Zum Glück

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Unlängst entdeckte ich anlässlich der Recherche für meinen im Entstehen begriffenen Bestseller in einem alten Tagebuch den Eintrag vom 29. Januar 1997:

„Seit ein paar Tagen beschäftigt mich ein an sich völlig abwegiger Gedanke: Wie wäre es, wenn ich mit 30 wirklich hetero würde? Mal abgesehen davon, daß das wahrscheinlich nicht „auf Knopfdruck“ möglich sein wird, finde ich den Gedanken gar nicht schlecht, mir eine Freundin zu suchen, mit der ich – keine Hochzeit und keine Kinder vorausgesetzt – vielleicht sogar glücklich werden könnte, wenn es denn die „richtige“ ist! Denn eins weiß ich: Ich bin es leid, ständig meinem Glück hinterherzulaufen ohne jede Aussicht auf Erfolg. Die Frage ist nur, ob das wirklich besser würde wenn ich ’ne Hete bin!“

So hätte mich die Verzweiflung ob nicht gelingender Freundfindung fast in die Zwangsheterosexualität getrieben. Doch das allein reichte nicht. Zum Glück, wie ich heute weiß.

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Vorstehenden Zeilen sind mein Beitrag zu gleich zwei Blogaktionen:  Projekt *.txt und Schreibprojekt 9+1.

Woche 1: Das Unwort 2017 ist möglicherweise bereits gefunden

Montag: Allen, die sich ob des Wortes „Nafris“ empören, möchte ich ein entschiedenes „Heul doch!“ entgegenrufen. Über das Wetter heult indessen keiner: „Endlich Schnee“ eskalieren sie vor Freude. Endlich? Schnee? Es sagt doch auch niemand „Endlich Zahnschmerzen“.

Dienstag: Jede Woche mindestens zwei Stunden am Bestseller arbeiten, so die Vorgabe für das neue Jahr. Für diese Woche erledigt. Oder Haken dran. Oder Check, wie es auf dümmlichdeutsch heißt.

Mittwoch: Wenn in der Waage Wahrheit liegt, habe ich drei Kilo zugenommen über den Jahreswechsel. Vermutlich eine von Russland gesteuerte Fehlanzeige.

Donnerstag: Radiowerbung für Radiowerbung. Gleichsam die Onanie des Konsumterrors.

Freitag: Manche Dinge vergehen nie. Zum Beispiel der Fluchtreflex, welcher augenblicklich Besitz von mir ergreift, sobald Menschen meiner näheren Umgebung beginnen, über Fußball zu reden.

Samstag: CDU und CSU ist es möglicherweise gelungen, bereits im Januar das Unwort des Jahres 2017 zu erfinden: „Atmender Deckel“.

Sonntag: Nebel und Eis.

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Woche 50:Explodierende Kraftwagen sind unerwünscht

Montag: 7 Uhr, die Woche zieht sich. – Beim Verlassen des Hauses singt eine Amsel, als habe sie sich im Kalender vertan. – Für den Rest des Tages singt mein Ohrwurm Happy Xmas (War is over); das ist nicht zu beklagen und allemal besser als Last Christmas oder Die Weihnachtsbäckerei.

Dienstag: Ein Besuch im Modellbahnfachgeschäft meines Vertrauens freut das Herz und erleichtert das Bankkonto.

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Mittwoch: In einer Besprechung hörte ich eine mir neue Businesskasperfloskel: „Wir können das nicht mitgehen.“ Das? Was? Egal, kommt demnächst auf die Liste.

Donnerstag: Ein zwischendurch eingeschobener Resturlaubsabbautag ohne besondere Verpflichtungen schenkt mir Zeit, den Beststeller voranzubringen.

Freitag: Wir haben Mitte Dezember, und noch immer hörte ich nicht Last Christmas im Radio.

Samstag: Ausflug nach Metz. Auf der Hinfahrt überholten wir einen PKW mit Anhänger, an dem ein Schild angebracht war mit der Aufschrift „Artgerechter Lebendviehtransport“. Da der Anhänger weder über Fenster noch erkennbare Lüftungsöffnungen verfügte, frage ich mich, welche Art von Vieh dort artgerecht transportiert wurde: Maulwürfe? Grottenolme? – Ansonsten sind in Metz explodierende Kraftwagen unerwünscht:

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Sonntag: Manchmal mag ich diese trüben Wintertage sehr.

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Blogparade: Mit der Hand

Die Schreiberin des Blogs KREUZBERG SÜD-OST ruft dazu auf, mal was Handgeschriebenes zu veröffentlichen, ein Aufruf, dem ich gerne nachkomme, schreibe ich doch nach wie vor gerne mit der Hand, zum Beispiel meinen Bestseller, teilweise auch Entwürfe für hier. Einen Text mit einem Stift auf Papier zu schreiben, fühlt sich anders, gleichsam echter an, als ihn mit der Tastatur auf einen Bildschirm zu bringen. Finde ich. Wenn die Worte erst fließen, was manchmal recht lange dauern kann, dann fließen sie am geschmeidigsten auf diese altmodische Weise, womit ich nicht behaupten möchte, dass das, was am Ende dabei raus kommt, auch für den Leser erbaulicher ist als in die Tasten gehauenes. Jedenfalls halte ich es für einen großen Fehler und den Verlust eines wichtigen Kulturgutes, Kinder in der Schule nicht mehr die Schreibschrift zu lehren.

Nun denn: Die folgenden Zeilen notierte ich am 7. September 2014 im Urlaub in mein Notizbuch, als mich nach dem Frühstück und vor dem ersten Rosé plötzlich Schreiblust überkam. Vielleicht war es auch beim oder nach dem ersten. Da mir nichts besseres einfiel, schrieb ich über das Schreiben:

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Trotz der mir völlig zu unrecht vorgeworfenen Sauklaue (ich wüsste wirklich gerne, wer dieses Wort in die Welt gesetzt hat; weder sind Hausschweine des Schreibens mächtig, außer Miss Piggy vielleicht, noch verfügen sie über Klauen*) können Sie die Zeilen vielleicht entziffern. Ich betone dies extra, weil ich private Texte üblicherweise in der mir vor vielen Jahren selbst beigebrachten Sütterlin-Schreibschrift verfasse; das sieht dann so aus:

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(Sie sehen den ersten Entwurf des Aufsatzes Apphängig vom 13. Januar 2013.)

Ich finde, dies ist eine sehr schöne und ungewöhnliche Blogparade, vielleicht fühlt sich der eine oder die andere dazu motiviert, uns ebenfalls eine kleine Handarbeit zu Gesicht zu bringen.

Nachtrag vom 26. Januar 2016:
Soeben erfahre ich, dass Schweine zu den Klauentieren gehören. Somit ist der zweite Teilsatz obsolet. Ich lasse ihn trotzdem stehen.

Nicht-Vorsätze für 2016

Jahreswechsel – in diesen Tagen erstellen wieder viele Menschen eine Liste mit Dingen, die sie im neuen Jahr besser, öfter, weniger, gar nicht mehr oder überhaupt endlich machen wollen. Läsen sie diese Liste nach zwölf Monate erneut, stellten sie fest, dass sie nichts, aber auch gar nichts von alledem in die Tat umgesetzt haben. Zu ihrem Glück werden sie die Liste jedoch spätestens Ende Februar vergessen haben. (Endlich mal ein Satz in Futur 2.)

Ich dagegen erstelle traditionell jahresendlich eine Liste mit Dingen, die ich im neuen Jahr nicht angehen, umsetzen, erreichen oder ändern will. Das Erfolgserlebnis am Jahresende ist garantiert. 2016 werde ich nicht:

Alte Freundschaften pflegen. So gerne ich es würde – ich schaffe es einfach nicht.

Mit dem Bestseller vorankommen.

In der Fastenzeit fasten. Sonst auch nicht.

Das Rauchen aufgeben.

Keinen Sonntag mehr mit Kater aufwachen.

Vegetarier oder gar Veganer werden.

Sushi essen.

Den neuen Starwars-Film ankucken.

Englische Liedtexte verstehen.

Kaugummi kauen.

Die Begeisterung für die Fußball-EM teilen.

Mir freiwillig ein Fußballspiel anschauen.

„Wir“ sagen, wenn die deutsche Nationalmannschaft gemeint ist.

Verständnis für jede Form von Ideologie oder Fanatismus aufbringen.

Einen vielbeachteten Tweet oder Blogtext schreiben.

Die Liste ist natürlich nicht abschließend, zum Beispiel habe ich auch nicht vor, nach Marathon zu laufen, mir einen albernen Dutt zu binden oder ein Ohr abzuschneiden. Aber man weiß ja nie… In diesem Sinne: Vielen Dank an alle, die mein Zeugs ab und zu lesen; Ihnen allen ein gutes neues Jahr!

Heimarbeit

Nach fast zwei Wochen siechem herumlungern und Fuß hochlegen befand ich es an der Zeit, meinem Arbeitgeber wieder etwas mehr Zeit zu widmen, zumal bei der Ausübung meiner überwiegend sitzenden Tätigkeit eine uneingeschränkte körperliche Bewegungsfähigkeit zwar erfreulich, nicht jedoch zwingend erforderlich ist. Daher beschloss ich, zunächst zwei Tage lang von zu Hause aus zu arbeiten, ,Home Office‘ zu machen, wie es so unschön heißt, wobei dieser Begriff ja schon ein krasser Widerspruch in sich ist, etwa so wie Ostwestfalen.

Nach einem Arzttermin am Vormittag begab ich mich also aufs Sofa, so wie an den Tagen zuvor auch, nur statt mich in erfreulicher Lektüre zu ergehen, schaltete ich den dienstlichen Rechner ein. Ich gebe zu: ich hatte es mir wesentlich schwieriger vorgestellt, den Ablenkungen häuslicher Umgebung, gepaart mit fehlender cheflich-kollegialer Beobachtung zu widerstehen. Dabei waren die Verlockungen zahlreich – Zeitung lesen, mal kurz ins Internet, die Spülmaschine ausräumen, Wäsche zusammenlegen, endlich mit dem Schreiben meines Bestsellers beginnen, eine neue Frisur ausprobieren und wieder verwerfen, Fotoalben sortieren, lästige Überweisungen tätigen, zwei bis drei Gedichte auswendig lernen, ein Nickerchen halten, den Staub aus den Lamellen der Designer-Wohnzimmerlampe entfernen. (Gut, das mit dem Nickerchen habe ich tatsächlich gemacht.) Trotz vorstehender Reize lief es erstaunlich gut: ungestört von Telefon und Kollegen, die plötzlich in der Tür stehen und was wollen, etwa eine Auskunft oder einen Plausch halten, bekam ich einiges geschafft.

Dem Vernehmen nach bevorzugen vor allem junge Erwerbstätige zunehmend diese Form der Arbeit – zeitlich und örtlich flexibel, zu Hause, in der Wanne, so sie eine haben, in der Dusche eher selten, im Park, im Café, in der Sauna, bei Gassigehen und Liebesspiel; auch nachts und am Sonntag vor und nach Tatort. Gerade freischaffend tätige ,Freelancer‘ (nein, ich gebrauche jetzt nicht das Wort ,neudeutsch‘, denn es ist weder neu noch deutsch), Leute also, die davon leben, dass sie etwa Nordseekrabben pulen, sich lustige Werbung ausdenken, irgendwas mit Medien machen oder für Auftraggeber Texte verfassen. Da mein Geschreibsel sich nicht eignet, Geld damit zu verdienen, halte ich meinem Arbeitgeber die Treue, von Montag bis Freitag, von morgens bis zum frühen Abend, und zwar am liebsten im Büro, so absurd es manchem auch erscheinen mag, täglich mehrere Stunden mit vielen Menschen in einem großen Bürogebäude zu verbringen.

Ja, nennen Sie mich altbacken, aber ich bevorzuge es, mich zum Zwecke des Brot-, Bier- und Bucherwerbs morgens mit einem Anzug zu kleiden, mich mit fremden, mürrischen Menschen in die Stadtbahn zu quetschen und mittags mit den Kollegen in die Kantine zu gehen. Das schöne daran ist nämlich: Es gibt meinem Tag Struktur, und wenn mich das Gebäude abends wieder ausspuckt, schüttle ich den Arbeitstag ab wie ein nasser Hund das Wasser aus dem zotteligen Fell, klopfe einige imaginäre Krümel von den Schultern, und dann ist Feierabend, aber richtig. Oder Wochenende. Oder Urlaub.

Fazit – ein bis zwei Tage Heimarbeit kann ich mal machen, sie hat gewisse Vorzüge. Dennoch, und ich hätte nie gedacht, mal einen solchen Satz zu schreiben: Ich freue mich, bald wieder ins Büro gehen zu können.