Woche 34: Sorge um den Weltfrieden ist angebracht

Montag: Nachtrag zum zurückliegenden Wochenende: Dieses verbrachte ich mit der Eisenbahn spielend in Gütersloh-Isselhorst, wo die Dampf-Kleinbahn Mühlenstroth ihr 45-jähriges Bestehen feierte. In jungen Jahren verbrachte ich dort, in dieser ganz eigenen kleinen Welt, zahlreiche Wochenenden mit vielen glücklichen Stunden, heute komme ich aus verschiedenen Gründen kaum noch dazu. Auch so etwas, wo ich jedes Mal denke, wenn ich wieder dort war: Das sollte ich öfter machen. Und es dann aus verschiedenen Gründen doch nicht tue.

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Hier eine Zugfahrt in bewegten Bildern.

Zurück in der Wirklichkeit, wurde meine Liebe zu schienengebundenen Verkehrsmitteln an diesem Morgen auf die Probe gestellt: Meine Bahn ins Werk entfiel mal wieder. Scheint jetzt montags eine regelmäßige Einrichtung zu sein.

Dienstag: Nicht nur die Bahn hat bisweilen Verspätung, sondern offenbar auch die Wirkung des Giftes, welches mir bereits am Sonntagnachmittag eine Wespe in den Finger injizierte. Erst heute machen sich Schwellung und juckender Schmerz bemerkbar.

Die Wolken der Mittagsmüdigkeit lichteten sich kurz, als mich ein Artikel des Handelsblattes schmunzeln ließ (wenngleich ich das Wort „schmunzeln“ wirklich schlimm finde, gleiches gilt für „schlemmen“ und „schlendern“). Er widmete sich einem Manager, der sich im Hause nicht allzu großer Beliebtheit erfreut, darin nämliches zu lesen:

»„B verbreitet Angst und Schrecken“, sagt ein Mitarbeiter. Er schraube die Ziele in unglaubliche Höhen. „Und wenn jemand Bedenken anmeldet, wird B cholerisch“, schildert [der Mitarbeiter] die Ausfälle seines Vorgesetzten. „Sein Gesicht wird rot wie eine Tomate, und er fängt an zu schreien.“«

Nein, geschmunzelt habe ich nicht, sondern – trotz der journalistischen Fragwürdigkeit des Artikels – laut gelacht. Ob der Beschriebene ebenfalls lachte oder schrie, ist nicht überliefert.

„Irgendwann ist die Zeit gekommen, dass ein Arschloch erfährt, dass es ein Arschloch ist“, las ich irgendwo. Keine Ahnung, wie ich da jetzt drauf komme, ischwör.

In Köln beginnt heute die Gamescom. So viel Aufwand für so einen Unfug. (Ja ich weiß, das kann man über den Betrieb einer Dampfkleinbahn auch denken. [Im Gegensatz zu „schmunzeln“ mag ich „Unfug“ als Wort übrigens sehr.])

Wie ich eher zufällig sah, habe ich genau 1.000 Follower bei Twitter. Das ist hinsichtlich meiner Aktivitäten dort eine immer noch erstaunlich hohe Zahl. Vor einer Woche waren es dreißig mehr. Ein derart hoher Abgang hätte mich vor einigen Jahren in eine tiefe Krise gestürzt, heute bekräftigt es meinen Entschluss, dort bald die Biege zu machen. Zumal Twitter seit Donald Trump und Horst Seehofer für mich endgültig die Unschuld verloren hat.

Mittwoch: „Shop shop, Hurra“, endet eine Radioreklame. Sind nicht – neben Kreuzfahrtschiffen, Kohlekraftwerken und SUV-Fahrern – Werber die schlimmsten Umweltverschmutzer?

Donnerstag: Wie man auch ohne kulinarische Kenntnisse und Infrastruktur den Ruf eines Spitzenrestaurants erlangen kann, können Sie hier nachlesen.

Freitag: Laut einem Zeitungsbericht wirbt die Bundeswehr am Rande der Gamescom (und des guten Geschmacks) mit Plakaten um Nachwuchs. Auf diesen sei unter anderem zu lesen: „Double Kill, Multi Kill, Ultra Kill, Rampage, M-M-M-Monster-Kill!“. Es entzieht sich meiner Kenntnis, was „Rampage“ ist und „M-M-M“, auch fühle ich mich zu matt, dies zu recherchieren. (Gut, zu „M-M-M“ lässt meine sittenlose Phantasie das eine oder andere Bild aufleuchten, indes gehe ich nicht davon, dass das hier gemeint ist.) Sollte sich hierdurch ernsthaft jemand animiert fühlen, der Truppe beizutreten, wäre wohl große Sorge um den Weltfrieden angebracht.

Samstag: Unter der Rubrik „Was macht eigentlich …“ geht die Zeitung dem Verbleib der ausgeschiedenen Bundesminister der letzten Regierung nach. Während wir den Meinungsäußerungen von Sigmar Gabriel auch heute ebensowenig entgehen können wie dem Verbalunrat von Alexander Dobrindt, ist es eher still geworden um Thomas de Maizière. Wie er verlauten lässt, nutze er die Zeit, um „seinen Lebensrhythmus an die neuen Gegebenheiten anzupassen“. Ein Satz, den es sich zu merken lohnt.

Nicht merken muss man sich unterdessen das Wort „Mutzensteinvieh“, mit welchem ich am frühen Abend bezeichnet wurde.

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Sonntag: Alles hat ein Ende, nicht nur die Woche, sondern auch die Sommerferien. Das heißt, ab morgen sind sie alle wieder da, auf den Straßen, in den Bahnen und Büros; erholt, voller Tatendrang und mit neuen Ideen. Mir graut ein wenig.

Über Kometen, Dickhäuter und den Bonner Nahverkehr

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Unerfreuliches ist dieser Tage zu lesen über den öffentlichen Personennahverkehr in Bonn, also das Tätigkeitsfeld der Stadtwerke und nicht irgendwelche zwischenmenschlichen Intimitäten, welche zu thematisieren ich mich bisweilen hinreißen lasse. So singt das vielstrophige Klagelied von Verspätungen, Ausfällen, überfüllten Bussen und Bahnen und ähnlichem mehr. Ein erboster, leidgeprüfter Fahrgast weiß laut General-Anzeiger gar von unerträglichem Chaos zu berichten, welches allmorgendlich gegen acht Uhr in der U-Bahn-Haltestelle Hauptbahnhof die Herrschaft an sich reißt. Dies nachzuvollziehen fällt mir indes schwer: Seit die Haltestelle Stadthaus für sechs Millionen Euro in ein Trümmerfeld verwandelt wurde, in welchem aufgrund vorübergehender Bahnsteiglosigkeit keine Bahnen halten, steige ich jeden Morgen kurz vor acht am Hauptbahnhof ein. Jeden Morgen seitdem das gleiche Bild: Die Anzahl der wartenden Fahrgäste ist überschaubar, nie muss ich länger als fünf Minuten auf eine Bahn warten und stets finde ich mühelos darin einen Sitzplatz, ohne mich durch Schülerhorden drängeln oder Omas über das notwenige Maß hinaus schubsen zu müssen.

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(Chaotische Zustände in der U-Bahn-Haltestelle Bonn Hauptbahnhof am 9. Dezember 2014 gegen 7:55 Uhr)

Womöglich meint der Zitierte eine Haltestelle in einer anderen Stadt, die auch eine U-Bahn-Station „Hauptbahnhof“ innerhalb ihrer Mauern aufzuweisen sich rühmen kann, das mag es geben, Bielefeld zum Beispiel oder Boppard. Nein, Boppard nicht – dort heißt der Bahnsteig der DB zwar seit ein paar Jahren auch Hauptbahnhof, aber eine U-Bahn sucht man vergebens und vermutlich auch das Chaos gegen acht, außer vielleicht abends im Frühherbst zu Weinfesten. Wo war ich? Ach ja, Bonn. Vielleicht bricht das beobachtete und beklagte Chaos immer erst kurz nach meiner Abfahrt ein, oder es hat die bedauernswerten Pendler inzwischen in ihr Auto getrieben oder aufs Fahrrad, oder sie laufen; ist ja auch viel gesünder, sich des Morgens an der frischen Luft zu bewegen anstatt mürrische Gesichter oder fremder Leute Gequatsche ertragen müssen wie diesen von mir kürzlich gehörten Satz: „Als Universitätsbuchhandlung hast du nochmal einen anderen Anspruch, auch an das Klientel“. Solches anzuprangern erscheint mir als langjährigem Bahnfahrer viel naheliegender.

Es ist doch so: Seit Menschen zusammenleben, gehen sie sich gegenseitig auf die Nerven, nur an wenigen Orten wird dies deutlicher als im Kino und in öffentlichen Verkehrsmitteln. Das beginnt schon auf der Rolltreppe zum Bahnsteig, wo das Prinzip „links gehen – rechts stehen“ trotz zahlreicher gleich lautender Hinweisschilder, die sicher, trotz der großen Abnahmemenge, auch nicht billig waren, nur von den wenigsten verstanden wird; stattdessen hemmen handypnotisierte Kaffeebecherschicksen (ich liebe es, wenn das Textverarbeitungsprogramm seine Unkenntnis solcher Wörter mit einer roten Strichellinie schmückt) das zügige Vorankommen. Es sei denn, die Rolltreppe rollt nicht. Ein für mich unerklärliches Phänomen ist das Unbehagen, eine stillstehende Rolltreppe zu betreten, niemand tut das gerne und freiwillig, warum auch immer. Nähern wir uns – und ich schreibe bewusst ‚wir’, weil ich mich hier ausdrücklich einbeziehe – nähern wir uns also einer Rolltreppe und bemerken ihren Stillstand erst dann, wenn die erste geriffelte Stufe nur noch wenige Zentimeter von unserer Schuhspitze trennen, so nehmen wir Abstand, machen einen Ausfallschritt nach links und besteigen lieber ihr steinernes Pendant nebenan. Ob die Gründe dafür schon erforscht sind, entzieht sich meiner Kenntnis, erforschenswert erscheinen sie mir allemal, mehr jedenfalls als Staubkorngröße und -geschmack auf fernen Kometen. Und billiger wäre es auch.

Stichwort Kaffeebecher – jegliche Art der Nahrungsaufnahme ist in Bussen und Bahnen deplatziert. Gegessen wird, was auf den Tisch kommt, das heißt zu Hause, in gastronomischen Einrichtungen oder notfalls auch auf mehrstündigen Flugreisen – nicht jedoch in der Stadtbahn. Wagenfüllenden Dönergeruch und den Anblick essender Menschen empfinde ich als zutiefst abstoßend, erst recht, wenn sie dabei unter schwerem Atmen grunzende Geräusche absondern. Aus gutem Grunde ist jeglicher Verzehr in Köln verboten: „Beachten Sie das Verzehrverbot auf Kölner Stadtgebiet“ mahnen entsprechende Hinweise in den Bahnen, wobei ich für die Bewohner Kölns hoffe, das Verbot beschränkt sich wirklich nur auf Busse und Bahnen. Wäre ja blöd, wenn die Kölner zum Verzehr eines einfachen Big Macs extra jedes Mal nach Hürth, Brühl oder Leverkusen reisen müssten. (Wäre ich ein Journalist, hätte ich statt ‚Kölner’ jetzt ‚Domstädter’ geschrieben, so wie bei anderer Gelegenheit ‚Alpenrepublik‘, ‚Vierbeiner‘, ‚Dickhäuter‘ oder ‚Medienmogul‘. Andere wiederum finden es normal oder gar amüsant, den Big-Mac-Markeninhaber ‚Mäckes‘ zu nennen, das ist mindestens genau so schlimm, wenn auch nicht ganz so schlimm wie ‚McDoof‘.) Das größte Ärgernis aber sind für mich immer noch – ich erwähnte es früher bereits – Menschen, die sich mit ihrem Fahrrad, anstatt es seiner ureigenen Bestimmung gemäß zu verwenden, im Berufsverkehr in die volle Bahn quetschen, manchmal nur für wenige Stationen. Ich bin wahrlich kein Freund übertriebener Verbote, aber das gehört dringend untersagt, noch weit vor einem Verzehrverbot!

Doch sind die Verkehrsbetriebe auch ein nimmer versiegender Quell der Komik, etwa wenn in der Blüte ihrer Adoleszenz stehende Jungs sich unbeobachtet wähnen und daher minutenlang im Spiegelbild der dunklen Scheibe an ihrer mühsam und unter Zuhilfenahme diverser Gele, Wachse und Schäume hergerichteten Frisur herum zupfen. Nicht lustig, eher dämlich kommt hingegen die Werbung der Stadtwerke für ihr Handy-Ticket daher, die sich des kreativ eher flach wurzelnden Slogans „Tipp tipp hurra“ bedient. Wiederum erheiternd empfand ich den Ausspruch eines etwa Dreizehnjährigen, der während der Einfahrt der Bahn in die Haltestelle zu seinem Kumpel sagte: „Alter, das ist die neue Bahn!“ – gemeint war einer der jüngst einer Grundüberholung unterzogenen Stadtbahnwagen aus den Siebzigerjahren, von den Bonner Stadtwerken 2012 zu recht als „das Comeback des Jahres“ gefeiert, die Wiederkehr von ‚Dallas‘ verblasst dagegen. Der General-Anzeiger betitelte übrigens neulich einen Artikel, dessen Inhalt ich vergessen habe, mit dem Wort ‚Telecomeback‘ in der Überschrift, auch nicht schlecht, zumindest besser als ‚Tipp tipp hurra‘ und ‚handypnotisierte Kaffeebecherschickse‘. Übrigens ist, wie ich neulich perzipierte, „Alter“ auch eine übliche Anrede, wenn Mädchen unter sich sind, vielleicht nicht gerade im Kreise südstadtresidierender Anwalts- und Lehrertöchter, sondern eher unter jungen Tannenbuschbewohnerinnen.

Es liegt mir fern, mich plumper Vorurteile zu bedienen, aber es ist nicht völlig auszuschließen, dass die Protagonistin folgender Szene, deren Zeuge zu sein ich gestern das Vergnügen hatte, ebenfalls ihren Wohnsitz im Raum Tannenbusch hat. Ich stieg am Hauptbahnhof aus der 63 (Richtung Tannenbusch) und ging zum Ausgang Thomas-Mann-Straße. An der Sitzreihe kurz vor der Treppe lungerten ein junger Mann und eine nicht wesentlich ältere Frau herum und gaben sich dem Genuss von Flaschenbier und Zigaretten hin, bis die Frau sich von ihrem Bekannten trennte und zu der Bahn lief, aus welcher ich zuvor ausgestiegen war. Kaum war sie an mir vorbei, hörte ich erstens die Bahn abfahren und zweitens die Frau zetern: „Ey voll asi, der nimmt misch nich mehr mit, ey!“ Da musste ich ganz leicht grinsen.

Einmalig I – mit der Zweihundertelf durchs Lipperland

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Lieber Tom, hier nun wie angekündigt meine Schilderung eines einmaligen Erlebnisses. Es begab sich um 1983, genau weiß ich es nicht mehr, ist auch egal, in der ersten Hälfte der Achtzigerjahre halt. Jede freie Stunde widmete ich der Eisenbahn: ich bastelte stundenlang an meiner Modelleisenbahn, so ziemlich jedes Wochenende verbrachte ich bei der Dampfkleinbahn und viele Nachmittage zusammen mit meinem ebenfalls bahnbegeisterten Freund Uwe am Bahnhof Hillegossen, wo wir uns mit dem örtlichen Bahnbeamten angefreundet hatten. Der Hillegosser Bahnhof liegt unweit meines Elternhauses an der Nebenbahn von Bielefeld nach Lemgo, für den unwahrscheinlichen Fall, dass es jemanden interessiert.

Zu der Zeit, von der ich singen und sagen will, war fast jeder Bahnhof an dieser Strecke mit einem Bahnbeamten besetzt, der über große Hebel Weichen und Signale stellte, außerdem verkaufte er an einem Schalter Fahrkarten, damals noch so kleine braune Pappdinger, nicht viel größer als zwei Briefmarken. Die Züge, meistens von einer Diesellok der Baureihe 211 gezogene grüne Umbauwagen aus den Fünfzigerjahren mit rotbraunen Kunstledersitzen, bei denen sich selbstverständlich noch die Fenster öffnen ließen, zuckelten mit 60 km/h durch die Landschaft, von Samstagnachmittag bis Montag früh war Betriebsruhe.

Ab und zu gelüstete es uns, Uwe und mich, mal wieder mit „unserer“ Bahn nach Lemgo zu fahren, den Kopf aus dem Fenster zu halten und uns die Dieselschwaden der Lok um die Nase wehen zu lassen, die Fahrkarte dafür war auch für Schüler erschwinglich. Meist gingen wir vor Abfahrt nach vorne zur Lok und fragten, ob wir auf dieser mitfahren durften, was natürlich streng verboten war, dementsprechend beschieden die meisten Lokführer unser Anliegen abschlägig, was wir keinem übel nahmen. Die meisten, aber nicht alle – manche fragten, ob wir eine Fahrkarte hätten und ließen uns rauf.

So auch an diesem Sommertag. Wir warteten schon am vorderen Bahnsteigende in Hillegossen auf den Zug, dort, wo die Lok halten würde. Pünktlich fuhr der Zug ein, und wir hatten Glück, ein freundlicher älterer Lokführer erlaubte uns, die Lok zu besteigen, nach der Fahrkarte fragte er nicht („Der dahinten [gemeint war der Zugführer] hat hier vorne nichts zu sagen“), und los ging’s. Nach etwa halbstündiger Fahrt mit Halten in Ubbedissen, Oerlinghausen, Helpup, Ehlenbruch, Lage und Hörstmar kamen wir planmäßig in Lemgo an, wo wir kurz in die Stadt und mit einem späteren Zug zurück fahren wollten. Daraus wurde nichts.

„Wenn ihr wollt, könnt ihr drauf bleiben, ich fahre gleich leer zurück nach Bielefeld.“ Leer hieß, nur die Lok, die Wagen blieben in Lemgo, wo sie später mit einem anderen Zug vereinigt wurden. Das ließen wir uns natürlich nicht entgehen! Kurz vor Abfahrt, das Ausfahrtsignal in Richtung Lage zeigte bereits „Fahrt frei“, erhob sich der Lokführer von seinem Sitz und fragte: „Wer fährt denn jetzt? Ich jedenfalls nicht.“ Wir sollten die Lok fahren? Hammer! Nun gehörte die Bedienung einer 211 nicht zu dem, was man uns bis dahin in der Schule beigebracht hatte, eine durch nichts zu entschuldigende Lücke im Lehrplan, daher erklärte er es uns, im Grunde war es nicht schwierig: Es gibt kein Gas-, Brems- und Kupplungspedal, stattdessen wähl man die Fahrstufe über ein Handrad und die Bremse wird über einen Handhebel auf der rechten Seite bedient; da es keines Lenkrades bedarf, hat man ja die Hände frei. Gleichwohl kommt auch das Lokführen nicht ganz ohne Fußarbeit aus: während der Fahrt ruht der Fuß auf einer Taste, in regelmäßigen Abständen hebt man ihn kurz an und signalisiert der Maschine damit, dass man nicht eingeschlafen oder gestorben ist, auf dass der Zug nicht führerlos durch die lippischen Weiten rase. Vergisst man das mal, leuchtet erst eine Lampe, dann kommt ein Warnton, und sollte man tatsächlich das zeitliche gesegnet haben, erfolgt eine Zwangsbremsung.

Sehen Sie, nun haben Sie wieder was dazugelernt. Wenn Sie das nächste Mal im Hauptbahnhof von einem in Eile befindlichen Lokführer gefragt werden, ob Sie wohl so freundlich sein könnten, seine Diesellok ins Betriebswerk zu fahren, er sei spät dran und müsse noch Kakteendünger kaufen, ehe die Läden schließen, so müssen Sie die vorgetragene Bitte nicht länger mit einem bedauernden Schulterzucken abschlagen, sondern erinnern sich kurz dieses Textes und schreiten zur Tat. Sollten Ihr Wissen weitere bahnspezifische Lücken aufweisen, etwa wie man in Bahnhöfen an eingleisigen Strecken eine Zugkreuzung durchführt, scheuen Sie sich nicht, zu fragen. Die Frage, was ‚Verzögerungen im Betriebsablauf‘ sind, welche die Deutsche Bahn so gerne der Verspätungen bezichtigt, erübrigt sich allerdings, das ist bloß eine inhaltsfreie Bahnbegriffsblase des einundzwanzigsten Jahrhunderts.

Doch zurück nach Lemgo: Etwas unsicher nahm ich auf dem Führersitz Platz, löste die Bremse und schaltete auf die mir geheißene Fahrstufe; der Dieselmotor brummte auf und die Lok setze sich in Bewegung, ein unbeschreibliches Gefühl für einen etwa sechzehnjährigen Bahnbekloppten! Die Leer-Rückfahrt ging nicht über die Nebenbahn via Hillegossen, sondern in Lage wechselten wir auf die Strecke nach Herford. Hinter Lage, vielleicht in Bad Salzuflen, ich weiß es nicht mehr, übernahm Uwe das Steuer beziehungsweise Fahrstufenhandrad bis Herford. Dort dann Fahrtrichtungswechsel, das letzte Stück über die Hauptbahn bis Bielefeld übernahm der „Meister“.

Als wir schließlich in Bielefeld von der Lok stiegen, konnte ich noch gar nicht fassen, was uns widerfahren war, andererseits nichts, womit ich bei den Mitschülern Eindruck schinden konnte, für die war mein Hobby immer etwas wunderlich, womit sie wohl nicht ganz unrecht hatten. Später hatte ich noch oft Gelegenheit, eine Lok zu fahren, vor allem bei der Dampfkleinbahn. Aber diese Fahrt einer Bundesbahn-211 durch das Lipperland blieb etwas ganz besonderes.

Heute fährt die Nordwestbahn mit modernen klimatisierten Triebzügen im Stundentakt zwischen Bielefeld und Lemgo, auch spätabends und Sonntags, in Hillegossen halten schon lange keine Züge mehr. Nach einer Mitfahrt vorne beim Fahrer würde ich heute wohl nicht mehr fragen. Statt örtlicher Bahnbeamter nur noch Fahrkartenautomaten. Immerhin, es fahren noch Züge, mehr als je zuvor, das ist erfreulich und allemal besser als ein Radweg auf stillgelegter Bahntrasse. So gesehen will ich nicht zu sehr den alten Zeiten hinterherschwelgen. Aber schön war es doch.

Die Bahn wird deutsch

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Wie der Presse zu entnehmen ist, strebt die Deutsche Bahn AG zurück zu alten Tugenden, welche zu Zeiten von Reichs- und Bundesbahn noch selbstverständlich waren. Nein, nicht etwa Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit auch im Sommer, Herbst und Winter, vielmehr besinnt sich die Grube-Bahn des ersten Wortes in ihrem Namen. Ja, die Bahn will wieder deutsch werden in Wort und Schrift. Da ihre Mitarbeiter mittlerweile kaum noch die deutschen Entsprechungen zu den gängigen Bahn-Begriffen kennen, erhielten sie eine Liste mit rund 2.200 Übersetzungen bahnlisch – deutsch. Das ist zu loben.

Wir erwerben wieder eine Fahrkarte statt eines Tickets, und zwar am Schalter, nicht am Counter. Also gut, eher am Automaten oder im Internet, Verzeihung, Netz. Vorbei die Zeiten, da wir in langer Schlange vor dem Service Point stehen, um die nächste Verbindung nach Gütersloh zu erfragen, nachdem unser gebuchter Zug einer Stellwerksstörung zum Opfer fiel, nein, künftig warten wir vor der DB Information (ohne Bindestrich, aber man kann nicht alles auf einmal haben), wen mag es da noch verdrießen, dass die Wartezeit genau so lang ist. Apropos warten: Aus der DB Lounge wird bald wieder der Warteraum, und menschliche Bedürfnisse verrichten wir nicht länger auf dem McClean, sondern einer anständigen, verständlichen Toilette, freilich weiterhin kostenpflichtig.

Vielen Dank an den Verkehrsminister und die Verantwortlichen der Bahn, dass sie die Notbremse gezogen haben, bevor wir nur noch von einem Railport aus mit einem Train traveln können! Wer weiß, vielleicht bleiben wir bald sogar verschont von den in schlechtem Englisch vorgetragenen Ansagen im Zug?

Einen Begriff indes verstehe ich noch immer nicht, obwohl er schon immer deutsch ist: Was bitte schön verbirgt sich hinter den viel strapazierten „Verzögerungen im Betriebsablauf“?

Abgeschrieben: Warten Sie doch kurz!

„Pünktlich wie die Eisenbahn“ – was früher ein Qualitätsmerkmal war, lässt heute, im Zeitalter der Deutschen Bahn AG und der von ihr erfundenen Floskel „wegen Verzögerungen im Betriebsablauf“, den derart bezeichneten in einem eher ungünstigen Licht erscheinen. „Verzögerungen im Betriebsablauf“ – meines Erachtens hat die Bahn hierfür einen Sprachpreis verdient, klingt es doch wie eine plausible Erklärung für verspätete Züge, sagt inhaltlich jedoch in etwa so viel aus wie „Der Zug kommt später, weil er unpünktlich ist“ oder ganz einfach „darum“.

Möglicherweise bin ich diesbezüglich ein wenig zu deutsch, böse Zungen nennen es vielleicht spießig, aber Unpünktlichkeit gehört seit jeher zu den Untugenden, welche zu verzeihen ich am wenigsten geneigt bin, nicht nur in Bezug auf öffentliche Verkehrsmittel, sondern insbesondere auf Menschen, die mit mir verabredet sind. Ebenso wenig verzeihe ich mir selbst Unpünktlichkeit, selbst wenn besagte Verkehrsmittel die Ursache sind – Pünktlichkeit ist für mich auch Ausdruck von Wertschätzung, aktiv wie passiv.

So liegt es nahe, diesem Thema ein paar Zeilen zu widmen. Doch muss ich das gar nicht, denn alles, was dazu zu schreiben wäre, steht bereits im von mir sehr geschätzten Blog Mind-Penetrator. Ich freue ich mich, den Text hier wiedergeben zu dürfen. Viel Vergnügen!

***

Seit Anbeginn der Uhrzeit teilt sich die Menschheit in zwei Gruppen: die notorischen Zuspätkommer und die Pünktlichen.

Ich selber gehöre zur zweiten Gattung und schätze Pünktlichkeit sehr. Woraus wiederum resultiert, dass sich – sofern ich mich mit einem Zuspätkommer verabrede – grundsätzlich meine Wartezeit auf das Maximum verlängert. Und während man wartet – im Regen, bei brütender Hitze oder mit wippendem Fuß und angespannter Nervosität – durchläuft man bekanntlich mehrere Phasen seines Gemütszustandes:

Nach ca. 5 Minuten tritt eine gewisse Unsicherheit auf, die Zeit oder Ort in Frage stellen. Waren wir wirklich HIER verabredet? War es tatsächlich 20 Uhr?
Nach weiteren 5 Minuten kommt eine leichte Besorgnis hinzu: Es wird doch wohl nichts passiert sein?
Nach insgesamt 15 Minuten und – im Winter – eingefrorenen Gliedmaßen steigert sich dann langsam die Wut. Im schlimmsten Fall hat der Zuspätkommer sein Handy wieder einmal ausgeschaltet und ich stehe wie bestellt und nicht abgeholt in der Gegend rum. Umspielt – und nicht förderlich für den Blutdruck – wird das Ganze von Menschenmassen, die mich mit bemitleidendem Blick anschauen: „Och, schau mal, ganz allein hier!“

Und es wird leer, und es wird ruhig. Ich warte. Ich danke den Smartphone-Erfindern, dank derer man wenigstens halbwegs beschäftigt aussehen kann, wenn man mit prüfendem Blick und wischendem Finger auf seinem Handy herumdaddelt. Währenddessen ärgere ich mich und tippe irgendein unnützes Zeug in mein Smartphone, in der Hoffnung, meine Wut so etwas zu drosseln.

Nach sensationellen vierzig Minuten erscheint ein grinsendes Gesicht in meinem Blickfeld. „Auf der Autobahn war Stau und ich habe keinen Parkplatz gefunden und eigentlich bin ich auch erst vor 5 Minuten losgefahren, es war alles so stressig heute.“
Ich lächele, es ist nichts besorgniserregendes passiert und irgendwie muss ich mit dem irren Grinsen meine Wut unterdrücken, dass der Film bereits vor 15 Minuten begonnen hat und die Ausreden auch schon einmal besser waren.

Findigerweise merke ich mir vor, die Uhrzeit des nächsten Treffens mindestens eine halbe Stunde vorzuverlegen.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich nicht mit einer Verspätung von sensationellen 3 Stunden gerechnet und so stehe ich abholbereit um Punkt 11 Uhr an dem verabredeten Ort, während besagte Person nicht einmal aus den Federn gestiegen ist, wie sich im Nachhinein herausstellte. Wieder konnte ich analysieren, wie viele Gefühlsphasen man bei derart immensen Verspätungen durchlaufen kann. Es endet übrigens innerhalb der letzten Stunde in tiefster Wut und missglücktem Telefonterror – und einem Konzert, was – nach Erzählungen – der absolute Wahnsinn gewesen sein muss.

Gipfeln kann so etwas eigentlich nur, wenn man zu seiner eigenen Hochzeit und der voranstehenden kirchlichen Trauung eine halbe Stunde zu spät kommt. Und so haben wir alle gewartet und durchliefen wieder einmal sämtliche Phasen der Ungeduld und Wut.

Vermutlich würde es ein Zuspätkommer auch nicht pünktlich zu seiner eigenen Beerdigung schaffen – er hatte einen wichtigen Anruf und musste noch einiges klären…

Ein kollektives Zuspätkommen findet man übrigens zu einer Party. Die possierlichen Partygäste möchten nie die Ersten sein, schließlich sieht es nachher so aus, als hätte man nichts zu tun und würde den ganzen Tag auf die Party warten.
Also sitze ich um Punkt 20 Uhr mit Partyhütchen und Tröte auf der Couch – wartend .. und allein. Um 20:30 Uhr ist die dritte Flasche Bier leer, ich bin angetrunken, lutsche an dem 10. Käsehäppchen und habe eine gewisse Bettschwere.
20:45 Uhr: es klingelt. Ich schwanke zur Tür und empfange die Gäste. „Sind wir die ersten?“ Als ich die Frage bejahe, sieht man in den Augen der frisch eingetroffenen Freunde ein kleines Stückchen Hoffnung zerbrechen. Um 00:00 Uhr trifft dann auch der letzte Gast ein, der Luft holt für seine Ausrede. „Lass es einfach… du bist da, das ist gut. Bier und Käsehäppchen sind aus.“

Der moderne Mensch neigt ja zu einer gewissen Terminüberladung. Da schafft man nach Feierabend um 16:00 Uhr noch einen Arzttermin, Sport und das Treffen um 18:00 Uhr. Nur hat man a) den Stau nicht einberechnet, der überraschend – wie jeden Donnerstag – auftritt, und b) nicht daran denken können, dass sich beim Arzt eine Wartezeit von 45 Minuten ergibt oder c) die Bahn AUSNAHMSWEISE Verspätung hat.
Und so sitzt man wutentbrannt im öffentlichen Verkehrsmittel oder im Auto – je nach Belieben und Planung – mit geröteten Augen und ein wenig Schaum vor dem Mund.. und wartet. Und flucht leise in sich hinein, tippt wütend auf dem Handy herum.

Und dann denkt man auf einmal daran, mit WEM man sich trifft. Und man begreift, dass die Verspätung dieses Mal den anderen trifft. Die eigene Wartezeit um ein vielfaches verkürzt wird. Süffisantes Lächeln und Erleichterung machen sich breit. Wird er gleich gucken, der Zuspätkommer, wenn ich dieses Mal später komme….

Es ist Sonntag, 20 Uhr. Ich stehe allein im Kino und warte…..

 

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Quelle: http://mindpenetrator.blogspot.de/2013/01/warten-sie-doch-kurz.html