei Hoppengarten säumen riesige Herkulesstauden den Weg, immerhin in sicherem Abstand, so dass man nicht damit in Berührung kommt. Ihre Blätter sollen bei Hautkontakt eine Art Sonnenbrand auslösen, weshalb man sie üblicherweise beseitigt. Hier im Naturschutzgebiet lässt man sie ungeschoren. Ich finde sie faszinierend und mag sie, trotz ihrer Unbeliebtheit.

Auch hat es die Strecke mit Steigungen und einigen Stolperstellen in sich. Komoot klassifiziert sie mit „schwer“, was nicht unbedingt viel bedeutet, oft wird eine eher anspruchslose Strecke allein aufgrund ihrer Länge als schwer eingestuft. Doch diese ist wirklich schwer, insbesondere der schmale Weg bei Dattenfeld – das Warnschild am Anfang verspricht nicht zu viel: Rechts geht es steil hoch, links steil runter -, sowie der steile Anstieg nach der Siegbrücke in Dreisel. Erstmals kamen die Wanderstöcke zum Einsatz, die sich bestens bewährten; vermutlich hätte ich die Strecke ohne sie nicht geschafft. Als ich nach fünfdreiviertel Stunden den Bahnhof von Schladern erreichte, war ich geschafft, durchgeschwitzt und sehr zufrieden. Die anschließende Currywurst mit Bierbegleitung auf dem Bonner Marktplatz fand ich sehr verdient.

Fazit: eine empfehlenswerte Wanderung, möglichst nur mit Stöcken zu gehen und nicht unbedingt an so warmen Tagen wie heute. Wobei mir das Wetter gnädig war: Bis zum späten Mittag war es bewölkt und trocken, erst dann kam die Sonne raus.

Die öffentlichen Verkehrsmittel nach Herchen und von Schladern funktionierten bestens. (Nur für die Chronik: Seit dieser Woche fahren auch auf der 66 die neueren „Plastikbahnen“ von 2003, die bisher nur auf der 16 und 63 eingesetzt wurden.)

Herkulesstauden oder Riesenbärenklau. Jedenfalls groß.
Warnschild in Dattenfeld
Kurz nach dem Schild
Ein Männlein steht im Walde
Mit sowas kenne ich mich aus
Über die Sieg bei Dreisel
Schmaler Pfad
Zurück in Bonn – geschafft

Auch ein Wandertag entbindet nicht von der täglichen Bloglesepflicht. Heute gelesen bei Herrn Schwenzel:

des­halb ist es viel­leicht am bes­ten, dring­lich­keit mit sorg­falt zu be­geg­nen, dann ver­mehrt sich dring­lich­keit auch nicht.

Einer meiner Grundsätze im Büroalltag.

(Ich habe mir erlaubt, ein Komma zu ergänzen und ein überzähliges z zu entfernen, ich hoffe, das ist in Ordnung.)

Freitag: Bonnie Tyler ist gestorben, entnahm ich morgens der Zeitung; freundlicherweise verzichtete die Berichterstattung auf das im Zusammenhang mit der Sängerin häufig verwendete Wort „Rockröhre“. Für mich ein weiterer Och-nö-Moment. Des weiteren wird verwiesen auf ihre großen Hits „Total Eclipse Of The Heart“ und „Holding Out For A Hero“. Ich persönlich mochte das nicht so bekannte „Loving You’s A Dirty Job“ lieber, das sie 1985 zusammen mit Todd Rundgren sang.

„Falls es euer aktueller Workload zulässt…“ schrieb einer in einer Mail. Was mich daran erinnert, es wird höchste Zeit, die Liste zu aktualisieren.

Samstag: Apropos Liste – Zeit für die nächste Frage aus der Liste der tausen Fragen.

Frage 161 lautet: „Was ist dein größtes Defizit?“ Vermutlich meine äußerst lückenhaften Englischkenntnisse. Nach der Schulzeit, wo ich das Fach frühzeitig abwählte, benötigte ich es nur selten, seitdem ist es verkümmert. Es mangelt an Vokabelkenntnissen, vor allem fällt es mir schwer, jemanden englisch sprechenden zu verstehen, selbst wenn er mir bekannte Wörter verwendet. Ähnliches gilt für Französisch, wobei ich das nicht in der Schule gelernt habe, weil ich mich damals aus heute nicht nachvollziehbaren Gründen für Latein entschieden hatte, sogar als Abiturfach. Beides, Englisch- wie Französischkenntnisse könnte ich heute gut gebrauchen, ersteres zunehmend immer und überall, und sei es, um ohne nachzuschlagen zu wissen, was mit Workload und ähnlichem Verbalunrat gemeint ist, zweiteres in Frankreich, wo wir seit nunmehr zwanzig Jahren mindestens einmal jährlich Urlaub machen. „Dann lern es doch“, mögen Sie jetzt einwenden. Da schlägt das nächste Defizit zu: Mir fehlt die Begabung, Sprachen zu lernen, Erlerntes zu behalten und in der Praxis umzusetzen. Hinzu kommt eine gehörige Portion Bequemlichkeit, mich ernsthaft zu bemühen. Vielleicht ist das mein größtes Defizit.

Sonntag: In der Sonntagszeitung ein Interview mit dem Kabarettisten Jochen Busse, der sich entschieden hat, sich aus Gesundheits- und Altersgründen (er ist fünfundachtzig) zurückzuziehen und in einer Seniorenresidenz zu leben. Das ist schade, ich sah ihn gerne, mag seine näselnde Stimme, auf der ein Teil seiner Komik beruhte. Er wird fehlen.

Ein anderer Satiriker macht weiter, auch wenn er umstritten ist und gelegentlich aneckt: Dieter Nuhr. Manchmal denke auch ich: Ui, das war heftig, der traut sich was. Erst kürzlich wurde er wieder kritisiert wegen angeblicher Verharmlosung von Gewalt gegen Frauen, unter anderem im SPIEGEL. Dazu der Leserbrief von Andreas D.: »Die aus Ihrer Sicht primitiven und „traurigen“ Anhänger von Dieter Nuhr lachen über dessen sprachlich eloquente, inhaltlich überspitzte Darstellung von Lebenswirklichkeiten, nicht über die Opfer von Femiziden. Das nennt man gemeinhin Satire, auch wenn er Befindlichkeiten im links-ideologischen Glaubensbereich verletzt.« Dem habe ich nichts hinzuzufügen und schaue ihn mir weiterhin gerne an.

Daraus würde er vielleicht auch was machen: Nachmittags beim Spaziergang entstand ein etwas seltsamer Dialog zwischen mir und dem offenbar migrationhintergründigen Wirt der Gaststätte in der Südstadt, wo ich mir ein Bier gönnte. Als ich beim Bezahlen nach Kartenzahlung fragte, sagte er, nein, das gehe nicht, da müsse er ja Gebühren zahlen. Auf meinen Einwand, stattdessen müsse er sich dann eben mit Bargeld plagen, kam er irgendwie auf die schlechte Luftqualität in Deutschland, soweit ich mich erinnere über eine Aussage ähnlich „Irgendwas ist immer“. Er überlege sogar, zurück nach Afghanistan zu gehen. Meine Antwort „Da ist es bestimmt besser“ erwiderte er mit „Jedenfalls die Luft.“ Das ließ ich so im Raume stehen, mein Spaziergangsbier werde ich wohl künftig woanders trinken.

Poppelsdorfer Allee

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Es wird wieder warm, daher vergessen Sie nicht, viel zu trinken.

18:00

Woche 21/2026: Vielleicht bringt es ja Glück

Montag: Herzlichen Dank für die Kommentare zum letzten Wochenrückblick, in dem offen blieb, ob die Pariser für das linke Seine-Ufer eine besondere Bezeichnung haben, analog der „Schäl Sick“, wie der Kölner und Bonner die rechtsrheinischen Ortsteile nennt. Haben sie: entweder „Jaile Sique“, wofür ich allerdings weder im Französisch-Wörterbuch noch im Netz einen Beleg finde, oder „Rive Gauche“, die sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag hat. Auf dass kein Tag ohne neue Erkenntnisse vergehe.

Vielen Dank auch für den Hinweis auf mobile Jackenhaken, die man über das Türblatt hängen kann, wenn das Hotel mal wieder daran gespart hat, ein ständiges und völlig unnötiges Ärgernis. Während einer mäßig spannenden Besprechung recherchierte ich im Netz danach, fand bald das gesuchte und suchte direkt nach der Arbeit ein Haushaltswarengeschäft in der Innenstadt auf. Zu meinem Erstaunen fand ich in dem nicht gerade kleinen Laden, der sich über drei Etagen erstreckt, auf Anhieb, ohne lange zu suchen oder zu fragen ein Dreierpack solcher Haken, als hätte mir eine höhere Instanz den Weg gewiesen, auch dafür vielen Dank ans Universum.

Letzteres schickt uns laut Zeitungsbericht heute Abend einen Meteor, der erst vor wenigen Tagen entdeckt worden ist und zu späterer Stunde mit neunzigtausend Kilometern Abstand an der Erde vorbeirasen wird, somit weniger als ein Viertel der Entfernung zum Mond. Hoffen wir, dass der kosmische Brocken sich an den errechneten Abstand hält, sonst steht er morgen wieder in der Zeitung.

Ansonsten ist nach der Reise vor der Reise: Das Köfferchen ist schon wieder gepackt, morgen fahren wir nach Langenau bei Ulm, wo wir den südlichen Kollegen bis Donnerstag einige Neuerungen nahebringen werden. Ich freue mich drauf.

Dienstag: (Aus Gründen kollegialer Wiedersehensfreude, die angemessen begossen wurde, konnte dieser Eintrag erst am Mittwoch erfolgen.)

Anscheinend gelang der Vorbeiflug des Meteors berührungsfrei, jedenfalls meldeten die Nachrichten nichts gegenteiliges. Soweit ich den Zeitungsartikel in Erinnerung habe, erfolgt die nächste Annäherung erst in einigen tausend oder Millionen Jahren, vermutlich gibt es dann keine Menschen mehr, die sich darum sorgen könnten.

Die Autofahrt nach Langenau verlief zügig und staufrei, am Nachmittag kamen wir bei Sonnenschein und Frühlingsmilde an. Nach Bezug des Hotelzimmers unternahm ich einen Spaziergang durch die Stadt mit zahlreichen bewohnten Storchennnestern auf den Dächern.

Bei Rückkehr am Hotel saßen bereits die ersten eingetroffenen Kollegen beim Bier auf der Terrasse vor dem Haus, ich gesellte mich dazu und die Dinge nahmen ihren fröhlichen Lauf.

Der mobile Jackenhaken kommt übrigens nicht zum Einsatz, da genügend stationäre vorhanden sind. Vielleicht ist das so wie mit dem Regenschirm: Wenn man ihn dabei hat, regnet es nicht. Doch wehe, man hat ihn vergessen.

Ein gutes Haus
..

Mittwoch: Da die meisten Teilnehmer heute anreisen, beginnt das Programm erst um zehn Uhr. Das ermöglichte mir, den Wecker auf acht Uhr zu stellen, was mir nach den Vorabendgeselligkeiten sehr gelegen kam. Noch im Bett liegend holte ich den gestrigen Tageseintrag nach.

Über dem Vormittag lag eine gewisse Rest-Blümeranz, meine Vorträge liefen dennoch ganz gut, da beim nunmehr vierten Mal eine gewisse Automatisierung eingetreten war. Anschließend wurde schon wieder Schaumwein anlässlich eines bevorstehenden Ruhestandes gereicht, es hört nicht auf.

Auch auf dem Haus neben dem Hotel nisten Störche. Einer davon hat dem Kollegen, begeisterter Hobby-Ornithologe, im Landeanflug aufs Auto gekackt. Die Witzigkeitsbewertungen darüber variieren; während ich grinste, als ich davon hörte, fand der Wagenbesitzer es weniger lustig. Vielleicht bringt es ja Glück. Oder Kinder, Störchen wird diesbezüglich ja einiges nachgesagt. Wobei davon auszugehen ist, dass der Kollege über so späten Nachwuchs genauso wenig beglückt wäre wie ich, darin dürften wir uns einig sein.

Herr Rau über sogenannte Künstliche Intelligenz:

Sehe ich das zu simpel? Wenn man an einen Zufallsgenerator eine Bombe hängt, geht die natürlich irgendwann hoch. Wenn man den Zufallsgenerator verbessert oder ihm wirklich gut zuredet, ändert das auch nichts daran. Die Lösung müsste sein, keine Bombe an einen Zufallsgenerator zu hängen. Ich fürchte, da ist die Verlockung zu groß.

Donnerstag: Dank vielleicht nicht eiserner, mindestens jedoch aluminiumner Disziplin meinerseits verlief der zweite Abend im Kollegenkreis glimpflich. Obwohl es spät wurde, weil um Mitternacht auf einen Geburtstag anzustoßen war. Bereits um halb sieben, eine Dreiviertelstunde vor dem Wecker, fühlte ich mich zwar nicht ausgeschlafen, doch immerhin so wach, dass keine Aussicht und kein Bedarf mehr auf weiteren Schlaf bestand.

Irgendwo in einem anderen Zimmer vibrierte zur selben Zeit ein Wecker über einen längeren Zeitraum. Womöglich war die Disziplin des dort zu Weckenden von eher wässriger Konsistenz gewesen.

Aus Zeit-, Appetit- und Frühkommunikationsvermeidungsgründen verzichtete ich wieder auf das Frühstück.

Mittags endete die Tagung, nach dem Mittagessen fuhren wir zurück nach Bonn. Bevor mir auf der Rückbank die Augen zufielen, was in Verkehrsmitteln aller Art selten vorkommt, nutzte ich die Zeit zum Lesen. Unter anderem dieses:

Felix Schwenzel hielt auf der re:publica einen Vortrag über die angeblich schlechte Welt, den Umgang mit ihren Ungemächern und halbvolle Gläser, der auch auf seinem Blog nachzulesen ist. Wenngleich ich das Lesen von ausschließlich in Kleinbuchstaben geschriebenen Texten anstrengend finde, ein sehr lesenswerter Vortrag bzw. Aufsatz:

wenn man das ne­ga­ti­ve als teil des le­bens, als be­din­gung für das po­si­ti­ve ak­zep­tiert, wirkt die scheis­se, die ei­nem die welt ent­ge­gen­wirft, plötz­lich — viel­leicht — wie schein­sch­eis­se.

Franziska Bluhm über das Bloggen:

Wir haben geschrieben, weil wir schreiben wollten. Weil Sprache uns etwas bedeutet hat. Das Schöne: Es gibt immer noch Menschen, denen das etwas bedeutet. Inmitten von KI-Texten, algorithmischen Feeds und kurzlebigen Trends sehnen sich Menschen nach Stimmen, die echt klingen. Nach Texten, die jemanden verraten. Nach Sprache, die nicht optimiert ist – sondern gemeint.

Freitag: Über Nacht kam der Sommer, und wie es aussieht, bleibt er einige Tage. Das inspirierte mich nach dem Mittagessen zu einem kleinen Spaziergang durch den Park statt Treppensteigen im Turm. Dort sah ich unter anderem zwei sich sonnende Wasserschildkröten und einen Reiher auf der Lauer. Hingegen kein Nutria; seit die Stadt sie aus für mich nachvollziehbaren Gründen abschießen lässt, habe ich keins mehr gesehen.

Rheinauenpark
Suchbild mit Schildkröte und Reiher

Abends waren wir eingeladen zu einer familiären Zusammenkunft mit Essen und Trinken in Bad Godesberg. Danach war ich müde und leicht knatschig, immerhin in Vorfreude auf ein langes, sonniges Pfingstwochenende ohne Reisen und mit Ausschlafen.

Samstag: Das Ausschlafen endete um neun Uhr, das war in Ordnung. Nach außerhäusigem Frühstück mit dem Liebsten unternahm ich einen Spaziergang durch die Stadt und an den Rhein, wo zahlreiche Menschen wie ich in sommerlicher Leichtbekleidung lustwandelten. Die Holunderbüsche stehen in voller Blüte, wie mir scheint, in diesem Jahr besonders intensiv. Vielleicht scheint das aber auch nur so.

An der ewigen Baustelle am Rheinufer geht es voran, sogar heute waren drei Arbeiter tätig, sie verlegten großvolumige, augenscheinlich hochwertige Pflastersteine, auf dass sie schon in wenigen Monaten mit zertretenen Kaugummis verziert werden.

Auf einer schattigen Bank am Wegesrand ließ ich mich nieder und las die Blogs, wozu ich gestern zwischen Büroschluss und familiären Pflichten nicht gekommen war. Gelesen beim Kiezschreiber:

Manche Ostdeutsche wünschen sich ja die Mauer zurück. Manche Westdeutsche auch. Aber wie würde das konkret aussehen? Für die Baugenehmigung würde die deutsche Bürokratie zwanzig Jahre brauchen. Und wehe, da lebt irgendein seltener Lurch. Umweltgutachten, Demonstrationen, aufwändige Umsiedlungsverfahren auf ein Nachbargrundstück. Haben wir überhaupt noch so viele Maurer, wie benötigt werden würden? Sind wir optimistisch: Am 13. August 2061 wäre die Mauer fertig. Kurz nach dem Stuttgarter Bahnhof.

An der Hausfassade in der Georgstraße hängt weiterhin der kleine Weihnachtsmann an seiner Strickleiter, dem armen Kerl dürfte ziemlich warm sein.

Abends fuhren wir mit der Bahn nach Köln und besuchten den Circus Roncalli, der zurzeit auf dem Neumarkt gastiert. Wie im letzten Jahr, als er im Bonner Hofgarten sein Zelt aufgestellt hatte, waren wir wieder sehr angetan von der beeindruckenden Akrobatik und den anrührend-lustigen Clowns. Wegen des Vorsommers war es im Zelt und vorher im zugehörigen Restaurant ziemlich warm, doch ließ es sich mit Wasser, Aperol und Kölsch auf ein erträgliches Maß herunter kühlen.

Preisliste
Weißclown Gensi
..

Sonntag: Nach dem Frühstück auf dem Balkon nutzte ich den Tag relativ spontan für eine Wanderung, zumal ich in der kommenden, eigentlich kleinen Woche nicht dazu kommen werde. An einem sonnig-warmen Tag wie heute scheint es angeraten, möglichst im Wald zu wandern, daher wählte ich die Melbtal-Runde um den von Zuhause fußläufig zu erreichenden Venusberg, zurück durch das namensgebende Melbtal. Teilweise wich ich von der vorgegebenen Route ab, weil mir die Wege zu wanderautobahnmäßig erschienen. Im Melbtal empfiehlt es sich, den unteren Weg am Melbbach entlang zu nehmen, auch wenn er stellenweise matschig ist und über Holzstege von zweifelhafter Stabilität führt.

Nach knapp vier Stunden endete die Wanderung im bayrischen Wirtshaus in der Innenstadt, wo die Mühen mit einem Maibock belohnt wurden, während am Tisch schräg gegenüber ein dicker Amerikaner seinen bedauernswerten Gesprächspartner, oder eher Höropfer, volllaberte.

Immerhin, das muss man anerkennen, hat sie/er es geschafft, den Roller nicht quer zur Rad-Fahrspur an der Poppelsdorfer Allee abzustellen
Mit herzlichen Grüßen an Lotte
An der Waldau
Dieses Schild las ich erst nach Passieren der endgültig gesperrten Strecke. Eine Beschilderung der neuen Wegführung war nicht erkennbar. Nochmal gutgegangen.
Melbtal
Zurück in der sogenannten Zivilisation
Belohnung

Im Übrigen bemerke ich eine eher zweifelhafte Sommermode bei jungen Männern: möglichst bunt gemustertes T-Shirt mit Shorts im selben Design. Als Kind hatte ich sowas auch. Als Schlafanzug.

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. Kommen Sie gut durch die Woche und, falls es Ihnen etwas bedeutet und Sie gar wissen, um was genau es dabei geht, frohe Pfingsten.

18:00

Woche 14/2026: Wirsing, Wanderlust und Weltfrieden

Montag: Die Müdigkeit am ersten Arbeitstag in Sommerzeit war nicht größer als sonst. Wobei der Begriff „Sommerzeit“ angesichts der derzeit herrschenden Kühle unangebracht erscheint.

Beklagte ich vergangene Woche ein deutliches Zuviel an Besprechungen, so begann diese diesbezüglich moderat. Nur ein für eine halbe Stunde angesetzter Regeltermin, der bereits nach einer Viertelstunde endete, beanspruchte meine Zeit, und selbst der hätte nicht sein müssen. Ließe man ihn dauerhaft ausfallen, hätte das keinerlei schädliche Auswirkung. Vielleicht sollte ich das dem Initiator gelegentlich vorschlagen. Doch stellt dieser Tag eine Ausnahme dar, ab morgen ist der Kalender schon wieder reichlich gefüllt.

In die Kantine ging ich erst spät, weil dann die Chance auf ungestörtes Alleinessen, wonach mir heute war, größer ist. Dort wählte ich das „Wirsinggemüse untereinander mit Rinderhackfleisch und Kartoffeln“. Die Optik des Gerichtes war sehr unvorteilhaft, eine gräuliche-brockige Pampe von breiiger Konsistenz; die darübergestreuten Lauchschnipsel vermochten kaum die deutliche Ähnlichkeit mit bereits Gegessenem, wie es sonntagmorgens gelegentlich auf Gehwegen und in Hauseingängen vorzufinden ist, zu kaschieren. Geschmacklich war es hingegen einwandfrei. Aus demselben Grund aß ich früher weder Wurstebrei noch Labskaus, weigerte mich, es nur zu probieren. Mittlerweile esse ich beides gerne.

Im Briefkasten lag nachmittags die Karte von DPD, das Paket aus München konnte auch im zweiten Versand nicht auf Anhieb zugestellt werden. Weiß der Himmel, wie DHL, Hermes und Amazon das fast immer schaffen. Laut Benachrichtigung kann ich es wieder im nahegelegenen Laden abholen. Morgen Abend der nächste Versuch.

Dienstag: „Ei-nmalige Deals“ las ich morgens auf einem mit Hase und bunten Eiern dekorierten Plakat in einem Schaufenster. Da kann man froh sein, dass Ostern bald vorüber ist.

Vorüber auch das Warten auf das Paket aus München: Heute Abend konnte ich es endlich aus dem Laden abholen. Es enthielt mehrere Flaschen Bier aus der berühmten Klosterbrauerei am Ammersee. Liebe N., herzlichen Dank dafür, mindestens eine Flasche davon trinke ich auf Ihr Wohl!

Eine weitere, unerwartete Sendung erreichte mich: Abends lag ein Brief aus Bonn-Lannesdorf im Briefkasten, über den ich mich ebenfalls freue. Darin unter anderem dieser Satz über Anzüge: „Ich finde, Anzüge sollten entweder komplett abgeschafft werden oder wieder mehr zum Standard gehören.“ Die Oder-Option ist mir deutlich sympathischer. – Lieber T., herzlichen Dank! Antwort kommt.

Mittwoch: An diesem 1. April blieb ich von Aprilscherzen aller Art verschont, jedenfalls bis zum Zeitpunkt der Notiz am frühen Abend. Vielleicht habe ich es auch nur nicht gemerkt und nahm Tageserlebnisse ernst, die als Spaß gedacht waren, wobei mir tagesrückblickend nichts einfällt, das anzuzweifeln wäre, jedenfalls nicht mehr als an anderen Tagen. Generell scheinen Aprilscherze in den letzten Jahren aus der Mode gekommen zu sein, was wenig verwundert in Zeiten, da man ohnehin nicht mehr weiß, was wahr ist und was gelogen beziehungsweise halluziniert.

Seit der neuen Windows-Version weist der Bürorechner eine kleine Verschlechterung auf: Bislang startete ich ihn bei zugeklapptem Deckel über einen Knopf der Docking-Station. Wenn ich das nun versuche, erscheint auf dem Monitor der Sicherheitswolf, ansonsten passiert nichts. Ich muss vielmehr das Laptop aufklappen und über dessen Einschaltknopf starten. Erst dann kann ich es wieder zuklappen. Meine Kollegen machen das schon immer so, lange vor dem neuen Windows, viele von ihnen lassen das Laptop den ganzen Tag aufgeklappt, zusätzlich zum großen Monitor, was ich nie recht verstanden habe. So hat ein jeder seine Gewohnheiten. Vorteil der neuen Version: Um den Bildschirm zu entsperren, muss man vor Eingabe von Nutzerkennung und Passwort nicht mehr Strg + Alt + Entf drücken, es genügt irgendeine Taste. Immerhin das ist eine kleine Verbesserung, wie ich in der letzten Woche mit bewegungsbeschränkter Hand merkte.

Im Büro bekam ich ansonsten einiges geschafft, weil mein Tatendrang von nur zwei Besprechungen unterbrochen wurde, deren letzte allerdings sehr spät lag und auch noch überzogen wurde. Dadurch geriet der Arbeitstag recht lang, worüber hinwegtröstet, dass es für mich der letzte dieser Woche war; morgen habe ich frei, danach beschert uns das Christentum vier freie Tage, jedenfalls denjenigen, die das Privileg der gewöhnlichen Fünftagewoche genießen. Gepriesen sei der Herr.

An erfreulichem privaten Posteingang herrscht momentan kein Mangel; zurzeit pflege ich vier aktive Brieffreundschaften mit Mitbloggern, das finde ich sehr schön. Heute erhielt ich wieder eine Postkarte aus Duisburg, die mich in einen gewissen Zugzwang bringt, da der kürzlich erhaltene Brief desselben Absenders noch der Beantwortung harrt. Ich weiß, er nimmt es mir nicht übel, in den nächsten Tagen finde ich hoffentlich Zeit dafür. Lieber M., herzlichen Dank!

Donnerstag: Auch diesen freien Tag nutzte ich für eine Wanderung. Wegen eines Gesundheitstermins am Nachmittag durfte sie nicht zu lang und nicht mit einer längeren An- und Abreise verbunden sein. Auch sollte sie wegen des genesenden Ellenbogens möglichst geringe Stolper- und Sturzgefahr aufweisen. Somit kamen Rhein-, Sieg- und Ahrsteig nicht in Frage. Stattdessen fuhr ich nach dem Frühstück in einem Bäckereicafé mit der Straßenbahn nach Bonn-Oberkassel, eine Viertelstunde später konnte es losgehen. Der knapp 17 Kilometer lange Rundweg führte über den Ennert, eine Erhebung östlich von Bonn, durch Wälder, Felder und die Dörfer Vinxel und Oberholtorf. Es ist ohne größere Anstrengung zu schaffen, das erhoffte Wanderglücksgefühl erfüllte mich schon nach wenigen Kilometern. Dazu trug das überwiegend sonnige Wetter bei milder Temperatur bei, erst gegen Ende zog es sich zu, blieb jedoch trocken. Und: Endlich beginnt es deutlich und augerfreuend zu grünen, vielen Bäumen sprießen die Blätter, auch die Rapsfelder hinter dem Hügel deuten erstes Gelb an. Über den Feldern zwitschern die Lerchen ihr Frühlingslied (ich muss immer nachschauen, ob es „Lerchen“ oder „Lärchen“ geschrieben wird, nicht dass ich Ihnen was von fliegenden Nadelbäumen erzähle und Sie dann denken: Jetzt wird der auch bekloppt), bei Vinxel umspielte unaufdringliche Landluft die Nase. Knapp vier Stunden später, einschließlich Mittagspäuschen auf einer Bank bei Niederholtorf mit Blick auf eine wenig pittoreske Neubausiedlung, erreichte ich wieder Oberkassel und fuhr mit der Stadtbahn zurück.

Im letzten Viertel der Runde verließ mich Komoot, indem die Anzeige der geplanten Tour einfach abbrach, nicht zum ersten Mal erlebte ich das mit dieser App. Das war nicht schlimm, dank weiterhin angezeigter Karte konnte ich die letzten Kilometer problemlos improvisieren. Dennoch frage ich mich, wieso ich Geld bezahlt habe für eine App, die nicht zuverlässig funktioniert und den Wanderer im wahrsten Sinne im Wald stehen lässt.

Oberkassel, Ausgangs- und Endpunkt
Endlich grün
Blick vom Ennert über Bonn
Aussichtsbühne über Oberkassel
Bei Vinxel
Weiher mit Reiher bei Vinxel
Bei Vinxel
Seltsames Gewächs am Wegesrand. Weiß jemand, was das ist bzw. werden will?
Obstblüte in Vinxel
Ein Aufkleber mit doppelter Interpretationsmöglicheit: 1) Leider, wir tun es trotzdem, steter Tropfen und so, 2) Deshalb lasst es sein.
Mit herzlichen Grüßen nach Augsburg
Der Dornheckensee oberhalb von Oberkassel, ein ehemaliger Basaltsteinbruch, heute beliebtes Ausflugsziel für Männer, die gerne Männer treffen
Von ihr können wir was lernen in unserer hektischen Welt. Oder ihm, wer weiß das schon so genau.

Die wandertagsübliche Pflichtcurrywurst mit Bier gab es nach dem Gesundheitstermin auch noch. Da wollen wir nichts einreißen lassen.

Freitag: Das „Kar“ in Karfreitag kommt vom althochdeutschen Wort kara für Klage und Kummer, wie unter anderem hier nachzulesen ist. Und nicht von K wie Kreuzigung, dem zur besseren Verschriftlichung ar angehängt wurde, damit man nicht „Kfreitag“ schreiben muss. Gewiss, K-Freitag oder Kafreitag würde dann auch gehen, für Freunde des Deppen Leerzeichens auch K Freitag, für MarketingKasper KFreitag.

Das darf auch in diesem Jahr nicht fehlen

Bleiben wir noch ein wenig bei K: Die Kirschblüte in der Inneren Nordstadt hat begonnen, ungefähr ein Drittel der rosafarbenen Blüten sind aufgegangen, die schon fleißig instagramiert werden. Erstmals in diesem Jahr wurden Straßenabsperrungen installiert, damit die erwarteten Menschenmassen an den Hauptblühtagen nicht von Kraftfahrzeugen belästigt werden. Wer dort wohnt und in der Zeit aufs Autofahren nicht verzichten will oder kann, hat Pech gehabt, was zieht er auch in dieses Viertel. Eine dieser Absperrvorrichtungen befindet sich an der Kreuzung nahe unserer Wohnung. Heute war sie noch heruntergeklappt, so dass Fahrzeuge passieren können. Vielleicht ist sie defekt oder falsch montiert, denn jedes Mal, wenn ein Auto darüber fährt, entsteht ein Geräusch, wie wenn Flaschen in einen Altglascontainer eingeworfen werden, nur lauter. Das kann für die unmittelbaren Anwohner noch heiter werden in den nächsten Nächten.

Symbolbild

Von Kar zu De – Gunkl schrieb: „Man kann sich überlegen, wie denn, wenn „de-“ eine verneinende Vorsilbe ist, wie der jeweilige Grundzustand vor einer Dekoration oder Dekorierung aussieht.“ Oder einer Demokratie. Oder eines Deodorants.

Spaziergangssichtung

Samstag: Das Frühstück nahmen wir im Bäckereicafé zu uns. Dabei wurden wir Zeuge des folgenden, nur sinngemäß wiedergegebenen Dialogs:

Kunde: „Einen Café zum Mitnehmen bitte. – Wie heißt’n du überhaupt?“

Verkäuferin: „Sandra*.“

Kunde: „Hallo Sandra, ich bin der Bob*.“

Sandra: (Gibt ihm den Kaffee)

Bob: (Bezahlt und geht)

*Namen geändert bzw. nicht gemerkt

Mittags verband ich die Altglas- und Leergutentsorgung (die Lieferung vom Dienstag ist bereits vollständig verzehrt, nochmals vielen Dank nach München) mit einem Spaziergang an den Rhein, ein wenig auch aus Gründen der Prokrastination. Zum einen stand für heute Fahrradpflege im Kalender, zum anderen wollte ich weiter an der Kurzgeschichte für die Anthologie-Ausschreibung arbeiten. Während ich das Fahrrad direkt im Anschluss an den Spaziergang putzte, tue ich mich mit der Geschichte schwer. Je mehr ich schreibe, desto weniger gefällt sie mir. Ich fürchte, mir fiktive Geschichten auszudenken fällt mir nicht halb so leicht wie Beobachtetes und tatsächlich Erlebtes aufzuschreiben. Das ist vermutlich auch der Grund, warum ich an meinem Romandings nicht weiterkomme. Die Figuren bleiben blass, die Konflikte und ihre Auflösung harmlos. Bis Ende dieses Monats habe ich noch Zeit, vielleicht streift mich ja noch der Muse Kuss. Vielleicht überlasse ich es lieber anderen, die es besser können.

Immerhin gelang es mir bereits gestern, den am Mittwoch erwähnten fälligen Brief zu schreiben und einzuwerfen.

Sonntag: Der Liebste ließ es sich nicht nehmen, uns mit österlicher Schokolade in größerer Menge zu beschenken, was auch im mittlerweile fortgeschrittenen Alter immer noch Freude bereitet. Das schöne am diesjährigen Ostern ist, es ist für uns mit keinerlei Unternehmungen, Reisen und Besuchspflichten verbunden. Daher war dieser Ostersonntag von einem gewöhnlichen Sonntag mit lange Schlafen, Frühstück, Sonntagszeitung und Spaziergang kaum zu unterscheiden. Der Spazierweg führte auch durch die Innere Nordstadt, wo ich kurz den zahlreichen Menschen beim Kirschblütenkucken zuschaute, ehe ich weiterzog in Richtung Weststadt, Endenich und Poppelsdorf. Unterwegs hoffte ich auf Inspiration, die oben genannte Kurzgeschichte betreffend. Leider vergeblich.

Was mir keine Freude bereitet: Bin ich eigentlich der einzige, der es ärgerlich findet, wenn sich beim Aufruf eines Links kein neuer Tab öffnet und man nur über den Zurück-Button des Browsers wieder zur vorherigen Seite gelangt?

***

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche.

17:00

Woche 10/2026: Es wird einfach zu viel gequatscht

Montag: Kürzlich äußerte ich mich über die wachsende Zahl an Baustellen in Bonn. Eine weitere macht derzeit eine schmale Durchgangsstraße in der Inneren Nordstadt, nicht weit von unserer Wohnung entfernt, vorübergehend zur Sackgasse, wie ich abends beim Gang zum Rewe sah. An der Einmündung ist sie ordnungsgemäß per Verkehrszeichen als solche gekennzeichnet, was zahlreiche Autofahrer nicht davon abhält, trotzdem reinzufahren, vielleicht ist es ja ein Scherz, vielleicht kommt man trotzdem durch, schließlich fährt man hier täglich durch, das wäre ja gelacht. Nicht gelacht, nur ein wenig gegrinst habe ich, als sie langsam rückwärts wieder rausrollten.

Ansonsten bleibt es spannend, nicht nur angesichts der Weltlage und der jüngsten Ereignisse im Nahen Osten. Gelesen in einem ansonsten lesenswerten Blogartikel über das Schwinden der Langeweile: „Psychologisch betrachtet, ist Langeweile ein extrem spannender Zustand.“ So weit ist es gekommen, nun ist sogar Langeweile spannend.

Apropos Weltlage, ein Gruß aus der Symbolbilder-Hölle:

(General-Anzeiger Bonn online)

Beim Blick aus dem Bürofenster über die sonnenbeschienene Stadt kam mir der alte Hit „Sun Of Jamaica“ in den Sinn und er blieb als Ohrwurm für längere Zeit. Sollte es Ihnen beim Lesen dieser Zeilen nun ähnlich ergehen, bitte ich um Entschuldigung.

Im Übrigen war der Beginn dieser aufgrund Leifsteil-Teilzeit kleinen Woche insgesamt angenehm, auch wenn der Arbeitstag erst nach siebzehn Uhr und damit für mein persönliches Empfinden viel zu spät endete. Das Gleitzeitkonto freut sich. Obschon ich dadurch später als gewöhnlich zu Hause war, suchte ich nicht sogleich das Sofa, sondern zuvor das Sportstudio auf. Ab und zu staune ich über mich selbst.

Dienstag: In größerer Runde stellten sich drei neue Kollegen vor, dabei nannten sie jeweils als erstes bereitwillig und ungefragt Familienstand und Anzahl der Kinder. Wie immer fragte ich mich: Warum tun die das?

„Alles gut“ hörte ich im Laufe des Tages in auffälliger Häufung von unterschiedlichen Personen, diese auch in Frageform erhältliche Floskel, gleichsam die moderne Variante von „Wie geht’s?“, von mir zumeist und situationsunabhängig mit „Hervorragend“ oder „Ausgezeichnet“ beantwortet, was regelmäßig zu Verwunderung oder Erheiterung führt. Nun ist nicht alles schlecht, aus meiner persönlichen Perspektive jedenfalls überwiegt das Gute bei weitem, dennoch erscheint mir „Alles gut“ mindestens so übertrieben wie „Ausgezeichnet“ und „Hervorragend“ am Montagmorgen.

Ohne Zweifel gut war der Fußweg in die Wertschöpfung und zurück, morgens noch etwas handkühl, nachmittags durch frühlingshafte Milde, die ich wegen eines anschließenden Termins nicht für ein Feierabendgetränk nutzte.

Mittwoch: Nach dem Mittagessen war ich zur Untätigkeit gezwungen, was für einen insichbeurlaubten Beamten besonders bitter ist. Das kam so: Vor ein paar Tagen wurde ein Windows-Update angekündigt, dessen Installation eine halbe bis eineinhalb Stunden dauern würde, währenddessen wäre der Rechner nicht nutzbar. Nachdem heute angezeigt wurde, dass das Update zur Installation bereitsteht, wählte ich die Mittagspause dafür, zumal ich vor dem Essen mit der Kollegin auf einen Spaziergang im Park verabredet war (selbstverständlich buchte ich mich dafür aus dem Zeiterfassungssystem aus), der Rechner sollte also genug Zeit für die Installation haben. Indes: Als ich nach knapp einer Stunde ins Büro zurückkehrte, zeigte der ansonsten schwarze Bildschirm nur den HP-Sicherheitswolf an, eine Aktivität war nicht erkennbar. Na gut, die maximal eineinhalb Stunden waren noch nicht rum. Als sich eine Stunde später immer noch nichts tat, rief ich den Helpdesk an, wo man mein Anliegen freundlich zur Kenntnis nahm und ein Ticket anlegte. Danach passierte weiterhin nichts. Dank dienstlichem iPhone konnte ich immerhin den Maileingang sichten und über Teams ein Gespräch führen, somit war ich nicht ganz untätig, vielmehr wie stets bemüht. Nach einer weiteren Stunde Schwarzsehens erlaubte ich mir entgegen der Anweisung, den Rechner aus- und wieder einzuschalten. Kurz darauf erschien wieder der Sicherheitswolf, darunter drehte sich nun das Rödelrädchen, das war vorher nicht da und ließ hoffen. Siehe da, nach weiteren zehn Minuten des Rödelns und Hoffens tat sich endlich was, schließlich erschien der Startbildschirm und ich konnte mich wieder anmelden. Da es inzwischen fast halb vier war, verzichtete ich auf die übliche Sichtung des Pressespiegels, arbeitete noch ein paar Sachen ab und verschob den Rest der offenen Aufgaben auf Freitag – morgen habe ich frei – und Montag. An mir hat es nicht gelegen.

Sicherheitswolf im Schneegestöber

Donnerstag: Am freien Tag frönte ich der Wanderlust. Nach dem Frühstück im Bäckereicafé am Hauptbahnhof fuhr ich mit der Bahn bis Bonn-Duisdorf. Ab da ging es durch das Vorgebirge* über die Orte Gielsdorf, Alfter, Brenig, Dersdorf, Waldorf bis Kardorf (nicht zu verwechseln mit Karstadt, hi hi), dort bog ich rechts ab, runter in die Rheinebene, durch das Eichenkamp-Wäldchen bis nach Uedorf, von dort mit der Stadtbahn zurück nach Bonn.

*Das klingt spektakulärer als es ist. So heißt die mäßig hohe Erhebung westlich des Rheins zwischen Bonn und Köln. Mehr dazu bei Bedarf hier.

Die erste Hälfte führt überwiegend durch rheinische Dörfer, es gibt es auch Abschnitte durch Wald und Feld. Das Wetter war bestens, schon nach einer halben Stunde wurde es so warm, dass die Daunenjacke im Rucksack verstaut wurde. Die Landschaft auf der zweiten Hälfte zwischen Vorgebirge und Rhein ist zunächst eintönig: Nachdem man ein tristes Gewerbegebiet mit viel Schotterfläche unterhalb von Kardorf hinter sich gelassen und die Vorgebirgsbahn (Stadtbahnlinie 18) überquert hat, flaniert man auf asphaltierten Wegen durch weite, ebene Felder ohne Baum und Strauch, dafür mit Hochspannungsmasten, ehe es ab der Rheinmittelterrassenkante (ein schönes Wort mit hohem Scrabblepunktepotential) wieder abwechslungsreicher wird. Zur Querung der Bahnstrecke Köln – Bonn muss man eine Anrufschranke passieren. Die ist grundsätzlich geschlossen, nur auf Anforderung per Knopfdruck an einer Gegensprechanlage wird sie geöffnet, falls nicht gerade ein Zug kommt. Wenn doch, sagt die freundliche Dame „Moment, eine Zugfahrt“, so wie bei mir heute, und öffnet anschließend. Ob am anderen Ende eine echte Eisenbahnerin sprach oder ein Bot (bzw. eine – wie heißt das – Botin?), war nicht klar zu erkennen. Egal, Hauptsache, man kommt über die Gleise und nicht unter die Räder.

Kurz vor dem Eichenkamp wich ich von der vorgegeben Route ab, weil die Karte eine schönere Strecke entlang des Bornheimer Baches in Aussicht stellte. Dazu überquerte ich die stark befahrene Landstraße 192 an einer nicht für Überquerungen vorgesehenen Stelle, es ging gut und hat sich gelohnt. Am Bach sah ich erstmals einen Eisvogel, jedenfalls glaube ich, dass es einer war, so ein blauglänzender. Im übrigen sah ich heute den ersten Schmetterling des Jahres, ob Tagpfauenauge oder Kleiner Fuchs war im Flattern nicht klar zu erkennen, und die erste Hummel.

Den Eichenkamp-Wald müssen erst kürzlich schwere Maschinen der Forstwirtschaft heimgesucht haben, einige Wege waren aufgewühlt, zum Glück wegen der Trockenheit der vergangenen Tage nicht mehr matschig. Ansonsten ist das Wäldchen erfüllt vom Dauerrauschen der Autobahn 555 in unmittelbarer Nähe.

Fazit: Eine schöne Wanderung, auch wenn die Freunde lauschiger Pfade durch wilde Wälder und Landschaften vielleicht etwas zu kurz kommen. Warum Komoot sie als „schwer“ klassifiziert, ist nicht nachvollziehbar. Mit gut zweiundzwanzig Kilometern ist sie nicht besonders lang, nennenswerte Steigungen und Wege mit Rutsch- und Stolpergefahr weist sie auch nicht auf, in fünf Stunden einschließlich Mittagsrast ist sie gut zu schaffen.

Blick von Gielsdorf auf die Rheinebene
Zwischen Gielsdorf und Alfter
Alfter
Ebenfalls
Brenig
Links die Rheinmittelterrassenkante
Anrufschranke
Unendliche Weiten und Hochspannung
Bornheimer Bach
Im Eichenkamp
Ebendorten

Freitag: Es ist immer wieder erstaunlich, wie viele Mails sich während eines freien Tages ansammeln können. Dadurch war ich heute gut beschäftigt mit Dingen, deren Inhalt und Notwendigkeit Außenstehenden, zum Beispiel Ihnen, nur schwer zu erklären wären, was nicht, dessen können Sie versichert sein, an Ihrer Intelligenz liegt. Das wichtigste: Es hängen keine Menschenleben davon ab.

Der Vormittag war wieder eine lückenlose Aneinanderreihung von Besprechungen. Es wird einfach zu viel gequatscht, diese Erkenntnis ist nicht neu und nicht als Klage zu verstehen; wie bereits mehrfach ausgeführt, werde ich dafür gut bezahlt. Auf zwischendurch per Teams-Chat eingehende Anfragen, ob ich kurz Zeit hätte, reagierte ich mit einem vor mich hin gemurmelten „Nein“, mein Redebedarf für den Tag war gedeckt, jedenfalls in Büroangelegenheiten. Zum Schluss war nicht alles abgearbeitet, auf dass kommende Woche auch noch was zu tun ist.

Samstag: Schon um sieben stand ich auf, da eine Reise nach Bielefeld anstand zum Besuch der Mutter. Auch wenn vorzeitiges Aufstehen wider meine Natur ist, gerade am Wochenende, so mag ich doch die ruhige Stimmung am Samstagmorgen in der Stadt, wenn noch wenige auf den Straßen sind. Nach pünktlicher Abfahrt in Bonn schaffte es die Bahn auch heute wieder, bis Bielefeld eine halbstündige Verspätung aufzubauen; vor nahezu jedem Halt blieben wir stehen und es kam die Ansage, unser Gleis sei noch belegt. Die Weiterfahrt verzögerte sich des öfteren, weil vor uns die Strecke noch nicht frei war. Als ob die ganze Zeit ein lästiger Bahntroll mit einer Handhebeldraisine vor uns her bummelte. Insgesamt dauerte es von Tür zu Tür fast fünfeinhalb Stunden, mit dem Auto hätte es, freie Autobahn vorausgesetzt, weniger als die Hälfte gedauert. Doch meine tiefe Abneigung gegen das Autofahren war stärker. (Diese Zeilen wurden während der Rückfahrt notiert, was als Wagenlenker nur schwierig zu bewerkstelligen wäre, wobei ich nicht ausschließe, dass viele Autofahrer diesbezüglich nur geringe Hemmungen haben, wenn man sieht, wie viele während der Fahrt auf ihr Datengerät schauen.)

Hier standen wir etwas länger wegen Überholung durch einen ICE

Die Rückfahrt verlief dagegen absolut pünktlich, es geht also doch manchmal. In Dortmund stieg jemand zu und setzte sich neben mich. Als er sein Notizbuch hervorholte und längere Zeit etwas hineinschrieb, anstatt aufs Datengerät zu schauen oder gar zu telefonieren, wurde er mir sogleich sympathisch. Aus Sympathiegründen holte ich ebenfalls mein Notizbuch aus der Tasche und notierte diese Beobachtung darin.

Sichtung während der Fahrt: Die Forsythien beginnen zu blühen. Jedes Jahr freue ich mich darüber, als ob etwas in mir fürchtete, sie könnten irgendwann die Blüte dauerhaft einstellen.

Sonntag: Die warme Frühlingssonne lockte zahlreiche Menschen zu Fuß und Rad nach draußen, auf den dicht bevölkerten Rheinuferwegen sah man viele Sonnenbrillen und über dem Arm getragene Jacken – ich hatte gar nicht erst eine angezogen -, vermehrt auch kurze Hosen. Auch ich unternahm den tagesüblichen, wetterunabhängigen Spaziergang, heute auf die andere Rheinseite, wo in den Auen vor Schwarzrheindorf die Mirabellen in voller Blüte stehen. Besonders erfreulich: Der Lieblingsbiergarten hat schon geöffnet. Daran konnte ich nicht vorbeigehen. Nach Rückkehr schien die Sonne auf unseren Balkon, so dass ich die Sonntagszeitung erstmals in diesem Jahr draußen lesen konnte. Bis sie hinter den Häusern verschwand und es sogleich kühler wurde.

Mirabellenblüte
Utepils

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche.

(18:30)