Woche 35/2026: Ohne größere Anstrengung bei farbenfrohem Wetter

Hinweis: Der folgende Wochenrückblick kann Wiederholungen in Text und Bild zu Vorjahren enthalten. Hierfür bitte ich um Verständnis.

Montag: Der Rosé des Vorabends wirkte etwas nach. Deshalb begab ich mich nach dem Frühstück zunächst zum Lesen mit dem Liegestuhl in den Zypressenschatten im Garten. Dort wachsen zurzeit seltsame braune Kugeln aus dem Boden, die (zum Glück nur optisch) eine gewisse Ähnlichkeit mit den Hinterlassenschaften von Pferden aufweisen. Wie das allwissende Netz erklärt, handelt es sich dabei um Exemplare des Gemeinen Erbsenstreulings, einer Pilzart.

Pisolithus arhizus

Mittags fuhren wir mit dem Bus nach Vaison-la-Romaine, wo der Liebste bei einem Fahrradverleih Räder reserviert hatte, etwa zum halben Preis wie die örtlichen Anbieter hier in Malaucène. Die Rückfahrt war trotz elektrischer Unterstützung anstrengend, da es wieder heiß geworden ist, dazu blies permanent warmer Gegenwind aus Süden. Aber man kann ja nicht zwei Wochen nur im Liegestuhl verbringen. Wobei: warum eigentlich nicht?

Gegen Abend wurde der Wind stärker und es bewölkte sich. Dabei wurde ein interessantes Schauspiel geboten: Während sich die oberste Wolkendecke gemächlich in Richtung Norden schob, zogen die Wolken darunter schneller nach Westen. Im Osten über dem Mont Ventoux verdunkelte sich der Himmel. Der angekündigte Regen traf etwas früher ein als erwartet und nötigte uns mit gegrilltem Abendessen unter das Dach der Terrasse, von wo aus wir gute Aussicht auf die Gewitter hatten, die mit beeindruckenden Blitzen südwestlich vorbeizogen.

Nicht ganz geglückter Versuch eines Blitzbildes

Dienstag: Die Gewitter brachten wenigstens vorübergehend etwas Abkühlung mit sich, die beim Frühstück ein leichtes Jäckchen erforderte, jedenfalls wenn man so fröstelig ist wie ich.

Nach dem Frühstück fuhren wir (mit dem Auto) nach Vaison, um dort auf dem Wochenmarkt Austern und anderes Meeresgetier zu kaufen. Der Markt war stark besucht, nur langsam bewegten wir uns mit den anderen Menschen, Kinderwagen und Hunden durch die schmalen Straßen, gesäumt von Ständen, die Textilien, Taschen und sonstigen Tinnef aller Art feilboten. In der Menge vor uns rief ein Mädchen ungefähr im Dreisekundentakt „Martine!“, offenbar war im Gewühl jemand verloren gegangen. Immer wieder blieben vor uns welche stehen, um die angebotenen Waren zu betrachten oder auf ihr Datengerät zu schauen, während ich befürchtete, von hinten einen Kinderwagen in die Hacken geschoben zu bekommen. Beim Fischhändler waren Austern aus, die erstanden wir später in erforderlicher Anzahl (für abends erwarteten wir Besuch) im Supermarkt.

Nach Rückkehr erledigte ich die Entsorgung von Abfall und Altglas, verband dies mit einem angenehmen Spaziergang. Auch im Urlaub darf die Erfüllung notwendiger Pflichten nicht vernachlässigt werden.

Mittwoch: Die erste größere Radtour des Urlaubs führte in die nördliche Umgebung über Entrecheaux, Mollans-sur-Ouvèze bis zum ehemaligen Eisenbahntunnel bei Pierrelongue, wo die örtliche Gastronomie aufgrund seltsamer Öffnungszeiten von Donnerstags bis Montags leider geschlossen war. Zurück ging es durch das Tal des Toulourenc und über den Berg zurück nach Malaucène. Die Parkplätze am Toulourenc, einem kleinen Fluss hinter dem Berg mit augenscheinlich hohem Erholungswert bei Touristen wie Eingeborenen, waren die Parkplätze belegt, was mehrere Fahrzeuglenker, auch Deutsche unter den Irren, nicht davon abhielt, auf der schmalen Straße nach Malaucène darauf zu warten, bis ein Platz frei wird, so dass man gerade so mit dem Fahrrad vorbeikam, jedoch keine anderen Kraftfahrzeuge. Zum Glück nicht unser Problem. Auch wenn ich mich wiederhole: In dieser Berg-und-Tal-Gegend begeistert mich die elektrische Unterstützung am Fahrrad immer wieder.

Kurz vor dem Ziel. Hinten der Tunnel der ehemaligen Schmalspurbahn von Orange nach Buis-les-Barronnies
Über den Berg

Die vergangene Woche noch vermisste Urlaubsstimmung ist inzwischen vollständig eingetroffen.

Donnerstag: Ein ruhiger Urlaubstag ohne Aktivitäten außerhalb des Grundstücks, das wir nicht einmal für ein Nachmittagsgetränk unten im Ort verließen. Es ist zu warm. Bereits gestern Abend deutete sich das an, als wir im Restaurant waren und mir erst dort auf der Außenterrasse einfiel, dass ich mein Jäckchen vergessen hatte, das ich an den Vorabenden bei Einsetzen der Abendkühle gerne überzog. Gestern brauchte ich es nicht; auch als wir wieder zurück waren bei unserem Haus, wo es üblicherweise etwas kühler ist als unten in Malaucène und den Tagesabschlussrosé öffneten, blieb es überraschend mild. Heute liegt eine drückende Schwüle über dem Land, der Himmel ist dunstig von Saharastaub, die Berge gegenüber erscheinen zunehmend schemenhafter, aus Süden bläst warmer Wind durch die Bäume neben dem Haus. Laut Vorhersage steht eine warme Nacht bevor, für morgen werden Gewitter erwartet.

Stattdessen, Sie ahnen es, verbrachte ich wieder längere Zeit im Liegestuhl lesend. Nachmittags nahm ich mir nach monatelanger Untätigkeit daran mal wieder die Romanbaustelle vor. Die Geschichte (was mit Eisenbahn, Leben und Sterben und gänzlich ohne Liebeswirren bzw. Kopulationsdrängen) gefällt mir gut, sie erscheint mir auch schlüssig. Einziges Manko: Der Umfang beträgt bislang nur knapp dreißig Seiten und ich habe keine Idee, wie ich ihn auf romanübliche ein- bis zweihundert Seiten ausdehnen kann.

Für heiße Sommertage haben Haus und Grundstück zwei große Vorzüge: erstens drinnen eine Klimaanlage und zweitens draußen ein Schwimmbecken, von dem wir nachmittags Gebrauch machten und das dank blickgeschützter Lage bedenkenlos auch ohne Badehose beplanscht werden kann. Ich bitte um Verständnis, davon keine Bilder zu zeigen, um die Bevölkerung nicht unnötig zu beunruhigen, oder wie der frühere Innenminister Thomas de Maizière, ich weiß nicht mehr, aus welchem Anlass, das mal ausdrückte.

Gleich muss ich grillen und die vom Dienstag übrig gebliebenen Austern knacken, denn, wie der Liebste es ausdrückt, ich bin nicht nur hier zum Lesen und Austernschlürfen.

Liegestuhlperspektive vormittags
Saharadunst abends

Freitag: Die erwarteten Gewitter äußerten sich – jedenfalls hier – nur durch gelegentliches Grummeln in den frühen Morgenstunden und im Laufe des Vormittags. Nächtlicher Regen hinterließ bräunlichen Belag auf der Tischplatte vor dem Haus. Bis in den Nachmittag zogen dunkle, tiefliegende Wolken über die Gegend, die immer wieder einige Regentropfen abließen, deswegen wurde das Frühstück auf die überdachte Terrasse verlagert, wo wir danach vorläufig blieben.

Am späteren Nachmittag blaute der Himmel auf und die Sonne zeigte sich. Das veranlasste uns zu einer spontanen, kleinen Radtour in die nähere Umgebung durch Beaumont-du-Ventoux, Des Valettes und Sainte-Marguerite, die sich gut mit einem Abendanfangsbier in Malaucène verbinden ließ. Plötzlich war dann schon wieder Apérozeit und ich hatte bis dahin während des gesamten Tages nicht eine Sekunde lang auch nur eine Andeutung von Langeweile empfunden.

Mittags
Nachmittags
Apéro
Abendglimmen

Samstag: Auch heute unternahmen wir eine Radtour: über Le Barroux, Baumes-de-Venise, Lafare und Suzette, zurück nach Malaucène über den Col de la Chaine, wo die Lavendelfelder längst abgeerntet sind. (Das müssen Sie sich nicht alles merken oder gar auf einer Karte nachvollziehen, es wird nicht später abgefragt. Es dient nur der persönlichen Chronik, wenn ich es später nochmal nachlese.)

Kurz vor Suzette wird es sehr steil, dort mussten die Fahrräder zeigen, was sie können, auf einer Strecke von wenigen Kilo-, vielleicht auch nur Hundertmetern sank die Akkufüllung um mehr als zwanzig Prozent. Dabei ließ es sich ohne größere Anstrengung fahren. Nur die Arretierung meines Sattels hatte sich gelockert, vielleicht habe ich in den letzten Tagen an Gewicht zugelegt; er sank immer tiefer in den Rahmen ein, mit dem beigefügten Werkzeug ließ er sich nicht befestigen. Nach Rückkehr in Malaucène suchten wir eine der hier zahlreichen Fahrradwerkstätten auf, mit wenigen Handgriffen und gezielten Hammerschlägen wurde das Problem behoben, sogar gratuitement. Mit einem Scheinchen in die Kaffeekasse (oder wie das in Frankreich heißt) zeigte ich mich erkenntlich.

Auch wenn ich mich wiederhole, da sich auch die beschriebene Empfindung nach all den Jahren, in denen wir hier schon unsere Urlaube verbringen, stets wiederholt, ist es mir ein Bedürfnis, es nochmals aufzuschreiben: die beglückende Harmonie der Farben an solchen Tagen – die unterschiedlichen Grüntöne der Pinien, Kiefern, Eichen, Zypressen, Weinreben, Olivenbäume, Obstplantagen und was sonst noch fleucht; das Beige-Grau der Felsen und Steinmauern; die rötlichen Ziegeldächer und ocker-beigen Wände der alten Häuser; das Blau-weiß des Himmels über all dem. Im Frühsommer kommt noch das Violett der Lavendelfelder hinzu. Was ich auch schon mehrfach fragte: Bleibt das Entzücken ob dieser Schönheit bestehen, wenn man dauerhaft hier lebt? Auch hier gibt es einen Alltag mit seinen Verzwickungen und Prioritäten, die sich irgendwann über alles legen. Vielleicht freut man sich dann über zwei Wochen am Rhein mit Siebengebirge, Bonner Südstadt und Godesberger Villenviertel genauso.

Farbenspiel I
Farbenspiel II
Unsere Rechnung nach dem Abendessen in Beaumont-du-Ventoux

Sonntag: Bei weiterhin farbenfrohem Wetter unternahmen wir eine Ausfahrt nördlich des Mont Ventoux und über ihn zurück, aus Zeit- und Bequemlichkeitsgründen mit dem Auto statt Fahrrädern. Ich weiß, zahlreiche Menschen machen in dieser Gegend Urlaub, gerade um mit dem Fahrrad über diesen Berg zu fahren, und zwar ohne elektrische Unterstützung; ein Kollege von mir bezwang den Gipfel an einem Tag gleich dreimal. Eine Freizeitbeschäftigung, die meiner Welt in etwa so fremd ist wie ungesichert in Felswänden zu klettern, nach Haien zu tauchen oder Fußballkucken. Ein jeder wie er mag. Während der Abfahrt kam uns ein Auto entgegen mit Fahrrad am Heck befestigt. Vielleicht erzählt der Fahrer nächste Wochen den Kollegen, er sei im Urlaub mit dem Fahrrad über den Mont Ventoux gefahren, gelogen wäre es nicht.

Die Fahrt führte (wieder nur für die Chronik) über Entrechaux, Eygaliers mit Abstecher nach Plaisans, Brantes, Montbrun-les-Bains, wo wir in einer Creperie kurze Einkehr hielten, und Sault, ab da über den Mont Ventoux zurück nach Malaucène. Bei manchen Orten wie Brantes und Montbrun ist man versucht, den Gründern zu unterstellen, die Häuser wären nur pittoresk an die Hänge geheftet worden, damit später daraus Motive für touristische Ansichtskarten und Instagram-Beträge entstehen.

Brantes
Montbrun-les-Baines

Während der Fahrt über den Berg sahen wir nie zuvor so viele vor allem ältere Radfahrer, die auf den letzten Kilometern vor dem Gipfel, die steil durch schattenlose Schotterwüste führen, ihr Rad schoben; vielleicht hatten sie ihre Kräfte etwas überschätzt. Der Gipfel war voll von Menschen und Fahrzeugen, deshalb hielten wir gar nicht erst an. Ansonsten offenbarte die Fahrt wieder Einblicke in Abgründe menschlichen Verkehrsverhaltens, egal ob zu Rad, Motorrad oder Auto. Es wird ohne Helm zu Tal gerast, möglichst mit Pedalieren statt zu bremsen, es wird gedrängelt und vor unübersichtlichen Kurven überholt, als ob es irgendeinen Vorteil brächte.

Gipfel des Mont Ventoux in Sicht
Gipfelblick

Nach Niederschrift dieses Eintrags begebe ich mich wieder in den Garten unter die Zypressen und freue mich, mit dem Liebsten weitere fünf Tage (Samstag ist Abreise, der zählt nicht mit) in dieser wunderschönen Gegend verbringen zu können, auch wenn meine Beine von Mücken zerstochen sind. Irgendwas ist ja immer.

***

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche.

18:00

Woche 34/2026: Ein kollektives „Endlich“

Montag: Was sich als Thema für Smoltok bewährt hat, gilt für Blogs gleichermaßen: Wetter geht immer. Die große Hitze scheint vorläufig vorüber zu sein, der Tag begann mit Regen, ein allgemeines Aufatmen, ein kollektives „Endlich“ war zu vernehmen.

Da ich ungern mit nassen Hosenbeinen im Büro sitze, fuhr ich nach längerer Zeit mit der Bahn zum Werk, die trotz weiterhin halber Zuglänge und dank Sommerferien nicht sehr voll war. Es bleibt zu hoffen, dass die Stadtwerke es bis zum Ende der Ferien schaffen, wenigstens einen Teil der sechzig immer noch außer Betrieb befindlichen Wagen wieder einzusetzen, auch hier wäre ein „Endlich“ dringend erforderlich.

Bei Ankunft im Turm waren die Jalousien am gesamten Gebäude weiterhin herabgelassen und sie ließen sich nicht hochfahren. Mein Anruf bei der Haustechnik wurde freundlich aufgenommen, man gebe es weiter. Nach dem Mittagessen ein weiterer Endlich-Moment: Sie fuhren hoch und erlaubten nach einer Woche im abgedunkelten Büro wieder den ungehinderten Blick nach draußen, was der Arbeitslust zuträglich war.

Mittags drang durch die geöffneten Fenster leichter Brandgeruch ein. Der große Waldbrand im Hohen Venn ist auch in Bonn präsent.

Da es nachmittags wieder trocken war, endete der Arbeitstag außerplanmäßig mit einem Fußmarsch nach Hause, heute ohne Weggetränk.

Dienstag: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Schirme. Da ich einen guten, recht großen habe, konnte mich der leichte Regen am Morgen nicht vom Fußweg ins Werk abhalten. Das war sehr erbaulich.

..

Während des Mittagessens in der Kantine saß in meinem Blickfeld ein junger Kollege in alterstypischer Speisehaltung: links die Gabel, rechts das Datengerät, von dem er auch nicht abließ, als er fertig gegessen hatte und das Tablet zum Rückgabeband trug; auch beim Verlassen der Kantine klebte sein Blick auf dem Display. „Jung und europäisch“ lautete der Schriftzug auf dem Rücken seines T-Shirts. „Und digital versklavt“ rief ich ihm nach, selbstverständlich nur gedanklich.

Mittwoch: Im Berliner S-Bahn-Verkehr kam es morgens wegen einer Signalstörung zu Verzögerungen, ist in der Bonner Zeitung zu lesen. Das mag interessant sein für Menschen innerhalb des hauptstädtischen S-Bahn-Netzes, das ziemlich groß ist, jedoch nicht bis ins Rheinland reicht. Wozu also diese Meldung, sogar mit Bild? Muss das Sommerloch gefüllt werden? Berichtete die Zeitung auch nur im halben Umfang über jede Signalstörung zwischen Lindholm und Lindau, bliebe kein Raum für weitere Nachrichten, was an manchen Tagen vielleicht gar nicht so schlecht wäre.

„Da bin ich wohl ziemlich biased“ sagte einer in einer Besprechung. Vielleicht sagt man das jetzt in sich für modern haltenden Kreisen.

Donnerstag: Der Fußweg ins Werk führt üblicherweise am Groß-Frisiersalon Hagemann vorbei, bei dem auch ich längere Zeit zufriedener Kunde war und vermutlich immer noch wäre, wenn sich nicht inzwischen eine kostengünstigere Alternative in Wohnungsnähe gefunden hätte. Erst heute fiel mir im Vorbeigehen ein: Es ist wohl ein Zeichen von Professionalität, dass sie sich noch nicht umbenannt haben in Haargemann.

Der letzte Arbeitstag vor dem Urlaub endete mit der diffusen Sorge, irgendetwas Wichtiges vergessen zu haben. Das hielt mich nicht davon ab, zu angemessener Zeit den Rechner auszuschalten und im Schreibtischrollcontainer zu verstauen; mit ihm ließ ich auch fast jedes Interesse an all den Dingen, mit denen ich mich sonst von Montag bis Freitag im Büro beschäftige, zurück.

Auf dem Rückweg ging ich in der Fußgängerzone an zwei Greenpeace-Aktivisten vorbei, die augenscheinlich darauf lauerten, arglose Passanten zu belästigen. Obwohl ich direkt auf einen zuging und mich ihm auf weniger als einen Meter näherte, freilich unter strikter Vermeidung von Augenkontakt, sonst hat man bei denen schon verloren, blieb ich unangesprochen. Vielleicht sieht man mir inzwischen an, dass ich in Fußgängerzonen auf keinen Fall von angesprochen werden möchte. Vielleicht stehe ich in Aktivistenkreisen inzwischen auch auf einer Schwarzen Liste, mit Bild und dem Vermerk: Stets freundlich, aber zwecklos.

Zur Feier des Vorurlaubsabends begaben wir uns abends zum Restaurant am Friedensplatz. Auf dem Weg dorthin wurden wir Zeuge, wie ein Straßenbahnwagen aus der Thomas-Mann-Straße mit hoher Geschwindigkeit in den Berliner Platz einfuhr, offensichtlich nachdem er zuvor das Haltesignal missachtet hatte: Wenige Meter vor Erreichen der Fußgängerampel wechselte diese auf grün und die Passanten gingen los, ohne auf die Straßenbahn zu achten, warum auch, sie hatten ja grün. Der Fahrer betätigte die Glocke, ohne die Geschwindigkeit zu drosseln, woraufhin die Fußgänger zurück wichen. Das hätte böse enden können, daher bin ich geneigt, das den Stadtwerken, vielleicht auch der Polizei zu melden. Wagennummer und Uhrzeit habe ich vorsorglich notiert.

Freitag: Erster Urlaubstag. Nach dem Frühstück verließen wir Bonn mit Zwischenziel Beaune im Burgund, von wo aus es morgen weitergeht nach Malaucène. Während der Fahrt las ich (als Beifahrer) unter anderem die im Reader angesammelten Blogbeiträge, die Mitblogger waren wieder fleißig. Gerade als ich zum Blog „es regnet“ kam, schlugen Tropfen auf die Windschutzscheibe und ich sagte zum Liebsten völlig überflüssiger Weise, er sah es als Fahrer ja selbst: Es regnet.

Ansonsten sind auch in Frankreich die Folgen der Hitzewelle und Dürre nicht zu übersehen. Die Wiesen in der Lorraine erstrecken sich trocken-vergilbt über die Kuppen, darauf Kühe, bei denen nicht klar ist, was sie dort tun; grasen kann man es nicht nennen. Bei Dijon fuhren wir an einer beeindruckenden Gewitterfront vorbei, die die Trockenheit auch nicht zu lindern vermochte.

..

Nach sechs Stunden Fahrt erreichten wir unser Stammhotel in Beaune, wo wir wieder wie alte Freunde begrüßt wurden. Es ist überraschend warm hier, nachdem das Thermometer während der Fahrt durch einen Regenschauer zwischenzeitlich fünfzehneinhalb Grad angezeigt hatte.

Hotelfensterblick
Der Chronist im Zustand größerer Zufriedenheit beim ersten Urlaubswein (Foto: der Liebste)

Samstag: Ein weiteres „Endlich“ ergab sich am Nachmittag, als wir Malaucène erreichten. Seit nunmehr zwanzig Jahren fahren wir mindestens einmal im Jahr nach Südfrankreich, seit neunzehn nach Malaucène und immerhin vier in dieses Haus mit dem großen Garten etwas außerhalb des Ortes. Der Himmel ist wolkenlos blau, die Temperatur unter dreißig Grad, im Kühlschrank kühlt Rosé. Zudem ist es hier auffallend grüner als erwartet.

Unsere Herberge im Abendlicht

Ob es Ausdruck guter Urlaubslaune ist weiß ich nicht, jedenfalls, da das mögliche Schadensereignis im Konjunktiv blieb, habe ich mich entschieden, den am Donnerstag beschriebenen Straßenbahnvorfall nicht zur Anzeige zu bringen. Vielleicht war der Fahrer gestresst, weil seine Bahn wegen des bonnüblichen Verkehrsgewühls bereits erhebliche Verspätung hatte und er deshalb von der Leitstelle angemahnt wurde, vielleicht braucht auch er Urlaub.

Sonntag: Einer guten Tradition folgend verbrachte ich den ersten Tag in Malaucène ohne größere Aktivität im beschatteten Liegestuhl. Ein angenehm warmer Windhauch streicht unter weiterhin blauem Himmel durch die Bäume und lässt deren Blätter rauschen, aus der Küche kommt leise Radio Nostalgi, in Hörweite hinter mir geht ein nervöses Insekt seinem Tagesgeschäft nach, ohne mein Nichtstun zu stören. Während der Niederschrift dieser Tagesnotiz testet der Liebste die Wassertemperatur der Piscine, wahrscheinlich mache ich das später auch noch. Auf all das habe ich mich seit Wochen gefreut, was auch diesen Tag mit einem „Endlich“ versieht. Dennoch will die gewohnte Urlaubsstimmung noch nicht so recht eintreten. Das kommt bestimmt noch.

***

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche.

16:30

#WMDEDGT im Oktober: Wolkenlos blau

Am Fünften eines jeden Monats ruft die geschätzte Mitbloggerin Frau Brüllen zur Pflege der Tagebuchblogkultur auf. Dann schreibt der geneigte Teilnehmer etwas zur Frage „Was machst du eigentlich den ganzen Tag?“, kurz #WMDEDGT, und verlinkt es hier.

***

Bereits um kurz nach halb neun beschlossen wir, wach zu sein, nachdem wir am Vorabend früh, wirklich sehr früh das Bett aufgesucht hatten, um noch etwas zu lesen und uns dann von der Anreise und der Erkältung zu erholen. Letztere scheint langsam abzuklingen, das ist gut. Die letzte ihrer Art hatte mich wochenlang begleitet.

Der Mistral hat gestern den Himmel wolkenlos blau gepustet, heute weht nur noch leichter Wind. Für ein Frühstück am großen Tisch vor dem Haus war es morgens noch zu kühl, deshalb deckte ich den Tisch in der Küche, begleitet von Radio Nostalgi, derweil der Liebste für den Erwerb von Baguette und den ersten Morgenkaffee in der Bar runter in den Ort gefahren war. – Nur weniges schmeckt so gut wie das erste Frühstück am Urlaubsort.

Wolkenlos blau

Nach dem Frühstück gingen wir runter in den Ort für ein paar weitere Einkäufe, unter anderem ein Grillhähnchen für das Abendessen und eine Flasche Tavel-Rosé. Anschließend fuhr der Liebste in den Supermarkt nach Vaison.

Ich blieb am Haus und suchte den idealen Standplatz für den Liegestuhl, was mehrerer Umpositionierungen bedurfte: In der Sonne war es zu warm, im Schatten zu kalt, erst im Halbschatten unter dem Dach der Terrasse war ich zufrieden. Dort las ich auf dem Tablet die Bonner Tageszeitung zu Ende, weiterhin in den Blogs sowie – nicht auf dem Tablet sondern auf Papier, da, und nicht nur da bin ich altmodisch – im Buch „Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne“ von Saša Stanišić, das mehrfach in den Medien recht positiv bewertet wurde. Meine Begeisterung nach den ersten zwei Geschichten hielt sich noch in Grenzen, ab der dritten begann es, mir zu gefallen.

Da der Appetit noch immer nicht auf ein mehrgängiges Menü im Restaurant ausgerichtet ist und die Lieblingspizzeria ein paar Tage geschlossen hat, essen wir heute inwärts. Zur Begleitung des mittags erworbenen Grillhähnchens wurde ein weiteres Baguette benötigt. Dazu gingen wir nochmals ins Dorf, wo wir schon mal da waren, stärkten wir uns vor dem beschwerlichen Rückweg in der Bar des Vertrauens, von Restsonne beschienen, mit zwei Bier. Während der Niederschrift vorstehender Zeilen steht der erste Pastis bereit. Viel mehr passiert heute voraussichtlich nicht.

..

Fazit, zurückkommend auf die Ausgangsfrage, was ich heute gemacht habe: außer Essen, Trinken, Lesen und zweimal in den Ort und zurück gehen nicht viel. Ich bin sehr zufrieden.

Woche 25/2024: Im Schatten der Zypresse

Montag: Auch im Urlaub lese ich die Bonner Tageszeitung, man will ja informiert bleiben. Ein gewisser Martin Kessler ist offenbar ein kluger Mann, denn er schreibt Leitartikel für den General-Anzeiger. In der heutigen Ausgabe nimmt er Anstoß an neuen Regelungen, wonach die Städte künftig mehr Freiraum erhalten, Tempo dreißig anzuordnen. Dazu der kluge Herr K: „Selbst Millionenstädte, die flächendeckend Tempo 30 einführen, leisten damit einen Beitrag zum Klimaschutz, der gegen null geht. […] Die Kommunen wollen Klimaschutz vorantreiben, obwohl das Aufgabe internationaler Konferenzen ist.“ Das ist so ziemlich das Dümmste, was ich in letzter Zeit zu dem Thema gelesen habe. Doch steht K mit dieser Ansicht nicht alleine da. Genau deshalb habe ich keine Hoffnung mehr für das längerfristige Fortbestehen der Menschheit.

Nach spätem Frühstück unternahmen wir eine Radtour von knapp zwanzig Kilometern Länge. Dabei kamen wir an einem instagramtauglichen Lavendelfeld vorbei:

Vielleicht ist es auch Lavandin

Ich könnte es als Statusbild bei Whatsapp verwenden, aber warum sollte ich das tun? Ich meine: Wie verzweifelt vor Langeweile muss man sein, um sich bei Whatsapp den Status anderer Leute anzusehen?

Nach Rückkehr trug ich den Liegestuhl in den Schatten der Zypresse im Garten und holte darin den Tagebucheintrag für gestern nach, nachdem mir das am Vorabend aus Weingründen nicht mehr gelungen war. Danach las ich im SPIEGEL der Vorvorwoche den Artikel über Kafka zu Ende und meine, ich sollte mich doch noch mal daran wagen, von ihm zu lesen.

Währenddessen stutzte ein Motorsensenmann an der Zufahrt zu unserem Haus den Bewuchs. Als er fertig war, setzte sich in Hörweite eine Baumaschine oder ähnliches in Gang und erfreute längere Zeit das Ohr mit Rückwärtsfahrpieptönen. Das zu beklagen wäre unangemessenes Jammern auf höchstem Niveau, es können nicht alle Urlaub haben.

Dienstag: Um fünf Uhr vierzig wurde die Baumaschine oder ähnliches gestartet und sie begrüßte rückwärts piepend den jungen Morgen. Nach Schließen des Fensters, was sich, da man schon mal auf war, mit einem Toilettengang verbinden ließ, gelang noch einmal die Rückkehr ins Reich der Träume.

Der Tag zeigte sich bewölkt mit Sonnenlücken, trocken und warm. Im Gegensatz zu Bonn, wo Regen und Gewitter geplant waren.

Während des Frühstücks erreichte mich per Mail die Mai-Abrechnung von epubli. Demnach wurde ein weiteres Buch verkauft. Vielen Dank an den Käufer oder die Käuferin, sofern er oder sie hier mitliest. Sonst auch.

Nachmittags las ich mich durch die Blogs, die im UberBlogr Webring versammelt sind. Auch dieses Blog ist dort seit geraumer Zeit vertreten. Nach Mailaustausch mit dem Initiator des Rings habe ich inzwischen auch das Prinzip mit den drei Links verstanden, die man auf der eigenen Startseite hinterlegen muss.

Abends grillten wir, so dass ich das Grundstück heute gar nicht verlassen musste. Beim anschließenden Nachtglas schauten wir den zahlreichen Fledermäusen beim Jagen zu. Zwei davon waren einander sehr zugewandt, sie flederten stets umeinander und schienen dabei viel Spaß zu haben.

Apropos Grillen: Der Liebste hörte am späteren Abend in den Bäumen eine Grille zirpen. Ich hörte sie nicht, so sehr ich auch lauschte. Anscheinend ist diese Frequenz meinem Gehör nicht mehr zugänglich. Das wäre ein bisschen schade.

Mittwoch: Der Tag begann schwül-warm. Nach dem Frühstück gingen wir runter in den Ort, wo heute Wochenmarkt war. Dort kauften wir ein Grillhuhn mit Zubehör für das Abendessen, außerdem Tomaten und zwei Flaschen Rosé. Unser Verbrauch an letzterem ist hier wieder recht hoch, was bitte nicht als Prahlerei zu verstehen ist, vielmehr als eher bedenkliche Tatsachenbeschreibung.

Der Rückweg bergauf durch die Mittagshitze war auch ohne vorherigen Roséverzehr recht anstrengend. Nach Ankunft gab es Erdbeeren mit Creme Fraiche und selbstgemachtem Erdbeer-Granité. Ich verzichtete auf zusätzliche Zuckerung. Noch nie habe ich verstanden, warum man die natürliche Erdbeersüße mit Zucker übertünchen muss, aber das ist wohl, wie so vieles, Geschmacksache.

Danach begab ich mich wieder mit dem Liegestuhl in den Zypressenschatten, wo bei leichtem Wind vorstehende Zeilen niedergeschrieben wurden.

Liegestuhlperspektive
Von der anderen Seite

Nachmittags unternahmen wir eine Ausfahrt nach Nyons und zu unserer Lieblings-Domaine in Vinsobres, wo einige Weinkartons eingeladen wurden. Währenddessen fielen ein paar Tropfen Regen, die sandige Flecken auf dem Auto und anderen glatten Flächen hinterließen.

Donnerstag: Während normaler Arbeitswochen denke ich: Wie schön, schon wieder Donnerstag. Hier und heute: Och nö, schon Donnerstag. Man kann es mir wirklich nur schwer recht machen.

Nachdem es gestern Abend begonnen hatte, regnete es die ganze Nacht durch. Da unser Haus, wie üblich in dieser Region, keine Dachrinnen besitzt, läuft das Wasser direkt ab und es erzeugte auf dem Vordach unter dem Schlafzimmerfenster ein als Schlafbegleitung durchaus angenehmes Dauerprasseln.

Nach dem Frühstück, wetterbedingt heute am Esstisch in der Küche statt vor dem Haus, fuhren wir nach Avignon zum Besuch der Markthalle, auch dort bestand auf dem Weg zwischen Parkhaus und les halles Regenschirmerfordernis.

Schließlich, da das Auto schon mal fuhr, fuhren wir nach Piolenc, wo wir direkt beim Erzeuger einen größeren Posten frisch geernteten Knoblauchs erstanden.

Nach Rückkehr zeigte sich das Wetter weiterhin unentschieden, nicht warm und nicht kalt, bewölkt, immer wieder wieder ein paar Regentropfen. Immerhin: Die angekündigten Gewitter blieben bis zum Zeitpunkt des Aufschreibens am frühen Abend aus. Später zeigte sich doch noch die Sonne.

Durch den Dunst wirkte sie eher wie ein etwas überbelichteter Vollmond

Freitag: Der Wecker ging in unurlaublicher Frühe, weil eine Fahrt nach Marseille geplant war. Nicht einfach so mit dem Auto hinein, was in dieser Stadt vermutlich ein noch geringeres Vergnügen ist als Autofahren ohnehin, vielmehr mit der Bahn ab Miramas entlang der Côte Bleue, eine sehr schöne Strecke mit zahlreichen Aussichten auf das bleue Mittelmeer.

Miramas, vor Abfahrt
Kurz vor Ankunft in Marseille Saint-Charles (bei uns hieße das einfach Marseille Hbf)

Auch die gut zwei Stunden in Marseille waren angenehm, die Stadt zeigte sich längst nicht so laut und schmuddelig wie befürchtet. Nur die Straßenbahnwagen sind die hässlichsten, die ich jemals sah.

Vielleicht denkt sich der Designer im Hauptberuf Kaffeemühlen aus
Oberhalb des alten Hafens
Bahnstation Arenc Euroméditerranée. Ein Ort, den man nach Einbruch der Dunkelheit lieber meidet

Den Zug zurück hätten wir fast verpasst. Nicht, weil wir zu spät gewesen wären an der Station Arenc Euroméditerranée, von wo aus wir nach Miramas zurückfahren wollten. Doch als der Zug fast pünktlich eintraf, fiel mir auf, dass es sich um einen Elektrotriebzug handelte. Das konnte nicht sein, die Strecke war größtenteils nicht elektrifiziert, wie mir während der Hinfahrt aufgefallen war. Nach kurzem Zögern stiegen wir dennoch ein, als das Türzuwarnpiepen schon tönte. Das war gut und richtig, mir war nicht bewusst, dass die französische Staatsbahn SNCF Hybridtriebzüge hat, die unter Fahrdraht elektrisch, sonst mit Dieselmotor fahren. Es ist nicht immer von Vorteil, von Dingen Ahnung zu haben, wenn es nur eine Ahnung ist. Der ahnungslose Fahrgast steigt ohne darüber nachzudenken ein und gerät nicht in derartige Bedrängnis.

Meerblick auf der Rückfahrt mit Marseille im Hintergrund. Die Bildstörungen sind den nach Saharastaubregen nicht ganz sauberen Fenstern geschuldet.

Zur französischen Bahn ist anzumerken: Die Züge waren nicht die allerneuesten, aber sauber und pünktlich. Die Bahnhöfe unterwegs wirkten gepflegt, die Bahnhofsgebäude konnten noch zu Wartezwecken betreten werden und waren nicht verkauft oder abgerissen. Und dank einem Sonderticket für diese Strecke kostete die Fahrt für zwei Person nur fünfzehn Euro.

Abends blieben wir zu Hause und grillten. Der am Donnerstag gekaufte Knoblauch ist ausgezeichnet, roh ziemlich scharf. Es wurde nicht besonders spät.

Abendrot I
Abendrot II

Samstag: Vormittags kam der Vermieter und entfernte die Sahara aus dem Schwimmbecken.

„Sternstunden demokratischer Debatten finden oft zu einer Uhrzeit statt, zu der Schichtarbeiter schon im Bett liegen.“ Über den Satz bitte nochmal nachdenken, lieber General-Anzeiger.

In einer Buchbesprechung bezeichnet dieselbe Zeitung die Autorin als „bekennende Berlinerin“. Man kann sich zu vielem bekennen: als Katholik, Eierbechersammler, FDP-Wähler, Fan einer Fußballmannschaft, Alkoholiker, auch in beliebiger Kombination. Aber als Bewohner einer bestimmten Stadt? Entweder man wohnt dort oder eben nicht, das bedarf nun wirklich keines Bekenntnisses. Nicht einmal, wenn man in Bielefeld wohnt.

Mittags unternahmen wir eine kürzere Radtour, bei der sich das Wetter als wärmer erwies als zunächst angenommen. Besser als umgekehrt.

Sainte-Marguerite wirkte um die Mittagszeit verschlafen, machte jedoch nicht den Eindruck, zu anderen Tageszeiten wacher zu sein

Nachmittags schickte der Geliebte aus Bonn beunruhigende Bilder aus unserer Wohnung, die auf einen schon länger vor sich hin schleichenden Wasserschaden unter der Küchenzeile schließen lassen. Freuen wir uns also auf eine größere Baustelle. Aber erst nach dem Urlaub.

Gegen Abend kühlte es ab, dazu leichter Regen. Deshalb kam es gelegen, dass im Restaurant nur noch im Innenraum ein Tisch für uns frei war. Dort war es nicht nur angenehm warm sondern auch unangenehm laut durch eine Gruppe Belgier, die erst zur Ruhe kamen, als irgendein Fußballspiel begann, dessen Verlauf sie auf ihren Datengeräten verfolgten.

Der Chronist in seinem natürlichen Element (Foto: der Liebste)
Immer wieder schön, wenn Selbstverständliches der Beschreibung bedarf. (Falls Sie es aus Designgründen nicht sofort erkennen: Es handelt sich um den Wasserhahn des Waschbeckens in der Toilette)

Sonntag: Der Tag war sonnig, jedoch windig. Mistral trieb die Wolken nach Süden und lutschte sie dabei klein. Ab dem frühen Nachmittag ließ er nach, als hätte jemand den großen Ventilator einige Stufen kleiner gestellt, aber immer noch genug, um mich aus dem Zypressenschatten unter das windgeschützte Terrassendach zu treiben. Urlaubsstress.

Bitte denken Sie sich dazu eine Bewegung der Wölkchen an den linken Bildrand

Wesentliche Aktivität des Tages war das Einkochen von Knoblauchzehen, beim vorbereitenden Entpulen der Knollen ging ich dem Liebsten etwas zur Hand.

Hierzu denken Sie sich bitte wunderbaren Knoblauchduft

„Wie praktizierst du Selbstfürsorge?“, lautet die WordPress-Tagesfrage. Antwort: Durch konsequente Trennung von Beruflichem und Privat. Während hier meine größte Sorge ist, wo der Liegestuhl am besten steht, befindet sich mein dienstliches Laptop im Büro, das dienstliche Datengerät ausgeschaltet zu Hause in Bonn. Nicht im Traume fiele mir ein, hier nach geschäftlichen Mails zu schauen.

***

Kommen Sie gut durch die Woche.

Woche 23/2023: Voila – Ginster, Gegend und Gewölk

Montag: Aus Gründen, die mit vergorenen Weinbeeren am Vorabend im Zusammenhang stehen, kamen wir morgens erst relativ spät aus den Betten und an den Frühstückstisch, aber man hat ja Urlaub. Vormittags lungerten wir lesend in Liegestühlen vor dem Haus, danach unternahmen wir eine erste Ausfahrt in die nähere, ginsterbeblühte Umgebung, einschließlich Besuch zweier Groß-Supermärkte in Vaison-la-Romaine. Der Liebste liebt solche Läden, kann sich dort stundenlang aufhalten und das Warenangebot studieren. Ich dagegen finde es nach spätestens einer halben Stunde ermüdend, daher ist mein Bedarf an Großsupermarktbesuchen bis auf Weiteres gedeckt.

Liegestuhlperspektive

Am frühen Abend baute sich im Süden eine beeindruckende Gewitterfront auf. Laut WetterOnline sollte in den nächsten Stunden nichts passieren, das hatten sie gestern Nachmittag auch behauptet, plötzlich waren wir mittendrin. Daher verzichteten wir heute auf das Nachmittagsgetränk im Ort, das mit einem etwa viertelstündigen Fußweg hin und wieder zurück verbunden wäre, und blieben zu Hause. Heute mal kein Bier, das ist nicht schlimm, wir haben adäquaten Ersatz in ausreichenden Mengen im Haus, siehe oben. Für nach dem Urlaub formuliere ich dann mal einen Vorsatz, in dem das Wort „alkoholfrei“ vorkommt.

Aber auch wirklich erst nach dem Urlaub

Gelesen bei Herrn Kiezschreiber und zustimmend genickt: »Warum überhaupt alt werden? Ich habe mal ein Interview mit einer Hundertjährigen gesehen, die zum Reporter gesagt hat, sie wünschte, es wäre endlich alles vorbei. Ich bin 56 und denke manchmal: Eigentlich ist ja auch mal gut. Was soll im Alter noch kommen?«

Dienstag: Dank vorabendlicher Trinkdisziplin saßen wir zu angemessener Zeit und mit Appetit am Frühstückstisch. Danach fuhren wir in westliche Richtung bis nach Piolenc, bekannt als Anbaugebiet von Knoblauch, wovon wir, da wir schonmal dort waren, einen größeren Posten erstanden.

Bitte denken Sie sich den angenehmen Duft selbst dazu

Dabei fuhren wir auch an mehreren Lavendelfeldern entlang, die bereits violett zu schimmern beginnen, indes bis zur vollen Postkartenblüte noch einige Wochen benötigen. (Ich bin mir sicher, dieses Bemerknis so oder ähnlich bereits früher beschrieben zu haben, bitte sehen Sie es mir nach. Das lässt sich nicht ganz vermeiden, wenn man so häufig in der Gegend ist.)

Séguret, nicht zu verwechseln mit Sablet gleich nebenan

Beim Nachmittagsgetränk nach Rückkehr in Malaucène beobachtete ich den auffällig blauen Wagen einer Auto Ecole beim Einparken in eine enge Lücke. Das wirkte auf den ersten Blick etwas ungelenk, doch bin ich sicher, mit meinen – lassen Sie mich rechnen: achtunddreißig Jahren Führerscheinbesitz hätte ich es keinesfalls eleganter hinbekommen als der junge Fahrschüler.

Auf Vorschlag und Wunsch des Liebsten haben wir uns Fahrräder geliehen, die wir am frühen Abend abholten. Zum ersten Mal fahre ich nun Elektrorad, was angesichts der örtlichen Topografie, wo ebene Straßen die Ausnahme sind, durchaus angenehm ist. Wesentlich älter fühlt es sich auch nicht an.

An der Zufahrt zum Haus sitzt dieser Bursche. Im Gegensatz zu ähnlichen Gesellen auf Plätzen und in Fußgängerzonen verharrt er in völliger Regungslosigkeit, auch wenn man ihn mit Münzen bewirft. Respekt.

In Bonn hat eine Klimakonferenz begonnen. Als wir hier abends auf der Terrasse der Pizzeria saßen, unterhielten sich nebenan drei junge Franzosen etwa eine halbe Stunde lang, derweil der Automotor des einen die ganze Zeit lief; zeitweise gesellte sich ein zweites Auto mit laufendem Motor dazu. Das ist ein Grund, weshalb ich den Sinn von Klimakonferenzen zunehmend anzweifle.

Mittwoch: In den frühen Morgenstunden saß eine Nachtigall (oder ein anderer früher Vogel, ich kenne mich da nicht so aus) vor dem Fenster und gab ihre neuesten Hits zum besten. Das war sicher lieb gemeint, doch des Guten zu viel, daher schloss der Liebste das Fenster. Nachdem der Krachtigall kein Erfolg zuteil wurde in Form von Liebesglück oder wenigstens Applaus, zog sie weiter, das Fenster wurde wieder geöffnet. Ich war nun wach, konnte zunächst nicht wieder einschlafen und formulierte stattdessen diese Notiz in der Hoffnung, sie bis zur Niederschrift am Morgen nicht zu vergessen. Voila.

Morgens beim Decken des Frühstückstisches spielte Radio Nostalgi „Last Christmas“ von Wham!. Warum auch nicht, es ist nie zu früh, an Weihnachten zu denken.

Wie verabredet trafen mittags die Schwiegerschwester und Gatte bei uns ein, die mit dem Wohnmobil Südfrankreich bereisen. Nach dem Begrüßungskaffee unternahmen wir gemeinsam eine Radtour nach Vaison-la-Romaine, meine erste längere Tour mit elektrischer Unterstützung, ich bin angemessen begeistert. Auf dem Rückweg näherten wir uns einem heftigen Regenschauer um Malaucène, der sich bei Ankunft freundlicherweise soeben ausgeregnet hatte, nur die begossenen Straßenbäume betropften uns noch etwas; somit alles richtig gemacht.

Donnerstag: Nach dem Frühstück unternahmen wir mit den Schwiegers eine Autotour um und über den Mont Ventoux, mit Zwischenhalten in Montbrun-les-Bains (frei übersetzt etwa: Bad Braunberg), Sault und bei einem Lavendel verarbeitenden und die daraus entstehenden Produkte verkaufenden Betrieb, wo wir in deutscher Sprache eine kleine Führung mit Erläuterung der Lavendelölherstellung durch Destillation erhielten.

Montbrun-les-Baines

Der Gipfel des Mont Ventoux hüllte sich heute, im Gegensatz zu den Vortagen, nicht vollständig in Wolken. Ab und an zog eine vorüber, was recht beeindruckend aussah. Auch sonst blieb es heute regenfrei. Bei Rückkehr zum Haus stand auf dem Tisch davor eine Papiertüte voll frisch gepflückter Kirschen, mutmaßlich vom Vermieter. Das ist ja mal nett.

Blick vom Gipfel des Mont Ventoux

Am frühen Abend tönte vom Ort Partymusik zu unserem oberhalb gelegenen Haus, vermutlich im Zusammenhang mit einer niederländischen Radfahrer-Veranstaltung zugunsten der Bekämpfung von ALS, wenn ich das richtig verstanden habe. Ist das nicht diese Erkrankung, wegen der sich die Leute vor einigen Jahren eimerweise Eiswasser über den Kopf kippten? (Also nicht wegen der Symptome, sondern um auf das Thema aufmerksam zu machen.) Wie auch immer – unter anderem spielten sie „Viva Colonia“ von den Höhnern. Dafür fährt man nun nach Südfrankreich.

Gartenblick

Freitag: Nach dem Frühstück fuhren die Schwiegers weiter Richtung München, wo der Schwager morgen ein Rammstein-Konzert besuchen wird, was rein gar keine Rückschlüsse auf seinen Charakter zulässt. Im Gegenteil, die zwei sind sehr angenehme Ostwestfalen mit allen positiven Eigenschaften, die den Ostwestfalen ausmachen und die ich gerne um mich habe. Und doch verspürte ich bei ihrer Abreise ein ganz klein wenig das, was Herr Fischer kürzlich sehr treffend als „Sozialkater“ bezeichnet hat. Was auch immer das über meinen Charakter aussagt.

Nach ihrer Abfahrt machten wir eine kurze Radtour in die Gegend östlich von Malaucène. Sie endete im Ort bei der Bar unseres Vertrauens, wo wir wegen unklarer Wetteraussichten das Nachmittagsgetränk vorzogen, selbstverständlich im vernünftigen Rahmen, so dass eine unfallfreie Heimfahrt per Fahrrad sichergestellt blieb. Am Nebentisch saß ein Paar mit Kinderwagen, statt des Nachwuchses schaute ein kleinerer Hund heraus. Vielleicht war er ja gehbehindert.

Gegend bei Les Alazards
Ginster in Gegend mit Gewölk
Für die Trafoturm-Sammlung

Samstag: Da wir noch immer die Fahrräder gemietet haben, was nebenbei bemerkt ganz schön teuer ist, müssen wir sie auch nutzen. Das taten wir heute mit einer Radtour über Le Barroux nach Suzette, mit ganz viel Berg- und Talfahrt. Ich muss nochmals meine Begeisterung für elektrisch unterstütztes Radfahren zum Ausdruck bringen: Wenn es anstrengend wird, drückt man auf ein Plus-Knöpfchen, und schon ist es gerade so, als würde man von einer unsichtbaren Hand oder einer kräftigen Rückenwindböe angeschoben. Bergab wird es mir allerdings auch ohne Schubunterstützung ab dreißig Stundenkilometern unheimlich, deshalb wurden die Hände mit Bremsen ungefähr genauso stark beansprucht wie die Beine mit Trampeln. Gleichwohl werde ich mir zu Hause auf absehbare Zeit kein Elektrorad zulegen, für den Alltagsgebrauch innerhalb Bonns genügt das rein muskelbetriebene voll und ganz.

Zwischen Le Barroux und Suzette
Suzette in Sichtweite. Ungefähr hier drückte ich das Plus-Knöpfchen.
Landschaft mit Drogenanbau vor Suzette
Lavendel, vielleicht auch Lavandin
Nachtglas

Sonntag: Während wir frühstückten, kamen nacheinander vier Fallschirmspringer angeschwebt und landeten auf der Wiese nebenan, nachdem sie wohl vom Mont Ventoux abgesprungen waren. Das ist bestimmt toll, so eine lange Strecke über Hügel, Wälder, Wiesen und Dörfer zu gleiten, jedoch nichts, was für mich als Freizeitbeschäftigung in Frage käme. Immerhin besser, als ohne jede Sicherung in hunderte Meter hohen, senkrechten Felswänden herumzuklettern oder mit einem Fahrrad unbefestigte Berghänge herunterzubrettern. Oder mit Motorenlärm andere Leute zu belästigen.

Da heute keine besonderen Aktivitäten anstanden, zog ich es vor, mich zum Lesen und Schreiben in den Garten zu setzen. Ein schönerer Schreib- und Leseplatz ist kaum denkbar: Man kann nicht nur die Gedanken schweifen lassen, sondern auch den Blick, über den Ort hinweg auf die gegenüber liegenden Hügel, und immer wieder in die Wolken. Ich liebe diese Tage, an denen die wesentliche Tätigkeit darin besteht, den Liegestuhl immer wieder umpositionieren, damit er im Schatten steht.

Monstermücke
Ein Glücksort

Tagsüber war es sehr heiß. Deshalb machten wir erstmals von der piscine Gebrauch, die zum Haus gehört. Seit Ewigkeiten war ich nicht mehr in einem Schwimmbecken, und heute voraussichtlich nicht zum letzten Mal.

***

Kommen Sie gut durch die hoffentlich nicht zu heiße Woche.