Woche 33: Zur gefälligen Kenntnisnahme

Montag: Dienstreise nach Leipzig als Beifahrer im Auto. Knödelkenner sollten gelegentlich Heichelheim besuchen, wo sich laut Hinweisschild an der Autobahn die Thüringer Kloßwelt dreht. Lärmempfindliche Menschen (wie ich) machen hingegen um Apolda besser einen größeren Bogen, da es sich nach eigenem Bekunden um die Glockenstadt handelt.

Dienstag: „Der etwas andere Friseur mit der Wartenummer“ steht an einem Salon in der Leipziger Innenstadt, nahe unserem Tagungshotel. Ein Friseur mit Schweigegelübte – DAS wäre mal ein lockendes Alleinstellungsmerkmal.

Ich bin mir übrigens sicher, über neunzig Prozent derjenigen, die heute in Bonn gegen einen umstrittenen Textildiscounter demonstrieren, bestellen jeden Mist beim großen Onlinehändler mit dem A, ohne sich die geringsten Gedanken zu machen über die Arbeitsbedingungen derjenigen, die anschließend ihre Pakte packen und ausliefern.

Mittwoch: Ich mag es, wenn Berliner „jetze“ sagen. Den Anblick bloßer Männerfüße in Flipflops auf Tagungen hingegen nicht so. Auch nicht, wenn sie Bestandteil eines Berliners sind.

Weiterreise nach Celle. Der Mann im Radio warnt mehrfach vor „Flitzerblitzern“. Das ist hart an der Grenze des Erträglichen und unterstreicht ein weiteres Mal die Frage, warum es Radiosendern überhaupt erlaubt ist, auf Geschwindigkeitskontrollen hinzuweisen. Ein vor uns fahrender LKW transportiert laut Aufschrift Sportpferde. Was will uns das sagen? Dass die reisenden Tiere keine Speisepferde sind?

Heute ist übrigens Tag des Rosé. Das erscheint etwas absurd. Die Frage ist doch eher: Welcher ist der Rosé des Tages?

Donnerstag: Celle-Groß Hehlen ist eher keine Perle architektonisch-landschaftlicher Schönheit, also nicht so pittoresk, dass einer Instagram-Influencerin bei dessen Anblick der lackierte Zehnagel zuckte. Dennoch war ein kurzer Spaziergang durch den Regen nach Feierabend einer der schönen Momente des Tages.

Freitag: Die Rückfahrt nach Bonn im ICE verlief ohne nennenswerte Störungen und fast pünktlich, seltsamerweise ohne Halt in Hagen; aber wer will schon nach Hagen, wird doch seitens der Bahn von einem Ausstieg abgeraten, wie nachfolgendes Archivbild belegt.

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Auch die kurz hinter Bielefeld von einer netten Bahndame an die Kinder einer gegenüber reisenden Familie verteilten Lutscher mit integrierter Schaffnerpfeife wurden nur kurz ausprobiert und verstummten nach elterlicher Ermahnung umgehend.

„Nichts wird jemals konkret, erst recht nicht die Musik aus der Grabbelkiste der Singer-Songwriter-Floskeln“, schreibt der General-Anzeiger über das Konzert von Max Giesinger. Die scheinen diese Art von Musik auch nicht sonderlich zu mögen.

Das heutige Blatt des Loriot-Kalenders zur gefälligen Kenntnisnahme:

Samstag: „Wie heißt nochmal dieses Mischtier: Vorne Pferd, hinten … Dings.“ – „Die Eier legende Wollmilchsau.“ – „Genau.“ Was beim Frühstück so gesprochen wird.

Als wäre ich die letzten beiden Wochen nicht schon genug außer Haus gewesen, fahren wir heute nach Ostwestfalen, wo die Schwiegerfamilie feiert. Obschon ich die Schwiegerfamilie sehr mag, wäre ein ruhiges Wochenende zu Hause eine akzeptable Alternative gewesen.

Sonntag: Rückfahrt im Regen nach Bonn, wo das eigene Bett und die heimische Klobrille sehnsüchtig warten. Neben der Autobahn sehe ich eine größere Ansammlung von Windrädern, die allesamt stillstehen. Ein seltsamer Anblick und gleichsam ein angenehmer Kontrast zu meiner derzeitigen Reiseunruhe, welche sich in den kommenden Wochen fortsetzen wird.

„J’EXISTE“ hat jemand augenscheinlich vor längerer Zeit an einen Brückenpfeiler plakatiert. Mittlerweile ist das Plakat in abblätternder Auflösung begriffen, worin bei näherem Nachdenken womöglich eine gewisse Symbolik für diverse Auflösungserscheinungen unserer Zeit zu erkennen ist. Übrigens sah ich niemals zuvor so viele sterbende oder bereits abgestorbene Bäume wie in diesem Jahr. Sehr erschreckend.

Woche 50: Diverses

Montag: Ich liebe es, wenn Menschen mit wenigen Worten direkt auf den Punkt kommen. Insofern rücken viereinhalb Stunden Skype-Konferenz den Teilnehmer nicht gerade in den Verdacht der Vergnügungssteuerpflicht. Andererseits gibt es wesentlich unangenehmere Möglichkeiten des Lohnerwerbs, zum Beispiel Möbel zu schleppen oder Schweinebabys kastrieren.

Manchmal breitet sich in Besprechungen ein Wort oder eine Phrase epidemieartig unter den Teilnehmern aus: Einer fängt an, und alle anderen übernehmen es, scheinbar einer unausgesprochenen Übereinkunft folgend, in ihre wörtliche Rede (der Schreiber dieser Zeilen selbstverständlich ausgenommen). Beliebt sind „quasi“ und „irgendwie“; heute war es „im Endeffekt“. Sätze mit „ich meine ja nur“ sind hingegen zu über achtzig Prozent im Ganzen überflüssig.

Auch gängig: „Das ist ergebnisoffen“, wie die Kollegin sagt. Gilt das nicht im Endeffekt für alles?

Dienstag: Warum rupfen manche Leute in der Kantine fünf und mehr Papierservietten aus dem Spender? Haben die zu Hause kein Klopapier?

In der Zeitung lese ich, nach den Protesten in Frankreich sei in Ägypten aus Angst vor Unruhen nun der Verkauf gelber Warnwesten an Einzelpersonen verboten. Sicher ist sicher. Übrigens fühle ich mich gerade im Umfeld von Menschen, die „Security“ auf ihrer Warnweste stehen haben, selten besonders sicher.

Mittwoch: Ein weiterer freier Tag zum Zwecke des Urlaubsabbaus und natürlich der mentalen Ertüchtigung. Nach Aufbruch des Liebsten ins Werk  liege ich längere Zeit wach und erwäge, aufzustehen im Sinne des Carpe-Diem-Gedankens. Doch dann falle ich in einen interessanten Zustand sich in kurzen Abständen abwechselnder Schlaf- und Wachphasen, jeweils von Träumen begleitet, deren Inhalt sich nach dem Erwachen sofort in die Erinnerungslosigkeit verflüchtigte. Im übrigen gibt es keinen vernünftigen Grund, ohne Not vor zehn Uhr das Bett zu verlassen (dann aber schon, weil ab zehn Gabi, unsere Staubsauger-Roboterin, ihr randalierendes Werk beginnt), zudem ist Träumen von den zahlreichen Möglichkeiten, den Tag zu nutzen, sicher nicht die schlechteste.

Nach meinem unmaßgeblichen Empfinden jedenfalls besser als die Teilnahme an einer Schneeballschlacht-Weltmeisterschaft. Das gibt es wirklich, wie ich aus der Zeitung erfahre. Wodurch mag man dort gewinnen?

„Solange ich von solchen Organisationen erpressbar bin, werde ich ausschließlich Auto fahren“, schreibt Peter F. aus Engelskirchen in einem Leserbrief an die Zeitung zu den Streiks bei der Bahn. Als ob das, was die Auto- und Mineralölkonzerne betreiben, keine Erpressung wäre.

„Wegen einer Weichenstörung verzögert sich unsere Abfahrt um etwa dreißig Minuten“, so die Durchsage im Regionalexpress, der mich am Abend nach Köln bringen soll. Kurz darauf höre ich einen Mitreisenden telefonieren: „Ich sitze noch im Zug, er fährt irgendwie nicht ab, die Gleise sind irgendwie explodiert oder sowas.“ So entstehen wohl die heutzutage allgegenwärtigen Aufschäumungen geringster Nichtigkeiten.

Donnerstag: In der Kantine sehe ich einen jungen Mann mit aufgekrempelten Hosenbeinen. Nun bin ich dem Anblick wohlgeratener Jungswaden nicht grundsätzlich abgeneigt, auch die hier gezeigten schienen der Erzeugung warmer Gedanken grundsätzlich förderlich. Doch in Anbetracht der derzeitigen Außentemperaturen ließen sie mich frösteln.

Freitag: Der Bundestag hat das Gesetz zur Anerkennung eines drittes Geschlecht „divers“ beschlossen. Nun werden wieder zahlreiche Trottel ihr Unverständnis und ihren Hass darüber in Leserbriefen und digitalen Hetzwerken absondern. Als ob ihnen dadurch irgendetwas weggenommen würde. Aber nur, weil neunzig Prozent aller Menschen sich etwas nicht vorstellen können, heißt das ja nicht, dass es das nicht gibt.

Weiterhin hat sich die Bundesregierung über das „Werbeverbot für Abtreibungen“ geeinigt. Werbung für Abtreibung – was soll das sein? Vielleicht so: „Fötex – we take it out“? Dabei gäbe es viel dringlicher zu verbietende Werbungen, etwa die nervzehrenden Radioreklamen für Möbelhäuser oder einen bekannten Müslimischer. Oder die eines überregional tätigen Fischbrötchenverkäufers, die ungefähr so geht:

Er: „Liebling, ich gehe Angeln, soll ich was mitbringen?“ – Sie: „Vielleicht einen Fisch?“ – (beiderseitiges peinliches Lachen wie nach einem wegen erektiler Dysfunktion abgebrochenen Geschlechtsakt) – Er (mit betretener Stimme): „Wir wissen beide, dass das nicht klappt …“ – Sie: „Macht doch nichts …“ Ist das nicht auch eine – gewissermaßen vorbeugende – Abtreibungswerbung, somit eindeutig zu verbieten?

Laut einer Zeitungsmeldung weilt ein Viertel der Arbeitnehmer gedanklich bereits im Weihnachtsurlaub. Das würde bedeuten, drei Viertel wären noch voll bei der Sache. Das erscheint mir sehr hoch.

Samstag: Auf der nächtlichen Rückfahrt von einem Besinnlichkeitsbeisammensein in Köln sehe ich in der Bahn erneut einen jungen Mann in kurzer Hose (dazu farbenfrohe Kniestrümpfe); das bereits am Donnerstag hierzu Notierte gilt weiterhin, denn es ist nach wie vor a…kalt. Ist das vielleicht ein neuer Trend, von dem ich mal wieder noch nichts mitbekommen habe, gleichsam die konsequente Fortsetzung beziehungsweise Ablösung der beliebten Knöchelfrei-Mode?

Tagsüber habe ich Gelegenheit zur Teilnahme an einem wahren Besinnlichkeitsmarathon, der unsere Reisegruppe mit dem Bus ins niederländische Valkenburg führt. Dort wird uns nach etwa einstündigem, eisigen Schlangestehen Einlass gewährt in eine Höhle, wo in früheren Zeiten offenbar Sandstein oder ähnliches abgebaut wurde, heute hingegen an zahlreichen „weihnachtlichen“ Verkaufsständen arglosen Touristen das Geld zu lockern versucht wird.

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„Abgezapft und originalverkorkt …“

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Das „Intelligent“ macht es nicht besser, siehe auch Dienstag

Fazit: Es ist immer wieder bemerkenswert, für was Menschen bereit sind, sich eine Stunde lang bei Eiseskälte in eine Warteschlange zu stellen. Man muss dieses ganze Weihnachtsbrimborium schon sehr mögen, wenn man dort ein zweites Mal hinfährt. Aber ich will es nicht schlechtschreiben, der Glühwein in der Höhle schmeckte ausgezeichnet.

Sonntag: „Bonn ist Beethoven, weil Freude hier am schönsten klingt“, verkünden die Reklame- und Informationsbildschirme in der U-Bahnhaltestelle am Hauptbahnhof. Ein sehr schöner Satz, wenngleich sich mir auch nach mehrfachem Lesen und Nachdenken nicht erschließt, was er bedeutet.

„Man muss nicht immer über alles sprechen“, antwortet der Fraktionsvorsitzende der CDU, Ralph Brinkhaus, in der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung auf die Frage, was uns Ostwestfalen ausmacht. Genau so ist es, dem ist nichts hinzuzufügen.

Woche 4: Luft in Dosen

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Dienstag: Evian ist laut Verbraucherzentrale die Mogelpackung des Jahres. Stellt nicht allein schon das Abfüllen und Verkaufen von stillem Wasser in Flaschen eine der frechsten Dreistigkeit der letzten hundert Jahre dar? Gibt es demnächst Luft in Dosen?

Mittwoch: Beim Mittagessen in der Kantine Diskussion darüber, wer nach einem Lottogewinn noch am nächsten Tag ins Büro ginge. Während es alle anderen für sich ausschließen, bin ich mir nicht völlig sicher. Was stimmt nicht mit mir?

Donnerstag: In einem Artikel las ich heute dieses Kleinod journalistischer Wortkunst: „Christof E., Head of Corporate Communications and Responsibility, begegnet den Herausforderungen und Chancen des digitalen Zeitalters mit der funktionsübergreifenden Integration von strategischem Reputationsmanagement und mit systematischem Stakeholder-Engagement. Dabei spielt die Entwicklung und Implementierung einer nachhaltigen Kommunikationsstrategie mit Hilfe agiler Managementmethoden ebenso eine Schlüsselrolle wie die Bereitstellung eigener meinungsführender Inhalte auf klassischen und digitalen Medienplattformen.“ Besser kann man es nicht auf den Punkt bringen.

Freitag: In der Bahn belauschte ich eine japanische Familie. Diese Sprache scheint völlig ohne Konsonanten auszukommen und klingt dadurch wesentlich freundlicher als der an Sch-Lauten schwangere Dialekt bestimmter Jugendkreise.

Samstag: Vereinsverpflichtungen veranlassten mich am Morgen zu einer Fahrt nach Ostwestfalen, wo ich bei unerwartet frühlingshafter Milde dem Auto entstieg. Dennoch fuhr ich am Abend durchaus gerne wieder zurück.

Sonntag: Allen Aquilins, Poppos und Radegunds dieser Welt meine herzliche Gratulation zum Namenstag.

Woche 49: Adventskalendern wird eine zu große Bedeutung beigemessen

Montag: Erkenntnis: „Sehr gut“ als Antwort auf die Frage „Wie gehts dir“ führt ebenso in Erklärungsnot wie „Nicht so gut“. – So schlecht es mir jedoch gehen mag: Niemals werde ich ein Produkt erstehen, zu dessen Anpreisung man sich grüner Schleimmonster bedient.

Dienstag: Wer zu Fuß geht, nimmt mehr um sich herum wahr als bei jeder anderen Art der Fortbewegung. Behaupte ich einfach mal. Und auch nur, wenn er dabei nicht aufs Display starrt. Sehend und nicht starrend fand ich heute am Rheinufer auf dem Weg zum Büro vier rätselhafte Fragen an Lampenpfähle geklebt:

Weitere Informationen dazu fand ich hier: http://die-erinnerungsguerilla.org

Obschon ich jede Art der unbefugten Beklebung, -malung oder -schriftung fremden und öffentlichen Eigentums ablehne, finde ich diese Initiative sympathisch, zumal sich die Aufkleber angeblich leicht und rückstandsfrei entfernen lassen.

Mittwoch: Rätselhaft sind auch heutige Eltern. Ihre lieben Kleinen, die niemals alleine vor die Tür dürfen und die sie am liebsten in (zuckerfreie) Zuckerwatte packen würden, karren sie morgens und abends in einem Fahrradanhänger durch Eiseskälte und dichten Straßenverkehr. – Wurde eigentlich schon erforscht, warum vor allem männliche junge Radfahrer am liebsten im Stehen radfahren, auch in der Ebene? Stirbt der Fahrradsattel irgendwann aus?

Donnerstag: Dank eiserner Disziplin meinerseits hatte die erste betriebliche Weihnachtsfeier des Jahres gestern Abend nur geringe negative Auswirkungen auf meine heutige Arbeitskraft. – Der Adventskalender enttäuscht mal wieder durch ein einfaches Schokoladenkügelchen, bei welchem die Mühe, die bunte Metallfolie abzuknibbeln, in keinem akzeptablen Verhältnis zum anschließenden Genuss steht. Überhaupt bin ich der Meinung, Adventskalendern wird eine viel zu große Bedeutung beigemessen.

Freitag: Auch in fortgeschrittenem Alter sollte man das Staunen nicht verlernen. So erstaunte mich gestern ein Herr mit getönter Brille und einem weißen Blindenstab, der mir in der Straßenbahn gegenüber saß. Sein Blick (?) war gerichtet auf ein Lesegerät für elektronische Bücher, das er mit den Fingern bestrich. Können diese Dinger mittlerweile sogar Blindenschrift darstellen?

Samstag: Anlässlich eines Besuchs in Ostwestfalen brachten wir den Eltern anhand eines konkreten Beispiels das Prinzip Polyamorie näher. Ich bin mir indes nicht sicher, ob sie es verstanden haben.

Sonntag: Man hört und liest gar nichts mehr über Horroclowns. Hat sich das womöglich mit der Wahl des Ober-Horrorclowns erledigt?

Heimarbeit

Nach fast zwei Wochen siechem herumlungern und Fuß hochlegen befand ich es an der Zeit, meinem Arbeitgeber wieder etwas mehr Zeit zu widmen, zumal bei der Ausübung meiner überwiegend sitzenden Tätigkeit eine uneingeschränkte körperliche Bewegungsfähigkeit zwar erfreulich, nicht jedoch zwingend erforderlich ist. Daher beschloss ich, zunächst zwei Tage lang von zu Hause aus zu arbeiten, ,Home Office‘ zu machen, wie es so unschön heißt, wobei dieser Begriff ja schon ein krasser Widerspruch in sich ist, etwa so wie Ostwestfalen.

Nach einem Arzttermin am Vormittag begab ich mich also aufs Sofa, so wie an den Tagen zuvor auch, nur statt mich in erfreulicher Lektüre zu ergehen, schaltete ich den dienstlichen Rechner ein. Ich gebe zu: ich hatte es mir wesentlich schwieriger vorgestellt, den Ablenkungen häuslicher Umgebung, gepaart mit fehlender cheflich-kollegialer Beobachtung zu widerstehen. Dabei waren die Verlockungen zahlreich – Zeitung lesen, mal kurz ins Internet, die Spülmaschine ausräumen, Wäsche zusammenlegen, endlich mit dem Schreiben meines Bestsellers beginnen, eine neue Frisur ausprobieren und wieder verwerfen, Fotoalben sortieren, lästige Überweisungen tätigen, zwei bis drei Gedichte auswendig lernen, ein Nickerchen halten, den Staub aus den Lamellen der Designer-Wohnzimmerlampe entfernen. (Gut, das mit dem Nickerchen habe ich tatsächlich gemacht.) Trotz vorstehender Reize lief es erstaunlich gut: ungestört von Telefon und Kollegen, die plötzlich in der Tür stehen und was wollen, etwa eine Auskunft oder einen Plausch halten, bekam ich einiges geschafft.

Dem Vernehmen nach bevorzugen vor allem junge Erwerbstätige zunehmend diese Form der Arbeit – zeitlich und örtlich flexibel, zu Hause, in der Wanne, so sie eine haben, in der Dusche eher selten, im Park, im Café, in der Sauna, bei Gassigehen und Liebesspiel; auch nachts und am Sonntag vor und nach Tatort. Gerade freischaffend tätige ,Freelancer‘ (nein, ich gebrauche jetzt nicht das Wort ,neudeutsch‘, denn es ist weder neu noch deutsch), Leute also, die davon leben, dass sie etwa Nordseekrabben pulen, sich lustige Werbung ausdenken, irgendwas mit Medien machen oder für Auftraggeber Texte verfassen. Da mein Geschreibsel sich nicht eignet, Geld damit zu verdienen, halte ich meinem Arbeitgeber die Treue, von Montag bis Freitag, von morgens bis zum frühen Abend, und zwar am liebsten im Büro, so absurd es manchem auch erscheinen mag, täglich mehrere Stunden mit vielen Menschen in einem großen Bürogebäude zu verbringen.

Ja, nennen Sie mich altbacken, aber ich bevorzuge es, mich zum Zwecke des Brot-, Bier- und Bucherwerbs morgens mit einem Anzug zu kleiden, mich mit fremden, mürrischen Menschen in die Stadtbahn zu quetschen und mittags mit den Kollegen in die Kantine zu gehen. Das schöne daran ist nämlich: Es gibt meinem Tag Struktur, und wenn mich das Gebäude abends wieder ausspuckt, schüttle ich den Arbeitstag ab wie ein nasser Hund das Wasser aus dem zotteligen Fell, klopfe einige imaginäre Krümel von den Schultern, und dann ist Feierabend, aber richtig. Oder Wochenende. Oder Urlaub.

Fazit – ein bis zwei Tage Heimarbeit kann ich mal machen, sie hat gewisse Vorzüge. Dennoch, und ich hätte nie gedacht, mal einen solchen Satz zu schreiben: Ich freue mich, bald wieder ins Büro gehen zu können.