Den frühen Wurm holt der Vogel

Wieder einmal erlaube ich mir, einen älteren Text aus den Tiefen dieses Blogs hervorzuholen und ihn nach leichter Politur erneut Ihrer Lektüre anheim zu stellen. Da ich den ursprünglichen Aufsatz bereits 2010 schrieb, fürchte ich nicht, irgendjemanden durch Wiederholung zu langweilen. Hoffentlich auch sonst nicht.

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Man gewöhnt sich an fast alles: nächtlichen Harndrang, Reklame für Mittel gegen Scheidenpilz, Kaffee-zum-Gehen-Trinker, tätowierte Waden, den Kater am nächsten Morgen, Max Giesinger, Deppen Leerzeichen und Donald Trump. Eines indessen werde ich niemals mit der über die Jahre eingeschliffenen Milde als gegeben hinnehmen: morgens aufstehen zu müssen, wobei die Betonung zwar auf „morgens“ liegt, das Aufstehen an sich aber schon einen Akt allergrößter Überwindung bedeutet. Gut, sagen wir, vor elf Uhr; keineswegs möchte ich den Eindruck erwecken, ich sehnte mich in die dauerhafte Bettlägerigkeit oder gar unter des Käfers Keller.

Dabei ist es nahezu unerheblich, ob der Wecker um fünf losgeht oder „erst“ um halb acht; sobald es so weit ist, wird ein Leidensprozess in Gang gesetzt, der bis mindestens zehn Uhr anhält, manchmal sogar, vornehmlich montags, ganztägig. Während dieser Phase gilt: Sprechen Sie mich bloß nicht an, oder zumindest erwarten Sie keine Antwort! Ich beneide Menschen, die einen Sprecher haben: Popstars, Bundeskanzler, Konzerne, der Papst. So einen hätte ich auch gerne, also einen Sprecher, keinen Papst. In Teilzeit, täglich von sieben bis zehn Uhr.

Was ich liebe: aufwachen, kurzer Blick auf die grün leuchtenden Ziffern des Radioweckers, noch dreieinhalb Stunden bis zum Aufstehen, umdrehen, in die Decke kuscheln (oder, schöner noch, an den Bettnachbarn), derweil draußen der Regen gegen das Fenster schlägt, weiter schlafen. Was ich hasse: aufwachen, nur noch vier Minuten bis zum Wecker, der Zauber der Nacht ist gebrochen, kein Einschlafen mehr möglich; diese Minuten, dieses Warten auf den Wecker sind schlimmer als von eben diesem aus den Träumen gerissen zu werden.

Der Laune Tiefpunkt ist erreicht, nachdem ich die Möbelhauswerbung kurz vor den Nachrichten mit einem automatischen, jahrelang geübten Handgriff zum Verstummen gebracht habe. Von der Schlummertaste mache ich keinen Gebrauch, da sie das Leiden nur unnötig verlängert. So verbringe ich zwei bis drei Minuten in tiefster Qual, während die allmorgendliche Diskussion der beiden inneren Stimmen ihren Lauf nimmt:

A: „Aufstehen.“

B: „Ich will nicht.“

A: „Aufstehen!“

B: „Ich will nicht!“

A: „AUFSTEHEN!!!“

Jeden Morgen gewinnt A, das ist zwar blöd, aber nicht zu ändern. Schlimmer noch als der Wecker ist der Moment, da ich mich aus dem Tuche ins Bad quäle, noch die letzten diffusen, in Auflösung begriffenen Reste nächtlicher Traumwirren im Kopf. Die Tage etwa, nachdem ich vom Aufenthalt in einem Atombunker geträumt hatte, dessen Tür sich nur von außen öffnen ließ, was ungefähr so sinnvoll ist wie eine Kaffeetasse mit Henkel innen, fragte ich mich noch beim Morgenstrahl: Wer sollte nach dem Atomschlag die Tür öffnen? Was man halt so vor sich hin sinniert, wenn noch kein klarer Gedanke möglich ist.

Es gibt keine Lösung für dieses Problem. Morgens aufstehen ist einfach wider meine Natur. Vielleicht sollte ich endlich eine Karriere als Schrift- oder Pornodarsteller beginnen. Für ersteres fehlt mir leider das Talent, und zweiteres … lassen wir das.

Körperkitsch

Wiederum aus gegebenem Anlass habe ich einen älteren Aufsatz aus der Frühzeit dieser Aufzeichnungen hervorgeholt und behutsam renoviert. Ich hoffe, Sie sehen es mir nach.

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Die Tätowierung der Menschheit begann vor etwa siebentausend Jahren, wie entsprechende Mumienfunde im nördlichen Chile belegen. War die dauerhafte Körperzeichnung bis vor einigen Jahren noch vornehmlich Kennzeichen gewisser Randgruppen, etwa Knastbrüder, Seefahrer und zweifelhafter Damen, deren Kundenstamm sich im Wesentlichen aus Knastbrüdern und Seefahrern zusammensetzte, so wird heute die nicht-tätowierte Minderheit langsam zu einer schrumpfenden Randgruppe. Nicht mehr nur der Punk auf dem Bahnhofsvorplatz oder die Aushilfsuschi im Lidl, auch leitende Angestellte und Zahnarztgattinnen bekennen heute Farbe; kein Fußballspieler, der was auf sich hält, betritt ohne großflächig beschriftete Unterarme den Rasen.

Meine erste Begegnung mit einer Tätowierung hatte ich in den Siebzigerjahren, als die Popgruppe Sailor auf dem Höhepunkt ihrer Zeit angekommen und regelmäßig in Ilja Richters Disco oder dem Musikladen zu sehen war, die älteren von Ihnen erinnern sich vielleicht: Girls, Girls, Girls und A Glas Of Champagne. Bekannt waren die vier Jungs aus England auch durch ihr Nickelodeon, ein sperriges, von zwei gegenüberstehenden Personen zu bedienendes Tasteninstrument.

https://www.youtube.com/watch?v=rmJxeysqiAY

In den Achtizigern gab es dann Formel Eins mit Peter Illmann, gefolgt von Ingolf Lück, Stefanie Tücking und Kai Böcking, allesamt untätowiert. Die Stars traten nun nicht mehr durch geplaybackte Bühnenpräsenz in Erscheinung, sondern in Musikvideos, eine musikalische Darreichungsform, die kurz zuvor in Mode gekommen war. Formel Eins, ich liebte es (während ich den gleichnamigen Autorennsport ungefähr so interessant fand und finde wie die Betrachtung eines Grashalmes beim Wachsen); mit dem Aufkommen von MTV und VIVA musste es sterben, sehr bedauerlich. Ab und zu wird es nochmal zum Leben erweckt, leider in unerträglicher Form: Anstatt die damaligen Sendungen einfach erneut auszustrahlen, zeigen sie nur einzelne Ausschnitte, ständig unterbrochen von völlig überflüssigen Kommentaren nicht minder überflüssiger Prominenter, die dann, während zum Beispiel Kim Wilde singt, so Sätze sagen wie „Oh ja, bei dem Lied habe ich damals zum ersten Mal onaniert“.

Disco, Musikladen, Formel Eins, so was gibt es  heute gar nicht mehr, stattdessen sucht Deutschland den Superstar ohne jede Hoffnung, in jemals zu finden.

Zu Zeiten von Formel Eins war das Schiff von Sailor mitsamt ihrem tönenden Möbel längst gesunken oder bestenfalls im hintersten Winkel eines Hafenbeckens für alle Zeiten festgemacht als seeuntüchtiges Restaurantschiff. So komme ich zurück zum Thema: Ihr fescher Sänger, George Kajanus, sang nicht nur sehr schön, während er auf seiner akustischen Gitarre spielte, auch trug er auf seiner Wange eine kleine Tätowierung in Form eines Ankers. Also ich nehme nicht an, dass der da wirklich tätowiert war, aber man weiß ja nie bei so einem richtigen Seebären. In früher Jugend verehrte ich Sailor, konnte viele ihrer Lieder, frei von jeglichen Englischkenntnissen, mitsingen, und zu Karneval ging ich als – nein, nicht als Seemann – als George Kajanus, ohne Gitarre, aber mit Ringelpullover, Schiffermütze und Anker auf der Backe, also auf der Wange, meine ich. (Ich bin mir sicher, heute gibt es vermutlich nicht wenige Menschen, die einen Anker oder andere Bildnisse auf der Backe, nicht auf der Wange tragen.)

sailor

(Vorstehendes Bild zeigt mich ohne Anker, dafür mit blauem Auge. Da ich meine Kindheit überwiegend gewaltfrei in Erinnerung habe, nehme ich an, dass auch dieses Veilchen nur aufgemalt war.)

Sah man früher Tätowierungen bei den oben genannten Randgruppen vor allem auf Unterarmen und im Falle von George Kajanus im Gesicht, so ist heute nahezu keine Körperregion mehr davon ausgenommen. Während das eine Zeit lang vor allem bei Damen beliebte Arschgeweih aus gutem Grund aus der Mode gekommen ist (was bei einer Tätowierung ja eher eine Art langfristiges persönliches Pech bedeutet), sieht man immer mehr junge Männer und Frauen mit tätowierten Waden. Ich finde das schlimm. Ein Mädchenbein soll glatt sein, ein Jungsbein haarig, aber nicht tätowiert, so ist es meines Wissens in der päpstlichen Schöpfungsordnung vorgesehen, vielleicht irre ich mich aber auch und der Papst ist unterhalb seines wallenden Gewandes großflächig gefärbt, niemand wird es, Gott sei Dank, je erfahren.

In unserer Nachbarschaft gibt es ein Tattoo-Studio, wo die piksende Dauerfärbung direkt hinter einem Schaufenster erfolgt. Der Einzufärbende sitzt mit entblößtem Körper(teil) in einer Art Frauenarztstuhl, während der Künstler mit mächtigen, von oben bis unten tätowierten Armen für jedermann sichtbar seinem stechenden Werk nachgeht. Tätowiert der sich wohl selbst, oder geht er dafür seinerseits in ein Tatoo-Studio seines Vertrauens?

Ich gestehe: auch ich wollte vor knapp zwanzig Jahren, als die Blüte meiner Jahre noch in kräftigen Farben strahlte, nicht farblos dahinwelken, daher suchte ich aus einer spontanen Laune heraus zusammen mit einem Freund so einen Laden auf. Nur was ganz kleines, etwas größeres hätte auch nicht auf mein spilleriges Oberärmchen gepasst; ein Ornament aus dem Katalog ohne jede symbolische Aussage, so hoffe ich jedenfalls, genau weiß ich es nicht. Vielleicht ist es ja ein fremdländisches Schriftzeichen, welches mich in ein eher ungünstiges Licht rückt, etwa als Kinderhasser oder Paarhuferkopulierer. Wenn es so sein sollte, werde ich es hoffentlich niemals erfahren.

Tätow

Wenigstens war ich so vorausschauend, für das Bildnis eine Stelle zu wählen, welche im normalen Alltag verdeckt ist. Dennoch wäre ich Ihnen sehr dankbar, wenn Sie das meiner Mutter gegenüber nicht erwähnen.

Mysterien der Bahnsteighalle

Aufgrund meiner Neigung, fast allem, um das andere viel Geschrei machen, mit Zurückhaltung zu begegnen, nahm ich die gedruckten und verfilmten Geschichten um den Zauberlehrling Harry Potter nur mit mäßigem Interesse zur Kenntnis. Gleichwohl durchdrang den ansonsten sehr wirkungsvollen Filter des Desinteresses das Wissensrudiment darüber, dass der sagenumwobene Hogwarts-Express, mit dem P. üblicherweise in die Zauberschule reiste, von Gleis neun-dreiviertel des Londoner Bahnhofs Kings Cross abfuhr, welches nur für in die Zauberei eingeweihte Personen sicht- und nutzbar war, während für alle anderen, die sogenannten „Muggel“, nach Gleis neun einfach nur das Gleis zehn folgte.

Ein vergleichbares Mysterium auf Schienen vollbringt zurzeit die Deutsche Bahn im Bonner Hauptbahnhof, indes auch für Muggel wie mich sichtbar: Wer vormittags in Bad Godesberg zu tun hat, kann bequem und zügig mit der Regionalbahn achtundvierzig dorthin gelangen, Abfahrt um 10:47 Uhr von Gleis drei. Allein: Zur selben Zeit, also ebenfalls 10:47 Uhr, fährt die Regionalbahn dreißig, auch als Ahrtalbahn bekannt, in dieselbe Richtung, nur von Gleis vier. Wer es nicht glaubt, werfe einen Blick auf den Aushangfahrplan im Bahnhof.

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Führen also beide Züge planmäßig ab, kollidierten sie auf der nächsten Weiche*. Wie kann das sein, wer plant so etwas? Nun, die Lösung dieses fahrplanerischen Rätsels im Raum-Zeit-Gefüge ist einfach und keineswegs magisch: Die Bahn baut auf das nicht minder sagenumwobene Phänomen „Verzögerungen im Betriebsablauf“, welches verlässlich die Unpünktlichkeit eines der beiden Züge sicherstellt. So kann der erste unbehelligt und ohne planmäßige Flankenfahrt zur angegebenen Abfahrtzeit den Bahnhof verlassen, da der andere heute leider wenige Minuten später eintrifft. Wir danken für Ihr Verständnis.

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* Ja ich weiß, das ist eigentlich** nicht möglich, da nur einer von beiden das die freie Ausfahrt verkündende grüne Licht gezeigt bekommt. Aber nur mal angenommen.

** Aber eben nur eigentlich, manchmal schaffen sie es doch.

Kein Dosengemüse könnte das bewirken

Aus gegebenem Anlass habe ich einen älteren Aufsatz behutsam aufgewärmt und erlaube mir, ihn zum nochmaligen Verzehr anzubieten.

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„Nichts speichert Erinnerungen so zuverlässig, nachhaltig und unmittelbar wie Musik“, so las ich mal irgendwo. Mal abgesehen von meiner Abneigung gegen das Wort „nachhaltig“ aufgrund seiner inflationären Allgegenwart: Da ist was dran. Jeder kennt wohl Lieder, Songs, Stücke, bei denen sich sofort bestimmte Erinnerungen einstellen, auch an Dinge und Ereignisse, die viele Jahre zurück liegen. Bei mir sind dies beispielsweise:

Die Moldau von Friedrich Smetana. Noch heute gehört der Zyklus Mein Vaterland, dessen zweites Stück Die Moldau ist, zu meinen Favoriten klassischer Musik. Wir analysierten Die Moldau während der Grundschulzeit im Musikunterricht bis ins Kleinste; höre ich sie heute, habe ich noch immer die beiden Quellen, die Jagdszene und die Bauernhochzeit vor Augen.

Song For Guy von Elton John. Hierzu muss ich etwas weiter ausholen. Seit frühester Jugend empfinde ich Abscheu gegen meine Teilnahme an Sportarten, bei denen man siegen muss, insbesondere wenn dabei ein Ball in, durch oder über ein Netz zu bewegen ist. Dieser Widerwille hielt meine Eltern nicht davon ab, ihr Kind jeden Freitag zum Volleyballtraining des CVJM Bielefeld-Stieghorst zu jagen, auf dass es sich bewege. (Hat nix genützt, aus dem Kind wurde später ein Beamter, vielleicht aus Trotz.)

Schon am Freitagmorgen graute mir, die Unlust wuchs mit jeder Stunde und mit ihr die Hoffnung, sie könnten es heute mal vergessen und mir die ungeliebte Leibesertüchtigung ersparen, doch nichts da: Pünktlich um halb sechs wurde ich aus dem Haus gescheucht mit Turnbeutel und mürrischem Gesicht sowie den begleitenden Worten „Geh nur, das tut dir gut“. Tat es indes überhaupt nicht: In der ersten Stunde wurde Pritschen und Baggern geübt, immer hin und her, der Uhrzeiger an der Turnhallenwand schien festgeklemmt; die zweite Stunde verbrachten wir auf dem Feld: Aufschlag, eins-zwei-drei, Pass, Rotation. Hier versagte ich völlig, bekam die Bewegungsabläufe nicht koordiniert, häufig lag es an mir, wenn der Ball auf unserer Seite zu Boden schlug wie Fallobst im Spätsommer. Zudem fehlte mir jeder Ehrgeiz, an meinen Fertigkeiten etwas zu ändern.

Wenn dann jedoch der Schlusspfiff ertönte und der Trainer „Feierabend für die Jungschar“ rief, begann meine Versöhnung mit der Welt, jedenfalls für die nächsten sieben Tage. Zu Hause erwartete mich die Badewanne – in meiner Kindheit und unserer Familie war das tägliche Brausebad noch nicht üblich, stattdessen badete man, und das auch nicht täglich -, danach gab es Abendessen mit der Familie. Meine Mutter kaufte freitags auf dem Markt immer Rinderfilets, mit Speck ummantelt, die schmeckten nach durchlittener körperlicher wie seelischer Pein besonders gut. Spätestens dann war alles wieder gut, die Schmach des Schlachtfeldes vergessen und der Körper noch aufgeheizt von des Bades wohliger Wärme.

Ja – und immer dann, kurz bevor das Essen auf den Tisch kam, spielten sie im Radio dieses wunderbare Klavierstück, das mit nur wenig Text auskam, jeden Freitagabend, ich weiß nicht mehr warum, vermutlich war es die Erkennungsmelodie einer Radiosendung. Wann immer ich heute noch dieses Lied höre, sitze ich wieder am Küchentisch und lasse mir die wunderbaren Rinderfilets schmecken. Song for Guy – ein Lied für mich.

Verschiedene Songs der Achtziger, zum Beispiel Shout von Tears For Fears, I Want To Know What Love Is von Foreighner, The Power Of Love von Frankie Goes To Hollywood oder Freedom von Wham! versetzen mich zurück in die Zeit, als ich zum ersten Mal so richtig schrecklich und unglücklich verliebt war.

Ninteen Forever von Joe Jackson und Sewing The Seeds Of Love von Tears For Fears waren Songs aus der Zeit meines Coming Out (auch so ein Wort, für das ich eine angemessene deutsche Entsprechung vermisse, muss ich mal drüber nachdenken, aber nicht jetzt. Erinnern Sie mich gerne gelegentlich.)

Das Album Whats The Story – Morning Glory von Oasis (auch nach ihrer Auflösung für mich die größte Band aller Zeiten, und wer weiß, vielleicht vertragen sie sich eines Tages wieder) erinnert mich an die Zeit, als ich mit meinem ersten Freund zusammen war. Das hielt zwar nur eineinhalb Jahre, aber ich möchte die Zeit nicht missen. Gut, das letzte halbe Jahr vielleicht schon, aber das ist wieder ein anderes Thema.

Bittersweet Symphony von The Verve war unser Lied, als ich den Liebsten kennen lernte, der es auch heute, nach zwanzig Jahren, noch mit mir auszuhalten scheint, gar nicht bittersüß.

You Get What You Give von den New Radicals lässt mich zurück denken an die Zeit, als ich nach Bonn zog, wo ich noch immer lebe und nie wieder weg möchte.

Die Aufzählung ließe sich noch lange fortsetzen, allein die Songs in meiner iTunes-Liste, die mich an diverse glückliche und unglückliche Lieben erinnern, würden mehrere Seiten füllen. Wohl jeder könnte eine solche Liste seiner Songs anlegen, ob es nun um die Liebe geht oder andere mehr oder weniger erfreuliche Ereignisse. Ja, es stimmt schon: Musik ist ein sehr stabiler Erinnerungsspeicher. Besonders prägend sollen die Songs sein, die man zwischen sechzehn und dreiundzwanzig Jahren regelmäßig gehört hat, las ich mal. Für mich kann ich das bestätigen.

Und doch: Intensiver als Musik es vermag, tangieren mich Gerüche, wecken sie oft völlig überraschend und unvermittelt alte Erinnerungen.

Ich rieche die Ausdünstungen von Bahnschwellen, schon spiele ich als Kind wieder am Bahndamm bei meinen Großeltern in der Nähe von Göttingen. (Hier mischte sich noch Jauchegeruch vom nahen Bauernhof dazu, gleichwohl würde ich meine Kindheit als glücklich bezeichnen.) Ich rieche (und schmecke) Erbsen frisch aus der Schote vom Strauch, schon streife ich wieder durch Omas Gemüsegarten. Kein Dosengemüse könnte das bewirken.

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Das Aroma von Kuhdung versetzt mich zurück in die Sommerferien, die wir oft im Allgäu verbrachten. Die Duftkombination von Kuhfladen und frischem Heu gehört zum Allgäu wie salzige Seeluft zur Nordsee und Lavendelduft zur Provence.

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Der Geruch eines bestimmten Kunststoffs erinnert mich an glückliche Stunden, die ich spielend mit meiner LGB-Modelleisenbahn verbrachte; genau so rochen die Loks und Wagen, wenn ich sie neu aus der Packung nahm.

Begegne ich jemandem, der ein bestimmtes Parfüm aufgelegt hat, rieche ich sofort meinen damaligen Freund.

Der Geruch nach nassem Hund erinnert mich an das Haus der Schwiegereltern, als Ayka, der Labrador des Liebsten, noch lebte. (Trotzdem ist genau dieser Geruch einer der zahlreichen Gründe, aus denen ich keinen Hund im Haus haben möchte.)

Tulpenduft versetzt mich in die Frühlinge meiner Kindheit im Garten des Elternhauses, frisch gemähter Rasen in die Sommer ebendort.

Der Geruch der Braunkohlebriketts, die ich im Winter in unseren Ofen stecke, erinnert mich daran, als ich das erste Mal – ebenfalls im Winter – kurz nach der Wende in der DDR war.

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Auch diese Liste könnte ich weiter fortsetzen.

Im Gegensatz zu Musik sind Gerüche nicht konservier- oder aus dem Netz herunterladbar, was bei vielen Gerüchen eher ein Segen ist, deswegen kann ich Ihnen hier leider nicht mit Kostproben dienen. Allein das schon macht Gerüche zu etwas besonderem. Oder wie der Berliner sagt: Dufte, wa!

Selbstverständlich

Letzte Woche wurden drei Bankkunden zu Geldstrafen verurteilt, weil sie einem bewusstlos im Vorraum der Bank liegenden Rentner nicht geholfen hatten, sondern ihn ignorierten, scheinbar gleichgültig ihr Geld aus dem Automaten zogen und wieder verschwanden. Erst ein weiterer Kunde hatte nach Hilfe gerufen – zu spät, der Rentner starb wenig später.

„Richtig so, was sind das nur für Menschen“, so in etwa die allgemeine Empörung über den Vorfall, man beklagt die zunehmende Verrohung der Gesellschaft, und so weiter. Selbstverständlich hätte jeder andere dem Rentner geholfen, schließlich hat doch heute jeder ein Telefon in der Tasche. Wie kann man nur so herzlos und egoistisch sein.

Wirklich selbstverständlich?

Einige der Beklagten gaben an, sie hätten den Rentner für einen Obdachlosen gehalten, der im Bankvorraum seinen Rausch ausschläft. Das ist natürlich ein schwaches Argument. Hat ein Mensch weniger Anspruch auf Hilfe, weil er obdachlos ist? Und doch: Wie oft habe ich schon beim Geldziehen Obdachlose im Automatenraum angetroffen, gerade im Winter. Oft schlafen sie, in einem fleckigen, abgerissenen Schlafsack, daneben ihre Habseligkeiten in Discounter-Plastiktüten. Habe ich mich jemals nach ihrem Wohlbefinden erkundigt, auch nur darüber nachgedacht, ob sie vielleicht akut Hilfe benötigten? Ich gebe zu: nein. Vielmehr war ich froh, wenn sie schliefen und mich nicht stattdessen um etwas Kleingeld anhielten.

Nun soll der Rentner schon äußerlich nicht dem Erscheinungsbild eines Obdachlosen entsprochen haben: saubere Kleidung, keine Plastiktüten, kein strenger Geruch; zudem lag er nicht zurückgezogen in einer Ecke des Raumes, sondern direkt vor dem Geldautomaten, so dass die Kaltherzigen, wie auch die Bilder der Überwachungskamera zeigen, über ihn hinweg steigen mussten, um ihre Geschäfte zu erledigen.

Vielleicht war es dieses diffuse Warum-ich-Gefühl: Womöglich hat der Mann ja eine ansteckende Krankheit. Oder: Wie war das nochmal mit der stabilen Seitenlage? Der Erste-Hilfe-Kurs liegt schon so lange zurück, wie schnell macht man was verkehrt. Außerdem kommt bestimmt gleich einer, der genau weiß, was zu tun ist. Und ich muss ja auch noch meinen Bus erreichen.

Hätte ich geholfen? Ja bestimmt. Wahrscheinlich. Vielleicht. Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht.

Letzten Samstag hatte ich eine Stunde Aufenthalt auf dem Karlsruher Hauptbahnhof. Da es mich nach einer Zigarette gelüstete, ging ich den Bahnsteig ab bis zum Raucherbereich am Ende. Während des Rauchens entdeckte ich eine einsame große Tasche neben einer Sitzbank, kein Mensch weit und breit. Jeder weiß: Sowas muss man in Zeiten erhöhter Terrorgefahr melden. – Ich hatte bereits über fünf Stunden Bahn- und Busfahrt hinter und noch zweieinhalb vor mir. Wenn ich jetzt diese – wahrscheinlich harmlose – Tasche meldete, wurde vielleicht der Bahnhof auf unabsehbare Zeit geräumt, kein Zug würde mehr abgehen, ich käme Stunden später nach Hause, wenn überhaupt noch an diesem Tag. Außerdem: Warum sollte ein Attentäter seine Bombe ausgerechnet ganz am Ende des Bahnsteigs platzieren, wo sie vielleicht Sachschäden anrichtet, aber nur wenige Menschen trifft, wenn überhaupt welche?

Ich meldete die Tasche nicht, stattdessen zog ich mich nach der Zigarette in die Bahnsteigmitte zurück für den Fall, dass das Ding doch hochging, und freute mich, als mein Zug pünktlich abfuhr. Offenbar lag ich mit meiner Annahme über die Harmlosigkeit der Tasche richtig, jedenfalls habe ich später nichts von einem Bombenalarm in Karlsruhe gehört.

Und doch weiß ich: Es war grundfalsch, feige und höchst egoistisch von mir, die Tasche nicht zu melden. Dafür schäme ich mich.

Kindlos glücklich

„Willst du denn keine Kinder?“, fragen sie mich manchmal, und ich antworte aus voller Überzeugung: Nein, will ich nicht. „Warum denn nicht?“ fragen sie mich dann mit einem Blick, als hätte ich bekanntgegeben, mich bevorzugt von Einhörnern und Katzenbabys zu ernähren. – Nun, wie erkläre ich meine unpoluläre Haltung zum Nachwuchs: Es gibt mehrere in meinen Augen triftige Gründe, keine Kinder zu wollen.

Erstens: Ich kann mit Kindern nichts anfangen, sie sind für mich Wesen von einem anderen Planeten. Es gelingt mir nicht, mit ihnen in eine Interaktion zu treten, und wenn mir in der Bahn ein Kind gegenübersitzt, mich mit großen Augen anstarrt und immer wieder dieselbe Melodie singt, während es vom Vater oder der Mutter daneben ermahnt wird, den Mann nicht mit den Füßen ans Knie zu treten, wechsle ich lieber den Platz, als dass ich so etwas sage wie „Aber das macht doch nichts. Wie heißt du denn?“

Zweitens: Zurzeit leben rund siebeneinhalb Milliarden Menschen auf dieser Welt, Tendenz steigend. Das sind jetzt schon mehr, als die Welt verkraften kann. Dieser Vermehrung möchte ich durch eigenen Fortpflanzungstrieb nicht Vorschub leisten.

Drittens: Ich fürchte, unsere gewohnte „westliche“ Lebensweise in Frieden und weitgehender Freiheit ist ein Auslaufmodell. Die Entwicklungen in den USA, der Türkei, Polen, Ungarn, Großbritannien, Nordkorea und einigen weiteren Ländern sowie das zunehmende Erstarken der Rechten und die Zunahme religiös motivierter Gewalt deuten darauf hin. Wenn ich Glück habe, muss ich die großen Umwälzungen selbst nicht mehr miterleben. Für meine Kinder könnte ich das nicht garantieren.

Viertens: Ich kann ein Glas Wein trinken, Zigaretten rauchen und rote Fußgängerampeln ignorieren, ohne meiner Brut ein schlechtes Vorbild zu sein (für die Erziehung fremder Kinder bin ich nicht zuständig). Und ich kann am Wochenende ausschlafen, so lange wie ich will!

„JA ABER:“

„Kinder sind deine Altersversorgung!“ – Ich gebe zu, das ist ein gutes Argument. Jedoch setzt dies voraus, dass meine Kinder eine sozialversicherungspflichtige Arbeitsstelle finden. Angesichts zunehmender Job-Miniaturisierung, „Freelancertum“ und sonstiger Errungenschaften der vielgepriesenen Digitalisierung bin ich mir dessen nicht sehr sicher.

„Willst du euren Stammbaum nicht fortsetzen?“ – Das ist nun wirklich das geringste Problem. Richtig, ich bin der Letztgeborene unserer Familie, und mit meinem Tod wird die Linie abreißen. Na und? Die Welt wird es überstehen. Der Familienname wird dennoch weiterbestehen, sogar an prominenter Stelle in Schleswig-Holstein, wenn auch ohne verwandtschaftliche Verbindung, jedenfalls ist mir keine bekannt.

„Du warst doch auch mal Kind.“ – Das ist richtig, ich bin es sogar noch heute, jedenfalls so lange meine Mutter lebt, also hoffentlich noch lange.

„Kinder zu haben ist das größte Glück, dagegen verliert alles andere an Bedeutung.“ – Mag sein, dass das für euch so ist; für mich zweifle ich sehr daran. Während der Satz „XY wird Papa“ bei euch Freude oder womöglich Neid auslöst, denke ich nur: Der Arme. Im Gegenteil, ich bin glücklich ohne Kinder und ohne den Wunsch, welche zu haben. Ansonsten fehlt es mir an nichts, Danke.

Übrigens gilt vorstehendes grundsätzlich auch für Hunde, nur dass ich mir durchaus vorstellen kann, Hundefleisch zumindest einmal zu probieren; zudem dürfte der Beitrag des Hundes an meiner Altersversorgung gering sein, selbst wenn er vollzeit berufstätig wäre. Andererseits würde ich mein Kind vermutlich nur in Ausnahmefällen an Laternenpfähle pinkeln und in fremder Leute Vorgarten kacken lassen.

Im Wald

Bevor ich zu meinem eigentlichen Anliegen komme, möchte ich meiner Freude darüber Ausdruck verleihen, heute als 50. Abonnenten meiner bescheidenen Zeilen Frau Schwarzbrot begrüßen zu dürfen. Seien Sie herzlich willkommen!

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Nun aber:

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Im Wald

Im Wald, da sind die Räuber, so ein altes Volkslied kündet,

auch Räuber Hotzenplotz man dort in seiner Höhle findet.

Nun wissen wir aus Fernsehen, Funk, des Netzes Offenbarung,

oder, im allerschlimmsten Fall, aus eigener Erfahrung:

Der echte Dieb verschmäht den Wald, denn dort ist nichts zu holen.

(Es sei denn, er ist Nesträuber und frisst die Brut der Dohlen.)

 

Die wahren Gauner sind bei uns, in Stadt und auf dem Land.

Sie rauben, was uns lieb und wert. Nicht nur den Diamant.

Doch heute kommen sie nicht nur durch Fenster oder Tür:

Auch holst du sie, per Mausklick, App, tagtäglich heim zu dir.

Sie wollen nicht dein Hab und Gut, man achte auf den Stern*,

sie wollen deine Daten nur. Du Trottel gibst sie gern.

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* Sie gehören auch zu den Menschen, die die Kenntnisnahme der Datenschutzbestimmungen von Amazon, Google, Facebook, Payback und wie sie alle heißen meistens ungelesen bestätigen? Zugegeben, ich auch. Et hätt noch emmer joot jejange, so Artikel 3 des Rheinischen Grundgesetzes.